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Der Junge, der sich Vogel nannte

Über den Autor

Jan Henrik Nielsen wurde 1974 geboren. Der Junge, der sich Vogel nannte ist sein Debütroman, der in seinem Heimatland Norwegen von der Presse begeistert besprochen wurde.

BASTEI ENTERTAINMENT

Junge

1

Im Bunker gibt es keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht. Nanna liegt mit offenen Augen im Bett und starrt in die Dunkelheit. Im Bett daneben liegt Fride. Sie atmet ruhig. Stille und Dunkelheit verschmelzen mit der drückend warmen Luft und Nanna zieht ihre Decke zur Seite. Alles ist feucht, der Boden, die Wände, ihre Spielsachen und Möbel. Die Haut ist klamm. Sie versucht in die Stille zu lauschen, nach draußen, aber kein Laut dringt durch die dicken Betonwände. Nur wenn jemand oben im Haus ist, kann man unten im Bunker etwas hören. Ferne metallische Laute, Knarren, das sich durch die Wände fortsetzt. Dann müssen sie ganz still liegen und warten. Ein paarmal haben die Geräusche sie vor Papa geweckt, da war ihre Angst noch größer. Nanna hat nie gesehen, wer da im Haus war. Sie blieb immer liegen und versuchte sich vorzustellen, wie sie aussehen: dunkle Gestalten, die das Haus durchwühlen. Sie blieb wach, bis sie hörte, wie sich Papa in den Periskopraum schlich. Das beruhigte sie und Fride sofort und dann gelang es ihnen sogar zu schlafen, obwohl jemand oben war. Aber das letzte Mal ist schon lange her.

Der Morgen ist da. Nicht, dass das von großer Bedeutung wäre, aber wenn es Morgen ist, dann gibt es auch Frühstück und Nanna merkt, dass sie hungrig ist.

Endlich tut sich was. Das fast unhörbare Summen des Weckers in Papas Zimmer, der sofort ausgeschlagen wird, vorsichtige Schritte in den Periskopraum. Das Geräusch, während das Periskop gedreht wird, und Papa, der ruft:

»Mädchen! Es ist Morgen.«

Nanna knipst das rote Nachtlicht an, das an der Wand über dem Nachttisch hängt. Fride rollt sich in ihrem Bett zusammen. An einem Ende des Zimmers ist der Schreibtisch, an dem sie ihre Schulaufgaben machen, auf dem Fußboden vor der Wand stehen Gläser mit Pinseln und Buntstiften. Sie haben den grauen Beton mit Bäumen und Blumen verziert, und auf eine Blüte hat Fride einen gelben Schmetterling gemalt, den sie Plim nennt. Fride kann stundenlang Geschichten über Plim erzählen und dann lachen sie alle zusammen.

»Na, kommt schon. Es ist Samstag. Wir müssen aufstehen«, sagt Papa und steckt den Kopf durch die Tür. »Nanna, kannst du Fride etwas zum Anziehen raussuchen? Ich gehe runter ins Lager und hole unser Frühstück.«

Nanna zieht ihr blaues T-Shirt an und wirft Fride ein rot gestreiftes Shirt aufs Bett. Ihre Hosen liegen auf dem Boden und Nannas fühlt sich ganz feucht an. Fride macht sich auch fertig und sie gehen in die halbdunkle Küche. Eigentlich ist es gar keine richtige Küche, nur ein Zimmer mit einem Esstisch und drei Stühlen. Unter der Woche ist die Küche gleichzeitig ihre Schule.

»Hier ist es so dunkel«, ruft Nanna nach unten.

»Ich weiß«, antwortet Papa aus dem Keller. »Die Solarzellen sind sicher mal wieder mit Laub verdeckt. Wir können nur hoffen, dass der Wind die Blätter bald wegweht.«

Nana stellt eine Schachtel mit Crackern auf den Tisch und eine Kanne mit Wasser, das sie gestern Abend aus dem Brunnenraum geholt haben. Papa kommt mit einer gelben und einer roten Konservendose in der Hand die Kellertreppe hoch. Seine andere Hand ist verbunden.

»Schaut mal, Mädchen. Makrele in Tomatensauce.«

»Nicht schon wieder!«, sagen Nanna und Fride wie aus einem Mund. »Wir wollen Pfannkuchen. In der Küchenschublade ist doch noch eine Tüte.«

»Die müssen wir aufheben«, sagt Papa. »Und wisst ihr was? Mama hat Makrelen in Tomatensoße geliebt. Sie konnte zum Abendessen eine ganze Dose alleine verdrücken.«

»Das wissen wir. Das erzählst du uns jedes Mal«, sagt Nanna und stöhnt frustriert.

»Was ist mit deiner Hand passiert?«, fragt Fride.

Papa stellt die Konservendosen auf die Arbeitsplatte und dreht sich um.

»Nichts Schlimmes. Gestern Abend, als ihr schon geschlafen habt, musste ich im Luftschacht noch etwas reparieren, dabei habe ich mich wohl geschnitten. Es ist nur ein kleiner Kratzer.«

Er öffnet die Konservendosen und versucht, den Fisch so auf den weich gewordenen Crackern zu platzieren, dass sie sich nicht auflösen.

»Bitte sehr«, sagt er und stellt den Teller auf den Tisch.

Nanna nimmt einen Cracker. Er wird im Mund immer größer, obwohl sie versucht, ihn so schnell wie möglich herunterzuschlucken.

»Was wollt ihr heute machen?«, fragt Papa.

»Ich weiß nicht«, sagt Nanna. »Vielleicht ein bisschen lesen. Oder vielleicht können wir später auch noch was spielen.«

»Ich will Plim malen«, sagt Fride.

»Was hat dein Plim denn heute vor?«, fragt Papa.

»Plim hat keine Lust mehr hier zu sein. Er will raus.«

Nanna schaut Papa an. Er wird still. Sie essen weiter.

»Wann können wir denn raus?«, fragt Nanna vorsichtig.

»Ich weiß es nicht«, sagt Papa. »Wenn es draußen sicher ist. Ihr dürft nicht zu viel darüber nachdenken. Jetzt sind wir hier. Wir sind in Sicherheit und es geht uns gut.«

»Aber es ist doch schon so lange her, dass jemand im Haus war. Und der Leuchtturm leuchtet seit Ewigkeiten nicht mehr. Wir könnten doch vielleicht einfach einen kleinen Ausflug nach oben machen?«

»Ja!«, sagt Fride.

»Keine Diskussion«, sagt Papa. »Wir wissen nicht, ob es sicher ist und deshalb können wir den Bunker nicht verlassen. Wir haben das schon so oft besprochen. Irgendwann gehen wir raus. Eines Tages. Ganz bestimmt. Aber ihr seid zu klein, um euch daran zu erinnern, wie es damals war. Es war … Egal. Lasst uns jetzt nicht mehr darüber reden. Geht in den Periskopraum und lest ein bisschen, ich räume das Frühstück weg.«

Papa räuspert sich, er beugt sich nach vorne und hält sich an der Tischkante fest.

Nanna tut es leid, dass sie etwas gesagt hat. Meistens fühlt sie ganz deutlich, dass sie drei zusammengehören, aber wenn sie über die Welt da oben sprechen, dann kommt es ihr vor, als wäre Papa plötzlich sehr alleine und auf eine Weise traurig, die sie nicht versteht, weil er doch die Entscheidung getroffen hat, mit ihnen unten im Bunker zu bleiben.

Papa fängt an aufzuräumen. Nanna und Fride gehen in den Periskopraum und ziehen die Tür hinter sich zu. Mitten im Zimmer ragt das Periskop aus der Decke. Es ist aus glänzendem Messing und es gibt verschiedene Griffe und Räder, an denen man es einstellen kann. Unten zwischen den Handgriffen steht etwas hervor, das einem Fernglas oder einer Taucherbrille ähnelt – da schaut man durch.

Papa sagt, dass der Bunker mit dem Periskop schon auf der Insel war, als ihr Großvater das Haus baute. Der Bunker wurde während eines Krieges vor langer, langer Zeit errichtet, um die Fahrrinne im Fjord zu überwachen, und Großvater konnte den Bunker später billig kaufen, weil niemand dachte, dass er noch irgendwie nützlich sein könnte. Aber Großvater setzte einfach ein Haus obendrauf und nutzte den Bunker als Keller. Das Periskop saß allerdings so fest, dass er das Rohr ins Haus miteinbauen musste. Der Bunker geriet in Vergessenheit. Bis sie aus der Stadt flüchten mussten.

Der Periskopraum ist vollgestellt mit Bücherregalen und es gibt mehrere alte Sofas, auf denen man gemütlich lesen kann. In einer Ecke ist das alte Puppentheater aufgebaut. Aus einem roten Bademantel hat Papa den Bühnenvorhang gemacht. An der Wand steht ein Schreibtisch mit Schubladen, auf dem das aufgeschlagene Logbuch liegt. Daneben ist die Tür zum Funkraum. Sie steht einen Spaltbreit offen. Dort drinnen befindet sich jede Menge alter Funkausrüstung und manchmal spielen sie damit Raumschiff. Dann stellen sie sich vor, sie wären weit gereist, um fremde Planeten mit ihren Seen, Flüssen und geheimnisvollen Wäldern zu erforschen. Nanna geht zum Periskop, klappt die Griffe aus und drückt die Augen an die spröden Gummiringe. Im Bunker ist es immer ziemlich dunkel und das grelle Licht von oben blendet sie.

»Heute ist schönes Wetter«, sagt sie.

»Lass mich mal«, sagt Fride und versucht, sich nach vorne zu drängeln.

»Warte doch. Du darfst ja gleich gucken«, sagt Nanna lachend. »Ich muss nur erst die Observation machen. Du kannst mitschreiben.«

»O.k.«

Nanna dreht das Periskop langsam weiter.

»Bist du so weit?«

»Ja«, sagt Fride am Schreibtisch.

»Blauer Himmel und Sonne. Wind in den Bäumen.«

»Ja«, sagt Fride.

»Im Wohnzimmer ist alles ruhig. Alles liegt an derselben Stelle wie immer.«

Nanna dreht das Rohr einmal fast im Kreis und folgt der Bewegung mit ihrem Körper.

»Niemand auf den Felsen und niemand in der Bucht.«

»Was ist mit den Bäumen?«, fragt Fride.

»Keine Veränderung. Nur totes Laub.«

»Keine Veränderung?«

»Nein. Willst du jetzt gucken?«, fragt Nanna.

»Nein«, sagt Fride mutlos.

Nanna dreht das Periskop zurück. Ihr Blick wandert durch das Wohnzimmer oben im Haus. Alles sieht aus wie jeden Tag. Das grüne Sofa steht da, wo es stehen soll, der Tisch steht da, wo er stehen soll, und es ist auch keine Scheibe eingeschlagen. Auf dem Boden vor dem Schrank in der Ecke liegen ein paar Schachteln und eine kaputte Glasschüssel. Daher wussten sie, dass jemand im Haus gewesen war, nachdem sie eines Nachts Geräusche gehört hatten. Aber das ist schon lange her. Alles liegt unter einer Staubschicht und Spuren sind nirgends zu sehen. Durch die großen Fenster sieht sie den strahlend blauen Himmel, die flachen Inseln und den weißen Leuchtturm, der dort steht, wo der Fjord ins Meer mündet. Wellen rollen über die Schären. Das sieht schön aus und Nanna bleibt einen Moment stehen und beobachtet das Meer, bevor sie das Periskop zur Landseite dreht. Der Erdboden ist mit braunen, verrottenden Grasresten bedeckt, und die Bäume sind beinahe vollkommen kahl, abgesehen von ein paar vereinzelten braunen Blättern. Es ist so traurig. Früher waren sie wenigstens noch gelb, rot und braun, aber nun ist das ganze Laub abgefallen und die Nadeln der Fichten sind vertrocknet. Alles sieht krank aus, als läge die ganze Welt im Sterben.

»Ich weiß sowieso nicht, ob ich noch rausgehen mag«, sagt Fride.

»Warum nicht? Du sagst doch so oft, dass Rausgehen das Einzige ist, worauf du Lust hast.«

»Da draußen ist gar nichts Freundliches. Es sieht immer so traurig aus. Nicht wie auf den Bildern.«

»Aber es ist schön. Du ahnst gar nicht, wie schön. Wenn man die Sonne und den Wind spürt, das Meer. Und Regen. Und die Steine und den Sand unten in der Bucht. Du ahnst nicht, wie schön das alles ist.«

»Kannst du dich daran erinnern?«

»Ja, natürlich. Das weißt du doch. Ich war schon ziemlich groß, als wir hierherziehen mussten. Stell dir vor, wir könnten einfach einen kleinen Spaziergang machen. Irgendwann«, sagt Nanna.

Wie es wohl wäre über das Gras zu laufen? In die Bucht hinunterzugehen? Vielleicht sogar zu baden? Das Meerwasser ist bestimmt anders als das Wasser hier drinnen. Es ist ja salzig und bestimmt herrlich. Nanna kann sich gut erinnern, wie sie einmal an den Strand gefahren sind, um zu baden. Zu dritt, bevor Fride auf der Welt war. Sie erinnert sich an den Sand und die Decke, auf der sie lagen, an die Eiscreme, die sie gegessen haben. Aber sie weiß nicht mehr, wie sich das Wasser anfühlte.

»Aber was ist, wenn jemand kommt?«

»Es kommt niemand. Es ist so lange her, dass jemand hier war.«

»Bist du sicher?«

»Ja.«

»Wieso bist du sicher, dass niemand kommt? Sind die anderen tot?«

»Ja. Papa sagt doch, dass viele gestorben sind.«

»Sind alle tot?«

»Ich weiß es nicht.«

Nanna legt sich auf das rote Sofa und fängt an, in einer alten Zeitschrift zu blättern. Fride hopst ein bisschen herum, dann setzt sie sich dazu.

»Was liest du da?«, fragt sie. »Ist das das Heft über die geheime Insel?«

»Nerv nicht«, antwortet Nanna und starrt in die Zeitschrift.

»Lass mal sehen.«

»Nein, hör auf zu nerven. Such dir eine andere Beschäftigung.«

Fride setzt sich auf den Fußboden und fängt an, Spielkarten auf den Boden zu werfen.

»Warum machst du das?«, fragt Nanna und wirft das Heft auf das Sofa.

»Mir ist langweilig. Hier haben wir alles schon mal gemacht. Ich will raus«, sagt Fride.

»Du hast doch gerade eben behauptet, du hättest gar keine Lust rauszugehen?«

»Ja, aber jetzt habe ich doch Lust.«

»Wir können nicht raus. Du weißt, was Papa gesagt hat.«

»Ja, weiß ich. Aber es ist doch schon ganz lange niemand mehr gekommen. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern. Du etwa?«, sagt Fride.

»Nein, eigentlich nicht, höchstens ein bisschen.«

»Warum können wir dann nicht raus? Wenn alle Menschen tot sind, dann ist es doch nicht mehr gefährlich.«

Nanna spürt, wie das schmerzhafte, ungewisse Gefühl zurückkommt. So oft hat sie gedacht, dass sie bald rausdürfen. Nur noch bis zum Sommer durchhalten. Oder bis zum Winter vielleicht. Aber nie ist etwas passiert und Papa hat immer nur gesagt, dass sie irgendwann nach oben gehen werden. Es ist besser, nicht darüber nachzudenken.

»Aber wir wissen ja gar nicht, ob alle tot sind. Deshalb können wir auch nicht raus. Weil wir es nicht wissen«, sagt sie.

»Aber wenn wir es wüssten, könnten wir rausgehen« sagt Fride und wirft weiter Karten durchs Zimmer.

»Ja, na klar.«

»Ich wünsche mir das so sehr. Ich war immer nur hier drinnen. Bevor ich sechs werde, will ich raus. Wie alt warst du, als wir hergekommen sind?«, fragt Fride.

»Ich war sieben.«

»Das ist ungerecht. Du bist jetzt zwölf. Du warst länger draußen als ich hier drinnen. Ich kann mich an nichts erinnern. Ich war ein Baby. Ich bin ja noch nicht mal mehr vorher in den Kindergarten gekommen. Ich will raaaus …«, sagt Fride und wälzt sich auf dem Boden.

Nanna schaut sie an und schüttelt den Kopf.

»Wie war es draußen? Erzähl mir, woran du dich erinnerst«, sagt Fride. »Ich will es noch mal hören.«

Nanna seufzt, aber sie lehnt sich zurück und erzählt.

»Ich weiß noch, dass wir in einer Wohnung in der Stadt gewohnt haben und wie glücklich ich war, als du geboren wurdest. Und dann erinnere ich mich, wie alles anfing zu sterben. Die Blätter fielen ab und das Gras wurde braun. Als wäre der Herbst schon im Sommer gekommen. Und dann hörte alles auf. Ich ging nicht mehr zur Schule und Papa nicht mehr an die Universität, nur Mama arbeitete weiter im Krankenhaus.«

»Und dann sind wir weggefahren?«

»Ja, eines Tages haben wir einfach das Auto geladen und sind los.«

»Und Mama ist in der Stadt geblieben und hat im Krankenhaus gearbeitet.«

»Ja.«

»Kannst du dich an noch was erinnern? Irgendwas, das du mir noch nicht erzählt hast? Wie sah unser Zimmer aus?«

»Wir haben uns ein Zimmer geteilt, das weiß ich noch. Ein blaues Zimmer mit einem kleinen Fenster, unter dem so eine Art Sofa oder Bank stand. Die Decke war schräg und an den Balken hingen Sterne und Bilder, die wir gemalt hatten.«

»Habe ich auch Bilder gemalt?«

»Nein, du nicht. Mama, Papa und ich.«

»Und ich, hatte ich nichts?«

»Du hattest dein Gitterbett und deine Kuscheltiere.«

»Das klingt so gemütlich. Warst du im Kindergarten?«

»Ja. Bevor ich in die Schule gekommen bin.«

»Wie war es im Kindergarten?«

»Er lag ganz in der Nähe unserer Wohnung und sah aus wie ein kleiner Bauernhof mitten in der Stadt. Er war in einem roten Haus und es gab ein Schiff im Sandkasten.«

»Ein Schiff? Das geht ja gar nicht.«

»Doch. Es war grün und irgendwie im Sand eingegraben.«

»Was habt ihr im Kindergarten gemacht?«

»Ich weiß noch, dass wir solche Perlen hatten, mit denen man Muster stecken konnte. Das hat Spaß gemacht.«

»Bist du alleine in den Kindergarten gegangen?«

»Nein. Mama hat mich morgens gebracht und Papa hat mich abgeholt.«

»Warum?«

»Mama hat oft bis spät gearbeitet, wenn im Krankenhaus etwas Wichtiges anstand. Manchmal musste sie einfach lange bleiben.«

»Warum?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher, aber sie hatte viel zu bestimmen. Immer wenn ich bei ihr im Krankenhaus war, kam jemand, um sie irgendwas zu fragen.«

Nanna bleibt liegen und denkt nach. Sie versucht, sich auszumalen, wie es war, aber viele Erinnerungen sind so undeutlich. Sie weiß noch, dass Mamas Stimme schön war, aber nicht mehr, wie sie klang. Und dass sie ein paarmal in Mamas Büro im Krankenhaus saß und malte, was sie in der Stadt gesehen hatte. Wie sie all die seltsamen Bilder von Körpern an der Wand betrachtete. Und ihre Freundinnen. Die, die im selben Haus wohnten. Hier gibt es nur Fride. Das ist nicht dasselbe. Fride ist so klein. Sie wünschte, sie könnten eines Tages in die Stadt zurückziehen. Dem Bunker entkommen. Nicht mehr immerzu dieselben Spiele spielen, dieselben Bücher lesen. Wenn sie doch nur aus der Tür gehen, bei einer Freundin klingeln und auf den Spielpatz gehen könnte. Auf den Schaukeln sitzen und den Jungs beim Fußballspielen zuschauen, bis es zu dunkel und zu kalt wird. Um dann nach Hause zu gehen und sich darüber zu freuen, in eine warme, helle Wohnung zu kommen. Nicht in einen modrigen, schimmeligen Bunker.

Junge

2

Sonntag ist immer der schlimmste Tag und Nanna ist froh, dass Montag ist und sie Schule haben. An Sonntagen ist gar nichts lustig, alles was man sich einfallen lassen kann, haben sie schon getan. Montage sind besser.

Sie wachen davon auf, dass Papa im Periskopraum rumort, dann geht er zurück in sein Zimmer und legt sich wieder hin. Fride mag es, wenn sie montags so tun, als wäre die Zeit knapp, deshalb springt Nanna aus dem Bett und schüttelt sie.

»Los, aufstehen. Heute ist Montag. Wir müssen zur Schule.«

Fride dreht sich zur Wand und versteckt den Kopf. Nanna sieht gerade noch, dass sie lächelt, bevor sie den Kopf in die Matratze bohrt.

»Komm jetzt. Ich wasche mich zuerst«, sagt Nanna und geht in die Küche.

Der Beton fühlt sich kalt und staubig unter den Füßen an. Sie nimmt ihre Zahnbürste, die neben der Spüle steht, und putzt sich mit kaltem Wasser die Zähne. Entmutigt betrachtet sie das Durcheinander auf der Arbeitsplatte. Als sie noch klein waren, achtete Papa sehr genau darauf, dass sie keine Unordnung machten, inzwischen ist ihm das nicht mehr so wichtig. Sie spritzt sich ein bisschen Wasser ins Gesicht, dann geht sie nach unten in den Keller auf die Toilette. Sie ist nicht gerne in dem engen, feuchten Raum und beeilt sich. Einmal war das Klo verstopft und es vergingen Wochen, bis Papa es endlich einigermaßen repariert hatte. Das Rohr, das ins Meer führt, war eingefroren und sie mussten Unmengen heißes Wasser ins Klo kippen. Sie brauchten ihren ganzen Strom, um das Wasser aufzuheizen, und es war tagelang kalt und dunkel im Bunker.

Fride sitzt am Tisch und frühstückt die Reste einer Dose Spargel, als Nanna wieder nach oben kommt.

»Ist Papa noch nicht aufgestanden?«, fragt sie.

Fride schüttelt den Kopf, während sie die weißen Stangen kaut. Nanna klopft an seine Zimmertür.

»Du musst aufstehen, Papa. Es ist Montag, wir haben Schule«, sagt sie.

»Ich komme«, antwortet Papa mit belegter Stimme, dann fängt er an zu husten.

Nanna isst die letzten Spargel auf, dann räumen sie zusammen den Tisch ab und holen ihre Schulsachen. Kurze Bleistiftstummel und Blätter, die schon von einer Seite beschrieben sind. Papa kommt und lächelt müde.

»Ihr seid ja fleißig. Ich habe mir überlegt, dass ihr heute ein bisschen frei arbeiten könnt, erst lesen, dann ein bisschen Mathe und Zeichnen. Ich bin im Zimmer. Mir sind heute Nacht ein paar Sachen eingefallen, die ich aufschreiben muss. O.k.?«

Fride seufzt und Nanna nickt. Es macht keinen Spaß, wenn Papa sie nicht unterrichtet.

»Kannst du uns nicht was über Dinosaurier erzählen? Wir wissen noch nicht genug über Dinosaurier«, sagt Nanna ernst.

Papa schüttelt den Kopf.

»Heute nicht. Morgen ist auch noch ein Tag«, sagt er, geht in sein Zimmer und zieht die Tür hinter sich zu.

Die Mädchen nehmen ihre Bücher und versuchen zu lesen, aber das Licht ist schwach und manchmal geht es sogar fast ganz aus.

»Kannst du den Generator anmachen? Wir können kaum lesen«, sagt Nanna.

»Nein«, antwortet Papa. »Der Wind weht die Blätter bestimmt bald von den Solarzellen. Bis dahin müssen wir so zurechtkommen.«

Sie versuchen noch eine Weile zu lesen, aber es funktioniert nicht.

»Papa!«, ruft Fride.

Er antwortet nicht.

»Papa!«, ruft sie wieder.

»Was ist denn?«, fragt Papa gereizt.

»Ich verstehe was nicht.«

»Frag Nanna.«

»Sie weiß es auch nicht. Kannst du nicht kommen und uns helfen?«

»Nein. Geht in den Periskopraum und sucht euch eine Beschäftigung.«

Es ist immer dasselbe. Geht in den Periskopraum.

Fride und Nanna schlagen ihre Bücher zu und tun, was ihr Vater gesagt hat.

»Vielleicht klappt es heute mit dem Spiegel?«, sagt Nanna. »Ich hoffe, draußen ist genug Sonne.«

Sie dreht das Periskop und schraubt gleichzeitig an einem großen Metallrad an der Seite. Das Meer und die kahlen Baumstämme beachtet sie gar nicht. Sie sucht nach der Sonne und als sie sie gefunden hat, wird sie von einem gleißenden, weißen Licht geblendet. Sie zuckt zurück und reibt sich die Augen.

»Wie schön«, sagt Fride.

Sonnenlicht fällt durch das Periskop und wirft einen leuchtenden Kreis an die Wand. Der schwache Schein erhellt den Raum. Nanna setzt sich aufs Sofa und fängt an zu lesen, während Fride Runde um Runde durch das Zimmer läuft und schließlich ein Buch auf den Boden wirft.

»Denkst du, dass wir heute Sport machen?«, fragt sie.

Normalerweise haben sie nach der Schule Sportunterricht. Unten im Keller hat Papa in der Waschküche eine Sprossenwand getischlert. Oft spielen sie auch mit dem Ball.

»Nein«, sagt Nanna. »Bestimmt nicht. Papa muss arbeiten.«

Fride wandert weiter durch den Raum.

»Kannst du dich nicht hinsetzen?«, fragt Nanna genervt.

»Nein«, sagt Fride und läuft weiter.

Schließlich holt sie sich ein Blatt Papier und fängt an, große Kringel zu malen.

»Was malst du da?«, fragt Nanna.

»Nichts«, sagt Fride und wirft das Blatt weg.

»Du kannst nicht einfach Papier vollschmieren und es dann wegwerfen. Wir haben nicht so viel.«

»Kann ich wohl. Habe ich doch eben gemacht«, sagt Fride und nimmt ein neues Blatt.

»Hör auf«, sagt Nanna. »Oder ich hole Papa.«

Fride hält das Papier vor sich hoch.

»Spielst du mit mir?«

»O.k.«, seufzt Nanna. »Was willst du denn spielen?«

»Mutter, Vater, Kind.«

»Nein.«

»Katzenfamilie.«

»Nein.«

»Meerjungfrauen.«

»Nein.«

»Du hast ja auf nichts Lust«, sagt Fride. »Was ist mit U-Boot oder Raumschiff im Funkraum?«

Nanna schaut sie an und gibt auf.

»O.k. Dann eben Raumschiff.«

Sie steht auf und stellt das Periskop so ein, dass die Sonne in den Funkraum leuchtet. Sie setzen sich vor die großen, grauen Kästen der Funkanlage und fangen an, an den Knöpfen zu drehen. Überall sind kleine, bunte Lämpchen, schwarze Schalter und haardünne Zeiger, die sich nicht rühren. Sie drehen und drücken an Knöpfen und Schaltern herum, aber es tut sich nichts. Fride setzt sich einen schwarzen Kopfhörer auf und macht ein besorgtes Gesicht.

»Was ist los?«, fragt Nanna.

»Wir stürzen in einen Vulkan. Das Raumschiff wird verbrennen«, sagt sie ernst.

Nanna kann sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Lach nicht«, sagt Fride.

Sie nimmt die Kopfhörer ab, lässt sich vom Stuhl rutschen und verschwindet unter dem Pult.

Die Deckenlampe leuchtet heller.

»Sei nicht sauer«, sagt Nanna und drückt auf das Morsegerät, das auf dem Tisch liegt.

Papa hat ihnen erzählt, dass man früher in alten Zeiten nur morsen konnte. Alles, was man senden wollte, musste mit dem Morsealphabet buchstabiert werden. Der Morsetaster klickt unter ihren Fingern. Zweimal lang. Dreimal kurz. Papa hat ihnen das Morsealphabet erklärt, das an der Wand hängt und ihnen gezeigt, wie man ihre Namen buchstabiert. Wenn sie U-Boot oder Raumschiff spielen, dann morsen sie immer.

Nanna morst. Einmal lang. Einmal kurz. Klick. Klick. Das ist ein N. Einmal kurz. Einmal lang. Das ist ein A. Sie morst Nanna und Fride. Zwei Mal. Unter dem Tisch rumort es. Fride zieht an den Kabeln und kriecht hin und her. Nanna drückt lang und kurz. Ein schwaches Rauschen wird stärker.

Nanna morst ihre Namen noch ein bisschen weiter, aber dann fängt sie an, über das Rauschen nachzudenken. Ist das der Generator? Hat Papa ihn angemacht? Nein, das Geräusch klingt anders und es kommt auch nicht aus dem Keller.

Sie hört ein leises Klicken und einer der Zeiger am Funkgerät bewegt sich hin und her.

»Was machst du da?«, fragt Nanna.

»Ich stecke die Kabel zusammen«, sagt Fride.

»Das Funkgerät hat Strom. Was hast du gemacht?«, fragt Nanna.

Fride streckt den Kopf hervor.

»Ich weiß nicht. Dasselbe wie immer. Oh, vielleicht können wir ja jemanden hören?«

Nanna dreht alle Knöpfe, aber nichts passiert. Dann dringt leises Pfeifen aus einem der Lautsprecher. Der Ton wird lauter und lauter, bis er zu einem Heulen angewachsen ist.

»Was ist das?«, ruft Fride.

Und dann kommt Papa angerannt. Er reißt die Tür auf, wirft sich unter das Pult und zieht die Kabel raus. Er steht auf und schaut sie verzweifelt an: »Was habt ihr gemacht? Ist euch eigentlich klar, wie gefährlich das ist?«

Nanna und Fride nicken ernst.

»Niemand darf wissen, wo wir sind. Niemand. Nur dann können wir es schaffen.«

»Aber da draußen ist doch keiner«, sagt Nanna.

»Das wissen wir nicht«, sagt Papa. »Wir wissen nicht, ob wir sicher sind. Ihr müsst mir vertrauen. Eines Tages gehen wir nach oben. O.k.?«

Sie nicken.

»Jetzt trainieren wir und dann kochen wir was Leckeres zu Essen«, sagt Papa und wartet, bis sie aus dem Funkraum gegangen sind. Er nimmt den Schlüssel, der an der Wand hängt, und schließt hinter ihnen ab.

An diesem Abend kann keiner von ihnen einschlafen. Fride liegt im Bett und wirft sich hin und her. Es ist heiß und die Betttücher sind so feucht, dass es sich anfühlt, als würde die Luft an der Haut kleben.

»Nanna.«

»Ja.«

»Ich kann nicht schlafen.«

»Warum nicht?«

»Ich will raus.«

»Ich auch«, sagt Nanna.

»Glaubst du, dass es draußen gefährlich ist?«

»Ich weiß es nicht. Aber es ist mir egal.«

»Was glaubst du, wann wir raus dürfen?«

Erst antwortet Nanna nicht. Sie denkt daran, wie oft Papa gesagt hat, sie müssten erst sicher sein, dass keine Gefahr mehr besteht. Ganz sicher. Immer dasselbe. Dann sagt sie mit Nachdruck: »Morgen gehen wir einfach.«

»Ehrlich?«

»Ja.«

»Wie sollen wir das machen?«, fragt Fride und wackelt mit dem Kopf, wie immer, wenn sie sehr aufgeregt und glücklich ist. »Papa erlaubt uns das nie.«

»Wir sorgen dafür, dass er nichts davon mitbekommt. Und wenn wir herausgefunden haben, dass alles sicher ist, dann wird er uns bestimmt erlauben, öfter nach oben zu gehen.«

»Aber wie?«

»Du weißt doch, dass er sich mittags immer hinlegt, um zu schlafen.«

»Ja«, sagt Fride.

»Dann schleichen wir uns raus.«

»Ja, aber die Luke ist doch zu. Wie sollen wir die aufkriegen?«

»Ich glaube nicht, dass sie abgeschlossen ist. Wir müssen nur an dem Rad drehen.«

»Ich bin so gespannt, wie es draußen ist. Glaubst du, wir werden die Krankheit riechen?«

»Nein, das glaube ich nicht. Krankheiten haben keinen Geruch.«

»Ich hoffe, es klappt. Glaubst du, dass es gefährlich ist?«

»Ich weiß es nicht, Fride. Aber wir müssen es versuchen.«

Junge

3

Am nächsten Tag geht Fride an die Treppe, die hoch zur Luke führt, setzt sich auf die unterste Stufe und wandert Stufe für Stufe weiter hoch. Schließlich muss Nanna sie in den Periskopraum holen.

»Bleib jetzt hier, sonst merkt Papa was. Wir müssen warten, bis er eingeschlafen ist.«

Fride setzt sich an den Tisch und tritt ein paarmal gegen das Sofa. Aus der Küche hören sie ein Husten.

»Was sollen wir machen?«, fragt sie.

»Ich weiß nicht. Bücher anschauen oder malen.«

Fride geht ans Periskop. Sie schaut hindurch und dreht das Rohr unablässig im Kreis.

»Nicht so schnell«, sagt Nanna. »Du machst es ja kaputt.«

»Da oben ist alles still. Nichts bewegt sich. Es sieht aus wie ein Bild«, sagt Fride.

»Wie immer«, sagt Nanna.

»Die Küste ist jedenfalls klar«, sagt Fride und dreht sich um. Sie schaut direkt ins Gesicht ihres Vaters, der in der Tür aufgetaucht ist. Sie stockt und lässt das Periskop los.

»Was ist klar?«, fragt er und kommt in den Raum.

»Die Luft draußen ist heute total klar«, sagt Nanna und fängt an, die Zeichnungen aufzuräumen, die auf dem Boden herumliegen.

Papa setzt sich aufs Sofa.

»So viele Bilder«, sagt er und hebt ein Blatt auf.

Keine von ihnen sagt etwas.

»Ein Sturmvogel. Wer von euch hat den gezeichnet?«

»Ich bin mir nicht sicher«, sagt Nanna.

»Warst du das, Fride?«

»Weiß nicht«, antwortet Fride.

Er schüttelt den Kopf und steht auf.

»Na, hier ist heute wirklich nicht viel los«, sagt er, dann geht er aus dem Zimmer.

Nanna schaut Fride streng an. Sie bleiben eine Weile sitzen, ohne etwas zu tun, hören nur zu, wie Papa in der Küche rumort. Nanna setzt sich an den Tisch und holt das Mensch-ärgere-dich-nicht.

»Du musst lernen zu warten«, sagt sie.

Sie spielen eine Weile, würfeln und schieben die Spielfiguren vorwärts, ohne sich wirklich für das Spiel zu interessieren.

Dann hören sie Papa rufen: »Ich lege mich ein bisschen hin. Habt ihr etwas, um euch zu beschäftigen?«

Sie grinsen sich an und Fride kringelt sich, als Nanna ruft:

»Na klar, wir spielen Mensch-ärgere-dich-nicht.«

Sie spielen noch ein bisschen weiter, bevor Nanna sich zum Schlafzimmer schleicht. Sie stellt sich vor die Tür und lauscht, dann kommt sie zurück.

»Er schläft«, flüstert sie.

»O.k.«, sagt Fride.

Sie schleichen sich zur Treppe neben der Küche. Nanna klettert hoch, bis sie das kalte Metall am Kopf spürt. Die Luke ist aus dickem Stahl und auch als Nanna mit beiden Händen dagegendrückt, bewegt sie sich keinen Millimeter. In der Mitte ist ein Rad mit einem kleinen Griff. Nanna schiebt so fest sie kann. Das Rad rührt sich nicht. Sie versucht es noch einmal, aber es sitzt bombenfest. Sie stemmt die Füße auf die Eisentreppe und schiebt mit dem ganzen Körper. Sie presst ihr Gesicht gegen das Rad.

»Komm schon«, flüstert Fride. »Komm schon. Du schaffst es.«

Nanna tut, was sie kann, aber das Rad lässt sich nicht bewegen. Sie dreht sich um und setzt sich mitten auf die Treppe.

»Wir müssen es schaffen«, sagt Fride. »Wir müssen. Ich kann dir helfen.«

»Wie denn?«

»Ich komme zu dir und dann versuchen wir es zusammen.«

»Das wird nicht funktionieren«, sagt Nanna langsam, aber sie steht auf.

Fride klettert hoch und winkt Nanna zu sich.

»Jetzt komm schon.«

Nanna zwängt sich an Fride vorbei. Gemeinsam halten sie das Rad und schieben. Fride kneift die Augen zu und gibt alles. Nanna drückt so fest, dass sie Fride beiseiteschubst.

»He!«, schimpft Fride.

Nanna macht Platz und lässt los.

»Es geht nicht«, sagt sie.

»Doch, noch mal.«

Sie packen zu und schieben. Sie schieben, bis ihnen die Hände wehtun. Nanna beißt die Zähne so fest zusammen, dass sie Angst hat, ihr Kopf könnte platzen. Und da, endlich, eine fast unmerkliche Bewegung und ein leises Knirschen.

»Fester«, sagt Nanna.

Das Rad dreht sich langsam weiter und ein schrilles Quietschen durchschneidet die Stille. In Papas Zimmer fällt etwas auf den Boden.

»Psst«, sagt Nanna und stockt. »Hörst du was?«

»Nein«, sagt Fride und fängt wieder an zu drücken.

Dann hören sie, wie der Esstisch in der Küche umkippt und die Tür aufgerissen wird.

»Was macht ihr da? Runter da. Sofort runter!«, brüllt Papa und stürmt zur Eisentreppe.

Nanna spürt, wie seine starken Arme sie nach unten ziehen und festhalten. Sie versucht, sich aus seinem Griff zu winden, aber Papa lässt nicht los und zieht auch Fride zu sich. So stehen sie lange da. Papa will sie nicht loslassen. Nanna bohrt den Kopf in seine Brust und versucht, ihre Enttäuschung und die Tränen zu verbergen. Papa drückt sie beide fest an sich, bevor er nach oben klettert und die Luke sichert.

»Wie konntet ihr nur?«, fragt er. »Ihr wisst doch gar nicht, was euch draußen erwartet.«

»Ja, aber wir halten es hier unten nicht mehr aus. Hier gibt es nichts zu tun. Ich hasse den Bunker!«, sagt Nanna und fängt doch an zu weinen.

Fride schluchzt schon laut.

»Ich weiß, meine Mädchen, aber wir haben keine Wahl. Wenn uns jemand sieht, ist womöglich alles aus. Das versteht ihr doch?«, sagt er und schaut zur Luke.

»Aber da oben ist niemand. Wir sind doch auf einer Insel«, sagt Fride.

»Es war aber schon mal jemand hier«, sagt Papa. »Und außerdem gibt es ja auch noch die Krankheit.«

»Ist mir egal, ob ich krank werde«, sagt Fride. »Ich will lieber raus.«

»So was möchte ich nicht hören«, sagt Papa streng.

»Ja, aber …«, sagt Fride.

»Ihr dürft nie wieder versuchen, nach oben zu schleichen. Versprecht ihr mir das?«

Nanna nickt. Fride schüttelt den Kopf.

»Versprichst du mir das, Fride?«

Fride schüttelt wieder den Kopf.«

»Offenbar nicht. Dann muss ich wohl abschließen«, sagt Papa traurig.

»Aber Papa. Können wir nicht wenigstens kurz raufgehen?«, fragt Nanna.

»Nein. Geht jetzt in den Periskopraum. Wolltet ihr nicht Mensch-ärgere-dich-nicht spielen?«, sagt Papa und setzt sich auf die Treppe.

Sie nicken.

»Kommst du mit?«, fragt Nanna vorsichtig.

»Nein, geht ihr nur.«

Junge

4

Ein paar Wochen später sitzen Fride und Nanna im Periskopraum und langweilen sich. Die Zeit kriecht dahin und trotzdem verrinnen die Stunden. Jeder Tag ist gleich und alles, was sie machen, wird immer eintöniger. Papa schläft und sie haben nichts zu tun. Die Tür zum Funkraum ist abgeschlossen. Jetzt darf nur noch Papa rein. Sie hören, wie er nachts an den Knöpfen dreht. Das endlose Rauschen der Lautsprecher klingt wie das Meeresrauschen in einer Muschel. Nanna stellt sich vor, dass sie auf dem Meeresgrund liegen und niemand sie jemals finden wird. Sie schaut zum Bücherregal, aber sie kann sich nicht überwinden, sich ein Buch zu holen.

»Wir könnten ein Kaffeekränzchen machen«, schlägt Fride vor.

»Langweilig«, sagt Nanna auf dem Sofa.

»Ach komm, das ist besser als nichts.«

»Nein, ist es nicht.«

»Kannst du dir nicht was Spannendes ausdenken?«

»Ich liege hier«, sagt Nanna.

»Aber das macht keinen Spaß, da zu liegen.«

»Immer noch lustiger, als da rumzustehen, wo du stehst, und sich zu langweilen.«

»Ach, menno. Du bist so langweilig. Können wir nicht was spielen?«

»Nein. Ich hab keine Lust. Spiel doch allein.«

»Es macht keinen Spaß, allein zu spielen.«

»Du bist selbst schuld, dass wir hier sind.«

»Nein.«

»Doch. Warum hast du Papa nicht versprochen, dass du nicht abhaust?«

»Weil ich rauswill!«

»Ja, aber jetzt passt Papa nur noch besser auf.«

»Er hat die Luke nicht abgeschlossen«, sagt Fride.

»Nein, aber wir müssen tun, was er sagt. Überleg dir, was du spielen willst.«

Fride fängt an, im Zimmer herumzulaufen und zu stöhnen. Dann singt sie.

»Nanna, Nanni, Nanna, Nanni, Nanna«, singt sie.

Nanna schaut hoch. »O.k., wir spielen im Keller verstecken.«

»Super«, sagt Fride und läuft aus dem Periskopraum.

Nanna fängt leise an zu zählen.

»Eins, zwei, drei …«

Sie legt sich zurück, während sie weiter zählt: »… zwölf, dreizehn, vierzehn …«

An der Decke hat sich ein grüner Ring aus Schimmel gebildet, der aussieht wie ein Gesicht. Er hat sich bis zu den Regalen ausgebreitet, inzwischen sind alle Bücher feucht, die Ränder aufgeweicht. Anfangs fand Nanna es gemütlich im Periskopraum mit den vielen Büchern, dem großen Schreibtisch und dem Periskop, das dafür sorgte, dass sie nach draußen schauen konnten, aber jetzt hat sie das alles satt. Papa schreibt nicht mehr länger an seiner Abhandlung über Gemälde, meistens schläft er nur. Ihre Spiele haben sie längst gespielt, alle Bücher längst gelesen und in den letzten Wochen hat Papa es nicht mehr geschafft, sie zu unterrichten. Alles scheint stillzustehen.

Sie nimmt die Taschenlampe aus dem Regal und geht langsam in den Keller. Die steile Betontreppe ist rutschig und glatt und sie muss sich am Geländer festhalten. An der Decke hängen Glühbirnen und leuchten schwach. Der Keller besteht aus verschiedenen Räumen. Das Vorratslager, zu dem nur Papa den Schlüssel hat, ist der größte Raum. Daneben gibt es noch mehrere andere Räume – den Heizungskeller, in dem der Generator steht, der ihren Strom produziert, die Werkstatt mit einer kleinen Hobelbank, die Rumpelkammer, in der sie alles Mögliche aufbewahren, das sie nicht brauchen, die Toilette, den Brunnenraum und den Waschkeller mit der Sprossenwand, in dem auch der Wassertank steht, und noch ein paar mehr, die leer sind.

Langsam geht Nanna durch den Keller und leuchtet in jede Ecke.

»Fride, wo bist du? Ich finde dich«, sagt sie und versucht, neugierig zu klingen.

Im Waschkeller ist es stockdunkel und mitten auf dem Boden liegt ein großer Berg dreckiger Wäsche. Nanna lächelt. Sie schleicht sich an und sagt: »Ich bin ja so müde. Ich glaube, ich muss mich ein bisschen hinsetzen.«

Dann setzt sie sich mitten auf den Wäschehaufen, aber nichts passiert. Fride kommt nicht rausgekrabbelt, wie sie es schon so oft getan hat. Nanna sucht an den vielen üblichen Stellen: im Rumpelkammerschrank, im Luftschacht hinter dem Öltank im Heizungskeller, wo Fride schon mal stecken geblieben ist, in der Materialkiste, die in der Werkstatt steht, aber Fride ist nirgends. Nanna geht zurück in den Gang und leuchtet einmal im Kreis um sich herum. Sie will gerade wieder die Treppe hochgehen, als sie etwas entdeckt, das ihr vorher nicht aufgefallen ist. Die Tür zum Vorratslager steht einen Spaltbreit offen. Papa muss vergessen haben, sie zuzumachen. Das ist ihm noch nie passiert. In letzter Zeit vergisst er so viel, den Abwasch, die Schmutzwäsche, und oft bekommen sie erst am späten Vormittag ihr Frühstück. Hat Fride sich vielleicht da versteckt? Vielleicht sitzt sie wie ein Mäuschen zwischen den Vorräten und knabbert Schokolade. Dann wird Papa richtig sauer.

Nanna geht näher, aber sie wagt es fast nicht, die Tür aufzuschieben. Wie oft haben sie sich ausgemalt, was alles im Vorratslager ist! Schokolade, Schinken, Dosenananas und Spaghettisoße. Dinge, die es nur zum Geburtstag oder an Weihnachten gibt.

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