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Der Hexer 62

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Vorwort
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Der Opferturm
  8. Vorschau
  9. Die Serie auf einen Blick
  10. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  11. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 62 bis 64.

Angesichts des gewaltigen Erfolges, den die Nachdrucke des bereits tot geglaubten Hexers im Taschenbuch hatten, erhörte man im Bastei-Verlag nur zu gerne die in fast täglich eintrudelnden Briefen von Fans geäußerte Bitte nach neuen Abenteuern Robert Cravens. Und Wolfgang Hohlbein seinerseits erhörte nur zu gerne die Bitte des Verlages, er möge eine solche Fortsetzung schreiben.

Nur gab es da ein kleines Problem: Als beschlossen wurde, die eigenständige Heftserie einzustellen, hatte niemand damit gerechnet, dass dem Hexer noch einmal ein neues Leben beschieden sein würde, weshalb Wolfgang ihn im letzten Band sterben ließ, während gleichzeitig ein Sohn Roberts geboren wurde.

Wie sollte eine Fortsetzung nun aussehen? Der Titel des neuen Buches stand bereits fest, es sollte »Der Sohn des Hexers« heißen. Aber war es wirklich sinnvoll, Roberts Sohn zur neuen Hauptperson zu machen? Um ihn nicht schon als Kind auf Dämonenjagd zu schicken, hätte die Handlung gegenüber Heft 49 um rund zwanzig Jahre in die Zukunft verlegt werden müssen. Das typische Flair der Handlungsepoche gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts wäre verloren gegangen und andere beliebte Hauptpersonen wie Howard und Rowlf wären so alt geworden, dass sie dem neuen Hexer kaum noch eine aktive Hilfe gewesen wären. Außerdem hätte sich vieles wiederholen müssen, wenn Roberts Sohn von seiner Bestimmung erfahren und allmählich seine magischen Kräfte zu entwickeln begonnen hätte.

Was aber war die Alternative, nachdem Robert selbst nun einmal definitiv tot war? Das Grübeln über diese Frage dürfte Wolfgang damals manche schlaflose Nacht bereitet haben. Als Co-Autor diverser Hexer-Romane bat er auch mich um Vorschläge. Stundenlang diskutierten wir am Telefon und bei persönlichen Treffen über die verschiedenen Möglichkeiten, entwickelten Ideen und verwarfen die meisten davon kurz darauf wieder. Es war eine ähnlich verzwickte Situation, wie sie sich dem Schriftsteller Paul Sheldon in Stephen Kings Roman »Misery« stellt, der auch auf überzeugende Weise die tote Hauptperson seiner Bücher wieder zum Leben erwecken muss. Fest stand für Wolfgang jedenfalls, dass das schon fast sprichwörtlich unglaubwürdige »Dallas-Modell« aus der gleichnamigen TV-Serie nicht in Frage kam, wo der tote Bobby eines Morgens quicklebendig unter der Dusche stand und sein Tod (samt aller darauf folgenden Episoden) sich als Traum entpuppte. Nein, die Lösung für den Hexer sollte schon überzeugender sein.

Ein erster Lichtblick zeichnete sich ab, als wir uns Viktor Frankensteins erinnerten, der schon einmal einen Gastauftritt in der Serie hatte, doch wurde seine spezielle Fähigkeit, Tote wieder zum Leben zu erwecken, da nicht benötigt. Ihn dies jetzt so einfach nachholen zu lassen, erschien uns jedoch zu simpel, weshalb die Idee erst einmal in einem großen Ablagekorb landete.

Ebenso erschien es uns zu simpel, auf Howards Fähigkeit zur Manipulation der Zeit zurückzugreifen, ihn einfach in die Vergangenheit zu schicken, um Roberts Tod zu verhindern und so das Finale von Heft 49 quasi ungeschehen zumachen. Das lag schon wieder verdächtig nahe am Dallas-Modell.

Die Lösung, die uns schließlich beiden am gelungensten erschien, bestand aus einer Kombination beider hier vorgestellter Ideen, von denen jede für sich allein uns unvollkommen und nicht spektakulär genug erschien. Howard reist in der Zeit zurück, doch misslingt es ihm, Robert vor dem Tod zu retten. Aber er hüllt ihn in den letzten Sekunden seines Lebens in ein Zeitfeld und verhindert seinen endgültigen Tod, damit Frankenstein Roberts Körper in jahrelanger Arbeit heilen kann. So gibt es keinen logischen Bruch gegenüber den Geschehnissen in Heft 49, und nichts von dem, was dort passiert, wird ungeschehen gemacht.

Auf diese Weise also erstand der Hexer im wahrsten Sinne des Wortes wieder von den Toten auf, was allerdings nur den Auftakt zu einer wahrhaft apokalyptischen, Hunderttausende von Jahren umspannenden Geschichte bildete, deren zweiter Teil in diesem Buch erzählt wird.

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 62
Der Opferturm

Obwohl ich es bisher nicht für möglich gehalten hatte, nahm der Sturm noch an Heftigkeit zu, während ich mich auf dem Rückweg nach Brandersgate befand. Der Himmel schien sämtliche Schleusen geöffnet zu haben, und aus dem Regen wurde ein Wolkenbruch, wie ich ihn selten zuvor erlebt hatte. Die Sturmböen erreichten eine Gewalt, dass ich mich kaum noch auf den Füßen zu halten vermochte, und mindestens ein halbes Dutzend Mal – wenn nicht öfter – verlor ich tatsächlich die Balance und stürzte, wobei es mir jedes Mal ein bisschen schwerer fiel, mich aus dem klebrigen Morast wieder emporzuarbeiten und weiterzulaufen.

Ich war vollkommen erschöpft, als ich die verfallene Kirche am Rande des Ortes vor mir auftauchen sah, so sehr am Ende meiner Kräfte, dass ich trotz allem nicht weiterlief, sondern in die leer stehende Ruine hineintaumelte und, einer Bewusstlosigkeit nahe, zu Boden sank.

Minutenlang blieb ich mit geschlossenen Augen liegen, rang keuchend nach Atem und wartete darauf, dass meine Kräfte zurückkehrten; wenigstens weit genug, mich das restliche Stück des Weges zu Cordwailers Laden bewältigen zu lassen. Durch das eingefallene Dach strömte der Regen nahezu ungehindert herein, aber die Ruine bot zumindest einen gewissen Schutz vor dem Wind. Trotzdem fror ich erbärmlich, aber ich fühlte mich auf der anderen Seite auch ein wenig besser. Vielleicht lag es nur an meiner Umgebung. Zwar war diese Kirche alt und seit einem halben Jahrzehnt nichts anderes als eine Ruine, und wenn nicht ich, wer dann sollte wissen, wie wenig geweihter Boden oder die Symbole christlichen Glaubens die finsteren Dämonen von den Sternen abzuschrecken vermochten. Aber Kirchen waren zu allen Zeiten und in allen Kulturen stets ein Ort der Sicherheit und des Schutzes gewesen, und ich spürte etwas von der Zuversicht, den der Glaube Menschen auch in den ausweglosesten Situationen zu vermitteln vermag, während ich dalag und wartete, dass sich mein rasender Pulsschlag endlich wieder beruhigte. Schließlich war ich so weit wieder zu Atem gekommen, dass ich aufstehen und das letzte Stück des Weges in Angriff nehmen konnte. Ich war etwa ein Dutzend Schritte weit gekommen, als in einem Haus auf der anderen Straßenseite eine Tür aufging. Eingerahmt vom gelben Licht einer Petroleumlampe erschien der Umriss einer Frau in der Öffnung. Und obwohl ich sie nur als Schatten erkennen konnte, wusste ich sofort, dass es Alyssa war. Offensichtlich hatte sie mich gesehen, denn sie blickte nicht nur genau in meine Richtung, sondern hob plötzlich auch die Hand und winkte mir zu. Ich zögerte, allerdings nur eine Sekunde. Cohen zu alarmieren war wichtig; aber Alyssa zu warnen erschien mir mindestens ebenso dringend. Sie war vielleicht der einzige Mensch in dieser ganzen Stadt, der dem Einfluss Hennesseys und seines Meisters noch nicht ganz erlegen war. So überquerte ich die Straße und lief, gebückt und das Gesicht aus dem Wind gedreht, auf sie zu.

Alyssas Gesicht war weiß wie die sprichwörtliche Wand, und die Furcht verwandelte ihre Augen in dunkle Tümpel ohne Grund. Das Haar klebte ihr in nassen Strähnen am Schädel, und auch ihr einfaches Baumwollkleid war völlig durchweicht. Unmöglich, dass dies von dem Augenblick stammte, den sie in der Tür gestanden und auf mich gewartet hatte. Sie musste draußen gewesen sein.

»Robert!«, sagte sie erschrocken. »Was tun Sie um diese …« Sie sog hörbar die Luft ein. »Großer Gott, wie sehen Sie denn aus? Was ist passiert?«

Ich ignorierte ihre Fragen und die erschrockenen Blicke, trat uneingeladen an ihr vorbei ins Haus und zog sie einfach mit mir. Alyssa war viel zu verblüfft, um irgendetwas anderes zu tun, als alles willenlos mit sich geschehen zu lassen.

»Hören Sie mir zu, Alyssa«, sagte ich hastig. »Es ist keine Zeit für Erklärungen. Hören Sie mir einfach zu und tun Sie, was ich sage. Sie müssen Brandersgate verlassen, sofort! Packen Sie die notwendigsten Sachen zusammen und kommen Sie zu Cordwailers Geschäft. Cohen und ich bringen Sie aus der Stadt.«

»Aber das … das geht nicht«, sagte Alyssa verstört. »Ich kann nicht so einfach weglau …«

»Sie können und Sie müssen«, unterbrach ich sie.

»Aber Barney ist –«

»Darum geht es ja gerade!«, unterbrach ich sie erneut. »Ich weiß jetzt, was mit Ihren Kindern passiert – ungefähr wenigstens. Ich glaube, ich kann Ihnen helfen, aber Sie sind in Gefahr, solange Sie sich in Brandersgate aufhalten!«

Alyssa starrte mich vollkommen verständnislos an. »Ich … ich kann nicht weg«, stammelte sie. »Barney ist nicht hier. Ich habe ihn gesucht, aber –«

»Verdammt, ich weiß, dass Ihr Sohn nicht hier ist!«, fiel ich ihr ins Wort. »Darum geht es ja gerade! Er und die anderen sind unten am Strand, aber sie werden nicht ewig dort bleiben. Und wenn sie hier auftauchen, dann sollten wir nicht mehr da sein! Kommen Sie zu Cordwailer! Ich wecke Cohen, und dann verschwinden wir zusammen. Ich erkläre Ihnen alles unterwegs.«

Ich war ziemlich sicher, dass sie nicht die Hälfte von dem verstand, was ich ihr zu sagen versuchte. Aber sie nickte. Ich sah sie noch einmal für ein paar Sekunden durchdringend an, schärfte ihr abermals ein, nur das Allernotwendigste für diese Nacht zusammenzusuchen und mit niemandem zu reden, dann stürmte ich wieder in die Nacht hinaus und rannte zu Cordwailers Geschäft.

Die Tür war abgeschlossen. Ich rüttelte eine Sekunde lang vergeblich an der Klinke, ehe ich begriff, dass jemand nach mir heruntergekommen war und den Riegel vorgelegt hatte. Da ein Klopfen bei dem noch immer tobenden Sturm keinen Sinn hätte, sprengte ich die Tür kurzerhand mit der Schulter auf. Das morsche Holz zerbarst, kaum dass ich es berührte, und ich stolperte in den dunklen Raum hinein. Ich prallte gegen einen Tisch (er zerbrach polternd), stolperte weiter und tastete mich halb blind zur Treppe vor. Als ich sie fast erreicht hatte, öffnete sich hinter mir eine Tür. Gelbes Petroleumlicht fiel in den Raum, und ich blickte in das verblüffte Gesicht eines ziemlich verschlafenen Cordwailer, der verdutzt zuerst mich und dann die aufgebrochene Tür musterte, durch die Regen und Sturm hereinheulten. »Was …?«, murmelte er.

Ich rannte weiter, polterte die Treppe hinauf und stürmte in Cohens Zimmer, ohne auch nur anzuklopfen. Cohen lag auf seinem Bett und schlief. Er hatte die Lampe brennen lassen, sodass der Raum voller Schatten und trüber gelber Helligkeit war. Ich war mit einem einzigen Schritt bei ihm, rüttelte ihn derb an der Schulter und zog ihn einfach in die Höhe, als er nicht sofort reagierte, sondern mich nur verständnislos aus seinen schlaftrüben Augen anblickte.

»Cohen, verdammt! Wachen Sie auf! Wir müssen weg!«

Ich schüttelte ihn erneut. Cohen murmelte etwas Unverständliches und versuchte ungeschickt meine Hand abzustreifen, aber ich ließ nicht locker, sondern schüttelte ihn weiter, bis er schließlich mit einer zornigen Bewegung meinen Arm beiseite schlug, aber auch gehorsam die Beine vom Bett schwang.

»Sind Sie verrückt geworden?«, fauchte er. »Was soll denn das?«

»Ziehen Sie sich an, Cohen!«, sagte ich. »Schnell! Wir müssen weg hier. Und zwar sofort!«

Cohen blinzelte verwirrt, aber vielleicht machte ihm der fast hysterische Ton in meiner Stimme klar, wie ernst ich es meinte, denn er verschwendete keine Zeit mehr mit weiteren Fragen, sondern begann sich rasch und mit schnellen, präzisen Bewegungen anzuziehen. Ich sah ihm voller Ungeduld dabei zu. Cohen verschwendete keine Zeit; trotzdem hatte ich das Gefühl, er bewege sich wie ein Pantomime. Er war kaum fertig, da ergriff ich ihn auch schon ungeduldig am Arm und zerrte ihn aus dem Zimmer.

Cordwailer kam uns mit zorngerötetem Gesicht entgegen, als wir ins Erdgeschoss hinunterpolterten. »Craven!«, rief er aufgebracht. »Was haben Sie mit meiner Tür gemacht?«

»Ich komme für den Schaden auf«, sagte ich unwillig, »aber jetzt lassen Sie uns vorbei, oder es entsteht noch wesentlich mehr Schaden!«

Cordwailer blinzelte verwirrt, aber etwas in meinem Gesicht schien ihn zu warnen, denn er trat hastig zur Seite und ließ Cohen und mich vorbei.

»Wo zum Teufel wollen Sie überhaupt hin?«, fragte Cohen. »Der nächste Zug kommt erst in sieben oder acht Stunden und –«

»Das ist jetzt gleich«, unterbrach ich ihn, ohne auch nur langsamer zu werden. »Schlimmstenfalls folgen wir den Schienen bis zum nächsten Ort.« Genau das würde ich natürlich nicht tun; zum einen, weil der Gedanke ein bisschen zu nahe liegend war, zum anderen weil Cordwailer sich noch immer in unmittelbarer Nähe befand und jedes Wort hörte. Das sollte er auch.

Kurz bevor wir die Tür erreichten, betrat Alyssa das Haus. Sie hatte ein Regencape übergestreift, triefte aber trotzdem vor Nässe, und ich hörte, wie Cohen überrascht die Luft einsog, als er sie erkannte. Alyssa hatte sich tatsächlich beeilt und nur das Allernotwendigste eingepackt; nämlich gar nichts.

Ich wandte mich noch einmal an Cordwailer. »Gibt es hier im Ort einen Wagen?«

Cordwailer schüttelte den Kopf; nach einem Zögern, das gerade lange genug währte, um mich erkennen zu lassen, dass er log. Aber auch Alyssa widersprach ihm nicht, und uns blieb kaum die Zeit, ganz Brandersgate nach einem fahrbaren Untersatz zu durchsuchen; ganz davon abgesehen, dass ich in den vergangenen beiden Tagen tatsächlich kein einziges Pferd oder auch nur die Spur eines solchen zu Gesicht bekommen hatte. So wandte ich mich mit einem Achselzucken an Cohen und sagte gerade laut genug, dass Cordwailer es hören musste, aber nicht sicher sein konnte, ob er es auch sollte: »Also doch die Schienen.«

Ich versuchte zum zweiten Mal das Haus zu verlassen und prallte abermals mitten im Schritt zurück, als mir eine weitere Gestalt den Weg vertrat.

Es war Tom, Alyssas Mann. Er sagte kein Wort, sondern starrte mich nur an, aber er stand auf eine Art da, die mir klarmachte, dass er mich nicht vorbeilassen würde.

»Tom!«, sagte ich hastig. »Wenn Sie Ihre Frau und Ihren Sohn lieben, dann tun Sie jetzt nichts Unüberlegtes, sondern begleiten Sie uns. Ich erkläre Ihnen dann alles unterwegs.«

Er schien meine Worte gar nicht zu hören. Eine Sekunde lang starrte er mich noch hasserfüllt an, dann ballte er langsam die Hände zu Fäusten, machte einen Schritt auf mich zu, löste dann aber seinen Blick von meinem Gesicht und sah zu seiner Frau hinüber. »Ich habe dich gewarnt«, sagte er. »Ich habe dir gesagt, du sollst dich nicht mit diesem … diesem Fremden einlassen. Warum hast du nicht auf mich gehört?«

»Tom, seien Sie vernünftig!«, sagte ich beschwörend. »Es ist nicht so, wie es aussieht. Ich stehe auf Ihrer Seite!«

Er fuhr mit einer abgehackten Bewegung herum und hob die Fäuste, beherrschte sich aber im letzten Augenblick wieder. Sein Gesicht flammte vor Zorn. »Sie hätten besser auf das gehört, was Ihnen Constabler McGillycaddy geraten hat!«, sagte er. »Jetzt ist es zu spät. Ich habe Sie gewarnt, Craven, aber jetzt bezahlen Sie!«

Ich hatte ihm vor wenigen Stunden erst bewiesen, dass er mir körperlich nicht einmal annähernd gewachsen war, aber er schien die Lektion nicht begriffen zu haben. In seiner Hand erschien wie hingezaubert ein Messer.

Er stach warnungslos zu, aber ich hatte den Angriff vorausgeahnt, sodass es mir keine Mühe bereitete, ihm auszuweichen und seinen Hieb ins Leere gehen zu lassen. Als er an mir vorbeistolperte, versetzte ich ihm einen Schlag zwischen die Schulterblätter, der ihm noch etwas mehr Schwung verlieh, sodass er mit einem überraschten Keuchen nach vorne stürzte und auch noch Cordwailers letzten Tisch zertrümmerte. Und ich hatte keine Zeit, die Sache unnötig in die Länge zu ziehen. Er stürzte und war noch nicht einmal wieder halb auf den Füßen, als ich auch schon bei ihm war, sein Handgelenk packte und so hart verdrehte, dass er mit einem Schmerzensschrei seine Waffe fallen ließ. Eine Sekunde später traf ihn meine Faust an der Schläfe. Tom verdrehte die Augen und stürzte ein zweites Mal und bewusstlos zu Boden.

»Craven! Achtung!«

Ich hörte Cohens Schrei, aber ich hatte die Bewegung einen Sekundenbruchteil zuvor aus den Augenwinkeln wahrgenommen und reagierte bereits. Blitzschnell warf ich mich zur Seite, sodass der Mann, der sich mit weit ausgebreiteten Armen auf mich hatte stürzen wollen, ins Leere griff und über Toms bewusstlos daliegenden Körper stolperte.

Es war nicht der einzige Angreifer. Der Raum war plötzlich voller Männer; drei, vier, vielleicht fünf Gestalten, die Cohen und mich alle zugleich angriffen. Offensichtlich hatte Tom seine Lektion doch gelernt, denn er war nicht allein gekommen.

Ich erwehrte mich eines zweiten Mannes, der mich zornig, aber ohne großes Geschick in solcherlei Dingen attackierte, aber der Raum war einfach zu klein, um mir die notwendige Bewegungsfreiheit zu gewähren, die man braucht, um sich gegen mehrere Gegner zugleich zu verteidigen. Ein harter Schlag traf meine Schulter, und eine Faust bohrte sich in meinen Magen. Der explodierende Schmerz raubte mir den Atem und ließ bunte Sterne vor meinen Augen erscheinen.

Mit hilflos vor das Gesicht gehobenen Händen taumelte ich zurück, wurde noch zwei, drei Mal getroffen, konnte aber schließlich selbst einige Hiebe anbringen, die meinen Gegnern wohl doch gehörigen Respekt einzuflößen schienen, denn ihr ungestümer Angriff verlor zusehends an Schwung.

Trotzdem sah es nicht besonders gut aus. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Cohen am Boden lag und von zwei Männern gehalten wurde, obwohl er sich nach Kräften wehrte. Und mir selbst standen immer noch vier Kerle gegenüber, Tom nicht einmal mitgerechnet, der sich in diesem Moment schon wieder torkelnd in die Höhe stemmte.

In Ermangelung einer besseren Waffe bückte ich mich nach einem Bein des zusammengebrochenen Tisches, wobei ich in Kauf nahm, dass mir einer meiner Gegner dabei hart in die Seite trat, bekam es zu fassen und revanchierte mich mit einem Schlag auf seine Zehen, der ihn vor Schmerz aufheulen und auf einem Bein herumhüpfen ließ. Dann richtete ich mich hastig wieder auf, vollführte einen weit ausholenden, kräftigen Hieb mit meinem Knüppel, der zwar niemanden traf, die Kerle aber hastig zurückweichen ließ, und war mit einem Sprung bei Cohen.

Ich drosch einem der Kerle, die ihn am Boden hielten, meinen Knüppel über den Schädel, sodass er wie ein nasser Sack zur Seite kippte und liegen blieb, des zweiten entledigte sich Cohen selbst, indem er ihm einen so harten Schlag auf den Mund versetzte, dass der Bursche Blut und Zähne spuckte und sich eine Sekunde später wimmernd am Boden wand.

Ich hörte, wie die anderen bereits wieder herankamen. Hastig versuchte ich Cohen in die Höhe zu zerren, aber er stellte sich so ungeschickt an, dass er um ein Haar mich zu Boden gerissen hätte. Im letzten Moment ließ ich seine Hand los, fand mit einem hastigen Schritt mein Gleichgewicht wieder und bekam im selben Moment einen Faustschlag in meine ohnehin schmerzenden Rippen, der mich mit einem gequälten Keuchen zurück und gegen die Wand stolpern ließ. Ganz instinktiv drosch ich mit meinem Knüppel um mich, spürte, wie ich irgendetwas traf und die Angreifer noch einmal vor mir zurückwichen. Aber wie lange noch? Mittlerweile stand ich insgesamt sechs Gegnern gegenüber, denn auch Cordwailer war hinter seiner Theke hervorgekommen, und er hielt ein Messer in der Hand, das fast länger als er selbst war. Bisher hatte ich die Kerle wohl durch meine unerwartet heftige Gegenwehr verblüfft, aber wenn sie aufhörten sich wie wütende Stiere zu benehmen und anfingen zu denken, dann konnte es nur Augenblicke dauern, bis sie mich überwältigt hatten.

Erstaunlicherweise geschah das genaue Gegenteil. Die Männer wichen plötzlich vor mir zurück – und eine Sekunde später begriff ich, warum das so war. Unter der eingeschlagenen Tür von Cordwailers Laden war eine weitere Gestalt erschienen. Aber es war nicht etwa ein weiterer Einwohner von Brandersgate, der gekommen war, um sich der Lynchparty anzuschließen – es war Pasons.

Der Junge war völlig durchnässt und über und über mit Schlamm bespritzt. Sein Atem ging so schnell, dass er kaum reden konnte, und er wankte vor Erschöpfung. Offensichtlich war er das ganze Stück von der Küste bis hierher gerannt, so schnell er nur konnte.

»Hennessey!«, stieß er atemlos hervor. Er sank gegen den Türrahmen, setzte ein paar Mal vergeblich dazu an weiterzusprechen und hob schließlich den Arm, um anklagend auf mich zu deuten. »Er hat Hennessey umgebracht!«

Eine Sekunde lang breitete sich ein fast entsetztes Schweigen aus – dann aber geschah genau das, was ich befürchtet hatte: Cordwailer, Tom und die vier anderen stürzten sich wie ein Mann auf mich, wobei sie Cohen, der gerade dabei war, sich aus eigener Kraft in die Höhe zu stemmen, einfach über den Haufen rannten.

Mit meinem Stuhlbein wie mit einem Dreschflegel um mich schlagend, wich ich Schritt für Schritt durch den Raum zurück, bis ich mit dem Rücken an der Wand stand. Ich traf einen der Kerle an der Schläfe, und diesmal stürzte er zu Boden, um liegen zu bleiben, aber dann waren die anderen über mir. Tom stach mit seinem Messer zu. Die Klinge verfehlte mich um wenige Millimeter, durchbohrte aber den Stoff meines Jacketts direkt neben meinem Handgelenk und nagelte meinen Arm somit regelrecht an der Wand fest. Ein anderer Bursche versuchte nach meinem Knüppel zu greifen. Ich gab ihm das Gewünschte, allerdings ein wenig schneller, als er erwartet zu haben schien – das Stuhlbein landete mit einem dumpfen Klatschen in seinem Gesicht und löschte sein triumphierendes Grinsen für eine ganze Weile aus, aber damit hörte meine Glückssträhne dann auch endgültig auf.

Fünf, sechs harte Schläge trafen mich gleichzeitig an Kopf und Brust, sodass ich kraftlos zusammensank und gestürzt wäre, hätte Toms Messer meine Jacke nicht an die Wand geheftet gehabt, und ich sah wie durch einen Schleier von Blut und einer heraufdämmernden Ohnmacht, wie sich Cordwailer breitbeinig vor mir aufbaute und sein gewaltiges Messer mit beiden Händen hoch über den Kopf schwang, um der Sache endgültig ein Ende zu bereiten.

Ein schlanker Schatten in einem vor Nässe glänzenden Cape sprang ihn an. Cordwailer verlor das Gleichgewicht, machte einen tollpatschigen Schritt, um sich zu fangen, stolperte endgültig, als Alyssa sich mit aller Kraft an ihn klammerte, und stürzte in einer grotesken, halb gedrehten Pirouette zu Boden – und in die Klinge seines eigenen Messers hinein! Die Waffe durchschnitt seinen Hals, kam wie eine stählerne, rot gefärbte Zunge aus seinem Nacken wieder heraus und bohrte sich tief in Alyssas Brust, die über ihm zusammenbrach!

Für eine Sekunde schien die Zeit stillzustehen. Alle im Raum erstarrten. Die Männer hörten auf, auf mich einzuschlagen, und aller Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf Cordwailer und Alyssa, die sich im Tode wie in einer schrecklichen Umarmung umklammert hielten.

Ganz langsam drehte sich Tom herum, ließ sich neben ihr auf die Knie sinken und nahm seine Frau in die Arme. Seine Augen füllten sich mit Tränen, während er fast zärtlich über ihr Gesicht strich und die Hand dann zu der absurd kleinen Wunde in ihrer Brust senkte, die nicht einmal sehr heftig blutete, aber auf der Stelle tödlich gewesen war. Als er die Finger wieder hob, klebte glänzendes Rot an ihnen.

Plötzlich hob er mit einem Ruck den Kopf und starrte mich an. »Du!«, sagte er hasserfüllt. »Das ist deine Schuld!«

Ich spürte, wie sich unter dem lähmenden Schock, der von allen – auch Cohen – Besitz ergriffen hatte, eine mörderische, rasende Wut zusammenballte, und ich reagierte eine Sekunde schneller als Tom und die anderen. Blitzschnell hob ich die Hand, riss das Messer herunter, das meinen anderen Arm noch immer an die Wand nagelte, und führte einen weit ausholenden Hieb mit der Klinge, der niemanden traf und niemanden treffen sollte, mir aber die Bewegungsfreiheit verschaffte, die ich brauchte. Alyssas und Cordwailers Tod waren nichts als ein schrecklicher Unfall, aber keiner dieser Männer würde mir Gelegenheit geben, das zu erklären, das wusste ich. Waren sie vielleicht mit der Absicht hierhergekommen, Cohen und mir einen gehörigen Denkzettel zu verpassen, so ging es jetzt um Leben und Tod.

»Cohen!«, schrie ich. »Laufen Sie!«

Gleichzeitig fuhr ich herum, stieß einen Mann, der mich packen wollte, zu Boden und war mit zwei gewaltigen Schritten an der nach oben führenden Treppe. Den Weg zur Tür würde ich nicht schaffen, denn zwischen ihr und mir standen Tom, zwei der anderen und letztlich auch noch Pasons, der das schreckliche Geschehen ebenso fassungslos und schockiert verfolgt hatte wie alle. So hetzte ich, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die schmale Treppe ins obere Geschoss hinauf. Ich hatte sie noch nicht halb überwunden, als ich unter mir das stampfende Dröhnen hastiger Schritte hörte, doch ich widerstand der Versuchung, einen Blick zurückzuwerfen und damit vielleicht den entscheidenden Sekundenbruchteil zu verlieren, sondern rannte noch schneller weiter, erreichte mein Zimmer und warf die Tür hinter mir ins Schloss. Obwohl es wahrscheinlich nichts nutzte, rückte ich mit der Kraft der Verzweiflung eine Kommode unter den Griff, und nur einen Sekundenbruchteil später erbebte das morsche Holz unter dem Anprall eines schweren Körpers.

Das Wunder, auf das ich kaum zu hoffen gewagt hatte, geschah, der Schlag spaltete die Tür von oben nach unten, aber meine provisorische Barrikade hielt. Ich hörte einen zornigen Schrei, und eine Sekunde später den dumpfen Aufprall eines Körpers draußen auf dem Flur. In diesem Moment hatte ich bereits das Fenster erreicht und riss es auf.

Eine eisige Kralle aus Regen und Sturm schlug mir ins Gesicht. Ich achtete nicht darauf, sondern griff mit beiden Händen nach dem Fensterrahmen, zog mich hindurch – und sprang.

Noch bevor ich auf der Straße aufprallte, hörte ich, wie die Tür hinter mir mit einem schmetternden Krach vollends zerbarst. Eine zornige Stimme begann zu schreien.

Mein Sprung war richtig berechnet gewesen, aber ich verlor auf dem nassen Boden trotzdem den Halt, überschlug mich zwei Mal und blieb eine Sekunde benommen liegen, ehe ich mich wieder hochrappelte. Als ich den Blick hob, sah ich in Toms hassverzerrtes Gesicht, das aus dem Fenster über mir herabstarrte. Er machte Anstalten, mir auf die gleiche Weise zu folgen, aber er zögerte, und ich wusste, dass er nicht springen würde. Ein Sprung von drei Yards Höhe ist ein entsetzliches Risiko für jemanden, der solcherlei Dinge nicht gewohnt ist, und Tom war es nicht.

Aber vielleicht brauchte er mir ja auch gar nicht zu folgen, denn seine gellenden Schreie waren trotz des Sturmes weithin zu hören. In einem Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurde eine Tür aufgerissen, hinter zwei oder drei anderen Fenstern erschien Licht.

»Er hat Alyssa umgebracht!«, schrie Tom. »Haltet ihn fest! Er hat Alyssa getötet!«

Ich wusste, dass mir nur noch Sekunden blieben, und ich tat das Einzige, das mir übrig blieb – ich fuhr auf der Stelle herum und rannte, so schnell ich konnte.

Es war der Sturm, der mir letzten Endes wohl das Leben rettete, denn ich hätte mir kaum im Ernst einreden können, nahezu der gesamten Einwohnerschaft von Brandersgate davonlaufen zu können, hätten sie tatsächlich alle gemeinsam und ernsthaft Jagd auf mich gemacht.

Aber das Wüten des Unwetters hielt nicht nur weiter an, sondern nahm im Gegenteil im Verlauf der nächsten halben Stunde noch derartig zu, dass die zwei oder drei Dutzend Männer, die sich tatsächlich mit Sturmlaternen, Gewehren und Knüppeln ausgerüstet auf die Suche nach mir machten, bald wieder aufgaben und zu Cordwailers Geschäft zurückgingen, in dem sich rasch so viele Menschen versammelten, dass der Platz einfach nicht mehr ausreichte und sie sich trotz des Unwetters in dichten Trauben draußen auf der Straße drängten. In sämtlichen Häusern des Dorfes brannte jetzt Licht, und wahrscheinlich schlief in dieser Nacht niemand in Brandersgate.

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