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Der Hexer 42

E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein

Anubis

Horus

Thor

Der Hammer der Götter

Der Widersacher

Die Heldenmutter

Die Schatten des Bösen

Dunkel

Raven – Schattenchronik

Raven – Schattenreiter

Die Tochter der Midgardschlange

Intruder – Chronik eines Albtraums (Band 1 bis 6)

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 40 bis 42.

Viele von Ihnen werden erst durch die Hexer-E-Books Bekanntschaft mit den Abenteuern Robert Cravens geschlossen haben; andere kennen vielleicht die dicken Hexer-Taschenbücher aus dem Bastei-Verlag, in denen jedoch nur ein Teil der Hefte enthalten ist, wieder andere mögen noch die (in Sammlerkreisen mittlerweile recht wertvollen) Originalhefte besitzen oder die Sammelausgabe, weil Bücher nun mal viel besser im Schrank aussehen. Diese E-Book-Sammelausgabe hat es sich zum Ziel gesetzt, den Hexer in möglichst originalgetreuem Zustand zu präsentieren. Das bedeutet, dass – so weit irgendwie möglich – auf die noch nicht lektorierten Originalmanuskripte zurückgegriffen wird. Leider geht das nicht immer, viele sind mittlerweile längst verschollen.

Bereits sehr frühzeitig hat Wolfgang Hohlbein begonnen, seine Romane auf einem Computer zu schreiben, doch als die ersten Hexer-Bände entstanden, steckte dieser Markt noch in den Kinderschuhen. Gespeichert wurde damals noch auf 5¼-Zoll-Disketten, die ungefähr das Format einer CD hatten, aber lediglich 360 KB an Daten aufnehmen konnten und extrem empfindlich waren. Die Prozessoren waren so langsam, dass man bequem einen Spaziergang machen konnte, bis ein Text von Romanlänge neu formatiert war. Seither hat sich viel verändert. Betriebssysteme, die damals als das Nonplusultra galten, sind längst in Vergessenheit geraten, und immer neue Texterfassungsprogramme kamen und gingen – und waren leider nur bedingt kompatibel zu ihren Vorgängern, sodass man die Texte nicht einfach ins neue Format übernehmen konnte. Zusammen mit vielen im Laufe der Jahre einfach kaputt gegangenen Disketten einer der Hauptgründe, weshalb manche Manuskripte heute nicht mehr im Original existieren.

Allzu umfangreich aber waren die damals im Lektorat vorgenommenen Änderungen ohnehin nicht. Manche Beschreibungen mussten aus Gründen des zu dieser Zeit gerade bei Heftromanen sehr strengen Jugendschutzes entfernt werden, einige Scherze, mit denen der Autor sich und seinen Helden auf die Schippe nahm, wurden gestrichen, und manche Passagen gefielen einfach dem kritischen Auge des Redakteurs nicht.

Wenn sich jemand die Mühe macht, die Originalhefte mit den Buchtexten zu vergleichen, wird er jedoch feststellen, dass manchmal die Hefte sogar geringfügig länger waren. Vereinzelt wurden nämlich auch Passagen beim Lektorat hinzugefügt, die für diese Edition wieder gestrichen wurden. So drängte einer der drei Michaels beim Start der eigenen Serie darauf, dass Robert häufiger seine Magie einsetzen sollte, schließlich wäre er ein Hexer. Das führte dazu, dass einer der anderen Michaels, nämlich Michael Schönenbröcher, der Redakteur der Serie, eine Szene im ersten Band so ausschmückte, dass der in einem sich immer mehr erhitzenden Fluss treibende Robert in bester Superhelden-Manier mit magischer Kraft eine Art Schutzschirm um sich herum errichtete und schließlich sogar über dem Fluss zu schweben begann.

Als der Roman erschien und Wolfgang die entsprechende Stelle las, war er nicht weit von einem Tobsuchtsanfall entfernt, bei dem vermutlich selbst Rowlf Schwierigkeiten gehabt hätte, ihn zu bändigen. Wenn jemandem aufgefallen sein sollte, dass diese Edition von der im Heftroman abweicht, dies ist die Erklärung dafür.

Auch in diesem Buch gibt es eine Passage, für die Ähnliches gilt. Nach Kritik des Jugendschutzprüfers, der Hexer wäre zu brutal und es würden zu viele unschuldige Menschen sterben, hatte Michael die undankbare Aufgabe, daran etwas zu ändern. Als durch einen dämonischen Angriff Priscyllas Krankenschwester starb, fügte er eine Szene ein, in der Robert sie mit seiner Magie im Moment ihres Todes ins Leben zurückholt. Wenn die gute Frau in diesem Buch nun dennoch ihren verdienten Frieden findet, liegt das nicht an der Blutrünstigkeit des Bearbeiters, sondern daran, dass die »Rettung« im Originalmanuskript von Wolfgang nicht vorkam und zudem äußerst fragwürdig war. Würde Robert diese Fähigkeit besitzen, müsste man sich nämlich fragen, warum er sie nicht viel häufiger anwendet, vor allem, wenn ihm nahe stehende Menschen sterben. Warum hat er Shannon nicht auf diese Art gerettet? Warum nicht diesen und jenen? Wolfgang wusste schon, warum er Robert keine solche Macht verlieh. Die Streichung dieser Passage und einiger anderer dient also lediglich dazu, den weitaus sinnvolleren Originalzustand wiederherzustellen.

Auch in diesem E-Book begegnet Robert erneut einer Person der Zeitgeschichte, nämlich dem Schriftsteller Herman Melville. Wenn dieser Howard gegenüber flachst, sein Roman »Moby Dick« würde eines Tages ja vielleicht mal zu den Klassikern der Weltliteratur gehören, so wissen wir heute, dass dies tatsächlich geschehen ist. Zu Melvilles Lebenszeiten sah das jedoch anders aus. Er wurde am 1. 8. 1819 in New York geboren. Viele Jahre fuhr er zur See, unter anderem auf Walfangschiffen. 1844 kehrte er in die USA zurück und versuchte sein Glück als freier Schriftsteller. Nach einigen anfänglichen Erfolgen ließ sein Ruhm jedoch schnell nach. Gerade sein heute so berühmtes Buch um Kapitän Ahab und dessen Jagd nach dem weißen Wal erregte kaum Aufmerksamkeit, als es 1851 erschien. Erst lange nach Melvilles Tod am 28. 9. 1891 wurde es populär. Da die Schriftstellerei nicht ausreichte, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, musste er sich mit anderen Jobs über Wasser halten. So arbeitete er, wie in diesem Buch beschrieben, von 1866 bis 1885 als Zollinspektor im Hafen von New York.

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 42
Wer die Götter erzürnt

Bastei Entertainment

In dem uralten, verfallenen Keller konnten sich nicht einmal die Ratten und Kakerlaken wohl fühlen. An den feucht glänzenden Wänden wucherte graugrüner Schimmelpilz, und am Boden sammelten sich stinkende Pfützen einer undefinierbaren, schillernden Brühe. Aus zerborstenen, verdrehten Leitungsrohren, im Todeskampf erstarrten Schlangen gleich, tropfte eine ölige Flüssigkeit zu Boden.

Und doch hatte sich Ungeziefer in diesem verkommenen Kellerloch breitgemacht. Zwischen deckenhohen Transformatoren huschten die Ratten; die Reagenzgläser in den Regalen waren von dichten Spinnweben überzogen. Und trotz der allgegenwärtigen Feuchtigkeit schmeckte die Luft verbraucht und so trocken, dass das Atmen zu einer Qual wurde.

Eine einzelne rußende Petroleumlampe nur schaukelte an einem Draht von der Decke; trotzdem war die erschreckende Szenerie taghell erleuchtet. Zwischen kugelförmigen Polen zuckten grelle Blitze, tanzten irrlichternd über den Stahl und verbanden gewaltige Transformatoren durch ein Netz aus reiner Energie. Ein Knistern und Summen erfüllte den Raum wie das Wispern eines zürnenden Donnergottes.

Die gesamte Einrichtung des Kellers und auch der große, fleckige Seziertisch waren an einer der geborstenen Wände aufgestapelt worden, um einem übermannsgroßen, metallenen Zylinder Platz zu machen, der nun wie ein künstlicher Dämon aus Eisen und Glas im Zentrum des Raumes hockte, Blitze schleudernd und dräuend und auf morbide Art fast schön in seiner sterilen Hässlichkeit. Dutzende von fingerdicken Kabeln wanden sich von den verstaubten Apparaturen bis zu seinem zolldicken Mantel. Dünne Glasröhren verbanden ihn mit Behältern unter der niedrigen Decke: Röhren, in denen graue, kochende Flüssigkeit pulsierte.

Bis auf einige Messinstrumente und ein von Rost zerfressenes Schwungrad war die Haut des Zylinders glatt und eben. Nur auf seinem oberen Ende gab es ein kleines Sichtfenster wie ein dämonisch glotzendes Auge.

Und darüber gebeugt, in einen vor Schmutz starrenden, blutbefleckten Kittel gehüllt, das fettige graue Haar streng zurückgekämmt, stand eine Frau. Durch das dicke Glas der Hornbrille wirkten ihre Augen übergroß und kalt wie die eines Fisches.

Augen, in denen ein gieriges Funkeln aufblitzte, während sie sich noch weiter vorbeugte und mit dem Ärmel ihres Kittels das Sichtfenster blank zu wischen versuchte; mit dem einzigen Erfolg, dass der Schmutz noch weiter verschmierte und danach fast noch weniger zu sehen war.

»Mehr Elektrizität, Maximilian«, flüsterte die dürre Frau heiser. Ihre freie linke Hand vollführte kleine flatternde Bewegungen, um den Befehl zu unterstreichen. Als sie keine Antwort erhielt, blickte sie unwirsch auf, rückte mit einer fahrigen Bewegung ihre Brille zurecht und stemmte die Arme in die Seiten. Fast hätte sie dabei die Balance verloren; im letzten Moment erst krampfte sie ihre dürren Finger wieder um die oberste Sprosse der Leiter, auf der sie stand.

»Maximilian!«, keifte sie mit schriller, unangenehmer Stimme. »Elender Träumer!«

Der junge Mann, der die Leiter hielt, zuckte sichtlich zusammen und löste seinen Blick von den Instrumenten. »Frau Professor?« Seine Augen wirkten trüb, als wäre er unversehens aus einem Traum gerissen worden und hätte den Weg zurück in die Wirklichkeit noch nicht ganz gefunden.

»Mehr Elektrizität! Elektrischer Strom, unfähiger Idiot!«, keifte die Alte. »Und so was will Medizin studiert haben – dass ich nicht lache! Ich hätte wohl besser doch meine Nichte, diese Träumerin Mary Shelley, zu Hilfe holen sollen! Willst du mein Lebenswerk sabotieren?«

»Es ist unser Werk, Frau Professor –«, wollte Maximilian einwenden, doch die Alte schnitt ihm mit einer übertrieben theatralischen Geste das Wort ab. »Papperlapapp! Dein einziger Beitrag ist dieser unnütze Säurekessel da oben« – sie deutete auf den großen Behälter, der genau über dem Stahlzylinder mit der Decke verankert war – »und den werden wir nicht einmal brauchen. Es geht alles genau nach Plan. Wie ich es berechnet habe! Deine lächerliche Angst, irgendetwas könnte schiefgehen … Nein, er wird leben, Maximilian. Leben!«

Der junge Mann ballte die Fäuste und schluckte die scharfe Erwiderung, die ihm auf der Zunge lag, im letzten Moment herunter. »Jawohl, Frau Professor. Mehr Elektrizität, Frau Professor.« Und leise fügte er hinzu: »Wirst schon sehen, was du davon hast, du alte Matrone.«

Dann trat er an einen der Transformatoren. Seine Haare stellten sich auf und wurden von einem unsichtbaren Sog in Richtung der großen, mit Kupferdraht umwickelten Spulen gezogen. Die Spannung war schon sehr groß; fast zu groß! Fünfhundert Volt konnte er noch verantworten, mehr nicht. Die Alte erkannte in ihrem Wahn schon nicht mehr die Gefahr, in der sie beide schwebten. Er aber, Maximilian, war noch sehr gut bei Verstand; vielleicht besser, als es der Alten Recht sein konnte. Sie würde es noch merken – früh genug.

Behutsam schlossen sich seine kräftigen Hände um die Drehregler, steigerten durch eine einzige Umdrehung der Stahlräder das Zucken und Wüten der Blitze zu einem Inferno aus Licht und entfesselten Gewalten. Die Kupferspulen begannen zu glühen, und die plötzliche Hitze trieb Maximilian zwei Schritte zurück. Der Transformator war jetzt hoffnungslos überlastet. Wenn das Experiment glücken sollte, musste es rasch geschehen.

Hinter seinem Rücken erscholl ein Schrei des Entzückens. Maximilian fuhr herum. Frau Professor Anna Sibelius hatte ihr faltiges Gesicht dicht an das kleine Sichtfenster gepresst und klatschte mit beiden Händen begeistert gegen die Metallwandung des Zylinders. Dann ruckte ihr Kopf wieder hoch.

»Die Muskeln reagieren!«, schrie sie mit überschnappender Stimme. »Mehr Strom, Maximilian, mehr Strom!«

»Unmöglich! Wollen Sie, dass hier alles in die Luft fliegt?« Maximilian trat entschlossen an die Leiter heran. Nein, diesmal würde er nicht klein beigeben; nicht um diesen Preis.

Anna Sibelius war für einen Moment verwirrt. Widerworte von diesem … Dilletanten? Aber dann sah sie in seine Augen, und ihr Größenwahn erhielt einen kräftigen Dämpfer. Maximilians Blick war eiskalt – und er schien zu allem entschlossen.

»Dann eben …« Sekundenlang suchte sie nach einem Ausweg. »Das Glyzerin! Bring mir das Glyzerin; schnell doch! Auf dem Regal, das mittlere Fach.«

Der Blick ihrer Fischaugen huschte unruhig über die Instrumente, während sich Maximilian umwandte und mit schnellen Schritten das Labor durchquerte. Ihre Lippen formten flüsternd Worte, ohne dass es ihr bewusst wurde: »Hundertzwanzig Grad … Höher darf die Temperatur nicht steigen … Das Ventil; ich muss es kurz öffnen …«

Ein helles Klirren drang an ihr Ohr und ließ sie herumfahren. Als sie sah, dass ihr Assistent sich nach den Scherben einer bauchigen Flasche bückte, die ihm offenbar zu Boden gefallen war, durchzuckte sie ein eisiger Schrecken. »Das Glyzerin! Du Trottel hast es –«

»Nein, nicht das Glyzerin«, unterbrach er sie. »Die Flasche daneben.«

Anna Sibelius erbleichte. Für Sekunden bebten ihre Lippen nur, ohne dass sie ein einziges Wort herausbringen konnte. »Er?«, stieß sie endlich tonlos hervor. Ihr Adamsapfel fuhr nervös auf und ab. »Du … du hast Ihn freigelassen? Du hast …«

Maximilian erstarrte. Hastig bückte er sich nach der Scherbe mit dem Etikett, bemerkte nicht einmal, dass das scharfe Glas seine Finger ritzte und Blut zu Boden tropfte. Dann stieß er hörbar die Luft aus und schüttelte den Kopf. »Kaliumlauge«, ächzte er. »Es ist nur Kaliumlauge.«

Frau Professor Sibelius wischte sich mit dem fettigen Ärmel den Schweiß aus der Stirn. Ihre Knie zitterten so heftig, dass sie sich kaum mehr auf der Leiter halten konnte.

»Nur die Lauge.« Auch ihre Stimme bebte. Sie musste ein paar Mal schlucken, bis sie ihre alte Überheblichkeit zurückgewonnen hatte. »Verdammter Idiot!«, fuhr sie dann auf. »Um ein Haar hättest du alles verdorben. Er hätte alles verdorben! Jetzt her mit dem Glyzerin; rasch!«

Als er nun nach dem richtigen Behälter griff, fiel Maximilians Blick auf die Flasche aus trübem, grünem Glas, die ihnen fast zum Verhängnis geworden wäre. Auf dem Etikett mit dem grinsenden Totenschädel stand nur ein einziges, in alten, verwischten Lettern geschriebenes Wort: KOBOLD.

Zuerst war da nur Schmerz. Ein dumpfer Schmerz, auf keine bestimmte Stelle des Körpers konzentriert, sondern allgegenwärtig, nagend und in unstetem Rhythmus pulsierend. Und doch war er die erste Regung seiner Existenz, das erste Empfinden, das ihn über tote Materie wie Erde und Stein erhob.

Dann kam das Licht. Ein grelles, zuckendes Licht, das durch seine geschlossenen Lider drang und die Netzhäute peinigte. Das den dumpfen Schmerz zu rasender Qual steigerte –

Und schließlich … Gefühl. Das Empfinden, einen Körper zu besitzen und einige Teile davon bewegen zu können. Doch war es nur ein Gefühl, das jeder Amöbe, diesen primitivsten unter allen Lebensformen, eigen ist. Denn das Wichtigste fehlte ihm: die Intelligenz.

Noch war er nicht vollends erwacht, aber sein zerfressenes, totes Gehirn schickte bereits schwache Impulse aus, von einem Instinkt geleitet, der jeder Kreatur innewohnt. Seine Muskeln, oftmals nur mit geschickten Nadelstichen verbunden, spannten sich wie in einem Krampf, aber die Bewegungen waren ungelenk und fahrig. Der Wille, der sie leiten sollte, war noch nicht aufgestiegen aus dem Reich ewiger Finsternis, dem Leib und Geist bereits entrissen waren.

Ein schmerzhafter Schlag ging durch seinen massigen Körper, als die Blitze um ihn herum plötzlich an Intensität gewannen, als seine Muskeln sich wie in einem Schlage spannten und zu reißen drohten.

Und dann – ein Herzschlag. Zaghaft nur und von einer kaum enden wollenden Pause gefolgt. Dann ein zweiter … ein dritter …

Seine Lunge, brüchig vom Alkohol, in dem sie tagelang geruht hatte, blähte sich in einem ersten, schmerzhaften Atemzug. Und langsam begann das Gemisch aus Blut und verbotenen Essenzen in seinen Adern zu pulsieren, rann wie glühende Lava durch seinen Leib, erfüllte die toten Organe mit neuem, furchtbarem Leben.

Endlose Minuten sammelte das erweckte Hirn neue Kraft. Dann schickte es einen neuen, mühsamen Befehl aus.

Und endlich öffneten sich seine Augenlider!

»Er lebt!« Der Schrei übertönte das Lärmen der Transformatoren und hallte verzerrt von den Wänden des Kellers wider. Frau Professor Sibelius starrte aus glühenden Augen ins Innere des Stahlzylinders, während ihre dürren Finger voller Hast an den rostigen Verschlüssen rund um das Sichtfenster zerrten. »Er lebt, Maximilian! Ich habe es bewiesen! Tote Materie ist erwacht!« Sie rang keuchend nach Luft. »Ich hatte Recht! Er lebt!«

Das zolldicke Glas des Fensters beschlug; Glyzerin stieg in dichten Dampfwolken hoch und bildete kleine, glitzernde Tropfen an seiner Innenseite. Anna Sibelius öffnete mit bebenden Händen den letzten Verschluss und klappte das Glas nach oben. Zischend entwich die brühend heiße Luft aus dem Kessel und raubte ihr für Sekunden den Atem. Gleichzeitig durchzog ein beißender Gestank nach Salpeter und verbranntem Schwefel den kleinen Raum. Hustend und würgend wandte Anna Sibelius sich ab und fächerte mit der Rechten die dicken Schwaden auseinander. Sie wartete nicht ab, bis sich die Wolke vollends verzogen hatte, sondern hielt den Atem an und beugte sich ungeduldig wieder vor.

Da stand er.

Muskulös, von edler, fast schöner Gestalt, beinahe zweieinhalb Meter groß und mit bleicher, feucht glänzender Haut, die an zahlreichen Stellen nur durch kunstvoll ausgeführte Nadelstiche zusammengehalten wurde.

Ihr Lebenswerk. Der Golem.

Zaghaft noch, aber regelmäßig, hob und senkte sich seine breite, dicht behaarte Brust. Unter der Haut gewahrte Frau Professor Sibelius das kraftvolle Spiel der Muskeln, konnte beobachten, wie sich seine großen Hände langsam öffneten und wieder schlossen.

Und sein Blick war klar. Die stahlblauen Augen in dem scharf geschnittenen Gesicht waren weit geöffnet, die Augäpfel zuckten unruhig hin und her.

Er lebte! Er lebte!

Nur mühsam konnte Anna Sibelius den Blick von ihm wenden. Mit glänzenden Augen blinzelte sie durch das Glas der beschlagenen Hornbrille zu ihrem Assistenten hinunter, der die Stromzufuhr des Transformators herabgeregelt hatte und wieder am Fuße der Leiter stand. »Er atmet, Maximilian«, flüsterte sie ergriffen. »Ich habe es vollbracht!«

»Ich habe es vollbracht, Frau Professor«, stellte Maximilian richtig. »Sie werden wohl kaum noch Ihre Freude an ihm haben.«

Seine Stimme klang jetzt kalt wie klirrender Frost. Langsam näherte sich seine linke Hand der Tasche seines Kittels.

»Was … was willst du damit sagen?« Anna Sibelius erwachte wie aus einem Rausch. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie die Ungeheuerlichkeit dieser Antwort verdaut hatte. Was war nur in Maximilian gefahren? »Wenn du hirnloser Idiot glaubst, den Ruhm –«

»Halt das Maul, altes Gespenst!«, fuhr Maximilian sie an. »Wenn du verkalkte Matrone es immer noch nicht begriffen haben solltest« – seine Hand verschwand in der Tasche – »ich habe gar nicht die Absicht, den Ruhm mit dir zu teilen.«

Mit diesen Worten zog er die Hand wieder hervor. Der blank polierte Lauf eines Derringers warf blitzende Reflexe auf den Mantel des Stahlzylinders. Gelassen betrachtete Maximilian die kleine Waffe für einen Moment, dann richtete er sie auf die Alte.

»Jahrelang habe ich den Narren gespielt, habe mich geduckt unter deinen Launen«, zischte er. »Hast du wirklich geglaubt, ich hätte das alles umsonst getan, all die Demütigungen, all die Erniedrigungen, die ich ertragen habe?«

Anna Sibelius erbleichte. Die Selbstsicherheit war aus ihrer Stimme verschwunden, hatte dem Timbre nackter Angst Platz gemacht. »Maximilian, ich … ich beschwöre dich …«

»Rien ne va plus, Frau Professor. Nichts geht mehr. Sterben Sie wohl.«

Sein Finger krümmte sich um den Abzug der Waffe. Für einen ganz kurzen Moment zitterte der Derringer in seiner Hand. Dann drückte er ab. Krachend entlud sich die erste Kammer der doppelläufigen Pistole.

Doch sein kurzes Zögern hatte Anna Sibelius gereicht.

Ihr rechter Fuß traf Maximilians Handgelenk. Der Schuss ging fehl und schlug mit einem metallischen Geräusch über ihr ein.

Maximilian schrie auf, mehr aus Überraschung denn vor Schmerz, und taumelte haltlos zurück. Er kam nicht mehr dazu, den zweiten Schuss abzufeuern. Mit einem gellenden Kreischen stürzte sich die Alte von der Leiter herab auf Maximilian und riss ihn mit sich zu Boden.

Schmerz! Heißer, pulsierender Schmerz, der seinen Körper verbrannte!

Eben noch hatte sanfte Kühle die allgegenwärtige Hitze vertrieben, hatten sich seine Augen an die Helligkeit ...

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