Logo weiterlesen.de
Der Kater der Braut

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Prolog
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28

Über die Autorin

Michaela Thewes, geboren 1972, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Söhnen bei Düsseldorf. Nach verschiedenen Tätigkeiten in der Verlags- und Werbebranche ist die gelernte Verlagsbuchhändlerin seit mehreren Jahren selbstständig. Sie arbeitet als freie Werbetexterin und Autorin sowie als Kolumnistin für eine Frauenzeitschrift.

Mehr Infos unter: https://www.michaela-thewes.de.

Prolog

Als ich wach wurde, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Mist! Irgendetwas war hier faul, verdammt faul sogar. Die Frage war bloß: was?!?

Mit dem Vorsatz, mich langsam und behutsam an das wie auch immer geartete Problem heranzutasten, blieb ich erst mal ein Weilchen regungslos liegen. Dann holte ich tief Luft, nahm all meinen Mut zusammen … und atmete noch ein paar Mal kräftig ein und aus. Bis mir schwummerig wurde. Bevor die exzessive Frischluftzufuhr mein Gehirn komplett lahmlegen konnte, machte ich mich schließlich daran, die Lage vorsichtig zu sondieren. Ein mutiger Mensch hätte zu diesem Zweck die Augen geöffnet; ich ließ sie geschlossen. Nur nichts überstürzen!

Ich probierte zu schlucken. Vergeblich. Meine Zunge pappte an meinem Gaumen, als wäre sie dort mit Sekundenkleber festgeleimt. Was im Übrigen auch diesen widerlichen Geschmack in meinem Mund erklärte. Obendrein machte mein Magen Zicken, aber das war längst nicht so unangenehm wie das dumpfe Dröhnen des Düsenjets, der dicht über meinem Kopf kreiste. Oder befand sich das nervige Flugobjekt womöglich gar nicht über, sondern in meinem Kopf? Na, wie auch immer, für solche Nebensächlichkeiten war jetzt keine Zeit. Denn größere Sorgen bereitete mir ein anderes Geräusch, das sich aus den Tiefen meines Unterbewusstseins soeben den Weg an die Oberfläche gebahnt hatte.

Da! Da war es wieder! Ein leises Röcheln und Schnaufen, ganz dicht an meinem Ohr.

Wie von der Tarantel gestochen fuhr ich hoch, riss die Augen auf und versuchte, im Dämmerlicht etwas zu erkennen. Ich musste erst einige Male blinzeln, bevor ich schräg gegenüber ein wenig unscharf die Silhouette eines Sessels ausmachen konnte. Rechts von mir befand sich eine kleine Frisierkommode mit einem dreibeinigen Hocker davor. Und auf meiner linken Seite, wo die schnaufenden Geräusche herkamen, lugten unter der Bettdecke Teile eines muskulösen, gebräunten Rückens, eine nicht minder appetitliche Männerschulter mit einem sichelförmigen Muttermal und ein dunkler, fast schwarzer Haarschopf hervor.

O nein!!!

Ich biss mir auf die Lippen. Beinahe hätte ich laut aufgeschrien. Plötzlich bekam der Begriff Morgengrauen eine völlig neue Bedeutung, denn langsam, ganz langsam begann es mir zu dämmern: Dieser Haarschopf, oder vielmehr dessen Besitzer, war gemeinsam mit etlichen Strawberry Margaritas für das flaue Gefühl in meinem Magen verantwortlich. Großer Gott, was hatte ich getan?!?

Ich war garantiert nicht die erste Frau, die sich am Morgen danach mit dieser Frage herumschlug. Was aber nur wenig tröstlich war, denn den Austausch von Körperflüssigkeiten zu bereuen ist eine Sache, den Austausch eines symbolträchtigen Schmuckstücks eine ganz andere!

Das musste man mir wirklich lassen: Ich war gründlich. Mit halben Sachen hatte ich mich noch nie zufriedengegeben. Wenn ich in die Scheiße packte, dann gleich richtig.

Meine Gedanken fuhren Karussell. Dieser verdammte Alkohol! Ich vertrug ihn einfach nicht. Doch das war keine Entschuldigung. Andere Frauen ließen sich im Suff vielleicht dazu hinreißen, mit einem Mann in die Kiste zu springen. Aber nein, mir reichte so ein bisschen Sex ja nicht. Ich musste den Kerl im Vollrausch gleich heiraten. Heiliger Bimbam, wenn das mal kein böser Fehler gewesen ist, dachte ich.

Frustriert zog ich mir die Bettdecke über den Kopf. Mit etwas Glück würde ich erstickt sein, bevor mein frisch angetrauter Ehemann wach wurde. Die aufsteigende Erinnerung verstärkte meine Übelkeit noch.

Wie war ich nur in diesen furchtbaren Schlamassel hineingeraten?

Kapitel 1

So, liebe Rhein-Radio-Hörer«, meldete sich der Moderator gut gelaunt zu Wort, »während ihr gemütlich am Frühstückstisch sitzt oder eurem Chef zuliebe so tut, als würdet ihr arbeiten, bin ich für euch in die kalten, dunklen Katakomben unseres Archivs hinabgestiegen und habe einen alten Song von Frank Sinatra hervorgekramt.« Kurz darauf drangen die ersten Klänge von Singing in the Rain aus dem Radio.

Kein schlechtes Motto für den heutigen Tag. Durch die große Schaufensterscheibe warf ich einen Blick auf die Straße. Es war nicht verwunderlich, dass die Kunden uns nicht gerade die Tür einrannten. Wer konnte, blieb bei dem düsteren grauen Schmuddelwetter lieber zu Hause. Just in diesem Moment öffnete der Himmel wieder seine Schleusen. Ein heftiger Platzregen prasselte auf den Asphalt. Typisch April: wechselhaft und launisch. Aber ich wollte mich auf keinen Fall von dieser miesepetrigen Stimmung anstecken lassen.

Leise vor mich hinsummend, zerrte ich einen Stapel Pullover aus dem Regal und deponierte ihn vor mir auf dem Verkaufstresen. Unglaublich, in welch kurzer Zeit es den Kunden gelang, das Geschäft in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Wie Tornados fegten sie über Regale und Vitrinen, über Kleiderständer, liebevoll arrangierte Warenauslagen und arme, hilflose Verkäuferinnen wie mich hinweg. Zurück blieb eine Schneise der Verwüstung. Einige Pappenheimer hatte ich sogar im Verdacht, sich unter Vortäuschung falscher Tatsachen bei uns einzuschleichen. Sie tarnten sich als harmlose Kunden, gaben vor, eine Bluse, eine Hose oder irgendein anderes Kleidungsstück zu suchen, doch in Wirklichkeit wollten sie sich einfach nur mal nach Herzenslust austoben.

»Scheißwetter«, murrte meine Kollegin Jenny, die soeben aus dem Hinterzimmer kam. Interessiert beobachtete sie, wie ich einen Pullover nach dem anderen von dem zerwühlten Haufen nahm, ausschüttelte und danach wieder ordentlich zusammenfaltete. Die Handgriffe waren mir im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut übergegangen. Man konnte mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen – ich faltete alles, was ich zwischen die Finger bekam, akkurat zusammen. Inklusive des Störenfrieds, der es gewagt hatte, mich zu wecken …

»Mensch, das geht ja echt fix bei dir«, lobte mich Jenny, machte aber keine Anstalten, mir bei der Arbeit zur Hand zu gehen. Stattdessen beugte sie sich über den Verkaufstresen, hauchte gelangweilt auf die Glasplatte und begann, mit dem Ärmel ihrer Bluse an der Scheibe herumzupolieren. Schon nach kurzer Zeit verlor sie jedoch die Lust an diesem unkonventionellen Frühjahrsputz und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Radio. »Dieser Typ hat echt ’ne erotische Stimme. Findest du nicht?«

»Und ob!« Dank meiner Mutter, die fast alle seine Platten besaß, war ich seit frühester Kindheit bekennender Frank-Sinatra-Fan.

»Was meinst du«, Jenny knabberte nachdenklich an ihrer Unterlippe herum, »ob der wohl genauso sexy aussieht, wie seine Stimme klingt?«

»Das bezweifle ich. Ständig in so ’nem dunklen, stickigen Sarg rumliegen – das kann auf Dauer nicht gut für den Teint sein.«

»Frank Sinatra ist tot?« Jenny sah betroffen aus. »Wie schade.« Einen Moment später schien sie das schnelle und unerwartete Ableben des großen Entertainers bereits verarbeitet zu haben und lachte wieder. »Na ja, irgendwann beißen wir eben alle mal ins Gras. Aber eigentlich meinte ich gar nicht Frank Sinatra, sondern Philipp, den Radiomoderator.«

»Ach so.« In der Tat, mir war auch schon aufgefallen, dass dieser Radiofritze über eine sehr männliche, fast erotische Stimme verfügte, die bei seinen weiblichen Hörern unweigerlich den Gedanken an Mr. Bombastic – breite Schultern und den immer wieder gerne und viel zitierten Knackarsch – hervorrufen musste. Was das betraf, war ich persönlich misstrauisch. Meist versprach die Stimme mehr, als der dazugehörige Body halten konnte. Gelegentlich war auch ich schon auf diesen Etikettenschwindel hereingefallen. Was für eine Enttäuschung, wenn sich das imaginäre Holzfällersteak in natura als kleiner, unappetitlicher Fleischklops entpuppte. Womit ich diesem Philipp natürlich nichts unterstellen wollte, sondern lediglich eine Möglichkeit in Betracht zog, die erfahrungsgemäß in neunundneunzig Prozent aller Fälle zutraf.

Wenn man vom Teufel sprach … Die Musik verebbte, und Moderator Philipp meldete sich wieder zu Wort: »Endspurt, Leute! Wie jeden Mittwoch spielen wir heute Ich packe meinen Koffer. Mitmachen lohnt sich. Denn auf den glücklichen Gewinner wartet eine Reise nach Griechenland. Eine Woche für zwei Personen in einem Fünfsterneklubhotel. Na, wär das nichts? Ihr müsst lediglich nach der nächsten Musiknummer hier anrufen und mir sagen, was ich in der letzten Stunde in den Koffer gepackt habe. Und bevor der Deckel endgültig geschlossen wird, wandert jetzt noch ein kleines gelbes Quietscheentchen ins Reisegepäck.«

»Schwimmflügelchen, Badelatschen, Ohropax, Hawaiihemd, ein Kofferradio, Kohletabletten, Frisbeescheibe, ein Bikini oder ’ne Badehose, Zahnbürste, Taucherbrille und ein Quietscheentchen«, leierte ich die Reiseutensilien halblaut herunter.

»Hey, Belinda, ich hab ’ne tolle Idee: Warum schreibst du das ganze Zeug nicht einfach auf?« Jenny warf mir über den Verkaufstresen hinweg einen Beifall heischenden Blick zu.

»Ein bisschen Gedächtnistraining hält die kleinen grauen Zellen in Schwung. Könnte dir übrigens auch nicht schaden.« Aber das ging bei Jenny zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Dazwischen war nämlich nicht viel, was es hätte aufhalten können. Meine Kollegin war wirklich eine Seele von Mensch, aber leider nicht besonders helle.

»Finito, der Koffer ist voll, Leute«, tönte erneut Philipps volle dunkle Stimme durch den Laden. »Und jetzt legt eure Zeitung, eure Arbeit oder euren Partner beiseite und greift zum Telefonhörer. Denn ihr wisst, heute ist Mittwoch, da könnt ihr richtig absahnen! Und hier noch mal die Telefonnummer: 0800-52 …«

O. K., das war’s. Ich stellte das Radio leiser und zog den nächsten Stapel aus dem Regal.

»Was tust du da?«, fragte Jenny mit weit aufgerissenen Kulleraugen.

»Ich falte Pullunder«, erklärte ich ihr geduldig. Mit den Pullovern war ich Gott sei Dank fertig.

»Nein, nein, vergiss die Pullunder. Ich meine das Radio.«

»Was soll mit dem Radio sein? Ich hab es leiser gestellt. Game over.«

»Von wegen game over. Jetzt geht’s doch erst richtig los! Du musst anrufen und die Reise gewinnen«, verkündete sie eifrig. »Das ist schließlich der Sinn dieses Spiels.«

O Gott, wie sollte ich ihr verständlich machen, dass ich nicht das geringste Bedürfnis verspürte, mich vor Zeugen zum Affen zu machen. Was das betraf, war der Zeitgeist irgendwie an mir vorbeigegangen. Früher hatten sich die Menschen nichts sehnlicher gewünscht, als in den Himmel zu kommen, heute wollten sie nur noch ins Fernsehen oder ins Radio. Und um dieses hochgesteckte Ziel zu erreichen, durfte man nicht verklemmt oder zimperlich sein. Lautete das Thema einer Sendung »Ich habe Schweißfüße und bin stolz darauf!«, dann bekannte man sich eben zu seinen Käsemauken. Ging es um »Impotenz«, riss sich jeder Depp darum, dem Publikum in epischer Breite von seinen Erektionsstörungen zu berichten. Erst kurz zuvor hatte ich in eine muntere TV-Talkrunde mit diesem Thema hineingezappt.

»Voll krass. Du kannst mir ’ne Schnitte nackt auf den Bauch binden, und bei mir rührt sich nichts. Ich schwöre! Absolut tote Hose«, bekräftigte dort ein Gast seine Daseinsberechtigung in der Sendung.

Bei so viel Offenheit war ich hin und her gerissen zwischen Mitleid und Erleichterung. Mitleid, weil sich in der Region oberhalb der Halskrause offenbar genauso wenig abspielte wie unterhalb der Gürtellinie. Erleichterung, weil dieser Idiot die nächste Generation wohl nicht mit seinem Erbgut beglücken würde.

Herrgott noch mal, so viel Elend konnte doch kein Mensch ertragen! Aber anstatt die Glotze sofort auszuschalten, hatte ich die Sendung mit dem gleichen wohligen Grusel verfolgt, den ich als Kind beim Besuch einer Geisterbahn verspürt hatte.

Natürlich wäre ich nie im Leben so vermessen, den therapeutischen Nutzen dieser Talksendungen infrage zu stellen. Wie gut, dass wir mal darüber geredet haben … Fein! Wenn der Leidensdruck der Betroffenen dadurch kleiner wurde, dass die Nachbarn, der Postbote, der Friseur und zigtausend andere Menschen danach Bescheid wussten, freute mich das aufrichtig.

Im Vergleich zu einer Talkshow war ein Gewinnspiel natürlich relativ harmlos, aber man konnte nie wissen, was für Geheimnisse oder intime Details ein geschulter Moderator einem ganz nebenbei entlockte.

»Ich ruf da nicht an. Feierabend«, verkündete ich kategorisch.

»Mensch, Belinda, überleg doch mal. Das ist so, als würde Michael Schumacher kurz vor der Ziellinie rechts ranfahren und seine Karre parken«, zerrte Jenny spielerisch an meinen Nerven. Ich wusste, sie würde mit der Quengelei nicht eher aufhören, bis ich entweder beim Radiosender angerufen oder ihr hoch und heilig versprochen hatte, es am kommenden Mittwoch zu tun. Und bevor ich eine Woche lang ihr Genörgel ertrug, griff ich lieber gleich zum Telefonhörer. Außerdem: Was sollte schon großartig passieren? Ich war mir sicher, ohnehin nicht durchzukommen. Und so war es dann auch.

Nach dreimal Klingeln sprang eine Bandansage an. Eine freundliche Frauenstimme bat in monotonem Singsang um ein wenig Geduld und forderte mich auf, in der Leitung zu bleiben.

Währenddessen versuchte Moderator Philipp, die Spannung in die Höhe zu treiben. »Die oder der Glückliche, der die Chance bekommt, diese Traumreise zu gewinnen, wird in ein paar Sekunden zu mir ins Studio durchgeschaltet.« Er machte eine kleine Kunstpause, dann fuhr er fort: »So, jetzt ist es so weit. – Hallo? Mit wem spreche ich?«

Stille.

»Einen wunderschönen guten Morgen, hier ist Philipp. Mit wem habe ich denn bitte das Vergnügen?«

Wieder Stille. Offenbar hatte die Aussicht auf einen fetten Gewinn und die unverhoffte Popularität dem Anrufer die Sprache verschlagen. Außer einem leisen, flachen Atmen war nichts zu hören.

Das geschieht diesem Idioten recht!, frohlockte ich voller Schadenfreude. Wer so bescheuert ist, bei einer Radiosendung anzurufen, der muss einfach dafür bestraft werden. Das Schweigen zog sich wie Kaugummi. Ich kicherte. Jenny, die direkt neben dem Radio stand, gluckste auch – verzog dabei jedoch keine Miene. Schock, schwere Not. War das etwa mein dämliches Kichern gewesen, das ich gerade gehört hatte? Ach, du heiliger Strohsack! Ich war auf Sendung. Wer rechnete schon mit so was?! Mein erster Reflex war, den Hörer auf die Gabel zurückzupfeffern. Aber irgendetwas hielt mich in letzter Sekunde davon ab. Vielleicht war es meine gute Erziehung oder die dunkle, sympathische Stimme des Moderators. Möglicherweise aber auch der Anblick der tropfnassen Regenschirme und der blassen mürrischen Gesichter, die sich am Schaufenster vorbeischoben und bei mir eine heftige Fernwehattacke hervorriefen.

»Hi, hier ist Belinda«, meldete ich mich schließlich.

»Guten Morgen, Belinda. Scheint so, als wärst du eine echte rheinische Frohnatur«, flachste Moderator Philipp.

Haha, sehr witzig. Ich beschloss, diese plumpe und überflüssige Anspielung auf mein Gekicher zu ignorieren und hüllte mich in Schweigen. An mir, das nahm ich mir vor, würde dieser Radiofuzzi sich die Zähne ausbeißen.

»Von wo genau rufst du an?«

»Aus Düsseldorf«, antwortete ich einsilbig.

»Und was treibst du in Düsseldorf gerade?«, versuchte Philipp mich aus der Reserve zu locken.

Netter Versuch. Aber nicht mit mir! »Ich telefoniere«, ließ ich ihn eiskalt auflaufen.

»Schön, Belinda aus Düsseldorf, du bist wohl nicht in Plauderstimmung. Verrätst du mir trotzdem, ob du schon mal in Griechenland gewesen bist?«

»Ja, fünf Mal.«

»Hey, dann bist du ja gewissermaßen eine Expertin. Was gefällt dir so an diesem Land, dass du sogar noch ein sechstes Mal hinreisen möchtest?«

Plötzlich waren meine Nervosität und meine Reserviertheit wie weggeblasen. »Ich liebe Griechenland: die Atmosphäre, die Farben, die Menschen, die Musik, das Essen – einfach alles«, geriet ich regelrecht ins Schwärmen. Was, zum Henker, war nur los mit mir? Ausgerechnet ich, die Menschen, die in aller Öffentlichkeit ihr Innerstes nach außen kehrten, immer für bemitleidens- bis therapiewürdig gehalten hatte, plauderte hier munter aus dem Nähkästchen.

»Na dann mal los! Wenn du mir jetzt noch verrätst, was sich im Koffer befindet, kannst du schon nächste Woche dort sein.«

Ich räusperte mich. »Ein Paar Schwimmflügelchen, Badelatschen, Ohropax, ein Hawaiihemd …«, begann ich zaghaft und versuchte mich zu konzentrieren.

Was gar nicht so einfach war. Denn aus den Augenwinkeln sah ich, wie Jenny, die am liebsten in das Radiogerät hineingekrochen wäre, an dem Lautstärkeregler herumfingerte. Von einer bösen Vorahnung ergriffen, zeigte ich ihr einen Vogel und gestikulierte wild in ihre Richtung. Fröhlich grinsend winkte Jenny zurück. Mit Zeige- und Mittelfinger formte sie das Victoryzeichen.

»… ein Kofferradio, Kohletabletten, ’ne Frisbeescheibe …«

Plötzlich jagte ein schrilles Pfeifen wie ein Kugelblitz durch meine Gehörgänge.

»Könntest du vielleicht dein Radio ausschalten oder zumindest etwas leiser drehen?«, bat Philipp mit einem milden Vorwurf in der Stimme.

Hektisch machte Jenny sich an dem Knopf zu schaffen und drehte ihn prompt in die verkehrte Richtung. Autsch! Die Rückkoppelung sprengte mir fast das Trommelfell.

Toll, dieser Philipp musste mich für den Trottel der Nation halten. Womit er vermutlich auch nicht ganz falsch lag, denn sonst hätte ich mich auf diesen Radiozirkus gar nicht erst eingelassen.

»… Bikini oder Badehose, eine Taucherbrille und ein Quietscheentchen«, beendete ich in dem Bestreben, schnell wieder aufzulegen, hastig meine Aufzählung.

»Prima, Belinda. Eine Kleinigkeit hast du allerdings vergessen.«

»Vergessen?!« Langsam war ich der Verzweiflung nahe.

»Was macht man morgens als Erstes?«, versuchte Philipp, mir auf die Sprünge zu helfen.

Ich hatte keine Ahnung, was er nach dem Aufwachen so trieb. Und wenn ich’s mir recht überlegte, wollte ich es auch lieber gar nicht wissen. Aber ich ging morgens gewöhnlich erst mal aufs Klo. Pullern. Ein höchst menschliches Bedürfnis – trotzdem hatte ich nicht die geringste Lust, die Schwächen und Gewohnheiten meiner Blase im Radio auszudiskutieren.

Gott sei Dank kam in diesem Moment der rettende Geistesblitz: »Zahnbürste!«, rief ich. »Ich hab die Zahnbürste vergessen.«

»Herzlichen Glückwunsch, Belinda!« Der Rhein-Radio-Jingle erklang. »Du hast gewonnen. Pack schon mal die Koffer, in ein paar Tagen geht’s ab in die Sonne!«

»Klasse!«, jauchzte ich. Juhu, Griechenland, ich komme! Plötzlich stutzte ich. »Und die Reise gehört wirklich mir? Ich kann’s noch gar nicht glauben. Ich hab noch nie was gewonnen!«

»Tja, dann hattest du wohl heute zum ersten Mal den richtigen Glücksbringer.«

»Glücksbringer?« Der Mann sprach in Rätseln. Jenny konnte er nicht meinen; ich hatte sie mit keiner Silbe erwähnt. »Was für einen Glücksbringer meinst du denn?«

»Na mich natürlich!«, antwortete Philipp so empört, als wäre die Frage an sich schon eine Beleidigung. »Wie gut, dass ich nächste Woche frei hab«, flachste er nun schelmisch. »Wenn du also noch eine Reisebegleitung suchst – ich stelle mich gerne zur Verfügung.«

Der Typ klang zwar ausgesprochen sympathisch, aber das taten die Mitarbeiter der Telefonseelsorge auch. Allerdings war das noch lange kein Grund, mit ihnen gemeinsam in Urlaub zu fahren.

»Ich weiß dein selbstloses Angebot wirklich zu schätzen«, ging ich gut gelaunt auf Philipps Späße ein. Zu meiner eigenen Überraschung stellte ich fest, dass ich zunehmend lockerer und mitteilungsfreudiger wurde. »Kommen eigentlich alle Hörer, die bei euch eine Reise gewinnen, in den Genuss dieses Begleitservice?«

»Nur die weiblichen«, kam es wie aus der Pistole geschossen zurück. »Und nur, wenn sie so hübsch und charmant sind wie du.«

Potz Blitz, versuchte der Spaßvogel etwa gerade mit mir zu flirten? Auf jeden Fall war es ihm gelungen, mir das Gefühl zu vermitteln, wir wären bei diesem kleinen Schwätzchen ganz unter uns. Auf einmal hatte ich es gar nicht mehr so eilig, das Gespräch zu beenden. Im Gegenteil, ich hätte noch stundenlang mit Philipp quatschen können.

»Woher willst du wissen, dass ich hübsch bin?«, versuchte ich ihn in die Enge zu treiben. »Vielleicht hab ich ja eine ekelige dicke Warze auf der Nase, wiege drei Zentner oder schiele ganz fürchterlich.«

»Das Risiko würde ich eingehen. Auf meine Intuition war bisher immer Verlass. Außerdem – wie heißt es doch gleich? – die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Na, wie dem auch sei, du hast jedenfalls eine sehr angenehme Stimme.«

Ein äußerst fragwürdiges Kompliment. Ob ich Philipp in meine Holzfällersteak-Fleischklöpschen-Theorie einweihen sollte? Nein, besser nicht, am Ende fühlte er sich noch persönlich angesprochen.

»Hallo, Belinda, bist du noch dran?«

»Äh … ja. Klar.« Ich räusperte mich und nahm den Gesprächsfaden wieder auf: »Und was hätte ich davon, wenn ich dich mit nach Griechenland nehmen würde?«

»Das kann nur eine Frau fragen, der ich noch nie den Rücken eingecremt habe.« Philipp lachte. Nicht so ein albernes, aufgesetztes Radiolachen, sondern richtig tief aus dem Bauch heraus. Zumindest bildete ich mir das ein. »Aber natürlich würde ich dich nicht nur vor Sonnenbrand bewahren. Auch aufdringliche Verehrer und Insekten schlage ich in null Komma nichts in die Flucht.«

»Das klingt zwar sehr viel versprechend, aber ich fürchte, ich muss dir trotzdem einen Korb geben.«

»Wirklich schade«, bedauerte Philipp. »Also, dann mal raus mit der Sprache, wer fliegt mit nach Griechenland?«

»Der liebste Mensch auf der Welt.« Das hörte sich zwar etwas pathetisch an, entsprach aber durchaus der Wahrheit.

»Wer immer das auch ist – deine Reisebegleitung ist echt zu beneiden.«

Nachdem Philipp mir einen schönen Urlaub gewünscht und sich herzlich von mir verabschiedet hatte, wurde ich mit seiner Assistentin verbunden, die meine Daten aufnahm und mich mit dem organisatorischen Ablauf und den Details der Reise vertraut machte. Kommenden Montag sollte ich bereits im Flieger gen Süden sitzen. Schluck, so bald schon! Ergo blieb mir nicht viel Zeit, um mich – und vor allem meinen Chef! – mental auf den Griechenlandtrip vorzubereiten.

Wie auf Kommando bimmelte in diesem Moment die Türglocke und Markus betrat, einen Stapel Kartons vor sich her balancierend, den Laden. Donnerwetter, wie macht der Mann das bloß?, überlegte ich. Seine Haare und seine Klamotten waren vom Regen total durchweicht. Trotzdem sah er fantastisch aus! Knusprig und zum Anbeißen. Wie ein frisch gebackenes Brötchen. Auch wenn Markus das vehement bestritt, war ich mir sicher, dass er seinen von Natur aus dunklen Teint gelegentlich auf der Sonnenbank auffrischte. Der eigentliche Hingucker waren jedoch seine leicht ergrauten Schläfen, die ihn zwar weder erfahren noch weise, dafür aber wahnsinnig interessant und sexy wirken ließen. Schwer zu sagen, ob er dieses gewisse Etwas seinem Alter oder den geschickten Händen seines Friseurs zu verdanken hatte.

So oder so, die Frauen flogen auf ihn – was bedauerlicherweise nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Ein Jammer! Und ein echter Verlust für die Damenwelt. Denn wie die meisten schwulen Männer war Markus nicht nur extrem attraktiv, sondern darüber hinaus auch noch sensibel, einfühlsam und verständnisvoll. Kurz gesagt: Er verfügte über all jene Extras, die bei Männern nicht gerade zur normalen Grundausstattung gehörten. Leider galt für diese seltene Luxusausführung die Devise: anschauen, aber nicht anfassen! Seufz, ähnlich unbefriedigend war nur ein Schaufensterbummel am Sonntagnachmittag!

Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – verband mich mit Markus über unser Arbeitsverhältnis hinaus eine herzliche Freundschaft. Auch Jenny liebte Markus heiß und innig. Entsprechend erfreut stürmte sie ihm nun entgegen. Sie umsprang Markus wie ein junger Hund. »Halt dich fest, Boss! Es gibt sensationelle Neuigkeiten«, krakelte sie lauthals. »Belinda fliegt nächste Woche nach Griechenland!«

Ihre Anteilnahme war rührend. Allerdings hätte ich wetten können, dass es diplomatischere Wege gab, den Boss um eine Woche Urlaub zu bitten.

Markus war unser Chef und Inhaber des Modegeschäfts NOMEN, das sich seit der Eröffnung vor zwei Jahren in Düsseldorf zu einem echten Geheimtipp gemausert hatte. Der Name war in unserem Laden tatsächlich Programm, denn wir führten ausschließlich Designerware. Allerdings fanden die Kunden in unseren Regalen nicht nur bekannte Modelabel wie Gucci, Prada oder Armani, sondern auch Modelle aus den Kollektionen junger, weitgehend unbekannter Designer, die auf den großen Laufstegen dieser Welt noch nicht zu finden waren. Und genau diese Mischung machte den Reiz unseres Geschäfts aus. Markus verfügte über einen exzellenten Geschmack und einen untrüglichen Riecher für alles, was mit Mode zu tun hatte.

Ein weiterer Pluspunkt von NOMEN war die Lage. Unser Geschäft befand sich etwa hundert Meter von der Königsallee entfernt in einer kleinen Seitenstraße. Weit genug von Düsseldorfs Prachteinkaufsmeile entfernt, um weniger gut betuchte Kunden nicht abzuschrecken, und nahe genug dran, um für die High-Society-Ladys bequem erreichbar zu sein. Von der Königsallee aus konnten sie mal eben einen kleinen Abstecher zu uns machen, ohne unter der Last ihres dicken Portemonnaies und der vielen Einkaufstüten zusammenzubrechen.

Markus, der von Jennys stürmischer Begrüßung noch sichtlich benommen war, stellte die Kartons auf dem Boden ab. Dann kratzte er sich am Kopf. »Mist, ich werde alt. Du hast nächste Woche frei? Das hab ich völlig verschwitzt.«

Bevor Jenny mir erneut zuvorkommen konnte, erzählte ich Markus von dem Gewinnspiel. »Sollte das mit dem Urlaub ein Problem sein, werde ich von der Reise zurücktreten«, bot ich – natürlich nur der Höflichkeit halber und pro forma – an. »Ist ja ziemlich kurzfristig.«

»So leid es mir tut, Belinda, dann wirst du wohl auf Griechenland verzichten müssen.«

Ich schluckte schwer. Tapfer bemühte ich mich, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. War ja klar, wenn ich mal ausnahmsweise was Spontanes oder Verrücktes machen wollte, ging das garantiert in die Hose.

Markus lachte. »Hallo?! Das war ein Scherz!«

»Du hast echt einen merkwürdigen Humor«, knurrte Jenny. »Es wäre deinen Angestellten gegenüber nur fair, wenn du deine Witze in Zukunft vorher ankündigen würdest. Damit wir wissen, wann wir lachen müssen.«

»Also, entschuldigt bitte, ich kann doch nicht jedes Mal ›Kennt ihr schon den …?‹ sagen, bevor ich einen Scherz mache.« Markus drückte mich herzlich an sich. »Natürlich bekommst du Urlaub. Lass dich in diesem Luxushotel mal so richtig verwöhnen.«

»Genau, lass dich mal so richtig verwöhnen«, echote Jenny mit einem süffisanten Grinsen.

Kapitel 2

Gegen Abend legte der Regen endlich eine kleine Verschnaufpause ein. Was mir sehr gelegen kam, denn nach der Arbeit war ich zum Joggen verabredet. Mit dem liebsten Menschen der Welt! Und das hatte ich im Radio nicht einfach nur so dahingesagt. Wäre Mareike ein Kerl, hätte ich ihr ohne zu zögern einen Heiratsantrag gemacht. Den sie – ebenfalls ohne zu zögern – abgelehnt hätte.

Mareike hatte nämlich die Nase gestrichen voll von der Ehe. Vor ein paar Monaten hatte sie sich von ihrem Noch-Ehemann Christian getrennt. Nun fieberte sie ungeduldig dem Scheidungstermin entgegen, um dieses unglückselige Kapitel ihres Lebens endgültig abzuschließen. Allerdings gab es auch Momente, in denen sie mit Wehmut an die Zeit mit Christian zurückdachte. Nicht alles war schlecht gewesen, und manches vermisste sie sogar schmerzlich. Beispielsweise den begehbaren Kleiderschrank und die Zitronenpresse, die sie und Christian irgendwann einmal von seiner Schwester geschenkt bekommen hatten. Aber da sowohl Schrank als auch Presse nur in Kombination mit Christian zu haben waren, verzichtete Mareike schweren Herzens auf beides.

Ihrem Göttergatten selbst weinte sie jedoch nicht eine Träne nach. Kein Wunder, denn mit seiner krankhaften Eifersucht hatte er ihr das Leben zur Hölle gemacht. Er war bereits ausgeflippt, wenn sie den Postboten oder den Busfahrer auch nur freundlich angelächelt hatte. Ich konnte es meiner Freundin nicht verdenken, dass ihre Begeisterung für den ehelichen Lebensbund aufgrund dessen stark abgeflaut war. »Ehe« war nach Mareikes ganz spezieller Definition die Abkürzung für »Errare humanum est«. Irren ist menschlich. Auf ihre Beziehung mit Christian sowie auf jede dritte andere Ehe in Deutschland mochte das zutreffen. Aber war das ein Grund, alles gleich so schwarz zu sehen?! Immerhin: Die Mehrheit aller Ehen hielt.

Ganz davon abgesehen, war ich ohnehin kein allzu großer Freund von Statistiken. Irgendwie gingen die doch immer haarscharf am wirklichen Leben vorbei. Schenkte man den statistischen Erhebungen Glauben, so würde ich vor dem Einsetzen der Menopause noch 1,3 Kinder zur Welt bringen. Auweia! Zum Glück wurden in den Krankenhäusern jedoch keine halben Kinder geboren. Bloß ganze.

Allen Statistiken und Unkenrufen zum Trotz hielt ich die Ehe für eine fantastische, durchaus erstrebenswerte Einrichtung. Vorausgesetzt, man hatte den passenden Partner zur Hand. Und genau das war mein Problem. Leider befand ich mich immer noch auf der Suche nach dem Mann, mit dem ich mir vorstellen konnte, nicht nur die nächsten vierzehn Tage, sondern den Rest meines Lebens zu verbringen. Langsam wurde ich ein wenig ungeduldig. Schließlich war ich keine sweet sixteen mehr. Ich steuerte mit strammen Schritten auf die dreißig zu. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte mein Traummann mal langsam auf der Bildfläche erscheinen können. Aber egal, wie lange er mich noch zappeln ließ – mein Glaube an die eine große wahre Liebe im Leben war nicht so schnell kleinzukriegen. Was Mareike gerne als verklärte Kleinmädchenträumerei abtat und belächelte.

In diesem Moment war sie jedoch weit davon entfernt, sich über mich lustig zu machen. »Hey, willst du mich umbringen? Schalt mal ’nen Gang runter«, keuchte sie und wischte sich mit hochrotem Kopf ein paar Schweißperlen von der Stirn. »Du rennst ja, als wäre der Teufel hinter dir her.«

»Nächste Woche wirst du mir dankbar sein, dass ich dich so gescheucht habe. Es ist nämlich an der Zeit, dass wir unsere Alabasterkörper mal wieder im Bikini zeigen.« Ich machte ein geheimnisvolles Gesicht. »Was würdest du davon halten, eine Woche in einem Fünfsternehotel in Griechenland zu verbringen?«

Meine Freundin winkte ab. »Och nee, das wär nichts für mich. Wahrscheinlich haben die Griechen zu dieser Jahreszeit tolles Wetter, und man holt sich einen Sonnenbrand. Da lob ich mir doch die vielen Regenwolken und das nasskalte Klima hier. Das ist viel gesünder.« Sie lief einen Schlenker, um einer Pfütze auszuweichen. »Belinda, was stellst du bloß für saudumme Fragen?!« Mit Handzeichen gab sie mir zu verstehen, was sie von meinem Geisteszustand hielt: gar nichts. »Wovon sollten wir uns so einen Luxusurlaub leisten können? Oder hast du vielleicht im Lotto gewonnen?«

»So ungefähr.« Zum zweiten Mal an diesem Tag erzählte ich von Philipp, dem Gewinnspiel und der Reise, die ich abgesahnt hatte.

»Waaaahnsinn!«, rief Mareike und flog mir um den Hals. Ich schloss daraus, dass sie mich nach Griechenland begleiten wollte. Trotz Sonnenbrandgefahr.

»Meinst du denn, du bekommst so kurzfristig überhaupt frei?« Mareike war Erzieherin. Vier Wochen im Jahr wurde das Terrorhauptquartier, wie sie ihre Arbeitsstätte – einen Kindergarten – liebevoll zu nennen pflegte, komplett dichtgemacht. Über ihre restlichen Urlaubstage konnte Mareike mehr oder weniger frei verfügen.

»Lass das mal meine Sorge sein. Mensch, Belinda, das ist ja der absolute Hammer. Wir zwei in Griechenland. Stell dir das mal vor!«

Nichts lieber als das! »Kristallklares Wasser!«, jauchzte ich.

»Weiße Strände.«

»Sonne.«

»Sirtaki.«

»Ouzo.«

»Frische Scampi mit Knoblauch.« Genießerisch verdrehte ich die Augen.

Mareike stand der Sinn allerdings mehr nach Fleisch als nach Fisch: »… und zum Nachtisch ein paar attraktive, gut gebaute Kerle zum Vernaschen!«

Na, das konnte ja heiter werden! Hilfe! Ich war im Begriff, mit einer ausgehungerten, männermordenden Hyäne zu verreisen.

»Hey, was schaust du mich so vorwurfsvoll an?«, lachte meine Freundin. »Ich hab eben Nachholbedarf. Du weißt doch, wie es zum Schluss um meine Ehe bestellt war. Im Schlafzimmer ist nichts mehr gelaufen – außer dem Fernseher natürlich.«

Eine Weile trabten wir schweigend nebeneinander her und hingen unseren Gedanken nach. »Dir würde ein kleiner Urlaubsflirt bestimmt auch guttun«, spann Mareike den Faden schließlich weiter. »Wie lange ist die Geschichte mit Jan schon wieder her?«

»Fast ein Jahr.« Nur sehr ungern wurde ich an diese Zeit erinnert. Was war ich in den Kerl verliebt gewesen! Ich hätte es wohl nie verwunden, wenn er mich wegen einer anderen Frau verlassen hätte. Aber das Glück war mir hold, denn unsere Beziehung ging nicht wegen einer anderen Frau in die Brüche, sondern gleich wegen eines halben Dutzends. Leider hatte ich viel zu spät begriffen, dass Jan Treue für Weiberkram hielt. Wie Lippenstift oder Damenbinden. Unwillkürlich entschlüpfte mir ein tiefer Seufzer. Zwar waren Jans Vorgänger nicht fremdgegangen, aber auch mit ihnen war es irgendwie nicht so das Wahre gewesen.

»Den Mann fürs Leben findest du noch früh genug. Entspann dich! Werd einfach mal ein bisschen lockerer. Wenn du weiter so verbissen suchst, steht dein Traumprinz vielleicht irgendwann vor dir und du merkst es vor lauter Verkrampfung nicht einmal.«

»Nie im Leben«, widersprach ich Mareike entschieden. »Da müsste ich schon blind und taub sein.« In Bezug auf Mr. Right hatte ich ziemlich klare Vorstellungen. Auf Anhieb konnte ich meiner Freundin eine detaillierte Personenbeschreibung von ihm geben. »Um die dreißig, intelligent, humorvoll, attraktiv, sportlich, zuverlässig, kinderlieb, zärtlich, ehrlich, treu, begeisterungsfähig, kontaktfreudig, unternehmungslustig …« Dann gingen mir aber doch so langsam die Puste und die Ideen aus.

»Und sonst? Sag bloß, das ist schon alles!?« Mareikes Stimme triefte vor Sarkasmus. »Meine Güte, Belinda! Sei doch nicht so anspruchslos. Komm, denk noch mal nach. Ein paar Kleinigkeiten werden dir bestimmt noch einfallen. Vielleicht irgendwelche speziellen Wünsche bezüglich der Optik? Das Auge isst schließlich auch mit. Blond? Dunkel? Blaue Augen? Braune Augen? Groß? Klein? Dick? Dünn?«

»Nicht zu dick und nicht zu klein. Ansonsten bin ich, was das Äußere betrifft, flexibel.« Ich grinste. »Ach, ’ne Kleinigkeit hab ich noch vergessen: Natürlich sollte er Nichtraucher sein.«

»Natürlich. Nichtraucher, was sonst«, pflichtete Mareike mir mit einem amüsierten Funkeln in den Augen bei. »Jedenfalls kann man dir nicht vorwerfen, du wüsstest nicht, was du willst. Aber falls du es noch nicht mitgekriegt haben solltest: Die Partnersuche funktioniert leider Gottes nach dem Trial-and-Error-Prinzip. Oder um es anders zu sagen: Man muss viele Nieten ziehen, bevor man einen Hauptgewinn landet. Und was spricht dagegen, in der Zwischenzeit mit den Nieten noch ein bisschen Spaß zu haben?«

»Meintest du vielleicht Sex, als du gerade Spaß gesagt hast?«

Mareike smilte von einem Ohr zum anderen. »Wie man so hört, sollen diese beiden Dinge außerhalb der Ehe ja identisch sein.«

»Schon möglich. Aber ich suche keinen Kerl fürs Bett, sondern einen Vater für meine Kinder.«

Mareike riss überrascht die Augen auf. »Du hast doch noch gar keine.«

»Na eben drum.«

Ich hatte mit den Nieten dieser Welt genug Zeit verplempert, nun wartete ich sehnsüchtig auf den Hauptgewinn. Schluss mit den halben Sachen, keine faulen Kompromisse mehr!

Diese Spielchen hatte ich so was von satt! Man investierte ’ne Menge Zeit und Gefühle, und am Ende saß man doch wieder mit einer Familienpackung Kleenex und einem gebrochenen Herzen allein vorm Fernseher und zog sich irgendeinen Schmachtfetzen und Berge von Schokolade rein. Nach meinem letzten Beziehungsdebakel und der anschließenden Brigitte-Diät hatte ich mir geschworen, in Zukunft von Männern die Finger zu lassen. Natürlich nicht für immer, aber zumindest so lange, bis ich mir hundertprozentig sicher war, den Richtigen getroffen zu haben.

Ein paar Gramm näher an meiner Bikinifigur schleppte ich mich nach dem Joggen die Treppenstufen zu meiner Wohnung hinauf. Vielleicht hatten wir es mit dem Laufpensum vor lauter Urlaubseuphorie etwas übertrieben. Ich spürte bereits die ersten Vorboten des Muskelkaters. Mist! Auch der knackigste Po wirkt nur halb so sexy, wenn man ihn humpelnd zur Schau trägt …

Als ich stöhnend in die Hocke ging, um unter der Fußmatte meinen Schlüssel hervorzuholen, öffnete sich die Tür der Nachbarwohnung, und Frau Groß trat, mit einer kleinen Gießkanne bewaffnet, in den Hausflur.

Die alte Dame kümmerte sich nicht nur rührend um den Ficus benjamina, der das Treppenhaus auf unserer Etage verschönerte, sondern auch um mich. Seit ein paar Jahren wohnten wir Tür an Tür. Mit der Zeit war sie für mich zu einer Art Ersatzoma geworden. Meine Großeltern waren schon lange tot. Das Einzige, was mich an sie erinnerte, speziell an meine Großmutter väterlicherseits, waren meine riesigen Füße, die mit Ach und Krach in Größe 43 hineinpassten. Ich fand das unfair. Andere erbten von ihren Großeltern ein hübsches Häuschen oder wertvolle Klunker, ich lediglich diese Quadratlatschen.

Zum Glück war Frau Groß noch weit davon entfernt, das Zeitliche zu segnen. Die alte Dame erfreute sich bester Gesundheit. Sie wirkte rüstig und quietschfidel. Wann immer ich Zeit hatte, klingelte ich nebenan, um mit ihr ein Pläuschchen zu halten und eine Tasse Tee zu trinken. Liefen wir uns zufällig im Treppenhaus über den Weg, steckte sie mir des Öfteren ein Töpfchen selbst gemachte Marmelade oder ein paar gute Ratschläge zu. Aber damit war es bedauerlicherweise nun vorbei.

»Belinda – wie schön, dass wir uns treffen! Dann kann ich Ihnen gleich Lebewohl sagen.«

O nein, ich hasste Abschiede! »Ist es so weit?«

»Ja, morgen früh geht’s los.« Ihre kleinen Apfelbäckchen glühten vor Aufregung.

Zeitlebens hatte Frau Groß sparsam und bescheiden gelebt. Nun wollte sie es noch einmal richtig krachen lassen. Andere Damen ihres Alters wären vielleicht auf Weltreise gegangen oder hätten sich einen jungen Gigolo zugelegt. Frau Groß schwebte für ihren Lebensabend jedoch etwas ganz Spezielles vor: eine bunte Mischung aus Kluburlaub und Hanni und Nanni im Internat. Aus diesem Grund hatte sie sich in der Villa Kunterbunt, einem familiären Seniorenstift am Stadtrand, eingemietet. Und wie ich die quirlige alte Dame kannte, würde sie den Laden und dessen Bewohner ordentlich aufmischen.

»Frau Groß, Sie werden mir fehlen!«, raunte ich ihr ins Ohr, während wir uns umarmten.

»Sie mir auch, Kindchen, Sie mir auch.« Meine Ersatzoma drückte mich so heftig an sich, dass mir fast die Luft wegblieb. Dann schob sie mich brüsk zur Seite, wischte sich verstohlen eine vorwitzige Träne aus dem Augenwinkel und fuhr resolut fort: »So, jetzt wollen wir aber mal nicht sentimental werden. Außerdem weiß ich Sie ja in guten Händen. Habe ich es eigentlich schon erwähnt – der Vermieter ist einverstanden, dass mein Enkel meine Wohnung übernimmt. Wirklich ein ganz reizender Mensch.«

Nun ja, wenn man eine Schwäche für getürkte Nebenkostenabrechnungen und lauwarme Heizkörper hatte, dann musste man unseren Vermieter ganz einfach lieben. Bisher hatte Frau Groß ihn immer als Verbrecher, Wucherer oder Halsabschneider bezeichnet, aber noch nie als reizenden Menschen. Wie es zu diesem plötzlichen Sinneswandel gekommen war, konnte ich nicht ganz nachvollziehen.

»Sie werden bestimmt wunderbar mit Paul Junior klarkommen. Da bin ich mir ganz sicher.«

Ach so, der Enkel. Weil ihr Sohn ebenfalls Paul hieß, nannte Frau Groß ihren Enkel Paul Junior. Während ich dem großen Paul ein paarmal begegnet war, hatte ich den kleinen Paul nie kennen gelernt. Sehr zum Bedauern von Frau Groß hatte sich bis jetzt nie die richtige Gelegenheit ergeben. Aber das, ging mir durch den Kopf, wird sich ja nun in Kürze ändern.

»Mein Enkel ist übrigens sehr musikalisch«, erzählte mir meine Nachbarin bestimmt schon zum hundertsten Mal. »Er spielt Saxophon.«

Na toll! Meiner Meinung nach sprach das eher gegen als für Paul Junior. Die Wände in unserem Haus waren dünn wie Klopapier. Ich stellte mich schon mal darauf ein, dass ich in Zukunft als musikalische Untermalung der Tagesschau die Tonleiter zu hören bekam. Allein bei dem Gedanken rollten sich mir die Fußnägel auf.

Frau Groß war mein skeptischer Gesichtsausdruck nicht entgangen. Sie ließ nichts unversucht, um das Image ihres Enkels zu retten. »Er spielt richtig gut. Und zwar nicht nur so für den Hausgebrauch. Er ist Mitglied in …« Sie hielt kurz inne, so als würde sie nach dem richtigen Wort suchen. »Er ist Mitglied in einer Kapelle.«

Diese Information war in der Tat neu. Auch das noch! Musik für Hardcoreschunkler. Bei aller Liebe: Für Humba-humba-täterä-Musik hatte ich nun wirklich nichts übrig.

»Aber ihr jungen Leute nennt das ja heute anders.« Frau Groß rieb so aufgeregt an ihrem Gießkännchen herum, als würde sie einen Flaschengeist beschwören. »Wie sagt ihr doch gleich? Ach ja, richtig, jetzt hab ich’s wieder: Er spielt in einer Band.« Das Wort »Band« sprach sie sehr deutsch aus, nämlich so wie in Haarband, Bandsalat oder Bandwurm. Mit der englischen Sprache stand die alte Dame auf Kriegsfuß. Erst vor ein paar Tagen hatte ich gerätselt, was sie wohl unter einem »Motorradfräck« verstand. Es hatte ein Weilchen gedauert, bis ich dahintergekommen war, dass sie einen Motorradfreak gemeint hatte.

»Und kochen kann er auch«, fuhr Frau Groß fort, mir die Vorzüge ihres Enkels in den leuchtendsten Farben zu schildern. Langsam wurde mir der Knabe unheimlich. Mein neuer Nachbar schien ja das reinste Wunderkind zu sein. Aber ein bisschen Skepsis war wohl angebracht. Niemand konnte wissen, was der Junge seiner Oma für Märchen aufgetischt hatte. Vielleicht handelte es sich aber auch lediglich um ein Definitionsproblem. Manche Männer nannten es ja bekanntlich bereits kochen, wenn sie sich einen Tee oder eine 5-Minuten-Terrine aufbrühten.

»Ich verstehe gar nicht, dass er noch nicht verheiratet ist. An jedem Finger könnte der Bengel eine haben. Er ist so ein patenter Kerl. Und ein Bild von einem Mann. Habe ich Ihnen eigentlich schon mal ein Foto von Paul Junior gezeigt?«

Ich nickte. Natürlich hatte sie. Für Großeltern waren ihre Enkelkinder einfach die Größten. Das war ein Naturgesetz. So wie alle Mamis Stein und Bein schwören, dass ihr Baby das süßeste Kind ist, das je das Licht der Welt erblickt hat. Ich entsann mich, dass Paul Junior auf dem Foto wirklich nicht übel ausgesehen hatte.

Nachdem mir Frau Groß zum fünften Mal das Versprechen abgenommen hatte, sie bald in der Villa Kunterbunt zu besuchen, verabschiedeten wir uns herzlich. Ihr Enkel würde sich ordentlich ins Zeug legen müssen, wenn er seiner Oma auch nur ansatzweise das Wasser reichen wollte.

Kaum hatte ich die Wohnungstür hinter mir zugezogen, da klingelte das Telefon. »Och nee, muss das jetzt sein?!«, murmelte ich. Kurz überlegte ich, ob ich den Anrufbeantworter die Arbeit übernehmen lassen sollte. Ich stank wie ein Puma und sehnte mich nach einer heißen Dusche. Aber wie üblich siegte meine Neugier über meine Bequemlichkeit.

»Fischer«, meldete ich mich, während ich die Turnschuhe von den Füßen kickte und versuchte, mich mit der freien Hand aus meinen verschwitzten Klamotten zu pellen.

»Jippiiiii! Jippiiiii!«, brüllte der Anrufer – wer immer es auch sein mochte – mir ins Ohr. Offenbar jemand, der meinen Radioauftritt mitverfolgt hatte und seiner Freude über meinen Gewinn Ausdruck verleihen wollte. Der Gratulant traktierte weiter mit spitzen Schreien mein Mittelohr. Besten Dank. Ein wohltemperiertes »Herzlichen Glückwunsch« oder ein anerkennendes »Gut gemacht!« hätte es für meinen Geschmack auch getan.

»Hey, Belinda, bezieh schon mal das Gästebett und kauf Cornflakes!«

Das wurde ja immer besser! Zum zweiten Mal an diesem Tag war ich sprachlos. Ich hatte lediglich eine Reise und keine Million gewonnen, und trotzdem wurde ich schon angeschnorrt.

»Ich hab den Studienplatz sicher! Es ist dir doch recht, wenn ich bei dir wohne, oder? Bitte, bitte, sag, dass es dir recht ist!« Erst jetzt erkannte ich die Stimme meiner kleinen Schwester Lili, die in diesem Moment für ihre Verhältnisse außergewöhnlich zaghaft und unterwürfig klang. »Wenn du mir nicht Asyl gewährst, werde ich hier in dem Kaff versauern, mit zwanzig einen Bauern heiraten und viele kleine Ferkel in die Welt setzen. Kannst du das mit deinem Gewissen vereinbaren?«

»Gewissen? Was soll das sein? Außerdem weiß ich gar nicht, was du hast. Das Leben auf dem Land hat durchaus seine Vorzüge«, kam ich nun endlich mal zu Wort. Ehe ich meine Einwilligung gab, den kleinen Plagegeist bei mir aufzunehmen, wollte ich Lili noch ein bisschen im eigenen Saft schmoren lassen. »Gummistiefel sind viel bequemer als High Heels. Und denk bloß an die frische, gesunde Landluft …«

»… und an die Bauerntrampel, die einem beim Feuerwehrball auf den Füßen und auf den Nerven herumlatschen«, ergänzte Lili ironisch.

Das waren allerdings starke Argumente. »Schon gut, schon gut. Überredet!« Ich hatte mich nach dem Abi ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes vom Acker gemacht und die gesunde Landluft mit Freuden gegen Großstadtsmog und Autoabgase eingetauscht.

Meine Schwester wollte hier in Düsseldorf Anglistik studieren. Dass sie ihr Studium nicht wie die meisten Studenten zum Winter-, sondern erst zum Sommersemester begann, war typisch für sie. Nach dem Abitur hatte sie erst einmal eine »kreative Pause« eingelegt. Zum Faulenzen und Meditieren. Lili war fast zehn Jahre jünger als ich und das Paradebeispiel eines verwöhnten Nachzüglers. In puncto Sturheit und Dickköpfigkeit konnte ich noch viel von ihr lernen. Lilis Trotzphase hatte mit drei begonnen und bis heute nicht aufgehört. Erschwerend kam hinzu, dass meine kleine Schwester über mindestens genauso viel Charme wie Eigensinn verfügte. Eine fatale Mischung, die es fast unmöglich machte, ihr einen Wunsch abzuschlagen.

»Gib mir Belinda mal«, rief meine Mutter aus dem Hintergrund. Kurz darauf hörte ich Schritte, die eilig näher kamen.

»Also, Schwesterherz, dann bis nächste Woche! Unsere Glucke will dich noch mal sprechen. Sie schlägt schon ganz aufgeregt mit den Flügeln.«

Wie beim Staffellauf wurde der Telefonhörer von Lili an meine Mutter weitergereicht. Dank jahrelanger Übung klappte der fliegende Wechsel perfekt.

»Ich hab bei ihrer Erziehung alles falsch gemacht. Ich hätte sie nie zum Sprechen ermuntern sollen«, schimpfte meine Mutter gespielt empört, als sie an den Apparat kam. »Ist es auch wirklich O. K. für dich, Lili bei dir aufzunehmen? Natürlich zahlen wir deine halbe Miete. Ich hab einfach ein besseres Gefühl, wenn sie erst einmal bei dir wohnt.«

»Kein Problem.«

Trotz des großen Altersunterschieds und aller Gegensätzlichkeiten liebten meine Schwester und ich uns heiß und innig. Hoffentlich bleibt das auch so, wenn wir uns tagtäglich auf der Pelle hängen, hoffte ich im Stillen.

Nachdem ich den Hörer aufgelegt hatte, fühlte ich mich, als wäre ein Wirbelsturm über mich hinweggefegt. Besser ich gewöhnte mich schon mal daran, denn wenn Lili erst einmal in meiner Wohnung campierte, war es ganz sicher vorbei mit der Ruhe und der Beschaulichkeit.

Kapitel 3

Die paar Tage bis zum Urlaub vergingen wie im Flug. Am Abend vor der Abreise stand ich neben meinem Koffer und überlegte, was ich einpacken sollte. Am liebsten hätte ich meinen ganzen Kleiderschrank mitgenommen. Abschließen, Kofferanhänger dran, fertig. Aber das ging natürlich nicht – schon aus versicherungstechnischen Gründen. Ich hatte für die kommende Woche lediglich eine Gepäck- und keine Hausratversicherung abgeschlossen.

Unschlüssig drapierte ich eine Auswahl an farbenfrohen Sommerklamotten auf dem Bett. Gottlob, in Griechenland herrschten um diese Jahreszeit bereits angenehm warme Temperaturen. Das erleichterte die Sache. T-Shirts und luftige Kleider nehmen ja bekanntlich nicht so viel Platz im Koffer weg. Andererseits konnte es sich abends noch empfindlich abkühlen. Apropos abkühlen: Schneestürme waren im Frühjahr wohl eher selten. Aber man wusste ja nie … Wahrscheinlich würde ich doch wieder so viele Klamotten mitnehmen, dass ich einem dreimonatigen Fluglotsenstreik gelassen entgegensehen konnte.

Fast beneidete ich Mareike, die kaum noch was zum Anziehen hatte. Durch die Trennung von Christian hatte sie gleich in doppelter Hinsicht überflüssigen Ballast abgeworfen. Seit sie nicht mehr jeden Abend für den Herrn Gemahl kochen musste, hatten die Kilos die Massenflucht angetreten. Als Belohnung fürs Abspecken hatte ich Mareike nach Feierabend und in etlichen Nachtschichten ein Kleid geschneidert, das ihre neue gertenschlanke Figur perfekt zur Geltung brachte. An diesem Tag sollte die letzte Anprobe stattfinden.

Im Gegensatz zu meiner Freundin hatte ich seit dem vergangenen Sommer wohl eher zu- als abgenommen. Manchmal hatte ich den Verdacht, dass sogar das Fett aus meiner Tagescreme auf den Hüften landete. Ich beschloss, auf Nummer sicher zu gehen und die Sommerfähnchen kurz anzuprobieren, bevor ich sie im Koffer verstaute.

Für diese kleine private Modenschau drehte ich die Musik noch etwas lauter. Dann tauschte ich Jeans und Baumwollpullover gegen ein schwarzes Minikleid mit Spaghettiträgern ein. Puh, Schwein gehabt! Das Kleid saß wie angegossen. Zufrieden betrachtete ich mich im Spiegel. Mein volles kastanienbraunes Haar fiel mir in weichen Wellen über die Schultern. Ich empfand diese pflegeleichte Mähne als Geschenk des Himmels – und als gerechte Wiedergutmachung für meine Elefantenfüße. Die Hände in die Hüften gestützt, posierte ich wie ein Model vor dem Spiegel. Dann drehte ich mich einmal schwungvoll um die eigene Achse, lauthals den Refrain meines Lieblingssongs mitgrölend: »I am what I am, I don’t want praise, I don’t want pity …«

Ein Geräusch aus der Diele ließ mich zusammenzucken. Ertappt fuhr ich herum – und erstarrte mitten in der Bewegung zur Salzsäule. In meiner Wohnung stand ein wildfremder Mann! Natürlich hatte es sich auch schon bis zu mir herumgesprochen, dass die Kriminalität in Großstädten Besorgnis erregend hoch war. Allen einschlägigen Reportagen und Zeitungsberichten zum Trotz hatte ich mich in meinen eigenen vier Wänden jedoch bislang immer sehr sicher gefühlt. So sicher, dass sich mitunter ein gewisser Leichtsinn eingeschlichen hatte. Das rächte sich jetzt bitter.

Ich war das ideale Opfer: weiblich, alleinstehend und zu allem Überfluss auch noch relativ spärlich bekleidet. Wie ein dummes Schaf, das sich für den bösen Wolf extra noch ein rotes Schleifchen um den Hals gebunden hatte …

Was tun? Ich dachte fieberhaft nach. Angriff war bekanntlich die beste Verteidigung! Den Kleiderbügel, den ich mir reflexartig vom Stuhl gegrapscht hatte, konnte ich für diesen Zweck schon mal vergessen. Der zerbrach, wenn man ihn nur scharf anschaute. Blieb noch die Möglichkeit, den Eindringling mit einem gezielten Tritt in die Weichteile schachmatt zu setzen. Doch erstens wollte ich niemandem voreilig die Familienplanung zerstören – im Zweifel für den Angeklagten –, und zweitens hatte ich vom Joggen immer noch solchen Muskelkater, dass ich kaum einen Fuß hochbekam.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Kater der Braut" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen