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Der Hexer 67

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Erster Teil: Das Haus der bösen Träume
  7. Vorschau
  8. Die Serie auf einen Blick
  9. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  10. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

John Baldwin war nicht abergläubisch, was der Hauptgrund war, weshalb er nach rund einem Jahr noch immer auf der Baustelle am Ashton Place 9 arbeitete – und weshalb er jetzt in diesem Schlamassel steckte. Die Geschichten, dass es dort angeblich spukte, dass irgendwelche übernatürlichen Kräfte einen nennenswerten Fortschritt beim Wiederaufbau des Hauses verhinderten, waren für ihn nie mehr als alberne Märchen gewesen.

Gut, es hatte von Anfang an eine Menge Probleme gegeben, aber dafür gab es mit Sicherheit völlig normale Erklärungen. Geister oder alte Flüche brauchte man dafür bestimmt nicht zu bemühen. Auch wenn sich nach und nach die meisten seiner Kollegen, die mit ihm zusammen hier angefangen hatten, geweigert hatten, weiterhin hier zu arbeiten, er war nicht so dumm, wegen irgendwelcher Albernheiten eine sichere Anstellung aufzugeben. Baldwin besaß von Natur aus ein heiteres Gemüt, und das hatte ihm geholfen, auch die ständigen Rückschläge auf dieser Baustelle mit Humor zu nehmen. Wenn man ein bisschen Abstand zu allem wahrte, war es tatsächlich geradezu komisch, wenn ständig irgendwelche gerade erst neu errichteten Mauerstücke wieder in sich zusammenfielen, wenn eine Täfelung von einer Wand absprang, kaum dass das letzte Holzstück eingepasst worden war, wenn eine Tapete sich wieder von der Wand löste und dem Tapezierer auf den Kopf fiel, kaum dass er sich umgedreht hatte. Nach einiger Zeit hatte sich Baldwin sogar einen Spaß daraus gemacht, mit einigen der anderen – oder manchmal auch nur mit sich selbst – zu wetten, welche Katastrophe sich als Nächstes ereignen würde. Besonders morgens, bevor sie die Baustelle betraten, waren diese Wetten, was sich während der Nacht wieder in Wohlgefallen aufgelöst haben mochte, ein beliebtes Vergnügen gewesen.

Schließlich war es nicht sein Haus, und er war nicht derjenige, der das alles bezahlen musste. Den Besitzer hatte Baldwin ein paar Mal gesehen, einen noch jungen Mann namens Craven, der die ausgebrannte Ruine von Andara-House von seinem Bruder geerbt hatte und über ein gewaltiges Vermögen verfügen musste. Meist tauchte er mit zwei reichlich sonderbaren Begleitern auf, einem asketischen, irgendwie düster wirkenden Mann und einem wahren Hünen mit einem Bulldoggengesicht. Gemeinsam bildeten die drei ein mindestens ebenso bizarres Trio wie Storm und seine beiden Teilhaber Lickus und Will, mit denen sie sich bei ihrem Erscheinen meist äußerst amüsante Wortgefechte über den schleppenden Fortgang der Bauarbeiten lieferten.

Aber wie es aussah, waren die schönen Zeiten vorbei, seit fast alle seiner früheren Kollegen aufgehört hatten. So sehr Baldwin diese Entwicklung persönlich auch bedauerte, auf den Bau selbst hatte dieser Wechsel sich äußerst positiv ausgewirkt, und er hatte sich auch eine Theorie zurechtgelegt, woran das lag. Vermutlich hatten die anderen sich einfach so lange etwas eingeredet, bis tatsächlich nichts mehr geklappt hatte. Die Fortschritte, die in den letzten zwei Wochen erzielt worden waren, seit ein weitgehend neuer Bautrupp die Arbeit aufgenommen hatte, sprachen deutlich für diese Theorie.

Allerdings war sich Baldwin nicht sicher, ob er wirklich froh darüber sein sollte. Irgendetwas an den Neuen war … merkwürdig. Sie waren wortkarg und sonderten sich weitgehend ab, schienen sich nur um ihre Arbeit zu kümmern. Wenn sie sich überhaupt unterhielten, dann fast ausschließlich untereinander, und wenn man sie ansprach, antworteten sie knapp und so unfreundlich, dass es fast bedrohlich wirkte. Dadurch war das Arbeitsklima auf der Baustelle innerhalb kürzester Zeit so eisig geworden, dass Baldwin mit jedem Tag weniger gerne herkam.

Das war jedoch nicht die einzige Merkwürdigkeit. Die Neuen schafften ungeheuer viel, aber sie zeigten auch einen so unnatürlich großen Arbeitseifer, dass es fast an Besessenheit grenzte. Obwohl jeder von ihnen für zwei schuftete, gingen sie auch nach Feierabend nicht etwa nach Hause, um sich endlich auszuruhen, sondern arbeiteten unbeirrt weiter, nachdem alle anderen bereits verschwanden. Ein paar Mal hatte Baldwin sich schon gefragt, ob sie überhaupt irgendwann schliefen.

Für dieses Verhalten gab es eigentlich nur zwei mögliche Erklärungen. Entweder hatte Storm ihnen – anders als den anderen – trotz seines schon sprichwörtlichen Geizes eine Prämie zugesichert, die ganz außergewöhnlich sein musste, wenn sie sich so ins Zeug legten.

Oder aber sie waren in irgendwelche dunklen Machenschaften verwickelt, was weitaus wahrscheinlicher war.

Möglicherweise ließen sie nachts Baumaterialien oder Werkzeuge verschwinden, obwohl Baldwin noch nichts davon gehört hatte, dass etwas vermisst wurde, und ein so auf seinen Profit bedachter Bauherr wie Storm hätte dergleichen sicherlich sofort bemerkt. Aber vielleicht war dieser ja auch selbst in die Sache verwickelt und verdiente sich eine goldene Nase damit, dass er die gleichen Materialien mehrfach verkaufte.

Angesichts eines trotz gelegentlicher Proteste so nachgiebigen Auftraggebers wie diesem Craven konnte Baldwin sich das durchaus vorstellen. Geld schien ihm nichts zu bedeuten, und das machte ihn zu einem idealen Opfer für jemanden wie Storm. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würde Craven es nicht mal merken, wenn ihm ein und dieselben Materialien gleich dutzendfach in Rechnung gestellt würden.

Baldwin sollte es egal sein, wenn der Mann so dumm war, sich derart übers Ohr hauen zu lassen. Nicht gleichgültig war ihm hingegen, was nachts auf der Baustelle geschah. Zum einen war seine Neugier geweckt, aber anderseits mochte es sich auch als äußerst wichtig für ihn erweisen, mehr herauszufinden. Falls es sich wirklich um kriminelle Machenschaften in irgendeiner Form handelte, und die Polizei kam dahinter, konnte es durchaus passieren, dass diese sich gar nicht erst die Mühe machte, die wenigen weißen von den vielen schwarzen Schafen zu trennen. Immerhin bildeten die Neuen die überwältigende Mehrheit, und wenn die Behörden deshalb davon ausgingen, dass alle Arbeiter in die Sache verwickelt wären, dann würde es auch ihm an den Kragen gehen, obwohl er unschuldig war. Einen Anwalt, der ihn vor einer solchen Ungerechtigkeit bewahren könnte, konnte er sich nicht leisten. Daran war nicht einmal im Traum zu denken, deshalb mochte es extrem wichtig für ihn sein, dass er wusste, was an seiner Arbeitsstelle hinter seinem Rücken vorging. Sollte sich die Angelegenheit als zu brisant herausstellen, würde er sich notfalls doch einen anderen Job suchen müssen.

An diesem Abend war er deshalb nicht wie üblich nach Feierabend nach Hause gegangen, sondern in der Nähe des Ashton Place geblieben.

Jemand wie er fiel in einer so exklusiven Wohngegend wie dieser auf wie ein Kieselstein in einem Haufen funkelnder Diamanten. Um zu verhindern, dass er Misstrauen erweckte und jemand die Polizei rief, lungerte er nicht allzu offensichtlich herum, sondern ging mit forschen Schritten kreuz und quer durch alle möglichen Straßen in der Nähe, als ob er sich ganz normal auf dem Heimweg befände. Sein Plan ging auf; keiner der wenigen Passanten, denen er begegnete, nahm Notiz von ihm. Die Anwohner hatten sich in den vergangenen Monaten an den Anblick verdreckter Bauarbeiter gewöhnt.

Erst nach Einbruch der Dunkelheit kehrte er wieder zum Ashton Place zurück. Der Schein der Lampen hinter dem hohen Bretterzaun zeigte ihm, dass auch in dieser Nacht auf der Baustelle immer noch gearbeitet wurde. Von einer schmalen, dunklen Gasse zwischen zwei der vornehmen Villen aus, wo man ihn nicht so leicht entdecken würde und in die er sich bei Bedarf weiter zurückziehen konnte, beobachtete Baldwin, was geschah.

Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Niemand verließ oder betrat die Baustelle; nichts geschah, das seinem Verdacht auch nur die geringste neue Nahrung verschaffte. Alle paar Minuten machte er ein paar Lockerungsübungen, um sich aufzuwärmen. Die Tage waren in diesem Frühjahr des Jahres achtzehnhundertdreiundneunzig bereits einigermaßen warm, doch nachts wurde es eisig kalt. Immerhin war es erst Anfang März.

Mit jeder verstreichenden Minute wuchs Baldwins Überzeugung, dass er sich hier für nichts und wieder nichts die verdiente Nachtruhe um die Ohren schlug, was er am nächsten Tag bei der Arbeit mit Sicherheit bitter bereuen würde. Wahrscheinlich arbeitete der neue Bautrupp wirklich nur so übereifrig, weil Storm von Craven endlich Druck bekommen und den Männern deshalb eine fette Prämie versprochen hatte. Es war zwar eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn nur die Neuen sie erhielten, aber mit kriminellen Machenschaften hatte es nichts zu tun.

Die Verlockung, einfach nach Hause zu gehen und sich in seinem warmen Bett zu verkriechen, wurde immer stärker, doch noch widerstand Baldwin ihr. Nachdem er nun schon einmal hier war und so lange gewartet hatte, würde er zumindest noch bis Mitternacht durchhalten, nahm er sich vor.

Kurz nachdem die Glocken der nahen St. Peter Church halb zwölf geschlagen hatten, hörte er schließlich, wie sich eine Kutsche näherte. Kurz darauf bog sie auf den Ashton Place ein und hielt vor der Baustelle. Es handelte sich um ein von zwei Pferden gezogenes Fuhrwerk mit einer großen, von einer Plane überspannten Ladefläche. Der Kutscher stieg herunter und deckte die Plane ab.

Baldwin ballte grimmig die Fäuste. Also hatte er mit seiner Vermutung doch Recht gehabt. Jeden Moment würden die Arbeiter herauskommen und die Beute auf das Fuhrwerk laden, doch er erlebte eine Überraschung. Zwar kamen die Arbeiter tatsächlich hinter dem Bretterzaun hervor, doch statt irgendwelche Materialien aufzuladen, holten sie Steine von der Ladefläche des Fuhrwerks herab und brachten sie auf die Baustelle.

Ungläubig runzelte Baldwin die Stirn. Jetzt verstand er gar nichts mehr. Die Steine wirkten sehr unregelmäßig und waren unterschiedlich groß, doch er war zu weit entfernt, um Einzelheiten erkennen zu können. Darauf kam es jedoch auch nicht an. Was er beobachtete, sah nach einer ganz normalen Lieferung aus. Was hingegen ganz und gar nicht normal war, das war lediglich die Zeit. Welche Firma lieferte denn statt am Tage mitten in der Nacht Baumaterialien an? Baldwin begriff es nicht. Verständnislos beobachtete er, wie das Fuhrwerk leer geräumt wurde. Anschließend stieg der Kutscher zurück auf den Bock, und rumpelnd setzte sich das Gefährt wieder in Bewegung. Das Klappern der Pferdehufe und das Mahlen der Räder verklangen in der Ferne.

Baldwin wartete, bis auch der letzte Arbeiter wieder auf der Baustelle verschwunden war. Offenbar hatte er für nichts und wieder nichts die halbe Nacht auf der Lauer gelegen und gefroren. Er trat aus der Gasse und wollte sich frustriert auf den Heimweg machen, verharrte dann aber.

Auch wenn es keinen Hinweis auf irgendwelche kriminellen Machenschaften gab, war die ganze Angelegenheit mysteriös. Wenn er jetzt einfach nach Hause ging, würde er vermutlich nie herausfinden, was auf der Baustelle wirklich vorging. Dafür aber war seine Neugier zu groß, er wollte endlich Klarheit.

Langsam ging er auf den Zaun zu. Das Tor war nur angelehnt, und er spähte durch den Spalt. Von den Arbeitern war nichts zu sehen, sie befanden sich wohl im Inneren des Hauses. Vor dem Eingang lag noch ein Teil der gerade angelieferten Steine auf einem Haufen aufgeschichtet. Baldwin konnte nun erkennen, dass er sich nicht getäuscht hatte, was ihre Beschaffenheit betraf. Anders als normal handelte es sich nicht um gleichmäßige Steinquader, sondern um völlig unterschiedliche Stücke. Einige waren kaum faustgroß, andere so wuchtig, dass ein Mann allein sie vermutlich nur mit Mühe heben konnte. Auch was ihre Form anging, besaßen sie keinerlei Gemeinsamkeiten. Am ehesten erinnerten sie an Trümmer, die jemand aus einer Felswand herausgeschlagen hatte. Als Baumaterialien waren sie jedenfalls gänzlich ungeeignet.

Baldwin verstand immer weniger. Aus welchem Grund wurde mitten in der Nacht irgendwelcher unbrauchbare Schutt auf der Baustelle angeliefert? Das Ganze ergab keinen Sinn. Irgendetwas stimmte hier ganz entschieden nicht.

Er schob das Tor weiter auf und trat hindurch. Neben dem Gesteinshaufen blieb er stehen, hob ein knapp handtellergroßes Trümmerstück auf und betrachtete es genauer. Erst jetzt sah er, dass in die Oberfläche ein filigranes Muster aus ineinander verschlungenen Linien eingraviert war, doch war es ihm unmöglich, das Muster in seiner Gesamtheit zu erkennen. Je stärker er sich darauf konzentrierte, umso mehr schienen sich ihm die Linien zu entziehen, als ob sie von einem unheimlichen Eigenleben erfüllt wären. Gleichzeitig erwachte ein dumpfer, pochender Schmerz hinter seiner Stirn, und Baldwin merkte, wie seine Gedanken sich zu verwirren begannen.

Nur mit äußerster Anstrengung gelang es ihm, den Blick wieder abzuwenden. Er schloss für ein paar Sekunden die Augen, und sofort ließen die Kopfschmerzen nach. So hastig, als hätte er sich daran verbrannt, ließ er den Stein fallen.

Noch bevor er weiter über diese rätselhafte Entdeckung nachdenken konnte, hörte er Schritte, die sich aus dem Inneren des Hauses näherten. Baldwin wich hinter eine Ecke zurück. Obwohl es keinen konkreten Grund dafür gab, spürte er instinktiv, dass es besser für ihn war, wenn man ihn nicht entdeckte.

Ein Schatten erschien in dem hellen Rechteck, das durch die Türöffnung auf den Boden neben dem Steinhaufen fiel. Nur mit Mühe konnte Baldwin einen Schrei unterdrücken.

Was er sah, war nicht der Schatten eines Menschen. Es war ein klobiges, unförmiges Etwas mit einem aufgeblähten Balg, dicken, säulenartigen Beinen und viel zu vielen langen, tentakelartigen Armen, mit denen es nach einem der größeren Steinbrocken griff und ihn hochhob.

Baldwin presste sich fester an die Mauer. Sein Herz begann zu rasen, und er spürte, wie sich trotz der Kälte Angstschweiß auf seiner Stirn bildete. Was er sah, war schlichtweg unmöglich. Es musste sich um eine Täuschung handeln, die Perspektive musste den Schatten verzerren und ließ ihn so monströs erscheinen, aber dennoch …

Mit einem Mal war ihm völlig egal, was auf der Baustelle vorging. Er wollte nur noch, dass die Gestalt mit dem unheimlichen Schatten ins Haus zurückkehrte, damit er unbemerkt wieder von hier verschwinden und nach Hause laufen konnte. Trotz aller Neugier hätte er gar nicht erst herkommen dürfen.

Doch das unheimliche Etwas machte keinerlei Anstalten, wieder ins Haus zu gehen. Stattdessen blieb es stehen und bewegte ein paar Mal den Kopf von einer Seite zur anderen, als hätte es etwas entdeckt. Nach einigen Sekunden legte es den Stein wieder auf den Haufen zurück. Langsam, aber zielsicher kam es auf die Ecke zu, hinter der Baldwin sich versteckt hielt.

Ein eisiger Schreck durchfuhr Baldwin. Er wollte wegrennen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Zu schrecklich war der Anblick des monströsen Schattens, der immer weiter auf ihn zuglitt. Er wusste, er würde sterben, wenn die Kreatur, die diesen Schatten warf, ihn erreichte, wahrscheinlich würde schon ihr bloßer Anblick ausreichen, ihn zu töten. Dennoch gelang es ihm nicht, seine Erstarrung zu überwinden. Er war wie gelähmt.

Die Kreatur kam um die Ecke gebogen, und Baldwin stieß einen keuchenden Schrei aus, doch es war ein Laut der Erleichterung, nicht des Schreckens. Vor ihm stand kein Ungeheuer, sondern einer der Männer des neuen Bautrupps, den er in den letzten Wochen jeden Tag gesehen hatte. Soweit er sich erinnerte, hieß der Mann Mitchel. Mit kalten, irgendwie leer wirkenden Augen blickte er Baldwin an.

»Was machen Sie hier?«, fragte er. Er sprach mit nahezu ausdrucksloser Stimme, dennoch glaubte Baldwin, einen drohenden Unterton darin wahrzunehmen.

»Ich … ich arbeite ebenfalls hier«, stieß er nervös hervor. »Sie müssen mich doch kennen. John Baldwin. Ich … ich habe vorhin etwas vergessen. Meinen Schlüssel. Ist mir wohl aus der Tasche gerutscht, deshalb musste ich nochmal …«

Er brach ab, als er merkte, wie lächerlich seine improvisierte Erklärung klang. Mitchels Gesicht veränderte sich kein bisschen, dennoch war Baldwin sich sicher, dass der Mann ihm kein Wort glaubte.

Zwei weitere Arbeiter traten neben ihn und musterten ihn mit ebenso leer und tot wirkenden Augen.

»Er hat hier herumgeschnüffelt. Haltet ihn fest«, sagte Mitchel nur. Ohne zu zögern, folgten die beiden Männer seinem Befehl.

Baldwin versuchte ihnen auszuweichen, doch sie waren zu schnell. Ihr Griff war wie ein Schraubstock. Er öffnete den Mund, aber eine Hand wurde auf seine Lippen gepresst und erstickte seinen Schrei.

Ein grauenvoller Schmerz zuckte durch seine rechte Schulter, als hätte jemand einen glühenden Nagel hineingetrieben. Der Schmerz überflutete sein Denken und löschte es binnen eines Sekundenbruchteils aus.

Kurz darauf ging er mit den drei Arbeitern zu dem Steinhaufen hinüber, ergriff eines der Trümmerstücke und trug es ins Haus. Seine Augen blickten ebenso leer wie die seiner Begleiter.

»Du verrennst dich in etwas«, behauptete Howard. Er schüttelte den Kopf, paffte genüsslich an seiner Zigarre und blies eine übel riechende Rauchwolke aus. »Und das kann ebenso verhängnisvoll sein wie das Ignorieren einer Gefahr.«

»So wie du es tust«, warf ich ihm vor, hustete und wedelte demonstrativ mit einer Hand vor meinem Gesicht, ohne dass es freilich viel nutzte. Die Luft in der engen Kutsche, mit der wir auf dem Weg zum Ashton Place waren, war zum Schneiden.

Das Gespräch drehte sich im Kreis, aber das war nichts Neues für mich. Wann immer ich in den vergangenen drei Wochen versucht hatte, mit Howard über die Thul Saduun zu sprechen, wich er mir aus und wiegelte ab; ein Verhalten, das ich ausgerechnet von Howard mit seiner Vorliebe für Schwarzseherei absolut nicht gewöhnt war. Es war fast, als hätten wir unsere Rollen vertauscht.

»Das Erwachen der Thul Saduun stand um Haaresbreite bevor«, unternahm ich einen neuen Anlauf. »Dieses Relief … du hättest selbst sehen sollen, wie es sich zu verändern begann, als … als ob es etwas ausstoßen wollte. Ich bin sicher, es war für die Thul Saduun irgendwie eine Art Portal, durch das sie versucht haben in unsere Welt herüberzukommen.«

»Aber es ist zerstört«, wandte Howard ein und wedelte mit den Händen. »Explodiert, puff, weg. Du hast es mir selbst mindestens ein Dutzend Mal beschrieben.«

»Und im ersten Siegestaumel habe ich auch selbst daran geglaubt. Aber je mehr ich darüber nachdenke …« Ich brach ab. »Es war einfach zu leicht«, fügte ich nach einer kurzen Pause leise hinzu.

»Zu leicht? Das hörte sich bei Rowlf aber etwas anders an. Er meinte, ihr wärt nur um Haaresbreite davongekommen, und bei dem Zustand, in dem ihr zurückgekommen seid, glaube ich nicht, dass er übertrieben hat.«

»Trotzdem«, beharrte ich. »Die Thul Saduun haben die Macht von Göttern. Nicht mal die GROSSEN ALTEN konnten sie vernichten, sondern sie nur verbannen. Und ausgerechnet uns soll das Unmögliche gelungen sein?«

Howard schlug die Beine übereinander.

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