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Der Hypnotiseur

LARS KEPLER

DER
HYPNOTISEUR

Kriminalroman

Übersetzung aus dem Schwedischen
von Paul Berf

BASTEI ENTERTAINMENT

»Wie Feuer, genau wie Feuer.« So lauteten die ersten Worte, die der hypnotisierte Junge sagte. Obwohl er lebensgefährlich verletzt war – Dutzende Stich- und Schnittwunden im Gesicht, an den Beinen, an Rumpf und Rücken, unter den Füßen, im Nacken und am Hinterkopf –, hatte man ihn hypnotisiert, weil man hoffte, mit seinen Augen sehen zu können, was geschehen war.

»Ich kneife die Augen zusammen«, murmelte er. »Ich gehe in die Küche, aber da stimmt etwas nicht, es knirscht zwischen den Stühlen, und auf dem Fußboden breitet sich ein leuchtend rotes Feuer aus.«

Der Polizeimeister, der ihn zwischen den anderen Leichen in dem Reihenhaus gefunden hatte, hielt den Jungen für tot. Er hatte viel Blut verloren und einen medizinischen Schock erlitten und war erst sieben Stunden später wieder zu Bewusstsein gekommen.

Er war der einzige überlebende Zeuge, und Kriminalkommissar Joona Linna nahm an, dass der Junge ihm eine gute Personenbeschreibung liefern könnte. Der Täter hatte alle töten wollen und sich deshalb vermutlich nicht die Mühe gemacht, während der Tat sein Gesicht zu verhüllen.

Wären die übrigen Tatumstände nicht so außergewöhnlich gewesen, wäre man dennoch wohl nie auf den Gedanken verfallen, sich an einen Hypnotiseur zu wenden.

In der griechischen Mythologie ist der Gott Hypnos ein geflügelter Junge, der Mohnkapseln in der Hand trägt. Sein Name bedeutet Schlaf. Er ist der Zwillingsbruder des Todes und ein Sohn von Nacht und Dunkelheit.

In seiner modernen Bedeutung wurde das Wort Hypnose erstmals 1843 von dem schottischen Chirurgen James Braid benutzt. Mit dem Begriff beschrieb er einen schlafähnlichen Zustand von gesteigerter Aufmerksamkeit und großer Empfänglichkeit.

Heute ist es wissenschaftlich erwiesen, dass fast jeder Mensch hypnotisiert werden kann. Die Meinungen hinsichtlich der Anwendbarkeit, der Verlässlichkeit und der Gefahren der Hypnose gehen dagegen weit auseinander. Diese Zwiespältigkeit liegt wahrscheinlich darin begründet, dass die Hypnose von Betrügern, Scharlatanen und Geheimdiensten in aller Welt missbraucht worden ist.

Technisch gesehen ist es leicht, einen Menschen in einen hypnotischen Bewusstseinszustand zu versetzen, die Schwierigkeit besteht vielmehr darin, den Verlauf der Hypnose zu steuern, den Patienten zu begleiten, die Ergebnisse zu analysieren und einzuordnen. Man braucht viel Erfahrung und großes Talent, um die Tiefenhypnose beherrschen zu können. Auf der ganzen Welt gibt es kaum mehr als eine Handvoll medizinisch kompetenter Experten für Hypnose.

1
Die Nacht zum achten Dezember

Als das Telefon klingelt, wird Erik Maria Bark aus einem Traum gerissen. Bevor er richtig wach ist, hört er sich selbst sagen:

»Ballons und Luftschlangen.«

Plötzlich aus dem Schlaf gerissen, pocht sein Herz. Erik weiß nicht, was er mit seinen Worten gemeint haben könnte, hat keine Ahnung, worum es in seinem Traum ging.

Um Simone nicht zu wecken, schleicht er sich aus dem Schlafzimmer und schließt die Tür, ehe er sich meldet.

»Erik Maria Bark.«

Ein Kriminalkommissar namens Joona Linna fragt ihn, ob er wach genug ist, um wichtige Informationen aufzunehmen. Als er den Worten des Kommissars lauscht, fallen seine Gedanken immer noch in die dunkle Leere nach dem Traum.

»Man hat mir gesagt, dass Sie Experte für Traumabehandlung sind«, sagt Joona Linna.

»Ja«, antwortet Erik knapp.

Während er den Ausführungen des Polizisten lauscht, nimmt er eine Schmerztablette. Der Kommissar erklärt, er müsse jemanden vernehmen. Ein fünfzehnjähriger Junge sei Zeuge eines Doppelmords geworden. Es gebe nur leider das Problem, dass der Junge selbst lebensgefährlich verletzt worden sei. Sein Zustand ist instabil, er hat einen medizinischen Schock erlitten und ist bewusstlos. In der Nacht ist er aus der Neurologie in Huddinge in die Neurochirurgie des Karolinska-Universitätskrankenhauses in Solna verlegt worden.

»Wer ist der behandelnde Arzt?«, fragt Erik.

»Daniella Richards.«

»Sie ist sehr kompetent, und ich bin mir sicher, dass sie …«

»Sie wollte, dass ich Sie anrufe«, unterbricht ihn der Kommissar. »Sie braucht Ihre Hilfe, und es ist anscheinend ziemlich dringend.«

Erik kehrt ins Schlafzimmer zurück, um seine Kleider zu holen. Der Lichtstreifen einer Straßenlaterne fällt zwischen den beiden Rollos ins Zimmer. Simone liegt auf dem Rücken und sieht ihn mit seltsam leeren Augen an.

»Tut mir leid, dass ich dich geweckt habe«, sagt er gedämpft.

»Wer war das?«, fragt sie.

»Ein Polizist … ein Kriminalkommissar, ich habe seinen Namen nicht richtig verstanden.«

»Was wollte er?«

»Ich muss ins Karolinska«, antwortet er. »Sie brauchen meine Hilfe bei einem Jungen.«

»Wie spät ist es eigentlich?«

Sie sieht auf den Wecker und schließt die Augen. Er sieht, dass die Falten des Betttuchs auf ihren von Sommersprossen übersäten Schultern Streifen hinterlassen haben.

»Schlaf weiter, Sixan«, flüstert er.

Erik trägt seine Kleider in den Flur, macht Licht und zieht sich rasch an. Eine glänzende Stahlklinge blitzt hinter ihm auf. Erik dreht sich um und sieht, dass sein Sohn seine Schlittschuhe an die Klinke der Wohnungstür gehängt hat, damit er sie nicht vergisst. Obwohl Erik in Eile ist, geht er zur Kleiderkammer, zieht eine Kiste ins Licht und sucht die Kufenschoner heraus. Er schiebt sie über die scharfen Klingen, legt die Schlittschuhe anschließend auf den Teppich und verlässt die Wohnung.

Es ist drei Uhr nachts am Dienstag, den 8. Dezember, als sich Erik Maria Bark ins Auto setzt. Träge fällt Schnee aus einem schwarzen Himmel. Es herrscht völlige Windstille, und die schweren Flocken legen sich schläfrig auf die leere Straße. Er dreht den Schlüssel im Zündschloss, und Musik rollt heran wie sanfte Wellen: Miles Davis’ Kind of Blue.

Er fährt die kurze Strecke von der Luntmakargatan zur nördlichen Stadtgrenze durch die schlafende Stadt. Hinter dem fallenden Schnee kann man das Wasser der Brunnsviken als große, dunkle Öffnung erahnen. Langsam rollt er auf das Krankenhausgelände, zwischen dem unterbesetzten Astrid-Lindgren-Kinderkrankenhaus und der Entbindungsstation hindurch, an Strahlentherapie und Psychiatrie vorbei, parkt auf seinem angestammten Platz vor der neurochirurgischen Klinik und steigt aus dem Wagen. Das Licht der Straßenlaternen spiegelt sich in den Fenstern des hohen Gebäudekomplexes. Auf dem Besucherparkplatz stehen nur vereinzelte Autos. In der Dunkelheit zwischen den Bäumen bewegen sich Amseln mit raschelnden Flügeln. Erik fällt auf, dass man die Autobahn um diese Uhrzeit nicht hört.

Er steckt seine Zugangskarte in den Schlitz, gibt den sechsziffrigen Code ein, betritt das Foyer, nimmt den Aufzug in den fünften Stock und geht den Flur hinab. Das Licht der Neonröhren an der Decke schimmert auf dem blauen PVC-Boden wie Eis in einem Straßengraben. Erst jetzt, nach dem plötzlichen Adrenalinstoß, spürt er, wie müde er in Wahrheit ist. Der Schlaf ist so erholsam gewesen, dass er immer noch einen glücklichen Nachgeschmack hinterlässt. Er passiert einen Operationssaal, geht an den Türen der riesigen Druckkammer vorbei, grüßt eine Krankenschwester und lässt in Gedanken nochmals Revue passieren, was ihm der Kriminalkommissar am Telefon erzählt hat: Ein Junge blutet, hat Schnittwunden am ganzen Körper, schwitzt, will nicht liegen bleiben, ist rastlos und sehr durstig. Man versucht ihn anzusprechen, aber sein Zustand verschlechtert sich rapide. Sein Bewusstsein schwindet, während das Herz gleichzeitig rast, und die behandelnde Ärztin Daniella Richards trifft die völlig richtige Entscheidung, der Kriminalpolizei jeden Zugang zu ihrem Patienten zu verwehren.

Vor der Tür zu Station N 18 stehen zwei uniformierte Polizisten. Erik meint einen Anflug von Besorgnis auf ihren Gesichtern entdecken zu können, als er sich ihnen nähert. Vielleicht sind sie auch nur müde, denkt er, als er vor ihnen stehen bleibt und sich ausweist. Sie werfen einen kurzen Blick auf seine Papiere und drücken anschließend den Knopf, sodass die Tür surrend aufschwingt.

Erik geht hinein, gibt Daniella Richards die Hand und bemerkt den angespannten Zug um ihren Mund, den gezügelten Stress in ihren Bewegungen.

»Nimm dir einen Kaffee«, sagt sie.

»Reicht die Zeit dafür?«, fragt Erik.

»Ich habe die Blutung in der Leber unter Kontrolle«, antwortet sie.

Ein Mann von etwa fünfundvierzig Jahren in einer Jeans und einem schwarzen Jackett steht vor dem Kaffeeautomaten und klopft gegen das Gehäuse. Er hat wild zerzauste blonde Haare, und seine Lippen sind ernst, zusammengepresst. Erik überlegt, dass er Daniellas Mann Magnus sein könnte. Er ist ihm noch nie begegnet, hat nur das Foto in ihrem Büro gesehen.

»Ist das dein Mann?«, fragt Erik und deutet in seine Richtung.

»Bitte?«

Sie wirkt gleichzeitig amüsiert und erstaunt.

»Ich dachte, Magnus wäre vielleicht mitgekommen.«

»Nein«, lacht sie.

»Bist du sicher? Ich kann ihn ja mal fragen«, scherzt Erik und geht auf den Mann zu.

Daniellas Handy klingelt, und sie klappt es lachend auf.

»Erik, lass das«, sagt sie, ehe sie sich das Telefon ans Ohr hält und sich meldet. »Daniella.«

Sie lauscht, hört aber nichts.

»Hallo?«

Sie wartet ein paar Sekunden und beendet den Anruf dann ironisch mit dem hawaiianischen Gruß »Aloha«, ehe sie das Telefon wieder zuklappt und Erik folgt, der zu dem blonden Mann geht. Der Kaffeeautomat brummt und zischt.

»Trinken Sie einen Kaffee«, sagt der Mann und versucht, Erik den Kaffeebecher in die Hand zu drücken.

»Nein, danke.«

Der Mann nippt an dem Kaffee und lächelt mit Grübchen in den Wangen.

»Schmeckt gut«, sagt er und versucht erneut, Erik den Becher aufzudrängen.

»Ich möchte keinen.«

Der Mann trinkt noch einen Schluck und sieht Erik dabei an.

»Könnte ich mir Ihr Handy ausborgen?«, fragt er plötzlich. »Wenn das okay ist. Ich habe meins im Auto liegen gelassen.«

»Und jetzt wollen Sie sich meins leihen?«, fragt Erik reserviert.

Der blonde Mann nickt und sieht ihn mit hellen Augen an, die grau sind wie polierter Granit.

»Sie können meins haben«, wirft Daniella ein.

»Danke.«

»Nichts zu danken.«

Der blonde Mann nimmt das Telefon entgegen, sieht es an und begegnet ihrem Blick.

»Ich verspreche Ihnen, dass Sie es zurückbekommen«, sagt er.

»Sie sind ohnehin der Einzige hier, der es benutzt«, scherzt sie.

Er lacht und zieht sich ein wenig von den beiden zurück.

»Das muss dein Mann sein«, sagt Erik.

Sie schüttelt lächelnd den Kopf und sieht auf einmal sehr müde aus. Sie hat sich die Augen gerieben und silbergraues Kajal auf ihrer Wange verschmiert.

»Soll ich mir jetzt den Patienten ansehen?«, fragt Erik.

»Von mir aus gern«, nickt sie.

»Wenn ich schon einmal hier bin«, beeilt er sich zu sagen.

»Erik, ich möchte wirklich deine Meinung hören, ich bin unsicher.«

Sie öffnet die schwere, leise Tür, und er folgt ihr in den warmen Raum neben dem Operationssaal. In einem Bett liegt ein schlaksiger Junge. Zwei Krankenschwestern verbinden seine Wunden neu. Es handelt sich um Dutzende Schnitt- und Stichwunden am ganzen Körper. Unter den Füßen, an Brust und Bauch, im Nacken, mitten auf dem Kopf, im Gesicht, an den Händen.

Sein Puls ist schwach, aber sehr schnell. Die Lippen sind aluminiumgrau, er schwitzt, und seine Augen sind fest geschlossen. Die Nase scheint gebrochen zu sein. Unter der Haut breitet sich ein Bluterguss wie eine dunkle Wolke vom Hals bis zur Brust aus.

Erik fällt auf, dass das Gesicht des Jungen trotz der Verletzungen schön ist. Daniella berichtet ruhig, wie sich die Werte des Jungen verändert haben, als ein Klopfen sie plötzlich verstummen lässt. Es ist wieder der blonde Mann. Er winkt ihnen durch die Fensterscheibe in der Tür zu.

Erik und Daniella sehen sich an und verlassen das Untersuchungszimmer. Der blonde Mann steht erneut neben dem zischenden Kaffeeautomaten.

»Ein großer Cappuccino«, sagt er an Erik gewandt. »Den können Sie gebrauchen, bevor Sie dem Polizisten begegnen, der den Jungen gefunden hat.«

Erst jetzt begreift Erik, dass der blonde Mann jener Kriminalkommissar sein muss, der ihn vor weniger als einer Stunde geweckt hat. Am Telefon hatte Erik den finnischen Akzent nicht so deutlich wahrgenommen, aber vielleicht war er auch nur zu müde gewesen, um ihn zu registrieren.

»Warum sollte ich den Polizisten treffen wollen, der den Jungen gefunden hat?«, fragt Erik.

»Um zu verstehen, warum ich ihn vernehmen …«

Als Daniellas Handy klingelt, verstummt Joona Linna. Er zieht es aus seiner Jacketttasche, ignoriert ihre ausgestreckte Hand und blickt rasch auf das Display.

»Das dürfte für mich sein«, erklärt er und meldet sich. »Ja … Nein, ich will ihn hier haben. Okay, aber das ist mir scheißegal.«

Der Kommissar lächelt, als er den Einwänden seines Kollegen am anderen Ende lauscht.

»Aber mir ist da was aufgefallen«, antwortet Joona.

Der andere schreit etwas.

»Ich mache das auf meine Art«, sagt Joona mit ruhiger Stimme und beendet das Gespräch.

Er gibt Daniella das Telefon zurück und bedankt sich wortlos.

»Ich muss den Patienten vernehmen«, erklärt er ernst.

»Tut mir leid«, erwidert Erik. »Ich bin der gleichen Meinung wie Doktor Richards.«

»Wann werde ich mit ihm sprechen können?«, fragt Joona.

»Solange er sich in diesem Schockzustand befindet, jedenfalls nicht.«

»Ich wusste, dass Sie das sagen würden«, entgegnet Joona leise.

»Sein Zustand ist immer noch sehr kritisch«, erläutert Daniella. »Das Lungenfell ist ebenso verletzt wie Dünndarm und Leber und …«

Ein Mann in einer besudelten Polizeiuniform kommt herein. Seine Augen flackern unruhig. Joona winkt, geht zu ihm und gibt ihm die Hand. Er sagt etwas mit gedämpfter Stimme, und der Beamte streicht sich über den Mund und sieht die Ärzte an. Der Kriminalkommissar wiederholt an den Polizisten gewandt, dass alles in Ordnung sei, sie müssten nur die Umstände der Tat erfahren, weil dies eine große Hilfe für sie sein könne.

»Ja, also«, sagt der Polizist und räuspert sich schwach. »Wir bekommen über Funk Meldung, dass ein Raumpfleger in der Toilette am Sportplatz in Tumba eine männliche Leiche gefunden hat. Und wir sind mit unserem Wagen sowieso schon auf dem Huddingevägen und brauchen also bloß noch in den Dalavägen abzubiegen und zum See hoch zu fahren. Mein Kollege, Janne, geht rein, während ich draußen bleibe und mit dem Raumpfleger spreche. Erst haben wir gedacht, es ginge um eine Überdosis, aber mir ist schnell klar geworden, dass etwas anderes los sein muss. Janne kommt aus dem Umkleideraum, ist ganz weiß im Gesicht und will mich irgendwie nicht durchlassen. Da ist nur scheißviel Blut, sagt er dreimal, und dann lässt er sich einfach auf die Treppe fallen und …«

Der Polizist verstummt, setzt sich auf einen Stuhl und starrt mit halb offenem Mund vor sich hin.

»Könntest du bitte weitermachen?«, sagt Joona.

»Ja also … der Krankenwagen kommt, der Tote wird identifiziert, und ich bekomme den Auftrag, mit den Angehörigen zu sprechen. Wir haben nicht genug Leute vor Ort, also muss ich alleine hinfahren. Denn meine Chefin sagt, dass sie Janne in dem Zustand nicht gehen lassen will, und das kann man ja auch verstehen.«

Erik sieht auf die Uhr.

»Sie haben die Zeit, sich das anzuhören«, sagt Joona mit seinem ruhigen finnischen Klang in der Stimme.

»Der Verstorbene«, fährt der Beamte mit gesenktem Blick fort, »ist Lehrer am Gymnasium von Tumba und wohnt in der Reihenhaussiedlung oben auf der Anhöhe. Es macht keiner auf. Ich klingele ein paarmal. Also, ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, warum ich um die Häuserzeile herumgegangen bin und auf der Rückseite mit der Taschenlampe ins Haus hineingeleuchtet habe.«

Der Polizist verstummt, sein Mund zittert, und er kratzt mit einem Fingernagel über die Armlehne des Stuhls.

»Sprich weiter«, bittet Joona ihn.

»Muss das wirklich sein, denn ich … ich …«

»Du hast den Jungen, die Mutter und ein kleines Mädchen von fünf Jahren gefunden. Der Junge war als Einziger noch am Leben.«

»Obwohl ich gedacht habe … ich …«

Er verstummt, sein Gesicht ist leichenblass.

»Danke, dass du gekommen bist, Erland«, sagt Joona.

Der Polizist nickt schnell und steht auf, streicht sich mit der Hand verwirrt über seine schmutzige Jacke und verlässt das Zimmer.

»Alle waren voller Stich- und Schnittwunden«, fährt Joona fort. »Der nackte Wahnsinn, die Opfer waren übel zugerichtet, man hat sie getreten, geschlagen, mit Stichen malträtiert, und das kleine Mädchen … ist in zwei Teile zertrennt worden. Unterkörper und Beine lagen in einem Sessel vor dem Fernseher und …«

Er verstummt und beobachtet Erik, ehe er weiterspricht:

»Der Täter scheint gewusst zu haben, dass der Familienvater sich auf dem Sportplatz aufhielt«, erklärt Joona. »Ein Fußballspiel, er war der Schiedsrichter. Der Mörder hat gewartet, bis der Mann alleine war, ehe er ihn tötete, aggressiv zerstückelte und danach zu dem Reihenhaus fuhr, um die anderen zu töten.«

»Es hat sich in dieser Reihenfolge abgespielt?«, fragt Erik.

»Davon bin ich fest überzeugt«, antwortet der Kommissar.

Erik spürt, dass seine Hand zittert, als er sich über den Mund fährt. Vater, Mutter, Sohn, Tochter, denkt er sehr langsam und begegnet anschließend Joona Linnas Blick.

»Der Täter wollte die ganze Familie auslöschen«, konstatiert Erik mit schwacher Stimme.

Joona macht eine unschlüssige Geste.

»Genau das ist der Punkt, warum … Ein Kind fehlt nämlich noch, die ältere Schwester. Eine junge Frau von dreiundzwanzig Jahren. Wir können sie nicht finden. Sie hält sich nicht in ihrer Wohnung in Sundbyberg auf, ist offenbar auch nicht bei ihrem Freund. Wir denken, dass der Mörder es auch auf sie abgesehen haben könnte. Deshalb wollen wir den Zeugen möglichst schnell vernehmen.«

»Ich werde zu ihm gehen und ihn gründlich untersuchen«, sagt Erik.

»Danke«, nickt Joona.

»Aber wir können das Leben des Patienten nicht riskieren, indem wir …«

»Dafür habe ich volles Verständnis«, unterbricht Joona ihn. »Es ist nur so, je länger es dauert, bis wir eine Spur haben, desto mehr Zeit bleibt dem Täter, um nach der Schwester zu suchen.«

»Vielleicht sollten Sie die Tatorte untersuchen«, meint Daniella.

»Die Arbeit ist in vollem Gange«, erwidert er.

»Fahren Sie hin und treiben Sie lieber Ihre eigenen Leute an«, sagt sie.

»Es wird so oder so nichts dabei herauskommen«, entgegnet der Kommissar.

»Wie meinen Sie das?«

»Wir werden an diesen Orten die vermischte DNA von Hunderten, vielleicht sogar über tausend Menschen finden.«

Erik kehrt zu dem Patienten zurück. Er steht vor dem Bett, betrachtet das blasse, verwundete Gesicht. Die flache Atmung. Die verfrorenen Lippen. Erik spricht den Namen des Jungen aus, und ein angespannter, schmerzerfüllter Zug legt sich auf das Gesicht.

»Josef«, wiederholt er leise. »Ich heiße Erik Maria Bark, ich bin Arzt und werde dich jetzt untersuchen. Wenn du verstehst, was ich sage, darfst du ruhig nicken.«

Der Junge liegt vollkommen still, und sein Bauch bewegt sich im Takt der kurzen Atemzüge. Trotzdem ist Erik überzeugt, dass der Junge seine Worte verstanden hat, bevor sein Bewusstsein geschwunden und der Kontakt abgebrochen ist.

Als Erik eine halbe Stunde später den Raum verlässt, sehen Daniella und der Kriminalkommissar ihn an.

»Wird er durchkommen?«, fragt Joona.

»Es ist noch zu früh, um das zu sagen, aber er …«

»Der Junge ist unser einziger Zeuge«, unterbricht ihn der Polizist. »Jemand hat seinen Vater, seine Mutter und seine kleine Schwester umgebracht, und dieselbe Person ist vermutlich in diesem Moment auf dem Weg zu seiner großen Schwester.«

»Das wissen wir alles«, sagt Daniella. »Aber wir denken vielleicht, dass die Polizei lieber nach ihr suchen sollte, statt uns bei der Arbeit zu stören.«

»Wir suchen sie schon, aber das dauert mir alles zu lange. Wir müssen mit dem Jungen sprechen, weil er aller Wahrscheinlichkeit nach das Gesicht des Täters gesehen hat.«

»Es kann Wochen dauern, bis der Junge vernehmungsfähig ist«, sagt Erik. »Ich meine, wir können ihn ja schlecht wachrütteln und ihm erzählen, dass seine ganze Familie tot ist.«

»Und wie wäre es mit Hypnose?«, meint Joona.

Es wird still im Raum. Erik denkt an den Schnee, der auf die Brunnsviken fiel, als er in die Klinik gefahren ist. Wie er zwischen den Bäumen auf das dunkle Wasser hinabrieselte.

»Nein«, flüstert er vor sich hin.

»Eine Hypnose würde nicht funktionieren?«

»Damit kenne ich mich nicht aus«, antwortet Erik.

»Nun habe ich aber leider ein hervorragendes Gedächtnis für Gesichter«, sagt Joona breit grinsend. »Sie sind ein berühmter Hypnotiseur, Sie könnten …«

»Ich war ein Versager«, unterbricht Erik ihn.

»Das glaube ich Ihnen nicht«, sagt Joona. »Außerdem geht es hier um einen Notfall.«

Daniellas Wangen laufen rot an, und sie lächelt mit gesenktem Blick.

»Ich kann nicht«, sagt Erik.

»Ehrlich gesagt trage ich hier die Verantwortung für den Patienten«, erklärt Daniella mit erhobener Stimme. »Und mir erscheint es wenig verlockend, die Erlaubnis zu einer Hypnose zu erteilen.«

»Und wenn Sie zu dem Schluss kämen, dass für den Patienten keine Gefahr besteht?«, fragt Joona.

Erik wird klar, dass der Kriminalkommissar von Anfang an eine Hypnose als mögliche Lösung seines Problems ins Auge gefasst hat und keiner spontanen Eingebung folgt. Joona Linna hat ihn nur deshalb ins Krankenhaus gebeten, um ihn davon zu überzeugen, den Patienten zu hypnotisieren, und nicht, weil er Experte für die Behandlung akuter Schock- und Traumazustände ist.

»Ich habe mir geschworen, nie wieder jemanden zu hypnotisieren«, sagt Erik.

»Okay, ich verstehe«, erwidert Joona. »Ich habe gehört, dass Sie der Beste waren, aber was soll’s, ich werde Ihre Entscheidung wohl oder übel respektieren müssen.«

»Es tut mir leid«, sagt Erik.

Er betrachtet durch das Fenster den Patienten und wendet sich anschließend an Daniella.

»Hat er Desmopressin bekommen?«

»Nein, damit wollte ich lieber noch warten«, antwortet sie.

»Warum?«

»Wegen der Gefahr thromboembolischer Komplikationen.«

»Ich habe die Diskussion verfolgt, aber ich glaube nicht, dass da was dran ist, mein Sohn bekommt von mir ständig Desmopressin«, sagt Erik.

Joona erhebt sich schwerfällig von seinem Stuhl.

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir einen anderen Hypnotiseur empfehlen könnten«, sagt er.

»Wir wissen doch noch nicht einmal, ob der Patient jemals wieder zu Bewusstsein kommen wird«, entgegnet Daniella.

»Also ich rechne schon damit, dass …«

»Und er muss ja wohl bei Bewusstsein sein, um hypnotisiert werden zu können«, sagt sie abschließend und verzieht ein wenig den Mund.

»Als Erik ihn angesprochen hat, war er jedenfalls ganz aufmerksam«, sagt Joona.

»Das glaube ich nicht«, murmelt sie.

»Doch, er hat mich gehört«, bestätigt Erik.

»Wir könnten seine Schwester retten«, fährt Joona fort.

»Ich fahre jetzt nach Hause«, sagt Erik leise. »Gib dem Patienten Desmopressin und zieh auch die Druckkammer in Erwägung.«

Er verlässt den Raum und zieht seinen Arztkittel aus, während er den Flur hinabgeht und sich in den Aufzug stellt. Im Foyer halten sich mehrere Menschen auf. Die Eingangstüren sind geöffnet worden, und der Himmel wird kaum merklich heller. Schon als das Auto vom Parkplatz rollt, streckt er sich nach der kleinen Holzschachtel, die er im Handschuhfach verwahrt. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, tippt er den Deckel mit dem bunten Papagei und dem Eingeborenen auf, fängt drei Tabletten auf und schluckt sie schnell. Er muss ein paar Stunden schlafen, bevor er Benjamin wecken und ihm seine Spritze geben wird.

2
Dienstagmorgen, der achte Dezember

Kriminalkommissar Joona Linna bestellt im Il caffè in der Bergsgatan ein großes Ciabatta mit Parmesan, Bresaola und getrockneten Tomaten. Es ist früh am Morgen, und das kleine Café hat gerade erst geöffnet: Die junge Frau, die seine Bestellung entgegennimmt, ist bisher nicht einmal dazu gekommen, die Brote aus den Tüten auszupacken.

Nachdem er gestern Abend zu später Stunde die Tatorte in Tumba inspiziert, das überlebende Opfer im Karolinska-Krankenhaus in Solna besucht und mitten in der Nacht mit den beiden Ärzten Daniella Richards und Erik Maria Bark gesprochen hat, ist er zu seiner Wohnung im Stadtteil Fredhäll gefahren und hat drei Stunden geschlafen.

Jetzt wartet Joona auf sein Frühstück, betrachtet durch das beschlagene Fenster das Rathaus und denkt an den Tunnel, jenen unterirdischen Gang, der unter dem Park zwischen dem gewaltigen Gebäudekomplex der Polizei und dem Rathaus verläuft. Er bekommt seine EC-Karte zurück, leiht sich einen riesigen Stift von der gläsernen Theke, unterschreibt die Quittung und verlässt das Café.

Schneeregen fällt sehr schnell vom Himmel, als er mit seinem warmen Brotpaket in der einen Hand und der Sporttasche mit dem Hallenbandyschläger in der anderen die Bergsgatan hinaufeilt.

Heute spielen wir gegen die Fahndung – und werden verdammt alt aussehen, denkt Joona. Wir werden eine herbe Niederlage einstecken müssen, genau wie sie es uns angedroht haben.

Die Hallenbandymannschaft der Landeskriminalpolizei verliert gegen die Schutzpolizei, die Verkehrspolizei, die Wasserschutzpolizei, die nationale Eingreiftruppe, das Einsatzkommando und den Staatsschutz. Aber diese Spiele bieten den Beamten einen guten Vorwand, sich hinterher in einer Kneipe zu treffen und den Ärger herunterzuspülen.

Die Jungs aus dem Labor sind die Einzigen, die wir besiegt haben, denkt Joona.

Als Joona an der Längsseite des Polizeipräsidiums und am Haupteingang vorbeigeht, ahnt er noch nicht, dass er an diesem Dienstag weder Bandy spielen noch in die Kneipe gehen wird. Er sieht, dass jemand ein Hakenkreuz auf den Wegweiser zum Verhandlungssaal des Amtsgerichts gemalt hat. Mit großen Schritten geht er zum Untersuchungsgefängnis Kronoberg hinauf und sieht, wie sich das große Tor lautlos hinter einem Wagen schließt. Auf der großen Fensterscheibe des Wachhäuschens schmelzen Schneeflocken. Joona geht am Polizeischwimmbad vorbei und überquert den Rasen, um zur Kopfseite des riesigen Gebäudekomplexes zu gelangen. Die Fassade ähnelt dunklem Kupfer. Poliert, aber unter Wasser, denkt er. In dem langgezogenen Fahrradständer neben dem Saal für Haftprüfungsverhandlungen stehen keine Räder, an den beiden Fahnenstangen hängen die Flaggen nass herab. Joona eilt im Laufschritt zwischen zwei Metallkästen hindurch und unter das hohe Milchglasdach, stampft den Schnee von den Schuhen und betritt anschließend das Foyer des Landespolizeiamts.

Für die Polizei ist in Schweden eigentlich das Justizministerium verantwortlich, aber das Ministerium ist nicht befugt festzulegen, wie die Gesetze in der Praxis angewendet werden sollen. Zentrale Verwaltungsbehörde ist das Landespolizeiamt, zu dem auch die Landeskriminalpolizei, der Staatsschutz, die Polizeihochschule und das Staatliche Kriminaltechnische Labor SKL in Linköping gehören.

Die Landeskriminalpolizei ist Schwedens einzige zentrale operative Polizei. Ihre Aufgabe besteht darin, schwere Kriminalität auf nationaler und internationaler Ebene zu bekämpfen. Hier ist Joona Linna seit neun Jahren als Kriminalkommissar tätig.

Joona geht seinen Flur hinab, zieht am Schwarzen Brett die Mütze aus, überfliegt die Zettel über Yoga, einen zum Verkauf angebotenen Wohnwagen, Informationen der Gewerkschaft und geänderte Trainingszeiten des Schützenvereins.

Der Fußboden, der zuletzt am vorigen Freitag gewischt wurde, ist bereits sehr schmutzig. Die Tür zu Benny Rubin steht einen Spaltbreit offen. Der sechzigjährige Mann mit dem grauen Schnäuzer und dem faltigen, sonnenverbrannten Teint hat einige Jahre zur Olof-Palme-Ermittlungsgruppe gehört, arbeitet mittlerweile jedoch an der Umorganisation der Einsatzzentrale und dem Übergang zum neuen Funksystem Rachel. Er sitzt mit einer Zigarette hinter dem Ohr vor seinem Computer und tippt beängstigend langsam.

»Ich habe Augen im Hinterkopf«, sagt er plötzlich.

»Das erklärt vielleicht, warum du so schlecht tippst«, bemerkt Joona scherzhaft.

Er sieht, dass Bennys neuestes Fundstück ein Werbeplakat der Fluggesellschaft SAS ist: Eine junge, ansprechend exotisch aussehende Frau in einem winzigen Bikini trinkt mit einem Strohhalm ein Fruchtgetränk. Das Verbot von Kalendern mit Pin-up-Girls hatte Benny seinerzeit dermaßen provoziert, dass die meisten dachten, er würde kündigen. Stattdessen hat er sich seit vielen Jahren einem stummen und sturen Protest verschrieben. Am Ersten jedes Monats wechselt er die Wanddekoration. Kein Mensch hat gesagt, dass Reklame für Fluggesellschaften, Bilder von Eisprinzessinnen mit weit gespreizten Beinen, Yogainstruktionen oder Dessouswerbung von Hennes & Mauritz verboten sind. Joona erinnert sich an eine Abbildung der Sprinterin Gail Devers in eng sitzenden Shorts und eine gewagte Lithographie des Künstlers Egon Schiele, die eine rothaarige Frau mit gespreizten Beinen in einem weiten, langen Schlüpfer zeigte.

Joona bleibt stehen, um seine Assistentin und Kollegin Anja Larsson zu grüßen. Sie sitzt mit halb geöffnetem Mund vor dem Computer, und ihr kugelrundes Gesicht ist so konzentriert, dass er beschließt, sie lieber nicht zu stören. Stattdessen geht er in sein Büro, hängt den nassen Mantel an die Tür, schaltet den Adventsstern im Fenster ein und sieht flüchtig den Inhalt seines Fachs durch: ein Rundschreiben zum Thema Arbeitsatmosphäre, ein Vorschlag zur Verwendung von Energiesparlampen, eine Anfrage der Staatsanwaltschaft und eine Einladung des Betriebsrats zum Weihnachtsbüfett im Restaurant des Freilichtmuseums Skansen.

Joona verlässt sein Büro, geht ins Besprechungszimmer, setzt sich an seinen Stammplatz, packt sein Brot aus und isst.

Auf dem großen Whiteboard an der Längswand steht: Kleidung, Körperschutzausrüstung, Waffen, Tränengas, Kommunikationsmittel, Fahrzeuge, sonstige technische Hilfsmittel, Kanäle, Stationssignale, Funkkontaktzeiten, Funkstille, Codes, Verbindungskontrolle.

Petter Näslund bleibt im Flur stehen, lacht selbstzufrieden und lehnt sich mit dem Rücken zum Besprechungszimmer in den Türrahmen. Petter ist ein muskulöser und glatzköpfiger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren. Er ist Erster Hauptkommissar, was ihn zu Joonas direktem Vorgesetzten macht. Seit Jahren flirtet er mit Magdalena Ronander, ohne ihre peinlich berührten Blicke und ihre ständigen Versuche zu bemerken, einen nüchtern kollegialen Ton anzuschlagen. Magdalena ist seit vier Jahren Kriminalinspektorin in der Fahndungsabteilung und hat sich das Ziel gesteckt, ihr Jurastudium noch vor ihrem dreißigsten Geburtstag abzuschließen.

Jetzt senkt Petter die Stimme, löchert Magdalena mit Fragen zur Wahl ihrer Dienstwaffe und will wissen, wie oft sie den Lauf wechselt, weil das Profil abgenutzt ist. Ohne seinen plumpen Zweideutigkeiten Beachtung zu schenken, erklärt sie, über abgefeuerte Schüsse genauestens Buch zu führen.

»Aber du stehst doch bestimmt auf diese dicken Dinger – oder?«, sagt Petter.

»Nein, eigentlich nicht, ich benutze eine Glock 17«, antwortet sie. »Die schluckt jede Menge von der 9-Millimeter-Armeemunition.«

»Benutzt du keine tschechischen …«

»Doch, schon … aber lieber m39B«, sagt sie.

Die beiden betreten das Besprechungszimmer, setzen sich auf ihre Plätze und begrüßen Joona.

»Außerdem hat die Glock neben Kimme und Korn noch einen Kompensator«, fährt sie fort. »Der Rückstoß wird auf ein Minimum reduziert, und man kommt schneller zum nächsten Schuss.«

»Und was meint unser Mumintroll dazu?«, erkundigt sich Petter.

Joona lächelt sanft, und seine hellgrauen Augen werden eisig klar, als er Petter mit seinem singenden finnischen Akzent antwortet:

»Dass das alles keine Rolle spielt, entscheidend sind ganz andere Dinge.«

»Du hast es also nicht nötig, schießen zu können«, grinst Petter.

»Joona ist ein guter Schütze«, wirft Magdalena Ronander ein.

»Gut in allem«, seufzt Petter.

Magdalena ignoriert Petter und wendet sich stattdessen Joona zu.

»Der größte Vorteil der kompensierten Glock besteht darin, dass man im Dunkeln keine Pulvergase vor der Mündung sieht.«

»Stimmt genau«, sagt Joona leise.

Sie wirkt gut gelaunt, als sie ihre schwarze Ledermappe öffnet und in ihren Papieren blättert. Benny kommt herein, setzt sich, sieht alle an, haut mit der flachen Hand fest auf die Tischplatte und lächelt anschließend breit, als Magdalena Ronander ihm einen gereizten Blick zuwirft.

»Ich habe den Fall in Tumba übernommen«, erklärt Joona.

»Welcher Fall ist das?«, fragt Petter.

»Eine komplette Familie ist durch Messerstiche ermordet worden«, antwortet Joona.

»Das geht uns nichts an«, sagt Petter.

»Ich denke, es könnte sich um einen Serienmörder handeln oder zumindest …«

»Jetzt hör aber auf«, unterbricht Benny Joona, sieht ihm in die Augen und schlägt nochmals mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Das war doch bloß eine Abrechnung«, fährt Petter fort. »Darlehen, Schulden, Wetten … Auf der Trabrennbahn kannte ihn jeder.«

»Spielsucht«, bestätigt Benny.

»Er hat sich vor Ort Geld im kriminellen Milieu geliehen und dafür die Quittung bekommen«, erklärt Petter abschließend.

Es wird still. Joona trinkt einen Schluck Wasser, pickt ein paar Krümel vom Tisch auf und steckt sie sich in den Mund.

»Ich habe die richtige Nase für diesen Fall«, beharrt er gedämpft.

»Dann wirst du dich wohl versetzen lassen müssen«, sagt Petter grinsend. »Dieser Fall ist nichts für die Landeskripo.«

»Ich glaube schon.«

»Wenn du den Fall haben willst, musst du schon Streifenpolizist in Tumba werden«, erwidert Petter.

»Ich habe vor, diese Morde zu untersuchen«, beharrt Joona.

»Das ist meine Entscheidung«, entgegnet Petter.

Yngve Svensson kommt herein und setzt sich. Seine Haare sind zurückgegelt, er hat blaugraue Ringe unter den Augen, einen rötlichen Stoppelbart und trägt wie immer einen zerknitterten, schwarzen Anzug.

»Yngwie«, sagt Benny zufrieden.

Yngve Svensson ist einer der führenden Experten für organisiertes Verbrechen im Land, Leiter der Analyseabteilung und Mitglied der Einheit für internationale Polizeizusammenarbeit.

»Yngve, was sagst denn du zu den Morden in Tumba?«, fragt Petter. »Du hast dir das doch bestimmt angesehen, oder?«

»Ja, das scheint mir eine lokale Angelegenheit zu sein«, erklärt er. »Der Geldeintreiber fährt zu dem Haus. Der Familienvater müsste um diese Uhrzeit eigentlich zu Hause sein, ist aber als Schiedsrichter bei einem Fußballspiel eingesprungen. Der Geldeintreiber hat wahrscheinlich sowohl Speed als auch Rohypnol eingeschmissen, ist völlig von der Rolle und gestresst, wird durch irgendetwas provoziert und geht mit einem SWAT-Messer auf die Familie los. Die sagen ihm bestimmt, wo der Vater ist, aber der Typ dreht komplett durch und bringt alle um, ehe er zum Sportplatz weiterfährt.«

Petter lächelt spöttisch, trinkt ein paar große Schlucke Wasser, rülpst in seine hohle Hand, sieht Joona an und fragt:

»Und, was sagst du zu dieser Erklärung?«

»Wenn sie nicht falsch wäre, dann wäre sie unter Umständen gut«, antwortet Joona.

»Und was ist so falsch an ihr?«, fragt Yngve kampflustig.

»Der Mörder hat erst den Mann am Fußballplatz getötet«, antwortet Joona ruhig. »Dann ist er zu dem Haus gefahren und hat die anderen umgebracht.«

»Und wenn das stimmt, kann er kein Geldeintreiber gewesen sein«, sagt Magdalena Ronander.

»Wir werden ja sehen, was bei der Obduktion herauskommt«, murmelt Yngve.

»Sie wird zeigen, dass ich Recht habe«, erwidert Joona.

»Idiot«, seufzt Yngve und stopft sich zwei Portionstütchen Schweden-Snus unter die Lippe.

»Joona, ich werde dir diesen Fall nicht übergeben«, sagt Petter.

»Das ist mir klar«, seufzt Joona und steht auf.

»Wo willst du hin – wir haben eine Besprechung«, sagt Petter.

»Ich muss mit Carlos reden.«

»Nicht über diese Sache.«

»Doch«, antwortet Joona und verlässt den Raum.

»Bleib hier«, ruft Petter. »Sonst muss ich …«

Joona hört nicht mehr, womit ihm gedroht wird, sondern schließt ruhig die Tür hinter sich, geht den Flur hinunter und grüßt Anja, die seinem Blick über den Computerbildschirm hinweg mit fragender Miene begegnet.

»Bist du nicht in einer Besprechung?«, fragt sie.

»Doch«, antwortet er und schlägt den Weg zum Aufzug ein.

In der fünften Etage befinden sich der Konferenzraum der Landeskriminalpolizei und darüber hinaus das Sekretariat und das Büro von Carlos Eliasson, dem Leiter der Landeskriminalpolizei. Seine Tür ist angelehnt, aber wie üblich mehr geschlossen als offen.

»Herein, herein, herein«, ruft Carlos.

Als Joona eintritt, spiegeln sich gleichzeitig Sorge und Freude in Carlos’ Gesicht.

»Ich will nur kurz meine Kleinen füttern«, sagt er und klopft gegen den Rand des Aquariums.

Lächelnd betrachtet er die Fische, die zur Oberfläche schwimmen, und krümelt Fischfutter ins Wasser.

»Da hast du was«, flüstert er.

Carlos zeigt Nikita, dem kleinsten Paradiesfisch, die Richtung an, dreht sich anschließend um und sagt freundlich:

»Die Mordkommission hat sich erkundigt, ob du dir den Mord in Dalarna anschauen könntest.«

»Den lösen die auch ohne mich«, sagt Joona.

»Sie scheinen sich da nicht so sicher zu sein – Tommy Kofoed ist hier gewesen und hat in der Sache vorgesprochen …«

»Ich habe so oder so keine Zeit«, unterbricht Joona ihn.

Er setzt sich Carlos gegenüber, in dessen Büro es angenehm nach Leder und Holz riecht. Über den Umweg durch das Aquarium scheint die Sonne flirrend in den Raum.

»Ich will den Fall in Tumba übernehmen«, sagt Joona ohne Umschweife.

Für einen kurzen Moment gewinnt der bekümmerte Ausdruck in Carlos’ faltigem, warmherzigem Gesicht die Oberhand.

»Petter Näslund hat mich vor einer Sekunde angerufen. Er hat Recht, das ist nichts für die Landeskripo«, sagt Carlos vorsichtig.

»Da bin ich anderer Meinung«, widerspricht Joona.

»Nur wenn das Eintreiben der Geldschulden mit organisierter Kriminalität zusammenhängt, Joona.«

»Hier ging es nicht darum, Geld einzutreiben.«

»Nicht?«

»Der Mörder hat zuerst den Mann angegriffen«, stellt Joona fest. »Danach ist er zu dem Reihenhaus gefahren, um mit der Familie weiterzumachen. Er wollte die ganze Familie ermorden, er wird auch noch die erwachsene Tochter und den Jungen finden, falls der überlebt.«

Carlos wirft einen kurzen Blick auf sein Aquarium, als befürchtete er, dass seinen Fischen etwas Furchtbares zu Ohren kommen könnte.

»So, so«, sagt er skeptisch. »Und woher weißt du das?«

»Die Schritte im Blut waren im Haus kürzer.«

»Wie meinst du das?«

Joona beugt sich vor und sagt:

»Es waren natürlich überall Fußabdrücke, und ich habe die Schritte auch nicht ausgemessen, aber die in der Umkleide kamen mir … nun ja, frischer vor, die Schritte im Haus waren müder.«

»Jetzt geht das wieder los«, sagt Carlos matt. »Jetzt fängst du wieder an, die Dinge komplizierter zu machen, als sie sind.«

»Aber ich habe Recht«, erwidert Joona.

Carlos schüttelt den Kopf.

»Ich glaube, diesmal irrst du dich.«

»Nein, ich habe Recht.«

Carlos wendet sich den Fischen zu und sagt:

»Dieser Joona Linna ist der sturste Mensch, dem ich je begegnet bin.«

»Aber was passiert, wenn man nachgibt, obwohl man weiß, dass man Recht hat?«

»Nur, weil du so ein Gefühl hast, kann ich dir nicht über Petters Kopf hinweg den Fall übergeben«, erklärt Carlos.

»Doch.«

»Alle glauben, dass es um die Eintreibung von Spielschulden geht.«

»Du auch?«, fragt Joona.

»Oh ja, allerdings.«

»Die Spuren in der Umkleide waren kraftvoller, weil der Mann zuerst ermordet wurde«, beharrt Joona.

»Du gibst wohl nie auf«, sagt Carlos. »Stimmt’s?«

Joona zuckt mit den Schultern und lächelt.

»Am besten rufe ich sofort in der Rechtsmedizin an«, murmelt Carlos und greift nach dem Telefon.

»Sie werden dir sagen, dass ich Recht habe«, antwortet Joona mit gesenktem Blick.

Joona Linna weiß, dass er ein sturer Mensch ist, aber er weiß auch, dass er seine Sturheit braucht, um weitermachen zu können. Vielleicht hat es mit Joonas Vater begonnen, Yrjö Linna, der Streifenpolizist im Polizeidistrikt Märsta war. Joonas Vater befand sich auf der alten Landstraße nach Uppsala, etwas nördlich des Löwenströmska-Krankenhauses, als bei der Einsatzzentrale ein Anruf einging und man ihn in den Hammarbyvägen in Upplands Väsby schickte. Ein Nachbar hatte die Polizei angerufen und gemeldet, dass Olssons Kinder mal wieder Prügel bezogen. 1979 hatte Schweden als erstes Land der Welt die körperliche Züchtigung von Kindern unter Strafe gestellt, und die Landeskriminalpolizei hatte die örtlichen Polizeikräfte angewiesen, das neue Gesetz ernst zu nehmen. Yrjö Linna fuhr mit seinem Streifenwagen auf den Hof und hielt vor der Haustür. Er wartete auf seinen Kollegen Jonny Andersen. Wenige Minuten später meldete sich der Kollege über Funk. Jonny stand vor einer Würstchenbude an und meinte, dass ein Mann auch mal zeigen dürfe, wer der Herr im Haus ist. Yrjö Linna war ein schweigsamer Mensch. Er wusste, dass die Dienstvorschriften bei einem Einsatz dieser Art vorsahen, dass man zu zweit war, aber er bestand nicht darauf. Er sagte nichts, obwohl er wusste, dass er ein Recht auf Unterstützung hatte. Er wollte nicht meckern, wollte nicht feige wirken und konnte nicht länger warten. Yrjö Linna stieg die Treppen in den dritten Stock hinauf und klingelte. Ein Mädchen öffnete ihm mit ängstlichen Augen die Tür. Er bat sie, im Treppenhaus zu warten, aber die Kleine schüttelte nur den Kopf und lief in die Wohnung. Yrjö Linna folgte ihr und gelangte ins Wohnzimmer. Das Mädchen hämmerte gegen die Tür zum Balkon. Yrjö entdeckte, dass dort draußen ein kleiner Junge stand, der nur mit einer Windel bekleidet war. Er schien etwa zwei Jahre alt zu sein. Yrjö eilte quer durch den Raum, um das Kind hereinzulassen und entdeckte deshalb zu spät den betrunkenen Mann, der vollkommen regungslos hinter der Tür auf der Couch saß und das Gesicht dem Balkon zugewandt hatte. Yrjö musste beide Hände einsetzen, um die Sperre lösen und gleichzeitig die Klinke herabdrücken zu können. Erst als er das Klicken der Schrotflinte hörte, hielt er inne. Der Schuss fiel, und ein Schwarm von sechsunddreißig kleinen Bleikugeln traf seinen Rücken. Er war auf der Stelle tot.

Der elfjährige Joona zog mit seiner Mutter Ritva aus der hellen Wohnung im Zentrum von Märsta in die Dreizimmerwohnung seiner Tante im Stockholmer Stadtteil Fredhäll. Nach dem Abitur bewarb er sich an der Polizeihochschule. Noch heute denkt er ziemlich oft an die Freunde in seiner Gruppe, an die Spaziergänge über die großen Rasenflächen, die Ruhe, die der Zeit als Anwärter und den ersten Jahren als Polizeimeister vorausging. Joona Linna hat ein gehöriges Maß an Schreibtischarbeit bewältigt, an Gleichstellungsplänen mitgearbeitet und sich gewerkschaftlich engagiert, er hat beim Stockholmer Marathonlauf und bei Hunderten von Autounfällen den Verkehr umgeleitet, hat sich verlegen gewunden, wenn Fußballhooligans in der U-Bahn seine Kolleginnen mit gellenden Gesängen belästigten: »Was machste mit dem Schlagstock, Bullensau – rein und raus!«, er hat tote Heroinsüchtige mit eiternden Wunden gefunden, ein ernstes Wort mit Ladendieben geredet und Rettungssanitätern bei kotzenden Betrunkenen geholfen, er hat mit Prostituierten gesprochen, die aidskrank und verängstigt unter Entzugserscheinungen leidend zitterten, er ist Hunderten Männern begegnet, die Frau und Kinder nach dem immer gleichen Muster misshandelten, betrunken, aber beherrscht, das Radio auf voller Lautstärke und die Jalousien heruntergelassen, er hat Raser und volltrunkene Autofahrer angehalten, Waffen, Drogen und selbstgebrannten Schnaps beschlagnahmt. Als er wegen eines Hexenschusses krankgeschrieben war und einen Spaziergang machte, um nicht völlig einzurosten, beobachtete er einen Skinhead, der einer Muslimin an die Brust grapschte. Er war dem Skinhead mit schmerzendem Rücken am Ufer entlang hinterhergelaufen, durch den ganzen Park, an Smedsudden vorbei, auf die Västerbron hinauf, über die ganze Brücke und die Insel Långholmen hinweg bis nach Södermalm und hatte den Mann erst an der Högalidsgatan erwischt.

Ohne es auf eine Karriere angelegt zu haben, ist Joona Linna immer wieder befördert worden. Er stellt sich gerne schwierigen Aufgaben und gibt niemals auf. Er hat eine Krone und zwei Eichenlaubtressen als Zeichen seines Dienstgrades, aber die Goldkordelschleife eines Hauptkommissars fehlt ihm derzeit noch. Leitende Positionen gleich welcher Art interessieren ihn einfach nicht, und er weigert sich, Mitglied der Landesmordkommission zu werden.

An diesem Dezembermorgen sitzt Joona Linna nun im Büro des Leiters der Landeskriminalpolizei. Trotz der langen Nacht im Vorort Tumba und im Karolinska-Krankenhaus ist er noch nicht müde, als er zuhört, wie Carlos Eliasson mit dem stellvertretenden Chefobduzenten in der Stockholmer Rechtsmedizin, Professor Nils Åhlén, spricht.

»Nein, ich muss nur wissen, was der erste Tatort gewesen ist«, sagt Carlos und lauscht eine Weile. »Das verstehe ich, das verstehe ich … aber wie ist deine vorläufige Einschätzung?«

Joona lehnt sich zurück, kratzt sich in seinen blonden zerzausten Haaren und sieht das Gesicht seines Chefs immer roter anlaufen. Carlos lauscht der monotonen Stimme Åhléns, und statt etwas zu erwidern, nickt er nur und legt auf, ohne sich zu verabschieden.

»Sie … sie …«

»Sie haben festgestellt, dass der Vater als Erster getötet wurde«, ergänzt Joona.

Carlos nickt.

»Habe ich es dir nicht gesagt?«, meint Joona lächelnd.

Carlos blickt zu Boden und räuspert sich.

»Okay, du leitest die Ermittlungen«, sagt er. »Der Fall in Tumba gehört dir.«

»Gleich«, antwortet Joona ernst.

»Gleich?«

»Erst will ich etwas hören. Wer hatte Recht? Wer hatte Recht, du oder ich?«

»Du«, brüllt Carlos. »Um Himmels willen, Joona, was ist nur los mit dir? Du hattest wie immer Recht!«

Als Joona aufsteht, verbirgt er ein Lächeln hinter vorgehaltener Hand.

»Jetzt muss ich meinen Zeugen vernehmen, bevor es zu spät ist.«

»Du willst den Jungen vernehmen?«, fragt Carlos.

»Ja.«

»Hast du mit dem Staatsanwalt gesprochen?«

»Ich werde die Ermittlungen erst abgeben, wenn ich einen Verdächtigen habe«, erklärt Joona.

»Schon gut, das meine ich doch gar nicht«, sagt Carlos. »Ich glaube nur, dass es gut wäre, die Staatsanwaltschaft mit ins Boot zu holen, wenn du mit einem schwer verletzten Jugendlichen reden willst.«

»Okay, du bist wie immer sehr vernünftig – ich rufe Jens an«, sagt Joona und geht.

3
Dienstagvormittag, der achte Dezember

Nach seinem Gespräch mit dem Leiter der Landeskriminalpolizei setzt Joona Linna sich ins Auto, um die kurze Stecke zur Rechtsmedizinischen Abteilung auf dem Gelände des Karolinska-Instituts zurückzulegen. Er dreht den Schlüssel im Zündschloss, legt den ersten Gang ein und rollt vorsichtig vom Parkplatz.

Bevor er den leitenden Staatsanwalt Jens Svanehjälm anruft, muss er sich noch einmal durch den Kopf gehen lassen, was er bisher über den Fall in Tumba erfahren hat. Die Akte, in der er seine Aufzeichnungen über das laufende Ermittlungsverfahren gesammelt hat, liegt auf dem Beifahrersitz. Er fährt Richtung Sankt Eriksplan und versucht, sich zu erinnern, was er der Staatsanwaltschaft bereits über die begonnene Tatortuntersuchung berichtet hat und was in den Notizen zu seinen nächtlichen Gesprächen mit dem Sozialamt steht.

Joona fährt über die Brücke, sieht zu seiner Linken das bleiche Schloss Karlberg, wiederholt stumm, welche Risiken es den beiden Ärzten zufolge mit sich bringen würde, einen lebensgefährlich verletzten Patienten zu vernehmen, und beschließt, die letzten zwölf Stunden noch einmal Revue passieren zulassen.

Karim Muhammed kam als Flüchtling aus dem Iran nach Schweden. Er war Journalist und wurde ins Gefängnis gesteckt, als Ruhollah Chomeini ins Land zurückkehrte. Nach acht Jahren Haft gelang ihm die Flucht über die Grenze zur Türkei und weiter nach Deutschland und schließlich Trelleborg. Karim Muhammed ist seit fast zwei Jahren bei Jasmin Jabir angestellt, die eine Firma namens Johanssons Raumpflege besitzt. Das Unternehmen ist von der Gemeinde Botkyrka beauftragt worden, diverse Schulen in Tumba und die Umkleideräume am Sportplatz Rödstuhage zu putzen.

Karim Muhammed traf gestern, Montag, den siebten Dezember, gegen 20.50 Uhr am Sportplatz Rödstuhage ein. Es war sein letzter Arbeitsauftrag an diesem Abend. Er stellte seinen VW-Bus unweit eines roten Toyotas auf dem Parkplatz ab. Die Flutlichter rings um das Fußballfeld waren ausgeschaltet, aber in der Umkleide brannte noch Licht. Er öffnete die Hecktüren des Busses, klappte die Rampe herunter, stieg hinauf und löste die Spannriemen des kleinsten Putzwagens.

Als er zu dem flachen Holzbau kam und versuchte, den Schlüssel in der Tür zur Männerumkleide zu drehen, bemerkte er, dass der Raum nicht abgeschlossen war. Er klopfte an, bekam keine Antwort und öffnete. Erst als er die Tür mit einem Plastikkeil aufgestellt hatte, entdeckte er das Blut auf dem Fußboden. Er trat ein, sah den Toten, kehrte zu seinem Wagen zurück und wählte die Notrufnummer.

Die Einsatzzentrale nahm Kontakt zu einem Streifenwagen auf dem Huddingevägen auf. Die beiden Polizeimeister Jan Eriksson und Erland Björkander wurden zu dem Sportplatz geschickt.

Während Erland Björkander Karim Muhammeds Aussage aufnahm, begab sich Jan Eriksson in den Umkleideraum. Eriksson dachte, das Opfer hätte einen Laut von sich gegeben, glaubte, der Mann sei noch am Leben, und rannte deshalb zu ihm. Als der Polizeimeister den Mann umdrehte, musste er jedoch erkennen, dass er unmöglich am Leben sein konnte. Der Körper war übel zugerichtet, der rechte Arm fehlte und die Brust war so zerfleischt, dass sie einer mit blutigem Matsch gefüllten Schüssel glich. Der Krankenwagen kam, und kurz darauf traf Polizeiinspektorin Lillemor Blom ein. Das Opfer wurde schnell als Anders Ek identifiziert, Chemie- und Physiklehrer am Gymnasium von Tumba, verheiratet mit Katja Ek, Bibliothekarin an der Zentralbibliothek Huddinge. Sie wohnten mit zwei Kindern namens Lisa und Josef in einem Reihenhaus im Gärdesvägen 8.

Da es schon ziemlich spät war, gab Polizeiinspektorin Lillemor Blom Polizeimeister Erland Björkander den Auftrag, mit der Familie des Opfers zu sprechen, während sie selbst Jan Erikssons Bericht aufnahm und dafür sorgte, dass der Tatort abgesperrt wurde.

Erland Björkander kam zu dem Reihenhaus in Tumba und klingelte. Als ihm niemand öffnete, ging er um die Häuserzeile herum zur Rückseite des Hauses, schaltete die Taschenlampe an und leuchtete hinein. Als Erstes fielen ihm eine große Blutlache auf dem Teppichboden im Schlafzimmer und eine Kinderbrille an der Türschwelle ins Auge. Ohne Verstärkung anzufordern, brach Erland Björkander daraufhin die Balkontür auf und betrat mit gezogener Waffe das Haus. Er durchsuchte die Räumlichkeiten, fand die drei Opfer, forderte auf der Stelle Polizei und Krankenwagen an und merkte überhaupt nicht, dass der Junge noch lebte. Erland Björkanders Funkspruch wurde versehentlich auf einer Frequenz abgesetzt, die den gesamten Großraum Stockholm erreichte.

Es war 22.10 Uhr, als Joona Linna in seinem Wagen auf dem Drottningholsmvägen saß und den verzweifelten Funkspruch hörte. Ein Polizeimeister namens Erland Björkander schrie, die Kinder seien abgeschlachtet worden, er sei allein in dem Haus, die Mutter sei tot, alle seien tot. Kurze Zeit später klang er wesentlich gefasster, als er berichtete, dass Polizeiinspektorin Lillemor Blom ihn allein zu dem Haus am Gärdesvägen geschickt habe. Björkander verstummte abrupt, murmelte, das sei wohl die falsche Frequenz, und verschwand.

Es wurde still in Joona Linnas Auto. Die Scheibenwischer schabten Wassertropfen vom Glas. Während er langsam an Kristineberg vorbeifuhr, musste er an seinen Vater denken, der keine Unterstützung bekommen hatte.

Verärgert über die schlechte Einsatzleitung draußen in Tumba fuhr er an den Straßenrand. Bei einem Einsatz dieser Art sollte kein Polizist auf sich allein gestellt sein. Joona seufzte, griff nach dem Telefon und bat darum, mit Lillemor Blom verbunden zu werden. Lillemor Blom war auf der Polizeihochschule im gleichen Jahrgang gewesen wie Joona. Nach ihrer Zeit als Polizeimeisterin heiratete sie einen Kollegen aus der Fahndung namens Jerker Lindkvist. Zwei Jahre später bekamen die beiden einen Sohn, dem sie den Namen Dante gaben. Jerker beanspruchte seinen Teil der bezahlten Elternzeit nie, obwohl dieser gesetzlich festgelegt war. Seine Entscheidung führte für die Familie zu finanziellen Verlusten und bremste darüber hinaus Lillemors Karriere. Jerker verließ sie wegen einer jüngeren Polizistin, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen hatte, und Joona war zu Ohren gekommen, dass er seinen Sohn nicht einmal jedes zweite Wochenende traf.

Als Lillemor sich meldete, gab Joona sich kurz zu erkennen. Gestresst hakte er die Höflichkeitsfloskeln ab und berichtete anschließend, was er über Funk gehört hatte.

»Wir haben einfach zu wenig Leute, Joona«, erklärte sie. »Und ich habe die Lage so eingeschätzt, dass …«

»Das spielt keine Rolle«, unterbrach er sie. »Deine Einschätzung kannst du vergessen.«

»Du willst mir nicht zuhören«, sagte sie.

»Doch, aber …«

»Dann tu es auch!«

»Du darfst nicht einmal Jerker allein zu einem Tatort schicken«, fuhr Joona fort.

»Bist du jetzt fertig?«

Nach kurzem Schweigen erklärte Lillemor Blom, dass Polizeimeister Erland Björkander nur den Auftrag bekommen habe, die Familie von ihrem Verlust zu unterrichten, und dann auf eigene Faust die Initiative ergriffen habe, die Tür auf der Rückseite des Reihenhauses aufzubrechen. Joona sagte daraufhin, sie habe alles richtig gemacht, entschuldigte sich mehrmals und fragte anschließend, vor allem aus Höflichkeit, was in Tumba eigentlich passiert war.

Lillemor beschrieb, was Polizeimeister Erland Björkander über die Messer und das Besteck berichtet hatte, die im Blut auf dem Küchenfußboden lagen, über die Brille des Mädchens, die Blutspuren, die Handabdrücke und die Leichen und die Verteilung der Körperteile im Haus. Anschließend erzählte sie, dass Anders Ek, in dem sie das letzte Opfer vermutete, den Sozialbehörden wegen seiner Spielsucht bekannt war. Man hatte einen Plan zur Entschuldung erarbeitet, aber offenbar hatte der Mann sich gleichzeitig bei einigen schwerkriminellen Personen Geld geliehen. Jetzt hatte ein Geldeintreiber seine Familie überfallen, um ihn in die Finger zu bekommen. Lillemor beschrieb Anders Eks Leiche im Umkleideraum, die begonnene Zerstückelung und dass man in der Dusche ein Jagdmesser und einen abgeschnittenen Arm gefunden hatte. Sie beschrieb, was sie über die Familie wusste, und erklärte, man habe den Sohn ins Krankenhaus von Huddinge gebracht. Mehrfach kam sie darauf zurück, dass Personalmangel herrschte und die Untersuchung der Tatorte deshalb warten musste.

»Ich komme vorbei«, sagte Joona.

»Und warum?«, fragte sie erstaunt.

»Ich will mir das ansehen.«

»Jetzt?«

»Ja«, antwortete er.

»Schön«, sagte sie, und es klang, als würde sie es auch meinen.

Joona war nicht sofort klar gewesen, was sein Interesse geweckt hatte. Es ging in erster Linie nicht um die Schwere des Verbrechens, sondern darum, dass etwas nicht stimmte, wenn man die Informationen, die er bekommen hatte, mit den Schlussfolgerungen zusammenlegte.

Erst nachdem er die beiden Tatorte, den Umkleideraum am Sportplatz und das Reihenhaus im Gärdesvägen 8 in Tumba, besucht hatte, war er sicher, dass seine Ahnung sich mit konkreten Beobachtungen in Einklang bringen ließ. Es gab natürlich keine Beweise, aber die Observationen waren dennoch so markant, dass er die Sache nicht einfach fallen lassen konnte. Er war überzeugt, dass der Vater vor dem Rest der Familie angegriffen worden war. Erstens hatten die Fußspuren in dem Blut auf dem Fußboden des Umkleideraums im Vergleich zu den Fußspuren im Reihenhaus kraftvoller, energischer gewirkt, und zweitens war an dem Jagdmesser, das in der Dusche am Sportplatz gelegen hatte, die Spitze abgebrochen, was das Besteck auf dem Fußboden in der Küche des Reihenhauses erklären würde: Der Täter hatte schlichtweg nach einer neuen Waffe gesucht.

Joona hatte einen Allgemeinmediziner aus dem Krankenhaus beauftragt, als Sachverständiger auszuhelfen, solange man auf die Rechtsmediziner und die Kriminaltechniker vom SKL wartete. Gemeinsam führten sie eine provisorische Tatortuntersuchung in dem Haus durch, und anschließend sprach Joona mit der Rechtsmedizin in Stockholm und verlangte eine umfassende Obduktion.

Als Joona aus dem Haus trat, stand Lillemor Blom rauchend neben einem Verteilerkasten unter einer Straßenlaterne. Es war lange her, dass ihn etwas so erschüttert hatte. Am brutalsten hatte sich der Täter auf das kleine Mädchen gestürzt.

Ein Kriminaltechniker war bereits unterwegs. Joona stieg über die flatternden blauweißen Plastikbänder, die das Gelände absperrten, und ging zu Lillemor.

Es war windig und stockfinster. Einzelne trockene Schneeflocken piksten ab und zu ihre Gesichter. Lillemor war auf eine verlebte Art hübsch, ihr Gesicht war mittlerweile voller Müdigkeitsfältchen, und sie war stark, aber nachlässig geschminkt. Joona hatte sie mit ihrer geraden Nase, den hohen Wangenknochen und den schrägen Augen dennoch immer schön gefunden.

»Habt ihr offiziell die Ermittlungen aufgenommen?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf und atmete Rauch aus.

»Ich übernehme den Fall«, sagte er.

»Dann fahre ich nach Haus und gehe ins Bett.«

»Das klingt verlockend«, lächelte er.

»Willst du mitkommen?«, scherzte sie.

»Ich muss schauen, ob man mit dem Jungen reden kann.«

»Ach ja, eins habe ich schon veranlasst, ich habe das SKL in Linköping angerufen, damit die sich mit dem Krankenhaus in Huddinge in Verbindung setzen.«

»Super«, sagte Joona.

Lillemor ließ ihre Zigarette zur Erde fallen und trat die Glut aus.

»Was geht die Landeskripo eigentlich dieser Fall an?«, fragte sie und schaute zu ihrem Auto hinüber.

»Wir werden sehen«, murmelte Joona.

Bei diesen Morden geht es nicht um Spielschulden, dachte er erneut. Das passte einfach nicht. Jemand hatte eine ganze Familie auslöschen wollen, aber die Motive für diesen Wunsch lagen noch im Verborgenen.

Nachdem Joona sich in den Wagen gesetzt hatte, rief er im Krankenhaus an und erfuhr, dass der Patient in die neurochirurgische Abteilung des Karolinska-Krankenhauses in Solna verlegt worden war. Man sagte ihm, sein Zustand habe sich eine Stunde, nachdem die Kriminaltechniker aus Linköping veranlasst hatten, dass ein Arzt biologisches Material an ihm sicherte, verschlechtert.

Mitten in der Nacht fuhr Joona nach Stockholm zurück. Auf dem Södertäljevägen rief er den Notdienst des Jugendamts an, um eine Zusammenarbeit bei den geplanten Vernehmungen vorzubereiten. Er wurde mit einem diensthabenden Zeugenbeistand namens Susanne Granat verbunden, erzählte ihr von den besonderen Umständen und bat darum, sich wieder bei ihr melden zu dürfen, sobald er wusste, wie stabil der Zustand des Patienten war.

Um 02.05 Uhr traf Joona auf der Intensivstation der neurochirurgischen Abteilung des Karolinska-Krankenhauses ein und hatte fünfzehn Minuten später Gelegenheit, mit Daniella Richards, der behandelnden Ärztin, zu sprechen. Sie erklärte ihm, dass der Junge ihrer Einschätzung nach erst in ein paar Wochen vernommen werden könne, falls er seine Verletzungen überhaupt überlebe.

»Er hat einen Volumenmangelschock erlitten«, sagte sie.

»Was bedeutet das?«

»Er hat sehr viel Blut verloren, und das Herz versucht dies auszugleichen und fängt an zu rasen …«

»Haben Sie die Blutungen stoppen können?«

»Ich denke schon, ich hoffe es jedenfalls, außerdem führen wir seinem Organismus natürlich ständig neues Blut zu, aber der Sauerstoffmangel im Körper hat dazu geführt, dass die Abfallprodukte aus dem Stoffwechsel nicht abgebaut werden können, weshalb das Blut übersäuert ist und Herz, Lunge, Leber und Nieren schädigen kann.«

»Ist er bei Bewusstsein?«

»Nein.«

»Falls ich unbedingt mit ihm sprechen müsste«, erkundigte sich Joona. »Ließe sich da etwas machen?«

»Der Einzige, der dafür sorgen könnte, dass sich der Junge schneller erholt, ist Erik Maria Bark.«

»Der Hypnotiseur?«, fragte Joona.

Sie lächelte breit und wurde rot.

»Wenn Sie wollen, dass er Ihnen hilft, nennen Sie ihn besser nicht so«, sagte sie dann. »Er ist der Experte für Schock- und Traumabehandlung.«

»Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich ihn bitten würde, zu kommen?«

»Im Gegenteil, ich habe selber schon darüber nachgedacht«, antwortete sie.

Joona suchte in den Taschen nach seinem Handy, begriff, dass er es im Auto vergessen hatte, und bat Daniella Richards, sich ihr Telefon leihen zu dürfen. Nachdem er Erik Maria Bark die Umstände erläutert hatte, rief er nochmals Susanne Granat vom Jugendamt an und erklärte, er hoffe, schon bald mit Josef Ek sprechen zu können. Susanne Granat erzählte ihm daraufhin, die Familie sei wegen der Spielsucht des Vaters bei ihnen aktenkundig. Außerdem habe man vor drei Jahren sporadisch Kontakt zu seiner Tochter gehabt.

»Zur Tochter?«, fragte Joona skeptisch.

»Zu seiner älteren Tochter, Evelyn«, stellte Susanne Granat klar.

4
Dienstagmorgen, der achte Dezember

Erik Maria Bark ist nach seinem nächtlichen Arbeitsbesuch im Karolinska-Krankenhaus, bei dem er Joona Linna begegnet ist, heimgekehrt. Der Polizist ist Erik sympathisch gewesen, obwohl er ihn dazu überreden wollte, seinen Schwur zu brechen, nie mehr zu hypnotisieren. Vielleicht hat die ganz unverhohlene und ehrliche Sorge um die ältere Schwester den Kommissar so sympathisch gemacht. Wahrscheinlich war ihr jemand in diesem Moment auf den Fersen.

Erik geht ins Schlafzimmer und betrachtet seine Frau Simone. Er ist sehr müde, die Tabletten wirken, seine Augen brennen und sind schwer, der Schlaf kündigt sich an. Das Licht liegt wie eine zerkratzte Glasscheibe auf Simone. Fast die ganze Nacht ist vergangen, seit er sie verlassen hat, um den verletzten Jungen zu untersuchen. In der Zwischenzeit hat Simone sich im Bett breitgemacht. Ihr Körper ruht schwer. Die Decke liegt bei den Füßen, das Nachthemd ist bis zur Taille hochgerutscht. Sie liegt schlaff auf dem Bauch, hat eine Gänsehaut auf Armen und Schultern. Erik deckt sie vorsichtig zu. Sie sagt kaum hörbar etwas und kauert sich zusammen. Er setzt sich, streichelt ihre Fesseln und sieht, dass die Zehen reagieren, sich bewegen.

»Ich gehe duschen«, sagt er und lehnt sich zurück.

»Wie hieß der Polizist?«, fragt sie undeutlich.

Aber noch ehe er ihr antworten kann, befindet er sich in dem Park am Observatorium. Er gräbt auf dem Spielplatz im Sand und findet einen gelben Stein, so rund wie ein Ei, so groß wie ein Kürbis. Er scharrt mit den Händen und erahnt an seiner Seite eine Reliefform, eine gezackte Zahnreihe. Als er den schweren Stein umdreht, erkennt er, dass es der Schädel eines Dinosauriers ist.

»Du kannst mich mal«, schreit Simone.

Er zuckt zusammen und begreift, dass er eingeschlafen ist und geträumt hat. Die starken Tabletten haben ihn mitten im Gespräch eingeschläfert. Er versucht zu lächeln und begegnet Simones kühlem Blick.

»Sixan? Was ist denn?«

»Hat es wieder angefangen?«, fragt sie.

»Was?«

»Was«, wiederholt sie gereizt. »Wer ist Daniella?«

»Daniella?«

»Du hast es versprochen, Erik, es war ein Versprechen«, sagt sie aufgebracht. »Ich habe mich auf dich verlassen, ich bin so bescheuert gewesen, mich tatsächlich auf dich …«

»Wovon redest du überhaupt?«, unterbricht er sie. »Daniella Richards ist eine Kollegin im Karolinska. Was ist mit ihr?«

»Lüg mich nicht an.«

»Das ist jetzt wirklich ein bisschen absurd«, sagt er lächelnd.

»Findest du das etwa komisch?«, fragt sie. »Manchmal habe ich gedacht … sogar geglaubt, dass ich vergessen kann, was damals passiert ist.«

Erik schläft für ein paar Sekunden ein, hört aber trotzdem, was sie sagt.

»Vielleicht ist es besser, wenn wir uns trennen«, flüstert Simone.

»Zwischen mir und Daniella ist nichts passiert.«

»Das spielt im Grunde auch keine Rolle«, sagt sie müde.

»Tut es nicht? Es spielt keine Rolle? Du willst dich wegen etwas von mir trennen, das ich vor zehn Jahren getan habe?«

»Etwas?«

»Ich war betrunken und …«

»Ich will nichts hören, ich weiß alles, ich … Verdammter Mist! Ich will diese Rolle nicht. Ich bin eigentlich gar nicht eifersüchtig, aber ich bin ein loyaler Mensch und fordere die gleiche Loyalität von dir.«

»Ich habe dich nie wieder betrogen, und ich werde dich nie wieder …«

»Warum beweist du es mir nicht«, unterbricht sie ihn. »Das könnte ich gebrauchen.«

»Du wirst mir wohl einfach vertrauen müssen«, sagt er.

»Ja«, seufzt sie und verlässt das Schlafzimmer mit Kissen und Decke.

Er atmet schwer und weiß, dass er ihr nachgehen und nicht einfach aufgeben sollte, sie zum Bett zurückziehen oder sich auf den Fußboden neben der Bettcouch im Gästezimmer legen sollte, aber der Schlaf ist in diesem Moment so viel stärker. Er hat nicht mehr die Kraft, sich gegen ihn zu wehren. Er sinkt ins Bett zurück, spürt die Dopamine in den Tabletten seinen Körper durchströmen, die genüssliche Entspannung, die sich bis ins Gesicht und in die Zehen- und Fingerspitzen ausbreitet. Der tiefe, chemische Schlaf schließt sich um sein Bewusstsein wie eine mehlige Wolke.

*

Zwei Stunden später öffnet Erik vorsichtig die Augen in dem bleichen Licht, das gegen die Rollos drückt. Sofort flimmern die Bilder der Nacht vorüber: Simones Vorwürfe und der Junge, der mit Dutzenden schwarzer Messerstiche auf seinem schweißglänzenden Körper vor ihm liegt. Die tiefen Wunden im Nacken, am Hals und am Brustkorb.

Erik denkt an den Kriminalkommissar, der überzeugt zu sein scheint, dass der Täter eine ganze Familie auslöschen wollte. Erst den Vater, danach Mutter, Sohn und Tochter.

Auf dem Nachttisch neben ihm klingelt das Telefon.

Erik steht auf, aber statt an den Apparat zu gehen, zieht er die Vorhänge auf und blinzelt zur gegenüberliegenden Fassade hinüber, wartet einen Moment und versucht, sich zu sammeln. Die Staubstreifen auf den Fensterscheiben sind im Licht der Straßenlaternen deutlich zu sehen.

Simone ist schon zu ihrer Galerie gegangen. Er versteht weder ihre Reaktion, noch warum sie von Daniella gesprochen hat. Er fragt sich, ob es im Grunde vielleicht um etwas ganz anderes geht. Zum Beispiel um die Tabletten. Ihm ist bewusst, dass er nur einen kleinen Schritt von einer schweren Tablettenabhängigkeit entfernt ist. Aber er braucht seinen Schlaf. Die vielen Nachtdienste im Krankenhaus haben bei ihm zu schweren Schlafstörungen geführt. Ohne Tabletten würde ich untergehen, denkt er und streckt sich nach dem Wecker, stößt ihn aber versehentlich auf den Fußboden.

Das Telefon verstummt, schweigt aber nur kurz, bevor es erneut zu klingeln beginnt.

Er überlegt, ob er zu Benjamin hineingehen und sich neben seinen Sohn legen, ihn vorsichtig wecken und fragen soll, ob er etwas geträumt hat.

Erik nimmt das Telefon vom Nachttisch und meldet sich.

»Erik Maria Bark.«

»Hallo, hier ist Daniella Richards.«

»Bist du noch in der Neurologie? Wie spät ist es eigentlich?«

»Viertel nach acht – ich werde allmählich ein bisschen müde.«

»Fahr nach Hause.«

»Von wegen«, sagt Daniella konzentriert. »Du musst zurückkommen. Der Kommissar ist auf dem Weg hierher. Er scheint sich mittlerweile noch sicherer zu sein, dass der Täter auf der Suche nach der älteren Schwester ist. Er sagt, er muss mit dem Jungen sprechen.«

Erik spürt eine plötzliche dunkle Schwere hinter den Augen.

»Das ist keine besonders gute Idee, wenn man bedenkt …«

»Aber was ist mit der Schwester«, unterbricht Daniella ihn. »Ich bin kurz davor, dem Kommissar die Erlaubnis zu geben, Josef zu verhören.«

»Wenn der Patient das deiner Einschätzung nach gut übersteht«, sagt Erik.

»Gut übersteht? Das tut er mit Sicherheit nicht, es ist noch viel zu früh dafür, sein Zustand ist … Er wird erfahren, was mit seiner Familie passiert ist, ohne auch nur im Geringsten darauf vorbereitet zu sein, ohne Schutzmechanismen aufbauen zu können … er könnte psychotisch werden, er …«

»Das musst du beurteilen«, unterbricht Erik sie.

»Ich will die Polizei nicht zu ihm lassen, das ist das eine, aber ich kann mich auch nicht hinsetzen und Däumchen drehen, ich meine, seine Schwester ist mit Sicherheit in Gefahr«, sagt sie.

»Obwohl das bloß eine …«

»Ein Mörder sucht nach seiner älteren Schwester«, unterbricht Daniella ihn mit erhobener Stimme.

»Vermutlich.«

»Entschuldige, ich weiß auch nicht, warum die Sache mich so mitnimmt«, sagt sie. »Vielleicht, weil es noch nicht zu spät ist, weil man tatsächlich etwas tun kann. Das ist selten genug der Fall, aber diesmal könnten wir eine junge Frau retten, bevor sie …«

»Was willst du eigentlich von mir?«, unterbricht Erik sie.

»Du musst herkommen und tun, was du so gut kannst.«

»Wenn es ihm besser geht, kann ich gerne mit dem Jungen darüber reden, was passiert ist.«

»Du sollst herkommen und ihn hypnotisieren«, erwidert sie ernst.

»Nein, kommt nicht in Frage«, sagt er.

»Es ist der einzige Ausweg.«

»Ich kann nicht.«

»Aber es gibt niemanden, der das so gut kann wie du.«

»Ich habe ja nicht einmal die Erlaubnis, im Karolinska Leute zu hypnotisieren.«

»Die besorge ich dir, bevor du hier bist.«

»Aber ich habe versprochen, nie wieder jemanden zu hypnotisieren.«

»Kannst du nicht einfach herkommen?«

Es wird kurz still, und dann fragt Erik:

»Ist er bei Bewusstsein?«

»Bald.«

Er hört seine eigenen Atemzüge im Hörer rauschen.

»Wenn du den Jungen nicht hypnotisierst, werde ich die Polizei zu ihm lassen.«

Sie legt auf.

Erik bleibt mit dem Hörer in seiner zitternden Hand stehen. Die Schwere hinter seinen Augen rollt zum Gehirn. Er öffnet den Nachttisch, aber die Holzschachtel mit dem Papagei ist nicht da. Er muss sie im Auto vergessen haben.

Er geht durch die Zimmer, um Benjamin zu wecken.

Der Junge schläft mit offenem Mund, sein Gesicht ist blass und wirkt trotz des Schlafs einer ganzen Nacht erschöpft.

»Benni?«

Benjamin öffnet seine schlaftrunkenen Augen und sieht ihn an, als wäre Erik ein wildfremder Mensch, ehe er auf eine Art lächelt, die sich seit seiner Geburt nicht verändert hat.

»Es ist Dienstag – Zeit aufzustehen.«

Benjamin setzt sich gähnend auf, kratzt sich in den Haaren und blickt anschließend auf das Handy hinunter, das um seinen Hals hängt. Es ist jeden Morgen das Erste, was er tut: zu kontrollieren, ob er in der Nacht eine Nachricht verpasst hat. Erik greift nach der gelben Tasche mit einem Puma darauf, die das Faktorpräparat, Desmopressin, Alsol-Lösung, die sterilen Kanülen, die Kompressen, Pflaster und Schmerzmittel enthält.

»Jetzt oder beim Frühstück?«

Benjamin zuckt mit den Schultern.

»Egal.«

Erik reibt schnell den schmalen Arm seines Sohnes ab, dreht ihn ins Tageslicht, spürt die weichen Muskeln, klopft gegen die Spritze und führt die Kanüle behutsam unter die Haut. Während sich die Spritze langsam leert, tippt Benjamin mit der freien Hand auf seinem Handy.

»Mist, der Akku ist fast leer«, sagt er und legt sich anschließend hin, während Erik eine Kompresse auf den Arm presst, um die Blutung zu stillen. Benjamin muss relativ lange so liegen bleiben, bis Erik sie mit einem Pflaster auf dem Arm festklebt.

Behutsam beugt und streckt er die Beine seines Sohns, trainiert danach die schmalen Kniegelenke und massiert abschließend Füße und Zehen.

»Wie fühlt es sich an?«, fragt er und sieht seinem Sohn unablässig ins Gesicht.

Benjamin verzieht das Gesicht zu einer Grimasse.

»Wie üblich«, sagt er.

»Möchtest du etwas gegen die Schmerzen haben?«

Sein Sohn schüttelt den Kopf, und Erik muss plötzlich an den bewusstlosen Zeugen, den Jungen mit den vielen Stichwunden denken. Vielleicht sucht der Mörder in diesem Augenblick nach seiner erwachsenen Schwester.

»Papa? Was ist?«, fragt Benjamin vorsichtig.

Erik begegnet seinem Blick und sagt:

»Wenn du willst, fahre ich dich zur Schule.«

»Und warum?«

*

Der Berufsverkehr wälzt sich langsam voran. Benjamin sitzt neben seinem Vater und lässt sich von den ruckelnden Bewegungen des Wagens langsam einschläfern. Er gähnt ausgiebig und spürt nach dem nächtlichen Schlaf immer noch eine sanfte Wärme in seinem Körper. Er denkt, dass sein Vater es eilig hat, sich aber trotzdem die Zeit nimmt, ihn zur Schule zu fahren. Benjamin lächelt in sich hinein. So ist es schon immer gewesen, überlegt er. Wenn Papa besonders schlimme Dinge im Krankenhaus erlebt, macht er sich noch größere Sorgen als sonst, dass mir etwas passieren könnte.

»Jetzt haben wir die Schlittschuhe doch vergessen«, sagt Erik unvermittelt.

»Stimmt.«

»Wir kehren um«, beschließt Erik.

»Nein, nicht nötig, das macht doch nichts«, erwidert Benjamin.

Erik versucht, die Spur zu wechseln, wird aber von einem anderen Auto daran gehindert. Als er zurückgedrängt wird, kollidiert er um ein Haar mit einem Müllwagen.

»Wir haben genügend Zeit, zurückzufahren und …«

»Vergiss die Schlittschuhe, es ist mir egal«, sagt Benjamin aufbrausend.

Erik wirft ihm einen erstaunten Seitenblick zu.

»Ich dachte, du läufst gerne Schlittschuh?«

Benjamin weiß nicht, was er antworten soll, er hasst es, ausgequetscht zu werden, und will nicht lügen.

»Tust du das nicht?«, fragt Erik.

»Was?«

»Gerne Schlittschuh laufen?«

»Warum sollte ich?«, murmelt er.

»Wir haben ganz neue gekauft …«

»Was soll daran schon Spaß machen«, unterbricht Benjamin ihn müde.

»Dann soll ich also nicht nach Hause fahren und sie dir holen?«

Als Antwort seufzt Benjamin nur.

»Schlittschuhlaufen ist langweilig«, sagt Erik. »Schach und Computerspiele sind langweilig. Was macht dir eigentlich überhaupt noch Spaß?«

»Keine Ahnung«, antwortet Benjamin.

»Nichts?«

»Doch.«

»Filme gucken?«

»Manchmal.«

»Manchmal?«, lächelt Erik.

»Ja«, antwortet Benjamin.

»Du würdest dir doch am liebsten drei, vier Filme am Abend ansehen«, sagt Erik heiter.

»Hast du was dagegen?«

»Nein, überhaupt nicht«, fährt Erik lächelnd fort. »Was sollte ich dagegen haben? Der eine oder andere könnte sich natürlich fragen, wie viele Filme du dir ansehen würdest, wenn du Filme richtig gerne sehen würdest. Wenn du Filme lieben …«

»Hör auf.«

»Dann würdest du dir wahrscheinlich zwei Bildschirme besorgen und schnell vorspulen, um alle zu schaffen.«

Benjamin kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, als sein Vater ihn so auf den Arm nimmt.

Plötzlich hört man einen matten Knall, und am Himmel taucht ein hellblauer Stern mit fallenden, rauchfarbenen Spitzen auf.

»Komische Zeit für ein Feuerwerk«, murmelt Benjamin.

»Was?«, sagt sein Vater.

»Da«, zeigt Benjamin.

Am Himmel hängt ein Stern aus Rauch. Aus irgendeinem Grund sieht Benjamin Aida vor sich, und sein Magen zieht sich zusammen, und ihm wird innerlich ganz warm. Letzen Freitag haben sie schweigend, ganz eng zusammen auf der Couch in Aidas kleinem Wohnzimmer im Vorort Sundbyberg gesessen. Sie haben sich den Film Elephant angesehen, während ihr jüngerer Bruder auf dem Fußboden gesessen und mit Pokemonkarten gespielt und vor sich hingebrabbelt hat.

Als Erik den Wagen vor dem Schulhof parkt, entdeckt Benjamin plötzlich Aida. Sie steht auf der anderen Seite des Zauns und wartet auf ihn. Als sie ihn sieht, winkt sie ihm zu. Benjamin greift nach seiner Schultasche und sagt gestresst:

»Tschüss, Papa, danke fürs Bringen.«

»Ich liebe dich«, sagt Erik leise.

Benjamin nickt und zieht sich zurück.

»Sollen wir heute Abend einen Film gucken?«, fragt Erik.

»Weiß nicht«, antwortet Benjamin mit gesenktem Blick.

»Ist das Aida?«, fragt sein Vater.

»Ja«, antwortet Benjamin fast lautlos.

»Ich würde ihr gerne guten Tag sagen«, erklärt Erik und steigt aus dem Wagen.

»Wieso denn das?«

Sie gehen auf Aida zu. Benjamin wagt sie kaum anzuschauen und kommt sich vor wie ein kleiner Junge. Hoffentlich denkt sie nicht, dass er sie von seinem Vater absegnen lassen will. Es ist ihm völlig egal, was sein Vater von ihr denkt oder nicht denkt. Aida wirkt nervös, als sie näher kommen. Ihr Blick flackert zwischen ihm und Erik hin und her. Noch ehe Benjamin zu einer Erklärung ansetzen kann, streckt Erik die Hand aus und begrüßt sie:

»Hallo.«

Aida gibt ihm zögernd die Hand. Benjamin merkt, dass sein Vater beim Anblick ihrer Tattoos zusammenzuckt: Sie hat sich ein Hakenkreuz auf den Hals tätowieren lassen. Direkt daneben sieht man einen kleinen Davidsstern. Ihre Augen sind schwarz geschminkt, die Haare hat sie zu zwei kindlichen Zöpfen geflochten, und sie trägt eine schwarze Lederjacke und einen weiten schwarzen Tüllrock.

»Ich bin Erik, Benjamins Vater«, sagt Erik.

»Aida.«

Ihre Stimme ist leise und hell. Benjamin läuft rot an und wirft einen nervösen Blick auf Aida, bevor er zu Boden schaut.

»Bist du ein Neonazi?«, fragt Erik.

»Sind Sie einer?«, gibt sie zurück.

»Nein.«

»Ich auch nicht«, sagt sie und begegnet flüchtig seinem Blick.

»Warum hast du …«

»Aus keinem bestimmten Grund«, unterbricht sie Erik. »Ich bin nichts, ich bin nur …«

Benjamin schaltet sich ein, er schämt sich so für seinen Vater, dass sein Herz in der Brust steinhart pocht.

»Sie ist vor ein paar Jahren in bestimmte Kreise geraten«, sagt er laut. »Aber sie fand, dass die alle Idioten waren und …«

»Du brauchst ihm das nicht zu erklären«, unterbricht Aida ihn gereizt.

Für einen kurzen Moment bleibt er stumm.

»Ich … ich finde nur, dass es mutig ist, zu seinen Fehlern zu stehen«, sagt er dann.

»Das mag sein«, sagt Erik, »aber ich deute es eher als fehlende Einsicht, es nicht wegmachen zu …«

»Hör auf«, ruft Benjamin. »Du weißt nichts über sie.«

Aida dreht sich bloß um und geht. Benjamin eilt ihr hinterher.

»Entschuldige«, keucht er. »Mein Vater ist so peinlich …«

»Aber hat er nicht eigentlich Recht?«, fragt sie.

»Nein«, antwortet Benjamin schwach.

»Doch, ich glaube, er könnte Recht haben«, sagt sie, lächelt kurz und nimmt seine Hand in ihre.

5
Dienstagvormittag, der achte Dezember

Die Rechtsmedizin ist in einem roten Backsteinbau mitten auf dem großen Campus des Karolinska-Instituts untergebracht, an allen Seiten umgeben von größeren Gebäudekomplexen. Joona Linna fährt um das Haus herum und stellt seinen Wagen auf dem Besucherparkplatz ab. Während er zum Haupteingang geht, kommt er an einer gefrorenen Rasenfläche und einer stählernen Laderampe vorbei.

Joona denkt darüber nach, wie seltsam es ist, dass der Begriff Obduktion vom lateinischen Wort für bedecken, verdecken und verhüllen kommt, obwohl bei ihr eigentlich das Gegenteil geschieht. Vielleicht liegt es daran, dass man unterbewusst den Abschluss des Vorgangs hervorheben wollte, wenn der Körper nach der Obduktion wieder verschlossen und sein Inneres endlich den Blicken entzogen wird.

Nachdem er sich am Empfang bei einer jungen Frau angemeldet hat, darf er zu Nils Åhlén, Professor für Rechtsmedizin, hineingehen.

Åhléns Zimmer ist modern eingerichtet, mit glatten, glänzend weißen oder matt hellgrauen Oberflächen. Es handelt sich um teure Designerstücke. Die wenigen Sitzmöbel sind aus gebürstetem Stahl und haben strenge, weiße Ledersitzflächen. Der Schreibtisch wird durch eine große hängende Glasscheibe beleuchtet.

Åhlén gibt Joona ohne aufzustehen die Hand. Unter dem Arztkittel trägt er ein weißes Polohemd und auf der Nase eine Pilotenbrille mit weißen Bügeln. Sein Gesicht ist glatt rasiert und schmal, die grauen Haare sind sehr kurz, die Lippen blass, und seine Nase ist groß und höckerig.

»Guten Morgen«, zischt er.

An der Wand hängt eine verblichene Farbfotografie von ihm und einigen seiner Kollegen: Rechtsmediziner, forensische Chemiker, Genetiker und Zahnärzte. Alle tragen Arztkittel und wirken fröhlich. Sie haben sich um ein paar dunkle Knochenstücke auf einer Bank versammelt. Die Bildunterschrift erläutert, dass es sich um archäologische Funde aus einem Gräberfeld des 9. Jahrhunderts handelt, das in der Nähe des Handelsplatzes Birka auf der Insel Björkö entdeckt worden war.

»Wieder ein neues Bild«, sagt Joona.

»Ich habe Fotos aufgehängt«, sagt Åhlén unzufrieden. »In der alten Pathologie hing ein achtzehn Quadratmeter großes Gemälde.«

»Tatsächlich«, erwidert Joona.

»Gemalt von Peter Weiss.«

»Dem Schriftsteller?«

Åhlén nickt, und der Lichtschein der Schreibtischlampe spiegelt sich in seiner Pilotenbrille.

»Allerdings. In den vierziger Jahren hat er das ganze Institut porträtiert. Eine Arbeit von einem halben Jahr, für die er 600 Kronen bekommen hat, das habe ich jedenfalls gehört. Mein Vater ist einer der Obduzenten auf dem Bild, er steht am Fußende neben Bertil Falconer.«

Åhlén legt den Kopf schief und wendet sich wieder dem Computer zu.

»Ich sitze gerade an den Obduktionsberichten zu den Morden in Tumba«, sagt er zögernd.

»Ja?«

Åhlén blinzelt zu Joona hinüber:

»Carlos hat mich heute Morgen angerufen und mir Dampf gemacht.«

Joona lächelt:

»Ich weiß«, sagt er.

Der Gerichtsmediziner stupst die Brille auf seiner Nase höher.

»Anscheinend war ihm der Zeitpunkt des Todes wichtig.«

»Ja, wir müssen wissen, in welcher Reihenfolge…«

Åhlén sucht mit gespitztem Mund in seinem Computer:

»Es war natürlich nur eine vorläufige Einschätzung, aber…«

»Dass der Mann als Erster gestorben ist?«

»Genau … ich bin von der Körpertemperatur ausgegangen«, sagt er und zeigt auf den Computerbildschirm. »Erixon meinte, in den beiden Räumen, Umkleide und Haus, habe ungefähr die gleiche Temperatur geherrscht, woraufhin ich zu dem Schluss kam, dass der Mann etwas mehr als eine Stunde vor den beiden anderen gestorben ist.«

»Bist du jetzt anderer Meinung?«

Åhlén schüttelt den Kopf und steht ächzend auf.

»Die Bandscheiben«, erklärt er, verlässt das Büro und geht den Flur hinunter.

Joona Linna folgt Åhlén, der langsam zur Obduktionsabteilung humpelt.

Sie passieren einen unbeleuchteten Saal mit einem freistehenden Obduktionstisch aus rostfreiem Stahl. Er ähnelt einer Spüle, allerdings mit quadratischen Sektionen und erhöhten Rändern ringsum. Sie betreten einen kühleren Raum, in dem die Leichen, die in der Rechtsmedizin untersucht werden sollen, bei einer Temperatur von vier Grad in Schubfächern verwahrt werden. Åhlén bleibt stehen, kontrolliert die Nummer, zieht ein großes Fach heraus und sieht, dass es leer ist.

»Weg«, grinst er und geht durch den Flur, in dem Tausende kleiner Reifenspuren über den Fußboden laufen, öffnet eine andere Tür und hält sie Joona auf.

Sie stehen in einem hell erleuchteten, weiß gekachelten Obduktionssaal mit einem großen Waschbecken an der Wand. Aus einem orange Spritzschlauch sickert Wasser in einen Bodenabfluss. Auf dem länglichen, plastiküberzogenen Obduktionstisch liegt ein nackter und bleicher, von Dutzenden dunkler Wunden übersäter Körper.

»Katja Ek«, konstatiert Joona.

Die tote Frau hat seltsam stille Gesichtszüge, ihr Mund steht halb offen, und die Augen blicken ruhig. Sie sieht aus, als lauschte sie schöner Musik. Ihr Gesichtsausdruck will nicht zu den langen Schnittwunden auf Stirn und Wangen passen. Joonas Blick gleitet über Katja Eks Körper, an dem man rund um den Hals bereits eine marmorierte Äderung ahnen kann.

»Wir schaffen es hoffentlich, uns heute Nachmittag ihr Inneres vorzunehmen.«

»Ja, mein Gott«, seufzt Joona.

Die andere Tür geht auf, und ein junger Mann mit einem unsicheren Lächeln tritt ein. Er hat mehrere Ringe in den Augenbrauen, und sein schwarz gefärbtes Haar fällt in einem Pferdeschwanz auf den Rücken des Arztkittels. Grinsend hebt Åhlén die Faust zu einem Hardrockgruß, den der junge Mann augenblicklich erwidert.

»Das ist Joona Linna von der Landeskripo«, erklärt Åhlén. »Er gehört zu den Leuten, die uns ab und zu besuchen.«

»Frippe«, sagt der junge Mann und gibt Joona die Hand.

»Er spezialisiert sich auf forensische Medizin«, erläutert Åhlén.

Frippe zieht ein Paar Gummihandschuhe an, und Joona folgt ihm zum Obduktionstisch und merkt, dass die Frau von kalter und übelriechender Luft umweht wird.

»Trotz multipler Stich- und Schnittwunden ist gegen sie noch am wenigsten Gewalt ausgeübt worden«, bemerkt Åhlén.

Sie betrachten die tote Frau. Ihr Körper ist von großen und kleinen Wunden bedeckt.

»Außerdem ist sie im Gegensatz zu den beiden anderen weder verstümmelt noch zerstückelt worden«, fährt er fort. »Die eigentliche Todesursache sind nicht die Wunden am Hals, sondern dieser Stich hier, der laut Computertomographie direkt ins Herz gegangen ist.«

»Aber es ist nicht ganz einfach, die Blutungen auf den Aufnahmen zu erkennen«, erläutert Frippe.

»Wir überprüfen das natürlich noch einmal, wenn wir sie aufmachen«, sagt Åhlén an Joona gewandt.

»Sie hat sich gewehrt«, sagt Joona.

»Angesichts der Wunden an ihren Handflächen gehe ich davon aus, dass sie sich zunächst aktiv gewehrt hat«, erwidert der Rechtsmediziner, »dann aber versuchte, zu entkommen und sich zu schützen.«

Der junge Arzt wirft Åhlén einen Blick zu.

»Schau dir die Verletzungen an den Streckseiten der Arme an«, sagt dieser.

»Abwehrverletzungen«, murmelt Joona.

»Exakt.«

Joona lehnt sich vor und betrachtet die braungelben Flecken, die man in den offenen Augen der Frau erkennt.

»Du siehst dir die Sonnen an?«

»Ja …«

»Sie tauchen erst einige Stunden nach dem Tod auf, manchmal dauert es sogar Tage«, doziert Åhlén. »Mit der Zeit werden sie ganz schwarz. Sie entstehen, weil der Druck im Auge sinkt.«

Er nimmt einen Reflexhammer von einem Regalbrett und lässt Frippe kontrollieren, ob der idiomuskuläre Wulst noch da ist. Der junge Arzt klopft mitten auf den Bizeps der Frau und tastet mit den Fingern die Muskeln nach Kontraktionen ab.

»Nur noch minimal«, sagt er zu Joona.

»Nach dreizehn Stunden hören sie in der Regel auf«, erläutert Åhlén.

»Die Toten sind nicht völlig tot«, sagt Joona und schaudert, als er eine geisterhafte Bewegung in Katja Eks schlaffem Arm erahnt.

»Mortui vivos docent – die Toten lehren die Lebenden«, erwidert Åhlén und lächelt in sich hinein, als er und Frippe die Frau auf den Bauch drehen.

Er zeigt auf die verwischten rotbraunen Flecken auf Gesäß und Rücken, auf Schulterblättern und Armen.

»Die Leichenflecken sind nur schwach ausgebildet, wenn das Opfer viel Blut verloren hat.«

»Das leuchtet mir ein«, sagt Joona.

»Blut ist schwer, und wenn man stirbt, gibt es kein inneres Drucksystem mehr«, erklärt Åhlén Frippe. »Es ist vielleicht selbstverständlich, aber das Blut fließt jedenfalls nach unten und sammelt sich an den tiefsten Stellen und wird vor allem an den Kontaktflächen mit dem Untergrund sichtbar.«

Er drückt mit dem Daumen auf einen Flecken an ihrer rechten Wade, bis er fast verschwunden ist.

»Tja, wie du siehst … bis vierundzwanzig Stunden nach dem Tod kann man sie noch wegdrücken.«

»Aber ich meine, solche Flecken auch auf der Hüfte und ihren Brüsten gesehen zu haben«, sagt Joona zögernd.

»Bravo«, platzt Åhlén heraus und betrachtet ihn mit einem leicht erstaunten Lächeln. »Ich hätte nicht gedacht, dass du sie entdecken würdest.«

»Also hat sie nach ihrem Tod auf dem Bauch gelegen, bis sie später umgedreht worden ist«, sagt Joona mit finnischer Strenge in der Stimme.

»Zwei Stunden würde ich schätzen.«

»Also ist der Täter zwei Stunden geblieben«, überlegt Joona. »Oder er oder jemand anders ist zum Tatort zurückgekehrt und hat sie umgedreht.«

Der Rechtsmediziner zuckt mit den Schultern.

»Ich bin mit meiner Auswertung noch längst nicht fertig.«

»Darf ich dich was fragen? Mir ist aufgefallen, dass eine der Wunden auf dem Bauch wie ein Kaiserschnitt aussieht …«

»Ein Kaiserschnitt«, lächelt Åhlén. »Tja, warum nicht? Dann wollen wir uns das mal ansehen.«

Die beiden Ärzte drehen den Körper wieder um.

»Du meinst das hier?«

Der Rechtsmediziner zeigt auf eine große Schnittwunde, die vom Nabel fünfzehn Zentimeter abwärts führt.

»Ja«, antwortet Joona.

»Ich bin noch nicht dazu gekommen, jede einzelne Wunde zu untersuchen.«

»Vulnera incisa scissa«, sagt Frippe.

»Ja, es sieht wie eine Schnittwunde aus, für die Nicht-Lateiner unter uns«, sagt Åhlén.

»Und keine Stichwunde«, wirft Joona ein.

»Wenn man die regelmäßige Schnittlinie bedenkt und dass das umgebende Hautgewebe intakt geblieben ist …«

Er stochert mit einem Finger in der Wunde, und Frippe lehnt sich vor, um besser sehen zu können.

»Ja …«

»Die Ränder«, fährt der Rechtsmediziner fort. »Sie sind nicht sonderlich blutdurchtränkt, aber …«

Er verstummt abrupt.

»Was ist?«, fragt Joona.

Åhlén sieht ihn mit einem seltsamen Blick an.

»Dieser Schnitt ist erst nach ihrem Tod ausgeführt worden«, sagt er.

Er zieht die Handschuhe aus.

»Ich muss mir die Computertomographie noch einmal ansehen«, erklärt er gestresst, geht zu einem Tisch an der Tür und öffnet ein Notebook.

Er klickt zwischen den dreidimensionalen Aufnahmen hin und her, hält inne, bewegt sie weiter und verändert den Winkel.

»Die Wunde scheint bis in die Gebärmutter zu gehen«, flüstert er. »Es sieht ganz so aus, als würde sie der alten Narbe folgen.

»Der alten? Was meinst du damit?«, fragt Joona.

»Das hast du also nicht gesehen?«, grinst Åhlén und kehrt zu der Leiche zurück. »Ein Notkaiserschnitt.«

Er zeigt auf die vertikale Wunde. Joona sieht sie sich näher an und erkennt, dass parallel zum Wundrand eine Art dünner Faden aus dem alten, blassrosa Narbengewebe eines vor langer Zeit verheilten Kaiserschnitts verläuft.

»Sie war doch nicht etwa schwanger?«, fragt Joona.

»Aber nein«, lacht Åhlén und schiebt die Pilotenbrille auf seiner Nase höher.

»Haben wir es hier mit einem Mörder mit chirurgischer Kompetenz zu tun?«, fragt Joona.

Der Rechtsmediziner schüttelt den Kopf, und Joona denkt, dass jemand Katja Ek mit viel Gewalt und Wut getötet hat. Ein oder zwei Stunden später ist er zurückgekehrt, hat sie auf den Rücken gedreht und ihren alten Kaiserschnitt aufgeschnitten.

»Sieh nach, ob du an den anderen Leichen Ähnliches findest.«

»Sollen wir dem Priorität geben?«, erkundigt sich Åhlén.

»Ja, ich glaube schon«, antwortet Joona.

»Du zögerst?«

»Nein.«

»Aber du willst, dass wir allem Priorität geben«, sagt Åhlén.

»So ungefähr«, lächelt Joona und verlässt den Raum.

Als er sich auf dem Parkplatz ins Auto setzt, ist ihm kalt. Er lässt den Wagen an, fährt auf die Straße, dreht die Heizung auf und wählt die Nummer von Oberstaatsanwalt Jens Svanehjälm.

»Svanehjälm«, meldet dieser sich.

»Joona Linna.«

»Guten Morgen … Ich habe gerade mit Carlos gesprochen – er meinte, du würdest dich bei mir melden.«

»Es ist nicht ganz einfach zu sagen, womit wir es hier zu tun haben«, meint Joona.

»Bist du unterwegs?«

»Ich komme gerade aus der Rechtsmedizin und wollte im Krankenhaus vorbeischauen. Ich muss unter allen Umständen das überlebende Opfer vernehmen.«

»Carlos hat mir die Situation erklärt«, sagt Jens. »Wir müssen Druck machen. Hast du eine Gruppe für das Täterprofil zusammengestellt?«

»Ein Täterprofil bringt uns hier nicht weiter«, antwortet Joona.

»Nein, ich weiß, ich bin der gleichen Meinung wie du. Wenn wir eine Chance haben wollen, die ältere Schwester zu schützen, müssen wir mit dem Jungen reden, anders geht es nicht.«

Joona sieht plötzlich vollkommen lautlos einen Feuerwerkskörper explodieren – ein hellblauer Stern fernab über den Dächern von Stockholm.

»Ich stehe in Kontakt mit …«, fährt Joona fort und räuspert sich. »Ich stehe in Kontakt mit einer Susanne Granat vom Jugendamt. Darüber hinaus möchte ich den Psychiater Erik Maria Bark dabeihaben. Er ist Experte für die Behandlung von Schocks und Traumata.«

»Das geht in Ordnung«, sagt Jens beruhigend.

»Dann fahre ich jetzt zur Neurochirurgie.«

»Gute Idee.«

6
Die Nacht zum achten Dezember

Aus irgendeinem Grund ist Simone schon wach, als sich das Telefon auf Eriks Nachttisch mit einem ganz leisen Klirren meldet.

Erik murmelt etwas über Ballons und Luftschlangen, greift nach dem Apparat und eilt aus dem Schlafzimmer.

Ehe er sich meldet, schließt er die Tür. Die Stimme, die sie durch die Wand hört, klingt gefühlvoll, fast zärtlich. Kurz darauf schleicht Erik ins Schlafzimmer zurück, und sie fragt ihn, wer angerufen hat.

»Ein Polizist … ein Kriminalkommissar, ich habe seinen Namen nicht richtig verstanden«, antwortet Erik und erklärt, er müsse ins Karolinska-Krankenhaus fahren.

Sie sieht auf den Wecker und schließt die Augen.

»Schlaf weiter, Sixan«, flüstert er und verlässt das Zimmer.

Das Nachthemd hat sich um ihren Körper gewickelt und spannt über der linken Brust. Sie rückt es zurecht, dreht sich auf die Seite, liegt reglos im Bett und horcht auf Eriks Bewegungen.

Er zieht sich an, sucht in der Kleiderkammer nach etwas, benutzt den Schuhlöffel, verlässt die Wohnung und schließt die Tür hinter sich ab. Kurze Zeit später hört sie die Haustür hinter ihm zufallen.

Sie liegt im Bett und versucht längere Zeit erfolglos, wieder einzuschlafen. Sie findet, dass es nicht so klang, als hätte Erik mit einem Polizisten gesprochen, dafür hörte sich seine Stimme zu entspannt an. Vielleicht war er aber auch nur müde.

Sie steht auf und geht auf Toilette, trinkt etwas Joghurt und legt sich wieder hin. Anschließend wandern ihre Gedanken zu dem, was vor zehn Jahren passiert ist, und sie kann nicht mehr einschlafen. Eine halbe Stunde bleibt sie liegen, dann setzt sie sich auf, schaltet die Nachttischlampe an, greift nach dem Telefon, betrachtet das Display und findet den zuletzt angenommenen Anruf. Sie weiß, dass sie das Licht löschen und schlafen sollte, wählt aber trotzdem die Nummer. Es klingelt dreimal. Dann macht es klick, und sie hört eine Frau ein Stück vom Telefon entfernt lachen.

»Erik, lass das«, sagt die Frau fröhlich, und im nächsten Moment ist ihre Stimme ganz nah: »Ja, Daniella. Hallo?«

Simone hört die Frau einen Moment warten und dann mit einer müden, fragenden Stimme »Aloha« sagen, ehe sie die Verbindung unterbricht. Simone bleibt mit dem Telefon in der Hand sitzen. Sie versucht zu verstehen, warum Erik gesagt hat, dass ihn ein Polizist angerufen habe. Sie will eine logische Erklärung finden, kann ihre Gedanken jedoch nicht daran hindern, an jenen Punkt vor zehn Jahren zurückzuwandern, an dem sie plötzlich erkannte, dass Erik sie betrog, dass er ihr mitten ins Gesicht log.

Rein zufällig war es auch der Tag gewesen, an dem Erik verkündet hatte, dass er nie wieder jemanden hypnotisieren würde.

Simone erinnert sich, dass sie an jenem Tag ausnahmsweise nicht in ihrer gerade erst eröffneten Galerie war, vielleicht war Benjamin nicht in der Schule, vielleicht hatte sie sich freigenommen, jedenfalls saß sie an dem hellen Küchentisch in ihrem Reihenhaus im Vorort Järfälla und ging die Post durch, als ihre Augen auf einen hellblauen, an Erik adressierten Umschlag fielen. Als Absender stand darauf nur ein Vorname: Maja.

Es gibt Momente, in denen man mit jedem Atom seines Körpers weiß, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht stammte diese Angst, betrogen zu werden, aus ihrer Kindheit, als sie mit ansehen musste, wie ihr Vater hintergangen wurde. Er, der bis zu seiner Pensionierung bei der Polizei gearbeitet und für seine außerordentliche Ermittlungsarbeit sogar eine Auszeichnung verliehen bekommen hatte, benötigte viele Jahre, um die immer unverhohlenere Untreue seiner Frau zu entdecken.

Sie erinnert sich, dass sie sich an jenem Abend, an dem ihre Eltern den furchtbaren Streit hatten, der damit endete, dass ihre Mutter die Familie verließ, einfach nur versteckt hatte. Der Mann, mit dem ihre Mutter in den letzten Jahren ihrer Ehe ein Verhältnis hatte, war ein Nachbar, ein trinkender Frührentner, der früher ein paar Platten mit Tanzmusik aufgenommen hatte. Ihre Mutter zog mit ihm in eine Wohnung in Fuengirola an der Costa del Sol.

Simone und ihr Vater hatten weitergelebt, die Zähne zusammengebissen und festgestellt, dass es in ihrer Familie ohnehin immer nur sie beide gegeben hatte. Sie war aufgewachsen und hatte die gleiche sommersprossige Haut, die gleichen rotblonden, lockigen Haare bekommen wie ihre Mutter. Aber im Gegensatz zu ihrer Mutter hatte Simone einen lachenden Mund. Jedenfalls hatte Erik das einmal zu ihr gesagt, und seine Beschreibung gefiel ihr.

Als Jugendliche hatte Simone Künstlerin werden wollen, dann aber doch nicht den Mut dazu aufgebracht. Ihr Vater Kennet versuchte, sie zu überreden, etwas Bodenständiges zu werden, kein Risiko einzugehen. Heraus kam ein Kompromiss. Sie begann, Kunstwissenschaft zu studieren, fühlte sich im studentischen Milieu überraschend wohl und schrieb mehrere Artikel über den schwedischen Künstler Ola Billgren.

Auf einer Promotionsfeier lernte sie Erik kennen. Er kam zu ihr und gratulierte ihr, weil er dachte, sie hätte promoviert. Als er seinen Irrtum erkannte, wurde er rot, entschuldigte sich und wollte wieder gehen. Aber irgendetwas, nicht nur die Tatsache, dass er groß war und gut aussah, sondern vor allem seine behutsame Art hatte sie veranlasst, sich mit ihm zu unterhalten. Kurze Zeit später waren sie in ein ebenso interessantes wie unterhaltsames Gespräch vertieft, das nicht enden wollte. Schon am nächsten Tag trafen sie sich wieder, gingen ins Kino und sahen Ingmar Bergmans Fanny und Alexander.

Simone war acht Jahre mit Erik verheiratet, als sie mit zitternden Fingern den Briefumschlag mit dem Absender »Maja« öffnete. Zehn Fotos fielen auf den Küchentisch. Die Aufnahmen hatte kein professioneller Fotograf gemacht. Verwackelte Nahaufnahmen einer weiblichen Brust, eines Munds und eines nackten Halses, eines hellgrünen Slips und schwarzer dicht gelockter Haare. Auf einem der Bilder sah man Erik. Er wirkte erstaunt und glücklich. Maja war eine süße, sehr junge Frau mit kräftigen dunklen Augenbrauen. Sie hatte einen großen, ernsten Mund und lag nur mit einem Slip bekleidet auf einem schmalen Bett, und ihre schwarzen Haare fielen in Locken auf breite weiße Brüste. Sie sah froh aus, erhitzt unter den Augen.

Es widerstrebt einem, sich ins Gedächtnis zu rufen, wie man sich fühlt, wenn man betrogen wird. Seit langer Zeit ist alles nur noch ein Gefühl der Trauer und ein eigentümlicher, leerer Sog im Magen sowie der Wille, die verletzenden Gedanken zu verdrängen. Trotzdem weiß sie noch, dass sie im ersten Moment vor allem erstaunt gewesen war. Sprachlos und erstaunt darüber, wie ein Idiot von einem Menschen hintergangen worden zu sein, dem sie blind vertraut hatte. Erst dann stellte sich die Scham ein, gefolgt von einem verzweifelten Gefühl der Unzulänglichkeit, aufflammender Wut und Einsamkeit.

Simone liegt im Bett, während sich diese Gedanken in ihrem Kopf drehen und in verschiedene schmerzhafte Richtungen schießen. Bevor Erik aus dem Karolinska-Krankenhaus zurückkommt, schlummert sie für ein paar Minuten ein. Er versucht, leise zu sein, aber als er sich aufs Bett setzt, wacht sie dennoch auf. Erik sagt, dass er duschen will. Sie merkt ihm an, dass er mal wieder Tabletten genommen hat. Mit pochendem Herzen fragt sie ihn, wie der Polizist hieß, der in der Nacht angerufen hat, aber er antwortet nicht, und sie begreift, dass er eingeschlafen ist. Daraufhin erklärt Simone, dass sie die Nummer angerufen hat und sich kein Polizist, sondern eine kichernde Frau namens Daniella gemeldet hat. Erik schafft es nicht, sich wach zu halten, und schläft wieder ein. Daraufhin schreit sie ihn an, verlangt, die Wahrheit zu erfahren, und wirft ihm vor, alles kaputtgemacht zu haben, als sie gerade wieder begonnen hat, ihm zu vertrauen.

Sie sitzt im Bett und sieht ihn an. Er scheint nicht zu begreifen, warum sie so aufgebracht ist. Sie denkt, dass sie keine Lügen mehr erträgt. Und dann spricht sie die Worte aus, die sie schon mehrfach gedacht hat, auch wenn sie sich gleichzeitig so fern, schmerzhaft und falsch anfühlen.

»Vielleicht ist es besser, wenn wir uns trennen.«

Simone verlässt das Schlafzimmer mit Kissen und Decke, hört das Bett hinter sich knarren und hofft, dass er ihr folgt, sie tröstet und ihr erzählt, was passiert ist. Aber er bleibt im Bett, und sie schließt sich im Gästezimmer ein, weint lange und putzt sich schließlich die Nase. Sie legt sich auf die Couch und versucht zu schlafen, erkennt jedoch, dass sie den Gedanken nicht erträgt, an diesem Morgen ihrer Familie zu begegnen.

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