Logo weiterlesen.de
Der Hurenkiller - Das Morden geht weiter ...: Wegners schwerste Fälle (2. Teil)

Thomas Herzberg

Der Hurenkiller - Das Morden geht weiter ...: Wegners schwerste Fälle (2. Teil)

Hamburg Krimi





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel

Der Hurenkiller - das Morden geht weiter …

(Wegners schwerste Fälle)

Thomas Herzberg

 

Alle Rechte vorbehalten

 

Lektorat, Korrektorat: Michael Lohmann, worttaten.de

Fassung: 3.11

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und / oder realen Handlungen sind rein zufällig.

 

 

Inhalt

Erneut sind es die Damen des horizontalen Gewerbes, auf die sich ein Serienmörder spezialisiert hat. Anders als zuvor jedoch treibt der Täter sein Unwesen in der Welt der Edelhuren. Auf immer perversere und brutalere Weise muss ein Callgirl nach dem anderen sterben, um seine abartigen Fantasien zu befriedigen. Hauptkommissar Wegner und sein Team kämpfen verzweifelt gegen ein Monster, das ihnen immer wieder zu entkommen vermag ...

Eine weitere spannende Geschichte rund um den raubeinigen Kommissar, der die Dienstwaffe locker und das Herz am rechten Fleck trägt. Alle Teile der Reihe »Wegners schwerste Fälle« platzierten sich lange Zeit in den Top100 der E-Book-Bestseller-Charts. (Jeder Wegner-Fall ist eine in sich abgeschlossene Geschichte. Es kann jedoch nicht schaden, auch die vorangegangenen Fälle zu kennen ...;)

Alle Bücher von Thomas Herzberg

!!! Brandneu: »Ausgerechnet Sylt: Hannah Lambert ermittelt 1« (mein erster Friesenkrimi) !!!

Bisher aus der Reihe Wegners erste Fälle:

Aus der Reihe Wegner & Hauser:

 Aus der Reihe Wegners schwerste Fälle:

Aus der Reihe Wegners letzte Fälle:

 Aus der Reihe Auftrag: Mord!:

Unter meinem Pseudonym "Thore Holmberg":

Ansonsten:

  

Weitere Titel, Informationen und einen Newsletter-Service gibt es auf meiner Homepage: ThomasHerzberg.de

 

Thomas Herzberg auf Facebook

Prolog

Martin Schiller lag auf seinem Bett und starrte gedankenversunken zur Decke. Das Schiff neigte sich mit langen Bewegungen erst zur linken und dann zur rechten Seite. Schon seit Stunden wiederholte es diesen Vorgang mit schier unendlicher Ausdauer. Mitten auf dem Nordatlantik musste man zwar zu jeder Jahreszeit mit heftigem Wellengang rechnen, aber so wie heute hatte er es lange nicht mehr erlebt. Bis an das Fenster seines Bullauges schlugen die Wellen und machten geruhsamen Schlaf so gut wie unmöglich.

In zwei Tagen würde der Container-Riese endlich die Deutsche Bucht erreichen. An das Leben auf hoher See und die damit verbundenen Entbehrungen hatte er sich schon vor langer Zeit gewöhnt. Nur dass diese Einschränkungen immer wieder mit seinen neuen Neigungen kollidierten, störte ihn mittlerweile erheblich.

Ein Hobby kann man das Töten von Huren wohl kaum nennen, überlegte Martin Schiller und lachte in sich hinein. Jetzt dachte er an die Erste, die seinen Besuch nicht überlebte. Er hatte keineswegs geplant, sie umzubringen. Aber als sich das Miststück zu wehren anfing und immer heftiger um sich schlug, wollte sein Verstand einfach keinen anderen Ausweg mehr finden. Warum er damals das Teppichmesser überhaupt mitgenommen hatte, konnte er nicht sagen. Nur dass der Moment, als der Hure das Blut aus der aufgeschlitzten Kehle lief, ihn so erregte, dass er gleich ein weiteres Mal kam. Danach war das Töten der Mädchen zum festen Bestandteil geworden. Das letzte Opfer hatte er sogar noch nach ihrem Tod genossen.

Nicht mehr lange, dachte er. Sein nächstes Opfer stand bereits fest, und an ihr wollte er ein paar ganz neue Fantasien ausprobieren …

1

»Schicken Sie zwei Streifenwagen zu meiner Privatadresse, sofort!«, keifte Manfred Wegner atemlos ins Telefon. Er warf den Hörer achtlos neben die Ladeschale und hechtete ins Wohnzimmer zurück. Rex, sein Schäferhund, lag wie hingegossen auf dem Sofa und atmete nur noch sehr flach und kaum spürbar. Vor einer halben Stunde hatte das altersschwache Tier fast zwei Liter eines Blut-Wasser-Gemisches auf den Küchenboden gekotzt. Danach war er einfach kraftlos neben der Pfütze zusammengesackt. Als Wegner den roten See in der Küche entdeckte, waren selbst ihm, dem Leiter der Hamburger Mordkommission, die Knie weich geworden.

Mittlerweile restlos verzweifelt hatte er den armen Kerl hochgehoben, ihn ins Wohnzimmer geschleppt und ganz vorsichtig aufs Sofa gelegt. Völlig egal, was in dieser Nacht noch passieren würde, eine neue Sitzgelegenheit wäre danach definitiv fällig.

Der Arzt in der Notfall-Klinik wartete bereits auf seinen Patienten. Nach langen Debatten hatte der sich auch bereit erklärt, seine Kollegen hinzuzurufen. Es war doch wohl nicht zu viel verlangt, dass Wegner – auch bei einem Hund – auf eine zweite Meinung pochte. Selbst wenn es Sonntagabend war.

Das Klingeln an der Tür riss ihn unsanft aus seinen Gedanken. Er drückte den Öffner und rannte sofort fluchend ins Wohnzimmer zurück. Nur ein paar Augenblicke später hörte er bereits seine Streifenkollegen die Treppe hochhechten.

»Was ist denn los, Herr Hauptkommissar?«, keuchte der Erste, seine Dienstwaffe im Anschlag.

»Packen Sie mit an!«, begann Wegner grob. »Und Vorsicht! Wenn Sie ihn fallen lassen, schieben Sie ab morgen Dienst auf dem Autostrich.«

Schon auf dem Weg durch das schmale Treppenhaus konnte Wegner die blitzenden Blaulichter vor seiner Haustür erkennen. Seine Nachbarn hatten sich längst im Flur oder auf der Straße versammelt und musterten neugierig das Geschehen. Rex lag mittlerweile auf der Ladefläche von Wegners Kombi und wirkte dabei mehr tot als lebendig.

»Es ist doch nur’n blöder Köter.« Dieses gefühllose Fazit stammte von einem der Streifenkollegen.

Wegner drehte sich um und funkelte den Kollegen wütend an. Sein Mund öffnete sich, aber es wollte nichts herauskommen. Stattdessen wirbelte er herum und eilte bereits in Richtung Fahrertür. »Sie fahren vorweg und schieben uns den Weg frei. Und Sie ...«, er deutete auf den Beamten, der gerade noch so unsanft über seinen Hund geurteilt hatte, »Sie sorgen dafür, dass wir von hinten Ruhe haben.«

Als ob es einen Staatsgast zu bewachen galt, raste der Konvoi durch die fast leeren Straßen Hamburgs. Bis nach Stapelfeld würden sie noch etwa eine Viertelstunde benötigen, überschlug Wegner schnell. Überhastet wählte er wieder die Nummer der Notfallklinik. »Wir sind bald da! Haben sie alles vorbereitet?«

Der Tierarzt stöhnte genervt. »Noch weiß ich doch gar nicht, was uns erwartet. Aber ich kann Sie beruhigen: Wir sind auf alles gefasst.«

»Hatten Sie schon mal solch einen Fall?«

»Was meinen Sie?«, wollte der Tierarzt wissen.

»Magenbluten ... bei einem Hund!«

»Fahren Sie einfach und kommen Sie gesund hier an.« Der Tierarzt hatte das Gespräch beendet.

Der Kombi geriet fast ins Schleudern, als Wegner in voller Fahrt Richtung Industriegebiet abbog. Vor dem Eingang der Tierklinik legte er eine Vollbremsung hin. Er sprang er aus dem Wagen und wedelte bereits aufgeregt mit den Armen, bis endlich einer der Streifenkollegen herbeigeeilt kam. Vorsichtig trugen sie den leblosen Hund durch die Tür, hinter der die zwei Tierärzte schon in steriler Kleidung auf ihren Notfallpatienten warteten. Der Mann, ein griesgrämig dreinschauender Mittfünfziger, wirkte in natura noch unsympathischer als am Telefon. Die junge Frau neben ihm sah ganz offen und interessiert aus. Blieb zu hoffen, dass sie auch etwas von ihrem Handwerk verstand.

Der grimmige Arzt marschierte vorweg und schob die Tür zum OP auf. »Legen Sie das Tier auf den Tisch!«, brummte er unwirsch. Klar war, dass sich der Kerl vielmehr nach seinem Bett sehnte, statt hier einen womöglich hoffnungslosen Fall zu behandeln.

Nachdem Rex auf dem viel zu kalten Metalltisch lag, ergriff Wegner erneut das Wort: »Wenn Sie noch mal von dem Tier sprechen, dann halte ich Ihnen bei Ihrer Arbeit meine Dienstwaffe an den Schädel. Versprochen!«

Für einen winzigen Moment flammte Angst oder wenigstens Respekt in den Augen des Arztes auf. Die verwandelte sich jetzt allerdings wieder in Ablehnung. »Sehen Sie zu, dass Sie rauskommen. Sofort!« Der Mann deutete mit wütendem Gesicht in Richtung Tür. »Lassen Sie uns gefälligst unsere Arbeit machen.«

Wegner lief schon seit einer halben Stunde vor dem OP unruhig auf und ab. Die Streifenkollegen waren vor zehn Minuten grummelnd abgezogen und hatten ihn mit seinen Sorgen allein gelassen. Hin und wieder legte er neugierig ein Ohr an die eiskalte Schiebetür, um zu hören, was dahinter gesprochen wurde. Erst nachdem er Bruchstücke wie »hoffnungslos« und »Krebs« aufgefangen hatte, verzichtete er lieber auf’s Lauschen.

Zehn weitere endlose Minuten verstrichen, bis sich die Tür langsam öffnete und die beiden Tierärzte auf den Flur hinaustraten. Ungefragt begann der Mann mit routinierter Stimme: »Es hat keinen Sinn, wir müssen Ihren Hund einschläfern.«

Ob man solch eine Nachricht noch gefühlloser überbringen konnte?

Wegner war wie versteinert. Jeden Tag hatte er in seinem Job mit allen Abarten des Grauens zu tun. Gewalt und Tod gehörten zu seinem Alltag wie Brot zu dem eines Bäckers. In diesem Moment jedoch fühlte er sich derart hilflos und traurig, dass er nicht einmal mehr einen klaren Gedanken fassen konnte.

Jetzt ergriff die junge Ärztin das Wort: »Ich sehe das anders«, begann sie, und registrierte zufrieden Wegners erwartungsfrohen Blick. »Auf dem Ultraschall ist ein Schatten zu sehen, zwischen Magen und Dünndarm. Mein Kollege meint, dass es Krebs ist, aber ich glaube das nicht.«

»Und was meinen Sie?« Wegners Stimme war nur ein Hauch, aber sie klang hoffnungsvoll. »Was könnte es denn sonst sein?«

»Ich weiß es nicht genau, aber ich habe bei Hunden schon alles erlebt. Hat er irgendetwas Unverdauliches gefressen ... einen großen Knochen vielleicht?«

»Er frisst gern meine Socken«, platze es aus Wegner heraus, »keine Ahnung, warum.«

Der ältere Tierarzt schüttelte sich angewidert.

»Dann würde es mich nicht wundern, wenn wir einen davon in Rex' Bauch finden. Falls Sie einverstanden sind, operiere ich ihn. Schlimmer kann es ja nicht werden.«

»Und Sie meinen, dass das Tier ... Tschuldigung ... dass Rex die Narkose überlebt?«, erwiderte der zweite Arzt gereizt. Er hatte offensichtlich die Einschläferung zu seinem Favoriten erklärt. Schneller, unkompliziert ... und am Ende vermutlich genauso lukrativ. »Wir können Ihnen keine Garantie geben, dass ihr Hund überhaupt ...«

»Dann sollten Sie lieber dafür beten«, warf Wegner ein und klopfte dabei der Tierärztin ermunternd auf die Schulter. Kurz darauf hatte er sich die junge Frau am Arm geschnappt und schob sie sanft in Richtung OP. »Tun Sie, was Sie können.« Er wollte noch etwas sagen, aber es ging nicht mehr. Hinter ihm schloss sich die Schiebetür und rastete mit einem metallischen Geräusch ein. Von nun an blieb tatsächlich nur noch Beten ...

2

Vera Meiser flog förmlich die Treppen hinunter und erreichte atemlos ihr kleines Cabrio. Durch ihre Arbeit in der Redaktion einer großen Hamburger Tageszeitung war sie nächtliche Störungen gewöhnt. Diese aktuelle jedoch stellte sie vor eine ganz besondere Herausforderung, denn es betraf sie selbst beziehungsweise einen liebgewordenen Kumpel und Weggefährten: Rex.

Manfred Wegner, ihr Freund und seit letztem Monat sogar ihr Verlobter, hatte auf dem Weg in die Tierklinik angerufen und sie damit grob aus ihren Träumen gerissen. Sein nervöses Gestammel am Telefon war kaum zu verstehen. Eine Tatsache jedoch konnte sie seinen wirren Aussagen entnehmen. Es ging Rex schlecht ... sehr schlecht.

Mit großer Sorge, vor dem, was am Ende dieser Nacht vielleicht unausweichlich feststünde, legte sie jetzt den Gang ein und raste in Richtung Stapelfeld. Die letzten Monate gingen ihr durch den Kopf, während sie krampfhaft versuchte, die trüben Gedanken um das Schicksal des Schäferhundes zu vertreiben. Nach und nach hatten Manfred und sie selbst sich immer mehr aneinander gewöhnt und ihre Leben aufeinander eingestellt. Beide genossen dieses ganz neue Gefühl, die oft stumme Einigkeit, wenn es sich um die wesentlichen Dinge des Lebens drehte. Natürlich hatte sie, auch heute noch, oft genug mit seiner polterigen und bärbeißigen Art zu kämpfen. Im Laufe der Zeit aber hatte sie sich damit abgefunden und wusste selbst nur zu gut, wie sie ihn zur Weißglut bringen konnte.

Als Vera auf den Parkplatz vor der Tierklinik fuhr, sah sie Wegner bereits von Weitem. Der saß zusammengesunken unter der offenen Heckklappe seines Kombis und rauchte. Zögernd öffnete sie die Autotür und ging langsam auf ihn zu. Jetzt hob er träge den Kopf und gab damit nicht nur ein verzweifeltes Gesicht, sondern auch rot verquollenen Augen preis. Schweigend setzte sie sich neben ihn und legte ihren Arm um seine breiten Schultern. Minuten vergingen, bis sie sich traute, zum ersten Mal etwas zu sagen. »Ich wusste gar nicht, dass du rauchst.«

»Die letzte vor über zehn Jahren, als Gisela sich vom Acker gemacht hatte.«

»War das damals so schlimm für dich?«, wollte Vera wissen.

»Schlimm? Ich hatte mindestens zwanzig Bier dazu und hab in meiner Lieblingskneipe gehockt.«

Jetzt lachten sie beide verhalten und kuschelten sich noch dichter im schmalen Heck des Kombis zusammen. Wieder verging eine ganze Weile, bis sie allen Mut zusammennahm, um die unausweichliche Frage zu stellen: »Wie geht’s ihm?«, flüsterte sie und spürte im gleichen Moment bereits Tränen in sich aufsteigen.

»Ich weiß es nicht«, gab Wegner ebenso leise zurück. »Aber … wenn er tot wäre, dann wüsste ich es wohl schon.«

Vera nickte und drückte sich jetzt sogar noch ein wenig fester an seine Schulter.

Eine weitere Stunde Fünf Zigaretten später traten die Tierärzte endlich aus dem Haupteingang der Tierklinik. Der Kittel der jungen Frau war blutüberströmt, während der des Mannes fast unbenutzt erschien. Wegner und Vera sprangen zugleich auf und stürmten den beiden aufgeregt entgegen. Dann folgten drei Worte, deren erlösende Wirkung erneut Sturzbäche von Tränen auslöste: »Er kommt durch«, platzte es aus der jungen Ärztin heraus. Lachend umarmte sie den bulligen Hauptkommissar und ließ sich danach ohne Gegenwehr wieder und wieder von ihm drücken.

»Danke ... einfach nur danke«, waren Wegners letzte Worte, als Vera und er sich von den Ärzten wenig später verabschiedeten. Rex würde noch ein paar Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Aber schon kurz nachdem er aus der Narkose erwacht war, wirkte er bereits deutlich lebendiger. Sogar seine Augen glänzten wieder ein bisschen.

»Lass uns frühstücken gehen, ich lad dich ein«, schlug Wegner mit kraftloser Stimme vor. Er hielt Vera die Tür von seinem Kombi auf. »Mir dröhnt der Schädel!«

Es war Montagmorgen, kurz vor sechs. Die Straßen, ja selbst die Autobahnen rund um Hamburg erwachten erst träge zu neuem Leben. In einer Stunde etwa würde sich dort, wo jetzt nur ein paar vereinzelte Autos fuhren, eine wahre Blechlawine müde dahinwälzen. Die Pendler hatten sich längst daran gewöhnt, morgens und genauso abends in endlosen Staus zu stehen. Sogar eine weitere Elbtunnelröhre und die Verbreiterung der bestehenden Hauptverkehrslinien hatte keine wirklich spürbare Entlastung gebracht.

Wenig später saßen die beiden bereits in einer kleinen Bäckerei, um frischen Kaffee und knusprige Brötchen zu genießen. Nach einigen Minuten gefräßigen Schweigens war es Vera, die den Moment ausnutzte. »Wenn er rauskommt, dann kaufe ich ihm einen von diesen riesigen Knochen. Du weißt, welche ich meine, oder?«

»Mhmh«, brummelte Wegner mir vollem Mund.

»Und du wirst deine Socken von jetzt an schön in die Wäschetonne werfen, die ich dir letzten Monat geschenkt habe.«

»Mhmh ...«

 »Was machen denn eigentlich eure beiden Fälle?«, wollte Vera wenig später wissen, um damit auch von den trüben Gedanken abzulenken.

Wegner schaute auf und schien selbst ebenso erleichtert darüber, dass sie ein anderes Thema gefunden hatten. »Wir ziehen die Schlinge immer enger. Wenn ich mich nicht komplett irre, dann haben wir den Zahnarzt bis zum Ende der Woche hinter Schloss und Riegel.«

Seit vier Wochen jagten Wegner und seine Kollegen einen Mediziner, der seine ärztliche Fürsorgepflicht und die daraus resultierenden Möglichkeiten anscheinend missverstanden hatte. Den Ermittlungen zufolge war der Mann spielsüchtig und drogenabhängig. Um diese kostspieligen Hobbys zu finanzieren, hatte er damit begonnen, im großen Stil synthetische Drogen an seine Patienten zu verkaufen. Seitdem fünf seiner Kunden durch eine Überdosis der gepanschten Tabletten gestorben waren, jagte man ihn mit allen verfügbaren Kräften.

Wegner bemerkte Veras ungeduldigen Gesichtsausdruck. »Aber das wolltest du gar nicht hören mein Schatz, oder?«

»Natürlich nicht!«, erwiderte sie zickig. »Ich will wissen, was der Hurenkiller macht ... was denn sonst, du Blödmann?«

Wegner schmollte zunächst künstlich und fuhr erst fort, als Vera ihm für den Abend eine ausgedehnte Massage versprach.

»Wir tappen nach wie vor im Dunkeln.«

»Und dafür verspreche ich dir ’ne Massage?« Vera schüttelte den Kopf und drohte Wegner mit ihren zierlichen Fäusten. »Du kannst was erleben, du ...!«

»Glaubst du vielleicht, ich finde es gut, dass wir nichts in der Hand haben?«

»Aber Ihr müsst doch zumindest einen Verdacht oder eine Spur haben«, hielt Vera unverändert energisch gegen. »Immerhin hat dieses Monster schon drei Callgirls auf dem Gewissen.«

Wegner überlegte kurz und schaute seine Verlobte am Ende vielsagend an. »Es gibt eigentlich nur eine Sache, über die wir uns sicher sind.«

»Und die wäre? Mein Gott ... lass dir doch nichts alles aus der Nase ziehen, Manfred.«

»Wenn das Schwein seinen Gewohnheiten treu bleibt, dann sind es ab nächsten Samstag vier tote Frauen.«

3

 

Freitagabend.

Mike Gerlach hatte am Roulette-Tisch angefangen und es geschafft, innerhalb kürzester Zeit knapp zehntausend Euro zu gewinnen. Vom Triumph beflügelt, war er zum Pokertisch gewechselt, an dem es allerdings schon seit einer halben Stunde deutlich schlechter lief. Beim letzten All-In hatte sein Gegenüber im wahrsten Sinne des Wortes alles auf eine Karte gesetzt. Mike war sich so sicher gewesen, dass seine drei Buben ausreichten, und hatte, ohne zu zögern, den Einsatz gehalten. Nachdem dieser blöde Schwachkopf dann mit schmierigem Grinsen zu seinen beiden Damen auch die dritte Fünf umdrehte, hätte er ihm die Chips, zusammen mit seinem Fullhouse, am liebsten in seine dämliche Visage gestopft. Stattdessen hatte er ihm sogar noch gratuliert und die verschwitzte Hand geschüttelt. Widerlich!

Jetzt mischte der Dealer und lachte über den schlechten Witz einer jungen Frau, die offensichtlich zum ersten Mal an einem Pokertisch saß. Mike zählte seine verbliebenen Chips und kam frustriert auf knapp dreitausend Euro. Aber es war noch nicht vorbei; er würde es diesem verklemmten Beamtentyp gegenüber schon zeigen. Beim Pokern war er fast unschlagbar. Er hatte eben häufig einfach nur Pech. Nur nicht heute ... heute war sein Abend.

Als er kurz darauf wieder aufsah, bemerkte er einen Mann, der Position auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches bezogen hatte. Der Kerl stand direkt hinter seinem Kontrahenten, der immer noch mit dem Zählen seines neuen Reichtums beschäftigt war und dabei grinste wie ein kleines Kind an Weihnachten.

Dieser andere Typ interessierte sich nicht fürs Pokerspiel und ebenso wenig für den Gewinner der letzten Runde, der gerade Zwanzig-Euro-Chip für die Angestellten springen ließ. Und selbst wenn Mike Gerlach nicht hinsah, fühlte er trotzdem die prüfenden Blicke, als würden die auf seiner Haut brennen. Heute Mittag erst hatte er das Interview mit diesem überheblichen Hauptkommissar Wegner gelesen. Der sei sich sicher, hatte er dem Reporter der Morgenpost gesagt, dass sie den Händler des Todes, so nannte man Dr. Mike Gerlach seit einigen Wochen, schon sehr bald fassen würden. Einen Scheiß werden sie!

In diesem Moment fragte er sich, inwieweit er seinem aktuellen Fahndungsbild überhaupt noch ähnlichsah. Seine blonden Locken hat er sich schon vor zwei Wochen abrasiert. Seitdem lief er mit einer solariumgebräunten Glatze herum und trug fast immer eine Sonnenbrille. Obendrein hatte er sich einen breiten Schnauzer wachsen lassen. Der machte ihn nicht nur zehn Jahre älter, sondern ließ auch sein ganzes Gesicht deutlich runder erscheinen.

Hatte der Typ ihn trotzdem erkannt? Und war der Kerl überhaupt ein Bulle?

Mike Gerlach erhob sich betont lässig vom Pokertisch und deutete dem Dealer, dass er den Platz nicht mehr benötige. »Ich geh wieder zum Roulette rüber«, brachte er noch mit einem gequälten Lächeln zustande und verabschiedete sich.

Zügig, aber nicht hektisch, wandte er sich Richtung Ausgang. Nachdem er seine Chips gewechselt und den breiten Tresen der Bar umrundet hatte, warf er einen unauffälligen Blick über die Schulter. Der Mann schien ihm nicht gefolgt zu sein. Zumindest konnte er ihn nirgends entdecken. Aber das war ihm jetzt auch völlig egal, denn zum Spielen hatte er ohnehin keine Lust mehr.

Wahrscheinlich hatte er sich alles nur eingebildet. Eine Angst, die immer mehr von übertriebener Wachsamkeit und Nervosität genährt wurde. Einen Vorteil hatte sein frühzeitiges Gehen jedoch: Er konnte in diesem Augenblick das ganz ungewohnte Gefühl genießen, eine Spielbank mit mehr Geld zu verlassen, als er dorthin mitgebracht hatte.

Er lachte still in sich hinein und erreichte leichten Schrittes das Foyer, in dem sich der große Hauptlift befand. Der sollte ihn ohne weitere Verzögerungen zur Tiefgarage bringen, in der er seinen Porsche geparkt hatte. Mit den Raten für dieses Nobel-Geschoss war er schon seit Monaten in Verzug. Er erinnerte sich daran, wie er nach dem letzten Öffnen seines Postkastens mindestens ein halbes Dutzend Briefe seiner Bank einfach ungelesen weggeworfen hatte. Das war jetzt fast vier Wochen her. Seitdem hangelte er sich von einer billigen Pension zur anderen. Oft genug brach er auch dort mitten in der Nacht seine Zelte ab, um damit der Rechnung am nächsten Morgen zu entgehen. Vergangene Nacht hatte er sogar in seinem Porsche übernachten müssen. Es war Messe in Hamburg und alle erschwinglichen Quartiere schienen in den kommenden Tagen komplett ausgebucht zu sein. In dieser Nacht jedoch wollte er in einem weichen Bett schlafen. Er hatte dreitausend Euro in der Tasche. D

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Hurenkiller - Das Morden geht weiter ...: Wegners schwerste Fälle (2. Teil)" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen