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Der Hexer 63

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Vorwort
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Stadt am Ende der Zeit
  8. Vorschau
  9. Die Serie auf einen Blick
  10. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  11. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 62 bis 64.

Angesichts des gewaltigen Erfolges, den die Nachdrucke des bereits tot geglaubten Hexers im Taschenbuch hatten, erhörte man im Bastei-Verlag nur zu gerne die in fast täglich eintrudelnden Briefen von Fans geäußerte Bitte nach neuen Abenteuern Robert Cravens. Und Wolfgang Hohlbein seinerseits erhörte nur zu gerne die Bitte des Verlages, er möge eine solche Fortsetzung schreiben.

Nur gab es da ein kleines Problem: Als beschlossen wurde, die eigenständige Heftserie einzustellen, hatte niemand damit gerechnet, dass dem Hexer noch einmal ein neues Leben beschieden sein würde, weshalb Wolfgang ihn im letzten Band sterben ließ, während gleichzeitig ein Sohn Roberts geboren wurde.

Wie sollte eine Fortsetzung nun aussehen? Der Titel des neuen Buches stand bereits fest, es sollte »Der Sohn des Hexers« heißen. Aber war es wirklich sinnvoll, Roberts Sohn zur neuen Hauptperson zu machen? Um ihn nicht schon als Kind auf Dämonenjagd zu schicken, hätte die Handlung gegenüber Heft 49 um rund zwanzig Jahre in die Zukunft verlegt werden müssen. Das typische Flair der Handlungsepoche gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wäre verloren gegangen und andere beliebte Hauptpersonen wie Howard und Rowlf wären so alt geworden, dass sie dem neuen Hexer kaum noch eine aktive Hilfe gewesen wären. Außerdem hätte sich vieles wiederholen müssen, wenn Roberts Sohn von seiner Bestimmung erfahren und allmählich seine magischen Kräfte zu entwickeln begonnen hätte.

Was aber war die Alternative, nachdem Robert selbst nun einmal definitiv tot war? Das Grübeln über diese Frage dürfte Wolfgang damals manche schlaflose Nacht bereitet haben. Als Co-Autor diverser Hexer-Romane bat er auch mich um Vorschläge. Stundenlang diskutierten wir am Telefon und bei persönlichen Treffen über die verschiedenen Möglichkeiten, entwickelten Ideen und verwarfen die meisten davon kurz darauf wieder. Es war eine ähnlich verzwickte Situation, wie sie sich dem Schriftsteller Paul Sheldon in Stephen Kings Roman »Misery« stellt, der auch auf überzeugende Weise die tote Hauptperson seiner Bücher wieder zum Leben erwecken muss. Fest stand für Wolfgang jedenfalls, dass das schon fast sprichwörtlich unglaubwürdige »Dallas-Modell« aus der gleichnamigen TV-Serie nicht in Frage kam, wo der tote Bobby eines Morgens quicklebendig unter der Dusche stand und sein Tod (samt aller darauf folgenden Episoden) sich als Traum entpuppte. Nein, die Lösung für den Hexer sollte schon überzeugender sein.

Ein erster Lichtblick zeichnete sich ab, als wir uns Viktor Frankensteins erinnerten, der schon einmal einen Gastauftritt in der Serie hatte, doch wurde seine spezielle Fähigkeit, Tote wieder zum Leben zu erwecken, da nicht benötigt. Ihn dies jetzt so einfach nachholen zu lassen, erschien uns jedoch zu simpel, weshalb die Idee erst einmal in einem großen Ablagekorb landete.

Ebenso erschien es uns zu simpel, auf Howards Fähigkeit zur Manipulation der Zeit zurückzugreifen, ihn einfach in die Vergangenheit zu schicken, um Roberts Tod zu verhindern und so das Finale von Heft 49 quasi ungeschehen zumachen. Das lag schon wieder verdächtig nahe am Dallas-Modell.

Die Lösung, die uns schließlich beiden am gelungensten erschien, bestand aus einer Kombination beider hier vorgestellter Ideen, von denen jede für sich allein uns unvollkommen und nicht spektakulär genug erschien. Howard reist in der Zeit zurück, doch misslingt es ihm, Robert vor dem Tod zu retten. Aber er hüllt ihn in den letzten Sekunden seines Lebens in ein Zeitfeld und verhindert seinen endgültigen Tod, damit Frankenstein Roberts Körper in jahrelanger Arbeit heilen kann. So gibt es keinen logischen Bruch gegenüber den Geschehnissen in Heft 49, und nichts von dem, was dort passiert, wird ungeschehen gemacht.

Auf diese Weise also erstand der Hexer im wahrsten Sinne des Wortes wieder von den Toten auf, was allerdings nur den Auftakt zu einer wahrhaft apokalyptischen, Hunderttausende von Jahren umspannenden Geschichte bildete, deren zweiter Teil in diesem Buch erzählt wird.

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 63
Stadt am Ende der Zeit

Mir war sehr kalt, als ich die Straße verließ. Das schlechte Wetter hatte uns von den schottischen Highlands treu bis zurück nach London begleitet und es regnete auch hier; heftiger und ausdauernder, als ich es jemals zu dieser Jahreszeit erlebt hatte. Die Sonne würde erst in einer guten Stunde untergehen, doch das Licht war trotzdem schon schwächer geworden, und das Grau der unzeitgemäßen Dämmerung ließ meine Umgebung noch trister erscheinen, als sie es wohl selbst im hellen Sonnenlicht sein musste. Auf dem Boden der schmalen Gasse, in der ich Zuflucht vor dem Wind – und noch viel mehr vor neugierigen Blicken – gesucht hatte, schimmerten ölige Pfützen und auf den Backsteinmauern rechts und links ein feuchter Film, mit dem die Nässe selbst die dem Regen nicht zugänglichen Winkel der Stadt eroberte. Am Ende der Gasse stapelten sich Unrat und Müll fast zu Mannshöhe auf, und auf dem Dach des Hauses zur Linken hatten sich Tauben eingenistet, entweder schon vor langer Zeit oder in gewaltiger Zahl, denn die Wand hatte einen schmutzig grauen Panzer aus erstarrtem Taubenkot bekommen, und nicht einmal der Regen hatte den scharfen Ammoniakgestank ganz aus der Luft waschen können. Als ich mich langsam weiter in die Gasse hineinbewegte, knirschte zerbrochenes Glas unter meinen Füßen, und der Laut ließ einige der geflügelten Dachbewohner erschrocken in die Luft steigen, aus der sie aber von dem beständig hernieder strömenden eisigen Wind fast sofort wieder vertrieben wurden.

Ich befand mich in einem Teil der Stadt, den man nicht nur in jedem Fremdenverkehrsprospekt vergeblich gesucht hätte, sondern dessen bloße Existenz die Londoner Stadtverwaltung wohl am liebsten verleugnet hätte – obwohl vermutlich jede größere Stadt ihr ganz persönliches East End hatte. Die Häuser hier waren nicht nur kleiner und schäbiger als die, die London den Ruf einer Weltstadt eingetragen hatten, das Leben selbst schien hier gedrückter und gewissermaßen langsamer abzulaufen, als läge etwas wie ein unsichtbarer Hauch über den Straßen, der nicht nur das Licht, sondern auch alle Bewegungen und Geräusche dämpfte. Es war eine Gegend einfacher, zumeist wohl auch armer Leute; ein Viertel ganz ähnlich dem, in dem ich selbst einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Jugend verbracht hatte, ehe ich von meiner wahren Identität und meinem Erbe erfuhr. Eigentlich hätte mich diese Umgebung nicht erschrecken dürfen.

Trotzdem fühlte ich mich alles andere als wohl oder gar zu Hause. Vielleicht war es zu lange her, dass ich in einer Umgebung wie dieser gelebt hatte – Straßen, die den verstohlenen Blicken gehörten, den Dirnen und Zuhältern und den Geschäften am Rande der Legalität, und die nach Einbruch der Dunkelheit selbst von ihren Bewohnern gemieden wurden, wo immer dies möglich war. Der Mensch vergisst schnell; und wenn es etwas gibt, woran man sich ebenso rasch gewöhnt wie man seinen wirklichen Wert vergisst, sobald man es einmal hat, so sind es Sicherheit und Luxus.

Wahrscheinlich aber hatte mein Unbehagen einen sehr viel einfacheren Grund: Ich fühlte mich körperlich unwohl – um es vorsichtig auszudrücken.

Die Kälte und vor allem die Feuchtigkeit setzten mir arg zu, und mein Rücken schmerzte bei jedem Schritt so sehr, dass ich manchmal ein Stöhnen nicht ganz unterdrücken konnte. Bei meiner Flucht aus dem Bahnhof hatte ich mir eine Anzahl kleinerer Prellungen, Schnitte und Schrammen zugezogen, doch obwohl es schon eine Weile her war und völlig anders als sonst, vermochte ich sie nicht zu ignorieren, sondern spürte jeden noch so winzigen Kratzer mit quälender Deutlichkeit. Dazu kam ein pochender Schmerz, der in meinem Hinterkopf begonnen und sich im Laufe der letzten Stunde in meinem ganzen Schädel ausgebreitet hatte. Kurz – ich fühlte mich wie ein hundertjähriger Greis.

Was vielleicht daran lag, dass ich genau das war …

Was die genaue Anzahl der Jahre betraf, war ich nicht sicher – als ich Crowley das erste Mal gestehen hatte, war er mir wie ein Mann von neunzig Jahren vorgekommen – mindestens –, während ich bei unserem zweiten Zusammentreffen eher das Gefühl gehabt hatte, einem rüstigen Siebzigjährigen gegenüberzustehen. Um die Verwirrung komplett zu machen, hatte ich aus gewissen Andeutungen sowie eigenen Beobachtungen und Überlegungen den Schluss gezogen, dass sein wirkliches Alter noch sehr viel höher war; Crowley musste längst die hundert überschritten haben, vielleicht sogar schon ein Mehrfaches dieser Zahl. Im Moment zumindest hatte ich das Gefühl, mich mit Riesenschritten meinem zweihundertfünfzigsten Geburtstag zu nähern. Und unglückseligerweise hatte ich zwar Crowleys Körper und die Last jedes einzelnen Jahres, das auf seinen Schultern lag, geerbt, nicht jedoch seine Fähigkeit, ihn auf magischem Wege zu verjüngen und der Zeit und dem Tod so immer wieder ein Schnippchen zu schlagen.

Der Gedanke erfüllte mich mit einem so tiefen, aufgrund seiner Hilflosigkeit schmerzenden Zorn, dass ich unbewusst die Hände zu Fäusten ballte – ein Fehler, wie ich in der gleichen Sekunde begriff, denn ein plötzlicher scharfer Schmerz zuckte durch meine Finger. Aufstöhnend blieb ich stehen und hob die Hände vor das Gesicht. Meine Finger waren zu dünnen Vogelknochen geworden, die Haut, die sich über arthritisverknorpelte Gelenke spannte, grau und rissig und mit dunklen Altersflecken gesprenkelt. Zum wiederholten Male, seit ich den Bahnhof verlassen hatte, rief ich mir ins Gedächtnis zurück, dass ich vorsichtig sein musste. Selbst eine so banale Geste konnte sich auf äußerst schmerzhafte Weise rächen. Wenn man anfing die Geburtstagskerzen für eine dreihundertflammige Torte zu sammeln, musste man mit jedem Atemzug geizen.

Ich hatte das Ende der Gasse erreicht und trat, ganz wie ich es erwartet hatte, auf einen hohen, von Mauern umschlossenen Innenhof hinaus. Sofort fielen Regen und Wind wieder über mich her, wie zwei Raubtiere, die geduldig darauf gewartet hatten, dass ihre Beute wieder aus ihrem Versteck hervorkam, und sie hatten noch einen Freund mitgebracht: Ein fühlbarer Schwall von Kälte schlug über mir zusammen und gesellte sich zu der, die aus meinem Inneren emporgestiegen war. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern und verbarg die Hände unter den Achseln, um wenigstens in den Genuss meiner eigenen Körperwärme zu kommen, aber es half nichts.

Aus brennenden Augen sah ich mich um. Mein Sehvermögen hatte stark nachgelassen – der Hof maß allerhöchstens zwanzig Schritte im Geviert, aber ich konnte die gegenüberliegende Wand trotzdem nur verschwommen erkennen. Immerhin sah ich jedoch, dass mindestens zwei der vier Häuser, die die Wände des Hofes bildeten, leer standen. Das eine war eine brandgeschwärzte Ruine, die Fenster des anderen waren sämtlich eingeschlagen, und unter einigen lagen die Trümmer der ehemaligen Einrichtung, die man aus irgendeinem Grund hinausgeworfen und einfach liegen gelassen hatte.

Da es keinen zweiten Ausgang zu geben schien, wollte ich mich schon wieder umwenden und zurück zur Straße gehen, als ich bemerkte, dass ich nicht allein auf dem Hof war.

Im Windschatten einer der Wände hockten, mit ihren zusammengekauerten Körpern die Konturen des Halbmondes trocken gebliebener Erde nachzeichnend, ungefähr ein halbes Dutzend Gestalten. Es waren Männer und eine Frau unterschiedlichen Alters und Aussehens, die sich trotzdem auf eine unangenehme Weise allesamt glichen; alle waren schmutzig, alle waren in Lumpen oder zumindest sehr heruntergekommene Kleider gehüllt, und alle sahen ausgezehrt, krank und auf eine unbestimmte Art verbittert und zornig aus.

Es waren Stadtstreicher, Penner, Tippelbrüder, Berber – wie immer man sie nennen wollte; die Ärmsten der Armen, Menschen, die irgendwie durch die Maschen unserer modernen Wohlstandsgesellschaft gefallen (vielleicht auch ganz absichtlich geschlüpft) waren und nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf besaßen. Sie alle starrten mich an, neugierig, aufmerksam, der eine oder andere wohl auch voller Furcht oder Gier; hinter den vor der Zeit ergrauten Gesichtern mochte sich die Frage formulieren, ob ich eine Gefahr darstellte – oder möglicherweise auch eine lohnende Beute. Aber die Antwort auf beide Fragen lautete wohl eindeutig nein, denn die Blicke der sieben oder acht Augenpaare blieben zwar weiter auf mir gerichtet, doch diese spezielle Art des Interesses erlosch so schnell, wie sie gekommen war.

Trotzdem blieb ich sekundenlang mit klopfendem Herzen stehen. Ich wusste zwar, dass diese Menschen in den meisten Fällen harmlos waren, im Grunde höchstens bemitleidenswert, aber eingedenk meiner letzten Erfahrungen mit ihnen, gemahnte ich mich selbst zu einer gewissen Vorsicht.

Und ich wäre sogar wieder gegangen (obwohl es im Grunde nichts gab, wohin ich gehen konnte, wie die Dinge lagen), doch in diesem Augenblick hob ein grauhaariger Alter von vielleicht fünfzig Jahren – mithin ungefähr halb so alt wie ich! – den Arm und winkte mich heran.

»Willst du da rumstehen und dir eine Lungenentzündung holen?«, fragte er.

Als ich nicht antwortete, senkte er den Arm und schlug mit der flachen Hand auf den Boden neben sich, ganz in der Art, in der man einem Kind oder auch einem Hund befahl Platz zu nehmen. »Nun komm schon her«, fuhr er fort. »Hier ist es zwar auch nicht wärmer, aber wenigstens trocken.«

Widerstrebend gehorchte ich. Die Blicke der anderen folgten mir weiter mit einer Mischung aus Vorsicht und gelangweiltem Interesse, das im Moment nur kein lohnenderes Objekt fand, während ich mit kleinen, mühsamen Schritten zu ihm ging und mich ächzend auf den Boden sinken ließ. Die Mühe, die mir schon diese kleine Bewegung bereitete, erschreckte mich zutiefst. Zum Teufel, ich war nicht einmal mehr sicher, ob ich mich aus eigener Kraft wieder erheben konnte!

»Mein Name ist Landon«, sagte der Grauhaarige. »Und wer bist du?«

»Robert«, antwortete ich einsilbig.

»Robert.« Landon wiegte den Kopf, als wiederhole er den Namen ein paar Mal in Gedanken, wie um sich an seinen Klang zu gewöhnen, oder ihn zu beurteilen. »Bob also«, sagte er. »Bist du neu hier?«

Eigentlich nur um nicht unhöflich zu sein, antwortete ich: »In London? Nein. Aber ich war … eine Weile fort.«

»Und jetzt willst du nicht zurück in dein altes Revier, wie?«

»Mein Revier?« Ich runzelte verwirrt die Stirn. »Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz …«

Landon sah mich einen Moment lang durchdringend an, und ich konnte genau sehen, dass er überlegte, ob ich ihm nun etwas vormachte oder ob meine Unwissenheit echt war. Dann seufzte er. »Ich verstehe. Du bist noch nicht lange dabei.«

»Dabei?«

»Auf der Walze«, erklärte Landon mit einer entsprechenden Geste. »Vogelfrei. Auf der Rolle. Nicht sesshaft.« Die beiden letzten Worte sagte er mit komisch verstellter Stimme, als hätten sie für ihn und die anderen eine besondere, mir nicht verständliche Bedeutung.

Ich nickte. »Nein«, sagte ich. »Erst seit … seit kurzer Zeit.«

Landons Worte erfüllten mich nicht nur mit Verwirrung, sie erschreckten mich auch, und das weit mehr, als ich mir eingestehen wollte. Mir war klar, dass ich nach den Geschehnissen am Bahnhof und der vergangenen Nacht, die ich im Schutze einer ausgebrannten Ruine verbracht hatte, keinen besonders guten Eindruck mehr machen konnte; zumal die Kleider, die ich zusammen mit dem Körper von Crowley geerbt hatte, sowieso nicht viel mehr als bessere Lumpen gewesen waren. Und trotzdem hatten mich diese Leute sofort und ohne zu zögern als einen der ihren erkannt.

»Was ist passiert, Bob?«, fuhr Landon redselig fort. »Hast du Konkurs gemacht? Alles verspielt? Betrogen worden? Oder war es eine Frau?«

»Wie kommen Sie darauf, dass ich –«

Landon unterbrach mich, indem er die Hand hob. »Hör mit dem Sie-Gesülze auf, Bob«, sagte er gutmütig. »Und ich komme darauf, weil man es dir ansieht, so einfach ist das.«

»So?«, sagte ich überrascht.

»Unsereins hat eine Nase für so was«, sagte Landon. »Weißt du, Geld stinkt vielleicht nicht, aber nur, solange man es hat. Geld, das man nicht mehr hat, hinterlässt einen deutlichen Gestank. Du kannst ihn überdecken, indem du immer wieder neues darüber häufst, aber wenn du eines Tages nichts mehr zum Nachlegen hast, dann stinkst du ganz erbärmlich.«

Er lachte bitter, und es war dieses Lachen, das mir klarmachte, dass er aus Erfahrung sprach. »Vielleicht ist es auch nur der Gestank all der Ratten, die dich plötzlich nicht mehr kennen, wenn es mit dir abwärts geht.«

»Eine … interessante Theorie«, sagte ich zögernd.

»Du willst nicht darüber reden.« Landon nickte verständnisvoll. »Das ist in Ordnung.«

»Er soll verschwinden«, sagte der Mann neben Landon. Er war irgendwo zwischen dreißig und vierhundert Jahren alt; ein großer, knochiger Kerl mit einem gemeinen Gesicht und einem hässlichen Ausschlag, der sich wie ein rotes Band um seinen gesamten Hals zog. »Am Ende hat er Dreck am Stecken und hetzt uns die Polizei auf den Hals. Wir können hier keinen Ärger gebrauchen.«

Vorgestern, als ich noch ungefähr siebzig Jahre jünger gewesen war, hätte ich ihm für diese Worte allein die Nase noch ein wenig breiter geschlagen, als sie sowieso schon war. Jetzt sah ich ihn nur eine Sekunde lang traurig an und machte dann Anstalten, mich zu erheben. Aber Landon legte mir die Hand auf den Arm und drückte mich mit sanfter Gewalt zurück.

»Halt’s Maul, Hank«, sagte er, ohne den Knochigen auch nur anzusehen. Wieder an mich gewandt, fuhr er fort: »Hör gar nicht auf ihn. Hank redet den ganzen Tag nur Blödsinn.« Trotzdem wurden Stimme und Blick eine Spur ernster, als er fortfuhr: »Sind sie hinter dir her? Ich meine … es würde nichts ändern. Hier interessiert sich keiner dafür, was du getan hast; außer, du hast vielleicht ein Kind umgebracht oder eine Nonne. Wir wollen nur keinen Ärger, das ist alles.«

»Den bekommt ihr auch nicht, keine Angst. Ich glaube, ich gehe jetzt besser.«

»Den Teufel wirst du tun«, sagte Landon bestimmt. Er griff neben sich und nahm einen schmierigen Leinenbeutel auf, aus dem er eine kaum weniger schmierige Flasche hervorzog. Mit den braunen Stummeln seiner Zähne zog er den Korken heraus, nahm einen kräftigen Schluck (ich wurde den Verdacht nicht los, dass er dabei fast ebenso viel in die Flasche hineinsabberte, wie er trank) und reichte sie dann an mich weiter. »Trink. Ist gut gegen die Kälte.«

Ich wollte ihn nicht beleidigen, also griff ich zögernd nach der Flasche und schnüffelte daran. Der Geruch, der mir in die Nase stieg, erinnerte mich an eine Mischung aus Lampenpetroleum und Pferdepisse, aber nachdem ich vorsichtig einen Schluck heruntergewürgt hatte, begriff ich, dass die Flasche beinahe hundertprozentig reinen Alkohol enthalten musste. Das scharfe Brennen, das meinen Hals herablief, ließ mir die Tränen in die Augen steigen, aber ich unterdrückte tapfer ein Husten; eine Tat, die in den Augen meines Gegenübers ein anerkennendes Funkeln wachrief. »Du bist in Ordnung, Bob«, sagte er. »Kannst heute Nacht hierbleiben, wenn du willst.« Er nahm mir die Flasche wieder aus den Händen, trank selbst einen gewaltigen Schluck – ohne auch nur eine Miene zu verziehen – und verkorkte sie wieder, ehe er der Reihe nach auf die anderen deutete. »Hank kennst du ja schon. Das da ist Natty, neben ihr Ben und Steven und die beiden anderen da hinten sind der blinde Floyd und sein Bruder Buddy.«

Ich folgte jeder seiner Gesten mit einem entsprechenden Blick und zwang mich sogar zu einem sechsfach angedeuteten Lächeln; und obwohl ich kaum eine Reaktion erzielte, verspürte ich trotzdem ein Gefühl sonderbarer Wärme. Es war nicht allein auf die Wirkung des Alkohols zurückzuführen, der mittlerweile meinen Magen erreicht hatte und sein Möglichstes tat, Löcher hineinzubrennen. Vielmehr war es ein Gefühl, das ich im ersten Moment nicht einmal richtig begriff, trotzdem aber keine Sekunde bezweifelte. Es war die Selbstverständlichkeit, mit der mich diese Menschen als einen der ihren akzeptiert hatten, nicht einmal wegen meines Aussehens oder dem, was ich gesagt (genauer gesagt nicht gesagt) hatte, sondern wohl, weil sie instinktiv spürten, dass ich ganz wie sie nichts hatte, wohin ich gehen konnte, niemanden, der mir ...

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