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Der Hexer 61

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Vorwort
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Das Dorf der alten Kinder
  8. Vorschau
  9. Die Serie auf einen Blick
  10. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  11. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 59 bis 61.

Einer Katze werden im Volksmund neun Leben nachgesagt. Nun, diese Marke hat der Hexer noch nicht erreicht, schickt sich aber an, den eigenwilligen Vierbeinern Konkurrenz zu machen. Vielleicht liegt es daran, dass Wolfgang und Heike Hohlbein Katzenfans sind und sie züchten, jedenfalls scheint er im Hinblick auf die Abenteuer Robert Cravens ein Vorbild an ihnen genommen zu haben.

Zum ersten Mal erblickte der Hexer als einer von mehreren Helden innerhalb der Heftserie »Gespenster-Krimi« das Licht der (Verlags-)Welt. Acht Bände lang währte diese Kindheitsphase, wenn ich sie einmal so nennen darf. Dann wurde der Gespenster-Krimi eingestellt, was jedoch im Gegensatz zu den anderen Helden nicht das Ende des Hexers bedeutete, ganz im Gegenteil. Er erschien fortan als eigenständige Serie. In weiteren neunundvierzig Heftromanen wurden »Die phantastischen Abenteuer des Robert Craven«, wie der Untertitel lautete, beschrieben.

Nach knapp zwei Jahren, unmittelbar vor Erscheinen des Jubiläumsbandes 50, musste die Serie jedoch eingestellt werden. Sie hatte zwar von Anfang an eine begeisterte Leserschaft, doch war ihre Zahl leider zu gering.

Damit war auch der Plan vom Tisch, ähnlich wie bei John Sinclair eine zusätzlich zu den Heftromanen regelmäßig erscheinende Hexer-Taschenbuchserie herauszubringen, in der Roberts Vater, Roderick Andara, die Hauptrolle spielen sollte. Das endgültige Ende des Hexers schien gekommen; das erste Taschenbuch war zwar bereits fertig geschrieben, landete aber vorerst auf Halde.

Dann jedoch ereignete sich ein kleines Wunder. Die acht Hexer-Romane aus dem Gespenster-Krimi wurden in Form eines dicken Taschenbuch-Jumbos nachgedruckt – und es verkaufte und verkaufte sich, überflügelte binnen kürzester Zeit die Auflage der Hefte und mauserte sich zu einem regelrechten Bestseller. Anscheinend hatte die Serie mit ihrem anspruchsvollen Konzept erst im Buch ihre ideale Erscheinungsform gefunden; hinzu kam, dass diesmal Wolfgang Hohlbein als Autor auf dem Cover stand und er sich mit anderen Werken bereits eine treue Leserschaft erschrieben hatte, die erst jetzt, als das Pseudonym gelüftet war, auch auf den Hexer aufmerksam wurde. Völlig verblüfft über den unerwartet großen Erfolg lieferte der Bastei-Verlag rasch weiteren Lesestoff nach. Das bereits erwähnte Taschenbuch um Roderick Andara, das den ersten Band dieser Edition bildet, erschien und wurde ebenfalls ein Erfolg.

Weitere Jumbo-Bände mit Nachdrucken der Heftromane folgten, doch waren darin längst nicht alle Bände enthalten. Dafür war schlicht und einfach nicht genügend Zeit vorhanden, denn Wolfgang arbeitete bereits an einer Fortsetzung. Man wollte den Markt nicht mit mehreren Nachdrucken pro Jahr überschwemmen, weshalb in den vierten Jumbo-Band »Die sieben Siegel der Macht« nur die zum Verständnis der Gesamthandlung unbedingt nötigen Romane der Hefte 22 bis 49 aufgenommen wurden, an die mit einem neuen Buch angeknüpft wurde.

So feierte Robert Craven dann rund fünf Jahre nach der Einstellung der Serie mit »Der Sohn des Hexers« ein triumphales Comeback …

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 61
Das Dorf der alten Kinder

Der Wind heulte uns ein eisiges Willkommen entgegen, als wir auf den Bahnsteig herabtraten, und meine erste (und wie sich zeigen sollte, durchaus typische) Erfahrung mit Brandersgate war, dass eines der morschen Bretter des Bahnsteiges unter meinem Gewicht nachgab und ich jählings bis über den Knöchel in den morastigen Boden darunter versank.

Mit einem zornigen Fluch stellte ich meinen Koffer ab, zog den Fuß behutsam aus den morschen Planken heraus und betrachtete missmutig den Morast, der an meinem Hosensaum klebte und meinen Schuh besudelte. Ich hatte die Schuhe erst vor drei Tagen gekauft, und sie hatten annähernd vierzig Pfund gekostet.

Hinter mir erscholl ein halblautes Lachen. Erbost fuhr ich herum und starrte Cohen an, aber das schadenfrohe Grinsen verschwand nicht von seinem Gesicht, sondern wurde eher noch breiter.

»Sie sind zu ungestüm, Robert«, sagte er spöttisch. Er schüttelte den Kopf. »Das ist typisch für euch Amerikaner. Sie werden noch eine Menge lernen müssen, wenn Sie länger in England bleiben wollen. Dies hier ist ein altes Land und viele von unseren Dingen sind ebenso alt. Aber sie sind nicht so alt geworden, weil wir grob mit ihnen umgehen.« Er trat an meine Seite, ergriff wortlos und ungefragt meinen Koffer und konnte sich nicht verkneifen, mit einem spöttischen Glitzern in den Augen hinzuzufügen: »Ihr Bruder hätte das gewusst.«

Ich bemühte mich, ihn mit Blicken aufzuspießen, während er an mir vorüberging, aber mir wurde auch schnell klar, dass mein Zorn nur Wasser auf seine Mühlen war, und so beherrschte ich mich, wischte den Schmutz von meinem Schuh, so gut es ging, und beeilte mich, ihm zu folgen. Dabei sah ich mich abermals und sehr aufmerksam auf dem Bahnhof um.

Nicht, dass es sonderlich viel zu sehen gegeben hätte. Der Bahnhof von Brandersgate machte auf den ersten Blick einen heruntergekommenen Eindruck. Der zweite Blick zeigte, dass dieser Eindruck nicht ganz richtig war: Brandersgate war nicht ziemlich heruntergekommen, er war vollkommen verwahrlost, baufällig, schmutzig und allem Anschein nach seit ungefähr einer Generation verlassen. Cohen hatte mich gewarnt und gemeint, dass dieser Ort schon bessere Zeiten gesehen hatte – aber wenn, dann musste das irgendwann vor der letzten Sintflut gewesen sein.

Es begann mit dem Bahnsteig, der aussah, als hätte ihn jemand als Zielscheibe für seine neu erworbene Gatlin-Gun missbraucht; offensichtlich war ich nicht der Einzige, dessen Gewicht zu viel für die morschen Bretter gewesen war. Aber dieser jämmerliche Eindruck setzte sich auch bei dem Haupt- (und zugleich einzigen) Gebäude fort. Die Bretter waren morsch, von Holzwürmern zerfressen, und wenn sie jemals einen Anstrich gehabt hatten, so musste das ungefähr hundertfünfzig Jahre her sein. Sämtliche Scheiben waren entweder blind vor Schmutz oder zerbrochen und mit Pappkarton geflickt, und aus dem Bahnhofsschild waren drei Buchstaben herausgefallen, sodass die Aufschrift nun BRNDRSGTE lautete. Ich vermutete, dass man es auch so ähnlich aussprach. Und was ich von der Stadt (Stadt?!) jenseits des Bahnhofsgebäudes erkennen konnte, das machte einen kaum Vertrauen erweckenderen Eindruck.

Hinter uns setzte sich der Zug wieder in Bewegung, und die Erschütterung ließ den gesamten Bahnhof erzittern. Die wenigen Scheiben, die noch in ihren Rahmen verblieben waren, klirrten hörbar. Ich betete, dass der Zugführer nicht etwa auf die Idee kam, seine Pfeife schrillen zu lassen. Vermutlich hätte das die ganze Bruchbude zum Einsturz gebracht.

Ich hatte Cohen endlich eingeholt. Er grinste noch immer über das ganze Gesicht und hielt mir meinen Koffer entgegen. Ich ignorierte es geflissentlich. »Wo bleibt Ihr Kollege?«, fragte ich. »Wollte er uns nicht am Bahnhof abholen?«

Cohen zuckte nur mit den Schultern. »Offensichtlich ist er nicht da«, antwortete er. »Dabei war der Zug doch pünktlich, oder?« Er warf einen Blick auf die Bahnhofsuhr, stellte fest, dass der große Zeiger fehlte und der kleine verbogen und auf der Zwölf stehen geblieben war, und setzte das Gepäck ab, um seine Taschenuhr aus der Weste zu ziehen.

»Auf die Minute«, sagte er, nachdem er den Deckel aufgeklappt und einen Blick auf das Zifferblatt geworfen hatte. Er klappte die Uhr wieder zu und ging weiter. Meinen Koffer ließ er stehen. »Vermutlich hat er sich nur verspätet. Aber das macht nichts. Schließlich ist die Stadt nicht so groß. Wir werden die Polizeiwache schon finden.«

Er hatte gut reden. Schließlich hatte er nur eine kleine Reisetasche in der Hand, während ich einen fast zentnerschweren Koffer mit mir schleppte. Cohen hatte schon während der fast achtstündigen Bahnfahrt hierher einige entsprechende Bemerkungen gemacht, und ich begann zu befürchten, dass er damit Recht gehabt hatte.

Allerdings muss ich zu meiner Ehrenrettung an dieser Stelle sagen, dass wir tatsächlich beide damit gerechnet hatten, am Bahnhof von einem seiner Kollegen abgeholt zu werden.

Cohen hatte eigens am Morgen noch einmal ein Telegramm an Constabler McGillycaddy – den zuständigen Polizeibeamten für diesen Bezirk – geschickt, in dem die genaue Ankunftszeit des Zuges gestanden hatte. Warum McGillycaddy nicht gekommen war, um uns wie erwartet abzuholen, war mir ein Rätsel.

Wenigstens so lange, bis wir das Bahnhofsgebäude umrundet hatten und Brandersgate zum ersten Mal zur Gänze sehen konnten. Ich war mit einem Male gar nicht mehr sicher, dass Telegramme hier auch pünktlich ausgeliefert wurden. Ich war mir nicht einmal mehr sicher, ob es hier so etwas wie eine Post gab; und wenn ja, ob die Bediensteten dort wussten, was ein Telegramm war.

Das mit Abstand beeindruckendste an Brandersgate war sein Name. Der Rest dieses gottverlassenen Kaffs bestand aus einer einzigen ungeteerten Straße, die sich bei jedem heftigen Regen in einen Sumpf verwandeln musste, einem knappen Dutzend windschiefer, hässlicher Häuser, deren Zustand sich nicht wesentlich von dem des Bahnhofes unterschied, und einer Kirche, der jemand den Turm gestohlen hatte; zurückgeblieben war nur ein hölzernes Skelett, das ganz so aussah, als würde es beim nächsten heftigen Windzug einfach umfallen.

Nun, dachte ich, zumindest in einem Punkt hatte Cohen Recht: Wenn es hier so etwas wie eine Polizeiwache gab, dann würden wir sie schnell finden.

Cohen trat auf die schlammige Straße hinunter und steuerte ein Gebäude auf der anderen Seite an, bei dem es sich wohl um eine Art Gemischtwarenladen handeln musste, denn hinter den schmuddeligen Scheiben stapelten sich Waren aller Art, und neben dem Eingang waren eine Anzahl Säcke und großer Holzkisten aufgetürmt.

Ich wartete vor der Tür, dass er zurückkam, und nutzte die Zeit, die kleine Ortschaft an der nördlichen Küste Schottlands einer zweiten, sehr viel eingehenderen und zumindest etwas objektiveren Musterung zu unterziehen.

Sehr viel mehr als vorhin gab es allerdings noch immer nicht zu sehen. Es war zu kalt für die Jahreszeit, und der böige Wind, der von der nahe gelegenen Küste her über die Ortschaft fauchte, tat ein Übriges, um die Menschen in die Häuser zurückzutreiben. Trotzdem spürte ich die neugierigen Blicke, die mich trafen. Das Auftauchen gleich zweier Fremder musste so etwas wie eine kleine Sensation bedeuten. Der Zugschaffner hatte uns verraten, dass nur äußerst selten Fahrgäste in Brandersgate ausstiegen; seit drei oder vier Jahren überhaupt so gut wie niemand mehr. Meistens hielt der Zug nicht einmal an. Wenn ich mich hier so umsah, konnte ich das auch gut verstehen. Ich wunderte mich sogar ein bisschen, dass ein Kaff wie dieses überhaupt einen Bahnhof hatte. Aber ich wunderte mich auch genauso darüber, dass ich überhaupt hier war. Zwar hatte ich keinen Grund, an Cohens Behauptung zu zweifeln, wonach Crowleys Spur direkt hierher führen sollte, aber wenn ich mich in dem gottverlassenen Kaff so umsah … Es passte einfach nicht.

Andererseits – wie gesagt – hatte ich keinen Grund, an Cohens Worten zu zweifeln. Scotland Yard arbeitete vielleicht manchmal ein wenig langsam, aber dafür mit gewohnter englischer Präzision. Und dieser düstere Hinweis war auch alles, was wir hatten. So hatten Cohen und ich kurz entschlossen den nächsten Zug bestiegen, der nach Norden ging, und waren hierhergekommen. Wenn ich bedachte, dass wir nicht einmal hundertprozentig sicher sein konnten, dass dieser Crowley auch tatsächlich unser Crowley war, dann hatte unser Vorgehen schon etwas von einer Verzweiflungstat an sich. Aber unsere Situation war auch ziemlich verzweifelt; vorsichtig ausgedrückt.

Seit Crowleys heimtückischem Anschlag auf mein Leben war etwas mehr als eine Woche vergangen, und ich hatte in dieser Zeit weder eine Spur von Howard noch von Gray, Rowlf oder Sill el Mot gefunden; und das, obwohl mir Harley, Grays Kutscher und Hausdiener, beim Leben seiner Mutter versichert hatte, alle vier in das niedergebrannte Haus am Ashton Place gehen gesehen zu haben. Und zusammen mit dem, was ich von Cohen erfahren und nach unserer Rückkehr aus den Kellern selbst in dem verwüsteten Haus gesehen hatte, ergab sich ein erschreckendes Bild: Howard und die anderen mussten erfahren haben, dass mich meine Schritte zu den Resten meines ehemaligen Zuhauses gelenkt hatten. Vielleicht hatten sie es sich auch einfach an den Fingern abgezählt, denn schließlich gab es nicht sehr viele Orte, zu denen ich gehen konnte. Gleichwie, sie waren mir gefolgt und offensichtlich in die gleiche Falle gegangen wie Matt, Thomas und ich. Harley hatte erzählt, dass irgendetwas mit dem Garten plötzlich nicht mehr in Ordnung gewesen sei, und dann waren Regen und Sturm so heftig geworden, dass er den Wagen vom Platz herunter hatte lenken müssen, aus Furcht, das Gefährt könne vom Sturm umgeworfen werden. Ich machte ihm keine Vorwürfe deswegen. Wahrscheinlich hatte ihm seine Vorsicht das Leben gerettet, denn was mit dem Garten plötzlich nicht mehr in Ordnung gewesen war, war klar: Harley hatte dasselbe Shoggotenmonster gesehen, das auch mich attackiert hatte. Das Haus war eine Falle, in die Howard und die anderen ebenso nichts ahnend hineingetappt waren wie ich.

Als Cohen kurz darauf ebenfalls dort eintraf, waren sie verschwunden gewesen. Wir hatten das Haus noch einmal gründlich durchsucht und waren auch in das hinaufgestiegen, was vom ersten Stock noch übrig geblieben war. Der Eingang zur ehemaligen Bibliothek war unbeholfen verbarrikadiert gewesen, also musste in der Zwischenzeit jemand dort gewesen sein, und es gab für mich keinen Zweifel, um wen es sich handelte. Im Raum selbst hatten wir weitere Spuren gefunden, die geradewegs auf die vermeintliche Standuhr zuführten, die sich wie durch Zauberei wieder an ihrem angestammten Platz befunden hatte. Howard und die anderen mussten durch das magische Tor in ihrem Inneren geflüchtet sein, aber es gab nicht den geringsten Anhaltspunkt, wohin ihre Flucht durch das Transportsystem der GROSSEN ALTEN sie verschlagen hatte.

Und von da ab war die Sache entschieden komplizierter geworden; und entschieden unerquicklicher. In Ermangelung einer anderen Unterkunft hatte ich mich zu Grays Haus begeben, wo ich von einer überglücklichen Mary Winden in die Arme geschlossen wurde. Ihre überschwängliche Wiedersehensfreude erschien mir ein wenig übertrieben; außerdem machte sie mich verlegen. Aber dann führte ich mir vor Augen, dass für mich subjektiv vielleicht nur wenige Stunden vergangen waren, seit ich sie das letzte Mal gesehen hatte, für sie (und den Rest der Welt) allerdings mehr als fünf Jahre, sah man von meinen kurzen Wachphasen während der letzten Tage ab, in denen ich kaum richtig zurechnungsfähig gewesen war.

Wie sich zeigte, hatte der gute Dr. Gray für alle Eventualitäten vorgesorgt; selbst für genau den Fall, der nun eingetreten war, nämlich den, dass ich plötzlich auf mich allein gestellt dastand. Dass ich mich für meinen eigenen Zwillingsbruder ausgab, musste er vorausgeahnt haben (was allerdings nicht besonders schwer war; schließlich hatte ich mich nicht so sehr verändert), denn in seinem Safe, den David für mich öffnete, befand sich nicht nur ein perfekt gefälschter amerikanischer Reisepass, der mich als Roderick Andara-Craven auswies, sondern auch alle anderen notwendigen Papiere, die es mir ermöglichten, in diese vorbereitete Rolle zu schlüpfen – und so ganz nebenbei auch über das ansehnliche Vermögen zu bestimmen, das mein »Bruder« mir hinterlassen hatte. Zumindest theoretisch. Praktisch würden wahrscheinlich noch Monate vergehen, bis ich den Kampf gegen die hundertköpfige Hydra der englischen Bürokratie gewonnen hatte und wirklich in meine neue Existenz schlüpfen konnte.

Aber das war im Moment meine allergeringste Sorge.

Das Einzige, was zählte, war, Howard und die anderen wiederzufinden. Und dabei traf ich auf einen völlig unerwarteten Verbündeten: Cohen.

Solange ich Chefinspektor Wilbur Cohen kannte, hatte er alles in seiner Macht Stehende getan, um mir und meinen Freunden Schwierigkeiten zu bereiten. Er glaubte mir kein Wort, aber aus irgendeinem Grund spielte er das Spiel zumindest nach außen hin mit und behandelte mich wie den Zwillingsbruder aus Amerika, der zu sein ich vorgab; wenn er auch keine Gelegenheit ausließ, mir durch die Blume klarzumachen, dass er mich durchschaut hatte. Trotzdem half er mir, nach dem geheimnisvollen Mr. Crowley zu suchen. Vermutlich hoffte er, dass er auf diese Weise auch Howards Spur wieder aufnehmen konnte, denn er war genauso versessen darauf, ihn wiederzusehen, wie ich. Wenn auch aus vollkommen anderen Gründen.

Aber so oder so – die Spur nach Schottland war vielleicht nicht mehr als ein Strohhalm, aber zugleich auch der einzige Strohhalm, den wir hatten.

Cohen kam zurück. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Der Spott war von seinen Zügen verschwunden und hatte der verbissenen Selbstbeherrschung eines Mannes Platz gemacht, der soeben einen heftigen Streit hinter sich gebracht hatte. Aber er ignorierte meinen fragenden Blick und deutete stumm auf ein Gebäude am Ende der Straße. Es erhob sich unmittelbar neben der Kirche und war kaum weniger heruntergekommen und verfallen als der Rest der Ortschaft. Aber zumindest befanden sich noch alle Scheiben in ihren Rahmen.

Auf dem Weg dorthin begegneten wir dem ersten menschlichen Wesen von Brandersgate. Es war ein Junge von neun, vielleicht zehn Jahren. Er trat aus einem der Häuser heraus, machte einen Schritt auf die Straße und blieb abrupt stehen. Ein nachdenklicher Ausdruck erschien auf seinem Gesicht; ein Blick, der mich sonderbar berührte, denn er erschien mir um einiges zu ernst für einen Knaben dieses Alters. Er stand einfach nur da und blickte uns an, noch nicht einmal unfreundlich, aber eben auf jene Art, die mich schaudern ließ.

»Gab es Ärger?«, fragte ich.

»Im Laden?« Cohen zuckte mit den Schultern. »Kaum. Sie mögen keine Fremden hier. Und Engländer schon gar nicht.«

»Ich dachte, wir sind hier in England«, sagte ich spöttisch.

»Schottland«, verbesserte mich Cohen ruhig. »Hier ist jeder ein Ausländer, der weiter als zwei Meilen entfernt geboren wurde.«

Ich lächelte pflichtschuldig, aber wir sprachen nicht weiter, sondern legten den Rest des Weges schweigend zurück. Als wir vor dem bezeichneten Gebäude anhielten und Cohen anklopfte, drehte ich mich noch einmal herum und sah die Straße hinab.

Der Junge stand noch immer da und beobachtete uns. Aber er war nicht mehr allein. Auf beiden Seiten der Straße waren weitere Kinder aus den Häusern getreten. Es waren acht oder neun. Keines von ihnen war älter als zehn Jahre, und sie alle blickten uns auf die gleiche, beinahe Angst machende Art an.

»Es sind Fremde in der Stadt«, sagte Barney. Er sagte es ruhig, mit einem leisen Ton von Missbilligung, vielleicht sogar Misstrauen, und etwas Nachdenkliches schwang in seiner Stimme; und er sagte es ganz und gar nicht auf eine Art, auf die ein Fünfjähriger so etwas sagen würde. »Ich möchte wissen, was sie hier suchen.«

Der fremde Ton in der Stimme ihres Sohnes gab Alyssa einen tiefen, schmerzhaften Stich, und noch bevor sie sich vom Herd umwandte und in Barneys Gesicht sah, wusste sie, was sie darin erblicken würde, nämlich einen Ausdruck von Ernst und beinahe Verbissenheit, der ebenso wenig ins Antlitz eines Fünfjährigen gehörte wie dieser Klang in seiner Stimme. Aber sie waren nicht allein. Tom saß am Tisch und löffelte geistesabwesend die dünne Graupensuppe, die sie gekocht hatte, zwar den größten Teil seiner Konzentration auf die Titelseite der Zeitung verwendend, aber er hörte doch zu, und so zwang sie ein Lächeln auf ihre Züge und fragte nur: »So? Vielleicht sind sie ja nur auf der Durchreise.«

Wie sie erwartet hatte, ließ Tom ganz kurz seine Zeitung sinken und sah sie über den Rand der Gazette hinweg für eine Sekunde durchdringend an, ehe er sich wieder seiner Lektüre zuwandte, und Barney antwortete mit einem heftigen Kopfschütteln:

»Niemand kommt auf der Durchreise nach Brandersgate, das solltest du wissen, Mutter.«

Mutter. Schon dieses Wort allein machte es Alyssa schwer, weiter ihre Beherrschung zu bewahren. Ein Fünfjähriger sollte nicht Mutter zu seiner Mutter sagen. Mom, Mutti, Ma – aber nicht Mutter, nicht auf die Art, auf die Barney das Wort aussprach. Früher hatte er das nie getan.

Sie nahm den Topf mit dem Braten vom Herd, trug ihn zum Tisch und sah zu, wie Barney drei Teller und das Besteck aus dem Schrank holte. Er musste sich dazu auf einen Hocker stellen, denn er war viel zu klein, um an den Hängeschrank über dem Ofen zu kommen, aber seine Bewegungen waren schnell und präzise; nach wenigen Augenblicken standen die Teller an ihrem Platz und Tom faltete endlich raschelnd seine Zeitung zusammen und griff wie immer als Erster zu.

Früher hatte Barney das nie getan. Die Phase, in denen Fünfjährige ihren Müttern freiwillig bei der Hausarbeit halfen, ging meist ebenso schnell vorüber, wie sie aufkam, aber bei Barney nicht. Alyssa empfand wenig Dankbarkeit dafür. Ganz im Gegenteil machte ihr die Hilfsbereitschaft ihres einzigen Sohnes beinahe Angst. Barney ging ihr nicht mit der normalen Begeisterung eines Kindes zur Hand, das seine eigenen Fähigkeiten erforschte und dabei war, zu entdecken, dass etwas zu tun eine durchaus positive Erfahrung ist, die Last dieser Arbeit aber noch nicht empfindet, sondern tat es mit der beiläufigen Verbissenheit eines Erwachsenen, der Dinge eben tut, weil sie getan werden müssen, aus keinem anderen Grund.

Nachdem Tom sich seinen Anteil an dem Braten abgesäbelt und Kartoffeln, Gemüse und Bratensauce auf seinen Teller gehäuft hatte, sagte Barney plötzlich: »Sie sind zu McGillycaddy gegangen.«

Alyssa blickte scheinbar konzentriert auf ihren Teller, aber ihr Mann sah überrascht auf, und ihr entging auch keineswegs der rasche, fast misstrauische Blick, den er in ihre Richtung warf, ehe er sich wieder an seinen Sohn wandte. »Bist du sicher?«

Barney nickte. »Stan hat es gesehen. Nick auch. Und Estelle ebenfalls.« Er begann mit bedächtigen und ganz und gar nicht kindlichen Bewegungen zu essen und er kaute penibel den Mund leer, ehe er fortfuhr. Alyssa hätte viel darum gegeben, hätte er einmal mit vollem Mund geredet oder sich bekleckert oder auch einfach lustlos in seinem Essen herumgestochert, wie Kinder seines Alters es oft tun. »Sie haben in Cordwailers Laden nach dem Weg gefragt. Er sagt, sie wären … seltsam.«

»Seltsam?« Tom war nicht ganz so gut erzogen wie sein Sohn. Er sprach mit vollem Mund. »Hmwiemeinschudasch?«

»Seltsam eben«, erwiderte Barney mit einem Achselzucken und einem missbilligenden Blick auf den Streifen dunkler Bratensauce, der am Kinn seines Vaters herunterlief und sich anschickte, auf sein Hemd herunterzutropfen, auf dem sich schon eine ganze Anzahl Flecken der verschiedensten Herkunft befanden. »Gut gekleidet. Städter. Cordwailer meint, sie kämen aus London. Jedenfalls sprachen sie wie Städter.«

Tom schluckte heftig, schaufelte sich eine neue Gabel in den Mund und sagte: »Daschischnigut. Wirschollten …« Er schluckte, hustete und fuhr mit etwas verständlicherer Stimme fort: »Wir sollten Pasons Bescheid sagen, damit er sich die beiden einmal anschaut. Ich werde gleich nach dem Essen –«

»Estelle ist schon auf dem Weg zu ihm«, unterbrach ihn sein Sohn. »Und Nick und ein paar von den anderen behalten sie im Auge.«

Der Rest der Mahlzeit verlief in völligem Schweigen. Als sie fertig gegessen hatten, half Barney seiner Mutter, das Geschirr in die Spüle zu tragen und holte auch noch einen Eimer Wasser von der Pumpe, die auf dem kleinen Hof hinter dem Haus stand. Dann verabschiedete er sich – es war bereits nach eins, und in einer halben Stunde fingen die Exerzitien an; er musste sich sputen, um noch rechtzeitig am Turm zu sein.

Tom blickte seinem Sohn voller Stolz nach, als er das Haus verließ und mit schnellen Schritten – aber ohne zu rennen – in südlicher Richtung davonging. »Er ist ein richtiger Prachtkerl«, sagte er. Er schüttelte den Kopf. »Fünf Jahre! Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich es einfach nicht glauben. Wir haben wirklich Glück, einen solchen Sohn zu haben, nicht wahr?«

Alyssa nickte. Aber sie sah ihren Mann dabei nicht an, sondern konzentrierte sie ganz auf das schmutzige Geschirr, das Barney ihr in die Spüle gestapelt hatte.

Sie wollte nicht, dass Tom ihre Tränen sah.

Constabler McGillycaddy sah nicht aus, wie man es von einem Constabler der königlich-britischen Polizei erwartete.

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