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Der Hexer 22

E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein

Anubis

Horus

Thor

Der Hammer der Götter

Der Widersacher

Die Heldenmutter

Die Schatten des Bösen

Dunkel

Raven – Schattenchronik

Raven – Schattenreiter

Die Tochter der Midgardschlange

Intruder – Chronik eines Albtraums (Band 1 bis 6)

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 22 bis 24.

Obwohl DER HEXER von Anfang an eine Serie war, deren einzelne Romane stark durch einen roten Faden verbunden waren, beginnt erst mit diesem Buch der erste richtige große Zyklus; der Dagon-Zyklus, der die ursprünglichen Hefte 13 bis 21 umfasst und in den größeren, bis zum Ende der Heftserie dauernden Zyklus um DIE SIEBEN SIEGEL DER MACHT übergeht.

Streng genommen hat Robert Craven bereits im letzten Teil des vorangegangenen Buches die Bekanntschaft Dagons gemacht, als es ihn um rund zweihundert Millionen Jahre in die Vergangenheit und das zum Untergang verurteilte Reich Maronar verschlug.

Die Magier von Maronar hatten einen unheilvollen Pakt mit einer grausamen Dämonenrasse geschlossen, den Thul Saduun, die ähnlich mächtig wie die GROSSEN ALTEN, jedoch mit ihnen verfeindet waren. Aber die Thul Saduun trieben ein falsches Spiel, und Maronar wurde vernichtet. Nur wenigen gelang die Flucht. Sie versteckten sich auf der Erde, wo sie eine neue Stadt gleichen Namens gründeten, doch es schien, als hätten sie aus ihren Fehlern nichts gelernt. In ihrer Verblendung beschworen die Magier erneut die Thul Saduun, weil sie nur darin eine Chance für das Überleben ihres Volkes zu sehen glaubten.

Der junge Magier Dagon, ein bizarres Zwitterwesen zwischen Mensch und Fisch, erkannte, wie verhängnisvoll diese Entwicklung war. Er half Robert Craven, durch ein magisches Tor in seine Zeit zurückzukehren, und machte die Zeitreise selbst ebenfalls mit. Unter Bedingungen, die er sich nie hätte träumen lassen, begegnet Robert ihm nun erneut, aber Dagon ist nicht mehr der unerfahrene Magierlehrling, der er in Maronar war.

Jetzt ist er ein Gott, und er verfolgt Pläne, die die Existenz der gesamten Menschheit gefährden.

Aber auch Robert steht in seinem Kampf nicht allein. Ihm zur Seite steht der legendäre Kapitän Nemo mit seinem gleichfalls legendären Unterseeboot NAUTILUS; ein technisches Wunderwerk, stark genug, es auch mit einem Fischgott aufzunehmen ...

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 22
Der Clan der Fischmenschen

Bastei Entertainment

 

Im letzten Licht des Tages betrachtet, das bereits von den ersten grauen Streifen der Dämmerung durchdrungen wurde, sah der See aus wie ein gewaltiger, runder Spiegel. Obwohl das rote Licht des Sonnenunterganges den Eindruck von Wärme erweckte, strahlte die Wasserfläche einen Hauch eisiger Kälte aus, und das kaum hörbare Plätschern, mit dem die Wellen gegen das Boot schlugen, klang in Jennifers Ohren wie das Wispern höhnischer, heller Stimmen.

Aber vielleicht kam die Kälte auch aus ihr selbst, und vielleicht war das, was sie für ein böses Flüstern hielt, nur das Echo ihrer eigenen Angst.

Sie wusste, dass sie die Nacht nicht überleben würde.

Zum wahrscheinlich hundertsten Male, seit man sie in das kleine, ruderlose Boot gelegt und in die Mitte des Sees hinausgezogen hatte, versuchte sie sich aufzusetzen und zerrte dabei mit aller Kraft an den Fesseln, und zum ebensovielten Male war es vergebens. Die fingerdicken Hanfstricke waren fachkundig angelegt; von Männern, die wussten, was sie taten. Sie waren nicht einmal sehr fest, aber Jennifers Hand-und Fußgelenke waren trotzdem blutig gescheuert und schmerzten. Zu oft hatte sie versucht, sich von ihren Fesseln zu befreien.

Es war ihr nicht einmal gelungen, sich aufzusetzen.

Durch ihr verzweifeltes Hin- und Herwerfen in Bewegung gesetzt, begann das Boot auf den Wellen zu schaukeln. Jennifer erstarrte vor Schreck und hielt für einen Moment sogar den Atem an. Das Boot schaukelte noch einen Moment weiter. Jennifer wusste sehr wohl, dass es noch nicht an der Zeit war, nicht, solange die Sonne nicht vollends versunken und der Mond wie eine silberne Scheibe am Himmel aufgegangen war, aber es war nur ein Teil von ihr, der das wusste: der logische, überlegende Teil. Die andere Jennifer, das Mädchen, das wusste, dass es sterben würde und vor Angst halb wahnsinnig war, hörte Geräusche unter dem Plätschern der Wellen, die es nicht gab: ein dumpfes Brausen und Rauschen, als stiege ein kolossaler finsterer Körper aus den eisigen Tiefen des Lochs empor, ein schweres mühsames Atmen, das Plätschern, mit dem gewaltige flossenbewehrte Arme die Fluten teilten. War da nicht ein Reiben und Schaben unter dem Boot, ein Laut, der sie an das Kratzen horniger Fingernägel erinnerte? Klang der Rhythmus der Wellen nicht plötzlich anders, als wäre ein großer Körper irgendwo in der Nähe des Bootes aufgetaucht und störe das sanfte Hin und Her des Wassers?

Mit aller Macht kämpfte das schwarzhaarige Mädchen die aufsteigende Panik nieder, schloss die Augen und presste die Lider so fest aufeinander, dass es wehtat und farbige Kreise vor ihren Augen erschienen. Ihr Herz schlug noch immer wie rasend, aber zumindest im Moment hatte sie sich noch weit genug in der Gewalt, die Panik ein letztes Mal zurückzudrängen.

Als sie die Augen öffnete, war der See wieder normal. Die Geräusche, die sie umgaben, waren die des Wassers, mehr nicht, und das Einzige, vor dem sie Angst haben musste, war ihre eigene Furcht.

Aber sie wusste, dass das nicht so bleiben würde. Der Anteil von Grau in der Farbe des Himmels war größer geworden, und hinter den Wolken war eine verwaschene helle Scheibe aufgetaucht.

Der Mond. Bald würde das Licht der Sonne vollends erlöschen, der Mond würde herrschen wie ein böses kaltes Auge, und kurz darauf würde er erscheinen.

Dann würde sie sterben.

Jennifer dachte es ganz kalt. Sie war vor drei Wochen neunzehn geworden – eigentlich noch ein Kind, wenn man ihren Eltern glauben wollte –, und vielleicht war sie einfach zu jung, um zu begreifen, was das Wort »Tod« bedeutete. Sie hatte keine Angst davor. Sie hatte ihre eigene Philosophie, schon seit langer Zeit, und alles, was sie empfand, war eine gelinde Neugier, ob – und wenn ja, was – es danach geben würde.

Aber sie hatte panische Angst vor dem Sterben, vor dem, was er mit ihr tun würde, vor dem, was kommen würde, obwohl sie gar nicht wusste, was. Aber das war ja gerade das Schlimme. Die Ungewissheit. Die Schrecken, die ihr die eigene Phantasie vorgaukelten.

Sie spürte, wie sich das hektische Pochen ihres Herzens beruhigte, sah noch einmal in den Himmel und stellte voller Schrecken fest, dass sich in das Grau jetzt ein sanfter Schimmer von Schwarz gemischt hatte. Noch Minuten – und die ersten Sterne würden wie kleine Leuchtkäfer am Himmel erscheinen, und dann –

Wieder wollte Panik wie eine graue Woge aus ihrem Inneren aufsteigen – und wieder kämpfte sie das Gefühl nieder.

Aber diesmal kostete es sie sehr große Anstrengung, und zurück blieb eine Furcht, die wie das Fieber einer Krankheit in ihren Eingeweiden wühlte.

Es wurde jetzt rasch dunkel. Von Westen – vom Meer her – trieben schwarze Wolken wie rauchige Fäuste heran, und obgleich sie so lag, dass ihr der Bootsrand den Blick auf den See verwehrte, wusste sie, dass seine Oberfläche jetzt gekräuselt und vom Wind zu einem Muster aus Millionen ineinander laufender Kreise gemacht wurde. Es hatte einmal eine Zeit gegeben – und sie lag noch nicht einmal sehr lange zurück – da hatte sie diesen Anblick geliebt. Manchmal war sie sogar die drei Meilen vom Dorf her heraufgekommen, nur um diesen flüchtigen Augenblick zwischen Dämmerung und Nacht zu erleben, den kurzen Moment, in dem sich Licht und Dunkelheit zu einer verzauberten Welt vermischten.

Aber das war gewesen, bevor sie das Geheimnis von Loch Firth kennengelernt hatte.

Bevor die Angst Einzug in ihr Leben gehalten hatte.

Ein eisiger Windhauch strich säuselnd über den See, und wieder schaukelte das Boot wie von unsichtbaren Händen bewegt auf den Wellen. Diesmal war sich Jennifer nicht mehr sicher, ob das Kratzen und Schaben, das sie zu hören glaubte, wirklich nur ihrer Einbildung entsprang. Sie hatte gehört, dass er erst kommen würde, wenn der Mond vollends aufgegangen war, aber wer sagte ihr, dass das stimmte? Vielleicht war er schon da, lauernd und unsichtbar, verborgen hinter den dichter werdenden Schatten der Nacht und auf eine Gelegenheit wartend, sie zu packen und zu sich herabzuziehen in die eisigen schweigenden Tiefen seines Reiches.

Noch einmal bäumte sich Jennifer mit aller Kraft gegen die Fesseln auf, zerrte und zog mit aller Macht an den verdrillten Hanfschnüren, die ihre Gelenke banden.

Dann riss einer der Stricke. Plötzlich waren ihre Füße frei und schlugen hart gegen den Bootsrand. Die Erschütterung ließ das kleine Schiffchen noch stärker schaukeln. Ein Schwall eisigen Wassers schwappte über seine niedrige Bordwand, durchnässte Jennifer bis auf die Haut und drang ihr in Mund und Nase.

Aber der Schock, mit dem das Wasser wie eine Hand in ihr Gesicht klatschte, wirkte wie eine Ohrfeige. Jennifer hustete, setzte sich umständlich auf und spie Wasser und bittere Galle aus. Jetzt, da ihre Beine frei waren, konnte sie auch die Stricke abstreifen, die sie am Boden des Bootes gehalten hatten. Mit der Kraft der Verzweiflung warf sie sich herum, schüttelte die Hanfschnüre ab und hob die gefesselten Hände an den Mund. Wie besessen zerrte sie mit den Zähnen an ihren Fesseln, riss sich dabei die Lippen blutig und spürte den Schmerz nicht einmal.

Irgendwo hinter ihr erscholl ein helles, lang anhaltendes Platschen.

Jennifer erstarrte. Ihr Herz schien für eine schreckliche, endlose Sekunde auszusetzen und dann schneller und unrhythmisch weiterzuhämmern. Entsetzt fuhr sie herum. Ein heller, halb erstickter Schrei kam über ihre Lippen, während der Blick ihrer geweiteten Augen über den See raste. Die Nacht war vollends hereingebrochen, und der See erstreckte sich wie eine Ebene aus stumpfem Silber vor ihr, tausende Mal größer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Schatten huschten über seine Oberfläche, und plötzlich waren da Wellen, die nicht sein durften, eine Bewegung, die anders und machtvoller war als die des Windes. Etwas am Schaukeln des Bootes änderte sich, der See schien zu beben, und mit einem Male spürte sie, wie sich etwas Großes, unglaublich Machtvolles dem Boot näherte.

Jennifer schrie. Plötzlich war der Rest ihrer Selbstbeherrschung dahin, alles, was sie noch empfand, waren Angst und Grauen und eine Panik, die jeden vernünftigen Gedanken erstickte. Er war da!

Das Boot erzitterte, als irgendetwas unten gegen seinen Rumpf stieß. Jennifer schrie abermals, stemmte sich in die Höhe – und ließ sich über die Bordwand fallen.

Das Wasser schlug wie eine eisige Decke über ihr zusammen. Sie wusste, dass sie es nicht schaffen würde, im gleichen Moment, in dem sie ins Wasser eintauchte und die Kälte fühlte. Sie war eine ausgezeichnete Schwimmerin, aber ihre Hände waren noch immer gefesselt und das Wasser war so kalt, dass sich jeder einzelne Muskel in ihrem Körper zu verkrampfen schien.

Blindlings warf sie sich herum, strampelte mit den Beinen und bekam den Kopf über Wasser. Sie wollte atmen, aber die Kälte lähmte sie. Ihr Mund stand weit offen, aber sie bekam keine Luft, und die schwarze Tiefe unter ihr schien sie herabzuziehen wie eine unsichtbare Faust.

Und dann berührte etwas ihren Fuß.

Die Berührung brach den Bann. Jennifer schrie auf, bekam für eine halbe Sekunde Luft und tauchte abermals unter. Bitter schmeckendes, eisiges Wasser drang in ihren Mund. Sie kam mit einer verzweifelten Anstrengung noch einmal an die Wasseroberfläche.

Das Ufer lag wie ein schwarzer Tuschestrich in der Nacht vor ihr, Meilen entfernt, wie es ihr vorkam. Vielleicht nur ein paar hundert Fuß in Wirklichkeit, aber genauso gut hätten es zehntausend Meilen sein können. Ihre Kräfte erlahmten bereits. Die aneinander gebundenen Hände schienen sie wie Zentnerlasten in die Tiefe zu zerren, und die Kälte kroch auf unsichtbaren Spinnenbeinen in ihren Körper. Selbst wenn ihre Hände nicht gefesselt gewesen wären, würde sie ertrinken, lange bevor sie das rettende Ufer erreichte.

Und trotzdem erschien ihr dieser Gedanke mit einem Male verlockend. Vielleicht war es besser so. Ein schneller Tod, eine Minute der Agonie, nach der sie in das große Vergessen sinken würde, seinem Zugriff und dem Schrecken, den er für sie bereithielt, entzogen. Vielleicht war der Tod die Erlösung, die einzige Flucht vor ihm, die ihr blieb.

Es kostete sie all ihre Kraft, es zu tun. Sie hatte nicht geglaubt, dass es so schwer sein würde. Aber sie hatte auch nicht geglaubt, dass sie den Mut aufbringen würde.

Sie atmete aus, hob die Hände aus dem Wasser und über den Kopf und ließ sich in die Tiefe sinken.

Dunkelheit und Kälte umgaben sie wie ein schweigendes Grab. Sie spürte, wie sie in die Tiefe sank, tiefer und tiefer hinab in das eisige Schweigen des Sees, wie das Wasser in ihren Mund und ihre Nase drang. Farbige Kreise erschienen vor ihren Augen, und irgendwo in ihrer Brust erwachte ein sonderbares Gefühl der Endgültigkeit. Fast fühlte sie Triumph. Sie würde sterben, aber sie war ihm entkommen.

Plötzlich war etwas neben ihr. Etwas Großes, das unsichtbar hinter der Schwärze des Wassers gelauert hatte, und plötzlich fühlte sie sich gepackt und in die Höhe gerissen. Eine weiche, starke Hand schmiegte sich um ihren Hals, zerrte sie nach oben und zwang ihren Kopf über die Wasseroberfläche. Sie sah nichts, nichts außer kochendem Wasser und Schatten, die ihrer eigenen Phantasie entsprangen, aber sie spürte, wie irgendetwas an ihrem Leib entlang tastete, auf ihren Magen drückte und sie zwang, wieder zu atmen. Verzweifelt trat sie unter Wasser um sich, spürte einen weichen, schwammigen Widerstand und schrie erneut auf, als sie von unsichtbaren Händen in die Höhe gehoben und gehalten wurde, sodass sie atmen musste, ob sie wollte oder nicht.

Etwas tastete nach ihren Händen, glitt beinahe sanft über die Stricke, die ihre Gelenke aneinanderbanden – und zerriss sie. Dann war der Widerstand verschwunden, das unsichtbare Etwas, das sie gerettet und befreit hatte, versank wieder in der Tiefe des Sees, und sie spürte wieder die saugende Kraft des eisigen Wassers.

Instinktiv warf sie sich nach vorn, machte mit Armen und Beinen ungeschickte Schwimmbewegungen und atmete tief und gierig ein. Der See drehte sich vor ihren Augen wie in einem irrsinnigen Tanz, die schwarzen Regenwolken am Himmel schienen zu kochen, und die Kälte betäubte sie fast, aber irgendwo in ihrem halb erloschenen Bewusstsein hatte sich der Gedanke festgesetzt, dass sie gerettet war, dass er ihr Opfer nicht wollte. Er hatte sie berührt und begutachtet und abgelehnt, und sie würde weiterleben, wenn es ihr gelang, das Ufer zu erreichen, bevor die Kälte sie vollends lähmte.

Allmählich fanden ihre Muskeln wie von selbst in den gewohnten Rhythmus der Schwimmbewegungen. Sie bewegte sich schneller und atmete gezwungen ruhig ein und aus. Das Ufer kam näher, zwar langsam, aber sichtbar. Noch hundert dieser unendlich mühsamen Schwimmzüge, und sie war gerettet.

Der Wind frischte auf, als sie noch zwanzig Yards vom Ufer entfernt war. Das Wasser kräuselte sich stärker, und plötzlich fuhr eine Bö wie eine unsichtbare Faust unter die Wolken und zerriss die schwarze Decke, die sie über dem See gebildet hatten. Groß und rund wie ein bleiches, pupillenloses Riesenauge stand der Mond am Himmel.

Jennifer begriff den grausamen Irrtum, dem sie erlegen war, erst, als sie die Bewegung unter sich spürte und das Wasser vor ihr zu schäumen begann. Aber ihr blieb nicht einmal mehr Zeit, zu schreien.

Es waren die gleichen, unmenschlichen starken Hände, die sie gerettet hatten, die sie jetzt in die Tiefe zogen.

Vor den Fenstern des Hauses am Ashton Place dämmerte der Morgen. Der große, von einer doppelten Reihe sorgsam gestutzter Bäume gesäumte Platz in einem der vornehmsten Londoner Wohnviertel lag noch verschlafen da. Hinter einigen Fenstern brannte bereits Licht, meistens in den unteren, halbwegs im Keller liegenden Räumen, in denen die Dienerschaft das Frühstück vorbereitete oder einfach noch eine Weile plauderte, bis ihre Herrschaften erwachten und der gewohnte Tagesablauf beginnen würde. Hier und da kräuselte sich dünner grauer Rauch aus den Kaminen, aber sonst zeigte sich nirgends eine Spur von Bewegung. Über dem sorgsam gekehrten Kopfsteinpflaster des Platzes lag ein klammer Nebelhauch wie ein letzter Gruß der Nacht. Nicht einmal die Tauben, die normalerweise als Erste mit ihrem unablässigen Gurren und Schimpfen die Sonne begrüßten, waren an diesem Morgen zu sehen. Es war, als hätte der Tag verschlafen.

Das leise Geräusch der Tür drang wie ein Laut aus einer anderen Welt in meine düsteren Gedanken und ließ mich aufsehen. Es war Mary, meine Haushälterin. Sie sah so übernächtigt aus, wie ich mich fühlte, aber auf ihren bleichen Zügen lag ein Lächeln, und der Anblick der dampfenden Kaffeekanne, die sie zusammen mit zwei Tassen und einer silbernen Zuckerschale auf einem Tablett vor sich hertrug, hob meine Stimmung wenigstens um eine Kleinigkeit.

Ich raffte mich dazu auf, ihr Lächeln zu erwidern, ließ die Gardine fahren und trat vom Fenster zurück. Erst jetzt fiel mir auf, wie kühl es im Zimmer war. Obwohl der Kalender erst Ende September anzeigte, wurden die Nächte bereits empfindlich kalt, und das Feuer im Kamin war heruntergebrannt, während ich am Fenster gestanden und hinausgestarrt hatte. Fröstelnd ging ich vor dem fast erloschenen Kamin in die Knie, legte ein neues Scheit in die Glut und rieb die Hände ineinander.

»Sie haben wieder nicht geschlafen, Robert«, sagte Mary vorwurfsvoll. Porzellan klirrte, und als ich aufstand und mich herumdrehte, war sie gerade dabei, die zweite Tasse mit dampfend heißem Kaffee zu füllen.

»Doch«, log ich. »Ich bin nur früh aufgestanden.« Ich setzte mich, griff nach der Tasse und nippte vorsichtig an dem heißen Getränk. Mary ließ sich auf den zweiten Stuhl vor dem kleinen Tischchen nieder und sah mich mit einer Mischung aus Vorwurf und Sorge an. Ich war froh, dass sie da war. Mary Winden war viel mehr für mich als eine Haushälterin oder ein weiblicher Majordomus. Sie war einer der ganzen wenigen Menschen, für die ich Zuneigung empfand und die dieses Gefühl erwiderten.

»Sie haben kein Auge zugetan«, sagte sie streng. »Das Licht hat die ganze Nacht gebrannt –«

»Ich schlafe oft bei Licht«, sagte ich, aber Mary fegte meine Worte mit einer fast ärgerlichen Handbewegung zur Seite.

»– und ich habe während der ganzen Nacht Ihre Schritte gehört«, fuhr sie unbeeindruckt fort. »Sie bringen sich um, Robert, ist Ihnen das klar?«

»Und wenn«, murmelte ich. »Ich glaube nicht, dass es ein großer Verlust für die Menschheit wäre.« Ich lächelte schief, als ich sah, wie es in Marys Augen aufblitzte, beugte mich vor und nippte wieder an meinem Kaffee. Das Getränk war so heiß, dass ich seinen Geschmack nicht einmal spürte, und ich hatte in den letzten Tagen zu viel davon in mich hineingeschüttet, als dass er noch eine irgendwie geartete belebende Wirkung gehabt hätte.

»Macht es Ihnen großen Spaß, sich in Selbstmitleid zu ergehen?«, fragte Mary plötzlich. »Oder ist es einfach nur Feigheit?«

»Wie … meinen Sie das?«, fragte ich verwirrt. Marys plötzliche Aggressivität überraschte mich. Ich hatte sie als zwar energische, aber doch durch und durch sanftmütige Frau kennengelernt, über deren Lippen kaum je ein böses Wort kam.

»Das wissen Sie sehr gut, mein Junge«, sagte sie scharf. »Seit nahezu zwei Wochen verbarrikadieren Sie sich in diesem Zimmer, leben nur von Kaffee und Tabletten und richten sich selbst zugrunde.«

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Viel Spaß!



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