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Der Hexer 59

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Vorwort
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Das Erwachen
  8. Vorschau
  9. Die Serie auf einen Blick
  10. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  11. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 59 bis 61.

Einer Katze werden im Volksmund neun Leben nachgesagt. Nun, diese Marke hat der Hexer noch nicht erreicht, schickt sich aber an, den eigenwilligen Vierbeinern Konkurrenz zu machen. Vielleicht liegt es daran, dass Wolfgang und Heike Hohlbein Katzenfans sind und sie züchten, jedenfalls scheint er im Hinblick auf die Abenteuer Robert Cravens ein Vorbild an ihnen genommen zu haben.

Zum ersten Mal erblickte der Hexer als einer von mehreren Helden innerhalb der Heftserie »Gespenster-Krimi« das Licht der (Verlags-)Welt. Acht Bände lang währte diese Kindheitsphase, wenn ich sie einmal so nennen darf. Dann wurde der Gespenster-Krimi eingestellt, was jedoch im Gegensatz zu den anderen Helden nicht das Ende des Hexers bedeutete, ganz im Gegenteil. Er erschien fortan als eigenständige Serie. In weiteren neunundvierzig Heftromanen wurden »Die phantastischen Abenteuer des Robert Craven«, wie der Untertitel lautete, beschrieben.

Nach knapp zwei Jahren, unmittelbar vor Erscheinen des Jubiläumsbandes 50, musste die Serie jedoch eingestellt werden. Sie hatte zwar von Anfang an eine begeisterte Leserschaft, doch war ihre Zahl leider zu gering.

Damit war auch der Plan vom Tisch, ähnlich wie bei John Sinclair eine zusätzlich zu den Heftromanen regelmäßig erscheinende Hexer-Taschenbuchserie herauszubringen, in der Roberts Vater, Roderick Andara, die Hauptrolle spielen sollte. Das endgültige Ende des Hexers schien gekommen; das erste Taschenbuch war zwar bereits fertig geschrieben, landete aber vorerst auf Halde.

Dann jedoch ereignete sich ein kleines Wunder. Die acht Hexer-Romane aus dem Gespenster-Krimi wurden in Form eines dicken Taschenbuch-Jumbos nachgedruckt – und es verkaufte und verkaufte sich, überflügelte binnen kürzester Zeit die Auflage der Hefte und mauserte sich zu einem regelrechten Bestseller. Anscheinend hatte die Serie mit ihrem anspruchsvollen Konzept erst im Buch ihre ideale Erscheinungsform gefunden; hinzu kam, dass diesmal Wolfgang Hohlbein als Autor auf dem Cover stand und er sich mit anderen Werken bereits eine treue Leserschaft erschrieben hatte, die erst jetzt, als das Pseudonym gelüftet war, auch auf den Hexer aufmerksam wurde. Völlig verblüfft über den unerwartet großen Erfolg lieferte der Bastei-Verlag rasch weiteren Lesestoff nach. Das bereits erwähnte Taschenbuch um Roderick Andara, das den ersten Band dieser Edition bildet, erschien und wurde ebenfalls ein Erfolg.

Weitere Jumbo-Bände mit Nachdrucken der Heftromane folgten, doch waren darin längst nicht alle Bände enthalten. Dafür war schlicht und einfach nicht genügend Zeit vorhanden, denn Wolfgang arbeitete bereits an einer Fortsetzung. Man wollte den Markt nicht mit mehreren Nachdrucken pro Jahr überschwemmen, weshalb in den vierten Jumbo-Band »Die sieben Siegel der Macht« nur die zum Verständnis der Gesamthandlung unbedingt nötigen Romane der Hefte 22 bis 49 aufgenommen wurden, an die mit einem neuen Buch angeknüpft wurde.

So feierte Robert Craven dann rund fünf Jahre nach der Einstellung der Serie mit »Der Sohn des Hexers« ein triumphales Comeback …

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 59
Das Erwachen

17./18. Februar 1887

Ein gleißender Blitz schlug in das Gebäude am Ashton Place Nummer 9 ein. Es war kein gewöhnlicher Blitz. Der blauen Narbe, die er in die Nacht gebrannt hatte, folgte eine Spur lodernder, blauweißer Funken, die wie winzige flammende Meteore auf das Dach niederregneten und rauchende Spuren in den Dachziegeln hinterließen. Wo sie auf Metall trafen, glühte dieses in einem düsteren, unheimlichen Rot auf, wo sie auf Glas trafen, schwärzten sie es und ließen es zerspringen, wo sie Holz berührten, flammte es auf und verkohlte binnen weniger Augenblicke. Dem ersten Blitz folgte ein zweiter, dem zweiten ein dritter, vierter und fünfter, immer schneller und schneller, bis der Himmel flackerte wie das Innere einer Laterna Magica, deren Lochscheibe nicht schnell genug gedreht wurde. Selbst in den Sekundenbruchteilen zwischen den Blitzen erlosch dieses fürchterliche Licht nicht ganz. Ein unheimliches, flackerndes Glühen hatte den Himmel ergriffen, ein Sog aus Licht, dessen loderndes Zentrum sich genau über dem brennenden Herrenhaus am Ashton Place befand.

Andara-House brannte wie eine Fackel. Ein Teil des Dachstuhles war bereits zusammengebrochen; ganze Wolken von weiß glühenden Funken stoben wie leuchtende Höllenkäfer aus dem Haus, und überall waren Flammen, Flammen, Flammen … Das Haus war unrettbar verloren. Hinter den Fenstern im Erdgeschoss wütete die Hölle. Ein unvorstellbarer Sturm tobte über dem Anwesen, und so quälend hell das Licht der Blitze und des wirbelnden Strudels auch sein mochten, umso vollkommener war die Dunkelheit, die ringsum herrschte. Das Gebäude schien am Grunde eines Schachtes aus Finsternis zu stehen. Für die Menschen in der Stadt musste es so aussehen, als hätte die Hölle selbst ihre Pforten aufgetan, um ihre schlimmsten Gewalten über die Welt der Menschen auszuschütten. Für Howard sah es nicht so aus.

Er wusste, dass es so war.

Er hatte all seine Kraft aufwenden müssen um auch nur die Tür des Fuhrwerks zu öffnen. Der Sturm hatte sich mit unsichtbaren Fäusten dagegengeworfen, als wolle er mit aller Gewalt verhindern, dass er den Wagen verließ. Irgendwie hatte er es doch geschafft, aber nur um sofort von einer Windböe gepackt, von den Füßen gerissen und wie ein welkes Blatt in einem Feuersturm davongewirbelt zu werden. Er hatte versucht sich irgendwo festzuklammern, aber seine Kraft hatte dazu einfach nicht gereicht. Wäre er nicht gegen ein Hindernis geschleudert worden, so hätte ihn der Sturm vermutlich bis ans Ende der Straße geschleudert. Der Aufprall war so hart gewesen, dass er halb betäubt einige Augenblicke lang liegen blieb.

Aus der Kutsche drang das Weinen des Kindes, ein dünner, sonderbar klagender Laut, der trotz des Wütens des Höllensturmes sehr deutlich zu vernehmen war, und die Pferde zerrten immer ängstlicher an ihrem Geschirr. Ihre Hufe schlugen Funken aus dem Pflaster, und von ihren Nüstern tropfte Schaum. Die Kutsche wankte wild hin und her, und Howard begriff plötzlich, dass es gar nicht die Frage war, ob sie umfiel, sondern nur mehr die, wann und warum. Wenn der Sturm sie nicht von den Rädern riss, dann würden die Pferde in wenigen Augenblicken durchgehen. Von dem Kutscher war keine Spur zu sehen. Howard hoffte, dass er sich vor dem Sturm in Sicherheit gebracht hatte und nicht zu einem weiteren unschuldigen Opfer im Ringen der Götter geworden war. Sicher war er nicht. Den Wesen, denen sie sich entgegengestellt hatten, war ein Menschenleben nicht nur gleichgültig – Howard bezweifelte, dass sie überhaupt begriffen, dass Menschen mehr waren als Dinge, die sie nach Gutdünken benutzen oder auch zerstören oder wegwerfen konnten.

Er wusste nicht, wie lange er so dalag. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, aber wahrscheinlich waren nur Augenblicke vergangen, als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn mit solcher Kraft in die Höhe riss, dass er erschrocken aufschrie. Im ersten Moment erkannte er den Fremden nicht einmal. Er sah nur ein breites, seltsam formloses Gesicht über sich, das hinter dem peitschenden Regen und den Ascheschleiern des Sturmes zu verschwimmen schien, und schlug die Hand ganz instinktiv zur Seite. Gleichzeitig versuchte er einen Schritt zurückzuweichen, schlug mit der geballten Faust nach der Gestalt und versuchte mit der anderen Hand seine Waffe zu ziehen. Er war in einem Universum des Todes gefangen, und wer immer dieser Eindringling war, konnte nur sein Feind sein.

»H.P.! Nich! Ich bins doch!«

Er erkannte Rowlfs Stimme, erst dann sein Gesicht; und trotzdem dauerte es noch einmal zwei oder drei Sekunden, ehe er aufhörte, mit den geballten Fäusten auf die Brust des Riesen einzuschlagen. Er konnte einfach nicht aufhören. Ihm war wehgetan worden; so entsetzlich weh wie noch nie zuvor in seinem Leben; und auf eine Art, dass er die wahre Größe und Tiefe dieses Schmerzes noch nicht einmal richtig zu erahnen begann. Er musste einfach jemand anderem wehtun; auch wenn es keine Erleichterung brachte, sondern das Gegenteil.

Rowlf schien genau zu spüren, was in ihm vorging, denn er wehrte sich nicht, ja, er versuchte noch nicht einmal, den trommelnden Fausthieben auszuweichen, sondern schüttelte nur sanft den Kopf und ergriff dann Howards rechtes, eine Sekunde später auch sein linkes Gelenk, um sie beide mit nur einer Hand zu halten. Mit der anderen zog er Howard fast zärtlich an sich heran und hielt ihn einfach fest. Er sagte nichts, aber Howard sah, dass die Nässe in seinem Gesicht nicht nur vom Regen stammte.

Er hatte nicht einmal bemerkt, dass Rowlf ihm gefolgt war. Offensichtlich war sein überhasteter Aufbruch von der Hochzeitsgesellschaft doch nicht ganz so unbemerkt geblieben, wie er bisher geglaubt hatte. Rowlf musste die ganze Strecke gerannt sein, denn sein breites Bulldoggengesicht war von der Anstrengung gerötet, und er schnappte keuchend nach Luft. In seinem vornehmen Smoking bot er einen sonderbaren Anblick, der Howard bei jeder anderen Gelegenheit zumindest ein Schmunzeln abverlangt hätte, umso mehr, da die Fliege locker von seinem Hals baumelte, sein Hemd durchgeschwitzt war und er die obersten Knöpfe kurzerhand abgerissen hatte.

»Was is passiert?«, stieß er hervor. Sein Blick irrte zu dem brennenden Haus. »Wo is …« Er stockte. Ein Ausdruck jähen, mit Entsetzen gepaarten Begreifens machte sich auf seinen Zügen breit. »Robert?«

»Ja«, murmelte Howard, mühsam um Beherrschung ringend. Mit sanfter Gewalt löste er sich aus Rowlfs Umarmung und taumelte gleich darauf erneut gegen ihn, als ihn eine weitere Sturmböe traf. »Er ist … tot.«

Das Entsetzen auf Rowlfs Gesicht schlug in nackte Panik um. »Aber … aber das kann nich sein!« keuchte er. »Ich … ich mein, dem Kleen’ kannoch nich … er kannoch nich so einfach … er kann uns doch nich so einfach so wegsterm tun!«

Howard schwieg. Rowlf wusste so gut wie er, dass seine Worte wahr waren. In der Hölle, in die sich Andara-House verwandelt hatte, konnte nichts mehr leben. Seine Worte waren nur Ausdruck seiner Verzweiflung.

Langsam drehte er sich herum und sah wieder zu Andara-House hinüber. Ein Seitenflügel des Hauses war inzwischen eingestürzt, aber wie durch ein Wunder stand der Haupttrakt noch, obgleich dort das eigentliche Zentrum des Brandes wütete. Flammen schlugen aus dem Dach und den allermeisten Fenstern, aber auf eine fast absurde Weise wirkte das Gebäude trotzdem beinahe unversehrt. Die Blitze waren erloschen.

»Ich … bin zu spät gekommen«, fuhr er mit brüchiger Stimme fort. »Ich habe versagt, Rowlf. Ich … ich habe seinem Vater versprochen, auf ihn Acht zu geben, aber ich habe versagt.«

»Du hättst sowieso nix mehr tun könn«, antwortete Rowlf. »Es war eine verdammichte Falle. Dieses verdammte Weib! Sie hat alles so geplant gehabt. Vom allererste Momang an!«

»Ich hätte es merken müssen«, beharrte Howard. »Es ist meine Schuld, Rowlf.« Er hob die Hand, als Rowlf abermals widersprechen wollte, und wischte sich die Nässe aus dem Gesicht, von der er sich vergeblich einzureden versuchte, dass es Regenwasser sei. »Wir können jetzt nur noch eines tun. Komm.«

Schräg gegen den Sturm gestemmt, gingen sie zur Kutsche zurück. Howard versuchte die Tür zu öffnen, aber der Orkan riss sie ihm drei Mal hintereinander aus der Hand, bis Rowlf die Sache auf seine Art löste und das daumendicke Holz einfach mit einem Faustschlag zerschmetterte.

Behutsam beugte sich Howard in den Wagen, nahm das Kind heraus und presste es schützend gegen die Brust. Rowlfs Augen wurden groß.

»Was … was issn das?«, fragte er verwirrt.

»Roberts Sohn«, antwortete Howard.

»Roberts … Sohn?«, wiederholte Rowlfs ungläubig. »Du meinst, das ist … das ist Roberts Kind?« Vor lauter Aufregung vergaß er für einen Moment sogar seinen Slang. »Aber wie … ich meine, wer … ähm … mit wem …« Er schluckte hörbar. »Wer ist die Mutter?«, stieß er schließlich hervor.

Howard lächelte flüchtig. »Nun, ich denke, Robert hätte sie als einen Engel bezeichnet«, antwortete er ausweichend. »Ich erkläre es dir später einmal, Rowlf. Jetzt …« Er dachte einen Moment lang darüber nach, wie er etwas erklären konnte, das er letztendlich selbst noch nicht richtig verstand. Er hatte den Strom mentaler Energie gespürt, der auf das Kind übergegangen war; im gleichen Moment, in dem Robert starb. Aber eine Erklärung war jetzt auch nicht wichtig. Wichtig war nur der Junge. Er hielt den Säugling hoch, der prompt wieder leise zu weinen begann.

»Es ist Roberts Sohn«, sagte er noch einmal. »Es ist noch nicht vorbei, Rowlf. Wir haben jetzt die Verantwortung für ihn.«

Rowlfs Lippen begannen zu zittern. Er weinte nun ganz offen. Langsam hob er die Hand und berührte das Gesicht des Kindes; und obwohl seine Finger rau und plump und seine Pranke fünf Mal so groß wie das ganze Gesicht des Kindes waren, geschah etwas Sonderbares: Der Junge hörte auf zu weinen, blickte aus sonderbar klaren Augen zu Rowlf hoch – und griff mit einer winzigen Hand aus seinen Windeln heraus nach Rowlfs kleinem Finger.

Und der Anblick war nicht einfach nur herzerweichend – er löste noch etwas völlig anderes in Howard aus, eine wahnwitzige Idee, wie sie nur aus der Verzweiflung geboren werden konnte. Es durfte nicht so enden. Nicht so. Robert und er hatten sich im Streit getrennt, und das durfte einfach nicht sein. Er musste ihn einfach noch einmal wiedersehen, ganz egal wie und um welchen Preis; und sei es nur, um ihm zu sagen, dass er ihn verstand, und um ihn um Verzeihung zu bitten. Er wusste, dass er nicht weiterleben konnte, wenn er es nicht wenigstens versuchte. Vielleicht gab es doch eine Möglichkeit. Es war der reine Wahnsinn, ein Aufbegehren nicht nur gegen das Schicksal und die Gesetze des Lebens, sondern ein trotziges Aufbäumen gegen die Macht der Götter selbst. Die Zeit ließ sich nicht ungestraft betrügen, das wusste niemand besser als er. Und doch – ein paar Augenblicke ertrotzter Zeit nur, vielleicht nur ein paar Sekunden, ein letzter Blick in seine Augen …

Seine Gedanken mussten sich deutlich auf seinem Gesicht widerspiegeln, denn Rowlf begriff im gleichen Moment.

»Tu’s!«, forderte er. »Du kannst es tun. Du musst! Das sind wir Robert schuldig. Wir können nich einfach so –«

»Es geht nicht«, fiel ihm Howard müde ins Wort. Die Idee war noch immer in seinem Kopf, wie eine lautlos flüsternde Stimme, die er einfach nicht loswurde, ganz egal, was er auch tat. Trotzdem: »Das Kind … ich kann das Kind nicht allein lassen.«

Rowlf sah sich um. Immer noch waren weit und breit keine Passanten oder Schaulustigen zu sehen, wie es bei einem so riesigen Feuer eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Irgendetwas stimmte nicht, Howard spürte es. Sie schienen sich in einer kleinen, geschlossenen Enklave rund um Andara-House zu befinden, die völlig von der Außenwelt abgeschnitten war. Plötzlich wunderte er sich, dass es Rowlf überhaupt gelungen war zu ihm vorzudringen.

»Heda!«, rief Rowlf plötzlich. Howards Blick folgte seiner Kopfbewegung – und er stellte völlig überrascht fest, dass auf dem Kutschbock plötzlich wieder eine Gestalt saß.

Aber er war doch vollkommen sicher gewesen, den Mann noch vor zwei Minuten nirgendwo sehen zu können!

Aber er kam nicht dazu, seine Gedanken in Worte zu kleiden oder dem sanften Schrecken, mit dem sie ihn erfüllten, konsequent nachzugehen, denn Rowlf deutete wild gestikulierend auf den Kutscher. Der Mann reagierte, aber irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Seine Bewegungen wirkten sonderbar langsam und gedehnt, als wäre er in ein unsichtbares Glas mit zähflüssigem Sirup eingeschlossen. Oder als liefe die Zeit für ihn langsamer …

»Gib’s ihm«, verlangte Rowlf.

Howard schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht«, murmelte er. »Du begreifst nicht. Es ist Roberts Sohn, sein Erbe, verstehst du? Shadow ist für dieses Kind …«

Im Inneren der Kutsche bewegte sich etwas. Howard brach ab. Seine Augen weiteten sich ungläubig, als er sah, wie die tote El-o-hym sich aufrichtete.

Aber das war unmöglich!

Sie war tot! Sie hatte ihre Unsterblichkeit aufgegeben, freiwillig aufgegeben, um Roberts Sohn zu gebären; und sie war vor seinen Augen gestorben. Er war vollkommen sicher, dass sie tot war. Aber jetzt richtete sie sich hoch und streckte ihm auffordernd die schlanken Arme entgegen.

»Gib ihn … mir«, hauchte sie mit schwacher, kaum noch hörbarer Stimme. »Gib ihn mir … und dann geh. Tu, was du … tun musst!«

Howard rang eine allerletzte Sekunden lang mit sich selbst. Etwas stimmte nicht, und für einen Moment hatte er das absurde Gefühl, dass ihm die Situation völlig aus der Hand glitt. Er begriff ja noch nicht einmal, was überhaupt geschehen war und noch geschah, aber er wusste, dass das, was er vorhatte, auf keinen Fall richtig war. Er durfte es nicht. Aber dennoch …

Es war Rowlfs Stimme, die den Bann durchbrach und damit die Entscheidung brachte. »Komm endlich!«, schrie er.

Howard gab seinen Widerstand auf. Behutsam legte er das Kind in Shadows Arme. Der Säugling, der bislang völlig still gewesen war und ihn nur mit seinen dunklen Augen, in denen schon jetzt ein so furchtbares Wissen stand, angeschaut hatte, begann zu schreien, beruhigte sich aber sofort wieder. Howard zögerte noch einen Augenblick und wandte sich erst dann wortlos um, um hinter Rowlf herzueilen.

Sie näherten sich dem Haus, so weit es ihnen möglich war, bevor die Hitze unerträglich wurde. Auch der Haupttrakt brannte inzwischen so lichterloh, dass jeder Versuch, in diese Flammenhölle vorzudringen, einem Selbstmord gleichgekommen wäre. Sie hätten nicht einmal das Hauptportal erreicht. Wenn die Flammen sie nicht töteten, dann die Luft, die einfach zu heiß war, um sie zu atmen.

»Nimm das«, sagte Howard. »Nur zur Sicherheit.« Er drückte Rowlf einen sechsschüssigen Revolver in die Hand, obwohl er genau wusste, dass ihnen die Waffe nicht viel nützen würde. Dann wandte er sich wieder dem Haus zu.

»Eine Stunde dürfte reichen, um das Schlimmste zu verhindern«, murmelte er. »Wenn wir Robert rechtzeitig warnen und von hier wegbringen …«

Er sprach nicht weiter. Wenn … Dieses Wort war ihm noch nie so grausam vorgekommen wie jetzt. Sein letztes Zusammentreffen mit Robert war alles andere als freundschaftlich verlaufen. Es hatte damit geendet, dass ihn Robert aus dem Haus warf. Und auch das war vermutlich ein Teil des Planes der GROSSEN ALTEN gewesen, ein weiterer Faden in dem Netz von Intrigen, Lügen und Täuschungen, in das sie sich immer tiefer und tiefer verstrickt hatten ohne es auch nur zu merken, ein Plan, der nur das eine Ziel gehabt hatte, ihn im entscheidenden Augenblick aus dem Weg zu haben. Er wusste, dass Robert ihm nicht glauben würde. Und es war auch kaum anzunehmen, dass er seine Meinung geändert hatte. Aber nun, mit dem Wissen um die unmittelbare Zukunft, würde Howard nicht mehr zögern, ihn notfalls auch mit Gewalt aus dem Haus zu schaffen, bevor es zum Schlimmsten kam. Wenn schon nicht er selbst, so konnte Rowlf doch in dieser Hinsicht sehr überzeugend sein.

Aber das war etwas, worüber er sich Gedanken machen konnte, wenn sein Vorhaben gelang und sie Robert rechtzeitig erreichten. Wenn …

Sein Gesicht nahm einen angespannten Ausdruck an. Howards Augen wurden schmal, und seine Hände begannen zu zittern. Seine Lippen formten unhörbare, uralte Worte.

Und ganz allmählich begann sich die Wirklichkeit zu verändern …

Es war nicht zu sehen oder wirklich zu spüren. Menschliche Sinne waren nicht in der Lage, das Wirken jener Mächte zu begreifen, die Howard in diesen Momenten manipulierte. Eigentlich begriff er sie selbst nicht. Er hatte diese Fähigkeit erworben vor langer, unendlich langer Zeit, und am Anfang hatte er geglaubt, es reiche aus zu wissen, wie man etwas tat, nicht,

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