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Der Hexer 66

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Fluch aus der Vergangenheit
  7. Vorschau
  8. Die Serie auf einen Blick
  9. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  10. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Kevin Collins arbeitete bereits seit fast dreißig seiner insgesamt neunundvierzig Jahre auf der Harper-Werft. Die harte Arbeit hatte ihre Spuren hinterlassen. Er war ein bulliger Mann mit breiten Schultern und Händen, die an die Pranken eines Bären erinnerten. Wo er hinschlug, da wuchs so schnell kein Gras mehr, das konnten zahlreiche Zecher bezeugen, die im Laufe der Zeit den Fehler begangen hatten, sich in einer der vielen Kneipen des Hafenviertels, in denen er verkehrte, mit ihm anzulegen. Er war kein streitsüchtiger Mann, ganz gewiss nicht, aber er ging auch keiner Schlägerei aus dem Wege, wenn er genügend provoziert wurde.

Angst kannte er nicht. Er wusste, dass er sich auf seine eigene Kraft verlassen konnte, falls ihm jemand dumm kam, wenn er nach getaner Arbeit in irgendeiner Spelunke herumhing und ein paar Bier trank, bis er sich irgendwann ins Bett fallen ließ, um am nächsten Morgen wieder zur Arbeit zu erscheinen. Ein Tag war wie der andere, und seit vor nunmehr elf Jahren seine Frau an einer tückischen Krankheit gestorben war, gab es auch keine anderen Menschen oder sonstigen Besitztümer mehr, die ihm so viel bedeuteten, dass er um ihren Verlust fürchten musste. Wovor oder worum sollte er also Angst haben?

Zumindest hatte er das bis vor ein paar Tagen geglaubt. Seither jedoch hatte sich seine Einstellung geändert.

Es war eine Veränderung, die er sich nicht erklären konnte, so wenig wie seine Furcht selbst. Hätte ihm vor einigen Wochen jemand erzählt, dass er sich irgendwann ausgerechnet vor einem Schiff fürchten würde, so hätte er schallend darüber gelacht.

Aber die HMS THUNDERCHILD war nicht einfach nur irgendein Schiff. Vor mehr als vier Monaten war sie in die Werft eingelaufen. Collins wusste nicht, was mit dem Kriegsschiff geschehen war, auf jeden Fall wies es einige Beschädigungen auf. In der Bordwand befanden sich mehrere kleine Löcher, die unbedingt abgedichtet werden mussten, zumal einige davon in gefährlicher Nähe zur Wasserlinie prangten. Eine Routinereparatur, mehr nicht, die höchstens wenige Tage Zeit in Anspruch nehmen würde.

Wenigstens hatte man das damals geglaubt.

Aber irgendetwas an dem Schiff war wie verhext. Die Löcher abzudichten erwies sich als beinahe unmöglich. Die genauen Gründe dafür kannte Collins nicht, und sie waren ihm auch egal. Er hatte damals an einem anderen Schiff gearbeitet, doch er hatte von Kollegen über die THUNDERCHILD gehört. Während der Reparaturarbeiten war es zu überdurchschnittlich vielen Unfällen gekommen, drei davon mit tödlichem Ausgang. Einige der Arbeiter hatten sich im Laufe der Zeit sogar geweigert, das Schiff überhaupt noch einmal zu betreten. Sie hatten nicht einmal mehr darüber sprechen wollen, oder wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand, und was sie dann zum Besten gegeben hatten, war nicht mehr als albernes abergläubisches Gerede gewesen.

Im Kern lief dieses Gerede immer wieder darauf hinaus, dass es an Bord des Zerstörers spuken sollte.

Collins hatte darüber lediglich gegrinst. Er war kein gläubiger Mensch, und Aberglaube lag ihm erst recht fern. Das versponnene Gerede der anderen war ganz sicher nicht dazu geeignet, seine diesbezügliche Einstellung zu ändern, zumal niemand ihm Genaueres über die Art des angeblichen Spuks erzählen konnte – oder wollte –, geschweige denn irgendwelche Beweise dafür vorlegte. Das Schiff war den meisten, die darauf gearbeitet hatten, lediglich auf eine nicht näher zu beschreibende Art unheimlich.

Eines allerdings war Collins aufgefallen: Seine mit der Reparatur der THUNDERCHILD betrauten Kollegen hatten begonnen, sich zu verändern. Fast alle kannte er, traf sich oft genug mit ihnen abends auf ein paar Bier, und deshalb war ihm die Veränderung aufgefallen. Sie wurden wortkarger und weniger gesellig, einige von ihnen sogar regelrecht streitsüchtig, selbst die, die es vorher nie gewesen waren. Er hatte es jedoch auf den schleppenden Fortgang der Arbeiten und den daraus folgenden Druck von Seiten der Werftleitung geschoben.

Aus den anfangs veranschlagten Tagen waren Wochen geworden, und schließlich war man dazu übergegangen, nicht mehr länger zu versuchen, die Löcher zu flicken, sondern einen Teil der Panzerung völlig zu erneuern. Dies hatte weitere Wochen in Anspruch genommen, und zu dieser Zeit hatte auch Collins für einige Tage auf der THUNDERCHILD gearbeitet.

Seither hatte sich seine Einstellung dem Schiff gegenüber verändert, und er konnte die Schilderungen der anderen nachvollziehen. Es gab keine konkreten Geschehnisse, die er benennen konnte, aber bei Betreten des Schiffes hatte er stets ein Unbehagen verspürt, das alles übertraf, was er zuvor erlebt hatte. Manchmal war es ihm vorgekommen, als ob sich die THUNDERCHILD veränderte, während er an Bord war. Mehr als einmal hatte er sich in den labyrinthischen Gängen und Korridoren verlaufen, was ihm sonst noch niemals in einem Schiff passiert war. Ein paar Mal hätte er sogar jeden Eid geschworen, dass es bestimmte Gänge und Korridorbiegungen noch wenige Stunden vorher nicht gegeben hatte, so verrückt ihm diese Gedanken nachträglich auch vorkamen. Aber gegen das Unbehagen kam er nicht an. Das Gefühl, ein unerwünschter Eindringling in dem Schiff zu sein, war fast übermächtig geworden, ohne dass er es sich erklären konnte, aber er war mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass irgendetwas abgrundtief Böses von dem Zerstörer Besitz ergriffen hatte. Jeden Tag hatte er am Ende seiner Schicht erleichtert aufgeatmet, und er war heilfroh gewesen, als man ihn nach einigen Tagen wieder zur Reparatur eines anderen Schiffes abgestellt hatte.

Als man die THUNDERCHILD schließlich aus dem Trockendock zu Wasser gelassen hatte, hätte dies um ein Haar in einer Katastrophe geendet. An irgendwelchen verborgenen Stellen war weiterhin Wasser ins Schiff eingedrungen. Es hatte so tief gelegen, dass nicht mehr viel gefehlt hätte, es vollends versinken zu lassen. Nur mit knapper Not hatte man es ins Trockendock zurückschaffen können, und dort befand es sich seither, ohne dass weiter daran gearbeitet wurde. Von Zeit zu Zeit erschienen irgendwelche Ingenieure in Begleitung hoher Tiere des Schifffahrtsamtes und der Marine, um es zu inspizieren und über Konstruktionsplänen zu brüten, aber bislang hatte niemand die Ursache des Beinahe-Unterganges ergründen können.

Collins war sich bis zum heutigen Tage nicht sicher, was es mit der THUNDERCHILD auf sich hatte. Es lag inzwischen mehr als zwei Monate zurück, dass er den Zerstörer zuletzt betreten hatte, aber sein bloßer Anblick flößte ihm noch immer Unbehagen ein, und obwohl es auf dem letzten und abgelegensten Dock der Werft lag, bekam er es an jedem Arbeitstag mehrmals zu sehen.

Auch an diesem Tag war dies nicht anders. Zusammen mit einigen Kollegen war er damit beschäftigt, letzte Reparaturen an den Deckaufbauten eines Seglers vorzunehmen, auf dem Dock, das dem der THUNDERCHILD am nächsten lag. Es war später Nachmittag, und in knapp einer halben Stunde würde seine Schicht enden. Er vermied es, so gut es ging, zu dem Zerstörer hinüberzublicken, dennoch gelang es ihm nicht, dessen Nähe aus seinen Gedanken zu verbannen.

Fast den ganzen Tag über hatte es geregnet, doch im Westen lockerte sich die Bewölkung allmählich auf, und gelegentlich brachen sogar die Strahlen der untergehenden Sonne durch die Wolkendecke.

Nur mit Mühe konnte Collins einen Schrei unterdrücken, als wieder einmal die Sonne kurzzeitig durch ein Wolkenloch brach und er den Schatten sah, der sich rings um ihn herum auf dem Deck des Segelschiffes ausbreitete.

Schatten?

Was er sah, war ein monströser Umriss, etwas wie ein gigantisch aufgeblähter Balg mit einer Vielzahl langer, tentakelartiger Arme, die wild umherpeitschten und nach ihm zu greifen schienen.

Für Sekunden war er wie gelähmt, unfähig sich zu bewegen, im eisernen Würgegriff einer Panik. Dann entglitt der schwere Hammer seinen Händen und traf seine Zehen. Ein wilder Schmerz zuckte durch seinen Fuß und trieb Collins die Tränen in die Augen. Er stöhnte und kniff die Augen zusammen.

Als er sie wieder öffnete, war der Bann gebrochen. Der Schatten war nicht länger der eines tentakelbewehrten Ungeheuers, sondern nichts weiter als der der gedrungenen Deckaufbauten der THUNDERCHILD; und gleich darauf schoben sich wieder Wolken vor die Sonne, und der Schatten verblasste vollends.

Erst jetzt bemerkte Collins, dass er am ganzen Körper zu zittern begonnen hatte. Die schweren Arbeitsschuhe hatten ihn vor einer Verletzung bewahrt, aber noch immer stand das Bild des monströsen Schattens deutlich vor seinen Augen. Er wusste, dass er sich den Anblick nicht nur eingebildet hatte.

Kevin Collins hatte geglaubt, dass es nichts gäbe, das ihm noch Angst einflößen könnte, geschweige denn Panik.

An diesem Tag wurde er eines Besseren belehrt, und obwohl er sich noch am gleichen Abend so gründlich betrank wie seit dem Tod seiner Frau nicht mehr, gelang es ihm nicht, dieses Gefühl zu betäuben.

Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit jagte die Kutsche durch die menschenleeren Straßen und schwankte dabei von einer Seite zur anderen, dass ich bei jeder Kurve für einen Moment befürchtete, sie würde umkippen. Dennoch war vom Bock her fast ununterbrochen das Knallen der Peitsche zu hören, mit der Rowlf die Pferde zu noch größerer Eile antrieb. Jede Unebenheit des Kopfsteinpflasters wurde bei diesem Tempo fast ungefedert in den Innenraum übertragen, dass ich das Gefühl hatte, auf einem störrischen Maulesel zu reiten, und Mühe hatte, nicht von der Sitzbank geschleudert zu werden. Mir gegenüber kämpfte Howard mit den gleichen Schwierigkeiten. Er hatte die Zähne fest zusammengebissen und sah leicht grün im Gesicht aus. Nachdem sie ihm zweimal aus dem Mund gefallen war, hatte er sogar seine erst halb gerauchte Zigarre aus dem Fenster geworfen.

Zum Glück herrschte kaum Verkehr. Es war noch nicht einmal zehn Uhr nachts, und normalerweise hätte das Nachtleben in einer Metropole wie London gerade erst begonnen, aber Regen und eisiger Wind hatten die Menschen von den Straßen vertrieben. Nur vereinzelt begegnete uns ein anderes Fuhrwerk oder war ein gebückt dahinhastender Fußgänger zu entdecken.

»Wann sind wir denn endlich da?«, brummte Howard. »Rowlf wird uns noch umbringen, wenn er weiter wie ein Geisteskranker fährt.«

»Wir müssen Montgomery von seinem idiotischen Plan abbringen, und dabei kann es auf jede Minute ankommen«, gab ich zurück.

»Hast du wenigstens schon eine Idee, wie wir das anstellen sollen, wenn nicht einmal Cohen etwas dagegen unternehmen kann?«

Ich zuckte verlegen die Achseln und wich seinem Blick aus. Alles war viel zu schnell gegangen, als dass ich Zeit gehabt hätte, mir einen Plan zurechtzulegen. Wahrscheinlich hatte Howard sogar Recht und wir würden gar nichts ausrichten können, aber ich weigerte mich, darüber auch nur nachzudenken. Ich wollte wenigstens vor Ort sein und alles versuchen, um doch noch zu verhindern, dass Montgomery sein Vorhaben in die Tat umsetzte.

»Uns wird schon etwas einfallen, wenn wir erst einmal da sind«, murmelte ich. Ich konnte nicht einmal mich selbst damit überzeugen, und auch Howard verzog skeptisch das Gesicht, sagte aber nichts. Auch er wusste, wie viel auf dem Spiel stand.

Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt, und ich blickte erneut aus dem Fenster. Wir befanden uns bereits in der Atkins-Road und hatten unser Ziel fast erreicht. Links von uns erstreckte sich der gewaltige, erst zu einem Teil weggeräumte Schuttberg, der von dem Hansom-Komplex übrig geblieben war.

Knapp eine Woche war seit der Entdeckung des unheimlichen Reliefs verstrichen, und in dieser Zeit hatte Inspektor Cohen Montgomerys Vorhaben unter Berufung auf alle möglichen dubiosen Gesetze und Verordnungen verhindert, doch nun hatte der Museumsleiter offenbar einen Weg gefunden, seinen Willen doch noch durchzusetzen. Ich hatte den Abend über mit Howard und Rowlf zusammengesessen, als uns eine entsprechende Nachricht Cohens erreicht und aufgeschreckt hatte, und wir hatten uns sofort auf den Weg gemacht, um zu versuchen, das Schlimmste noch zu verhindern, auch wenn ich bislang nicht die geringste Ahnung hatte, wie wir das anstellen sollten.

Mit einem heftigen Ruck, der mich abermals fast von der Sitzbank geschleudert hätte, kam die Kutsche zum Stehen. Ich stieß die Tür auf und sprang ins Freie, wobei ich fast mit einem Bobby zusammengeprallt wäre, der mir mit abwehrend vorgestreckten Händen entgegengeeilt kam.

»Bitte entschuldigen Sie, Sir, aber Sie dürfen hier nicht weiter«, sagte er scharf. »Die Straße ist vorübergehend gesperrt.«

»Gerade deshalb bin ich hier«, entgegnete ich. »Mein Name ist Robert Craven. Inspektor Cohen hat mich hergebeten.«

Das Gesicht des Polizisten wurde schlagartig freundlicher, er rang sich sogar ein leichtes Lächeln ab.

»Aber natürlich, Mister Craven, das ist etwas anderes. Kommen Sie, der Inspektor erwartet Sie bereits.«

Während ich ihm zusammen mit Howard und Rowlf folgte, registrierte ich mit Beunruhigung die beiden großen Lastenfuhrwerke, die auf der Straße standen und die offenbar zum Abtransport des Reliefs zum Museum dienen sollten. Der Bobby führte uns in die unterirdischen Höhlen, und auch die Veränderungen, die es hier gegeben hatte, erfüllten mich mit Unbehagen. Als ich vor etwas mehr als einer Woche zum ersten Mal hier gewesen war, hatten wir eine einfache Leiter hinabsteigen müssen. Jetzt war der Einstieg beträchtlich erweitert worden, und man hatte Stufen in den Fels geschlagen, die eine breite Treppe bildeten.

In der von Karbidscheinwerfern taghell erleuchteten Höhle hielten sich zahlreiche Menschen auf, die meisten davon in einfache Arbeitsmonturen gekleidet, aber es waren auch einige Polizisten und Männer in vornehmen Anzügen da, vermutlich honorige Mitarbeiter des Museums. Auch Montgomery entdeckte ich bei ihnen. Er stand direkt vor dem mehrere Yards durchmessenden Relief und erteilte Anweisungen. Arbeiter hatten bereits damit begonnen, die gewaltige Steinplatte von der Felswand zu lösen.

Ich zwang mich, das Relief anzusehen, aber trotz der Entfernung gelang es mir nur für kurze Zeit. Die auf aberwitzige, schier unmöglich erscheinende Art ineinander gekrümmten und gedrehten Linien, die darin eingraviert waren, schienen allen Naturgesetzen Hohn zu sprechen und überstiegen in ihrer Fremdartigkeit die Aufnahmefähigkeit des menschlichen Verstandes. Sie entstammten der Geometrie eines Universums, das mit unserem unvereinbar war. Ihr bloßer Anblick trieb mir bereits nach wenigen Sekunden Tränen in die Augen und verursachte einen stechenden Kopfschmerz hinter meiner Stirn, sodass ich den Blick abwenden musste, bevor der Schmerz allzu schlimm wurde. Ich bemerkte, dass auch die meisten anderen Anwesenden sich bemühten, das Relief nur kurz anzublicken, und sich immer wieder benommen über die Augen strichen. Ich konnte ihr Verhalten gut verstehen. Gerade deswegen war es Wahnsinn, wenn Montgomery das Relief hier wegschaffen ließ und es in einem Museum ausstellte. Ich wusste nicht, welche Bedeutung die eingravierten Zeichen hatten und ob dem Relief irgendwelche wie auch immer gearteten dämonischen Kräfte innewohnten, aber es war bereits gefährlich, es auch nur zu intensiv anzusehen. Ein allzu langer Anblick der sinnverwirrenden Gravuren konnte einen Menschen durchaus den Verstand kosten und ihn in den Wahnsinn treiben.

»Kommt mir vor, als würd’ dat Ding jedes Mal noch hässlicha werdn«, brummte Rowlf und schnitt eine Grimasse. Die Stimme des bulligen Hünen, der sich in den letzten Jahren zum Boss einer der größten Diebesbanden Londons gemacht hatte, riss mich aus meinen Grübeleien, und ich entdeckte Cohen, der sich uns mit raschen Schritten näherte.

»Craven, endlich«, rief er und nickte Howard und Rowlf einen flüchtigen Gruß zu. Gleich darauf hustete er und fächelte mit der Hand nach frischer Luft, nachdem Howard ihm eine Rauchwolke aus seiner frisch angezündeten Zigarre entgegengeblasen hatte.

»Was geht hier vor?«, fragte ich. »Haben Sie mir nicht versprochen, Sie könnten Montgomery für Monate oder sogar Jahre aufhalten?«

»Das dachte ich auch.« Cohen gestikulierte wild mit den Händen. »Aber er muss offenbar ein paar äußerst einflussreiche Freunde haben, und ich habe nichts als Ihre Warnungen davor, dieses verdammte Ding hier wegzubringen. Ich wollte für heute gerade Feierabend machen, als er mit einem richterlichen Beschluss in mein Büro gestürmt kam. Ich kann ihn nicht mehr aufhalten, der Beschluss räumt ihm alle nötigen Vollmachten ein.«

»Aber irgendetwas muss man doch tun können! Dieses Ding ist gefährlich, das wissen Sie so gut wie ich.«

»Ich weiß überhaupt nichts. Für mich sind es nur ein paar Krakel in einer Steinplatte, aber Sie wissen ja anscheinend mehr darüber. Deshalb habe ich Sie rufen lassen. Ich bin mit meinen Möglichkeiten am Ende.« Cohen zuckte resignierend mit den Schultern. »Alles weitere liegt nur noch an Ihnen. Versuchen Sie, ob Sie Montgomery überzeugen können, wenn Ihnen so viel daran liegt, aber ich bezweifle, dass Sie damit Erfolg haben werden. Der Mann ist regelrecht besessen von dieser Platte.«

»Wartet ihr hier. Ich spreche erst einmal allein mit ihm«, bat ich Howard und Rowlf, dann wandte ich mich ab und ging zu dem Museumsleiter hinüber. Cohen hatte mit seiner Bemerkung den Nagel auf den Kopf getroffen. In gewisser Hinsicht war Montgomery von seiner Arbeit tatsächlich geradezu besessen. Glücklicherweise waren nur wenige Artefakte aus der Zeit der GROSSEN ALTEN erhalten geblieben, sonst wäre er versessen darauf, jedes einzelne in seinem Museum auszustellen, dessen er habhaft werden könnte.

Als er meine Schritte hörte, blickte er auf und drehte sich zu mir herum. Montgomery war ein knapp sechzigjähriger, leicht untersetzter Mann mit ergrautem Haar und dunklen Augen, in denen überdeutlich die Begeisterung funkelte, die er empfand.

»Ah, Mister Craven«, begrüßte er mich. »Darf ich fragen, was Sie hierher führt?«

»Das Gleiche wie Sie«, erwiderte ich und deutete dabei auf das Relief. »Sind Sie wirklich sicher, dass es vernünftig ist, es hier wegzuschaffen und für die Öffentlichkeit auszustellen?«

»Es ist ohne jeden Zweifel eine bedeutende archäologische Entdeckung, und deshalb hat die Öffentlichkeit ein Anrecht, daran teilzuhaben«, behauptete er. »Allerdings wird sie sich noch eine Weile gedulden müssen. Zunächst einmal wird es weitere gründliche Untersuchungen geben. Ich habe bereits mit mehreren Experten gesprochen, und wir sind übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass es einer Kultur entstammt, über die wir bislang noch fast nichts wissen, wenn überhaupt etwas.«

»Und das sollte auch besser so bleiben«, murmelte ich leise, doch Montgomery hatte meine Worte gehört oder zumindest erraten.

»Das ist vielleicht Ihre Meinung, Mister Craven, aber ich denke anders darüber. Unseren ersten vorsichtigen Schätzungen nach ist dieses Relief mindestens zehntausend Jahre alt, und insofern ist es wissenschaftlich von geradezu unschätzbarem Wert. Wenn sich auf diese Art die Existenz einer bislang völlig unbekannten Kultur beweisen ließe –«

»- dann würde sich dadurch überhaupt nichts ändern, außer dass Ihr Name vielleicht in ein paar Fachbüchern erwähnt wird«, fiel ich ihm ins Wort, wobei es mir angesichts des Ernstes der Situation leicht fiel, mir ein Grinsen zu verkneifen. Zehntausend Jahre. Montgomery würde völlig ausrasten, wenn er erführe, dass das Relief aller Wahrscheinlichkeit nach bereits älter als zweihundert Millionen Jahre war! Es war besser, ihn in seinem Irrtum zu belassen. »Aber darum geht es nicht«, fuhr ich hastig fort. »Nehmen wir einmal an, es entstammt tatsächlich einer bislang unbekannten Kultur, so muss sie ziemlich schrecklich gewesen sein. Sehen Sie sich diese Zeichen doch nur einmal genauer an.«

Montgomery räusperte sich. »Ich gebe zu, es ist etwas … fremdartig, aber das ist bei einer fremden Kultur ja wohl auch zu erwarten.«

»Es ist nicht nur fremdartig, es ist unheimlich«, behauptete ich, obwohl mir mit jeder Sekunde deutlicher bewusst wurde, dass ich mich vergeblich abmühte. Montgomerys Entschluss stand fest, und ich würde ihn nicht mehr umstimmen können, egal, was ich auch sagte. Dennoch wollte ich noch nicht aufgeben. »Ist es Ihnen schon mal gelungen, es länger als ein paar Sekunden intensiv zu betrachten? Sie sind nicht der Einzige, dem es so geht. Beobachten Sie doch nur einmal die anderen Männer. Und Sie wollen dieses Relief öffentlich ausstellen?«

Ein unsicherer Ausdruck glitt über Montgomerys Gesicht. »Worauf wollen Sie hinaus, Mister Craven? Wollen Sie vielleicht behaupten, dass hier so etwas wie Zauberei im Spiel ist?« Er lachte, doch es klang eine Spur zu laut und gezwungen, um echt zu wirken, und er wurde rasch wieder ernst. »Sie sehen Ihrem Zwillingsbruder nicht nur verblüffend ähnlich, Sie haben auch sonst mehr Ähnlichkeit mit ihm, als Sie vielleicht ahnen. Es heißt, er hätte sich viel mit Okkultismus und sonstigem Hokuspokus beschäftigt. Nichts für ungut, aber falls Sie vorhaben, mich ebenfalls von solchem Unsinn zu überzeugen, dann muss ich Ihnen sagen, dass Sie sich den Falschen dafür ausgesucht haben.«

Mühsam kämpfte ich den in mir aufkochenden Zorn nieder. Schon früher hatte ich mit ihm gelegentlich diskutiert, und es hatte sich als völlig aussichtslos erwiesen, ihn von der Existenz fremder, dämonischer Mächte zu überzeugen. Bis zu einem gewissen Punkt konnte ich seine Einstellung sogar verstehen, teilte er sie doch mit einem Großteil der Bevölkerung, und auch ich selbst hatte die meiste Zeit meines Lebens nicht anders gedacht, bis ich auf schreckliche Weise von der Existenz der GROSSEN ALTEN und ihrer Dienerkreaturen überzeugt worden war. Trotzdem waren es gerade Menschen wie Montgomery, die mit ihrer blinden Wissenschaftsgläubigkeit unwissentlich dazu beitrugen, das Verderben heraufzubeschwören, und es den dämonischen Göttern erleichterten, wieder auf der Erde Fuß zu fassen, über die sie vor Äonen von Jahren schon einmal geherrscht hatten.

Auf diesem Weg kam ich jedenfalls nicht weiter. Besorgt beobachtete ich, wie die Arbeiter das Relief immer weiter von der Felswand lösten, und beschloss, meine Gangart zu ändern.

»Wie ich gehört habe, war mein Bruder allerdings auch einer der Hauptsponsoren Ihres Museums«, sagte ich mit mühsam erzwungener Ruhe. »Und ich habe ebenfalls bereits einige beträchtliche Beträge gespendet. Wenn ich mir allerdings ansehe, dass diese Spenden unter anderem dazu missbraucht werden, mit immensem Aufwand und entsprechend hohen Kosten irgendwelche Felsteile mit völlig sinnlosen Kritzeleien auszugraben, dann sollte ich mein Geld in Zukunft vielleicht besser für andere wohltätige Zwecke zur Verfügung stellen.«

»Wollen Sie mir etwa drohen?«, fragte Montgomery so laut, dass einige der Umstehenden sich zu uns umwandten und uns neugierig anstarrten. »Glauben Sie mir, ich habe volle Rückendeckung des gesamten Direktoriums«, sprach er mit gedämpfter, aber immer noch verärgert klingender Stimme weiter. »Es wäre bedauerlich, wenn wir von Ihnen nicht mehr unterstützt würden, aber ganz sicher lassen wir uns von Ihnen nicht vorschreiben, was wir zu tun haben. Und was den Aufwand betrifft, so hält er sich in Grenzen, da wir die gesamte Platte in mehrere leicht zu transportierende Teile zerlegen und sie erst im Museum wieder zusammensetzen werden.«

Ich fuhr herum und starrte auf das Relief. Erst jetzt fiel mir auf, dass die Arbeiter nicht nur damit beschäftigt waren, es von der Wand zu lösen, sondern zudem bereits Vorbereitungen trafen, es mit Steinsägen in insgesamt vier Stücke von jeweils etwas mehr als einem Yard Durchmesser zu zerteilen.

»Das ist Wahnsinn«, keuchte Howard neben mir. »Montgomery, das dürfen Sie nicht tun!«

»Für Sie immer noch Mister Montgomery, Mister Lovecraft«, erwiderte er scharf. »Außerdem habe ich einen gültigen Gerichtsbescheid, in dem steht, dass ich ganz genau das sehr wohl tun darf. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, im Gegensatz zu Ihnen habe ich hier zu arbeiten«, fügte er hinzu und kehrte zu seinen Begleitern zurück.

Howard ballte die Fäuste und blickte mich hilflos an. »Robert, verdammt, tu doch etwas.«

Ich schüttelte resignierend den Kopf. »Ich kann nichts mehr tun, egal, was ich sage. Dieser Dummkopf hört mir ja nicht mal richtig zu, und er hat das Gesetz auf seiner Seite.« Ich sah noch einmal zu dem Relief hinüber. »Wir können nur hoffen, dass wir uns umsonst Sorgen gemacht haben. Vielleicht ist das Relief ja wirklich harmlos.«

Die Worte klangen nicht einmal in meinen eigenen Ohren überzeugend, und obwohl Howard schwieg, zeigte sein Blick deutlich, wie wenig er von dieser Hoffnung hielt. Nichts, was die GROSSEN ALTEN hinterlassen hatten, war harmlos, diese Erfahrung hatten wir bereits mehr als einmal machen müssen. Ihr Erbe war Millionen von Jahren alt, aber trotzdem immer noch so gefährlich wie am ersten Tag, und es war schon zahllosen Menschen zum Verhängnis geworden, die darauf gestoßen waren und sich ohne zu wissen, womit sie es zu tun hatten, zu weit vorgewagt hatten.

Voller Sorge und von bangen Vorahnungen erfüllt beobachtete ich, wie die Arbeiter damit begannen, das Relief zu zerlegen. Ich konnte nicht sagen, was ich erwartete, doch mir stockte für einige Sekunden der Atem, als sich die Sägen in das Gestein hineinfraßen. Erst als auch nach mehreren Minuten noch nichts geschehen war, nahmen meine Befürchtungen allmählich etwas ab, ohne sich jedoch ganz zu legen.

Mit vereinter Anstrengung wuchteten die Männer das erste abgetrennte Segment auf einen flachen Karren und banden es darauf fest, um es aus der Höhle zu schaffen, als mich Howard plötzlich am Arm packte und so fest zudrückte, dass ich nur mit Mühe einen Schmerzensruf unterdrücken konnte.

»Sieh dir das an, Robert!«, keuchte er aufgeregt und deutete auf den Karren.

»Was denn?«, presste ich hervor. »Und lass endlich los, du brichst mir ja den Arm.«

»Ich muss völlig blind gewesen sein, dass es mir nicht vorher schon aufgefallen ist«, fuhr er wie im Selbstgespräch fort, lockerte seinen Griff aber wenigstens. »Dabei ist es doch so deutlich.«

»Wovon sprichst du überhaupt?« Gewöhnlich war Howard die Ruhe selbst. Es war selten vorgekommen, dass ich ihn so aufgeregt erlebt hatte.

»Die Steinbrocken, die Blossom und Hasseltime bei sich hatten«, stieß er hervor. »Wir sind davon ausgegangen, dass sie von dem Relief stammen und die Zeichen darauf Ausschnitte aus dem großen Symbol sind. Aber das sind sie nicht. In Wahrheit sind sie völlig identisch damit! In verkleinerter Form zeigen beide genau das gleiche Bild wie das gesamte Relief.«

»Und?«, fragte ich verwirrt. »Ich verstehe nicht, worauf du hinauswillst.«

»D

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