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Der Kalif von Berlin

Frühjahr 2011

Er kann sich gar nicht satt sehen an den Bildern. Immer wieder lässt er die Aufzeichnungen über den Bildschirm laufen. Die Flugzeuge, die in die Twin Towers rasen. Flammen, die aus den Gebäuden schlagen. Rauch, der schwarz in den Himmel steigt. Dann das Zusammenbrechen der Türme. Langsam, wie in Zeitlupe. Die herumfliegenden Trümmer. Staub. Schreie. Polizisten und Feuerwehrleute, die das Szenario mit offenen Mündern anstarren. Dann George W. Bush, der mit offenem Mund ins Leere glotzt, als ihm die Nachricht während des Besuchs einer Schule ins Ohr geflüstert wird. Anschließend das Geplapper der Politiker. Hilflose Hektik der Sicherheitsbehörden. Wilder Aktionismus.

Der Staat gerät ins Wanken. Das ist gut.

Dann flimmern die Bilder aus Madrid über den Bildschirm. Die wie Deckel von Sardinenbüchsen aufgewölbten Dächer der Eisenbahnwaggons. Herumliegende Leichenteile. Verstreutes Gepäck. Und wieder hilflose Politiker, die nur dummes Zeug reden.

So muss man es machen. Seine Wangen glühen beim Betrachten der Bilder.

Ein Jahr später in London. Schade, dass die Anschläge in der U-Bahn stattgefunden haben, sodass vom Geschehen auf den Aufzeichnungen nicht viel zu erkennen ist. Nur der gesprengte rote Bus ist zu sehen. Rot ist er. Rot wie Blut.

Richtig so. Den arroganten britischen Pinkeln muss man es zeigen.

Er schlägt sich mit der rechten Faust in die flache linke Hand.

Jetzt folgt ein Anschlag dem nächsten. Es herrscht Krieg. Die Welt hat Angst. Gut so. Das korrupte, selbstgefällige System muss ausgelöscht werden. Die Sicherheitsbehörden müssen lahmgelegt werden. Der Staat muss handlungsunfähig gemacht werden. So muss es sein.

Er lacht auf. Hört den Hass in der eigenen Stimme.

Ja, er hasst. Hasst die Menschen, die seine Größe nicht anerkennen wollen. Hasst das System, das selbstgefällig herrscht.

Man muss die Bevölkerung beunruhigen. Angst erzeugen. Menschen töten.

Zittern sollen sie. In den USA, in Europa, in Deutschland, in Berlin. Ja, in Berlin. Berlin, das europäische Zentrum der Dekadenz, muss angegriffen werden. Wenn die anderen es nicht tun, muss er handeln. Er wird Größe haben. Wird Stärke zeigen. Wenn alles zerstört ist, wenn alle in Angst leben, wenn nichts mehr funktioniert, wird er derjenige sein, der das alles geleistet hat.

Er springt auf und läuft erregt im Zimmer auf und ab.

Er fasst einen Entschluss.

1

Dienstag, 17. Mai 2016

Scheiße, dachte Heiko Peikert, als sich die schwere Sicherheitstür am Eingang zu den Diensträumen der Berliner Verfassungsschutzbehörde hinter ihm schloss. Das lange, kalte Pfingstwochenende war vorbei. Er war nicht wie geplant mit seinem Segelboot über den Wannsee gekreuzt. Selbst für einen leidenschaftlichen Wassersportler wie ihn waren die letzten Tage zu ungemütlich gewesen. Jetzt erwartete ihn wieder eine Woche voller Hektik und Stress.

Seit Monaten herrschte Anspannung beim Berliner Verfassungsschutz. Seit den Anschlägen in Paris und Brüssel war seine Dienststelle permanent gefordert. Von allen Seiten gab es Hinweise auf angeblich verdächtige Personen, auf mögliche Anschlagsplanungen, auf konspirative Aktivitäten islamistischer Extremisten. Und immer wieder die Warnung: erhöhte Terrorgefahr. Doch nicht nur Islamisten sorgten für Anspannung, auch rechtsmotivierte Straftaten beschäftigten den Verfassungsschutz. Hetze gegen Flüchtlinge, Schmierereien, Bedrohungen. Kaum ein Tag verging ohne besorgniserregende Neuigkeiten. Zum Glück gelangte vieles davon nicht an die Öffentlichkeit.

Was würde ihn wohl heute erwarten?

Peikert fuhr sich mit der Hand durch das Haar und nickte dem Pförtner in seinem Dienstraum hinter der Glasscheibe zu. Dann schob er seine Chipkarte in den Schlitz des kleinen grauen Kartenlesers neben der inneren Tür der Schleuse und tippte den Sicherheitscode ein. Der Pförtner hob grüßend die Hand und verzog sein Gesicht zu einem sparsamen Lächeln. Als sich die innere Schleusentür zur Seite schob, schlug Peikert der charakteristische Geruch von Büroräumen entgegen: Ausdünstungen von Teppichböden, Gerüche von Kunststoffen und Reinigungsmitteln. Vor ihm öffnete sich ein langer fensterloser Flur. Graue Wände zogen sich zu beiden Seiten hin, die Türen der Dienstzimmer zeichneten ein regelmäßiges Muster hinein. Am schwarzen Brett hingen die üblichen Verlautbarungen des Personalrats, für die sich niemand ernsthaft interessierte.

Peikert warf einen Blick auf seine Armbanduhr: sieben Uhr zwanzig. Er hatte es eilig. Wie an jedem Arbeitstag würden sich auch heute alle leitenden Mitarbeiter Punkt acht Uhr zur Morgenlage beim Direktor des Landesamts für Verfassungsschutz, Erhard van Daalen, versammeln. Heute würden die sicherheitsrelevanten Ereignisse des Pfingstwochenendes besprochen werden. Gestern hatten Meldungen über sexuelle Übergriffe beim Karneval der Kulturen am Pfingstsonntag die Presse beherrscht. Die Täter stammten überwiegend aus Nordafrika und der Türkei. Immerhin waren elf Männer festgenommen worden, sieben von ihnen hatten einen Haftbefehl erhalten. Die Straftaten waren zwar Sache der Polizei, aber die Auswirkungen konnten auch den Verfassungsschutz beschäftigen. Für die Rechten waren die Ereignisse sicher ein gefundenes Fressen zum Polemisieren. Mal sehen, was die Kollegen gleich zu berichten hatten.

Peikert durchquerte sein Vorzimmer, das um diese Zeit noch verlassen war und eine muffige Tristesse ausstrahlte. In seinem Büro schlug ihm die über das lange Wochenende stickig gewordene Luft entgegen. Er öffnete deshalb als Erstes das Fenster und atmete tief ein. Es folgte das übliche Morgenritual: Er warf sein dunkelgraues Anzugjackett über die Lehne seines Bürostuhls, lockerte die leuchtendblaue Krawatte und beförderte die Aktentasche unter den Schreibtisch. Dann startete er den Computer, und während das Betriebssystem hochgefahren wurde, öffnete er seinen Stahlschrank.

Sieben Uhr fünfundzwanzig. Schnell holte er die Akten aus dem grauen Panzerschrank, an denen er am vergangenen Freitag gearbeitet hatte. Er warf einen kurzen Blick auf die Betreffzeilen, um sich zu vergegenwärtigen, was er heute erledigen musste. Etwas Besonderes war nicht darunter: zwei Anfragen aus dem Haus zur Auslegung des Verfassungsschutzgesetzes und der Antrag eines NPD-Mitglieds auf Einsicht in die beim Verfassungsschutz über ihn geführte Akte. Lustlos beförderte er den Packen in den Eingangskorb, um ihn im Laufe des Tages abzuarbeiten. Wichtiger war jetzt, was ihm sein Computer an aktuellen Informationen bereithielt. Er begann mit den Protokollen aus der Telekommunikationsüberwachung, seinem Hauptarbeitsgebiet.

Heiko Peikert leitete seit fünf Jahren die Abteilung Rechts- und Grundsatzangelegenheiten des Verfassungsschutzes in Berlin. In dieser Funktion war er auch G 10-Aufsichtsbeamter des Amtes und damit verantwortlich für die Post- und Telekommunikationsüberwachung. Als G 10 wurde im Sprachgebrauch der Sicherheitsbehörden das Gesetz über die Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses bezeichnet, das das in Artikel 10 des Grundgesetzes verbriefte Grundrecht des Post- und Fernmeldegeheimnisses einschränkte. Es schrieb vor, dass die Post- und Telekommunikationsüberwachung unter der Aufsicht eines Juristen zu erfolgen hatte. Und dieser Jurist war Peikert.

Jetzt rief er die einzelnen Dateien auf und informierte sich, was seine Mitarbeiter in der G 10-Stelle für ihn aufbereitet hatten. Die Protokolle aus dem Beobachtungsbereich des Rechtsextremismus zeigten wüste Beschimpfungen gegen Flüchtlinge. Die Vorfälle vom Karneval der Kulturen hatten die Rechten aufgestachelt. Abschlachten, einen Kopf kürzer machen, wir brauchen wieder ein Auschwitz waren noch die harmlosesten Äußerungen.

Inzwischen war es sieben Uhr vierundvierzig geworden. Die Zeit drängte. Peikert machte sich an die Sichtung der Wochenendereignisse, die der Lagedienst seiner Dienststelle zusammengestellt hatte. Aus vier Flüchtlingsheimen war die Einreise mutmaßlicher islamistischer Terrorristen gemeldet worden, doch die Meldungen hatten nicht verifiziert werden können. Die Moschee in der Leinestraße im Bezirk Neukölln, hieß es weiter, könne ein möglicher Treffpunkt extremistischer Islamisten sein. Peikert brummte unwirsch: „Typisch. Einerseits Falschmeldungen, andererseits Vermutungen. Wieder mal nichts Greifbares.“

Das Lagezentrum der Polizei berichtete ausführlich über die Ereignisse am Pfingstsonntag beim Karneval der Kulturen. Peikert hatte jetzt keine Zeit, sich damit zu befassen, obwohl ihn die Vorgänge brennend interessierten. Außerdem hatte es acht Bombendrohungen in Berlin gegeben. Eine gegen ein Flüchtlingsheim, eine zweite gegen eine Parteizentrale, die restlichen unspezifisch und wirr. Alle waren von der Polizei als nicht ernsthaft eingestuft worden. Peikert schüttelte den Kopf. Er wollte nicht in der Haut der Polizisten stecken, die das hier zu entscheiden hatten.

Sieben Uhr fünfundfünfzig. Peikert wurde unruhig. Das Lagebild des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums musste bis nach der Morgenlage warten. Ein letzter Kontrollblick in den Spiegel. Eilig kämmte er sich durch die dunkelblonden, an den Schläfen bereits ergrauenden Haare, warf sich sein Jackett über, zog die Krawatte fest und spurtete über den Gang.

Van Daalens Büro war ein helles, geräumiges Eckzimmer. Gegenüber der Eingangstür machte ein riesiger Schreibtisch mit Teakholzfurnier jedem Besucher sofort die Bedeutung des Berliner Verfassungsschutzleiters klar. Ein klobiger, mit schwarzem Leder bezogener Schreibtischsessel dahinter unterstrich diesen Eindruck. Auf der gegenüberliegenden Seite nahm ein großer Besprechungstisch, um den sich gepolsterte Stühle mit bequemen Armlehnen reihten, viel Raum ein. Hier saß bereits die Leiterin der Extremismusabteilung, Doktor Sabine Schwart-Hertel, eine elegante Erscheinung mit graumelierten kurzen Haaren, in die eine modische Brille gesteckt war. Neben ihr lehnte sich der Leiter der Observationsgruppe, Mario Ostermann, in seinem Stuhl zurück. Er strahlte auch an diesem Morgen seine gewohnte Ruhe aus. Ihm gegenüber raschelte der Leiter des Lagedienstes wichtig in seinen Papieren. Am Kopfende des Tisches thronte van Daalen und beobachtete seine Mitarbeiter. Mit seiner stattlichen Größe von fast zwei Metern überragte er sie deutlich.

„Morgen“, grüßte Peikert und bedachte die Anwesenden mit einem kurzen Nicken. Er nahm seine stahlumrandete Brille ab und putzte sie intensiv.

Punkt acht Uhr war die Runde vollzählig versammelt.

„Guten Morgen“, eröffnete van Daalen die Besprechung. „Ich hoffe, Sie hatten trotz des schlechten Wetters ein angenehmes Pfingstwochenende. Lassen sie uns beginnen.“

Jeder in der Runde referierte kurz die wichtigsten Ereignisse des Wochenendes aus seinem Bereich. Peikert berichtete, wie die rechte Szene auf den Karneval der Kulturen reagiert hatte.

„Ja. Reaktionen waren zu erwarten“, nickte Schwart-Hertel.

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet, und einer von Schwart-Hertels Mitarbeitern trat ein. „Entschuldigung“, sagte er mit respektvoller Miene. „Aber ich habe hier etwas Wichtiges, das nicht warten kann.“ Er reichte seiner Abteilungsleiterin ein paar Blatt Papier. Die zog die Augenbrauen hoch, während sie las.

„Eine Meldung des französischen Auslandsgeheimdienstes DGSE.“ Schwart-Hertel nahm ihre Brille aus den Haaren und setzte sie auf. „Ein IS-Angehöriger soll gestern aus Paris nach Berlin eingeflogen sein. Hakim El-Bahi, vermutlich ein Aliasname. Er steht in Frankreich unter Beobachtung, weil er zu dem Kreis von Extremisten zählt, die Anschläge während der bevorstehenden Fußballeuropameisterschaft in Frankreich begehen könnten. Warum er nach Berlin gekommen ist, weiß der DGSE nicht.“ Schwart-Hertel runzelte die Stirn. „El-Bahi steht im Verdacht, Attentate des IS in Europa zu organisieren. Er soll sich häufig in Rakka aufhalten. Die Stadt ist bekanntlich das Zentrum des IS. Vor den Anschlägen in Paris am 13. November letzten Jahres ist er mehrmals mit deren Drahtzieher Abdelhamid Abaaoud zusammengetroffen.“

Einige Augenblicke herrschte Stille im Raum. Nur das leise Rauschen des Autoverkehrs drang durch die geschlossenen Fenster.

„Kann der IS Anschläge in Berlin planen?“, fragte van Daalen dann. „Während der Fußballeuropameisterschaft etwa? Zum Beispiel auf der Fanmeile?“

„Bisher haben wir keine Hinweise in diese Richtung“, antwortete Schwart-Hertel. „Es gibt allerdings Mitteilungen aus Frankreich, dass sich mehrere Islamisten in der Bundesrepublik aufhalten und hier Anschläge planen. Der Generalbundesanwalt hat deshalb mehrere Ermittlungsverfahren eingeleitet. Näheres kann ich nicht sagen, da die Ermittlungen der höchsten Geheimhaltung.“ Sie hielt einige unscharfe Fotos in die Höhe. „Diese Bilder hat man uns aus Frankreich übermittelt. Sie zeigen El-Bahi beim Einchecken auf dem Flughafen Charles de Gaulle. Außerdem hat der DGSE eine Handynummer geschickt.“

„Auf den Bildern ist der Mann kaum zu erkennen“, krittelte Ostermann.

Van Daalen holte tief Luft. „Na, dann an die Arbeit“, befahl er. „Die Morgenlage brechen wir ab. Frau Doktor Schwart-Hertel, ermitteln Sie bitte, ob sich der Mann tatsächlich in Berlin aufhält. Herr Peikert, spüren Sie das Handy auf. Und Sie, Herr Ostermann, lassen El-Bahi observieren, sobald wir den Standort seines Handys festgestellt haben. Wir müssen wissen, wo er sich aufhält und mit wem er Kontakt aufnimmt. In einer Stunde treffen wir uns wieder hier.“

Die Angesprochenen nickten. Peikert notierte sich die Telefonnummer und machte sich schnurstracks auf den Weg zur G 10-Stelle, dem Bereich, in dem sich die Technik für die Telekommunikationsüberwachung befand. Er drückte der Leiterin der G 10-Stelle den Zettel mit der Telefonnummer in die Hand. „Frau Seiboldt, können Sie bitte dieses Handy orten lassen?“ Ein kurzes Kopfnicken, und schon saß seine Mitarbeiterin am Computer, um verschlüsselte Mails an die Netzbetreiber zu versenden. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

„Ja, das Handy ist in Berlin“, erklärte Erika Seiboldt. Peikert atmete auf, weil er so problemlos Auskunft erhalten hatte. Das war nicht selbstverständlich, da einige Netzbetreiber meinten, es wäre ihnen rechtlich untersagt, Auskunft zu erteilen. Erika Seiboldt deutete auf den Bildschirm und las Peikert die Mail des Netzbetreibers vor: „Gestern Abend ist um einundzwanzig Uhr achtundfünfzig mit dem Handy vom Flughafen Tegel aus telefoniert worden. Ein weiteres Gespräch ist um dreiundzwanzig Uhr vier nach Syrien geführt worden. Bei diesem Gespräch befand sich das Handy in der Funkzelle, deren Basisstation auf dem Funkturm liegt. Seitdem ist es nicht aktiv gewesen. Es befindet sich aber immer noch in derselben Funkzelle.“

„Wo genau?“

„Das kann der Netzbetreiber nicht sagen, weil das GPS ausgeschaltet ist. Eine terrestrische Peilung ist im Moment wegen technischer Probleme beim Netzbetreiber nicht möglich.“

Peikert schüttelte unwirsch den Kopf. „Dann dürfte es schwierig sein, das Handy zu lokalisieren.“ Er notierte sich die International Mobile Subscriber Identity, kurz IMSI, die der Identifizierung eines Netzteilnehmers diente. Auch die IMEI, die Seriennummer, anhand der ein Endgerät identifiziert werden konnte, schrieb er sich auf.

Der Funkturm. In seiner unmittelbaren Umgebung lagen die Messehallen, das Internationale Congress Centrum und der Zentrale Omnibusbahnhof. Drei potenzielle Anschlagziele. Peikert zog hörbar die Luft ein. Das Internationale Congress Centrum stand weitgehend leer. Er erinnerte sich, dass vor einiger Zeit in einen Teilbereich Flüchtlinge eingezogen waren. Ob zurzeit eine Messe in den Hallen rund um den Funkturm stattfand, wusste er nicht. Aber der Omnibusbahnhof. Viele Menschen, keine Kontrollen, kein Überblick über das Geschehen. Hatten Islamisten nicht schon öfter Verkehrsmittel als Anschlagziele genutzt? Die Eisenbahnzüge in Madrid. Die U-Bahnen in London und Brüssel.

Er rief einen seiner Techniker und erklärte ihm die Situation. „Ich muss wissen, wo genau sich dieses Handy jetzt befindet. Wie können wir den genauen Standort feststellen?“

Der Techniker dachte einen Moment nach. „Wir könnten mit einem Auto die Gegend abfahren, stille SMS versenden und jeweils die Signalstärke und Richtung messen.“ Einen Moment zögerte der Mann. „Aber dürfen wir solche Messungen überhaupt vornehmen? Das haben wir noch nie getan. Sonst haben wir die Daten immer von den Netzbetreibern erhalten.“

Peikert hob unwillig die Schultern. „Wir machen das jetzt so! Ich prüfe die Rechtslage später. Bereiten Sie alles vor. Um neun Uhr ist noch einmal Lage beim Chef. Danach fahren wir los.“

Um Punkt neun Uhr saßen Peikert, Schwart-Hertel und Ostermann wieder bei van Daalen.

„Auf den Namen El-Bahi war gestern Abend ein Flug bei der Air France gebucht“, sagte Schwart-Hertel. „Die Maschine traf um einundzwanzig Uhr vierzig in Tegel ein. Ich habe bereits einen Mitarbeiter zum Flughafen geschickt, um die Aufzeichnungen aus den Überwachungskameras sicherzustellen.“

Danach schilderte Peikert, was er erfahren hatte und was er vorhatte.

Anschließend war Ostermann an der Reihe. „Ich schicke sofort einen Observationstrupp zum Funkturm“, erklärte er. „Sobald ich von Herrn Peikert die genauen Koordinaten erfahre, werden wir versuchen, El-Bahi aufzunehmen.“

„Gut.“ Van Daalen erhob sich. „Halten Sie mich weiter auf dem Laufenden“, verabschiedete er seine Mitarbeiter.

Peikert eilte zur Tiefgarage, wo der Techniker bereits einen Dienstwagen vorbereitet hatte. Ein Laptop, an dem eine Antenne mit einem kreisrunden Rahmen angeschlossen war, lag auf der Rückbank. Peikert setzte sich ans Steuer und startete den Wagen. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie der Techniker den Rechner ergriff und hochfuhr. Quälend lang kam ihm die Fahrt zum Funkturm vor. Dichter Verkehr und rote Ampeln ließen den Dienstwagen immer wieder stoppen. Selbst auf dem breiten Kaiserdamm ging es nur langsam voran.

„Wie sollen wir vorgehen?“, fragte Peikert.

„Wir fahren um den Funkturm herum. Messedamm. Jafféstraße, Heerstraße, Masurenallee. In jeder dieser Straßen machen wir eine Messung.“

„Na, dann los“, sagte Peikert und setzte den Blinker.

Die erste Messung fand an der Ecke Messedamm Jafféstraße statt. Der Techniker hielt die Antenne in die Höhe und drehte sie langsam um die eigene Achse. Seine Miene war konzentriert. Peikert fuhr an den Straßenrand und schaute neugierig auf den Bildschirm. Dort sah er bunte Amplituden auf und ab zucken. „Und?“, fragte er erwartungsvoll.

„Hm, ich kann noch nichts sagen. Wir brauchen Vergleichsmessungen.“ Als Nächstes maßen sie an der Einmündung der Jafféstraße in die Heerstraße die Signale.

„Hier ist das Signal schwächer.“

Also weiter. Nächste Messung am Theodor-Heuss-Platz.

„Hier wird es stärker“, stellte der Techniker fest. „Das Signal kommt aus Richtung des Omnibusbahnhofs.“

Peikert fädelte sich wieder in den Verkehr ein. Weiter ging es zur Kreuzung Messedamm und Masurenallee. Da meldete sich Peikerts Krypthohandy.

„Hier Ostermann. Haben Sie El-Bahi geortet? Meine Leute stehen bereit, um ihn aufzunehmen.“

„Einen Moment noch. Wir sind gleich soweit.“

Sie erreichten die große, vielbefahrene Kreuzung, an die der Zentrale Omnibusbahnhof grenzte.

„Hier muss es irgendwo sein“, sagte der Techniker, „ganz in der Nähe.“

Peikert stoppte und blickte sich um. Am Rande des Omnibusbahnhofs standen niedrige Gebäude mit Warteräumen, Ticketschaltern und Geschäften. Peikert sah etliche Busspuren, an denen sich die Busse hintereinander und nebeneinander aufreihten. Andere kreisten über den Platz. Menschen warteten in Trauben an den Haltestellen oder hasteten zwischen den Bussen hindurch. Peikert seufzte. Wie sollten die Observanten hier El-Bahi erkennen?

„Am besten, wir fahren mitten auf den Busbahnhof und messen dort noch einmal“, schlug der Techniker vor.

Peikert nickte schweigend. Kurzerhand fuhr er den Dienstwagen so zwischen die Busse, dass er von den Reisenden schwierig zu entdecken war.

„Was ist denn das?“ Der Techniker hantierte hektisch an seinem Laptop herum. „Das Signal ist nur noch ganz schwach.“

„Kann es sein, dass die Busse den Empfang stören?“, fragte Peikert. „Möglich. Ich probier’s noch mal.“

Da meldete sich Peikerts Kryptohandy wieder. Erika Seiboldt aus der G 10-Stelle war am Apparat. „Der Netzbetreiber hat gerade mitgeteilt, dass sich das gesuchte Handy in einer anderen Funkzelle eingeloggt hat. Es befindet sich jetzt weiter südlich.“

„Kein Wunder, dass ich keinen Empfang mehr habe“, brummte der Techniker. „Und nun?“

„Keine Ahnung.“ Peikert zog die Stin kraus und dachte laut nach: „Wenn sich das Handy die ganze Nacht über nicht bewegt hat, muss El-Bahi hier übernachtet haben.“

„Da drüben ist das Ibis-Hotel.“ Der Techniker deutete auf das Gebäude. „Wahrscheinlich hat er dort übernachtet.“

Peikert nickte. „Ich frage mal an der Rezeption.“ Er parkte den Wagen vor dem Hoteleingang und stieg aus. Unterwegs ließ er sich von Schwart-Hertel ein Bild von El-Bahi auf sein Handy schicken. Im Zickzack schlängelte er sich durch die Hotelgäste in der Lobby. Der Concierge war gerade bemüht, einem älteren, englisch sprechenden Paar zu erklären, wie es zur Museumsinsel gelangen konnte.

Wieder meldete sich Peikerts Handy. „Was ist denn nun?“, fragte Ostermann. „Wo ist El-Bahi?“

„Wahrscheinlich hat er im Hotel am Omnibusbahnhof übernachtet. Ich frage gerade nach.“

Peikert drängte sich an den Touristen vorbei und hielt dem Concierge seinen Dienstausweis und sein Handy mit dem Bild El-Bahis unter die Nase. „Hat dieser Mann hier übernachtet? Sein Name ist vermutlich Hakim El-Bahi.“ Der Concierge war sichtlich erschrocken. Sicher zog er aus dem arabisch klingenden Namen und dem Dienstausweis Peikerts seine Schlüsse. Er tippte am Computer herum, während Peikert sich mit den Ellenbogen auf den Tresen stützte.

„Ja, ein Herr Hakim El-Bahi hat vor einer Stunde ausgecheckt. Jetzt erinnere ich mich. Er hat einen Herrn in der Lobby getroffen und mit ihm das Hotel verlassen.“

„Hatte er Gepäck dabei?“, erkundigte sich Peikert.

„Ja, einen Rollkoffer.“

„Ist Ihnen an dem Rollkoffer etwas aufgefallen?“

„Nein…“ Der Concierge runzelte die Stirn. „Meinen Sie, da war eine Bombe drin?“

Peikert antwortete nicht.

„Wir haben in der Lobby eine Überwachungskamera“, fuhr der Concierge fort.

„Das ist gut“, nickte Peikert. „Dann geben Sie mir bitte die Aufzeichnungen.“

Der Hotelangestellte verschwand in einem hinter der Rezeption liegenden Raum. Peikerts Handy meldete sich erneut „El-Bahi ist jetzt in Dreilinden geortet worden“, meldete Erika Seiboldt.

Dann ist er vermutlich auf der Autobahn, überlegte Peikert. Wahrscheinlich in einem Linienbus.

Es dauerte nicht lange, bis er die gewünschte CD mit den Aufnahmen der Überwachungskamera in Händen hielt. Sein nächster Weg führte Peikert zum Ticketschalter des Busbahnhofs. Als er der Verkäuferin das Foto von El-Bahi zeigte, erinnerte sie sich nach einigem Überlegen: „Ja, der Herr wollte nach Leipzig, er hat zwei Fahrkarten gekauft.“

Peikert rief Ostermann an und erklärte ihm die Situation. „Der Bus ist vor zwanzig Minuten abgefahren.“

„Scheiße“, war der einzige Kommentar Ostermanns. „Ich werde die sächsischen Kollegen informieren.“

Peikerts nächster Anruf galt Schwart-Hertel. Seine Kollegin reagierte kontrolliert: „Wir müssen sichergehen, dass die beiden keine Bombe auf dem Zentralen Omnibusbahnhof abgelegt haben“, sagte sie nach kurzem Nachdenken. „Erkennen Sie irgendwo alleinstehende Koffer oder Taschen?“

Peikert sah ein Gewirr von Reisegepäck. „Es herrscht zu viel Getümmel, als dass ich herrenlose Gepäckstücke erkennen könnte.“

„Dann ist das jetzt ein Fall für die Polizei“, bestimmte Schwart-Hertel. „Kommen Sie bitte zurück. Ich brauche dringend die Kameraaufzeichnungen aus dem Hotel. Ich will wissen, wer der zweite Mann ist.“

Gegen Mittag saß Peikert in Schwart-Hertels Büro. „Und? Konnte der Begleiter El-Bahis inzwischen identifiziert werden?“, fragte er. Sofort nach seiner Rückkehr vom Busbahnhof hatte er der Kollegin die CD gegeben, die inzwischen ausgewertet und mit den Bilddateien des Verfassungsschutzes abgeglichen worden war.

Schwart-Hertel nickte. „Er heißt Fahed Brahini, ein Berliner Islamist. Der Mann ist nicht in der Antiterrordatei erfasst und auch nicht als Gefährder eingestuft. Ich kann mich allerdings daran erinnern, dass der Name hin und wieder von meinen Mitarbeitern genannt wurde. Zurzeit wird seine Personenakte ausgewertet.“

„Dann haben wir ja bald weitere Einzelheiten“, sagte Peikert. „Hat Herr Ostermann schon mit den Kollegen in Sachsen gesprochen?“

„Ja. Die dortigen Observanten fahren dem Bus entgegen und beobachten ihn. Wir…“

Ein Mitarbeiter betrat eilig das Büro. „Die Polizei hat den Busbahnhof geräumt“, berichtete er. „Sprengstoffspürhunde sind vor Ort. Bisher ist nichts Verdächtiges festgestellt worden.“

„Das ist gut. Ich gehe eigentlich nicht davon aus, dass die beiden Männer einen Anschlag auf dem Omnibusbahnhof verüben wollten“, sinnierte Schwart-Hertel. „Viel eher glaube ich, dass sie Planer sind. Nach dem, was uns der DGSE mitgeteilt hat, zieht El-Bahi die Fäden im Hintergrund. Trotzdem ist es richtig, dass der Busbahnhof durchsucht wird.“

„Aber was planen sie?“, fragte Peikert. „Einen Bombenschlag? Im Zusammenhang mit der Fußballeuropameisterschaft?“

„Möglich“, antwortete Schwart-Hertel.

„Und wenn ja, wo? In Paris? In Berlin? Auf der Fanmeile? Oder woanders?“ Peikert stieß hörbar die Luft aus.

Schwart-Hertel zuckte mit den Schultern „Und ich frage mich, warum sie gerade nach Leipzig gefahren sind. Wir müssen sehr aufmerksam sein.“

2

Mittwoch, 18. Mai 2016

Jogi Löw hatte gestern endlich den EM-Kader festgelegt. Das war die Nachricht des Tages, die Peikert am frühen Morgen in den Online-News las. Es waren zum großen Teil die Spieler der letzten Weltmeisterschaft. Ob Bastian Schweinsteiger und Mats Hummels bis zum ersten Gruppenspiel am 12. Juni fit sein würden, fragten sich die Journalisten. Peikert hatte keine Zeit für solche Mutmaßungen, er musste sich auf die bevorstehende Morgenlage konzentrieren.Van Daalen thronte mit gerunzelter Stirn auf seinem Stammplatz am Kopf des Besprechungstisches. Auf seinen roten Wangen traten die Äderchen deutlich hervor, ein untrügliches Zeichen, dass der Chef des Berliner Verfassungsschutzes angespannt war. Kaum hatte Peikert sich niedergelassen, sagte van Daalen zu ihm: „Bleiben Sie bitte nach der Morgenlage noch einen Moment hier. Ich habe mit den Herren Dickhoff und Hubert etwas zu besprechen. Als Vorgesetzter von Herrn Hubert sollten Sie dabei sein.“

Peikert, der gespannt war, was Schwart-Hertel über die beiden Verdächtigen in Leipzig zu berichten hatte, nickte nur flüchtig.

Schwart-Hertel trug heute einen hellgrauen Hosenanzug, dazu einen weißen Pulli. Eine dezente Silberkette schmückte ihren Hals. „Wie ich von den sächsischen Kollegen erfahren habe“, begann sie, „haben El-Bahi und Brahini in einem Hotel in Leipzig übernachtet. Sie haben heute sehr früh am Morgen ausgecheckt und nach dem Weg zum Hauptbahnhof gefragt. Wo sie sich augenblicklich aufhalten, konnte ich bisher nicht erfahren.“

„Und gibt es inzwischen Genaueres über Fahed Brahini?“, hakte Peikert nach.

Schwart-Hertel warf ihm einen kurzen Blick zu. „Dazu möchte ich mich noch nicht äußern, sondern erst die abschließende Auswertung der Personenakte abwarten.“

Peikert zog fragend die Augenbrauen hoch, doch seine Kollegin beachtete ihn nicht.

„Der Abgleich der vom DGSE übersandten Fotos El-Bahis mit den bei uns vorhandenen Bilddateien hat bisher keine Übereinstimmungen ergeben“, fuhr sie fort. „Ich hoffe, dass ich morgen Näheres sagen kann.“

Nach Ende der Morgenlage blieb Peikert in seinem Besprechungsstuhl sitzen. Nachdem der letzte Teilnehmer die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte van Daalen: „Herr Dickhoff hat mich gestern Abend zu Hause angerufen. Er hat von Pinocchio eine Information erhalten, wonach ein leitender Beamter der Senatsverwaltung für Inneres in Verbindung zum FD stehen soll.“

Manfred Dickhoff, ein Mitarbeiter in Schwart-Hertels Abteilung, war V-Mannführer eines V-Manns namens Pinocchio, der Informationen über eine Organisation beschaffen sollte, die sich Friendship Department nannte. Das FD, wie die Gruppe im Sprachjargon der Sicherheitsbehörden hieß, war eine kleine, linksextremistische Vereinigung. Sie stand im Verdacht, etliche politisch motivierte Straftaten begangen zu haben. Mehrere Brandanschläge auf Autos Berliner Politiker, Schmierereien an Hauswänden von Parteibüros und eingeschlagene Fensterschreiben in Behördengebäuden rechneten die Sicherheitsbehörden ihr zu. Nachweisen konnte man ihren Mitgliedern die Straftaten allerdings nicht.

„Ich weiß noch nichts Näheres“, fuhr van Daalen fort, „weil Herr Dickhoff über die ungeschützte Leitung zu mir nach Hause angerufen hat und deshalb nicht konkreter werden wollte.“ Er blickte Peikert einen Moment intensiv an, stützte dann seinen Arm auf die Sessellehne und rieb sich das Kinn.

Peikert sagte nichts. Ein flaues Gefühl stieg aus seinem Magen auf. Um ihm zu begegnen, lehnte er sich im Stuhl zurück und streckte die übergeschlagenen Beine lang unter dem Tisch aus. Durch die massive Tür zum Vorzimmer war jetzt Gemurmel zu vernehmen. Die Türklinke wurde von außen niedergedrückt, der Kopf der Chefsekretärin erschien in dem sich öffnenden Spalt: „Herr van Daalen, die beiden Herren sind da.“

Mit einem Ruck flog die Tür auf, und der gewichtige Dickhoff schob sich ins Zimmer. „Guten Morgen.“ Die Wangen aufgeblasen, die Nase rot, das Sakko offen, die Krawatte schief auf dem vorstehenden Bauch, umrundete er den Besprechungstisch und ließ sich in den schweren Stuhl vor dem Fenster fallen.

Hinter ihm betrat Hubert den Raum, der in Peikerts Abteilung für operative Grundsatzangelegenheiten zuständig war. „Morgen allerseits“, grüßte er jovial und lugte durch seine Goldrandbrille in die Runde. Durch seine Blicke vermittelte er stets den Eindruck, mehr zu wissen als alle anderen und seiner Umgebung signalisieren zu wollen, dass er die Dinge im Griff habe. Peikert irritierte diese Eigenschaft, da er nie wusste, ob Hubert wirklich mehr wusste oder nur so tat. Manchmal unterstrich Hubert seinen wissenden Blick noch durch ebenso wissende Bemerkungen, die Peikert erst recht nervös machten. Huberts Aufgabe war es in erster Linie, operative Maßnahmen des Verfassungsschutzes auf Schlüssigkeit und Realisierbarkeit zu prüfen. Er musste die Legenden von V-Leuten auf Plausibilität bewerten, Gutachten über ihre Vertrauenswürdigkeit abgeben, die Planung von Observationen überwachen und die Einrichtung konspirativer Wohnungen darauf prüfen, ob sie überzeugend und echt wirkten. Er fand stets den wunden Punkt operativer Einsätze. Seine Ratschläge waren in der Regel einfach, aber wirkungsvoll. Oft ging es um Kleinigkeiten, die aber große Wirkung haben konnten. So bestand er darauf, dass in konspirativen Wohnungen morgens die Jalousien hoch und abends wieder herabgelassen wurden, das Licht ein- und ausgeschaltet wurde und die Fenster ab und zu geöffnet wurden, damit die Wohnungen bewohnt aussahen. In die Luft war er einmal gegangen, als er erfahren hatte, dass die Mitarbeiter der Observationsgruppe regelmäßig mit dem einzigen Porsche des Amtes in Friedrichshain herumgekurvt waren, nur um, wie Hubert sich ausdrückte, die Vibration vieler PS unter dem Hintern zu spüren. Natürlich hatte die Szene den Wagen sehr schnell zuordnen können mit der Folge, dass Observationen, an denen der Porsche beteiligt war, regelmäßig ins Leere gegangen waren.

„Also, was gibt es?“, wandte sich van Daalen an Dickhoff.

„Pinocchio hat bei einer Lichtbildvorlage einen hohen Senatsbeamten identifiziert, der möglicherweise in Verbindung mit dem FD steht“, begann Dickhoff. „Es handelt sich um Peter Beckmann, Senatsrat und Leiter des Referats Grundsatzangelegenheiten der Inneren Sicherheit bei der Senatsverwaltung für Inneres.“

„Ach du Himmel. Was hat der denn mit dem FD zu schaffen. Berichten Sie“, forderte der Amtsleiter Dickhoff mit einer Handbewegung auf.

„Pinocchio hat den Auftrag, Informationen über das FD zu beschaffen“, begann Dickhoff. „Vor ungefähr einer Woche war er bei Dirk Schlath, der Führungsfigur des FD in Berlin, am Sitz der Organisation in der Steglitzer Schloßstraße. Da kann man monatsweise möblierte Büros mieten. Seit ungefähr zwei Monaten hat das FD dort einen Raum, das wissen wir durch Pinocchio. Es ist eine gute Tarnung, da man nicht vermuten würde, dass eine linksextremistische Organisation in einem Bürogebäude unterkommt, in dem Anwälte, Steuerberater und Startups ihren Sitz haben. Im selben Gebäude befindet sich auch die Geschäftsstelle des Verbands für Familienhilfe.“

„Ja und?“, unterbrach Peikert seinen Kollegen ungeduldig. „Was hat dieser Verband mit dem FD zu tun?“

„Lassen Sie mich ausreden“, entgegnete Dickhoff leicht gereizt. „Peter Beckmann ist Vorsitzender des Verbandes.“

„Ach so.“ Peikert rückte in seinem Stuhl vor.

„Also. Pinocchio und Schlath betraten das Gebäude, da begegneten ihnen zwei Männer. Einer der beiden sagte im Vorbeigehen zu Schlath: ‚Alles klar. Ich besorge die Informationen von der Polizei.‘ Daraufhin sagte Schlath zu Pinocchio: ‚Das war Peter Beckmann, ein hohes Tier bei der Senatsverwaltung für Inneres.‘ Bei unserem nächsten Treffen, also gestern, habe ich Pinocchio Fotos aus einer Kameraobservation des Gebäudes vorgelegt.“ „Und?“, fragte Hubert.

„Er hat den dort abgebildeten Mann eindeutig als denjenigen identifiziert, dem er in der Schloßstraße begegnet ist. Und dieser Mann war Peter Beckmann.“

„Sicher?“ fragte van Daalen.

„Ganz sicher.“ Dickhoff schilderte, wie er die Lichtbildvorlage vorgenommen hatte und welche Kontrollmechanismen er eingebaut hatte, um den Wahrheitsgehalt Pinocchios Aussagen zu überprüfen.

„Observationsaufnahmen?“, fragte Peikert. „Was ist das für eine Kameraobservation, aus der Sie Pinocchio aufnahmen vorgelegt haben?“

„Die Observationsgruppe hat gegenüber dem FD-Stützpunkt einen Container aufgebaut, aus dem heraus das Gebäude kameraüberwacht wird“, erklärte Dickhoff, und weil van Daalen ihn fragend anschaute, erläuterte er: „Es handelt sich um einen Pkw-Anhänger, der rundum mit Reklametafeln bestückt ist. Er fällt nicht auf, weil mehrere solcher Anhänger in der Schloßstraße herumstehen. In unserem ist eine Kamera installiert, mit der wir den FD-Stützpunkt rund um die Uhr observieren.“

„Dann werden also alle erfasst, die in dem Gebäude ein- und ausgehen?“, fragte Peikert mit gerunzelter Stirn.

Dickhoff zuckte die Schultern, während Peikert besorgt den Kopf schüttelte.

„Ihre Geschichte hört sich aber gar nicht gut an, Herr Dickhoff“, mischte sich van Daalen ein.

„Das meine ich auch“, nickte Dickhoff.

„Wer ist der zweite Mann, dem Pinocchio begegnet ist?“, wollte Hubert wissen.

Dickhoff zuckte die Achseln. „Wir kennen ihn nicht.“

„Hm. Beckmann?“, murmelte van Daalen und knetete nachdenklich sein glattrasiertes Kinn, „Peter Beckmann soll etwas mit dem FD zu schaffen haben?“

„Wer ist denn dieser Beckmann?“ wollte Peikert wissen. „Den Namen kenne ich nur vom Hörensagen.“

„Beckmann hat als Leiter des Grundsatzreferats in der Sicherheitsabteilung der Innenverwaltung eine wichtige Funktion. Er soll ein ziemlich gespanntes Verhältnis zu Innensenator Helmbach haben, weil er in fachlichen Dingen oft anderer Auffassung ist als sein Chef. Ich habe Helmbach manchmal sehr wütend auf Beckmann reagieren sehen. Außerdem ist er Mitglied einer Oppositionspartei. Auch wegen unterschiedlicher politischer Auffassungen kommt es häufig zu Streitereien zwischen ihm und Helmbach. Einen Namen hat sich Beckmann als Vorsitzender des Verbands für Familienhilfe gemacht. Weil er in dieser Funktion hoch angesehen ist, ist er für Helmbach unangreifbar.“ Van Daalen hielt einen Moment inne. Dann fuhr er fort: „Aber was soll der Verband mit dem FD zu schaffen haben?“

Jetzt kam Peikert die Erinnerung. Der VFH, wie der Verband allgemein abgekürzt wurde, half Menschen, die durch den Verlust ihrer Arbeit, durch Krankheit oder aber auch auf andere Weise in eine Notsituation geraten waren. In letzter Zeit hatte der Verein mit großem Engagement in der Flüchtlingshilfe mitgewirkt.

„Kann der Verband eine Tarnorganisation des FD sein?“, wollte van Daalen wissen.

„Bisher haben wir keine Erkenntnisse in diese Richtung“, sagte Dickhoff. „Da der Verband so hoch angesehen ist, haben wir es nicht gewagt, Nachforschungen über ihn anzustellen.“

Van Daalen wiegte den Kopf: „Sollte es tatsächlich eine Verbindung zwischen dem FD und dem Verband geben, wäre das für die Sicherheitslage in Berlin fatal, und Helmbach käme in Bedrängnis.“

„Sehr konspirativ ist das Verhalten von Beckmann aber nicht, wenn er in Anwesenheit Dritter eine solche Bemerkung macht“, warf Hubert ein.

Einen Moment schwiegen die drei. Dann fragte Hubert unvermittelt: „Wie zuverlässig schätzt du den V-Mann ein?“

„Pinocchio ist absolut zuverlässig“, antwortete Dickhoff ohne Zögern. Hubert schüttelte unwirsch den Kopf. „Das klingt mir etwas zu apodiktisch.“

„Pinocchio arbeitet seit einem guten halben Jahr für uns“, erklärte Dickhoff. „Ich habe ihn in der Zeit recht gut kennen gelernt.“ Dickhoff zog ein Foto aus seiner Jackentasche, legte es auf den Tisch und tippte mit dem Finger darauf. „Das ist er.“

Peikert und van Daalen beugten sich neugierig vor. Das Foto zeigte einen ungefähr dreißigjährigen, hageren Mann mit blonden, schulterlangen Haaren und knochigen Gesichtszügen. Plötzlich wusste Peikert, wie der V-Mann zu seinem Tarnnamen gekommen war: Seine Nase stach lang und spitz aus dem Gesicht hervor. Wie die von Pinocchio. Der Mann sah jedenfalls nicht unsympathisch aus.

„Hab’ ich’s doch geahnt“, rief Hubert plötzlich, sprang auf und schnappte sich das Foto über den Tisch hinweg. „Den kenne ich, das ist ein Selbstanbieter.“

Peikert fiel auf, dass Dickhoff unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschte.

„Das ist schon einige Monate her“, erzählte Hubert. „Eines Tages rief mich der Pförtner an: Da sei ein Besucher, der einen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes zu sprechen wünsche. Ich ging also runter um zu hören, was der Typ wollte. Und der hat ohne Umschweife erklärt, für den Verfassungsschutz arbeiten zu wollen. Ich war ziemlich perplex deswegen und wollte ihn barsch damit abfertigen, dass der Verfassungsschutz sich seine informellen Mitarbeiter selbst aussucht.“

„Aber… ?“, fragte van Daalen.

„Dann dachte ich, dass auch ein Nachrichtendienst bürgerfreundlich handeln sollte. Ich habe mich höflich für das Angebot bedankt und gesagt, man werde es prüfen.“ Hubert hatte einen kurzen Bericht über die Begegnung verfasst und ihn an die zuständige Abteilung weitergegeben, allerdings nicht in der Absicht, den Mann als Spitzel zu werben, sondern nur, um sicherheitshalber seine Personalien darauf abzuklären, ob er dem Verfassungsschutz bekannt war.

„Was hat denn die Überprüfung dieser Type ergeben?“, wollte Hubert wissen.

„Er hat Politologie studiert“, sagte Dickhoff, „das Studium allerdings abgebrochen. Seitdem arbeitet er als freier Journalist, überwiegend für Stadtmagazine. Bei uns lagen keine Erkenntnisse über den Mann vor. Bei der Polizei gab es lediglich eine Eintragung wegen Schwarzfahrens. Die hielt ich nicht für relevant. Er sollte sich doch nur umhören.“

„Und da hast du den Mann ohne intensive Abklärung eingesetzt?“, brauste Hubert auf. „Was bist du für eine Pappnase.“

„Das war die Zeit, als die Anschläge des FD begannen. Ich stand unter Druck,“ verteidigte sich Dickhoff, inzwischen hochrot im Gesicht. „Da musste ich schnell handeln. Immerhin hat Pinocchio Beckmann identifiziert. Und er hat uns den Sitz der Organisation mitgeteilt. Das kannst du nicht bestreiten. In den letzten Wochen haben wir durch ihn einige interessante Informationen über die Arbeit des FD erhalten, an die wir auf andere Weise nicht herangekommen wären. Zum Beispiel, dass das FD jetzt auch in der Flüchtlingshilfe mitmischt und Flüchtlinge dazu aufstachelt, ihre Registrierung zu sabotieren.“

Peikert horchte auf, denn diese Information war ihm neu. „Was machen sie denn da?“

„Sie verteilen Flugblätter. Auf Englisch, Paschtu und Arabisch. Darin heißt es, die Flüchtlinge sollen ihre Pässe wegwerfen, gegenüber den Behörden falsche Angaben machen und in den Behördenräumen randalieren.“

„Woher willst du wissen, dass Pinocchio nicht auf uns angesetzt ist und uns Spielmaterial zuschanzt?“, unterbrach Hubert die Erklärungen seines Kollegen.

„Man merkt schon, ob Informationen seriös sind. Man entwickelt ein Gefühl dafür, das solltest du eigentlich wissen.“

„Du solltest deinen Verstand einsetzen und nicht dein Gefühl“, blaffte Hubert.

„Meine Herren, beruhigen Sie sich bitte.“ Van Daalen hob die Hände: „Herr Dickhoff, ich finde es äußerst bedenklich, wenn Sie V-Leute einsetzen, ohne sie vorher ausreichend abzuklären. Und ohne mich zu informieren. Sie wissen doch, wie sensibel der Einsatz von V-Leuten ist. Ich sage nur: NSU. Solche Eigenmächtigkeiten wünsche ich nicht!“

Peikert sah deutlich, wie Dickhoff schluckte. „Was war denn Pinocchios Motivation, für uns zu arbeiten?“, fragte er.

Dickhoff druckste. „Er sagte, dass er das FD für gefährlich hält und er durch seine Informationen dazu beitragen will, die Gruppierung zu bekämpfen.“

„So ein Quatsch“, fuhr Hubert auf. „Das sind doch vorgeschobene Gründe.“

„Wie können Sie mir garantieren, dass Pinocchio nicht vom FD eingeschleust worden ist?“, fuhr van Daalen, wieder etwas ruhiger, fort.

Dickhoff zögerte.

„Jetzt weißt du nicht, was du sagen sollst, du Pappnase“, triumphierte Hubert.

Dickhoff starrte auf seine großen, rundlichen Hände und schwieg.

„Wir müssen unbedingt mehr über Beckmann und seine möglichen Verbindungen zum FD wissen“, sagte van Daalen. „Herr Dickhoff, befragen Sie Ihren V-Mann noch einmal ganz genau zu Beckmann. Dann werde ich entscheiden, wie wir weiter verfahren. Aber seien Sie auf der Hut. Ich werde noch heute Innensenator Helmbach über den Vorfall unterrichten. Er muss wissen, wenn wir uns mit einem seiner Mitarbeiter befassen.“

Van Daalen erhob sich, ein deutliches Zeichen, dass die Unterredung beendet war. Dickhoff stieß seinen Stuhl zurück und stürmte mit puterrotem Gesicht aus dem Zimmer.

Gegen elf Uhr machte sich Peikert auf den Weg zum nächsten Starbucks, das nur einige Querstraßen weiter gelegen war. Dort ging er regelmäßig hin, wenn er ein paar Minuten Ruhe brauchte. Bei einem guten Kaffee ließ es sich besser über dienstliche Probleme nachdenken. Heute war Pinocchio das Problem.

Ach nein, dachte er, als er das Starbucks betrat. Der schon wieder. Hubert stand am Tresen und ließ sich gerade einen Becher reichen. Peikert klopfte ihm von hinten auf die Schulter, sodass Hubert erschrocken zusammenzuckte.

„Sie haben’s dem Dickhoff vorhin ja ganz schön gegeben“, sagte Peikert, und zu dem Mädchen hinter der Theke: „Einen Iced Americano.“ Er kramte in seinem Portemonnaie nach Kleingeld.

„Ach, der Manfred hat mich genervt“, brummte Hubert und blies mit unwilliger Miene auf seinen dampfenden Kaffee. „Diese Pappnase. Setzt einen V-Mann ohne ausreichende Abklärung ein.“

Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster. Peikert saugte an einem grünen Strohhalm, den er farblich unpassend zu dem braunen Iced Americano fand. „Was halten Sie von Pinocchio? Ist er ein Maulwurf?“ Peikert schätzte die Meinung seines Mitarbeiters, denn der war ein erfahrener Verfassungsschützer.

„Ich halte nicht viel von Selbstanbietern“, erklärte Hubert jetzt. „Bei denen weiß man nie, woran man ist. Und ich halte schon gar nichts davon, einen V-Mann ohne ausreichende Überprüfung einzusetzen.“ Hubert trank einen Schluck und setzte den Becher auf die Tischplatte. „Andererseits hatte ich damals keinen schlechten Eindruck von Pinocchio. Er wirkte intelligent und konnte sich gewandt ausdrücken.“

„Wenn das FD staatliche Maßnahmen sabotieren will, kann denen doch nichts Besseres geschehen, als uns einen V-Mann unterzuschieben, der uns mit falschen Informationen versorgt.“

„Das stimmt.“ Hubert drehte nachdenklich seine Kaffeetasse in der Hand.

Die beiden Verfassungsschützer starrten eine Weile schweigend vor sich hin. Peikert saugte intensiv an den Resten seines Getränks und verursachte dabei ein lautes schlürfendes Geräusch. „Es ist ein Scheißgefühl, nicht zu wissen, woran man ist.“

„Hm“, brummte Hubert.

„Van Daalen gerät ganz schön unter Druck“, sinnierte Peikert weiter. Hubert nickte nachdenklich. „Das glaube ich auch.“ Mit einem Ruckstand er auf. „Ich muss dann mal wieder los.“

Peikert blieb auf seinem Stuhl sitzen, und seine nachdenklichen Blicke folgten Hubert hinaus auf die Straße. Pinocchio ließ ihn nicht los. Er kannte solche Situationen, und er hasste sie. Es war immer dasselbe: Man erhielt Informationen, von denen man nicht wusste, was von ihnen zu halten war, wie sie einzuordnen waren, ob der Informationsgeber sie richtig übermittelt hatte, ob der Kommunikationsweg zuverlässig war und vor allem, wie man mit ihnen umgehen sollte. Es gab keine fertigen Strategien, die man anwenden und auf die man sich verlassen konnte. Man saß da, grübelte, diskutierte, plante, verwarf die Pläne, überlegte und plante neu. Es war nicht wie in den Spionagethrillern von le Carré, Clancy oder Forsythe, die einem eine Welt der Geheimdienste vorgaukelten, die mit der Realität nichts zu tun hatte. Die Handlung in den Schmökern lief ab wie das perfekte Schachspiel eines Großmeisters, der von Anfang an das Spiel beherrschte, jeden Zug plante, jede Reaktion des Gegners vorhersah, darauf reagierte und zu Beginn des Spiels schon wusste, nach wie vielen Zügen er den Gegner schachmatt gesetzt haben würde. In der Realität wurde ein Zug gesetzt, dann wurde abgewartet, wie der Gegner reagierte, anschließend wurde überlegt, wie der nächste Zug aussehen würde. Jetzt war Dickhoff am Zug, er musste Pinocchio befragen. Dann musste entschieden werden, wie es mit dem V-Mann weiter gehen sollte. Solche Situationen zerrten an den Nerven.

Peikert seufzte und machte sich auf den Weg zurück ins Amt.

Wie jeden Mittwoch, versammelten sich auch heute um vierzehn Uhr die Referatsleiter aus Peikerts Abteilung bei ihrem Chef, um sich gegenseitig über ihre laufenden Vorgänge zu unterrichten, Peikerts Arbeitsaufträge entgegen zu nehmen oder über die Sicherheitslage zu beraten. Auch Peikerts Sekretärin Birgit Waldmann nahm an den Runden teil. Ihre Aufgabe war die sogernannte Vorgangskontrolle. Sie notierte sich, welchem Mitarbeiter welche Aufgaben zugewiesen wurden und bis wann die Aufträge zu erledigen waren. Lag die Akte zum angegebenen Datum nicht vor, hakte sie unerbittlich nach. Damit machte sie sich zwar bei Peikerts Mitarbeitern nicht sonderlich beliebt, ihr Chef dagegen schätzte ihre Zuverlässigkeit ungemein.

Peikert forderte seine Mitarbeiter reihum auf, zu berichten.

„Der Chef bittet Sie, ihn heute Abend zum Innensenator zu begleiten“, sagte Birgit Waldmann, als sie an der Reihe war, „Herr Helmbach ist ab zwanzig Uhr beim Sicherheitsstammtisch. Der findet heute in der Julius-Leber-Kaserne statt. Dort sollen Sie ihn treffen. Außerdem hat Ihre Frau angerufen. Sie bittet um Rückruf.“ Während die Referatsleiter bei den letzten Worten verstohlen grinsten, stöhnte Peikert innerlich, als er hörte, wie sein restlicher Tag verlaufen würde. Nicht nur, dass er keinen vernünftigen Grund erkennen konnte, warum gerade er den Verfassungsschutzchef begleiten sollte, empfand er auch die späte Uhrzeit des Gespräches als Zumutung. Aber so standen die Dinge nun einmal. Aus irgendeinem Grund wünschte van Daalen bei Gesprächen mit Helmbach die Begleitung Peikerts. Vielleicht deshalb, weil sich der Verfassungsschutzchef in seiner Gesellschaft sicherer gegenüber Helmbach fühlte. Der Innensenator war, wie van Daalen und er Jurist, und sogar ein sehr scharfsinniger. Zwei Juristen des Verfassungsschutzes hatten einen etwas besseren Stand gegenüber Helmbach, meinte van Daalen wohl. Und was die Verfassungsschützer heute dem Innensenator mitteilen mussten, war äußerst brisant.

„Frau Waldmann sagt, du hast angerufen“, begrüßte er einige Zeit später seine Frau Elke am Telefon.

„Kannst du Milch mitbringen, wenn du nach Hause kommst? Ich habe sie beim Einkauf vorhin vergessen und komme nicht mehr dazu, noch einmal loszugehen.“

„Was soll ich?“ Peikert hatte nun wirklich andere Dinge im Kopf.

„Milch mitbringen.“

„Ich muss um zwanzig Uhr zu Helmbach. Wie soll ich da Milch holen?“

„Du wirst doch wohl vorher fünf Minuten Zeit haben, um im nächsten Supermarkt ein paar Packungen Milch zu holen.“

Peikert schüttelte mürrisch den Kopf und legte den Hörer auf. Die hat Sorgen. „Ich habe eine Bitte“, rief er seiner Sekretärin durch die offenstehende Tür ins Vorzimmer zu. „Können Sie schnell im Supermarkt drei Packungen Milch holen?“

Um neunzehn Uhr dreißig verstaute Peikert seine Akten im Panzerschrank, um sich gemeinsam mit seinem Chef auf den Weg zur Julius-Leber-Kaserne zu machen. Der Sicherheitsstammtisch war legendär. Er fand zweimal im Jahr statt und führte die leitenden Mitarbeiter der in Berlin vertretenen Sicherheitsbehörden zusammen. Meist kamen zwanzig bis dreißig Sicherheitsexperten zusammen, die in Berlin bei den verschiedensten Dienststellen arbeiteten. Man traf sich in den Casinos der Polizei oder anderer Sicherheitsbehörden, um sich zwanglos zu unterhalten. Hin und wieder hatten auch van Daalen und Peikert teilgenommen, in letzter Zeit waren beide jedoch so sehr in das Tagesgeschäft eingebunden, dass sie keine Neigung verspürten, sich bis in die späten Abendstunden die Zeit zu vertreiben. Weil Gastgeber heute der Chef der Feldjäger war, fand das Ereignis im Offizierskasino der Julius-Leber-Kaserne statt.

Am Eingang der Kaserne wiesen die beiden Verfassungsschützer ihre Dienstausweise vor. Der Wachhabende blätterte in einer Liste und hakte ihre Namen ab. Das villenartige Kasinogebäude lag am hinteren Ende der Kaserne, umgeben von hohen Bäumen, etwas abgeschirmt von den übrigen Häusern. Als van Daalen und Peikert eintraten, schlug ihnen angeregtes Gemurmel aus dem großen Clubzimmer entgegen, vermischt mit gelegentlichem Gelächter. Warme Luft drang aus dem Raum. Die Stammtischmitglieder standen in kleinen Gruppen beisammen und unterhielten sich angeregt.

„Was gibt es denn so Dringendes?“, begrüßte Innensenator Helmbach die beiden Verfassungsschützer mit festem Händedruck. Seine blauen Augen waren forschend auf van Daalen gerichtet.

„Wir haben eine V-Manninformation, wonach einer Ihrer leitenden Mitarbeiter Kontakte zum FD haben soll“, begann van Daalen. „Es soll sich um Peter Beckmann handeln.“

Helmbach zog die Augenbrauen hoch. „Lassen Sie uns nach draußen gehen. Dort können wir ungestört reden.“

Sie traten auf die Terrasse. Da auch dort einige Stammtischteilnehmer in angeregten Gesprächen zusammenstanden, gingen sie über den Rasen einige Schritte in das Gelände, bis niemand mehr ihrer Unterhaltung zuhören konnte.

„Die Quellenmeldung ging gestern ein; der V-Mannführer hält sie für seriös.“

„Was heißt, der V-Mannführer hält sie für seriös?“ entgegnete Helmbach. „Ist sie seriös oder ist sie es nicht?“

„Wir können das noch nicht abschließend einschätzen. Wir sind gerade dabei, weitere Informationen beizuziehen, um die Meldung zu verifizieren. Wir wollten Sie jedoch frühzeitig unterrichten.“

„Also berichten Sie mal.“

Der Verfassungsschutzchef schilderte detailliert, was geschehen war. Helmbachs Miene war dabei unergründlich.

„Haben Sie eine Ahnung, was für Informationen das sein könnten, die Beckmann besorgen will?“, fragte Helmbach schließlich.

„Nein“, antwortete van Daalen. „Wir stehen ja noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen.“

„Könnten das Informationen über den Ermittlungsstand der Polizei wegen der Straftaten des FD sein?“

„Das ist nicht auszuschließen.“

„In die Angelegenheit muss unverzüglich Licht gebracht werden. Kümmern Sie sich um Beckmann. Ich will wissen, was es mit dem Mann auf sich hat. Und zwar schnell. Beckmann ist doch bei diesem Verband für Familienhilfe. Was hat es denn damit auf sich? Das ist doch hoffentlich kein Ableger des FD?“

Van Daalen zuckte mit den Schultern.

„Kümmern Sie sich auch um den Verein. Die veranstalten demnächst eine Benefizgala, für die Carola Donner die Schirmherrschaft übernommen hat. Nicht auszudenken, wenn man der Regierenden Bürgermeisterin Kontakte zu einer extremistischen Vereinigung nachsagen könnte. Ich glaube, die Gala soll Mitte Juli stattfinden. Dort trifft sich die Crème de la Crème aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Ich erwarte, dass sie die Sache rechtzeitig vorher geklärt haben.“ Helmbach sah van Daalen stechend an. „Wie lange wird es dauern, bis Sie Ergebnisse haben?“

„Da möchte ich nicht spekulieren“, sagte van Daalen. „Aber mit einigen Wochen müssen wir schon rechnen.“

„Einige Wochen?“, brauste Helmbach auf. „Einige Wochen kann ich nicht warten. Handeln Sie schnell. Ich erwarte in spätestens einer Woche Bericht von Ihnen zum Sachstand.“

„Eine Woche ist viel zu kurz.“ Van Daalen wurde jetzt sichtlich nervös. „Wir können unsere Ermittlungen nicht übers Knie brechen.“

„Wir sehen uns in einer Woche wieder“, beharrte Helmbach. „Ich will wissen, woran ich bin.“

Bei diesen Worten drehte sich Helmbach um und verschwand grußlos wieder im Casino. Zwei ratlose Verfassungsschützer blieben auf der Wiese hinter dem Casino zurück.

3

Donnerstag, 19. Mai 2016

Um acht Uhr saß Peikert, wie üblich, in der Morgenlage. Schwart-Hertel hatte Informationen über Fahed Brahini zusammengetragen. „Der Mann führt einen kleinen Lebensmittelladen in der Hermannstraße in Neukölln“, begann sie. „Er ist einer der Wortführer der Islamisten in Berlin. Er vertritt radikale, orthodoxe Ansichten, gilt als wortgewaltig und als ein Mensch, der zu allem seine Meinung kundtun muss. Sein Geschäft hat sich zu einem Kommunikationszentrum der Islamisten entwickelt. Vorbestraft ist er nicht. Was er öffentlich sagt und tut, ist nicht strafbar, und was er in kleinem Kreis äußert, wissen wir nicht. Für einen Gewalttäter halte ich ihn allerdings nicht.“

„Menschen ändern sich“, wandte van Daalen ein. „Was gestern gegolten hat, ist heute möglicherweise nicht mehr aktuell.“ Es klang skeptisch. „Gibt es inzwischen etwas Neues aus der G 10-Stelle?“

Peikert nickte. „Die Handyortung der sächsischen Kollegen hat ergeben, dass El-Bahi mit der Bahn von Leipzig nach Frankfurt gefahren ist. Das Handy hat er dort in einem Hotel zurückgelassen. Damit ist eine Ortung des Mannes nicht mehr möglich.“

„Unschön.“ Van Daalen strich sich mit der Hand übers Kinn. Dann wandte er sich wieder an Schwart-Hertel. „Was gedenken Sie zu tun?“

„Wir haben einen V-Mann in der Islamistenszene“, sagte sie. „Ali ist sein Tarnname. Wir werden ihn fragen, ob er Brahini kennt.“

„Und sonst?“

„Wir haben dem BND das Bewegungsbild El-Bahis mitgeteilt. Man steht dort mit dem DGSE in Kontakt.“

„Gut“, nickte van Daalen. „Bitte führen Sie die Befragung des V-Manns Ali so schnell wie möglich durch.“ Die Sache schien ihn zu beunruhigen.

Schwart-Hertel hob die Schultern. „Wir werden uns bemühen. Aber Sie wissen ja: V-Leute sind nicht immer erreichbar.“

Van Daalen atmete tief durch. „Und wie steht es um die Sicherheitslage zur Fußballeuropameisterschaft?“, fragte er in die Runde.

Verschiedene Sprecher meldeten sich zu Wort. Schwart-Hertel hielt es für unwahrscheinlich, dass es zu einem Attentat auf der Fanmeile kommen würde. Dazu seien die Sicherheitsvorkehrungen zu hoch. „Wir haben zurzeit keine konkreten Hinweise auf Anschlagsplanungen in Berlin“, erklärte sie. „Allerdings sind uns mehrere Gefährder bekannt, die als potenzielle Attentäter in Betracht kommen. Ein Tunesier tut sich besonders hervor. Er verfügt über 14 verschiedene Identitäten und pendelt permanent zwischen Berlin und Nordrhein-Westfalen hin und her.“

„Ach du Himmel“, murmelte Peikert.

„Ja, den Mann hat die Polizei wegen irgendwelcher Drogendelikte unter Beobachtung“, sagte Schwart-Hertel weiter. „Eigentlich wäre er ein Fall für uns, denn wichtiger als die Aufklärung von Drogenstraftaten ist die Verhinderung islamitischer Attentate. Und das fiele in unsere Zuständigkeit.“ Peikert nickte zustimmend.

„Allerdings reiße ich mich nicht nach der Beobachtung dieses Mannes“, schloss Schwart-Hertel das Thema ab. „Ich bin froh, dass die Polizei diese Aufgabe übernommen hat.“

Nach der Morgenlage blieb Peikert sitzen. Van Daalen wollte mit ihm, Dickhoff und Hubert über Beckmann sprechen. Während Peikert auf seine Kollegen wartete, beobachtete er eine fette Spinne, die regungslos in ihrem Netz in einer Zimmerecke verharrte. Zuerst kam Dickhoff angeschnauft und ließ sich schwer in den Besprechungsstuhl am Fenster fallen. Kurz darauf erschien Hubert, wie immer mit wissendem Blick.

„Innensenator Helmbach drängt uns, Ermittlungen zu Beckmann zu anzustellen“, eröffnete van Daalen das Gespräch. „Ich glaube, ihm geht es nicht nur darum, über Beckmanns Aktivitäten etwas zu erfahren, sondern auch, seinen Mitarbeiter auszubooten.“

„Klar, die beiden sind sich spinnefeind“, blinzelte Hubert wissend.

„Lassen Sie uns überlegen“, sagte van Daalen, „wie wir weiter verfahren können.“

„Wir könnten versuchen, durch eine Sicherheitsüberprüfung Informationen über Beckmann zu erlangen“, schlug Peikert vor. „Er ist doch bestimmt zum Umgang mit Verschlusssachen ermächtigt, muss also sicherheitsüberprüft sein. Wir könnten zunächst seine bestehende Sicherheitsüberprüfungsakte auswerten und dann unter irgendeinem Vorwand eine Wiederholungsüberprüfung durchführen. Das gibt uns die Möglichkeit, ganz offiziell und in aller Ruhe zu ermitteln.“

„Eine Sicherheitsüberprüfung fiele in die Zuständigkeit des Geheimschutzreferats“, gab van Daalen zu bedenken. „Damit würde der Kreis der Wissenden größer.“

„Nicht unbedingt“, antwortete Peikert. „Sie beauftragen Herrn Hubert und mich mit der Durchführung und berufen sich dabei auf eine Weisung Helmbachs. Dann bliebe die Sache unter uns.“

Van Daalen nickte. „Einverstanden. Außerdem soll Herr Fabig allgemein zugängliche Informationen über Beckmann zusammentragen.“

„Ich werd’s ihm übermitteln“, sagte Peikert und erhob sich.

Stephan Fabig war ein ehrgeiziger junger Politologe, der seit ungefähr zwei Jahren bei der Verfassungsschutzbehörde als Analytiker arbeitete. Er hatte sich damals in Eigeninitiative beworben. Seine Motivation für die Bewerbung war die systematische Analyse extremistischer Strukturen gewesen. Schon seine Masterarbeit hatte sich mit der regionalen Verbreitung extremistischer Organisationen in der Bundesrepublik befasst. Das statistische Material, das er zusammengetragen und ausgewertet hatte, war beachtlich gewesen und hatte van Daalen, der die Arbeit gelesen hatte, beeindruckt. Weil der Auswertungsbereich des Friendship Departments damals gerade aufgebaut wurde, setzte van Daalen den Nachwuchsanalytiker dort ein. Fabig selbst hätte lieber bei der Auswertung islamistischer Strukturen mitgearbeitet. Unterstützt wurde er in diesem Wunsch von seiner Abteilungsleiterin Schwart-Hertel, die dringend mehr Personal in diesem Beobachtungsbereich forderte. Doch van Daalen wollte den Berufseinsteiger nicht gleich in einem derart komplexen und sensiblen Bereich einsetzen. Peikert sah das seinerzeit genauso. Seitdem war Fabig nicht gut auf die beiden zu sprechen.

Als Peikert ihn in seinem Büro aufsuchte, fühlte Fabig sich sichtlich gestört.

„Der Chef bittet Sie, Informationen über Peter Beckmann von der Senatsverwaltung für Inneres zu sammeln und zu bewerten“, sagte Peikert. „Der Mann steht im Verdacht, Kontakte zum FD zu haben.“

„So, so“, brummte Fabig, der gerade in allerlei Zeitschriften wühlte, ohne auch nur den Blick zu heben.

Peikerts Adrenalinspiegel stieg sofort an. Der junge Schnösel nervte ihn jedes Mal, wenn er ihn traf. „Ich kann mich auf Sie verlassen?“ Es klang schärfer als beabsichtigt.

„Hm“, knurrte Fabig und griff nach der nächsten Zeitschrift.

Gegen Mittag öffnete Peikert sein nach Süden gelegenes Bürofenster und biss in das mitgebrachte Butterbrot. Die Sonne schien hell, und ein leichter Luftzug strich an seinem Gesicht vorbei. Er hatte seinen Schreibtischstuhl so gedreht, dass ihm die Sonnenstrahlen direkt ins Gesicht fielen. Ein Eichhörnchen huschte die große Linde vor dem Dienstgebäude empor und schlug knisternd die Krallen in die Rinde. Immer wieder verharrte es regungslos, um dann erneut weiterzuspringen.

Peikert dachte an das, was er heute Morgen gehört hatte. Er konnte das Geschehen um Brahini und El-Bahi noch nicht einschätzen. Was hatte El-Bahi vor? Und wer war Brahini?

Peikert brauchte jetzt einen freien Kopf. Er brauchte einen Kaffee. Gekonnt warf er das Butterbrotpapier in den Papierkorb und machte sich auf den Weg zum Starbucks.

Eine Viertelstunde später nippte er an seinem Iced Americano und schaute nachdenklich auf das Mädchen hinter dem Tresen, das routiniert Becher, Gläser und Tassen füllte, abkassierte und zwischendurch den Tresen mit einem Lappen abwischte. Für jeden Kunden hatte sie ein Lächeln.

Hier im Starbucks wollte Peikert in Ruhe über Beckmann und das Friendship Department nachdenken. Er hatte einen Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz über die Ideologie des FD mitgenommen. Den wollte er hier lesen, um seine Erinnerung an die Organisation aufzufrischen. Es war zwar verboten, Akten aus den Diensträumen mitzunehmen, aber niemand kümmerte sich ernsthaft darum.

Peikert nahm einen Schluck und begann seine Lektüre. Seit über zwei Jahren beschäftigten sich die Sicherheitsbehörden der Bundesrepublik mit dem Friendship Department. Die Verfassungsschutzämter waren damals durch Presseberichte auf die Gruppierung aufmerksam geworden, in denen behauptet worden war, die Organisation wolle mit radikalen Mitteln das bestehende Politik- und Gesellschaftssystem beseitigen. Die Verfassungsschützer hatten daraufhin allgemein zugängliche Quellen analysiert. Dabei stellte man fest, dass sich die Ziele der Organisation als eine krude Mischung aus Anarchismus und Sozialutopie darstellten. Demokratie und Rechtsstaat hätten sich nicht bewährt und gehörten abgeschafft. Gesetze, Parlamente und Regierungen seien überflüssig, da sie nur der Ausübung der Herrschaft einer kleinen Clique dienten. Die Gesellschaft solle sich in kleinen Gruppen organisieren, die weitgehend autonom ihr Leben selbst bestimmten.

Peikert schüttelte leicht den Kopf. Ziemliche Spinnerei, dachte er. Aber das kannte er, denn viele Beobachtungsobjekte vertraten abenteuerliche Thesen. Er las weiter: Woher der ungewöhnliche Name kam, wusste man beim Bundesamt nicht. Möglicherweise sollte er von der extremistischen Ausrichtung ablenken. Bundesweit gab es ungefähr 20 Kleingruppen des Friendship Departments, drei sollten es in Berlin sein.

Nur drei, dachte Peikert. Das ging ja noch. Aber wie viele Mitglieder hatte eine solche Kleingruppe. Dazu sagte der Bericht nichts. Mit gerunzelter Stirn las er weiter: In den vergangenen Monaten fanden die Sicherheitsbehörden in mehreren Bundesländern Hinweise, dass das Friendship Department politisch motivierte Straftaten begangen hatte. In München und Wiesbaden wurden Autos von Landtagsabgeordneten angezündet, in Magdeburg Molotowcocktails gegen das Büro einer Parteizentrale geworfen. In mehreren Bundesländern wurden Politiker verschiedener Parteien in Hassmails bedroht. Den Taten folgten Bekennungen, deren Herkunft zwar nicht ausdrücklich dem FD zuzuordnen war. Jedoch schlossen Polizei und Verfassungsschutz aus der Diktion und den Forderungen auf diese Organisation als Urheberin. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden sollte mit diesen Aktionen die parlamentarische Demokratie bekämpft werden.

Peikert schreckte aus seinen Gedanken hoch, als sein Handy in der Hosentasche trällerte. Auf dem Display las er Claudia.

„Hallo“, meldete er sich.

„Lebst du noch“, begrüßte ihn die Anruferin etwas vorwurfsvoll. „Ich warte schon seit Tagen, dass du dich mal meldest.“

Schreckhaft durchfuhr es Peikert, dass er Claudia schon lange nicht mehr gesehen hatte. Wie lange lag ihr letzter gemeinsamer Abend zurück? Eine Woche? Zwei Wochen? Es musste über zwei Wochen her sein. Und wann hatte er das letzte Mal an sie gedacht? Auch das musste schon einige Tage her sein. „Tut mir leid, aber ich habe unheimlich viel zu tun.“

„Etwas Besonderes?“

„Kann ich noch nicht genau sagen.“

„Du darfst nicht drüber reden?“

„So ist es.“

Er sah Claudia vor sich, ihre großen, braunen Augen mit dem aufmerksamen Blick, ihre kastanienbraunen, langen, gewellten Haare mit dem unnachahmlichen Duft. Er dachte an die Geborgenheit, die er verspürte, wenn sie sich in seine Arme schmiegte und beide einander erzählten, was sie erlebt hatten, was sie gerade bewegte, oder wenn sie über politische Themen diskutierten. Wenn Peikert mit Claudia zusammen war, erfüllte ihn regelmäßig eine wohlige Ruhe. Die Anspannung, die er während seiner Arbeit verspürte, fiel dann von ihm ab. Er konnte tief durchatmen, ohne dass es seine Brust zusammenschnürte, und seine angespannten Magennerven kamen zur Ruhe.

„Ich möchte dich endlich wiedersehen“, schnurrte Claudia durch das Telefon.

„Ich dich auch. Wie wäre es am Samstag?“

„Oh, das ist schlecht. Am Samstag muss ich in die Schule. Ich muss mit meinen Kollegen die Turnhalle leeräumen, weil nächste Woche dort Flüchtlinge einziehen.“

Claudia war Lehrerin an einer Weddinger Grundschule, die schon vor Monaten dazu ausersehen war, teilweise als Flüchtlingsunterkunft zu dienen. „Das kommt aber sehr plötzlich“, meinte Peikert erstaunt.

„Ja, ich weiß auch nicht, warum man es auf einmal so eilig hat, nachdem man sich Monate mit den Planungen Zeit gelassen hatte. Wir könnten uns aber am Sonntag sehen.“

„Da hab’ ich nun leider keine Zeit. Meine Mutter hat Geburtstag, und wir sind bei meinen Eltern eingeladen.“

„Schade. Wir sind offenbar beide Sklaven unserer Terminkalender“, lachte Claudia etwas gequält.

„Das scheint mir auch so. Wie wäre es nächsten Montag. Ich werde meiner Frau sagen, dass ich am Montag zum Bundesamt für Verfassungsschutz nach Köln muss und dort übernachten werde. Dann komme ich zu dir und bleibe über Nacht.“

„Schön. Ich warte auf dich.“

„Ich liebe dich.“

„Ich dich auch. Bis Montag.“

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