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Der Improvisator

Erster Teil.

Meine erste Umgebung.

Wer in Rom gewesen ist, kennt die Piazza Barberini, jenen großen Platz mit der schönen Fontäne, die den Triton mit der sprudelnden Muschelschale darstellt, aus welcher das Wasser mehrere Ellen in die Höhe springt; wer nicht dagewesen ist, kennt ihn doch aus Kupferstichen; schade nur, daß sich auf diesen nicht das Eckhaus an der Via Felice befindet, das hohe Eckhaus, wo das Wasser durch drei Röhren aus der Mauer und in das steinerne Bassin hinabströmt. – Dieses Haus hat ein besonderes Interesse für mich, denn dort wurde ich geboren. Werfe ich einen Blick in meine frühste Kindheit zurück, was ist da für ein Wirrwarr bunter Erinnerungen! Ich weiß selbst nicht, wo ich beginnen soll. Betrachte ich das ganze Drama meines Lebens, ja dann weiß ich noch weniger, wie ich es darstellen soll, was ich als unwesentlich übergehen muß, und welche Punkte hinreichend sind, um das ganze Bild wiederzugeben. Was für mich interessant ist, bleibt es vielleicht nicht für einen Fremden. Wahr und natürlich will ich das große Märchen meines Lebens erzählen, aber die Eitelkeit kommt doch mit ins Spiel, die schlimme Eitelkeit: die Lust zu gefallen! Schon in meiner Kinderwelt schoß sie wie ein Unkraut auf und wuchs dann wie das biblische Senfkorn hoch gen Himmel empor und wurde ein mächtiger Baum, worin meine Leidenschaften ihr Nest bauten. Eine meiner ersten Erinnerungen weist darauf hin. Ich war wohl schon sechs Jahre alt; ich spielte drüben an der Kapuzinerkirche mit einigen andern Kindern, die alle jünger als ich waren. An die Kirchenthüre war ein kleines Messingkreuz angeschlagen; es saß ungefähr mitten auf der Thür, und ich konnte gerade mit der Hand heranreichen. So oft meine Mutter mit uns dort vorübergegangen war, hatte sie uns emporgehoben, um das heilige Zeichen zu küssen. Als wir Kinder nun miteinander spielten, fragte eines der kleinsten, weshalb doch das Jesuskind niemals käme und mitspielte. Ich war nun der Klügere und antwortete, daß er ja am Kreuze hinge. Wir gingen nun zu demselben hin und obgleich wir es leer fanden, wollten wir doch, wie es uns die Mutter gelehrt hatte, Jesus küssen. Wir konnten jedoch nicht so hoch reichen, hoben deshalb einander in die Höhe, aber während wir den Mund zum Kusse spitzten, verließen den, welcher uns trug, die Kräfte, und der Küssende fiel gerade hinab, als der Mund das unsichtbare Jesuskind berühren sollte. In diesem Augenblicke kam meine Mutter vorbei; als sie unser Spiel sah, blieb sie stehn, faltete ihre Hände und sagte: »Ihr seid ja wahre Gottesengel, und du,« fügte sie hinzu, indem sie mich küßte, »bist mein eigner Engel,«

Ich hörte sie in Gegenwart der Nachbarin wiederholen, was für ein unschuldiger Engel ich wäre, und das gefiel mir sehr; meine Unschuld nahm freilich dadurch ab. Das Samenkorn der Eitelkeit sog hier die ersten Sonnenstrahlen ein. Die Natur hatte mir ein weiches frommes Gemüt gegeben, doch die gute Mutter lenkte meine Blicke darauf, lehrte mich meine wirklichen wie eingebildeten Vorzüge kennen und dachte nicht im geringsten daran, daß es mit der Kindesunschuld wie mit dem Basilisken geht: beide müssen sterben, wenn sie sich selbst erblicken.

Der Kapuzinermönch Fra Martino war meiner Mutter Beichtvater, und ihm erzählte sie, welch frommes Kind ich wäre. Meine Gebete konnte ich auch ganz hübsch auswendig, obschon ich kein einziges derselben verstand. Er hatte mich sehr lieb und schenkte mir ein Bild mit der Madonna, welche große Thränen weinte, die wie ein Regen in die lodernden Höllenflammen hinabfielen, wo die Verdammten gierig nach dem Labetrunk haschten. Er nahm mich auch einmal mit zu sich in sein Kloster, wo die offenen Säulengänge, die in einem Quadrate den kleinen Kartoffelgarten mit den beiden Cypressen und dem Orangenbaume umschlossen, einen tiefen Eindruck auf mich machten. Seite an Seite hingen in dem offenen Gange alte Porträts der verstorbenen Mönche und auf jede Zellenthür waren Bilder aus der Märtyrergeschichte geklebt, welche ich mit demselben heiligen Gefühle wie später Raffaels und Andrea del Sartos Meisterwerke betrachtete.

»Du bist ja ein tüchtiger Junge,« sagte er, »nun sollst du die Toten sehen.« Hierauf öffnete er eine kleine Thür, die zu einer Galerie führte, welche einige Treppenstufen niedriger als der Säulengang lag. Wir stiegen hinab und nun sah ich rings um mich Totenkopf an Totenkopf, dergestalt aufeinander gestellt, daß sie Wände und dadurch mehrere Kapellen bildeten. Es befanden sich darin ordentliche Nischen, und in diesen standen ganze Skelette der hervorragendsten Mönche, in ihre braune Kutte gehüllt, mit dem Strick um den Leib und einem Gebetbuche oder einem verwelkten Blumenstrauße in der Hand, Altäre, Kronleuchter und Verzierungen waren von Schulter- und Wirbelbeinen; Basreliefs von Menschenknochen, abstoßend und geschmacklos wie die Idee des Ganzen. Ich schmiegte mich fest an den Mönch, der ein Gebet las und darauf zu mir sagte: »Hier werde auch ich einmal schlafen. Willst du mich dann besuchen?« Ich antwortete nicht eine Silbe, sah aber ihn und die ganze sonderbare schauerliche Zusammenstellung erschreckt an. Es war in der That thöricht, ein Kind wie mich zu dieser Stätte hinabzuführen; ich war von dem ganzen Eindruck seltsam ergriffen und fühlte mich erst wieder ruhig, als ich in seine kleine Zelle kam, wo die herrlichen goldgelben Orangen fast zum Fenster hineinhingen und ich das bunte Bild mit der Madonna betrachten konnte, welche von Engeln in den klaren Sonnenschein emporgehoben wurde, während Tausende von Blumen das Grab füllten, in welchem sie geruht hatte.

Dieser mein erster Besuch im Kloster beschäftigte meine Phantasie lange Zeit und steht noch jetzt merkwürdig lebendig vor mir. Der Mönch schien mir ein ganz anderes Wesen als die übrigen Menschen, die ich kannte. Der Umstand, daß er bei den Toten wohnte, die in der braunen Kutte fast wie er selbst aussahen; die vielen Geschichten, welche er von heiligen Männern und merkwürdigen Wundern zu erzählen wußte, sowie die große Ehrfurcht meiner Mutter vor seiner Heiligkeit, machte, daß ich darüber nachzudenken begann, ob ich nicht auch ein solcher Mann werden könnte.

Meine Mutter war Witwe und hatte keine anderen Mittel zum Lebensunterhalt, als die sie sich mit ihrer Nadel, und durch das Vermieten einer großen Stube, die wir früher selbst bewohnt hatten, erwarb. Wir bewohnten die Dachkammer, und ein junger Maler, Federigo, war in den Saal, wie wir die große Stube nannten, eingezogen, Er war ein lebensfroher, gewandter junger Mann, aus weiter, weiter Ferne, wo man, wie meine Mutter sagte, die Madonna und das Jesuskind nicht kannte. Er war aus Dänemark. Damals begriff ich nicht, daß es mehr als eine Sprache geben könnte, und hielt ihn deshalb, wenn er mich nicht verstehen konnte, für taub. Aus dem Grunde schrie ich die Worte so laut ich vermochte, und er lachte darüber, brachte mir oft Obst und zeichnete mir Soldaten, Pferde und Häuser. Wir wurden bald bekannt; ich hatte ihn sehr lieb und meine Mutter sagte auch oft, er wäre ein so guter Mensch. Eines Abends hörte ich indes ein Gespräch zwischen meiner Mutter und dem Mönche Fra Martino, das mir ein eigentümliches Gefühl für den jungen Künstler einflößte. Meine Mutter fragte, ob denn der Fremde wirklich für ewig zur Hölle verdammt sein sollte. »Er und viele der Fremden,« sagte sie, »sind ja doch sehr gute Leute, die nie etwas Böses thun! Sie sind freigebig gegen die Armen, sie zahlen pünktlich und ohne Abzug, ja oft will es mich bedünken, daß sie nicht solche Sünden thun, wie manche der Unsrigen!«

»Ja,« erwiderte Fra Martino, »es ist wohl wahr! Sie sind sehr häufig vortreffliche Leute; aber wissen Sie, woher das Ganze kommt? Sehen Sie: der Teufel, welcher in der Welt umhergeht, weiß, daß die Ketzer ihm nun einmal gehören, und deshalb versucht er sie nie. Deswegen können sie leicht gut sein, leicht dem Laster entgehen. Ein guter katholischer Christ ist dagegen ein Gotteskind, und der Teufel muß darum hier seine Versuchungen anwenden. Er versucht, und wir Schwache unterliegen. Aber ein Ketzer wird, wie gesagt, nie vom Fleische oder vom Teufel versucht!«

Dagegen konnte meine Mutter nichts erwidern und seufzte tief über den armen jungen Mann. Ich begann zu weinen, denn es schien mir doch eine blutige Sünde zu sein, daß er ewig brennen sollte; er, der so gut war und mir so schöne Bilder zeichnete.

Eine dritte Person, welche in meinen Kinderjahren eine große Rolle spielte, war Onkel Peppo, allgemein »böser Peppo« oder auch »der König auf der spanischen Treppe«[1] genannt, auf welcher er täglich seine Residenz hatte. Mit vertrockneten Beinen, die über Kreuz unter ihm lagen, geboren, hatte er sich seit seiner frühsten Kindheit eine wunderbare Fertigkeit, sich auf den Händen vorwärts zu schieben, angeeignet. Diese steckte er unter einen Riemen, der ein loses Brettchen hielt, und vermittels dieses Instrumentes konnte er fast ebenso schnell vorwärts kommen, wie jeder andre auf gesunden starken Beinen. Täglich saß er, wie gesagt, auf der spanischen Treppe, bettelte zwar nie, rief aber allen Vorübergehenden mit gleißnerischem Grinsen »bon giorno!« zu, selbst wenn schon die Sonne untergegangen war. Meine Mutter hielt nicht viel von ihm, ja sie schämte sich sogar seiner Verwandtschaft, aber um meinetwillen, sagte sie oft zu mir, hielte sie Freundschaft mit ihm. Er hätte das, wonach wir andern suchen und streben, auf seinem Kastenboden liegen, und wenn ich ihn mir zum Freunde hielte, wäre ich der einzige, der ihn beerben könnte, falls er es nicht der Kirche schenkte. Er hatte auch in seiner Weise eine Art Zuneigung zu mir, doch fühlte ich mich in seiner Nähe nie recht froh. Einmal war ich Zeuge einer Scene gewesen, die, wie sie seine Gesinnung charakterisiert, mir zugleich Furcht vor ihm eingeflößt hat. – Auf einer der untersten Stufen der Treppe saß ein alter Bettler und rasselte mit seiner kleinen Blechbüchse, damit die Leute einen Bajocco hineinlegen möchten. Verschiedene gingen an meinem Onkel vorüber, ohne daß ihm sein heuchlerisches Grinsen oder Schwenken mit dem Hute etwas half; mit seinem Schweigen richtete der Blinde mehr aus, ihm gab man. Drei hatten es gethan, nun kam der Vierte und warf ihm einige Pfennige zu. Länger konnte es Peppo nicht aushalten; ich sah, wie er sich gleich einer Viper die Treppe hinabschlängelte und dem Blinden ins Gesicht schlug, so daß derselbe Geld und Stock verlor.

»Du Dieb!« schrie mein Onkel, »du willst mir das Geld stehlen! Du, der du nicht einmal ein ordentlicher Krüppel bist! Kann nicht sehen, das ist der ganze Mangel, den er hat, und deshalb nimmt er mir das Brot vom Munde!«

Mehr hörte und sah ich nicht, sondern lief mit der Foglietta Wein, die ich hatte holen sollen, erschreckt nach Hause. An den großen Festtagen mußte ich meine Mutter regelmäßig zu ihm begleiten, um ihm einen Besuch abzustatten; wir nahmen dann stets ein oder das andre Geschenk für ihn mit, entweder ein Paar große Trauben oder eingemachte Paradiesäpfel, die seine Lieblingsnäschereien waren. Ich mußte ihm dann die Hand küssen und ihn Onkel nennen. Dabei lachte er so seltsam und gab mir einen halben Bajocco, fügte aber die Ermahnung hinzu, ich sollte ihn aufbewahren, um ihn anzusehen, ihn aber nicht zu Kuchen verschwenden, denn wenn dieser verzehrt wäre, hätte ich nichts, behielte ich jedoch das Geldstück, so hätte ich immer etwas!

Es war dunkel und häßlich, wo er wohnte; in dem einen Zimmer befand sich gar kein Fenster, und in dem andern saß es hoch oben in der Mauer mit verklebten und zerbrochenen Scheiben. Außer einem großen breiten Kasten, der ihm zugleich als Bettstelle diente, und zwei kleinen Fässern, in denen er seine Kleider und Wäsche verwahrte, war von Möbeln nichts zu sehen. Ich weinte immer, wenn ich dorthin mußte, und wahr ist es auch, daß meine Mutter, so sehr sie mich auch aufforderte recht freundlich gegen ihn zu sein, ihn doch wieder als Schreckgespenst gebrauchte, wenn sie böse auf mich war. Sie sagte dann, sie wollte mich zu meinem reizenden Onkel schicken, da könnte ich auf der Treppe bei ihm sitzen und singen, mich wenigstens nützlich machen und einen Bajocco verdienen. Ich wußte recht gut, daß sie es nicht so böse meinte; ich war ja doch ihr Augapfel.

An dem gegenüberliegenden Hause befand sich ein Madonnenbild, vor welchem beständig eine Lampe brannte. Jeden Abend, sobald es zum Ave Maria läutete, lag ich mit den Nachbarkindern vor demselben auf den Knieen und sang vor der Mutter Gottes und dem schönen Jesuskinde, welches man mit Bändern, Perlen und silbernen Herzen geschmückt hatte. Bei dem flackernden Lampenscheine kam es mir oft vor, als ob sie und das Kind sich bewegten und uns anlächelten. Ich sang mit lauter heller Stimme, und man sagte, ich sänge schön. Einmal blieb eine englische Familie stehen und lauschte zu, und als wir uns erhoben, gab mir der vornehme Herr ein kleines Silberstück; »das wäre,« sagte meine Mutter, »meiner schönen Stimme wegen!« Aber wie sehr störte mich das nicht seitdem! Ich dachte nicht länger ganz allein an die Madonna, wenn ich vor ihrem Bilde sang, nein, sondern ob man zuhörte, wie schön ich sänge. Während ich so dachte, fühlte ich zugleich brennende Reue darüber, befürchtete, sie könnte über mich zürnen, und bat dann recht unschuldig, daß sie in Gnaden auf mich armes Kind herabblicken möchte.

Dieser abendliche Gesang war der einzige Vereinigungspunkt zwischen mir und den andern Kindern. Ich lebte still, ganz in meine eigne selbstgeschaffene Traumwelt versenkt, konnte stundenlang auf dem Rücken mit dem Gesichte nach dem offnen Fenster liegen und in die wunderbar blaue schöne Luft, die Italien besitzt, hineinblicken, mit Lust das eigentümliche Farbenspiel beim Sonnenuntergange bewundern, wenn die Wolken mit einem violetten Glanze auf den goldgelben Grund hingen. Oft wünschte ich weit hinaus über den Quirinal und die Häuser zu den hohen Pinien, die sich wie schwarze Schattenbilder von dem feuerroten Horizonte abhoben, fliegen zu können. Eine ganz entgegengesetzte Aussicht hatte ich von unserm Zimmer aus nach der andern Seite hin. Dort lag unser und des Nachbars Hof, jeder nur ein kleiner enger Raum, zwischen die hohen Häuser wie eingeklemmt und nach oben hin durch große hölzerne Altane beinahe geschlossen. Mitten in jedem Hofe befand sich ein gemauerter Brunnen, und der Platz zwischen diesem und den Mauern der Häuser war nicht größer, als daß gerade ein Mensch herumgehen konnte. Von oben sah ich demnach eigentlich nur in zwei tiefe Brunnen hinab; sie waren mit dem feinen Grün, welches wir Venushaar nennen, dicht überwachsen; ganz tief unten verlor es sich in Dunkelheit. Es war als könnte ich tief in die Erde hinabschauen, wo sich meine Phantasie die seltsamsten Bilder schuf. Inzwischen putzte meine Mutter das Fenster mit einer Rute aus, damit ich sehen könnte, welche Früchte hier für mich wüchsen, falls ich nicht herausfiele und ertränke.

Aber ich will zu einer Begebenheit übergehen, die leicht meinem ganzen abenteuerlichen Leben hätte ein Ende machen können, ehe es noch zu einer Verwickelung in demselben kam.

Der Besuch in den Katakomben. Ich werde Chorknabe. Das niedliche Engelskind.

Unser Mieter, der junge Maler, nahm mich auf seinen Wanderungen bisweilen mit zum Thore hinaus; ich störte ihn nicht, während er eine oder die andere Skizze machte, und wenn er fertig war, unterhielt ihn mein Geplauder, da er jetzt die Sprache verstand. Schon vorher war ich einmal mit ihm in der curia hostilia gewesen, tief hinein in jenen finstern Höhlen, wo in alten Tagen die wilden Tiere bis zu den Spielen aufbewahrt wurden, bei welchen den reißenden Hyänen und Löwen unschuldige Gefangene vorgeworfen worden waren. Die finstern Gänge, der Mönch, der uns hineinführte und die brennende Fackel beständig gegen die Mauer schlug, die tiefen Teiche, in welchen das Wasser spiegelhell war, ja so hell, daß man es mit der Fackel berühren mußte, um sich davon zu überführen, daß es den Rand erreichte, und man nicht einen leeren Raum vor sich hatte, wie es bei der Durchsichtigkeit und Klarheit desselben schien, alles erregte meine Phantasie, Furcht fühlte ich nicht, da ich von keiner Gefahr wußte.

»Gehen wir nach den Höhlen hinaus?« fragte ich ihn, als ich gegen Ende der Straße den obersten Teil des Kolosseums erblickte.

»Nein, zu andern weit größern!« erwiderte er. »Da sollst du etwas zu sehen bekommen, und dich will ich mitzeichnen, mein lieber Junge!«

Nun wanderten wir fort, immer fort, zwischen den weißen Mauern entlang, welche die Weingärten und die alten Ruinen der Bäder umschlossen, bis wir uns außerhalb Roms befanden. Die Sonne brannte heiß, und die Bauern hatten sich aus grünen Zweigen Lauben über ihre Wagen gemacht, unter welchen sie schliefen, während die Pferde, sich selbst überlassen, im Schritt gingen und von dem Heubündel fraßen, das zu diesem Zwecke über eine Seite derselben gehängt war. Endlich erreichten wir die Grotte der Egeria, in welcher wir unser Frühstück verzehrten und den Wein mit dem frischen Wasser mischten, das zwischen den Steinblöcken hervorsprudelte. Wände und Gewölbe, die ganze Grotte war inwendig mit dem feinsten Grün bewachsen, als wäre es ein aus Seide und Samt gewirkter Teppich, und rings um den großen Eingang hing der dichte Epheu, frisch und voll, wie das Weinlaub in Kalabriens Thälern. Einige Schritte von der Grotte liegt oder lag vielmehr, denn jetzt sind nur noch die Trümmer desselben übrig, ein kleines ganz einsames Haus, über einem der Eingänge in die Katakomben erbaut. Diese sind in alten Zeiten bekanntlich Verbindungsglieder zwischen Rom und den umliegenden Dörfern gewesen, sind aber später teils zusammengestürzt, teils, da sie Räubern und Schmugglern zum Versteck dienten, zugemauert. Die Eingänge durch die Grabgewölbe in der St. Sebastianskirche und hier durch dieses einsame Haus waren damals die beiden einzigen, welche man noch hatte, und ich darf annehmen, daß wir die letzten waren, die diesen benutzten, denn kurz nach unserm gefährlichen Abenteuer wurde auch er verschlossen, und nur der eine durch die Kirche blieb den Fremden unter Begleitung eines Mönches geöffnet.

Tief unten kreuzt, durch die weiche Erde gegraben, ein Gang den andern; ihre Menge, ihre Aehnlichkeit untereinander kann selbst denjenigen verwirren, welcher die Hauptrichtungen kennt. Ich machte mir darüber keine Gedanken, und der Maler hatte solche Vorsichtsmaßregeln ergriffen, daß er kein Bedenken trug, mich kleinen Knaben mit hinab zu nehmen. Er zündete ein Licht an, ein zweites hatte er noch in der Tasche, befestigte ein Knäuel Bindfaden an der Öffnung, durch welche wir hinabstiegen, und unsre Wanderung begann. Bald waren die Gänge so niedrig, daß nur ich aufrecht gehen konnte, bald erhoben sie sich zu kühnen Gewölben, da, wo sie von andern durchschnitten wurden, zu großen Quadraten erweitert. Wir kamen durch die Rotunde mit dem kleinen steinernen Altare in der Mitte, in der die ersten Christen, so oft sie von den Heiden verfolgt wurden, heimlich ihre Gottesdienste hielten. Federigo erzählte mir von den vierzehn Päpsten und den vielen tausend Märtyrern, die hier unten begraben lägen. Wir hielten das Licht an die großen Sprünge in den Grabnischen und erblickten darin die gebleichten Gebeine.[2] Noch gingen wir einige Schritte vorwärts, dann machte der Maler Halt, denn der Faden war nicht länger. Das Ende band er an einem seiner Knopflöcher fest, steckte das Licht zwischen einige Steine und begann nun die tiefen Gänge abzuzeichnen. Ich saß dicht daneben auf einem Steine, er hatte mich die Hände falten und in die Höhe schauen lassen. Das Licht war halb abgebrannt, aber noch ein ganzes lag an der Seite desselben, außerdem hatte er Schwamm und Feuerzeug, damit er, wenn es plötzlich verlöschen sollte, es wieder anzünden könnte.

Meine Phantasie schuf tausend sonderbare Gegenstände in den unendlichen Gängen, die sich nur öffneten um eine ungeheure Finsternis zu zeigen. Alles war unheimlich still, nur die herabfallenden Wassertropfen brachten einen einförmigen Ton hervor. Während ich so in meine eignen Gedanken versenkt dasaß, wurde ich plötzlich durch das eigentümliche Gebaren meines Freundes, des Malers erschreckt, der einen tiefen Seufzer ausstieß und immer auf demselben Flecke umherlief. Alle Augenblicke beugte er sich auf die Erde hinab, als ob er nach etwas greifen wollte. Nun zündete er noch das längere Licht an und suchte rings um sich her. Da wurde ich über sein seltsames Wesen besorgt und richtete mich weinend empor.

»Um Gottes willen, bleib sitzen, Kind!« sagte er, »um Gottes willen!« und nun starrte er wieder auf die Erde.

»Ich will hinauf!« schrie ich, »ich will nicht hier unten bleiben!« Dabei ergriff ich ihn an der Hand und wollte ihn mit ziehen.

»Kind, Kind! Du bist ein herrlicher Junge! Ich will dir Bilder und Kuchen geben; da hast du Geld!« und nun zog er seinen Geldbeutel aus der Tasche und gab mir alles, was sich darin befand; aber ich fühlte, daß seine Hand eiskalt war und daß sie zitterte. Da wurde ich noch unruhiger und rief nach meiner Mutter, doch nun packte er mich heftig an der Schulter, schüttelte mich stark und sagte: »Ich prügle dich, wenn du nicht ruhig bist!« Darauf schlang er sein Taschentuch um meinen Arm und hielt mich fest, beugte sich aber in demselben Augenblicke nieder und küßte mich heftig, nannte mich seinen lieben kleinen Antonio und sagte: »Bete auch du zur Madonna!«

»Ist der Faden fort?« rief ich.

»Wir finden ihn,, wir finden ihn!« entgegnete er und suchte wieder. Inzwischen war das kleinere Licht niedergebrannt, und je mehr das größere infolge der schnellen Bewegung, mit der er umherleuchtete, schmolz und schon bis zur Hand, in der er es hielt, herunterbrannte, desto größer wurde sein Entsetzen. Es würde auch unmöglich gewesen sein, sich ohne Faden zurückzufinden, jeder Schritt konnte uns tiefer hineinführen, wo uns niemand zu retten vermochte.

Nach vergeblichem Suchen warf er sich auf die Erde nieder, faßte mich um den Hals und seufzte: »Du armes Kind!« Da weinte ich sehr, denn ich fühlte, daß ich nie wieder nach Hause kam. Er drückte mich, während er auf der Erde lag, so fest an sich, daß meine Hand unter ihn glitt. Ich griff unwillkürlich in den Staub und Schutt und hielt den Faden zwischen meinen Fingern.

»Hier ist er!« rief ich.

Er ergriff meine Hand und wurde wie wahnsinnig vor Freude, denn hier hing wirklich unser Leben an diesem einen Faden. – Wir waren gerettet.

O, wie warm schien nicht die Sonne, wie blau war nicht der Himmel, wie herrlich grün waren nicht Bäume und Büsche, als wir in die freie Luft hinauskamen! Der arme Federigo küßte mich wieder, zog seine schöne silberne Uhr aus der Tasche und sagte: »Die sollst du haben!« Ich wurde so seelensfroh darüber, daß ich alles, was geschehen war, rein vergaß. Allein meine Mutter konnte es nicht vergessen, als sie es hörte, und er erhielt nie mehr die Erlaubnis, mich mit sich zu nehmen. Fra Martino sagte ebenfalls, daß wir allein um meinetwegen gerettet wären, daß mir die Madonna den Faden gereicht hätte, mir und nicht dem Ketzer Federigo, daß ich ein gutes frommes Kind wäre und nie ihre Milde und Gnade vergessen sollte. Dieser Umstand und einiger Bekannten scherzhafte Äußerung, daß ich zum Geistlichen geboren wäre, da ich, meine Mutter ausgenommen, die Frauenzimmer durchaus nicht leiden könnte, bestimmte dieselbe dazu, einen Diener der Kirche aus mir zu machen. Ich weiß selbst nicht, aber jedes Frauenzimmer flößte mir ein unbehagliches Gefühl ein, und da ich es recht naiv ausplauderte, wurde ich von all' den Mädchen und Frauen, die zu meiner Mutter kamen, aufgezogen. Alle wollten sie mich küssen. Besonders war es ein Bauermädchen, Mariuccia, welche mir durch diesen Scherz oft die Thränen in die Augen trieb. Sie war überaus lebhaft und mutwillig, lebte vom Modellstehen und ging deshalb immer in schönen bunten Kleidern und mit einer breiten weißen linnenen Kopfbinde um das Haar. Oft saß sie Federigo, besuchte auch meine Mutter und erzählte mir dann immer, sie wäre meine Braut und ich ihr kleiner Bräutigam, welcher ihr einen Kuß geben müßte und sollte. Ich wollte nun nie, aber dann zwang sie mich mit Gewalt. Als ich eines Tages, wie sie sagte, recht kindisch weinte und mich wie ein kleines Kind aufführte, rief sie lustig, ich müßte mich nun auch wie die andern kleinen Kinder an der Mutterbrust zur Ruhe bringen lassen. Erschreckt flüchtete ich mich auf die Treppe hinaus, aber sie haschte mich, hielt mich zwischen ihren Knieen fest und drückte meinen Kopf, welchen ich mit Abscheu abwandte, mehr und mehr an ihre Brust. Ich riß den silbernen Pfeil aus ihrem Haare, welches über mich und ihre entblößten Schultern in dichten Wogen hinabfloß. Meine Mutter stand in der Ecke, lachte und ermunterte Mariuccia, während Federigo, ganz unbemerkt in seiner Thür, die ganze Gruppe malte.

»Ich will keine Braut, keine Frau haben!« sagte ich zu meiner Mutter, »ich will Priester oder Kapuziner wie Fra Martino werden!«

Das sonderbare Stillschweigen, in das ich oft ganze Abende versunken war, hielt meine Mutter für ein Zeichen meiner Bestimmung für die Kirche. Ich saß dann und überlegte bei mir, welche Kirchen und Schlösser ich erbauen wollte, wenn ich erst größer und reich würde; wie ich dann, gleich den Kardinälen in roten Wagen mit vielen goldgalonnierten Bedienten hintenauf einherfahren würde; oder auch bildete ich mir aus den vielen Märtyrergeschichten, die mir Fra Martino erzählt hatte, irgend eine neue. Ich wurde natürlich der Held derselben und würde durch der Madonna Hilfe nie die Schmerzen fühlen, die mir zugefügt wurden. Besonders trug ich große Lust Federigos Heimat zu besuchen, um die Bewohner derselben zu bekehren, damit auch sie an der Gnade teilhaben könnten.

Wie meine Mutter oder Fra Martino es angestellt haben, weiß ich nicht, aber genug, eines Morgens zog mir meine Mutter einen kleinen Rock an, warf mir ein Chorhemde über, welches mir bis an die Kniee reichte, und ließ mich dann mich selbst im Spiegel betrachten. Ich war nun Chorknabe in der Kapuzinerkirche, sollte eines der großen Räucherfässer tragen und droben mit vor dem Altare singen. Fra Martino lehrte es mich alles. O, ich war so glücklich darüber! Bald wurde ich in der kleinen aber freundlichen Klosterkirche wie zu Hause, kannte jeden Engelskopf auf den Altargemälden, jeden bunten Schnörkel auf den Pfeilern, konnte mit geschlossenen Augen den schönen St. Michael mit dem scheußlichen Drachen[3] kämpfen sehen, wie es der Maler dargestellt hat und machte mir über die auf dem Fußboden ausgehauenen Totenköpfe mit den grünen Epheukränzen um die Stirnen viele sonderbare Gedanken.

Am Allerheiligenfeste war ich mit unten in den Totenkapellen, in welche mich Fra Martino bei meinem ersten Besuche im Kloster geführt hatte. Alle Mönche sangen Seelenmessen, und zwei meiner Altersgenossen schwangen mit mir die Rauchfässer vor dem großen Altare von Totenköpfen. – Man hatte auf die von Knochen gebildeten Kronleuchter Lichter gesetzt, und die Mönchsskelette hatten neue Blumenkränze um die Stirn und einen frischen Strauß in die Hand bekommen. – Viele Menschen waren, wie gewöhnlich, zusammengeströmt; sie knieten und die Sänger stimmten das feierliche Miserere an. Lange betrachtete ich die gebleichten Totenköpfe und die Rauchwolke, welche in seltsamen Gestalten zwischen ihnen und mir auf und ab wogte. Da begann sich plötzlich alles vor meinen Augen zu drehen; es war, als sehe ich das Ganze durch einen starken Regenbogen, es klang mir vor den Ohren, als ob tausend Kirchenglocken auf einmal läuteten; es kam mir vor, als segelte ich einen Strom hinab, es war unaussprechlich schön. – Mehr weiß ich nicht; das Bewußtsein verließ mich, ich ward ohnmächtig.

Die von der großen Menschenmasse herrührende schwere Luft und meine erhitzte Phantasie hatten meine Ohnmacht verursacht. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf Fra Martinos Schoß unter dem Orangenbaum im Klostergarten.

Meine verworrene Erzählung über das, was ich gesehen zu haben vermeinte, erklärten er und alle Brüder für eine Offenbarung. Die seligen Geister wären an mir vorübergeschwebt, aber ich hätte den Anblick ihres Glanzes und ihrer Herrlichkeit nicht aushalten können.

Dies gab denn die Veranlassung dazu, daß ich bald mehrere sonderbare Träume hatte, auch wohl selbst einige erdachte, die ich meiner Mutter erzählte und sie ihrerseits wieder ihren Freundinnen mitteilte, so daß ich täglich mehr für ein Gotteskind galt.

Inzwischen näherte sich die glückliche Weihnachtszeit. Die Pisserari, die Hirten aus dem Gebirge, erschienen in ihren kurzen Mänteln, mit Bändern und dem spitzen Hut, und verkündigten mit ihren Sackpfeifen vor jedem Hause, an welchem die Bildsäule der Madonna stand, daß der Heiland geboren werden sollte. Ich erwachte jeden Morgen bei diesen einförmigen melancholischen Tönen, und meine erste Beschäftigung war alsdann meine Rede durchzulesen, denn ich gehörte zu den auserwählten Kindern, Mädchen und Knaben, die diesmal zwischen Weihnachten und Neujahr vor dem Jesusbilde in der Kirche Santa Maria Araceli predigen sollten.

Nicht nur ich, meine Mutter und Mariuccia, wir freuten uns darüber, daß ich als neunjähriger Knabe eine Rede halten sollte, sondern auch der Maler Federigo, vor dem ich, ohne jener Wissen, von einem Tische herab eine Probe abgelegt hatte. War es doch auch nur ein Tisch, allein mit dem Unterschiede, daß eine Decke auf demselben lag, auf welchen man uns Kinder in der Kirche stellte, wo wir dann vor der versammelten Menge die auswendig gelernte Rede von dem blutenden Herzen der Madonna und von des Jesuskindes Herrlichkeit hersagen mußten. Ich fühlte nichts von Furcht, nur Freude machte mein Herz stärker klopfen, als nun die Reihe an mich kam und alle mich anblickten. Ich war bis jetzt dasjenige der Kinder, welches am meisten gefiel, das ließ sich nicht leugnen; jetzt aber wurde ein junges Mädchen emporgehoben. Die Kleine war so unendlich zart gebaut, hatte dazu ein so wunderbar verklärtes Antlitz und eine so melodische Stimme, daß alle in die Erklärung ausbrachen, es wäre ein kleines Engelskind. Selbst meine Mutter, die mir gern den Preis zuerkannt hätte, sagte laut, sie gliche den Engeln auf dem großen Altargemälde. Das merkwürdig dunkle Auge, das kohlschwarze Haar, das kindliche und doch so kluge Gesicht, die schönen kleinen Hände, nein, es kam mir denn doch so vor, als ob auch meine Mutter etwas zu viel davon spräche, obgleich sie behauptete, auch ich wäre ein Gottesengel gewesen. – Es giebt ein Lied von der Nachtigall, die als Junges im Neste saß und nach den grünen Blättern des Rosenstockes hackte, die Knospe nicht sah, die sich zu bilden begann; – und Monate danach, als die Rose sich entfaltete, sang die Nachtigall nur ihr ihre Lieder, flatterte in die Dornen hinein und verblutete. Dies Lied ist mir, als ich älter war, oft eingefallen, aber in der Kirche Araceli, da kannte ich es nicht, weder meine Ohren noch mein Herz kannte es. Zu Hause mußte ich in Gegenwart meiner Mutter, Mariuccias und mehrerer Freundinnen die gehaltene Rede wiederholen, und es schmeichelte meiner Eitelkeit nicht wenig; aber sie verloren früher das Interesse dieselbe zu hören, als ich sie immer von neuem vorzutragen. Um nun mein Publikum in Atem zu halten, machte ich mich selbst daran mir eine neue Rede abzufassen, doch bestand dieselbe mehr in einer Schilderung kirchlicher Feste als in einer eigentlichen Weihnachtspredigt. Federigo war der erste, der sie hörte, und wenngleich er lachte, war es mir doch sehr schmeichelhaft, daß er sagte, meine Rede wäre in jeder Beziehung ebenso gut wie die, welche mir Fra Martino beigebracht hätte, und in mir steckte ein Poet. Ueber das letzte sann ich viel nach, da ich es nicht verstand, doch dachte ich mir darunter einen guten Engel, der in mir wohnte. Vielleicht war es derjenige, der mir, wenn ich schlief, die schönen Träume eingab und so viel Herrliches zeigte.

Es kam sehr selten vor, daß meine Mutter den Stadtteil verließ, in welchem wir wohnten. Es erschien mir deshalb als ein vollkommenes Fest, als sie eines Nachmittags sagte, wir wollten eine Freundin in Trastevere[4] besuchen. Ich bekam meine Sonntagskleider an; der bunte seidne Latz, welchen ich damals anstatt der Weste trug, wurde mir über der Brust mit Stecknadeln unter dem Jäckchen angeheftet; das Halstuch war in eine große Schleife zusammengelegt und den Kopf schmückte eine gestickte Mütze. Ich war recht niedlich.

Als wir nach abgestattetem Besuche uns wieder heimwärts wandten, war es schon ziemlich spät, aber herrlicher Mondschein, die Luft frisch und blau. Die Cypressen und Pinien standen in wunderbar scharfen Konturen auf den naheliegenden Anhöhen. Es war einer jener Abende, deren es in jedem Leben einzelne giebt, die sich, ohne sich durch irgend eine große Lebensbegebenheit auszuzeichnen, doch in ihrer ganzen Farbenpracht unauslöschlich der Erinnerung einprägen. So oft ich mich seitdem in Gedanken an den Tiberfluß zurückversetze, sehe ich stets das Bild jenes Abends: das dicke gelbe Wasser, auf welches der Mond herabschien, die schwarzen Pfeiler der alten zerstörten Brücke, welche mit starken Schlagschatten aus dem Strome, in welchem das große Mühlenrad brauste, emporragten, ja selbst die lustigen Mädchen sehe ich, die mit ihrem Tamburin vorüberhüpften und den Saltarello[5] tanzten. In den Straßen bei Santa Maria della Rotunda war noch alles in Bewegung; Schlächter und Obsthändlerinnen saßen hinter ihren Tischen, wo die Waren zwischen Lorbeerguirlanden lagen und die Lichter in der freien Luft brannten. Das Feuer loderte unter den Kastanientöpfen und das Gespräch wurde mit Schreien und Lärm geführt, so daß ein Fremder, welcher die Worte nicht verstand, es für einen Streit auf Tod und Leben halten mußte. Eine alte Freundin, welche meine Mutter bei einer Fischhändlerin traf, hielt uns so lange auf, daß die Lichter zu erlöschen begannen, ehe wir uns wieder auf den Weg machten, und während meine Mutter ihre Freundin bis vor ihre Thür begleitete, wurde es auf den Straßen und selbst auf dem Korso totenstill, als wir aber in die Piazza di Trevi einbogen, auf der sich die prächtige Kaskade befindet, klang uns wieder lustiges Leben entgegen.

Der Mondschein fiel gerade auf den alten Palast, wo das Wasser zwischen den Felsenblöcken des Fundaments, die lose übereinander geworfen zu sein scheinen, hervorströmt. Neptuns schwerer steinerner Mantel flatterte im Winde, während er über die große Kaskade, an deren Seiten blasende Tritonen die Seepferde lenken, hinausschaute. Unter ihnen breitet sich das große Bassin aus und auf den Treppenstufen, die rings um dasselbe laufen, lag eine Schar Bauern und streckte sich behaglich im Mondschein aus. Große zerschnittene Melonen, aus denen der rote Saft quoll, lagen neben ihnen. Ein kleiner vierschrötiger Bursche, dessen ganze Tracht aus dem Hemde und den kurzen Lederhosen bestand, die aufgeknöpft und lose um die Kniee hingen, saß mit einer Guitarre da und griff lustig in die Saiten. Bald sang er einen Vers, bald spielte er, und alle Bauern klatschten in die Hände. Meine Mutter blieb stehen und nun hörte ich ein Lied, das mich ganz wunderbar ergriff, denn es war nicht ein Lied wie andere, nein, er sang uns vor, was wir sahen und hörten. Wir spielten selbst eine Rolle in dem Liede mit, und dabei reimte es sich und hatte eine herrliche Melodie. Er sang, wie schön man mit einem Steine unter dem Kopfe und dem blauen Himmel als Decke schlafen könnte, während hier die beiden Pifferari die Sackpfeife bliesen, und dabei zeigte er auf die Tritonen, die in ihr Horn stießen. Er sang, wie die ganze Schar von Bauern, die hier die Melonen bluten ließen, die Gesundheit ihrer Geliebten trinken wollten, welche jetzt schliefen, aber im Traume die Peterskuppel und den Geliebten sähen, der in die Stadt des Papstes gegangen wäre. »Diese Gesundheit wollen wir trinken und aller Mädchen Wohl, deren Pfeil die Hand noch nicht geöffnet hat.[6] »Ja,« fügte er hinzu und kniff meine Mutter in die Seite, »und Mutters mit und der Braut, welche der Junge bekommt, wenn ihm der schwarze Flaum wächst!« – »Bravo!« sagte meine Mutter, und alle Bauern klatschten und brüllten mit: »Bravo, Giacomo! Bravo!«

Auf den Stufen der kleinen Kirche rechter Hand entdeckten wir inzwischen einen Bekannten, unfern Federigo, der mit dem Bleistifte dastand und das ganze lustige Mondscheinsstück aufnahm. Als wir nach Hause gingen, scherzte er und meine Mutter über den muntern Improvisator, wie ich jenen Bauer nennen hörte, der uns durch seinen Gesang so gut unterhalten hatte.

»Antonio,« sagte Federigo zu mir, »du solltest ebenfalls improvisiert haben, du bist ja auch ein kleiner Dichter! Du mußt lernen, deine Reden in Verse zu setzen.«

Nun verstand ich mit einem Male, was ein Dichter sein mußte, nämlich einer, der schön singen konnte, was er fühlte und sah. Ei, das wäre lustig, und müßte ja, wie ich mir vorstellte, leicht sein; hätte ich nur erst eine Guitarre.

Der erste Gegenstand meiner Sangeskunst war nicht mehr noch weniger als des gegenüberwohnenden Hökers Laden. Schon früh war meine Phantasie zwischen der merkwürdigen Zusammenstellung seiner Waren, die sogar die Blicke der Fremden auf sich lenkte, umhergeschweift. Zwischen schönen Lorbeerguirlanden hingen gleich großen Straußeiern die weißen Büffelkäse; die Lichter standen, mit Goldpapier umwunden, wie Orgelpfeifen nebeneinander und die Würste waren wie Säulen aufgerichtet, die Parmesankäse, wie gelber Bernstein leuchtend, trugen. Wenn nun des Abends das Ganze erleuchtet war und die rote Glaslampe vor dem Madonnabilde an der Wand zwischen Würsten und Presciutto (Schinken) brannte, glaubte ich in eine Zauberwelt hineinzublicken. Die Katze auf dem Ladentische und der junge Kapuziner, der stets so lange mit der Signora handelte, kam ebenfalls mit in mein Gedicht hinein, welches ich mir so oft in den Gedanken zurechtlegte, daß ich es Federigo sicher und deutlich hersagen konnte, und welches sich, da es seinen Beifall gewann, bald durch das ganze Haus und über die Straße fort bis zu des Hökers Signora verbreitete, die dazu lachte und die Hände zusammenschlug, indem sie es ein merkwürdiges Gedicht, eine divina Commédia di Dante nannte.

Nun wurde denn auch alles besungen! Ich lebte völlig in Phantasien und Träumen, in der Kirche, wenn ich das Rauchfaß zum Gesange der Mönche schwang, auf den Straßen zwischen den rollenden Wagen und schreienden Händlern, wie in meinem kleinen Bettchen unter dem Madonnabilde und dem Weihwasserkessel. Stundenlang konnte ich in der Winterdämmerung vor unserm Hause sitzen und in die lodernden Flammen auf der Straße schauen, wo die Schmiede ihr Eisen glühend machten und die Bauern sich erwärmten. Ich sah in dem roten Feuer eine Welt, flammend wie meine eigne Phantasie. Ich jubelte vor Freude, wenn des Winters der Schnee eine so starke Kälte von den Bergen zu uns hinabjagte, daß Eiszapfen an dem Steintritonen draußen auf dem Platze hingen; schade, daß es so selten geschah! Dann waren auch die Bauern froh, denn sie sahen dies als das Vorzeichen eines fruchtbaren Jahres an. Sie reichten einander die Hände und tanzten in großen Schafpelzen um den Triton, während der Regenbogen an dem hohen Wasserstrahle spielte.

Aber ich verweile zu lange bei den einzelnen Jugenderinnerungen, die für Fremde nicht die tiefe Bedeutung, nicht das wunderbar Ergreifende wie für mich haben können. Bei der Wiederholung derselben, beim Verweilen bei den Einzelheiten ist es mir, als durchlebte ich alles noch einmal.

Doch ich will zu der Begebenheit übergehen, die die erste Dornenhecke zwischen mir und dem Paradiese der Heimat aufrichtete, die mich unter Fremde hinausführte und meine ganze Zukunft bestimmte.

Das Blumenfest in Genzano.

Es war im Juni; der Tag des berühmten Blumenfestes, das jährlich in Genzano[7] feierlich begangen wurde, rückte heran. Meine Mutter und Mariuccia hatten dort eine gemeinschaftliche Freundin, welche mit ihrem Manne eine Osteria und Garküche hielt.[8] Schon seit mehreren Jahren hatten sie beschlossen diesem Feste beizuwohnen, aber immer hatten sich Hindernisse entgegengestellt; diesmal wurde es durchgesetzt. Den Tag vor dem Blumenfeste wollten wir, da es ein langer Weg war, aufbrechen; aus Freude konnte ich die ganze Nacht nicht schlafen.

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als der Vetturino vor der Thür hielt, und wir von dannen rollten. Nie war ich früher draußen im Gebirge gewesen. Erwartung und Freude über das vielbesprochene Fest setzten meine ganze Seele in Bewegung. Hätte ich in höherem Alter die Natur und das Leben rings umher mit demselben lebendigen Gefühl wie damals anschauen und meine Empfindungen in Worten ausdrücken können, es hätte ein unsterbliches Gedicht werden müssen. Die große Stille auf den Straßen, das eisenbeschlagene Stadtthor, die sich meilenweit ausdehnende Campagna mit den einsamen Grabstätten, der dichte Morgennebel, der den Fuß der fernen Berge verhüllte, alles nahm in meinen Augen den Charakter geheimnisvoller Vorbereitungen zu der Herrlichkeit an, die ich jetzt zu sehen bekommen sollte. Selbst die am Wege aufgerichteten hölzernen Kreuze mit den gebleichten Räubergebeinen auf denselben, die uns verkündigten, daß hier ein Unschuldiger getötet und der Mörder bestraft worden sei, hatten etwas eigentümlich Aufregendes für mich. Erst versuchte ich die unendlich vielen Bogen, die das Wasser vom Gebirge nach Rom leiten, zu zählen, wurde es aber bald überdrüssig; dann plagte ich die andern mit tausenderlei Fragen über die großen Feuer, welche die Hirten um die zusammengestürzten Grabmonumente angezündet hatten, und wollte genaue Erklärung über die großen Schafherden haben, welche die wandernden Treiber auf einem Flecke, durch ein rings um die ganze Herde einem Zaune gleich ausgespanntes Fischnetz, zusammenhielten.

Von Albano aus mußten wir den kurzen schönen Weg über Ariccia zu Fuß gehen. Reseda und Goldlack wuchsen wild am Wege; die dicht belaubten saftigen Olivenbäume gaben kühlen Schatten. Ich konnte das Meer in der Ferne erblicken und auf der Berghalde am Wege, wo das Kreuz steht, hüpften lustige Mädchen tanzend an uns vorüber, lachten und scherzten, vergaßen jedoch nicht fromm das heilige Kreuz zu küssen. Die hohe Kirchenkuppel in Ariccia hielt ich für die der Peterskirche, welche die Engel in die blaue Luft zwischen die dunklen Olivenbäume hinausgehängt hätten. Auf der Straße hatte sich das Volk um einen Bären zusammengeschart, der auf den Hinterbeinen tanzte, während der Bauer, welcher ihn am Stricke hielt, auf der Sackpfeife jene seltsame Melodie blies, die er zur Weihnachtszeit als Pifferari vor dem Bilde der Madonna angestimmt hatte. Ein hübscher Affe in Soldatenuniform, den er Korporal anredete, schlug auf dem Kopf und Rücken des Bären Purzelbäume. Ich wäre gern hier geblieben, anstatt nach Genzano zu gehen. Das Blumenfest war ja auch erst morgen; aber meine Mutter drängte zur Eile, weil wir ihrer Freundin Angelina helfen sollten, Kränze und Guirlanden zu winden.

Der kurze Weg war bald zurückgelegt und Angelinas Haus erfragt; es lag auf der Seite von Genzano, welche nach dem See Nemi führt. Es war ein hübsches Haus; aus der Mauer sprudelte eine Quelle, deren Wasser in einem steinernen Bassin aufgefangen wurde, um welches sich die Esel zur Tränke drängten.

Wir traten in die Osteria ein: ein dumpfes Summen und Brummen empfing uns! Das Essen kochte und auf dem Herde brannte das Feuer. Ein Gewimmel von Bauern und Städtern saß an den langen hölzernen Tischen, trank Wein und aß Presciutto. Schöne Rosen standen in der blauen Vase vor dem Madonnenbilde, wo die Lampen nicht recht brennen wollten, weil der Rauch dorthin zog. Die Katze lief über die Käse, die auf dem Schenktische lagen, und fast wären wir über die Hühner gefallen, welche uns um die Beine herumliefen. Angelina nahm uns sehr freundlich auf; wir mußten eine steile Treppe hinaufsteigen, wo wir dicht neben dem Schornsteine eine eigne Kammer und, nach meinen Begriffen, wahrhaft königliche Speise erhielten. Alles war prächtig, selbst die Foglietta mit Wein war ausgeputzt. Eine eben aufgebrochene Rose steckte als Pfropfen im Flaschenhalse. Alle drei küßten einander, auch ich bekam meinen Kuß, ich mochte wollen oder nicht. Angelina gestand, ich wäre sehr hübsch, und meine Mutter streichelte mir mit der einen Hand die Wangen, während sie mit der andern meine Toilette zu verbessern suchte. Bald zog sie mir die Jacke, die mir zu kurz war, über die Hände hinab, bald wieder hoch über Brust und Hals, um eine Jacke zurecht zu zupfen, wie sie sitzen mußte.

Nach Tische erwartete uns alle ein richtiges Fest; wir sollten hinaus, um Blumen und Grünes zu Kränzen zu pflücken. Durch eine niedrige Thür gelangten wir in den Garten hinaus. Dieser maß nur einige Ellen im Umfange und bildete, sozusagen, eine einzige Laube. Das schwache Geländer, welches ihn umgab, war durch die breiten festen Blätter der Aloestauden verstärkt, die hier wild wuchsen und eine natürliche Hecke bildeten. Völlig still lag der See tief unten in dem großen runden Krater, aus welchem sich einmal Feuersäulen bis zu den Wolken erhoben hatten. Wir gingen die amphitheatralische Bergseite, durch die großen Weinanpflanzungen und den dichten Platanenwald hinab, wo sich die Ranken bis zu den Baumzweigen emporschlangen. Auf der Spitze des jenseitigen Bergabhanges lag die Stadt Nemi und spiegelte sich in dem blauen See in der Tiefe. Während wir gingen, wanden wir Kränze. Der dunkle Olivenzweig und das frische Olivenblatt wurden zwischen die Blüten des wilden Goldlacks geschlungen. Bald war der blaue tiefliegende See und der klare Himmel über uns durch die dichten Zweige und das Weinlaub verhüllt, bald guckten sie wieder hervor, als bildeten sie beide nur ein einziges unendliches Blau. Alles war mir neu und herrlich; meine Seele bebte von einer stillen Glückseligkeit. Noch jetzt habe ich bisweilen Augenblicke, in denen jene Gefühle gleich schönen Mosaikstücken einer gesunkenen Stadt in meiner Erinnerung wieder auftauchen.

Die Sonne brannte heiß, und erst unten am See selbst, wo uralte Platanenstämme unmittelbar am Rande des Wassers wuchsen und ihre mit Weinlaub umschlungenen Zweige in den Wasserspiegel hinabtauchten, fanden wir Kühlung genug, um unsere Arbeit fortsetzen zu können. Schöne Wasserpflanzen nickten, als wenn sie träumten, unter dem dichten Schatten; sie kamen mit in den Kranz. Bald berührten die Sonnenstrahlen den tiefen See nicht mehr, sondern spielten nur auf den Dächern Nemis und Genzanos; die Dunkelheit umhüllte schon die Stelle, wo wir saßen. Ich hatte mich von den andern entfernt, jedoch nur wenige Schritte, da meine Mutter fürchtete, ich könnte in den See fallen, der tief war und abschüssige Ufer hatte. Bei den nur noch spärlichen Ruinen des alten Dianatempels, lag ein ungeheurer Feigenbaum, den der Epheu schon wieder an die Erde zu fesseln begann. Ich war auf ihn hinaufgeklettert, flocht ebenfalls einen Kranz und sang einige Verse aus einer bekannten Kanzonette:

»– Ah rossi, rossi flori,
Un mazzo die violi!
Un gelsomin d'amore – «

als ich plötzlich von einer sonderbar zischelnden Stimme unterbrochen wurde:

»– – Per dar al mio bene!«

Plötzlich stand eine große alte Frau von auffallend gerader Haltung und in der Tracht, welche die Bauerfrauen von Frascati gewöhnlich zu tragen pflegen, vor mir. Der lange weiße Schleier, welcher ihr vom Kopfe bis über die Schultern hinabwallte, trug viel dazu bei, Gesicht und Hals noch mulattenfarbiger erscheinen zu lassen, als sie vielleicht waren. Runzel lag neben Runzel, so daß die ganze Haut einem zusammengeschrumpften Netze ähnelte. Die schwarzen Augäpfel schienen die Augenhöhlen auszufüllen. Sie lächelte und sah mich im nächsten Augenblicke starr und ernst an, als wäre sie eine Mumie, die man unter den Bäumen aufgestellt hätte.

»Der Rosmarin,« sagte sie, »wird schöner in deinen Händen! Du hast einen Glücksstern im Auge!«

Ich sah sie verwundert an, während ich den Kranz, den ich wand, an meine Lippen drückte.

»Es sitzt Gift in den schönen Lorbeerblättern.[9] Winde deinen Kranz, aber sauge nicht an ihm!«

»Ha! die kluge Fulvia von Frascati!« rief Angelina, die hinter der Hecke hervortrat. »Windest du auch Kränze zum morgenden Feste, oder,« sagte sie mit gedämpfterer Stimme, »windest du andre Sträuße, während die Sonne hinter der Campagna untergeht?«

»Ein kluges Auge!« sprach Fulvia unbeirrt weiter und sah mich gleich unverwandt an. »Die Sonne ging durch das Tierzeichen des Stiers, als er geboren wurde, und Gold und Ehre hängt an des Stieres Horne!«

»Ja,« sagte meine Mutter, die mit Mariuccia herantrat, »wenn er den schwarzen Rock und den breiten Hut empfängt, dann kommt es darauf an, ob er Rauchopfer darbringen oder durch den Dornenbusch gehen wird!«

Daß sie hiermit darauf zielte, ich wäre für den geistlichen Stand bestimmt, schien die Sibylle richtig aufzufassen, doch lag in ihren Worten eine Bedeutung, die sich damals unserm Verständnisse entzog.

»Der breite Hut,« sagte sie, »wird nicht seine Stirne beschatten, wenn er vor dem Volke steht, wenn seine Reden wie Musik lauten, lieblicher als der Nonnen Gesang hinter dem Gitter und stärker als der Donner im Albaner Gebirge! Der Stuhl des Glücks ist höher als der Monte Cavo, wo doch die Wolke auf dem Berge zwischen den Schafherden liegt!«

»O Gott!« seufzte meine Mutter und zuckte etwas ungläubig zusammen, obgleich sie die glänzende Prophezeiung nicht ungern hörte. »Es ist ein armes Kind; die Madonna weiß, wie es ihm gehen wird! Der Glückswagen ist höher als der Wagen der Albaner Bauern, und das Rad desselben dreht sich, wie soll ein armes Kind hinaufkommen!«

»Hast du gesehen, wie sich die beiden großen Räder der Bauerwagen drehen? Die unterste Speiche wird die höchste und geht dann wieder abwärts. Dicht am Boden setzt der Bauer seinen Fuß hinauf und das sich drehende Rad muß ihn empor heben, aber oft liegt ein Stein im Wege, und dann kann es wie beim Tanze auf dem Markte gehen.«[10]

»Und kann ich nicht mit auf den Glückswagen kommen?« sagte halb scherzend meine Mutter, stieß aber gleichzeitig einen Schrei aus, denn ein ungeheurer Raubvogel schoß dicht neben uns auf den See hinab, so daß uns bei der Kraft, mit welcher seine großen Flügel den ruhigen Wasserspiegel peitschten, das Wasser ins Gesicht spritzte. Hoch aus der Luft hatte er mit seinem scharfen Blicke einen großen Fisch entdeckt, der unbeweglich unmittelbar unter der Oberfläche stand; mit pfeilartiger Geschwindigkeit ergriff er seine Beute, bohrte seine scharfen Krallen in des Fisches Rücken und wollte sich nun wieder erheben. Allein der Fisch war, wie wir an dem gepeitschten Wasser sehen konnten, von ganz besonderer Größe und seinem Feinde fast an Kräften gleich; deshalb suchte er denselben mit sich hinabzuziehen. Des Vogels Krallen saßen zu fest in dem Rücken des Fisches, als daß er seine Beute loslassen konnte, und nun begann daselbst zwischen ihnen ein Kampf, bei welchem der See zitternd große Ringe bildete. Bald sah man den schimmernden Rücken des Fisches, bald schlug der Vogel mit den breiten Flügeln gegen das Wasser, als ob er zu unterliegen schien. Der Kampf dauerte einige Minuten. Beide Flügel lagen einen Augenblick auf dem Wasser ausgebreitet still da, als ob sie sich ruhten; mit einem Male schlugen sie heftig zusammen, man hörte einen Knack und der eine Flügel sank nieder, während der andere das Wasser zu Schaum peitschte und dann verschwand. Der Fisch schoß mit seinem Feinde auf den Boden hinab, wo sie beide, einen Augenblick später, sterben mußten.

Schweigend hatten wir alle diese Scene angesehen; als sich meine Mutter wieder zu den andern umwandte, war die Sibylle verschwunden. Dieser Umstand, in Verbindung mit dieser kleinen Begebenheit, die, wie man sehen wird, noch viele Jahre später auf mein Schicksal einwirkte und sich deshalb meiner Erinnerung doppelt einprägte, hatte zur Folge, daß wir alle sehr schnell und ziemlich schweigend heimwärts eilten. Das dichte Laubwerk der Bäume schien Finsternis auszuströmen, das Bild der feurigen Abendwolken wurde vom Wasserspiegel zurückgeworfen, das Mühlrad brauste mit einförmigen Tönen, alles schien etwas Dämonisches an sich zu haben. Während wir gingen, flüsterte Angelina seltsame Dinge, die sie von der Alten, welche Gift und Liebestränke zu kochen verstand, hatte voraussagen hören, und nun erzählte sie von der armen Theresa in Olevano, die aus Gram und Sehnsucht nach dem flinken Giuseppe, der auf einer Wanderung nach dem Norden über das Gebirge gezogen war, von Tage zu Tage mehr dahinschwand; wie die Alte dann Kräuter in einem kupfernen Geschirre gekocht und sie mehrere Tage über glühenden Kohlen hätte sieden lassen, bis auch Giuseppe von Sehnsucht ergriffen worden und Tag und Nacht, ohne Rast und Ruh, bis zu der Stelle zurückeilen mußte, wo das Geschirr mit den heiligen Kräutern und seiner und Theresas Haarlocke kochte. Ich betete ruhig mein Ave Maria und war nicht eher ruhig, als bis wir wieder bei Angelina unter Dach und Fach waren.

Alle vier Dochte der Messinglampe wurden angezündet, einer unserer Kränze wurde um dieselbe gehängt und uns ein Gericht Monzano al pomidoro nebst einer Foglietta vortrefflichen Weines vorgesetzt. Die Bauern tranken unten in der Stube und improvisierten; es fand eine Art Duett zwischen zweien statt, und die ganze Versammlung stimmte in den Chor ein; als ich jedoch mit den andern Kindern vor dem Madonnabilde, das dicht neben dem großen Herde, auf welchem das Feuer brannte, sang, hörten sie alle zu und lobten meine schöne Stimme, so daß ich den finstern Wald draußen und die alte Fulvia, welche mein Schicksal prophezeit hatte, darüber vergaß. Gern hätte ich jetzt angefangen mit den Bauern um die Wette zu improvisieren, aber meine Mutter dämpfte meine Eitelkeit, indem sie mich fragte, ob ich es für passend hielte, daß ich, der ich in der Kirche das Rauchfaß schwänge und dem Volke vielleicht einmal Gottes Wort verkündigen sollte, mich zum Narren machen wollte; es wäre noch nicht Karnevalszeit und sie erlaubte es nicht. Allein als wir am Abend in unsre Schlafkammer kamen, und ich in das breite Bett stieg, drückte sie mich zärtlich an ihr Herz, nannte mich ihren Trost und ihre Freude, und ließ mich, da das Kopfkissen zu niedrig war, mit dem Haupte auf ihrem Arme ruhen, wo ich träumte, bis die Sonne in das Fenster hineinschien und mich zu dem schönen Blumenfest weckte. Wie soll ich den ersten Anblick der Straße, das bunte Bild schildern, wie ich es damals auffaßte! – Die ganze lange Straße, die sich in einer sanften Steigung erhebt, war mit Blumen bedeckt. Der Grund war blau; es sah aus, als hätte man alle Fluren und Gärten geplündert, um für die ganze Straße ausreichend Blumen von derselben Farbe zu erhalten. Die Seiten entlang lagen streifenartig große grüne Blätter, auf welche man Rose neben Rose gelegt hatte. In einiger Entfernung zog sich ein ähnlicher Streifen hin, und der Zwischenraum zwischen beiden war mit dunkelroten Blumen ausgefüllt, so daß förmlich eine große Borte um den ganzen Teppich gebildet wurde. Die Mitte desselben stellte Sterne und Sonnen dar, die man dadurch hervorgebracht, daß man aus einer Menge gelber Blumen steinförmige und runde Figuren gebildet hatte. Mehr Fleiß hatten die Namenszeichen gekostet; hier war Blume an Blume, Blatt an Blatt gelegt. Das Ganze war ein lebendiger Blumenteppich, ein Mosaikboden, reicher an Farbenpracht, als ihn Pompeji aufzuweisen hat. – Kein Windhauch rührte sich, die Blumen lagen fest, als wären es schwere festgedrückte Edelsteine. – Aus allen Fenstern hingen große Teppiche über die Mauern hinab, alle aus Blättern und Blumen gewirkt, die heilige Gemälde bildeten. – Hier führte Joseph den Esel, der die Madonna mit dem Kinde trug; Rosen bildeten Gesicht, Füße und Arme, Levkojen und blaue Anemonen ihr flatterndes Gewand, und die Krone bestand aus Weißen Sternblumen[11], aus dem See Nemi geholt. St. Michael kämpfte mit dem Drachen, die heilige Rosalie streute Rosen auf die dunkelblaue Weltkugel hinab; überall, wohin ich sah, erzählten mir die Blumen biblische Legenden, und alle Menschen, rings umher, waren fröhlich wie ich. Auf den Altanen standen, festlich gekleidet, die reichen Fremden von der andern Seite des Gebirges, und an den Seiten der Straße drängte sich das ungeheure Menschengewimmel, jeder nach seinen Mitteln und seiner eignen Mode geputzt. An dem Bassin um den großen Springbrunnen, wo die Straße eine Biegung macht, hatte meine Mutter Platz genommen; ich stand vor dem Satyrkopfe, der aus dem Wasser hervorsieht.

Die Sonne brannte heiß, alle Glocken läuteten, und der Zug bewegte sich über den herrlichen Blumenteppich; die schöne Musik und der Gesang verkündeten das Kommen desselben. Die Chorknaben schwangen Rauchfässer vor der Monstranz, die hübschesten Mädchen der Umgegend folgten mit Blumenkränzen hinterher, und arme Kinder, mit Flügeln an den nackten Schultern, erwarteten vor dem Hochaltare den sich nähernden Zug mit Engelshymnen. Die jungen Männer hatten flatternde Bänder um den spitzen Hut, auf den das Marienbild geheftet war; silberne und goldene Ringe trugen sie an einer Kette um den Hals, und schöne bunte Schärpen stachen herrlich gegen ihre schwarzen Samtjacken ab. Die Mädchen von Allano und Frascati erschienen mit dünnen Schleiern, zierlich über die Haarflechten geschlungen, die von einem silbernen Pfeile zusammengehalten wurden; die von Velletri trugen Kränze um das Haar und das bunte Halstuch an das Kleid hinabgeheftet, so daß die hübschen Schultern und der runde Busen sichtbar wurden. Aus den Abruzzen, aus den Sümpfen, überall aus der Nachbarschaft kamen sie in ihrer eigentümlichen Nationaltracht und gewährten dadurch den buntesten Anblick. Der Kardinal schritt in seiner reichen Amtstracht unter dem blumengeschmückten Baldachin voran, Mönche aus verschiedenen Orden folgten, und alle trugen sie brennende Wachslichter. Als der ganze Zug die Kirche verlassen hatte, strömte die Menge hinterher. Wir wurden mit fortgerissen und meine Mutter hielt mich an den Schultern fest, damit wir nicht voneinander getrennt würden. Da folgte ich nun, zwischen die Volksmenge eingeklemmt, dem großen Haufen; alles was ich sehen konnte, war allein der blaue Himmel über mir. Mit einem Mal hörte man ringsum ein furchtbares Geschrei; von allen Seiten wurde gedrückt und gedrängt: ein paar Pferde waren scheu geworden. Mehr hörte ich nicht, sondern wurde umgerissen; es wurde mir schwarz vor den Augen, und es war mir, als ob ein Wasserfall über mich hinfortbrauste.

O, Mutter Gottes, was für ein Jammer! Ich fühle noch ein eigentümliches Beben, so oft ich daran zurückdenke. Als ich wieder zu mir kam, lag ich mit dem Kopfe in Mariuccias Schoß, die schrie und jammerte; zur Seite lag meine Mutter lang ausgestreckt und um uns stand ein enger Kreis fremder Menschen. Die scheuen Pferde hatten uns übergefahren, die Räder waren meiner Mutter über die Brust gegangen, das Blut strömte ihr aus dem Munde, sie war tot.

Ich sah, sie drückten ihr die gebrochenen Augen zu und falteten die leblosen Hände, die sich erst vor kurzem zu meinem Schutze voller Zärtlichkeit um mich geschlungen hatten. Die Mönche brachten sie ins Kloster, und da ich völlig unbeschädigt war, denn eine unbedeutende Handverletzung war kaum zu rechnen, nahm mich Mariuccia mit nach der Osteria zurück, wo ich gestern so froh gewesen war, Kränze gewunden und in meiner Mutter Armen geschlafen hatte. Ich war recht aufrichtig betrübt, obschon ich noch nicht verstand, wie völlig verlassen ich nun war. Man gab mir Spielzeug, Obst und Kuchen, versprach mir, ich sollte morgen meine Mutter sehen, und sagte, sie wäre nun bei der Madonna, wo beständig ein heiliges Blumenfest wäre und Freude herrschte. Jedoch auch das übrige Gespräch entging mir nicht. Ich hörte, wie man sich von dem gestrigen häßlichen Raubvogel, von Fulvia und einem Traume, den meine Mutter gehabt hatte, in die Ohren flüsterte. Jetzt, wo sie tot war, hatten sie das Unglück alle vorher geahnt.

Die wilden Pferde waren inzwischen unmittelbar vor der Stadt stehen geblieben, nachdem sie gegen einen Baum gerannt waren. Einem vornehmen Manne von vierzig und einigen Jahren hatte man, halbtot vor Schreck, vom Wagen geholfen. Man erzählte sich, er stammte aus dem borghesischen Hause, besäße eine Villa zwischen Albano und Frascati und wäre durch seine sonderbare Neigung, allerlei Pflanzen und Blumen zu sammeln, bekannt; ja, in den geheimen Künsten sollte er eben so weise wie die kluge Fulvia sein. Ein Diener in reicher Livree brachte dem mutterlosen Kinde von ihm einen Beutel mit zwanzig Scudi.

Am nächsten Abend führte man mich, ehe es zum Ave Maria läutete, in das Kloster, um meine Mutter zum letztenmal zu sehen. Sie lag, festlich wie gestern zum Blumenfeste gekleidet, in dem engen Brettersarge. Ich küßte die gefalteten Hände, und die Frauen weinten mit mir.

An der Pforte standen schon die Leichenträger und das Gefolge, in ihre weißen Kutten mit über das Gesicht herabgelassenen Kapuzen vermummt. Sie hoben die Bahre auf ihre Schultern, die Kapuziner zündeten ihre Wachslichter an und begannen den Leichengesang. Mariuccia ging mit mir dicht neben der Leiche; der glutrote Abendhimmel beleuchtete das Antlitz meiner Mutter, sie sah aus, als ob sie lebte. Die andern Kinder aus der Stadt liefen fröhlich um mich her und sammelten in Tüten das Wachs, welches von den Lichtern der Mönche herabträufelte. Wir gingen durch die Straße, durch welche sich gestern die Festprozession bewegte; noch lagen die Blumen und Blätter da, aber all' die Bilder, all' die schönen Figuren waren wie das Glück meiner eignen Jugend, wie das Glück des vorigen Tages vernichtet. Ich sah sie auf dem Kirchhofe den großen Stein auf die Seite heben, der das Gewölbe deckt, in welches die Leichen hinabgesenkt werden. Ich sah den Sarg hinabgleiten und hörte das schwache Dröhnen, als er mit den andern Särgen dort unten zusammenstieß. Darauf zogen sie alle fort, aber Mariuccia ließ mich auf den Grabstein knieen und ein »ora pro nobis« beten. In der mondklaren Nacht reisten wir von Genzano ab; Federigo und zwei Fremde begleiteten uns. Dichtes Gewölk hing um das Albanergebirge. Ich betrachtete die leichten Nebelgebilde, welche im Mondscheine über die Campagna flogen; die andern sprachen nur wenig, und bald schlief und träumte ich von der Madonna, von den Blumen und meiner Mutter, die noch lebte, mich anlächelte und anredete.

Onkel Peppo. Die Nacht im Kolosseum. Der Abschied.

Was nun eigentlich aus mir werden sollte, das war die große Frage, als wir nach Rom und dem Hause meiner Mutter zurückgekehrt waren. Fra Martino stimmte dafür, daß ich Mariuccias Eltern, einem braven Hirtenpaare in der Campagna, übergeben werden sollte. Die zwanzig Scudi würden für sie ein Reichtum sein, der mir einen Kindesplatz in ihrem Herzen und Hause sicherte. Jedoch war ich auch halb ein Glied der Kirche, und kam ich nun in die Campagna hinaus, so konnte ich nicht länger das Rauchfaß in der Kapuzinerkirche schwingen. Federigo fand ebenfalls, daß es das beste wäre, ich bliebe bei ehrlichen Leuten in Rom; er wünschte nicht, sagte er, daß ich ein roher einfältiger Bauer würde. Während Fra Martino mit den Klosterbrüdern beratschlagte, kam mittlerweile mein Onkel Peppo auf seinen Holzklötzen angerutscht; er hatte vom Tode meiner Mutter und daß mir zwanzig Scudi zugefallen wären gehört, und namentlich dieser letztern wegen erschien er, um gleichfalls seine Stimme geltend zu machen. Er erklärte, daß er als der Einzige, den ich jetzt in der Welt hätte, sich meiner annehmen müßte. Ich sollte ihn begleiten, und alles was sich noch im Hause befände, gehörte ihm nun nicht weniger als die zwanzig Scudi. Mariuccia versicherte mit dem größten Eifer, daß Fra Martino und sie alles aufs beste geordnet hätten, und gab ihm zu verstehen, daß er als Krüppel und Bettler genug mit sich selbst zu thun hätte und hier keine Stimme haben könnte. Federigo verließ das Zimmer, und die beiden Zurückgebliebenen ließen nun einander gegenseitig die eigennützige Ursache ihrer Sorge für mich hören. Onkel Peppo spie Galle, und Mariuccia stand ihm wie eine Furie gegenüber: sie wollte weder mit ihm, noch mit dem Knaben, noch mit dem Ganzen etwas zu thun haben, sagte sie; ihretwegen könnte er mich dreist nehmen und mir ein paar Rippen brechen, um einen Krüppel zu bekommen, der für seine Tasche betteln könnte! Er sollte mich nur gleich mitnehmen, allein das Geld behielte sie, bis Fra Martino käme; nicht einen Groschen sollten seine falschen Augen zu sehen bekommen. Peppo drohte, ihr mit seinem Handbrette ein Loch in den Kopf zu schlagen, so groß wie die Piazza del Popolo. Ich stand weinend zwischen ihnen; Mariuccia stieß mich von sich, und Peppo zog mich zu sich; ich sollte ihn begleiten, sagte er, mich nur an ihn halten. Wenn er die Last hätte, müßte er auch den Lohn erhalten! Der römische Senat verstände schon einem ehrlichen Manne zu seinem Rechte zu verhelfen! Ohne daß ich es wollte, zog er mich darauf bis zur Hausthür hinaus, wo ein zerlumpter Junge seinen Esel hielt; denn zu größeren Ausflügen und wenn es auf Geschwindigkeit ankam, warf er die Handbretter beiseite und preßte seine verdorrten Beine fest an den Esel; dieser und er wurden dadurch förmlich ein Körper. Mich nahm er vor sich auf das Tier, der Junge versetzte demselben einen Schlag, und dann galoppierten wir vorwärts, während er mich auf seine Weise liebkoste.

»Siehst du, mein Kind!« sagte er, »ist es nicht ein herrlicher Esel. Und fliegen kann er, fliegen, wie ein Wettrenner auf dem Korso! Du sollst es gut bei mir bekommen, wie ein Engel Gottes, du lieber Junge!« Und nun folgten tausend Flüche und Verwünschungen über Mariuccia.

»Wo hast du das schöne Kind gestohlen?« fragten ihn seine Bekannten beim Vorbeireiten, und dann wurde jedesmal meine Geschichte zum besten gegeben und fast an jeder Ecke wiederholt. Die Limonadenverkäuferin gab uns auch für die lange Erzählung ein ganzes Glas, um es uns zu teilen, und schenkte mir für unterwegs eine Pinienfrucht, denn die Kerne hatte sie schon alle verloren. Bevor wir noch unser Obdach erreicht hatten, war die Sonne schon untergegangen. Ich sprach nicht ein Wort, drückte aber die Hände vor die Augen und weinte. In einem kleinen Verschlage neben dem großen Zimmer wies er mir im Winkel eine Schicht von Maisblättem, oder vielmehr von den Hülsen dieser Frucht, zum Schlafen an; hungrig konnte ich, wie er sagte, noch nicht sein, und durstig eben so wenig; wir hätten ja das köstliche Glas Limonade getrunken; er streichelte mir die Wangen und zeigte dabei das häßliche Lächeln, welches mich immer erschreckt hatte. Nun, fragte er mich aus, wie viel Silberstücke sich in dem Gelbbeutel befänden, ob Mariuccia den Vetturino daraus bezahlt hätte, und was der fremde Diener gesagt, als er mit dem Gelde kam. Aber ich wußte keinen Bescheid zu erteilen und fragte weinend, ob ich immer hier bleiben müßte, ob ich nicht morgen nach Hause käme.

»Ja gewiß, ja gewiß!« sagte er, »schlaf nur, aber vergiß dein Ave Maria nicht! Wenn der Mensch schläft, wacht der Teufel! Mache das Kreuzeszeichen über dir, es ist eine eiserne Mauer, welche der brüllende Löwe nicht durchdringen kann! Bete fromm und bitte, daß die Madonna die falsche Mariuccia, die dir Unschuldigen Kummer bereitet, und dich und mich um dein Wohl betrügt, mit Gift und Eiterbeulen bestrafen wolle. Schlafe nur, die Luke lasse ich offen stehen, die frische Luft ist halbes Abendbrot! Fürchte dich nicht vor den Fledermäusen!

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