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Der Hexer 20

Inhalt

  1. Cover
  2. Was ist DER HEXER?
  3. Der Autor
  4. Vorwort
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Engel des Bösen
  8. Vorschau
  9. Die Serie auf einen Blick
  10. E-Book-Titel von Wolfgang Hohlbein
  11. Unsere Empfehlungen

Was ist DER HEXER?

Der Hexer ist eine Romanserie in der Tradition von H.P. Lovecraft, geschaffen von Wolfgang Hohlbein, der auch die meisten Folgen schrieb. Das Epos wurde 1984 in der Reihe »Gespenster-Krimi« begonnen und später als eigenständige Serie unter »DER HEXER« und schließlich als Paperback und Sammeledition fortgesetzt.

Die Geschichte spielt hauptsächlich in London des 19. Jahrhunderts und verstrickt den Hexer Robert Craven und später auch seinen Sohn in fantastisch-schaurige Abenteuer. Immer wieder kommt es dabei zu Begegnungen mit den GROSSEN ALTEN – göttergleichen Wesen, die den Menschen feindlich gesonnen sind – und deren Vertretern auf der Erde.

Der Autor

Wolfgang Hohlbein ist ein Phänomen – einer der produktivsten Autoren fantastischer Literatur mit mehr als hundertsechzig Büchern und einer Weltauflage von über vierzig Millionen Exemplaren! Bekannt wurde er neben seinen Jugendbüchern vor allem durch den Romanzyklus DER HEXER. Die E-Book-Sammleredition präsentiert die Hexer-Geschichten als »Director’s Cut« in ihrer ursprünglichen Form und in chronologischer Reihenfolge, gespickt mit vielen Hintergrundinfos.

Vorwort

Mitautor Frank Rehfeld gibt in aufschlussreichen Vorworten Auskunft über Hintergründe und Inhalte der Hexer-Reihe. Seine Anmerkungen beziehen sich dabei in der Regel auf mehrere E-Book-Folgen. Hier das Vorwort zu Band 19 bis 21.

Als Wolfgang Hohlbein mit DER HEXER die Mythenwelt Howard Lovecrafts für den deutschen Heftroman adaptierte, stellte er sich einer großen Herausforderung. In erheblichem Umfang widersprachen Lovecrafts Protagonisten und auch die an der Grenze zwischen Horror und Science Fiction angesiedelte Dämonenwelt der GROSSEN ALTEN den im Heftroman gängigen Klischees, obwohl freilich eine Reihe von Kompromissen geschlossen werden musste.

Es begann damit, dass Robert Craven keinesfalls dem Abziehbild eines Heroen entspricht, der sich mit Begeisterung der Aufgabe stellt, die Welt von dämonischem Gezücht zu befreien. Robert ist ein Mensch, der ungefragt ein Erbe antreten muss, das er gar nicht will. Sein Kampf gegen die GROSSEN ALTEN entspringt nur dem Wunsch, selbst zu überleben. Erst als junger Mann erfährt er, dass sein Vater ein berüchtigter Hexer war und auch in ihm diese magischen Fähigkeiten schlummern. Und der Fluch, den sein Vater auf sich geladen hat, geht auch auf ihn über.

Es hat von anderen Autoren Versuche mit unterschiedlichem Ergebnis gegeben, den Cthulhu-Mythos in die Gegenwart zu verlegen. Hohlbein entschied sich für eine andere Vorgehensweise, er verlegte den Handlungszeitraum nach hinten, in die Zeit noch vor Lovecrafts Geburt. Die ersten Hexer-Romane spielen im Jahr 1883, oft auf den Tag genau einhundert Jahre vor Erscheinen des jeweiligen Heftes. Eine komplett in der Vergangenheit spielende Grusel-Heftserie stellte eine Neuheit auf dem deutschen Markt dar, kam aber gerade deshalb bei den Lesern gut an, wie zahlreiche Briefe gerade zu diesem Thema belegen. Nach nur acht Heften im Gespenster-Krimi erschien DER HEXER 1985 als eigenständige vierzehntägliche Serie.

Als ein weiterer geschickter Schachzug erwies es sich, H.P. Lovecraft selbst als Mitstreiter Roberts in die Serie einzubauen, auch wenn der echte Lovecraft zu dieser Zeit noch gar nicht gelebt hat. Das jedoch ist ein Geheimnis, das erst nach und nach im Zuge der Serie weitgehend aufgeklärt wurde.

Zwei Jahre lang erschien DER HEXER als eigene Serie, dann wurde er eingestellt. Möglicherweise war das Konzept für eine Heftserie doch zu ungewöhnlich, die Zyklenstruktur zu kompliziert für Gelegenheitsleser, Robert zu sehr Anti-Held für die an blonde Geisterjäger-Recken gewöhnte Leserschaft.

An den Geschichten selbst kann es schwerlich gelegen haben, denn schon kurze Zeit später feierte DER HEXER im Taschenbuch mit Nachdruckender Hefte ein Comeback, und die Bücher verkauften sich ausnehmend gut, wozu wenigstens teilweise auch die inzwischen enorm gewachsene Popularität Wolfgang Hohlbeins beitrug. Erschien die Heftserie nur unter dem Pseudonym Robert Craven (der Held erzählt in Ich-Form seine eigene Geschichte), stand auf den Taschenbüchern Hohlbeins Name.

Allerdings wurde in den Taschenbüchern nur ein Teil der Hefte nachgedruckt. Erst mit der vorliegenden Edition hat der Leser die Möglichkeit, die vollständigen Abenteuer Robert Cravens noch einmal zu erleben.

Oder die phantastische Welt des Hexers zum ersten Mal zu betreten.

Frank Rehfeld

Wolfgang Hohlbein

DER HEXER

Band 20
Engel des Bösen

 

Das rote, flackernde Licht der Fackel schien den Totenschädel in Blut zu tauchen, und die zuckenden Schatten der hin und her tanzenden Flamme füllten die leeren Augenhöhlen mit scheinbarem Leben.

Nur scheinbar? Howard erstarrte. Die Fackel in seiner Hand begann zu zittern. Ganz plötzlich bewegte sich der Schädel! Ein helles, schabendes Geräusch drang durch den grauen Knochen, und mit einem Male rollte der Totenschädel zur Seite, wippte noch ein paar Mal hin und her, und der Unterkiefer klappte wie zu einem hässlichen Grinsen herab.

Aus dem offen stehenden Mund des Schädels kroch eine haarige, schwarze Ratte und huschte davon.

Howard unterdrückte im letzten Moment einen Aufschrei. Die Ratte verschwand aus dem Halbkreis des Fackelscheins, aber ihre Schritte waren noch sekundenlang als leises Trappeln und Schaben zu hören. Und selbst danach bildete Howard sich noch ein, die Blicke unsichtbarer kleiner Augen aus der Dunkelheit heraus zu fühlen.

Trotz der Kälte, die den Gang wie ein gläserner Hauch ausfüllte, perlte Schweiß auf Howards Stirn, und seine Handflächen fühlten sich feucht und klebrig an. Er hielt die Fackel viel fester, als nötig gewesen wäre. Sein Blick irrte unablässig durch den niedrigen, gewölbten Stollen, saugte sich an der samtschwarzen Wand aus Dunkelheit fest, die im gleichen Tempo vor dem flackernden Fackellicht zurückwich, in der sie sich bewegten, und versuchte Umrisse zu erkennen, wo nur Schwärze und Finsternis waren.

»Wohin … führt dieser Gang?«, fragte er. Seine eigene Stimme kam ihm fremd vor; die bizarre Akustik dieses unterirdischen Stollens verzerrte sie, und ihr Klang verriet mehr von seiner Nervosität, als ihm recht war.

Cohen, der wenige Schritte vor ihm ging und mit seinen breiten Schultern den Stollen beinahe auszufüllen schien, blieb mitten im Schritt stehen, drehte sich halb um und grinste flüchtig, ehe er antwortete. »Nach unten, Mister Lovecraft. Weiter nach unten.«

Howard wollte auffahren, aber Stanislas Cohen machte eine rasche, beruhigende Geste und fügte hinzu: »Zur Subway, um genau zu sein. Wenn auch zu einem Teil, den kaum noch jemand kennt.«

Howard sah den weißhaarigen Hünen fragend an. »Kaum noch? Wissen Sie, Cohen, ich bin Amerikaner und nur zurzeit in London, aber die Subway –«

»Ich weiß, was Sie sagen wollen«, unterbrach ihn Cohen. »Man hat gerade vor ein paar Jahren erst angefangen, die U-Bahn zu bauen.«

»Soviel ich weiß, sind gerade erst ein paar Meilen fertig«, bestätigte Howard. »Aber ein Gang, den kaum noch jemand kennt, bedingt ein ziemliches Alter.«

»Ich weiß«, antwortete Cohen. »Aber Sie werden schon sehen, was ich meine. Kommen Sie – wir haben nicht viel Zeit.«

Sie gingen weiter. Howard hielt sich dicht hinter Cohen, und trotz der Dunkelheit und der Massen von Schutt und Abfall, die den Boden bedeckten und das Gehen teilweise zu einem halsbrecherischen Abenteuer werden ließen, kamen sie schnell voran. Howards Orientierungssinn war genauso durcheinandergeraten wie sein Zeitgefühl, seit sie das unterirdische Labyrinth betreten hatten, aber sie mussten weit mehr als eine Meile zurückgelegt haben, als Cohen abermals stehen blieb, den Zeigefinger auf die Lippen legte, seine Fackel löschte und Howard mit Gesten bedeutete, es ihm gleich zu tun.

Howard legte gehorsam die Fackel zu Boden und hob den Fuß, zögerte aber, sie auszutreten. Für einen kurzen Moment glaubte er einen Totenschädel zu sehen, aus dessen leeren Augenhöhlen schwarze Ratten hervorquollen. Er schüttelte die Vorstellung ab, aber es gelang ihm nicht vollkommen; ein dumpfes, bohrendes Gefühl der Beunruhigung blieb zurück, das beinahe schlimmer war als wirkliche Angst. Die Vorstellung, hier unten schutzlos der Dunkelheit ausgesetzt zu sein, war ihm unerträglich. Aber es musste sein. Cohen hatte ihm lang und breit genug erklärt, wie licht- und geräuschempfindlich sie waren. Was ihnen beiden geschehen konnte, wenn ihr Vorhaben fehlschlug, hatte er ihm nicht erklärt.

Aber das war auch nicht nötig. Howards Phantasie reichte durchaus, es sich in allen Einzelheiten auszumalen. Leider.

»Nun machen Sie schon!«, flüsterte Cohen ungeduldig, als Howard noch immer unentschlossen von der ohnehin nur noch glimmenden Fackel und der Wand aus Schwärze hin und her blickte, die den Gang wenige Schritte vor ihnen abschloss.

Mit einem resignierenden Seufzen senkte er den Fuß auf das Ende der Fackel.

Die Dunkelheit schlug wie eine erstickende Woge über ihnen zusammen. Und danach – wie ein zweiter, noch wuchtigerer Hieb – die Furcht. Es war ein bizarres Gefühl: Für Sekunden hatte Howard seine Gedanken nicht mehr unter Kontrolle, und seine überreizte Phantasie gaukelte ihm Dinge vor, die nicht da waren – das Rascheln und Schleifen großer, pelziger Leiber, die sie in der Dunkelheit umschlichen; ein leises, irgendwie boshaftes Quieken und Zischeln, das fast übermächtige Gefühl, beobachtet, nein, schlimmer noch – belauert zu werden …

Howard presste die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Zähne hörbar knirschten. Sekundenlang blieb er noch mit geballten Fäusten und fast krampfhaft zusammengekniffenen Lidern stehen, ehe er es wagte, sich zu entspannen und vorsichtig die Augen zu öffnen.

Im ersten Moment sah er weiter nichts als undurchdringliche Schwärze, dann glaubte er einen sanften Hauch grünlichen Lichtes zu erkennen, irgendwo vor und unter ihnen, in unbestimmbarer Entfernung. Stoff raschelte, direkt neben ihm bewegte sich ein Schatten, und eine Hand berührte ihn an der Schulter.

»Alles wieder in Ordnung?«, fragte Cohen leise.

Howard nickte, dann fiel ihm ein, dass Cohen die Bewegung in der Dunkelheit schwerlich sehen konnte, und er sagte: »Ja. Aber wie … wie kommen Sie darauf, dass irgendetwas mit mir nicht in Ordnung wäre?«

Cohen löste die Hand von seiner Schulter, richtete sich neben ihm zu seiner vollen Größe auf und lachte leise. Es klang nicht sehr belustigt. »Weil Sie halb verrückt sind vor Angst, Lovecraft«, antwortete er. »Sie brauchen es gar nicht abzustreiten. Das geht hier unten jedem so. Selbst mir. Ich war schon unzählige Male hier unten, und es ist jedes Mal genauso schlimm wie am ersten Tag.« Er schwieg einen kurzen Moment, und als er weitersprach, war seine Stimme hörbar verändert.

»Ich weiß nicht, was es ist«, sagte er. »Es muss irgendetwas mit diesen Gängen zu tun haben. Vielleicht eine Art Gas, das hier unten in der Luft liegt.« Seine Stimme hörte sich nicht so an, als glaube er selbst an die Begründung, die er sich zurechtgelegt hatte. Aber die Worte brachten Howard auf etwas anderes, das Cohen gesagt und was er schon fast vergessen hatte.

»Wie meinen Sie das – diese Gänge? Vorhin –«

»Ich weiß, was ich vorhin gesagt habe«, unterbrach ihn Cohen. »Kommen Sie, es ist viel einfacher, wenn Sie selbst sehen, was ich gemeint habe.« Er drehte sich herum, ergriff Howard am Handgelenk und führte ihn wie ein kleines Kind hinter sich her. Trotz der beinahe vollkommenen Dunkelheit bewegte er sich mit traumwandlerischer Sicherheit. Entweder, überlegte Howard, hatte er Augen wie eine Katze, oder er war schon so oft hier gewesen, dass er buchstäblich jeden Fußbreit Boden kannte. Die zweite Erklärung schien ihm wahrscheinlicher.

Howards Geduld wurde auf keine allzu harte Probe gestellt. Der sonderbare Schein nahm rasch an Intensität zu und wurde zu einem fast taghellen, sanft grünen Licht, das den gewölbten Stollen auf einer Länge von mehr als fünfzig Schritten erhellte. Und dann sah Howard auch, woher er kam: Der Gang erstreckte sich gerade vor ihnen, so weit der Blick reichte (und sicher noch ein gutes Stück weiter), aber in einer Entfernung von kaum zwanzig Schritten klaffte im Boden ein kreisrundes, gut zwei Yards großes Loch, aus dem das grünliche, sonderbar flackernde Licht drang.

Nein, verbesserte sich Howard in Gedanken. Nicht drang. Floss. Es war das einzige Wort, das ihm passend erschien. Vorhin, als er den grünen Schein das erste Mal bemerkt hatte, war er ihm nur sonderbar vorgekommen; jetzt wirkte er bedrohlich. Es war das absonderlichste Licht, das er jemals gesehen hatte. Es schien sich – obgleich Howard sehr wohl wusste, dass dies eine physikalische Unmöglichkeit war – langsam zu bewegen, träge, wie in schwerfälligen, wellenförmigen Schüben, als wäre es gar kein richtiges Licht, sondern eine Art leuchtendes Gas oder Wasser. Und es war unangenehm.

»Was ist das?«, wisperte er.

Cohen blieb abrupt stehen, drehte mit einem wütenden Ruck den Kopf und starrte ihn an. »Sie sollen still sein, zum Teufel!«, zischte er. »Wir sind ihnen sehr nahe.« Er deutete auf den Schacht, der jetzt keine drei Schritte mehr vor ihnen lag. »Können Sie klettern?«

Howard nickte. Cohen machte eine Grimasse, die wie ein unausgesprochenes wenigstens etwas aussah, ging rasch bis zum Rand des Schachtes und kniete umständlich nieder. Als Howard neben ihm anlangte, sah er, dass eine Anzahl rostiger Eisenringe an seiner gegenüberliegenden Seite in die Tiefe führte. Sie waren nicht genau untereinander, sondern versetzt angeordnet und – obgleich ihm der Abstand seltsam falsch erschien – doch so, dass man sie mit einigem Geschick als Leiter benutzen konnte. Howard vermochte allerdings nicht zu erkennen, wo sie endeten, denn das fremdartige Licht war hier sehr viel intensiver, sodass sich der Schacht schon nach wenigen Yards in wirbelnden grünen Schleiern aufzulösen schien.

Cohen nickte ihm noch einmal aufmunternd zu, ging – ohne sich dabei aus der Hocke zu erheben, was seine Art der Fortbewegung einigermaßen komisch aussehen ließ – um den Schacht herum und begann unverzüglich die Ringleiter hinabzusteigen. Howard musste ihm folgen, ob er wollte oder nicht. Aber das unangenehme Gefühl, das er dabei hatte, wurde immer stärker; mit jeder Stufe.

Seit ich das Erbe meines Vaters angetreten habe, bin ich Wesen begegnet, die sich ein Mensch, der das Glück hat, ein normales Leben zu leben, nicht einmal vorzustellen vermag; Ungeheuern, die zu beschreiben die menschliche Sprache keine Worte hat; Wesen, deren bloßer Anblick dazu angetan wäre, einen unvorbereiteten Geist zu zerbrechen. Dinge, denen das Leben nichts gilt und die nur existieren, um zu töten. Leben, das nicht einmal Leben im irdischen Sinne ist.

Seit ich das kleine Haus am westlichen Rand von St. Aimes betreten hatte, ging mir der Anblick nicht mehr aus dem Kopf; das Bild, das ich für Bruchteile von Sekunden durch die Augen der Ratte gesehen hatte.

Alles hätte ich ertragen.

Einen Dämon.

Menschen fressende Ungeheuer.

Mordgierige Bestien.

Monster.

Selbst den Teufel – an den ich längst nicht mehr glaubte – in Person.

Dies alles und vielleicht noch viel mehr hätte ich ertragen.

Aber nicht das: Das Bild einer strahlend weißen, göttlich schönen Gestalt, an die zwei Meter groß, von schlankem, fast zerbrechlichem Wuchs. Die Haut so zart, dass sie durchscheinend wirkte, Züge, die nur noch mit dem Wort elfenhaft zu beschreiben waren. Haar wie gesponnenes weißes Licht und dazu ein Paar gewaltiger, blendend weißer Adlerschwingen, die zwischen ihren Schulterblättern hervorwuchsen.

Das Bild eines Engels …

»Die Sonne geht auf.« Lady Audleys Worte, so leise sie gesprochen waren, rissen mich mit fast schmerzhafter Wucht aus dem schwer zu beschreibenden Zustand zwischen Betäubung und Schock, in dem ich die vergangenen Stunden verbracht hatte. Trotzdem dauerte es noch Sekunden, ehe ich so weit in die Wirklichkeit zurückgefunden hatte, dass ich wenigstens mit einem Nicken auf ihre Worte reagieren und aufstehen konnte.

Ich fühlte mich zerschlagen und müde, so, wie man sich eben fühlt, wenn man die zweite Nacht ohne ausreichenden Schlaf hinter sich hat; und zudem so niedergeschlagen wie selten zuvor in meinem Leben. Müde trat ich neben Lady Audley an das schmale Fenster, zog die zerschlissene Gardine zurück und blinzelte aus brennenden Augen hinaus.

Der Horizont begann sich aufzuhellen. Graue Fasern hatten sich in das samtene Schwarz der Nacht gewoben, und weit draußen über dem Meer zeigte sich ein erster dünner Streifen roter Helligkeit. Von dem unaufhörlichen Regen, der ganz England während der letzten Wochen heimgesucht hatte, war nichts geblieben. Fast kam es mir wie eine grausame Ironie des Schicksals vor, dass ausgerechnet dieser Morgen seit langer Zeit wieder schön zu werden versprach.

Es konnte nämlich gut sein, dass es der letzte Morgen war, den dieses Land erlebte.

Vielleicht sogar der letzte der Welt.

Und ich war schuld daran.

Meine Gedanken mussten deutlich auf meinem Gesicht zu lesen gewesen sein, denn Lady Audley drehte sich plötzlich zu mir herum, berührte mich mit einer Hand an der Wange und lächelte. Ganz im Gegensatz zu sonst war mir ihre mütterliche Art nicht peinlich, nicht einmal lästig. Im Gegenteil. Ich war fast dankbar dafür.

»Lassen Sie den Kopf nicht hängen, mein Junge«, sagte sie sanft. »Das nutzt keinem. Ihnen am allerwenigsten.«

Ich schob ihre Hand sanft beiseite und legte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Die Kälte des Glases tat wohl. Meine Haut fühlte sich fiebrig an und schien überall ...

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