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Der Hexer 60

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Vorwort
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Bote aus dem Jenseites
  8. Vorschau
  9. Die Serie auf einen Blick
  10. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  11. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 59 bis 61.

Einer Katze werden im Volksmund neun Leben nachgesagt. Nun, diese Marke hat der Hexer noch nicht erreicht, schickt sich aber an, den eigenwilligen Vierbeinern Konkurrenz zu machen. Vielleicht liegt es daran, dass Wolfgang und Heike Hohlbein Katzenfans sind und sie züchten, jedenfalls scheint er im Hinblick auf die Abenteuer Robert Cravens ein Vorbild an ihnen genommen zu haben.

Zum ersten Mal erblickte der Hexer als einer von mehreren Helden innerhalb der Heftserie »Gespenster-Krimi« das Licht der (Verlags-)Welt. Acht Bände lang währte diese Kindheitsphase, wenn ich sie einmal so nennen darf. Dann wurde der Gespenster-Krimi eingestellt, was jedoch im Gegensatz zu den anderen Helden nicht das Ende des Hexers bedeutete, ganz im Gegenteil. Er erschien fortan als eigenständige Serie. In weiteren neunundvierzig Heftromanen wurden »Die phantastischen Abenteuer des Robert Craven«, wie der Untertitel lautete, beschrieben.

Nach knapp zwei Jahren, unmittelbar vor Erscheinen des Jubiläumsbandes 50, musste die Serie jedoch eingestellt werden. Sie hatte zwar von Anfang an eine begeisterte Leserschaft, doch war ihre Zahl leider zu gering.

Damit war auch der Plan vom Tisch, ähnlich wie bei John Sinclair eine zusätzlich zu den Heftromanen regelmäßig erscheinende Hexer-Taschenbuchserie herauszubringen, in der Roberts Vater, Roderick Andara, die Hauptrolle spielen sollte. Das endgültige Ende des Hexers schien gekommen; das erste Taschenbuch war zwar bereits fertig geschrieben, landete aber vorerst auf Halde.

Dann jedoch ereignete sich ein kleines Wunder. Die acht Hexer-Romane aus dem Gespenster-Krimi wurden in Form eines dicken Taschenbuch-Jumbos nachgedruckt – und es verkaufte und verkaufte sich, überflügelte binnen kürzester Zeit die Auflage der Hefte und mauserte sich zu einem regelrechten Bestseller. Anscheinend hatte die Serie mit ihrem anspruchsvollen Konzept erst im Buch ihre ideale Erscheinungsform gefunden; hinzu kam, dass diesmal Wolfgang Hohlbein als Autor auf dem Cover stand und er sich mit anderen Werken bereits eine treue Leserschaft erschrieben hatte, die erst jetzt, als das Pseudonym gelüftet war, auch auf den Hexer aufmerksam wurde. Völlig verblüfft über den unerwartet großen Erfolg lieferte der Bastei-Verlag rasch weiteren Lesestoff nach. Das bereits erwähnte Taschenbuch um Roderick Andara, das den ersten Band dieser Edition bildet, erschien und wurde ebenfalls ein Erfolg.

Weitere Jumbo-Bände mit Nachdrucken der Heftromane folgten, doch waren darin längst nicht alle Bände enthalten. Dafür war schlicht und einfach nicht genügend Zeit vorhanden, denn Wolfgang arbeitete bereits an einer Fortsetzung. Man wollte den Markt nicht mit mehreren Nachdrucken pro Jahr überschwemmen, weshalb in den vierten Jumbo-Band »Die sieben Siegel der Macht« nur die zum Verständnis der Gesamthandlung unbedingt nötigen Romane der Hefte 22 bis 49 aufgenommen wurden, an die mit einem neuen Buch angeknüpft wurde.

So feierte Robert Craven dann rund fünf Jahre nach der Einstellung der Serie mit »Der Sohn des Hexers« ein triumphales Comeback …

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 60
Bote aus dem Jenseites

Die Ratte war so groß wie ein Airdale-Terrier und mindestens genauso angriffslustig, aber sie sah nicht halb so ansehnlich aus – und unglücklicherweise war sie nicht einmal annähernd so feige, wie es diese hysterischen Kläffer zumeist sind. Abgesehen von diesen Unterschieden zu den gestylten Luxushündchen, die normalerweise von ebenso gestylten Luxusdamen an vergoldeten Leinen spazieren geführt wurden und alles anbellten, was größer als sie selbst war (und sich in sicherer Entfernung befand), gab es allerdings noch einen Unterschied: Airdale-Terrier pflegen im Allgemeinen einzeln aufzutreten.

Die Ratte nicht.

Sie hatte ein paar Kumpel mitgebracht; möglicherweise sogar ihre gesamte Familie. Genau konnte ich das nicht sagen – das Teilstück des Tunnels, das ich überblicken konnte, war nur zwanzig oder dreißig Fuß lang; alles, was dahinter lag, war in einer unangenehmen, irgendwie klebrigen Schwärze verborgen, die leer sein mochte, ebenso gut aber auch noch etliche Dutzend Onkel und Tanten des graubraunen Ungetüms enthalten konnte, die eigens aus Transsylvanien oder Timbuktistan angereist waren. Wie es aussah, war ich direkt in ein Familientreffen der gefräßigen Nager hineingeplatzt.

Normalerweise habe ich nichts gegen Geselligkeiten jeder Art, aber diese Party gefiel mir ganz und gar nicht – ich wurde nämlich das Gefühl nicht los, dass ich mich nicht nur in der Rolle eines uneingeladenen Gastes befand, sondern zugleich auch die Hauptmahlzeit darstellte. Die Ratte jedenfalls hatte schon ein gutes Stück aus meiner Hose herausgebissen und kaute genüsslich darauf herum. Immerhin trug ich besten Londoner Tweed, und wenn das Vieh auf den Geschmack kam, mochte es vielleicht auch das Fleisch darunter in Kauf nehmen, um den Rest meiner Beinkleider zu ergattern …

Ich verscheuchte die albernen Gedanken – die ohnehin nichts anderes als Hysterie waren, mit denen etwas in mir meine an Panik grenzende Furcht zu kompensieren versuchte – und packte den Knüppel fester, mit dem ich mich bewaffnet hatte. Eigentlich war es nur ein Holzscheit, kaum anderthalb Fuß lang, das noch dazu lange genug im Wasser gelegen hatte, um halb verfault zu sein und damit so weich wie ein Reisigbesen; eine erbärmliche Waffe. Aber leider die einzige, die ich besaß. Außerdem hätte mir vermutlich auch die schärfste Klinge des gesamten Empires nicht geholfen, wenn sich die Ratten tatsächlich entschlossen, über mich herzufallen.

Und ich zweifelte keine Sekunde daran, dass sie das tun würden. Ich hatte den Fehler begangen, auch nur einen Augenblick lang nicht auf meine Umgebung zu achten, und dieser Augenblick musste gereicht haben, mich direkt in ihr Revier hineinzuführen. Der Tunnel vor mir wimmelte von struppigen grauen und braunen Leibern, und ich konnte die Blicke von Hunderten gieriger kleiner Augen beinahe körperlich auf mir spüren. Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmte, was man sich über die Londoner Kanalratten erzählte, dann war ich verloren, denn diese Biester galten nicht nur als besonders verschlagen und heimtückisch, sondern auch als ganz besonders gefräßig. Sie hätten schon ziemlich dumm sein müssen, um einen so appetitlichen Happen, wie ich ihn in ihren Augen zweifellos darstellte, anstandslos wieder gehen zu lassen.

Das Tier, das mich in den Hosensaum gebissen hatte, kam jetzt mit kleinen, trippelnden Schritten wieder näher. Ich konnte sehen, wie es schnüffelnd die Luft einsog, wie ein Hund, der eine Witterung aufnimmt. Die anderen rührten sich nicht (das heißt: natürlich rührten sie sich – sie huschten und rannten unentwegt durcheinander, sodass sie eine einzige, quirlende graubraune Masse zu bilden schienen, aber die Bewegung war noch nicht zielgerichtet, wie sie es bei einem direkten Angriff gewesen wäre), aber das musste nicht unbedingt bedeuten, dass sie kein Interesse an mir hatten. Vielleicht hatten sie diese eine sozusagen als Scout vorausgeschickt, um meinen Geschmack und möglicherweise auch meine Wehrhaftigkeit zu testen.

Ich gab ihr eine Kostprobe von Letzterem, indem ich mit meinem Knüppel nach ihr schlug – sie ganz absichtlich aber verfehlte. Es hätte mir wenig genutzt, diesem einen Tier den Schädel einzuschlagen und damit vielleicht einen Angriff fünfhundert anderer zu provozieren.

Immerhin trieb der Schlag, der wenige Inches vor ihr durch die Luft pfiff, die Ratte wieder ein Stück zurück. Zugleich aber stieß sie auch einen schrillen Pfiff aus, und eine nicht eben geringe Anzahl ihrer struppigen Verwandten wandte seine Aufmerksamkeit nun ganz mir zu.

»Nicht doch«, sagte ich mit einem hastigen verlegenen Lächeln. »Macht ruhig weiter, Leute. Tut einfach so, als wäre ich gar nicht da.«

Ich redete Unsinn, und ich wusste es, aber allein der Klang einer menschlichen Stimme, auch wenn es meine eigene war, schien die angsterfüllte Atmosphäre ein wenig zu lockern. Vielleicht half sie sogar wirklich, denn ich sah, wie einige Ratten erschrocken zusammenfuhren und Sekunden später in der Dunkelheit verschwanden. Möglicherweise hatten sie schlechte Erfahrungen mit den Wesen gemacht, zu denen Stimmen solcher Art gehörten.

Aber wenn, dann galt das leider nicht für alle. Nicht einmal für sehr viele.

Die Ratte kam schon wieder näher, und sie war jetzt nicht mehr allein, sondern wurde von drei oder vier anderen Nagern begleitet, die sich mir ebenso vorsichtig, aber mit einer ebenso großen Gier in den Augen näherten wie sie.

»Ich würde das nicht tun, Freunde«, sagte ich. »Ich schmecke scheußlich, glaubt mir.«

Nein – sie glaubten mir ganz offensichtlich nicht. Sie kamen weiter näher, und ich begann mich Schritt für Schritt – und rückwärts gehend, um die grauen Killer auch nicht für eine Sekunde aus den Augen zu verlieren – im gleichen Tempo zurückzuziehen. Alles in mir schrie danach, herumzufahren und davonzurennen, so schnell ich konnte, aber ich gestattete es mir nicht, diesem Impuls nachzugeben; und das aus gleich zwei guten Gründen: Zum einen wusste ich, dass Ratten – zumal in so großer Zahl – einfach schneller rennen können als ein Mensch, selbst wenn er sich in bester körperlicher Verfassung befindet. Und zum anderen befand ich mich in keiner guten körperlichen Verfassung; eher in einer erbärmlichen. Und die Vorstellung zu rennen und dabei jede Sekunde damit rechnen zu müssen, von einem struppigen Ungeheuer angesprungen zu werden, das seine Zähne in meinen Nacken oder meine Beine schlug, jagte mir eine zehn Mal größere Furcht ein, als es der Anblick der Ratten tat.

Verzweifelt versuchte ich mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen war. Irgendwann auf dem Weg war mir eine Anzahl eiserner Trittstufen aufgefallen, die in die Tunnelwand eingelassen waren und in die Höhe führten. Wenn ich sie erreichte, hatte ich vielleicht eine Chance. Aber ich vermochte einfach nicht zu sagen, ob sie zehn, hundert oder auch tausend Schritte hinter mir lag.

Genau genommen vermochte ich überhaupt nicht zu sagen, wie ich hierhergekommen war. Seit dem Angriff des Shoggotenmonsters auf Viktors Haus mussten Stunden vergangen sein, Stunden, in denen ich halb verrückt vor Angst durch das Labyrinth der Kanalisation irrte und in denen der einzige klare Gedanke, den ich überhaupt fassen konnte, der gewesen war, um jeden Preis die Nähe von Menschen zu meiden. Etwas in mir krümmte sich noch jetzt vor Entsetzen, als ich mich erinnerte, wie nahe ich daran gewesen war, Viktor zu töten. Und obwohl meine Erinnerungen noch immer ein einziges Chaos aus sinnlos in- und übereinander gestapelten Bildern und Szenen waren, wusste ich doch eines mit unerschütterlicher Sicherheit: Ich hätte es getan, wäre ich nicht Hals über Kopf aus seinem Laboratorium geflohen. Ich war blindlings in Freie gestürzt, und wahrscheinlich war es wenig mehr als ein Instinkt gewesen, der mich hierher hatte fliehen lassen, in die Kanalisation, wo ich sicher vor der Gesellschaft anderer Menschen war – und diese vor allem vor mir. Erst als ich das zornige Quietschen hörte, eine halbe Sekunde darauf einen brennenden Schmerz am Schienbein verspürte und eine weitere halbe Sekunde später begriff, dass das dünne zuckende Etwas, auf dem ich stand, ein Rattenschwanz war, war ich aus meiner Betäubung erwacht – übrigens nicht nur aus dem Schock, der sich meiner nach der schrecklichen Szene in Viktors Laboratorium bemächtigt hatte. Es war, als hätte dieser abgrundtiefe Schrecken eine ganze Anzahl weiterer, bis dato verschlossener Türen in meinem Kopf aufgestoßen, und ich erinnerte mich jetzt an viel mehr als noch am Morgen; längst nicht an alles, aber doch an vieles, und nicht alle dieser Erinnerungen waren angenehm. Dummerweise sah es im Moment ganz so aus, als würde ich nicht mehr viel Zeit haben, auch den Rest meiner Erinnerungen wieder zurückzubekommen. Die Ratten hatten die Verfolgung nicht aufgegeben. Zwar beteiligten sich zu meiner Erleichterung längst nicht alle an dem Unternehmen, das Abendessen am Davonlaufen zu hindern, aber es mussten immerhin gute zwei Dutzend sein – entschieden zu viele, um sich auf eine handgreifliche Aussprache über die Speisefolge an diesem Abend einzulassen. Wahrscheinlich hätte ich in meinem augenblicklichen Zustand nicht einmal gegen eines der Monster eine gute Figur gemacht …

Ich prallte mit dem Rücken gegen etwas Hartes. Ich drehte mich immer noch nicht herum, erinnerte mich aber jetzt, mich ganz automatisch unter einem Mauervorsprung hinweggeduckt zu haben – die Leiter konnte jetzt nicht mehr weit sein. Vielleicht noch zehn Schritte. Die Verlockung, mich herumzudrehen und einfach loszustürmen, wurde übermächtig. Aber ich wusste auch, dass ich verloren war, wenn ich ihr nachgab. So zwang ich mich weiter rückwärts und mit bewusst langsamen Bewegungen zu gehen und den Anblick der Ratten zu ertragen, die sich immer ein ganz klein bisschen schneller bewegten, als ich es tat. Es war ein Rechenexempel, wann sie mich eingeholt bzw. die Distanz zwischen uns so sehr verkürzt hatten, dass ihre Instinkte ihnen endgültig den Angriff befahlen. Zehn Schritte, dann noch acht, sechs …

Ich spürte es, einen Sekundenbruchteil, ehe ich sah, wie sich der Anführer der Rattenmeute zum Sprung spannte. Für einen winzigen, zeitlosen Moment schien etwas wie eine fühlbare Aggressivität in der Luft zu liegen, fast, als könne ich mit einem unheimlichen zusätzlichen Sinn die Gedanken der Ratten verfolgen, und vermutlich war es auch das, was mir letztlich das Leben rettete – auch wenn mir dies erst viel später klar werden sollte.

Instinktiv warf ich mich zur Seite und gleichzeitig herum. Die Bewegung fiel so aus, wie es in meinem desolaten Zustand zu erwarten war: alles andere als schnell oder gar geschickt, sondern eher langsam und fast tölpelhaft. Es gelang mir nicht, der Ratte auszuweichen, die nach meiner Kehle sprang, und ich verlor auf dem schmierigen Boden des Kanalisationsrohres um ein Haar das Gleichgewicht.

Immerhin verfehlten die zuschnappenden Zähne der Ratte meine Kehle und verbissen sich stattdessen in die Schulter meiner Jacke. Ich spürte einen heftigen Schmerz – keinen Biss, denn der dicke Stoff schützte mich – aber doch den enormen Druck, den die so täuschend kleinen Kiefer des struppigen Monsters ausübten, schrie auf und schlug mit der linken Hand nach dem Ungeheuer. Zugleich stürmte ich mit weit ausgreifenden Schritten los.

Eine zweite Ratte sprang nach meinem Bein, verbiss sich in meine Wade und wurde mit einem fast überrascht klingenden Quietschen davongeschleudert, als ich einen gewaltigen Schritt tat, sodass sie gegen die Wand flog und hilflos daran herunterglitt, und dem Angriff eines dritten Nagers entging ich nur durch pures Glück. Dann sah ich die Leiter vor mir.

Sie war noch ein gutes Stück weiter entfernt, als ich geglaubt hatte, aber die Todesangst verlieh mir zusätzliche Kräfte. Halb spurtend, halb über den schmierigen Boden schlitternd, erreichte ich die Leiter, sammelte alle Kraft zu einem letzten verzweifelten Sprung und stieß mich ab. Die Ratte hing noch immer an meiner Schulter und versuchte sich durch den Stoff zu wühlen, aber ich hörte trotzdem auf, auf sie einzuschlagen, und streckte beide Arme weit vor, um die rostigen Eisenstufen zu ergreifen.

Es gelang. Mit einem fast olympiareifen Sprung erreichte ich die Sprosse, klammerte mich daran fest und zog gleichzeitig die Knie an den Leib, um vollends aus der Reichweite der Rattenmeute unter mir zu kommen. Ganz kurz musste ich mich gegen die schreckliche Vorstellung wehren, dass das rostige Eisen unter meinen gut hundertfünfzig Pfund Gewicht nachgeben und zerbrechen könnte, sodass ich direkt in die heranwuselnde Rattenhorde zurückfiel. Aber diese Angst war unbegründet. Die Sprosse mochte uralt und verrostet sein, aber sie hielt.

Nur die Wand, in die sie eingelassen war, nicht.

Ich konnte tatsächlich spüren, wie meine Augen vor Entsetzen ein Stück aus den Höhlen quollen, als sich die Trittstufe mit einem lauten Knirschen aus der Wand löste. Mit haltlos rudernden Armen kippte ich nach hinten, kam einen Sekundenbruchteil zu spät auf den Gedanken, die nutzlose Sprosse fallen zu lassen und nach einer anderen zu greifen, und verfehlte sie um wenige Millimeter. Ich stürzte nach hinten, schlug einen ungeschickten halben Salto in der Luft und fiel auf etwas Weiches, das einen schrillen Schrei ausstieß und dann still lag.

Für einen Moment drohten mir die Sinne zu schwinden. Wahrscheinlich war es nur eine Sekunde, vielleicht sogar noch weniger, aber als ich die Augen wieder öffnete, hatte die Ratte endlich ihre Zähne aus meiner Schulter gezogen und war dabei, mit emsigen Bewegungen auf meine Brust hinaufzuklettern, um sie stattdessen in mein Gesicht oder meine Kehle zu schlagen. Instinktiv schlug ich nach ihr und traf sie auch – sie flog davon, prallte gegen die Wand und blieb zuckend liegen.

Aber die Gefahr war keineswegs vorbei. Ich hatte eine, möglicherweise auch zwei Ratten bei meinem Sturz unter mir begraben und zerquetscht, aber mindestens zwei Dutzend weitere befanden sich noch in meiner unmittelbaren Nähe – und sie griffen auf der Stelle an!

Verzweifelt versuchte ich in die Höhe zu kommen, glitt aber auf dem schmierigen Boden sofort wieder aus und erschlug dabei ganz aus Versehen eine dritte Ratte. Gleichzeitig spürte ich, wie sich kleine, aber rasiermesserscharfe und entsetzlich starke Zähne in meine Waden gruben. Ich schrie vor Schmerz und Angst, schlug blindlings um mich und bekam etwas Hartes zu fassen – die Leitersprosse, die ich aus der Wand gebrochen hatte! Ganz automatisch ergriff ich sie und schlug damit zu. Ich erlegte eine weitere Ratte, aber dann war das Gros der anderen heran und überspülte meine Beine wie eine braune, lebende Woge, die nur aus Zähnen und winzigen reißenden Krallen zu bestehen schien. An einem Dutzend Stellen zugleich gruben sich Fänge in meine Kleider und die Haut darunter, etwas kroch in mein Hosenbein und zerriss mir mit den Krallen die Haut, und ein hässliches, haariges Nagergesicht erschien unmittelbar vor dem meinen, die Zähne gebleckt, um sie in meine Haut oder auch die weicheren Augen zu schlagen.

»Nein!«, schrie ich verzweifelt. »Hört auf! Geht weg! Geht doch weg!«

Es war nicht mehr als der gellende Angstschrei eines Kindes, das weiß, dass das Ungeheuer aus seinen Träumen Wirklichkeit geworden ist und es holt, aber ich schrie immer wieder und wieder, und etwas in mir fing diesen Schrei auf und stimmte darin ein. Ich merkte nicht einmal, dass ich mich wimmernd zusammenkrümmte, die Beine an den Leib gezogen und die Arme schützend über das Gesicht geschlagen.

Aber nach einer Weile merkte ich, dass ich noch am Leben war.

Und dass die Ratten von mir abgelassen hatten.

Völlig verstört – und von nichts so sehr überzeugt wie der aberwitzigen Angst, dass ich nur die Augen zu öffnen bräuchte, um die Ratten dadurch zu einem neuen Angriff zu provozieren – nahm ich die Arme herunter und richtete mich ein wenig auf.

Die Ratten waren noch da.

Sie hockten, einen fast perfekten Dreiviertel-Kreis bildend, in dessen gedachtem Schnittpunkt ich mich befand, weniger als einen Yard von mir entfernt und starrten mich an; und wenn ein Rattengesicht überhaupt in der Lage ist, irgendein Gefühl auszudrücken, so war das, was ich auf den ihren las, eine Verblüffung, die kaum weniger gewaltig war als meine eigene.

Für eine Sekunde fragte ich mich allen Ernstes, ob ich mir den Angriff und alles andere vielleicht nur eingebildet hatte. Aber er war real gewesen – ich blutete aus einem Dutzend winziger, aber heftig brennender Bisswunden, meine Kleider hingen in Fetzen, und in der Hand hielt ich noch die Eisensprosse, an deren rostigem Ende Blut und graue drahtige Haare klebten.

Unendlich behutsam richtete ich mich weiter auf. Die Ratten reagierten nicht auf die Bewegung, aber sie starrten mich weiter auf eine Art an, die mich schaudern ließ. In ihren Augen loderte eine animalische Gier und jene Mordlust, zu der diese Wesen wohl als einzige Vertreter des Tierreiches fähig waren, aber auch noch etwas anderes, das ich nicht in Worte fassen konnte, das mir aber fast noch mehr Angst machte. Was um alles in der Welt ging hier vor?

Ich richtete mich weiter auf. Die Ratten regten sich noch immer nicht, und ich begann etwas wie eine vorsichtige Erleichterung zu empfinden. Wunder oder nicht, vielleicht hatte ich ja doch noch eine Chance, lebend hier herauszukommen.

Im gleichen Moment preschte eine der Ratten vor und schnappte nach meinem Fuß.

»Nein!«, schrie ich.

Die Ratte blieb stehen. Wieder erschien dieser bei einem Tier eigentlich unmögliche Ausdruck von Verwunderung auf ihrem spitzen Gesicht, und dann begann sie Schritt für Schritt zurückzuweichen, bis sie ihren Platz in der Reihe der anderen wieder eingenommen hatte. Es war fast, als … als hätte sie meine Worte verstanden und dem Befehl gehorcht!

»Geht zurück!«, befahl ich.

Die Ratten zogen sich zurück. Nicht sehr weit und mit sichtlichem Widerwillen, aber sie gehorchten. Vor lauter Verblüffung riss ich Mund und Augen auf, und sofort geschah dasselbe wie gerade, als ich in meiner Aufmerksamkeit nachgelassen hatte: Die Ratten rückten wieder vor – und blieben abermals stehen, als ich ihnen ein befehlendes »Nein!« entgegenrief.

Für lange Sekunden stand ich einfach da und blickte sie an. Das Geschehen war so unheimlich, dass meine Furcht wieder erwachte, jetzt aber von völlig anderer Art war. Irgendetwas ging hier vor, etwas Unheimliches, das ich beim besten Willen nicht erklären konnte und das mir beinahe mehr Angst machte, als es alle Ratten Londons zusammengenommen vermocht hätten. Ich musste plötzlich wieder an das Empfinden denken, das ich vorhin gehabt hatte – das absurde Gefühl, die Gedanken der Ratte zu spüren. War es möglich, dass ich tatsächlich … mit ihnen sprach? Auf eine unheimliche, mir selbst Angst machende Weise mit diesen Tieren kommunizierte – und ihnen zu Befehlen imstande war?

Logisch betrachtet sicher nicht. Aber da waren gewisse, sonderbare Bemerkungen gewesen, die Viktor gemacht hatte, und ich spürte auch im gleichen Moment, wie sich hinter den verschlossenen Türen in meinem Gedächtnis etwas regte; eine Information, die heraus wollte und es nicht konnte, sich aber durch ein kräftiges Klopfen bemerkbar machte.

Ganz, ganz behutsam richtete ich mich vollends auf, wich rückwärts gehend bis zur Wand zurück und tastete nach den Leitersprossen. Die Ratten behielten mich dabei aufmerksam im Auge, und ich starrte sie an. Ja, jetzt hatte ich keinen Zweifel mehr – ich spürte ihre Gier, die brodelnde Mordlust und den unstillbaren Hunger, der in ihren Eingeweiden wühlte. Aber ich spürte auch, dass sie es aus irgendeinem Grunde nicht wagten, mich anzugreifen.

»Bleibt, wo ihr seid!«, sagte ich. »Rührt euch nicht von der Stelle!«

Meine tastenden Finger ergriffen rostiges Eisen und schlossen sich darum. Ich rüttelte an der Stufe, aber diesmal schien sie mein Gewicht zu halten. Vermutlich war nur der plötzliche Ruck zu viel gewesen oder ich hatte das Pech gehabt, die einzige wirklich morsche Stufe zu erwischen. So oder so – ich musste das Risiko eingehen.

Ich bedachte die Ratten mit einem letzten, warnenden Blick, raffte all meinen Mut zusammen und drehte mich mit einem Ruck herum. Sofort spürte ich, wie der unheimliche Bann von den Ratten abfiel und sie wieder vorstürmten. Während ich hastig in die Höhe kletterte, bildeten sie einen geifernden, zischenden Haufen am Fuße der Leiter und ein Nijinski unter ihnen versuchte tatsächlich zu mir in die Höhe zu springen, handelte sich damit aber nur einen derben Tritt auf die Nase ein, der ihn quiekend in die Meute der anderen zurückfallen ließ, die sich sofort auf ihn stürzten. Offensichtlich kannte ihre Mordlust plötzlich keine Grenzen mehr.

Rasch kletterte ich weiter, erreichte die Decke und hielt noch einmal inne. Die Sprosse führte in einen sehr engen, kreisrunden Schacht, über dem aber kein Tageslicht war, auch nicht das ...

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