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Der Hexer 23

E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein

Anubis

Horus

Thor

Der Hammer der Götter

Der Widersacher

Die Heldenmutter

Die Schatten des Bösen

Dunkel

Raven – Schattenchronik

Raven – Schattenreiter

Die Tochter der Midgardschlange

Intruder – Chronik eines Albtraums (Band 1 bis 6)

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 22 bis 24.

Obwohl DER HEXER von Anfang an eine Serie war, deren einzelne Romane stark durch einen roten Faden verbunden waren, beginnt erst mit diesem Buch der erste richtige große Zyklus; der Dagon-Zyklus, der die ursprünglichen Hefte 13 bis 21 umfasst und in den größeren, bis zum Ende der Heftserie dauernden Zyklus um DIE SIEBEN SIEGEL DER MACHT übergeht.

Streng genommen hat Robert Craven bereits im letzten Teil des vorangegangenen Buches die Bekanntschaft Dagons gemacht, als es ihn um rund zweihundert Millionen Jahre in die Vergangenheit und das zum Untergang verurteilte Reich Maronar verschlug.

Die Magier von Maronar hatten einen unheilvollen Pakt mit einer grausamen Dämonenrasse geschlossen, den Thul Saduun, die ähnlich mächtig wie die GROSSEN ALTEN, jedoch mit ihnen verfeindet waren. Aber die Thul Saduun trieben ein falsches Spiel, und Maronar wurde vernichtet. Nur wenigen gelang die Flucht. Sie versteckten sich auf der Erde, wo sie eine neue Stadt gleichen Namens gründeten, doch es schien, als hätten sie aus ihren Fehlern nichts gelernt. In ihrer Verblendung beschworen die Magier erneut die Thul Saduun, weil sie nur darin eine Chance für das Überleben ihres Volkes zu sehen glaubten.

Der junge Magier Dagon, ein bizarres Zwitterwesen zwischen Mensch und Fisch, erkannte, wie verhängnisvoll diese Entwicklung war. Er half Robert Craven, durch ein magisches Tor in seine Zeit zurückzukehren, und machte die Zeitreise selbst ebenfalls mit. Unter Bedingungen, die er sich nie hätte träumen lassen, begegnet Robert ihm nun erneut, aber Dagon ist nicht mehr der unerfahrene Magierlehrling, der er in Maronar war.

Jetzt ist er ein Gott, und er verfolgt Pläne, die die Existenz der gesamten Menschheit gefährden.

Aber auch Robert steht in seinem Kampf nicht allein. Ihm zur Seite steht der legendäre Kapitän Nemo mit seinem gleichfalls legendären Unterseeboot NAUTILUS; ein technisches Wunderwerk, stark genug, es auch mit einem Fischgott aufzunehmen ...

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 23
Dagon – Gott aus der Tiefe

Bastei Entertainment

 

Der Raum war nicht sehr viel größer als eine Gefängniszelle, zwei Schritte in der Breite und kaum doppelt so lang, dazu so niedrig, dass ich mich nicht einmal vollends aufrichten konnte, wollte ich nicht mit dem Kopf gegen die sanft gekrümmte Decke stoßen.

Aber er war sehr viel behaglicher eingerichtet. Die Wände, aus härtestem Stahl geschmiedet, lugten nur hier und da hinter kostbaren Vorhängen und Gobelins hervor, und auf dem Boden lag ein wolkenweicher Teppich. Ein buntbestickter Diwan nahm fast die Hälfte des vorhandenen Platzes ein, und vor der gegenüberliegenden Wand, gleich neben einer niedrigen, halbrunden Tür, war ein niedriger, kunstvoll gedrechselter Tisch am Boden verschraubt, auf dem noch die Reste des üppigen Mahles standen, das mir einer von Nemos Männern vor Stundenfrist gebracht hatte; dazu eine Flasche des köstlichsten Champagners, der mir jemals untergekommen war.

Auf einem Wandbord daneben standen eine kostbare, goldgeschnittene Bibel und zwei kleine metallene Kistchen, von denen eine eine Anzahl teurer Havanna-Zigarren und die andere drei Lagen likörgefüllter Pralinés enthielt. Mein Gastgeber schien großen Wert darauf zu legen, für mein körperliches und seelisches Wohl zu sorgen.

Was nichts daran änderte, dass die Kammer ein Gefängnis war. Ein sehr komfortables Gefängnis vielleicht, aber trotzdem nicht mehr.

Es gab kein Fenster, und die Tür hatte auf der Innenseite keinen Griff, sondern nur einen runden Knauf, an dem ich ziehen konnte, bis ich schwarz wurde. Es war ein Gefängnis.

Missmutig wälzte ich mich auf dem Diwan von einer Seite auf die andere, knuffte das bestickte Seidenkissen zu einem Ball zusammen und versuchte vergeblich, das Gefühl der Übelkeit zu ignorieren, das in gleichmäßigen Wellen aus meinem Magen emporstieg. Mir war schlecht wie selten zuvor in meinem Leben.

Aber die Übelkeit, die mich quälte, kam weder von dem zu reichlichen Essen noch von der Flasche Champagner, die ich fast zur Gänze geleert hatte, sondern resultierte einzig aus dem beständigen Stampfen und Schaukeln, das begonnen hatte, als ich diesen Albtraum von Schiff betrat, und seither – von einer einzigen, kurzen Unterbrechung abgesehen – nicht mehr aufgehört hatte.

Ich war seekrank.

Ich habe Schiffe nie gemocht, sondern ihnen immer ein natürliches Misstrauen entgegengebracht; seit ich denken konnte, ist mir stets alles, was sich nicht auf festem Boden oder wenigstens Rädern oder Schienen bewegt, irgendwie suspekt gewesen. Aber seit ich an Bord der NAUTILUS war, hatte ich angefangen, sie zu hassen.

Dabei war das beständige Schaukeln und Wiegen des Bodens nicht einmal sehr schlimm. Immerhin befanden wir uns gute zehn Faden unter der Oberfläche des Meeres, sodass das Schiff vom Wellengang weitgehend unberührt blieb, aber die Strömung war hier, nahe der schottischen Küste, selbst unter Wasser so stark, dass sich das Boot beständig mit der Kraft seiner Maschinen gegen den Druck des Wassers stemmen musste.

Wenigstens war das die Erklärung, die ich mir selbst zurechtgebastelt hatte, in den Stunden, die ich wach auf dem Diwan gelegen, die Decke angestarrt und versucht hatte, der Übelkeit in meinen Eingeweiden Herr zu werden.

Ich wusste nicht einmal, wie lange ich mich an Bord dieses phantastischen Schiffes befand. Trotz allem war ich eingeschlafen, kaum dass mich Nemo unter Deck gebracht und mir meine Kabine gezeigt hatte; und der Schwere meiner Glieder nach zu urteilen, die ich nach dem Erwachen verspürte, musste es ein sehr langer Schlaf gewesen sein.

Seitdem lag ich hier, starrte die Decke mit der runden, elektrischen Lampe darunter an und wartete; worauf, wusste ich selbst nicht. Kapitän Nemo hatte auf keine meiner Fragen – und es waren ihrer eine Menge gewesen! – wirklich geantwortet, sondern sich in geheimnisvollen Andeutungen ergangen, nach denen ich mich verwirrter fühlte als vorher.

Ein metallisches Schaben von der Tür her ließ mich aus meinen düsteren Gedanken auffahren. Ich blinzelte, setzte mich mit einem Ruck auf dem Diwan auf und sank gleich wieder zur Seite, als mein Magen die unvorsichtige Bewegung mit einem neuerlichen Schub saurer Galle in meinen Mund quittierte. Das wuchtige Schott glitt mit einem hörbaren Quietschen zur Seite, und ein hochgewachsener Mann im blau-weiß gestreiften Bordhemd des Schiffes und schwarzen Hosen trat gebückt durch die Öffnung. Es war der gleiche Mann, der mir vor Stundenfrist das Essen gebracht hatte.

Schweigend wartete er, bis ich mich – weitaus langsamer und vorsichtiger als beim ersten Mal – erhoben hatte, trat zur Seite und machte eine einladende Handbewegung auf den Gang hinaus. Ich trat an ihm vorbei und rammte mir prompt den Schädel an der niedrigen Kante des Schotts an. Die Mundwinkel des Matrosen zuckten verdächtig, aber als er meinem finsteren Blick begegnete, verbiss er sich mit Macht das Grinsen, das mein Missgeschick ihm aufdrängen wollte, sondern beeilte sich, sich an mir vorbeizuschieben und gebückt vorauszugehen.

Trotz meiner Übelkeit, die jetzt, als ich auf dem schwankenden Boden auch noch gehen musste, noch weiter zunahm, erweckte der Anblick sofort meine Neugier. Der Gang war so niedrig, dass auch ein sehr viel kleinerer Mann als ich schwerlich hätte aufrecht gehen können. Alles an Bord dieses phantastischen Schiffes war irgendwie eng und klein. Seine Wände, die leicht einwärts gebogen waren, wie um der Krümmung des Rumpfes zu folgen, waren mit schweren, goldbemalten Tapeten und Stoffen verziert, nur hier und da lugte eine Leitung oder ein sonderbares technisches Gerät hervor, aber auch diese verkleidet und kaschiert, so gut es ging. Wie in meiner Kabine verbreiteten wundersame elektrische Lampen unter der Decke mildes, nahezu schattenloses Licht, und wie dort lagen auf dem Boden weiche Teppiche, gegen die selbst die Bodenbeläge meines gewiss nicht ärmlichen Hauses in London schäbig ausgesehen hätten. Wäre das rhythmische Pochen der schweren Maschinen nicht gewesen, die tief unter uns im Leib des Schiffes wie gewaltige stählerne Herzen schlugen, hätte ich eher angenommen, mich in einem feudalen Landhaus zu befinden, nicht in einem Schiff, das zehn Faden unter der Wasseroberfläche die Meere durchkreuzte.

Der Gang schien wie eine gewaltige stählerne Aorta durch die gesamte Länge des Schiffsrumpfes zu gehen, denn wir legten eine Distanz von gut fünfzig Schritten zurück, ehe der Matrose vor einem weiteren halbrunden Schott stehen blieb und mit einer auffordernden Handbewegung zur Seite wich. Die zollstarke Panzertür glitt nahezu lautlos nach oben, als ich darauf zutrat, und gab den Blick auf eine eng gewundene, metallene Treppe frei, die dahinter gleichzeitig nach unten und in die Höhe führte.

Mein schweigsamer Führer lächelte auffordernd, trat zurück und wies mit einer Handbewegung nach oben, wie um mir mit Gesten zu verstehen zu geben, dass ich weitergehen sollte, ohne auf ihn zu warten. Wahrscheinlich, überlegte ich, war er des Englischen nicht mächtig und versuchte sich auf diese Weise verständlich zu machen.

Die Sicherheitstür fiel hinter mir zu, kaum dass ich den Fuß auf die erste Stufe der Eisentreppe gesetzt hatte. Instinktiv blieb ich stehen, sah kurz nach oben und beugte mich dann über das schmale Geländer, um in die Tiefe zu blicken. Viel gab es allerdings nicht zu sehen. Die Treppe endete nach drei, vier weiteren engen Windungen in einem winzigen, runden Raum, dessen Wände von vier niedrigen gepanzerten Türen durchbrochen waren, ähnlich der, durch die ich selbst gerade gekommen war. Der Boden war dort unten nackt, und auch an den Wänden sah das unverkleidete Eisen des Schiffsrumpfes hervor, übersät mit einer Unzahl sinnverwirrenden technischen Gerätes. Das rhythmische Pochen des stählernen Pulsschlages dieses Giganten der Meere schien dort unten lauter zu sein, und als ich mich darauf konzentrierte, vermeinte ich ein ganz sanftes Vibrieren unter meinen Füßen zu spüren. Dort unten mussten die geheimnisvollen Maschinen liegen, die die NAUTILUS antrieben.

Ich ging weiter. Ganz sicher wartete man oben auf mich, und solange ich nicht wirklich wusste, auf welcher Seite der Herr dieses geheimnisvollen Schiffes stand, hatte es wenig Sinn, sein Misstrauen zu wecken.

Das Messer fühlte sich kalt in ihrer Hand an, kalt und glatt wie Eis und sonderbar schwer; und obwohl die schmale, auf beiden Seiten geschliffene Klinge noch immer sorgsam unter einem Streifen dunklen Stoffes verborgen war, damit sich kein Lichtstrahl auf dem Stahl brach und sie etwa im letzten Moment verriet, glaubte sie den Metallgeschmack auf der Zunge zu fühlen.

Sie wusste, dass sie sterben würde. Die Klinge unter ihrer Schürze, um die sich ihre rechte Hand mit fast verzweifelter Kraft krallte und die für einen anderen bestimmt war, würde auch sie töten.

Aber das war ihr egal. Sie war ohnehin schon tot. Sie war vor drei Tagen gestorben, innerlich, und dass sie noch weiterlebte und atmete und sprach und dachte, war eigentlich nur noch ein bloßer Reflex, ein blindes Weiterfunktionieren ihres Körpers ohne Sinn und Zweck. Sie war gestorben, als sie das kleine Zimmer unter dem Dach ihres Hauses betreten und Jennifers Bett leer vorgefunden hatte. Als sie begriffen hatte, was das unbenutzte weiße Laken bedeutete. Ihr Leben hatte jeden Sinn verloren, im gleichen Augenblick, in dem sie ans Fenster getreten war und den Vollmond wie ein höhnisch blinzelndes Auge am Himmel stehen gesehen hatte.

Seitdem war sie tot, aber niemand hatte es bemerkt; niemand aus der Stadt, keiner ihrer Nachbarn und Freunde, keiner von ihnen, nicht einmal ihr eigener Mann, den sie seit diesem Moment mit der gleichen Inbrunst hasste, wie sie ihn all die Jahre zuvor geliebt hatte. Etwas in ihr war gestorben, und wenn sie jetzt noch weiterlebte, dann nur zu dem einzigen Zweck, Rache zu üben. Sie würde McGillycaddy töten. Erst ihn, dann James, den Mann – selbst in Gedanken weigerte sie sich jetzt, ihn weiter als ihren Mann zu bezeichnen, geschweige denn als Jennifers Vater –, den Mann, der sein eigenes Fleisch und Blut verraten hatte, um es einer blasphemischen Gottheit zu opfern. Und dann so viele von ihnen, wie sie erwischen konnte, ehe sie sie überwältigten und töteten.

Vielleicht – auch dessen war sie sich vollkommen im Klaren – würden sie sie auch nicht töten, sondern etwas Schlimmeres mit ihr tun, aber selbst das war ihr egal. Es gab nichts mehr von Wichtigkeit. Nichts außer dem Stück rasiermesserscharfem beißendem Stahl in ihrer Hand.

Das Haus wirkte sonderbar kalt, als sie Jennifers Zimmer verließ und auf den schmalen, fensterlosen Korridor hinaustrat. Unten, in der Stube, hörte sie James mit den anderen reden, aber sie achtete nicht auf die Worte, denn auch sie hatten keine Bedeutung mehr, sondern ging mit ruhigen Schritten ins Schlafzimmer hinüber und betrachtete sich noch einmal kritisch in dem großen Spiegel, der neben dem Bett aufgestellt war.

Es war ein kostbarer Spiegel, in goldbemalte Holzschnitzereien gefasst und aus dem allerfeinsten Kristallglas geschliffen. Wie jedes Teil hier im ganzen Haus hatte sie ihn mit großer Sorgfalt und Liebe ausgewählt, und wie alles in diesem Haus war er etwas, um das sie die meisten anderen Frauen beneidet hätten. Bis vor drei Tagen war er ihr ganzer Stolz gewesen.

Jetzt war das alles unwichtig geworden.

Kritisch musterte Several Borden ihre Erscheinung. Nein, es fiel nicht auf, dass sie die rechte Hand unter der Schürze trug. Sie hatte ihr bestes Kleid angezogen, wie immer, wenn sie zu einer Versammlung gingen, dazu eine Schürze aus Brüsseler Stickerei, über der der Schal wie ein modisches Accessoire wirkte; nicht wie das Versteck, in dem sie den tödlichen Dolch trug. Niemand würde etwas merken.

Und auch ihr Gesicht wirkte gefasst und glatt und schön wie immer. Für ihre vierzig Jahre war sie noch immer eine sehr schöne Frau. Es war kein Wunder gewesen, dass sie einen der reichsten Männer des Ortes hatte heiraten können. Es war ihr auch ganz selbstverständlich vorgekommen, ein Leben in einem – wenn auch bescheidenen – Luxus und frei aller Sorgen führen zu können. Bis jetzt. Bis zu jenem schrecklichen Moment vor drei Tagen, in dem sie begriffen hatte, wie furchtbar hoch der Preis war, den sie letztendlich dafür zahlen musste.

Langsam wandte sie sich um, schloss die Schlafzimmertür hinter sich und wandte sich zur Treppe. Sie hörte das Geräusch der Tür, kurz bevor sie die Treppe hinuntergekommen war, und als sie die Stube betrat, sah sie gerade noch das geschauspielerte Lächeln auf James’ Zügen erlöschen, mit dem er den letzten Besucher verabschiedet hatte.

»Several, Liebling«, begrüßte sie ihr Mann. »Du bist schon fertig. Wie schön.« Er kam auf sie zu, schloss sie kurz und heftig in die Arme und küsste sie auf die Wange. Several hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. Aber ihr Gesicht blieb ausdruckslos wie Stein.

»Ich bin bereit«, sagte sie ruhig. »Und ich glaube, es wird auch Zeit. Die Versammlung beginnt bald.«

James nickte, eilte zum Kamin und klopfte seine Pfeife über den Flammen aus. »Ich weiß«, sagte er. »Aber ich komme nicht mit.«

Several erschrak so sehr, dass sie nur mit Mühe den geschauspielert gleichmütigen Ausdruck auf ihren Zügen halten konnte. »Du kommst nicht mit?«, wiederholte sie. »Du weißt, dass McGillycaddy –«

»Gesagt hat, dass alle kommen müssen, ich weiß«, unterbrach sie James und stand auf. »Aber er weiß Bescheid. Es reicht aus, wenn du gehst und mich vertrittst. Und ich komme ja nach.« Er lächelte aufmunternd, eilte geschäftig durch das Zimmer und stellte den rechten Fuß auf die Tischkante, um seinen Schuhriemen zu binden.

»Wohin … gehst du?«, fragte Several stockend. Ihre Gedanken überschlugen sich fast. Er musste mitgehen. Nach McGillycaddy selbst war er der Zweite, der bezahlen musste. Er vor allem. »Ich … ich möchte nicht allein gehen«, fügte sie hinzu.

James sah auf, lächelte und beugte sich dann wieder über seinen Schuh. »Ich komme so rasch nach, wie ich kann«, versprach er. »Und …« Er stockte wieder, als der Schuhriemen unter seinen Fingern zerriss, runzelte ärgerlich die Stirn und versuchte, die abgerissenen Enden zusammenzuknoten.

»Warum eigentlich nicht?«, sagte er plötzlich. »Es sollte eigentlich eine Überraschung sein, aber was soll’s? Ich fahre zur Bahnlinie hinunter, um Jennifer abzuholen.«

»Jennifer?« Several erschrak, als sie den fast hysterischen Ton in ihrer eigenen Stimme vernahm. Aber James war so sehr mit seinem Schuhriemen beschäftigt, dass er nichts zu bemerken schien.

»Sie … Sie kommt zurück?«, sagte sie stockend. Ihr Herz schien auszusetzen. Dann begriff sie, und ein Gefühl eisiger Kälte begann sich in ihrem Inneren auszubreiten.

James nickte. »Ja. Ich habe dir doch gesagt, dass sie in ein paar Tagen wieder hier ist. Du hast dich umsonst gesorgt, Liebling. Schließlich ist Aberdeen nicht aus der Welt, und ein Mädchen von neunzehn Jahren kann ganz gut einmal für drei Tage allein bleiben.«

Lautlos trat Several hinter ihren Mann. Er musste ihre Annäherung bemerken, aber natürlich dachte er sich nichts dabei. Ihre Augen füllten sich mit heißen Tränen. Für wie dumm hielt er sie? Wie sehr musste er sie verachten, wenn er glaubte, sie selbst jetzt noch belügen zu können?

»Sie … Sie kommt zurück?«, fragte sie noch einmal.

James nickte, ohne von seinem Schuh aufzusehen, riss ein weiteres Stück des mürbe gewordenen Schnürsenkels ab und fluchte leise. »Warum sollte sie nicht kommen?«, fragte er. »In ein paar Stunden seid ihr wieder zusammen, du wirst sehen.«

Several begann zu weinen, lautlos und ohne dass sich in ihrem Gesicht auch nur ein Muskel rührte. Sie hatte ihr Sterben gespürt, vor drei Tagen.

»Ja«, sagte sie leise. »Bald sind wir wieder zusammen, James. Wir alle.«

Vielleicht ahnte er jetzt, was der sonderbare Ton in ihrer Stimme zu bedeuten hatte, denn er hielt plötzlich in seinem Tun inne und richtete sich auf. Aber wenn, dann kam diese Erkenntnis zu spät.

Several stieß ihm den Dolch mit solcher Wucht in den Rücken, dass die Klinge abbrach.

Ich war schon fast daran gewöhnt, dass die Tür am oberen Ende der Treppe wie von Geisterhand aufschwang, kaum dass ich mich ihr näherte. Dahinter lag ein Gang, der etwas größer und heller erleuchtet war als der untere und womöglich noch verschwenderischer eingerichtet. Ich konnte noch immer nicht aufrecht gehen, ohne mir den Kopf an der Decke zu stoßen, aber trotzdem hatte ich das Gefühl, plötzlich freier atmen zu ...

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