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Der Herscher des Himmels

Inhalt

  1. Über die Autorin
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Hinweis
  5. Karte
  6. Prolog
  7. Kapitel 1: Der letzte Feind
  8. Kapitel 2: Das Einzige, was der Mensch beherrscht,ist er selbst
  9. Kapitel 3: »Ich bin wie das Wasser«
  10. Kapitel 4: Ein Gott im Himmel – Ein Herrscher auf Erden
  11. Kapitel 5: … und als Opfer die Freiheit
  12. Kapitel 6: Einen abgeschossenen Pfeil hält niemand auf
  13. Kapitel 7: »So sei mein Wort mein Schwert!«
  14. Kapitel 8: Jenseits des Horizontes
  15. Kapitel 9: Der Sprung des Tigers
  16. Kapitel 10: »Du bist die Mitte meiner Welt«
  17. Kapitel 11: Das Spiel der Könige
  18. Kapitel 12: »Ich bin das Schwert Gottes!«
  19. Kapitel 13: Ash-Shah mat!
  20. Kapitel 14: Shivas Tanz
  21. Kapitel 15: »Ich werde frei sein!«
  22. Epilog
  23. Die handelnden Personen
  24. Städte

Über die Autorin

Barbara Goldstein arbeitete nach dem Abitur zunächst in der Verwaltung bei japanischen und deutschen Banken, nahm dann ein Studium der Philosophie und Sozialen Verhaltenswissenschaften auf, war als Managerin in der Personalabteilung einer Bank tätig und verfasste zwei Sachbücher. Der Herrscher des Himmels ist ihr dritter Roman bei Bastei Lübbe. Wenn sie nicht für Recherchen auf Reisen ist, lebt und arbeitet sie in der Nähe von München.

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Prolog

Es war ein langer Weg zurück, und er schien mir länger als mein halbes Leben. Die Reise dorthin, wo du aufgebrochen bist, um die Welt jenseits des Horizontes kennen zu lernen, ist die längste von allen. Und die einsamste, denn es ist ein Weg, den du allein gehen musst. Aber nun ist es nicht mehr weit.

Ich zügele mein Pferd.

Vor mir erstreckt sich die weite mongolische Steppe bis zu den Bergen in der Ferne, die im rotgoldenen Licht der Abenddämmerung und der kristallklaren Luft zartblau schimmern. Eine Landschaft, die mich versinken lässt in ihrer Unermesslichkeit. Während sich die Sonne über den Horizont neigt, nimmt das Steppengras jenen tiefvioletten Schimmer an, den ich sonst nirgendwo auf der Welt gesehen habe. Gott verschwendet das Licht und all seine Farben an die mongolische Steppe.

Jeder Berg, jeder Felsen, die Quellen, Seen und Flüsse atmen Lebendigkeit. Jeder Grashalm, jede Blume vibriert vor Lebenskraft. Jede Grille, jede Mücke singt ihr Lied mit einer Leidenschaft, als wäre es das letzte ihres Lebens.

Unter mir, am Fuß der Hügelkette, liegt das Lager inmitten eines Meeres von sanft wogendem Steppengras. Zwischen den weißen Jurten erleuchten die ersten Feuer die hereinbrechende Nacht. Von hier oben sehe ich mein eigenes Zelt in der Mitte des Lagers: die Palastjurte des Khans. Zwei Feuer brennen in den vergoldeten Kohlebecken vor dem offenen Eingang – als würde ich erwartet und mit aller Ehrerbietung empfangen werden, damit ich den mir zustehenden Platz auf dem leeren Thron des mongolischen Reiches einnehmen kann.

Unbeweglich sitze ich im Sattel, ein einsamer Reiter, die Hand in der Mähne des Pferdes, den Blick auf den Horizont gerichtet.

Ich muss nachdenken, bevor ich diese unvermeidliche Entscheidung treffe. Wie viele Jahre bin ich vor ihr davongelaufen? Erst jetzt, nachdem ich endlich in die Heimat zurückgekehrt bin, kann ich diesen Gedanken zu Ende denken. Ich muss in die Steppe kommen, mich auf die warme Erde legen, den unendlichen mongolischen Himmel über mir sehen, in den Farben ertrinken und diese große Stille in mich aufnehmen. Das Lied der Steppe hören, das die Grillen und Grashüpfer singen. Den betörenden Duft der Steppenkräuter riechen. Die Augen schließen. Vielleicht würde ich dann zu einem Ende kommen. Und Ruhe finden.

Müde steige ich vom Pferd und setze mich ins Gras, den Blick auf die heraufziehende Nacht gerichtet, nach Osten, wo ich ihn am heiligen Berg begraben habe: »Staub warst du, Staub wirst du sein, ewig und unvergänglich und doch nicht mehr du selbst. Die Flamme deines Lebens ist erloschen. Deine Spuren wird der Wind verwehen …«

Verzweifelt berge ich mein Gesicht in den Händen und weine lautlos in mich hinein.

Wie viele Jahre kann ein Leben haben? Ich bin erst einundvierzig Jahre alt und habe mehr erlebt als ein anderer in einem langen Leben: Ich war am Ende der Welt gewesen und dort, wo sie beginnt. Wie viele Leben hat ein Mensch? Hinter wie vielen Masken versteckt er sich? Ich war ein Khan gewesen, ein Schamane, ein Mönch und ein Eroberer, der weiß, dass er scheitern muss, immer wieder, mit jedem neuen Sieg – denn was ist die Eroberung anderes als die Überwindung der Resignation, der Verzweiflung, den Frieden nicht anders erringen zu können als durch Kriege und immer neue Kriege? Nie ist die Eroberung vollendet, immer ist sie ein Triumph, der schon am nächsten Tag zur vernichtenden Niederlage führen kann – und dann ist es, als hättest du nie gesiegt.

Und trotz aller Umwege, die ich in meinem Leben gegangen bin, nach Zhongdu und Linan, nach Samarkand und Bokhara, Bagdad und Delhi: Nach Venedig, dem Ziel meiner Träume, bin ich nie gekommen …

Es ist nicht wichtig, in welche Richtung du aufbrichst, denke ich. Es ist nicht wichtig, wie viele Umwege du machst, um zum Ziel zu kommen. Es ist nicht wichtig, wann du ankommst. Nur dass du irgendwann aufbrichst, um deinen Weg zu gehen.

Ich weiß, wer ich bin. Ich weiß, wer ich war. Und ich weiß, wer ich sein werde. Hier, in der mongolischen Steppe, bin ich vor einundvierzig Jahren geboren worden. Heute, da ich nach zweiundzwanzig Jahren meiner Reisen endlich hierher zurückgekehrt bin, ist mir, als würde ich noch einmal geboren werden.

Vor seiner Erleuchtung lebt der Mensch sein Leben, als wäre es sein letztes auf dieser Welt. Nach der Erleuchtung lebt er, als wäre es das allererste. Weise ist der, der weiß, dass er nichts weiß. Am Ende steht der Mensch da, wo er aufgebrochen ist. Aber er ist nicht mehr derselbe.

Ich ziehe die zerknitterte Landkarte des mongolischen Reiches hervor. Ein Pergamentfetzen fällt zu Boden, eine Seite, vor Jahren aus einem französischen Notizbuch herausgerissen. Ich halte sie fest, bevor der Wind sie fortträgt – wie meine Hoffnungen und Illusionen.

Dann entfalte ich die Landkarte und betrachte sie. Ein paar Linien auf dem Papier: Gebirge, Wüsten und das Meer – unveränderlich. Städte, die nun erobert sind – schwelende Ruinen. Staaten, die nach Jahrhunderten aufgehört haben zu existieren. An ihrer Stelle das mongolische Weltreich: eine Idee von Frieden und Freiheit, die von Bagdad im Westen bis Zhongdu im Osten reicht, von der mongolischen Steppe im Norden bis zum Yangtse im Süden. Ein Reich, erschaffen von einem Mann, der auf seiner Suche nach dem Frieden zum Schwert gegriffen hat: Dschingis Khan.

Auf der Rückseite der Landkarte lese ich die mit roter Tinte niedergeschriebenen letzten Befehle Dschingis Khans, des Herrschers der Welt. Ich kann meine eigene Handschrift kaum lesen. Nicht weil er zu atemlos diktiert hätte in der Stunde seines Sterbens, sondern weil ich geweint hatte, als ich seine letzten Worte niederschrieb. Um ihn. Und um mich selbst. Um mein Schicksal, das von ihm in seiner letzten Stunde besiegelt worden war: »Ein Gott im Himmel und ein Khakhan auf Erden. Siegel des Herrschers der Welt: Dschingis Khan«, lese ich die Inschrift seines Jadesiegels unter meiner eigenen Handschrift.

Soll ich mich seinem Befehl beugen? Soll ich tun, worum er mich mit seinem letzten Atemzug gebeten hat?

Dann zerreiße ich die Landkarte und den Willen des Herrschers der Welt in kleine Teile, die der Wind über die Steppe weht. Mein Blick folgt den Fetzen bis zum Horizont.

Meine Gedanken wehen ihnen hinterher. In eine andere Welt. In eine andere Zeit.

Nein, ich bin noch nicht zurückgekehrt aus dem Land jenseits des Horizontes. Ich bin getrennt von meiner eigenen Vergangenheit.

Ich muss ganz von vorn anfangen.

Mit geschlossenen Augen sinke ich ins Gras … breite meine Arme aus, als ob ich die ganze Welt umarmen wollte …

… und dann kommen all die verloren geglaubten, die vergessen gehofften und mit Gewalt verdrängten Erinnerungen zu mir zurück …

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Kapitel 1

Der letzte Feind

Du entkommst mir nicht!«, rief ich ihr nach. Übermütig lachend galoppierte Kokatschin vor mir den Hügel hinab. Immer wieder sah sie sich um, ob ich ihr noch folgte.

Schwer atmend trieb ich mein Pferd an und stürmte hinter ihr her, hinunter zum Bach. Mein Hengst war schneller als ihrer, und so hatte ich sie bald eingeholt. Wir galoppierten nebeneinander her, so nah, dass unsere Stiefel aneinander rieben und die Steigbügel sich immer wieder verhakten. Ich beugte mich aus dem Sattel und griff nach den Zügeln ihres Hengstes, als sie das Pferd plötzlich in einem Wirbel aus Gras und Erde herumriss und in einer anderen Richtung davonstob. Ich wendete und folgte ihr.

Meine Gedanken rasten meinem galoppierenden Pferd voraus: die Vorfreude auf das, was wir tun würden, wenn …

Erneut änderte sie die Richtung, galoppierte über die blühende Steppe, setzte mit einem Sprung über den Bach, in dem sich der rotgoldene Abendhimmel spiegelte, und stürmte auf der anderen Seite einen Hügel hinauf. Mein Hengst war kräftiger als ihrer, und so hatte ich sie bald eingeholt. Ich drängte mein Pferd gegen sie, bis wir uns berührten, beugte mich vor, um ihr die Zügel zu entwinden, aber sie schlug nach mir.

Lachend wich ich ihren Schlägen aus, neigte mich zu ihr hinüber und legte meinen Arm um ihre Hüfte, um sie im Galopp auf mein Pferd zu reißen. Mit einem Ruck saß sie vor mir im Sattel. Ihr Hengst, nun ohne Reiterin, blieb hinter uns zurück.

Kokatschin hielt sich an mir fest, damit sie nicht abrutschte. Keuchend zügelte ich das Pferd.

Sie wandte mir ihr Gesicht zu, legte einen Arm um meine Schulter, als ob sie sich an mir festhalten wollte, schenkte mir ein verführerisches Lächeln und hauchte einen Kuss auf meine Lippen. Bevor ich sie festhalten konnte, glitt sie aus dem Sattel und floh erneut. Ich sprang ab und rannte ihr hinterher.

Von hinten warf ich mich auf sie, und sie fiel ins weiche Steppengras. Lachend tollten wir zwischen den Sommerblumen herum, und sie tat so, als wehrte sie sich gegen mich, indem sie mich mit Blüten bewarf.

Als ich mich erschöpft neben sie legte, um zu Atem zu kommen, drehte sie sich zu mir um, beugte sich über mich und strich mir eine Haarlocke aus der Stirn. Ich legte meine Arme um ihre Schultern und zog sie zu mir herunter. Tief atmete ich ihren betörenden Duft ein: Sie trug das chinesische Rosenparfum, das ich ihr geschenkt hatte.

Unser Kuss war stürmische Verliebtheit, gefühlvolle Zärtlichkeit, ein Aufflammen der hitzigen Leidenschaft der letzten Nacht – und er war ein Versprechen.

»Ich liebe dich, Temur!«, hauchte sie.

»Und ich …«, begann ich, doch sie küsste die Worte von meinen Lippen.

Ihr Kuss war sanft, aber fordernd. Ihre Zunge streichelte meine Lippen, und als ich sie öffnete, drang sie ein, provozierte, erregte, wollte entfliehen, ließ sich aufhalten, festhalten, spielte ihr lustvolles Spiel. Dann zog sie sich zurück und ließ mich bebend vor Erregung zurück.

Sie begann, die Verschlüsse an der rechten Schulter meiner Seidenrobe zu öffnen. Ich lag im Gras, beobachtete sie und genoss die Berührung ihrer Finger auf meiner Haut, als sie den Seidenstoff zurückschlug und zart über meine Brust strich. Ihre Nase und ihre Lippen huschten wie ein leiser Lufthauch über meine Haut, als sie mich küsste. Ihre Hände wanderten an der Innenseite meiner Schenkel hinauf, fanden, was sie suchten, glitten sanft darüber hinweg, streichelnd, liebkosend, aufreizend, kehrten zurück, dieses Mal zielsicher zupackend. Mit langsamen Bewegungen erregte sie mich weiter, bis ich mich kaum noch beherrschen und still liegen konnte. Durch die Falten meiner seidenen Hose fühlten sich die Berührungen wundervoll an.

Ungeduldig öffnete ich die Verschlüsse ihrer Seidenrobe, schob den Stoff zur Seite und liebkoste ihre Brüste. Meine Lippen umspielten die aufgerichteten Knospen, während sie sich wohlig unter mir räkelte und seufzte. Schließlich zog sie mich auf ihren bebenden Körper und öffnete sich mir.

Sanft glitt ich in sie hinein und begann mit langsamen, rhythmischen Bewegungen. Sie stöhnte lustvoll und schlang ihre Arme um meine Schenkel, um mich tiefer in sich hineinzuziehen.

»Ich liebe dich«, seufzte ich und barg mein Gesicht in ihrem offenen Haar. »Ich wünsche mir eine Tochter von dir. Eine süße kleine Tochter, die so wunderschön ist wie du, meine Geliebte!«

»Keinen Sohn, der so mächtig ist wie du?«, neckte sie mich. »So gut aussehend, so unwiderstehlich, so stark …« Sie lächelte verzückt: »… derart verliebt in die Liebe … und in mich.«

»Ich habe zwei Söhne«, erinnerte ich sie. »Willensstark und eigensinnig, wie ihr Vater – das behauptet zumindest ihre Mutter, wenn die beiden ihr Kriegsgeschrei anstimmen, weil etwas nicht nach ihrem Willen geschieht.« Ich küsste sie. »Nein, Geliebte, ich will eine Tochter von dir: still, zurückhaltend …«

Kokatschin lachte, als sei mein Ansinnen völlig undenkbar: nicht mit mir, ihrem leidenschaftlichen und temperamentvollen Geliebten, als Vater dieses Kindes!

Wir wanden uns ausgelassen im Gras, küssten uns, streichelten uns mit zärtlichen Worten, verführten uns mit einem verliebten Lächeln, erhitzten und entzündeten uns aneinander, rangen um jeden Funken der Lust, stiegen hinauf in den Himmel, höher und immer höher, errangen gemeinsam den Sieg über uns selbst. Ich gab mich ihr hin und verschenkte mich an sie. In einem Feuer der Leidenschaft ergaben wir uns unserem Schicksal: dem Abstieg in die Wirklichkeit, der Rückkehr zu uns selbst.

Als ich mich immer noch vor Lust bebend neben sie legte, schloss ich erschöpft die Augen und versuchte, die entschwindenden Gefühle festzuhalten, um mich erneut an sie zu verlieren. Aber trotz meiner geistigen Kräfte, über die ich als Schamane verfügte, trotz meiner Fähigkeiten der Selbstbeherrschung gelang es mir nicht. Sie lösten sich auf, vergingen in wohliger Entspannung.

Von ferne hörte ich das Donnern von Hufen auf dem Steppenboden. Seufzend setzte ich mich auf. Vom Lager her galoppierte ein Reiter heran. Er hatte die beiden grasenden Pferde schon von weitem gesehen und hielt auf uns zu.

Fluchend brachte ich meine Kleidung in Ordnung, erhob mich und erwartete seine Ankunft.

Dschebe zügelte sein Pferd und brachte es direkt vor mir in einem Wirbel aus Staub und Gras zum Stehen. Mein Freund grinste unverschämt, als er Kokatschin hinter mir erkannte, die sich ein paar Blüten aus den zerwühlten Haaren zog.

Kokatschin war eigentlich Dschebes Kriegsbeute aus dem Kampf gegen das Volk der Naimanen gewesen, doch als er erkannte, wie stürmisch wir uns ineinander verliebt hatten, hatte mein Freund sie mir überlassen. Nach unserer Rückkehr vom Feldzug wenige Wochen zuvor hatte er selbst unsere Hände zum ewigen Bund ineinander gelegt und uns dann zum Hochzeitsbett geleitet.

Mit vierundzwanzig Jahren war Dschebe, »der Pfeil«, der siegesverwöhnte Feldherr des Khans, das Idol aller jungen Männer und der umschwärmte Märchenprinz nicht nur der ledigen Frauen. Seine Lippen verzogen sich zu einem anzüglichen Grinsen: »Ich hoffe, ich konnte dich retten, bevor Kokatschin über dich herfällt, dir die Kleider vom Leib reißt …«

»Um mich zu retten, hättest du früher kommen müssen«, gab ich missgelaunt zurück. »Was ist geschehen? Kann ich nicht einmal für zwei Stunden verschwinden, ohne dass man mir den besten Feldherrn des Khans hinterherschickt, um mich zu suchen?«

»Die Delegation des Kaisers von Chin ist im Lager angekommen. Ein kaiserlicher Prinz wartet im Audienzzelt«, erklärte Dschebe, unbeeindruckt von meinem Unmut.

»Ist der Khan schon zurückgekehrt?«, fragte ich.

»Nein, er ist noch nicht wieder da. Ich habe ihm einen Pfeilboten entgegengeschickt, aber keine Antwort von ihm erhalten. Offenbar hat er Wichtigeres zu tun, als einen Neffen des Himmelssohnes zu empfangen. Da bin ich hergeritten, um dich zu suchen …«

Mit einem unwilligen »Du hättest mich ja nicht unbedingt finden müssen« ging ich zu meinem Pferd und schwang mich in den Sattel.

Ich hatte mich auf ein paar sinnliche Stunden mit Kokatschin gefreut, auf ein köstliches Abendessen in ihrer Jurte, auf eine Zeit der Besinnung und des Nachdenkens, ohne Verpflichtungen, ohne Verantwortung und Zeremoniell. Dieser kaiserliche Prinz hatte mir den Abend verdorben! Aber dass noch jemand anderer diese Nacht zu einer der schlimmsten meines Lebens machen würde, konnte ich nicht ahnen …

Die Strahlen der untergehenden Sonne hatten die Wolken in Brand gesteckt und tauchten die weißen Jurten des Lagers in feuriges Licht. Tausend Jurten und mehr Pferde, als der Himmel Sterne hatte. Jenseits des Lagers wand sich der Fluss wie ein goldschimmernder Drache durch die Unendlichkeit der Steppe.

Dschebe folgte mir, als ich den Hügel hinabgaloppierte und den breiten Weg zwischen den Jurten entlangtrabte, die in großen Kreisen um das Zelt des Khans in der Mitte aufgestellt waren. Ein paar Schritte abseits des Weges wurden Stuten gemolken, ein paar Kinder trieben die Fohlen zurück auf die Weiden außerhalb des Ordu, des Zeltlagers. Von irgendwoher duftete es köstlich nach Lammbraten und frischem Brot.

Als ich vor meinem Zelt aus dem Sattel sprang, eilte einer meiner Diener herbei, um das Pferd wegzuführen und abzusatteln. Dschebe warf ihm die Zügel zu und folgte mir.

Meine Jurte, die ich allein bewohnte, war größer als die Rundzelte mit den üblichen vier oder fünf faltbaren Scherengittern, die die Wände bildeten. An den Gittern hingen bestickte Wandteppiche und ein tibetischer Thangka, ein mit Brokatstoff eingefasstes Seidengemälde mit einer Darstellung des Lebensrades, das mein Bruder Schigi mir geschenkt hatte. Darüber wölbte sich ein leichtes Gestänge aus biegsamen Pappelstämmen, die zu einem flachen Dach zusammengefügt waren. Auf den Stangen lagen mehrere Schichten dicken weißen Filzes, der die Jurte im Sommer vor Hitze und Sandstürmen und im Winter vor Kälte und Schnee schützte. Ein aufwändig bestickter Filzteppich bedeckte den Boden. In der Mitte des Raumes flackerte das Feuer, dessen Rauch durch den Dachkranz entweichen konnte. Meine Bettdecken lagen zusammengerollt neben den bemalten Truhen mit meiner Schamanenausrüstung. Am Eingang hingen mein Bogen und mein lackierter Pfeilköcher.

Während ich ungeduldig die Schulterverschlüsse meiner Robe öffnete, brachte meine Gemahlin Nomolun ein weißes Brokatgewand mit Goldstickereien und half mir in die Ärmel. Sie band mir die himmelblaue Seidenschärpe und den Gürtel mit dem mit Silber beschlagenen Schwert um, während Dschebe sich seine Trinkschale mit Airag, gegorener Stutenmilch, einschenkte. Meinem Blick wich sie aus – sie ahnte, wo Dschebe mich gefunden hatte. Und mit wem. Trotz allem, was geschehen war, wurde Nomolun immer noch eifersüchtig, wenn ich mich mit jemand anderem vergnügte. Also liebt sie mich noch!, dachte ich befriedigt und strich sanft über ihren gerundeten Bauch, während sie an der silbernen Gürtelschnalle herumnestelte. Sie war im achten Monat schwanger.

Nomolun sah zu unserem Sohn Kaidu hinüber. Der Dreijährige forderte den Feldherrn des Khans mit seinem Holzschwert zum Zweikampf heraus. Dschebe ließ sich widerstandslos gefangen nehmen und tobte mit Kaidu herum.

Chinkim, mein zweiter Sohn, spielte still und selbstvergessen mit meinem Schamanenspiegel. Ich hoffte sehr, dass er nicht die Gabe besaß und eines Tages von Gott zum Schamanen berufen wurde, so wie ich, als ich in seinem Alter war.

Ich nahm Dschebe die Schale mit Airag aus der Hand und leerte sie durstig, während Nomolun mein Schwert richtete. Dann küsste ich sie auf den Mund, sah großzügig darüber hinweg, dass auch Dschebe sie zart liebkoste, und verließ mit ihm mein Zelt. Dass meine Gemahlin und mein bester Freund mehr als eine leidenschaftliche Nacht miteinander verbracht hatten und dass Nomolun von ihm schwanger war, wusste ich. Wenn zwei Menschen sich lieben, steht es einem Dritten nicht zu, sich zwischen sie zu stellen.

Das große Audienzzelt des Khans lag nur wenige Schritte entfernt. Vor der Jurte stapelten sich Holzkisten und Ballen von chinesischer Seide, offenbar Geschenke des Kaisers von Chin, die die chinesische Karawane durch die Wüste Gobi geschleppt hatte. Als ich näher trat, öffneten die Leibwächter des Khans die Deckel der Truhen. Ich lächelte zufrieden: Silberschmuck, schimmernde Perlen, purpurrote und safrangelbe Seide, glänzende Brokatstoffe, Rosenöl, Jasmintee, kobaltblau bemaltes Porzellan und Lackdosen. Der Kaiser war offensichtlich bereit, den Frieden an der Großen Mauer teuer zu bezahlen! Vermutlich hatte der Prinz auch wieder ein paar kaiserliche Ernennungsurkunden und klangvolle Titel und anderen Ehrenschmuck im Gepäck, um der Eitelkeit von uns wilden Barbaren zu schmeicheln.

Die Bewaffneten verneigten sich respektvoll, öffneten mir den Eingang zum Audienzzelt, und ich schritt durch die Reihen der chinesischen Delegation zum goldenen Thron am anderen Ende der Palastjurte. Die meisten Gefolgsleute des Khans hatten links und rechts vom Thronsessel auf niedrigen Kissen Platz genommen. Sie erhoben sich ehrerbietig, als ich das Zelt betrat. Keiner meiner Brüder war erschienen.

Hadji Hassan as-Siddik trug wie immer einen formvollendet geschlungenen Turban und ein elegantes langes Gewand. Mit beiden Händen überreichte er mir das Beglaubigungsschreiben des Prinzen, das ich sogleich entfaltete, um einen flüchtigen Blick auf das kaiserliche Siegel zu werfen. Ich tat, als könnte ich die chinesischen Schriftzeichen nicht lesen, und gab Hassan den Brief zurück. Mit einer würdevollen Verbeugung zog sich der Finanzminister des Khans drei Schritte zurück.

Der Schamane Kökschu inszenierte einen seiner dramatischen Auftritte mit der dröhnenden Schamanentrommel, als ich ihn ungeduldig zur Seite schob, um zum Thron zu gehen.

Auf diejenigen, die Kökschu nicht – wie ich – persönlich kannten, musste sein grenzenloses Selbstbewusstsein anmaßend und überheblich wirken. Aber diejenigen, die ihn kennen und hassen gelernt hatten, wussten, dass er arrogant und hochmütig war. Seine eisblauen Augen funkelten mich hinter der schwarzen Schamanenmaske böse an, und sein langer weißer Bart, der ihm bis zum Gürtel reichte, erzitterte vor Wut, als er mir auswich. Ich war sicher,
dass er sich wieder einmal beim Khan über mein respektloses Verhalten gegenüber ihm, dem Obersten Schamanen des Reiches, beschweren würde. Aber nach unserer letzten erbitterten Auseinandersetzung vor einigen Tagen konnte ich die Selbstinszenie-
rung meines Lehrmeisters in der Kunst der Magie nicht mehr ernst nehmen.

Auf den Stufen des Thrones blieb ich stehen und wandte mich um. Kökschu raffte beleidigt sein langes Schamanengewand und die Reste seines Stolzes um sich und rauschte davon.

Der Prinz, der die chinesische Delegation anführte, hatte sich von seinem Faltstuhl erhoben, um mir seine Ehrerbietung zu erweisen. Hassan trat vor, um ihm als Zeichen des Willkommens einen Khadag um die Schultern zu legen, einen himmelblauen Seidenschal, der dem Beschenkten Glück verhieß.

Der Neffe des Kaisers trug eine aufwändig mit Drache und Phoenix bestickte Brokatrobe aus pfirsichgelber Seide, die sehr provozierend an das kaiserliche Gelb erinnerte, die Farbe, die allein dem Himmelssohn vorbehalten war. Stolz, geradezu herablassend begegnete er meinem Blick. Dann aber entschloss er sich doch noch zu einem Kotau, einer tiefen Verneigung, und warf sich auf den Boden. Als er sich wieder aufrichtete, erklärte er: »Ich bin Prinz Yun Qi, der Neffe Seiner Majestät des Himmelssohnes Zhang Zong, der Ihnen durch mich seine Grüße übermitteln lässt.«

Der Prinz war zehn Jahre älter als ich, also etwa dreißig Jahre alt. Vielleicht fühlte er sich mir deshalb überlegen. Er war hoch gewachsen und schlank – fast so groß wie ich, aber offenbar nicht kampferprobt und daher auch nicht so kraftvoll athletisch wie ich. Seine Bewegungen waren anmutig und geschmeidig, als sei er geübt in der Kunst des Tai Chi – ein Schwert hatte er dabei sicherlich noch nie in der Hand gehalten. Ich fragte mich, mit welchen Waffen er kämpfte, wenn nicht mit der scharfen Klinge: mit Intrige und Verrat?

Ich spielte den ungebildeten mongolischen Barbaren, der nur die Sprache des Schwertes kennt und dessen einzige sinnvolle Beschäftigung das Plündern und Morden ist. Dabei tat ich so, als würde ich sein Chinesisch nicht verstehen.

Langsam stieg ich die Stufen empor und nahm auf den Leopardenfellen und Brokatkissen des Thrones Platz, während mein Freund Hassan die Worte des Prinzen in die mongolische Sprache übersetzte. Hassan, dessen Karawanen die Handelsrouten zwischen Samarkand im Westen und Zhongdu im Osten bereisten und der seit Jahren als Finanzminister des mongolischen Reiches im Lager des Khans lebte, hatte mich Chinesisch sprechen und schreiben gelehrt.

Ohne ein Wort zu sagen, nickte ich dem kaiserlichen Neffen zu, weiterzusprechen.

»Der Himmelssohn schickt mich zu Ihnen, um seiner Freude Ausdruck zu verleihen, dass in den Ländern nördlich der Großen Mauer seit Monaten Frieden herrscht«, formulierte der Prinz umständlich eine offizielle Begrüßung.

Ich wartete die mongolische Übersetzung seiner Worte ab, dann lächelte ich höflich und schwieg.

Frieden?, dachte ich: Wann war zuletzt Frieden? Wann hatten wir Mongolen nicht gekämpft – gegen die Tataren, die Merkiten, die Kereiten und bis vor wenigen Wochen gegen die Naimanen? Wann hatten wir nicht alles riskiert, um zu überleben?

Prinz Yun Qi war verunsichert. Durch meine abwartende Haltung zwang ich ihn, schneller zur Sache zu kommen, als er geplant hatte. Aber wie konnte er mit einem Mann, der ihn stumm vom Thron herab anlächelte, über das warme Sommerwetter und die mongolischen Weidegründe plaudern? Schon die Erwähnung des offensichtlich kräftigen Zustandes unserer Pferde war aus diplomatischer Sicht bereits sumpfiges Gelände, aus dem es kein Entkommen gab.

Dschebe, der einige Schritte neben dem Thron auf einem Kissen Platz genommen hatte, unterdrückte nur mühsam ein Grinsen.

Yun Qi rang sichtlich um Haltung. Dann nahm er einen neuen Anlauf, sich in eine diplomatisch unverfängliche Unterhaltung mit mir zu stürzen: »Der Himmelssohn schickt mich, um Ihnen seine Glückwünsche zum Sieg über den Khan der Naimanen zu überbringen … und seine Hoffnung auf einen fortdauernden Frieden zwischen den Mongolen und den Chin.«

Ich sah auf: Der Khan hatte das Audienzzelt betreten.

Als er die Situation überblickte, war er im Eingang stehen geblieben und hatte seinen Gefolgsleuten zu schweigen geboten. Der Khan war wohl gerade erst ins Lager gekommen, denn er trug eine schlichte Seidenrobe ohne aufwändige Stickereien. Er gab mir ein Zeichen, mit der Audienz für den Prinzen fortzufahren: Er wollte unbemerkt im Hintergrund bleiben, beobachten, ohne beobachtet zu werden.

Ich nickte dem chinesischen Prinzen gnädig zu. »Ich werde dem Khan die Grüße des Himmelssohnes übermitteln.«

Als Hassan meine Worte übersetzt hatte, war Yun Qi für einen Augenblick sprachlos. »Sie … sind nicht Dschingis Khan?«

»Nein, Prinz Yun Qi«, erwiderte ich auf Chinesisch. »Ich bin Temur, der älteste Sohn des Khans, im Krieg sein Feldherr und im Frieden während seiner Abwesenheit sein Stellvertreter.«

Wenn Yun Qi überrascht war über meine chinesischen Sprachkenntnisse, dann zeigte er es nicht. »Prinz Temur!« Er verneigte sich erneut vor mir. »Ich will ganz offen zu Ihnen sprechen, Exzellenz. Der erhabene Kaiser Zhang Zong beobachtet besorgt die mongolischen Angriffe auf die chinesischen Grenzdörfer nördlich der Großen Mauer …«

»Es tut mir aufrichtig Leid, wenn der Himmelssohn deshalb schlaflose Nächte hat«, konterte ich.

Mein Vater grinste amüsiert, als ihm einer seiner Gefolgsleute die Übersetzung meiner Worte zuflüsterte: Er sprach kein Chinesisch.

Bring zu Ende, was du begonnen hast, Temur!, signalisierte er mir. Dräng ihn in die Enge, bis er mit dem Rücken an der Wand steht! Zeig ihm seine Grenzen!

»Dschingis Khan ist ein Vasall des Himmlischen Kaisers!«, empörte sich der Prinz.

»Mein Vater hat Kaiser Zhang Zong niemals den Vasallenschwur geleistet. Es steht ihm also frei, Krieg zu führen und Frieden zu schließen, mit wem es ihm beliebt«, belehrte ich ihn.

»Er dringt auf chinesisches Gebiet vor, um Dörfer zu plündern!«

»Und ich ungebildeter Barbar dachte immer, dass das Reich Chin an der Großen Mauer beginnt«, erwiderte ich schlagfertig. »Und dass die Steppengebiete nördlich der Mauer mongolische Weiden sind, die zum Reich meines Vaters gehören. So lautet zumindest der Friedensvertrag, den der Kaiser von Chin vor sechzig Jahren mit meinem Urgroßvater Kabul Khan abgeschlossen hat.«

»Es gibt dort chinesische Dörfer!«, protestierte Yun Qi.

»Diese Tatsache ist mir nicht entgangen. Ich habe diese Dörfer oft genug …«

»… geplündert und niedergebrannt …«, unterbrach mich Yun Qi.

»Ich habe ihre Bewohner aufgefordert, das mongolische Reich zu verlassen oder sich dem Khan zu unterwerfen«, fuhr ich unbeirrt fort. »Wie Sie wissen, existieren diese Dörfer noch.«

Yun Qi quälte ein beunruhigtes »Noch?« hervor.

»Sagen Sie Ihrem Kaiser, er soll seine Regimenter von der Mauer abziehen und mit dem Säbelgerassel aufhören, das meinem Vater den Schlaf raubt. Dann werden die Dörfer noch lange existieren.«

»Sie drohen dem Kaiser von Chin?«, fragte der Prinz, erbost über meine Unverfrorenheit.

»Der Kaiser von Chin droht dem Khan! Oder wie soll mein Vater die Anwesenheit der Regimenter hinter der Mauer anders interpretieren denn als Vorbereitung für einen Angriff auf das mongolische Reich?«

Mein Vater stand noch immer im Zelteingang und beobachtete gespannt die Reaktion des Prinzen auf meine Provokation. Der Khan wusste: Wenn der Kaiser von Chin beschloss, uns mit seinem gewaltigen Heer noch während des Sommers anzugreifen – solange wir vom letzten Feldzug noch geschwächt waren – würden wir besiegt werden. Das Reich, das mein Vater errichtet hatte, seine Vision von Freiheit und Selbstbestimmung der Mongolen würden wie Staub im Wind der Geschichte verwehen.

Yun Qi schluckte eine Antwort herunter, die entweder eine Bestätigung meiner Vermutungen oder eine fadenscheinige Rechtfertigung kaiserlicher Entscheidungen gewesen wäre. Er hatte sich zu weit auf das Schlachtfeld vorgewagt und konnte nun weder vor noch zurück.

Ich ließ ihm Zeit, sich seiner unmöglichen Lage bewusst zu werden, dann erhob ich mich vom Thron, um die Audienz zu beenden. Der Prinz würde in dieser Nacht kein Auge zutun, da war ich ganz sicher. Gelassen stieg ich die Stufen hinunter, während er sich vor mir verneigte, dankbar darüber, dass ich nicht ernsthaft eine Antwort von ihm verlangte, die ihn den Kopf kosten würde.

»Prinz Yun Qi«, sprach ich ihn an. »Würden Sie mir die Ehre erweisen, morgen Abend mit meinem Vater und mir zu speisen? Sie sind von der langen Reise durch die Steppe sicher so erschöpft, dass Sie heute Nacht ausruhen wollen.«

Bevor er widersprechen konnte, wünschte ich ihm »Ming tian jian – Wir sehen uns morgen!« und verließ das Zelt mit Dschebe, der nur mühsam ein Lachen unterdrücken konnte.

Vor der Jurte erwartete mich mein Vater mit seinem Gefolge.

Im Schein der untergehenden Sonne schimmerten seine in mehrere Zöpfe geflochtenen und von silbernen Spangen gehaltenen Haare. Seine opalblauen Augen funkelten zufrieden, als ich zu ihm trat. Er umarmte mich und küsste mich zur Begrüßung auf beide Wangen, dann legte er mir seinen Arm um die Schultern, und wir gingen in Richtung seines Zeltes. Die anderen blieben hinter uns zurück.

»Obwohl ich nicht verstanden habe, welche Unhöflichkeiten du dem Prinzen an den Kopf geworfen hast, bin ich angemessen beeindruckt«, lächelte er. »Er war sehr blass, als du ihn stehen ließest.«

»Ich habe ihn an ein paar Tatsachen erinnert, über die er bis morgen Abend in Ruhe nachdenken kann. Und ich habe ihn zum Essen in deine Jurte eingeladen.«

Mein Vater nickte, offenbar einverstanden mit meiner Entscheidung. Ich folgte ihm.

»Der Prinz wird in den nächsten Tagen Eilboten zum Kaiser nach Zhongdu schicken«, fuhr ich fort, während wir nebeneinander gingen. »Ich werde den Befehl geben, sie nicht abzufangen. Yun Qi gibt sich stolz und herablassend und spielt die Rolle des kaiserlichen Prinzen, der dem ungebildeten mongolischen Barbaren überlegen ist. Aber ich muss nur ein wenig am Lack kratzen, um zu erkennen, dass er Angst hat. Deshalb denke ich, dass es klug wäre, seine Briefe ankommen zu lassen, gleichgültig, was er über die Verhandlungen mit dir schreibt. Wenn ich die Boten abfangen lasse, könnte das als kriegerische Handlung ausgelegt werden. Botschafter sind unantastbar …«

Wieder nickte er, ohne ein Wort zu sagen.

Ich musste ihn nur ansehen, um zu wissen, dass er über etwas nachdachte, dass er eine Entscheidung treffen musste, die ihn zutiefst aufwühlte.

»Willst du darüber sprechen?«, fragte ich ihn, als wir eine Weile schweigend gegangen waren.

Er blieb stehen und sah mich erschrocken an. Er, der mächtige Dschingis Khan, fürchtete sich – aber wovor? Er wandte sich ab, ging ein paar Schritte, hielt inne, um nachzudenken, warf einen Blick in den Nachthimmel hinauf. Dann kehrte er zu mir zurück: »Ja, ich will mit dir darüber reden. Es betrifft nicht nur mich, sondern uns beide, Temur. Komm mit! Ich will dir etwas zeigen.«

Er packte mich am Ärmel und zog mich mit sich fort zu einer Jurte, die ein paar Schritte entfernt stand. Zwanzig Bewaffnete bewachten das Zelt. Sie verneigten sich vor dem Khan, als wir näher kamen. Einer der Männer schlug den Türfilz zurück. Vier Bewaffnete betraten mit gezogenen Schwertern vor uns die Jurte.

In der Mitte des Zeltes brannte ein Feuer, und meine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit jenseits des Lichtscheins gewöhnen. Ein Mann lag am hölzernen Wandgitter der Jurte und starrte mich an. »Dschamuga!«, rief ich überrascht.

Der Fürst lag an Händen und Füßen gefesselt auf dem Filzteppich, unfähig, sich aus eigener Kraft in eine sitzende Position aufzurichten.

Dschamuga war wie mein Vater dreiundvierzig Jahre alt und von ebenso majestätischer Statur. Wie ich trug er seine schwarzen Haare zu langen Zöpfen geflochten, die hinter den Ohren aufgesteckt waren und durch silberne Spangen in schulterlangen Schlaufen zusammengehalten wurden.

Er neigte den Kopf zum Gruß, als er mich erkannte. »Temur! Wie schön, dich zu sehen!«, sagte er. »Und dieses Mal nicht mit einem Schlachtfeld zwischen uns.«

Ich starrte auf ihn hinab. Dschamuga, der Fürst, der sich zum Khan wählen ließ, um meinen Vater zu stürzen. Der Freund, mit dem mein Vater sich zerstritten hatte und gegen den er seit zwanzig Jahren Krieg führte. Der letzte Feind.

Trotz der Gefangennahme seines gefährlichsten Gegners schien mein Vater keinen Triumph zu empfinden, sondern Angst. Was fürchtete er?

Befriedigung – das war es, was ich tief in meinem Innersten fühlte. Der Mann, dem ich in den letzten Jahren so oft mit gezogenem Schwert gegenübergestanden hatte, der mir immer wieder alles genommen hatte, was ich besaß, lag nun gefesselt vor mir. Wie hätte ich denn nicht zufrieden sein sollen? Der letzte Feind war besiegt. Endlich gab es eine Chance auf Frieden!

»Fürst Dschamuga, es scheint dir entfallen zu sein, dass ich derjenige war, der die Schlacht gewann, und du derjenige, der nach der Niederlage vom Schlachtfeld floh, um sich in den sibirischen Wäldern zu verstecken. Was also verschafft uns die Ehre deiner Anwesenheit in unserem Lager?«

»Ich bin von meinen eigenen Männern verraten worden. Sie haben mich ausgeliefert, um ihr Leben zu retten«, stieß er verächtlich hervor.

»Sie werden für ihren Verrat an dir bestraft und morgen hingerichtet werden. Das verspreche ich dir.«

»Mich würdest du am liebsten auch töten, nicht wahr, Temur?«, schleuderte mir Dschamuga entgegen.

»Das ist das Recht des Siegers!«, erklärte ich kalt. Meine Hand lag auf dem Griff meines Schwertes. »Und es wäre das Ende eines Krieges, der mein Leben lang gedauert hat.«

»Temur!« Mein Vater trat zwischen uns und hob die Hand. »Ich will nicht, dass du ihn richtest.«

»Wie rührend – Vater und Sohn!« Dschamuga lachte höhnisch. »Wie sehr musst du ihn lieben, Temudschin: wie einen Sohn! Temur ist der einzige deiner Söhne, auf den du dich verlassen kannst, der Einzige, dem du wirklich vertraust! So wie ich immer der Feind war, auf den du dich verlassen konntest. Ohne Temur und ohne mich wärst du immer noch der unbekannte Stammesfürst namens Temudschin, wärst du niemals zu dem geworden, was du heute bist: der mächtige Dschingis Khan!«

Dschamugas hasserfüllte Worte hatten meinen Vater getroffen wie ein Schlag ins Gesicht. »Du hast Recht, Dschamuga. Im Krieg mit dir habe ich das Kämpfen gelernt und in der Niederlage gegen dich das Aufstehen nach dem Sturz, das unbeirrte Weiterkämpfen selbst gegen die größte Übermacht, das Überleben und das Siegen. Obwohl ich immer wieder alles verloren habe, was ich besaß, bin ich am Ende der Sieger. Denn wer nicht zu verlieren gelernt hat, kann nicht Sieger sein.«

»Du hältst dich wirklich für den Sieger in unserem Streit?«, fragte der Gefangene verächtlich, und ich wunderte mich über seine Unerschrockenheit. Er musste doch wissen, welches Schicksal ihm bevorstand!

»Der Krieg ist vorbei, Dschamuga. Du wirst morgen sterben«, entgegnete mein Vater kalt.

»Der Krieg ist nicht vorbei, Temudschin. Er wird niemals vorbei sein. Du hast die mongolische Steppe erobert, einen Stamm nach dem anderen besiegt und deiner Herrschaft als Khan unterworfen. Am Ende bleiben nur noch wir beide übrig, mein Freund. Ich bin der Letzte, den du besiegen kannst. Du weißt es genau, und deshalb hast du Angst vor der Entscheidung, mich hinzurichten. Du wirst allein weitergehen auf deinem Weg in die Einsamkeit des Mächtigen, der keinen Gegner mehr hat als sich selbst. Denn diesen Gegner kannst du auf dem Schlachtfeld nicht besiegen! Der Krieg ist noch lange nicht vorbei, Temudschin. Er geht weiter, bis über meinen Tod hinaus! Ich werde dir noch im Sterben das Kostbarste nehmen, was du besitzt: deinen Sohn.«

In diesem Augenblick verlor mein Vater seine Selbstbeherrschung, wandte sich abrupt um und verließ die Jurte. Er war nicht wütend über Dschamugas Drohung, nein: Er hatte Angst!

Ich warf dem Fürsten einen langen Blick zu, den er mit einem siegesgewissen Lächeln erwiderte, dann folgte ich meinem Vater.

»Ich werde der Sieger sein!«, brüllte Dschamuga mir hinterher.

In jener Nacht lag ich wach auf meinem Bett und starrte in die Finsternis. Kokatschin hatte sich im Schlaf an mich geschmiegt und die Arme um mich gelegt. Ihr Gesicht lag an meiner Schulter, ihr Atem streifte meine Wange. Sie duftete immer noch nach dem chinesischen Rosenparfum, wie vor Stunden, als wir uns in der Steppe geliebt hatten.

Sanft küsste ich sie, befreite mich aus ihrer Umarmung, ohne sie zu wecken, und setzte mich auf.

Seit dem Gespräch mit meinem Vater in seiner Jurte hatte ich keine Ruhe mehr gefunden. Dschamugas Worte »Ich werde der Sieger sein!« hatten mich getroffen – und ich wusste nicht, warum. Was waren sie denn anderes als der trotzige Aufschrei eines zum Tode Verurteilten … die zornige und sinnlose Rache am Sieger angesichts der eigenen Niederlage?

Aber auch das Verhalten meines Vaters hatte mich verwirrt. »Sag mir, Temur: Was soll ich mit ihm tun?«, hatte er mich gefragt.

»Ich dachte, diese Entscheidung wäre schon vor Jahren getroffen worden«, hatte ich geantwortet. »Wie viele Schlachten haben wir gegen Dschamuga geschlagen, wie viele Tote hat dieser endlose Kampf gekostet? Es wird keinen Frieden geben, solange er lebt.«

Mein Vater schien erleichtert, dass er das Todesurteil über Dschamuga nicht allein fällen musste, dass ich ihm die Entscheidung abnahm, dass ich hinter ihm stand. Als hätte er meine Loyalität jemals infrage gestellt!

Was machte meinem Vater solche Angst, was stand unausgesprochen zwischen uns? Was war so Furchtbares geschehen, dass Dschamuga noch im Tode die Macht besaß, mich von meinem Vater zu trennen?

Mit beiden Händen fuhr ich mir über das Gesicht. Dann erhob ich mich, kleidete mich an und verließ meine Jurte.

Im Lager war es still. Es war lange nach Mitternacht, und die meisten Feuer in den Zelten waren erloschen, sodass ich mich durch die Finsternis vorantasten musste.

Die Bewaffneten sprangen erschrocken auf, als ich in den Feuerschein vor Dschamugas Jurte trat. Sie verneigten sich respektvoll –
und verstellten mir den Weg zum Eingang.

»Ich wünsche, zu Fürst Dschamuga gelassen zu werden«, erklärte ich ungeduldig und schob einen der Wächter zur Seite.

Der Offizier hielt mich auf. »Der Khan hat ausdrücklich verboten, dass Fürst Dschamuga mit dir spricht, Temur Noyan.«

Wenn mein Vater den Befehl erteilte, mich von Dschamuga fern zu halten, musste er das Schlimmste befürchten.

Unbeeindruckt ging ich einen Schritt weiter. Der Offizier zog sein Schwert, um mich aufzuhalten: »Ich habe den Befehl, dich in deine Jurte zurückzubringen. Notfalls mit Gewalt.«

Mit erhobenen Armen trat ich einen Schritt auf ihn zu. Ich trug keine Waffe, nicht einmal einen Dolch. Trotzdem wich er vor mir zurück.

»Ich nehme nicht an, dass die Befehle des Khans so zu interpretieren sind, dass du mich umbringen sollst, wenn ich darauf bestehe, mit Dschamuga zu sprechen«, sagte ich so leise, dass die Wachen, die uns in weitem Kreis umringten, mich nicht verstehen konnten. »Denn das musst du tun, um mich davon abzuhalten.«

»Ich kann den Befehl des Khans nicht verweigern! Darauf steht die Todesstrafe.«

»Ich weiß. Und welche Strafe erwartet dich, wenn du den Sohn des Khans, deinen vorgesetzten Noyan, tötest? Ich bin unbewaffnet.« Als ich sah, wie er bestürzt den Blick abwandte und einen Schritt zurückwich, ging ich weiter auf den Zelteingang zu und betrat die Jurte.

»Du bist zurückgekommen!«, sagte Dschamuga, als er mich im Feuerschein erkannte. »Hat Temudschin mit dir über mich gesprochen?« Als ich nickte, fragte er: »Aber er hat mit dir nicht über dich gesprochen, nicht wahr?«

Verwirrt schüttelte ich den Kopf. »Warum sollten wir über mich sprechen?«

»Weil du die Ursache unserer Feindschaft bist, Temur. Weil du der Grund für zwanzig Jahre Krieg bist.«

»Ich?«, fragte ich fassungslos.

Dschamuga nickte. »Setz dich, mein Sohn! Ich werde dir erzählen, was er dir all die Jahre nicht zu sagen wagte, weil er Angst hatte, dich zu verlieren – an mich. Aber in der Stunde meines Todes hast du das Recht, die Wahrheit zu erfahren. Ich werde dir sagen, warum er nicht will, dass du mich richtest.«

Ich zögerte, doch dann ließ ich mich neben ihm am Feuer nieder und half ihm in eine sitzende Position, die ihm weniger Schmerzen bereitete.

»Er will nicht, dass du das Urteil an mir vollstreckst, weil er verhindern will, dass der Sohn den Vater tötet«, erklärte Dschamuga. »Er weiß, dass du ihm das nie verzeihen würdest und dass er dich dann für immer verloren hätte.«

»… den Vater?«, flüsterte ich verwirrt.

»Ich bin dein Vater, Temur«, sagte Dschamuga ernst.

Ich sprang auf. »Nein! Das ist nicht wahr!«, schrie ich. »Ich bin sein Sohn!«

»Aber erst, seit er dich mir weggenommen hat!«

Ich schwankte, musste mich festhalten. Ich war verwirrt, wütend. Und ängstlich, er könnte die Wahrheit sagen.

Seine Augen funkelten im Feuerschein. Bösartig? Mitleidig? Oder schon siegesgewiss? Vor wenigen Stunden hatte er gesagt, er würde der Sieger sein. War das die Rache an seinem Freund Temudschin, ihn und mich zu trennen?

Dschamuga wich meinem Blick nicht aus. »Es war vor fast zwanzig Jahren«, begann er zu erzählen, »als Temudschins Gemahlin Börte von den Merkiten entführt worden war. Er und ich waren damals enge Freunde. Wir standen uns so nah wie Dschebe und du. Wie ihr haben wir einander unser Leben anvertraut. Gemeinsam zogen wir nach Norden in die sibirischen Wälder, um Börte aus den Händen der Merkiten zu befreien.«

»Ich kenne die Geschichte: Meine Stiefmutter war schwanger, als sie zu meinem Vater zurückkehrte. Und als mein Bruder Dschutschi geboren wurde, war er nicht sicher, ob sein Sohn nicht der Sohn eines Merkiten war.«

Und seit Dschutschi wusste, wie sein Vater über ihn dachte – dass er ihn ungehorsam nannte, eigensinnig und unfähig, sich selbst und andere zu beherrschen –, flogen die Funken zwischen beiden, wenn sie sich zu nahe kamen.

Dschamuga nickte. »Diese Frage wird für immer zwischen Dschutschi und dem Mann, den er für seinen Vater hält, stehen. Dein Bruder Dschutschi und du, ihr habt viel gemeinsam. Ihr seid im selben Jahr geboren, mit nur wenigen Tagen Abstand, und ihr wisst beide nicht, wer euer Vater ist.«

Zornig rief ich: »Das ist …«

»… die Wahrheit, Temur. Deshalb bist du doch zurückgekommen: um die Wahrheit zu hören. So schmerzhaft sie auch sein mag.«

Betroffen schwieg ich und starrte ins Feuer.

»Ich habe deine Mutter geliebt, Temur«, sagte Dschamuga sanft, als hätte er Angst, seine Worte könnten mich verletzen, und ich könnte aufspringen und vor ihm fliehen, ohne ihm die Gelegenheit zu geben, sich mir vor seiner Hinrichtung noch zu offenbaren. »Vom ersten Augenblick an, als ich sie sah, habe ich sie geliebt. Als Temudschin sie mir wegnahm, war ich sehr wütend. Wir haben uns gestritten. Unsere Freundschaft zerbrach in diesem Kampf aus verletztem Stolz und enttäuschter Liebe. Wir führten Krieg gegeneinander – um die Vorherrschaft, um die Khanwürde, um das nackte Überleben. Als du geboren wurdest, hat er dich trotz seiner Zweifel als seinen ältesten Sohn anerkannt, um dich mir wegzunehmen.«

Nun wusste ich, warum mein Vater … der Khan verhindern wollte, dass ich in dieser Nacht mit Dschamuga sprach!

Ich barg mein Gesicht in den Händen und versuchte, klar zu denken. Der Khan fürchtete, dass ich erfuhr, wer mein Vater war. War er deshalb so erleichtert gewesen, als ich ihm die Entscheidung abnahm, Dschamuga hinzurichten? Er würde sich nie vor mir rechtfertigen müssen, meinen Vater gerichtet zu haben. Und außerdem wollte er verhindern, dass ich das Urteil selbst an ihm vollstreckte –
dass ich meinen Vater tötete. Er würde mich verlieren … Oder hatte er mich bereits verloren?

Dschamuga merkte, was in mir vorging. Ich sah das Mitgefühl in seinen Augen funkeln. »Es wäre für uns beide leichter gewesen, wenn wir uns auf dem Schlachtfeld begegnet wären, wenn einer von uns in diesem endlosen Krieg gefallen wäre. Denn nun hast du –
nicht er! – das Todesurteil über mich gesprochen und wirst mir beim Sterben zusehen.«

Ich nickte still.

»Es tut mir Leid um dich, mein Sohn. Du hast einen Vater verloren, den du liebst, einen anderen gefunden, den du hasst, und wirst ihn in wenigen Stunden wieder verlieren, weil du eine unvermeidliche Entscheidung getroffen hast. Du wirst dich selbst hassen, weil du dieses Todesurteil vor dir selbst nicht mehr rechtfertigen kannst.«

Wortlos erhob ich mich, um die Jurte zu verlassen. Ich ertrug es nicht, ihm weiter zuzuhören. Vier Monate zuvor hatten wir uns auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden und unsere Heere gegeneinander gehetzt. Und jetzt …

Ich musste gehen, bevor ich eine unsinnige Entscheidung traf, die uns allen noch mehr Leid brachte, noch mehr Siege, die keine waren, noch mehr Tote, die vergeblich starben, noch mehr Krieg!

»Du kannst nicht weglaufen, Temur. Nicht vor der Wahrheit und schon gar nicht vor dir selbst!«, rief er mir nach.

Meine Welt brach zusammen. Durch die Ruinen meines Lebens stolperte ich zu dem Mann, den ich neunzehn Jahre lang für meinen Vater gehalten hatte.

Es war nicht das erste Mal, dass ich alles verlor, was ich besaß. Doch jedes Mal war mir ein Pferd geblieben, ein Schwert oder wenigstens ein Dolch, um mein Leben zu verteidigen. Aber dieses Mal wurde mir alles genommen, meine Existenz als Temur, Sohn des Dschingis Khan, meine Vergangenheit und der Sinn dessen, was ich in den letzten Jahren getan hatte. All die Jahre hatte ich gekämpft: gegen Dschamuga! Es war ein endloser Überlebenskampf gewesen. Wäre der Krieg anders verlaufen, wenn ich geahnt hätte, wer mein Vater war? Vielleicht wäre nicht Dschingis Khan der Sieger gewesen, wenn … ja, wenn …

Dschamuga war der Fürst, der die Stämme immer wieder gegen Dschingis Khan aufgehetzt hatte. Seine Waffen waren nicht Pfeil und Schwert, sondern Intrige und Verrat. Seine Grausamkeit war gefürchtet. Dieser Mann … mein Feind … sollte mein Vater sein? O Gott, tu mir das nicht an!

Die Hinrichtung von Fürst Dschamuga am nächsten Morgen hätte mich befriedigt, hätte mich glücklich gemacht, weil sie den lang ersehnten Frieden ermöglichte. Meine Söhne Kaidu und Chinkim würden nicht wie ich mit dem Schwert in der Hand aufwachsen. Die Vernichtung des Feindes hätte meinen Sieg in der letzten Schlacht gekrönt. Aber die Ermordung meines eigenen Vaters war nichts von alldem …

Die Wachen vor dem Zelt des Khans hielten mich nicht auf, als ich an ihnen vorbei in die Jurte stürmte.

Er lag wach auf seinem Bett und richtete sich auf, als ich eintrat. Das Feuer brannte noch: Er hatte wohl wie ich nicht schlafen können in dieser furchtbaren Nacht des Triumphes, der keiner war. »Du warst bei ihm«, sagte er leise, während er die Verschlüsse seiner Seidenrobe zuband. War er wütend? Nein, nicht wütend: Er war enttäuscht. Traurig.

»Ja, ich habe mit Dschamuga gesprochen«, erklärte ich und ging unbeherrscht ein paar Schritte auf und ab.

Er wandte das Gesicht ab, damit ich nicht sah, dass er weinte. Verstohlen wischte er sich die Tränen ab.

»Du fragst mich nicht, was er mir gesagt hat!«, warf ich ihm verbittert vor. In meinem Zorn ließ ich ihm nicht einmal Zeit, seine eigenen Gefühle zu ordnen.

»Ich muss dich nur ansehen, um zu wissen, was er dir erzählt hat«, sagte er sanft. »Und dass du ihm glaubst. Ich habe dich noch nie in diesem Zustand gesehen, Temur.«

»Seinen Vater verliert man nur einmal im Leben!«, fauchte ich und wandte mich ab.

Er erhob sich, trat hinter mich und legte mir die Hand auf die Schulter, sanft und tröstend. Er ließ mir Zeit, mich zu beruhigen, meine Selbstbeherrschung wiederzugewinnen. Dann drehte er mich zu sich um, damit ich ihn ansehen konnte. »Deinen Vater hast du heute Nacht verloren, Temur. Mich nicht.«

Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Er umarmte mich und hielt mich fest. »Ich habe in dieser Nacht einen Sohn verloren. Dich will ich nicht auch noch verlieren, Temur!«

Als ich nicht antwortete, sprach er beruhigend auf mich ein:

»Ich habe deine Mutter geliebt, wie du Kokatschin liebst. Ich war fasziniert von ihr, geradezu besessen. Und ich war glücklich, als sie mir ihre Liebe gestand. Dschamuga war eifersüchtig, behauptete, sie gehöre ihm, und nahm sie mir weg. Er hatte mir geholfen, Börte aus der Gewalt der Merkiten zu befreien, und dachte, ihm stünde als meinem Freund eine angemessene Belohnung zu. Er nahm deine Mutter in sein Bett. Ich habe sie mir wiedergeholt. Ich habe sie so geliebt, Temur! Und als sie mir ihre Schwangerschaft gestand, war ich glücklich: mein erstes Kind! Aber das Glück hatte einen bitteren Nachgeschmack: Warst du mein Kind?«

Ich entwand mich seiner Umarmung und riss mich los. »Du hast mich deine Zweifel mein Leben lang spüren lassen!«, schleuderte ich ihm verbittert entgegen. »Du hast mich immer anders behandelt als meine Brüder, nicht nur weil ich ein mächtiger Schamane und wie du von Gott berufen bin. Die Liebe, die du Tschagatai, Ogodei und Tolei und selbst deinem Adoptivsohn Schigi so großzügig geschenkt hast, musste ich mir erkämpfen! Du hast mich mehr gequält als jeden anderen, mehr noch als Dschutschi!«

»Ich verstehe deinen Zorn«, sagte er leise. »Ich konnte doch nie sicher sein, dass du mein Sohn bist. Was von Dschamuga in dir war, wollte ich aus dir herausprügeln. Temudschin, ›der Schmied‹, hat Temur, ›das Eisen‹, geformt und zu einer scharfen Waffe geschmiedet. Ich dachte: Wenn du an den Schlägen zerbrichst, dann warst du es nicht wert. Dann wollte ich dich wegwerfen wie ein zerbrochenes Schwert. Aber du wurdest unter meinen Schlägen immer härter: ein hervorragender Feldherr, ein fähiger Schamane, ein würdiger Fürst.«

Überrascht sah ich ihn an. »Ein Fürst?«

»Ich hatte vor, in den nächsten Tagen mit dir darüber zu sprechen, Temur. Ich will dich zum Fürsten ernennen.«

Ich wandte mich ab. Die Vorstellung, von ihm mit Dschamugas Fürstentitel belohnt zu werden, war mir unerträglich.

Er trat zu mir, legte mir die Hand auf den Arm, aber ich stieß ihn mit einer unbeherrschten Geste zurück.

»Ich habe dich zu dem gemacht, was du heute bist, Temur: ein eigensinniger und loyaler, ein unvernünftiger und intelligenter Mann, der jeden meiner Befehle auslegt, wie es ihm passt. Ein Mann, der tut, was er für richtig hält, und der nie sein Ziel aus den Augen verliert. Ein Mann, der niemals, nicht einmal in den gefährlichsten Situationen auf dem Schlachtfeld, an sich und seinen Fähigkeiten zweifelt.

Ich war immer wie ein Vater für dich da, wenn du mich gebraucht hast, wenn du mich um Rat gefragt hast, um ihn gleich darauf in den Wind zu schlagen, wenn du deine schamanischen Kräfte mit mir messen wolltest, um deine Grenzen zu erforschen –
und meine. Wir haben oft gestritten, Temur. Wir sind zornig aufeinander losgegangen und haben uns im Lauf der Jahre schmerzhafte Verletzungen zugefügt. Aber ausgewichen bist du mir nie! Tu es auch jetzt nicht!«

Er vertrat mir den Weg, als ich aus der Jurte stürmen wollte. »Was soll ich tun, Temur? Sag mir, was du willst: Soll ich das Todesurteil aufheben? Soll ich Dschamuga vergeben, ihn begnadigen? Soll ich ihn leben lassen?«

»Nein!«, schluchzte ich und stolperte an ihm vorbei aus dem Zelt.

»Lass nicht zu, dass Dschamuga am Ende über uns beide triumphiert!«, rief er mir hinterher.

Dschebe fand mich auf dem Hügel oberhalb des Ordu. Ich saß allein in der Finsternis, um nachzudenken.

Mein Freund sprang aus dem Sattel, schickte sein Pferd fort und ließ sich wortlos neben mich ins Gras fallen.

»Wenn Dschingis Khan dich schickt, um mich zur Vernunft zu bringen, kannst du gleich wieder abziehen!«, fauchte ich ihn an.

»Hör auf, wie ein verwundeter Tiger um dich zu schlagen! Du verletzt nur dich selbst, Temur. Mir kannst du nicht wehtun, denn ich weiß, was du empfindest. Ich werde jeden deiner Angriffe mit Nachsicht und Verständnis abwehren!«, sagte er und legte mir die Hand auf den Arm. Ich schüttelte sie ab, doch er gab nicht auf: »Wie du weißt, habe ich in dem Krieg zwischen Dschingis Khan und Dschamuga meinen Vater verloren. Ich habe damals auf Dschamugas Seite gekämpft, und ich wollte mich am Khan rächen. Ich habe ihn in der Schlacht mit meinen Pfeilen so schwer verwundet, dass er fast gestorben wäre. Er hat mir in seinem unendlichen Großmut vergeben, Temur. Er hat mir vergeben! Er behandelt mich wie seinen eigenen Sohn, ersetzt mir durch seine Liebe den verlorenen Vater …«

»Er hat es dir gesagt?«, unterbrach ich ihn.

»Er hat Angst, dich zu verlieren. Er will kein weiteres Opfer dieses furchtbaren Krieges. Er glaubt, die nächsten Opfer wären du und er selbst.«

Ich wandte mich unbeherrscht ab.

»Außer mir weiß es niemand, Temur. Und dabei will er es belassen. Nie soll irgendjemand erfahren, was heute Nacht geschehen ist«, versuchte Dschebe mich zu besänftigen. »Lecke deine Wunden, Tiger, und dann kehre zu ihm zurück!«

»Dschebe, du bist mein Freund. Ich weiß nicht mehr, wie oft du mir in den letzten Jahren das Leben gerettet hast. Aber dieses Mal kannst du mir nicht helfen«, entgegnete ich. »Bitte lass mich allein! Ich muss nachdenken.«

Und eine Entscheidung treffen.

Dschebe umarmte mich liebevoll, küsste mich wie einen Bruder und warf mir einen beschwörenden Blick zu. Dann erhob er sich und ritt ohne ein weiteres Wort ins Lager.

Ich blieb allein zurück.

Rot wie Blut erhob sich die Sonne über den Horizont.

Es war still auf dem großen Platz vor der Palastjurte des Khans. Nur seine Feldzeichen und die weiße Fahne mit dem schwarzen Adler flatterten leise im Wind.

Ein Raunen ging durch die Menge der Zuschauer, als Dschamuga aus seinem Zelt geführt wurde. Die Krieger hatten auf ihren Pferden einen weiten Kreis gebildet. Jeder trug seine Rüstung, den Helm, jeder war mit seinem Schwert, mit Pfeilen und Bogen bewaffnet, als wollte er in die Schlacht ziehen – die letzte dieses Krieges. Die Frauen und Kinder standen abseits. Meine Gemahlin Nomolun hielt meine beiden Söhne Kaidu und Chinkim an der Hand. Neben ihr erkannte ich Kokatschin, die verstohlen zu mir herüberwinkte.

Die großen Trommeln dröhnten, ihr schneller Rhythmus drang in meinen Verstand, versetzte mich wie meine Schamanentrommel in Ekstase und erhitzte mein Blut. Ich musste mich konzentrieren, um nicht wie sonst bei solchen Zeremonien in schamanische Trance zu fallen.

Dann wandte ich mich wieder Dschamuga zu. Seine Hände waren gefesselt, seine Füße mit einem Strick zusammengebunden, und er stolperte vorwärts, als zwei Bewaffnete ihn vor den Thron des Khans schleppten, der vor dem Eingang der Palastjurte aufgestellt worden war. Sie stießen ihn auf die Knie und zwangen ihn mit gezogenen Schwertern zum Kotau vor dem Herrscher.

Unbeweglich stand ich nicht einmal eine Armlänge neben dem Khan und starrte auf Dschamuga hinab. Als er sich aufrichtete, erwiderte er furchtlos und, wie mir schien, mitleidig meinen Blick. Trotz der Fesseln und der knienden Stellung bewahrte er die Haltung und die Würde eines Khans der Mongolen.

Dschingis Khan beobachtete mich von der Seite. Er war erleichtert gewesen, als ich im Morgengrauen in sein Zelt zurückgekehrt war. Und er hatte keine Einwände gehabt, als ich forderte, die Art von Dschamugas Hinrichtung selbst bestimmen zu dürfen. Er hatte nicht einmal gefragt, was ich vorhatte.

Ich sah ihm fragend in die Augen, und er wandte den Blick ab.

Der Khan hatte einen meiner Brüder ausersehen, Dschamuga hinzurichten. Der trat nun mit gezogenem Schwert hinter den Gefesselten und wartete auf das Zeichen von mir, ihn zu richten.

Das laute Dröhnen der Trommeln verstummte. Die atemlose Stille nach dem Lärm betäubte den Verstand.

Kökschu erschien – aus gegebenem Anlass bemerkenswert zurückhaltend, geradezu unauffällig – im Schamanengewand, um für den zum Tode Verurteilten zu beten und Gottes Wohlwollen für seine Jenseitsreise zu erflehen. Seine langen weißen Haare wehten im Wind. Kökschu war erst neununddreißig, aber sein Haar und sein langer Bart waren seit der Nacht seiner dreizehnten und letzten Schamanenweihe weiß wie Schnee – seit jener Nacht, die er selbst als die seiner Erleuchtung bezeichnete.

Als Kökschu das Gebet beendet und mit gesenktem Blick seinen Platz neben dem Khan eingenommen hatte, schleppten meine Diener eine weiße Filzdecke heran und entrollten sie hinter Dschamuga im Gras. Ich gab meinem Bruder ein Zeichen, das Schwert wegzustecken, und er gehorchte.

»Du willst sein Blut nicht vergießen und ihn wie einen Fürsten sterben lassen!«, sagte der Khan überrascht. »Das ist …«

»… der Hinrichtung eines Khans der Mongolen angemessen. Es ist dir angemessen, mein Khan!«, erwiderte ich, und er schwieg.

Kökschu wollte etwas sagen, besann sich aber, als ich ihm in die Augen sah. Offenbar wollte er sich nicht ausgerechnet an diesem Tag mit mir anlegen: Er ahnte wohl, dass es dieses Mal nicht bei Blitz und Donner und einem Wirbelsturm eisiger Gefühle zwischen uns geblieben wäre.

Zwei Bewaffnete schleppten Dschamuga zur weißen Filzdecke, auf der der Tradition entsprechend ein Khan ernannt und durch seine Gefolgsleute symbolisch in den Himmel gehoben wurde. Sie zerschnitten seine Fesseln und entfernten sich.

Der Fürst nahm mit einer Würde auf der Decke Platz, als sei er der Herrscher eines Reiches, das nur noch die Größe einer Filzdecke hatte. Dann betete Dschamuga, indem er seinen Gürtel löste und über die Schultern legte und die Hände der aufgehenden Sonne entgegenstreckte. Ich gab meinem Bruder, der bereits seinen unruhig tänzelnden Hengst bestiegen hatte, ein Zeichen zu warten, bis der Fürst sein letztes Gebet beendet hatte.

Als Dschamuga sich wieder aufrichtete, fragte Dschingis Khan: »Willst du noch etwas sagen?«

»Nein, Temudschin: Es ist alles gesagt und getan«, erklärte der Fürst. Dann erhob er sich, band seinen Gürtel wieder um und legte sich auf die Filzdecke, den Blick in den Himmel gerichtet.

Vier Bewaffnete eilten herbei, nahmen die Enden der Decke und legten sie über den zum Tode Verurteilten.

Die Trommler begannen einen schnellen Rhythmus zu schlagen und steigerten ihn zum dröhnenden Wirbel, zum infernalischen Donnern, das gewaltsam jedes Gefühl diesseits der ekstatischen Erregung mit sich riss, das die Seele des Sterbenden in den Himmel hinauftragen würde. Mein Herz begann zu rasen.

Mein Bruder trieb seinen vor dem Lärm scheuenden Hengst an und galoppierte über die eingerollte Decke. Die Hufe verfingen sich im weichen Filz, und beinahe wäre er gestürzt. Doch im letzten Augenblick fing sich das Pferd, und er wendete, um erneut über die Decke zu galoppieren. Die Hufe zerschmetterten Dschamugas Körper.

Neun Mal ritt mein Bruder über die weiße Khandecke, bis er sicher war, dass der Fürst nicht mehr lebte, dass der letzte Feind des Khans besiegt war.

Stille. Schweigen. Atemlose Erregung.

Als die Bewaffneten den weißen Filz entrollten und Dschamugas sterbliche Überreste hervorzogen, kniete ich mich neben ihn, um ihm nach einem kurzen Gebet die Augen zu schließen.

Kein euphorisches Gefühl des Triumphes, des Sieges über den Feind, kein schmerzhaftes Gefühl der Trauer um meinen Vater, nicht einmal ein Funken Mitgefühl mit dem Gerichteten. Nichts, ich fühlte nichts. Nichts, außer der eisigen Leere in mir.

Der Khan war vom Thron herabgestiegen und trat neben mich.

»Er ist tot«, sagte ich leise. »Bist du nun zufrieden?«

»Nein, Temur«, entgegnete er verbittert. »Denn die Stunde meines Triumphes ist die Stunde meiner größten Niederlage. Einen abgeschossenen Pfeil kann ich nicht aufhalten.«

Er weiß es!, dachte ich. Er ist Schamane wie ich: Er weiß, was ich tun werde. Was ich tun muss. Und er weiß, dass er es nicht verhindern kann. Nicht verhindern darf.

Der Khan kniete sich neben mich und legte Dschamugas Arme wie im Gebet übereinander. Dann half er mir, den Toten wieder in die weiße Filzdecke einzuwickeln, stand auf und trat einen Schritt zurück, um ein Gebet für seinen toten Feind zu sprechen.

Ich nahm Dschamugas sterbliche Überreste in die Arme und erhob mich. Langsam schritt ich durch die Reihen der Zuschauer, die vor mir zurückwichen und eine Gasse bildeten. Einer meiner Diener führte zwei gesattelte Pferde mit gefüllten Provianttaschen heran. Ich legte den Leichnam über den Sattel meines Ersatzpferdes und band ihn fest.

Dschebe ahnte, was ich vorhatte, und wollte mich davon abhalten, mein Pferd zu besteigen. Ich umarmte und küsste ihn: »Bitte kümmere dich um Kokatschin und Nomolun. Ersetze ihnen den Gemahl. Und sei meinen Söhnen ein Vater, Dschebe.«

»Das werde ich«, seufzte er an meiner Schulter. Er wusste, dass er mich nicht aufhalten konnte.

Und ich war erleichtert, dass er mir die eine Frage nicht stellte, auf die ich keine Antwort hatte – noch nicht: Die Frage, wann ich zurückkehren würde.

Ich musste nachdenken, was ich nun mit meinem Leben anfangen wollte: als Feldherr, als Schamane, als Sohn des Khans. Meine Welt war in nur einer Nacht zusammengebrochen, und ich würde sie aus den Ruinen neu errichten. Ich hatte es schon so oft getan. Und ich würde mich selbst neu erschaffen.

Kokatschin, die neben Nomolun und meinen Söhnen in der Reihe der Zuschauer stand, sah mich erschrocken an. Sie hatte erkannt, dass ich das Ordu verlassen wollte, doch sie verstand nicht, warum ich ohne Abschied ging. Wie Nomolun ahnte sie nicht, was in dieser furchtbaren Nacht geschehen war. Sie rannte zu mir, um mich aufzuhalten: »Bitte geh nicht!«, schrie sie verzweifelt. »Verlass mich nicht! Ich liebe dich!«

Entsetzt blieb Nomolun hinter ihr zurück. Weder von meinen Frauen noch von meinen Söhnen Kaidu und Chinkim hatte ich mich verabschiedet. Ich hätte ihre Tränen nach Dschamugas Tod nicht auch noch ertragen.

Ich wandte mich von Dschebe ab und ging zu meinem Pferd, während mein Freund Kokatschin in den Weg trat, sie umarmte und festhielt, damit sie mir nicht nachlief, um mich von etwas abzuhalten, was ich tun musste. Sie weinte und schlug wütend auf Dschebe ein, aber er ließ sie nicht los.

»Lass ihn gehen, Kokatschin«, flüsterte er. »Tu ihm das nicht an! Es ist schwer genug für Temur.«

Mit dem Zügel des Packpferdes in der Hand trabte ich durch die Reihen der Zuschauer, die eine Gasse für mich bildeten.

Mein Sohn Kaidu rannte neben mir her. Er rief mich: »Vater, wohin reitest du? Wann kommst du wieder?«, aber ich ignorierte ihn, seine Tränen und seinen Schmerz und versuchte, einen Rest von Haltung zu bewahren.

Dann hieb ich meinem Hengst die Stiefel in die Flanken und galoppierte so schnell ich konnte hinaus in die Steppe.

Zwei Tage lang ritt ich nach Süden.

Dort, wo die Steppe allmählich in die Gobi übergeht, begrub ich Dschamuga mit seinem Schwert, seinem Pfeilköcher und dem Langbogen, seiner Lederrüstung, einer silbernen Trinkschale, einer Brokatrobe und ein paar persönlichen Gegenständen, die er bei seiner Gefangennahme bei sich getragen hatte. Die anderen Grabbeigaben aus Silber stammten aus meinem Besitz.

Danach führte ich mein Ersatzpferd zum offenen Grab, nahm ihm den Sattel und das Zaumzeug ab und bettete Dschamugas Kopf auf den Sattel. Ich stieg aus dem Grab und warf einen Blick hinunter: Er sah aus, als ob er schlief.

Dann wandte ich mich ab und ging zu dem weißen Hengst, der den Toten bis hierher getragen hatte. Ich umarmte und streichelte ihn und flüsterte ihm beruhigende Worte zu. Das Pferd scheute, wich zurück, aber ich ließ es nicht los.

»Diene deinem Khan in der Anderen Welt!«, flüsterte ich die traditionellen Worte beim Tod eines Herrschers. Dann stieß ich meinen Dolch zwischen die Ohren des Hengstes, der sofort leblos zusammenbrach.

Ich begrub das Pferd zusammen mit Dschamuga, legte dem Toten einen Teil meines Proviantes als Wegzehrung für seine Jenseitsreise ins Grab und verschloss es mit Erde.

Als Schamane vollzog ich die Opferrituale. Ich betete: »Mutter Erde: Staub war er, Staub wird er sein. Vater Himmel: Aus der Ewigkeit kommt er, in sie kehrt er zurück. Vergib ihm seine Schuld, wie auch ich ihm vergeben habe.« Dann zog ich meine silberne Trinkschale aus dem Brustlatz meiner Robe, füllte sie mit gegorener Stutenmilch, versprengte einige Tropfen mit dem Finger in den Himmel, goss ein paar Tropfen auf den Steppenboden.

Anschließend stieg ich in den Sattel und galoppierte so lange über den Grabhügel hinweg, bis sich die Stelle, wo ich Dschamuga begraben hatte, durch nichts von der sie umgebenden Steppe unterschied. Der Wind würde die letzten Spuren verwehen.

Ohne anzuhalten, wendete ich mein Pferd und trabte weiter nach Süden. Der heiße Wind und der Staub der Wüste trockneten meine Tränen.

Stille.

Unendlichkeit.

Nichts veränderte sich. Und doch wandelte sich die Wüste schneller als alles andere. In jedem Augenblick. Ich blieb derselbe, und doch veränderte ich mich in jedem Atemzug, den ich in der Gobi blieb.

Die Wüste ist Einsamkeit und Reinheit. Sie schmilzt alles Überflüssige von einem Menschen ab, damit er als er selbst weiterleben kann. Sie entfernt alles, was den Menschen an das Irdische bindet. Die Wüste löst alle Verpflichtungen, die ein Mensch in seinem Leben eingegangen ist. Sie bindet ihn nur an sich selbst. Aber das unwiderruflich, bis zu seinem Ende.

Die Wüste ist Ruhe und Gelassenheit. Sie ist das Finden des rechten Maßes. Sie ist Besinnung auf das Wesentliche.

Die Wüste ist Stillstand. Und sie ist Umkehr. Sie lässt den Menschen jeden Weg zurückgehen, den er in seinem Leben gegangen ist.

Sie ist Denken. Sie ist Freiheit.

Die Wüste ist das Ende. Und ein neuer Anfang.

Knoten.tif

Kapitel 2

Das Einzige, was der Mensch beherrscht,
ist er selbst

Die mongolische Welt ist grenzenlos. Sie hat nur einen einzigen Horizont, der den Menschen umgibt. Die Zeit vergeht in der Steppe langsamer als anderswo, stiller und ohne Spuren zu hinterlassen. Gott ist überall – das himmlische Blau spiegelt sich in Bergseen, reißenden Flüssen und selbst in der kleinsten Pfütze, die still den Allmächtigen anbetend den unendlich hohen Himmel reflektiert. Die mongolische Welt besteht aus weißen Jurten, die in der Endlosigkeit der sanft gewellten Steppe verloren wirken, winzig, bedeutungslos. Der Mensch ist nichts angesichts dieser Unermesslichkeit, und in seinem tiefsten Inneren weiß er es.

Nach der unendlichen Weite und der erhabenen Stille der Gobi war Zhongdu unerträglich laut und eng. Der Lärm der Stadt war schon am Yongding Men, dem südlichen Stadttor, zu hören. Ich hatte mich mit meinem Pferd zwischen die Ochsenkarren von Feldbauern eingereiht, die in die Stadt ratterten, um dort ihr Gemüse zu verkaufen. Um mich herum summte die Luft von dem Geschwätz der Reisenden. Am Straßenrand wurden Verhandlungen mit fliegenden Händlern geführt, die ihre Waren laut anpriesen: Strohhüte zum Schutz gegen die unbarmherzig brennende Sonne und seidene Fächer gegen die schwüle Hitze.

Ein Torwächter hatte mich gesehen und stellte sich mir in den Weg: »Woher kommen Sie?«

Ich zügelte mein Pferd und sah auf ihn hinunter. »Aus dem Norden. Aus der mongolischen Steppe.«

Der Strom der Reisenden ergoss sich an mir vorbei durch das Tor und drohte, mich mit sich zu reißen.

»Absteigen!«, befahl er nach einem abschätzigen Blick auf meine aufwändig bestickte Seidenrobe, meinen gefüllten Geldbeutel am Gürtel, mein mit Silber beschlagenes Schwert. Als ich zögerte, ergriff er die Zügel und schrie: »Herunter von dem Pferd!«

Ich sprang aus dem Sattel.

»Zeigen Sie mir Ihren Ausweis!«, kommandierte er, beide Hände bedrohlich nah an seinem Schwert.

»Ich habe keinen …«, begann ich.

»Sie sind also illegal über die Große Mauer gekommen!«

Der Offizier winkte zwei Bewaffneten, die mit gezogenen Schwertern näher kamen, um mich festzunehmen. Auf einen ungeduldigen Wink folgte ich ihnen über eine schmale, gewundene Holztreppe in den ersten Stock des Stadttores.

In der Kommandantur, die sich direkt über der Straße befand, standen zwei Tische und mehrere Hocker. Das Wiehern von Pferden, das Rumpeln der hölzernen Wagenräder und das Geschrei der Händler drang durch die beiden Fenster.

Die beiden Wachen blieben an der Tür stehen und ließen mich nicht aus den Augen. Hielten sie mich für einen Spion des Khans, der die Regimenter der Nordprovinzen auskundschaftete, die das mongolische Reich bedrohten?

Der Offizier nahm hinter einem der Tische Platz und zog eine kleine Holzkiste zu sich heran, in der ein Haufen von Papieren aufbewahrt wurde. Als er ein Blatt nach dem anderen entfaltete, um es zu betrachten, erneut zu falten und neben sich auf den Tisch zu legen, setzte ich mich unaufgefordert vor den Schreibtisch. Er sah mürrisch auf, als ich ihn jedoch freundlich anlächelte, fuhr er mit seiner Tätigkeit fort. Die Papiere, die der Offizier ansah, bestanden aus einem skizzierten Bild und einer kurzen Personenbeschreibung.

»Sie sind nicht dabei!«, sagte er schließlich. »Wo ist Ihr Pass? Jeder, der die Große Mauer überquert, erhält am Grenzposten einen Pass.«

»Ich habe ihn verloren«, log ich. Die Einreiseformalitäten hatten mich nicht gekümmert: In einer Neumondnacht hatte ich die Mauer an einer schlecht bewachten Stelle überquert.

»Verloren?« Der Offizier lachte ungläubig. Sein Blick kehrte immer wieder zu meiner Geldbörse zurück. »Sie haben ihn also verloren. Dann brauchen Sie jetzt wohl einen neuen Pass.«

Ich nickte und bemühte mich, keine Miene zu verziehen. Sollte ich über die Gier des Offiziers ärgerlich sein oder über seine Bestechlichkeit lächeln? Am liebsten hätte ich ihm meinen goldenen Tigerstab gezeigt, den ich immer bei mir trug und der mich als einen der mächtigsten Männer des mongolischen Reiches auswies. Aber ich wollte lieber seine Demütigungen ertragen, als zu offenbaren, wer ich war. Ich wäre sofort festgenommen worden.

»Ein neuer Pass kostet Gebühren«, eröffnete der Offizier die Verhandlungen.

In den wenigen Tagen, die ich mich bereits im Chin-Reich aufhielt, hatte ich festgestellt, dass alles etwas kostete. Ich öffnete die Geldbörse und zog drei Geldstücke hervor, die ich nebeneinander auf die Tischkante legte. Ich hatte keine Ahnung, wie hoch die Gebühren waren und ob die drei Münzen ausreichten, also wartete ich ab.

Der Offizier winkte den Bewaffneten, zu verschwinden. Sie steckten ihre Schwerter ein und zogen ab. Wir waren allein.

»Sie sind ein Ausländer …« Er sah mich so bedeutungsvoll an, als müsste ich wissen, welchen Verwaltungsaufwand das bedeutete.

Ich legte drei weitere Münzen auf den Tisch.

Der Chinese starrte erst die Geldstücke und dann mich an. »Die Ausstellung eines neuen Passes kann lange dauern. Sehr lange. Wir müssen zwei Zeichnungen von Ihnen anfertigen, eine für den Ausweis und eine zur Hinterlegung im Zentralarchiv der Stadtverwaltung von Zhongdu. Dann müssen wir …«

Erneut griff ich in die Börse und zog drei weitere Kupfermünzen hervor, die ich neben die anderen auf den Tisch legte.

Der Offizier fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und ließ die neun Münzen nicht aus den Augen, als hätte er Angst, sie könnten sich durch Magie in Luft auflösen. »Wir können die Formalitäten aber auch gleich erledigen«, murmelte er und legte eine der Münzen in eine verschließbare Holzkassette. Die anderen fädelte er, ohne mich dabei anzusehen, durch das Loch in der Mitte auf ein Band an seinem Gürtel, wo zuvor nur vier Kupfermünzen gehangen hatten.

Ich begriff, dass ich meinen Aufenthalt in Zhongdu teuer bezahlen musste.

Der Offizier rief nach einem Zeichner, der mein Bild mit schwarzer Tusche festhalten sollte. Dann tauchte er einen Pinsel in die Tintenschale und sah mich erwartungsvoll an. »Name?«

»Ich heiße Temur.«

»Und Ihr Familienname?«

Die Chin stellten den Namen ihrer Familie ihrem eigenen voran, aber wir Mongolen hatten keinen Familiennamen.

»Ich bin vom Klan der Kiyat. Schreiben Sie: Kiyan Temur.«

Er pinselte meinen Namen auf das Papier. »Wann sind Sie geboren worden?«

»Im Jahr des Feuerpferdes: Ich bin neunzehn Jahre alt.«

»Wo?«

»In der mongolischen Steppe. In der Nähe des Flusses Kherlen.«

Er schien nicht zu wissen, wo genau das war, und malte ein paar Schriftzeichen auf das Papier. »Welchen Beruf haben Sie?«

Wenn ich mich als Noyan, als Feldherr des Khans, zu erkennen gab, würde er mich als Spion festnehmen.

»Ich bin Schamane«, sagte ich. »Ein Heilkundiger.«

»Was wollen Sie in Zhongdu?«

»Ich will mir die Stadt ansehen.«

Meine Antwort verblüffte ihn. »Und dann?«

»Dann reite ich weiter.«

»Wohin?«

»Das weiß ich noch nicht.«

Er schüttelte unwillig den Kopf und machte ein paar Notizen.

Eine Stunde später war das Dokument fertig, und ich durfte die Kommandantur verlassen und Zhongdu, die »Stadt der Mitte«, die Hauptstadt von Chin, betreten. Die Chinesen selbst nannten ihr Reich Tian Xia – das bedeutet: »Alles unter dem Himmel«.

Hinter dem Yongding-Men-Tor begann eine breite Straße, die von zweistöckigen Häusern aus weiß verputztem Stein gesäumt war. Die Fensterrahmen, ein filigranes Gitterwerk aus dunklem Holz, waren von innen mit durchscheinendem Papier beklebt. Dreistufige Treppenrampen aus Stein führten in die zur Straße offenen Handwerksbetriebe und Läden, Garküchen und Teehäuser in den unteren Geschossen der Häuser. An vielen Dachüberständen flatterten geraffte Stoffborten aus gelber und roter Seide als Sonnenschutz im Wind. Neben den Eingangstüren hingen Glücksgebete auf Papierstreifen.

Bisher kannte ich nur die chinesischen Dörfer im Grenzgebiet, die ich zusammen mit meinen Freunden Dschebe, Subotai und Mukali besucht hatte. Sie bestanden aus kaum mehr als ein paar Häusern und hatten nur wenige Einwohner. Yun Qis Vorwurf, wir hätten diese Dörfer aus purer Lust am Erobern und Zerstören niedergebrannt, war lächerlich: Es gab dort nichts zu plündern, was das Risiko eines bewaffneten Überfalls gelohnt hätte.

Zhongdu war anders als alles, was ich bisher gesehen hatte. Faszinierender. Sinnlicher. Und in diesem Moment schien mir diese herrliche »Stadt der Mitte« der Mittelpunkt der Welt zu sein!

Ich zerrte mein scheuendes Pferd am Zügel durch eine Menschenmenge, die eine improvisierte Bühne neben einem Teehaus am Straßenrand belagerte und einem Theaterstück zusah. Die Musik der Geigen, Bambusflöten, Lauten, Gongs und Trommeln war mitreißend. Gebannt sah ich den Darstellern zu, die mit Holzschwertern in der Hand über die Bühne wirbelten und sich Schwertkämpfe lieferten. Einer der Zuschauer erklärte mir, die Oper aus Gesang und Akrobatik zeige die Eroberung des Reiches durch die Dschurdschen achtzig Jahre zuvor. Ich wollte mir das Stück bis zum Ende ansehen.

Der Höhepunkt der Aufführung war die Vertreibung des letzten Kaisers der Liao-Dynastie von seinem Thron, einem wackeligen Stuhl auf einem Holztisch, und die höchst würdelose Inbesitznahme ebendieses Sitzes durch einen in Lumpen gekleideten Barbaren, den dschurdschischen Stammesfürsten Aguda, dem die Schauspieler übertrieben demütig huldigten. Zwei Schauspieler stellten die Minister »Angst« und »Unterwürfigkeit« im kaiserlichen Gefolge dar.

Die meisten Zuschauer johlten und lachten Tränen über die Lächerlichkeit der komischen Figur auf dem wackeligen Drachenthron. Viele andere verfluchten und beschimpften den ersten Kaiser der neuen Chin-Dynastie als Eroberer, als Unterdrücker und Ausbeuter der Chinesen, als ungebildeten dschurdschischen Barbaren und bewarfen ihn mit rohen Eiern.

Als sich aus der Richtung der Nördlichen Stadt eine Gruppe bewaffneter Stadtwachen näherte, löste sich die Vorstellung in Windeseile auf. Die Musiker ergriffen ihre Instrumente und verschwanden unbemerkt in einer Seitengasse, der Drachenthron wurde wieder zu einem klapperigen Stuhl, der Tisch wurde sofort von mehreren Gästen des Teehauses besetzt.

Ich warf eine Münze in die Schale, die mir der »Kaiser« mit einem frechen Grinsen unter die Nase hielt, und bedankte mich mit einem Augenzwinkern für die »interessante Vorstellung!« des chinesischen Widerstandes gegen die Chin-Dynastie.

Dann ging ich weiter und führte mein Pferd in eine der Seitenstraßen. Ruhelos irrte ich durch ein Labyrinth von Hutongs, schmalen Gassen, blieb erstaunt stehen, um einem Handwerker zuzusehen, der aus Bambusstäben einen Grillenkäfig anfertigte, ging weiter, blieb wieder stehen, um einen faszinierten Blick in eine Apotheke zu werfen, deren Regale sich unter Gefäßen mit getrockneten Kräutern und Medizin bogen und in der ein Heiler einen Kranken mit Nadeln behandelte, die er in dessen Haut bohrte und mit einem schwelenden Duftstab erhitzte, riss mich von dem Anblick los, zog mein Pferd hinter mir her, schob mich durch die Menge –
bis mich der unwiderstehliche Duft von gebratenem Fleisch daran erinnerte, dass ich an diesem Tag noch nichts gegessen hatte.

Holzbuden und offene Läden säumten eine Marktstraße. Sie war erfüllt von den Düften nach Knoblauch und Pfeffer, nach Ingwer, Safran und Zimt. Die Luft war so dicht, dass die Sonnenstrahlen, die sich zwischen den geschwungenen Ziegeldächern hindurch in die Gasse verirrten, rotgolden schimmerten: Bänder aus Licht!

An einem der Stände wurden Fische verkauft: sich windende Aale in einem mit klarem Wasser gefüllten Bottich, Krebse, die ihre mit bunten Bändern gefesselten Scheren wie zum letzten Gebet in den Himmel reckten. Auf dem Tisch daneben war frisches Gemüse zu Pyramiden aufgestapelt.

Nebenan fand ich einen Verkaufsstand mit großen Säcken voller Gewürze: Safran in der Farbe buddhistischer Mönchshabite, roter Chili-Pfeffer, weißes Salz, gelber Curry aus Indien und grüner Pfeffer aus einem Land, dessen Namen ich nicht verstand und das unfassbar weit entfernt lag, Berge von Galgant und Ingwer und Muskatnüssen, Säcke voller Sternanis und Zimtstangen, getrocknete Feigen und kandierte Melonen, Mangos und Zitronen aus dem Süden des Song-Reiches, Pistazien und Nüsse, brauner Zucker und getrocknete Kräuter, die mich an die betörenden Düfte der mongolischen Steppe erinnerten.

Am nächsten Stand wurden Räucherstäbchen, Feuerwerksraketen, Duftkerzen und kleine Kung-Futse-Figuren angeboten. Erstaunt betrachtete ich die falschen Geldscheine aus Papier, die im Tempel den Ahnen geopfert wurden, indem man sie verbrannte –
das erzählte mir der Verkäufer, den mein Wissensdurst begeisterte.

Dass es im Chin-Reich neben den gelochten Kupfermünzen, die man an einem Band am Gürtel trug, seit zweihundert Jahren auch »Fliegendes Geld« gab, hatte ich von den Händlern gehört, die uns jedes Jahr mit ihren Karawanen besuchten. Fasziniert betrachtete ich einen solchen Geldschein: ein Stück Seidenpapier, bedruckt mit einem indigoblauen Muster und mit einem roten Stempel versehen – jeder Schein war datiert und nur drei Jahre gültig. Innerhalb dieser Zeit konnte er für den Gegenwert in Silberbarren oder gegen einen neuen Geldschein eingetauscht werden.

Der Verkäufer erklärte mir auch, wie nicht nur Papiergeld, sondern auch Bücher gedruckt wurden, und zeigte mir den Weg zur Druckerei, die ich mir in den nächsten Tagen ansehen wollte.

Ein paar Schritte die Straße hinunter wurde Kinderspielzeug verkauft: faustgroße Bälle aus Leder, geschnitzte Holzpferde und Kamele, Puppen aus Stoff. Lange hielt ich ein galoppierendes Holzpferdchen in der Hand und dachte an Kaidu und Chinkim. Wie sehr sie sich über ein solches Geschenk freuen würden! Ich sah ihre leuchtenden Augen vor mir, wenn ich … Die Trauer ließ mich tief durchatmen: Würde ich meine Söhne jemals wiedersehen, ihr unbeschwertes Lachen hören, sie im Arm halten? Ich wusste es nicht. Gebannt von diesem Gedanken stand ich vor dem Verkaufstisch und starrte auf das Holzpferd in meiner Hand, wollte es schon zurückstellen, konnte es nicht, hielt es fest, wollte es nicht mehr loslassen, als fürchtete ich, damit die Hoffnung auf eine Rückkehr zu meinen Söhnen endgültig aufzugeben. Ich weiß nicht, warum –
aber ich kaufte das Holzpferd. Denn ist es nicht die Hoffnung, die uns unseren Weg weitergehen lässt, wohin er auch führt oder wie lang er auch sein mag?

Ich folgte der Gasse bis zu einer Garküche, wo auf einem Kohlefeuer Speisen in gusseisernen Pfannen zubereitet wurden. Mein chinesischer Koch hatte mir schon mehrmals Gerichte aus seiner Heimat vorgesetzt, aber diese Speisen kannte ich nicht.

»Das ist Schweinefleisch in einer süß-sauren Sauce«, erklärte mir der Verkäufer. »Wollen Sie eine Portion mit Reis?«

»Schweinefleisch?«, fragte ich entsetzt.

»Sind Sie Muslim?«, wollte er wissen. »Wie wäre es mit gebratener Ente in scharfer Chili-Sauce?«

Ich zahlte den verlangten Preis, reichte ihm meine silberne Trinkschale, die er mit Reis und Fleisch füllte, und setzte mich an einer Straßenecke in den Schatten, um meinen Hunger zu stillen. Mein Pferd versorgte ich an einem der Brunnen, dann kehrte ich zurück zur Hauptstraße, der ich in nördlicher Richtung folgte.

Zhongdu bestand aus drei Stadtteilen: der Südlichen Stadt, in der ich mich befand, der Nördlichen Stadt, die ebenfalls von einer hohen Mauer umschlossen wurde und die ich durch das Zheng Yang Men, das »Tor der Mittagssonne«, betrat, der Kaiserstadt mit den Residenzen der Prinzen und Würdenträger, den Ministerien und dem Palast des Himmelssohnes.

Staunend ritt ich entlang der purpurfarbenen Festungsmauer der Kaiserstadt nach Norden. Innerhalb der Befestigung hatte ich das geschwungene Dach eines Pavillons gesehen – von dort oben hätte ich einen fantastischen Blick über Zhongdu. Das Tor zur Kaiserstadt stand offen, war aber bewacht. Mit meinem Papierdokument, das mich als Kiyan Temur auswies, würde ich wohl nicht durchgelassen werden. Sollte ich es riskieren, meinen Tigerstab vorzuzeigen?

Ich beobachtete, wie eine Sänfte an den Bewaffneten vorbei in die Kaiserstadt getragen wurde, ohne aufgehalten zu werden. Kurz entschlossen zog ich meinen goldenen Tigerstab hervor, auf dem mein Name und mein Titel in mongolischer Schrift verzeichnet waren, und folgte der Sänfte. Ein Offizier trat heran und warf einen Blick auf den Kommandostab, dessen Schriftzeichen er nicht lesen konnte. Aber der Tigerstab aus purem Gold, meine aufwändig bestickte Brokatrobe und die Silberbeschläge an meinem Schwert und meinem Sattel schienen ihn zu überzeugen, dass ich als ausländischer Gesandter berechtigt war, die Kaiserstadt zu betreten, um eines der Ministerien aufzusuchen oder eine Audienz beim Tianzi, dem Sohn des Himmels, zu erbitten. Ich nickte ihm zu, dann ritt ich durch das Tor.

Wenn ich nur geahnt hätte, dass ich mit dieser Unbesonnenheit mein Leben riskierte! Denn es gab jemanden in Zhongdu, der die Bedeutung eines solchen Tigerstabes kannte …

Hinter dem Tor betrat ich eine andere Welt, fernab von dem Lärm der Stadt. Die Stille wurde nur von dem Gezwitscher der Schwalben durchbrochen, die sich von den geschwungenen Dächern des Kaiserpalastes stürzten, um sich über einem See in den Himmel hinaufzuschwingen. Eine Brücke führte über einen See inmitten eines Parks. Goldfische huschten durch das klare Wasser, in dem sich die Schatten spendenden Bäume spiegelten. Boote in der Form von Drachen schwankten auf den Wellen.

Welch ein Paradies!, dachte ich, als ich die Brücke überquerte und mich der purpurfarbenen Festungsmauer des Kaiserpalastes näherte. Im Norden fand ich den Pavillon, den ich gesehen hatte. Er war auf einem Hügel errichtet worden, der dem Nordtor und dem Festungsgraben des Palastes gegenüberlag.

Ich band mein Pferd an einen Baum und stieg die gewundene Treppe hinauf, die zum Pavillon führte. Der Turm hatte drei Stockwerke. Von seiner obersten Plattform hatte ich einen großartigen Blick über Zhongdu, über den Park mit den Pagoden und dem See und den Kaiserpalast zu meinen Füßen. Die geschwungenen gelben Dächer aus glasierten Ziegeln schimmerten in der Mittagssonne, dazwischen leuchteten der Purpur der lackierten Säulen und das Kobaltblau der geschnitzten und bemalten Deckenbalken. Der Kaiserpalast war ein Labyrinth aus großen Hallen und kleineren Wohngebäuden, die um ruhige Höfe und schattige Gärten errichtet worden waren.

Hier war die Mitte des Reiches. Von diesem großartigen Palast aus wurde ein Staat regiert, der von der Chinesischen Mauer im Norden bis zum Yangtse im Süden und vom Meer im Osten bis zu den tibetischen Bergen im Westen reichte. Der Kaiser herrschte über sechzig Millionen Chinesen. Die dschurdschischen Eroberer aus der östlichen Steppe, die vor achtzig Jahren die Liao-Dynastie vertrieben hatten, um ihre eigene Dynastie Chin zu nennen, waren nur eine kleine Minderheit in diesem Reich – wie es zuvor die mandschurischen Kitan der Liao-Dynastie gewesen waren, die die chinesische Song-Dynastie vertrieben hatten. Die Mitglieder der Kaiserfamilie der Liao waren vor achtzig Jahren geflohen und hatten im Westen das Reich Karakitai mit seiner Hauptstadt Balasaghun gegründet, das nicht mehr von einem Kaiser, sondern von einem Khan regiert wurde.

Im Süden, hinter dem Palast des Himmelssohnes, erkannte ich im Dunst dieses schwülen Sommertages die Gebäude der Ministerien. Weiter konnte ich wegen des Dunstschleiers nicht sehen. Im Osten und im Westen, hinter dem Park, befanden sich die Residenzen der kaiserlichen Prinzen und der Würdenträger des Reiches. Und im Norden konnte ich die Berge mit der Großen Mauer erahnen, und dahinter die mongolische Steppe …

Von einem tiefen Gefühl der Trauer erfüllt, stieg ich vom Hügel, band mein Pferd los und verließ die Kaiserstadt, um Malik zu suchen, den Freund meines Freundes Hassan. Ich hatte mich entschieden, ein paar Tage in Zhongdu zu bleiben – ich war fasziniert von der Stadt.

Ich fragte mich zur Niujie-Moschee durch, die sich inmitten des muslimischen Viertels in der Südstadt befand. Als ich von der Hauptstraße in eine Gasse abbog, die zur Moschee führte, hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben den Gebetsruf eines Muezzins. Vergeblich suchte ich zwischen den Dächern den schlanken Turm eines Minaretts, wie Hassan ihn mir so oft beschrieben hatte. Also folgte ich dem Ruf des Muezzins.

Das muslimische Gebetshaus sah anders aus als die Moscheen in Samarkand, von denen Hassan mir erzählt hatte: Es hatte weder eine große Kuppel noch ein schlankes Minarett, das bis in den Himmel reichte. Hätte nicht der Muezzin sein arabisches »Allah’u akbar – Gott ist groß!« in den Himmel hinauf gerufen, wäre ich vielleicht an der dreistöckigen chinesischen Tempelpagode mit rot lackierten Säulen und geschwungenen Dächern und im leisen Sommerwind klingenden Glöckchen vorbeigelaufen, ohne sie als Moschee zu erkennen.

Ehrlich gesagt war ich überrascht, wie viele Fremde aus dem fernen Westen hier wohnten. Ich kannte nur meine Freunde Hassan as-Siddik und Djafar Khodja, die seit Jahren im Lager des Khans lebten, und hatte nicht damit gerechnet, in Zhongdu so viele Muslime zu finden.

Während ich fast eine Stunde vor der Moschee wartete, bis der Gottesdienst beendet war und ich nach Malik ar-Rashid fragen konnte, dachte ich an mein erstes Gebet mit Hassan.

Nach meiner letzten, der zehnten Schamanenweihe, hatten mein Freund und ich am Feuer diskutiert. Er war beeindruckt, ja: fasziniert gewesen von meinen Fähigkeiten als Schamane.

»Ich bin erstaunt, wie sehr du auf Gott vertraust und doch keinen Versuch machst, Andersgläubige zu deinem Glauben an den Himmelsgott Tenger zu bekehren, der dir eine derartige Macht gibt, Wunder zu tun!«, hatte Hassan an jenem Abend gesagt. »Stattdessen interessierst du dich für jeden anderen Glauben. Du weißt ebenso viel über den Islam wie dein Bruder Dschutschi, der sich bekehren ließ und sich nun zu Allah bekennt.«

»Es gibt so viele Götter! Unseren Tenger, euren Allah, den ›Ich bin der ich bin‹ der Christen, den Jahwe der Juden, den Tian der Chinesen. Jeder Glaube behauptet, es gebe nur einen Gott. Alle sind allmächtig und allwissend, alle sind gut und vergebend. Sind sie nicht möglicherweise alle derselbe Gott? Wir Mongolen respektieren alle Götter.«

»Das ist kein Glaube, das ist die Furcht von Ungläubigen!« Hassan hatte sein Glaubensbekenntnis zitiert: »Es gibt keinen Gott außer Allah, und Mohammed ist Sein Gesandter.«

»Ich habe keine Furcht, Hassan. Weder vor Gott noch vor dem Tag des Gerichts. Mein Gebet ist nicht Unterwerfung, nicht demütiger Kniefall. Ich betrachte eine Lilie in der Steppe und sehe Gott. Ich sehe zum wolkenlosen Himmel empor und bin Gott nah. Ich bewundere die Schönheit und Vollkommenheit Seiner Schöpfung, und ich liebe den Menschen, Sein größtes Werk, Ihm ähnlich, liebend und vergebend.

Wie du glaube ich an einen Gott, ob nun Mohammed Sein Prophet war oder nicht. Auch ich bete und faste und tue Gutes, wie es der Islam vorschreibt. Nur in Mekka war ich noch nicht. Macht mich das zu einem Ungläubigen?«, hatte ich meinen Freund gefragt, der beschämt geschwiegen hatte. »Ich will mit dir zusammen das Abendgebet sprechen«, hatte ich Hassan gebeten. »Bitte übersetze mir die arabischen Worte deines Gebetes, damit ich verstehen kann, was ich Tenger und Allah sage …«

»Glaubst du wirklich, Tenger hört auf dein Gebet …?«

»Glaubst du wirklich, dass sich Anbetung und Unterordnung unter den göttlichen Willen darin erschöpfen, Worte auf Arabisch zu sprechen?«, hatte ich ihn unterbrochen. »Worte können nie etwas anderes sein als Worte, gleichgültig in welcher Sprache. Ein Gebet ist Versenkung.«

Hassan hatte mich sprachlos angestarrt, doch dann hatte er ein resigniert-einsichtiges »Insh’Allah« gemurmelt und mir den Text der ersten Sure übersetzt: »Lob sei Allah, dem Weltenherrn, dem Erbarmer, dem Barmherzigen, dem König am Tag des Gerichts. Dir dienen wir und zu Dir rufen wir um Hilfe. Leite uns den rechten Pfad, den Pfad derer, denen Du gnädig bist, nicht derer, denen Du zürnst, und nicht der Irrenden.«

Und ich hatte mit ihm gebetet: »Allah, führe meinen Freund auf dem Weg, der zu Verständnis, Einsicht und Toleranz führt!«

»Nihao – Guten Tag«, grüßte ich auf Chinesisch, aber Malik sah nicht einmal von seinen Schreibarbeiten auf. In der linken Hand wanderte eine Perlenschnur durch seine Hand, während er mit dem Pinsel etwas niederschrieb. Wegen der Sommerhitze hatte er seinen niedrigen Schreibtisch und das Sitzpolster in der offenen Galerie oberhalb des Innenhofs seiner Karawanserei aufstellen lassen. Die leichte Brise hatte einige der Schriftstücke zu Boden geweht, aber er war zu konzentriert, um es zu bemerken.

Ich wartete einige Herzschläge lang, dann sagte ich: »Es-salamu alekum – Friede sei mit dir!«

Malik blickte verblüfft auf und erwiderte den Gruß: »Alekum
es-salam.« Neugierig musterte er mich. »Was kann ich für dich tun?«

Malik ar-Rashid – sein Name bedeutete »der den rechten Weg des Glaubens geht« – hatte den Lidrand seiner Augen mit einem Kohlestrich betont, was sein Gesicht schwermütig erscheinen ließ, geheimnisvoll und faszinierend. Er war sich seiner Schönheit und Ausstrahlung offensichtlich bewusst. Seine dunklen Haare schimmerten von einem Duftöl und fielen ihm in weichen Locken bis auf die Schultern. Der Bart war gepflegt und kurz geschnitten.

»Mein Name ist Temur«, stellte ich mich vor. »Ich bin ein Freund von Hassan und Djafar und erbitte deine Gastfreundschaft.«

Malik sprang überrascht auf. »Hassan und Djafar!«, rief er, und seine Augen leuchteten. »Sie haben mir seit drei Jahren nicht geschrieben – seit sie im Lager des mongolischen Khans angekommen sind! Wie geht es ihnen?«

»Beiden geht es gut, Malik. Hassan ist Finanzminister des Khans und Djafar organisiert den Handel mit Chin und Karakitai. Er ist mit einer Karawane nach Westen aufgebrochen. In wenigen Wochen wird er in Samarkand ankommen …«

»Insh’Allah – wenn Gott es zulässt! Sei mir willkommen, Temur!« Malik umarmte mich herzlich und bat mich, ihm von den beiden lang vermissten Freunden zu berichten.

Und so erzählte ich ihm bei einem duftenden Minztee, wie Hassan und Djafar, die auf der Suche nach einer neuen Route des Handelsweges nach Westen durch die mongolische Steppe geirrt waren, eines Tages im Ordu des Khans aufgetaucht und wenig später in seine Dienste getreten waren. Malik ließ meine Teetasse niemals leer werden, während ich redete. Er war froh, endlich von seinen Freunden zu hören, und ich erzählte ihm alles, was er wissen wollte. Alles, nur nicht, wer ich war.

»Wie lange wirst du in Zhongdu bleiben, Temur?«, fragte Malik.

»Ein paar Tage. Ich will mir die Stadt ansehen. Ich will wissen, wie Bücher gedruckt werden, ich will sehen, wie mit Nadeln geheilt wird. Ich will alles lernen, was es in Chin zu lernen gibt!«

Malik freute sich über meine Begeisterung für die chinesische Kultur: »Dann sei mein Gast, Temur! Der Funduk hat viele Gästezimmer für reisende Händler, und die Karawane aus Samarkand wird erst in einigen Wochen ankommen. Du kannst bleiben, so lange du willst.« Er erhob sich. »Ich werde dir jetzt dein Zimmer zeigen und dein Gepäck dorthin bringen lassen.«

»Ich habe kein Gepäck«, gestand ich.

Er sah mich verblüfft an. »Du trägst kostbare Kleidung und silberne Haarspangen, besitzt ein mit Silber beschlagenes Schwert von unschätzbarem Wert, bist also offensichtlich reich – und reist ohne Gepäck?«

»Ich habe auch mein Gefolge, meine Frauen, meine Söhne und meine Dienerschaft zu Hause gelassen«, erklärte ich ernst, doch Malik lachte, weil er meine Bemerkung offenbar für einen Scherz hielt. Dann nahm er meine Hand und zog mich mit sich fort.

Der Funduk, die Karawanserei, war ein zweigeschossiges Gebäude, das um einen großen Innenhof errichtet worden war. Im Erdgeschoss befanden sich die Warenlager, die Wirtschaftsräume, die Küche und die Unterkünfte für die Kameltreiber und die bewaffneten Eskorten der Karawanen, im Obergeschoss waren die Räume für die reisenden Kaufleute.

Durch die Gänge des Funduks folgte ich ihm in eine Wohnung, die aus drei mit chinesischen Möbeln eingerichteten Räumen bestand: einem Schlafzimmer mit einem Bett auf einer erhöhten Estrade, die im Winter mit einem Kohlefeuer beheizt werden konnte, einem mit Seidentapeten geschmückten Raum, in dem Sitzkissen aus Brokatstoff um einen niedrigen Tisch aus Rosenholz lagen, und einer leeren Kammer, die von Händlern als Lagerraum für Waren genutzt wurde.

Während einer seiner Diener meinen Sattel und meine Taschen in die Kammer schleppte, fragte Malik: »Was hältst du von einem Besuch im Bazar? Wir werden dir ein paar Seidengewänder kaufen, die bei dieser Sommerhitze angenehmer zu tragen sind als deine Brokatrobe. Dann gehen wir in den Hamam und erfrischen uns. Und danach verspreche ich dir ein köstliches Abendessen: Lamm-Pilaw …«

Wenig später schlenderten wir eine Straße hinunter, in der die Seidenhändler ihre Läden hatten. Dass Malik dabei meine Hand hielt, irritierte mich zunächst, aber von Hassan wusste ich, dass dies ein Zeichen des Vertrauens und der Freundschaft war, und so ließ ich es geschehen. Ich mochte ihn und schätzte die Herzlichkeit, mit der er mich aufgenommen hatte.

Während wir von Laden zu Laden gingen, erzählte Malik mir über seinen einträglichen Handel mit den Reichen westlich von Chin: Xixia, Karakitai und Khwarezm. Mehrmals im Jahr schickte er Karawanen mit Seidenballen, Edelsteinen, Gewürzen wie Ingwer und Zimt, Moschus, Porzellan, Lacken und Pelzen nach Westen, die von Zhongdu über Lanzhou, Shazhou und Kashgar über die Pässe des Pamir bis nach Samarkand und Bokhara und weiter nach Bagdad transportiert wurden. Auf dem Rückweg brachten die Karawanen Weihrauch, Safran, Pfeffer, Henna, Indigo, Lapislazuli, Goldschmiedearbeiten, arabische Bücher und sogar Glaswaren aus Venedig nach Changan.

Ich begann zu verstehen, warum die Karawanenräuberei in Xixia und Karakitai ein so einträgliches Geschäft war. Die Schutzzölle in beiden Reichen waren so unglaublich hoch, dass Händler wie Hassan und Djafar sichere Ausweichrouten durch die mongolische Steppe suchten, auch wenn diese wesentlich länger waren.

»Der Handel auf dem Weg der Seide und Gewürze ist sehr alt. Man erzählt sich, dass der Kaiser Han Wudi der Han-Dynastie bereits vor eintausenddreihundert Jahren Seide von Changan aus nach Rom exportierte. Der Mönch Xuanzang hat auf diesem Weg die ersten buddhistischen Schriften von Indien nach Changan gebracht. Eigentlich endet die Handelsroute am westlichen Stadttor von Changan«, erklärte mir Malik, während ich eine saphirblaue Robe anprobierte. »Die meisten Karawanen laden nach einer einjährigen Reise von Samarkand dort die Kamele ab. Chinesische Händler bringen dann die Waren weiter nach Zhongdu oder Linan. So habe ich bis vor einigen Jahren auch meine Geschäfte betrieben, doch dann entschloss ich mich, eine Filiale meines Unternehmens in Zhongdu zu eröffnen und die Waren selbst weiterzutransportieren.

Und das erwies sich als kluge Entscheidung, denn es bringt wesentlich mehr Gewinn, wenn ich auf die Zwischenhändler verzichte und die Waren selbst verkaufe. Das Geschäft läuft so gut, dass ich nächstes Jahr eine weitere Filiale in Balasaghun, der Hauptstadt von Karakitai, eröffnen werde. Ich bin einer der reichsten muslimischen Händler in Chin. Nur mein Freund und Geschäftspartner Hassan ist reicher als ich …« Er unterbrach sich, um mich zu betrachten. »Du siehst umwerfend aus, Temur! Wie ein kaiserlicher Prinz!«, zog er mich lachend auf.

Malik bestand darauf, meine Einkäufe zu bezahlen, und ließ die Gewänder durch einen Diener in den Funduk bringen. Dann schleppte er mich in den Hamam, wo ich im Dampfbad den Staub der Gobi ausschwitzte und mich mit einer sanften Ölmassage verwöhnen ließ. Malik kümmerte sich rührend um mich. Zum scharf gewürzten Lamm-Pilaw gab es einen berauschenden Wein aus Shiraz. Wir scherzten und lachten bis lange nach Mitternacht, denn die Nacht war viel zu heiß, um zu schlafen.

Im Morgengrauen lag ich immer noch schlaflos auf dem Bett und dachte an Kokatschin, ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit, ihr Lachen. Wie sehr ich mich nach ihr sehnte!

Das Zwitschern der Schwalben, die unter dem Dach des Funduk ihre Nester gebaut hatten, riss mich aus dem Schlaf. Eine Weile lag ich mit geschlossenen Augen auf dem Bett und lauschte auf die ungewohnten Geräusche der erwachenden Stadt, das durchdringende Dröhnen der großen Glocke vom Glockenturm, die das Öffnen der Tore ankündigte, das Rumpeln der Holzkarren auf der Straße … und glitt zurück ins Reich der Träume.

Die Dienerin, die mir Rosenwasser zum Waschen brachte, weckte mich eine Stunde später.

Nach dem Frühstück mit Malik streifte ich allein durch die Straßen. Ich fand zu der Apotheke zurück, die ich am vorigen Tag in den Hutong-Gassen entdeckt hatte, und sprach mit dem Heilkundigen. Er erzählte mir, dass ein paar Straßen weiter ein Yiyuan, ein Krankenhaus, sei. Und er erläuterte mir, wie er mit Nadeln Krankheiten heilen konnte. Da ich selbst beim Schamanen Kökschu die Kunst des Heilens erlernt hatte und nach einer Schlacht schon manchem Verwundeten geholfen hatte, hörte ich gebannt zu. Er zog mich in die Apotheke und zeigte mir ein medizinisches Lehrbuch mit einer Skizze des menschlichen Körpers.

Aber als ich die Zeichnung betrachtete, wurde mir bewusst, dass die Chinesen nur den Körper des Kranken behandelten, nicht seine Seele. Sie wussten nicht, dass sich die Seele bei ihrer Rückkehr aus der Ewigkeit in die Welt hinein einen Körper erschafft, den sie später, wenn sie vergessen hat, woher sie einst kam, für sich selbst hält. Doch der sterbliche Körper des Menschen ist nur die Hülle seiner Seele, ihr Spiegelbild in der materiellen Welt. Eine reife Seele hat einen schönen Körper, den sie pflegt und liebt und den sie vollendet zu benutzen versteht – eine unreife Seele kann krank werden und leiden, kann sich verirren und sogar verloren gehen und muss dann von einem Schamanen zurückgeholt werden. Das Leiden ist ein Lernprozess der Seele, unvermeidlich und immer schmerzhaft und, wenn die Erkenntnis verweigert wird, am Ende tödlich.

Als ich dem Arzt von meinen schamanischen Heilungen berichtete, sah er mich ungläubig an: Wunderheilungen durch Handauflegen? Er verstand nicht, dass Heilen mit geheimnisvollen Kräften zu tun hat, mit der magischen Vereinigung von Wollen und Können, von Seele und Körper, von Traum und Wirklichkeit, von Gott und Mensch.

Enttäuscht verabschiedete ich mich von ihm und ging weiter.

Ein paar Schritte die Straße hinunter wurden Lerchen verkauft. Lange stand ich vor einem Käfig aus Bambusholz und betrachtete traurig den eingesperrten Vogel. Dann schob ich dem Verkäufer eine Münze über den Tisch. Ich öffnete die Käfigtür, nahm die Lerche und warf sie in den Himmel hinauf.

Wehmütig sah ich dem Vogel nach, bis er zwischen den Dächern von Zhongdu verschwunden war. An die Möglichkeit, dass er schon bald in einem anderen Käfig auf einem anderen Markt zum Verkauf angeboten werden könnte, wollte ich nicht denken. Denn damals glaubte ich noch an die Freiheit …

Dann fragte ich mich zur Druckerei durch, von der ich am Vortag gehört hatte. Ich fand sie in einer Seitenstraße in der Nähe des Himmelstempels.

Der Drucker war erstaunt über meine Fragen, aber er beantwortete sie gern und führte mich herum. Und so erfuhr ich von ihm, dass seit fast fünfhundert Jahren Bücher nicht mehr von Hand geschrieben, sondern gedruckt wurden – bei den Werken des Kung Futse, die für die Beamtenprüfungen auswendig gelernt werden mussten, lagen die Auflagen bei mehreren tausend Exemplaren.

Dank des Druckverfahrens wurden wesentlich mehr Bücher hergestellt und vertrieben, was eine viel größere Verbreitung des Wissens ermöglichte. Während in der Zeit der Tang-Dynastie vor dreihundert Jahren die buddhistischen Klöster und die staatlichen Akademien die meisten Bücher besaßen – damals noch drei oder vier Schritte lange Papierrollen –, konnten sich nun auch die Gelehrten die Werke der großen Meister Kung Futse und Lao Tse kaufen – als gebundene Bücher. Bibliotheken entstanden: Die größte war die des Kaiserpalastes mit mehr als achtzigtausend Werken.

In einer Gasse beim Himmelstempel fand ich, was ich suchte: einen Laden, wo man dieses Wissen der Welt erwerben konnte.

Staunend betrachtete ich die vielen Bücher, die auf einem Tisch auf der Straße vor dem Geschäft zum Kauf angeboten wurden. Bisher kannte ich nur Hassans Koran, aus dem mein Freund mir abends vorgelesen hatte, um mir die Worte des Propheten zu übersetzen, und einige Werke in mongolischer Schrift, die ich bei einem meiner Feldzüge erbeutet hatte und mit deren Hilfe ich lesen und schreiben gelernt hatte.

Begeistert wühlte ich mich durch einen Berg von chinesischen Folianten und arabischen Büchern, ohne zu wissen, was ich eigentlich suchte. Weder die chinesische noch die arabische Schrift beherrschte ich gut genug, um mich ernsthaft für ein Buch zu interessieren.

Der Buchhändler, der mich beobachtet hatte, sprach mich an.

»Ich suche eine Landkarte von Chin«, erklärte ich ihm. Ich wollte wissen, wo die Stadt Changan lag, die laut Malik das Ende der großen Handelsroute nach Westen war.

»Eine Karte des Reiches für den jungen Herrn! Ich werde sehen, was ich finde.«

Ich folgte ihm, denn ich war überzeugt, dass er genau wusste, in welchem staubigen Winkel er eine solche Karte verborgen hatte. Im hinteren Teil seines Ladens rückte er mir ein bequemes Sitzpolster zurecht und bat mich, Platz zu nehmen. »Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?«

Wenn er mir einen Tee aufdrängte, besaß er eine Karte, die er mir zu einem besonders hohen Preis verkaufen wollte. Also ging ich auf das Spiel ein. Ich trank den Orangenblütentee, während der Buchhändler in den dunkelsten Ecken des Ladens wühlte, um möglichst viel Staub aufzuwirbeln – und den Preis hochzutreiben. Nach einigen Minuten kehrte er mit einem gerollten Papier zurück, das er vor mir auf einem Tisch ausbreitete.

»Das ist ein Stadtplan von Zhongdu«, meinte ich ungerührt und nippte an meinem Tee.

»Das stimmt«, sagte er. »Sie wollten doch …«

»… eine Karte von Chin«, erinnerte ich ihn.

»Bitte trinken Sie noch einen Tee, während ich weitersuche. Irgendwo muss ich doch …« Dann wühlte er sich auf der anderen Seite des Raums durch die Regale.

Während der Händler den Laden auf den Kopf stellte, blätterte ich in einem Buch von Kung Futse, überflog die Seiten, vertiefte mich in einen Absatz, blätterte weiter, hielt inne und las: »Das Einzige, was der Mensch beherrscht, ist er selbst.«

Ich war so versunken in den Sinn dieser Worte, dass ich erschrak, als der Buchhändler mit einem Buch zu mir zurückkehrte: »Leider kann ich Ihnen keine Karte des Reiches verkaufen. Dieser Atlas ist das Einzige, was ich Ihnen anbieten kann.«

Ich legte das Buch von Kung Futse zur Seite, schlug neugierig die erste Seite des Folianten auf und fand eine Landkarte. Eine detaillierte Karte von Chin und Song! Gebirge, Flüsse und Städte.

Nur mit Mühe verkniff ich mir ein zufriedenes Lächeln und blätterte weiter. Auf der nächsten Doppelseite war ein hohes Gebirge verzeichnet, das sich westlich von Chin und Song befand: der Himalaya mit dem Reich Tibet und seiner Hauptstadt Lhasa. Die nächsten Seiten zeigten ein Land in Form einer Pfeilspitze, dessen Ufer von zwei Meeren umspült wurden, im Osten vom bengalischen und im Westen vom arabischen Meer. Die verzeichneten Städte hießen Lahore, Delhi und Varanasi. Mit zitternden Fingern blätterte ich um und las die chinesische Schreibweise der Städte Gurgandj, Balkh, Merw und Bokhara. Ich versuchte, meine Begeisterung vor dem Händler zu verbergen: das Reich des Sultans von Khwarezm! Weiter im Westen Bagdad und Isfahan: das Reich des Khalifas!

Innerlich aufgewühlt blätterte ich um. Die Karten zeigten das Reich Karakitai und Xixia mit seiner Hauptstadt Ningxia an der Schleife des Huang He. Und nördlich von Ningxia die Große Mauer in ihrer ganzen unglaublichen Länge! Und noch weiter im Norden … die Gobi. Das mongolische Reich war natürlich auf keiner Karte verzeichnet, aber ich fand die Flüsse Onon und Kherlen: meine Heimat. Wie klein die mongolische Steppe auf der Karte erschien! Wie unscheinbar waren die Flüsse im Vergleich zum Huang He oder zum Yangtse im Süden!

Der Buchhändler beobachtete mich, wie ich den Atlas scheinbar gleichgültig wieder zuklappte. »Ich suche eine Karte von Chin«, wiederholte ich geduldig mein Anliegen.

»Es tut mir Leid. Ich kann Ihnen heute nur diesen Atlas anbieten. Vielleicht in einigen Wochen. Ich könnte mich umhören, ob ich bei einem anderen Buchhändler …«

»Nein«, sagte ich und machte Anstalten zu gehen.

»Wir haben noch nicht über den Preis gesprochen …«

Ich blieb stehen, und er hielt mir den aufgeschlagenen Atlas mit der Karte der mongolischen Steppe vor das Gesicht.

»Wie viel wollen Sie für das Buch haben?«, fragte ich.

Er nannte mir einen unverschämt hohen Preis. Ich lächelte ihn freundlich an und wandte mich wieder zum Gehen.

»Das ist der berühmte Atlas von Shen Gua. Das genaueste und verlässlichste Kartenwerk, das jemals hergestellt wurde! Sehen Sie sich doch nur die feinen Linien in den Bergen des Himalaya an! Die klaren Farben der Wüste Gobi …«

»Der Preis ist eine Unverschämtheit!«, erklärte ich.

»Der Preis ist angemessen für ein solches Werk«, protestierte er. »Die gedruckte Auflage ist nicht sehr hoch. Es gibt nur zweihundert Exemplare im ganzen Reich.«

»Was soll ich mit Karten von Khwarezm und Indien?«

»Vielleicht werden Sie eines Tages dorthin reisen und …«

Ich lachte amüsiert über diese absurde Idee und wandte mich ab. Der Buchhändler eilte mir nach und schlug eine weitere Karte auf: Sie zeigte Delhi, Varanasi und Srinagar.

Lange konnte ich das Spiel nicht mehr durchhalten. Ich wollte dieses Buch besitzen!

Die Karte des Khalifats von Bagdad besiegelte das Schicksal dieses Buches … und ganz Asiens.

Ich genoss die Tage in Zhongdu, streifte stundenlang durch die Straßen, besuchte den Himmelstempel und den Ahnentempel des Kung Futse und nutzte jede Gelegenheit, meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Nachdem ich nun jeden Tag Chinesisch sprach und mir nur noch die Tonlage einiger Wortsilben zu schaffen machte, wollte ich auch Arabisch lernen. Malik begeisterte sich für meine Idee, stellte mich dem Mullah vor und bat ihn, mich in der Medrese, der Koranschule, Arabisch zu lehren.

In der Medrese der Moschee lernte ich den Koran auswendig. Der Mullah zeigte noch weniger Verständnis für meine Fragen
als Hassan, und so enthielt ich mich jeder Diskussion über die Suren und über die Rolle Mohammeds bei ihrer Offenbarung –
der Prophet soll das Wort Gottes durch den Erzengel Djibrit, den mein Freund Dschebe Gabriel nannte, empfangen haben. Zu Mohammeds Lebzeiten waren die hundertvierzehn Suren auf Palmblättern und Schulterknochen von Kamelen niedergeschrieben oder mündlich überliefert worden. Erst während der Regierung des dritten Khalifas Othman, Mohammeds Schwiegersohn, war die endgültige Niederschrift und Anordnung in Suren erfolgt.

Die Geschichte Mohammeds hatte mir Hassan an einem Sommerabend erzählt:

»Bism’Allah«, hatte er begonnen. »Mohammed ibn Abdallah –
sein Name bedeutet ›der Gepriesene‹ –, wurde vor sechshundertdreiunddreißig Jahren in Mekka geboren. Als seine Eltern viel zu früh starben, wurde er von seinem Onkel Abu Talib erzogen. Wie sein Vater und sein Onkel wurde Mohammed Kaufmann, führte Karawanen und handelte in Mekka, Gaza und Dimashk. Seine Geschäfte liefen so gut, dass ihn eine wohlhabende Witwe namens Khadidja bat, in ihrem Namen Geschäfte abzuwickeln. Später heiratete Mohammed die fünfzehn Jahre ältere Frau. Obwohl Khadidja bereits vierzig Jahre alt war, stammten aus dieser Ehe mehrere Kinder, zwei Söhne, die früh starben, und vier Töchter. Nach Khadidjas Tod heiratete Mohammed wieder und hatte dann auch mehrere Frauen, die er …« Hassan wand sich zwischen den Worten heraus. »… die er sehr … liebte.«

Ich hatte ein Grinsen nicht unterdrücken können: Offenbar war Mohammed ein sehr sinnlicher Mensch gewesen. »Und wann hatte er da noch Zeit, mit Gott zu sprechen? Ich habe nur eine Gemahlin, Nomolun, und noch keine Kinder. Trotzdem finde ich nur selten Zeit für meine schamanischen Himmelsreisen.«

»Mohammed sprach nicht mit Allah, sondern mit einem Engel, der ihm das Wort Gottes offenbarte.«

»Der Koran ist also das Wort Gottes?«, hatte ich gefragt. »Dasselbe behaupten die Juden von der Thora und die Christen von den Evangelien. Findest du nicht, dass sich die Heiligen Schriften, obwohl alle drei Bücher direkt von Gott offenbart wurden, nicht nur in Einzelheiten unterscheiden?« Als Hassan schwieg, fragte ich: »Irrte sich Gott?«

»Gott irrt nicht! Seine Worte könnten nur falsch gedeutet werden.«

»Und Mohammed hat Allah richtig verstanden?«

»Er war der Gesandte Gottes!«

»Aber Jesus und Moses haben Jahwe falsch verstanden?« Als Hassan sich in trotziges Schweigen hüllte, hatte ich nachgehakt: »Woher nimmst du das Recht, über zwei Propheten zu urteilen, als deren Nachfolger und Vollender Mohammed sich selbst sah? Woher kennst du die Wahrheit?«

Den Glauben an die Wahrheit hatte ich damals verloren: »Wahrheit« ist kein göttliches, sondern ein menschliches Wort, und nicht zwei Menschen sind sich darüber einig, was wahr ist und was nicht. Was ist der »Wahre Glaube«? Für meinen Bruder Dschutschi war es der Islam, für Tschagatai das Christentum, für Ogodei die Nachfolge des Buddha, für Tolei waren es die magischen Rituale der Schamanen, und Schigi vervollkommnete sich im tibetischen Tantra-Yoga. Fünf Wege, die alle zu demselben Ziel führen: der Vollkommenheit!

Der Frage nach der Wahrheit war Hassan ausgewichen, als er fortfuhr: »Mohammeds Erfahrungen in der Wüste waren so überwältigend, dass er als Allahs Prophet auftreten musste. Er fiel während seiner Visionen in Ekstase. Er sank zitternd und bebend zu Boden und hörte ein Donnern.«

»Auch wir Schamanen leiden an dieser göttlichen Krankheit«, hatte ich Hassan erklärt. »Wir sehen das Unsichtbare und hören das Unhörbare: Gott.«

Hassan hatte mich zweifelnd angesehen, aber dann weitererzählt: »Bei seiner Verkündigung fand der Prophet nur wenige Anhänger. Die meisten Mekkaner verhielten sich seiner Botschaft gegenüber so ablehnend, dass sie ihn aufforderten, mit seiner Familie Mekka zu verlassen. Mohammeds Übersiedlung von Mekka nach Yathrib, das später Medinat an-Nabi, die ›Stadt des Propheten‹, genannt wurde, wird als Hedjra bezeichnet. Das Jahr der Hedjra wurde das Jahr Eins der muslimischen Zeitrechnung. In den zehn Jahren seines Aufenthaltes in Medina bis zu seinem Tod entwickelte Mohammed die Lehre des Islam weiter. Islam bedeutet Unterwerfung unter den Willen des einen Gottes, Allahs, des Barmherzigen, des Gütigen.

Mohammed war Kaufmann, Staatsmann und Prophet. Er war oberster Gesetzgeber und Richter, erfolgreicher Feldherr …«

»Ein Noyan?«, hatte ich erstaunt gefragt.

»Mohammed eroberte Mekka nach zähen Verhandlungen über einen Waffenstillstand und für ihn demütigenden Bedingungen über sein Fernbleiben von seiner Vaterstadt. Doch dann ritt Mohammed zur Kaaba in Mekka, riss die Götzenstatuen von ihren Altären und weihte das Heiligtum Allah.«

»Und Allah weinte vor Glück!«

»Wie sein Prophet, der sein Leben noch zwei Jahre genießen konnte, bevor er in den Himmel ritt«, hatte Hassan gelächelt.

»Wie der gekreuzigte Gottessohn Jesus.«

»Issa – dein Freund Dschebe nennt ihn Jesus – ritt nicht in den Himmel, Temur. Er war auch nicht Allahs Sohn, sondern der letzte Prophet vor Mohammed«, hatte Hassan mich belehrt.

»Vielleicht ritt Jesus nicht wie Mohammed auf einem Pferd durch die Wolken, aber Dschebe hat mir erzählt, dass er eine Himmelsreise antrat. Er befahl seinen Geist in die Hände seines göttlichen Vaters.«

»Das ist Unsinn!«

»Dschebe hält es nicht für Unsinn. Er hat mir erklärt: Wenn Jesus nach der Kreuzigung nicht auferstanden ist, wäre sein Glaube sinnlos.«

»Issa starb nicht am Kreuz, sondern Jahrzehnte nach der Kreuzigung in Kashmir. Ich stand an seinem Grab in der Moschee von Srinagar.«

Nachdem ich nun jeden Tag die Medrese von Zhongdu besuchte, um Arabisch zu lernen, begleitete ich Malik zum ersten Mal zum Freitagsgebet in die Masdjed, die Moschee. Am Brunnen im Innenhof führte ich die Waschungen durch. Beim Gebet knieten Malik und ich nebeneinander und wiederholten jeder für sich die rituellen Worte. Und doch beteten wir zu unterschiedlichen Göttern: er zu Allah, ich zum Himmelsgott Tenger.

Nach dem Freitagsgottesdienst saß ich manchmal im Hof der Masdjed im Schatten eines Baumes und blätterte selbstvergessen in meinem Atlas. Mit dem Finger auf den Karten reiste ich nach Ningxia und Balasaghun. Ich überwand die Pässe des Pamir und erreichte das Fergana-Tal, Samarkand, Bokhara und Merw, die Perle der islamischen Welt. Mein Finger wanderte den Indus hinab nach Delhi, weiter westwärts bis Bagdad, Dimashk und Jerusalem. Und während meine Gedanken meinem Finger hinterherflogen, fragte ich mich, was ich fortan tun wollte.

Ich hatte alles verloren: meinen Vater, nein: meine beiden Väter, meinen Titel als Sohn des Khans, den Sinn meines Lebens. Ich hatte Nomolun und Kokatschin verlassen, meine Söhne Kaidu und Chinkim, meinen besten Freund Dschebe, meinen gesamten Besitz.

Ich bin frei!, schoss es mir durch den Kopf. Ich bin so frei, wie ein Mensch nur sein kann! Ich habe keine Verpflichtungen mehr, trage keine Verantwortung, muss keine Entscheidungen über das Leben und den Tod anderer Menschen mehr fällen.

Ich hatte die Chance, die Fesseln abzuschütteln und mich selbst zu befreien! Der erste Schritt einer langen Reise ist immer der schwierigste – aber dieser Schritt lag doch längst hinter mir! Ich musste diesen Weg doch nur immer weitergehen und nicht stehen bleiben, um zurückzublicken.

Ich wollte reisen, bis in die Welt jenseits des Horizontes!

Es war ein Zeichen des Himmels, als am nächsten Tag ein Bote in den Funduk stürmte und berichtete, dass die erwartete Karawane aus Samarkand nur noch fünfzig Li1 entfernt wäre und am nächsten Tag Zhongdu erreichen würde. Ich musste mich beherrschen, um nicht in den Sattel zu springen und der Karawane entgegenzureiten. Am späten Nachmittag tranken Malik und ich Tee, und ich erzählte ihm von meinen Reiseplänen, als ein Junge in den Hof rannte: »Sie kommen! Die Karawane ist schon da!«

Wir stürmten die Treppe hinunter.

»Was hast du gesagt? Sie sollten doch erst morgen Mittag ankommen!«, rief Malik aufgeregt.

»Sie sind schon da!«, versicherte der Junge. »Sie lagern vor dem Westtor! Tarik wartet auf deine Anweisungen.«

»Dieser verfluchte Kafir! Er hat die Lasttiere so angetrieben, dass sie … Bei Allah! Wenn auch nur ein einziges Kamel in den nächsten Tagen verendet, werde ich ihm den Kaufpreis von seinem Gewinnanteil abziehen!«

Malik wandte sich an seine Angestellten, die im Hof zusammengelaufen waren. »Khodawend, du begibst dich sofort zum Palast des Handelsministeriums und regelst die Formalitäten. Und fürchte den Zorn Allahs, wenn ich wieder einen Fehler in der Abrechnung finde! Die Regierung wird mir die Handelslizenz entziehen!«

Khodawend verschwand beleidigt in seinem Arbeitsraum, um die notwendigen Papiere zu holen und sich damit auf den Weg zu machen.

»Sala, du richtest die Räume für die Kaufleute her. Imad, du läufst zum Markt. In zwei Stunden will ich eine ordentliche Mahlzeit servieren.«

Sala und Imad stoben auseinander und verschwanden.

Malik und ich ritten zum Westtor.

Auf dem großen Platz vor dem Stadttor herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander. Immer noch drängten Lastkamele heran, während die bereits angekommenen Tiere sich im Sand niedergelassen hatten und losgekettet wurden. Alle Kamele waren mit Säcken und Körben, Holzkisten und Stoffbündeln beladen. Als die ersten Lasten abgenommen wurden, sah ich, wie klein ihre Höcker geworden waren. Die Kamele hatten eine einjährige Reise über hohe Gebirgspässe und durch Sandwüsten unter großen Strapazen hinter sich gebracht.

Malik stürzte sich mit seinem Pferd in das Gewühl auf dem Platz, als wollte er in die Schlacht reiten. »Nicht abladen!«, kommandierte er. »Die Kamele werden erst im Funduk abgeladen! Verdammt, versteht ihr mich denn nicht?«

Ich folgte dem fluchenden Malik zwischen den brüllenden Kamelen hindurch. Neugierige strömten aus dem Stadttor und belagerten die Karawane, um einen Blick auf die Schätze aus dem Westen zu werfen. Fliegende Händler verkauften Süßigkeiten und Jasmintee an die Kameltreiber.

»Wo ist Tarik? Wo steckt dieser verfluchte Kafir?«, rief Malik.

Wir fanden den Karawanenführer, als er die ankommenden Lastkamele auf den weiten Platz dirigierte und den Treibern Kommandos zurief, wo die Tiere rasten sollten.

»Hat Allah dir den Verstand geraubt?«, brüllte Malik.

Die Begrüßung musste den Karawanenführer beleidigen, doch Tarik stürzte sich auf Malik, umarmte ihn und warf ihn dabei fast um. »Alekum es-salam, du größter aller Betrüger!«

Malik küsste Tarik auf beide Wangen. »Können deine Kamele neuerdings fliegen? Ich habe dich erst in einigen Wochen erwartet!« Vergessen war sein Zorn.

»Der Kamelhändler in Samarkand hat mir so viele Dinare abgenommen, dass man das erwarten könnte!«, grinste Tarik.

»Ich bin froh, dich zu sehen, Tarik!«

»Und ich bin froh, dass wir endlich hier sind, mon ami! Die Reise hat dieses Mal eine Ewigkeit gedauert.«

»Sie ist jedes Mal gleich lang.«

»Ich glaube, der Weg wird jedes Mal um tausend Li länger.« Tarik wandte sich mir zu: »Und wer ist dieser junge Mann?«

Sein schulterlanges Haar und sein Bart hatten die Farbe von schmelzendem Gold, seine Augen schimmerten blau – wie Eis im Winter. Ich schätzte ihn auf fünfzig Jahre. Ich war wie mein Vater hoch gewachsen, aber Tarik überragte mich noch.

Er trug ein türkisches Gewand mit hohem Stehkragen, unter dem das weiße Untergewand sichtbar war. Seine mitternachtsblaue Robe wurde nicht, wie bei Mongolen und Chinesen üblich, auf der rechten Schulter geschlossen, sodass ein Brustlatz entstand, der als Tasche für die Trinkschale und andere Dinge benutzt werden konnte, sondern mit fünf Verschlüssen vor der Brust. Über dem Gewand trug er einen weiten Mantel, dessen Aufschläge zurückgeschlagen waren, damit das kirschrote Innenfutter ebenso sichtbar war wie der kostbar bestickte pfirsichfarbene Brokat. Trotz seiner auffallend prächtigen Kleidung schien er nicht gefallsüchtig zu sein.

»Das ist Temur«, stellte mich Malik vor. »Ein Freund von Hassan und Djafar.«

»Was treiben die beiden Verräter?«, fragte Tarik, als er mich an sich drückte. »Hassan hat mir zuletzt vor zwei Jahren geschrieben, dass er Finanzminister eines mongolischen Khans geworden ist. Ich habe ihn ja schon immer für verrückt gehalten, aber das stellt alles Bisherige in den Schatten! Und von Djafar habe ich seit einer Ewigkeit nichts mehr gehört.«

»Djafar ist vor einem Jahr mit einer Karawane nach Westen aufgebrochen«, erklärte ich. »Nach Hause: nach Samarkand.«

Tarik lachte schallend. »Ich hatte erwartet, ihn hier in Zhongdu zu treffen, und muss nun erfahren, dass er dort ist, wo ich herkomme. Allahs Wege sind unergründlich.«

Während im Hof des Funduk die ersten Kamele abgeladen und die Kisten und Körbe, Säcke und Bündel aufgestapelt wurden und Malik die unter dem Schutz der Karawane reisenden Kaufleute begrüßte, zogen Tarik und ich uns auf die schattige Galerie oberhalb des Hofes zurück und erfrischten uns mit Minztee.

Tarik hatte sich den verschwitzten Turban vom Kopf gerissen und sich müde, aber glücklich über das Ende der weiten Reise auf eines der Kissen fallen lassen. Ich setzte mich neben ihn und reichte ihm eine Tasse Tee, die er durstig leerte. Während ich ihm nachschenkte, fragte ich: »Du stammst nicht aus Samarkand, nicht wahr? Malik nannte dich einen Kafir – einen Ungläubigen …«

»C’est juste – das stimmt! Geboren wurde ich in Frankreich – das ist ein Land am anderen Ende der Welt. Mein Name ist eigentlich Léon. Ich stamme aus Angers, der Hauptstadt der Grafschaft Anjou. Aufgewachsen bin ich am Hof von König Henry II., der Graf von Anjou war, bevor er König von England wurde, und Herzogin Eleonore von Aquitaine. Ich bin im selben Alter wie ihr Sohn Richard, der mein Freund ist … war.«

»… war? Habt ihr euch zerstritten?«

»Das hat Allah verhindert, indem er uns mit Gewalt trennte und Richard im Jahr 1199 zu sich berief.« Er schüttelte traurig den Kopf. »Richard Löwenherz, der König von England, fiel beim Sturm auf eine unbedeutende französische Festung – welch ein Ende für einen großen König, der gegen den ägyptischen Sultan Sala ad-Din kämpfte!«

»Was ist geschehen, dass du und dein Freund euch zerstritten habt?«, fragte ich. »Und wieso bist du Muslim und kein Christ?«

Der christliche Glaube war mir bekannt: Die Kereiten, die sich vor einigen Jahren dem Khan unterworfen hatten, waren nestorianische Christen. Meine Gemahlin Nomolun – eine Enkelin des letzten Khans der Kereiten – bekannte sich wie mein Freund Dschebe und mein Bruder Tschagatai zu Jesus und erzog unsere Söhne Kaidu und Chinkim in ihrem Glauben.

»Das ist eine lange Geschichte!« Tarik trank seine Teetasse leer.

Ich schenkte ihm nach. »Ich will sie hören, Léon!«

»Mon Dieu! Den Namen habe ich schon lange nicht mehr gehört! Léon von Anjou – so nannte Richard mich liebevoll! Ich war der Erbe eines großen Besitzes in der französischen Grafschaft Anjou und in der englischen Grafschaft York. Aber ich bin kein Anjou, sondern nur ein Bastard. Richard störte meine Herkunft nicht. Er sagte immer: ›Lass sie reden, cher ami! Auch William der Eroberer hat seinen Aufstieg zum Herzog der Normandie und zum König von England als William der Bastard begonnen‹.

Richard und ich waren im selben Alter und hatten dasselbe feurige Temperament. Auf dem Schlachtfeld und im Bett …« Ein verträumtes Lächeln huschte über seine Lippen. Dann besann er sich. »Ich habe ihn überallhin begleitet, bin ihm gefolgt wie sein eigener Schatten. Ich stand hinter ihm, als er im September 1189 in der Westminster Abbey in London zum König von England gekrönt wurde. Und ich war an seiner Seite, als er wenige Monate später zum Kreuzzug aufbrach.

Richard traf sich mit König Philippe von Frankreich, und die beiden beschlossen, gemeinsam ins Heilige Land zu ziehen, um die heiligen Stätten der Christenheit von den Ungläubigen zu befreien. Die beiden Könige schworen, die Güter aller Kreuzfahrer zu schützen und gegeneinander im guten Glauben zu handeln – was immer das heißen sollte! König Philippe wollte Richard helfen, sein Reich zu verteidigen, wie er Paris verteidigt sehen wollte, wenn es belagert würde. Und König Richard würde Philippe helfen, sein Land zu beschützen, wie er Rouen beschützt sehen wollte, wenn es angegriffen würde. Worte von zwei Königen – was sind sie wert? Nichts!

Die beiden zerstritten sich gleich nach unserem Aufbruch. Ich segelte mit Richards Schiffen von Marseille die Küste Italiens hinunter bis nach Sizilien, wo wir in der Stadt Messina überwinterten. Philippe intrigierte gegen Richard, und die beiden gerieten in heftigen Streit. Ich hatte keine Lust, einen Winter lang im Hafen von Messina auf das Meer hinauszustarren und mir die wütenden Flüche zweier beleidigter Könige anzuhören.

Also bin ich mit dem nächsten Schiff nach Neapel gesegelt. Von dort bin ich nach Rom geritten, um mir die Stadt anzusehen. Perugia, Florenz, Venedig – das waren die Stationen meiner Reise im Winter 1190. In Venedig erfuhr ich dann, dass Richard sich im April 1191 mit seinem Heer eingeschifft hatte und auf dem Weg ins Heilige Land war. Ich bestieg eine venezianische Galeere und ging wenige Wochen später in Akkon an Land, um mich ihm wieder anzuschließen.

Die Lage im Heiligen Land war katastrophal. Sultan Sala ad-Din hatte drei Jahre zuvor Jerusalem erobert, das den Muslimen genauso heilig ist wie den Christen. Kaiser Friedrich Barbarossa war auf dem Weg ins Heilige Land ertrunken, sein Kreuzzug war gescheitert. Die Festung von Akkon war bis zu ihrer Einnahme durch die Ungläubigen vier Jahre zuvor der bedeutendste Hafen und die größte Stadt im Königreich Jerusalem gewesen. Bei unserer Ankunft war sie durch Sala ad-Dins Truppen besetzt. Richard und Philippe schlossen die Stadt mit ihrem Heer ein und belagerten die Festung. Und Sala ad-Din belagerte die Belagerer.

In der Nacht des vierten Juli 1191 wollte er das Lager der Kreuzfahrer stürmen. Aber obwohl Sala ad-Din ein großartiger Feldherr war, scheiterte sein Angriff. Während dieses nächtlichen Kampfes wurde ich verwundet und gefangen genommen.

Wenige Tage später kapitulierte Akkon. Sieger und Verlierer einigten sich auf die Übergabebedingungen. Der Sultan sollte ein Lösegeld für die überlebenden Verteidiger von Akkon zahlen und eintausendfünfhundert christliche Gefangene sowie die Reliquie des Heiligen Kreuzes an Richard ausliefern. Als Sala ad-Din die Bedingungen vernahm, war er entsetzt, aber er hatte keine Wahl, wenn er seine Männer retten wollte.

Im August schiffte sich Philippe nach Frankreich ein. Richard war gereizt, weil er nicht wusste, was er vorhatte: einen Angriff auf sein Reich, das von seinem Bruder John verteidigt wurde?

Sala ad-Din, dessen Gefangener ich war, hielt sehr viel von Richard. Als er erfuhr, dass ich der Freund des englischen Königs war, ließ er mich zu sich bringen, um mit mir zu sprechen. ›Richard mit dem Löwenherz ist ein tapferer Krieger mit einer brennenden Leidenschaft für den Krieg und die Eroberung. Und er ist ein scharfsinniger Mann und ein weiser König: Um seine Ziele zu erreichen, benutzt er sowohl sanfte Worte als auch gewaltsame Taten. Dass du, Léon, sein Freund bist, ehrt dich.‹

Wir unterhielten uns lange und stellten fest, dass wir uns gegenseitig respektierten, ja: mochten. Eines Abends vertraute er mir an, dass er Schwierigkeiten hatte, das Lösegeld für die Verteidiger von Akkon aufzubringen, und dass damit auch meine Freilassung in den Sternen stehe. Er fürchtete, dass Richard glaubte, er würde die Verhandlungen absichtlich in die Länge ziehen – denn solange er Richard in Akkon festhielt, konnte der das Heilige Land nicht erobern. Richard, ohnehin verstimmt durch Philippes Abreise, glaubte den Gerüchten, dass der Sultan nicht bereit war, das Lösegeld zu zahlen, und dass er seine christlichen Gefangenen längst hingerichtet hatte.

Und dann geschah es – wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, hätte ich es nicht geglaubt! Richard führte dreitausend muslimische Gefangene vor die Stadttore von Akkon und ließ sie in Sichtweite von Sala ad-Dins Lager hinrichten. Einen nach dem anderen – dreitausend tapfere Krieger, Verteidiger ihres Glaubens! Ich war entsetzt, zu welcher Grausamkeit mein Freund fähig war. Er schien vor nichts zurückzuschrecken, wenn ihn sein furchtbarer Jähzorn entflammte. Sala ad-Din weinte, als er mich zu sich rief. Er sagte: ›Du bist frei, Léon!‹ und überließ mir die Entscheidung, was ich tun wollte.

Ich entschied mich, beim Sultan zu bleiben. Während der nächsten Monate wurden wir enge Freunde. In seinem Lager habe ich zum Wahren Glauben gefunden. Das war 1192 nach Christi Geburt, im Jahr 588 der muslimischen Zeitrechnung. Seit diesem Tag vor dreizehn Jahren bin ich Tarik.«

»Und jetzt führst du Karawanen von Samarkand nach Zhongdu? Du bist weit entfernt von deiner Heimat.«

»Nachdem ich Muslim geworden war, konnte ich nicht nach Anjou oder York zurückkehren. Richard war 1192 auf dem Rückweg vom Heiligen Land durch Leopold von Österreich gefangen genommen worden. Er hätte mich als muslimischen Gefolgsmann nicht schützen können, selbst wenn er als mein König und Freund mein Glaubensbekenntnis akzeptiert hätte. Und mit seinem Bruder John habe ich mich nie besonders gut verstanden.

Nein, ich konnte nicht zurück, selbst wenn ich es nach dem Massaker von Akkon gewollt hätte. Dann starb Sala ad-Din im März 1193 in Dimashk, und ich trauerte um ihn. Ich wollte nicht im Heiligen Land bleiben und gegen meine Freunde aus dem Anjou und der Normandie kämpfen, und so zog ich weiter nach Osten. Ich erreichte Bagdad, Isfahan, Bokhara und schließlich Samarkand. Dort lernte ich Djafar kennen, den ich auf seiner nächsten Reise nach Osten begleitete. Dies ist meine vierte Reise über die ›Straße der Seide‹.«

»Du hast alles verloren: deinen Freund, deinen König, deine Heimat, deinen Besitz und sogar deinen Glauben.«

»Ich habe nicht verloren, Temur, sondern gewonnen!«

»Was hast du gewonnen?«

»La Liberté … die Freiheit – das Einzige, was der Mensch niemals aufgeben darf.«

Ich nickte nachdenklich. Er dachte wie ich!

»Wie lange wirst du in Zhongdu bleiben?«, fragte ich.

»In zwei oder drei Wochen werde ich wieder aufbrechen«, antwortete Tarik und schlürfte seinen Minztee.

»So schnell? Du bist doch gerade erst angekommen.«

»Malik sagt, er habe die Waren für die Karawane nach Samarkand seit Wochen in seinem Lager, und die Kamele auf den Weiden außerhalb von Zhongdu seien kräftig genug für die lange Reise. Ich will noch während der Wintermonate die Straße durch die Taklamakan-Wüste hinter mich bringen, in Kashgar rasten und dann im Frühjahr den Pamir überqueren und nach Samarkand zurückkehren. Ich kann nicht länger als zwei oder drei Wochen hier bleiben, wenn ich diesen Zeitplan einhalten will. Würde ich später aufbrechen, könnte ich erst im Frühjahr die Taklamakan erreichen –
dann würde ich wegen der Hitze zu viele Lasttiere verlieren. Dies ist meine letzte Reise.«

»Und was tust du, wenn du angekommen bist?«

»Ich habe ein schönes Haus in Samarkand, in der Nähe des Rigestan. Während der letzten neun Jahre bin ich kaum dort gewesen, weil ich ständig unterwegs war. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als ein paar Monate der Besinnlichkeit in meinem Garten – ohne jeden Tag unermüdlich in den Sattel zu steigen, um dem Horizont ein paar Schritte näher zu kommen.« Er seufzte. »Vielleicht schreibe ich eines Tages ein Buch über meine Reisen vom einen Ende der Welt zum anderen.«

»Ich werde dein Buch sehr gern lesen«, sagte ich – als wäre es bereits geschrieben. »Aber noch viel lieber werde ich dich auf deiner nächsten Reise begleiten.«

In den kommenden Tagen zeigte mir Tarik die Aufzeichnungen, die er während seiner Reisen gemacht hatte. Es war ein kleines Buch aus zusammengenähten Pergamentblättern, aber wie mein Atlas enthielt es die ganze Welt.

Gebannt hörte ich zu, wenn er mir seine Reisenotizen in französischer Sprache vorlas und anschließend ins Arabische übersetzte. Aber noch lieber betrachtete ich die Zeichnungen, die er von Paris und Venedig, von Bagdad und Changan und vielen anderen Orten angefertigt hatte: Kathedralen und Moscheen, die Paläste des Dogen und des Khalifas, die bescheidene Grabkapelle von Jesus, nicht weit entfernt von dem Ort seiner Kreuzigung, den großartigen Felsendom in Jerusalem, wo nach jüdischem Glauben Abraham seinen Sohn opfern sollte und wo nach muslimischem Glauben der Prophet Mohammed in den Himmel ritt, die gewaltige Pyramide des Erbauers der Großen Mauer, des Kaisers Qin Shi Huangdi, und – das Meer! Das ewige und doch ständig sich verändernde Meer, bewegt an der Oberfläche und still in der unermesslichen Tiefe, goldfunkelnd im Sonnenlicht und aufgewühlt und bedrohlich während eines Sturms.

Besonders beeindruckt war ich jedoch von Venedig, einer Stadt, die auf Inseln in einer Lagune erbaut worden war. Doch obwohl die Stadt aus Verzweiflung errichtet worden war, weil man den anrückenden Feinden nicht anders Widerstand leisten konnte als durch den Rückzug auf das Meer, war Venedig eine geniale Vision und eine technische Meisterleistung.

Ich war erfreut, von Tarik zu hören, dass die Welt nicht wie die Landkarte in meinem Atlas am Meer westlich von Bagdad endete. Wenn man die Stadt des Khalifas erreichte, hatte man erst die Hälfte des Weges zum anderen Ende der Welt zurückgelegt. Ich wollte aufbrechen, um die Fremde kennen zu lernen! Changan, Lanzhou, Shazhou, Kashgar – das waren die Stationen der Reise, die ich in wenigen Tagen antreten wollte. Ich würde das Reich Chin durchqueren, das Khanat von Karakitai und das Sultanat von Khwarezm sehen!

Ich freute mich auf diese Reise, die ich in jenen Tagen vor dem Aufbruch für die längste meines Lebens hielt. Wie sehr ich mich irrte, begriff ich erst Jahre später: Denn die Sehnsucht endet nicht, wenn du nach einer Reise, die dich dein halbes Leben und noch viel mehr gekostet hat, dort angekommen bist, wo du hinwillst: bei dir selbst. Es treibt dich immer weiter. Und die Rückreise dorthin, von wo du aufgebrochen bist, um die Länder jenseits des Horizontes zu suchen und deine eigenen Grenzen zu finden – die Rückkehr zu dir selbst –, ist doch immer die längste Reise von allen. Und der Weg, den du selbst finden musst, ist auf keiner Karte verzeichnet …

Ich atmete aus, streifte meine sterbliche Hülle ab wie ein Gewand, das ich eine Zeit lang getragen hatte, ließ Temur hinter mir und kehrte dorthin zurück, woher ich einst gekommen war: in die Ewigkeit. Es war meine erste Himmelsreise seit mehr als einem Jahr. Die letzte hatte ich zusammen mit meinem Vater unternommen: Wir hatten unsere magischen Kräfte gemessen.

Drei Tage vor meiner Abreise hatte ich den Himmelstempel von Zhongdu besucht, um zu beten und ein paar Zeichnungen zu machen. Im Park des Tempels hatte ich mich anschließend in der Abenddämmerung unter einen blühenden Baum gelegt und mich auf die Himmelsreise vorbereitet.

Höher und immer höher schwang ich mich hinauf, ekstatisch, schwerelos, und nur ein Mal blickte ich zurück und erkannte Temur im Gras liegend. Er hatte die Augen geschlossen, als sei er eingeschlafen. Aber er schlief nicht. Er war wach, sah alles, hörte alles, fühlte alles. Er war ich. Und ich war er.

Ich ließ mich hinaufwehen … in die Ewigkeit … zu Gott. Welch herrliches Gefühl, körperlos durch die Andere Welt zu gleiten … emporgetragen zu werden wie durch einen göttlichen Wind. Das Licht, dieses helle, wunderbare Licht war überall. Ich hüllte mich in seine Strahlen und fühlte mich geborgen. Ein unbeschreibliches Gefühl von Glückseligkeit durchflutete mich, riss mich mit sich, immer höher hinauf zu Gott. Wie ich mich nach Ihm sehnte, nach Ruhe und Frieden!

Dann war ich bei Ihm. Er hüllte mich ein in Seine Liebe, die mich durchdrang wie ein helles, warmes Licht. Für einen endlosen Augenblick hörte ich auf … zu denken … zu wissen … zu sein.

Ich war nicht mehr … kehrte zu der Quelle zurück, aus der ich einst entsprang … ein Tropfen aus der Strömung … ein Funke dieses göttlichen Lichts … floss zurück … wurde eins … und existierte nur noch in Ihm und durch Ihn …

Temur lag mit geschlossenen Augen im Gras, als sie ihn entdeckte. Zunächst hatte sie wohl gedacht, dass er beim Lesen eingeschlafen war, denn neben ihm lag ein aufgeschlagenes Buch. Doch als sie ihn in einer für sie unverständlichen Sprache reden hörte, hielt sie ihn wohl für krank. Sanft fasste sie ihn an der Schulter: »Wachen Sie auf! Geht es Ihnen gut?«

Ich stürzte zurück und schlug mit einer Gewalt in meinen Körper, die mir wehtat. Meine Glieder zuckten, und ich atmete schwer, um die Schmerzen zu bezwingen, die mich bei jeder Rückkehr von einer Himmelsreise quälten. Als ich die Augen öffnete, sah ich in ihr erschrockenes Gesicht.

»Sind Sie krank?«, fragte sie leise. »Sie haben im Schlaf geredet. Ich wollte gerade zum Tempel gehen, um zu beten … da habe ich Ihr Stöhnen gehört. Ich habe mir Sorgen gemacht …«

Benommen starrte ich sie an, unfähig, ein Wort zu äußern, unfähig, mich zu erheben. Dann hatte ich den Schmerz besiegt.

Wäre ihre Erziehung nur ein bisschen weniger streng gewesen, so wäre sie wahrscheinlich aufgesprungen und vor mir geflohen. Und wäre meine Erziehung nur ein wenig strenger gewesen, hätte ich sie nicht so angestarrt.

Ich war so verwirrt, dass ich fürchtete, Unsinn zu reden. Also schwieg ich und hoffte, sie würde nicht im nächsten Augenblick dorthin verschwinden, woher sie so plötzlich gekommen war.

Sie war achtzehn oder neunzehn Jahre alt, trug eine elegante weiße Seidenrobe mit Blumenstickerei, deren purpurfarbener Saum bis zu ihren winzigen Lotusfüßen reichte. Verlegen drehte sie einen lackierten Papierschirm mit aufgemalten blauen Vögeln in der Hand, während sie meinem Blick auswich und die Augen niederschlug. Ihr schwarzes Haar war zu einem Knoten aufgesteckt, in dem goldene und mit winzigen Lotusblüten verzierte Nadeln einen funkelnden Strahlenkranz um ihr Gesicht bildeten. Ihre hohe Stirn und ihre Wangen waren mit weißem und rosenfarbenem Puder geschminkt. Ihre Lippen waren zart wie die Blätter einer Rose. Ihre Augen …

Ich war verzaubert von ihr.

Da war etwas zwischen uns, das ich nicht in Worte fassen konnte. Was hatte sie getrieben, sich mir zu nähern, um mich aus dem Schlaf zu reißen? Neugier, Mitgefühl – oder etwas anderes? Was ließ mich derart die Selbstbeherrschung verlieren, dass ich sie anstarrte, ohne ein Wort zu sagen? Ein Berührtsein in der Tiefe meiner Seele – oder etwas anderes?

Ich kam zur Besinnung und setzte mich auf.

»Ich weiß, es geht mich nichts an, aber …« Sie zögerte, dann fragte sie: »Warum liegen Sie hier im Gras?«

»Ich habe gezeichnet«, sagte ich und deutete auf das Notizbuch mit meinen Skizzen von Zhongdu … meinen Erinnerungen.

Der Anstand gebot ihr, sich von mir zu verabschieden und nicht allein mit mir zu sprechen, aber sie wollte noch nicht gehen. Sie suchte nach Worten, ein Gespräch mit einem Fremden zu beginnen. Schließlich fragte sie: »Was haben Sie gezeichnet?«

»Den Himmelstempel.« Ich nahm mein Reisebuch und erhob mich. Unsere Hände berührten sich, als ich es ihr reichte.

Sie blätterte darin, betrachtete meine Zeichnungen des Kaiserpalastes, des Ahnentempels des Kung Futse und des Himmelstempels. »Das ist … wundervoll.« Sie gab mir das Buch zurück. Wieder streiften ihre Finger wie zufällig meine Hand.

»Nicht halb so schön wie die Unterhaltung mit Ihnen.«

Sie sah mich überrascht an. »Warum sagen Sie das?«

»Weil ich nicht will, dass Sie jetzt schon vor mir fliehen.«

Sie lächelte. »Sollte es denn einen Grund geben, dass ich in einigen Minuten vor Ihnen fliehen sollte?«

»Ich hoffe nicht!«

Meine Bemerkung hatte sie verwirrt. »Hören Sie auf, mich so anzustarren!«, bat sie mich peinlich berührt und wich meinem Blick aus.

»Ist es Ihnen recht, wenn ich die Augen schließe und auf einen wundervollen Anblick verzichte, während wir weitersprechen?«

Sie lachte herzlich, als ich tatsächlich die Augen schloss. »So war das nicht gemeint!« Als ich nicht reagierte, zog sie mich leicht am Ärmel. »Bitte starren Sie mich wieder an, wenn Sie wollen.«

Ich sah ihr in die Augen, und wir mussten beide lachen. Dann wurde ich wieder ernst: »Was haben Sie empfunden, als ich sie eben ansah?«

Verlegen wandte sie sich ab. »Ich weiß nicht … Ich meine: Ich weiß nicht, wie ich in Worte fassen soll, was ich in diesem Moment gespürt habe.« Sie war sehr ernst, als sie mich wieder ansah. »Ich war … berührt. Das ist das richtige Wort: Sie haben mich berührt. Tief in meinem Innersten.«

»War es angenehm?«, fragte ich und strich ihr über die Wange.

»Ja, das war es«, hauchte sie und sah mir in die Augen. »Sie sind sehr … intensiv, anders kann ich es nicht ausdrücken. Als sie mich eben ansahen, da dachte ich … da dachte ich, Sie kämen aus einer anderen Welt zurück und hätten gerade etwas gesehen, das mit Worten nicht zu beschreiben ist. Sie haben von innen heraus gestrahlt, Ihre Augen haben geleuchtet, und Sie haben gelächelt, als wären Sie glücklich, ekstatisch glücklich, und dabei haben sie gezittert, als hätten Sie furchtbare Schmerzen. Und bei alldem waren Sie so ernst, so … intensiv. Das hat mich fasziniert …«

Ich strich ihr über die Wange. »Darf ich Sie küssen?«

Zart liebkoste ich ihre Lippen. Sie schloss die Augen und ließ es geschehen. Mein Kuss erregte sie, und sie beantwortete die ungestellte Frage sehr leidenschaftlich. Ich umarmte sie, während meine Zunge über ihre Lippen strich, in ihren Mund glitt und ihren halbherzigen Widerstand niederrang. Doch schließlich besann sie sich und entwand sich meinen Armen.

»Tun Sie eigentlich immer, was Sie wollen?«, fragte sie.

»Immer«, erwiderte ich ernst.

»Und was nehmen Sie sich als Nächstes vor?«

»Ich würde gern mit Ihnen im Park spazieren gehen.«

»Angenommen, ich würde mit Ihnen spazieren gehen. Was haben Sie dann vor?«

»Wenn Sie sich bis dahin nicht mit mir gelangweilt haben, könnten wir im Gras liegen und den Mond betrachten. Ich bin wirklich gut darin, den Mond anzustarren … und Sie.«

»Sie sind sicher gut in allem, was sie tun«, sagte sie schlagfertig.

»Die Liste meiner Niederlagen ist relativ kurz«, konterte ich. »Bisher gab es keine, die mir widerstanden hätte.«

»Sie sind sehr direkt!«

»Direkte Spielzüge bringen beim Spiel den schnellen Sieg.«

»Sie reden wie mein Vater. Glauben Sie nicht, dass die Schnelligkeit Ihrer Vorgehensweise abschreckend wirken könnte?«, fragte sie.

»Ich will Ihrer Enttäuschung zuvorkommen, wenn Sie gegen Ende des Spieles feststellen, dass ich Ihnen nicht meine wahren Absichten verraten habe.«

»Jedes Spiel hat Regeln. Sie sind gerade dabei, sämtliche Regeln zu brechen.«

»Ich halte mich immer an die Spielregeln. An die, die ich selbst gemacht habe.«

»Sie haben Sun Tses Buch Die Kunst des Krieges sehr aufmerksam gelesen. Kapitel zwei: Ein schneller Sieg ist das Ziel des Krieges, andernfalls werden die Waffen stumpf, und die Kampfmoral sinkt.«

»Ich werde nicht aufgeben, auch wenn der Sieg nicht heute Abend errungen werden sollte«, versicherte ich ihr.

»Das hatte ich nicht angenommen«, gestand sie mit einem entzückenden Lächeln. »Dann will ich dafür sorgen, dass Ihre Waffen nicht stumpf werden, bis wir uns wiedersehen.«

Sie drängte sich an mich, küsste mich, dann riss sie sich los und verschwand zwischen den Bäumen.

Wie von Sinnen irrte ich durch die Stadt und suchte sie. Warum bloß hatte ich sie nicht nach ihrem Namen gefragt? Wie sollte ich sie denn je wiederfinden? Und warum hatte ich mich überhaupt auf sie eingelassen, drei Tage vor meiner Abreise nach Samarkand? Was hatte mich an ihr so fasziniert? Ihr schönes Gesicht, ihr bezauberndes Lächeln und ihre zarten Hände, nach deren Berührung ich mich sehnte? Ihr Widerstand und ihre schlagfertigen Antworten? Oder das Versprechen eines Wiedersehens, das sie mit ihrem Kuss besiegelte?

Am nächsten Morgen kehrte ich zum Tempel zurück. Ich betete, Gott möge sie mir zurückschicken. Ich suchte sie stundenlang, ging jeden Weg des Parks entlang, setzte mich unter den Baum und wartete. Doch sie kam nicht.

Enttäuscht kehrte ich zurück zum Funduk, packte meine Taschen und verbrachte eine schlaflose Nacht. Ich dachte an die bevorstehende Reise – irgendwo auf dem Weg zwischen Lanzhou und Xining würde ich sie vergessen …

Die aufgehende Sonne fand mich wieder im Tempel, wo ich den ganzen Tag verbrachte, um auf sie zu warten. Sie kam nicht.

In jener Nacht packte ich meine Satteltaschen wieder aus …

… und am nächsten Morgen erwachte ich mit dem Gefühl, der größte Narr auf dieser Welt zu sein. Wütend stopfte ich meinen Besitz zurück in die Taschen.

Malik fand mich, wie ich die Karten in meinem Atlas anstarrte, ohne sie wirklich zu sehen. Besorgt setzte er sich neben mich und nahm meine Hand. »Bist du krank? Hast du Fieber? Wenn du nicht reisen kannst …«

Seine Besorgnis rührte mich, und ich wich seinem Blick aus.

»Ich kenne einen chinesischen Hakim, der mit Nadeln heilt.«

»Ich bin nicht krank!«, erklärte ich energisch.

»Was ist dann mit dir los?«

»Nichts!«, fauchte ich ihn an.

»Dieses Leiden kenne ich gut!«, versicherte er mir mit einem wissenden Lächeln. »Die Nadeln des chinesischen Hakim helfen übrigens auch bei akuter Verliebtheit. Falls du morgen reisen willst …«

Auch eine Reise von zehntausend Li beginnt mit einem Schritt. Mit dem Schritt in die Besinnung, mit dem Schritt, der zu uns selbst führt. Auch wenn wir noch nicht wissen, in welche Richtung wir gehen.

Vor dem Stadttor herrschte ein unvorstellbares Gedränge und Geschrei: vierhundert Kamele, eine Herde Schafe und Ziegen, vierundneunzig Treiber und viele Reisende, die sich der Karawane nach Westen anschließen wollten.

Hunderte Zuschauer drängten sich an der Stadtmauer, um die Abreise der Karawane zu beobachten: störrische Kamele, fluchende Treiber, die sehnsuchtsvollen Blicke der Reisenden zum fernen Horizont, Tränen, Worte des Abschieds, Versprechen der Wiederkehr – in zwei oder drei Jahren, wenn der Himmel es zuließ, Insh’Allah.

Ich war unruhig, als ich langsam durch die Reihen der knienden Kamele ritt und das Verladen der Waren beobachtete. Die letzten Tiere wurden aneinander gekettet. Von der anderen Seite des Platzes winkte mir Tarik zu und gab das Signal zum Aufbruch.

Die Kamele erhoben sich mit den schweren Lasten und setzten sich gemächlich in Bewegung. Tarik trabte die lange Reihe der vierhundert Tiere entlang und brüllte Anweisungen für die Kameltreiber.

Ein letztes Mal wandte ich mich zum Stadttor um, um Malik zuzuwinken, der in den letzten Wochen ein vertrauter Freund geworden war, und um Abschied zu nehmen von einer faszinierenden Stadt, in der ich ein paar herrlich unbeschwerte Tage verbracht hatte – und da sah ich sie.

Ein Schmerz durchzuckte mich, als wäre ich von einem Pfeil ins Herz getroffen worden. Ich war unfähig, mich zu rühren, eine Entscheidung zu treffen. Ich hatte mich entschlossen, die Karawane zu begleiten, weil ich dachte, ich würde sie nie wiedersehen. Und nun stand sie plötzlich vor mir …

Unbeweglich saß ich im Sattel, die Hände in der Mähne meines Pferdes, und blickte sie an. Die Kamele zogen vor mir vorbei, und ich redete mir ein, es sei der aufgewirbelte Staub, der mir die Tränen in die Augen trieb.

Sie war einige Schritte auf den Platz hinausgetreten, um den Aufbruch zu beobachten, als sie mich in der Karawane entdeckte. Sie war außer Atem, als wäre sie gerannt, als hätte sie sich ungeduldig durch die dichte Menge der Menschen am Stadttor gedrängt. Als hätte sie gefürchtet, ich könnte schon fort sein.

Traurig kam sie näher und rief mir etwas zu, aber die endlose Reihe der aneinander geketteten Kamele trennte uns, und ich verstand sie nicht.

Tarik hatte mich beobachtet. Er zügelte sein Pferd neben mir und sah zu ihr hinüber. »Exigua pars est vitae qua nos vivimus. Ceterum quidem omne spatium non vita, sed tempus est«, sagte er leise. »Das ist von Seneca, einem weisen römischen Philosophen, und heißt übersetzt: ›Nur ein kleiner Teil des Lebens ist es, in dem wir leben. Die ganze übrige Spanne ist nicht Leben, sondern Zeit‹. Er meinte: Zeit, die wir verschwenden, als hätten wir unendlich viel davon.«

»Willst du mit deiner Bildung angeben, Léon von Anjou?«, fragte ich und wischte mir eine Träne ab.

»Ich will dir helfen, mon cher.«

»Wobei?«, fragte ich irritiert.

»Beim Stehenbleiben. Du gehst deinen Weg einfach immer weiter. Ohne dich auch nur ein Mal umzudrehen. Denn der Blick zurück könnte …«

»Halt den Mund, Tarik!«, fuhr ich ihn an.

»Das tue ich seit drei Tagen: Ich sehe zu, wie du dich quälst. Weißt du, was Seneca noch geschrieben hat? ›Du lebst, als lebtest du ewig, niemals kommt dir deine Sterblichkeit in den Sinn. Du beachtest nicht, wie viel Zeit schon vergangen ist. Das größte Hindernis im Leben ist die Erwartung, die vom Morgen abhängig ist und das Heute zerstört. Was in die Hand des Schicksals gelegt ist, darüber verfügst du. Was in deiner Hand liegt, das lässt du los.‹ Bleib stehen, Temur, und komm zur Besinnung: Sie ist hier.« Als ich zögerte, sagte er: »Ich bin sicher, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden, mon ami. In Samarkand.«

Er zog sein Notizbuch hervor, schlug es auf und riss eine Seite heraus: seine Skizzen von Venedig! Der Palast des Dogen und die Basilika von San Marco!

»Tarik, es sind deine Erinnerungen …«, sagte ich, als er mir das Pergament in die Hand drückte.

»Und es ist dein Traum, Temur! Samarkand liegt auf dem Weg nach Venedig. Du könntest mich besuchen … eines Tages«, sagte er. Dann umarmte er mich zum Abschied, flüsterte leise »Bism’Allah! Dieu te conduise – Möge Gott dich führen!«

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