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Der Journalist

Die Erinnerungen
nagen an meiner Seele.

Hansjürgen Wölfinger

Dieses Buch ist allen bekannten
und unbekannten Opfern körperlicher
und sexueller Gewalt gewidmet.

1

Eigentlich wollte ich nur die Beerdigung meiner Tante regeln, um anschließend zurückzukehren. Doch jetzt sind schon drei Wochen vergangen. Die Beerdigung machte mir noch lange zu schaffen. Dann blieb die Frage noch offen, was mache ich mit dem Haus. Sollte ich es behalten oder verkaufen. Jetzt wohnte ich erst einmal in meinem alten Zimmer und überlegte mir, was ich wohl machen sollte. Jetzt ist es schon Oktober und ich komme nicht aus der Gedankenmühle heraus und auch nicht so richtig in Fahrt.

Im Augenblick fühle ich mich als den traurigsten und ärmsten Menschen auf der ganzen weiten Welt. Niemandem ist etwas Schlimmeres widerfahren als mir. Warum ist das Schicksal so ungerecht zu mir. Ich fühle mich als das Opfer, welches die Arschkarte gerade gezogen hat. Solche Gedanken wären mir nie in den Sinn gekommen, wenn mich das Schicksal nicht so hart getroffen hätte. Ich jammerte aber auf höchstem Niveau.

Das Jammern bezog sich nur auf meine psychische Verfassung. Für mein wirtschaftliches Wohl hatte meine Tante gesorgt, indem sie mir alles vererbt hat, was sie besaß, das Haus und eine Menge Geld. Was nutzt mir das ganze Materielle, meine Tante wäre mir lieber.

Ich kann mir die Sätze ausdenken, sie sind immer verkehrt.

Heute Morgen las ich in der Zeitung folgenden Satz „Selbstmitleid ist eine Ohrfeige für die, denen es wirklich schlechter geht.“ Dieser Satz hatte mich wachgerüttelt und ich wiederholte diesen immer und immer wieder. Mein Leben muss weitergehen. Also stand ich von meinem Sofa auf und ging in den Garten. Die frische Luft tat mir gut. Ich sog sie tief ein, bis meine Lungen voll waren. Langsam atmete ich aus, um meinen Körper zu spüren.

Jetzt fühlte ich mich besser. Meine Gedanken flogen nach Brooklyn. Zu Sina. Wie gerne würde ich jetzt mit ihr reden. Einfach nur reden und mich bei ihr anlehnen. Sie fehlt mir so sehr. In dieser Situation merkte ich, wie sehr ich sie liebte.

Zurück im Haus ging ich ins Badezimmer und sah im Spiegel einen Mann, unrasiert und ungepflegt in Sportshorts und einem Sportshirt, bedruckt mit Aufschrift Brooklyn. Ich erschrak und fragte mich, ob ich das wirklich war. Ich war es tatsächlich. Wie lange hatte ich mich wohl in diesem bedauernswerten Zustand befunden? Diese Frage konnte ich so ad hoc nicht beantworten. Egal, jetzt musste erst einmal der Rasierapparat her und nahm ausgiebig eine heiße Dusche.

Wohlgelaunt mit einem Schuss Frohsinn begab ich mich in die Küche, und bereitete mir einen starken Kaffee. Dazu aß ich ein Brot mit Käse.

Meine gute Laune musste ich mit jemandem teilen. Also griff ich zum Telefon und rief Sina an.

»Hallo.«

«Hallo Sina, wie geht es dir?»

»Hallo mein Schatz. Es ist schön, deine Stimme zu hören. Ich vermisse dich so sehr.«

»Ich vermisse dich auch. Ist alles in Ordnung bei euch?«

»Ja, alles prima. Dad geht es schon etwas besser, aber er ist immer noch sehr traurig. Was auch verständlich ist. Wie geht es dir und was machst du so?«

»Du klingst so müde.«

»Weißt du eigentlich, wieviel Uhr es bei uns ist?«

»Oh, entschuldige Liebling. Ich hatte es ganz vergessen. Es dürfte so vier Uhr sein richtig?«

»Genau. Aber erzähle weiter.«

»Ich habe meine Tante beerdigt und jetzt weiß ich noch nicht was ich mit dem Haus machen soll.

Soll ich es verkaufen oder soll ich es doch lieber behalten. Was meinst du?«

»Ich würde es behalten. Das ist Kapital. Du kannst ja, wenn du willst, einen Teil vermieten.«

»Du hast recht. Ich werde es so machen, wie du gesagt hast. Die Grundstückspreise in München sind enorm.«

»Das auch noch. Wie lange bleibst du in München?«

»Ich bin am Freitag zum ehemaligen Hausarzt meiner Tante eingeladen. Er möchte mir aus seiner Jugendzeit erzählen. Er versprach mir, dass es sehr spannend werden wird.«

»Wieder eine Erzählung aus der Kindheit. Hoffentlich diesmal mit einem anderen Ausgang.«

»Aus seiner Jugendzeit sagte er. Ich lasse mich überraschen. Sobald ich mehr weiß, werde ich mich wieder melden.«

»Bitte tue das. Es ist so langweilig ohne dich. Ich vermisse dich.«

»Ich komme, so schnell ich kann. Wenn ich alles erledigt habe, komme ich wieder zu dir. Ich vermisse dich ebenso. Ich kann es kaum erwarten, wieder bei dir zu sein.«

»Ja, mache schnell.«

»Wie sieht’s bei unseren Freunden aus? Hat sich jemand gemeldet?«

»Ja, alle haben nach dir gefragt. Wie es dir geht und wann du endlich wieder kommst.«

»Sei so lieb und richte bitte jedem einen schönen Gruß aus und sage ihnen bitte, was wir besprochen haben.«

»Klar, mein Liebster. Machs gut und melde dich wieder.«

»Ja, bis bald. Meine besten Grüße an Aileen und Eugen. Auch an unsere Freunde. Ich liebe dich. Bitte vergiss das nicht.«

»Nein, das vergesse ich bestimmt nicht. Vergiss du es auch nicht. Bye mein Liebling.«

»Bye.«

Eine Weile hielt ich das Telefon noch in der Hand, um es dann langsam und mit Wehmut auf den Wohnzimmertisch abzulegen.

Das Gespräch mit Sina tat meiner Seele gut, aber jetzt ging es mir wieder schlechter. Ich weiß, das klingt widersprüchlich, aber es ist halt mal so. Sie fehlt mir so sehr.

Man merkt erst, wie sehr man jemanden liebt, wenn man von ihm getrennt ist.

Deshalb werde ich so schnell wie möglich alles hinter mich bringen.

Ich trank den Rest des mittlerweile kalten Kaffees aus und blickte versteinert an die Wand.

Endlich fand ich aus meiner Lethargie heraus und ich erinnerte mich an den Hausarzt meiner Tante. Er wollte mir aus seiner Jugendzeit erzählen.

Vielleicht würde es diesmal eine Story.

Ungeduldig kramte ich die Adresse aus meinen Unterlagen heraus und rief ihn an.

»Hallo.«

»Grüß Gott Herr Bergman, hier ist Neumann, der Neffe von Tante Erna. Sie sagten, ich solle Sie anrufen.«

»Hier ist Baumgartner. Dr. Baumgartner«

»Oh, entschuldigen Sie. Mein Gehirn assoziiert Ihren Namen immer mit dem meines ehemaligen Freundes Georg und der hieß Bergmann. Der Name ging mir einfach nicht aus dem Kopf.«

»Macht nichts. Aber natürlich, mein Angebot gilt noch immer. Wir könnten jetzt einen Termin ausmachen und dann treffen wir uns bei mir.»

»Das wäre eine feine Sache. Und wann wäre es Ihnen recht?«

»Heute ist Mittwoch, sagen wir am Freitag 13:00 Uhr. Wäre das in Ordnung?«

»Das passt mir sehr.«

»Gut, dann bis Freitag.«

»Bis Freitag. Auf Wiederhören.«

Das war knapp und bündig! Nun war ich gespannt, was er mir erzählen würde.

Jetzt pressierts, denn jetzt muss ich mich um die Hausangelegenheit kümmern. Also, verkaufen ist nicht. Vermieten ja, aber nur einen Teil davon. Ich möchte auf jeden Fall das obere Stockwerk für mich behalten. Damit das Haus nicht unbewacht und unbewohnt bleibt, muss ein Mieter her. Wie bekommt man nun auf die Schnelle einen Mieter. Wohnungsmakler. Genau, ein Makler muss diese Aufgabe übernehmen. Nach intensiver Suche im Internet war ich fündig geworden. Was wären wir ohne Internet. Nicht auszudenken.

Ich griff wieder zum Telefon und wählte die Nummer des Maklers. Nach einem langen Gespräch war alles perfekt. Er würde alles übernehmen, müsste aber noch morgen das Objekt besichtigen und den Vertrag vorbereiten.

Eine Zentnerlast fiel von meinen Schultern. Nun hatte ich auch diese Sorge los.

Jetzt überkam mich große Lust, spazieren zu gehen. Ich zog mich an und machte mich auf den Weg zur U-Bahn. Mit der U2 fuhr ich zum Olympiapark. Dort angekommen bestieg ich zuerst den Olympiaberg. Wie lange war ich hier nicht mehr gewesen. Wenn man lange nicht mehr an einem lieben Ort war, merkt man erst, wie sehr man alles vermisst hat.

Nach meinen wehmütigen Gedanken sah ich mir das wunderschöne Gelände noch intensiver und die vielen Leute näher an, um anschließend auf dem Olympiaturm einen Kaffee in 190 Meter Höhe zu genießen. So langsam ging dieser Tag zu Ende und ich beschloss, mich gemütlich auf den Heimweg zu machen.

Wieder zuhause angekommen hatte ich doch wieder ein gutes Gefühl und war auch nicht mehr so niedergeschlagen wie am Morgen.

Ich ging bald zu Bett und schlief fest bis zum frühen Morgen, als mich Vögel mit ihrem Gesang aufweckten.

Ich erinnerte mich an meinen Traum, den ich mit Sina in Brooklyn verbrachte. Gut gelaunt stand ich auf und machte mich für den Besuch des Maklers fertig.

Es war wieder ein schöner Tag und ich hätte Bäume ausreißen können, so voller Tatendrang war ich heute. Zu frühstücken hatte ich keine Lust und ich verspürte auch keinen Hunger, also trank ich nur eine Tasse Kaffee. Das sollte fürs Erste reichen.

Gegen neun Uhr kam der Makler. Er besichtigte das Haus und wir besprachen den Vertrag.

»Wenn Sie mit den Modalitäten einverstanden sind, könnten Sie unterzeichnen.«

»Ich denke, es ist alles in Ordnung. Falls ich noch Fragen haben sollte, darf ich Sie dann nochmals kontaktieren?«

»Selbstverständlich, gerne.«

Der Vertrag war unterschrieben. Der Makler verabschiedete sich und ich war sehr erleichtert.

Es gab noch so viel zu tun. Was hatte meine Tante an Verpflichtungen; Zeitung, Strom und was weiß ich alles noch. Entweder ummelden oder abmelden. Ich nahm mir die Ordner aus ihrem Schrank und studierte die Inhalte der Register.

Nach einigen Stunden hatte ich alles aussortiert.

So, was fange ich nun mit dem Rest des Tages an? Mir war langweilig, sehr langweilig. Ich überlegte mir, wie ich den heutigen Tag verbringen könnte. Beinahe hätte ich es vergessen, es ist Oktoberfest.

Was gibt es da noch zu überlegen, also auf zur Wiesn.

Mit der U-Bahn fuhr ich zur Theresienwiese. Die U-Bahn war voll, fast übervoll. Grölende Menschen strapazierten meine Gehörgänge. Ich war froh, als ich an meinem Ziel angelangt war. Riesige Menschenmassen standen wie eine unüberwindbare Wand vor mir. Ich war durch New York einiges gewohnt, aber das, das war doch eine andere Liga. Zu dem riesigen Menschenwall kam noch die wahnsinnig laute Musik dazu. Musik, das war keine Musik, das war ein Gemisch aus Geplärre, Geschrei und Getröte. Mein Tinnitus lässt grüßen.

Ich kämpfte mich durch die Menschenleiber, um schnurstracks auf eine Würstchenbude zu steuern. Nach langer Wartezeit hatte ich endlich die ersehnte Wurst ergattert. Beim ersten Biss spritze das Fett auf mein Hemd, aber das war mir wurscht. Wie sie schmeckte. Das war ein Gaumenerlebnis. Solch eine Qualität bekommen die Wurstmacher in Brooklyn oder New York nicht hin. Nun fehlt zu meinem Glück nur noch ein Bier. Dies bekam ich an einem anderen Stand. Es ist überflüssig, dieses Trinkerlebnis zu schildern. Einfach genial.

Nachdem ich nun auch für mein lukullisches Wohlbefinden gesorgt hatte, schlenderte ich über die Wiesn und bestaunte das Riesenangebot der Fahrgeschäfte. Der sogenannte Skyfall oder Frisbee. Ich könnte nie mitfahren, es würde mir den Magen umdrehen. Ich schaue lieber den mutigen Menschen zu.

Ich verbrachte den ganzen Tag bis zum späten Abend auf der Wiesn. Es war ein tolles Erlebnis wieder mal in der alten Heimat zu sein und die bayerische Sprache zu hören. Langsam machte ich mich auf den Heimweg und kämpfte mich durch die noch größeren Menschenmassen.

Zu Hause angekommen sank ich erschöpft aber zufrieden auf das Sofa. Nach ein paar Minuten machte ich mich fertig, um zu Bett zu gehen. Es dauerte keinen Moment, als ich schmunzelnd einschlief.

Am nächsten Morgen wachte ich schon um sieben Uhr auf. Ich war aufgeregt, denn heute war Baumgartners Tag. Bis 13.00 Uhr blieb mir noch eine Weile Zeit. Deshalb fuhr ich mit dem Taxi zur Ikea und frühstückte ausgiebig. Früher war ich sehr gerne und oft dort. Das tolle schwedische Frühstück lockt viele Besucher an. Man kann die vielen Menschen so gut beobachten. Eltern kommen mit ihren Kindern und frühstücken sehr preiswert und viel. Kein Mensch stört sich, wenn ein Kind mal etwas lauter wird oder quengelt.

Nach dem ausgiebigen Frühstück fuhr ich wieder nach Hause und bereitete mich geistig auf die neue Story vor.

2

Gegen 12.10 Uhr machte ich mich zu Fuß auf den Weg nach Waldperlach zu Baumgartner. Nach zirka fünfundvierzig Minuten erreichte ich mein Ziel. Wie bei den Borons stand ich vor einer Villa. Umgeben von herrlichen Bäumen. Ein Paradies.

Ich klingelte und Baumgartner öffnete die Tür.

»Hallo Herr Neumann, schön, dass Sie zu mir gefunden haben.«

»Naja, Ihre sehr genaue Beschreibung war hervorragend nur mein Übermut den Weg zu Fuß gehen zu wollen, war doch nicht so gut.«

»Kommen Sie herein. Das nächste Mal sollten Sie aber ein Taxi nehmen.«

»Ich dachte mir, für diese Entfernung wäre es doch leicht übertrieben. Naja, jetzt bin ich etwas schlauer und nehme dann doch lieber eines.«

»Um Ihre Füße zu schonen, sollten Sie das auch lieber tun«, sagte Baumgartner lachend.

Ich lachte und winkte ab.

Wir gingen in das Haus und ich staunte über die Ausstattung seiner tollen Villa.

»Ich freue mich, dass Sie hier sind. Ich hatte mir nach unserem traurigen Anlass lange überlegt, ob ich unser Treffen nicht doch absagen sollte.

Gehn wir in den Garten? Dort ist es bei diesem herrlichen Tag viel angenehmer.«

»Ja gerne. Das ist eine tolle Idee.«

Wir gingen in den Garten und setzten uns in eine der Sitzgruppen.

Baumgartner räusperte sich mehrmals ziemlich laut und begann zu erzählen.

Vor einem Jahr, kurz vor meiner ersehnten und gewollten Frühpensionierung, stand ich in meinem Büro im Klinikum am Fenster und sinnierte vor mich hin.

Wie lange dauert es, bis man das eigene Leid verkraftet? Zehn Jahre, zwanzig, fünfzig oder gar hundert Jahre?

Ich weiß es nicht.

Es nagt und nagt und es hört einfach nicht auf. Der Schmerz sticht unaufhörlich in die Seele.

Es tut so weh.

Das Leben könnte so angenehm und so schön sein, wenn man nur diese verdammte Vergangenheit, all das Unangenehme vergessen könnte.

Was ist der Sinn meines Lebens?

Seit dem Tod meiner Frau Kareen vor fünfzehn Jahren stelle ich mir diese Frage jeden Tag aufs Neue. Mein Sinn des Lebens ist es doch vorrangig Menschen zu helfen aber auch zu trauern. Trotzdem stelle ich mir die Frage, ob das alles ist. Hast du nicht das Recht auf ein privates Leben? Ein neues Leben, wieder eine neue Beziehung einzugehen, sich neu zu verlieben?

Die Liebe stärkt die Seele. Meine Seele hingegen ist schwach und weint.

Baumgartner fuhr fort.

Wie ich schon sagte, ich war in der Klinik in meinem Büro und stand am Fenster.

Es blitzte und donnerte. Eine düstere schwarze Wolke, die wie eine riesige Faust aussah, kam direkt auf das Fenster zu, hinter dem ich stand und meine zirkulären Gedanken produzierten das Allerschlimmste.

Der Regen prasselte an die Scheibe und durch meinen Atem lief sie an.

Mit meinem Handballen wischte ich über die angelaufene Scheibe, dass es quietschte.

In der Ferne glitzerten die Scheinwerfer der Autos und die Lichter der Straßenlaternen leuchteten in bunten Farben in der Scheibe.

„Ist man mit sechzig alt? Oder fängt das Leben erst an?“ Diese Fragen stellte ich mir schon den ganzen Tag. Warum eigentlich? Ist man mit neunundfünfzig viel jünger? Mathematisch ja aber warum machte ich mir ausgerechnet jetzt so viele Gedanken über mein Alter. Sollte es etwa die sogenannte Midlife-Crisis sein? Sie käme reichlich spät. Wie ich schon sagte, genau auf den heutigen Tag vor fünfzehn Jahren starb meine Frau Kareen an meinem fünfundvierzigsten Geburtstag bei einem Autounfall. Sie fuhr mit ihrem Wagen von München in Richtung Rosenheim, als auf der Gegenfahrbahn ein entgegenkommendes Fahrzeug ins Schleudern geriet und frontal mit ihr zusammenstieß. Wie die Polizei mir mitteilte, lebte sie noch und rief meinen Namen. Als der Notarzt eintraf, konnte er nur noch ihren Tod feststellen. Der Verursacher des Unfalls war ebenfalls auf der Stelle tot.

Tief in meinen Gedanken verwurzelt fuhr ich erschrocken herum und sah in Richtung der Stimme, die mich in meinen Gedanken abrupt unterbrach.

»Herr Doktor Sie sind hier? Ich sah Licht …«

»Ich habe nur etwas vergessen. Gibt es was?«

»Vor zwei Stunden wurde ein Verkehrsunfall eingeliefert. Koma.«

»Habt ihr alles eingeleitet? Ist Doktor Bauer anwesend?«

»Ja, Doktor Bauer ist im Dienst und hat alles veranlasst.«

»Gut, prima. Ich gehe auch gleich wieder. Vielen Dank.«

»Schönen Abend noch Chef.«

»Ja danke, Ihnen auch.«

»Ist es eine Frau?«

»Ja«, antwortete die Assistenzärztin und blieb noch einen Augenblick in der Tür stehen, bevor sie diese endgültig hinter sich schloss.

Wie komme ich ausgerechnet auf eine Frau. Waren es die Gedanken an Kareen?

Eine innere Unruhe und ein ungewöhnlicher Zwang überkamen mich und trieben mich an, nach der Patientin zu sehen.

Ich ging zur Intensivstation, stand einen Moment vor der Tür, überlegte und trat vorsichtig ein.

Eine Frau lag auf dem Bett, verbunden mit den lebenserhaltenden Schläuchen und den Apparaten. Ich stellte mich an das Fußende des Bettes und sah in ihr Gesicht.

Ihre Augen waren mit weißen Klebestreifen geschlossen gehalten und ihr Mund mit dem Inkubator gefüllt. Viel konnte ich nicht sehen aber irgendwie war sie mir sehr vertraut. Ich war so sehr in das Hinsehen vertieft, dass ich den Gruß der Schwester überhörte. Ich trat einen kleinen Schritt zurück, um das Schild am Fußende des Bettes besser lesen zu können.

»Elisabeth Hohlmeier«, las ich leise.

»Wissen Sie Näheres über diese Frau?«, fragte ich.

»Nein, eigentlich nicht.«

»Was heißt eigentlich nicht. Was heißt das genau?«, schnarrte ich die Schwester an, die mich verdutzt ansah.

»Entschuldigen Sie, es tut mir leid«, sagte ich beschwichtigend.

»Wir wissen nur, dass sie einen Autounfall hatte. «

»Hatte sie irgendwelche Papiere dabei? «

»Ihre Tasche mit dem Ausweis liegt bei Oberschwester Katrin. Soll ich sie holen?«

»Das wäre nett.«

Regungslos und nur auf dieses Gesicht starrend, wartete ich auf die Rückkehr der Schwester.

Sie gab mir die Tasche und ich kramte den Ausweis hervor.

»Elisabeth Hohlmeier, geborene Bichlmeier«, las ich leise vor.

»Mein Gott, es ist Lili.«

»Kennen Sie diese Frau.«

»Ja, es ist eine Jugendfreundin.«

Meine Beine wurden plötzlich ganz weich. Mir wurde schwindelig und ich musste mich am Bett festhalten.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte mich die Schwester und nahm mich am Arm um mich zu dem am Bett stehenden Stuhl zu begleiten.

»Doch, doch, es geht schon wieder«, antwortete ich mit belegter Stimme.

Mir hing ein Kloß im Halse, der sich auch mit vermehrtem Räuspern nicht von der Stelle bewegen wollte.

»Ich bringe Ihnen ein Glas Wasser.«

Die Schwester brachte mir das Wasser, das ich hastig trank und so auch den Kloß mit hinunter spülte.

»Lili Bichlmeier, was ist mit dir passiert«, sagte ich mit belegter Stimme.

Ich setzte mich auf den Stuhl und atmete einmal fest durch.

»Wie ist denn der Unfall überhaupt passiert?«, fragte ich die Schwester.

»Soviel ich hörte, fuhr sie von München in Richtung Rosenheim, als ein Sportwagen ihr entgegenkam und frontal mit ihr zusammenstieß. Der Fahrer des Wagens starb noch am Unfallort. Mehr weiß ich nicht«, sagte sie.

Am heutigen Todestag meiner Frau fährt meine Jugendfreundin vermutlich die gleiche Strecke und kollidiert mit einem entgegenkommenden Wagen. Sie überlebt glücklicherweise.

Welch ein Zufall.

Ich saß noch eine ganze Weile bei Lili. Meine Gedanken glitten zurück in meine Kindheit in unser Dorf. Ich sah das blonde hübsche Mädchen, das unsere Dorfstraße herunter schlenderte. Wie wir, meine Freunde und ich ihr nachsahen. Jetzt liegt sie hier und ist im Koma.

Ich stand auf und ging zum Fenster.

Die Vergangenheit war erwacht, sie lag vor mir und ich konnte sie berühren.

Was erwartete ich von meiner Vergangenheit. Zufriedenheit? Reue? Befriedigung? Ich wusste es nicht.

»Wissen Sie«, sagte Baumgartner und drehte sich in meine Richtung.

»Der Tod ist manchmal so nah. Da gibts nur eines. Arschbacken zusammenkneifen, tief Luft holen und weiter gehts.«

»Allzu oft kann man das aber nicht machen. Denn eines Tages nutzt dir das Kneifen auch nichts mehr und zack bist du weg vom Fenster«, entgegnete ich ihm.

»Da haben sie allerdings recht.«

Baumgartner sah eine kurze Zeit abwesend in den Garten, um dann wieder in seinen weiteren Ausführungen fortzufahren.

Ich besuchte Lili noch sehr oft, aber letztendlich hatte sie es leider doch nicht mehr geschafft.

Sie starb zwei Monate später.

Seitdem träume ich fast jeden Abend von meiner Jugendzeit.

Es lässt mich einfach nicht mehr los und deshalb hoffe ich, dass es mir vielleicht wieder besser geht, wenn ich mit Ihnen die traumatischen Erlebnisse aus meiner Jugendzeit verarbeite.

»Kann ich Ihnen etwas zum Trinken anbieten?«, fragte er mich mitten in einem Satz.

»Nein danke, jetzt nicht«, antworte ich kurz.

»Wollen wir anfangen?«

Anfangen? Wie anfangen, er erzählt doch schon die ganze Zeit.

»Ja gerne«, antwortete ich höflich.

»Wo soll ich anfangen?«

»Das überlasse ich Ihnen.«

Ich kam mir vor wie ein Seelenklempner.

Routinemäßig brachte ich mein Aufnahmegerät in Position, nahm mein Schreibzeug in die Hand und nickte Baumgartner zu.

Baumgartner nickte zurück und begann.

Wir waren fünf Freunde. Ein verschworener Haufen. Lili kam erst sehr viel später dazu. Aber das zu einem späteren Zeitpunkt.

Meine Großeltern hatten einen kleinen Bauernhof, in einem Dorf, nahe Rosenheim.

Einige meiner Freunde gingen in die normale Schule oder das Gymnasium und andere hatten wie wir, einen Bauernhof. Nach der Schule mussten wir oft auf dem Hof mit anpacken. In unserem Haus wohnten noch die Eltern meines Vaters. Mein Vater war sehr früh gestorben, kurz nach meiner Geburt. Er hatte einen Schlaganfall und danach noch einen Herzinfarkt. Ich hatte ihn leider nie kennenlernen dürfen.

Wir waren alle im gleichen Alter, also zwischen vierzehn und sechzehn. Wastl war der älteste von uns Freunden. Er war auch um einiges größer und schwerer. Tobi war der zweitälteste mit fast sechzehn. Er war der Schlauste und deswegen unser Anführer. Rose war der Kleinste und leichteste von uns allen. Er war gerade mal vierzehn. Sepp war erst fünfzehn geworden aber für sein Alter ziemlich groß und schwer.

Wir trafen uns fast regelmäßig um vier Uhr, in den Ferien natürlich viel früher, an unserem Lieblingsplatz, einem alten Baum auf einem Hügel. Dort saßen wir immer bei schönem Wetter.

Da saßen wir nun, Tobi, Luki, Sepp, Rose und Wastl. Dort fielen uns die besten Streiche und Gemeinheiten ein.

Eines Tages, an einem wunderschönen herrlichen Augusttag in den Sommerferien im Sommer neunundfünfzig, trafen wir uns wie immer an unserem Baum.

»Hey Jungs«, sagte Tobi.

»Ich habe eine Idee. Wie wärs, wenn wir uns mit einer Blutsbrüderschaft für immer verbinden würden. Was sagt ihr dazu?«

»Das ist eine tolle Idee«, stimmten Luki und Sepp sofort zu.

»Und wie stellst du dir das vor?«, fragte Rose.

»Wir ritzen uns mit dem Messer ein Kreuz auf unseren Unterarm und kreuzen unsere geritzten Arme, wie die Indianer, aufeinander. Das ist alles«, erläuterte Tobi.

»Aber das tut doch weh«, sagte Rose und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse.»

»Mein Gott du Weichei, so schlimm wird es wohl nicht werden. Dir hat man den halben Pimmel abgeschnitten und du lebst immer noch«, sagte Luki.

Die Jungs lachten über Lukis Feststellung.

Das ist doch was ganz anderes«, entgegnete Rose beleidigt.

»Also, wer ist dafür?«, sagte Tobi.

Alle Jungs hoben ihre Hände.

Rose hob zwar etwas zögerlich seine Hand, aber stimmte dann letztendlich auch zu.

Tobi nahm sein Messer aus der Messertasche der Lederhose, spuckte darauf und wischte die Klinge mit seinem Taschentuch ab.

Dann nahm er das Messer, führte es außen zu seinem linken Unterarm und fing an oberhalb des Handgelenks mit der ...

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