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Der junge, der es regnen ließ

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Erster Teil
    1. Rosie Farrells erster Eindruck
    2. Cora Kellys Meinung
    3. Pauline Croals Sichtweise
    4. Conor Duffys Einblicke
    5. Mr Goldsmiths Verwunderung
    6. Mr Cunninghams Misstrauen
    7. Der erste Eindruck von Rosie Farrells Mutter
    8. Pauline Croals erster Eindruck von Clem
    9. Rosie Farrells Leidenschaft für Spiele
    10. Mr Goldsmiths Meinung
    11. Cora Kellys Isolation
    12. Mr Cunninghams Ahnung
    13. Conor Duffys Geistesblitz
    14. Rosie Farrells Beschämung
    15. Mr Goldsmiths Erklärung
    16. Die Sorge von Rosie Farrells Mutter
    17. Rosie Farrells Periode
    18. Cora Kelly spricht über ihren Musikgeschmack … auf gewissen Umwegen
    19. Conor Duffy bietet einen Einblick an
    20. Mr Cunninghams ordentlich verpackte Version der Leidenschaft
    21. Rosie Farrell redet sich etwas vom Herzen
  9. Zweiter Teil
    1. Umzug
    2. Glasgow
    3. Montag
    4. Schule
    5. Sprache
    6. NEDs
    7. Lügen
    8. Musik
    9. Rat
    10. Frechheit
    11. Handy
    12. Einkauf
    13. Pläne
    14. Raucher
    15. Der Junge, der es regnen ließ

Über dieses Buch

»Hunderte von Mädels haben sich die Augen ausgeheult, als es passierte. Typen auch. Ich hab gehört, dass Rosies Mutter woanders hinzieht. Ich denke, das ist das Beste. Vor allem hier. Sie wissen nicht, was Sie glauben sollen, was? […]Man hört ja bloß eine Story nach der anderen. Und eine ist bekloppter als die andere. Ich will niemandem was anhängen, aber das war doch bloß eine Frage der Zeit.«

Etwas Schreckliches ist geschehen. Die Schüler und Lehrer einer schottischen Highschool müssen sich fragen: Wie konnte so etwas passieren? Gab es Vorzeichen? Hätten sie es verhindern können? Viele äußern sich, doch nicht allen Aussagen ist zu trauen ...  

Über den Autor

Geboren und aufgewachsen ist Brian Conaghan in der schottischen Stadt Coatbridge. Er studierte an der Universität von Glasgow, wo er unter anderem einen Abschluss in Kreativem Schreiben erzielte. Nach fünf Jahren Leben und Arbeiten in Italien unterrichtet er heute Englisch an einer weiterführenden Schule in Dublin.

Brian Conaghan

Der Junge,
der es regnen ließ

Aus dem Englischen von
Alan C. Lyne

Für Orla

Eine feste Umarmung geht an meine Freunde
und meine Familie. Ein besonderes Danke
an Anna Alessi und alle bei Sparkling Books
für ihre Unterstützung, ihre Ermutigung und ihr
Vertrauen während des Entstehungsprozesses –
und natürlich an alle Schüler, die ich
im Laufe der Jahre unterrichtet habe. Ohne sie
wäre dieses Buch nie geschrieben worden.

»Bildung ist ein zweischneidiges Schwert.

Wenn es nicht ordentlich behandelt wird,

kann es gefährlichen Zwecken dienen.«

Wu Ting-Fang

Erster Teil

Was sie gesagt haben

Rosie Farrells erster Eindruck

Wir lernten uns kennen, als Clem an unsere Schule kam. Er stammte irgendwo aus dem Süden von England, ich weiß nicht genau, woher. Ich hatte von dem Ort noch nie gehört. Das habe ich immer noch nicht, obwohl er mir viele Male davon erzählt hat. Es hört sich jedenfalls bescheuert an, wo immer es auch sein mag. Er hatte einen komischen Akzent, und gerade deshalb fuhr jeder irgendwie auf ihn ab. Einschließlich der meisten Typen, die out waren. Cora behauptete, er hätte was von Robbie Williams an sich … alle Typen wünschten sich, an seiner Stelle zu sein, und alle Mädchen wünschten sich … na, Sie wissen schon.

Viel geredet hat er am Anfang nicht; er hat einfach seine Arbeit erledigt und dabei kaum den Kopf gehoben. Total langweilig.

Clever war er, das ja. Superclever. Er hatte all dieses Zeug gelesen, das wir nicht mal aussprechen konnten, diesen ganzen ausländischen Kram. Ich war alles andere als ein Bücherwurm, also nahm ich an, ich würde überhaupt nicht in sein Beuteschema fallen. Nicht, dass ich damals gesteigerten Wert darauf gelegt hätte.

Normalerweise finde ich diesen ganzen Kram todlangweilig. Lesen und so weiter. Aber für ihn war Englisch das Ding. Er saß in der ersten Reihe wie der perfekte Lehrerliebling. Ständig musste er ihnen Fragen stellen. Den Lehrern. Über all dieses tödlich öde Zeug führte er Debatten. Kompletter Quatsch.

Langweiliger geht’s nicht mehr, oder? Ich glaube, Miss Croal flirtete vom ersten Tag an mit ihm. Sie war eine dieser Frisch-von-der-Uni-Lehrerinnen. Die sind ja alle gleich. Sie kommen hereingefegt, den Kopf voller Hollywoodstreifen, und sind fest entschlossen, »etwas zu verändern«. Hohlköpfe, die vom Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Um die Wahrheit zu sagen, war es ziemlich peinlich, mitzuerleben, wie sie sich zum Trottel machte. Wie sie sich dem Glauben hingab, sie würde nur so vor Wissen strotzen. Vor Klowasser kommt eher hin. Ehrlich, Miss Croal war ungefähr so hell wie ein Blackout. Nein, ich verarsche Sie nicht. Das ist nicht mein Stil. Ich bin eine passive Beobachterin. Ja, ein paar Leute haben es gemacht. Aber das war kein Mobbing oder Einschüchterung oder so was in der Art. Okay, der Spruch ist nicht gerade astrein, aber wenn sie anfing, herumzuflirten und den ganzen Typen schmachtende Blicke zuzuwerfen, sagte meine Freundin Cora immer: Miss Croal lechzt danach, dass mal einer bei ihr einlocht. Einmal hat sie es ihr allen Ernstes ins Gesicht gesagt, allerdings ein bisschen umschrieben.

Also, sie hat gesagt: Na Miss, lechzen Sie nach Ihrem Tiger Woods? Die Croal hat im Leben nicht kapiert, was das heißen sollte. Sie stammte vermutlich aus irgendeinem Schickimicki-Viertel der Stadt. Aus dem West End oder so.

Das war Coras Art, echt hemmungslos, direkt ins Gesicht. Aber ein Knaller war sie trotzdem.

Ja, er war anders als die anderen Typen und das nicht nur, weil er clever war oder gut aussah. Okay, im üblichen Sinne sah er eigentlich gar nicht gut aus, aber er hätte definitiv als eins dieser Benetton-Models durchgehen können. Sie wissen schon, die, die so gerade an der Grenze zum Hässlichen stehen. Jedenfalls war das Coras Ansicht. Es gab jede Menge Mädchen, die fanden, er sei der totale Mr Mysteriös, aber für mich kam er eher wie Mr Merkwürdig rüber. Irgendwas stimmt nicht mit dem, sagte ich zu Cora – als ob er ein Geheimnis verbirgt oder so was. Manchmal erwischte ich ihn dabei, wie er mich anstarrte, nicht wie in der Freakshow oder so, sondern eher wie einer, der verzweifelt nach Freundschaft sucht.

Ob ich beliebt war? Nun ja, als ich in der fünften Klasse war, wollten alle Fünft- und Sechstklässler mit mir gehen. Ich sagte ihnen, sie sollten Land gewinnen. Was bedeutet, dass sie sich verziehen sollten. Oder besser, ich ließ es Cora für mich sagen. Die reizten mich alle nicht die Bohne.

Mit ein paar von ihnen habe ich rumgeknutscht, aber weiter war nichts. Das reicht nicht, von so was spielt einem doch nicht das Herz verrückt. Mit den Typen aus meiner Schule wäre ich so weit nicht gegangen. Nie im Leben.

Also ja, man könnte wohl sagen, ich war beliebt, aber ich war keine Zicke oder so was in der Art … es war nicht wie bei O.C. California, es war das wirkliche Leben. Und darauf standen wir – auf das, was wirklich war. Wirklich wirklich, nicht so wie beim Rap. Ich hatte Freunde in allen Cliquen. Außer bei den NEDs natürlich. Hier bei uns nennen wir sie NEDs … das bedeutet Non Educated Deliquents – ungebildete Straftäter. Es könnte schlimmer sein, denke ich. Wir könnten sie zum Beispiel auch TIHs nennen – total idiotische Hirnis.

Er war einfach anders … eben weil … weil … nun ja, zuerst einmal hatte er diesen Akzent. Jeder, der einen anderen Akzent hat, muss ja automatisch schon mal cool sein. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz an Schulen, oder etwa nicht? Ich meine, wenn ich zum Beispiel in Amerika zur Schule gehen würde, müsste ich mir die Typen doch mit einem Knüppel vom Hals halten. Er sagte so Wörter wie Frau und Film, ohne das R oder das L richtig auszusprechen. Fwau. Hörte sich irgendwie süß an.

Und dann war da sein Name. Die meisten Typen hier sind auf dem Ich-will-Ire-sein-Trip. Nur weil sie in der siebzehnten Generation oder was weiß ich von irgendwelchen Iren abstammen, glauben sie, sie wären selbst die Mega-Iren. Ich meine – haben die nichts Besseres zu tun? Ich gebe ja den Eltern die Schuld. Man muss sich nur mal umsehen, jeder heißt hier Liam, Keron, Conor, Sean, Niall oder was es sonst noch für beknackte irische Namen gibt. Es ist voll langweilig und vorhersehbar.

Als wir also zum ersten Mal den Namen Clem hörten, fanden wir ihn zum Totlachen. Aber dann haben wir kapiert, dass er sich durch den Namen Clem von all diesen Möchtegern-Iren abhob. Der Hammer war, dass sein Name auch noch dieses Alliterations-Ding an sich hatte: Clem Curran. Sie wissen schon, C und C. Das wenigstens habe ich Miss Croal zu verdanken. Ich bin zwar nicht gerade ein Shakespeare in Englisch, aber sie hat uns die Alliteration erklärt, indem sie seinen Namen als Beispiel benutzte, und so habe ich es mir gemerkt. Wenn ich mal eine alte Frau bin, vierzig oder fünfzig oder so, und das Wort Alliteration höre, werde ich mir im Kopf automatisch sagen: ›Clem Curran‹.

»Der coole Clem Curran«, sagte ich zu Cora.

»Die Klassefrau Cora und der coole Clem Curran knutschen im Cabrio«, konterte sie.

Aber ich glaube, Klassefrau und knutschen zählen nicht.

Ich denke, damit fing es an. Nein, der Anstecker wars!

Ich hatte einen Bright-Eyes-Anstecker an meiner Tasche. Nicht von den kleinen Karnickeln! Von Bright Eyes, der Band. Das war damals meine Lieblingsgruppe. Jetzt nicht mehr. Ich mag sie immer noch, aber Sie wissen ja, wie Leute so sind. Wir wechseln unsere Favoriten von einer Woche zur andern. Von einem Tag zum andern. Wie auch immer, damals habe ich jede Menge Zeug von Bright Eyes gehört, ich konnte nicht genug von denen bekommen. Also zog ich los und kaufte mir ein paar Anstecker für meine Tasche. Sie kennen doch diesen Modefimmel mit den Taschen voller Anstecker? Der hatte mich erwischt. Wenn meine Mutter sich Anstecker an die Tasche machen würde, wäre ich total per… wie heißt das? … total perplex.

Okay, Clem und ich wurden also in der Italienisch-Stunde nebeneinandergesetzt, um so ein Rollenspiel-Zeug abzuziehen, irgendwas über Touristen, die in Rom nach dem Weg fragen oder so. Ich meine, wozu soll das irgendwann mal gut sein? Der Sprachunterricht an unserer Schule ist echt Horror.

Wie auch immer, wir spulten jedenfalls gerade den ganzen Zirkus ab mit: Sie müssen die Straße lang geradeaus gehen, dann links und dann an der ersten Kreuzung rechts, dann sehen Sie die Spanische Treppe, als er den Bright-Eyes-Stecker an meiner Tasche entdeckte.

»Ich wusste ja gar nicht, dass du ein Emo-Küken bist«, sagte er.

Ich sagte: »Wer ist hier ein ausgeflipptes Emu? Und nenn mich nie wieder Küken!«

Aber »ausgeflippt« habe ich nicht wirklich gesagt, oder doch?

Als er mir dann erklärte, was Emo bedeutete, kam ich mir wie die totale Vollidiotin vor. Und dann unterhielten wir uns über Musik und die Schule und Schüler und Lehrer und was Teenagern sonst noch so auf der Seele brennt. Er konnte gut quatschen. Er erzählte mir, wo er herkam, aber es hörte sich so öde an, dass wir doch lieber über mich sprachen. Als ich an diesem Abend nach Hause ging, dachte ich ziemlich viel an ihn, und vom nächsten Tag an stand ich irgendwie auf ihn.

Da hatte ich gerade The Smiths entdeckt.

Cora Kellys Meinung

Ach du Scheiße! Es ist nicht so, als wäre ich auf Clem abgefahren. Rosie ist voll die Lügnerin, wenn sie das behauptet. Ich kann nicht glauben, dass Leute auch nur auf so eine Idee kommen würden. Das ist totaler Quatsch. Wir sprachen über ihn, weil er

A) neu auf der Schule war und weil wir

B) das eben machen, wenn wir über die Typen reden.

Alle Mädchen machen das. Und nebenbei, Sie sollten mal hören, was die über uns sagen. Jemand hat mal in Umlauf gebracht, dass ich so einem kleinen Achtklässler nach der Disco einen runtergeholt habe … mit der Hand … Sie wissen schon … dass ich ihn hochgebracht hab. Und dann habe ich mitgekriegt, wie die ganzen Rotznasen aus der Achten auf dem Flur miteinander flüsterten. Also bin ich zu dem Typen mit der großen Klappe hingegangen und habe ihm gesagt, dass ich ihm die Nase eintrete, bis sie ihm aus dem Ohr wieder rauskommt, wenn er denen nicht erzählt, dass das ein Haufen Müll war. Und was sage ich Ihnen, er hat fix alles wieder zurückgenommen. Ich meine, weshalb sollte ich denn überhaupt auf einer Achtklässler-Disco aufkreuzen? Ich fahre echt nicht darauf ab, zu The Jonas Brothers herumzuhopsen, besten Dank.

Was ich sagen will, ist: Glauben Sie bloß nicht alles, was Sie zu hören kriegen, auf keinen Fall. Eine einzige SMS genügt und schon ist man die größte Schlampe in der ganzen Schule. Manchmal wünsche ich mir die alten Zeiten zurück, als es noch keine Handys gab. Meine Mutter redet immer noch davon. Können Sie sich das vorstellen? Man würde total vereinsamt durch die Gegend laufen.

Im Übrigen wusste Rosie, dass ich irgendwie auf Conor Duffy stand. Obwohl er auf Fußball und diesen ganzen Männerkram abfuhr, der total uncool ist. Ich mochte ihn trotzdem. Ohne seine Kumpels war er nämlich ziemlich okay.

Dieses ganze blöde Celtic-Gegröle hätte ich ja noch ausgehalten, aber auf keinen Fall könnte ich mir das affige Wir-sind-amerikanische-Gangster-Getue reinziehen. Hier in Glasgow – aber sicher doch.

Und Sie sollten mal hören, wie die Typen reden, als würden sie aus den miesesten Vierteln der Stadt stammen, mit diesem reinen Glasgower Dialekt, wie aus dem Comic-Heft. Der ist total aufgesetzt, ich habe gehört, wie ein paar von denen mit ihren Müttern sprechen, und das ist Millionen Meilen weit entfernt von dem, was ihnen in der Schule so aus dem Mund schwappt. Aber endgültig Schluss ist bei mir, wenn das ganze Hip-Hop-Gesinge losgeht und die Kommentare dazu. Ich meine, haben Sie schon mal 50Cent und JayZ in schottischem Dialekt gehört? Hört sich an wie ein Vollidiot mit Sprachstörungen.

Ich mochte ihn trotzdem. Es war eins von diesen verbotenen … irgendwie magischen … Lastern, ja das ist es. Rosie fand, er sei ein ziemlicher Trottel, also versuchte ich, ihn nicht zu mögen. Nein, ich mache nicht immer, was Rosie mir sagt. Aber auf seine Freunde hört man doch, oder etwa nicht? Ich versuche nicht, hier irgendwas zu verbergen.

Clem?

Clem war okay, auf seine langweilige Art – halt so ein Typ, der Bücher mag und ständig liest und so. Er hatte einen komischen Namen und einen komischen Akzent. Manche Mädchen stehen auf so was. Sie sagten alle, er sei irgendeinem Typen aus O. C. California wie aus dem Gesicht geschnitten, aber O. C. California sehe ich mir nie an, also konnte ich das wirklich nicht beurteilen. Zu bissig für meinen Geschmack.

Für mich war es, als würde man jemanden aus Eastenders oder Hollyoaks reden hören. Das ist das Erotischste, was man hier kriegt …

Nein, das meine ich nicht … er war anders, wollte ich sagen … exotisch dann eben. Erotisch, exotisch, das ist doch kein großer Unterschied.

Nach nur einer Woche an der Schule fraß ihm schon jeder aus der Hand. Ich nannte das den Robbie-Williams-Effekt. Sie wissen schon, alle Typen wollen … sagen Sie bloß, Sie kennen das nicht? So oder so, es gab jedenfalls ein paar Mädchen, vor allem in der Klasse unter uns, die fingen an zu sabbern, sobald sie auf dem Flur nur an ihm vorübergingen, als würden sie in einem JLS Musikladen-Gig mitspielen. Es war lächerlich. Aber ob ihr’s glaubt oder nicht, Miss Croal war die Schlimmste von allen.

Ihr lief praktisch die Spucke aus dem Mund, wann immer er in ihre Englischklasse kam. Sogar ich habe mich für sie geschämt. Nein, ich habe sie nicht deswegen fertiggemacht. Ja, vielleicht, habe ich dann und wann mal eine Bemerkung fallen lassen … aber nichts Gemeines.

Manchmal brauchen es diese neuen Lehrerinnen, dass man ihnen zeigt, wo ihr Platz ist. Die stecken noch voll von diesen neuen Ideen. Ich meine, die sollen uns ein Buch geben und es uns lesen lassen oder zumindest so tun lassen, als ob wir’s lesen. Wir müssen ja wohl nicht untersuchen, was jedes verdammte Wort bedeutet. Ich wollte Englisch noch nicht mal belegen. Ich meine, es ist ja nicht so, als würde ich mal einen Beruf oder so was daraus machen. Es ist langweilig und knallt einem den Kopf voll. Noch schlimmer, als in die Schulmesse zu gehen. Ich schlage bis heute in der Englischstunde Schimpfwörter im Wörterbuch nach, um mich wachzuhalten. Warum zwingt die Schule uns alle dazu, Englisch zu belegen? Das macht einfach keinen Sinn. Ich würde sagen: Lasst es all die Bekloppten doch machen, die es wollen, und den Rest von uns lasst lieber mehr Stunden in den Fächern belegen, die uns Spaß machen. Ich zum Beispiel würde gern Tierärztin werden, nur bin ich mies in Biologie und Blut kann ich auch nicht so gut sehen. Aber ich mag Tiere gern …

Wer weiß, vielleicht mache ich einen Schauspielkurs oder so was – noch hab ich keine Ahnung. Mein Vertrauenslehrer schlug mir Kosmetikerin vor. Das könnte Ihnen so passen, habe ich ihn angepflaumt. So hirnlos bin ich ja nun nicht.

Irgendwie Sorgen gemacht habe ich mir schon, als Clem an die Schule kam, denn ich hatte Angst, dass ich und Rosie beide auf ihn abfahren würden – das hätte voll die Spannung zwischen uns gegeben. Also habe ich mich verdammt bemüht, ihn zu ignorieren. Und dann, als ich mitbekam, wie er den ganzen Quatsch im Englischunterricht von sich gab, wusste ich, dass ich sowieso nie auf ihn stehen würde.

Nicht mein Typ, kapiert? Ich nehme an, er muss Waage oder so gewesen sein, denn Schützen und Waagen können sich gegenseitig nicht ausstehen. Oder sind das Löwen? Was immer er war, mir war klar, dass bei uns die Chemie nicht stimmte. Aber mir war auch klar, dass Rosie ihn mochte. Sie hatte völlig den Verstand verloren, immer guckte sie zu ihm hin, und wenn er da war, wurde sie plötzlich knallrot im Gesicht und schüchtern. Eine Zeit lang hatte ich Angst, sie würde noch eine dieser verrückten Stalkerinnen werden. Dabei ist es wirklich so, dass Rosie jeden Typen an der Schule hätte haben können. All die Typen in der Fünften und der Sechsten fanden, sie sei ein Knaller. Sie kleisterte sich nicht total mit Make-up zu wie die meisten Tussis in der Zehnten und der Elften, die sich einbilden, sie wären Gottes Geschenk an die Männerwelt. Das ist nämlich so eine Sache mit Rosie – sie hatte überhaupt keine Ahnung, wie super sie aussah.

Ich war nicht eifersüchtig … weshalb hätte ich eifersüchtig sein sollen? Ich hatte massenweise Typen, die mir hinterherrannten. Sogar Typen mit Autos und Typen, die einen richtigen Job hatten. Ich konnte gut mithalten. Einen Freund wollte ich nicht. All dieser Unsinn von wegen Sandkastenliebe konnte mir gestohlen bleiben. Es war nicht so, dass ich was gegen Typen hatte oder so – ich wollte mir nur nicht den ganzen Ärger mit einem Freund aufhalsen. Auf keinen Fall. Nicht mit mir! Vermutlich nimmt die Hälfte der Mädchen von der sechsten Klasse aufwärts die Pille, also ist das wohl nicht weiter verwunderlich. Wenn man manchen Geschichten glaubt, die hier so in Umlauf sind, dann ist die Hälfte der Mädchen in unserer Klasse schon ein- oder zweimal in die Abtreibungsklinik spaziert, während die andere Hälfte die Pille danach einschmeißt wie Tic-Tacs.

Ich bin immer vorsichtig gewesen. Wir leben ja schließlich nicht mehr in den Achtzigern. Wie auch immer, Rosie und ich waren jedenfalls total verschieden, nicht nur im Aussehen. Zuerst mal stand sie auf all diese depressive Hach-ich-sterbe-gleich- ich-schneid-mir-die-Pulsadern-auf-Musik. Sie hat eine Ewigkeit lang versucht, mich dafür zu begeistern, aber wenn ich das höre, will ich mir was antun. Ich brauche Beat und Rhythmus.

Selbst wenn ich gewollt hätte, ich hätte nie im Leben auf Clem gestanden. Ich hätte nie etwas getan, um Rosie zu verletzen. Sie war meine beste Freundin.

Natürlich bin ich geschockt.

Ob ich traurig bin?

Das ist was anderes, oder?

Pauline Croals Sichtweise

Es war meine erste Stellung nach Abschluss der Lehrerausbildung, also bin ich natürlich mit jeder Menge Enthusiasmus an die Arbeit gegangen. Außerdem betrachtete ich es als meine Pflicht, bei meinen Schülern Interesse für mein Fach zu wecken. Die Tage, in denen man auf altmodische Weise an der Tafel stehen und dozieren oder die gesamte Stunde hindurch Einzelbeschäftigung verlangen konnte, sind lange vorbei. Ich habe mich bemüht, innovativer vorzugehen und eine Umgebung zu schaffen, die dem Lernprozess förderlich ist. Dazu sind wir auch auf der Universität ermutigt worden. Schließlich habe ich mich deswegen für diesen Beruf entschieden.

Nein, ich habe die Schule nicht als besonders schwierig empfunden. Natürlich hatte ich keine Vergleichsmöglichkeiten, aber verschiedene Mitglieder des Kollegiums überzeugten mich davon, dass es eine Schule war, in der sich erträglich arbeiten ließ. Meine eigene Schulzeit war von meinen Erfahrungen als Lehrerin nicht weit weg.

Die Schule war voller Individualisten. Das gefiel mir und galt für die Schüler wie für das Kollegium. Es ist fair, zu sagen, dass einige der älteren Mitglieder des Kollegiums es nicht mochten, wenn Staub aufgewirbelt wurde. Sie ziehen es vor, wenn alles beim Alten bleibt. Sämtliche Stereotypen, vor denen wir als Studenten gewarnt wurden – Kaffeebecher und bestimmte Stühle, die bestimmten Lehrern vorbehalten bleiben – sie entsprechen alle der Wahrheit. Eine solide Front aus Feindseligkeit war spürbar. In Lehrerzimmern herrscht eine straffe Hierarchie.

Nachdem ich die binnenpolitische Lage ein paar Monate lang beobachtet hatte, hielt ich sie für verstaubt und verbittert. Der Wunsch nach Veränderung schien nicht zu existieren. Zu viele Lehrer sind in ihren Methoden festgefahren. Sie warten nur noch, bis es klingelt oder bis die Sommerferien beginnen. Und dann war da der Zynismus, der an mir nagte. Viele meiner Kollegen hatten über die Schüler, die sie unterrichteten, kein positives Wort zu sagen. Um ehrlich zu sein, war ich ein wenig überrascht von der puren Ablehnung und der Verachtung, die sie ihrem Beruf entgegenbrachten. In anderen Branchen wären sie gefeuert worden. Viele Lehrer aber schließen einfach ihre Türen und praktizieren Methoden, die im modernen Unterricht nichts zu suchen haben. Es ist zu schwierig geworden, heutzutage Lehrer zu feuern. Damit das passiert, muss jemand eine bestimmte Schwelle überschritten haben.

Ich gerate ins Schwatzen. Das ist eine Schwäche von mir. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich hier verallgemeinere, denn nicht alle Lehrer waren so. Manche von uns waren wirklich interessiert. Ich war interessiert an meinen Schülern und ich bemühte mich um sie. Ich hatte mir vorgenommen, meine Schüler zu ermutigen und in ihnen eine Liebe für mein Fach zu wecken. Nein, immer funktioniert hat das nicht. Ich vermute, das ist eben der Alltag eines Lehrers.

Man könnte behaupten, ich hätte meine Schüler benutzt, um mich über die Schwierigkeiten im Lehrerzimmer hinwegzutrösten. Sie waren mein Zufluchtsort. Ich war ständig auf der Hut, damit die Leidenschaft und Begeisterung, die ich für mein Fach an den Tag legte, nicht missverstanden oder missbraucht wurde. Das war eine Gefahr. Es ist der Albtraum eines jeden Lehrers. Ich bildete in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

Die Klasse war, wie zehnte oder elfte Klassen eben sind: Manche hatte echtes Interesse an Englisch, andere legten Apathie an den Tag. Manche waren ruhig und unauffällig, während andere Krawall schlugen. Einfach eine gewöhnliche Klassenzimmermischung.

Rosie Farrell? Nein, an Rosie ist mir nichts Seltsames aufgefallen. Ein typisches Oberstufen-Mädchen, voller Teenager-Sorgen und falsch verstandener Rebellion. Sie hatte etwas mit mir … nein, so meine ich es nicht. Ich wollte sagen, sie verhielt sich aus irgendwelchen Gründen abweisend und feindselig. Wir entwickelten nicht gerade eine ausgeprägte Lehrerin–Schülerin-Beziehung, das muss ich zugeben. Ich hatte den Eindruck, sie glaubte, ich hätte anderes im Sinn, als die Schüler für das Fach zu interessieren und erfolgreich durchs Examen zu bringen – obwohl es mir nur darum ging. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie sie darauf kam. Und ich stelle bestimmt keiner Sechzehnjährigen Fragen zu einem solchen Thema. Schließlich war ich diejenige, die die verantwortungsvolle Stellung hatte. Ich musste Reife beweisen, Führungsqualitäten und Integrität. Eine Schülerin zur Rede zu stellen, nur weil man das sichere Gefühl hat, dass die einen nicht mag, ist unprofessionell und kurzsichtig. Ich fürchte, ich war mir meiner selbst und meiner Methoden auch nicht so sicher.

Davon abgesehen hatte ich den Eindruck, dass Rosie ein intelligentes Mädchen sei und enorm schlagfertig obendrein. Ich war der Meinung, sie sei mehr als in der Lage, alles zu erreichen, was sie wollte. Um ehrlich zu sein, ich mochte ihre Individualität oder ihren Wunsch, individuell zu sein. Allem Anschein nach flog sie nicht auf Dinge, nur weil ihre Altersgenossen sich dafür interessierten. Was ihren Kleidungsstil, die Musik, die sie hörte, oder ihr Benehmen im Allgemeinen betraf, konnte man sie wohl als Emo-Mädchen bezeichnen. Was emotional bedeutet. Es bezieht sich auf eine bestimmte Musikrichtung. Emotionale Musik, könnte ich mir denken. Natürlich geht es darüber hinaus, in dem Sinn, dass auch ganz allgemein ästhetische Fragen und Verhalten mit einbezogen sind. Ikonoklastisch und subversiv – mit kleinem »s« geschrieben. Rosie fiel zweifellos in diese Kategorie, sie war eine Verschmelzung all dieser Dinge.

Es ist ja nicht so, als würden wir Lehrer keine Musik hören. Dass wir uns Wissen in Pop-Kultur aneignen, sollte zur Bedingung werden. Wenn überhaupt, dann sind wir mehr auf Teenager eingestellt als jede andere Berufsgruppe. Ich würde allen Lehrern raten, sich X Factor, Big Brother oder The Inbetweeners anzusehen. Es hat mit dem Versuch, eine Beziehung aufzubauen, zu tun. Und das ist gar nicht so besonders schwer.

Rosie hatte ein Gefühl für Englisch. Ich glaube aber nicht, dass ihr das bewusst war. Manchmal ist es schwierig, objektiv zu sein, die Fähigkeit zu entwickeln, sich von außen zu betrachten und die eigenen Erfolge und die Gebiete, die verbessert werden müssen, zu analysieren. Dafür kann dann vielleicht ein Lehrer ganz nützlich sein. Ich konnte sehen, dass sie echtes Potenzial hatte. Aus meiner Sicht hatte sie Spaß an Macbeth und an manchen von Shakespeares Sonetten.

Ich fand, Cora Kelly war wie ein Mühlstein an Rosies Hals. Es war nicht zu übersehen, dass sie schlechten Einfluss auf sie ausübte. Vielleicht war das eine Art von intellektuellem Minderwertigkeitskomplex oder es lag an etwas Optischem. Sie wissen ja, wie Teenagerinnen sein können. Ich hatte das Gefühl, dass es eine Spur von Feindseligkeit in dieser Freundschaft gab. Cora konnte sehr boshaft sein, aber gleichzeitig hatte sie etwas herzzerreißend Charmantes an sich. Sie brauchte immer ein Publikum. Wenn Rosie aus irgendwelchen Gründen nicht im Unterricht war, benahm sich Cora wie ein verdrossener Hund ohne seine Besitzerin. Irgendetwas ziemlich Grundlegendes stimmte nicht mit diesem Mädchen. Keiner meiner Kollegen hatte ein gutes Wort über sie zu sagen, aber bitte betrachten Sie das nicht als eine Art Barometer!

Unter keinen Umständen der Welt hätte sie ihr Examen bestehen können. Warum nicht? Einfach weil sie schwach und faul war. Ich glaube, man hatte ihr nahegelegt, dass es besser für sie sein könnte, von der Schule abzugehen und sich in der Berufsschule des Bezirks für einen Lehrgang als Kosmetikerin anzumelden. Wenn Sie mich fragen, war das eine gute Idee. Ich bin nicht sicher, warum sie es nicht gemacht hat. Meiner Theorie nach genoss sie die Annehmlichkeiten, die Kameradschaft und die Sicherheit, die die Schule ihr lieferte.

Clem Curran? Nun ja, das ist eben so eine Geschichte, oder?

Conor Duffys Einblicke

Mann, der hatte voll die Angebersprache drauf. Und dann dieser Name, was sollte das denn? Konnten seine Alten ihn nicht ab, oder was? Die Hälfte von dem, was wir sagten, konnte er nicht verstehen, weshalb es ein Albtraum war, mit ihm zu reden. Wir Oberstufenschüler waren nämlich beauftragt, ihn so ’n bisschen rumzuführen, in den Klassenzimmern und im Aufenthaltsraum und so.

Wo die Raucherecke war.

Wo man’s in der Schule treiben konnte, ohne erwischt zu werden.

Wer die guten Lehrer waren und wer die Vollidioten. Die Clowns.

Mit welchen Schülern man sich abgeben konnte und wer die totalen Freaks und Spinner waren.

Wer ins Irrenhaus gehörte.

Ich meine die, von denen wir wirklich dachten, dass sie ins Irrenhaus gehörten. Nicht die, die sich aus Quatsch wie die Irren benahmen, sondern die Typen, die echt irre Sachen abzogen. Ich weiß auch nicht, so Schlägertypen. Nur viel schlimmer. Viel schlimmer. Aufschlitzen und all dieses Gang-Zeug. Wie auch immer, auf diesen Haufen Irre musste man jedenfalls aufpassen, das war wichtig, denn die hätten keine Hemmungen, einen dämlichen Engländer abzustechen. Ein falsches Wort oder ein falscher Blick, und das war’s dann.

Die brauchten keine Ausrede. Klein-Sean hat ihm echt klar gesagt, er soll bei diesen Psychos besser die Schnauze halten, falls die sich an seinen Akzent stören würden. Klar, wir hätten jeden von denen fertigmachen können, wenn es drauf angekommen wäre, aber das war die Sache nicht wert, denn die würden einen abstechen, sobald sie die Chance dazu hätten. Also war’s einfach besser, die Klappe zu halten und sich nicht mit denen anzulegen. Das war unser Mantra, Mann. Und eigentlich war das ganz leicht, weil von denen keiner in eine von unseren Klassen ging. Die waren in den Fördies. Ach so, das bedeutet Förderkurse.

Ein paar von denen spielten auch im Fußballteam mit, also kamen wir mit ihnen aus. Als der lange Niall verletzt war, haben wir Clem gefragt, ob er in der Schulmannschaft mitspielen will, aber der Typ hatte kein Interesse an Fußball. Komisch, was? Er sah eigentlich aus, als ob er mit einem Ball umgehen könnte, aber dann kriegten wir spitz, dass er stattdessen auf Rugby abfuhr. Mein Alter hat mir immer gesagt: Trau bloß nie einem, der Fußball nicht mag. Er hatte überhaupt kein Interesse daran, also verstehen Sie mich nicht falsch, er war ja deshalb kein schlechter Kerl oder so. Der Typ war einfach anders.

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