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Der Junge, der Träume schenkte

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitate
  7. Prolog
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  1. ERSTER TEIL
  2. 4
  3. 5
  4. 6
  5. 7
  6. 8
  7. 9
  8. 10
  9. 11
  10. 12
  11. 13
  12. 14
  13. 15
  14. 16
  15. 17
  16. 18
  17. 19
  18. 20
  19. 21
  20. 22
  21. 23
  22. 24
  23. 25
  24. 26
  25. 27
  26. 28
  27. 29
  28. 30
  29. 31
  30. 32
  1. ZWEITER TEIL
  2. 33
  3. 34
  4. 35
  5. 36
  6. 37
  7. 38
  8. 39
  9. 40
  10. 41
  11. 42
  12. 43
  13. 44
  14. 45
  15. 46
  16. 47
  17. 48
  18. 49
  19. 50
  20. 51
  21. 52
  22. 53
  23. 54
  24. 55
  25. 56
  26. 57
  27. 58
  28. 59
  29. 60
  30. 61
  31. 62
  32. 63
  33. 64
  34. 65
  35. 66
  36. 67
  37. 68
  38. 69
  39. 70
  1. Danksagungen
  2. Leseprobe »Als das Leben unsere Träume fand«

Über den Autor

Luca Di Fulvio, geb. 1957, lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Rom. Ehe er sich dem Schreiben widmete, studierte er Dramaturgie bei Andrea Camilleri an der Accademia Nazionale d’Arte Drammatica Silvio D’Amico. DER JUNGE, DER TRÄUME SCHENKTE ist sein vierter auf Deutsch erschienener Roman.

MEINEM SCHICKSAL GEWIDMET,

DAS CARLA ZU MIR GEFÜHRT HAT,

OHNE DIE ICH NIEMALS ÜBER DIE LIEBE

HÄTTE SCHREIBEN KÖNNEN.

In Träumen beginnt die Verantwortung.

W. B. YEATS, Responsibilities

Kleines, man nennt sie die Diamond Dogs.

DAVID BOWIE, Diamond Dogs

PROLOG

1

Aspromonte, 1906–1907

Anfangs hatten beide beobachtet, wie sie heranwuchs. Die Mutter und der Gutsherr. Die eine mit Sorge, der andere mit seiner trägen Wollust. Doch bevor sie zur Frau wurde, trug die Mutter dafür Sorge, dass der Gutsherr sie nicht mehr beachtete.

Als das Mädchen zwölf Jahre alt war, gewann die Mutter, wie sie es von den alten Frauen gelernt hatte, aus Mohnsamen einen Sirup. Diesen Sirup flößte sie dem Mädchen ein, und als es benommen vor ihr zu taumeln begann, nahm sie es auf ihren Rücken, überquerte die staubbedeckte Straße, die inmitten der Ländereien des Gutsherrn an ihrer Hütte vorbeiführte, und trug es bis zu einem Kiesbett, wo eine verdorrte alte Eiche stand. Sie brach einen dicken Ast ab, zerriss die Kleider des Mädchens und rammte ihm einen spitzen Stein in die Stirn. Diese Wunde, da war sie sicher, würde stark bluten. Dann legte sie ihre Tochter in verrenkter Haltung, als wäre sie beim Sturz vom Baum die Böschung hinabgerollt, auf dem Kies ab und ließ sie, bedeckt mit dem Ast, den sie abgebrochen hatte, dort liegen. Die Männer würden bald von der Feldarbeit heimkehren, deshalb hastete sie zurück zur Hütte. Dort bereitete sie aus Zwiebeln und Schweinespeck eine Suppe zu und trug danach erst einem ihrer Söhne auf, nach Cetta, ihrem Mädchen, zu suchen.

Sie behauptete, sie habe sie zum Spielen in Richtung der toten Eiche laufen sehen, schimpfte über ihre Tochter und beklagte sich bei ihrem Mann: Das Mädchen sei ein Fluch, sie schaffe es nicht, es zu bändigen, es sei ein Irrwisch, trage jedoch den Kopf in den Wolken, man könne ihm nichts auftragen, da es auf halbem Weg schon wieder alles vergessen habe, zudem sei es ihr nicht die geringste Hilfe im Haushalt. Ihr Mann wies sie zurecht und verbot ihr den Mund, bevor er schließlich zum Rauchen nach draußen ging. Während der Sohn sich über die Straße zur toten Eiche und zum Kiesbett aufmachte, kehrte sie zurück in die Küche, um die Zwiebel-Speck-Suppe im Kessel umzurühren, und wartete. Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Wie jeden Abend hörte sie den Gutsherrn im Auto an ihrer Hütte vorbeifahren und zweimal hupen, weil, wie er sagte, die Mädchen das so gerne mochten. Und wirklich, obwohl die Mutter ihr bereits vor einem Jahr verboten hatte, den Gutsherrn vor dem Haus zu begrüßen, lief Cetta noch immer, vom Hupen angelockt, jeden Abend zum Fenster unter dem Verandadach und blickte verstohlen hinaus. Und sie, die Mutter, hörte den Gutsherrn lachen, bis seine Stimme sich in der Staubwolke hinter dem Wagen verlor. Cetta nämlich – das sagte jeder, der Gutsherr jedoch ein wenig zu oft – war ein wirklich hübsches Mädchen und würde gewiss einmal eine bildschöne junge Frau werden.

Als der Sohn, der sich auf die Suche nach Cetta gemacht hatte, mit lautem Geschrei zurückkam, rührte die Mutter weiter in der Zwiebel-Speck-Suppe. Ihr Atem jedoch stockte. Sie hörte, wie der Sohn mit dem Vater redete. Die schweren Schritte des Vaters polterten über die drei Holzstufen nach draußen, die bereits so schwarz waren wie Steinkohle. Und erst einige Minuten später hörte die Mutter ihren Mann lauthals ihren und Cettas Namen rufen. Da ließ sie die Suppe auf dem Herd stehen und lief endlich hinaus.

Ihr Mann trug die kleine Cetta in seinen Armen. Mit blutverschmiertem Gesicht und zerrissenen Kleidern hing sie wie ein Lumpen in den schwieligen Händen des alten Vaters.

»Hör mir zu, Cetta«, sagte die Mutter tags darauf, als alle zur Feldarbeit aufgebrochen waren, zu ihrer Tochter. »Du wirst nun bald erwachsen und verstehst mich genau, wenn ich mit dir rede, ebenso wie du, wenn du mir in die Augen siehst, genau weißt, dass ich fähig bin zu tun, was ich dir jetzt sage. Wenn du meine Anweisungen nicht aufs Wort befolgst, bringe ich dich eigenhändig um.« Daraufhin nahm sie ein Seil zur Hand und band es Cetta um die linke Schulter. »Steh auf«, befahl sie ihr, zog das Seil straff bis hinab zur Leiste, wodurch sie die Kleine in eine gekrümmte Haltung zwang, und schnürte das andere Ende fest um ihren linken Oberschenkel. »Das bleibt ein Geheimnis zwischen dir und mir«, bläute sie ihr ein. Aus einer Schublade zog sie ein weites Kleid mit verwaschenem Blumenmuster, das sie aus alten Stoffresten genäht hatte, und streifte es ihr über. »Du wirst behaupten, du wärst seit dem Sturz verkrüppelt. Vor allen, auch vor deinen Brüdern«, erklärte sie dem Mädchen. »Damit du dich daran gewöhnst, wirst du dieses Seil einen Monat tragen. Danach werde ich es dir abnehmen, aber du wirst weiter so gehen, als wäre es noch da. Tust du das nicht, lege ich es dir zunächst wieder an, und solltest du danach versuchen, dich aufzurichten, bringe ich dich eigenhändig um. Und wenn der Gutsherr abends in seinem schönen Auto hier vorbeifährt und hupt, läufst du hinaus und winkst ihm zu. Oder besser noch, du erwartest ihn bereits draußen auf der Straße, damit er dich gut sehen kann. Hast du mich verstanden?«

Das Mädchen nickte.

Da nahm die Mutter das Gesicht der Tochter in ihre knorrigen, runzeligen Hände und sah sie mit Liebe und verzweifelter Entschlossenheit im Blick an. »In deinem Bauch wird kein Bastard heranwachsen«, sagte sie.

Noch bevor es Herbst wurde, hupte der Gutsherr nicht mehr, wenn er an der Hütte vorbeifuhr, da er sich mit dem Gedanken abgefunden hatte, Cetta sei hoffnungslos verkrüppelt. Und der Winter hatte kaum begonnen, da nahm er gar einen anderen Weg.

Im Frühsommer sagte die Mutter zur Tochter, sie könne nun wieder genesen. Ganz langsam, um keinen Verdacht zu erregen. Cetta war dreizehn Jahre alt und hatte sich entwickelt. Doch das Jahr als Krüppel hatte sie ein wenig zum Krüppel gemacht. Und nie wieder, auch nicht, als sie erwachsen war, sollte es ihr gelingen, vollkommen gerade zu gehen. Sie lernte, ihren Makel zu überspielen, aber sie richtete sich nie mehr ganz auf. Die linke Brust war ein wenig kleiner als die rechte, die linke Schulter ein wenig gekrümmter als die rechte, der linke Oberschenkel ein wenig gedrungener als der rechte. Zudem war das gesamte Bein, das ein Jahr lang die Schulter nach unten gezogen hatte, steif geworden, oder die Sehnen hatten sich verhärtet, wodurch das Mädchen ein wenig zu hinken schien.

2

Aspromonte, 1907–1908

Nachdem die Mutter ihr erlaubt hatte, von der vorgetäuschten Krankheit zu genesen, hatte Cetta versucht, wieder gerade zu gehen. Doch manchmal schlief ihr linkes Bein ein oder verweigerte ihr den Gehorsam. Und um es aufzuwecken oder wieder zur Ordnung zu rufen, blieb Cetta nichts anderes übrig, als aufs Neue die Schulter herabzuziehen, die vom Seil der Mutter gekrümmt war. In dieser Krüppelhaltung schien sich das Bein an seine Pflicht zu erinnern und ließ sich nicht länger nachziehen.

Eines Tages war Cetta zur Getreideernte draußen auf dem Feld. Und ganz in ihrer Nähe – der eine mehr, der andere weniger – waren ihre Mutter und ihr Vater und ihre Brüder mit den tiefschwarzen Haaren. Und auch der andere, fast blonde Halbbruder, der Sohn ihrer Mutter und des Gutsherrn. Der Halbbruder, dem weder Mutter noch Vater je einen Namen gegeben hatten und den alle in der Familie nur den Anderen nannten. »In deinem Bauch wird kein Bastard heranwachsen«, hatte ihr die Mutter in dem Jahr wieder und wieder eingeschärft. Sie hatte sie zu einem halben Krüppel gemacht, damit der Gutsherr seinen Blick von ihr abwandte. Und immerhin scharwenzelte der Gutsherr nun um andere Mädchen herum.

Cetta war verschwitzt. Und müde. Sie trug ein langes Leinenkleid mit schmalen Trägern. Ihr linkes Bein blieb im kargen, sonnenverbrannten Boden stecken. Als sie bemerkte, dass der Gutsherr einigen Freunden seine Felder zeigte, achtete sie nicht weiter auf ihn, sie fühlte sich nun sicher. Der Gutsherr gestikulierte beim Gehen. Vielleicht erzählt er gerade, wie viele Erntehelfer für ihn arbeiten, dachte Cetta. Die Hand in die Hüfte gestemmt, hielt sie inne, um die Gruppe zu betrachten. Unter ihnen war die dritte Ehefrau des Gutsherrn; sie trug einen Strohhut auf dem Kopf und ein Kleid in einem Blauton, wie Cetta ihn nicht einmal am Himmel je gesehen hatte. Zwei andere Frauen begleiteten sie, vermutlich die Gattinnen der beiden Männer, die mit dem Gutsherrn plauderten. Die eine war jung und hübsch, die andere korpulent und ihr Alter schwer einzuschätzen. Die Männer an der Seite des Gutsherrn sahen ebenso unterschiedlich aus wie ihre Ehefrauen. Der eine war jung und dürr, hoch aufgeschossen und kraftlos wie ein Getreidehalm, der sich unter der Last der reifen Ähre biegt. Der andere war ein Mann mittleren Alters mit breitem Schnurrbart, altmodisch buschigen Koteletten und strohblonden Haaren. Er hatte ausladende Schultern und eine stattlich-breite Brust wie ein ehemaliger Boxer. Beim Gehen stützte er sich auf einen Stock. Und unterhalb seines rechten Knies war ein weiteres Stück Holz zu sehen. Ein künstliches Bein.

»An die Arbeit, Hinkebein!«, rief der Gutsherr, als er Cettas Blicke bemerkte, zu ihr herüber, bevor er sich zu den beiden Männern umdrehte und in ihr Gelächter einfiel.

Cetta, deren Bein taub geworden war, krümmte sich und hinkte weiter durch ihre Ackerreihe. Nach wenigen Schritten wandte sie sich noch einmal nach dem Gutsherrn um und bemerkte, dass der Mann mit dem Holzbein etwas abseits stand und zu ihr herüberstarrte.

Ein wenig später kam Cetta dem Grüppchen so nah, dass sie verstehen konnte, worüber gesprochen wurde. Und auch sie hörte das rhythmische Klopfen, das alle neugierig machte – doch im Gegensatz zu den anderen wusste sie, woher es kam. Aus dem Augenwinkel konnte sie beobachten, wie die Männer das geschnittene Getreide beiseiteschoben und schließlich lachend erkannten, wer das ungewöhnliche Geräusch verursachte. Die Frauen, die sich dem Schauplatz genähert hatten, taten verlegen und schlugen sich die von weißen Spitzenhandschuhen verhüllten Hände vor den Mund, um ein Kichern zu unterdrücken, bevor alle wieder davonspazierten, da es bald Zeit für das Mittagessen war.

Allein der Mann mit dem Holzbein stand noch da und sah zu. Er beobachtete die beiden Schildkröten, die ihre faltigen Hälse in die Höhe reckten und sich paarten, wobei ihre Panzer mit einem rhythmischen Tock-Tock-Tock gegeneinanderschlugen. Der Mann mit dem Holzbein starrte auf die beiden Tiere, dann auf Cetta und ihr Hinkebein und schaute schließlich auf sein eigenes künstliches Bein hinab. Cetta sah eine Hasenpfote an seiner Weste herabbaumeln.

Im nächsten Moment stürzte sich der Mann auf Cetta, stieß sie zu Boden, schob ihren Rock hoch und zerriss ihren abgetragenen Baumwollschlüpfer, und mit der Vorstellung, sein Holzbein schlüge gegen das zurückgebildete Bein des Bauernmädchens, nahm er sie mit aller Hast und zeigte ihr, was ein Mann und eine Frau machen, wenn sie es den Tieren gleichtun wollen. Und während er auf Cetta lag, rief die Dicke über die Felder nach ihrem Mann, da sie nur noch darauf bedacht war, schnell an den Essenstisch zu kommen, und Cettas Mutter und ihr Vater und ihre dunkelhaarigen Brüder und auch der Andere mit dem helleren Haar setzten ganz in der Nähe der sich paarenden Schildkröten ihre Arbeit fort.

Nachdem die Mutter ihr erlaubt hatte, wieder zu genesen, langsam, um keinen Verdacht zu erwecken, hatte Cetta sich den Folgen ihres Jahres als Krüppel stellen müssen. Und als sie, nach der Paarung der Schildkröten, mit nicht ganz vierzehn Jahren schwanger wurde, wölbte sich selbst ihr Bauch links stärker als rechts, so als hinge er von der unnötig verkrüppelten Seite herab.

Der Junge kam mit außergewöhnlich blondem Haar zur Welt. Man hätte denken können, er stamme von den Normannen ab, wären da nicht seine Augen gewesen, so pechschwarz, tiefgründig und sehnsuchtsvoll, wie ein Blondschopf sie sich niemals auch nur hätte erhoffen können.

»Er wird einen Namen bekommen«, erklärte Cetta ihrem Vater, ihrer Mutter, ihren dunkelhaarigen Brüdern und dem, den alle den Anderen nannten.

Und da er ihr mit seinem hellblonden Haar wie das Jesuskind in der Krippe erschien, nannte Cetta ihren Sohn Natale.

3

Aspromonte, 1908

»Sobald er etwas größer ist, will ich nach Amerika«, eröffnete Cetta ihrer Mutter, während sie ihrem Sohn Natale die Brust gab.

»Und was hast du da vor?«, brummte die Mutter, ohne von ihrem Nähzeug aufzublicken.

Cetta antwortete nicht.

»Du gehörst dem Gutsherrn und auf die Felder«, sagte da die Mutter.

»Ich bin doch keine Sklavin«, widersprach Cetta.

Die Mutter legte das Nähzeug beiseite und stand auf. Ihr Blick lag auf der Tochter, die dem neuen Bastard in der Familie die Brust gab. Sie schüttelte den Kopf. »Du gehörst dem Gutsherrn und auf die Felder«, sagte sie noch einmal, bevor sie hinausging.

Cetta blickte auf ihren Sohn hinab. Ihr dunkler Busen mit der noch dunkleren Brustwarze stand in beinahe misstönendem Kontrast zu Natales blondem Haar. Vorsichtig nahm sie ihn von der Brust. Ein wenig Milch tropfte zu Boden. Cetta legte den Jungen in die alte Wiege, in der schon sie und ihre Brüder und auch der Andere gelegen hatten. Der Kleine begann zu weinen. Streng sah Cetta ihn an. »Wir werden beide noch viel weinen müssen«, sagte sie zu ihm. Dann folgte sie ihrer Mutter nach draußen.

Hafen von Neapel, Dezember 1908

Der Hafen war bevölkert von Hungerleidern und ein paar reichen Herrschaften, wenigen jedoch, und sie gingen nur vorbei. Wer reich war, nahm ein anderes Schiff, nicht dieses. Cetta beobachtete sie alle durch ein von Rost umrahmtes, schmutziges Bullauge. Die meisten Hungerleider würden an Land bleiben, sie würden nicht fortgehen. Sie würden auf eine andere Gelegenheit warten, einen neuen Versuch unternehmen, an Bord zu gelangen, ihre spärlichen Habseligkeiten verpfänden in der Hoffnung, sich eine Fahrkarte nach Amerika leisten zu können. Und während sie auf das nächste Schiff warteten, würden sie ihr kleines Vermögen durchbringen. Und niemals fortgehen.

Anders Cetta. Sie ging fort.

Und nur daran dachte sie, als sie durch das schmutzige Bullauge hinausschaute, während hinter ihr der kleine Natale, der nun gut acht Monate alt war, sich unruhig auf der mit Tierhaaren übersäten Wolldecke hin und her wälzte. Er lag in dem Weidenkorb, in dem zuvor das Hündchen einer eleganten Dame bequem herumgetragen worden war, bevor Cetta ihr den Korb gestohlen hatte. Nur an die lange Seereise dachte Cetta, während die klebrige Flüssigkeit ihr wie damals nach ihrer Vergewaltigung kalt an den Beinen herablief. Nur an Amerika dachte sie, während der Kapitän befriedigt seine Hose zuknöpfte und versprach, er werde am frühen Nachmittag mit einem Stück Brot und einem Schluck Wasser zu ihr zurückkommen, und lachend erklärte, sie beide würden viel Spaß miteinander haben. Und erst als Cetta hörte, wie die eiserne Luke von außen geschlossen wurde, trat sie vom Bullauge zurück und wischte sich mit dem Stroh, das auf dem Boden des Frachtraumes ausgestreut war, die Beine ab, bis sie ganz zerkratzt waren. Sie nahm Natale auf den Arm, entblößte die von den Händen des Kapitäns noch gerötete Brust und gab sie dem Jungen. Als das Kind danach in seinem stinkenden Hundekorb langsam in den Schlaf fiel, verkroch Cetta sich in eine dunklere Ecke, und während ihr die Tränen über die Wangen liefen, dachte sie: Sie sind salzig wie das Meer, das zwischen mir und Amerika liegt. Sie sind ein Vorgeschmack auf den Ozean, und sie leckte sie auf und versuchte, dabei zu lächeln. Als schließlich das Schiffshorn dumpf in die Hafenluft schnaubte und die Abfahrt ankündigte, erzählte Cetta sich beim Einschlafen das Märchen von einem fünfzehnjährigen Mädchen, das von zu Hause weggelaufen war, um sich mutterseelenallein mit einem unehelichen Sohn auf den Weg ins Feenreich zu machen.

Ellis Island, Januar 1909

Cetta wartete in einer Schlange gemeinsam mit den anderen Einwanderern. Erschöpft von der Reise und den sexuellen Schikanen des Kapitäns beobachtete sie, wie der Arzt der Bundeseinwanderungsbehörde den bedauernswerten Geschöpfen weiter vorn prüfend in Ohren und Mund schaute, nicht anders als ihr Vater es bei den Eseln und Schafen getan hatte. Einigen schrieb der Arzt mit Kreide einen Buchstaben hinten auf die Kleider. Wer einen solchen Buchstaben auf dem Rücken trug, wurde ausgesondert und zu einer Halle geführt, wo weitere Ärzte warteten. Die anderen Einwanderer gingen weiter zu den Tischen des Zollamtes. Cetta beobachtete die Polizisten, die ihrerseits die Beamten, die die Papiere stempelten, nicht aus den Augen ließen. Sie sah die Verzweiflung derer, die nach der anstrengenden und oft entwürdigenden Überfahrt abgewiesen wurden. Doch es war, als gehörte sie nicht zu ihnen.

Alle anderen hatten an Deck verfolgt, wie das neue Land immer näher rückte. Cetta nicht, sie war die ganze Zeit im Frachtraum geblieben. Sie hatte Angst gehabt, Natale könnte sterben. Und in Momenten, in denen sie sich besonders schwach und müde fühlte, hatte sie sich dabei ertappt, wie sie sich fragte, ob es ihr etwas ausmachen würde. Daher hielt sie ihn nun eng an sich gedrückt und bat so das kleine Geschöpf, das ihre Gedanken nicht erahnt haben konnte, im Stillen um Vergebung. Ihr aber waren sie bewusst geworden, und sie schämte sich deswegen.

Bevor sie von Bord ging, hatte der Kapitän ihr versprochen, persönlich dafür zu sorgen, dass man sie durchließ. Und kaum waren sie an Land, hatte er in dem riesigen Raum, in dem alle Einwanderer versammelt waren, einem kleinen Mann zugenickt, der Cetta an eine Maus erinnerte und hinter den Holzschranken stand, die das freie Gebiet abgrenzten. Amerika. Der Mäuserich hatte lange, spitze Fingernägel und trug einen auffälligen Samtanzug. Prüfend musterte er Cetta und Natale. Cetta kam es so vor, als hätte er unterschiedliche Augen.

Der Mäuserich wandte den Blick zum Kapitän und führte seine Hand zur Brust. Zu Cettas Überraschung nahm der Kapitän Natale auf seinen Arm, umfasste ihren Busen und hob ihn an. Cetta stürzte sich auf ihren Sohn und riss ihn wieder an sich, bevor sie beschämt die Augen niederschlug. Zuvor jedoch sah sie, dass der Mäuserich lachte und dem Kapitän zunickte. Als sie den Blick wieder hob, stand der Mäuserich bei einem der Inspektoren der Einwanderungsbehörde, sprach leise mit ihm und steckte ihm einige Geldscheine zu. Dann zeigte er auf Cetta.

Der Kapitän griff nach ihrem Po. »Jetzt bist du in noch besseren Händen, als meine es waren«, sagte er grinsend zu ihr und ging.

Während sie zusah, wie er sich entfernte, beschlich Cetta ein Gefühl des Verlustes, das sie sich nicht erklären konnte. So als wäre die Gesellschaft eines solchen Widerlings immer noch besser als die Einsamkeit, die nun vor ihr lag. Vielleicht hätte sie lieber nicht von zu Hause weglaufen und nach Amerika gehen sollen.

Als die Schlange kaum merklich vorrückte, blickte Cetta erneut zu dem Zollinspektor hinüber und sah, dass er sie zu sich heranwinkte. Neben dem Inspektor stand nun nicht mehr der Mäuserich, sondern ein großer Mann mit buschigen Augenbrauen und einer Tweedjacke, die über seinen breiten Schultern spannte. Er war um die fünfzig und hatte sich eine lange Haarsträhne quer über den Kopf gekämmt, um die kahlen Stellen auf seinem Schädel zu verdecken. Trotz dieses lächerlichen Versuchs strahlte er eine beunruhigende Kraft aus, wie Cetta im Näherkommen bemerkte.

Der Mann und der Zollinspektor redeten auf sie ein. Cetta verstand kein Wort, doch bald bemerkte sie, dass die beiden sich mit immer lauterer Stimme wiederholten, als hielten sie sie für taub, als wäre ihnen nicht klar, dass sie in einer ihr unbekannten Sprache auf sie einredeten.

Im Verlauf des einseitigen Gesprächs trat der Mäuserich wieder hinzu. Und auch er redete laut und gestenreich. Die schlaffen Hände mit den langen Fingernägeln flogen hin und her wie Rasierklingen. An seinem kleinen Finger funkelte ein Ring. Der kräftige Mann packte ihn am Kragen und schrie ihn an, dass einem angst und bange werden konnte. Schließlich ließ er ihn los, sah den Inspektor an und raunte ihm ein paar Worte zu, die noch bedrohlicher klangen als sein Geschrei zuvor. Der Inspektor wurde blass, dann wandte er sich dem Mäuserich zu. Und plötzlich sprach auch er in drohendem Ton. Im nächsten Moment machte der Mäuserich auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Der kräftige Mann und der Inspektor redeten daraufhin wieder in ihrer Sprache auf Cetta ein. Schließlich winkten sie einen heiter und entschlossen wirkenden jungen Mann von kleiner, gedrungener Statur herbei, der sich hinter der Zollschranke in einer Ecke bereitgehalten hatte.

»Wie heißt du?«, fragte der junge Mann Cetta auf Italienisch und schenkte ihr ein offenes und freundliches Lächeln, das ihr zum ersten Mal, seitdem sie das Schiff verlassen hatte, das Gefühl gab, nicht ganz allein zu sein.

»Cetta Luminita.«

Der Inspektor verstand nicht.

Also schrieb der junge Dolmetscher es an seiner Stelle auf den Einwanderungsschein und lächelte Cetta noch einmal zu. Dann betrachtete er das Kind, das Cetta auf dem Arm trug, und streichelte ihm über die Wange. »Und wie heißt dein Sohn?«

»Natale.«

»Natale«, wiederholte der junge Mann für den Inspektor, der wieder nicht verstand. »Christmas«, übersetzte ihm daher der Dolmetscher.

Zufrieden nickte der Inspektor und schrieb: Christmas Luminita.

ERSTER TEIL

4

Manhattan, 1922

»Was ist denn das für ein Name?«

»Geht dich gar nichts an.«

»Das ist ein Niggername.«

»Seh ich vielleicht aus wie ein Nigger?«

»Du siehst auch nicht aus wie ein Italiener.«

»Ich bin Amerikaner.«

»Ja, klar ...« Die Jungen, die ihn umringten, lachten.

»Ich bin Amerikaner«, sagte er noch einmal.

»Wenn du zu unserer Gang gehören willst, musst du deinen bescheuerten Namen ändern.«

»Du kannst mich mal.«

»Du kannst mich mal, Scheiß-Christmas.«

Die Hände in den Taschen vergraben, schlenderte Christmas Luminita träge davon. Das blonde Haar hing ihm zerzaust in die Stirn, und auf der Oberlippe und am Kinn zeigte sich ein erster spärlicher heller Flaum. Er war vierzehn Jahre alt, aber sein Blick war der eines Erwachsenen, so wie der vieler seiner Altersgenossen, die in den fensterlosen Wohnungen der Lower East Side aufgewachsen waren.

»Ich gründe meine eigene Gang, ihr Arschlöcher!«, schrie er, als er sicher war, dass ihn kein Steinwurf mehr treffen konnte.

Er tat, als kümmerten ihn die Beschimpfungen nicht, die ihn im Chor verfolgten, während er um die Ecke in eine ungepflasterte, schmutzige Gasse bog. Doch kaum war Christmas allein, trat er vor lauter Wut gegen eine verrostete Blechmülltonne voller Löcher, die vor der Hintertür eines Ladens stand, aus dem es süßlich nach rohem Fleisch roch. Eine kleine, dicke, von der Räude halb kahle Hündin mit hervorstehenden roten Augen, die aussahen, als müssten sie ihr jeden Moment aus den Höhlen springen, kam mit wütendem Gekläff aus dem Laden geschossen. Christmas bückte sich lächelnd und hielt ihr seine Hand hin. Die Hündin, die es offenbar gewohnt war, Fußtritten ausweichen zu müssen, blieb ein Stück entfernt stehen und bellte ein letztes Mal, doch in einem hohen, überraschten Ton, ähnlich einem Winseln. Dann riss sie die grauenvoll hervorstehenden Augen noch weiter auf, reckte ihren plumpen Hals und schob ihre bebende Nase auf die Hand zu. Leise knurrend machte sie ein paar vorsichtige Schritte und schnüffelte an Christmas’ Fingern, bis ihr kurzer Stummelschwanz langsam hin- und herschlug. Der Junge lachte und kraulte ihr den Rücken.

Da tauchte in der Hintertür des Ladens ein Mann mit einer blutverschmierten Schürze und einem Schlachtermesser in der Hand auf. Sein Blick fiel auf den Hund und den Jungen. »Ich dachte schon, sie hätten sie abgemurkst«, sagte er.

Ohne etwas zu erwidern, hob Christmas nur kurz den Kopf und kraulte dann weiter den Hund.

»Du fängst dir die Räude ein, Junge«, warnte ihn der Mann.

Christmas zuckte mit den Schultern und hörte nicht auf, das Tier zu streicheln.

»Früher oder später murksen sie sie mir ab«, sagte der Metzger wieder.

»Wer?«, fragte Christmas.

»Diese Halbstarken, die sich hier herumtreiben«, antwortete der Metzger. »Bist du einer von ihnen?«

Christmas schüttelte so entschieden den Kopf, dass seine blonden Haare nur so flogen. Für einen Moment verdunkelten sich seine Augen, bevor sie wieder aufleuchteten, als er lächelnd auf die Hündin blickte, die vor Behagen grunzte.

»Sie ist ziemlich hässlich, was?«, bemerkte der Mann und wischte das Messer an der Schürze ab.

»Ja.« Christmas lachte. »Nichts für ungut.«

»Ein Typ hat sie mir vor zehn Jahren verkauft. Er hat behauptet, sie wäre ein Rassehund«, erzählte der Mann kopfschüttelnd. »Aber ich hänge an ihr.« Und mit diesen Worten drehte er sich um und wollte zurück in den Laden gehen.

»Ich kann sie beschützen«, sagte da Christmas, ohne nachzudenken.

Der Metzger wandte sich wieder um und musterte ihn neugierig. »Sie haben Angst, dass man sie Ihnen abmurkst, oder?«, fragte Christmas und stand auf. Der Hund strich um seine Beine. »Ich kann sie beschützen, wenn Ihnen so viel an ihr liegt.«

»Was redest du denn da, Junge?« Der Metzger prustete los.

»Für einen halben Dollar die Woche beschütze ich Ihren Hund.«

Der kräftige, stämmige Mann mit der blutverschmierten Schürze schüttelte ungläubig den Kopf. Er wollte zurück an die Arbeit, denn er ließ den Laden, in dem lauter armselige Stücke Fleisch lagen, die sich nur wenige der armen Bewohner des Viertels leisten konnten, nicht gern unbeaufsichtigt. Aber er ging nicht hinein. Nach einem flüchtigen Blick ins Ladeninnere wandte er sich wieder dem merkwürdigen mageren Jungen mit der geflickten Hose und den zu großen Schuhen zu, an denen Matsch und Pferdemist klebten. »Und wie?«

»Ich habe eine Gang«, sagte Christmas eifrig. »Die ...« Er zögerte und blickte auf den Hund, der ihm um die Beine strich. »Die Diamond Dogs«, fuhr er dann, einer spontanen Eingebung folgend, fort.

»Ich will mich hier nicht mit Bandenkriegen herumschlagen müssen«, entgegnete der Mann abweisend und warf erneut einen Blick in den Laden, ohne jedoch hineinzugehen.

Christmas vergrub die Hände in den Hosentaschen. Mit der Fußspitze zeichnete er einige Kreise in den Staub. Dann streichelte er den Hund ein letztes Mal. »Nun, wie Sie wollen. Vorhin hab ich gehört ... ach, nichts ...« Er machte Anstalten zu gehen.

»Was hast du gehört, Junge?«, hielt der Metzger ihn auf.

»Die da«, und mit einem flüchtigen Blick deutete Christmas auf die Straßenecke, von der noch immer das Geschrei der Gang, die ihn zuvor abgewiesen hatte, herüberschallte, »haben gesagt, hier gibt es einen Hund, der immerzu bellt, der einen Riesenradau macht und ...«

»Und?«

»Nichts ... vielleicht haben sie einen anderen Hund gemeint.«

Auf halbem Weg zur Straße holte der Metzger Christmas mit dem Messer in der Hand ein. Er packte den Jungen am Kragen seiner zerschlissenen Jacke. Mit seinen gewaltigen Händen hätte er jemanden erwürgen können. Der Mann überragte Christmas um ein paar Spannen. Der Hund jaulte erschrocken auf. »Normalerweise kann diese räudige Kreatur niemanden leiden. Dich aber mag sie. Lass dir das von Pep gesagt sein«, meinte der Metzger mit drohender Stimme und sah Christmas dabei fest in die Augen. »Und ich hänge an ihr.« Nachdem der Mann den Jungen noch eine Weile schweigend fixiert hatte, trat ein Ausdruck des Erstaunens auf sein Gesicht und ließ seine Züge sanfter erscheinen. Offenbar konnte er selbst nicht fassen, was er im Begriff war zu tun. »Es stimmt, die da macht mehr Radau als eine Ehefrau«, sagte er und deutete auf die Hündin. »Aber wenigstens muss ich sie nicht bumsen.« Zufrieden lachte er über den Witz, den er wohl schon unzählige Male gemacht hatte. Noch einmal schüttelte er über sich selbst den Kopf, griff mit blutigen Fingern unter seine Schürze, holte aus der Westentasche einen halben Dollar hervor und drückte Christmas die Münze in die Hand. »Ich muss verrückt sein, aber du bist engagiert. Komm, Lilliput, wir gehen«, sagte er schließlich zu seinem Hund und kehrte zurück in den Laden.

Kaum war der Metzger verschwunden, sah Christmas auf die Geldmünze. Mit leuchtenden Augen spuckte er darauf und polierte sie mit den Fingerspitzen. Mit Blick auf den Laden lehnte er sich gegen die Wand und lachte. Sein Lachen klang nicht wie das eines Erwachsenen, aber auch nicht wie das eines Kindes. Ebenso wie seine blonden Haare nicht zu einem Italiener passten und seine dunklen Augen nicht zu einem Iren. Ein Junge mit einem Niggernamen, der nicht so recht wusste, wer er war. »Die Diamond Dogs«, murmelte er und grinste zufrieden vor sich hin.

5

Manhattan, 1922

Der Erste, den er fragte, war Santo Filesi, ein pickliger, spindeldürrer Junge mit schwarzem Kraushaar, der im selben Haus wohnte und den er grüßte, wenn sie sich begegneten. Mehr verband sie aber auch nicht. Santo war genauso alt wie Christmas, und im Viertel hieß es, er gehe zur Schule. Sein Vater arbeitete als Ladearbeiter im Hafen und war klein und untersetzt, und der tägliche Umgang mit den schweren Lasten hatte ihm irreparabel krumme Beine eingebracht. Man erzählte sich – denn im Viertel wurde viel und gern erzählt –, er sei fähig, zwei Zentner mit nur einer Hand zu heben. Und obwohl er ein rechtschaffener, gutmütiger Mann war, der selbst dann nicht zu Gewalt neigte, wenn er zu viel getrunken hatte, wurde er allgemein geachtet; niemand forderte ihn heraus. Bei einem, der fähig war, zwei Zentner mit nur einer Hand zu heben, konnte man schließlich nie wissen. Santos Mutter hingegen war spindeldürr wie ihr Sohn. Mit ihrem länglichen Gesicht und den langen Schneidezähnen erinnerte sie an einen Esel. Sie hatte eine gelbliche Haut und schmale, knorrige Hände, die sie flink bewegte, allzeit bereit, ihrem Sohn eine Ohrfeige zu verpassen. So kam es, dass Santo bei jeder Geste seiner Mutter instinktiv sein Gesicht schützte. Signora Filesi arbeitete als Putzfrau in der Schule, die Santo den Gerüchten nach besuchte.

»Stimmt es, dass deine Mutter dir eine Creme gegen die Pickel zusammenmischt?«, wollte Christmas von Santo wissen, als er ihn an dem Morgen, nachdem der Metzger ihn zu Lilliputs Schutz engagiert hatte, auf der Straße traf.

Santo zog den Kopf ein, errötete und versuchte unbeirrt weiterzugehen.

Christmas lief ihm nach. »Hey, bist du etwa beleidigt? Ich will dich nicht aufziehen, ich schwör’s.«

Santo blieb stehen.

»Willst du Mitglied in meiner Gang werden?«, fragte Christmas.

»Was für eine Gang?«, hakte Santo vorsichtig nach.

»Die Diamond Dogs.«

»Nie gehört.«

»Kennst du dich denn mit Gangs aus?«

»Nein ...«

»Na, dann heißt das ja wohl gar nichts, dass du noch nie von uns gehört hast«, erwiderte Christmas.

Erneut wurde Santo rot und blickte zu Boden. »Wer seid ihr denn?«, fragte er schüchtern.

»Es ist besser für dich, wenn du das nicht weißt«, gab Christmas zurück und ließ dabei seinen Blick betont wachsam umherschweifen.

»Wieso das?«

Christmas trat auf ihn zu, nahm ihn am Arm und zog ihn in eine Seitengasse, in der überall Müll herumlag. Kurz kehrte er dann noch einmal zur Orchard Street zurück, wie um sicherzugehen, dass ihnen niemand folgte, ging danach wieder zu Santo und sagte hastig und leise: »Weil du dann nicht zwitschern kannst, wenn sie dich ausquetschen.«

»Wer sollte mich denn ausquetschen?«

»Oh Mann, du bist echt ein Grünschnabel!«, fuhr Christmas auf. »Du weißt ja gar nichts! In was für einer Welt lebst du eigentlich? Sag mal, stimmt es, dass du zur Schule gehst?«

»Na ja, mehr oder weniger ...«

Noch einmal ging Christmas zur Orchard Street und sah sich verstohlen um, bevor er – mit Sorgenfalten im Gesicht – einen Satz zurück machte, Santo tiefer in die Gasse hineindrängte und ihn zwang, sich hinter einen Müllhaufen zu ducken. Er bedeutete ihm, still zu sein. Nachdem irgendein harmlos aussehender Mann vorbeigegangen war, atmete er erleichtert auf. »Scheiße ... hast du den gesehen?«

»Wen?«

»Hör zu, tu mir einen Gefallen. Sieh mal nach, ob der sich immer noch da rumdrückt.«

»Wer denn??«

»Der Kerl, hast du ihn gesehen?« Christmas packte Santo beim Kragen.

»Ja ... ich glaube, ja ...«, stammelte der Junge.

»Ich glaube, ich glaube ... Und du willst einer von den Diamond Dogs sein? Vielleicht hab ich dich falsch eingeschätzt, aber ...«

»Aber?«

»Du kamst mir pfiffig vor. Hör zu, tu mir den einen Gefallen, und danach sagen wir Auf Wiedersehen und vergessen das Ganze. Sieh mal nach, ob der Kerl noch da rumsteht oder ob die Luft rein ist.«

»Ich?«

»Klar, Mann, wer denn sonst? Dich kennt er nicht. Na los, du Feigling, beweg dich!«

Mit zögerlichen Schritten verließ Santo sein stinkendes Versteck und näherte sich der Orchard Street. Dort sah er sich unbeholfen nach dem harmlosen Mann um, den er nun für einen gefährlichen Verbrecher hielt. Als der Junge wieder zurückkam, stellte Christmas fest, dass seine Schritte sicherer geworden waren. Santo hakte einen Finger in seinen Gürtel und verkündete: »Die Luft ist rein.«

»Gut gemacht«, lobte Christmas ihn und stand auf.

Santo grinste stolz.

Christmas klopfte ihm auf die Schulter. »Komm mit, ich geb dir ein Eiscreme-Soda aus, und danach trennen sich unsere Wege.«

»Ein Eiscreme-Soda?«, fragte Santo und rollte die Augen.

»Ja, was ist denn?«

»Das kostet ... das kostet fünf Cent ...«

Lachend zuckte Christmas die Schultern. »Geld. Ist doch nur Geld. Reicht doch, wenn man’s hat, oder?«

Santo sah so aus, als traute er seinen Ohren kaum.

Als sie den heruntergekommenen kleinen Laden in der Cherry Street betraten, hielt Christmas krampfhaft seine Halbdollarmünze in der Hand. »Hör zu«, sagte er zu Santo und setzte sich auf einen Hocker, »ich hab heute schon zwei davon gehabt und spür’s im Magen, ein drittes will ich nicht mehr. Lass uns dein Soda teilen, du bist sowieso nicht daran gewöhnt, und ein ganzes bekommt dir womöglich nicht. Mit dem Zeug muss man aufpassen.« Daraufhin bestellte er bei Erdbeere – der seinen Spitznamen dem großen, glänzenden Feuermal verdankte, das sein halbes Gesicht überzog – einen Becher mit zwei Strohhalmen und ließ schweren Herzens die einzige Münze, die er in der Tasche hatte, klimpernd auf den Tresen fallen.

Eine Weile sagte keiner der beiden Jungen etwas. Jeder nuckelte an seinem Strohhalm und versuchte, ein wenig mehr aufzusaugen als die Hälfte, die ihm zustand.

»Was bedeutet eigentlich, du gehst mehr oder weniger zur Schule?«, fragte Christmas schließlich und schleckte mit dem Finger die Reste aus dem Becher.

»Dass eine Lehrerin mir nachmittags ein bisschen Grammatik und Geschichte beibringt, weil meine Mutter da putzt. Also, richtig angemeldet bin ich in der Schule nicht, verstehst du?«, erklärte Santo abwehrend. »Im Gegenteil, ich pfeif auf die Schule«, fügte er in abfälligem Ton wie ein Möchtegernganove hinzu.

»Du bist ein Idiot, Santo. Was zum Teufel willst du denn mit deinem Leben anfangen? Du bist nicht wie dein Vater, du wirst nie zwei Zentner mit einer Hand heben können. Wenn du was lernst, kann dir das nützen«, sagte Christmas, ohne auch nur einen Moment zu überlegen. »Ich beneide dich.«

»Wirklich?«, fragte Santo strahlend.

»Ach was, das sagt man doch nur so. Pluster dich nicht so auf, Grünschnabel, du siehst ja aus wie ein Truthahn«, korrigierte Christmas sich sofort.

»Ach so ... dachte ich’s mir doch«, murmelte Santo, den Blick auf den leeren Becher gerichtet. »Du hast alles.«

»Na ja, ich kann nicht klagen.«

Schweigend schaute Santo zu Boden. Eine drängende Frage beschäftigte ihn. »Also ... kann ich einer von den Diamond Dogs sein?«, erkundigte er sich schließlich.

Christmas hielt ihm den Mund zu und warf einen Blick hinüber zu Erdbeere, der dösend in der Ecke saß. »Bist du bescheuert? Was, wenn er dich hört?«

Wieder lief Santo rot an.

»Ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann«, sagte Christmas leise und sah Santo eindringlich an. »Lass mich darüber nachdenken. Mit so etwas spaßt man nicht.« Christmas konnte die bittere Enttäuschung in Santos Augen erkennen. Innerlich grinste er. »In Ordnung, ich gebe dir eine Chance. Aber du bist in der Probezeit, damit das klar ist.«

Jauchzend wie ein Kind fiel Santo ihm überschwänglich um den Hals.

Christmas entwand sich seiner Umarmung. »Hey, so einen Weiberkram gibt es bei uns Diamond Dogs nicht.«

»Ja, ja, entschuldige, es ist nur, weil ... weil ...«, stammelte Santo aufgeregt.

»Okay, okay, lass gut sein. Kommen wir zum Geschäft«, sagte Christmas mit noch gedämpfterer Stimme und beugte sich nach einem erneuten Blick zu Erdbeere nah zum einzigen Mitglied seiner Gang hinüber. »Stimmt es, dass deine Mutter dir eine Creme gegen die Pickel anrührt?«

»Was spielt das für eine Rolle?«

»Regel Nummer eins: Die Fragen stelle ich. Wenn du’s nicht gleich kapierst, kapierst du’s später. Und wenn du’s auch später nicht kapierst, denk daran, es gibt immer einen Grund, ist das klar?«

»Okay ... ja.«

»Ja, was? Rührt deine Mutter dir eine Salbe an?«

Santo nickte.

»Und denkst du, sie hilft?«

Wieder nickte Santo.

»Sieht aber nicht so aus, entschuldige, wenn ich dir das sage«, bemerkte Christmas.

»Doch, sie hilft. Sonst hätte ich noch viel mehr Pickel.«

Christmas rieb sich die Hände. »Okay, ich glaube dir. Aber jetzt sag mir: Denkst du, sie würde auch gegen Räude helfen?«

»Keine Ahnung ... wieso Räude?«, fragte Santo verblüfft.

Christmas beugte sich noch näher zu ihm hinüber. »Es geht um einen, den wir beschützen. Er zahlt gut. Aber sein Hund hat die Räude, und wenn du und ich es schaffen, ihn zu heilen, rückt der Typ bestimmt noch mehr Geld raus.« Mit dem Fingernagel klopfte er gegen den Becher, was ein leises Klirren erzeugte.

»Sie könnte helfen«, meinte Santo.

»Einverstanden«, sagte Christmas und stand auf. »Wenn du einer von den Diamond Dogs sein willst, musst du dir das erst verdienen. Besorg mir ganz viel von der Salbe deiner Mutter. Wenn sie hilft, gehörst du zu uns und kriegst deinen Anteil.«

6

Manhattan, 1909

Im Zimmer war es warm und behaglich, und so üppige Vorhänge an den Fenstern hatte Cetta noch nicht einmal im Haus des Gutsherrn gesehen. Hinter dem Schreibtisch saß der Mann, der sie abgeholt hatte, nachdem sie vor weniger als fünf Stunden an Land gegangen war. Ein Mann um die fünfzig, der auf den ersten Blick lächerlich wirkte mit der quer über die Glatze gekämmten langen Haarsträhne. Zugleich jedoch besaß er eine Kraft, die beunruhigend war. Cetta verstand nicht, was er sagte.

Der andere Mann, der bei ihnen war, beherrschte wie der junge Dolmetscher der Einwanderungsbehörde sowohl die Sprache des Mannes mit der Haarsträhne als auch Cettas Sprache. Und er übersetzte, was der Mann hinter dem Schreibtisch sagte. Von dem Dolmetscher hatte Cetta – als sie ihm wenige Minuten zuvor ins Zimmer gefolgt war – erfahren, dass der Mann mit der Strähne ein Anwalt war, der sich um Mädchen wie sie kümmerte. »Wenn sie so hübsch sind wie du«, hatte er augenzwinkernd hinzugefügt.

Der Anwalt sagte etwas und blickte auf Cetta, die den Jungen im Arm hielt, der eben erst von dem Inspektor der Einwanderungsbehörde auf den Namen Christmas getauft worden war.

»Um dich können wir uns kümmern«, übersetzte der andere. »Aber das Kind könnte ein Problem sein.«

Ohne den Blick niederzuschlagen, drückte Cetta ihren Sohn an sich und schwieg.

Der Anwalt rollte die Augen zur Decke, bevor er erneut sprach.

»Wie willst du mit dem Jungen arbeiten?«, übersetzte wieder der andere. »Wir bringen ihn an einen Ort, an dem er in Ruhe aufwächst.«

Cetta presste Christmas noch enger an sich.

Der Anwalt ergriff wieder das Wort. Der Dolmetscher sagte lachend: »Wenn du ihn noch etwas fester drückst, zerquetschst du ihn, und das Problem hat sich erledigt.«

Der Anwalt stimmte in das Lachen ein.

Cetta lachte nicht. Sie presste die Lippen zusammen und runzelte die Stirn, ohne den Blick von dem Mann hinter dem Schreibtisch abzuwenden und ohne sich zu rühren. Sie legte bloß eine Hand auf das blonde Haar ihres Kindes, das friedlich schlief. Wie um es zu beschützen.

Da schlug der Anwalt einen harschen Ton an, stieß seinen Sessel zurück und verließ den Raum.

»Du hast ihn wütend gemacht«, sagte der Dolmetscher, während er sich auf der Schreibtischkante niederließ und sich eine Zigarette anzündete. »Was willst du anfangen, wenn der Anwalt dich auf die Straße setzt, ohne dir zu helfen? Wen kennst du denn? Niemanden, möchte ich wetten. Und du besitzt keinen Cent. Du und dein Sohn, ihr werdet die Nacht nicht überleben, lass dir das von mir gesagt sein.«

Schweigend und ohne die Hände von Christmas zu lösen, sah Cetta ihn an.

»Bist du vielleicht stumm?«

»Ich tue, was ihr verlangt«, sagte Cetta da. »Aber meinen Jungen rührt ihr nicht an.«

Der Dolmetscher stieß den Qualm seiner Zigarette in die Luft. »Du bist ziemlich stur, Mädchen«, stellte er fest. Dann verließ auch er das Zimmer, ließ aber die Tür offen stehen.

Cetta hatte Angst. Sie versuchte, sich abzulenken, indem sie den Rauchspiralen nachsah, die wabernd zu einer so wunderschön verzierten Stuckdecke aufstiegen, wie Cetta sie sich nicht einmal im Traum hätte vorstellen können. Vom ersten Moment an hatte sie Angst gehabt. Seitdem der heiter wirkende junge Mann von gedrungener Statur, der dem kleinen Natale seinen neuen amerikanischen Namen gegeben hatte, ihr am Zoll zugeflüstert hatte: »Sei vorsichtig.« Sie erinnerte sich gut an den jungen Mann; er war der Einzige gewesen, der ihr ein Lächeln geschenkt hatte. Cetta hatte vom ersten Moment an Angst gehabt, als die Einwanderungsbeamten ihren Stempel unter die Einreisepapiere gesetzt hatten. Und sie hatte Angst gehabt, als der Anwalt sie am Arm gepackt und über den breiten Pinselstrich am Boden geschoben hatte, der anzeigte, wo Amerika begann. Sie hatte Angst gehabt, als man sie in das riesige schwarze Auto geschoben hatte, neben dem der Wagen des Gutsherrn nichts als ein Karren wäre. Sie hatte Angst gehabt, als das Land aus Zement vor ihren Augen aufragte, so gewaltig, dass alles, was der Gutsherr besaß – sogar die Villa –, armselig und winzig wirkte. Sie hatte Angst gehabt, sich inmitten der Menschen, die zu Tausenden die Gehwege bevölkerten, zu verlieren. Und in dem Moment hatte Christmas gelacht. Ganz leise, wie es Babys manchmal aus irgendeinem Impuls heraus tun. Und er hatte ein Händchen ausgestreckt und sie in die Nase gezwickt und nach ihren Haaren gegriffen. Und wieder hatte er zufrieden gelacht. Nichtsahnend. Für Cetta wäre in diesem Moment alles vollkommen gewesen, hätte er nur sprechen können, hätte er nur ein einziges Mal »Mama« gesagt. In dem Augenblick nämlich war Cetta bewusst geworden, dass sie nichts besaß. Dass dieser Junge alles war, was sie hatte, und dass sie für ihn stark sein musste, weil das winzige Geschöpf noch schwächer war als sie selbst. Und dass sie ihm dankbar sein musste, weil er sie als Einziger noch nie verletzt hatte, auch wenn er ihr bei seiner Geburt mehr Schmerzen bereitet hatte als jeder andere.

Als Cetta hörte, dass draußen lebhaft gesprochen wurde, wandte sie den Kopf. In der Tür stand ein breitschultriger, schlecht rasierter Mann um die dreißig mit einer erloschenen Zigarre im Mundwinkel. Er war hässlich, hatte große schwarze Hände und eine platte Nase, der man ansah, dass sie bereits mehrmals gebrochen gewesen war. Mechanisch kratzte er sich am rechten Ohrläppchen. In Höhe des Herzens trug er eine Pistole im Holster. Sein Hemd war mit Soße bespritzt. Es konnte natürlich auch Blut sein, aber Cetta hielt es für Soße. Der Mann sah sie an.

Da brach das Gespräch vor der Tür ab, und der Anwalt kam zurück ins Zimmer, gefolgt vom Dolmetscher. Der Mann mit den rotbraunen Flecken auf dem Hemd trat zur Seite und ließ die beiden anderen vorbei, wandte den Blick jedoch nicht von Cetta ab.

Der Anwalt schenkte ihr keine Beachtung mehr, als er sprach.

»Letztes Angebot«, erklärte der Dolmetscher. »Du arbeitest für uns, deinen Sohn geben wir in ein Heim, und du kannst ihn jeden Samstag- und Sonntagmorgen sehen.«

»Nein«, war Cettas Antwort.

Der Anwalt schrie auf und gab dem Dolmetscher zu verstehen, er solle sie vor die Tür setzen. Daraufhin schleuderte er ihr die amtlich unterzeichneten Einwanderungspapiere entgegen, die raschelnd zu Boden segelten.

Der Dolmetscher nahm Cetta am Arm und zwang sie aufzustehen.

In dem Moment ergriff der Mann in der Tür das Wort. Seine Stimme war so tief wie ein Donnergrollen und breitete sich mit dunklen Schwingungen im Raum aus. Er sprach nur kurz.

Der Anwalt schüttelte den Kopf, schließlich brummte er: »In Ordnung.«

Der Mann in der Tür ließ davon ab, sich mit seinen schwarzen Fingern am Ohrläppchen zu kratzen, trat ins Zimmer, sammelte die Dokumente der Einwanderungsbehörde vom Boden auf, warf einen Blick darauf und sagte mit seiner monströsen, jedoch neutral klingenden Stimme: »Cetta.«

Da ließ der Dolmetscher Cettas Arm los und wich zurück. Der Mann nickte ihr zu und ging, ohne ein weiteres Wort an einen der beiden anderen Männer zu richten, aus dem Raum. Cetta, die ihm folgte, sah, wie er nach einem zerknitterten Sakko griff und sich hineinzwängte. Es spannte an den Schultern und über der Brust, und er versuchte erst gar nicht, es zuzuknöpfen. Das wäre ihm ohnehin nicht gelungen, dachte Cetta. Schließlich nickte der Mann ihr zu und verließ Cetta und Christmas voran die Wohnung.

Auf der Straße stieg er in einen Wagen, in dessen Kotflügel zwei Einschusslöcher prangten. Er lehnte sich zur Seite und hielt von innen die Beifahrertür auf. Einladend klopfte er mit der Hand auf den Sitz. Cetta stieg ein, und der Mann gab Gas. Während der ganzen Fahrt sprach er kein Wort. Zehn Minuten später hielt er am Straßenrand an und stieg aus. Wieder bedeutete er Cetta, ihm zu folgen, und bahnte sich einen Weg durch einen lärmenden Pulk ungewaschener, zerlumpter Bettler. Dann stieg er ein paar Stufen in ein Kellergeschoss hinab. Von einem Flur gingen mehrere Türen ab.

Ganz am Ende des düsteren, stinkenden Korridors blieb der Mann stehen und griff sich eine Matratze, die dort an der Wand lehnte, und öffnete eine Tür. Das Zimmer dahinter – denn mehr war es nicht – glich vielen anderen, die Cetta gut kannte: Zimmer ohne Fenster. Nah beim Kohleofen waren Wäscheleinen von Wand zu Wand gespannt, an denen zerschlissene und mehrfach gestopfte Kleider zum Trocknen hingen. Von einem Vorhang halb verborgen, entdeckte Cetta ein Doppelbett. Außerdem stand ein Sparherd im Zimmer. Der Rauchfang des Herdes leitete über zwei verrostete Ofenrohre offenbar auch den Ofenqualm nach draußen. Außerdem waren da eine alte Anrichte mit einer fehlenden Tür und einem schiefen Bein, unter die man, damit sie gerade stand, einen Holzkeil geschoben hatte, ein quadratischer Tisch mit drei Stühlen, eine Spüle und wenige Teile Blechgeschirr, die ihren Emailleüberzug eingebüßt hatten, sowie zwei Nachttöpfe, die in einer Ecke des Zimmers gestapelt waren.

Auf den Stühlen saßen zwei alte Leute, ein Mann und eine Frau. Er war dürr, sie rundlich. Beide waren sie sehr klein. Mit sorgenvollem Blick hatten sie ihre faltigen Gesichter zur Tür gewandt. Aus ihren Augen sprach eine Angst, die so alt zu sein schien wie sie selbst. Doch als sie den Mann erkannten, lächelten sie. Der Greis entblößte dabei nacktes Zahnfleisch, und als ihm dies bewusst wurde, hielt er sich ein wenig verlegen die Hand vor den Mund. Lachend klopfte sich die alte Frau auf die Schenkel und stand auf, um den Mann zu umarmen. Der Greis schlurfte hinter den Vorhang, der das Bett halb verdeckte. Ein klirrendes Geräusch ertönte, und als er wieder auftauchte, schob er sich gerade ein gelbliches Gebiss in den Mund.

Überschwänglich begrüßten die beiden Alten den hässlichen Mann, der unterdessen die Matratze in einer Zimmerecke abgelegt hatte. Während sie seiner Stimme lauschten, von der die Luft im Raum zu vibrieren schien, tauchte die alte Frau einen Lappen in Wasser und rieb damit die Soße vom Hemd des Mannes, der vergeblich dagegen protestierte. Und da erst richteten die beiden Alten ihre Aufmerksamkeit auf Cetta. Während sie sie neugierig beäugten, nickten sie vor sich hin.

Bevor der Mann sich verabschiedete, holte er einen Geldschein aus seiner Tasche und gab ihn der alten Frau. Die Greisin küsste ihm die Hand. Der Alte blickte beschämt zu Boden. Als der Mann das sah, klopfte er ihm freundlich auf die Schulter und sagte etwas, was dem Greis ein Lächeln entlockte. Dann ging der Mann zu Cetta, die mit Christmas im Arm stehen geblieben war, und überreichte ihr die Einwanderungspapiere. Beim Hinausgehen schließlich deutete er auf sie und richtete noch einige Worte an die beiden Alten. Dann verließ er das Zimmer.

Kaum waren sie unter sich, fragte die alte Frau in Cettas Sprache: »Wie heißt du?«

»Cetta Luminita.«

»Und das Kind?«

»Natale, aber jetzt heißt er so«, antwortete Cetta und hielt der Greisin den Einwanderungsschein hin.

Die Alte nahm den Schein und reichte ihn ihrem Mann.

»Christmas«, las der vor.

»Das ist ein amerikanischer Name«, erklärte Cetta mit einem stolzen Lächeln.

Nachdenklich rieb sich die alte Frau das Kinn, bevor sie sich an ihren Mann wandte. »Klingt wie der Name eines Niggers.«

Der Alte musterte Cetta, die keine Reaktion zeigte. »Hast du noch nie etwas von Niggern gehört?«

Cetta schüttelte den Kopf.

»Das sind ... schwarze Menschen«, erklärte die Alte und fuhr sich dabei mit der Hand durch das Gesicht.

»Sind sie denn Amerikaner?«, wollte Cetta wissen.

Die Alte sah zu ihrem Mann hinüber. Der nickte. »Ja«, erwiderte sie.

»Also hat mein Sohn einen neuen amerikanischen Namen«, stellte Cetta zufrieden fest.

Die alte Frau machte ein verblüfftes Gesicht, zuckte die Schultern und schaute erneut ihren Mann an.

»Wenigstens seinen Namen musst du bald lernen«, sagte er. »Du kannst ja nicht jedes Mal den Schein vorzeigen.«

»Nein, auf keinen Fall«, bestätigte seine Frau mit einem energischen Kopfschütteln.

»Und du musst den Kleinen auch bei seinem neuen Namen rufen, sonst lernt er ihn doch selber nicht«, sagte der Alte wieder, und seine Frau nickte zustimmend.

Verwirrt blickte Cetta die beiden an. »Bringen Sie ihn mir bei«, bat sie schließlich.

»Christmas«, sagte der Alte.

»Christ-mas«, skandierte seine Frau.

»Christmas«, sprach Cetta ihnen nach.

»Sehr gut, Mädchen!«, riefen die beiden Alten erfreut.

Unschlüssig, was nun zu tun sei, standen daraufhin alle drei eine ganze Weile schweigend da. Schließlich flüsterte die Alte ihrem Mann etwas ins Ohr und ging zum Herd, schob ein wenig dünnes Brennholz in den Ofen und entfachte mit Zeitungspapier ein Feuer.

»Sie fängt an zu kochen«, erklärte der Mann.

Cetta lächelte. Die beiden alten Leute gefielen ihr.

»Sal hat gesagt, er holt dich morgen früh ab«, sagte der Greis und senkte verlegen den Blick.

Der große hässliche Mann heißt also Sal, dachte Cetta.

»Er ist ein guter Mensch«, fuhr der Alte fort. »Lass dich nicht von seinem Äußeren täuschen. Gäbe es Sal nicht, wären wir schon längst tot.«

»Allerdings, elendig verhungert wären wir«, führte seine Frau aus, während sie in einer cremigen dunklen Tomatensoße rührte, in der Wurststückchen schwammen. Der Geruch von gebratenem Knoblauch hatte sich im Zimmer ausgebreitet.

»Er bezahlt unsere Wohnung«, erklärte der Alte, und Cetta glaubte, ihn erröten zu sehen.

»Frag sie«, drängte seine Frau, ohne sich umzudrehen.

»Hat dein Sohn einen Vater?«, erkundigte sich der Mann gehorsam.

»Nein«, gab Cetta ohne jedes Zögern zu.

»Ah, gut, gut ...«, nuschelte der Alte, als wollte er Zeit gewinnen.

»Frag sie«, sagte seine Frau wieder.

»Ja, ja, ich mach’s ja schon ...«, brummte der Greis verärgert. Mit einem verlegenen Grinsen sah er dann Cetta an. »Warst du schon in Italien eine Hure?«

Cetta meinte zu wissen, was das Wort bedeutete. Ihre Mutter hatte es immer wieder benutzt, wenn ihr Vater am Samstagabend spät nach Hause gekommen war. Huren waren Frauen, die mit Männern ins Bett gingen. »Ja«, antwortete sie.

Sie aßen und legten sich schlafen. Nachdem sie Christmas noch einmal die Brust gegeben hatte, streckte Cetta sich angezogen auf der Matratze aus, denn eine Decke hatte sie nicht. Sal werde sich am nächsten Tag um alles kümmern, hatten die beiden Alten ihr jedoch versichert. Auch Babynahrung wollte er besorgen.

Ich weiß nicht einmal, wie ihr heißt, ging es Cetta mitten in der Nacht durch den Sinn, als sie dem Schnarchen der alten Leute lauschte.

7

Manhattan, 1909–1910

»Schwanz. Sprich mir nach.«

»Schwanz ...«

»Möse.«

»Möse ...«

»Arsch.«

»Arsch ...«

»Mund.«

»Mund ...«

Die auffällig zurechtgemachte rothaarige Frau um die fünfzig, die auf einem Samtsofa saß, wandte sich an eine Zwanzigjährige von vulgärem Aussehen, die sich mit lustloser, gelangweilter Miene leicht bekleidet in einem ebenfalls samtbezogenen Sessel fläzte und an ihrem Morgenmantel aus transparenter Spitze herumspielte. Darunter trug sie nur noch ein Satinmieder. Die Rothaarige redete schnell. Dann zeigte sie auf Cetta.

Das leicht bekleidete Mädchen übersetzte: »Ma’am sagt, das ist dein Rüstzeug für die Arbeit. Für den Anfang brauchst du nicht viel mehr. Wiederhol noch einmal alles von vorn.«

Cetta stand in der Mitte des Salons, der vornehm und geheimnisvoll auf sie wirkte, und schämte sich ihrer schlichten Kleider. »Schwanz ...«, brachte sie in der ihr unverständlichen, feindseligen Sprache hervor, »Möse ... Arsch ... Mund.«

»Sehr gut, du lernst schnell«, lobte die junge Prostituierte.

Die Rothaarige nickte zustimmend. Dann räusperte sie sich und fuhr mit der Amerikanisch-Lektion fort: »Ich mach es dir französisch.«

»Ich mach ... es dir ... frasösisch ...«

»Französisch!«, rief die Rothaarige.

»Fran ... zösisch ...«

»Okay. Besorg es mir.«

»Besorg ... es mir ...«

»Los, du Hengst, komm jetzt, komm jetzt. Ja, so ist gut.«

»Los ... du Hengst ... kommetz, kommetz ... Ja, so ist kutt ...«

Die Rothaarige stand auf. Sie raunte der Prostituierten, die für sie übersetzte, etwas zu und verließ den Raum, jedoch nicht, ohne Cetta zuvor unerwartet sanft und mit einem wohlwollenden Blick, der herzlich und melancholisch zugleich war, über die Wange zu streicheln. Cetta sah ihr nach, als sie hinausging, und war voller Bewunderung für ihr Kleid, das ihr ausgesprochen vornehm erschien.

»Komm jetzt«, forderte die junge Prostituierte sie auf.

»Los, du Hengst, kommetz, kommetz ...«, sagte Cetta wieder.

Die Prostituierte lachte. »Komm ... jetzt«, berichtigte sie sie.

»Komm ... jetzt«, sprach Cetta nach.

»Sehr gut.« Die Prostituierte hakte sie unter und führte sie durch die abgedunkelten Räume der großen Wohnung, die wie ein Palast wirkte. »Hat Sal dich schon gekostet?«, wollte sie mit verschmitztem Blick wissen.

»Gekostet?«, wiederholte Cetta verständnislos.

Die Prostituierte lachte. »Anscheinend nicht. Sonst hättest du leuchtende Augen und würdest nicht fragen.«

»Wieso das?«

»Das Paradies kann man nicht beschreiben«, antwortete die Prostituierte und lachte wieder.

Schließlich betraten sie ein schlichtes, weiß gestrichenes und im Unterschied zu den restlichen Räumen lichtdurchflutetes Zimmer. An der Wand hingen Kleider, die Cetta wunderschön fand. Mitten im Raum stand ein Bügelbrett mit einem Kohlebügeleisen. Eine dicke ältere Frau, deren Miene Gehässigkeit verriet, nickte ihnen zur Begrüßung nur achtlos zu. Cetta verstand nicht, was die Prostituierte zu ihr sagte. Die Alte kam aber daraufhin auf Cetta zu, hob ihr die Arme an und musterte sie, befühlte ihre Brüste und ihren Po und schätzte mit prüfendem Blick ihre Hüften ab. Dann ging sie zu einer Kommode und suchte ein schwarzes Mieder heraus, das sie Cetta verdrießlich vor die Füße warf.

»Du sollst dich ausziehen und es anprobieren«, erklärte die Prostituierte. »Mach dir nichts aus ihr. Sie ist eine fette alte Schreckschraube, zu hässlich, als dass sie je in ihrem Leben auf den Strich hätte gehen können, und ohne einen Schwanz ist sie versauert.«

»Pass bloß auf, ich verstehe alles«, warnte die Dicke sie in Cettas Sprache. »Ich bin auch Italienerin.«

»Aber eine alte Hexe bist du trotzdem«, gab die Prostituierte zurück.

Cetta lachte. Doch als die Alte sie böse anblitzte, wurde sie sofort rot, schlug die Augen nieder und begann, sich auszuziehen. Sie legte das Mieder an, und die Prostituierte zeigte ihr, wie man es zuschnürte. Cetta kam sich seltsam vor. Auf der einen Seite empfand sie ihre Nacktheit als demütigend, auf der anderen Seite verlieh ihr das Mieder, das sie für vornehm hielt, ein Gefühl von Bedeutsamkeit. Einerseits war sie aufgeregt, andererseits erschrocken und ängstlich.

Der Prostituierten entging das offenbar nicht. »Sieh dich mal im Spiegel an«, ermutigte sie sie.

Cetta trat einen Schritt vor. Mit einem Mal aber war ihr linkes Bein wie taub. Der Schweiß brach ihr aus. Sie zog das Bein nach.

»Hinkst du?«, fragte die Prostituierte.

»Nein ...« In Cetta stieg Panik auf. »Ich habe ... mir nur wehgetan ...«

In dem Moment warf die dicke Alte ihr ein tiefblaues Satinkleid mit einem langen Schlitz, der die Beine zur Geltung brachte, und einem mit schwarzer Spitze gesäumten Ausschnitt zu. »Nimm das, Hure«, sagte sie.

Cetta schlüpfte hinein und betrachtete sich dann im Spiegel. Unvermittelt brach sie in Tränen aus, denn sie erkannte sich nicht wieder. Sie weinte vor Dankbarkeit für dieses Amerika, das ihr all ihre Träume erfüllen und aus ihr eine echte Dame machen würde.

»Komm mit, es wird Zeit, dass du dein Metier lernst«, forderte die Prostituierte sie auf.

Sie verließen die Schneiderei, ohne sich von der dicken Alten zu verabschieden, und betraten eine enge, stickige Kammer. Dort öffnete die Prostituierte ein Guckloch an der Wand und sah hindurch. Als sie sich wieder umdrehte, sagte sie zu Cetta: »Sieh mal, das bedeutet, es französisch zu machen.«

Cetta hielt ein Auge an das Guckloch und erhielt ihre erste Lektion.

Den ganzen Tag verbrachte sie damit, Freier und Kolleginnen zu beobachten. Es war schon Nacht, als Sal sie abholte und nach Hause zurückfuhr. Während er schweigend am Steuer saß, sah Cetta ein paar Mal verstohlen zu ihm hinüber und dachte an das, was die Prostituierte über ihn gesagt hatte.

Schließlich hielt der Wagen vor der Treppe, die ins Kellergeschoss hinabführte, und beim Aussteigen warf Cetta abermals einen raschen Blick auf den hochgewachsenen hässlichen Mann, der die Mädchen kostete. Doch Sal schaute starr geradeaus.

Die beiden alten Leute waren bereits zu Bett gegangen, als Cetta leise das Zimmer betrat. Christmas schlief zwischen ihnen. Cetta nahm ihn sanft hoch.

Die Alte schlug die Augen auf. »Er hat gegessen und ein Häufchen gemacht«, flüsterte sie. »Alles in Ordnung.«

Cetta lächelte ihr zu und ging hinüber zu ihrer Matratze. Darunter lag nun ein Federrahmen. Auch eine Decke, ein Laken und ein Kissen waren da.

Das Doppelbett quietschte, als die Greisin sich aufsetzte. »Sal hat an alles gedacht.«

Cetta legte Christmas auf die flauschig weiche Decke und blickte zu der Alten hinüber, die noch immer dasaß und sie beobachtete. Da ging sie zu ihr und nahm sie wortlos in den Arm. Und die alte Frau erwiderte die Umarmung und streichelte Cetta über das Haar.

»Leg dich schlafen, du musst müde sein«, sagte sie.

»Ja, schlaft endlich, alle beide!«, brummte ihr Mann.

Cetta und die alte Frau lachten leise.

»Wie heißt ihr eigentlich?«, fragte Cetta mit gedämpfter Stimme.

»Wir sind Tonia und Vito Fraina.«

»Und nachts wollen wir schlafen«, schimpfte der Alte.

Tonia gab ihrem Mann einen Klaps auf den Po, und beide Frauen lachten.

»Ha, ha, sehr witzig«, sagte Vito und zog sich die Decke über den Kopf.

Tonia nahm Cettas Gesicht in beide Hände und sah sie schweigend an. Dann malte sie ihr mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn. »Gott segne dich.« Schließlich drückte sie ihr einen Kuss aufs Haar.

Cetta gefiel dieses Ritual sehr. Sie kehrte zurück zu ihrem Bett, zog sich aus und schlüpfte, Christmas im Arm, unter die Decke. Und ganz sachte, damit sie ihn nicht aufweckte, zeichnete sie ihm ein kleines Kreuz auf die Stirn, flüsterte: »Gott segne dich«, und küsste ihn.

»Dein Christmas ist hübsch und kräftig«, bemerkte die Alte. »Aus ihm wird sicher einmal ein toller Kerl ...«

»Jetzt reicht’s!«, polterte Vito los.

Von dem Geschimpfe geweckt, begann Christmas zu weinen.

»Was bist du doch für ein Dummkopf«, bemerkte Tonia. »Bist du nun zufrieden? Jetzt kannst du in Ruhe schlafen.«

Cetta kicherte leise, während sie Christmas beruhigend an sich drückte und sanft in ihren Armen wiegte. Und plötzlich sah sie ihre Mutter, ihren Vater, ihre Brüder – alle, auch den Anderen – vor sich, und ihr wurde bewusst, dass sie bis zu diesem Augenblick nicht ein einziges Mal an sie gedacht hatte. Aber auch diesmal hielt sie sich nicht lange mit Gedanken an zu Hause auf, sondern schlief bald ein.

Nachdem sie den ganzen Vormittag und einen großen Teil des Nachmittags damit verbracht hatte, Tonia und Vito Fraina besser kennenzulernen, machte Cetta sich am nächsten Tag für die Arbeit zurecht. Sie war bereits seit einer halben Stunde fertig, als Sal sie schließlich abholte. Cetta überließ Christmas der Obhut der beiden alten Leute und ging schweigend hinter dem hässlichen Mann her, der sich ihrer angenommen hatte. Als sie bei seinem Wagen angekommen waren, setzte sie sich auf ihren Platz und wartete, dass Sal den Motor startete und losfuhr. Am Morgen hatte sie Tonia gebeten, ihr zwei Wörter in der ihr noch immer fremden Sprache beizubringen. Zwei Wörter, die sie im Bordell nicht lernen würde.

»Warum?«, fragte sie Sal. Und das war das erste Wort, nach dem sie Tonia gefragt hatte.

Sal antwortete ihr mit seiner tiefen Stimme kurz und knapp, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

Cetta verstand ihn nicht. Sie lächelte und sagte das zweite Wort, das sie hatte lernen wollen: »Danke.«

Danach sprachen die beiden nicht mehr. Sal hielt vor dem Eingang des Bordells an, lehnte sich quer über Cetta, öffnete ihr die Beifahrertür und gab ihr zu verstehen, sie solle aussteigen. Kaum stand sie auf dem Bürgersteig, legte Sal den Gang ein und fuhr weiter.

An diesem Abend, im Alter von fünfzehn Jahren, machte Cetta es zum ersten Mal französisch.

Und innerhalb eines Monats hatte sie alles gelernt, was es über das Gewerbe zu wissen gab. Hingegen brauchte es weitere fünf Monate, bis ihr Wortschatz groß genug war, dass sie sich auch außerhalb des Bordells zurechtfand.

Jeden Nachmittag und jede Nacht fuhr Sal sie von Tonia und Vito Frainas Kellerraum zum Bordell und wieder zurück. Die anderen Mädchen schliefen in einem gemeinschaftlichen Schlafraum im Bordell. Aber dort waren keine Kinder erlaubt. Immer wenn eine von ihnen schwanger wurde, kam ein Arzt und rückte dem Ungeborenen mit einem Draht zu Leibe. Die Hurengemeinschaft durfte sich nicht fortpflanzen, das war eine der Regeln, über deren Einhaltung Sal streng wachte.

Bei Cetta jedoch war es anders gewesen.

»Warum?«, fragte sie sechs Monate später eines Morgens im Auto, nun jedoch in der Lage, die Antwort zu verstehen.

Sals tiefe Stimme dröhnte durch den Wagen, lauter noch als der Motor und kurz und knapp wie schon beim ersten Mal. »Das geht dich nichts an.«

Und wie damals – doch diesmal nach einer deutlich längeren Pause – sagte Cetta: »Danke.« Und sie konnte nicht anders, als leise vor sich hin zu lachen. Aber aus dem Augenwinkel glaubte sie zu erkennen, dass auch Sals hässliches und ernstes Gesicht sich ein klein wenig aufhellte und dass seine Lippen sich kaum wahrnehmbar zur Andeutung eines Lächelns verzogen.

8

New Jersey – Manhattan, 1922

Ruth war dreizehn Jahre alt und durfte abends das Haus nicht verlassen. Doch das Anwesen auf dem Land, in dem die Familie die Wochenenden verbrachte, war düster und trist, fand Ruth. Eine große weiße Villa mit einem eindrucksvollen Portikus vor dem Eingang, die Opa Saul, der Vater ihres Vaters und Gründer des Familienunternehmens, ein halbes Jahrhundert zuvor erbaut hatte. Ein großes weißes Haus, von dem aus eine endlos lange Allee mitten durch den Park bis zum Haupttor führte. In seinem Inneren standen dunkle, stets glänzende Möbel. Amerikanische und chinesische Teppiche lagen auf den Marmor- und Eichenböden, und alte Gemälde von Künstlern aus aller Welt schmückten die stoffverkleideten dunklen Wände. Das Silber in den Schränken stammte aus Europa und dem Orient. Und überall hingen Spiegel, die ein Bild dessen zurückwarfen, was für Ruth nichts weiter war als ein großes, reiches, düsteres Haus.

Nicht einmal die Dienstboten konnten lächeln. Selbst wenn sie einem Mitglied der Familie Isaacson begegneten und die Etikette es verlangte, brachten sie kein Lächeln zustande. Kaum merklich zogen sie dann die Mundwinkel hoch, senkten den Kopf und fuhren, den Blick zu Boden gerichtet, mit ihrer Arbeit fort. Selbst ihr gegenüber, einem Mädchen mit schwarzen Locken, auffallend heller Haut, feinen Schulkleidern und der Fröhlichkeit einer Dreizehnjährigen, gelang es ihnen nicht zu lächeln.

Niemand lächelte – weder in der Villa auf dem Land noch im luxuriösen Apartment in der Park Avenue, wo sie die meiste Zeit wohnten –, seitdem ihrer Mutter Sarah Rubinstein Isaacson wegen die Ausgangssperre verhängt worden war. Besser gesagt, der Dinge wegen, die man sich über sie erzählte und erzählt hatte. Dass sie nämlich eine unheilvolle Affäre – sie vierzig, er dreiundzwanzig – mit einem brillanten, klugen, gut aussehenden jungen Mann aus der Synagoge in der 86th Street gehabt habe, der bald darauf hätte Rabbiner werden sollen. Oder zumindest war es das, was man glauben wollte.

Ruths Vater litt sehr darunter. Ihre Mutter ebenfalls. Der Dreiundzwanzigjährige, der nun nicht mehr der jüngste Rabbiner der Gemeinde werden würde, hatte, um nicht darunter zu leiden, von heute auf morgen ein anständiges jüdisches Mädchen seines Alters geheiratet, das selbst die Tochter eines Rabbiners war. Philip, Ruths Vater, hatte nie an seiner Frau gezweifelt – nicht einen Augenblick –, noch hatte er sie wegen des Geredes an den Pranger gestellt. Doch das Gift der Verleumdung hatte ihn gebrochen. Ruths Mutter wusste, dass sie das Vertrauen ihres Mannes genoss, aber sie hatte nie wieder den Mut gehabt, ihren Schmuck und ihre Kleider zur Schau zu stellen, nicht in der Oper, nicht bei den abendlichen Wohltätigkeitsveranstaltungen der Gemeinde oder den vom Bürgermeister ins Leben gerufenen Klassik-Konzerten unter freiem Himmel. Sie hatte Angst, vom Gespött hinterrücks erdolcht zu werden; sie fürchtete die Finger, die auf sie zeigten, sobald sie nicht hinsah, und sie als Ehebrecherin brandmarkten, als die Frau, die mit einem Jungen geschlafen hatte, der ihr Sohn sein könnte. Sie hatte nicht die Kraft, auf ihren schmalen, gepflegten Schultern, die sie einmal voller Stolz gezeigt hatte, die Last der Verleumdung zu tragen.

»Ihr habt euch von einem Furz vernichten lassen«, ließ sich beinahe jeden Abend nach dem Essen der alte Opa Saul vernehmen, während er in seinem Sessel saß und sich die vom Druck der Brille geplagte lange, schmale Nase rieb.

Wortlos senkten sein Sohn und seine Schwiegertochter dann den Blick. Sie hatten nicht widersprochen, als der alte Mann den Satz zum ersten Mal gesagt hatte. Und nun hatten sie dazu keinen Grund mehr.

Niemand lächelte in dem großen Haus, das für Ruth düster geworden war. In den Spiegeln sah man keine Gäste mehr, die durch den Salon tanzten. Auch erstrahlte der Park nicht länger im Licht der Fackeln beim sonntagabendlichen Barbecue. Und am Flügel versuchte sich niemand mit Laienhand als Musiker; kein professioneller Musiker sorgte an Abenden im Kreise von Freunden für Unterhaltung. Es war, als wären sämtliche Fensterläden, die Haustür und das Tor am Ende der Allee verriegelt.

Und das alles wegen eines Furzes.

Ruth war dreizehn Jahre alt und durfte abends das Haus nicht verlassen. Doch ihr Haus war düster und trist, dachte Ruth ohne Unterlass. Niemand lächelte – nur der Gärtner, ein neunzehnjähriger Junge, der seit einigen Monaten die Balkonpflanzen in der Park Avenue pflegte und sich nun, da er einen Pritschenwagen gekauft hatte, auch um den Landsitz in New Jersey kümmerte. Er lachte ständig. Und er war Ruth sofort aufgefallen. Nicht seines Aussehens, seiner Intelligenz oder seiner Jugend wegen, und auch sonst war nichts an ihm besonders. Einzig des Gelächters wegen, das ihm plötzlich und unaufhaltsam aus der Kehle sprudelte, hatte er gleich Ruths Aufmerksamkeit erregt. Sie fühlte sich nicht zu ihm hingezogen, aber sie ließ sich bezaubern von seinem unbekümmerten Lachen, das losbrach, ohne dass ein Außenstehender verstand, warum, und das gegen die düstere Atmosphäre im Haus zu verstoßen und sie zu entweihen schien. So brauchte er, wenn er vielleicht gerade damit beschäftigt war, das Efeu draußen vor der Garage zu beschneiden, nur im glänzenden Kotflügel eines der zum Haus gehörenden Autos irgendein verzerrtes Spiegelbild zu entdecken, um unvermittelt in Gelächter auszubrechen. Und er lachte, wenn Ruth ihm am Nachmittag eine Limonade brachte oder wenn der Großvater ihn in seiner rüden Art wegen irgendetwas tadelte. Auch lachte er über die alte Köchin, die trotz ihres Alters noch immer keinen so guten Truthahnbraten zubereiten konnte wie seine Mutter; er lachte über plötzlich hereinbrechenden Frühlingsregen und über die Sonne, die danach in den Pfützen funkelte; über eine krumm gewachsene Blume oder über einen Grashalm, der sich im Rad der Schubkarre verfangen hatte; über eine Amsel, die mit einem Wurm im Schnabel über den Kies hüpfte, oder über einen quakenden Frosch im künstlich angelegten Parkteich; über lustige Wolkengebilde ebenso wie über den breiten Hintern der Zofe.

Er lachte über alles und jeden und hieß Bill.

Und eines Tages hatte er zu Ruth gesagt: »Warum gehen wir nicht mal abends aus, du und ich, einfach so, um ein bisschen zu lachen?«

So kam es, dass Ruth, obwohl sie erst dreizehn war und niemals die Erlaubnis bekommen hätte auszugehen – schon gar nicht mit einem einfachen Gärtner wie Bill –, an jenem Abend ihre Eltern und den Großvater ihrer freudlosen Stille überließ und heimlich hinunter in die Wäscherei schlich. Von dort gelangte sie zum Hintereingang, der den Lieferanten vorbehalten war. Dort erwartete Bill sie lachend. Und auch sie lachte, als sie in seinen Pritschenwagen stieg – sie lachte wie eine vom Leben gelangweilte und verwöhnte Dreizehnjährige.

»Ich habe auch ein Auto, siehst du?«, sagte er stolz.

»Ja«, antwortete Ruth und lachte, ohne zu wissen, warum. Vielleicht lachte sie nur, weil sie mit einem wie Bill ausging, der über alles in Gelächter ausbrach.

»Du musst wissen, es gibt nicht viele, die ein Auto haben«, erklärte er.

»Ach ja?«, gab sie wenig interessiert zurück.

»Du bist eine dumme Gans. Glaubst du etwa, alle wären so reich wie dein Opa oder dein Vater? Was ist, ist dir ein Pritschenwagen vielleicht nicht gut genug?«, fuhr Bill sie mit rauer Stimme an, die Augen schmal wie zwei dunkle Schlitze in der abendlichen Düsternis. Dann aber lachte er auf seine lustige, unbekümmerte Art, und sofort verflog die Angst, die Ruth gerade noch einen Schauer über die schneeweiße Haut gejagt hatte.

Geräuschvoll legte Bill den ersten Gang ein, gab Gas, und der Pritschenwagen ruckelte knatternd die Straße entlang, die in die Stadt führte. »Jetzt zeige ich dir die wirkliche Welt«, sagte Bill, immer noch lachend.

Und freudig erregt über ihr Abenteuer lachte Ruth mit ihm, während sie an dem Ring mit dem großen Smaragd spielte, den sie sich von ihrer Mutter heimlich geborgt hatte, um hübsch auszusehen und sich vor Bill erwachsener zu fühlen. Doch ihre Mutter musste schmalere Finger haben als sie, erkannte Ruth erst jetzt, denn der Ring ließ sich nicht über ihren Knöchel ziehen.

»Sieh mal dort«, sagte Bill, als er nach einer guten halben Stunde am Straßenrand hielt und den Motor ausschaltete. »In dem Speakeasy können wir was trinken und tanzen.« Er deutete auf ein verrauchtes Lokal an einer dunklen Straßenecke, vor dem ein reges Kommen und Gehen herrschte und Männer und Frauen Arm in Arm umhertorkelten. »Hast du Geld dabei?«, wollte er wissen.

»Aber Alkohol ist doch verboten«, wandte Ruth ein.

»Nicht in der wirklichen Welt«, erwiderte Bill grinsend und wiederholte seine Frage: »Hast du Geld dabei?«

»Ja«, antwortete Ruth und dachte schon nicht mehr an den Ring, als sie zwei Geldscheine aus ihrer Handtasche hervorholte. Sie hatte nur noch Augen für die Spelunke, in der offenbar alle so viel lachten wie Bill. In der das Leben so ganz anders zu sein schien als in ihrem düsteren, vornehmen Zuhause.

»Zwanzig Dollar?«, rief Bill und begutachtete die beiden Scheine aus nächster Nähe. »Donnerwetter, zwanzig Dollar!«

»Ich habe sie aus der Tasche meines Vaters stibitzt«, gab Ruth lachend zu.

Bill stimmte in ihr Lachen ein und umfasste ihr hübsches Gesicht. Die Geldscheine und seine schwieligen Gärtnerhände kratzten dabei über ihre zarte Haut. Lachend zog er Ruths Gesicht zu sich heran und küsste sie auf den Mund. Gleich darauf ließ er sie los und betrachtete erneut die Geldscheine. »Zwanzig Dollar, Donnerwetter!«, murmelte er. »Hast du eine Ahnung, was der klapprige Pritschenwagen hier gekostet hat? Na, hast du eine Ahnung? Ich wette, nein. Vierzig Dollar musste ich für ihn hinlegen, und es kam mir vor wie ein Vermögen. Und du steckst einfach die Hand in Papis Tasche und holst die Hälfte dessen raus, als wäre es nichts.« Er lachte laut, lauter als sonst. »Zwanzig Dollar, um einen Schmuggelwhisky zu trinken«, und noch immer lachte er, aber auf eine seltsame Art.

»Tu das nie wieder«, sagte Ruth ernst.

»Was?«

»Du darfst mich nicht küssen.«

Bill musterte sie schweigend, und in seinem undurchsichtigen, finsteren Blick war von all seinem Gelächter nun nicht mehr die geringste Spur zu erkennen. »Steig aus«, befahl er nur und öffnete die Fahrertür. Er ging um den Pritschenwagen herum, packte Ruth grob am Arm und zerrte sie ohne ein weiteres Wort in die Kneipe. Er wollte eine Flasche Whisky kaufen, aber man konnte ihm kein Wechselgeld herausgeben. Daher ließ er anschreiben – offensichtlich kannte man ihn hier –, und nachdem er einem schlüpfrigen Lied gelauscht hatte, lachte er und zog Ruth am Arm zurück zum Wagen.

»Da drin war tote Hose«, sagte er grinsend und ließ, die Flasche zwischen den Beinen, den Motor an. »Ich kenne bessere.«

»Vielleicht sollte ich doch lieber nach Hause fahren«, warf Ruth schüchtern ein.

Abrupt hielt Bill mitten auf der Straße an. »Amüsierst du dich etwa nicht mit mir?«, fragte er sie mit dem gleichen finsteren Blick wie kurz zuvor. Genauso hatte sein Vater dreingeblickt, wenn er ihn ohne jeden Grund, einfach nur weil er betrunken war, mit dem Gürtel gezüchtigt hatte. Dann aber lächelte Bill und wurde wieder der Junge, den Ruth kannte. Er streichelte ihr über das ängstliche Gesicht und sagte: »Wir werden uns amüsieren, versprochen.« Wieder lächelte er ihr freundlich zu. »Ich verspreche auch, dich nicht zu küssen.«

»Ehrlich?«

»Ich schwöre«, erwiderte er und legte dabei feierlich die Hand ans Herz. Und er lachte, wie er immer lachte.

Da vergaß Ruth zum zweiten Mal das ungute Gefühl, das sie beschlichen hatte, und fiel in sein Lachen ein.

Während der Fahrt nahm Bill immer wieder einen Schluck aus der Flasche und bot sie auch Ruth mehrmals an.

Der erste Tropfen, der Ruth in die Kehle rann, verursachte ihr einen Hustenanfall. Und je mehr sie hustete, desto mehr musste sie lachen. Und Bill lachte mit ihr und trank und trank, bis die Flasche in null Komma nichts leer war und aus dem Fenster flog.

Irgendwann hielt Bill den Pritschenwagen an.

»Hier ist ja gar nichts«, sagte Ruth verwundert und wischte sich die Lachtränen vom Gesicht.

»Wir sind hier aber richtig«, entgegnete Bill. Und wieder bemerkte Ruth bei ihm diesen undurchsichtigen, finsteren Blick. Finster wie die menschenleere Straße, an der sie standen.

»Du hast versprochen, mich nicht zu küssen«, sagte Ruth.

»Ich habe es geschworen«, bestätigte Bill. »Und was ich geschworen habe, halte ich immer«, meinte er und griff dabei Ruth mit einer Hand zwischen die Beine, schob ihren Rock hoch und zerriss ihren baumwollenen Kleinmädchenschlüpfer.

Ruth versuchte, sich zu wehren, doch Bills Faust traf sie mitten ins Gesicht. Und dann noch einmal und noch einmal.

Die Knochen in Ruths Mund und Nase brachen mit einem hässlichen Knacken. Danach war alles still.

Als Ruth das nächste Mal die Augen aufschlug, fand sie sich auf der Ladefläche des Wagens wieder. Bill lag keuchend auf ihr und stieß ihr etwas Heißes zwischen die Beine. Und während er zustieß, wiederholte er wieder und wieder lachend: »Siehst du, dass ich dich nicht küsse? Du Schlampe, siehst du, dass ich dich nicht küsse?«

Schließlich spürte Ruth eine neue, feuchte Wärme und sah, wie Bill den Rücken krümmte und den Mund aufriss. Als er sich aufrichtete, schlug er ihr noch einmal ins Gesicht. »Scheißjüdin!«, schimpfte er. »Scheißjüdin, Scheißjüdin, Scheißjüdin!« Er wiederholte das Schimpfwort so viele Male, wie die Hose, die er nun wieder hochzog, Knöpfe hatte. Dann nahm er Ruths Hand und versuchte, ihr den Smaragdring vom Finger zu streifen. »Darauf war ich schon den ganzen Abend scharf, du Miststück«, zischte er.

Doch der Ring ließ sich nicht abziehen. Bill spuckte auf ihren Finger und versuchte es fluchend erneut, diesmal mit Gewalt. Schließlich stand er auf und traktierte sie mit Fußtritten. Er trat ihr in den Leib, in die Rippen und ins Gesicht. Und während er sich dann mit gespreizten Beinen auf ihre Brust kniete, damit sie sich nicht bewegen konnte, schlug er sie ein weiteres Mal mit der Faust ins Gesicht und lehnte sich vor zu einem Leinensack.

»Willst du die wirkliche Welt sehen?« Er zog eine Schere aus dem Sack hervor, wie er sie zum Rosenschneiden benutzte, öffnete die scharfen Klingen und legte sie an Ruths Ringfinger. »Bitte sehr: Das ist die wirkliche Welt, Jüdin.« Nach diesen Worten drückte er die Schere zusammen.

Der Knochen knackte wie ein verdorrter Zweig.

Bill zog den Ring ab, warf den amputierten Finger irgendwo ins Gebüsch neben der Straße und stieß Ruth aus dem Pritschenwagen. Während sie schrie und schrie, ließ Bill den Motor an und fuhr davon. Und da hörte Ruth es wieder, sein unbekümmertes Gelächter.

9

Manhattan, 1922

»Mama! Mama!« Christmas kam in die kleine Wohnung im ersten Stock des Hauses Nummer 320 in der Monroe Street, wo sie seit nunmehr fünf Jahren lebten, seit ihrem Auszug aus dem fensterlosen Kellerraum, in dem er aufgewachsen war. »Mama!« Er klang ein wenig wie ein Kind, das sich verlaufen hat.

Es war kurz nach Sonnenaufgang.

Wie gewöhnlich war Cetta erst spät in der Nacht heimgekehrt. Sie war nun eine Frau von achtundzwanzig Jahren und hatte ihres Alters wegen inzwischen das Gewerbe gewechselt. Die Arbeitszeiten hingegen nicht. Die Stimme des Sohnes drang im Schlaf zu ihr vor. Cetta drehte sich im Bett herum, zog sich das Kissen über den Kopf und hielt sich damit die Ohren zu, um den fantastischen Traum nicht zu verlieren, den sie gerade träumte und der so wenig mit ihrem wahren Leben zu tun hatte.

»Mama!« Christmas klang verzweifelt und dringlich. »Mama, bitte, wach auf!«

Im Dämmerlicht des kleinen Zimmers schlug Cetta die Augen auf.

»Mama ... komm mit ...«

Cetta rappelte sich im Bett auf, das den beengten Raum beinahe ganz ausfüllte. Christmas trat zurück, während er den erschrockenen Blick nicht von seiner Mutter abwandte, die sich den Schlaf aus den Augen rieb und aufstand. Sie gingen in die Küche, wo an der Wand nah beim Ofen die Pritsche stand, auf der Christmas schlief.

»Was willst du um diese Zeit von mir? Wie spät ist es eigentlich?«, fragte Cetta.

Anstelle einer Antwort hob Christmas in einer hilflosen Geste die Arme und senkte einen Moment den Kopf.

Der dämmrige Lichtschein, der die kleine Wohnung erhellte und der auch bis in die Küche drang, fiel durch das Fenster eines zehn mal zehn Fuß großen Zimmers herein, das Cetta hochtrabend als Salon bezeichnete. Und im Dämmerlicht erkannte Cetta Blutflecken auf dem Hemd ihres Sohnes.

»Was haben sie mit dir gemacht?«, rief sie mit weit aufgerissenen Augen, urplötzlich hellwach. Sie stürzte auf Christmas zu und betastete den blutverschmierten Stoff.

»Mama ... Mama, sieh dir das an«, sagte Christmas leise und wandte sich zum Sofa im Salon.

In der Nähe des Fensters bemerkte Cetta einen pickligen Jungen, dem der Schrecken ebenso ins Gesicht geschrieben stand wie ihrem Sohn. Erst danach entdeckte sie das Mädchen mit den schwarzen Locken, das in einem weißen Kleid mit blauen Streifen an den Ärmeln und am Volant des Rockes auf dem Sofa lag. Es war von oben bis unten blutüberströmt.

»Was habt ihr mit ihr gemacht?«, schrie Cetta und packte ihren Sohn am Hemdkragen.

»Mama ...« Christmas hatte Tränen in den Augen. »Mama, sieh sie dir an ...«

Cetta näherte sich dem Mädchen und drehte es an der Schulter zu sich herum. Bei dem grauenvollen Anblick zuckte sie zurück. Die Augen des Mädchens waren dick geschwollen. An der Oberlippe klaffte eine Platzwunde. Die Nasenlöcher waren blutverkrustet. Das Mädchen konnte kaum atmen. Cetta ließ ihren Blick von dem pickligen Jungen zu ihrem Sohn schweifen.

»Wir haben sie so gefunden, Mama.« Das kindliche Zittern in Christmas’ Stimme wollte nicht nachlassen. »Wir wussten nicht, was wir tun sollten ... und da habe ich sie hergebracht ...«

»Heilige Jungfrau«, sagte Cetta und blickte wieder auf das Mädchen.

»Wird sie sterben?«, flüsterte Christmas.

»Kleines, kannst du mich hören?«, fragte Cetta, den Arm um die Schultern des Mädchens gelegt. »Hol ein Glas Wasser«, trug sie ihrem Sohn auf. »Nein, den Whisky, er ist unter meinem Bett ...«

Das Mädchen wälzte sich stöhnend hin und her.

»Ruhig, bleib ganz ruhig ... Beeil dich, Christmas!«

Christmas rannte ins Schlafzimmer der Mutter und holte unter dem Bett eine halb volle Flasche Whisky von schlechter Qualität hervor, den eine alte Frau aus dem Haus, eine Freundin gewisser Mafiosi, verkaufte.

Als das Mädchen die Flasche sah, warf es sich erneut hin und her.

»Ruhig, ruhig«, besänftigte Cetta sie, während sie den Korken aus der Flasche zog.

Das Mädchen stöhnte auf; es schien weinen zu wollen, doch keine einzige Träne sickerte unter den aufgedunsenen, veilchenblau verfärbten Lidern hervor. Da hob es langsam eine Hand und hielt sie Cetta hin. Sie war blutüberströmt. Man hatte ihr den Ringfinger abgetrennt, in voller Länge, am Ansatz des ersten Fingergliedes.

Entsetzt riss Cetta den Mund auf, bedeckte Lippen und Augen mit der Hand, bevor sie das Mädchen umarmte und an sich drückte. »Warum ... warum?«, murmelte sie. Entschlossen griff sie schließlich nach der Flasche. »Ich werde dir wehtun. Sehr sogar, Mädchen«, sagte sie mit ernster, fester Stimme, bevor sie unvermittelt den Inhalt der Whiskyflasche über den Fingerstumpf goss.

Das Mädchen schrie auf. Beim Öffnen des Mundes riss die verkrustete Oberlippe auf und begann erneut zu bluten.

Cettas Blick wanderte tiefer, auf den Rock des Mädchens, der verrutscht war. An den Innenseiten der Oberschenkel entdeckte sie noch mehr Blut. Behutsam nahm Cetta das geschundene Gesicht des Mädchens in ihre Hände. »Ich weiß, was dir zugestoßen ist«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Du musst nichts sagen.«

Und als sie vom Sofa aufstand, lagen in ihrem Blick ein Schmerz und ein Hass, die sie für alle Zeit tief in sich begraben geglaubt hatte. Und ihre Augen waren wieder die des Bauernmädchens aus Aspromonte, das sie einmal gewesen war – in einem Kornfeld vergewaltigt und entjungfert – und das sie hatte vergessen wollen mit allem, was es ausgemacht hatte. Mit Ausnahme von Christmas. Ihre Augen waren die der blinden Passagierin, die im Tausch gegen die Überfahrt nach Amerika zwei Wochen lang vom Schiffskapitän missbraucht worden war. Cettas Augen waren nun die eines kleinen Mädchens und ihr Blick voll wilden Zorns.

Sie packte Christmas am Arm und zog ihn mit sich in ihr Schlafzimmer. Dort schloss sie die Tür. Warnend streckte sie ihm daraufhin den Zeigefinger entgegen. »Wenn du jemals einer Frau etwas zuleide tust, bist du nicht mehr mein Sohn. Ich trenne dir eigenhändig den Schniedel ab und schneide dir danach die Kehle durch. Und sollte ich tot sein, komme ich aus dem Jenseits zurück, um dein Leben in einen endlosen Albtraum zu verwandeln. Denk immer daran«, sagte sie mit einer finsteren Wut, die Christmas Angst einjagte.

Danach öffnete sie wieder die Tür und ging zurück in den Salon. »Wie heißt du, Mädchen?«, fragte sie.

»Ruth ...«, kam es kaum hörbar vom Sofa.

Ruth ..., wiederholte Christmas stumm für sich, mit einem gewissen Erstaunen.

»Gott segne dich, Ruth.« Cetta malte ihr ein kleines Kreuz auf die Stirn. »Mein Sohn bringt dich jetzt ins Krankenhaus.« Sie warf Christmas eine Decke zu. »Gib acht, dass sie nicht friert. Und deck sie zu, damit nicht jeder sie sieht, vor allem hier nicht, zwischen den Beinen. Nur die Ärzte dürfen sie sehen.« Sie strich ihm die blonde Stirnlocke aus dem Gesicht und küsste ihn sanft auf die Wange. »Geh, mein Junge.« Noch einmal zog sie ihn an sich und sah ihm geradewegs in die Augen. »Leg sie vor dem Krankenhaus ab und lauf dann weg. Leuten wie uns glaubt man ja doch nie«, riet sie ihm mit ernster, besorgter Stimme. Schließlich wandte sie sich ab und schloss sich in ihrem Zimmer ein, wo sie sich im Bett zusammenrollte und, das Kissen auf den Kopf gedrückt, versuchte, das Keuchen ihrer alten Peiniger zu verdrängen, das ihr wieder in den Ohren klang.

Gefolgt von Santo, stieg Christmas mit der in die Decke gehüllten Ruth auf den Armen mühsam die schmale Treppe des Hauses hinab, das Sal Tropea gehörte.

»Soll ich dich ablösen?«, erbot sich Santo nach einiger Zeit und streckte die Arme nach dem Mädchen aus.

Ohne dass er hätte sagen können, warum, wich Christmas einen Schritt zur Seite. »Nein, ich habe sie gefunden«, entgegnete er so feierlich, als wäre sie ein Schatz, und ging weiter. Dabei wiederholte er im Stillen unentwegt den Namen Ruth, als hätte er für ihn eine ganz besondere Bedeutung.

Ein paar Häuserblocks weiter erinnerte Santo ihn besorgt: »Deine Mutter hat gesagt, wir sollen sie vor dem Krankenhaus auf die Treppe legen ...«

»Ich weiß«, ächzte Christmas.

»... sonst kriegen wir Ärger ...«, fuhr Santo fort.

»Ich weiß.«

»... weil sie womöglich denken ...«

»Ich weiß!«, fuhr Christmas ihn an.

Ruth stöhnte.

»Entschuldige«, sagte Christmas in sanftem, vertraulichem Ton zu dem Mädchen, als würden sie sich seit Ewigkeiten kennen. »Streich ihr die Haare aus dem Gesicht«, bat er daraufhin Santo. »Aber sei vorsichtig.«

Dann ging er weiter. Auf den Gehwegen herrschte Gedränge. Arme Schlucker machten sich auf den Weg zur Arbeit, jugendliche Gauner lungerten bereits überall herum, fliegende Händler boten ihre zweifelhaften Waren feil, und schmutzige kleine Jungen riefen die Schlagzeilen der Morgenblätter aus. Sie alle drehten sich neugierig nach dem seltsamen Trio um, bevor sie wieder ihrer Wege gingen.

Christmas’ Arme waren steif geworden. Er schwitzte. Sein Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. Mit zusammengebissenen Zähnen, die Stirn in Falten gelegt, hielt er den Blick starr auf das Ziel gerichtet, das nun in Sichtweite lag.

»Leg sie auf der Treppe ab, und dann verschwinden wir«, sagte Santo.

»Ja, ja ...« Als Christmas die erste Treppenstufe erreicht hatte, war er sicher, er würde das Mädchen fallen lassen. Alle Kraft in seinen Armen war aufgebraucht. »Wir sind da ... Ruth«, sagte er leise, das Gesicht nah an ihrem. Ein seltsames Gefühl ergriff ihn, als er den Namen aussprach, der ihm mehr bedeutete als alles andere.

Ruth lächelte schwach und versuchte, die Augen zu öffnen.

Christmas schienen sie, inmitten der blutunterlaufenen Schwellungen, tiefgrün wie zwei Smaragde zu sein. Und er glaubte, etwas in ihnen zu erkennen, was kein anderer je würde sehen können.

»Leg sie ab und lass uns verschwinden«, drängte Santo mit ängstlichem Unterton.

Doch Christmas hörte ihn nicht. Er sah das Mädchen an, das seinen Blick erwiderte und dabei zu lächeln versuchte. Das Mädchen mit den smaragdgrünen Augen. »Ich heiße Christmas«, sagte er und ließ Ruth in seine schwarzen Augen blicken. Denn ihr würde er zeigen, was er niemandem, sonst je offenbaren würde.

Ruth öffnete ganz leicht den Mund, als wollte sie sprechen, aber sie schwieg. Sie streckte ihre Hand unter der Decke hervor und legte sie auf seine Brust.

Christmas konnte die Lücke zwischen den Fingern spüren, die durch die Amputation entstanden war. Wieder stiegen ihm Tränen in die Augen. Doch er lächelte. »Wir sind da, Ruth.«

»Leg sie hin und lass uns abhauen, verdammt!«

»Wieso solltet ihr denn abhauen?«, erklang eine Stimme hinter ihnen. Sie gehörte einem Polizisten, der nun nach seiner Pfeife griff und kräftig hineinblies, während er Santo am Arm packte.

Christmas hatte die letzten Stufen erreicht, als zwei Pfleger aus dem Krankenhaus kamen. Die beiden Männer wollten Christmas das Mädchen aus dem Arm nehmen, doch er hielt es fest, als müsste er es gegen einen Angriff verteidigen. Plötzlich war er wie von Sinnen. All die aufgestaute Spannung schien sich jetzt Luft machen zu wollen. »Nein!«, brüllte er. »Ich bringe sie rein! Ich bringe sie rein! Holt einen Arzt!«

Die Pfleger hielten ihn fest. Von drinnen stürzten zwei weitere Krankenhausbedienstete hinzu und hoben das Mädchen auf ihre Arme. Ein weiterer Pfleger tauchte mit einer Trage in der Tür auf. Sie betteten Ruth darauf und verschwanden im Krankenhaus.

»Sie heißt Ruth!«, schrie Christmas ihnen nach und versuchte, ihnen zu folgen, wurde jedoch sofort aufgehalten. »Ruth!«

»Ruth, und weiter?«, fragte der Polizist. Er hatte inzwischen ein Notizbuch gezückt.

»Ruth ...«, sagte Christmas nur und drehte sich um. Seine rasende Wut war schlagartig verflogen – und nun fühlte er sich leer und erschöpft. Er sah, wie Santo in ein Polizeiauto verfrachtet wurde.

»Was habt ihr mit ihr gemacht?«, wollte der Polizist wissen.

Wortlos blickte Christmas zurück zum Krankenhaus, während der Polizist ihn zum Wagen zerrte und in den Fond drückte.

»Wir haben nichts getan«, beteuerte Santo wimmernd.

»Das werdet ihr uns alles auf dem Revier erzählen«, gab der Polizist zurück und warf die Tür zu. Dann klopfte er auf das Wagendach, und der Fahrer gab Gas.

Sie wurden in eine Zelle gesperrt, wo sie auf ihr Verhör warten sollten. Auf einer Pritsche saßen zwei Schwarze. Einer von beiden hatte eine tiefe Schnittwunde an der Wange. Ein blonder Typ um die dreißig – der nach Ammoniak roch und unverständliche Worte in einer unverständlichen Sprache murmelte – hockte mit starrem, verstörtem Blick zusammengekauert in einer Ecke. Und dann war da noch ein spindeldürrer Junge, der ein paar Jahre älter sein mochte als Christmas, mit langgliedrigen Pianistenhänden, die auf unnatürliche Weise glänzten, und dunklen Ringen um die Augen. Er wirkte aufgeweckt und mit allen Wassern gewaschen.

An Christmas gewandt, deutete der Junge auf den Dreißigjährigen in der Ecke und sagte: »Pole. Hat seine Frau umgebracht. Und sich vor fünf Minuten in die Hose gepinkelt.« Er zuckte mit den Schultern und lachte.

»Und du, weshalb bist du hier?«, wollte Christmas von ihm wissen.

»Ich bin Taschendieb und auf Geldbörsen spezialisiert«, erklärte der Junge stolz. »Und ihr?«

»Wir haben nichts getan!«, rief Santo erschrocken.

Der Junge lachte.

»Wir haben ein Mädchen vor einer verfeindeten Gang gerettet«, sagte Christmas.

»Und wieso habt ihr das gemacht?«, fragte der Junge noch immer lachend. »Jetzt seht ihr, was ihr davon habt.«

»Wenn jemand einer Frau etwas zuleide tut, trenne ich ihm eigenhändig den Schniedel ab und schneide ihm danach die Kehle durch. So sind die Regeln meiner Gang«, sagte Christmas in Erinnerung an die Worte seiner Mutter und machte einen Schritt auf den Jungen zu. »Und selbst wenn man mich umbringen würde, ich käme aus dem Jenseits zurück, um das Leben dieses Mistkerls in einen endlosen Albtraum zu verwandeln. Wer sich an Frauen vergreift, ist ein Feigling. Deshalb ist es mir scheißegal, ob ich hier bin. Ich habe keine Angst.«

Schweigend sah der Junge ihn an. Christmas hielt seinem Blick stand und strich dann mit einer betont gleichgültigen Geste über sein blutbeflecktes Hemd.

»Wie heißt du?«, fragte ihn der Junge nun mit einem gewissen Respekt in der Stimme.

»Christmas. Und das ist Santo.«

»Ich bin Joey.«

Christmas nickte schweigend und eine Spur herablassend.

»Wie heißt denn deine Gang?«, erkundigte sich der Junge.

Mit überlegener Miene steckte Christmas die Hände in die Hosentasche. In der rechten Tasche stieß er auf einen dicken Nagel, den er am Morgen von der Straße aufgelesen hatte, um damit die Wäscheleine in der Küche sicherer zu befestigen. »Kannst du lesen, Joey?«

»Ja«, erwiderte der Junge.

Da hielt Christmas Santo den Nagel hin und deutete auf die Zellenwand, die mit Inschriften übersät war. »Schreib den Namen unserer Gang dahin!«, befahl er ihm ganz wie ein Gangsterboss. »Sie sollen sich daran erinnern, wer wir sind. Aber schreib ihn richtig groß.«

Santo nahm den Nagel und ritzte die Buchstaben tief in die Wand hinein. Weiß hoben sie sich vom braunen Putz ab.

»Di ... am ... ond ... Do ... gs ...«, entzifferte Joey mühsam und wiederholte dann: »Diamond Dogs.« Er sah hinüber zu Christmas. »Cool«, sagte er.

10

Manhattan – Coney Island – Bensonhurst, 1910

An der neuen Welt beeindruckte Cetta zweierlei in besonderem Maße: die Menschen und das Meer.

In den Straßen der Stadt, vor allem in den gewöhnlichen Bezirken, wimmelte es immerzu von Menschen. Nie zuvor hatte Cetta so viele Leute auf einem Fleck gesehen. In wenigen Wohnhäusern hätten sämtliche Bewohner ihres Heimatdorfes unterkommen können. Und allein in der East Side standen Hunderte solcher Wohnhäuser. Dicht an dicht lebten die Menschen in den Häusern, den Zimmern, auf der Straße. Es war unmöglich, einander nicht zu berühren, Gespräche nicht mit anzuhören, Körpergerüche nicht wahrzunehmen. Cetta hatte nicht gewusst, wie viele Rassen und Sprachen es gab. Und sie hatte nicht gewusst, wie verschieden Menschen sein konnten – stark und schwach, arglos und verschlagen, reich und arm –, und alle diese Menschen lebten an einem einzigen Ort. Wie in dem Babel, von dem der Priester in der Messe gepredigt hatte, zu Hause in ihrem Dorf. Und Cetta fürchtete, genau wie jenes andere würde auch dieses Babel, in das sie eben erst gekommen war, untergehen. Gerade jetzt, da sie hier Fuß gefasst und die fremde, komplizierte und zugleich faszinierende, weiche, harmonische Sprache gelernt hatte. Die einzige Sprache, die ihr amerikanischer Sohn lernen würde.

»Ihr dürft mit Christmas nicht Italienisch sprechen«, hatte sie zu Tonia und Vito Fraina gesagt. Auch sie selbst redete nicht mehr in ihrer Muttersprache mit den beiden alten Leuten, die immer mehr zu einer Art Familie für sie wurden. Die Welt jenseits des Ozeans existierte nicht länger für Cetta. Sie hatte sie ausgelöscht, allein mit Willenskraft. Die Vergangenheit gab es nicht mehr. Nur diese Stadt existierte nun noch. Die neue Welt. Sie würde Christmas’ Heimat sein.

An manchen Tagen machten die Straßen Cetta Angst. An anderen Tagen hingegen lief sie mit Christmas auf dem Arm – denn ihr Sohn sollte sich von Beginn an mit seiner Welt vertraut machen – mit offenem Mund ziellos umher und beobachtete die Autos, die hinter den Pferdekarren hupten, betrachtete ihr Spiegelbild in Schaufenstern voll mit Süßigkeiten oder Kleidern, hob die Nase zum Himmel, der von den Hochbahngleisen verdunkelt oder von Wolkenkratzern verstellt war, bestaunte die vor Kurzem vollendete Manhattan Bridge mit ihren stählernen Pfeilern und Bögen und Seilen, die sich aus dem Wasser erhoben und, miteinander verschweißt, auf wundersame Weise über dem East River schwebten. Dann wieder glaubte Cetta jedoch in den engen, dunklen, müllverstopften Gassen inmitten stinkender Menschen zu ersticken. Ein andermal überkam sie ein Gefühl von Trunkenheit in den breiten Straßen, wo die Frauen nach exotischen Blumen und die Männer nach kubanischen Zigarren dufteten. Doch wo immer sie auch entlangging, überall wimmelte es von Menschen, so vielen, dass man sie nicht mehr zählen konnte. Vor lauter Menschen schien die Stadt keinen Horizont zu haben.

Vielleicht war es deshalb für Cetta eine Art Überraschung gewesen, als sie nach all ihren Streifzügen und Erkundungen das Meer entdeckt hatte. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass es ganz in der Nähe war, schließlich war sie über den Ozean hergekommen. Aber die Stadt mit ihrem Lärm, Beton und Gewimmel ließ das Meer vergessen.

Nachdem Cetta einen Augenblick zuvor noch von Häuserblocks umringt gewesen war, hatte sie sich kurz darauf im Battery Park mit seinen gepflegten Blumenbeeten wiedergefunden, wo der Blick bis in weite Ferne reichte, bis zum Meer. Sie war einer lärmenden Menschenmenge bis zum Fähranleger gefolgt, wo Seeleute, Kinder und Frauen Fahrkarten kauften. Drüben – so die Werbetafeln – jenseits des Meeres, jenseits der anderen unendlichen Häuserwelt, zu der Brooklyn gerade heranwuchs, lag die Vergnügungsinsel. Ohne eigentlich zu wissen, warum, reihte Cetta sich in die Schlange vor dem Fahrkartenschalter nach Coney Island ein. Sie kaufte ein Ticket und ließ sich von der Menge weitertragen bis zum Kai, wo gerade mit Getöse eine gewaltige Fähre anlegte. Während die Leute in den Bauch des eisernen Wals hineindrängten, überfiel Cetta plötzlich die Angst, womöglich nicht mehr zurückzufinden zu der fensterlosen Wohnung und dem Bordell, in dem sie ihren Körper an Fremde verkaufte, und so trat sie, das Vergnügungsticket in der Hand, zur Seite. Abseits stehend sah sie zu, wie die Taue wieder ins Wasser glitten und die dröhnenden Maschinen des Fährschiffs Schaum aufschlugen. Während die Fähre davonfuhr, kam eine andere ihr entgegen. Die beiden Metallungeheuer tauschten zur Begrüßung laute Sirenenrufe aus und kamen einander so nah, dass sie sich beinahe berührten. Derweil drängte sich am Kai erneut eine lärmende Menschenmenge. Noch einen Augenblick betrachtete Cetta das Meer, das weder blau noch grün, sondern dunkel war wie Petroleum und gar nicht wie das Meer aussah, das sie kannte, bevor sie, Christmas und die Fahrkarte nach Coney Island fest an sich gepresst, in einer Mischung aus Angst und Aufregung davonlief.

Von dem Tag an jedoch kehrte sie eine Woche lang jeden Morgen an diesen Ort zurück, um auf den Ozean hinauszuschauen. Als wollte sie sich in Erinnerung rufen, dass es ihn gab. Sie setzte sich im Battery Park ein wenig abseits auf eine Bank und sah zu, wie die Fährschiffe ankamen und abfuhren, stets voll besetzt mit Passagieren. Auch ich werde eines Tages meinen Heimweg sicher kennen und so den Mut finden, mich weiter von zu Hause zu entfernen, dachte sie. Während sie so auf der Bank saß, ließ sie Christmas auf ihrem Bein wippen und hielt die Fahrkarte nach Coney Island fest in der Hand. Sie sah den Möwen zu, wie sie durch die Luft segelten, und fragte sich, ob sie wohl bis hinauf zu den Wolkenkratzern fliegen konnten. Was sie dort oben sahen? Und was sie von dem Menschenzoo unter ihnen halten mochten?

Eine Woche später saß sie, auf dem Weg zum Bordell in der 25th Street, zwischen der 6th und der 7th Avenue, mit Sal im Auto.

»Warst du schon einmal auf Coney Island?«, fragte sie.

»Ja.« Mehr sagte er nicht, wie üblich.

Cetta schaute eine Weile nach draußen. Immer wieder war sie erstaunt, wie sich das Stadtbild urplötzlich veränderte, als gäbe es da eine unsichtbare Grenze. Die erdrückenden, von Bettlern bevölkerten Straßen, die kleinen Läden mit ihren zerschlissenen, ausgebleichten Markisen und den staubigen Schaufenstern, der Matsch auf der Fahrbahn – all das verschwand mit einem Mal, und ringsum war es plötzlich heller. Die Passanten trugen graue Anzüge und weiße Hemden mit gestärktem Kragen, Krawatten, Hüte, die nicht ausgebeult waren; sie rauchten Pfeife oder längere Zigarren und hasteten, – eine doppelt gefaltete Zeitung in Händen, über die Gehwege. Die Pferdekarren hatten den Automobilen das Feld geräumt. An den Schaufenstern der Läden haftete kein Staub mehr, die Markisen zeigten sich in bunten Farben, gestreift und mit leuchtenden Aufschriften. Cetta hätte nicht zu sagen vermocht, wo genau die Stadt beschloss, ihr Gesicht zu verändern. Sie wusste nur, dass auf dem Weg in Richtung Norden an einem bestimmten Punkt stets ein Schimmern ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Instinktiv wandte sie dann den Kopf und las den Schriftzug:

Fisher & Sons – Bronze Powders.

Das Licht strahlte mit einem goldenen Schimmern von einer Auswahl an Metallgegenständen zurück, die restauriert wurden. Und wenn Cetta wieder nach vorn blickte, hatte jenseits der Frontscheibe von Sals Wagen die Stadt ihr Gesicht verändert.

»Macht es Spaß?«, fragte Cetta mit einem Lächeln.

»Was?«

»Coney Island.« Ihre Finger tasteten instinktiv nach der Handtasche – der ersten Handtasche ihres Lebens, aus schwarzem Lackleder –, in der sie das Ticket für die Fähre aufbewahrte.

»Wenn man’s mag«, ertönte Sals tiefe, schroffe Stimme.

Und wieder senkte sich Schweigen über sie herab. Cetta sah hinauf zu den Gleisen der Hochbahn. Für einen Moment übertönte das Zuggeratter das Motorengeräusch des Wagens, und die jungen Zeitungsschreier, die die Schlagzeilen der Titelseiten ausriefen, verstummten.

»Sal, du bist so langweilig wie ein Toter!«, rief Cetta unvermittelt und umklammerte den Griff ihrer Handtasche, ohne den Blick von der Straße abzuwenden.

Mit quietschenden Reifen stoppte der Wagen abrupt mitten auf der Fahrbahn. Cetta schlug mit dem Gesicht gegen die Scheibe. Das Auto hinter ihnen hupte wie wild. Als der Fahrer an ihnen vorbeifuhr, brüllte er etwas zu ihnen herüber.

Sal hatte sich Cetta zugewandt und hielt ihr einen mächtigen schwarzen Finger unter die Nase. »Vergleich mich nie wieder mit einem Toten«, warnte er sie. »Das bringt Unglück.« Damit fuhr er weiter.

Cetta spürte, wie ihr die Tränen kamen, ohne dass sie es sich erklären konnte. Um sie zurückzuhalten, biss sie sich auf die Lippen. Als sie vor dem Bordell hielten, stieg sie eilig, ohne sich von Sal zu verabschieden, aus und hatte auch kein Ohr für die fröhlichen Klänge aus der nahe gelegenen 28th Street zwischen Broadway und 6th Avenue, wo Dutzende von Pianisten die angesagtesten Stücke spielten.

»Hey, du«, rief Sal ihr durch die offene Wagentür nach.

Cetta, die schon einen Fuß auf der Treppe hatte, drehte sich um.

»Komm her«, sagte Sal.

Mit verkniffenem Mund ging Cetta widerwillig zurück. Ma’am – wie sie und die anderen Prostituierten die Bordellbetreiberin nannten – hatte ihr geraten, Sal niemals den Gehorsam zu verweigern, egal, was passierte.

»Du bist sechzehn, richtig?«, fragte er sie.

»Ich bin einundzwanzig, aber ich sehe jünger aus«, sagte Cetta unwillkürlich, was man sie gelehrt hatte zu sagen für den Fall, dass plötzlich einmal die Polizei auftauchte. Sie nahm an, Sal unterzöge sie einem Test.

»Wir sind hier unter uns«, gab er zurück.

»Okay, ich bin sechzehn«, gestand Cetta trotzig.

Lange sah Sal sie nachdenklich an. »Ich hole dich morgen früh um elf ab. Sieh zu, dass du dann fertig bist! Und lass die Rotznase bei Tonia und Vito«, fügte er noch hinzu, bevor er die Wagentür zuzog.

Cetta drehte sich um und ging ins Haus.

Sal blickte ihr nach und dachte: Sie ist noch ein Kind. Dann legte er den Gang ein und fuhr zu Moe’s, dem Diner, in dessen Hinterzimmer er die meiste Zeit des Tages verbrachte und sich mit anderen finsteren Gestalten seines Kalibers darüber austauschte, was in der Stadt vor sich ging, wer tot und wer lebendig war, wer aufstieg und wer unterging, wer noch als Freund galt und wer von heute auf morgen zum Feind erklärt worden war.

Cetta betrat derweil in ihren schlichten Mädchenkleidern das Bordell, ging in die Schneiderei, schlüpfte aus ihren Sachen und zog das Mieder an, das ihren Busen anhob und dabei die dunklen Brustwarzen unbedeckt ließ, die Strumpfbänder, die grünen Strümpfe, die ihr so gefielen, und zuletzt ihr Lieblingskleid, das dunkelblaue mit den goldfarbenen Pailletten, die zufällig über den Stoff verstreut waren und funkelten wie die Sterne am Nachthimmel. Es war wie das Gewand der Muttergottes bei der Dorfprozession. Als Cetta in die hochhackigen Schuhe stieg, in denen sie viel größer wirkte, spürte sie im linken Bein ein Kribbeln. Instinktiv nahm sie eine krumme Haltung ein und zog die Schulter, die ihre Mutter ihr damals festgebunden hatte, nach unten. Keine vier Jahre waren seither vergangen, doch kam es Cetta vor wie ein ganzes Leben.

Sie schlug sich mit der Faust auf das Bein.

»Was machst du denn da?«, fragte die Dicke, die sich um die Garderobe der Prostituierten kümmerte.

Cetta gab keine Antwort, sie sah die andere nicht einmal an. Die Schneiderin – wie sie im Bordell genannt wurde – war jemand, mit dem man sich besser nicht einließ. Keines der Mädchen vertraute ihr auch nur das Geringste an. Sie war eine Frau, die von Gift verseucht war und Gift verspritzte. Eine, der man besser aus dem Weg ging. Cetta rührte sich nicht, bis sie spürte, wie das Kribbeln in ihrem Bein nachließ. Als sie schließlich hinausging, lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. Amerika ist wirklich ein Zauberland, dachte Cetta. Ihr Bein war so gut wie geheilt. Das Lähmungsgefühl stellte sich immer seltener ein. Und keinem fiel auf, dass sie hinkte.

Mit ihrem ersten Geld war Cetta zu einem Schuhmacher gegangen – jedoch nicht in der Lower East Side, sondern in einem Viertel, wo niemand sie kannte – und hatte den Absatz ihres linken Schuhs um eine halbe Daumenlänge anheben lassen, nur den einen. Seitdem hatte sich ihre Haltung begradigt.

Als Cetta nun den Salon betrat – den großen Raum voller Sessel und Sofas, in dem die Mädchen warteten, bis sie von einem Freier ausgewählt wurden –, war sie wie immer guter Laune. Sie begrüßte ihre Kolleginnen und setzte sich so in einen Sessel, dass ihre Beine in den grünen Strümpfen gut zur Geltung kamen.

Zwei Mädchen – Frida, eine Deutsche, groß, kräftig und blond, und Sadie, genannt die Gräfin, weil sie angeblich einer europäischen Adelsfamilie unbekannter Herkunft entstammte – lachten laut miteinander.

»Na, wie war’s mit Sal?«, fragte die Deutsche. Die Gräfin schloss die Augen und seufzte. Beide lachten wieder.

Cetta blickte schweigend von einer zur anderen.

»Du weißt nicht, was dir entgeht«, sagte die Gräfin verzückt.

»Hat er sie etwa noch nie gekostet?«, wollte die Deutsche erstaunt wissen und sah mit offenem Mund, die Hand auf der Brust, hinüber zu Cetta.

»Bei Sal vermisst du nicht ... was fehlt«, bemerkte ein anderes der Mädchen, Jennie Bla-Bla, die ihren Spitznamen der Tatsache verdankte, dass sie immer zu viel redete.

»Selbst mit einem Niggerschwanz im Mund wärst du noch fähig auszuplaudern, was du besser für dich behalten solltest, Bla-Bla«, mischte sich Ma’am ein, während sie eine rote Strähne, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte, wieder mit einer Haarnadel feststeckte. »Eines Tages wird dir diese Schwäche noch zum Verhängnis.«

Die Mädchen lachten.

»Ich wollte doch nur sagen, dass ...«, versuchte sich Jennie zu rechtfertigen. »Ach, leckt mich, ihr wisst schon!«

»Leckt mich!«, äffte die Gräfin sie nach.

Daraufhin lachten die Mädchen noch mehr.

»Pass ein bisschen besser auf, was du sagst«, bekräftigte Ma’am.

Jennies Miene verdüsterte sich. Dann prustete auch sie los.

Cetta verstand nicht, was die anderen so amüsierte. Sie bemühte sich zu lächeln. Doch ihr war bewusst, dass sie rot geworden war. Hoffentlich bemerkt es niemand, dachte sie unangenehm berührt. Die Mädchen sprachen immerzu von Sal, aber was sie sagten, blieb Cetta rätselhaft. Sie hatte versucht, ihn zu studieren und zu begreifen, warum alle so verliebt in einen hässlichen Rüpel wie ihn waren. Und wenn sie die Mädchen bat, ihr etwas zu erzählen, bekam sie nur ausweichende Antworten.

»Er muss dich kosten, danach wirst du verstehen«, sagten sie zu ihr. Mehr nicht. Doch reichte Cettas Neugier auch nicht sehr viel weiter. Sex interessierte sie nicht. Als Hure verkaufte sie Sex, das war etwas ganz anderes.

Was Cetta wirklich bedauerte, war einzig, dass sie nicht bei den anderen Mädchen schlafen konnte. In solchen Momenten, kurz vor dem Einschlafen und kurz nach dem Aufwachen, entstand eine Vertrautheit zwischen ihnen, die Cetta schmerzlich vermisste. Kurz vor dem Einschlafen und kurz nach dem Aufwachen war keine von ihnen eine Hure, dann waren sie einfach nur Mädchen, die zu Freundinnen wurden. Cetta dagegen hatte keine Freundin. Ihre einzigen Freunde waren Tonia und Vito Fraina. Aber ich habe Christmas, tröstete sich Cetta, immer wenn sie melancholisch wurde. Den anderen Mädchen kratzte stattdessen ein Arzt die Kinder mit einem Draht aus dem Leib.

Über die Männer hingegen dachte Cetta nicht weiter nach. Sie empfing sie klaglos wie etwas, was hingenommen werden musste.

»Sie ist ein kleines Mädchen«, stellte Ma’am sie gewissen Freiern vor. Und die bekamen leuchtende Augen, brachten Bonbons mit aufs Zimmer, die sie ihr anboten, wie sie es bei einer kleinen Enkeltochter getan hätten. Dann legten sie sie übers Knie, schoben ihren Rock hoch und versohlten ihr den Hintern. Sie sagten, sie sei böse gewesen und dürfe das nie wieder tun. Sie ließen sie es schwören, doch anschließend holten sie ihr Glied hervor und steckten es ihr in den bonbonsüßen Mund.

»Sie ist ein echtes Luder«, erklärte Ma’am anderen Freiern. Und die richteten nicht einmal das Wort an Cetta, während sie sie ins Zimmer zerrten. Sie zogen sie auch nicht aus, sondern befahlen ihr, ihnen das nackte Hinterteil zuzuwenden, und Cetta hörte, wie sie selbst Hand anlegten, bis sie bereit waren. Der ein oder andere benutzte Gleitcreme – die das Bordell immer auf einer Kommode bereitstellte –, doch die meisten Freier dieser Art spuckten ihr von oben zwischen die Pobacken, verteilten den Speichel mit dem Finger und drangen in sie ein.

»Sie ist ein äußerst sensibles Mädchen«, sagte Ma’am wiederum zu anderen Männern. Und die weinten, nachdem sie mit ihr geschlafen hatten, weil sie Cetta mit ihren niederen Instinkten beschmutzt hatten. Oder aber sie legten den Kopf an ihre Brust und erzählten ihr von ihren Ehefrauen, die einmal genauso gewesen waren wie sie, jung und gefügig. Oder sie wollten es im Dunkeln tun und gaben ihr Namen, mit denen Cetta nichts anfangen konnte, die diesen Männern jedoch einst, vor wer weiß wie langer Zeit, etwas bedeutet hatten.

»Sie ist deine Sklavin«, erklärte Ma’am anderen, um leise hinzuzufügen: »Aber mach sie mir nicht kaputt.« Und diese Männer fesselten Cetta ans Bett, fuhren ihr mit einem Messer an Brüsten und Schenkeln entlang, hefteten ihr Wäscheklammern an die Brustwarzen, gaben ihr Befehle und ließen sich von ihr die Schuhe lecken.

»Sie ist deine Herrin«, sagte Ma’am zu wieder anderen Freiern. Und Cetta fesselte sie ans Bett, fuhr ihnen mit einem Messer über die Brust und um die Hoden, heftete ihnen Wäscheklammern an die Brustwarzen, gab ihnen Befehle, ließ sich die Schuhe lecken und steckte ihnen die Absätze ihrer Stöckelschuhe in den Mund.

Ma’am erriet, was die Freier wollten. Und Cetta besorgte es ihnen so, wie sie es wollten. Doch bevor sie das Bordell betrat, dachte sie niemals an das, was sie erwartete. Und sie vergaß alles gleich wieder, wenn sie nach der Arbeit in Sals Auto nach Hause fuhr. So gelang es ihr, eine Distanz zwischen sich und all dem zu schaffen, was zu ihrem Beruf gehörte.

Niemals fragte sie nach dem Warum. Sie hatte die Frage nicht gestellt, als ihre Mutter sie zum Krüppel gemacht hatte. Auch nicht, als der Mann mit dem Holzbein sie vergewaltigt hatte oder der Schiffskapitän sich die Überfahrt mit Sex hatte bezahlen lassen. Das Warum interessierte Cetta nicht. Die Dinge waren so, wie sie waren. Doch eines hatte sie sich geschworen: Sie würde sich von nichts und niemandem unterkriegen lassen.

Am nächsten Tag hielt Sal pünktlich um elf Uhr den Wagen am Straßenrand und zwang dabei einen fliegenden Händler, in aller Hast seine armseligen Waren beiseitezuräumen. Cetta, die auf der Treppe wartete, schenkte dem Händler im Vorbeigehen ein Lächeln und legte ihm die Hand auf die Schulter. Dann stieg sie ins Auto. Sal gab Gas und brauste davon – mitten über den Pappkoffer mit den Schnürsenkeln, die der Händler zum Verkauf anbot.

»Wieso hast du das getan?«, fragte Cetta, während sie sich nach dem armen Kerl auf der Straße umdrehte.

»Weil du ihn angelächelt hast«, erwiderte Sal.

»Bist du etwa eifersüchtig?«

Sal sah stur auf die Straße vor sich. »Red keinen Unsinn.«

»Wieso denn dann? Ich verstehe nicht ...«

»Wenn du ihn anlächelst, nachdem ich ihn verjagt habe, ist das, als sagtest du ihm, er sei im Recht. Und du sagst es ihm vor mir. Also ist es, als sagtest du mir, ich sei im Unrecht. Und eines Tages bilden er oder irgendein anderer Idiot sich womöglich ein, sie könnten mir das direkt ins Gesicht sagen. Deshalb musste ich ihm klarmachen, dass ich hier der Chef bin.«

Einen Moment war Cetta still, doch dann brach sie in Gelächter aus. »Sal, dass du zu einem derart langen Satz fähig bist, hätte ich nie gedacht!«

Sal fuhr unbeirrt weiter. Er nahm jedoch nicht den Weg zum Bordell.

»Wohin fahren wir?«, wollte Cetta nach einer Weile wissen.

»Nach Coney Island«, antwortete Sal. Er parkte am Kai, zog zwei Fahrscheine aus der Tasche, die genauso aussahen wie der, den Cetta in ihrer Handtasche aufbewahrte, und stieg aus dem Wagen. »Beeil dich«, drängte er sie barsch. »Die Fähre wartet nicht auf dich.« Dann nahm er sie beim Arm und zog sie mit sich zum Anlegeplatz. Entschlossen bahnte er sich einen Weg durch die wartenden Fahrgäste, warf einem Matrosen, der zu protestieren gewagt hatte, einen bösen Blick zu und verfrachtete Cetta in den Bauch des eisernen Wals.

Als die Fährsirene das Signal zur Abfahrt gab, zuckte Cetta zusammen, als erwachte sie aus einem Traum. Und sie musste sich auf die Lippen beißen, um nicht in Freudentränen auszubrechen.

Doch während die Fähre vom Kai ablegte, war Cetta bereits wieder in ihre Traumwelt abgetaucht. Sie dachte an nichts, nahm kaum etwas von dem wahr, was sie umgab. An die Reling gelehnt, stand sie am Bug, starrte auf das Wasser, das sich schäumend teilte, und hielt sich ganz fest aus Angst, sie könnte sich in eine Möwe verwandeln und in die Lüfte erheben, während sie doch bleiben wollte, wo sie war, mit den Füßen auf dem vibrierenden Metall, und das erste Geschenk genießen wollte, das sie je bekommen hatte. Nicht mal an Sal konnte sie in diesem Moment denken. Sie empfand auch keine Dankbarkeit. Sie stand einfach da und lächelte, während der Wind ihr das dichte schwarze Haar zerzauste. Ganz kurz nur drehte sie sich abrupt um, als befürchtete sie, Manhattan könnte verschwunden sein. Dann blickte sie wieder nach vorn, zur ihrer Linken die Küste Brooklyns, vor ihr die offene See. Da musste sie plötzlich lachen. Und sie hoffte, dass niemand sie hörte, denn sie wollte die Freude ganz für sich allein haben.

Und dann endlich tauchte Coney Island vor ihr auf.

»Wirf«, sagte Sal zu ihr und hielt ihr einige Stoffbälle hin, mit denen sie auf eine Pyramide aus Blechdosen zielen sollte. »Steig ein«, sagte er zu ihr und schob sie zu einem der Geisterbahnwaggons. »Der Blödsinn dient nur dazu, sich im Dunkeln zu küssen«, sagte er zu ihr und führte sie von einem Zelt fort, das die Aufschrift Liebestunnel trug. »Iss«, sagte er zu ihr und reichte ihr einen riesigen Bausch Zuckerwatte. Und nach einer Stunde fragte er: »Hast du dich amüsiert?«

Cetta war wie berauscht. Die Überfahrt mit der Fähre, während der sie die ganze Zeit draußen an der Reling gestanden hatte und nicht eingesperrt in einem Frachtraum gewesen war, der Strand, der in Sicht kam, sobald das offene Meer erreicht war, die Menschenmenge auf der Strandpromenade rings um die Lokale, in denen Musikkapellen spielten, die Strandbäder, die bunten elektrischen Straßenbahnen, die Musik, die aus den ufernahen Lokalen herüberschallte, die Geschäfte, die gestreifte Bademoden verkauften, der Eingang zum Jahrmarkt. In der Hand trug sie einen Stoffbären, den Sal beim Scheibenschießen gewonnen hatte. Ihre Taschen waren vollgestopft mit Bonbons, Gummidrops, Lakritzschnüren, Lutscher, Zuckerstangen und kandierten Früchten.

»Was ist nun, hast du dich amüsiert?«, fragte Sal noch einmal.

Geistesabwesend sah Cetta ihn an, bevor sie den Blick zur Achterbahn schweifen ließ und wortlos mit dem Finger darauf zeigte.

Sal stutzte einen Moment, dann zog er sie am Arm zur Kasse, kaufte eine Fahrkarte und gab sie ihr. Auf der Fahrkarte stand geschrieben: Die größte Achterbahn der Welt. Die Menschen in den Waggons kreischten.

»Alleine habe ich Angst«, sagte Cetta.

Sal sah hinauf zur Achterbahn. Wütend trat er gegen eine Straßenlaterne, drehte sich um, kehrte zurück zur Kasse, drängte ein Pärchen zur Seite und kaufte eine zweite Fahrkarte. Dann setzte er sich neben Cetta in den Waggon.

Cetta lächelte, während sie hinauffuhren. Als sie jedoch kurz vor dem ersten Abgrund angelangt waren, bereute sie es bitter, eingestiegen zu sein. Sie riss die Augen auf, spürte, wie ihr der Atem stockte, klammerte sich an Sals Arm und schrie aus vollem Hals. Sal hingegen blieb völlig regungslos. Keinen Laut gab er von sich. Er hielt nur seinen Hut fest, damit er nicht davonflog.

Als die Fahrt vorbei war, sagte Sal zu ihr: »Dummes Ding, deinetwegen bin ich jetzt taub.«

Cetta fand, dass er reichlich blass aussah.

»Gehen wir«, meinte Sal und sprach danach kein Wort mehr mit ihr.

Selbst als er sie während der Rückfahrt auf der Fähre frösteln sah, schwieg er und legte ihr auch nicht schützend seine Jacke um die Schultern. Als sie wieder im Auto saßen, ließ Sal Manhattan hinter sich, überquerte den East River, fuhr nach Brooklyn hinein und brachte sie in eine von kümmerlichen Bäumen gesäumte Straße in Bensonhurst. Die Häuser hier waren nur zwei oder drei Stockwerke hoch. Alles war anders als in der Lower East Side. Bensonhurst sah aus wie ein Dorf. Sal ließ Cetta aussteigen und führte sie am Arm in eines der Häuser. Sie stiegen hinauf in den zweiten Stock.

»Hier wohne ich«, sagte er und schloss eine Tür auf.

In der Wohnung bugsierte er sie auf ein braunes Sofa, legte seine Jacke und das Pistolenholster ab und krempelte die Ärmel hoch. »Zieh dein Höschen aus«, forderte er sie auf.

Cetta streifte ihren Schlüpfer ab und ließ ihn auf den Boden fallen. Daraufhin streckte sie die Hand nach Sals Glied aus, das sich unter seiner Hose abzeichnete, und streichelte es.

»Nein«, sagte Sal. Er kniete sich vor sie, spreizte ihre Beine und schob ihren Rock hoch. Dann vergrub er das Gesicht in den dunklen Härchen. Er schnupperte. »Gewürze«, sagte er, ohne den Kopf zu heben, und seine dumpf vibrierende Stimme rief ein seltsames Kitzeln bei Cetta hervor. »Rosmarin ... und Pfeffer ...«, fuhr er leise fort und ließ dabei seine von Faustschlägen eingedrückte Nase kreisen.

Cetta stellte fest, dass sie den Wunsch verspürte, die Augen zu schließen.

»Feuchte Wildnis ... von der Sonne gewärmt ... aber nicht getrocknet ...«

Cetta schloss nie die Augen, wenn sie mit einem Freier schlief. Nicht einmal, wenn sie es im Dunkeln tat und niemand sie beobachten konnte. Warum das so war, wusste sie nicht. Ihr war einfach nicht danach, die Augen zu schließen.

»Ja ... Rosmarin und wilder Pfeffer ...«, murmelte Sal, während er mit der Nase durch die Härchen strich.

Nun jedoch konnte Cetta die Augen nicht mehr offen halten. Und Sals tiefe, warme Stimme hallte vibrierend zwischen ihren Beinen wider, und die Vibration strahlte bis in ihren Leib aus, der sich zusammenzog.

»Wilde Sträucher ...« Sal tauchte seine Nase tiefer in die dunklen Härchen, bis sie das Fleisch berührte. »In feuchter Erde ...«

Cetta schloss die Augen noch fester und öffnete den Mund. Sie hielt den Atem an.

»Und in der Erde ...«

Cetta fühlte, wie die Nase sich wieder nach oben schob und vom Fleisch löste, das feucht wurde, so wie Sals Stimme es beschrieb.

»... in der Erde der Honig ...«

Cetta fühlte Sals Zunge, die langsam in sie eindrang, als wollte sie nach dem Honig forschen, der durch ihren Bauch zu fließen und sich einen Weg nach draußen zu suchen schien.

»Kastanienhonig ...«, sprach Sal weiter in ihren Körper hinein und brachte ihn zum Beben. »Herb und bitter ... und doch süß ...«

Cetta atmete schwer. Ihr Mund öffnete und schloss sich im Takt der glühenden Hitzewellen, die durch ihren Bauch strömten. Sie lag nun mit ausgebreiteten Armen da, während sie Sals Stimme lauschte – und ihr nachspürte –, die tief in ihrem Inneren vibrierte.

»Und im Honig ...«, Sals Zunge schob sich zwischen das Fleisch und bewegte sich langsam nach oben, »ein zarter Keim ... weich ... zuckersüß ... Marzipan ...«

»Nein ...«, hauchte Cetta. Und sie wusste nicht, warum sie gerade jetzt das Wort aussprach, das sie bei keiner ihrer Vergewaltigungen herausgebracht hatte. »Nein ...«, wiederholte sie noch leiser, damit Sal es nicht hörte. »Nein ...«, sagte sie abermals, ergriffen von einer Qual, die neu für sie war, die nicht wehtat, die nichts zerriss, sondern nur ein Gefühl wie Melasse in ihr hervorrief, die, klebrig und zähflüssig, aus ihr hervorquoll.

»Ein heller Keim ...«, fuhr Sal fort und rollte dabei seine Zungenspitze ein und wieder aus, so als wollte er Cetta etwas zeigen, von dem sie nicht gewusst hatte, dass sie es besaß und zu fühlen fähig war, »... ein heller Keim in einer dunklen Schale ... wie eine Auster, wie die Perle einer Auster ...« Sal gab einen tiefen, zufriedenen Laut von sich, bevor er seine Zunge noch tiefer zwischen Cettas Beinen vergrub und den Rhythmus seiner Küsse beschleunigte. »Ja ... so ist es gut ... so ist es gut ...«

Cetta hatte die Arme fest um Sals großen, kräftigen Kopf geschlungen, fuhr mit den Fingern durch das mit Pomade frisierte Haar und drückte ihn so heftig an sich, dass er beinahe erstickt wäre.

»Das ist gut ... jetzt schmecke ich es. Das Salz ... das Salz im Honig ... komm, komm, Kleines ...«

Cetta riss die Augen auf, als sie spürte, wie das Salz, wie Sal es nannte, mit Macht aus ihr herausströmte und ihr den Bauch zusammenzog und den Atem raubte. Und während sie stöhnte, war ihr klar, dass sie diese Qual des Fleisches nur mit einem Schrei würde lindern können.

»Sal!«, schrie sie überwältigt.

Da hob er den Kopf, sah sie an und lächelte.

Cetta fiel auf, dass seine Zähne strahlend weiß waren. Gerade. Perfekt. Sie standen in seltsamem Widerspruch zu seinem hässlichen Gesicht. Voller Dankbarkeit und noch ganz benommen von dem dunklen Rausch, in den Sals breite Zunge sie zu versetzen gewusst hatte, machte sie sich hastig daran, die Knöpfe seiner Hose zu öffnen.

Sal schob ihre Hände von sich. »Nein, habe ich gesagt«, erklärte er mit seiner tiefen, harschen Stimme.

Cettas Blick hing an seinen Lippen, die von dem Genuss glänzten, den er ihr bereitet hatte. Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück, schob ihren Rock hoch, spreizte die Beine und sagte: »Sprich noch einmal zu mir, Sal.«

11

Manhattan, 1910–1911

»Sind wir jetzt verlobt?«, fragte Cetta freudestrahlend.

Ihr gegenüber auf dem Bett, einen zu großen Herrenhut auf dem Kopf, der sein Gesicht zum größten Teil verdeckte, saß der kleine Christmas.

»Sicher, Kleines«, sagte Cetta und sprach jetzt ganz tief, damit es ein wenig nach Sal klang, der in ihrem Spiel von Christmas dargestellt wurde. »Und von nun an wirst du nicht mehr als Hure arbeiten. Ich will dich ganz für mich allein.«

»Wirklich?«, fragte Cetta mit ihrer eigenen Stimme.

»Darauf kannst du deinen Arsch verwetten«, antwortete sie sich selbst in der tiefsten Tonlage, zu der sie fähig war, und wedelte mit Christmas’ Händchen, die sie mit Ruß eingerieben hatte, damit sie so schwarz waren wie Sals Hände.

Christmas verzog den Mund und begann genau in dem Moment zu weinen, als Tonia und Vito zur Tür hereinkamen. Hastig zog Cetta Christmas den Hut vom Kopf und nahm den Jungen schmusend auf den Arm.

»Was ist mit seinen Händen passiert?«, fragte Tonia.

»Nichts«, erwiderte Cetta lächelnd. »Er hat in die Asche gefasst.«

»Ach, da ist ja mein Hut«, rief Vito aus. »Den hatte ich heute Morgen vergeblich gesucht.«

»Er war unter das Bett gerutscht«, schwindelte Cetta.

»Draußen ist es scheißkalt«, sagte Vito und setzte den Hut auf.

»Red nicht so vor dem Kind. Was ist das für eine Ausdrucksweise!«, schimpfte Tonia. »Gib mir den Kleinen«, sagte sie daraufhin zu Cetta. Sie nahm Christmas auf den Arm, setzte sich an den Tisch, tauchte seine schmutzigen Hände in die Waschschüssel und rieb sie ab. »Wie hässlich du aussiehst, Junge, genau wie Onkel Sal.«

Cetta grinste und wurde rot. Auch wenn es nur ein Spiel gewesen war, gefiel ihr der Gedanke.

»Mach dich fertig, Cetta, Sal holt dich gleich ab«, drängte Tonia, während sie Christmas, der nun zufrieden lachte, die Hände abtrocknete. Dann sah sie zu ihrem Mann hinüber, der sich auf dem Bett ausgestreckt hatte. »Und du, zieh den Hut aus.«

»Mir ist kalt.«

»Ein Hut auf dem Bett ruft den Tod herbei«, mahnte Tonia.

»Ich habe ihn doch auf dem Kopf.«

»Und dein Kopf liegt auf dem Bett. Zieh ihn aus.«

Der Alte brummte etwas Unverständliches. Er stand auf und ging zum Tisch, setzte sich seiner Frau gegenüber, und mit einer trotzigen Geste presste er den Hut noch fester auf seinen Kopf.

Cetta, die sich währenddessen umzog, musste lachen.

Christmas blickte zu seiner Mutter und lachte ebenfalls, bevor er sich Vito zuwandte und versuchte, ihm den Hut vom Kopf zu ziehen. »Opa«, sagte er.

Vito schoss die Röte ins Gesicht. Die Augen des alten Mannes füllten sich mit Tränen. »Gib ihn mir mal, Tonia«, bat er. Er nahm Christmas entgegen, setzte ihn auf seine Beine und drückte ihn gerührt an sich.

Draußen hupte ungeduldig ein Auto.

»Das ist Sal«, sagte Cetta.

Doch die beiden Alten hörten nicht hin. Tonia hatte die Hand quer über den Tisch ausgestreckt und hielt nun die ihres Mannes. Und mit der jeweils freien Hand streichelten beide Christmas über das feine, helle Haar.

Sal hupte gerade erneut, als Cetta aus dem Haus gelaufen kam. Sie stieg in den Wagen. »Entschuldige«, sagte sie.

Sal fuhr los. Auch in den Straßen des Elendsghettos bereiteten sich die Leute auf das bevorstehende Weihnachtsfest vor. Die fliegenden Händler boten andere Waren feil, die Ladenbesitzer hatten alten Weihnachtsschmuck aus der Mottenkiste hervorgeholt und die Schaufenster damit geschmückt, mit Leim beschmierte Jungen klebten Plakate, die Tanzbälle zu günstigen Eintrittspreisen ankündigten.

Den Blick unbeirrt geradeaus gerichtet, legte Cetta ihre Hand auf Sals Bein, der ohne jede Reaktion weiterfuhr. Cetta lächelte. Dann zog sie die Hand zurück und legte sie stattdessen auf Sals Arm. Schließlich lehnte sie den Kopf an seine Schulter. So blieb sie eine Weile sitzen. Als sie sich dem Bordell näherten, richtete sie sich wieder auf.

Nachdem sie angehalten hatten, stieg Cetta nicht gleich aus, sondern wandte sich Sal zu. Doch er wies ihr den Rücken, er hatte die Fahrertür geöffnet und stieg gerade aus dem Wagen. Sie folgte ihm die Treppe hinauf ins Bordell.

Die Mädchen sahen sie hereinkommen. Sal begrüßte sie nicht, er nahm Cetta am Arm und zog sie in ein Zimmer. Dort stieß er sie aufs Bett, schob ihren Rock hoch, streifte ihr das Höschen herunter und beugte sich zwischen ihre Beine.

Es ging schnell, wortlos, ohne jedes Vorspiel. Eine Lust, die unangekündigt kam und Cetta den Atem raubte. Intensiv, fast brutal. Während Cetta noch stöhnte, war Sal bereits wieder aufgestanden, hob ihr Höschen auf und warf es ihr zu.

»Ruf mir die Gräfin her«, sagte er. »Ich habe Lust auf einen anderen Geschmack.«

Verstört sah Cetta ihn an. Sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. In ihrem Bauch hallten noch die lustvollen Kontraktionen nach. Sie presste die Beine zusammen.

»Komm nicht auf dumme Gedanken. Da ist nichts zwischen uns beiden«, sagte er, während er die Tür öffnete und Cetta mit einer Kopfbewegung aufforderte zu gehen. »Ich mache es mit jeder von euch.«

Gedemütigt, den Schlüpfer noch in der Hand, stand Cetta mühsam vom Bett auf und trat auf den Flur hinaus.

»Vergiss nicht, die Gräfin zu rufen«, erinnerte Sal sie, bevor er die Tür schloss.

Cetta war noch feucht, als sie mit dem ersten Freier schlief. Doch bald war alles wieder wie immer.

»Ich finde den Weg zum Bordell allein«, sagte Cetta, als sie spät in der Nacht nach Hause fuhren.

»Nein«, erwiderte Sal.

Von dem Tag an fasste er sie nicht mehr an. Er holte sie ab und brachte sie nach Hause, wie zuvor. Aber er kostete sie nicht mehr. Und Cetta streckte weder im Auto die Hand nach ihm aus, noch lehnte sie den Kopf an seine Schulter oder rieb Christmas’ Hände mit Ruß ein, um zu spielen, Sal und sie wären verlobt. Und als ihr eines Tages wieder einfiel, dass sie seinerzeit eine Fahrkarte nach Coney Island gekauft hatte, die sie noch in ihrer Lackhandtasche aufbewahrte, warf sie sie ins Herdfeuer.

Zwei Tage vor Weihnachten erstand sie bei einem fliegenden Händler eine Kette aus unechten Korallen für Tonia und eine Wollmütze für Vito. Danach ging sie zu einem Kindergeschäft in der 57th Street, Ecke Park Avenue, und stand lange vor dem Schaufenster. Alles, was es hier zu kaufen gab, war unannehmbar teuer. Es war ein Laden für Reiche. Sie sah elegante Frauen, mit großen Paketen beladen, das Geschäft wieder verlassen. Da entdeckte sie unter einer Wiege, deren Preis so hoch war wie die Jahresmiete für eine Wohnung in der Lower East Side, ein Paar Söckchen in den Farben der amerikanischen Flagge, mit Sternen und Streifen. Nachdem sie in ihrer Handtasche nachgeschaut hatte, ob sie genügend Geld dabeihatte, betrat Cetta das Geschäft für Reiche. Es duftete herrlich.

»Bedaure, wir sind vollzählig«, sagte ein Mann um die fünfzig. Er trug einen dunklen Anzug und eine dicke Goldkette quer über der Weste.

»Wie bitte?«

»Wir brauchen keine Verkäuferinnen«, erklärte der Mann und strich dabei seinen Schnurrbart glatt.

Cetta errötete und wandte sich zum Gehen, doch dann hielt sie inne. »Ich wollte ein Geschenk kaufen«, sagte sie und drehte sich um. »Ich bin eine Kundin.«

Der Mann musterte sie mit hochgezogener Augenbraue. Herablassend winkte er schließlich einen Verkäufer herbei und zog sich ohne ein weiteres Wort zurück.

Als der Angestellte ihr die Söckchen zeigte, betastete Cetta sie lange. Nie zuvor hatte sie etwas so Weiches gefühlt. »Packen Sie sie hübsch ein«, sagte sie. »Mit einer großen Schleife.« Stolz holte sie das Geld hervor. Als sie schließlich den Ladenbesitzer entdeckte, der gerade einer eleganten Dame unterwürfig eine von Hand bestickte Decke zeigte, ging sie zu ihm hinüber.

Der Mann und die Kundin bemerkten ihre Anwesenheit und wandten ihr den Blick zu.

»Ich habe bereits eine Arbeit«, verkündete Cetta höflich lächelnd. »Ich bin Nutte.« Daraufhin verließ sie mit dem Päckchen in der Hand das Geschäft.

Als sie zu Hause ankam, war Tonia in heller Aufregung. »Wir hatten immer nur drei Stühle«, erzählte die alte Frau. »Aber in diesem Jahr sind wir zu viert.«

»In diesem Jahr?«, fragte Cetta, die nicht begriff.

»Sal verbringt jedes Jahr den Heiligabend bei uns«, mischte sich Vito ein. »Deshalb haben wir drei Stühle. Zwei für uns und einen für Sal, wenn er Weihnachten hier ist.«

»Und Signora Santacroce kann uns keinen Stuhl leihen«, schloss Tonia.

»Ich kümmere mich darum«, versprach Cetta. »Macht euch keine Sorgen.« Sie versteckte die amerikanischen Söckchen zusammen mit den anderen Geschenken unter der Matratze und verließ das Haus.

Während Cetta durch die Straßen des Viertels bummelte, versuchte sie zu verstehen, weshalb die beiden Alten so aufgeregt waren. Doch der Gedanke beschäftige sie nicht lange, denn mit einem Mal überkam die Aufregung auch sie. Die Aussicht auf ein Abendessen mit Sal ließ ihre Beine zittern. Und sie hatte kein Geschenk für ihn! Ob er ihr wohl etwas schenkte? Für einen Moment stellte Cetta sich genüsslich vor, wie Sal ihr in seiner schroffen Art eine Lederschatulle überreichte, in der sich ein Verlobungsring verbarg. Dann beschloss sie, diesen dummen Gedanken zu verwerfen. Sie sah in ihre Geldbörse. Ein bisschen Geld war ihr noch geblieben. Eigentlich hätte sie es gern gespart, doch plötzlich stand sie vor einem Trödelladen und entdeckte im Schaufenster einen hässlichen Stuhl mit Armstützen und einer hohen, thronartigen Rückenlehne. Als sie sich vorstellte, wie Sal darauf saß, musste sie lachen. Da haben wir dein Geschenk, dachte sie fröhlich und betrat den kleinen Laden.

Sie verhandelte zäh und erstand schließlich für einen Dollar fünfzig den Königsstuhl, zwei – am Fuß gesprungene – Glasleuchter samt Kerzen und eine gebrauchte ...

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