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Der Herr im Frack. Johannes Heesters

Über Jürgen Trimborn

Jürgen Trimborn, geboren 1971, Studium der Theater- und Filmwissenschaften, Kunstgeschichte, Germanistik und Philosophie. 1997 Promotion. 1995-2000 Lehrbeauftragter insbesondere zum Film des Dritten Reichs an der Universität zu Köln. Seine Biographie »Riefenstahl. Eine deutsche Karriere« wurde 2003 für den Deutschen Bücherpreis nominiert. Ebenfalls im Aufbau-Verlag erschienen sind seine Biographien zu Arno Breker und Johannes Heesters.

Informationen zum Buch

Bonvivant, Liebling der Frauen, vollendeter Charmeur – das Image von Johannes Heesters wurde in erster Linie von seinen Rollen bestimmt. Jürgen Trimborn sieht hinter die Fassade des »Dauer-Lebemannes«, dem unzählige Affären nachgesagt wurden, der immer perfekte Umgangsformen zeigte und mit einem schier unauslöschlichen Lächeln auf den Lippen alle Schwierigkeiten mit links zu meistern schien. An zentraler Stelle dieser Biographie steht zudem die Frage nach der ambivalenten Rolle, die Heesters im Dritten Reich gespielt hat. Einerseits war er der Paradestar, der sich in den Dienst der Goebbelsschen Ablenkungsmaschinerie stellte, andererseits bewies er wiederholt, dass er seine ablehnende Haltung gegenüber den Nazis nie aufgab. Aufgrund von zahlreichen Quellen und Gesprächen mit Zeitgenossen zeichnet Jürgen Trimborn das facettenreiche Bild eines der größten deutschsprachigen Bühnenstars, dessen neunzigjährigen Laufbahn europäische Theater- und Filmgeschichte spiegelt.

Mit einer ausführlichen Filmographie.

Jürgen Trimborn

Der Herr im Frack
Johannes Heesters

Biographie

Prolog
Ein Leben im Frack

Ich mache mich auf den Weg zu einer Legende. Zu einem Mann, der bereits seit über achtzig Jahren für sein Publikum präsent ist und der es verstand, gleich mehrere Generationen zu bezaubern. Ein Jahrhundertstar, von dem mir einst meine Großmutter vorschwärmte und dessen Filme meine Mutter als junges Mädchen gesehen hat. Der schon über seinen Rückzug nachdachte, als ich geboren wurde, und der heute mit fast hundert Jahren immer noch auf der Bühne und vor den Kameras steht. Dem sein unermüdliches Bühnenengagement 1997 sogar einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde einbrachte, als Schauspieler, der als weltweit ältester »en suite« auf der Bühne gestanden hat. Der nach wie vor eine feste Größe in der Medienlandschaft ist: Johannes Heesters.

Im Flugzeug von Köln nach München, wo ich ihn zum ersten Mal treffen werde, stelle ich mir die Frage, was mich erwartet, welchen Eindruck der Mann – über den ich in den zurückliegenden Wochen und Monaten so viel gelesen habe – in der persönlichen Begegnung auf mich machen wird. Ich habe mir vorgenommen, alles, was mir an Klischees über ihn begegnet ist, hinter mir zu lassen – soweit dies irgend möglich ist. Hinter die Kulissen seiner außergewöhnlichen Karriere zu blicken ist meine Absicht, zu ergründen, was der Privatmann Heesters mit dem öffentlichen Heesters zu tun hat, den Millionen kennen und lieben.

Wenige Stunden später führt mich seine Frau Simone Rethel in die viel zu kleine Garderobe, die man sich mit den anderen Mitgliedern des Ensembles teilen muss, mit dem er zur Zeit Tschechows Kirschgarten spielt. Ein nüchternes Ambiente. Unweigerlich frage ich mich, wie es für Heesters wohl ist, so untergebracht zu sein. Denkt er an die weiträumigen Garderoben des Amsterdamer Paleis voor Volksvlijt, des Berliner Metropol-Theaters oder anderer großer Häuser, an denen er einst gespielt hat und an deren Bühnenausgängen die Frauen scharenweise auf ihn warteten, um ihm zuzujubeln, um ein Autogramm zu ergattern oder ihm unmoralische Angebote zu machen? Nachdem ich mich an den riesigen Kartons mit den Kostümen vorbeigezwängt habe, stehe ich ihm gegenüber und bin verblüfft, nach zweieinhalbstündiger Vorstellung keineswegs einen müden und erschöpften Mann vorzufinden. Nein, Heesters plaudert, in der Hand eine Flasche Mineralwasser, mit einer jungen Kollegin. Er wirkt gelöst, entspannt, zufrieden mit sich und der Welt. Der Applaus seines Publikums hat ihm auch an diesem Abend ganz offensichtlich wieder neue Lebenskraft gegeben.

Schlagartig wird mir bewusst, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Image des eleganten Lebemannes, des liebenswertdraufgängerischen Herzensbrechers auf der einen und dem Menschen Johannes Heesters auf der anderen Seite sein muss. Zwar ist er auch im Privaten ganz der Kavalier alter Schule und entschuldigt sich mit einem Lächeln, dass er zu meiner Begrüßung nicht eigens aufstehe, dennoch ist er hier weit entfernt vom umjubelten und strahlenden Star, wirkt vielmehr nachdenklich, bescheiden. Die Bühnenstimme, in der immer das auftrumpfende Timbre des Operettenkönigs mitschwingt, hat er abgelegt, er spricht leise, langsam, zurückgenommen, mit großem Bedacht. Doch all das schmälert nicht seine Ausstrahlung, ja seinen Charme. Ganz im Gegenteil. Auch in diesem Moment noch, als er kurz vor seinem 99. Geburtstag in der etwas zu großen Strickjacke in der bescheidenen Garderobe vor mir sitzt, kann ich nachvollziehen, warum Millionen von Frauen ihn anhimmelten und von ihm träumten, wenn sie ihn auf der Leinwand oder der Bühne sahen, warum Millionen von Männern sich wünschten, einmal so elegant, formvollendet und weltgewandt zu sein – und einmal solchen Erfolg bei Frauen zu haben wie er.

Spätestens in diesem Moment wird mir bewusst, dass meine Beschäftigung mit Johannes Heesters noch manche Überraschung bringen, dass meine Recherche manch Unerwartetes zu Tage fördern wird. Gerade weil in der Vergangenheit so häufig die Rollen und Klischees mit dem Menschen verwechselt wurden, der hinter diesem Image steht und von dem man letztlich nur wenig weiß, ist es mir wichtig, mit den vielfältig wuchernden Klischees aufzuräumen, um ein möglichst authentisches und facettenreiches Bild des Menschen und Künstlers Johannes Heesters zu zeichnen.

Es ist der 16. November 2002. München-Unterhaching. Tschechows Kirschgarten, jene melancholische Komödie über die Ablösung des Überkommenen durch das Gegenwärtige, des Alten durch das Neue, entstand 1903, im Geburtsjahr von Johannes Heesters. Es ist sicher kein Zufall, dass der hochbetagte Mime kurz vor seinem 99. Geburtstag in einer mehrmonatigen Theatertournee gerade die Rolle des alten Dieners Firs spielt, der ein Symbol der Vergangenheit ist, einer, den man aus Versehen im versteigerten, nun leerstehenden Anwesen vergisst und der beschließt zu sterben, weil er nicht bereit ist, die alte Welt, aus der er stammt und die ihm Heimat war, aufzugeben – wissend, dass es in der neuen Welt keinen Platz mehr für ihn geben wird. Eine große Altersrolle, zweifellos, die Heesters nach seiner langen Schauspielerlaufbahn noch immer mit außergewöhnlicher Bühnenpräsenz, mit markanter und fester Stimme füllt.

Tschechows Kirschgarten demonstriert, wie unüberwindbar die Kluft zwischen der alten und der neuen Welt ist: Auf der einen Seite die in der Vergangenheit lebende Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranewskaja, die unfähig ist, etwas gegen die Zwangsversteigerung ihres Besitzes zu unternehmen, auf der anderen Seite der Kaufmann Jermolaj Alexejewitsch Lopachin, der das Gut, auf dem seine Vorväter noch als Leibeigene gearbeitet haben, erwirbt, es einebnen und den wunderbaren Kirschgarten roden lässt, um darauf eine Reihe schmucker Wochenendhäuser zu errichten. Der alte Firs ist in diesem durcheinandergeratenen Kosmos, inmitten des radikalen Umbruchs, zum Sterben verurteilt. In der neuen Welt wird er niemals ankommen, sein altes Leben aber hat sich aufgelöst, es ist spätestens in dem Moment vorbei, als seine Herrschaft, heimatlos geworden, in alle Winde zerstreut wird, neuen und unklaren Zielen entgegen. Nur er bleibt zurück, legt sich, seiner Kraft und Energie beraubt, zum Sterben nieder, während dumpfe Axthiebe das Ende des Kirschgartens besiegeln. Eine große Szene für Heesters, die letzte des Stücks. Vorher aber darf ihm seine zweite Frau, die Schauspielerin Simone Rethel, noch eine Liebeserklärung auf offener Bühne machen. Sie verkörpert die Rolle der Charlotta Iwanowa, einer eigenwilligen Gouvernante, die ihre Umwelt mit kleinen Zauberkunststücken und mit Bauchreden zum Lachen bringt. Das »Zeit für dich, zu sterben, Großvater«, das Charlotta Iwanowa im Originaltext Tschechows zum alten Firs zu sagen hat, wurde in der Inszenierung gestrichen. Statt dessen darf Simone Rethel gestehen: »Ich liebe Dich, alter Mann.«

Nicht nur Heesters’ Frau, auch der Großteil des Publikums wird in diesem Moment eine tiefe Zuneigung zu dem Mann verspüren, dessentwegen man ins Theater gekommen ist – gerade weil Johannes Heesters nicht, wie der alte Firs, ein ausgedientes Symbol der Vergangenheit ist. Der Blick auf das Leben und insbesondere auf die Alterskarriere dieses großen Mimen wird zeigen, dass Heesters selbst keineswegs ein Mensch ist, der schwelgerisch oder melancholisch der Vergangenheit nachhängt, in Erinnerungen ertrinkt oder an der Gegenwart verzweifelt, sondern der auch noch in hohem Alter voller Neugier auf neue Anregungen und Impulse reagiert, mitten im Berufsleben steht, ein Mann, der zwar durchaus auch ein Symbol der Vergangenheit ist, für den es aber dennoch einen Platz in der Gegenwart gibt und der deshalb plant, seine Karriere auch noch über seinen 100. Geburtstag hinaus fortzusetzen.

Im Unterhachinger Kulturzentrum herrscht an diesem Abend großer Andrang. Schon seit Wochen ist die Vorstellung restlos ausverkauft. Auch mir gelang es nur durch Glück und Zufall, noch eine Karte zu ergattern. Schon an der Kasse bekomme ich zu spüren, wie die Atmosphäre des Abends sein würde. Die anderen Gäste werden namentlich und mit Handschlag begrüßt, keiner versäumt, sich in epischer Breite und in stärkstem bayerischen Dialekt nach den kürzlich geborenen Zwillingen des Kartenverkäufers zu erkundigen. Man kennt sich, es geht familiär zu. Die Gespräche im Foyer offenbaren schnell, dass man gekommen ist, um Johannes Heesters zu sehen. Er ist die Trophäe, die an diesem Abend präsentiert werden soll.

Der Großteil der Besucher ist im Rentenalter, der hohe Anteil von Besucherinnen fällt auf. Das sind sie wohl: Heesters’ Verehrerinnen, Frauen, die den Star schon in ihrer Jugend angehimmelt haben. Johannes Heesters ist für sie eine feste Größe in ihrem Leben, er tritt immer noch auf und strahlt auf der Bühne, während man selbst sich mit manchen Sorgen des Alters herumzuplagen hat. So ist es fast selbstverständlich, dass man heute abend gekommen ist, um ihm seine Reverenz zu erweisen. Man ist gespannt, ob und wie der beinahe Hundertjährige den Abend meistern wird – und kann sich bald schon davon überzeugen, dass er es mit Bravour tut. Und natürlich trägt er auch an diesem Abend das Kleidungsstück, in dem er berühmt geworden ist. Einst erzählte man sich gar die Anekdote, dass der Frack überhaupt erst für Heesters erfunden worden sei, so sehr identifizierte man ihn damit.

Als der Vorhang fällt, tost begeisterter Beifall los. Standing ovations für Heesters, natürlich, die sind für einen Schauspieler in diesem Alter selbstverständlich. Anschließend im Foyer strahlende Augen. An diesem Abend scheinen sich – wenn auch spät – unzählige Jungmädchenträume erfüllt zu haben. Auch wenn man längst mit seinem Jugendidol gealtert ist, man hat ihn leibhaftig auf der Bühne gesehen, endlich. Und kann ein paar Stunden träumen, von damals, als man selbst noch jung und Jopie Heesters als Graf Danilo in Franz Lehárs Operette Die lustige Witwe, oder in seinen vielen anderen Rollen, der Inbegriff des charmanten Lebemannes war, der mit seinem Lächeln die Herzen der Frauen leichtfüßig und im Sturm zu erobern wusste.

Doch warum nimmt Johannes Heesters es trotz seines hohen Alters noch weiter auf sich, auf der Bühne zu stehen? Fernsehauftritte oder kleine Filmrollen alternder Stars sind an der Tagesordnung, nun gut. Aber eine Theatervorstellung, die zwei Stunden oder länger dauert und eine immense Anstrengung bedeutet? Ist ein solches Unterfangen nicht immer potentiell mit der Gefahr verbunden, ins Peinliche abzurutschen? Man denkt unweigerlich an den alten Heinz Rühmann, der bei seinen letzten Fernsehauftritten seltsam verloren und desorientiert wirkte. An Heesters’ frühere Kollegin Marika Rökk, die auch im Alter von 82 Jahren noch meinte über die Bühne wirbeln und Seniorensport betreiben zu müssen. An Zarah Leander, die ihre Karriere mit Auftritten in Möbelhäusern und Einkaufszentren beendete und nur noch wie eine schlechte Parodie ihrer selbst wirkte. An Frank Sinatra, der es mit schief sitzendem Toupet nicht mehr schaffte, den Text »seines« Liedes My Way von riesigen Monitoren abzulesen. Oder an Marlene Dietrich, die mehrmals betrunken von der Bühne stürzte, bis sie sich radikal aus der Öffentlichkeit zurückzog.

In all diesen Fällen ist die Schwelle zwischen Rührung und Mitleid hauchdünn, bleibt trotz des Jubels, der Lobreden und der Standing ovations ein schaler Geschmack zurück. Stets fragt man sich, warum diese Menschen nicht den Mut haben, von der Bühne abzutreten, oder warum es keine Freunde oder Berater gibt, die ihnen klarmachen, dass es an der Zeit sei, aufzuhören, loszulassen, Abschied zu nehmen. Bei Heesters scheint dies anders zu sein. Nicht übersteigerter Ehrgeiz und Starrköpfigkeit oder die Unfähigkeit, aus dem Rampenlicht treten zu können, sind es, die ihn immer wieder auf die Bühne und vor die Kameras treiben. Vielmehr hat er offenbar im tiefsten Innern das Gefühl, dass sein Publikum – und das ist vielleicht das Schönste für einen Menschen, der mit Leib und Seele Schauspieler ist –, ihn noch braucht. Dies ist es offenbar, was Heesters, der, was sein Publikum anlangte, zeitlebens preußische Pflichterfüllung an den Tag legte, heute noch umtreibt. Das Phänomen Johannes Heesters lässt sich nur verstehen, wenn man begreift, wofür er heute noch steht.

Johannes Heesters war der erste Holländer1 in Deutschland, das – wie es einst ein Journalist formulierte – »Haltbarste, was Deutschland je aus Holland importiert hat«.2 Er bezauberte mit seinem Charme und mit seinem unnachahmlichen holländischen Akzent gleich mehrere Generationen von Deutschen. Der Operettentenor, der nach einer beachtlichen Karriere in den Niederlanden und in Belgien über den Umweg der Wiener Volksoper 1935 nach Berlin kam, wurde dank der Liebe, Zuneigung und Bewunderung, die ihm sein Publikum entgegenbrachte, zu einem Dauerbrenner im deutschen Musik- und Theaterbetrieb, im Showbusiness, im Kino wie später auch im Fernsehen. Seine außergewöhnlich lange Laufbahn liest sich wie ein Operettentraum, sein Leben wie eine einzige Erfolgsgeschichte bis ins hohe Alter. Während Großmütter und ihre Töchter gleichermaßen den schmucken, stets perfekt und elegant gekleideten Holländer anhimmelten und davon träumten, sich von ihm ins Traumland der Liebe entführen zu lassen, ist er heute durch seine unermüdliche Tätigkeit und seine ungebrochene Ausstrahlung auch noch den Enkeln ein Begriff. Für sie ist er das Fossil aus einer längst entschwundenen Vergangenheit – und gerade das hält die Faszination für Johannes Heesters nach wie vor am Leben.

Heesters entstammt einer Zeit, in der jede Frau ein süßes Geheimnis hatte und den Männern Avancen machte. Einer Zeit, in der Männer schöne Frauen am geduldigen Klavier bezaubern, in der man tausend Gefühle verbergen muss bis zum ersten seligen Kuss. Die Welt des Johannes Heesters ist eine, die durchs Champagnerglas betrachtet wird, in der das Gute siegt und die Liebe triumphiert. Eine Welt der Grafen und der Grandhotels. Die Welt der Operette und des Pomps, der Sehnsucht, des Verlangens und der Eifersucht, der List und der Tücke, der Verwicklungen, Verwechslungen und Intrigen, der kitschigen Gefühle. Ein schillernder, zu Herzen gehender Kosmos des schönen Scheins und der Sinnenfreuden, in der sich alle zeitweiligen, meist nur oberflächlichen Konflikte schon bald in Harmonie und Wohlgefallen auflösen. Eine Zauber- und Märchenwelt, in die über Jahrzehnte Millionen von Menschen nur zu gern vor dem grauen Alltag flüchteten: »Wie betörend dieser exotische Flitterglanz und farbenprächtige Kitsch! Wie wohltuend, sich erstaunen zu lassen, der Rührung nachzugeben, gefühlsselig zu schwärmen, Träumen nachzuhängen!«3

Schon der Klang seines Namens löst bestimmte Assoziationen aus. Wer den Namen Johannes Heesters hört, sieht den hocheleganten Bonvivant im maßgeschneiderten Frack vor sich, der weiße Handschuhe trägt, den Zylinder lässig auf dem Kopf, den Spazierstock in der Hand balancierend und sich den schneeweißen Schal über die Schulter werfend, so grazil, wie nur Heesters es vermochte. Wer den Namen Johannes Heesters hört, meint die Eiswürfel in den Champagnerkühlern klirren zu hören und hat auch schon die großen Melodien auf den Lippen, die Heesters berühmt machten – oder die er berühmt machte: Heut’ geh’ ich ins Maxim, Man müsste Klavier spielen können, Es kommt auf die Sekunde an bei einer schönen Frau, Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen, Wunderschön ist es, verliebt zu sein, Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen oder Ein Glück, dass man sich so verlieben kann. Man denkt an seine großen Rollen, den Grafen Danilo Danilowitsch in Franz Lehárs Die lustige Witwe, den Grafen Tassilo in Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza, den Ulrich Hansen in Friedrich Schröders Hochzeitsnacht im Paradies, den Georges Duroy in Peter Kreuders Bel Ami, den Honoré Lachailles in Frederick Loewes Gigi oder René, den Grafen von Luxemburg in Lehárs gleichnamiger Operette. Oder man denkt an seine großen Filme: Der Bettelstudent und Gasparone, Hallo Janine und Glück bei Frauen, Jenny und der Herr im Frack und Illusion, Die Fledermaus, Die Csárdásfürstin oder aber Opernball.

Die Hochzeit der fulminanten Karriere Heesters’ waren die dreißiger und vierziger Jahre. Mit den meisten Filmen, die er in der Nachkriegszeit drehte, konnte er nicht mehr an diese Erfolge anknüpfen. Die Welt, der Heesters entstammte, begann zu bröckeln und bald schon ganz zu verschwinden. Für viele blieb er das letzte Relikt aus dieser Zeit, eine lebende Hommage an eine untergegangene Welt, die sich hervorragend zur Verklärung eignete. Dennoch verschwand er niemals ganz von der Bildfläche, brauchte, da es nie still um ihn wurde, nie ein Comeback zu starten. Seine Karriere verlagerte sich lediglich – vom Film zurück auf die Bühne und bald auch schon ins Fernsehen, so dass er mit zahlreichen eigenen Shows, Fernsehfilmen und Gastauftritten auch dem nachwachsenden Publikum ein Begriff blieb. Die heutige Begeisterung für Johannes Heesters hat nicht zuletzt mit seinem erfolgreichen Wechsel ins Charakterfach zu tun. Mit seinem Auftreten in Stücken wie Casanova auf Schloss Dux, in Curth Flatows Ein gesegnetes Alter und schließlich in Tschechows Kirschgarten blieb er präsent. Schaffensfreudig wie eh und je, beabsichtigt er sogar, seine Karriere bis zu seinem einhundertsten Geburtstag und darüber hinaus fortzusetzen, was nur durch die tatkräftige Unterstützung seiner zweiten Frau Simone Rethel überhaupt erst ermöglicht wird. Sein Charme, für den er einst berühmt geworden ist, scheint tatsächlich unverwüstlich zu sein.

Anders als bei Künstlern des Dritten Reiches wie etwa Leni Riefenstahl oder Veit Harlan, die zutiefst in die Machenschaften des Regimes verstrickt waren und sich so offensichtlich von den Verlockungen der Macht haben korrumpieren lassen, stellt es eine besondere Herausforderung dar, das Leben eines Schauspielers zu beleuchten, dessen Karriere auf den ersten Blick weit weniger problematisch erscheint, der sich nicht für Propagandastreifen hergab und lediglich Filme gedreht, Stücke gespielt und Lieder gesungen hat, deren herausragendste Eigenschaft es war, unpolitisch zu sein. Doch inwieweit hat auch Heesters vom NS-Regime profitiert und es durch seine Arbeit gestützt? Zu welchen Zugeständnissen war er für seine Karriere bereit? Inwieweit kann und darf man ihm Vorwürfe machen?

In den neun Jahren seiner Karriere in Nazi-Deutschland war Johannes Heesters ein fest etablierter Star. Innerhalb kürzester Zeit hatte er erreicht, dass das deutsche Publikum seinetwegen ins Kino ging und Millionen Menschen seine Lieder kannten, was seinen Status schnell sicherte und ihm gewisse Privilegien verschaffte. Dennoch verlief hinter den Kulissen nicht alles so reibungslos, wie es auf den ersten Blick scheint, denn es gab in dieser Zeit sehr wohl Widersprüche und Spannungen. So hatte sich Heesters im Mai 1941 zwar von der SS dazu instrumentalisieren lassen, das Konzentrationslager Dachau zu besuchen, andererseits jedoch reiste er 1938 ohne die Genehmigung der zuständigen NS-Behörden nach Holland, um dort mit einem Ensemble geflohener jüdischer Schauspieler die Gräfin Mariza des in Deutschland verbotenen Komponisten Emmerich Kálmán zu spielen, und zog sich damit den Zorn des Propagandaministers zu.

Neben unzähligen Zeitungsberichten und Kritiken, zahlreichen Dokumenten aus dem Bundesarchiv Berlin oder anderen film- und musikwissenschaftlichen Archiven, die das Fundament dieses Buches bilden, haben Interviews und Gespräche mit Heesters’ Kollegen wie Anneliese Rothenberger, Peter Alexander, Marika Rökk, Margot Hielscher, Carola Höhn, Ilse Werner und Marcel Prawy, mit seinen Regisseuren oder Produzenten, so etwa mit Artur Brauner oder Gyula Trebitsch, die Recherche bereichert.

Aber nicht nur die Karriere und das öffentliche Leben, vor allem der private Johannes Heesters interessierte mich, wenn mir auch von Beginn an klar war, dass dies ein schwierigeres Unterfangen sein würde, als die Stationen seiner beruflichen Laufbahn nachzuzeichnen. Wer ist der Mensch hinter dem Image des strahlenden Lebemannes? Wie weit kongruieren Leben und Image? Welche Brüche, welche Übereinstimmungen gibt es? Heesters hat über weite Strecken seines Lebens sein Privatleben abgeschirmt, es ist ihm fast ausnahmslos gelungen, Skandale zu vermeiden. Die im Kollegenkreis kursierenden Gerüchte über seine angeblichen Affären drangen selten an die Öffentlichkeit. Heesters gab nicht nur auf der Leinwand und in seinen Bühnenauftritten den charmanten Bonvivant, der die Frauen verehrt, sie aber niemals verletzt, sondern genau dies machte auch sein Image als Privatmann aus und kam bei seinen Fans gut an. Sein Leben jenseits der Bühne, jenseits des Images des Galans und Bonvivants, war dagegen leise, diszipliniert, unaufgeregt. Auf der Bühne bediente er sein Image, egal ob vor seinem holländischen, dem österreichischen oder dem deutschen Publikum – oder vor Hitler, dessen Lieblingsschauspieler Heesters war. Danach schminkte er sich ab, zog den Frack aus und ging nach Hause. Die Gespräche mit seiner zweiten Frau Simone, seinen Töchtern Wiesje und Nicole, seinen Enkeln und Menschen, die ihn auch aus dem privaten Erleben kennen, und nicht zuletzt mit Heesters selbst brachten zum Vorschein, dass der strahlende Ufa-Star vergangener Tage zeitlebens eher ein Skeptiker, ein nachdenklicher und besonnener Mensch war. Aber vielleicht sind genau das zwei Seiten, die immer unweigerlich zusammenhängen: »Denn der Mensch ist dazu gemacht, Gegensätze zu vereinigen. Er ist nicht dies, sondern immer dies und das Gegenteil davon« (Egon Friedell).

Der persönliche Zugang zu Heesters und seiner Familie, das war mir von Beginn an klar, war von entscheidender Bedeutung, um ein möglichst tiefenscharfes Bild des Menschen Johannes Heesters zeichnen zu können, denn viele Fragen zu den Hintergründen seiner Karriere oder zum Privatleben Heesters’ konnten nur durch die Auskünfte der Familie oder ihn selbst beantwortet werden. Ursprünglich war Heesters durchaus skeptisch, als ich ihm mitteilte, dass ich ein Buch über ihn schreiben wolle – schließlich, so wandte er im ersten Telefonat ein, sei doch gerade eine neue Ausgabe seiner Memoiren erschienen. Was sei schon noch mehr über ihn zu sagen? Sicherlich schwang in dieser ersten, reflexartigen Ablehnung auch das nachvollziehbare Bedenken mit, das damit verbunden ist, wenn sich ein anderer Mensch des eigenen Lebens zu bemächtigen versucht, anfängt zu graben, einen neuen Zugang zu finden, Wertungen vorzunehmen und Fragen zu stellen, denen man vielleicht selbst lieber ausweichen würde. Die Angst auch vor Indiskretionen sicherlich. Doch spätestens mit der ersten persönlichen Begegnung war das Eis gebrochen, war klar, dass es eine wie auch immer geartete Unterstützung meiner Recherche geben würde. Als ungemein positive Erfahrung verbuche ich es, dass dies in der Folgezeit geschah, ohne dass in irgendeiner Weise versucht wurde, Einfluss auf die Darstellung zu nehmen, ohne dass Bedingungen an die geleistete Unterstützung geknüpft wurden.

Heesters’ Popularität ist auch im hohen Alter fraglos ungebrochen. Das überwältigende Medienecho zu seinem 99. Geburtstag, das von Berichten und Homestories der Boulevardpresse bis hin zu Würdigungen in den Feuilletons der großen Zeitungen reichte, belegt dies. Auch das ist für Heesters charakteristisch. Er war zeitlebens ein Mensch, der Gegensätze vereinte. Sein Charme half ihm einst, Ländergrenzen spielerisch zu überwinden, er war in den Niederlanden und Belgien ebenso populär wie später in Deutschland und Österreich. Nur der Rückweg war ihm versperrt, die Holländer verziehen ihrem Landsmann nie, dass er Karriere in Nazideutschland machte, während Hitlers Truppen sein Heimatland okkupierten.

Wenn man bedenkt, wie beispielhaft Heesters’ Leben für das 20. Jahrhundert ist, wie wenig sein Name aus der Geschichte der Operette und des Theaters, des Films, des Fernsehens, aber auch der Musikgeschichte wegzudenken ist, wie sehr er diese Bereiche der modernen Medienkultur mitgeprägt hat und wie präsent sein Name auch heute noch ist, dann verwundert es, dass dies die erste Biographie dieses Mannes ist. Das Thema bietet Chancen, die vielleicht erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Denn die Biographie des Johannes Heesters weitet sich zu einem Panorama des ganzen zurückliegenden Jahrhunderts, sie lässt eine Welt wiederauferstehen, die zwar längst untergegangen ist, aber immer noch fasziniert.

Teil I
Ein überzeugter Holländer
(1903–1934)

1.
»Nichts als Kaufleute«
Kindheit und Jugend in Amersfoort, Baarn und Amsterdam

Spurensuche vor Ort. Amersfoort im Nordosten der niederländischen Provinz Utrecht. Heute eine florierende Stadt, nur noch der Stadtkern erinnert an das Amersfoort von einst, in dem Johannes Heesters 1903 zur Welt kam. Um heute in Heesters’ Geburtsstadt zu kommen, fährt man über die Autobahn, die vom niederländischen Maastricht an Eindhoven und ’s-Hertogenbosch in der Provinz Noord-Brabant vorbeiführt, durch den westlichen Zipfel der Provinz Gelderland, weiter nordwärts Richtung Utrecht, der kleinsten der niederländischen Provinzen, die man erreicht hat, nachdem man die Lek, den südlichen Grenzfluss, hinter sich gelassen hat. Bei Utrecht, einer der bedeutenden Universitätsstädte der Niederlande, führt die Straße durch eine bewaldete Hügellandschaft mit für die Niederlande beachtlichen Höhen geradewegs zum nordöstlich der Provinzhauptstadt gelegenen Amersfoort, vorbei an pittoresken Dörfern und Gehöften, windgeschützt hinter Bäumen und Hecken versteckt, und den so charakteristischen weltberühmten Windmühlen.

Die ursprüngliche Landschaft dieser Gegend, die noch Heesters’ Kindheit prägte, ist durch die stetige Bevölkerungszunahme in den letzten hundert Jahren grundlegend, ja beinahe dramatisch verändert worden. Die Wälder wurden abgeholzt, um Weideland für das Vieh zu schaffen, und durch den Torfabbau, das sogenannte Torfstechen, verschwanden die Moore. Bereits im 18. Jahrhundert florierte in der Provinz Utrecht die Wirtschaft, reiche Bürger des Landes ließen sich hier nieder und bauten sich prächtige Landsitze. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts brachte weiteren Aufschwung für die Gegend, und im 20. Jahrhundert kam es zu einer sukzessiven Verstädterung des Landstrichs, der Entstehung von Ballungsräumen und einem dadurch bedingten stetigen Ausbau der Infrastruktur. Auch wenn das von Wald und Heidelandschaften geprägte Umland von Amersfoort auf diese Weise stark verändert wurde und Platz für die unzähligen neuen Ortsteile und Industriegebiete, Kasernen und den Militärflughafen der Stadt machen musste, ist der historische Stadtkern, an dessen westlichem Rand Heesters vor einhundert Jahren geboren wurde und seine ersten sieben Lebensjahre verbrachte, beinahe vollständig erhalten geblieben. Noch heute ist der Kern der über tausend Jahre alten Garnisonsstadt von einem Grachtenring eingefasst, an dem entlang einst die Stadtmauer verlief. Einige der mächtigen, die Eem überspannenden Torbauten haben den Abbruch der Befestigungsanlage im Jahre 1829 überlebt und zeugen vom Reichtum Amersfoorts im Mittelalter, als Tuchmacher, Bierbrauer, Tabakbauern und Händler für Wohlstand sorgten. Schon damals unterhielt die Stadt weitreichende Handelsbeziehungen, die zur Aufnahme in die Norddeutsche Hanse führten. Auf den Überresten der einstigen Stadtmauer wurden später die sogenannten Muurhuizen, Mauerhäuser, errichtet, die ebenso wie die alten innerstädtischen Giebelhäuser, die altertümlich anmutenden schmalen Gassen und Plätze und die winzigen, idyllischen Gärten bis heute ausnahmslos erhalten und liebevoll instand gesetzt worden sind. Wahrzeichen Amersfoorts ist nach wie vor der markante, einhundert Meter hohe Lange Jan, wie der um 1500 entstandene Turm der im spätgotischen Stil errichteten Amersfoorter Liebfrauenkirche Onze Lieve Vrouwen, im Südwesten der malerischen Altstadt gelegen, auch genannt wird. Von hier aus kann man an klaren Tagen bis nach Utrecht schauen. Die dazugehörige Kirche, die einst als Pulverlager zweckentfremdet worden war, flog 1787 bei einer Explosion in die Luft. Seitdem ist die mehr im Zentrum der Altstadt gelegene, im 13. Jahrhundert erbaute St. Joris-Kerk, auch Grote Kerk genannt, die Hauptkirche der Amersfoorter Bevölkerung. Noch heute kann man hier das für die Niederlande typische Glockenspiel der Kirche hören, das von François Hemony, einem der berühmtesten Glockengießer des 17. Jahrhunderts, geschaffen wurde. Schon in Heesters’ Kindheit rief es die Menschen zum Gottesdienst.1

Die Amersfoorter, die heute mit dem Slogan »Stad met een hart«, Stadt mit Herz, werben, sind stolz auf ihre Stadt und deren lange Geschichte – und wahren deren Traditionen. Das stadthistorische Museum Flehite, im Nordwesten der Altstadt, unweit des Havik, des einstigen Hafens von Amersfoort, gelegen, bestand schon in Heesters’ Kindertagen und erinnert an die reiche Vergangenheit der Stadt. Und das jährliche Keistadtfest, das man zu Ehren des Amersfoortse kei, des Amersfoorter Steins, eines großen Findlings, veranstaltet, gibt es sogar bereits seit 1661.

Auf prominente Söhne und Töchter der Stadt verweist man gern. Etwa auf jenen Ratspensionär John van Oldenbarneveldt, der in Zeiten des langen Unabhängigkeitskampfs gegen die spanische Herrschaft so wichtig für die Geschicke Hollands war und als einer der führenden Minister und Vordenker der jungen niederländischen Republik galt, bis er 1619 aufgrund des Vorwurfs, er habe den Religionsfrieden gestört, zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Aber nicht nur auf historische Gestalten, auch auf Künstler des 20. Jahrhunderts, die aus Amersfoort stammen, ist man stolz. So erinnert etwa das Mondrianhuis daran, dass Piet Mondrian, einer der Wegbereiter der abstrakten Malerei, ein gebürtiger Amersfoorter war.

An einen anderen großen Sohn der Stadt, Johannes Heesters, erinnert heute jedoch nichts, ihm hat man auch in Amersfoort nicht verziehen, dass er in den dreißiger Jahren sein Heimatland verlassen und in Nazideutschland Karriere gemacht hat. An seinem Geburtshaus in der Puntenburgerlaan, im westlich der Altstadt gelegenen Viertel Soesterkwartier, das um die Jahrhundertwende jenseits der neu errichteten Eisenbahnlinie nach Amsterdam erbaut wurde und von wo aus man geradewegs bis zum Langen Jan schauen kann, verweist heute keine Tafel auf den berühmten Amersfoorter. Die Erinnerung an ihn ist hier beinahe vollständig verblasst, auch im nur einige Gehminuten vom ehemaligen Refugium der Familie Heesters entfernten, in der Snoukaertlaan gelegenen Kinopalast Grand Théâtre Amersfoort kennt niemand den Namen Heesters. Mögen die älteren Amersfoorter in den dreißiger und vierziger Jahren noch die Filme gesehen haben, die Heesters in Deutschland gedreht hat und die auch in den Kinos der Niederlande gezeigt wurden, die meisten jüngeren Amersfoorter wissen nicht, dass der Mann, der als der berühmteste Holländer in Deutschland gilt, hier, in ihrer Stadt, geboren wurde.

Damals, in einer Zeit, als man noch wesentlich weniger mobil war als heute, lebte und arbeitete man in Amersfoort. Hier, wo man geboren worden war und wo man »hingehörte«, war auch der Lebensmittelpunkt. Fernweh war ein Gefühl, das nur die wenigsten kannten. So war es noch bei Heesters’ Urgroßeltern und seinen Großeltern, die Amersfoort nie verließen und niemals weit über die Stadtgrenzen hinausgekommen sind. Heesters’ Eltern gehörten zur ersten Generation, die aus der Stadt ihrer Vorfahren aufbrachen, um in Amsterdam ihr Glück zu versuchen. Damals stellten die fünfzig Kilometer nach Amsterdam noch eine kleine Weltreise dar. Heute pendeln viele Amersfoorter zur Arbeit in die Metropole, die durch die gewaltige Expansion und die Ausweitung ihres Einzugsbereichs immer näher gerückt ist. In Amersfoort leben heute über 100 000 Menschen. Der Baedeker-Reiseführer Holland und Belgien aus dem Jahre 1905, zwei Jahre nach Heesters Geburt erschienen, beschreibt Amersfoort noch als eine »Industriestadt mit 16 000 Einwohnern, gelegen an der Eem, inmitten eines sandigen Gebiets«.2

Damals, als Heesters noch als kleiner Junge durch die Straßen von Amersfoort lief, konnte niemand ahnen, welchen Weg der Sohn einer angesehenen Kaufmannsfamilie einmal einschlagen würde. Nichts von dem, was kommen sollte, war vorgezeichnet. Erst der spätere Umzug nach Amsterdam sollte die Impulse bringen, die dazu führten, dass er die Herkunft aus der Provinz sowie das Kaufmannsmilieu seiner Familie hinter sich ließ, jedoch ohne seine Wurzeln zu vergessen.

Der »Alleshandel« in der Puntenburgerlaan

Johannes Heesters wurde am 5. Dezember 1903 abends um elf Uhr geboren. In den Niederlanden ist dies traditionsgemäß ein ganz besonderer Abend, der Nikolausabend, der Tag vor Sinter Klaas, wie man ihn in Holland nennt. Wie in Deutschland und großen Teilen West- und Südeuropas ist dieses Fest auch hier vor allem den Kindern gewidmet, eine Tradition, die in den Niederlanden ganz besonders gepflegt wird, denn der heilige Nikolaus, im 11. Jahrhundert zum Schutzpatron der Seefahrer erkoren, genießt in der Seefahrernation ein hohes Ansehen.3 Am Abend vor Sinter Klaas, dem sogenannten Pakjesavond, Päckchenabend, stellt man die sorgfältig gereinigten Schuhe vor die Tür, in der Hoffnung, dass der heilige Nikolaus diese mit vielen Geschenken füllt. In Amersfoort griff man damals noch, wie überall in der niederländischen Provinz, zu den landestypischen Holzschuhen, Klompen genannt. Diese einfach herzustellenden, äußerst haltbaren und strapazierfähigen Schuhe, die heute längst zu einem beliebten Holland-Souvenir und Wahrzeichen des Landes geworden sind, waren die traditionelle Fußbekleidung des Landvolkes – und ein Kleidungsstück, über das sich die Städter bereits lustig machten: »Klompenvolk« war seit dem 19. Jahrhundert das Schimpfwort für die holländische Landbevölkerung.

Wenn man Glück hatte, konnte man am nächsten Morgen Geschenke in den Schuhen vorfinden. In Holland glauben die Kinder, dass der Sinter Klaas und sein Diener, der Zwarte Piet, das Jahr über in Spanien leben und ein großes Buch führen, in dem sie die guten und schlechten Taten der Kinder festhalten. Von da aus machen sich die beiden dann mit einem großen Schiff nach Amsterdam auf, wo sie von der Königin und dem Bürgermeister empfangen werden. Während Nikolaus auf einem weißen Pferd durch die Städte und über das Land zieht, steigt sein Diener, der Schwarze Piet, durch die rußigen Kamine und verteilt die Geschenke.

Bei den Heesters’, einer Kaufmannsfamilie, stellten an diesem Nikolausabend die drei Söhne zwar auch ihre Klompen vor die Tür, doch sie interessierten sich an diesem Abend viel mehr für das, was sich im Haus ereignete: die Geburt eines weiteren Kindes, wiederum eines Jungen, der – wenn auch nur mit dem dritten Vornamen – immer an seine Geburt am Nikolausabend erinnert werden sollte, Johan Marius Nicolaas, der später unter dem Namen Johannes Heesters in Deutschland bekannt werden sollte.

Zwei Tage nach der Geburt, am 7. Dezember, teilten der 37jährige Jacobus Heesters und seine zwei Jahre jüngere Frau Geertruida Jacoba van den Heuvel der Gemeinde Amersfoort die Geburt ihres vierten Sohnes mit, worauf die Geburtsurkunde ausgestellt und der neue Erdenbürger in das Bevolkingsregister Amersfoort aufgenommen wurde.4 Jacobus und Geertruida, beide gebürtige Amersfoorter, hatten zehn Jahre zuvor, am 18. Oktober 1893, geheiratet.5 Als Trauzeugen fungierten die beiden Väter der Eheleute: der 72jährige Cornelis Heesters, Kaufmann wie sein Sohn, und der 64jährige Jacob van den Heuvel, von Beruf Grobschmied. Der 27jährige Jacobus hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon als Kaufmann eine Existenz aufgebaut. Die zwei Jahre jüngere Geertruida hatte bis zur Heirat als Näherin gearbeitet, gab nun aber ihren Beruf auf, wurde ganz Ehefrau und Mutter, wie es die Gesetze der Provinz in dieser Zeit noch wollten. Dem niederländischen Brauch folgend, behielt Geertruida Heesters auch nach der Heirat ihren Mädchennamen zusätzlich bei, in offiziellen Dokumenten wurde sie zeitlebens als Geertruida Jacoba van den Heuvel geführt.

Zum Zeitpunkt der Hochzeit war Geertruida bereits im siebten Monat schwanger. Zwei Monate nach der Eheschließung wurde der älteste Sohn Cornelis Johannes Joseph (genannt Cor) geboren, just am 25. Dezember 1893, an dem man nicht nur den ersten Weihnachtstag, sondern auch noch den achtundzwanzigsten Geburtstag des frischgebackenen Vaters feierte. Natürlich war der erstgeborene Sohn für den stolzen Vater das schönste Geburtstags- und Weihnachtsgeschenk. Vier Jahre sollte es dauern, bis Geertruida erneut schwanger wurde. Am 7. April 1897 wurde ihr zweites Kind geboren, wiederum ein Sohn, den die Eltern nach dem Vater auf den Namen Jacobus Antonius (genannt Jacob) tauften. Auch beim dritten Kind ging Geertruidas Wunsch nach einer Tochter nicht in Erfüllung. Am 1. Februar 1900 wurde der dritte Sohn geboren, Jacobus Wilhelmus Cornelis (genannt Nico). Und zwei Jahre später, am 19. Februar 1902, wurde endlich die langersehnte Tochter geboren.6 Das auf den Namen Johanna Maria getaufte Mädchen sollte jedoch das Säuglingsalter nicht überleben. Bereits vier Monate später, am 20. Juni 1902, wurde im Einwohnerregister von Amersfoort ihr Tod verzeichnet. Die genaue Todesursache ist unbekannt.7

Die Geburt von Johan Heesters, der von Kindesbeinen an mit dem Kosenamen »Jopie« gerufen wurde, war traditionsgemäß als Hausgeburt durchgeführt worden, auch seine drei älteren Brüder und die verstorbene Schwester waren in dem geräumigen Haus in der Puntenburgerlaan geboren worden, in dessen Erdgeschoss sich das Geschäft der Familie Heesters befand. Im Haus hatten neben der nunmehr sechsköpfigen Familie von Jacobus Heesters zeitweilig auch noch zwei seiner Brüder gelebt, der jüngere Bruder Godefridus, Jahrgang 1875, sowie Wilhelmus, Jahrgang 1863. Beide waren ebenso wie Jacobus Heesters in die Fußstapfen des Vaters getreten und hatten den Kaufmannsberuf ergriffen, das Haus ihres Bruders jedoch noch vor Johans Geburt wieder verlassen. Wilhelmus war 1899 nach Leusden gezogen, damals noch ein kleines Dorf, unmittelbar südöstlich vor den Toren Amersfoorts gelegen, um dort eine eigene Familie zu gründen, Godefridus hatte seine Geburtsstadt verlassen, um zur See zu fahren.8 Der Beruf des Kaufmanns, den Jacobus Heesters, sein Vater und seine Brüder und viele weitere nähere und fernere Verwandte ausübten, hatte in den Niederlanden durch die Kolonien und die weitreichenden Handelsbeziehungen schon seit Jahrhunderten einen großen Stellenwert, und insofern genossen die Heesters in Amersfoort ein hohes Ansehen.

Jacobus Heesters hatte sich, nachdem er bei seinem Vater Cornelis in die Lehre gegangen war, in seiner Geburtsstadt mit einem eigenen Geschäft selbständig gemacht – im neu errichteten Stadtviertel Soesterkwartier, in dem es zu jener Zeit noch so gut wie keine Geschäfte gab. Er besaß das, was man damals in der niederländischen Provinz einen »Alleshandel« nannte, in dem neben einer breiten Palette von Lebensmitteln auch das Wichtigste angeboten wurde, was man sonst noch zum Leben brauchte: »Zucker, Salz, Mehl, herrlich duftende Gewürze aus der ganzen Welt, aber auch Tongefäße, Zwirne, Wolle und Textilien gehörten zum Angebot.«9 Der Andrang war groß, das Geschäft in dem Eckhaus in der Puntenburgerlaan lief gut, es war »das größte am Platze«10, wie sich Johannes Heesters später erinnerte. Jacobus Heesters war ein geschickter Kaufmann, der den Bauern, Handwerkern und Manufakturen der Gegend ihre Waren abnahm und sie gewinnbringend weiterverkaufte. Seine Kunden behandelte er höflich und zuvorkommend. Er war stolz auf sein florierendes Geschäft und investierte auch in eine ansprechende Präsentation der Waren: »Unsere Geschäftsräume in Amersfoort konnten sich sehen lassen. Mit Säulen und feinen Holzregalen, langen Ladentischen und Spiegelwänden hinter Glastüren machten die hohen Räume schon Eindruck.«11 In einem solchen Ambiente gelang es Vater Heesters, seine Kunden, die froh waren, dass sie zum Einkaufen nicht bis in das einen Fußmarsch von zwanzig Minuten entfernte Zentrum laufen mussten, manches Mal auch dazu zu überreden, Dinge zu kaufen, die im bescheidenen Amersfoort einen Luxus darstellten, wie zum Beispiel Zigarren der allerbesten Qualität: »Den Verlockungen meines Vaters konnte über kurz oder lang keiner widerstehen.«12

Der Alleshandel von Jacobus Heesters war eine wichtige Anlaufstätte in dem kleinen Städtchen, den Namen Heesters kannte folglich jedes Kind. Für den geschäftstüchtigen Jacobus war es selbstverständlich, dass er an Markttagen seine Waren auch im Freien feilbot. Hierzu hatte er eigens zwei Pferde und einen hölzernen Wagen angeschafft, der Woche für Woche hoch mit den Warenkörben beladen wurde, deren Inhalt dann auf den Verkaufstischen des Amersfoorter Marktes, wo buntes und geschäftiges Treiben herrschte, ausgebreitet wurde. Seine drei Söhne begleiteten ihn an diesen Tagen, wie sie auch sonst im Geschäft des Vaters mithalfen und Besorgungen oder Auslieferungen für ihn erledigten, so wie sie es je nach Alter, Körperkraft und Fähigkeit vermochten: »Wir Jungens mussten helfen, und es hat immer riesigen Spaß gemacht«, erinnert sich Johannes Heesters später.13

Wenn Jacobus mittags und abends mit seinen vier Kindern vom Markt oder aus dem Geschäft in die im Obergeschoss des Hauses gelegene Wohnung kam, stand pünktlich das Essen auf dem Tisch. Die Rollenverteilung in der Familie war klar, die Aufgaben strikt getrennt. Während Jacobus für das Geschäft zuständig war und für den Unterhalt der Familie sorgte, war Geertruida für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig. Gemäß der traditionellen Vorstellungen, die Jacobus’ vier Söhne später weitgehend unverändert übernehmen sollten, hatte sie nur für die Familie zu leben und für das Wohl ihres Mannes und ihrer Kinder zu sorgen.

Das Familienleben der Heesters war entspannt und harmonisch, Streitigkeiten gab es kaum. Im Gegenteil, meist herrschte gute Laune, und es wurde viel gelacht. Jacobus machte sich gern einen Spaß daraus, abends seiner Frau und seinen Söhnen vorzuspielen, wie er tagsüber seine Kunden umschmeichelt und zum Kauf von Dingen überredet hat, die sie eigentlich gar nicht hatten kaufen wollen. Dennoch brachte er seinen Söhnen, von denen drei später selbst im kaufmännischen Bereich arbeiten sollten, bei, dass der Kunde stets König zu sein hat und man den Menschen herzlich und offen begegnen muss, wenn man Erfolg haben, wenn man ankommen und etwas erreichen will.

Auch wenn es den Heesters in dieser Zeit durch das florierende Geschäft gut ging, hielt Jacobus die Familie an, sparsam zu leben. Von unnötigem Luxus hielt man im Hause Heesters nichts. Selbst die Brüder des Vaters, deren kaufmännisches Geschick noch stärker ausgeprägt war und die es zu ansehnlichen Vermögen gebracht hatten, lebten verhältnismäßig bescheiden: »Meine Onkel haben es mit ihrem Kaufmannstalent zu holländischen Millionären gebracht. Leider waren sie alle geizig, besonders einer, der einen Eisenhandel betrieb und die Hufeisen auf Wunsch noch selbst beschlug – gegen Extrabezahlung versteht sich.«14 Diese Bodenständigkeit war eine prägende Erfahrung, denn auch als aus dem kleinen Jopie längst der gut verdienende Filmstar Johannes Heesters geworden und er durch seine Bühnenengagements, Filmgagen und Schallplattenverträge zum Großverdiener aufgestiegen war, blieb er der sprichwörtlichen holländischen Sparsamkeit treu. Ein Mann der großen Trinkgelder war Heesters nie.

Zu seinen drei Brüdern, auch wenn sie teilweise erheblich älter waren als er, hatte Johan von klein auf ein gutes Verhältnis. Die vier Heesters-Sprösslinge bildeten eine eingeschworene Gemeinschaft: »Trotz unseres Altersunterschiedes, der sich auch in ganz unterschiedlichen Interessen bemerkbar machte, hielten wir Brüder zusammen.«15 Sein Lieblingsbruder wurde und blieb zeitlebens Cor, der Älteste, der später auch mit großem Stolz die Karriere des jüngsten Bruders verfolgte.16 Jopie genoss es, in dem zehn Jahre Älteren einen Beschützer und Aufpasser zu haben, und Cor liebte seinen kleinen Bruder über alles. Während seine Brüder vormittags in die Schule mussten, hatte Johan Zeit, das unbeschwerte Leben zu genießen und mit seinen gleichaltrigen Spielkameraden die Stadt und das Umland zu erkunden. Die Überreste der abgebrochenen mittelalterlichen Befestigungsanlagen waren für ihn, wie für Generationen von Kindern, die in Amersfoort aufwuchsen, ein wunderbarer Abenteuerspielplatz. Eine wichtige Kindheitserinnerung verknüpft sich zudem mit dem Besteigen des Langen Jan, des Turms der Liebfrauenkirche, von dem aus man weit über die engen Grenzen des Städtchens hinausblicken konnte: »Nicht, dass ich Fernweh gehabt hätte, aber neugierig, gierig nach neuen Eindrücken und Erfahrungen war ich wohl schon damals«, so Heesters später.17

Ebenso liebte er es, mit seinen Freunden durch die nähere Umgebung der Stadt zu streifen und die sanften, nur knapp fünfzig Meter hohen Hügel zu erklimmen, die von den Bewohnern des flachen Landstrichs als »Berge« bezeichnet werden. Von hier aus konnte man über die Wälder und Weiden blicken, die sich um Amersfoort erstrecken, und den Verlauf der Eem verfolgen, jenes Flüsschens, das erst in der Höhe von Amersfoort durch die Vereinigung mehrerer kleinerer Bäche entsteht und das der Stadt einst seinen Namen gegeben hat, denn Amersfoort heißt nichts anderes als »Furt an der Eem«. Heesters behielt diese Gegend zeitlebens als »lieblich und romantisch« in Erinnerung, sie erschien ihm wie ein »riesiger grüner Park mit ansehnlichen Hügeln«.18

Der von den Niederländern Gooi oder Gooiland genannte Landstrich war traditionell das Erholungsgebiet der Amsterdamer, aber auch viele Künstler fühlten sich von dieser Landschaft angezogen. 1903, in Heesters’ Geburtsjahr, unternahm Gustav Mahler eine Reise durch Holland und schilderte dem befreundeten Wiener Maler Carl Moll schwärmerisch seine Eindrücke: »Man kann verstehen, warum sich Maler in diesem Land zuhause fühlen! Bunte Häuser, Weiden, Kühe, Windmühlen, Wasser, wohin du blickst, Möwen in der Luft oder am Wasser, Schiffe und Wälder voller Masten und all die wunderbaren gleitenden Widerspiegelungen! Man könnte hier endlose Wochen lang umhergehen! […] Diese holländischen Weiden […] und diese langen, geraden Kanäle, die von allen Seiten kommen und im silbrigen Licht schimmern, diese kleinen grünen Häuser und über allem ein graublauer Himmel mit unzähligen Vogelscharen! Es ist so wunderschön!«19

An den Sonntagen, wenn das Geschäft geschlossen war, unternahmen die Heesters’ mit ihren vier Söhnen nach dem Kirchgang Ausflüge in die nähere Umgebung von Amersfoort. Bei den Kindern besonders beliebt waren die Tagestouren an die Zuidersee, eine Bucht, die tief ins Festland hineinragte und in nur anderthalb Stunden Kutschfahrt bequem von Amersfoort aus zu erreichen war. Hier sah der kleine Johan Heesters zum ersten Mal das Meer und liebte es vom ersten Moment an.20 Die Stelle, an der die Heesters’ einst auf die Zuidersee blickten und die Kinder im Sommer, wenn das Wasser warm genug war, badeten, gibt es heute nicht mehr. Mit den Landgewinnungsprojekten entstand hier die am Reißbrett geplante Provinz Flevoland, die jüngste der zwölf niederländischen Provinzen, die teilweise bis zu fünf Meter unter dem Meeresspiegel liegt.

Dass sich diese Landschaft so dramatisch verändern würde vermochte damals, während der unbeschwerten Familienausflüge, niemand zu ahnen, auch nicht, dass für die Heesters die guten, sorglosen Jahre in Amersfoort schon bald vorbei sein sollten. Im Jahre 1910 erkrankte Jacobus Heesters schwer an Typhus und verlor durch die Erkrankung alle Haare. Er war so geschwächt, dass er sein Geschäft vernachlässigen musste. Da sein jüngster, gerade in die Volksschule gekommener Sohn Johan mit sechs Jahren noch zu klein war, der siebzehnjährige Cor Amersfoort im April des Jahres verlassen hatte, um in Tiel, ganz im Süden der Provinz Utrecht, eine kaufmännische Lehre zu absolvieren,21 seine beiden mittleren Söhne noch schulpflichtig waren und er sich strikt weigerte, seine Frau Geertruida im Geschäft mithelfen zu lassen, musste Jacobus Heesters seinen Alleshandel immer häufiger geschlossen halten. Als er dann einigermaßen wiederhergestellt war und sein Geschäft wieder regelmäßig öffnen konnte, waren seine früheren Stammkunden längst zur Konkurrenz abgewandert. Der Laden war nicht mehr rentabel, und Jacobus blieb nichts anderes übrig, als das Geschäft aufzugeben. Die Familie war damit ihrer Existenzgrundlage beraubt, für die vier Söhne bedeutete die Geschäftsaufgabe das Ende einer sorglosen, behüteten Jugend. Trotz der Versuche, die aufgrund der Sparsamkeit ohnehin nie üppigen Haushaltskosten zu senken, ließen sich die Lebenshaltungskosten der Familie nicht mehr bestreiten. Ob Jacobus seine wohlhabenden Brüder um Hilfe gebeten hat, ist nicht bekannt, es ist jedoch durchaus möglich, dass er zu stolz dazu war.

Jacobus sah keinen anderen Ausweg, als das Haus in der Puntenburgerlaan zu verkaufen und Amersfoort zu verlassen. Er beschloss, mit Frau und Kindern in das nur dreizehn Kilometer entfernte Baarn zu ziehen. Der Familienlegende zufolge war der Hauptgrund dafür, dass dort die bessere Luft der Gesundung des Vaters zuträglich sei. Aber so richtig glaubte niemand daran. Im Grunde wussten alle, dass es der stadtbekannte Jacobus Heesters, vorher ein erfolgreicher Geschäftsmann und geachteter Bürger, nicht ertragen konnte, vor den Augen der Amersfoorter, die ihn von klein auf kannten, gesellschaftlich abzusteigen, denn der Verlust seines Geschäfts »grämte ihn sehr, und weil ihn doch jeder kannte in Amersfoort, zogen wir weg«, so sah es Johannes Heesters in seinen Memoiren.22 Natürlich ging es Jacobus auch darum, seine Frau und seine Söhne vor Gerede und mitleidigen oder gar hämischen Blicken zu schützen. Auch wenn er nicht absehen konnte, ob er nach dem Umzug geschäftlich wieder auf die Beine kommen würde, versuchte er Optimismus auszustrahlen: »In Baarn sollte nun alles besser werden.«23

Ein Jahr in Baarn

Am 21. Oktober 1911 war es soweit. Die Heesters’ zogen mit den drei jüngsten Söhnen in das nicht weit entfernte, nordöstlich der Stadt gelegene Baarn. Die Bahnfahrt zwischen beiden Städten dauerte damals – wie der Baedeker von 1905 bemerkenswert genau verzeichnet – exakt achtundzwanzigeinhalb Minuten.24 Auch wenn das Haus in der Puntenburgerlaan in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof von Amersfoort lag, entschied man sich für die billigere Umzugsvariante mit dem Pferdewagen, den Jacobus Heesters einst für die Markttage angeschafft hatte. Die Heesters’ bezogen am nördlichen Ortsrand von Baarn ein kleines, bescheidenes Haus in der – heute in Acaialaan umbenannten – Kerkhoflaan 183a, einer Allee direkt am ersten öffentlichen Friedhof von Baarn und, was die Söhne weit mehr interessierte, am örtlichen Fußballfeld gelegen. Vier Tage nach dem Umzug, am 25. Oktober 1911, trug sich Jacobus Heesters mit seiner Familie in das Bevolkingsregister der Gemeinde Baarn ein.25 Sein ältester Sohn Cor stieß erst vier Monate später, im Februar 1912, wieder zur Familie, nachdem er seine Lehre in Tiel beendet hatte.

Das kleine Baarn, durch einen Kanal mit der Eem verbunden und von ausgedehnten Weidelandschaften und einem prächtigen Wald, dem Baarnsche Bosch, umgeben, war schon damals ein traditionelles Ausflugsziel der Amsterdamer. Seinen ländlich-vornehmen Charakter konnte es bis heute erhalten, die meisten seiner alten Bauten auch – nur das ehemalige Haus der Familie Heesters ist einem Straßenzug mit Neubauten gewichen. Der Bischof von Utrecht hatte Baarn bereits 1350 das Stadtrecht verliehen, aus dieser Zeit stammt auch das Stadtwappen, das einen goldenen Bischof auf einem azurblauen Wappenschild zeigt. In der Folgezeit hatte sich Baarn, das durch die Eem mit dem Meer und so mit der florierenden Handelsschiffahrt verbunden war, zu einem wohlhabenden Städtchen entwickelt. Das 17. Jahrhundert, das »Goldene Zeitalter« der Niederlande, hatte auch Auswirkungen auf das kleine Baarn: Die durch den Ostindienhandel reich gewordenen Holländer bauten sich nicht nur prächtige Stadtpaläste an den Grachten von Amsterdam, sondern im 18. Jahrhundert verstärkt auch stattliche Sommersitze und Jagdhäuser im Umland, besonders in und um Baarn, weshalb die Stadt mit ihren vielen vornehmen Bauten bis heute als »villadorp«, Villendorf, bezeichnet wird. Als 1874 dann die Eisenbahnlinie von Amersfoort nach Amsterdam gebaut wurde, brachte dies nochmals einen Aufschwung für Baarn, das ebenfalls einen Bahnhof erhielt und nun von der Hauptstadt aus noch schneller und bequemer zu erreichen war und damit endgültig die »bevorzugte Sommerfrische für wohlhabende Amsterdamer Bürger«26 wurde.

Anfänglich ahnte in der Familie Heesters wohl noch niemand, dass man nur ein Jahr in Baarn bleiben würde. Doch alle Versuche des langsam wieder genesenden Jacobus, an die geschäftlichen Höhenflüge der Vergangenheit anzuknüpfen, blieben erfolglos. Im Baarner Bevolkingsregister wird sein Beruf als Winkelier, Ladenbesitzer, angegeben. Einen Laden eröffnete er jedoch in Baarn gar nicht, vielmehr bot er, unterstützt von seinem Sohn Cor, seine Waren auf dem örtlichen Markt feil.27 Einmal wöchentlich wurde auf dem pittoresken, baumbestanden Brink, dem zentralen Platz der Stadt, im Schatten der Pauluskerk ein Markt veranstaltet. Im Vergleich zu seinem Amersfoorter Alleshandel hatte Jacobus Heesters sein Sortiment nun drastisch verkleinert, er verkaufte lediglich Kurzwaren, Stoffe und Garne. Nicht nur das Sortiment war bescheidener als früher, auch die Einnahmen reichten nicht im entferntesten an die früheren heran. Eine sechsköpfige Familie ließ sich damit zumindest nicht ernähren, man konnte sich nur gerade so über Wasser halten, so dass sich die Heesters’ an wesentlich bescheidenere Lebensverhältnisse zu gewöhnen hatten.

Wie schlecht es den Heesters’ in Baarn finanziell tatsächlich ging, belegt die Erinnerung Johannes Heesters’, dass die Mutter ihrem Mann und ihren vier Söhnen in der Baarner Zeit Morgen für Morgen das gleiche einfache Arme-Leute-Gericht vorsetzte: »melk en brood« – ein klassisches Reste-Essen: Das vom Vortag übriggebliebene Brot wurde in heißer Milch zu einem Brei verkocht, der, wenn er auf den Tisch kam, mit Zucker bestreut wurde und, weil er sehr nahrhaft war, für den Tag stärken und mehrere Stunden vorhalten sollte. Während seine drei älteren Brüder den Brei nur widerwillig aßen und auf den immer gleichen »broodspapp« schimpften, wurde »melk en brood« das Lieblingsgericht des kleinen Johan, und seine Mutter freute sich darüber, dass wenigstens einer ihrer Söhne sich gern den Bauch damit vollschlug.

Den Zusammenhalt in der Familie, sowohl zwischen Jacobus und Geertruida als auch zwischen Kindern und Eltern und den Geschwistern untereinander, erschütterte die neue Armut nicht. Ganz im Gegenteil, man scheint in jenen Jahren noch näher zusammengerückt zu sein, wissend, dass man nur gemeinsam durch diese schwere Zeit kommen würde. Schon das ständige Miteinander, das in dem sechsköpfigen Haushalt herrschte, in dem Familien- und Arbeitsleben stark miteinander verwoben war und das dem einzelnen wenig Platz für Privatsphäre ließ, machte es zwingend erforderlich, dass man sich zusammenraufte und gut miteinander auskam. Keiner der Söhne machte dem Vater Vorwürfe, sie alle wussten, dass Jacobus die missliche Situation nicht verschuldet hatte und alles daran setzte, dass es der Familie bald wieder besser ginge.28

Johan als jüngster Sohn – zwei Monate nach dem Umzug von Amersfoort nach Baarn feierte er seinen achten Geburtstag – war im Gegensatz zu seinen ältesten Brüdern wohl noch nicht reif genug, um die ganze Tragweite dessen zu erfassen, was seiner Familie widerfuhr. Dennoch spürte auch er durch die Erschütterungen, die seine kleine Welt erfasst hatten, »daß das Leben komplizierter war«29. Auch für ihn hatte sich viel geändert: der Abschied von den Spielkameraden in Amersfoort, der Verlust der gewohnten Umgebung, der Vater, der durch die Krankheit, den geschäftlichen Misserfolg und die immer neuen Rückschläge weniger fröhlich war als zuvor. Sicherlich nahm er das Ganze – kompensiert durch die Neugier auf das Unbekannte, das Baarn für ihn verkörperte – leichter als der Rest der Familie, dennoch musste auch er am eigenen Leib erfahren, was es bedeutete, dass die Familie nun arm war. Im Gegensatz zu seinen neuen Spielkameraden, von denen viele aus den wohlhabenden Familien Baarns stammten, konnte ihm sein Vater nicht mehr so einfach jeden Wunsch erfüllen. Anschaffungen, die vorher keine große Belastung für den erfolgreichen Geschäftsmann dargestellt hatten, musste man sich jetzt versagen oder vom Mund absparen. Geschenke waren eine Seltenheit, über die man sich dann jedoch um so mehr freute, etwa als Heesters – in der Radfahrernation Holland fast unverzichtbar – endlich sein erstes Fahrrad bekam: »Ich erinnere mich, dass ich vor Freude geheult habe, als mein Vater eines Tages mit einem Fahrrad ankam, das er für mich gekauft hatte. Ein gebrauchtes natürlich, er hatte umgerechnet knapp vierzig Mark dafür bezahlt, was ihm gewiss nicht leichtgefallen war. Und ich war der glücklichste Mensch weit und breit.«30

An das Schuljahr in Baarn, an die dortige Schule und die Lehrer erinnert sich Heesters – im Gegensatz zur Volksschule, die er vorher in Amersfoort besucht hat und von der ihm besonders der Heimatkunde-Unterricht im Gedächtnis geblieben ist – heute nicht mehr.31 Vielleicht auch gerade weil ihn in dieser Zeit andere Dinge beschäftigt haben, etwa, dass er gemeinsam mit seinen drei Brüdern im Kirchenchor von Baarn gesungen oder die schulfreien Nachmittage auf dem direkt neben dem elterlichen Haus gelegenen Fußballfeld verbracht hat, jedoch lieber als begeisterter und anfeuernder Zuschauer, als dass er selbst mitgespielt hätte.

Eine seiner liebsten Erinnerungen aus der Baarner Zeit aber ist eine andere. Am südlichen Rand von Baarn, am Ende einer langen Allee gelegen, die der kleine Johan bei seinen Streifzügen erkundete, befand sich das von einem hohen Zaun umgebene Landgut Kasteel De Hooge Vuursche, das 1912 fertiggestellt worden war und sich im Besitz der Familie van den Bosch befand. Den Platz hatte man gewählt, weil südöstlich von Baarn das Paleis Soestdijk lag, das 1937 die holländische Kronprinzessin Juliana kurz nach der Hochzeit mit ihrem Mann Prinz Bernhard als feste Wohnstätte bezog, was dazu führte, dass die heutige, auch dort geborene Königin Beatrix und ihre drei Schwestern in Baarn zur Schule gingen.

Eines Tages, so berichtet Heesters in seinen Memoiren, rief ihn vom verschlossenen Tor aus ein etwa vier- oder fünfjähriges Mädchen heran, das, als er näher gekommen war, begann, über den Zaun hinweg mit ihm Ball zu spielen. Als er seiner Mutter davon erzählte, lachte diese und sagte, dass es niemand anders als die kleine Juliana, die Kronprinzessin der Niederlande, gewesen sein könne, mit der er da gespielt habe.32 Ob dem wirklich so war, muss dahingestellt bleiben: Juliana war zum Zeitpunkt, als die Heesters’ nach Baarn zogen, zweieinhalb, und als sie Baarn wieder verließen dreieinhalb Jahre alt, zudem hat sie ihre Kindheit in den Schlössern Noordeinde und Huis ten Bosch in Den Haag und im Paleis Het Loo bei Apeldoorn verbracht. Dennoch könnte es natürlich sein, dass sie im damals von ihrer Großmutter, der abgedankten Königin Emma, bewohnten Paleis Soestdijk zu Besuch war und auch das neue Schloss Hooge Vuursche besuchte. Ob es sich bei dem Mädchen um die spätere Königin Juliana oder ein anderes Mitglied der königlichen Familie oder um die Tochter von Angestellten des Palastes handelte, lässt sich nicht mehr klären. Für Heesters jedoch stand zeitlebens fest, dass er als Achtjähriger mit der holländischen Kronprinzessin Ball gespielt habe, was seine von Hause aus königstreue Einstellung nur noch verstärkte.

Auch die mit Abstand wichtigste und liebste Kindheitserinnerung33 von Johannes Heesters ist mit Baarn verbunden. Mit großer Leidenschaft erfand er für sich das »Priesterspiel«, indem er das, was er in der Messe in der Baarner Kirche sah und hörte, zuhause nachspielte. Die Heesters’ gehörten in den überwiegend protestantischen Niederlanden der katholischen Minderheit an, deren Zentrum das nahe Utrecht war.34 Schon in Amersfoort besuchte die Familie regelmäßig die sonntäglichen Gottesdienste, eine Tradition, mit der man auch in Baarn nicht brach. Weitaus stärker als seine Brüder, die sich beim Kirchgang oft langweilten, fühlte sich der kleine Johan von den damals noch in lateinischer Sprache gehaltenen Messen mit ihren festlichen Ritualen, dem Weihrauchduft, der Musik und den kostbaren Gewändern, Kreuzen und Monstranzen angezogen. Noch als alter Mann erinnert er sich, dass ihn »alles, was dort passierte, verzaubert hat: die Musik, die Predigt, die Lichter, die Stimmung«.35

Die Folge war, dass er als seinen ersten Wunschberuf angab, Pfarrer werden zu wollen. Gleichsam als Vorbereitung hierfür begann er zuhause eigene Messen zu zelebrieren. So bastelte er sich selbst einen dreiteiligen, aufklappbaren Altar nach dem Vorbild der Baarner Kirche und wünschte sich zu seinem achten Geburtstag am 5. Dezember 1911 von seinen reichen Onkeln alles, was er zum »Priesterspiel« brauchte. Und tatsächlich ging sein Wunsch am Nikolausabend in Erfüllung, vermutlich weil man glaubte, dass es dem eigenen Seelenheil durchaus förderlich sein könne, einen Priester in der Familie zu haben: »In den Schuhen und auf dem Tisch lag, was das junge Priesterherz begehrte. Absoluter Höhepunkt: ein Kreuz aus Silber, zwei silberne Kandelaber und eine prachtvolle Monstranz.«36 So ausgerüstet, konnte Heesters an seinem im Wohnzimmer aufgebauten Altar, für den Mutter und Großmutter spitzengeklöppelte Decken beigesteuert hatten, seine eigenen Messen feiern – selbstverständlich in lateinischer Sprache, auch wenn er so gar nicht verstand, was er eigentlich sagte. Während seine älteren Brüder am Verstand ihres Bruders zweifelten, goutierten die Eltern die häuslichen Messen. Besonders begeistert über die kindliche Ernsthaftigkeit, mit der Jopie das »Priesterspiel« betrieb, war jedoch seine Großmutter, Geertruidas Mutter, die mit Tränen der Rührung in den Augen jubelte: »Ja, der Jopie wird mein Priesterchen!«37 Der Pfarrer von Baarn, der von den Spielen des jungen Heesters erfuhr, reagierte amüsiert.38 Andere Kinder des Städtchens ließen sich, wie Heesters sich erinnert, von dieser Leidenschaft anstecken: »Das ›Priesterspiel‹ griff um sich. Auch einige meiner Schulfreunde machten mit.«39 Einer von ihnen, Roy Gulden, brachte es später sogar bis zum Bischof in einer indischen Diözese.40

Dass der junge Heesters darauf verfiel, sich ein so ausgefallenes Hobby zuzulegen, erscheint im Rückblick durchaus nachvollziehbar. Da er in einem Milieu aufgewachsen war, das ganz der Arbeit und dem Alltag verpflichtet war, in einer Welt, in der Kunst, Literatur, Musik und Theater keine Rolle spielten, musste das feierliche und sinnenfreudige Zeremoniell der katholischen Kirche, das mit dem Weihrauchduft, der Orgelmusik, den prachtvollen Talaren und kostbaren Requisiten durchaus theatrale Züge trägt, ein Faszinosum darstellen – etwas, womit man der Profanität des Alltags entfliehen konnte. Dass er die Messen zuhause nachspielte, in die Rolle des Pfarrers schlüpfte und dabei auch die Gesten und den Tonfall des Baarner Priesters nachahmte, zeigt, dass er – wenn auch vorerst noch völlig unbewusst – spürte, dass etwas Wichtiges in seinem Leben fehlte, dass er bereits hier nach einer ersten Bühne suchte. Später in Amsterdam, als seine Theaterleidenschaft geweckt worden war und sich ihm eine völlig neue Welt eröffnete, gab er das Priesterspiel ebenso auf wie seinen allerersten Berufswunsch: »Dass ich letztendlich doch kein Priester wurde, ist ja allgemein bekannt. Und wenn ich heute daran zurückdenke, wirkt es wie ein Spiel.«41

Seiner Vorliebe für Kirchen und alles Sakrale blieb er jedoch zeitlebens treu. Noch als er längst zum Operettenkönig und Filmstar in Deutschland aufgestiegen war, faszinierte ihn die »mystische Kraft«42 der Gotteshäuser, die ihn geradezu magisch anzogen. Schauspielerkollegin Marika Rökk erinnerte sich in ihren Memoiren daran, dass Heesters bei Außenaufnahmen oft verschwunden war und dann stets Späher ausgeschickt wurden, »die in den Kirchen der Umgebung nach ihm fahnden mussten. Denn Jopie war sehr gläubig und liebte Kirchen. Kaum kamen wir irgendwo an, ging er schon wie ein Jagdhund auf Kirchensuche.«43

Schon ein Jahr nachdem die Familie Heesters in das kleine Baarn gezogen war, musste Jacobus eingestehen, dass er auch hier finanziell nicht mehr auf die Beine kam. Der Verkauf von Kurzwaren auf dem Markt konnte die sechsköpfige Familie einfach nicht ernähren, der Versuch eines geschäftlichen Neuanfangs war misslungen, nicht zuletzt weil die Konkurrenz auf dem Markt von Baarn groß war und die Menschen sich nur schwer dazu bewegen ließen, bei neuen Händlern zu kaufen. So entschied sich Jacobus Heesters schweren Herzens, die vertraute Umgebung endgültig hinter sich zu lassen und nach Amsterdam zu gehen. Was ihm in der Provinz nicht gelang, das, so hoffte er inständig, würde ihm in der fünfzig Kilometer entfernten, im Bezirk Noord-Holland gelegenen Hauptstadt gelingen. Und so versuchte er Optimismus zu verbreiten, auch wenn ihm dies nicht immer leicht gefallen sein dürfte und er sich in mancher stillen Stunde verzweifelt gefragt haben wird, wie es weitergehen soll.44

Verlockungen der Großstadt

Im Vergleich zu Amsterdam, das spätestens seit dem 17. Jahrhundert zur wichtigsten Metropole des Landes und einer der bedeutendsten Städte Europas aufgestiegen war, schienen Baarn und Amersfoort kleine Dörfer zu sein. Für den mittlerweile sechsundvierzigjährigen Jacobus und die vierundvierzigjährige Geertruida, die zeitlebens nichts anderes kennengelernt hatten als die Utrechter Provinz, bedeutete der Wechsel in die Großstadt eine grundlegende Veränderung, die sicherlich erst einmal beunruhigend, vielleicht auch beängstigend auf sie gewirkt haben mag. Für die vier Söhne stellte Amsterdam, das es nun zu erkunden galt und das ihnen für ihre Zukunft größere Chancen eröffnete als die Provinz, jedoch erst einmal ein großes Abenteuer dar: »Das großstädtische Leben riss uns in den Bann, das beschauliche Kleinstadtleben blieb auf der Strecke.«45

Der älteste Sohn Cor war, wie das Einwohnerverzeichnis von Baarn dokumentiert, bereits am 21. September 1912, einen Monat vor dem Rest der Familie, nach Amsterdam gezogen, um sich dort auf die Suche nach einer geeigneten Wohnung zu machen. Jacobus und Geertruida folgten mit den drei jüngeren Söhnen am 23. Oktober 1912, fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem Umzug von Amersfoort nach Baarn. Für die nächsten fünf Jahre bezog man eine Wohnung in der Kanaalstraat 152, im Westen Amsterdams,46 unweit des Museumsviertels, des berühmten, 1865 von wohlhabenden Bürgern gestifteten Vondelparks und des Ende des 19. Jahrhunderts erbauten und Wilhelmina Gasthuis genannten Krankenhauses, damals eines der größten und modernsten der Stadt, eine durchaus gute Lage.

Die vier Heesters-Söhne machten sich, in Amsterdam angekommen, gleich daran, die neue Stadt zu erkunden. Das aufregende Leben der großen, vornehmen und stolzen Stadt erschien ihnen wie eine völlig neue Welt, die sie sich schnell eroberten, und »so streiften meine Brüder und ich schnell die Provinz ab und atmeten tief die Großstadtluft ein«.47 Amsterdam, an der Mündung der Amstel ins Ijsselmeer, zwanzig Kilometer von der Küste entfernt gelegen, war, nachdem sich die Provinzen im Norden Hollands ihre Unabhängigkeit von der spanischen Herrschaft ertrotzt hatten, im Laufe des 17. Jahrhunderts, während im Rest Europas die Wirtschaft stagnierte, zum »Marktplatz der Welt«, zum Weltzentrum des Geldmarktes und zur Börse Europas aufgestiegen. Die Amsterdamer Schiffahrt- und Handelsgesellschaften, allen voran die mächtige Ostindienkompanie, trieben Fernhandel auf allen Weltmeeren und gründeten Handelsniederlassungen, die später als Kolonien dem niederländischen Hoheitsgebiet einverleibt wurden. Die Folge war, dass man Geld im Überfluss verdiente, die Einwohnerzahl kontinuierlich stieg und die Stadt wuchs. Immer neue Grachten legten sich wie Jahresringe um den alten Kern von Amsterdam.

Die im 13. Jahrhundert gegründete Stadt, die aufgrund ihrer Lage am Wasser, ihrer vielen Kanäle und der auf Holzpfeilern gebauten Häuser bereits im 15. Jahrhundert als »Venedig des Nordens« galt, wurde im 17. Jahrhundert als »Insel der Toleranz« bezeichnet, weil hier Händler und Einwanderer aus aller Welt ihren Platz fanden und ebenso friedlich wie gleichberechtigt nebeneinander lebten. Zunächst Hauptstadt der niederländischen Republik, wurde Amsterdam ab dem Wiener Kongress 1815, nach der Befreiung von der Napoleonischen Herrschaft, auch zur Kapitale des Vereinigten Königreichs der Niederlande, zu dem bis zum Aufstand von 1830, auch noch Belgien und Luxemburg gehörten.

Die gewaltige Stadt erschien Johan und seinen Brüdern wie ein Paradies. Alles, einfach alles war neu. Die unzähligen Grachten, die sich in konzentrischen Kreisen um die Innenstadt ziehen, mit ihren Werften, Zugbrücken, Schleusen und kleinen Fährbooten. Die Keizersgracht, die Herengracht und die Prinsengracht, auf denen man im Winter Schlittschuh laufen kann. Die prachtvollen Boulevards und das geschäftige Treiben in den Gassen. Der von Schiffen wimmelnde Hafen, die Verbindung zu fernen Kontinenten. Die großen Speicherhäuser, in denen die Schiffe ihre Fracht löschen. Die Märkte, auf denen die Amsterdamer Kaufleute den vorbeieilenden Passanten ihre Waren aus aller Welt feilbieten oder die Verkäuferinnen, die mit Pfannkuchen, frischen Heringen oder Blumen locken. Die Männer von der Stadtreinigung, die mit Holzrasseln ihr Kommen ankündigen. Die vorbeiziehenden Straßenbahnen, die vielen Automobile und Droschken. Die Drehorgelspieler. Die Soldaten der Königlichen Garde, die vor dem Schloss patrouillieren, auf dessen Fahne die Standarte der Oranjer weht, wenn Königin Wilhelmina in Amsterdam weilt. Die vielen Gasthäuser, Cafés, die Milk-Shops und die Bier- und Geneverstuben. Die Geschäfte mit den blank polierten Ladenschildern. Die großen, ehrwürdigen Theaterbauten und die prächtigen, reich gefüllten Museen – allen voran der neogotische Bau des Rijksmuseums, eines der Wahrzeichen Amsterdams. Die exklusiven Hotels und die zahllosen schönen Kirchen mit den wohlklingenden Glockenspielen. Die Grachtenhäuser mit den bleiverglasten Sprossenfenstern und den phantasievollen Giebeln. Die eleganten Patrizierhäuser und die prunkvollen Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert. Und beinahe an jeder Ecke wird noch gebaut oder umgebaut.

Die Familie Heesters nahm dies alles staunend zur Kenntnis. Aber nichts konnte darüber hinwegtäuschen, dass man erst einmal nur Zaungast in diesem bunten Treiben war, dass man zu arm war, um sich all das leisten zu können, was Amsterdam an Verlockungen bot. Und so blieb Jacobus Heesters nichts anderes übrig, als über die Einkaufsmeilen mit ihren vornehmen Läden zu schlendern, mit denen verglichen sein »Alleshandel« in Amersfoort ein Krämerladen war. Und Geertruida konnte zwar durch die Ladenfenster die über ihre Arbeit gebeugten Goldschmiede und Diamantenschleifer beobachten, aber sich etwas von dem, was sie herstellten, leisten zu können sollte noch lange ein Wunschtraum bleiben. Auch die Söhne mussten sich in Verzicht üben, und so blieb dem neunjährigen Johan nichts anderes übrig, als sich die Nase an den Fenstern der Spielzeuggeschäfte mit all den ausgestellten Zinnsoldaten und Puppen, Holzpferden und Blechtrommeln platt zu drücken und mit den Augen all die Schätze und Kostbarkeiten zu verschlingen, die ihm seine Eltern nicht kaufen konnten.

Der neunzehnjährige Cor und bald auch der fünfzehnjährige Jacob, die, was Stellenangebote anging, weit bessere Chancen hatten als der immer noch von den Folgen seiner Krankheit geschwächte Jacobus, gingen arbeiten und trugen, da sie beide noch zuhause lebten, zum Unterhalt der Familie bei, während die jüngsten Söhne, Johan und der zwölfjährige Nico, zur Schule gingen. Diese lag in der Kanaalstraat, gleich vis-àvis der Heestersschen Wohnung. Der Zufall wollte es, dass der Klassenraum, in dem Johan unterrichtet wurde, direkt vom Balkon der elterlichen Wohnung aus einzusehen war. Von dort beobachtete sein Lieblingsbruder Cor eines Tages, dass sein kleiner Bruder vom Lehrer – körperliche Züchtigungen waren damals noch als Mittel der Erziehung anerkannt und erlaubt – eine Ohrfeige kassierte: »Kaum spürte ich die Hand meines Lehrers im Gesicht, da sah ich, dass Cor […] von unserem Balkon her eine fürchterliche Drohgebärde machte, die meinem Lehrer auch prompt zu denken gegeben haben muss, denn er war fortan sehr nett zu mir. In einer Auseinandersetzung mit Cor Heesters hätte die halbe Portion sicher den kürzeren gezogen.«48 Der Familienzusammenhalt funktionierte augenscheinlich nach wie vor auf das beste.

Mit großer Begeisterung ging Johan nicht zur Schule: »Ich war kein Musterschüler, gut nur in den Fächern, die mich interessierten – und davon gab es nicht viele. Vorbildliches Betragen war nicht meine Stärke.«49 Das Desinteresse an der Schule rührte sicher auch daher, dass sich die Situation der Heesters bald noch einmal verschlechterte. 1914, nur zwei Jahre nach dem Umzug nach Amsterdam, als man langsam begann, sich einzugewöhnen, folgte eine weitere ernüchternde Erfahrung, die den Heesters’ wie Millionen anderer Familien in ganz Europa zeigte, wie unsicher die Welt war, in der man lebte, wie sehr der europäische Kontinent damals einem Pulverfass glich: die erste gewaltige Eskalation der Gewalt im 20. Jahrhundert, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo, dessen Auswirkungen auch in den neutral bleibenden Niederlanden spürbar waren – vor allem bei den ärmeren Bevölkerungsschichten. Was der Krieg für die Familie bedeuten würde, war dem leidgeprüften Jacobus Heesters schon bei Kriegsausbruch klar, auch wenn damals noch niemand ahnen konnte, dass der Krieg vier lange Jahre dauern und Millionen Menschen den Tod bringen würde. Der zu diesem Zeitpunkt elfjährige Johan spürte instinktiv die tiefe Verunsicherung, in die sein Vater gestürzt wurde: »Das Gesicht meines Vaters, der bislang trotz widrigster Umstände nicht den Mut verloren hatte, verriet zum ersten Mal seine Angst. Und obgleich ich noch nicht richtig verstand, was vor sich ging, hatte auch ich Angst.«50

Die Niederlande hatten zwar ebenso wie Belgien und Luxemburg schleunigst ihre Neutralität erklärt, dennoch war man sich bewusst, dass man sich mitten im Spannungsfeld der kriegführenden Staaten befand, eingekreist von den aufmarschierten französischen und britischen Truppen auf der einen und der deutschen und österreichischen Armee auf der anderen Seite. Sosehr man auch auf seine Neutralität pochte, wusste man, wie groß die Gefahr war, dass diese, wie im Falle Belgiens, das die Deutschen auf ihrem Vormarsch überrannt hatten, verletzt werden könnte. Trotz der Gewissheit, dass man als kleines Land der zu erwartenden Entwicklung kaum etwas würde entgegensetzen können, erfolgte auch in den Niederlanden die Mobilmachung. Auch die beiden ältesten Heesters-Brüder, Cor und Jacob, wurden einberufen, während Johan und der zweitjüngste Sohn Nico mit ihren elf und vierzehn Jahren selbstverständlich verschont blieben. Die beiden Einberufenen waren ganz offensichtlich keineswegs stolz und glücklich, ihrem Vaterland dienen zu können, sondern betrachteten dies als eine lästige Pflicht, der sie so schnell wie möglich wieder zu entkommen versuchten. Der zwanzigjährige Cor desertierte, den Erinnerungen Johannes Heesters’ zufolge, aus der Kaserne und versteckte sich in Amsterdam im Keller der elterlichen Wohnung, wo er jedoch bereits wenige Tage später von den ausgeschickten Feldjägern entdeckt und zur Truppe zurückgebracht wurde: »Aber passiert ist ihm nichts.«51 Auch der siebzehnjährige Jacob machte der niederländischen Armee keine Ehre und wurde wegen Insubordination festgenommen, weil er entgegen den militärischen Vorschriften nicht einsehen wollte, Vorgesetzte, die ihm nicht persönlich bekannt waren, grüßen zu müssen – doch »passiert ist auch ihm nichts«.52

Den Niederlanden gelang es während des gesamten Krieges, ihre Neutralität erfolgreich zu verteidigen. Wirtschaftlich jedoch traf der Krieg das Land schwer, denn der Schiffsverkehr mit den Kolonien kam kriegsbedingt fast zum Erliegen, und mehr als eine Million Belgier, die vor dem Krieg aus ihrem Land geflohen waren, musste aufgenommen und eingegliedert werden. Gerade in den ärmeren Schichten Amsterdams, zu denen auch die Heesters’ zählten, wurde in Kriegszeiten die Situation immer schwieriger. Während es bei den reichen Holländern, die auf Kosten des Proletariats sogar noch vom Krieg profitierten, beinahe als unfein galt, über den Krieg auch nur zu reden, spürten die ärmeren Menschen die Auswirkungen hautnah. Der zunehmende Mangel an Arbeitsplätzen und die immer weiter sinkenden Löhne führten zu drängenden Existenzsorgen und Hunger, das vorherrschende Lebensgefühl in den vier Jahren, die der Große Krieg – wie man den Ersten Weltkrieg damals nannte – dauerte.

So kam es, dass die Heesters’ im dritten Kriegsjahr ihre in der Nähe des Vondelparks gelegene Wohnung aufgeben und in ein billigeres Wohnviertel und eine kleinere Wohnung umziehen mussten.53 Am 29. März 1917 zog die Familie von der Kanaalstraat in die weiter südöstlich an der Amstel gelegene Rustenburgerstraat 133 in das heute »De Pijp« genannte Stadtviertel, das Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Expansion Amsterdams als Arbeiterviertel neu entstanden war – und in dem heute, unweit der Touristenströme, viele Migranten aus aller Welt leben. Nach dem Umzug in die Rustenburgerstraat besuchte Johan für die letzten beiden Schuljahre die nahe gelegene Volksschule in der Servaes Noutstraat, einer kleinen Seitenstraße der Ceintuurbaan. Sein jüngster Bruder Nico hatte die Schule bereits im Vorjahr abgeschlossen, Johan war nun der einzige der Heesters-Brüder, der noch zur Schule ging.

In die Kriegszeit fallen auch Heesters’ erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht. Da seine drei älteren Brüder ununterbrochen mit ihren Eroberungen prahlten, bemühte er sich nach Kräften, ihnen nachzueifern. Das forsche Auftreten der Brüder nahm er sich zum Vorbild: »Wer drei ältere Brüder hat, versteht bald genauso wie sie auf dem Finger zu pfeifen oder dreiste Bemerkungen über die Straße zu rufen.«54 Natürlich standen am Anfang nicht mehr als harmlose Annäherungsversuche und keusche Flirts, um den eigenen »Marktwert« im Spiel der Geschlechter auszuloten. Bereits der fünfzehnjährige Heesters, der zu einem auffällig hübschen jungen Mann herangewachsen war, scheint bemerkt zu haben, wie gut er bei den Mädchen seines Alters ankam, und witterte seine Chancen. Das Tor der Mädchenschule wurde deshalb schon bald sein liebster Tummelplatz: »Gegenüber dem Eingang baute ich mich lässig auf und genoss die bewundernden Blicke der Meisjes.«55

Von seinen Brüdern lernte er, »daß Frauen oder Mädchen beeindruckt werden möchten«.56 Und auch, dass kleine Geschenke bei den Annäherungsversuchen durchaus nützlich sein können: »Ein Lächeln, ein paar Süßigkeiten, und schon schmolzen die Mädels dahin wie die Schokolade in meiner Hosentasche.«57 Bald schon wurde er mutiger und selbstbewusster: »Mit der Zeit merkte ich dann, dass ich auf holde Weiblichkeit eine gewisse Wirkung hatte und auf Hilfsmittel zur Bestechung verzichten konnte.«58 Bald folgten die ersten Treffen, an sein erstes Rendezvous erinnerte er sich noch als alter Mann. Es fand im Café Munt statt, im Amsterdamer Munttoren, dem pittoresken Münzturm, der als einziger Überrest der mittelalterlichen Stadtmauer Amsterdams zwischen Amstel und Singelgracht liegt. Dass das alle Viertelstunde erklingende Glockenspiel des zierlichen Turms von ebenjenem berühmten François Hemony geschaffen worden war, der auch das Glockenspiel der Kirche in Amersfoort hergestellt hatte, wird ihn an diesem Tag wohl weniger interessiert haben, dachte er doch angestrengt darüber nach, worüber mit dem Mädchen, das er ausgeführt hatte, zu reden sei, denn das nächstliegende Thema, den Krieg, wollte er um jeden Preis vermeiden.

Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten stand er seinen Brüdern bald schon in nichts nach. Noch in den letzten Kriegsmonaten, also im Alter von vierzehneinhalb Jahren, gelang es ihm, »etwas näheren Kontakt mit der holden Weiblichkeit«59 zu knüpfen, und zwar zu einem Mädchen, das etwas älter war als er selbst: »Nicht so hübsch, aber dafür um so erfahrener und ›pädagogisch wertvoll‹ war ein molliges Mädchen, an das ich mich erinnere. Sie war auch ein Beispiel dafür, dass nicht unbedingt die Männer die Jäger und Sammler sind. Dieses Mädchen nämlich hatte, wie sich herausstellte, eine Heesters-Kollektion: Alle meine Brüder waren vor mir auch schon dran gewesen.«60 Mit ihr verlebte er »ein paar verliebte, für mich lehrreiche Stunden in einem verschwiegen Winkel«.61 Während seine Brüder ihm prahlerisch von ihren Rendezvous mit diesem Mädchen erzählten, verschwieg Johan seinerseits, dass auch er seine Erfahrungen mit ihr gemacht hatte. Schon damals galt für ihn: »Diskretion ist Ehrensache. Und so habe ich es mein Leben lang gehalten.«62

Eine prägende Kinderfreundschaft

1917, nach dem Umzug der Familie in die Rustenburgerstraat, lernte Johan Heesters den wohl wichtigsten Freund seiner Kinder- und Jugendtage kennen: Herman Jan Jacob Kaldewaay, der später einen ähnlichen Weg wie Heesters einschlagen sollte, unter dem Namen Willy Walden zu einem der populärsten Revue- und Kabarettstars der Niederlande aufstieg und sich noch wenige Tage vor seinem Tod am 12. März 2003 als fast Achtundneunzigjähriger gern an seinen Freund erinnerte.63Die Familie von Hemmy, wie sein Spitzname lautete, war finanziell wesentlich besser gestellt als die von Heesters, obwohl Vater Kaldewaay, der bei einer Versicherung arbeitete, dem Alkohol sehr zusprach und als Schwerenöter bekannt war.64 Hemmy Kaldewaay, ein Jahr und drei Monate jünger als Johan, der mittlere von drei Brüdern, wohnte ganz in der Nähe der in der Servaes Noutstraat gelegenen Schule von Heesters, in der Tweede Jan-Steen-Straat, wo er auch geboren worden war. Er selbst jedoch besuchte die teurere, von Jesuiten geleitete Sint-Vincentius-School in der nicht weit entfernten Stadshouderskade, direkt an der Singelgracht gelegen. Dass die beiden Jungen sich häufiger über den Weg liefen und sich schnell anfreundeten, kann nicht verwundern – beide Schulen nutzten ein und dieselbe Turnhalle. Für den vierzehnjährigen Jopie und den dreizehnjährigen Hemmy spielten die sozialen Unterschiede, die in Kriegszeiten noch stärker zutage traten, keine Rolle, und Nachmittag für Nachmittag trafen sie sich im Sarphatiapark an der Ceintuurbaan, der genau in der Mitte zwischen der Wohnung der Heesters’ und der der Kaldewaays lag. Verbunden waren die beiden aber auch durch ihre Vorliebe für das »Priesterspiel« und lasen gemeinsam Messen, denn auch Hemmy Kaldewaay, der über Johans perfekte »Priesterausrüstung« staunte, träumte davon, Pfarrer zu werden.65

Beide sangen gemeinsam im Kinderchor des Komponisten, Dirigenten und Chorleiters Hubert Cuypers. Der achtunddreißigjährige Cuypers, der in seiner Laufbahn viele später berühmte Sänger ausgebildet hat, war zu diesem Zeitpunkt durchaus schon renommiert, seine große Karriere lag jedoch damals noch vor ihm: 1924 wurde er Chefdirigent des königlichen Männerchors Die Haghe Sanghers, später kehrte er dann nach Amsterdam zurück und übernahm dort als Dirigent die Leitung der Koninklijke Christelijke Oratorium Vereniging. Der Chor, in dem Jopie und Hemmy sangen, probte in der heute nicht mehr erhaltenen, in der Nachkriegszeit wegen Baufälligkeit abgerissenen Sint Willibrorduskerk in der Ceintuurbaan. Die Kirche war nach dem Heiligen Willibrord benannt worden, dem einstigen Bischof von Utrecht, der im 7. Jahrhundert, aus Schottland kommend, den Katholizismus in die Niederlande gebracht hatte. Hatte Johan zuvor im Kirchenchor in Baarn erste Fortschritte gemacht, so merkte er doch erst jetzt unter fachgerechter Anleitung in Cuypers’ Gesangsunterricht, was seine Stimme zu leisten vermochte.

Zwar gingen die beiden halbwüchsigen Jungen mit großer Begeisterung in die Chorstunden und in die Messen in der Willibrorduskerk, doch das bedeutete nicht, dass sie nicht gern auch einmal altersgemäßen Unsinn anstellten: »In dieser Zeit mussten die Chorknaben der Reihe nach Orgeltreten. Elektrische Orgeln gab es damals noch nicht. Hinter der Orgel saßen große Pedale, auf denen die Luft angetreten werden musste. Es war eine stumpfsinnige und ermüdende Arbeit. Bei einem sonntäglichen Gottesdienst waren Jopie und ich an der Reihe. Als wir dort standen, um die Pedale zu treten, sagte Johan auf einmal: ›Hemmy, wir erlauben uns einen Spaß … Hör’ mal auf zu treten.‹ Wir hörten alle beide auf, und man kann sich nicht vorstellen, was für ein Geräusch das gab, als die Luft aus der Orgel entwich. Hoei… hoei… hoei… In der Kirche entstand eine Panik, und es kamen allerlei Menschen nach oben, um zu schauen, was da los war. Seit diesem Ereignis sind wir nicht mehr wegen des Orgeltretens gefragt worden, und genau das war beabsichtigt gewesen.«66

Hemmy war es, der bei seinem Freund Jopie die Lust am Theater und am Rollenspiel weckte. Er hatte nicht nur schon früh in der Theatergruppe seiner Schule mitgewirkt, sondern war auch von Hause aus mit der Bühne und der Musik aufgewachsen, zwei Welten, mit denen Johan Heesters bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in Berührung gekommen war. Er wurde ein gern gesehener Gast im Hause Kaldewaay, wo man die schönen Künste schätzte, und lernte so bald auch Hemmys Vater kennen, der im nahe der deutsch-niederländischen Grenze gelegenen Enschede geboren worden war. Die deutsche Sprache war ihm von Kindesbeinen an vertraut, und er hatte eine besondere Vorliebe für deutsche Operettenlieder, die er ständig sang.67 Viele der klassischen Operettenmelodien, die Heesters später auf den Bühnen Deutschlands und Österreich singen sollte, wird er hier zum ersten Mal gehört haben, auch wenn er damals kaum etwas von den deutschen Texten verstand, die Vater Kaldewaay mit Inbrunst schmetterte.

Für Jopie tat sich eine völlig neue Welt auf. Im Hause der Kaldewaays erfuhr er so zweifellos eine der wichtigsten und nachhaltigsten Prägungen seiner Kindheit und wurde mit völlig neuen Impulsen konfrontiert, die sein Interesse für Theater und Musik nachhaltig weckten: Zum 25. Hochzeitstag der Kaldewaays führten die Kinder etwa ein kleines, selbst ausgedachtes Theaterstück auf – wie Gerard Walden, der jüngere Bruder, sich noch über siebzig Jahre später erinnert.68 Und so kam es, dass der vierzehnjährige Johan Heesters erstmals auch selbst in einer kleinen Inszenierung auf der Bühne stand, im »Maison Boer«, einem Festsaal des Café Flora, das man 1879 im Garten des alten Bollwerks Wetering erbaut hatte und das damals ein beliebter Ort war, um Hochzeiten zu feiern. Hier fanden Soireen und nachmittags kleinere Vorstellungen für Kinder statt, mitunter wurden auch Kinderoperetten aufgeführt: »In diesem zarten Jünglingsalter spielte ich den heiligen Tarzisius in einem Religionsspiel im ›Maison Boer‹ am Weteringschans. Mit sehr viel Enthusiasmus und Pathos, versteht sich.«69 Der Applaus, den er für seine Darstellung des kleinen Märtyrers Tarzisius, des Schutzpatrons der Ministranten, erntete, der zur Zeit der Christenverfolgung erschlagen worden war, weil er sich weigerte, die gesegneten Hostien aus der Hand zu geben, begeisterte ihn. Der Spieltrieb war geweckt. Inspiriert durch die Slapstick-Filme mit Stan Laurel und Oliver Hardy, improvisierten Jopie und Hemmy als Duo »Evert & Koen« in ihrem Alltagsleben kleine Szenen: So gab sich Johan etwa als gehbehindert aus, während es Hemmys Aufgabe war, den Schaffner zu veranlassen, seinem Freund einen Sitzplatz zu verschaffen. War ihnen dies gelungen, beeilten sie sich lachend, die Straßenbahn so schnell wie möglich zu verlassen – begleitet von den wüsten Beschimpfungen des Schaffners.70

Obwohl er zu diesem Zeitpunkt immer noch kein Theater von innen gesehen hatte, beschloss Johan, zusammen mit Hemmy Kaldewaay und zwei weiteren gleichaltrigen Freunden eine kleine Theatergruppe zu gründen. Einerseits sicherlich aus der neu erwachten Lust heraus, zu spielen und in Rollen zu schlüpfen, wohl nicht zuletzt aber auch, weil das Theaterspielen eine Möglichkeit war, den Entbehrungen und Schrecken der Kriegszeit zu begegnen und sich selbst, aber auch das potentielle Publikum wenigstens für kurze Zeit von den Unbilden des Alltags abzulenken. Man ging mit großem Ehrgeiz an die Sache, probte bei einem der Freunde auf dem elterlichen Dachboden in der Ceintuurbaan, baute Kulissen und bastelte Kostüme und Requisiten. Und da das Taschengeld nicht ausreichte, um die Dinge anzuschaffen, die man hierfür benötigte, zweigte der vierte im Bunde, der Sohn eines Wäschereibesitzers, das Geld, das er beim Ausfahren der Wäsche einnahm, heimlich ab, indem er mit seinem Vater nicht richtig abrechnete. Doch die Sache flog schon nach der ersten für Freunde und Schulkameraden veranstalteten Theatervorstellung auf dem Dachboden auf, was bittere Konsequenzen für die vier Jungen hatte, denn nicht nur das Geld musste zurückgezahlt werden, auch der Dachboden stand nun als Probestätte nicht mehr zur Verfügung.

Dennoch hatten die Vorbereitungen für den ersten Auftritt und das kreative Tun den Jungen solchen Spaß gemacht, dass sie sich von diesem herben Rückschlag nicht abhalten ließen, auch weiterhin Theater zu spielen: »Im Gegenteil, wir beschlossen, einen richtigen Saal in einem Gasthaus zu mieten. Wenn schon, denn schon.«71 Jetzt wollten die vier Jungen erst recht zeigen, dass sie es auch ohne die Erwachsenen schaffen würden, und begannen sogar damit, ein eigenes Stück zu schreiben: »Unsere Ansprüche waren so hoch, dass die holländische Literatur sie nicht erfüllen konnte, also schrieben wir unser eigenes Stück.«72 Und tatsächlich bekamen Jopie und seine Freunde das Geld, das sie für die Saalmiete brauchten, zusammen, entweder indem sie, wie Hemmy, ihr Sparschwein plünderten oder indem sie sich, wie die anderen drei, das Geld von Freunden liehen.

Um auch genügend Publikum herbeizulocken – und somit genügend Eintritt einzunehmen, denn das geborgte Geld musste zurückgezahlt werden – bastelten sie Einladungen und malten Plakate: »Herman Kaldewaay en Johan Heesters en hun Gezelschap«73 – Herman Kaldewaay und Johan Heesters und ihre Gesellschaft. Von ihren ehrgeizigen Plänen, ein eigenes Drama aufzuführen, nahmen sie jedoch schnell wieder Abstand, schließlich konnte man in Kriegszeiten mit einem »Bunten Abend«, der einige lustige Vorführungen und anschließenden Tanz bot, mehr Leute anlocken. Und tatsächlich wurde der Abend ein durchschlagender Erfolg: »Die zahlreich erschienenen Zuschauer dankten uns nach der Vorstellung mit viel Applaus. Die unterhaltsame Ablenkung war allen willkommen. Für ein paar Stunden dachte niemand an seinen knurrenden Magen.«74

Diese Erfahrung, dass man mit dem Spiel auf der Bühne Menschen vor den Sorgen und Nöten der Zeit ablenken und ihnen wenigstens für ein paar Stunden Freude bereiten kann, sollte sowohl für Johan Heesters wie auch für Herman Kaldewaay eine fundamentale Bedeutung erlangen. Das, was sie in ihrer Kindertheatergruppe in Zeiten des Erstens Weltkriegs instinktiv taten, das praktizierten die beiden Jugendfreunde auch später in ihren Berufen – wenn sie im Zweiten Weltkrieg auch auf verschiedenen Seiten standen: Aus Hemmy Kaldewaay wurde Willy Walden, einer der berühmtesten Revuestars der Niederlande, der seine Landsleute während der deutschen Besatzung mit seinen Revuen zum Lachen brachte und dafür bis ins hohe Alter, als er schon längst von der Bühne abgetreten war, von den Holländern geliebt wurde. Aus Jopie Heesters wurde Johannes Heesters, der Operettenkönig und Filmstar, der fern seiner Heimat, in Deutschland, Karriere machte.

2.
»Schauspieler wollte ich werden«
Erste Schritte auf der Bühne

Zwischen Heesters’ erstem Theaterbesuch im Januar 1920 und dem ersten Mal, als er die Bretter betrat, die für ihn fortan die Welt bedeuten sollten, vergingen nur anderthalb Jahre. Das Ende des Ersten Weltkriegs und die Normalisierung der Verhältnisse wirkten sich auch für die Familie Heesters positiv aus. Nach der langen Durststrecke, die man seit der Aufgabe des Amersfoorter Geschäfts hatte durchstehen müssen und die sich während des Kriegs nur noch verschlimmert hatte, entspannte sich die Situation langsam. Inzwischen arbeiteten drei der Söhne und unterstützten mit ihrem Lohn den elterlichen Haushalt.

Wegen des Kriegs und der zunehmenden Verarmung der Familie konnte Johan Heesters erst sieben Jahre nach dem Umzug nach Amsterdam zum ersten Mal eine Theatervorstellung besuchen. In der Utrechter Provinz hatte es keine Theater gegeben, und in Amsterdam, wo der Spielbetrieb im Gegensatz zu vielen anderen Ländern Europas aufgrund der Neutralität Hollands während des Krieges ungehindert weiterlief, verfügten die Heesters’ nicht über das notwendige Geld und wohl auch nicht das Interesse, um mit ihren Söhnen ins Theater zu gehen. Gerade als er begriff, wie reich das Theater- und Kulturleben in Amsterdam der damaligen Zeit war, sollte Heesters auch schon fast ein Teil von ihm sein, denn sein Weg zur Bühne verlief äußerst zielstrebig – wenn auch letztlich eine große Portion Glück dazu gehörte, dass er bereits als Siebzehnjähriger mit den Theatergrößen der Niederlande gemeinsam auf der Bühne stehen sollte.

Amsterdam war traditionell eine kunstliebende Stadt und zudem als Hauptstadt der Brennpunkt des kulturellen Lebens der Niederlande. Literatur, Malerei und Musik wurden von der Amsterdamer Bevölkerung seit jeher geschätzt, und bereitwillig nahm man neue Impulse aus England, Deutschland und Frankreich auf. Auch was das Theater anging, konnte Amsterdam auf eine reiche Vergangenheit zurückblicken.75 Die englischen Schauspieltruppen, die große Teile Europas bereisten und mit ihrem vorwiegend aus Shakespeare-Stücken bestehenden Repertoire auch beim holländischen Publikum Beifall fanden, gastierten im 17. Jahrhundert in Amsterdam und legten hier den Keim für die Begeisterung am Schauspiel und am Theater, auch wenn ihre Aufführungen, anders als in den meisten Ländern Europas, keinerlei Einfluss auf die niederländische Dramatik hatten.76 Die fahrenden Ensembles waren noch an improvisierten Spielstätten aufgetreten, erst in der Folgezeit baute man die ersten festen Bühnen in Amsterdam – und nur in Amsterdam, denn bis weit ins 18. Jahrhundert hinein gab es in Holland außerhalb der Hauptstadt keine festen Bühnen, was nicht bedeutet, dass dort das Theater unbekannt war, denn fahrende Komödiantentruppen gastierten in Gasthäusern und Rathaussälen oder auch im Freien, etwa auf Jahrmärkten oder Kirmessen, und unterhielten die Menschen.

Als erster Theaterbau in Amsterdam und zugleich als erstes holländisches Schauspielhaus überhaupt wurde 1638 die Schouwburg in der Keizersgracht eröffnet,77 die garantierte, dass Amsterdam »fortan bis ins 18. Jahrhundert die alleinige Pflanzstätte des holländischen Theaters«78 blieb. Trotz der ersten festen Bühnen, die man in Amsterdam errichtet hatte, blieb die Entwicklung des Theaters in den Niederlanden weit hinter der der europäischen Nachbarländer zurück. Das lag vor allem daran, dass es die Rhetorikkammern, die Kamers van Rhetorika, waren, die – genossenschaftlich wie Handwerkszünfte organisiert – das Theaterleben der holländischen Metropole prägten. Da sie aufgrund des Diktats der Geistlichkeit ausschließlich Moralitäten und biblische Sinnspiele zur Aufführung zuließen, verhinderten sie lange, dass neue Impulse, wie sie etwa durch die fahrenden Schauspieler aus anderen Ländern nach Holland getragen wurden, aufgegriffen werden konnten, was zu einer Stagnation führte, durch die Holland den Anschluss an die europäische Entwicklung der Bühnenkultur zu verpassen drohte.

Erst im Laufe des 17. Jahrhunderts wurde allmählich mit der Tradition dieser Rhetorikkammern gebrochen, was zu einem Aufblühen der Theaterliteratur führte. Eine ganze Phalanx teils herausragender Dramatiker erfüllte nun das Bedürfnis nach neuen Stücken. Der bekannteste unter ihnen wurde und blieb der aus Köln stammende Joost van den Vondel, der »Shakespeare der Niederlande«. Während die Stücke anderer Autoren aus dem 17. Jahrhundert längst vergessen sind, haben seine Dramen bis heute ihren Platz auf den niederländischen Bühnen. Eines war jedoch allen in Holland entstehenden Theaterstücken gemein: Allesamt wurden sie keine Exportschlager, denn die Popularität der niederländischen Theaterautoren blieb ausschließlich auf das eigene Land beschränkt. Eine nennenswerte Außenwirkung hatte das holländische Theater über Jahrhunderte nicht. Seit jeher war Amsterdam umgekehrt jedoch für Impulse von außen offen, auch und gerade auf dem Theatersektor. So entstanden etwa die Hoogduitse Schouwburg, das Hochdeutsche Theater, an dem auch der junge Nestroy auftrat, oder etwa die französischen Bühnen Franse Schouwburg und Théâtre Vaudeville français. Diese Theater brachten die Bühnenwerke der entsprechenden Länder jeweils in der Landessprache zur Aufführung und fanden im kosmopolitischen Amsterdam regen Zulauf.

Im 19. Jahrhundert war es zu einem erneuten Aufschwung des Theaters in Holland gekommen, zahlreiche neue Bühnen und Theaterkompanien wurden ins Leben gerufen, mit »De Toneelkijker«, dem Bühnenbeobachter, wurde die erste niederländische Theaterzeitschrift publiziert und mit der 1821 eröffneten Genootschap voor Uiterlijke Welsprekendheid, der Genossenschaft für äußerste Beredsamkeit, die erste Theaterschule des Landes eröffnet. Hauptmotor der Entwicklung blieb weiterhin Amsterdam, wo in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts verstärkt nun auch Berühmtheiten des internationalen Theaters auftraten. So sorgte etwa ein Gastspiel Sarah Bernhardts am Grand Théâtre in der Amstelstraat für Furore. Das beginnende 20. Jahrhundert jedoch brachte eine regelrechte Blütezeit des Theaters in Amsterdam. Wie in ganz Europa, so boomten auch hier die Oper und die Operette, das Kabarett und die Revue, aber auch zirzensische Darbietungen und Tingel-Tangel-Etablissements. Durch die Weltoffenheit und die vielen Fremden aus aller Herren Länder, die in der Stadt lebten, herrschte ein Klima, in der die Theaterkultur ideal gedeihen konnte. Die Amsterdamer fühlten sich mit ihren Theatern aufs engste verbunden: »Ihr Enthusiasmus und ihre Anteilnahme bewirkten, dass sich die Künstler inmitten ihres Publikums fühlten wie Fische im Wasser.«79

Aufgrund des Reichtums an unterschiedlichsten Bühnen kristallisierte sich in Amsterdam kein Theaterzentrum heraus, sondern das Theaterleben spielte sich in verschiedenen Teilen der Stadt ab: Zum Theaterbesuch ging man in die Amstelstraat (mit dem Grand Théâtre, dem Salon des Varietés, der Flora und dem Centraal-Theater), an den Leidseplein (mit der Amsterdamse Schouwburg, dem in der Nähe gelegenen Concertgebouw und einer Reihe weiterer Bühnen), nach »De Plantage« (mit der prachtvollen Parkschouwburg und einer ganzen Reihe anderer Theater) oder in »De Nes«, eine der ältesten Straßen Amsterdams, in der sich noch viele Gebäude aus dem 14. und 15. Jahrhundert befinden, von denen einige im 18. Jahrhundert in Theater umgewandelt wurden (hier fanden sich etwa das Tivoli oder das Victoria). Nicht zu vergessen auch das Gebiet um den Rembrandtsplein, wo sich neben dem Rembrandt-Theater auch zwei der Bühnen finden, auf denen Heesters in den zwanziger Jahren oft und regelmäßig auftrat: das prächtige, heute nicht mehr existierende Paleis voor Volksvlijt am Frederiksplein und das berühmte Theater Carré an der Amstel, das heute noch bespielt wird. Alle diese Theater buhlten Tag für Tag um die Gunst der Zuschauer, ließen ihre Spielpläne täglich seitenlang in den Zeitungen abdrucken oder beschäftigten abends Ausrufer, die das Publikum von den Trottoirs und Flaniermeilen in die Vorstellungen locken sollten. Und verlockend war das Theaterleben Amsterdams allemal, das empfand auch der junge Johan Heesters.

Bürgerliche Existenz oder Theaterzauber?

In den Lebenserinnerungen von Schauspielern wimmelt es geradezu von Darstellungen, wie der erste eigene Theaterbesuch zur entscheidenden, schicksalhaften Initialzündung wurde.80 Auch Heesters reiht sich hier ein, denn, wie er es in seinen Memoiren schildert, hatte sich gleich beim ersten Theaterbesuch in Amsterdam gezeigt, wie empfänglich der junge Mann für die Zauberkraft des Theaters war, wie sehr ihn, im Gegensatz zum Rest seiner Familie, das Theater faszinierte und berauschte und für sein weiteres Leben prägte. War bisher das Theaterspiel lediglich ein Freizeitvergnügen gewesen, dem er mit seinen Freunden gefrönt hatte, so spürte er nun mit einem Mal die Berufung, selbst zur Bühne zu gehen. Daran, dass es sein Vater war, der ihm den ersten Theaterbesuch ermöglichte, erinnert er sich noch als alter Mann mit großer Dankbarkeit.81

Das Interesse seines Sohnes am Theater war Jacobus Heesters nicht entgangen, so entschloss er sich, Jopie zu seinem sechzehnten Geburtstag am 5. Dezember 1919 eine Eintrittskarte für die Amsterdamse Stadsschouwburg, das renommierteste Theater der Hauptstadt, zu schenken. Zwar bot die Stadsschouwburg seit 1916 auf Weisung der Stadtverwaltung verbilligte Volksvorstellungen an, um auch den weniger gut betuchten Amsterdamern den Theaterbesuch zu ermöglichen, aber Jacobus Heesters wollte seinem Sohn etwas Besonderes schenken und kaufte eine Karte für das wichtigste Theaterereignis des Jahres, denn Jahr für Jahr, schon damals seit fast dreihundert Jahren, wurde an jedem Neujahrstag das Drama Gijsbrecht van Aemstel des holländischen Nationaldichters Joost van den Vondel aufgeführt, das, im 13. Jahrhundert spielend, die Entstehungsgeschichte Amsterdams schildert. Jacobus erzählte seinem Sohn von dem Stück, das er sehen würde und das damals jeder Holländer aus der Schule kannte. Und er erzählte ihm von Joost van den Vondel, dessen Denkmal die Heesters’ einst gesehen hatten, denn es steht in jenem Vondelpark, in dessen Nähe die Familie zunächst gewohnt hatte. Wie bedeutsam der bevorstehende Theaterbesuch für seinen jüngsten Sohn werden sollte, konnte der Vater freilich nicht ahnen.

Am Neujahrstag des Jahres 1920, drei Tage bevor in Amsterdam ein Theaterstreik ausbrach und die Theater geschlossen wurden, war es soweit: Johan Heesters betrat zum ersten Mal das altehrwürdige Amsterdamer Stadttheater, das im Januar 1638 mit genau jenem Stück eröffnet worden war, das er heute sehen sollte, denn Vondel hatte seinen als großes, vaterländisches Nationalepos angelegten Gijsbrecht van Aemstel eigens für diesen Anlass geschrieben – weshalb man zeitweise sogar überlegte, das Haus in »Vondelschouwburg« umzubenennen. Die Idee, dass er selbst, nur zwei Jahre später, wenn auch nur in einer kleinen Rolle, in ebendiesem Theater in ebendiesem Stück auf der Bühne stehen könnte, wäre dem jungen Heesters an diesem Abend wohl kaum gekommen, als er in seinem besten Anzug aufgeregt durch die Menge der feierlich gekleideten Amsterdamer lief und voller Vorfreude, und vielleicht auch ein bisschen eingeschüchtert, seinen Platz einnahm, bis es langsam dunkler wurde im Zuschauerraum und die Vorstellung endlich begann.

Angesichts des Spektakels, das sich ihm nun darbot, gingen ihm die Augen über. Sobald sich der Vorhang öffnete, liebte und hasste, weinte und lachte, tötete und starb der junge Heesters mit den Helden auf der Bühne, er vergaß alles um sich herum. Nur schwer konnte er sich auf dem Sitz halten und versuchte, jede Einzelheit der Inszenierung in sich aufzusaugen: »Nichts entging mir, keine Regung der Schauspieler, kein Detail des Bühnenbildes, kein Vers dieser monumentalen Tragödie.«82 Fasziniert verfolgte er das Drama um den Untergang Amsterdams, lauschte dem Erzengel Raphael, wie er dem tapferen Gijsbrecht, der Amsterdam vergebens zu verteidigen versucht hatte, verkündet: »Verlass Dein Erbe jetzt und quäle dich nicht länger. Liegt auch die Stadt zerstört und wüst, lass Dir’s nicht grauen; mit größ’rem Glanz ersteht sie einst aus Staub und Asche.«83

Am Schluss der Vorstellung sprang Heesters begeistert auf und klatschte frenetisch Beifall. Noch Jahrzehnte später beschrieb und begriff er diesen ersten, als so überwältigend empfundenen Theaterabend als einen entscheidenden Wendepunkt seines Lebens. Seine Leidenschaft war nun vollends entflammt. Für den gerade Sechzehnjährigen stand mit einem Mal fest, dass er selbst zur Bühne wollte, nein, dass er zur Bühne musste. Hatte er vorher nur phantasiert, wie es sein würde, im Rampenlicht zu stehen, und nur in bescheidenem Rahmen erfahren, wie es ist, vor Publikum aufzutreten, so hatte er an diesem Abend erlebt, wie es im »richtigen« Theater zugeht: »Als es schließlich auf der Bühne dunkel wurde, ging mir ein Licht auf: Schauspieler wollte ich werden! Und nichts anderes.

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