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Der Himmel über Maralal

Abbildung

Christina Hachfeld-Tapukai

Der Himmel
über Maralal

Mein Leben als Frau
eines Samburu-Kriegers

BASTEI ENTERTAINMENT

Immer wieder möchte ich

den Morgenhimmel flammen sehen,

wenn der Geruch der Nacht noch schwebt,

Hyänen rufend sich entfernen,

den Zebranüstern Dampf entsteigt.

Immer wieder liebe ich,

in dieser Wildnis aufzuwachen,

vertraute Laute wahrzunehmen.

Will auch dem Zauber mystisch fremder Dinge

das Herz weit öffnen.

GeckoMein afrikanisches Zuhause

Der Blaublumenhang, Sinnbild des Friedens, Ort der Ahnen, liegt in der warmen Sonne. Weiße und pastellfarbene zerborstene Quarze funkeln und beleben das klare Blau des Blütenteppichs. Die rote Erde leuchtet dazwischen, Zufriedenheit, Ruhe und Wärme verströmend, Heimat verheißend.

Etwas spürbar Magisches geht von diesem Ort aus.

Der Samburu-Krieger Lpetati, mein Mann, und ich lieben diesen Platz auf der Hochebene, nahe am Äquator gelegen und unterhalb des Blockhauses, wo wir daheim sind.

Wenn wir hier sitzen, nutzen wir alle Zeit zum Reden und zum Schweigen, in Gedanken versunken und in einem tiefen Wohlgefühl, hängen Träumen nach, von jedem anders erspürt, in verschiedene Richtungen ausufernd. Sie entführen Gedanken in das Reich der Fantasie, stärken Wünsche, geben der Realität Zukunft. Die Träume des Kriegers sind nicht meine Träume, sie begegnen sich wohl hier und da, gleichen sich an für Augenblicke, entfliehen in ewige Weiten, schweben ein wenig gemeinsam und rücken wieder voneinander ab, vertrauten Pfaden folgend, gewachsen in gewohnten Welten unterschiedlicher Kulturen.

Die Mußestunden hier verbringen zu können – welch ein Geschenk!

Und ohne das Besondere zu beherzigen, ist es ein Platz, von dem aus es sich vortrefflich beobachten lässt, was um uns herum in unserem Hochtal geschieht. Es wird von sanft geschwungenen Hügeln durchzogen, begrenzt von den mächtigen Karisia Hills. Rinder-, Schaf- und Ziegenherden ziehen zu den Weidegründen, begleitet von halbwüchsigen Knaben und Kriegern, in rote Tücher gehüllt. Die ovalen, fensterlosen Lehmhütten der Familie und von einigen Nachbarn sind gut zu erkennen. Palavernde, bunt gekleidete Frauen und Mädchen sitzen davor, einige beaufsichtigen Kälber und Lämmer, halbnackte Kleinkinder spielen dazwischen. Andere Frauen und Mädchen kehren mit hochaufgebürdeten Feuerholzlasten und Wasserkanistern heim. Abseits davon, im Schatten breiter Schirmakazien, hocken die älteren Männer in Gruppen, und das Lachen junger Krieger dringt zu uns. Rot- und blaugewandete Gestalten nähern und entfernen sich auf ausgetretenen Trampelpfaden. Es gibt keine Eile, jeder Tag hat zwölf Stunden, wiederkehrende, geschenkte Zeit zum Verweilen, heute und morgen und fortdauernd. Niemand besitzt eine Uhr, nicht daheim und auch keine, die er mit sich herumträgt. Woran auch sollte sie erinnern? Wozu wäre sie von Nutzen? Der Stand von Sonne und Mond gibt klare Auskunft über den Verlauf von sich wiederholenden Aktivitäten, sich gleichenden Lebensabschnitten, in denen immer einmal wieder die Akteure wechseln und die Trocken- und Regenzeiten Akzente setzen. Weites, schönes Land Kenia.

Manchmal tauchen Elefanten und Büffel auf und verbreiten Unruhe. Zebras grasen und zierliche Thomsongazellen. Am Himmel kreisen Adlerpaare, stoßen kurze Rufe aus. Geparde durchstreifen den Busch, und am Abend hören wir, dass sich Hyänen und Löwen nähern.

In dieser Wildnis bin ich glücklich, hier befindet sich mein Afrika.

Von Anfang an habe ich diesen Hang geliebt, hatte mich angezogen gefühlt, ohne diese Kraft der Anziehung erklären zu können. Aber sie stand in enger Verbindung zu Großvater, einem eindrucksvollen alten Samburu, der mir freundschaftlich begegnet ist, mein Halt und mein Berater war, als ich lernte, mit diesem mir bis dahin verschlossen gebliebenen, fremdartigen Leben zurechtzukommen.

Großvater, l’akuyiaa, Babu, hatte mir diesen Platz, einen Teil des Berghanges auf dem »Land der Väter«, ans Herz gelegt und zur Nutzung anvertraut, ganz unverhofft und lange bevor er seine letzte Ruhe, wie einst sein Vater und dessen Vater, unterhalb des blauen Blütenmeeres gefunden hatte. So war hier mein Zuhause entstanden. Noch immer, so scheint mir, schwebt Großvaters Geist über all dem Schönen, Erhabenen, Urwüchsigen, noch immer klingen seine Worte im Säuseln des leichten Windes, der beständig über das Hochland streicht, noch immer erreichen sie mein Herz.

Vieles jedoch, was »mein Afrika« betrifft, sehe ich inzwischen mit anderen Augen, und manchmal wünsche ich mir meine Blauäugigkeit zurück, dieses Entzücken und Schaudern, in einer Wunderwelt zu leben, fernab aller Vorstellungen und allen Wissens über den Kontinent, einige seiner Länder und seiner Völker, welche heute meine Empfindungen prägen. Dennoch ist meine Liebe zu Afrika und seinen Menschen ungebrochen. Das urmächtige Afrika ist stark und einzigartig.

Mögen die noch reichlich vorhandenen, tiefgreifenden Wurzeln Afrikas ureigenen Zauber festhalten und nicht entfliehen lassen, möge der Kontinent sich selbst treu bleiben und in sich ruhen, den artfremden Trugbildern nicht nacheifern, sich auf seine eigene Kraft besinnen und so eines Tages mächtiger und überzeugender sein denn je. Urgewalt Afrika.

GeckoAuf dem Weg in Kenias Norden

Es war sehr früh am Morgen und noch dunkel in Nairobi. Gerade war ich mit dem Nachtbus aus Mombasa eingetroffen, hatte mir mit geschäftstüchtigen Taxifahrern Wortgefechte geliefert, weil sie sich unaufgefordert meiner Gepäckstücke bemächtigt hatten. Jeder hoffte auf einen kleinen Verdienst. Da es nicht regnete, hatte ich auf ein Taxi verzichtet und einem Führer der großen zwei- und vierrädrigen Holzkarren, den sogenannten mkokoteni, den Auftrag erteilt, Reisetaschen und Rucksack zu befördern – wenn auch nur wenige hundert Meter weit. Um zur Kleinbusstation zu gelangen, musste ich ein heruntergekommenes Stadtviertel durchqueren, doch nur so konnte ich mein Zuhause im Norden Kenias erreichen.

Mit gemischten Gefühlen folgte ich dem Karren, ging um Bodenvertiefungen herum, in denen sich Unrat angesammelt hatte, um ausgebreitete Zeitungen, Pappkartons und Jutesäcke, unter denen Menschen schliefen. In der Nähe der Halteplätze der matatus, Sammeltaxis, entlohnte ich den alten Mann und wechselte ein paar freundliche Worte mit ihm. Sein zerfurchtes Gesicht erhellte sich, und er zeigte bei einem flüchtigen Lachen etliche Zahnlücken. »Gott segne Sie, Ma’am«, sagte er, bedankte sich und ging.

Während ich ihm nachsah, umringten mich plötzlich mit Gejohle etliche der »Schnüffelkinder«, die sich an den Dämpfen von Klebstoff berauschen, um mit ihrem tristen Leben auf der Straße fertig zu werden. Ich wusste nicht, woher sie so schnell gekommen waren. Hilflos stand ich zwischen ihnen, bis einer der Jungen, etwa elf Jahre alt, mich anlächelte und spontan für mich nach einer imaginären Musik zu tanzen begann, biegsam und hingebungsvoll. Seine Freunde machten ihm bereitwillig Platz. Obwohl einer der jüngsten der Gruppe, schien er so etwas wie ihr Anführer zu sein. Ich verfolgte lächelnd seine Bewegungen und betrachtete sein Engelsgesicht. Mitten in seiner Darbietung wurde der kleine Tänzer von älteren, ziemlich verwegen ausschauenden Jugendlichen zunächst beklatscht, angefeuert, dann aber verhöhnt und energisch fortgejagt. Ich hätte gern irgendetwas unternommen, doch jetzt trafen mich feixende Blicke, und es war höchste Zeit, mich vor den verwahrlosten jungen Männern in Sicherheit zu bringen.

Ich kauerte mich zwischen verlassene, verdreckte und teilweise schrottreife Autos, Anspannung und Angst in mir, und wartete darauf, dass es endlich Tag wurde.

Der Junge, der für mich getanzt hatte – aus welchem Grund wohl? – beschäftigte mich. Er hatte mein Herz berührt, und ich bedauerte, nicht mehr über ihn zu wissen. Ich hätte ihn gern wiedergefunden und mit ihm geredet, ihm und seinen Freunden auch gern eine warme Mahlzeit spendiert.

Das Problem der Straßenkinder ging mir sehr nahe. Ich wusste, dass es viele Waisenkinder und Kinder aus zerrütteten oder verarmten Familien unter ihnen gab, und es berührte mich, dass man ihnen kein Zuhause und keine Perspektiven für eine lebenswerte Zukunft geben konnte. Wie würde eine Zukunft aussehen, in der vernachlässigte Kinder Erwachsene sein und vernachlässigte Pflichten sich rächen und uns den Spiegel vorhalten würden?

Die Straßenkinder und die Jugendlichen waren nicht mehr zu sehen, so verließ ich mein Versteck zwischen den alten Autos. Und nun erwachte ziemlich plötzlich das Stadtviertel zwischen Accra- und River Road. Die Morgensonne stieg rasch hinter hohen verblichenen Häuserfronten empor. Überall Lärm, Fahrzeuge, hastende Menschen. Kleine Holzkohleöfen wurden auf verschlammte Gehwege gestellt, auf denen teilweise die Gully-Deckel fehlten und irgendwelche Moniereisen aus dem Boden ragten, die zu gefährlichen Stolperfallen werden konnten.

Geräumige Karren wurden aus allen Richtungen vorübergeschoben, auf Fahrrädern atemberaubend hoch aufgetürmte Berge von frischem Weißbrot balanciert, riesige Vorhängeschlösser an Holzverschlägen und wuchtigen Türen geräuschvoll geöffnet, dann klappten auch die Fahrkartenkioske ihre Holzläden auf, durch eng stehende Gitter gesichert und mit einer winzigen Öffnung für Geldeinzahlung und Herausgabe der Tickets.

Neben dem Gestank faulender Abfälle roch es nun immer appetitlicher nach Backwaren und Kaffee und besonders intensiv nach frischen maandazi und chapaiti, Schmalzgebäck und dünnen Pfannkuchen.

Immer mehr Reisende füllten die Straßen, schleppten Taschen, Bündel, Kartons und Kisten und strebten in dem wirren Durcheinander zu den Sammeltaxis, die sie in den Norden, Westen, Osten oder Süden von Kenia bringen sollten, sofern keine Busse den Weitertransport übernahmen. Reguläre Haltestellen oder Fahrpläne für die matatus gab es nicht. Man wusste nur vage, dass an dieser oder jener Ecke die Fahrzeuge eine Zeitlang zum Einsteigen hielten. Hilfreich waren einige wenige Holztafeln, die manche Chauffeure auf ihre Autodächer stellten, um zumindest die Fahrtrichtung bekannt zu geben. Die Abfahrtszeit richtete sich nach der Zahl der Insassen. Ehe ein Sammeltaxi nicht voll besetzt war, lief nur der Motor, und das Radio dudelte dazu, Fahrer und Schaffner betätigten immer wieder die Hupe und suchten angestrengt nach willigen Mitreisenden. Manchmal wurden Passanten unter allerhand gutem Zureden regelrecht in die wartenden Fahrzeuge hineingeschoben. Wegen eines einzigen freien Sitzplatzes hatten wir schon bis zu einer Stunde und länger ausharren müssen. Einige Male hatte ich deshalb kurzentschlossen für den frei gebliebenen Sitz bezahlt (etwa zwei bis drei Euro!) und ihn für mein Gepäck benutzt. Daraufhin war ich belächelt worden, und ich hatte deutlich gespürt, dass nicht alle Insassen mit meiner Handlungsweise zufrieden waren. Das bezog sich hauptsächlich darauf, dass ich einen in ihren Augen teuren Sitzplatz als Gepäckträger umfunktionierte. Sie blieben gelassen, hatten warten gelernt, und es würde niemandem in den Sinn kommen, mehr zu bezahlen als unbedingt nötig, nur um vielleicht eine halbe Stunde zu gewinnen. Natürlich freuten sie sich darüber, dass die »dumme Weiße« die Schillinge so großzügig ausgab und die Fahrt daher früher losgehen konnte. In Anbetracht der allgemein herrschenden großen Armut unter der Bevölkerung, von der sich der Großteil nie ein eigenes Fahrzeug würde leisten können, sorgte meine Handlung auch für Neid. Manche Reisende bekamen nur mit Mühe das Fahrgeld zusammen, hatten oft, um Geld zu sparen, neben ihren großen Taschen noch ein oder zwei Kinder auf dem Schoß und feilschten auch gelegentlich beim Zahlen der Tickets um lächerlich kleine Restbeträge. Und nur, weil wir so sehr beengt saßen, konnten Kinder und Taschen in den Kurven und bei den Unebenheiten der Pisten den Vätern oder Müttern nicht von den Knien rutschen. Auf dem Sitz, den ich für meine Gepäckstücke benutzte, wurden oft noch mehr Taschen aufgetürmt oder gar Kinder obendrauf gesetzt. Bedauerlicherweise gab es in den Sammeltaxis keine oder nur eine arg begrenzte Vorrichtung, um Gepäck befördern zu können. So wurden Kanister, Koffer, Rucksäcke, Reisetaschen, selbst Hühner und einmal eine Ziege einfach zwischen die Reisenden gequetscht oder unter die Sitze geschoben. Wenn es ans Aussteigen ging, mussten manche Reisende fast akrobatische Anstrengungen vollführen. Ich kann mich bei den unzähligen Fahrten nach Nyahururu und weiter nach Maralal kaum an eine erinnern, die angenehm gewesen wäre.

Seit Präsident Moi durch Mwai Kibaki abgelöst worden ist, hat man die Beförderung von Personen in den Sammeltaxis besser geregelt. Pro Sitz nur eine Person! Selbst Gurte zum Anschnallen gibt es inzwischen, doch viele funktionieren nicht. Sie sind verdreht und aus den Halterungen herausgerissen, weil viele Reisenden damit nicht richtig umgehen.

Nur zu gern verließ ich die mit Müll übersäten, schadhaften Straßen und Fußwege der kenianischen Hauptstadt und ließ dabei ein Nairobi voller Gegensätze hinter mir. Schlimm war die Fahrt durch Kibera, den erbärmlichen Slum von Nairobi, mit Tausenden von Menschen, zusammengepfercht auf engstem Raum, vielleicht der größte Slum auf dem afrikanischen Kontinent.

Die verhältnismäßig junge Hauptstadt hat andererseits einiges Sehenswerte und Kulturelle zu bieten, daneben auch gepflegte, idyllisch gelegene Wohnviertel mit allem Komfort, prächtige, breite Avenuen, architektonisch interessante Hochbauten, wunderschöne Grünanlagen. Die Menschen, die in den hübscheren Vierteln zu Hause sind, gehören der Oberschicht an, sie sind Ärzte, Anwälte, Regierungsbeamte, Unternehmer, Kaufleute und Künstler oder höhere Angestellte, verbreiten Eleganz und Weltstadtflair, und ihr Hab und Gut müssen sie schützen, denn die Kriminalität in der Hauptstadt ist sehr hoch. Nairobi, eine Stadt der Gegensätze, schwer zu ertragen und zugleich schön und voller Überraschungen.

Woran Nairobi, woran Kenia krankte, war eine fehlende, verbindende und ausgleichende Mittelschicht. Diese baute sich allerdings schon geraume Zeit auf, in ihrem Schlepptau ein junges Kenia, das nach vorn drängte und danach, endlich die »alte Garde«, in deren Händen Kenias Geschicke seit der Unabhängigkeit im Jahre 1963 lagen, ablösen zu können, der allgegenwärtigen Korruption den Kampf anzusagen und vieles ins Positive zu verändern. Doch das lässt sich nicht von heute auf morgen realisieren. Bis jetzt waren zahlreiche Bemühungen in dieser Richtung von oben im Keim erstickt worden. Aber die Reihen der unnachgiebigen Alten an der Spitze des Staates werden sich – naturbedingt – in absehbarer Zeit mehr und mehr lichten. Solange die »alten weisen Männer« – wie in jedem afrikanischen Stamm – das Sagen haben, wird für neue Ideen in Richtung Demokratie, für einen volksnahen Einsatz, notwendige Veränderungen, für aufgeklärte Intelligenz und mehr Weltoffenheit nicht bereitwillig Platz gemacht werden – und schon gar nicht aus der Überzeugung heraus, dass etwas Neues auch etwas Gutes beinhalten könnte. Ein Zepter aus der Hand zu geben, würde, so gesehen, einer unfreiwilligen Enthüllung und Bloßstellung gleichkommen.

Trotz der furchtbaren Enge im Wageninneren des kleinen Nissan nach Nyahururu und erheblicher Schmerzen durch wiederholte Wadenkrämpfe, freute ich mich über das dank vieler Regenfälle üppig grüne Umland von Nairobi, das wir durchfuhren, erhaschte einen Blick auf weiße Pyrethrum- und rosablühende Kartoffelfelder, auf grüne, hohe Maisplantagen, auf Bananenpflanzungen, kleine Gemüsegärten, wie ich sie von Deutschland her gewohnt war, auf den Naivasha- und den Nakuru-See im Morgendunst und auf die schräge Krateröffnung des Longonot. Wir befanden uns inzwischen oberhalb des geologisch und geschichtlich besonders interessanten Great Rift Valley und konnten von den hohen, steilen Hängen des ostafrikanischen Grabenbruchs in die weite, vielschichtige grüne Talsohle hinabschauen. Später führte die Straße, die bis nach Uganda reicht und streckenweise von Pavianen heimgesucht wird, durch den lichten Wald der Fieberbäume mit ihren gelbleuchtenden Stämmen und breit ausladenden Schirmdächern bei Naivasha, durch das quirlige Gilgil, vorbei an den mächtigen Höhen und Hängen der grünen Aberdares, gewährte einen kurzen Blick auf den Mount Kenya, und dann folgte die völlig unspektakuläre Überquerung des Äquators, kurz vor Nyahururu. Nur ein kleines verrostetes Schild machte auf die geographische Besonderheit aufmerksam. Auf anderen Verkehrswegen, die sich auf dem gleichen Niveau befanden, war man diesbezüglich geschäftstüchtiger.

GeckoLpetati und ich

Irgendwann dachte ich wieder an den Jungen, der in Nairobi für mich getanzt hatte, und an Lpetati. Viele Wochen waren Lpetati und ich diesmal voneinander getrennt gewesen, da ich, wie üblich, zu meinem jährlichen Heimaturlaub nach Deutschland geflogen und danach noch einige Zeit an der Küste des Indischen Ozeans bei Mombasa geblieben war, um dort für eine Weile in den Küstenhotels zu musizieren. Ich liebte diese Arbeit sehr, und außerdem konnte ich so nach meinem Haus am Meer in Shanzu sehen. Neben der Freude, die mir die Musik bereitete, war ich auf den Verdienst angewiesen, um im Busch mit Lpetati und seiner Familie leben zu können. Vieh- und seit einigen Jahren auch Landwirtschaft, warfen nicht genug ab, um sorgenfrei zu existieren.

Ich trug Lpetatis letzte Briefe bei mir, Briefe, die deutlich machten, dass uns auch nach den fast achtzehn Jahren, die unsere außergewöhnliche Beziehung bestand, immer noch starke Gefühle verbanden. Dass unser Miteinander immer noch gut funktionierte, schrieb ich – nach einiger Erfahrung im Umgang mit ihm – meiner Überzeugung zu, Lpetati nie etwas abzuverlangen, das er nicht verstand, nicht kannte oder nicht freiwillig zu geben bereit war. Er sollte immer er selbst sein können. Und die Dinge zwischen uns, die einer Klärung bedurften, besprach ich ruhig, geduldig und ohne Emotionen mit ihm. Ein »Was meinst du dazu?« schien mir bei meinen Wünschen, die Neuerungen betrafen, unerlässlich, um sein Ansehen und das seiner Familie nicht zu untergraben. Manchmal ging ich taktisch vor, gebrauchte auch einige Tricks, aber am besten war es natürlich, wenn Lpetati meine Vorschläge, die meist eine Verbesserung des Lebensstandards betrafen, gefielen und er sie dann als seine eigenen Ideen weitergab. Beliebt machte er sich damit bei der Familie nicht unbedingt, doch man schätzte seinen Weitblick.

Unwillkürlich drängte sich mir die Erinnerung auf an meine erste gemeinsame Fahrt in Kenias Norden mit Lpetati, der sehr in mich verliebt und damals noch »amtierender« und daher mit allen symbolischen Zeichen geschmückter Krieger war: Ein wahrhaft attraktiver Mann und so atemberaubend anders. Nie werde ich jene Fahrt vergessen, nie die Gefühle, die mich so heftig heimgesucht, glücklich gemacht und bereichert hatten, und bis heute, fast zwei Jahrzehnte später, anhalten.

Wenn ich heute an meine erste Zeit mit Lpetati zurückdenke, meine ich, dass alles in den richtigen Bahnen verlief. Ich glaube an eine Art Fügung, jedoch nicht in dem Sinn, wie es die meisten Afrikaner tun. Das Leben selbst in die Hand zu nehmen, kommt ihnen nur bedingt in den Sinn, viel lieber verlassen sie sich auf das, was »schon geschrieben steht« und lassen »es« mit sich geschehen. Ich hingegen finde ein wenig Nachhelfen im Sinne von »hilf dir selbst, dann hilft dir Gott« passender, und »wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«

Trotz der beschwerlichen Reise in den Norden komme ich immer wieder gern und mit viel Liebe und Herzklopfen in die fremdartige, eindrucksvolle Welt des Samburu-Distriktes zurück. Sie ist mir zur zweiten Heimat geworden, in der ich mich auskenne und mich wohlfühle.

Allerdings gehören zu meinem Glück auch regelmäßige Flüge nach Deutschland, um meine Familie, vor allem meine beiden Söhne, und die Freunde wiederzusehen und mich dort mit liebgewordenen und gewohnten Dingen umgeben und beschäftigen zu können. Ich habe weder hier noch dort ein Gefühl der Fremdheit und lebe in der Gewissheit, dass ich willkommen bin und vielleicht auch sehnsüchtig erwartet werde, ohne meine Unabhängigkeit verloren zu haben. Die Flugreise unternahm ich allein, nachdem Lpetati meine Einladung nach Deutschland leichtfertig, aber auch aus Flugangst ignoriert und mich damit beschämt und tief gekränkt hatte. Ich sah von weiteren Einladungen ab, obwohl er inzwischen darauf bestand, aber ich wollte kein zweites Mal eine Enttäuschung erleben. Zudem gab mir Babas Bemerkung zu denken, das Lpetati aus Deutschland »als reicher Mann« zurückkehren würde. Was verband meine Samburu-Familie nur mit einem Flug nach Europa?

GeckoZweckbündnisse und Zuneigung

Junge Krieger sind kontaktfreudig und erpicht darauf, Besucher, vornehmlich europäische Frauen, in ihre Region und ihre Familien zu bringen, denn das verschafft ihnen immer auch finanzielle Vorteile. Für eine gewisse Spezies gehört es fast zum guten Ton, eine weiße Freundin, sprich Sponsorin, zu haben. Nachdem ich immer wieder wenig erfreuliche Geschichten darüber gehört hatte und oft von weißen Frauen um Rat gefragt wurde, habe ich mich eingehender damit befasst. Was ich dabei entdeckte, hat mich manchmal unangenehm berührt. Es ist wie auf einem florierenden Markt. So kommen inzwischen viele Samburu eigens an die Küste, um dort lukrative Bekanntschaften mit weißen Frauen zu machen, und haben dabei oft leichtes Spiel, während ihre Bräute und Frauen brav daheim auf sie warten und nur in den seltensten Fällen Näheres über die Beziehungen ihrer Verlobten oder Ehemänner erfahren. Zum Gehorsam und zum Untertänigsein erzogen, wagen Frauen nicht, Fragen zu stellen, wenn sie ihren Versprochenen oder Angetrauten auf die Schliche gekommen sind. Der Mann ist unantastbar – einfach deshalb, weil er ein Mann ist. Zudem darf er nach Absprache mit der Familie und der Erstfrau eine weitere Frau heiraten, auch eine dritte und vierte. Solche Mehrehen scheitern allerdings meist an den Kosten, da jeder Frau die gleiche Behandlung zusteht und der zu erwartende Kindersegen ein Vielfaches an Essen und Trinken erfordert, von den späteren Investitionen für die Schule ganz abgesehen.

In der Regel fehlt den einheimischen Frauen – ich kann hier nur für die Samburu sprechen – der Durchblick. Sie haben ihre Umgebung nie verlassen und wissen nicht, welche Gelegenheiten viele der jungen Männer eifrig nutzen. Die Frauen können kein Englisch, die übliche Umgangssprache zwischen Touristen und Einheimischen, sie können kaum lesen und schreiben, sind nicht in der Lage, auf Englisch verfasste Briefe an ihre Freunde oder Ehemänner und Verabredungen, die diese mit weißen Frauen treffen, zu verstehen.

Oft ist es aber auch so, dass die einheimischen Frauen und deren Kinder und selbst die Verwandtschaft von den Beziehungen der Männer zu den ausländischen Frauen finanziell profitieren, teilweise nur zu gern. Solange das übliche Familienleben dadurch nicht beeinträchtigt, sondern durch Geldzuwendung aufgewertet wird, misst man den Liebschaften keine große emotionale, dafür aber umso mehr wirtschaftliche Bedeutung bei.

Einige afrikanische Männer lassen keine Möglichkeit ungenutzt, aus ihren ausländischen Bekanntschaften Kapital zu schlagen: Armbanduhren, Goldkettchen, Handys, Schuhe, Textilien, Geld auf einem Konto, Fahrräder, Autos und sogar Häuser. Die Gegenleistung dafür lässt sich leicht erbringen: Stets hübsch und attraktiv zu sein und den Frauen als Liebhaber und als Vorzeigeobjekt, einer Trophäe gleich, zur Verfügung zu stehen.

Und ich kenne unzählige rührselige Schilderungen von Unglücks- und Krankheitsfällen, von abgebrannten Hütten, verendetem Vieh, hungernden Familien und zu Unrecht erduldeten Inhaftierungen. Es sind teils wahre, aber auch erfundene Geschichten, um das Mitleid finanziell besser gestellter Menschen anderer Nationen zu erregen. Gern wird »den Armen, deren schweres Schicksal so zu Herzen geht« geholfen, ohne Skepsis, die angebracht wäre, ohne Rückversicherung.

Ich möchte dieses Vorgehen nicht kritisieren, ich weiß ja selbst inzwischen, wie viel Not es in meiner zweiten Heimat gibt, aber enttäuscht bin ich schon und in einigen Fällen auch verärgert, wenn der Wahrheitsgehalt des geschilderten Elends zu wünschen übrig lässt. Trotz meines Verständnisses für so manch missliche Lage ist immer ein ungutes Gefühl dabei.

Ohne den Tourismus hätte es kaum die zwei Kategorien von Kriegern (und natürlich auch von anderen Stammesangehörigen) gegeben: Zum einen die, welche sich ihrer Tradition verpflichtet fühlen und die redlich handeln, und eben auch jene, die auf dem großen Strom der Abzocker und Tagediebe dahinschwimmen. Das ist bedauerlich und passt so gar nicht zu ihrem charmanten, kindlich-fröhlichen Auftreten. Ich kenne keine Frau, die, wieder daheim in Europa, neben durchaus liebevoll und romantisch verfassten Grüßen ihres Freundes oder Liebhabers nicht auch Bettelbriefe erhält.

Dies ist die eine Seite. Es gibt aber auch echte Gefühle zwischen national verschiedenen Paaren, doch diese lassen sich zwischen den Kulturen kaum ausleben und etablieren. Meist bleiben »Liebe« und »Freundschaft« doch eher kurze Episoden, auf wenige schöne Ferientage pro Jahr beschränkt, weit entfernt vom Alltag mit seinen Anforderungen und noch weiter entfernt von der Mentalität verschiedener Welten. Lange Trennungen dienen den Beziehungen kaum. Briefe und Telefonate sind kein Ersatz für Nähe und ein gründliches Kennenlernen. Eine wirkliche Bereicherung des Lebens kann eine solche Partnerschaft nur in Ausnahmefällen sein, doch dies erfordert Wissen, Respekt, Anpassungsfähigkeit, die Anerkennung einer anderen Kultur und sehr viel Liebe.

Viele europäische Frauen und Männer reagieren auf die Konfrontation mit afrikanischen Verhältnissen vollkommen normal – aber nicht immer diplomatisch. Haben sie das Glück, in ein einheimisches Dorf eingeladen zu werden, egal, um welchen Stamm es sich handelt, sind sie meist schockiert über das spartanische und dürftige Leben ihrer neuerkorenen Lieblinge und spontan dazu bereit, einiges Geld lockerzumachen. In ihren Augen tun sie Gutes. Vor lauter Eifer und Hilfsbereitschaft vergessen sie oft, den recht einfachen Lebensumständen eines Naturvolkes mit Respekt und Achtung zu begegnen. Einheimischen, auch ohne Worte, klarzumachen, wie mittellos sie sind, verletzt deren Stolz. Bei den finanziell bessergestellten Weißen keimt oft schnell der Wunsch, »die Armen« aus ihrer beklemmenden Situation herauszuholen.

Aber selbst die notwendigste Hilfe verlangt reifliche Überlegung und Taktgefühl.

In früheren Zeiten, noch ohne den boomenden Tourismus in Kenia, gab es kaum schwarz-weiße Bekanntschaften dieser Art. Erst in den achtziger Jahren hat sich die finanzielle Lage für viele Einwohner aus entlegenen Gebieten mit fehlenden Verdienstmöglichkeiten so verbessert, dass überwiegend die jungen Männer an der weit entfernten Küste legal zu Geld kommen können, weil sie dort in den Hotels und den damit verbundenen Einrichtungen, wie Appartements, Läden, Restaurants und Reisebüros, Arbeit finden. Für die auch für viele Kenianer ungewohnt imposant und farbenfroh gewandeten Krieger, die als rückständig, gleichzeitig aber auch gefährlich gelten, besteht diese »Arbeit« aber meist darin, als malerische Zeugen ostafrikanischer Kultur einfache Dienste zu verrichten, wie etwa Gäste zu begrüßen. Immerhin ist das für viele ein Ausweg aus finanzieller Not. Da sie nur den Beruf des Viehzüchters beherrschen, nehmen zahlreiche junge Krieger, mehr Samburu als Massai, den beschwerlichen Weg an die Küste auf sich. Ihnen bietet sich die Chance, vor den Gästen aus dem fernen Europa oder Übersee ihre Stammestänze in den Hotels oder deren Anlagen vorzuführen und für ein bisschen mehr Flair und Afrikagefühl bei den Urlaubern zu sorgen. Die Tänze sind fest in das Unterhaltungsprogramm aufgenommen worden und verhelfen nachrückenden Kriegergenerationen zu ihrem ersten eigenen Gelderwerb.

Für viele in ihrer Tradition aufgewachsenen Krieger ist das eine enorme Umstellung. Sie lernen ein Leben abseits der eingefahrenen Bahnen kennen und oft genug auch schätzen. Und hier liegt die größte Gefahr für ihr junges, bisher von anderen Werten, wie kultureller Eingebundenheit, dem Familienclan, einem dichten sozialen Umfeld, und von der Natur bestimmten und konsequent traditionell geprägten Dasein.

GeckoEine aufregende Fahrt

Während mir so vieles durch den Kopf ging, hatten wir Rumuruti erreicht. Am Ortsende, unweit der Polizeistation, machte die Asphaltdecke der Fahrbahn einer staubigen, steinigen Piste Platz. Was bedeutete es, wenn mir auf dieser Strecke etwas passierte? Kein Haus weit und breit, keine Tankstelle, kein Telefon, keine Handyverbindung, nichts, nur Büsche, Grasland, Bäume und wieder Büsche … Wir waren erst wenige Meter gefahren, als unser überfüllter Kleinbus anhielt. Einige Wagen, meist Sammeltaxis wie das unsere, standen am Rand der Piste, die ausgestiegenen Reisenden und Fahrer palaverten aufgeregt.

»Heute Morgen hat es Überfälle auf dem Weg gegeben«, sagte jemand. Voller Unruhe verfolgte ich die Gespräche, soweit sie in Suaheli und nicht in der Stammessprache Kikuyu geführt wurden, und überlegte, ob ich umkehren oder abwarten sollte. Zwischen Hoffen und Bangen wurde mir die Zeit lang; vor Erregung verspürte ich weder Hunger noch Durst, obwohl ich vor fast zwölf Stunden das letzte Mal etwas zu mir genommen hatte.

Irgendwann gegen Mittag wurde es lebhafter um uns herum. Bewaffnete Polizisten und Soldaten waren eingetroffen. Nach vielem Hin und Her und Durchsuchen der Fahrzeuge wurden wir aufgefordert, wieder in die matatus, inzwischen waren es sieben, einzusteigen. Jeweils zwei Polizisten oder Soldaten nahmen in jedem Fahrzeug Platz, einer neben dem Fahrer, einer auf der Rückbank, das Maschinengewehr im Anschlag. In einem langen Konvoi quälten wir uns durch die Savanne. Bis auf das Motorengeräusch war alles still, nur manchmal schlugen Steine gegen den Unterboden oder die Seitenwände des Wagens, oder es drangen Tierstimmen bis zu uns. Bei jeder uneinsehbaren Wegbiegung hielt ich die Luft an, mein Herz klopfte; wenn die Bewegung zwischen den Büschen und Bäumen »nur« von einem Impala, einem Büffel, einer Giraffe oder einem Elefanten stammte, atmete ich erleichtert auf. Unentwegt sandte ich Stoßgebete zum leicht bewölkten Himmel und registrierte dankbar jeden sicher zurückgelegten Kilometer.

Es war nicht das erste Mal, dass ich unter Polizeischutz nach Hause oder Richtung Nairobi fuhr. Räuberische Überfälle auf Passagiere und Fahrzeug sowie Unwetter konnten die Fahrt auf der Piste gefährlich machen. Auf Reisen quer durch Kenia war ich nie ganz ohne Angst.

Endlich, endlich tauchten die vertrauten Ausläufer der heimatlichen Karisia Hills auf und die Spitze meines geliebten, von Botanikern gelobten Naiparikedju. Da fühlte ich mich gleich wohler.

Am späten Nachmittag erreichte ich unbehelligt, glücklich, dankbar und ziemlich erschöpft Maralal, das noch staubiger war als die Piste und schmutzig dazu. Papier und braune Plastiktüten wirbelten herum, blieben an Zäunen oder in Bäumen hängen, allerhand Unrat türmte sich an den Wegen und auf freien Plätzen und lockte Ziegen, Hühner und jämmerlich abgemagerte Hunde und Kühe an.

Maralal, das Verwaltungszentrum des Samburu-Distriktes, war keine Wohlfühloase. Allerdings gab es hier eine Post, eine Bank, ein Agrarzentrum, weiterführende Schulen, Niederlassungen von Ministerien, eine Missionsstation, ein Krankenhaus, Ärzte, Läden, Restaurants, einige Lodges, ein paar Hilfsorganisationen, einen Markt und eine Tankstelle. Darüber hinaus fand man nur sehr wenig Sehenswertes in Maralal, außer für historisch Interessierte. Hier stand das unscheinbare Haus, in dem 1961 die Briten den ersten Präsidenten des freien Kenia Jomo Kenyatta gefangen gehalten hatten.

Die Stadt war so klein, dass man sich dort ohne genaue Angabe verabreden konnte. Man lief nicht Gefahr, sich zu verfehlen. Es genügte zu sagen, man sei an dem und dem Tag in Maralal.

Ich war immer froh, wenn ich den Ort wieder verlassen konnte und in die »wilde« Umgebung kam, die gleichzeitig wohltuende Ruhe versprach. Ich liebte dieses Land sehr und fühlte mich ihm auf vielfältigste Art verbunden.

Da ich heute müde und verschwitzt war und einiges an Gepäck bei mir hatte, ließ ich mich von dem ebenfalls müden, nach Zahlung eines angemessenen Entgelts aber erfreuten Fahrer mit dem matatu noch bis vor die Impala Lodge bringen.

In meinem bescheidenen Zimmer gab es ein einfaches Bett mit einem durchlöcherten Moskitonetz, sogar einen Stuhl, einen Tisch, ein großes Handtuch, ein paar Blätter abgezähltes Toilettenpapier, ein kleines Stück Gästeseife, einen Plastikpapierkorb, Gardinen zum Zuziehen, Plastikbadesandalen in unterschiedlichen Farben, damit sie nicht mitgenommen wurden, und Licht. Die Wände hätten längst einen neuen Anstrich gebraucht.

Hunger verspürte ich zunächst noch nicht, hatte aber Lust auf einen heißen süßen Milchtee.

Ich kramte ein wenig in meinem Rucksack und suchte Toilette und Dusche im hinteren Teil des Hofes auf, die eher einem Verschlag glichen.

Auf dem Weg zurück ins Zimmer und immer wieder auch während der Nacht hörte ich das Bellen von umherstreunenden Hunden und Hyänen. Aus diesem Grund bezwang ich mich, später nicht mehr über den ungesicherten langen Hof zur Toilette zu gehen und erst recht nicht auf die unbeleuchteten und unbefestigten Wege, um noch irgendwo einen Tee zu trinken. Wahrscheinlich hätte sowieso keines der kleinen Restaurants mehr geöffnet, und nur wegen einer Tasse Tee wollte ich mich keiner Gefahr aussetzen.

So ruhte ich mich eine Zeit lang auf dem ziemlich unebenen Bett aus und verkroch mich, weil ich fror, unter der bereitgelegten, gebrauchten Wolldecke. Laken und Kopfkissenbezug waren immerhin, wie der Geruch verriet, frisch gewaschen worden. Eine nackte Glühbirne baumelte von der Decke. Ameisen kamen unter der nicht dicht abschließenden Tür hindurch, bevölkerten bald den Papierkorb und meine Reisetasche, und irgendetwas summte fein und immer wieder an meinem Gesicht vorbei.

Es war kalt und ungemütlich. Manchmal hatte ich hier mit Lpetati übernachtet, und einige Male hatte er bei meiner guten Bekannten Rose, die noch bis vor Kurzem in der Lodge gearbeitet hatte, einen Brief für mich deponiert, mit der Bitte, ihn mir sofort bei Eintreffen auszuhändigen. Er wollte mich gern als Erster bei meiner Rückkehr in den Samburu-Distrikt begrüßen. Meistens aber war er, wenn er von meinem Eintreffen erfahren hatte – woher er es so schnell wusste, entzog sich meiner Kenntnis – noch vor Sonnenaufgang durch den Busch nach Maralal gewandert, um mich gleich nach dem Aufwachen zu überraschen. Fröstelnd hatte er dann vor meiner Zimmertür gekauert, die langen Beine angezogen, sorgfältig rasiert und mit geschorenem Haar, eingehüllt in das nach seiner Meinung beste Tuch, ob nun ein eigenes oder ein für den Anlass geliehenes. Oft hatte er kleine, im Vorbeigehen gepflückte Blumen dabei oder etwas, das er am Wegesrand gefunden hatte: Einen hübschen Stein, eine bunte Feder, einen Eckzahn von einem Warzenschwein oder eine Stachelschweinborste. Manchmal war es sogar ein selbstgefertigtes Armband oder ein Fußreifen. Auch einige Spazierstöcke (unterwegs noch geschnitzt und verziert) oder eine Kette mit einem besonderen Anhänger hatte ich als Willkommensgruß erhalten.

Diesmal fand ich keine Nachricht von Lpetati vor. Nun, dann würde er eben von meiner Rückkehr überrascht werden. Dass er auf mich wartete, hatte er mich in diversen Briefen wissen lassen, aber ich wusste es auch so. Wir freuten uns beide, bald wieder zusammen zu sein, so kam wieder Leben und Abwechslung ins Haus, und viele Dinge konnten wir gemeinsam einfach besser angehen. Allein die Mahlzeiten, immer besonders auf Lpetati abgestimmt und reichlich, beglückten ihn. Ich liebte es, wenn er mich auf seine Art umgarnte und dann damit herausrückte, dass er noch gern etwas mehr von »dem köstlichen Essen« haben würde. Nie fragte er direkt: »Ist noch etwas da?« Und nie bediente er sich einfach.

Abends erzählte ich dann Neuigkeiten aus Deutschland, von der Küste, aus Kenia allgemein. Viele Dinge kamen zur Sprache, wir sahen uns neue Fotos ob, beobachteten Tiere mit dem Fernglas, besuchten Familien und Freunde, spielten mit Karten oder Würfeln oder machten Musik. In den Hütten wurde zwar auch hin und wieder gesungen, meistens aber nur palavert, dicht gedrängt, um die Feuerstelle herum, und die Themen waren seit Jahren dieselben.

Ich versuchte, Hunger und Durst zu ignorieren, und fertigte vor dem Einschlafen eine lange Einkaufsliste an. Ich durfte nichts und niemanden vergessen. Für mindestens zehn Haushalte musste etwas Essbares und Brauchbares eingekauft werden. Ich wusste ja, dass meine Rückkehr sehnsüchtig erwartet wurde, denn sie brachte die Gewissheit, wieder ausreichend essen zu können, und sei es nur für wenige Tage. Auch über neue Tücher, eine Schale, Teller und Becher freuten sich alle. So viele Menschen rechneten fest mit meiner Unterstützung. Das freute mich, war aber auch eine Belastung, denn die Erwartungshaltung der Großfamilie ließ mir wenig Spielraum, nach eigenem Gutdünken zu handeln.

Ganz zu Anfang war ich sogar von einigen Familienmitgliedern mit der direkten Frage konfrontiert worden: »Wo ist mein Geschenk?« Das hatte so fordernd und selbstverständlich geklungen, dass ich mich verletzt und gemaßregelt gefühlt hatte. Eine Überraschung wäre es gewesen, wenn ich einmal wirklich mit leeren Händen bei uns im Dorf aufgetaucht wäre! Wie hätte man da wohl reagiert? »Mkono mtupu haurambwi! – Eine leere Hand wird nicht geliebt …«

Nun, ich kam nie mit leeren Händen, und ich machte mir schon im Vorfeld meiner Rückkehr viele Gedanken darum, was ich aus Deutschland mitbringen konnte. Medikamente, Pflaster und Mullbinden, gesammelte Brillen. Kleidung, besonders für Kinder, bunte Bälle und einfache Spiele. Schulutensilien, wie Hefte und Stifte kaufte ich meist an der Küste, hin und wieder auch Haushaltsgegenstände und Saatgut. Zudem bat ich in den Restaurants oft um das Überlassen der bunten, metallisch schimmernden Kapseln von Soda- und Bierflaschen, weil die Kinder bei uns sie als »Spielsteine« benutzten. In Maralal kümmerte ich mich dann um Nahrungsmittel, Baumaterial, Werkzeuge und Gerätschaften für die Feldbestellung wie Hacken und Spaten und vieles mehr. Die Auswahl und Qualität diverser Gegenstände und selbst von Nahrungsmitteln ließ in Maralal zwar manchmal zu wünschen übrig, aber dafür waren auch die Ansprüche nicht hoch geschraubt. Für mich selbst brauchte ich nur wenig, ich hatte gelernt, genügsam zu leben und mich den Umständen anzupassen.

Manchmal dachte ich, dass es eigentlich schade war, dass ich nicht einfach so nach Hause kommen konnte, ohne große Schlepperei, ohne großes Überlegen, wer was brauchte, ohne neugierige Blicke auf meine Taschen.

GeckoSorge um Lpetati

Ich hatte mir sehr gewünscht, dass Lpetati nach Maralal kam, aber offenbar wusste er nichts von meiner Rückkehr.

Um meine vielen, in diversen kleinen Läden, auf dem Markt und im neuen Supermarkt getätigten Einkäufe transportieren zu können, hatte ich mir einen Pick-up gemietet und näherte mich nun unserem Dorf, hoppelnd und schaukelnd auf harter Grasnarbe.

Scharen von Kindern liefen neben dem Fahrzeug her und riefen erfreut meinen Namen. Dann wurde ich umringt von der Familie, von herbeigelaufenen Nachbarn und Freunden. Marissas und Tante Kakomais nasse Küsse landeten auf meinem Gesicht. Lekian, Bestana, Ngarachuna und Gatilia weinten an meinem Hals, so viele Hände streckten sich mir entgegen. Da waren viel Rührung und Herzlichkeiten – und natürlich lauernde und verlangende Blicke wegen der erhofften Lebensmittel und Geschenke.

Wie schön es sich anfühlte und wie beruhigend es war, wieder daheim zu sein, welche Erleichterung nach den durchgemachten Strapazen während der Reise und der ausgestandenen Angst. Frohgestimmt und dankbar nahm ich den Blaublumenhang und das kleine Blockhaus in Augenschein und nickte freundlich hier und da einigen Familienmitgliedern zu. Aber irgendetwas schien veändert. Auffallend langsam kam Baba herbei, hinter ihm zwei meiner bildhübschen Schwäger. Ich sah die Wiedersehensfreude in seinen gütigen Augen. Überschwänglich bedankte sich mein Schwiegervater bei Gott für mein Kommen, und obwohl er mich, herzlich wie immer, an sich drückte und mir die Hand auf den Kopf legte, um mich zu segnen, und ich den typischen Geruch einer täglich getragenen shuka, Decke, in die Nase bekam, verstärkte sich mein Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich wurde zusehends unruhiger und konnte mir selbst nicht erklären, warum. Ich war enttäuscht, dass Lpetati nicht zur Stelle war.

Sicher ist er mit unseren Kühen unterwegs, beschwichtigte ich mich und sah ihn vor mir in seinem in der Taille gegürteten roten Tuch und dem darin eingebundenen olalem, dem Messer, mit seiner lässig über die Schulter drapierten shuka, dem unvermeidlichen Stock aus dem harten Nkoita-Holz. Liebevoll dachte ich an sein umsichtiges Verhalten den Tieren gegenüber, seine Zurufe, wenn eines von ihnen ausscherte, seine Zufriedenheit und sein stilles Glück beim Beobachten seiner Lieblinge. Ich lächelte in Erinnerung daran und wurde dann wieder unruhig.

»Er ist gar nicht fort«, durchfuhr es mich, und ich hatte auch gleich die Erklärung dazu: die Eingangstür unseres Hauses stand ja halb offen. Also wird er doch daheim sein. Nur, warum war mir schon einige Zeit so bang, so unwohl? Und dann fand ich, dass es auch, bis auf die Kinderstimmen, seltsam leise, irgendwie unnatürlich ruhig war. Meine Angst verstärkte sich. Ein wenig hilflos blickte ich in die Runde. Niemand sagte etwas, aber fast alle Blicke waren auf unseren Hauseingang gerichtet.

Dann sah auch ich dorthin, in den schrägen Abendsonnenstrahlen tanzten winzige Mücken. Ein friedliches Bild. Und dann fiel ein langer Schatten vor mir auf den Fußboden. Und dieser Schatten bewegte sich, wurde größer und verwandelte sich in eine magere Gestalt im Türrahmen – Lpetati!

Noch bevor ich erschreckt aufschreien konnte, hatte er seine knochigen Arme um mich gelegt. Ich hielt einen erbarmungswürdig dünnen Mann im Arm, fühlte dessen Wärme, bemerkte seine Hilflosigkeit und Schwäche und sah in dunkle Augen, die sich mit Tränen füllten. Wir hielten uns stumm, bis Lpetati von einem heftigen Hustenanfall erschüttert wurde, der seine ganze Kraft erforderte.

»Chui, Chui yangu, dein Simba wird sterben«, röchelte er heiser.

Ich verstand nichts, fühlte nur den rasenden Herzschlag und zog Lpetati vorsichtig in das Haus, um ihn und mich vor den vielen neugierigen Blicken zu schützen. Es wagte auch niemand, wie es sonst üblich war, näher zu kommen oder gar, uns zu folgen.

»Simba, wewe ni mgonjwa sana!« Du bist schwer krank. Was ist geschehen? Warum hast du mich nicht wissen lassen, dass du krank bist, ich wäre doch sofort gekommen. »Kwa nini tu?« Warum hat mich niemand informiert, auch wenn kaum einer schreiben kann, aber irgendwie hättet ihr es doch geschafft, dass ich Bescheid kriege. »Tangu lini?« Wie lange geht das denn schon so? Ich war außer mir und fühlte mich elend.

»Ich dachte, bis du kommst, bin ich wieder gesund. Aber es geht nicht, und du warst lange fort. Chui, dein Simba wird sterben, wenn Ngai, Gott, es so will. Aber vielleicht will er es auch nicht, weil du jetzt da bist. Er hat dich geschickt, wie so oft, das weiß ich, und dann will er wohl auch nicht, dass ich sterbe, er hat die Gebete erhört, liebe Chui, er hat sie bestimmt gehört! Ich kann doch noch nicht sterben, nicht jetzt und so. Tu was, nketok, tu irgendwas, Fanya chini juu. Chui! Tafadhali!«

Erschüttert sah ich auf meinen halb verhungerten Mann, dessen Atem kurz und keuchend ging, und erkannte erst jetzt, dass er nur Lumpen trug. Lpetati folgte meinem Blick. »Ich habe alle guten Sachen eingetauscht für Medizin. Auch welche von dir. Baba hat mir Medizin verabreicht, und auch der Heiler, der oft da war. Danach ging es auch besser. Vielleicht hätte er nur weiterbehandeln müssen. Aber wir konnten ihn nicht mehr bezahlen, dabei wollte er nicht viel, zuerst nur Hühner, dann aber auch eine Ziege und noch eine, die hat er auch bekommen, aber Geld war nicht da, nichts, das ich hätte hergeben können. Er hat sogar eine Schale von uns mitgenommen, den kleinen Spiegel aus der Küche und einen Hocker. Und nach einiger Zeit fing alles wieder an mit mir und ist so geblieben. Ich bekomme schlecht Luft, ich kann gar nichts mehr tun, Chui, ich bin wie ein ganz, ganz alter Mann geworden, älter als Babu. Hilf mir, Chui!«

Lpetatis Stimme war belegt, seltsam heiser. Ich war außer mir, fühlte mich gelähmt für Augenblicke, bis auf einmal Kampfgeist in mir erwachte. »Gleich morgen früh werde ich nach Maralal ins Hospital gehen, um einen Arzt zu finden, aber das hättet ihr auch machen können«, sagte ich erregt, wenngleich ich wusste, dass das aus finanziellen Gründen nicht möglich war, aber sie hätten auf mich verweisen können. Man kannte mich doch dort, weil ich schon manche Familienmitglieder ins Hospital gebracht und für deren Behandlung gesorgt hatte. Und auch der Heiler hätte sich bestimmt darauf eingelassen, mit der Bezahlung ein wenig zu warten. Meine Hände zitterten. Ich atmete tief durch und nahm mich zusammen. Schließlich kannte ich die Mentalität und den Glauben meiner Leute. Man pfuschte Ngai nicht ins Handwerk, sondern ergab sich seinem Willen. »Es steht alles schon geschrieben …«

»Vielleicht muss ich auch bis nach Nyahururu oder Nairobi, egal, wohin, wir werden finden, was dir fehlt, und wir werden Hilfe bekommen. Vertrau mir, Simba, alles, was möglich ist, werde ich unternehmen«, beruhigte ich Lpetati und mich selbst.

Lpetati hustete, röchelte, und als ich dann zu meinem Entsetzen entdeckte, dass sich sein Taschentuch, das er vor den Mund gepresst hatte, rot verfärbte, dachte ich sofort an Tuberkulose und begann, vor Angst zu frieren.

Mein Mann sackte in sich zusammen, richtete sich wieder auf, sah mich lange an, flehend und voller Verzweiflung, und dann zeigte er ein zaghaftes Lächeln. »Wie gut, dass du da bist, Chui«, sagte er in verändertem Tonfall, »es hat lange gedauert diesmal, aber es ist so schön, dich zu sehen. Gott sei Dank, dass du gekommen bist. Karibu sana nyumbani, willkommen zu Hause.«

»Ich werde alles versuchen, was möglich ist, Simba lai«, ermunterte ich ihn erneut, »du wirst sehen, wir schaffen es, tumeshatanzua matatizo mingi, wir haben doch schon so viele Probleme gelöst, auch, wenn es schwierig war. Wir werden es auch diesmal schaffen.«

»Una moyo mwema. Du hast ein gutes Herz. Mach mir Mut – den brauche ich.«

Lpetati hustete länger. »Sag mir, dass es gut wird. Ich vertraue dir.«

»Es wird gut!« Ich glaubte auf einmal fest daran, dabei straften mich Lpetatis schlimmer Zustand und sein heruntergekommenes Äußeres eigentlich Lügen. Seine Haut war rau und schuppig, weiße Streifen hatten sich gebildet, weil er sich gekratzt hatte. Lpetati deutete meinen Blick. »Dein Simba ist nicht mehr schön«, sagte er leicht zerknirscht und leise, »das ist einfach so gekommen.«

»Du wirst aber wieder schön«, beeilte ich mich zu sagen und kam mir vor, als spräche ich zu einem Kind. Mein schöner, stolzer Krieger – was war davon geblieben!

In Anbetracht des wenigen Wassers zog ich Reinigungstücher aus meinem Rucksack und rieb vorsichtig Lpetatis Hände und Arme damit ab. »Deine Sachen kannst du ausziehen, ich habe dir neue mitgebracht.«

Gehorsam wickelte er sich aus dem durchlöcherten Tuch, streifte etwas mühsam das ausgeblichene T-Shirt ab und sah neugierig auf meine Reisetasche. Dann schluchzte er plötzlich in sich hinein und ein weiterer Hustenanfall schüttelte ihn. Ein wenig hilflos stand ich vor meinem in seinem Verhalten so sehr veränderten Mann und verfolgte dann, wie er sich, fast genüsslich, das Gesicht und die Haare mit der mitgebrachten Vaseline eincremte, die Augen verdrehte und seine schlanken, wendigen Arme mit dem Fett bearbeitete, als streichele er sich dabei. Was musste ihm das Gefühl guttun, wieder sauber und gepflegt zu sein. Ich half ihm, den Rücken und die Beine einzusalben, wartete, bis die Creme eingezogen war, und reichte ihm die Unterwäsche, die keine Selbstverständlichkeit bei uns war: Socken, eine helle lange Hose und ein Hemd mit zartem Karomuster in Pink und Hellblau. Beide Farben liebte er besonders. Nachdem er sich umständlich aus- und angekleidet hatte, gab ich ihm ein Wickeltuch, ebenfalls in Pink, sowie eine dicht gewebte, warme, aber leichte shuka, blau-rot gewürfelt und gelbgestreift. Lpetati strich vorsichtig darüber, schloss die Augen und sagte fast ergriffen: »Hashe, hashee oleng, Ngai, hashe, Chui! Aitoki, Simba lai, ni mimi tena!« Danke sehr, Gott sei Dank! Da bin ich wieder, dein Simba!

Dann griff er nach den pastellfarbigen Taschentüchern. Er liebte Taschentücher über alles. Sie waren hier unbekannt, allenfalls benutzten sie die Krieger, um darunter ihre noch nicht fertigen Frisuren, deren kunstvolles Herrichten ja manchmal mehrere Tage in Anspruch nahm, zu verbergen. Frauen und Mädchen freuten sich über geblümte, bunte Damentaschentücher, wussten diese aber kam zu benutzen.

Es gab kein Wort in ihrer Sprache dafür.

Zwei Nichten schleppten Feuerholz in unser kleines Wohnzimmer. Einer meiner Schwäger erschien und zündete den Kamin an, und bald darauf nahm ich wieder Besitz von unserem Blockhaus, vor dessen Eingang jetzt die zahlreichen Familienmitglieder hockten. Ab und zu öffneten Kinder die Eingangstür einen Spalt breit, wagten aber nicht, die Tür offen zu lassen. Diesmal hielten sich alle seltsam zurück, denn mein Zusammentreffen mit dem schwerkranken Lpetati veränderte vieles. Ich spürte ihr Schuldbewusstsein und ihr Unbehagen. Sonst waren sie immer alle bei meiner Rückkehr auf die Veranda und ins Haus gestürmt, auch ohne Aufforderung, ganz selbstverständlich, und sie waren fröhlich, laut und neugierig gewesen, hatten ständig meinen Rucksack und meine Reisetasche im Auge gehabt und ganz besonders die verschnürten Tüten und Kartons aus den Läden in Maralal.

Ich zündete Kerzen und Petroleumlampen an – Strom gab es immer noch nicht in unserer Gegend und würde wahrscheinlich auch erst durch auf meinem Dach installierte Solarzellen zur Verfügung stehen, vorausgesetzt, ich konnte sie irgendwann bezahlen. Desgleichen würde es fließendes Wasser wohl nie bei uns geben. Aber wir besaßen zwei Wassertanks und so schöpfte ich dort, gleich neben der Küchentür, weiches, sauberes Regenwasser, wie auch jetzt, um Tee zuzubereiten. Wir kochten nach wie vor auf zwei kleinen Petroleumflammen.

Während ich dort hantierte und auch Milch abkochte – Lpetati liebte Milch, allerdings vorzugsweise rohe, stand mein Mann dicht hinter mir. Ich spürte seinen Atem im Nacken und fühlte seine kalte Hand auf meinem Arm. »Mit dir ist wieder alles da und alles gut«, sagte er zwischen Räuspern und Hüsteln. »Ich möchte ganz viel essen. Das konnte ich lange nicht, Chui, es gab nichts, nichts. Und als ich krank wurde, haben mich meine Schwestern und Marissa mit etwas Essen versorgt. Als es mir dann schlechter ging, haben mich alle nur zufriedengelassen. Ich habe lange nicht mehr richtig gegessen, und ganz lange nichts, was ich gern esse. Hast du Avocados bekommen in Maralal?«

Trotz der traurigen Lage musste ich lächeln. Lpetati liebte Avocados, aß sie gern mit ein wenig Salz und Limettensaft. Und natürlich hatte ich an Avocados gedacht. Es war ein rührendes Bild, wie er vor den inzwischen von mir angerichteten Avocados saß und sie sich genießerisch auf der Zunge zergehen ließ. »Hashe, Ngai, hashe Chui«, sagte er und weinte fast. Dann überraschte er mich mit der Frage: »Und du? Wo ist deine Avocado?« Ich ließ ihn einen Blick in die helle Packpapiertüte werfen, in der es noch fünf weitere Avocados gab.

Die Hunde Simba-ya-simba und Sungura stürmten herein, umwinselten mich vor Wiedersehensfreude und stießen mich fast um. Ich genoss ihre Anhänglichkeit und ihre Ausgelassenheit. Es war einfach wunderbar zu spüren, dass Tiere sich nicht verstellten. Sie liebten und akzeptierten mich, das spürte ich, wenn sie eng neben mir auf der Veranda lagen, wenn ich dort saß, so, als wollten sie mich nicht wieder fortlassen, wenn sie mich in jeden Winkel der Räume hinein begleiteten und mir überall hin folgten.

Selbst unsere Kühe, Schafe und Ziegen erkannten mich wieder. Mit Tieren zu leben hatte etwas Beglückendes, und ich genoss es in vollen Zügen. Auch deshalb gefiel mir das Leben bei den Samburu so gut, waren sie doch Menschen, denen Haustiere eine Gewohnheit, ein Segen, ein Lebensinhalt und eine Lebensversicherung bedeuteten – Hunde und Katzen ausgenommen, die waren eben einfach da, ebenso die Hühner.

Als mein Blick wieder auf meinen von der kleinen Mahlzeit beglückten Mann fiel, sah ich, wie er immer wieder über seine neue Garderobe strich und dabei glücklich lächelte. »Maridadi, wunderschön«, hörte ich ihn sagen.

Ich wusste, wie viel es ihm bedeutete, bewundert zu werden und anerkannt zu sein. Wie sehr musste er unter der körperlichen und äußerlichen Veränderung gelitten haben!

Wir tranken, vor dem Kamin sitzend, chai und Lpetati bekam noch abgekochte Milch. Dabei betrachtete ich sein ebenmäßiges, schmal gewordenes Gesicht, das im Kerzenlicht und im flackernden Feuerschein des Kamins von der Vaseline glänzte. Er atmete einige Male tief durch, mit einem leisen, pfeifenden Geräusch.

In der Nacht ließen mich Flöhe nicht schlafen. Wahrscheinlich waren sie bei den engen Umarmungen der Angehörigen bei der Begrüßung auf mich übergesprungen. Mein Bauch und die Taille waren übersät mit dicken, juckenden Quaddeln. Flöhe machten mir in unserem Haus immer wieder zu schaffen, und es fiel mir schwer, dabei gelassen und meinen Besuchern gegenüber freundlich zu bleiben. Außer dem quälenden Juckreiz hielten mich einige Hyänen, die um unser Haus herumstreunten, wach, und die Sorge um Lpetati beunruhigte mich ohnehin.

Am frühen Morgen zog ich auf der Rückseite des Hauses eine neue Wäscheleine, um das gesamte Bettzeug darauf zu lüften und die Flöhe zu vertreiben. Lpetati war, wie immer und wie alle in der Familie, sehr früh aufgewacht. Nun wartete er auf das Frühstück, um das er sich in den Zeiten, in denen es ihm besser gegangen war, auch selbst kümmerte. Er konnte einen wunderbaren Tee zubereiten, oft mit Ingwer und Kardamom.

Manchmal blickten wir zu so früher Stunde gern mit dem Fernglas in Richtung Mount Kenya. Das bizarre Bergmassiv, dunkel und scharf abgegrenzt gegen den flammenden Morgenhimmel betrachten zu können, verlieh etwas Erhabenes, ein ganz besonderes Afrika-Gefühl. Fröstelnd standen wir dann nebeneinander, in warme Decken gehüllt, bis die Helligkeit des neuen Tages die Konturen von Kenias höchster Erhebung im Wolkenmeer oder im Blau des weiten Himmels verwischte und nur noch ein Ahnen des vorangegangenen schönen Anblicks zurückblieb. Manchmal beteten wir danach gemeinsam.

Obwohl es noch sehr frisch, fast kalt draußen war, trug Lpetati unter Anstrengung den schmalen Tisch auf die Veranda, aber das war schon zu viel.

Danach rang er minutenlang nach Luft und ließ sich dann in einen Sessel fallen, wartete, erhob sich wieder und brachte mit langsamen Schritten und großer Mühe unsere Teetassen und danach das Besteck nach draußen.

Der Bequemlichkeit halber hätte ich die Möbel für die Veranda gern nachts draußen stehen gelassen, aber wahrscheinlich wären sie dann am Morgen nicht mehr da gewesen. Nicht, dass sie jemand hätte gebrauchen können, und es wäre ja auch sofort aufgefallen, aber sie ließen sich eintauschen gegen Geld oder andere Dinge. Weil im weiten Umkreis den Menschen fast alles fehlte und es nichts gab, das nicht noch irgendwo zu gebrauchen war, musste ich leider alles verschließen und in Sicherheit bringen.

Umgeben von den sich schlängelnden grünen Ranken des rosablühenden Lokimekistrauches, lehnte Lpetati an der hölzernen Begrenzung der Veranda, hielt sich an einem der Pfosten fest und blickte in den klaren Morgenhimmel. Wie abgemagert und hager er doch war. Einen ganz kurzen Moment hatte ich Angst um ihn, aber dann überwog wieder der Optimismus. Ich trat zu ihm, legte den Arm auf seine Schulter, sagte: »Tunamtumaini Ngai, auwene! Wir vertrauen Gott, komm!« Damit zog ich ihn ganz behutsam zum Tisch. Er hustete, lächelte dann aber, blickte wieder ernst, versuchte, tiefer zu atmen und drückte meine Hand. Als sich dann die Sonne über die grünen, teils felsigen Hänge der Karisia Hills schob, wurde es binnen Minuten wärmer und angenehm. Im Laufe des Tages würde es heiß werden. Die Äquatorsonne stand ja senkrecht über uns.

Immer noch wie ausgehungert, verschlang Lpetati Cornflakes mit Milch und eine Avocado. Beim Essen behinderte ihn wieder der seltsam trockene, in kurzen Stößen folgende Husten. Mit gemischten Gefühlen saß ich ihm gegenüber, ermunterte ihn mit einem Lächeln, streichelte seine schmalen Hände und besah mir die langen, schlanken Finger. Es hätten die feingliedrigen Hände eines Musikers, eines Künstlers sein können. Von Anfang an hatte ich seine Hände geliebt.

GeckoUnterwegs nach Maralal

Lpetati, der im Halbschatten auf einer Matratze auf der Veranda lag, schlug mir vor, jemanden aus seiner Familie als Begleitung für mich mit nach Maralal zu schicken. Ich schüttelte lächelnd den Kopf. Ich hatte keine Lust, hinter jemandem herzuhasten, wollte meinen Laufrhythmus selbst bestimmen und stehen bleiben können, wenn mich eine Pflanze, die Aussicht oder ein Vogel besonders interessierten. Die Angehörigen blieben nie stehen, es sei denn, eine gefährliche Situation zeichnete sich ab, meist wegen irgendwelcher Tiere. Alle in unserer Familie liefen wie Maschinen, selbst Baba in seinem hohen Alter legte ein unglaubliches Tempo vor. Sie bewältigten oft beachtliche Strecken ohne jede Müdigkeit, aber ihre Wege dienten immer einem Zweck. Es war für alle neu gewesen, dass ich, sozusagen mit Genuss, durch die wunderschöne Landschaft spazierte. Es hatte sie sogar erheitert als ich ihnen erzählte, dass wir in Deutschland gern wanderten, auch einen oder viele Tage lang, einfach so, um die Natur zu genießen.

Hier, in einer Höhe von mehr als 2000 Metern waren alle körperlichen Betätigungen anstrengender, als ich das von Deutschland her gewohnt war. Der Atem ging schwerer bei besonderer Belastung, dazu kamen die trockene Wärme und der ständige Wind. Ich brauchte für die Wege einfach mehr Zeit als die anderen.

Noch bevor die Sonne höher stieg und es zum Gehen zu warm wurde, machte ich mich auf den Weg nach Maralal, um dort im Hospital wegen Lpetati mit einem Arzt zu sprechen. Unsere beiden Hunde sprangen eine Zeit lang ausgelassen neben mir her, sie wollten nicht nach Hause zurück. Immer wieder folgten sie mir, blieben geduckt im trockenen Gras sitzen, wenn ich mich umsah und ihnen bedeutete, umzukehren, und sobald ich weiterging, folgten sie mir erneut, ein schönes Spiel. Aber schließlich begriffen sie, dass sie mich nicht begleiten konnten. Auch mir fiel es schwer, sie zurückzulassen.

Noch an der Bachböschung, ziemlich weit von unserem Haus entfernt, hörte ich Lpetati husten. Sein Zustand war besorgniserregend, da brauchte ich mir nichts vorzumachen. Hoffentlich konnte ich hier im Norden an hilfreiche Medikamente kommen und vor allem einen kompetenten Arzt finden. Tuberkulose war in allen afrikanischen Ländern auf Grund der unzureichenden Ernährung und mangelhaften hygienischen Verhältnisse weit verbreitet und lag bei den Todesfällen etwa gleich mit Malaria und Aids.

Oft gebückt, ging ich unter den vielen Dornenakazien entlang, deren Zweige sehr weit herabhingen. Außer den tiefwurzelnden Akazien waren nur noch die hohen, wasserspeichernden Sukkulenten grün und die Feigenkakteen, unser einzig verfügbares Obst – wenn man den Elefanten und Ziegen zuvorkam. Gras und Büsche waren welk und trocken, und der ständige Wind des Hochlandes ließ sie rascheln.

Ich benutzte einen schönen, aber unebenen Trampelpfad. An manchen Stellen führte er an markanten, knorrigen Zedern vorbei, unter denen es so wundervoll würzig duftete, dass ich gern für einige Augenblicke stehen blieb und tief atmete. Fast auf dem gesamten Weg hatte ich einen freien Blick auf ferne Berge, musste aber hin und wieder über zerklüftete Gräben springen, die der letzte Tropenregen hatte entstehen lassen, oder über aufgetürmte Felsbrocken klettern und um hohe Termitenhügel herumgehen. Immer gab es Tiere zu sehen, friedlich grasende Zebras, Gazellen und Antilopen, Erdmännchen und viele seltene, tropische Vögel, besonders schön die schillernden Nektarvögel, die in blühenden Aloen saßen, außer den Singvögeln auch Trappen und wilde Perlhühner. Besonders die Dreifarben-Glanzstare fielen dabei ins Auge und begeisterten mich mit kräftigen Orange- und Blautönen. Hin und wieder hielten sich Büffel und Elefanten in der Nähe des Weges auf, seltener Löwen, die tagsüber meist träge, irgendwo geschützt, in der Sonne oder im Schatten dösten.

Ich war schon über zwei Stunden gegangen, als ich eine getötete Thomsongazelle entdeckte, die unmittelbar über mir in einer hohen Astgabel hing. Voller Unruhe hielt ich Ausschau nach dem Jäger oder der Jägerin, wofür nur ein Leopard in Betracht kam. Er musste sich in der Nähe aufhalten, denn er ließ seine Beute nicht unbeaufsichtigt. Ich wusste, dass ich mich als möglicher Störenfried in Gefahr befand. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Hinter jedem Busch, zwischen jedem höheren Gras vermutete ich Augen, die mich beobachteten. Viel zu aufgeregt sah ich mich um, horchte angestrengt, atmete ganz flach, fixierte das dichte Geäst über mir, gab mir einen Ruck und entfernte mich betont langsam und mit bedächtigen Schritten von dem Baum, obwohl ich am liebsten gerannt wäre. Immer weiter kam ich so vom Weg ab und ich machte unfreiwillig einen gehörigen Umweg.

Erst als weitere Gazellen und Impalas in Ruhe ästen, große Perlhühner und die schimmernden Glanzstare sich völlig normal benahmen, wähnte ich mich in Sicherheit und versuchte, wieder auf den Trampelpfad Richtung Maralal zurückzufinden. Vielleicht würde ich für den Rückmarsch besser einen anderen Weg einschlagen. Trotz der ausgestandenen Angst fühlte ich mich wohl und freute mich sogar über das besondere Erlebnis. Es beschäftigte mich noch, als schon die ersten flachen Gebäude von Maralal auftauchten und vor mir die Senke lag, die von alten filigranen Akazien beschattet wurde, wo sich seltene Liliengewächse, Amaryllen gleich, ausbreiteten. Dann lag Maralal vor mir, wenig einladend und doch mit einem kühlen, afrikanischen Flair.

Auf dem Gelände der Lungenklinik, die Maralals District Hospital angegliedert war, überholte mich ein Motorradfahrer, eine schmächtige, glatzköpfige Gestalt, stieg kurz vor mir ab, verschwand in einem Gebäude und erschien bald darauf in einem weißen Kittel: Der leitende Arzt der Lungenklinik stand vor mir. Ich fasste sogleich Vertrauen zu diesem Mann, einem Pokot, der mich an Mahatma Gandhi erinnerte.

Der Doktor war ausgesucht höflich und erschien mir sehr kompetent. Er unterbrach mich nicht bei meiner Schilderung von Lpetatis Zustand, hörte geduldig zu, nickte einige Male mit dem Kopf, unterstützte meine Vermutung, dass es sich um Tuberkulose handeln könnte, und machte mir dann Hoffnung, indem er auf äußerst wirksame Medikamente verwies, die von einer frankokanadischen Hilfsorganisation gestiftet worden seien. Anhand von Listen und Schreiben belegte der Arzt, dass viele Patienten auch im fortgeschrittenen Stadium einer Tuberkulose, selbst hier, in dieser dürftig eingerichteten Klinik, erfolgreich behandelt worden waren.

»Erfreulicherweise gibt es ein freies Bett«, sagte der Arzt, »bringen Sie Ihren Mann so schnell wie möglich zu uns, ich erwarte Sie und freue mich, wenn wir Ihnen helfen können.«

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur daran gedacht, was ich für Lpetati tun konnte, jetzt quälten mich andere Fragen: Was würde die erneute Trennung unter diesen Umständen für uns bedeuten? Wie weit war die Krankheit Lpetatis fortgeschritten? Gab es Hoffnung auf vollständige Ausheilung der Tbc? Zuversicht und Sorge wechselten ständig in mir, während ich unter einem endlos weiten blauen Himmel den Rückweg zu unserem boma, unserem Dorf, das aus von Hecken umgebenen Hütten bestand, bewältigte.

GeckoIn der Klinik

Zwei Tage später, es war Sonntag, ein heißer und windiger Tag, erschien der von mir bestellte Wagen, um Lpetati und mich abzuholen und in die Klinik zu bringen. Die Familie war fast vollzählig zum Verabschieden gekommen, auch Nachbarn und Freunde. Viele von ihnen wollten uns bis in die Stadt begleiten. Es gab Tränen, Gebete, gute Wünsche und eine Versöhnung – denn ich hatte einigen von ihnen lautstarke Vorwürfe gemacht, weil sie nichts weiter für Lpetati unternommen und mir nicht Bescheid gesagt hatten, besaß ich doch an der Küste eine Postbox, wie die Familie wusste, es wäre also möglich gewesen, mich zu benachrichtigten.

Jetzt, da ich helfend eingriff, wurde ich plötzlich malaika, Engel, genannt.

Lpetati saß neben mir und dem Fahrer, eingewickelt in seine rot-blau gewürfelte shuka und hustete fast ununterbrochen. Ich legte beruhigend meinen Arm um seine Schultern und spürte seinen dankbaren Gegendruck. Selten hatte er mich wohl so nötig gebraucht wie jetzt.

Nach der gründlichen Untersuchung wusste ich, dass Lpetatis Zustand sehr bedenklich war und wir nicht später hätten kommen dürfen. Voll innerer Unruhe blickte ich auf den Arzt, während dieser wartete, bis Lpetati sich hinter dem fadenscheinigen Paravent wieder angezogen hatte. »Es sieht nicht gut aus, um ehrlich zu sein«, eröffnete er uns, »aber auch nicht so schlecht, dass es keine Hoffnung gibt. Wir werden es gemeinsam angehen, mit Gottes Hilfe.« Ein aufmunterndes Lächeln folgte und ein hörbares, tiefes Luftholen. Er schob uns Informationsmaterial über den Tisch und wartete ein wenig, als wir einen Blick darauf warfen. »Mindestens acht Monate werden Sie in der Lungenklinik bleiben müssen«, sagte der Arzt zu Lpetati gewandt und nickte danach mir bedächtig zu.

Ich begriff es langsam. Acht, mindestens acht lange Monate!

Lpetati kauerte sich ungläubig zusammen. Seine Freude über die Behandlungsmöglichkeit ließen ihn ein leises hashe, ahsante, danke, flüstern, und er schien erleichtert. Aber er war auch enttäuscht, dass die Behandlung ihn so lange von zu Hause fernhalten sollte. Ich sah es an seinem Blick und den zusammengekniffenen Lippen.

»Wird schon«, sagte ich leise und stieß ihn leicht mit meinem Arm an. »Huu ni wakati wako! Tunatumaini, tunawezekana!« Das ist deine Chance, wir haben Hoffnung. Wir schaffen das.

In der Lungenklinik gab es keine Krankenzimmer, sondern einzelne kleine Betonhäuschen, auf einem weitläufigen, trostlosen Gelände verteilt und gerade groß genug für ein Bett auf einer gemauerten Steinbank. Es gab darin keine Toilette, kein Wasser und kein Licht, nicht einmal einen Stuhl. Ich erfuhr, dass die Angehörigen der jeweiligen Patienten für die Ausstattung zuständig seien, ebenso für die Verpflegung. Die Klinik half lediglich mit Medikamenten und ärztlicher Betreuung, ansonsten standen keinerlei Geldmittel zur Verfügung.

Obwohl es Sonntag war, versuchte ich, so gut es ging, in Maralal die vielen notwendigen Dinge für Lpetatis Krankenhausaufenthalt zu erstehen: eine Matratze, Decken, Kissen, Handtücher, Seife, Teller, Topf und Besteck, einen kleinen Holzkohleofen, Kerzen, Streichhölzer, Toilettenpapier und diverse Lebensmittel, darunter auch Trinkwasser und haltbare Milch. Manches hatte mich ein wenig mehr gekostet, weil einige Ladenbesitzer nicht regulär geöffnet hatten. Aber nach Schilderung unseres Dilemmas war man dann doch sehr hilfsbereit – hauptsächlich wohl deshalb, weil die benötigten Sachen für einen Samburu, also einem von ihnen, bestimmt waren.

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