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Der Hexer 49

E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein

Anubis

Horus

Thor

Der Hammer der Götter

Der Widersacher

Die Heldenmutter

Die Schatten des Bösen

Dunkel

Raven – Schattenchronik

Raven – Schattenreiter

Die Tochter der Midgardschlange

Intruder – Chronik eines Albtraums (Band 1 bis 6)

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 49, 50 und 51.

Dieses Vorwort bezieht sich auf die E-Book-Hexer-Folgen 49, 50 und 53, da es dem Taschenbuch-Sammelband entspringt und dort erstmals von der Regel abgewichen wurde, alle Hexer-Hefte chronologisch in der Reihenfolge ihres damaligen Erscheinens neu zu präsentieren, und zwar aus folgendem Grund: Bei den ursprünglichen Bänden 40 »Das unheimliche Luftschiff« und 44 »Endstation Hölle« handelt es sich um zwei Gastromane, die Perry-Rhodan-Autor Arndt Ellmer verfasst hat. Es ist ein Soloabenteuer um Howard und Rowlf, in dem Robert Craven selbst gar nicht mitspielt. Da es sich um einen Zweiteiler handelt, erschien es allen Beteiligten sinnvoll, beide Hefte für die Taschenbuch-Sammeledition hintereinander zu bringen, statt sie durch ein Festhalten an der ursprünglichen Reihenfolge auf zwei Bücher zu verteilen. Gleiches gilt für die Bände 42 »Die vergessene Welt« und 43 »Revolte der Echsen«. Auch hierbei handelt es sich um einen Zweiteiler.
Eine weitere Hauptrolle bei den Abenteuern Howards spielt ein gewisser Phileas Fogg. Selbstverständlich handelt es sich hierbei um den durch den Roman »In achtzig Tagen um die Welt« von Jules Verne berühmt gewordenen Weltreisenden, der seine Wette nun unter verschärften Bedingungen wiederholt. Herausgefordert dazu wird er von einem gewissen Professor Moriarty, auf den ich bereits im Vorwort zu den E-Books 43 bis 45 kurz eingegangen bin. Moriarty war der Intimfeind des Meisterdetektivs Sherlock Holmes.

Jules-Gabriel Verne, der auch schon den für die Hexer-Saga nicht ganz unwichtigen Kapitän Nemo und seine NAUTILUS erfunden hat, wurde am 8. Februar 1828 als Sohn eines Rechtsanwaltes in Nantes geboren. Auf Wunsch seines Vaters studierte er Jura, zunächst in Nantes, ab 1848 in Paris, wo er Kontakt zu literarischen Zirkeln fand und u. a. die Bekanntschaft von Alexandre Dumas machte. Er begann Dramen zu schreiben.

Sein erstes Stück wurde am 12. Juni 1850 im Pariser Théatre Historique uraufgeführt. Von 1852 bis 1855 arbeitete Jules Verne als Sekretär am Théatre Lyrique und war ab 1856 auch als Börsenmakler tätig.

Neben der mit wachsendem Erfolg andauernden Arbeit als Romancier unternahm Verne große Reisen, auf denen er Anregungen für seine Arbeit fand. Neben reinen Abenteuerromanen verfasste er zahlreiche Bücher mit fantastischem Einschlag, die ihm den Titel als Vater des Science Fiction einbrachten. Viele seiner Werke wurden mehrfach verfilmt und sind noch heute Welterfolge.

Jules Verne starb am 24. März 1905 in Amiens.

Ähnlich große Berühmtheit errang Herbert George Wells, dem der Hexer in diesem Buch begegnet. Geboren wurde er am 21. September 1866 in Kent; er starb am 13. August 1946 in London. Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehören die Romane »Die Zeitmaschine« (erschienen 1895) und »Der Krieg der Welten« (1898). Letzterer wurde von dem damals dreiundzwanzigjährigen Orson Welles in ein Hörspiel umgewandelt, das am 30. Oktober 1938 ausgestrahlt wurde und angeblich wegen seines pseudodokumentarischen Charakters in halb Amerika eine Panik ausgelöst haben soll. Eine Legende, die sich bis heute hartnäckig hält, obwohl längst erwiesen wurde, dass es sich bei dieser Hysterie nur um Einzelfälle handelte.

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 49
Das unheimliche Luftschiff

Bastei Entertainment

Die Luft war kühl und feucht an diesem 14. Oktober des Jahres 1886. Dichter Nebel zog vom Ufer herauf und kroch in die schmalen Gassen zwischen den Lagerschuppen. Immer höher und höher stieg er an, und die Menschen beeilten sich, in ihre warmen und schützenden Häuser und Katen zu kommen. Es roch nach Fäulnis an diesem Abend, und Fäulnis war der Vorbote der Pest.

In den Hafenspelunken munkelten es die Seeleute, und sie berichteten über Jahre, in denen der Herbst ähnlich gewesen war. Jedes Mal hatte es im darauf folgenden Winter eine Epidemie gegeben, und die Bewohner der Stadt waren hinauf nach Norden geflohen, in die Wälder von St. Albans und Harlow, weg von diesem tödlichen Wasser.

Schmierige Wellen leckten an den Holzbohlen der Docks. Die Flut brachte Treibgut von der Themsemündung mit sich, und in den Kuhlen und Nischen der Bassins östlich der erst halb vollendeten Tower Bridge sammelte sich der Unrat, den die Schiffer über Bord gekippt hatten: faules Fleisch und stinkende Kartoffeln, zerbrochene Kisten und alte Lumpen, mit denen die Seemänner ihre wunden Handballen bedeckten, wenn sie sich in den Stürmen der Nordsee gegen den Wind stemmten und versuchten, die Segel straff und doch nicht überspannt zu halten.

Irgendwo brannte eine einzelne Gaslaterne und markierte den Hofeingang von Benny’s Inn. Der Rest der Docks war in tiefe Finsternis getaucht.

Die Themse schmatzte. Während der Flut stieg ihr Wasserspiegel um dreieinhalb Meter an. Dann lagen selbst die steinernen Treppen an den Anlegestellen unter Wasser. Bei Ebbe waren sie glitschig; kleine, algenüberzogene Kerben in den Kaimauern, auf deren Stufen sich so mancher betrunkene Seemann schon den Hals gebrochen hatte, bevor ihn die Fluten aufnahmen und hinaustrugen, an den Docks und an Greenwich vorbei bis zu den Leuchttürmen und dann hinaus ins offene Meer.

Und es ging die Sage, dass so mancher von ihnen zurückgekehrt war – längst tot und doch lebendig …

Der Nebel verdichtete sich weiter, bildete eine undurchdringliche Mauer aus Schweigen und Angst und eisiger Kälte. Wen er verschluckte, der war gefangen in einer fremden, unheimlichen Welt. Wen er wieder entließ, dem kam es vor, als sei ihm das Leben neu geschenkt worden. Der Nebel war finster in dieser Nacht. Es gab keinen Himmel über London, und die Gebete der Frauen und Kinder hinter den windschiefen Fensterläden oder den zerbrochenen, notdürftig geflickten Scheiben wurden erbarmungslos von dem feuchten Dunst verschluckt, noch ehe sie den Allmächtigen erreichen konnten.

Der Nebel nahm alles in sich auf. Er war wie ein Grab, und er schwieg über alles, was in seinem feuchten Mantel vor sich ging. Der Nebel war der engste Verbündete des Todes.

Besonders in dieser Nacht.

Niemand bemerkte das Brodeln unterhalb der Tower Bridge. Nicht einmal die Matrosen der Handelsschiffe, die sich zaghaft durch den Nebel tasteten oder an den Kaimauern vertäut lagen, wurden aus ihrer Schläfrigkeit gerissen, in der sie die Zeit der Wache auf dem Vor- und Achterdeck verbrachten. Sie saßen oder standen in klamme Decken eingehüllt, und das einzige Geräusch, das sie vernahmen, war das Klappern ihrer eigenen Zähne.

An den steinernen Säulen der Brücke, umrahmt von stählernen Baugerüsten, begann es, heftiger zu brodeln. Die dampfende Oberfläche des Wassers geriet in Wallung. Blasen stiegen auf, groß und stinkend. Sie verteilten sich und bildeten dunkle Flecken in der Nebelwand. Die Themse kochte, kochte in einem Umkreis von zwölf Yards, und die Erscheinung bewegte sich langsam von der Brücke weg und auf die Docks zu.

Etwas glitt durch das Wasser, eine schwarze, nicht fassbare Erscheinung, ein entsetzliches Ding, das die Dunkelheit und den Nebel benutzte, um ungesehen an sein Ziel zu gelangen. Es bewegte sich südostwärts an der Pier entlang und schwenkte dann in den engen Kanal ein, der in das St. Katharina Marina Dock führte. Es driftete in das Westbassin hinein, auf die schmalen Treppen unterhalb des Main Trade Center zu. In Ufernähe angelangt, kam es zur Ruhe. Das Brodeln verschwand, nur die stinkenden Blasen stiegen weiterhin auf.

Dann, plötzlich, breiteten sich nach allen Seiten hin hektische Wellen aus. Sie schlugen verlangend gegen die Stufen und erzeugten klatschende Geräusche.

Der Nebel über dem Wasser riss für ein paar Augenblicke auseinander. Doch niemand sah, was in diesen Sekunden aus dem brackigen Wasser stieg.

In einer solchen Nacht sagte der Volksmund, waren nur Bösewichte unterwegs und Betrunkene. Oder der Tod …

In der East Smithfield waren drei der fünf Gaslaternen erloschen. Der Nebel hatte sie mit seiner Feuchtigkeit heimtückisch erstickt. Die beiden restlichen befanden sich etwa dreihundert Yards voneinander entfernt, und ihr trübes Licht reichte nicht aus, um die Hand vor Augen erkennen zu lassen.

Professor James Moriarty ließ ein ungnädiges Brummen hören. Er ging leicht nach vorn gebeugt, um einem zufällig mit einer Handlaterne entgegenkommenden Passanten keine Möglichkeit zu geben, sein Gesicht zu erkennen. Er trug einen dunklen Anzug und einen schwarzen Capemantel, den er mit der linken Hand vorn zusammengerafft hielt. Seine Rechte umklammerte den Stock, den ein Mann seines Standes stets bei sich trug.

Irgendwo schlug eine Tür. Das Geräusch klang dumpf in der alles verschluckenden Feuchtigkeit. Die lauten Stimmen, die aufklangen, hörten sich wie das Gewinsel geprügelter Hunde an. Dann herrschte wieder Ruhe. Nur das leise Glucksen des Wassers an den Holzbohlen der Stege war jetzt noch zu hören.

Professor Moriarty beachtete beides kaum. Er eilte weiter, ein dunkler Schatten in der Nacht. Seine Stiefelsohlen markierten seinen Weg: ein leises und regelmäßiges Klacken auf dem groben Kopfsteinpflaster.

Die erste der beiden brennenden Laternen kam näher. Ihr Licht flackerte, die Flamme rußte – ein deutliches Zeichen, dass die Düse lange nicht gereinigt worden war. Die Feuchtigkeit tat ein Übriges.

In der Ferne schlug eine Uhr. Die Glocken dröhnten verhalten durch den dichten Nebel. Fast schien es, als wollten die Töne in ihm stecken bleiben.

Moriarty blieb unter dem Gaslicht stehen und zog seine Taschenuhr hervor. Die goldene Uhrkette blitzte verführerisch im armseligen Licht.

Noch eine Stunde bis Mitternacht.

»’n richtiges Novemberwetter. Und dabei ha’m wir erst Oktober«, sagte eine dumpfe Stimme aus der Dunkelheit. Moriarty zuckte zusammen, ließ die Uhr verschwinden und fuhr herum. Sein Mantel klaffte auf, der Stock zeigte nach vorn. Er versuchte zu erkennen, mit wem und wie vielen er es zu tun hatte.

Aus der finsteren Nebelwand schälte sich eine einzelne Gestalt. Sie schwankte leicht. Ihre Augen glänzten stumpf, flammten dann in jähem Erkennen auf. Die Alkoholfahne des Mannes ließ Übelkeit in Moriarty aufsteigen.

»Ah, sieh an. Der Pro … Professor persön … lich.« Eine Hand schnellte nach vorn und streckte sich Moriarty verlangend entgegen. »Nur … ’n paar Shilling für ’nen Schnaps, Professor. Ich schweige … auch wie’n Grab. Ich … habe Sie hier … nicht gesehen. Bestimmt nicht!«

James Moriarty spuckte verächtlich aus. Er war nicht in der Laune, sich mit diesem Säufer abzugeben. Barnley gehörte zu jener Art von heruntergekommenem Gesindel, das seine Großmutter verkaufte, wenn der Erlös für einen Rausch reichte.

»Du stinkst«, zischte er. »Verschwinde!«

Der Betrunkene wich ein wenig zurück, aber seine Augen leuchteten heimtückisch auf.

»Bei … bei Benny’s ha’m sie mich raus … geschmissen. Aber du wirstmi … mich nicht … so schnell … los!«

Er richtete sich ein wenig auf.

»Was willst du?«, fragte Moriarty scharf. Die Gaslaterne flammte unter einem Lufthauch ein wenig heller auf und beleuchtete seine Gestalt. Moriarty war groß und hager. Sein Gesicht wirkte eingefallen, die Nase besaß die Form eines Habichtschnabels, und der breite Mund mit den schmalen Lippen und das spitz zulaufende Kinn standen in keinerlei Harmonie zueinander. Die kleinen, stechenden Augen gaben dem Gesicht des Professors einen irgendwie bösartigen Zug.

Die schwarzen Haare trug er glatt nach hinten gekämmt, und die Brauen auf den stark ausgeprägten Augenknochen sahen aus wie dünne Drähte.

»Geld«, lallte der Betrunkene. »Nur ’n wenig Geld!«

»Ich gebe dir nichts! Ich habe nichts dabei!«

Er wandte sich ab und ging weiter. Der Betrunkene brach in verhaltenes, ordinäres Lachen aus. Moriarty stutzte bei diesem Klang. Das Lachen alarmierte ihn. Barnley folgte ihm und holte auf. Im Abstand von drei Yards wankte er neben Moriarty her.

»Damals, im Mai, da hab ich dich … ich meine Sie … erkannt, Professor. Drunten an … der Carron Wharf. Die Sache mi … mit dem Sack, der in der Themse ver … sank. Ja, ja … unsere gute alte Themse. Sie schweigt wie ’n … Grab. Wie ich … Nur, ich hab meinen … Preis!«

James Moriarty blieb so abrupt stehen, dass Barnley zusammenzuckte. Der Stock fuhr zur Seite und deutete auf den Betrunkenen. Moriarty drehte an dem Messingknauf und zog den elfenbeinfarbenen Griff zurück. Eine rasiermesserscharfe Klinge fuhr aus dem Stock; das feine Sirren in der Dunkelheit musste selbst für einen unter Alkohol stehenden Menschen ein Alarmsignal sein.

»Alles hat seinen Preis!«, sagte er gefährlich leise. »Du sollst den bekommen, der dir zusteht. Aber heute bin ich ausgesprochen gnädig, du Hund. Da!«

Die Klinge des Stockdegens durchschnitt den Nebel. Die Bewegung war so schnell, dass Barnley nicht reagieren konnte. Er mochte vielleicht ahnen, was Moriarty vorhatte, aber es war bereits zu spät. Die Klinge schlitzte das Wams des Betrunkenen auf und drang ein kleines Stück in seine Brust ein. Barnley schrie auf und warf sich zurück. Er stürzte, fiel hart auf das grobe Pflaster und blieb stöhnend liegen. Sein Hemd färbte sich rot.

»Mörder!«, ächzte der Mann. »Du Mörder! Ich … werde dich …«

»Nichts wirst du«, unterbrach Moriarty ihn barsch. Die Spitze der Waffe zielte auf Barnleys Kehle. »Noch ein Wort, und ich steche dir die Gurgel durch. Mit Gesindel wie dir mache ich kurzen Prozess. Hast du verstanden?«

»J … ja!«

James Moriarty wandte sich ab und ließ die Klinge mit einem metallischen Geräusch verschwinden. Es klickte, und das Gesicht des Professors erschien über dem Verletzten. »Danke mir auf den Knien, dass die Waffe nicht mit Curare behandelt ist, sonst wärst du bereits ein toter Mann!«, zischte er.

Dann ließ er den Betrunkenen einfach liegen und setzte seinen Weg fort. Der Nebel verschluckte seine hagere Gestalt, und nach einer Weile erstarb auch das Gewimmer des Verwundeten. Moriarty geriet endgültig aus dem Lichtkreis der Gaslaterne und mäßigte seinen Gang.

Nach einer Weile hörte er in einigem Abstand schleichende Schritte hinter sich. Er grinste. Er hatte damit gerechnet. Barnley folgte ihm; der Betrunkene sann auf Rache. Moriarty verzog geringschätzig das Gesicht. Er orientierte sich wie jemand, der sich selbst mit geschlossenen Augen in diesem düsteren Viertel auskannte. Nach dreißig Schritten bog er nach rechts ab und schlich auf Zehenspitzen an der Wand eines Lagerhauses entlang auf die Kaimauer zu. Einmal hustete er unterdrückt, gerade laut genug, dass sein Verfolger seine Spur nicht verlor. Barnley konnte ein kühles Bad gut vertragen, um seinen Mut etwas abzukühlen.

Einen Atemzug lang blieb der Professor stehen und lauschte. Barnley folgte ihm. Er kam ebenfalls die Hauswand entlang.

Moriarty huschte weiter. Er ahnte die Kaimauer und die Treppe, ohne sie zu sehen. Das Gebäude war zu Ende, und Moriarty verharrte hinter der Ecke und wartete.

Vom Bassin her kam ein Geräusch. Es war anders als das übliche Schmatzen des Wassers an den Holzbohlen. Es war fremdartig.

Und dann roch James Moriarty den Gestank. Es war nicht der Odem der Fäulnis, der immer über dem Hafenbecken lag. Es stank geradezu bestialisch, und der Nebel trug den Geruch in dichten Wolken heran. Moriarty hielt den Atem an.

Barnley kam. Er schlich an ihm vorbei, und für einen Augenblick konnte der Professor einen vagen Schatten erkennen, der den Nebel zerteilte. Der Betrunkene bemerkte ihn nicht. Er hielt auf eine der Treppen zu, die hinab zu den Planken führten, wo einige kleinere Schiffe vertäut lagen. Der Schatten verschwand, und auch die Schritte Barnleys verklangen.

Und dann zerschnitt ein scharfes Zischen die Stille. Etwas klatschte auf die feuchten Pflastersteine unmittelbar an der Kaimauer. Ein überraschter Ausruf Barnleys folgte, ein Keuchen, das in einen Entsetzensschrei überging. Der Schrei währte nur wenige Sekunden, aber er ging Moriarty durch Mark und Bein. Unwillkürlich wich der Professor bis zur Seitenmauer des Gebäudes zurück, jederzeit bereit, die Flucht anzutreten. Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, tastete nach seinem Feuerzeug. Augenblicke später leuchtete die kleine Flamme auf und erhellte die Umgebung notdürftig.

Doch James Moriarty konnte nichts erkennen. Der Nebel verbarg die unheimlichen Vorgänge an der Kaimauer vor seinen Blicken. Im Schein des Feuerzeugs leuchtete er grauweiß und blendete ihn.

Und dann sah er doch etwas. Aus dem Wall undurchdringlicher Nebelschwaden rann eine winzige rote Spur. Sie vergrößerte sich rasch zu einem Rinnsal und bildete eine Pfütze auf dem feuchten Pflaster. Wieder klang das Zischen auf, lauter und härter diesmal. Die Pfütze verwandelte sich in eine dampfende Lache.

Jetzt wurde es selbst James Moriarty unheimlich. Er wandte sich zur Flucht. Seine Stiefelabsätze knirschten verräterisch laut auf dem Boden. Mit der linken Hand tastete er nach der Gebäudewand, die Rechte umklammerte seine Waffe, als er sich vorsichtig Schritt um Schritt zurückzog. Er kam nicht weit.

Etwas Kaltes, Feuchtes schlang sich mit einem peitschenden Geräusch um seinen rechten Fußknöchel und jagte eine Welle des Schmerzes durch seinen Körper. Moriarty verlor das Gleichgewicht und fiel der Länge nach hin. Er schlug sich die Ellbogen und die Knie blutig. Der Stockdegen wurde ihm aus der Hand geprellt und schlitterte davon, unerreichbar für ihn.

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