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Der Herr von Moor House

1. KAPITEL

Der große, elegant gekleidete Gentleman, der an diesem feuchtkalten, deprimierenden Novemberabend durch einen der weniger ansehnlichen Stadtteile Londons ging, zog viele neugierige Blicke auf sich. Nur wer kein Dach über dem Kopf hatte, blieb heute auf der Straße. Umso unverständlicher war es, dass ein so vornehmer Mann um diese Stunde hierher kam.

Da er den Kragen seines voluminösen Mantels hochgeklappt und den Zylinder tief in die Stirn gezogen hatte, konnte man sein Gesicht kaum sehen. Aber hin und wieder fiel aus einem Fenster Licht auf gebräunte Wangen und eine verdrossene Miene. Deshalb lag die Vermutung nahe, der Gentleman wäre ein angenehmeres Klima gewöhnt und hätte England nur notgedrungen um diese unfreundliche Jahreszeit aufgesucht.

Zumindest gewann der junge Schreiber im Vorraum der Firma Messrs. Blagdon, Blagdon und Metcalf diesen Eindruck, als der Gentleman durch die Tür trat und ohne höfliche Umschweife verkündete: “Mein Name ist Blackmore, Christian Blackmore, und ich möchte Mr Metcalf sprechen.”

“Gewiss, Sir, er erwartet Sie.” Der Schreiber sprang hastig auf und führte den Besucher in ein Büro, wo ein schmächtiger Mann mit einer altmodischen Perücke hinter einem massiven Eichenschreibtisch saß.

“Mein lieber Sir, welch eine Freude!” Mr Metcalf verbarg sein Entsetzen über die drastische Veränderung des Mannes, dem er vor einem halben Jahrzehnt zuletzt begegnet war, erhob sich lächelnd und schüttelte seinem Besucher die Hand. Seit langer Zeit fungierte er als Anwalt der Familie Blackmore, und er hatte den fröhlichen, unbeschwerten kleinen Christian zu einem attraktiven, charmanten Gentleman heranwachsen sehen, der zahlreiche Frauenherzen betörte.

Natürlich hatte ihn der Tod seiner schönen jungen Gemahlin ein knappes Jahr nach der Hochzeit tief getroffen. Und es war auch begreiflich, dass er den Familiensitz Moor House, den Schauplatz der Tragödie, sofort verlassen hatte. Die folgenden Jahre waren für ihn dann wirtschaftlich sehr profitabel gewesen. Im Gegensatz zu seinem Vater besaß Christian einen ausgeprägten Geschäftssinn. Er investierte die Mitgift seiner Frau in eine Handelsfirma in Indien, die er gemeinsam mit einem Freund gründete. Für beide Partner warf das Unternehmen beträchtlichen Gewinn ab. Doch die Jahre harter Arbeit hatten ihren Tribut gefordert, wie Christians äußere Erscheinung deutlich zeigte.

Zu beiden Seiten seiner eindrucksvollen Nase hatten sich tiefe Kerben gebildet, die bis zu den Winkeln des zusammengepressten Mundes reichten. Die hohe Stirn war gefurcht, feine Fältchen umgaben die durchdringenden dunklen Augen mit den langen Wimpern. Soweit Mr Metcalf das feststellen konnte, zogen sich noch keine grauen Fäden durch das dichte, leicht gewellte, zu einer modischen Windstoßfrisur gekämmte schwarze Haar. Und die Figur unter dem weiten Mantel wirkte genauso athletisch wie damals. Trotzdem glich Christian mit seinen einunddreißig Jahren eher einem Vierzigjährigen.

“Verzeihen Sie, dass ich Sie so spät am Abend aufsuche”, begann er und nahm im Besuchersessel vor dem Schreibtisch Platz. “Wie ich in dem Brief erwähnte, den ich Ihnen kurz nach meiner Ankunft auf englischem Boden schrieb, wollte ich ein paar Wochen mit Freunden in Derbyshire verbringen. Unglücklicherweise war meine Rückkehr in die Stadt von etlichen Missgeschicken begleitet. Obwohl sich während meiner Abwesenheit der Zustand vieler Straßen erheblich verbessert hat, versinkt man auf den Nebenstraßen nach starken Regenfällen immer noch im Schlamm.”

“Oh, Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen, Sir. Am Freitag arbeiten mein Schreiber und ich oft etwas länger. Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten?” Der Anwalt ging zu einem Eckschrank. “Da müsste ich irgendwo einen ausgezeichneten Portwein haben.”

Mit einem schwachen Lächeln überlegte Christian, wie tröstlich es war, dass sich manche Dinge niemals änderten. Er respektierte den vertrauenswürdigen Familienanwalt und verstand nicht, warum sein Vater Mr Metcalfs Ratschläge in späteren Jahren missachtet hatte. “Daran zweifle ich nicht. Wann immer ich hier war, hatten Sie stets einen besonderen Tropfen zu bieten.”

Lachend kehrte der Anwalt mit dem Portwein und zwei Gläsern zum Tisch zurück. “Mein einziges Laster, Sir.”

“Dann muss ich Ihnen gratulieren. Nur wenige Männer dürfen sich eines so tugendhaften Lebens rühmen.”

Klugerweise enthielt sich Mr Metcalf eines Kommentars. Wenn Christian auch mehrere Jahre in Indien verbracht hatte – die Geschichten über seine Affären mit diversen verheirateten oder ledigen Damen waren bis in sein Heimatland gedrungen. Nicht, dass es Christian interessiert hätte, was der Klatsch über ihn verbreitete. Schon bei seiner Abreise aus England waren bösartige Gerüchte aufgekommen, die jeder Grundlage entbehrten. Aber der Anwalt hatte keine Sekunde lang geglaubt, Mrs Blackmores Tod wäre etwas anderes gewesen als ein tragischer Unfall.

“Wollen wir über Geschäftliches reden, Sir?” Mr Metcalf reichte seinem wohlhabenden Klienten ein gefülltes Glas und setzte sich hinter den Schreibtisch. “Nachdem ich Ihre letzte Nachricht aus Indien erhalten hatte, schrieb ich Mr Drews Schwestern, informierte sie über seinen beklagenswerten Zustand und bereitete sie auf das Schlimmste vor. Und um den Wunsch zu erfüllen, den Sie in Ihrem letzten Brief geäußert hatten, fuhr ich nach Somerset und teilte den Damen persönlich mit, ihr Bruder habe das Zeitliche gesegnet. Einen Tag später besuchte ich sie noch einmal und erläuterte ihnen den Inhalt seines Testaments.”

“Und wie haben sie es aufgenommen?”

“Verständlicherweise waren sie enttäuscht, weil Mr Drew Sie zum einzigen Vormund ihrer Nichte bestimmt hat. Immerhin lebt das Kind – obwohl man Miss Sophie nicht mehr so nennen kann, da sie schon sechzehn ist – seit mehreren Jahren bei den Tanten in Taunton und liebt sie sehr, vor allem die jüngere der beiden, Miss Megan Drew.” Als dieser Name erwähnt wurde, zuckte Christian zusammen, was dem Anwalt nicht entging. Dann leerte er sein Glas in einem Zug, ohne den edlen Tropfen richtig zu würdigen. “Sicher sind Ihnen die Damen bekannt”, fuhr Mr Metcalf fort, “ihr Haus liegt ganz in der Nähe von Moor House.”

“Ja, sie waren unsere nächsten Nachbarn.” Ungeduldig stand Christian auf und trat ans Fenster. Inzwischen war es dunkel geworden, und Mr Metcalf sah das Spiegelbild der markanten Gesichtszüge in der Glasscheibe. “Ich kenne die Familie mein Leben lang.”

“Also müssten Sie wissen, was für eine tüchtige, vernünftige junge Frau Miss Drew ist.”

“Als ich sie zuletzt sah, war sie noch ein halbes Kind.”

Mr Metcalf fragte sich, ob Christians eindrucksvolle Stimme wirklich unsicher geklungen hatte. Oder besaß er eine zu lebhafte Fantasie? “Das ist sie jetzt nicht mehr.”

“Wohl kaum. Im März wird sie fünfundzwanzig. Wahrscheinlich wird sie bald heiraten und sich nicht mehr mit der Verantwortung für mein Mündel belasten wollen.”

“Miss Drew hat mir versichert, sie habe keine Heiratspläne und würde gern auch weiterhin für ihre Nichte sorgen. Selbst wenn das nicht zuträfe – ich halte die andere Tante, Mrs Pemberton, ebenfalls für eine gewissenhafte Betreuerin.”

“Das will ich Ihnen gern glauben. Aber Charles Drew hat seine Tochter mir anvertraut, und ich werde das Wort halten, das ich einem sterbenden Mann gab.”

Falls Christians Stimme vorhin tatsächlich gezittert hatte, so ließ sie jetzt keinen Zweifel an seiner Entschlossenheit aufkommen. Mr Metcalf wusste, dass er nur seinen Atem verschwenden würde, wenn er das Thema noch länger verfolgte. Doch Miss Drew, die seine Hochachtung verdiente, hatte ihn gebeten, mit seinem Klienten wenigstens zu vereinbaren, dass das Mädchen nicht sofort von Taunton wegmusste. “Nachdem Miss Sophie eben erst vom Tod ihres Vaters erfahren hat, Sir – wäre es nicht ratsam, wenn sie vorerst in der Obhut ihrer Tanten bliebe?”

“Ich bin nicht völlig gefühllos, Metcalf”, erwiderte Christian, setzte sich wieder und hielt dem prüfenden Blick des Anwalts stand. “Sicher wird es eine Weile dauern, bis mein Mündel über den schmerzlichen Verlust hinwegkommt, und ich möchte Sophie nicht von heute auf morgen dem Schoß der Familie entreißen. Außerdem muss ich einige Vorbereitungen treffen. Bis jetzt habe ich keine geeignete Anstandsdame gefunden. Deshalb soll das Mädchen noch eine Zeit lang bei den Tanten wohnen. Natürlich werde ich Sophie bald besuchen. Sie wird sich vermutlich nicht an mich erinnern.”

“Also wollen Sie in nächster Zukunft nicht nach Indien zurückkehren, Sir?”

“Ich habe keine festen Pläne. Über fünf Jahre lang war ich am anderen Ende der Welt, vielleicht zu lange. Als ich England verließ, war mein Bruder Giles noch ein Junge.” Ein Lächeln milderte Christians harte Züge. “Vor meiner Reise nach Derbyshire besuchte ich ihn in Oxford. Wir müssen eine Menge nachholen”, seufzte er bedauernd. “Auch um meine Schwester und ihre Familie will ich mich kümmern. Ich kenne meine Nichte und meinen Neffen noch gar nicht. Und es gibt andere Pflichten zu erfüllen, die ich sträflich vernachlässigt habe.”

Verwirrt hob Mr Metcalf die Brauen. Soviel er wusste, waren die geschäftlichen Angelegenheiten seines Klienten in bester Ordnung. “Um Moor House müssen Sie sich nicht sorgen, Sir. Mr Farley ist ein sehr gewissenhafter Verwalter, der mich jeden Monat brieflich über die Ereignisse auf Ihrem Landsitz informiert.”

“Ja, gewiss, ich kann ihm rückhaltlos vertrauen. Seit Jahren arbeitet er für meine Familie, und er leistet uns vorzügliche Dienste. Trotzdem möchte ich einige Zeit in Moor House verbringen.” Christian stand auf, um das Gespräch zu beenden. “Seien Sie so freundlich und teilen Sie den Tanten meines Mündels mit, ich würde sie am Monatsende besuchen. Vor seinem Tod schrieb Charles Drew einen Brief an seine jüngere Schwester, den ich ihr persönlich übergeben will.”

“Werden Sie am Jahresende in die Hauptstadt zurückkehren, Sir?”

“Ich habe es nicht vor.” Christian war bereits zur Tür gegangen. Nun drehte er sich noch einmal um. “Wieso fragen Sie?”

“Aus keinem besonderen Grund. Ich dachte nur, Sie würden mit uns feiern. So etwas muss man gebührend würdigen, und so hat meine Familie beschlossen, ein paar Freunde einzuladen, zu einem Dinner mit Champagner. Die meisten meiner Bekannten werden das Ereignis auf ähnliche Weise zelebrieren.”

“Zelebrieren?” Christian runzelte die Stirn. “Was denn?”

“Das neue Jahrhundert, Sir!”

Plötzlich erklang ein Gelächter, das seltsam freudlos und fast unheimlich von den Wänden des kleinen Büros widerhallte. “Die englische Mentalität verblüfft mich jedes Mal aufs Neue, Metcalf. Zum Teufel, was hat dieses Land zu feiern? Europa befindet sich im Aufruhr, jeden Augenblick droht uns eine Invasion, und unsere Armen hungern. Soll man das feiern?” Während Christian vergeblich auf eine Antwort wartete, lächelte er sarkastisch. “Soweit es mich persönlich betrifft – ich kann mir keine einschneidenden Veränderungen in meinem Leben vorstellen, nur weil ein Jahrhundert zu Ende geht und ein neues beginnt. Und ich sehe auch keinen Anlass, irgendetwas zu feiern.” Mit diesen Worten ging er hinaus, und der scharfsinnige Anwalt gewann die Überzeugung, dass es nicht nur Mrs Blackmores Tod gewesen sein konnte, der seinen Klienten in einen verbitterten, unglücklichen Mann verwandelt hatte.

2. KAPITEL

“Ich werfe ihn hinaus!” verkündete Mrs Pemberton und mimte erfolgreich eine Frau, die einem hysterischen Anfall nahe war. Doch diese Pose konnte sie nicht allzu lange beibehalten, und sie lächelte wehmütig. “Zumindest werde ich – da ich im Gegensatz zu unserer albernen Nachbarin Mrs Cunningham nicht zu dramatischen Szenen neige – die Dienstboten beauftragen, ihm die Tür zu weisen.”

“Zum Glück bist du nicht so wie diese Närrin, Charlotte”, erwiderte Megan und warf ihrer älteren Schwester einen liebevollen Blick zu. “Der arme Mr Cunningham muss die Geduld eines Heiligen besitzen. Sonst würde er die Launen seiner Frau unmöglich ertragen.” Seufzend lenkte sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Blatt Papier und die wenigen Zeilen in jener kühnen, unvergesslichen Handschrift. “Wohl oder übel müssen wir ihn empfangen. Letzte Woche hat uns Mr Metcalfs Brief auf Christians Besuch vorbereitet. Und ich möchte nichts riskieren, was unseren Kontakt mit Sophie gefährden könnte. Ob es uns passt oder nicht, er ist der Vormund unserer Nichte und hätte das Recht, uns von ihr fernzuhalten.”

Nachdenklich starrte Charlotte vor sich hin. “Der Tod unseres Bruders konnte uns nicht überraschen, da wir lange über seine schwere Krankheit Bescheid wussten. Aber die Wahl des Vormunds für sein einziges Kind schockiert mich. Was hat Charles bloß dazu bewogen, das Schicksal seiner Tochter ausgerechnet in Christians Hände zu legen, statt sie auch weiterhin unserer Obhut zu überlassen? Immerhin schien eine solche Regelung ihm richtig, als er damals abreiste.”

Schon vorher, verbesserte Megan ihre Schwester in Gedanken. “Vielleicht wollte er das Kind einem respektablen Gentleman anvertrauen.”

“Respektabel?” Charlotte hob spöttisch die Brauen. “Ich hätte Vorbehalte, Christian so zu bezeichnen.”

“Dann eben verantwortungsbewusst”, gab Megan nach. “Und vergiss nicht – er hat sich um Charles gekümmert. Sicher war es nicht einfach, wochenlang einen Todkranken zu pflegen.”

“In der Tat, das ist sehr freundlich von ihm gewesen. Außerdem hat er für ein christliches Begräbnis unseres Bruders im fernen Indien gesorgt. Trotzdem verstehe ich nicht, warum Charles diesen Mann zu Sophies Vormund bestimmt hat, wo er doch kein gutes Haar an ihm ließ, nachdem …”

“Nachdem Christian mir den Laufpass gab”, vollendete Megan den Satz. “Dieses Thema hast du in all den Jahren gemieden, meine Liebe. Aber es ist nicht mehr nötig. Inzwischen habe ich die Enttäuschung verwunden. Es macht mir nichts mehr aus, dass er mir eine renommierte Schönheit vorzog. Und Christian hatte sich niemals offiziell mit mir verlobt.”

“Aber ihr wart euch einig. An deinem achtzehnten Geburtstag sollte die Verlobung stattfinden. Das hast du mir oft genug geschrieben.”

Nur für einen kurzen Moment verdunkelten sich Megans blaue Augen. “Glücklicherweise lief Louisa Berringham ihm vor jenem Tag über den Weg und ersparte mir das traurige Schicksal einer verlassenen Braut.”

“Jetzt kannst du leichthin darüber reden. Aber damals brach dir dieser gewissenlose Mann das Herz.”

“So hart darfst du nicht über ihn urteilen. Er hat sich einfach nur in eine andere verliebt. Kein Wunder … Sogar Charles gestand, eine schönere Frau als Louisa Berringham sei ihm nie begegnet.”

Charlotte musterte ihre jüngere Schwester über den Frühstückstisch hinweg – ein fein gezeichnetes Gesicht, kornblumenblaue Augen, von dichten Wimpern umrahmt, eine kleine gerade Nase und volle Lippen. “Behauptest du etwa, du wärst nicht bildhübsch?”

“Besten Dank.” Megan lächelte sanft. “In den letzten Jahren muss sich meine äußere Erscheinung vorteilhaft verändert haben.” Sie schenkte sich noch etwas Kaffee ein. “Aber um zu der Frage zurückzukehren, warum sich unser Bruder für diese Vormundschaft entschieden hat … Ich vermute, als er Christian in Indien wiedersah, begrub er den alten Groll. Immerhin hatten sie einiges gemein. Beide waren Witwer, und beide suchten im Ausland Vergessen.”

“Wenigstens wissen wir, dass unsere liebe Schwägerin eines natürlichen Todes gestorben ist”, bemerkte Charlotte mit einer für sie ungewöhnlichen Boshaftigkeit.

“Und Christian verlor seine Frau infolge eines tragischen Unfalls.” Unverständlicherweise verteidigte Megan den Mann, der sie vor fast sieben Jahren so grausam verlassen hatte, erneut. “Kein vernünftiger Mensch konnte jene ungeheuerlichen Gerüchte glauben. Nur weil Christian zufällig anwesend war, sollte man nicht behaupten, er hätte seine Frau die Treppe hinabgestoßen und dabei auch sein ungeborenes Kind getötet.”

“Vielleicht bin ich ungerecht, wenn es um Christian Blackmore geht. Aber offen gestanden – auch ich habe jenen bösartigen Klatsch niemals ernst genommen. Andererseits hat er nicht lange gebraucht, um seine Trauer zu verwinden. Schon wenige Wochen später wurde sein Name mit verschiedenen übel beleumdeten Damen in Verbindung gebracht, eingeschlossen Lady Tockington, deren Ruf … Nun, du weißt selbst …”

“Nein, keine Ahnung.” Megan hob belustigt die Brauen. “Also klär mich bitte auf.”

“Es schickt sich nicht für eine unverheiratete junge Dame, über solche Dinge zu reden”, tadelte Charlotte, und ihre gespielte Empörung bewog Megan, in Gelächter auszubrechen.

“Und eine respektable Witwe darf freimütig über unmoralische Damen sprechen?” Dann wurde sie wieder ernst. “Welche Gerüchte du auch gehört hast, mögen sie stimmen oder nicht – man warf ihm niemals vor, er habe unschuldige Mädchen verführt. Soviel wir wissen, ließ er sich nur mit erfahrenen Frauen ein.” Ohne mit der Wimper zu zucken, hielt sie Charlottes skeptischem Blick stand. “Meine Liebe, ich kannte Christian besser als du, er behandelte mich stets mit allem nur erdenklichen Respekt, und ich gehe nicht davon aus, dass sich daran etwas geändert hat.”

Forschend betrachtete sie Charlotte, während sie ihren Kaffee trank. Die gutmütige ältere Schwester sagte nur selten ein unfreundliches Wort über ihre Mitmenschen. Nur gegen Christian Blackmore hegte sie eine tief verwurzelte Abneigung, was sie seit dem Eintreffen seines Briefes an diesem Morgen nicht verbergen konnte.

“Es ist wohl besser, wenn ich ihn allein empfange”, fuhr Megan fort.

“Das kannst du nicht ernst meinen!”, rief Charlotte ungläubig.

“Am liebsten würde ich ihn überhaupt nicht sehen. Leider habe ich keine Wahl. Und wenn ich ihn auch nicht mit offenen Armen aufzunehmen gedenke – ich werde ihm höflich begegnen. Vielleicht ist er dann eher bereit, Sophie noch eine Weile bei uns zu lassen.” Nach einem kurzen Blick auf den Brief, der neben ihrem Teller lag, erklärte sie: “Er steigt im ‘Swan’ ab. Mittags wird er hierherkommen. Du wolltest heute Vormittag ins Pfarrhaus gehen. Diesen Besuch solltest du nicht absagen. Aber ich wäre dir dankbar, wenn du Sophie aus dem Haus ihrer Freundin abholen und um halb eins hier eintreffen würdest. Dann kann ich vorher eine halbe Stunde allein mit Christian reden.” Megan stand auf. “Und ich bitte dich, Charlotte – versuch deinen Groll gegen ihn nicht zu zeigen. Sophie erinnert sich nur dunkel an ihn, und sie soll sich ihre eigene Meinung bilden.”

Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte Megan in die Halle und stieg die Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Angstvoll dachte sie an die unangenehme Begegnung, die immer näher rückte. Ihrer Schwester würde es nicht schwerfallen, Christian gegenüber zu verbergen, was sie empfand. Und sie selbst? Es war ihr gutes Recht, den Mann zu verabscheuen, der ihr die Ehe versprochen und sie dann so schmählich im Stich gelassen hatte.

Bedrückt trat sie ans Fenster ihres Schlafzimmers und schaute zur Straße hinab. Aber sie sah nicht die Stadtbewohner, die an diesem trüben Tag Ende November vorbeigingen, in warmen Mänteln vor der Kälte geschützt, sondern Bilder aus der Vergangenheit. Wie jung war sie damals gewesen, so unbeschwert, so naiv und vertrauensvoll.

Nur allzu deutlich erinnerte sie sich an die schreckliche Pockenepidemie, die Dorset heimgesucht und ihre Eltern das Leben gekostet hatte. An jener Krankheit starb auch Christians Mutter, und so wurden die beiden Kinder durch das gemeinsame Erlebnis tiefer Trauer verbunden. Christinas Schwester Georgiana übte ebenfalls einen starken Einfluss auf Megan aus. Sie schlossen Freundschaft, und Megan besuchte Moor House sehr oft. Bald erwartete die ganze Gegend, Christian würde sie eines Tages heiraten. Aber er wollte sich erst an ihrem achtzehnten Geburtstag offiziell mit ihr verloben. Da er sechs Jahre älter und viel weltgewandter war als sie, dachte sie, er müsste es am besten wissen, und stimmte zu.

Wie dumm sie gewesen war … An jenem kalten Morgen gegen Ende Februar, als er zu ihr kam und erklärte, er sei von seinem Vater nach London beordert worden, glaubte sie immer noch an seine Liebe. Zwei Wochen später las sie in der Zeitung, er habe Miss Louisa Berringham geheiratet.

Was ihr am schlimmsten erschien – er hatte es nicht einmal für nötig befunden, ihr persönlich zu schreiben, dass er heiraten würde. Ihre ganze Welt stürzte ein, und sie suchte Trost bei ihrer verwitweten Schwester in Somerset.

Seit jenem Februarmorgen vor fast sieben Jahren hatte sie Christian nicht mehr gesehen. Nun würde er ihr wieder gegenübertreten. Ob sie es wollte oder nicht, sie musste den Mann, der ihr junges Leben so grausam zerstört hatte, freundlich empfangen.

Ihre düsteren Gedankengänge wurden unterbrochen, als ihre Zofe eintrat, und Megan wandte sich dem Mädchen zu. “Hat meine Schwester das Haus schon verlassen, Betsy?”

“Ja, Miss. Und das ist gut so, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf. Bei der Begegnung, die Ihnen bevorsteht, brauchen Sie kein Publikum.”

Eigentlich hätte diese freche Bemerkung einen Tadel verdient. Aber Megan ermahnte ihre vorlaute Zofe nur selten. Es nutzte ohnehin nichts. Außerdem wäre es heuchlerisch gewesen, weil sie Betsys Ansichten meistens teilte.

Als ältestes Kind einer großen Familie war Betsy schon in jungen Jahren gezwungen gewesen, eine Stellung anzunehmen. Zunächst arbeitete sie in der Küche einer unleidlichen älteren Witwe, die alle ihre Dienstboten schon nach kurzer Zeit in die Flucht schlug. Betsy bildete vielleicht gerade deshalb eine Ausnahme, weil sie kein Blatt vor den Mund nahm. Bis zum Tod der furchterregenden Dame blieb sie in deren Diensten. Mittlerweile hatte sie die Position einer Köchin und Haushälterin errungen.

In dieser Eigenschaft war sie vor sieben Jahren von Charlotte eingestellt worden. Niemand konnte der großen, kräftig gebauten Betsy vorwerfen, sie würde sich vor harter Arbeit scheuen. Aber Charlotte war das freimütige Verhalten ihrer neuen Dienerin ein Ärgernis, und sie hätte ihr gekündigt, wäre Megan nicht ins Haus gezogen.

Im Gegensatz zu Charlotte störte sie Betsys unverblümte Art nicht, und so fragte sie ihre Schwester, ob sie die Frau als Zofe engagieren dürfe. Diese Tätigkeit war für Betsy völlig neu. Trotzdem bewies sie erstaunliche Fähigkeiten und erfüllte auch komplizierte Aufgaben einwandfrei.

“Geschieht in diesem Haus irgendetwas, das die Dienstboten nicht sofort mitbekommen?”, seufzte Megan.

“Nicht viel, Miss Megan”, kicherte Betsy. “Wollen Sie sich umziehen, bevor Sie Ihren Besucher empfangen?”

“Ja, das wäre ratsam. Geben Sie mir das schwarze Crêpekleid. Ich möchte einen guten Eindruck machen.”

“Das würden Sie auch schaffen, wenn Sie nicht wie eine Witwe aussehen.” Betsy nahm das gewünschte Kleid aus dem Schrank. “Sicher fällt es Ihnen nicht leicht, den Mann wiederzusehen. Aber es lässt sich nicht vermeiden.”

“Leider nicht”, bestätigte Megan widerstrebend und schlüpfte in das Kleid, das sie nur eine Woche lang getragen hatte, nachdem die Nachricht vom Tod ihres Bruders eingetroffen war.

Charlotte war entsetzt über die Weigerung ihrer Schwester gewesen, die vorgeschriebene Trauerzeit einzuhalten. Vergeblich versuchte sie, Megan umzustimmen, die solche Konventionen lächerlich fand. Sie meinte, Sophie sollte ebenso wenig gezwungen werden, sich wochenlang schwarz zu kleiden, was ihr nicht stand. Andere gedeckte Farben würden den gleichen Zweck erfüllen.

“Heute Morgen habe ich Sophie nicht gesehen, bevor sie zu ihrer Freundin ging”, bemerkte Megan. “Was hat sie denn an?”

“Das blaue Samtkleid mit der passenden Pelisse.” Betsy schloss die Knöpfe am Rücken ihrer Herrin. “Sehr respektabel.”

“Gut. Dann muss sie sich nicht umziehen, wenn sie zurückkommt. Als der Brief ihres Vormunds aus dem Gasthof hierher gebracht wurde, hatte sie das Haus schon verlassen. Aber meine Schwester wird ihr sicher entsprechende Hinweise geben. Wahrscheinlich werden die Nerven unserer armen Nichte flattern. Wie auch immer – sie hat nichts zu befürchten. Mr Blackmore ist kein Unmensch.” Als Megan im Spiegel über dem Toilettentisch dem skeptischen Blick ihrer Zofe begegnete, versicherte sie: “Das ist er wirklich nicht, Betsy, ganz egal, was Sie vielleicht gehört haben.”

“Ich bilde mir meine eigene Meinung über die Leute, Miss, und ich muss sagen, er hat Sie ziemlich schäbig behandelt. Andererseits hat alles, was in unserem Leben passiert, einen Sinn, und so war es vielleicht gut, dass Sie den Mann nicht geheiratet haben.”

“Mag sein”, erwiderte Megan tonlos, verließ das Zimmer und stieg die Treppe hinab.

Im Kamin des Salons knisterte ein helles Feuer, und Megan sank in einen der Lehnstühle, die davor standen. Scheinbar ruhig und gelassen, griff sie nach ihrer Stickerei. Genau diesen Eindruck wollte sie erwecken. Niemals würde sie sich anmerken lassen, wie heftig ihr Herz pochte.

Während die Uhr auf dem Kaminsims zwölf Mal schlug, klopfte es an der Haustür, und Megan zuckte unwillkürlich zusammen. Pünktlich auf die Minute, dachte sie und zwang sich wieder zur Ruhe. Gleich darauf wurde die Tür geöffnet, der Lakai meldete den Besucher an, und der Mann, den sie nie wieder zu sehen gehofft hatte, kam herein, den Kopf hoch erhoben.

Was sie nicht wusste – er fühlte sich genauso unsicher wie sie, und seine stolze Haltung war nur ein Täuschungsmanöver, das er beim Anblick der exquisiten Schönheit vor dem Kaminfeuer kaum fortzusetzen vermochte. Das rundliche Gesicht der Jugend hatte klassisch schönen Zügen mit hohen Wangenknochen und einem eigenwilligen Kinn Platz gemacht. Nur die großen kornblumenblauen Augen und die kastanienroten Locken waren unverändert.

Megan beurteilte ihn weniger schmeichelhaft. Genau wie Mr Metcalf stellte sie fest, dass die Zeit wenig freundlich mit ihm umgegangen war. Er wirkte müde, ein Mann, der trotz seines Reichtums keine Freude am Leben fand. Drückte die bittere Miene immer noch Trauer um seine verstorbene Frau aus?

Anmutig erhob sie sich, erstaunt über das Mitleid, das sie plötzlich empfand. Doch dieses Gefühl wurde von Christians abschätzendem Blick im Keim erstickt, als sie langsam auf ihn zuging. Er musterte sie mit den Augen eines erfahrenen Frauenkenners. So hatte er sie seinerzeit niemals angeschaut. Nun erregte sein Verhalten den unangenehmen Verdacht bei ihr, Charlotte könnte recht haben, was seine Moral betraf.

Nur sekundenlang hielt er ihre ausgestreckte Hand fest. “Danke, dass du mich empfängst”, begann er mit jener tiefen, wohlklingenden Stimme, an die sie sich so gut erinnerte. “Ich weiß, wie schwer es dir fällt. Der Entschluss deines Bruders, seine Tochter in meine Obhut zu geben, muss dich schockiert haben. Sei versichert – ich nehme diese Verantwortung nicht auf die leichte Schulter. Offen gestanden, würde ich lieber darauf verzichten.”

Megan bewunderte seine Ehrlichkeit, und sie war froh, dass er ohne Umschweife zur Sache kam und ihr eine belanglose Konversation ersparte. Höflich bat sie ihn, vor dem Kamin Platz zu nehmen, und ging zu einem Tischchen, auf dem mehrere Karaffen standen. “Darf ich dir eine Erfrischung anbieten, Christian? Vielleicht ein Glas Burgunder?” Als er nickte, fügte sie hinzu: “Im Augenblick ist meine Nichte nicht daheim. Bevor dein Brief eintraf, verließ sie das Haus, um eine Freundin zu besuchen. Aber meine Schwester Charlotte wird sie bald abholen. Das verschafft mir Gelegenheit, dir für die Freundlichkeit zu danken, die du meinem kranken Bruder erwiesen hast – und für deine Mühe, ein christliches Begräbnis für ihn zu arrangieren.” Sie reichte ihm ein gefülltes Glas und setzte sich. “Seltsam, dass er schon seit einigen Monaten tot war, als uns die traurige Nachricht erreichte … Aber ich weiß natürlich, wie lange eine Schiffsreise von Indien nach England dauert.” Während einer kurzen Pause starrte sie in die tanzenden Flammen, dann fragte sie: “Hat er sehr gelitten?”

Bevor er antwortete, zögerte er eine Weile. “Du weißt, dass er eine schwache Konstitution hatte. Als er Italien auf der Flucht vor den Franzosen verlassen musste, wäre es klüger gewesen, er hätte sich zur Rückkehr nach England entschlossen. Nur gesunde Menschen können das indische Klima verkraften. Charles litt an einer schweren Fieberkrankheit …” Da er ihr die unerfreulichen Einzelheiten nicht zumuten wollte, fügte er nur noch hinzu: “Eine Zeit lang dachten wir, er würde sich erholen. Aber sein Körper war zu geschwächt, und letzten Endes starb er friedlich im Schlaf.”

Schweigend beobachtete Megan, wie er sein Glas in einem Zug leerte. Sie ahnte, wie schwierig es gewesen war, ihren todkranken Bruder zu pflegen, und sie wollte keine Fragen mehr stellen. Stattdessen schnitt sie das Thema an, das sie beschäftigte, seit sie Charles’ Testament kannte. “Wie mir dein Anwalt schrieb, hat er meinen Wunsch erfüllt und dir mitgeteilt, Charlotte und ich würden Sophie gern bei uns behalten. Leider verriet er uns nicht, wozu du dich entschlossen hast.”

Er gab keine Antwort und schaute sie nur an. Aus unerklärlichen Gründen beunruhigte sie dieser durchdringende Blick viel mehr als die Bewunderung, die sie bei Christians Ankunft in seinen dunklen Augen gelesen hatte. Sie sah, wie er eine Hand hob, als wollte er in die Tasche seines untadelig geschnittenen Jacketts greifen. Doch besann er sich anders, stand auf und trat ans Fenster. Sie starrte seinen breiten Rücken an und bemerkte die Anspannung in seinen kraftvollen Schultern. Offenbar wurde er von starken Gefühlen beherrscht. Empfand er Zorn oder verletzten Stolz? Und dann schöpfte sie einen bedrückenden Verdacht. “Du darfst nicht glauben, ich würde dich für einen ungeeigneten Vormund meiner Nichte halten.” Wenn er sich auch nicht zu ihr wandte – er musste doch hören, wie aufrichtig ihre Stimme klang. “Aber Sophie lebt seit fünf Jahren bei uns, sie fühlt sich hier zu Hause, und sie hat viele Freunde in der Stadt gefunden. Wie du selbst zugegeben hast, wolltest du die Verantwortung nicht haben …”

“Gewiss, ich habe viele Fehler”, unterbrach er sie schroff. “Doch man kann mir nicht vorwerfen, ich würde mich vor meinen Pflichten drücken.” Sein Gelächter klang hohl und bitter. “Für diese Gesinnung musste ich bereits einen sehr hohen Preis zahlen, meine Liebe.”

Der unverkennbar feindselige Unterton in seiner Stimme jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Anscheinend hegte er einen bösen Groll, aber gegen wen oder was, blieb ihr ein Rätsel.

“Als dein Bruder mich zum Vormund seiner Tochter bestimmte, hatte er seine Gründe”, fuhr er fort und setzte sich wieder zu ihr.

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