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Der Henker von Bad Berging

Montag, 17:58 Uhr, Hamburger Hafen

Er bückte sich und hob gleichzeitig das Absperrband an, um darunter hindurchzutauchen. Plastik knisterte, als seine breite Schulter daran schabte. Schnell stand er wieder aufrecht, einem uniformierten Kollegen gegenüber. Das Band ließ er los und zurückschnellen.

»Und was gibt es diesmal?«, fragte er brummig, während er den Kragen seines Mantels hochschlug, da der Herbstwind hier am Hafenpier besonders schneidend und ungemütlich war.

»Da hinten! Bei den Containern, Herr Kessler«, deutete der Gefragte in eine Richtung. »Stein wartet schon.«

Eine Möwe schrie laut und heiser, wurde von einer anderen abgelöst, deren intensiver Ruf eine Dringlichkeit ausdrückte, die Kessler irritierte. Er verzichtete daher darauf, diesen Mann darauf hinzuweisen, dass die korrekte Erwähnung von Dienstgraden durchaus ihren Sinn hatte. Zur Strafe strich er dafür das Danke und warf ihm stattdessen einen tadelnden Blick zu. Der Uniformierte senkte auch gleich seinen Kopf und wippte leicht auf den Fußballen. Er schien zu überlegen, was er nun Polizeiwirksames tun könnte, um nicht länger im Fokus dieses neuen Superkollegen stehen zu müssen. Kessler reichte die Reaktion aus Unsicherheit und Zerknirschung. Er ließ von ihm ab und blickte den Pier entlang. Der Wind war stärker geworden. Es wurde bald dunkel. Schreiend landeten ein paar Möwen am Ende der Mole, stritten sich und hackten mit ihren Schnäbeln auf etwas ein. Er seufzte. Es half alles nichts. Er musste zum Tatort. Schnell ging er zu den Containern und sah aus den Augenwinkeln schon ein paar Reporter hinter der Absperrung herumlungern.

Die hatten wohl den Polizeifunk abgehört und warteten auf einen Sensationsbrocken – diese widerlichen Aasgeier.

»Jens! Hier sind wir!«, riss ihn der Ruf aus seinen düsteren Gedanken. Keine fünf Meter entfernt war eine runde kleine Gestalt aufgetaucht, die ihn zu sich winkte.

»Das hat aber gedauert! Wo hast du nur gesteckt?«

»Meine Orientierung leidet ein bisschen. Hier ist nichts mehr, wie es früher einmal war«, kam die ungehaltene Antwort.

»Junge, Junge, man sollte nicht meinen, dass du in dieser Stadt geboren bist«, lachte der andere. »Und sich zu verfahren, ist eine lahme Ausrede. Auch nach dreizehn Jahren USA vergisst man doch seinen Heimathafen nicht.«

»Ben!« Es war offensichtlich, dass Jens Kessler keine Lust auf eine Fortsetzung des Gesprächs hatte. »Ben, von jemandem aus einer Kleinstadt, in der alles beim Gleichen bleibt, muss ich mir das nicht länger anhören. Meun Hamburch hot sich verännerd un do kommt ma ganz schön inne Tüdel, nech!1 So, jetzt genug geschnackt2. Wo ist der Tatort!?«

»Pfffffffffffuit! Was soll denn an Magdeburg bitte klein sein?«, konterte Ben, aber da er nicht zu der schnell beleidigten, lokalpatriotischen Sorte gehörte, deutete er auf einen Stapel Kisten, der sich malerisch modern und dank einer hellen Lampe, die gerade ein Mitarbeiter der Spurensicherung dahinter aufstellte, in der Dämmerung wunderbar plastisch ausmachte. Jens Kessler schnaubte missmutig. Er wollte eigentlich gar nicht hingehen, musste aber doch, denn Polizeihauptkommissar Ben Stein hatte ihn wie ein aufgeregtes Kind auf dem Jahrmarkt am Ärmel gepackt und schon mit sich gezogen.

»Dort. Siehst du?«, rief er und zeigte auf eine Kiste. »Dort drin hat ihn der Hafenmeister gefunden.«

Jens Kessler sah leider gar nichts, da besagte Kiste dank des diffusen Dämmerlichts lediglich ein einziger schwarzer Schatten war. Ärgerlich blickte er daher Stein an, der offenbar nicht verstand. Doch bevor ihm Jens Kessler mit einem gebrummten »Taschenlampe« auf die Sprünge helfen konnte, ertönte hinter ihnen: »Ekelhaft, nicht?!«

Es war eine junge Frau, die, ohne dass er es bemerkt hatte, um den Kistenstapel herumgekommen und offensichtlich gerade damit beschäftigt war, Fotos zu machen.

»Wie in einem von diesen unnötig grauenhaft brutalen Skandinavien-Krimis. Hauptsache blutrünstig«, erklärte sie weiter, während sie einige Schritte rückwärts ging und am Objektiv drehte, um den Kistenstapel im Weitwinkel aufnehmen zu können.

»Das ist übrigens Rita«, raunte Ben Jens Kessler zu. »Die ist wie du erst seit Kurzem bei uns und hilft ein bisschen aus. Auch so ein aufstrebendes Wunderkind. Die Karriereleiter regelrecht hochgerast. Man meint es wohl gut mit unserer Abteilung, dass man uns gleich zwei von eurer Sorte zugeteilt hat.«

»Rita? Rita Hubschmied?«, fragte Jens Kessler verblüfft.

Die Frau hielt in der Bewegung inne, den Zeigefinger in der Luft, einige Millimeter über dem Auslöser.

»Ja?!«, kam argwöhnisch die Antwort, während sie ihn mit Röntgenaugen musterte. Es war offensichtlich, dass sie zu keinem brauchbaren Ergebnis kam, was sie noch etwas spröder werden ließ. »Und wer …«

»Na, ich bin’s doch. Jens Kessler. Erinnerst du dich nicht mehr? Baton Rouge, Louisiana? Vor ungefähr sechs Jahren?«

»Scheiße, ja! Der Vampirmörder! Meine Fresse, ich habe dich gar nicht wiedererkannt. Der Bart und so …«

Mit und so meint sie vermutlich höflich ausgedrückt meine Augenklappe, dachte er bitter, konnte ihr aber nicht länger böse sein, weil sie sich nun wirklich zu freuen schien, ihn wiederzutreffen. Rasch hatte sie die Kamera einem Mitarbeiter in die Hand gedrückt und kam strahlend zu ihnen.

»Des gibt’s doch gar nicht. Jens! Jens Kessler! Wow, die Welt ist wirklich klein. Ich mein, ich hätte eher erwartet hier jemanden aus meiner Familie – also aus dem tiefsten Bayern – zu treffen als dich.«

»Oh, tut mir leid!«, bemerkte er und versuchte nun auch seinerseits ein winzig kleines Lächeln. »Aber du musst wohl oder übel mit mir Fischkopf vorlieb nehmen.«

»Nein, nein. Das war eigentlich pure Erleichterung und daher als Kompliment gedacht. Aber … Äh … ist des jetzt der absolute Zufall oder was? Ich mein, dass du hier bist und so … Egal, es ist super, dich bei diesem Fall im Boot zu haben. Das ist ja sozusagen ein Ritterschlag. Niemand ist so ein großartiger Profiler wie du.«

»Profiler? Du meinst also, dass wir hier etwas Interessantes haben?«, blendete er ihr merkwürdiges Gestammel einfach aus, hörte nur dieses eine Wort und biss sofort an. Da man ihm jedoch immer noch kein Licht zur Verfügung gestellt hatte, seine Neugier aber entfacht war, begann er auch gleich in der Manteltasche nach seinem Handy zu suchen.

»Könnte man wohl so ausdrücken«, versuchte sich nun Ben fachkundig ins Gespräch zu mischen. »Wenn das nicht das Werk eines wirklich kranken Psychos ist, dann weiß ich auch nicht. Rita, zeig ihm doch einmal, was wir da haben.«

Aber sie kam nicht mehr dazu. Jens Kessler war bereits an den Stapel herangetreten und hob sein Handy, dessen integrierte Taschenlampe es ihm endlich ermöglichte, in der Dunkelheit der Kiste etwas erkennen zu können. Für den Bruchteil einer Millisekunde erstarrte er. Zwar war Jens Kessler ein Voll-Profi und es gab nichts Schreckliches, was er nicht bereits schon kannte, aber das, was er da jetzt vor sich hatte, ließ sein Blut zu Eis gefrieren. Ein abgetrennter Kopf, die Augen ausgestochen, der Mund in Todesqualen verzogen – ein Déjà-vu?! Ron? Jens Kessler musste blinzeln. Nein, schalt er sich sofort einen Narren. Nein, natürlich ist das nicht Ronald Roberts!

»Heilige Scheiße!«, flüsterte er, als er jetzt sah, dass der Mörder den Hals mit langen, großen Nägeln befestigt hatte, damit der Kopf auch ja nicht umfallen konnte und in dieser makaberen aufrecht stehenden Position blieb.

»Hab ich’s nicht gesagt?«, bestätigte Rita, die neben ihn getreten war. »Brutal bis ins kleinste Detail. Sieh dir mal die Wundränder an. Ausgefranst und irgendwie zerfleddert. Ich tippe auf eine Säge – Kreis oder Motor. Aber das überlasse ich nur zu gerne der Forensik. Die Präsentation dieser Abscheulichkeit ist jedoch auch nicht von schlechten Eltern. Er hat den armen Kerl fixiert und wollte nicht, dass sein Werk umkippt. Es soll seinen Finder ansehen können. Naja, vermutlich eher erschrecken, weil da ja keine Augen mehr sind. Eindeutig eine Botschaft, wenn du mich fragst.«

»Wer ist hier der Profiler?«, fragte Jens Kessler scharf.

Er war wütend. In erster Linie auf sich selbst, weil er wider Erwarten einen Augenblick erschrocken gewesen war. Erschrocken darüber, dass er hier so plump auf ein Ereignis aus der Vergangenheit gestoßen wurde – ein Ereignis, mit dem er längst abgeschlossen haben wollte.

»Du glaubst doch wohl nicht, dass es schicksalhafte Fügung ist, dass ausgerechnet hier – in deiner Anwesenheit quasi – dieses makabre Abfallprodukt einer bestialischen Verstümmelung auftaucht?!«, fuhr sie gnadenlos in ihrer Überlegung fort.

Jens Kessler ließ die Hand sinken. Er wollte nichts mehr sehen und auch nichts mehr hören, bevor er nicht selbst in der Lage war, das alles zu begreifen und in einen vernünftigen Rahmen zu bringen. Bedächtig schaltete er das Handy aus, bevor er es wieder in der Manteltasche verschwinden ließ. Er brauchte etwas Zeit und vor allem Ruhe, doch leider hatte Rita dafür offenbar keine Antenne. Sie war wie ein Pitbull Terrier, der gerade erst angefangen hatte, sich in seinen Knochen zu verbeißen. Schon immer hatte er gewusst, dass aus der vielversprechenden Kollegin eine mehr als professionelle Bereicherung in der kriminalistischen Fallanalytik werden würde. Leider war ihr Talent im Augenblick mehr als störend.

»Unterbrich mich ruhig, wenn ich mich irre«, bemerkte sie selbstbewusst, sah großzügig über seine abweisende Haltung hinweg und fuhr gleich fort. »Schon allein die Opferwahl. Männlich, Mitte bis Ende fünfzig. Die Todeszeit – und dabei greife ich mal auf vergangene Vorfälle zurück – kann nur innerhalb der letzten 48 Stunden liegen. Er wurde enthauptet, aber nicht hier. Kein Blut. Wir haben hier also keinen Tatsondern einen Fundort und der ist makellos sauber. Und darum ist es auch klar, dass der Mörder Kontakt aufnehmen will. So nach dem Motto: Seht her, ich hab ein Geschenk für euch. Lasst uns mal spielen! Und ich verwette meinen Arsch, dass wir den Rest des Körpers nicht finden werden. Also Jens, was sagst du nun? Besonders dir müsste das bekannt vorkommen. Na, klingelt’s?«

Jens Kessler war zu ihr herumgefahren und hatte sein Auge zu einem gefährlichen Schlitz verengt. Rita hielt seinem Blick stand. Dann nickte sie leicht.

»Ja, ich weiß, es ist eigentlich nicht möglich, weil ihr diese Bestie damals geschnappt habt. Aber noch verrückter ist ja wohl, dass ausgerechnet du jetzt hier bist. Ich meine, als ich vorhin hier angekommen bin, hatte ich schon so einen Verdacht. Diese Vorgehensweise, diese ganze Art. Und dann tauchst du auf und plötzlich passt alles zusammen …«

Er hatte sie am Oberarm gepackt und mit sich gezogen, weg von dem Kistenstapel und Ben, der gerade mit dem Gerichtsmediziner diskutierte.

»Verdammt!«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als sie am Rande des Piers angekommen waren. »Verdammt, du glaubst also zu wissen, wer unser Täter ist?«

Sie nickte abermals. Er sog hörbar die Luft ein, starrte sie einige Sekunden an und ließ sie dann los. Sie wurde ihm unerträglich. Schnell blickte er stattdessen auf das Wasser vor sich. Dort trieb ein toter Fisch, wurde bäuchlings von den Wellen hin und her gewiegt und plötzlich schien ihm dieses Schauspiel das Interessanteste seit langem.

»Jens, ich bitte dich«, riss Rita ihn aus seinen kontemplativen Betrachtungen, holte ihn brutal in die Wirklichkeit zurück. »Den Zusammenhang würde selbst ein Dorfpolizist in dem Kaff, aus dem ich stamme, erkennen. Ich war zwar damals nicht dabei, aber glaub bloß nicht, dass ich das nicht verfolgt hätte. Ein Serienkiller vom Feinsten. Da habe ich freiwillig Extra-Hausaufgaben gemacht. Also, du brauchst jetzt nicht ausweichend zu werden, denn du weißt, dass ich Recht habe. Wir haben es hier eindeutig mit dem …«

» … Princeton-Schlächter zu tun!?«, beendete er rau ihren Satz. »Lächerlich, meine Liebe! Du solltest dich mal reden hören! Der ist, wie du gerade so treffend bemerkt hast, von mir geschnappt worden und hinter Schloss und Riegel, wo er verrotten wird. Also, wie bitte soll er DAS hier bewerkstelligt haben?«

»Gut, dann eben nicht er persönlich. Aber es ist doch ein sehr verblüffend ähnlich gelagerter Fall. Gehen wir also von einem Nachahmungstäter aus«, erklärte Rita ärgerlich. »Mensch Jens, egal von welcher Seite wir es betrachten, das Offensichtliche bleibt bestehen.«

Er schob die Hände in die Manteltaschen und drehte sich ganz von ihr weg.

»Jens?«, klang aus weiter Ferne ihre Stimme.

Er hatte keine Lust, wollte seinen Frieden, bereute es, heute überhaupt aufgestanden zu sein und sie nach all den Jahren wiedergetroffen zu haben.

»Jens!«

Aus der Ferne tutete ein Schiff. Der Wind frischte wieder auf, blies ihn kalt an, zerwühlte seine blonden Haare, zerrte an seinem Mantel. Am gegenüberliegenden Ufer konnte er sehen, wie gerade ein Container verladen wurde. Ein höchst faszinierendes Schauspiel.

»Jens?«

Das Wasser wurde unruhig. Die Wellen kräuselten sich, schwappten gegen die Kaimauer. Ein zweiter toter Fisch war aufgetaucht. Die Kadaver wurden aufeinander zugetrieben, berührten sich, sahen aus, als wollten sie sich küssen. Woran waren sie gestorben? Eine Seuche? Gift? Umweltverschmutzung? Altersschwäche? Oder waren sie Augenzeugen gewesen, die man beseitigt hatte?

»Jens? So sag doch was!«

Es war sinnlos, sie weiterhin zu ignorieren, denn sie würde doch keine Ruhe geben. Jens Kessler zwang sich regelrecht dazu, Rita wieder anzusehen. Eines war klar. Sie musste vom Kurs abgebracht und endlich beschäftigt werden, damit sie ihm nicht mehr den letzten Nerv raubte.

»Du … Ähm, du hast da einen interessanten Ansatz gefunden, den wir von mir aus mal im Hinterkopf behalten könnten«, entgegnete er. »Aber bevor ich nicht alle Fakten zusammen habe, werde ich darauf nicht weiter eingehen.«

Sie wirkte enttäuscht, aber er blieb hart. Unmissverständlich musste die Grenze gezogen werden. Er hatte hier das Sagen und nicht sie.

»Wie wär’s, wenn du Ben und seinen Leuten zur Hand gehst, damit wir heute noch fertig werden.«

Sie sah ihn nun entrüstet an.

»Na, mach schon!«, forderte er sie gönnerhaft auf und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte seine Anweisung mit einem Stubser gegen ihren Rücken verstärkt, damit Rita endlich begriff, dass er sie momentan nicht in der Nähe haben wollte. Schnell verdrängte er jedoch den Impuls und rang sich stattdessen ein halbwegs zuversichtliches Lächeln ab. »Ich zähl auf dich! Die sind nicht so professionell und machen bestimmt Fehler, und ich brauch jetzt jemanden wie dich, der das Ganze koordiniert.«

Blicke des Zorns wurden ihm entgegengeschleudert, aber er blieb standhaft und ließ sie einschlagen, bis sie in ihrer Intensität nachließen. Ritas Reaktion auf diese herablassende Behandlung war mehr als verständlich. Trotzdem sah er ihr ohne schlechtes Gewissen nach, als sie auf dem Absatz kehrtmachte und wütend zum Fundort zurückstampfte. Das würde sie ihm bestimmt nicht so schnell verzeihen, aber was interessierten ihn schon ihre Gefühle? Jens Kessler holte sein Handy wieder hervor und wischte mit dem Zeigefinger über das Display, bis er die gesuchte Nummer gefunden hatte. Er seufzte, berührte die Anruftaste, hielt das Telefon ans Ohr und wartete auf das Tuten. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, nie wieder anzurufen.

    1 Mein Hamburg hat sich verändert und da kommt man ganz schön durcheinander, nicht!

    2 geplaudert

Montag, 18:24 Uhr, König Ludwig Gymnasium, Bad Berging

»Good evening, ladies and … Oh!« Mit einem wunderschönen, entschuldigenden Lächeln blickte sie auf und nahm dann ihre Lesebrille ab, die sie an einer langen Kette um den Hals trug. Einige Sekunden schien sie zu überlegen, bevor sie ihre Sehhilfe los- und auf ihren prachtvollen Vorbau fallenließ, wo diese hüpfend aufkam. Mit gespieltem Vorwurf hob sie die Teilnehmerliste hoch, wedelte damit, sah dabei in die Runde, räusperte sich und nahm den Faden wieder auf.

»Excuse me, I’ve to correct myself. Good evening, gentlemen and welcome to the english conversation and basic grammar repeating class. My name is …«, und hierbei drehte sie sich elegant zu der weißen Tafel, schnappte einen Stift, entfernte mit einem Plopp den Deckel und begann schwungvoll zu schreiben. Einige Augenblicke später trat sie einen Schritt zurück, wohl wissend, dass auch ihre Rückenansicht für die Teilnehmer eine Augenweide sein musste, und nickte zufrieden.

»My name is: Miss Katherine Shaw. But please call me …«, und wieder hatte sie sich mit einem atemberaubenden Lächeln zu den anwesenden Herren umgewandt, »Kathy!«

Zehn Augenpaare waren auf sie gerichtet. Manche waren groß und etwas ängstlich, schließlich war es schon ein bedeutender Schritt als Erwachsener noch einmal die Schulbank zu drücken und dabei an längst vergangene aber vielleicht durchaus immer noch traumatische Erlebnisse erinnert zu werden. Manche blickten mit unverhohlenem Entzücken, so eine atemberaubende Lehrerin zu haben. Manche waren konzentriert, aber mit abwartendem Interesse und wieder andere voller Selbstzweifel, da offenbar nicht alles verstanden worden war und sich der Gedanke aufdrängte, doch lieber gleich in den Anfängerkurs zu wechseln.

Miss Kathy war zufrieden. Die Gruppe gefiel ihr gut. Genau die Mischung, mit der man arbeiten konnte. Zuversichtlich durch jahrelange Erfahrung, hier einen brauchbaren Kurs zu haben, legte sie ergriffen eine Hand auf den Busen, nickte einem besonders intelligent aussehenden Herrn in der ersten Reihe freundlich zu, hielt sich aber aus Gründen der Professionalität nicht lange damit auf, sondern begann durchzuzählen.

Mit gerunzelter Stirn ertastete sie gleich wieder die Lesebrille und setzte diese auf ihre Nase, um auf der Liste die Anwesenden zu überprüfen.

»Oh, I see!«, bemerkte sie. »We are not complete. Two people are missing! Hm, but wir starten now, meine Herren. Wer zu spat kommt, der hat nicht gut Glück, oder?«

Ein zustimmendes Grinsen breitete sich kollektiv auf allen Gesichtern aus. Wie süß doch ihr hinreißender Akzent war, wenn sie versuchte, Deutsch zu sprechen – und wie verdreht ihre Formulierungen! Kathy wusste eben, wie sie eine Atmosphäre der Gemeinschaft und des Wohlfühlens mithilfe eines gut platzierten Witzes, eines gewinnenden Lächelns und des Hinweises auf eine Verbrüderung gegenüber den »Zuspätkommern« schaffen konnte. Jetzt war hier keiner mehr nervös, keiner ein Außenseiter. Alle waren entspannt.

»Well, well. I think we first check the names«, fuhr sie fort. »Mister AUA, Florian?«

»Hier, that’s I!«, rief ein hochgewachsener Mann Anfang fünfzig in der letzten Reihe. Unnötigerweise hob er dabei die Hand, aber da sie nun schon einmal oben war, machte er gleich ein kleines Winken daraus. Kathy nickte huldvoll – ihre englische Königin hätte es nicht besser machen können – und wollte gerade den nächsten Namen lesen, als der Winker ihr ins Wort fiel.

»Äh, my name is AuERRRR. You see – with ein »er« on the ending. Not AUA. Sounds like pain, or?«, er kicherte über seinen eignen Witz – noch dazu in einer fremden Sprache – und fühlte sich großartig.

»Oh!«, blieb ihr lediglich bei dieser Zurechtweisung zu sagen, aber da sie als Britin ein höflicher Mensch war, fügte sie rasch ein »Excuse me!« hinzu, bevor sie im Geiste die Randnotiz typisch nervender Klugscheißer hinter seinen Namen setzte. Ihre gute Laune war durch dieses kleine Zwischenspiel etwas verflogen und sie zog es daher vor, mit der Liste zu den einzelnen Teilnehmern zu gehen, um sie dort abhaken zu lassen. Dass sie sich dabei aber ihrem hilfsbereiten Naturell entsprechend vorbeugte und jedem einzelnen – den Nerver in der letzten Reihe natürlich ausgenommen – einen kurzen Einblick auf ihr herrliches Dekolleté gab, merkte sie offenbar gar nicht. Nach drei Minute war der administrative Teil abgeschlossen und sie ging wieder zu ihrem Pult, um dort zu verkünden: »We are missing Mister Hammer and …«

Weiter kam sie jedoch nicht, denn die Tür wurde mit einem Ruck und eindeutig zu viel Kraft aufgerissen, sodass alle Köpfe herumfuhren. Dort hatte sich eine Art Knäul aus Armen und Beinen gebildet, das sich abmühte, in den Raum zu kommen. Bei genauerem Hinsehen konnte man jedoch erkennen, dass zwei Herren gerade versuchten, gleichzeitig die für beide zusammen viel zu enge Tür zu passieren. Ein Geschiebe, Gedränge, Gerangel entstand, und Kathy war nahe daran, dazwischen zu gehen und wie bei einer Pausenhofprügelei die beiden Kontrahenten mit einem beherzten Griff an die Ohren zu trennen. Einige der Kursteilnehmer schienen ähnlichen Ideen nachzugehen, und Florian Auer hielt schonmal sein Englischbuch griffbereit. Aber bevor irgendjemand etwas hätte unternehmen müssen, war es dem größeren und kräftigeren der beiden Männer gelungen, den anderen mit seiner flachen Hand einen Klaps gegen die Stirn zu geben, sodass dieser zurückprallte und den Weg endlich freigab.

»Take sis, you Saubazi!«, kommentierte der Sieger und rief, als er endlich im Klassenzimmer stand: »Hello alltogether!«

Jovial lächelnd sah er in die Runde, nickte einem Bekannten zu und wusste dann offensichtlich nicht mehr, was er eigentlich wollte.

»So ned, Freinderl!«3, rief es anklagend hinter seinem Rücken. »I war eideitig zerscht do!«4

Da stand augenscheinlich noch eine Rechnung offen, aber bevor nun alles aus dem Ruder laufen würde, war Kathy auch schon bei ihnen und hatte theatralisch beide Hände erhoben.

»Stop! Both of you, stop it!«

Sie war nicht sonderlich laut geworden, aber ihr Blick sprach Bände, sodass nicht nur die Streithammel sondern auch alle anderen Männer im Raum kollektiv den Kopf einzogen. Einige Sekunden herrschte absolute Stille. Ihre Nasenflügel bebten immer noch etwas, als sie dann in normalem Tonfall fragte: »Who are you?«

»Oh, I äm Hammer, Werner Hammer, I äm on se Liste, I hope it!«

»And my name is Hübner, Hilbert«, stellte sich der andere – nach einem missbilligenden letzten Blick auf den Schläger mit dem schrecklichen Akzent – rasch vor. »I was not on your list. I was assigned to the wrong course. But I’m definitely more advanced! Has your colleague informed you?«

»Oh yes, Mister Hübner and Mister Hammer«, nahm Kathy zur Kenntnis. Ihr anfänglicher Optimismus war mittlerweile der Realität gewichen, hier einen Spagat auf menschlicher und sprachlicher Ebene vollführen zu müssen. Etwas ratlos blickte sie von einem zum anderen, aber bevor sie Weiteres tun konnte, übernahm Hammer wieder. Er hatte Kommissar Maus in der ersten Reihe erspäht und watschelte glücklich zu ihm, um sich gleich darauf auf den freien Platz neben ihm fallen zu lassen. Zwar hatte sich Maus schon die ganze Zeit kleiner und kleiner gemacht, war fast schon unter den Tisch gerutscht und hatte dabei in stummer Verzweiflung auf das Bild von Elisabeth II, das über der Tafel hing, gestarrt, in der unsinnigen Hoffnung, sie könnte ihm helfen, aber da war jetzt wohl nichts mehr zu machen.

»Hallo Chef!«, grinste Hammer gutmütig. »Na, da staunen Sie sicher, dass auch ich mich dazu entschlossen habe, wieder die Schulbank zu drücken. Aber als mir die Steffi vorgestern von Ihren Ambitionen, Ihr Englisch mal wieder auf Vordermann zu bringen, erzählt hat, hab ich mir nur gedacht: Was für eine super Idee! Das wollt ich doch auch schon immer mal! Aber allein hab ich ja nie den Hintern hochbekommen. Tja, und dann bin ich gleich hierher, hab mich angemeldet und jetzt kann ich es kaum mehr erwarten!«

»English, please, Mister Hammer!«, rügte Kathy, und Maus konnte sich ein schadenfrohes Grinsen kaum verkneifen. Schnell konzentrierte er sich daher auf die exakte Anordnung seiner Stifte im rechten Winkel zu dem nagelneuen Schreibheft und dem Englischbuch, das er noch vor fünfzehn Minuten als seinen größten Schatz angesehen hatte. Ein scheeler Seitenblick auf seinen Sitznachbarn und er wusste, warum ihn die Freude an seinem ersten Schultag bereits so gänzlich verlassen hatte.

    3 So nicht, Freundchen!

    4 Ich war eindeutig zuerst da!

Montag, 19:35 Uhr, Hafencity, Hamburg

Eigentlich wollte Jens Kessler aus dem Fenster und auf den Fleet tief unter sich blicken, doch eine dicke Spinne, die in der Ecke des großen Panoramafensters ihr Netz ausbesserte, lenkte ihn ab.

Grauenvolle Biester, dachte er. Jetzt sind sie schon in den Gebäuden, werden immer mehr. Er konnte den Anblick des schwarzen, plumpen, sich jeder Bewegung anpassenden Körpers, der acht langen Beine, die vermutlich geschickt arbeiteten, aber für ihn nur unkoordiniert ekelhaft zuckende Gliedmaße waren, nicht länger ertragen. Angewidert drehte er sich weg, dem Raum in seinem Rücken zu, in dem an einem großen Konferenztisch die Kollegen saßen.

Die SOKO »Kopflos« war in vollem Gange. Gerade hatte Hauptkommissar Ben Stein eine Zusammenfassung geliefert und bereitete sich darauf vor, seinen Leuten Aufgaben zuzuweisen und gegebenenfalls einige Fragen zu beantworten. Jens Kessler fing Ritas Blick auf. Er sprach Bände. Da war doch was im Busch?! Aber bevor er sich weitere Gedanken hätte machen können, winkte Stein ihm zu.

»Ich glaube, bevor wir weiter machen, sollten wir erst einmal über die psychologischen Hintergründe informiert werden. Dazu möchte ich jetzt unseren Berater Superagent Kessler zu Wort kommen lassen.«

Jens Kessler sah über die absichtlich akzentuierte, gedehnte und so persifliert amerikanische Betitelung Steins hinweg, ging zum Tisch und zog den Stuhl neben Rita zurück, um sich gleich auf diesen fallen zu lassen. Die gespannten Gesichter, die ihn dabei keine Sekunde aus den Augen ließen, beachtete er gar nicht. Erst einmal lehnte er sich in dem weichen Polster des Büromöbels für Beamte im höheren Dienst zurück und ließ das Kunstleder aufreizend knarzen. Dann faltete er andächtig seine Hände über dem nicht vorhandenen Bauch, sog dabei meditativ die Luft ein, ließ diese genauso geräuschvoll wieder entweichen und strahlte auf diese Weise ein Bild äußerster Konzentration aus. Dass ihm dies noch mehr Respekt entgegenbrachte, war unumgänglich. Alle warteten geduldig – alle außer Rita.

»Es handelt sich um die einzigartige Handschrift eines Mannes, der in Fachkreisen auch unter dem Namen Princeton-Schlächter bekannt ist«, riss sie ungefragt das Wort an sich, sprang gleich wie von der Spinne am Fenster gebissen auf und verteilte an die erstaunten Anwesenden schwungvoll einige Mappen. Jens Kessler ließ sie aus, wobei dieser es gar nicht bemerkte, denn er war zu perplex, dass sie es gewagt hatte, ohne vorherige Absprache so eigenmächtig zu handeln. Gleichzeitig drängte sich die Frage auf, wann Rita die Zeit dafür gehabt hatte, diese Unterlagen zusammenzustellen, was ihn wiederum noch ärgerlicher machte, da es so unerheblich, so belanglos war.

»Er hat sich vor einigen Jahren durch den ganzen nordamerikanischen Kontinent gemordet«, erklärte Rita eifrig. »Auf sein Konto gehen definitiv 34 Opfer. Von der Dunkelziffer beziehungsweise den Köpfen, die nicht gefunden wurden, will ich gar nicht sprechen.«

»Aber warum nennt man ihn dann den Princeton-Schlächter und nicht den von Amerika?«, fragte eine Frau stirnrunzelnd, wobei sie es vermied, in die Akte zu sehen. Ein Seitenblick auf ihren Nachbarn bestätigte offenbar ihren Verdacht, dass da keine fröhlichen Urlaubsschnappschüsse zu finden waren.

Sie ist die einzige, die ein Namensschild trägt, bemerkte Jens Kessler und konnte zu seiner Überraschung durch den blutroten Wutschleier, der plötzlich vor sein Auge trat, sogar noch ihren Namen lesen – R. Heinen. Dann brach es aus ihm heraus und er brüllte:

»Weil ich ihn damals in Princeton/New Jersey geschnappt habe!«

Alle zuckten zusammen.

Es war nicht zu fassen! Was bildete sich Rita Hubschmied eigentlich ein? Wie konnte sie es wagen, ihre privaten, unzureichenden Vermutungen, diese unbewiesene und geradezu unsinnige Verknüpfung, so darzustellen, als ob es sich um eine feste Tatsache handelte? Das war so unprofessionell, so unüberlegt, so typisch für diese von Ehrgeiz zerfressene Frau.

Er war ebenfalls aufgesprungen – und hatte es gar nicht bemerkt. Aus weiter Ferne hörte er das Poltern seines Stuhls, der gerade umgefallen sein musste. Jens Kessler musste die Fäuste auf die Tischplatte stemmen, damit er diese nicht aus Versehen einsetzte, um Rita k.o. zu schlagen. So aufgestützt, den Oberkörper nach vorne gebeugt, sein Gesicht vor Wut verzerrt, musste er erst einmal inne halten. Hatte er vielleicht sogar Schaum vor dem Mund? Die Menschen am Tisch sahen ihn an. Manche blickten besorgt, andere erschrocken, viele ängstlich, aber in allen Augen war etwas Gemeinsames zu lesen: Die Botschaft war bereits angekommen! Sie hatten verstanden, dass es hier offenbar nicht nur um einen scheußlichen Mordfall, sondern um Größeres gehen könnte. Hier war gerade mit Vorsatz ein Hinweis geliefert worden. Hier wurde ein dunkler, bestialischer Serienkiller in Aussicht gestellt.

»Der Fall ist mir bekannt! Hat damals für einigen Wirbel gesorgt. Naja, so etwas vergisst man nicht so schnell!«, warf auch gleich ein besonders mutiger Mann seinen Hut in den Ring. Es war offensichtlich, dass er eigentlich nichts hatte sagen wollen – so wie die anderen vermutlich auch – aber diese ungeheuerliche Verbindungsmöglichkeit, diese kriminalistische dicke Praline vor seiner Nase, war zu reizvoll und zu aufregend, als dass er dazu hätte schweigen können.

»Ich kann mich auch erinnern«, fiel jemand von links ein.

»Aber sie haben ihn doch damals gekriegt. Und hat man nicht die Todesstrafe verhängt?«, kam es von rechts.

»Nee, nee, in dem Bundesstaat gibt es die nicht mehr. Obwohl, sie wollten ihn ja nach Texas ausliefern, doch dann hat sein schleimiger Anwalt auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert, oder? Das Schwein – also nicht der Anwalt, sondern dieser Schlächter – muss irgendwo im Sicherheitstrakt einer geschlossenen Anstalt mit Meerblick sitzen«, bemerkte jemand neben Ben.

»Oh ja, jetzt fällt es mir auch wieder ein. War die Festnahme nicht eine einzige Katastrophe gewesen? Ist der Lockvogel dabei nicht draufgegangen?«, erdreistete sich eine Stimme am Ende des Tisches, den verbalen Zeigefinger mit Wucht in Jens Kesslers schwärende Wunde der bösen Erinnerung zu stechen.

»Nun, aber mal Ruhe Leute«, kam ihm wenigstens Ben Stein endlich zur Hilfe. »Das ist ja wohl Schnee von vorgestern. Obwohl ich leider jetzt auch einräumen muss, dass wir in der Vorgehensweise einige Parallelen zu unserem augenblicklichen Opfer haben.«

»Es ist wie vor ein paar Jahren«, knüpfte Rita sofort an. »Männer werden entführt, enthauptet, ihr Kopf taucht nach zwei bis drei Tagen an den interessantesten Orten auf. Die Augen sind entfernt worden und der Rest des Körpers wird vermutlich nie gefunden werden.«

»Naja, streng genommen haben wir ja nur einen. Also, der Plural Männer ist wohl noch etwas verfrüht!«, versuchte Ben sie etwas zu zügeln.

»Ob viele oder einer ist doch unerheblich. Ich finde viel schockierender, wie jemand nur so krank sein kann, so etwas zu machen?!«, entschlüpfte es Frau R. Heinen.

»Sie haben es gerade auf den Punkt gebracht: KRANK! Und um Hauptkommissar Steins Einwand zu kommentieren, ich denke nicht, dass es bei einem Opfer bleiben wird«, fuhr Rita mit grimmigem Gesichtsausdruck fort. »Wir haben es hier mit einem Psychopaten reinsten Wassers zu tun. Wenn Sie bitte mal in dem Ordner ganz nach hinten schauen würden, da haben Sie sein Foto.«

Ein Rascheln erfüllte den Raum. Auch Frau R. Heinen überwand ihre Abneigung gegen abgetrennte Köpfe und blätterte mit.

»Das ist Harry Raven. Engländer. Sein Curriculum liest sich wie ein Horrorroman. Er war Kunsthistoriker und hat an verschiedenen Universitäten gelehrt, was seine wechselnden Standorte erklärt. Das war auch der Grund, warum es so lange gebraucht hat, ihn zu fassen. Er entstammt einer Künstlerfamilie. Sein Vater, ein narzisstischer Maler mit unglaublichem Erfolg schon zu Lebzeiten. Harry selbst fehlte es offenbar an Talent, um in dessen riesige Fußstapfen treten zu können. Seine Mutter hat sich umgebracht, als er sieben Jahre alt war. Er war schon als Kind auffällig. Ein erster Mordfall während seiner Studentenzeit in Cambridge konnte ihm nie nachgewiesen werden. Trotzdem kann man bei dem Kommilitonen, den man mit aufgeschlitzter Kehle auf dem Campus gefunden hat, eine Art Initiation, seinen ersten Schritt zum Massenmörder sehen. Durch die Jahre hinweg hat er seinen Trieb auf ältere Männer – vermutlich stellvertretend für die verhasste Vaterfigur – fokussiert.«

»Hä? Soll das heißen, wir suchen jetzt diesen Mann? Aber – und Sie müssen mir das jetzt mal nachsehen, denn ich bin wohl eher von der langsamen Sorte – aber ich dachte, der Typ sei längst vom Markt, also seit seiner Verurteilung weggesperrt«, merkte ein junger Mann nachdenklich an. »Oder nicht?! Also, wie kommen Sie jetzt darauf, dass er unser Täter sein könnte?«

Das war das Stichwort, auf das Jens Kessler gewartet hatte. Hier war endlich ein vernünftiger Mensch, dem die Schwachstelle zu dieser so offenkundigen Hexenjagd, geschürt durch Panikmache, aufgefallen war. Rita holte Luft und wollte etwas dazu sagen, aber Jens Kessler war schneller.

»Er ist nicht unser Täter!«, kam, einem Peitschenknall gleich, sein Dementi. »Ich habe vor einer Stunde mit den USA telefoniert. Mr. Raven befindet sich immer noch dort, wo man ihn hingesperrt hat – im geschlossenen Trakt der psychiatrischen Abteilung!«

»Wir müssen also davon ausgehen, hier einen Nachahmungstäter zu haben?« Frau R. Heinen hatte sich offenbar ihre eigenen Gedanken gemacht. »Hm, warum nicht!? Die Sache war damals ganz großes Thema in der Presse. Ich meine, die Verhandlung und dieser unsinnige Richterspruch. Damit liefen natürlich detaillierte Berichte einher. Also, wie er seine Morde durchgeführt hat und so fort. Die restlichen Einzelheiten kann sich ein wirklich Interessierter ohne Weiteres zusammengoogeln. Meine Scheiße, wo sind wir da nur reingeraten!?«

Einen Augenblick lang sagte niemand etwas. Die allgemeine Betroffenheit war ansteckend. Nur Rita blickte hellwach in die Runde. In Jens Kessler brodelte es wieder auf. Er musste sie stoppen, sie endlich zum Schweigen bringen und dafür sorgen, dass er nicht doch noch gezwungen sein müsste, Fragen zu beantworten, die es zu vermeiden galt. Rita war schlau. Wieder spürte er ihren herausfordernden Blick. Sie war noch lange nicht fertig, wollte noch mehr Öl ins Feuer gießen, öffnete schon den Mund, da erklang schrill und enervierend die Titelmelodie von Magnum. Auf einige Gesichter legte sich ein Grinsen. Das waren vermutlich diejenigen, die genau wussten, wem der peinliche Klingelton gehörte. Die anderen schauten sich neugierig um, fanden aber sofort den Besitzer des Handys – Ben Stein wühlte mit hochrotem Kopf in seinen Jackentaschen.

»’Tschuldigung!«, murmelte er. »Da muss ich rangehen.«

Das war das Zeichen für eine kleine Pause. Die Teilnehmer der SOKO entspannten sich auf ihren Plätzen. Einige – Frau R. Heinen an der Spitze – standen auf, vertraten sich die Beine und holten von der Anrichte eine Tasse Kaffee, um sich zu stärken. Es würde schließlich eine lange Nacht werden. Auch Jens Kessler ergriff die Gelegenheit, sich endlich seiner renitenten Kollegin anzunehmen. Mit raschen Schritten war er bei Rita, packte sie am Ellbogen und zerrte sie zum Fenster, um dort ungestört das sprichwörtliche Hühnchen mit ihr zu rupfen.

»Bist du denn vollkommen irre? Was denkst du eigentlich, wer du bist?«, begann er mit zornbebender Stimme, erkannte aber sofort, dass er so nicht bei ihr weiterkam. Trotzig hatte sie die Unterlippe vorgeschoben. Er hasste diesen bockigen Ausdruck. Wieder kochte die Wut in ihm auf und am liebsten hätte er sie von sich gestoßen, gegen das Panoramafenster geschleudert, an den Haaren gepackt und ihren Kopf so lange vor- und zurückgezerrt, bis diese dummen, dummen Ideen aus ihrem Hirn geschüttelt wären.

»Du … Du kannst mich doch nicht so ohne Absprache … einfach so …«, versuchte er es erneut, doch es hatte keinen Sinn. Er war noch viel zu aufgebracht. Rita ächzte etwas und versuchte, sich aus seinem immer härter werdenden Griff zu befreien.

»Mensch Jens!«, stöhnte sie und bog seine Finger auseinander.

Er tat ihr den Gefallen und ließ sie los, hatte aber kein schlechtes Gewissen, als sie ihren malträtierten Ellbogen rieb.

»O.k.«, lenkte sie ein, als er sie kalt mit seinem einzigen Auge fixierte. »O.k., ich hätte wohl nicht gleich am Anfang mit so viel Pulver schießen sollen. Aber auf der anderen Seite denke ich, dass alle, die an dem Fall mitarbeiten, genau im Bilde sein sollten.«

»Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber bist du verrückt geworden?«, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Sie zuckte zusammen und wollte einen Schritt zurückweichen, aber er war schneller, versperrte ihr den Weg.

»Nichts da, meine Liebe. Du bleibst hier und hörst dir an, was ich von deinem Bockmist halte. Wie kannst du es wagen, mich einfach zu übergehen, mich so vorzuführen?«

Er hatte zischend gesprochen und dabei ignoriert, dass sich ein Sprühregen seines Speichels auf ihr Gesicht legte. Sie nahm es hin, ohne mit der Wimper zu zucken, was ihn noch mehr aufbrachte.

»Wie kommst du dazu, die Pferde mit einer absurden Spekulation scheu zu machen? Was denkst du dir dabei, diese Leute zu manipulieren, nur damit du die Hatz auf ein Phantom eröffnen kannst? Ist es dir zu langweilig? Denkst du, dass man die grundlegenden Vorgehensweisen, überlegtes Handeln, professionelles Profiling und Rücksprache mit MIR einfach übergehen kann, nur damit dein Kleinmädchentraum, endlich die Festnahme eines richtig tollen Serienkillers in dein Tagebuch zu schreiben, Wirklichkeit wird? Wie kannst du es wagen, ihnen ein Monster zu versprechen, das es nicht gibt? Was ist dein nächster Schritt? Gehst du zur Presse? Ist es das, was du willst?«

Rita hatte jetzt wenigstens den Anstand blass zu werden. Jedoch war das keine große Genugtuung für ihn. Er war noch lange nicht fertig.

»Diese Menschen hier verdienen klare Anweisungen, solide Hintergründe und nicht irgendwelche aufgebauschten Anekdoten«, fuhr er mit gesenkt drohender Stimme fort. »Willst du sie tatsächlich dem Fall entsprechend und im wahrsten Sinne des Wortes kopflos machen? Kannst du das verantworten? Vor allem, wo wir in dem frühen Stadium noch gar nicht wissen können, mit wem wir es überhaupt zu tun haben. Vielleicht handelt es sich hier lediglich um ein scheußliches Kapitalverbrechen, das nur ein bisschen an alte Taten in längst gelösten Fällen erinnert!«

Sie war noch bleicher geworden und sah ihn aus großen Augen an. Doch als diese verdächtig anfingen zu glänzen, senkte sie sofort den Blick. Sie schob die Hände in ihre Hosentaschen und versuchte so Halt, Stabilität und den Rest von ihrer gerade schwindenden Selbstsicherheit zu finden.

»Tja, da bin ich wohl etwas übers Ziel hinausgeschossen«, murmelte sie kleinlaut. »Ich dachte halt … Die ganze Aufmachung und so … Ich mein, auch wenn ich verstehe, dass du jetzt … Shit, ich hatte eben so ein Bauchgefühl. Ach, was soll’s, ich bin mir irgendwie total sicher, dass es nicht bei diesem einen Fall bleiben wird. Nenn es Intuition, oder so. Tja, und da dachte ich, es wäre nicht falsch, den anderen gleich mal … Ich glaube einfach nicht an einen Zufall.«

»Achtung, meine Herrschaften!«, rief Ben Stein und hielt sein Handy hoch, was bestätigen sollte, dass er das Gespräch beendet hatte. »Mal alle herhören. Das waren gerade die Kollegen aus München. Die haben seit einer Stunde auch einen augenlosen Kopf zu verzeichnen, den man zu Füßen des Bismarck-Denkmals vor dem Deutschen Museum gefunden hat. Das kann kein Zufall sein!«

Jens fühlte einen stechenden Schmerz in seinem rechten Oberarm. Überrascht musste er feststellen, dass es Rita war, die sich an ihn geklammert hatte.

»Ist alles o.k.?«, fragte er automatisch.

Zunächst konnte er ihren Blick nicht deuten. War das Triumph, dass sie doch mit ihrer Vermutung, hier eine Serie zu haben, goldrichtig gelegen hatte? Oder die Angst vor dem, was jetzt auf sie zukam? München? Lag es vielleicht nur an dieser Stadt? Stammte sie nicht aus der Nähe? Das Leuchten in ihren Augen intensivierte sich, strahlte regelrecht und Jens Kessler wusste plötzlich, was sie wirklich fühlte. Zu gut kannte er selbst diese warmen Wogen, den schnellen Herzschlag, die Sinne, die sich alle gleichzeitig schärften und bereit standen. Das war eindeutig Jagdfieber!

Montag, 20:43 Uhr, Rossweg 19, Bad Berging

»Und wie war’s?«, fragte Inga Maus, als ihr Mann sie mit einem Kuss begrüßte. Sie saß in ihrem Lieblingssessel, auf dem Schoß einen Block mit Notizen, neben sich einen Stapel Bücher, in der Hand ein Glas Portwein. Maus nahm das Buch, das zuoberst lag, klappte es zu und las laut:

»Flugformationen der Graugänse – Na, wenn das keine spannende Lektüre ist!«

»Gib her!«, rief sie lachend und nahm ihm das Buch ab. »Jetzt hast du die Seite verschlagen. And you lenkst ab. Also, please answer my question. How was it?«

Maus musste sich erst einmal auf das Sofa fallen lassen und da er dies mit einem lauten theatralischen Seufzer tat, konnte er gewiss sein, Ingas hundertprozentige Aufmerksamkeit zu haben. Trotzdem kostete er die Situation noch etwas aus, nahm die Flasche vom Couchtisch und sah sie fragend an. Wortlos reichte sie ihm ihr Glas. Er goss nach und nahm erst einmal einen wohlverdienten Schluck.

»Tja«, begann er dann, nachdem der süße Geschmack seinen Mund und seine Kehle gewärmt hatte. »Tja, wie das eben so ist mit der Schule. Die Lehrerin ist toll, und wenn ich nicht mit dir verheiratet wäre, dann würde ich ihr zur nächsten Stunde einen Apfel auf das Pult legen.«

»Oh, da habe ich ja Glück gehabt!«, schmunzelte Inga. »Und wie sind die anderen Kinder? Hast du schon Freunde gefunden?«

»Erinnere mich bloß nicht daran!«, stöhnte Maus. »Weißt du, wer auch im Kurs ist? Naja, abgesehen von Hammer, den ich leider demnächst Extradienste schieben lassen werde, damit er nicht kommen kann …«

Er musste einen Augenblick innehalten, denn Inga prustete los. Es war ihr nicht zu verübeln! Werner Hammer war zwar ein herzensguter Mensch, aber auch etwas eindimensional und daher manchmal ziemlich anstrengend. Außerdem arbeiteten Maus und er tagtäglich zusammen, und sie konnte es ihrem Mann nicht verdenken, wenn dieser in seiner kostbaren Freizeit von ihm verschont bleiben wollte. Doch die Vorstellung, dass die beiden vielleicht sogar nebeneinander saßen und gebannt den Worten der tollen, alle Äpfel der Welt verdienenden Lehrerin lauschen würden, amüsierte sie verständlicherweise sehr.

»Er sitzt neben mir!«

Inga war froh, dass sie ihr Glas nicht mehr hielt, denn während ihres jetzigen Lachanfalls wäre der Inhalt unweigerlich auf dem Boden gelandet.

»Haha, genau!«, versuchte es Maus von ihrer komischen Seite aus zu sehen, bezwang aber ein Grinsen, das sich auf seine Lippen stehlen wollte. Schnell beugte er sich vor und nahm ihre Hand. Das wirkte. Inga sah ihn an, wusste, dass noch etwas kommen würde und freute sich schon diebisch darauf.

»Aber weißt du, wer noch da ist?«

Sie schüttelte langsam den Kopf, drückte seine Hand, konnte es vor Spannung kaum mehr aushalten, presste die Lippen fest aufeinander, während sie versuchte, sich zu beherrschen.

»Unser neuer Nachbar.«

Schöner hätte selbst die Wasserbombe eines Achtjährigen nicht platzen können. Inga sog hörbar die Luft ein.

»Nicht dein Ernst?«, rief sie überrascht. Als er aber nur traurig nickte, fuhr sie mitleidig fort. »Dieser schrecklich nervende, alles besser wissende, ständig rummeckernde, unerträgliche Hilbert Hübner? In Fachkreisen auch als »Gschaftl-Hübner« bekannt? Oh Gerhard, das tut mir leid – schrecklich leid sogar. Oh Gott, seit der eingezogen ist, schleiche ich mich regelrecht aus dem Haus. Ich habe schon überlegt, ob ich mein Tarnzelt zur Vogelbeobachtung benutzen soll. Und DER ist jetzt auch in deinem Kurs? Ach wie schlimm! Der wird wohl besser Englisch sprechen als eure Lehrerin?«

»Oh ja!«, musste Maus müde bekennen. »Er hat sie bereits schon zweimal auf grammatikalische Besonderheiten hinweisen müssen, was keiner außer ihm verstanden hat – auch Miss Kathy nicht.«

Inga gluckste wieder los und Maus sah sie noch leidender an. Das Schicksal konnte manchmal wirklich boshaft sein. Ausgerechnet mit diesem Mann in einem Raum sitzen zu müssen, war großes Pech und die daraus resultierende Schadenfreude seiner Frau nur zu verständlich. Wäre es umgekehrt gewesen, hätte er genauso reagiert. Maus seufzte und nahm seine Situation mit dem, was seinem Naturell am nächsten stand: mit Humor.

»Weib!«, rief er daher mit gespielter Entrüstung und brachte das Fass der Erheiterung zum Überlaufen. »Deine Anteilnahme ist rührend! Ich danke dir.«

»Ach, Gerhard!«, sagte sie und wischte sich die Lachtränen fort. »Es tut mir so leid für dich. Aber da du den Schaden hast, nutze ich meinen Vorteil. Ich weiß jetzt, dass ich nun zweimal pro Woche unbeobachtet das Haus verlassen kann, weil Nachbar Hübner zu dieser Zeit einer Lehrerin das Fürchten lehrt.«

»Du vergisst, meine Liebe, …« Maus war aufgestanden und trank aus, » … dass du selbst ab morgen Abend in Norddeutschland bist, um Gänse zu zählen. Tja, und damit verschwendest du kostbare Zeit, denn in vierzehn Tagen vergibst du viermal die Chance, ohne Angst auf die Straße zu gehen.«

»Das stimmt. Und jetzt, wo du es sagst, spiele ich tatsächlich mit dem Gedanken, die Gänse Gänse sein zu lassen, nur um diese Freiheit auszukosten.«

Sie war ebenfalls aufgestanden, legte ihren Notizblock auf den Bücherstapel und folgte Maus aus dem Wohnzimmer.

»Kommst du mit ins Bett, oder musst du noch Hausaufgaben machen?«, fragte sie unschuldig.

»Hm, die Hausaufgaben können warten!«, brummte er. »Die schreib ich vom Hammer ab.«

Inga kicherte wieder, und Maus schaltete grinsend das Licht aus.

Montag, 23:10 Uhr, unterwegs in Deutschland

Sie saßen im Speisewagen des Nachtzugs. Jens Kessler rührte seinen Kaffee geistesabwesend um, nachdem er drei Päckchen Zucker hineingeschüttet hatte. Dass er dabei zu kräftig vorging und die hellbraune Flüssigkeit überschwappen ließ, merkte er erst, als sie bereits am Rand der Tasse hinablief und sich auf dem Unterteller sammelte. Rita, die ihm schräg gegenübersaß, hob eine Augenbraue.

»In den USA hätten sie uns einen Privatjet zur Verfügung gestellt!«, maulte sie. »Scheiß Öko-Deutschland. Jetzt müssen wir über sieben Stunden inklusive zweimal Umsteigen der Umwelt zuliebe im Zug sitzen, obwohl wir in der Zeit schon längst vor Ort ermitteln könnten.«

Jens Kessler reagierte nicht. Er zog es vor, sich weiterhin in Schweigen zu hüllen.

»Kann ich Ihnen noch etwas bringen, bevor wir schließen?«, machte sich der Kellner bemerkbar, während sein Kollege im Hintergrund mit offenem Mund gähnte.

Rita ließ ihren Blick abschätzig über den Mann gleiten, musterte seine schlecht sitzende Uniform, befand sie offenbar als zu kurz und zu eng, und machte ihn dadurch so nervös, dass er sich erst einmal über die trockenen Lippen lecken musste.

»Etwas bringen?«, fragte sie und ihre Stimme klang kälter als eine Tiefkühltruhe. »Sie wagen tatsächlich noch einen Versuch? Obwohl Sie mir seitdem wir hier sitzen mit: »Tut mir leid, das ist aus.« – oder – »Hoppla, das haben wir auch nicht mehr.« – oder – »Verzeihung, aber Sie haben leider das Menü von gestern erwischt. Das haben wir heute selbstverständlich nicht auf der Karte.« – den letzten Nerv geraubt haben?«

Der Bahnangestellte schluckte hörbar, aber Rita war noch lange nicht fertig. Anklagend deutete sie auf die Einzelteile eines trockenen Brötchens, das traurig zerbröselt neben einigen Akten vor ihr auf der Tischdecke lag.

»Lediglich eine vertrocknete Semmel gab’s, weil Sie angeblich auch noch einen Kurzschluss in der Küche hatten, sodass die Suppe nicht aufgewärmt werden konnte!? Und jetzt haben Sie sogar noch die Frechheit, nach weiteren Wünschen zu fragen? Wollen Sie mich absichtlich provozieren oder sind Sie wirklich so dummdreist, dass Ihnen nicht aufgefallen ist, dass mein einziges Verlangen momentan nur noch ist, Ihnen den Hals umzudrehen?«

Jens Kessler hatte sich zwar nicht einmischen wollen, aber da ihm die aggressive Stimmung langsam lästig wurde, sah er sich nun doch gezwungen, etwas zu sagen.

»Nein, danke. Wir brauchen nichts mehr!«, bestimmte er rasch und wollte dem Mann damit zu verstehen geben, dass er jetzt besser gehen sollte, aber es war zu spät. Der Kellner – vermutlich konnte man ihn der Gruppe »Gefahrensucher« zuordnen – hatte durch den Schock der etwas harsch vorgetragenen Vorwürfe, doch noch etwas zu erwidern.

»Ähm …«, suchte er gleich nach Worten, ignorierte Jens Kesslers warnenden Blick und lieferte sich weiter ans Messer. »Äh, na dann. Dann würde ich Sie bitten wollen … Ähm, muss Sie dann bitten – nachdem Sie Ihren Kaffee ausgetrunken haben, versteht sich – zu Ihren Plätzen …«

Weiter kam er aber nicht. Rita war wie eine Raubkatze aufgesprungen, hatte ihn am Revers gepackt und war seinem Gesicht plötzlich viel zu nahe, sodass er sich vor Schreck fast auf die Zunge gebissen hätte.

»Jetzt hören Sie mal zu, Sie Hampelmann«, zischte sie. »Bei mir verhält es sich nämlich so. Wenn ich Hunger habe, bin ich unterzuckert und werde nervös. Wenn ich nervös werde, dann reißen ganz fix meine haardünnen Geduldsfäden. Und wenn die nicht mehr sind, dann ist mit mir nicht gut Kirschen essen, wobei wir wieder auf Anfang – also bei dem Thema Hunger – wären! Gut, hier kommt eine wohlgemeinte Warnung: Warum verschwinden Sie nicht einfach wieder in Ihr Küchenloch und reparieren Ihre Mikrowelle, während mein Partner und ich hier sitzen bleiben und nicht mehr belästigt werden.«

»Aber …«

Dem Typen ist nicht mehr zu helfen, dachte Jens Kessler und trank einen Schluck Kaffee.

»Nix aber! Hiermit erkläre ich diesen leeren Speisewagen zum HQ für offizielle, polizeiliche Ermittlungen!«

»Äitsch Kiu?«, stotterte der Kellner und wollte einen vorsichtigen Schritt nach hinten machen, was jedoch nicht ging, da Rita ihn eisern festhielt.

»Abkürzung für Headquarter, zu Deutsch Hauptquartier, Sie Hirni!«, fauchte sie.

»Oh, oh, verstehe …«, log der Mann. Er hatte ihr natürlich nicht zugehört, da er zu beschäftigt war, nach einer Fluchtmöglichkeit zu suchen. Einen letzten, verzweifelten, hilfesuchenden Blick nach hinten werfend musste er leider feststellen, dass sich sein gähnender Kollege längst schon in Sicherheit gebracht hatte.

»Rita!« Jens Kessler stellte geräuschvoll seine Tasse ab. »Geht das denn nicht leiser und freundlicher? Was soll denn der Quatsch! Willst du ihn jetzt verhauen, nur weil du nichts zu futtern bekommen hast?«

Sie zwang sich regelrecht, den Blick von ihrem willigen Opfer zu lösen, um ihn anzusehen.

Nein, dachte Jens Kessler. Nein, wie kann man denn nur verlangen, dass ich mit so einer unbeherrschten Person zusammenarbeite? Da ist ein Spaziergang auf einem ausbrechenden Vulkan angenehmer.

Verbittert verzog er den Mund. Er hatte Ben Stein leider nicht davon abbringen können, ihm Rita als Partnerin zuzuteilen. Jens Kessler hatte in den sauren Apfel beißen müssen, gleich seinen Koffer gepackt, war in den Nachtzug mit dem wohlklingenden Namen Schimmelreiter gestiegen und saß nun seit Harburg mit ihr im Speisewagen und vor seiner vierten, überzuckerten Tasse Kaffee.

»Lass ihn gehen!«, murmelte er müde.

»Na dann!«, knurrte sie nach einer Weile. »Do hosd no amoi a Massl kabd, Burschi! Und jetz’ schleichst di!«5

Jens Kessler wusste, dass es Bayerisch war. Vermutlich war die Grenznähe ihrer Heimat ausschlaggebend. Vielleicht auch ihr überschäumendes Temperament, das nur im Dialekt den richtigen Ausdruck finden konnte. Er blickte kurz auf das Plastikschild an der Brust des Angestellten, das diesen als Franz-Josef Wildmoser auswies. Nun, wahrscheinlich lag es auch nur an seinem Namen. Jens Kessler drehte sich weg, betrachtete die Kaffeeflecken, die er verursacht hatte und die nun auf dem Tischtuch verewigt waren – zumindest bis zum nächsten Waschgang. Ein Rumpeln und Klirren war zu hören. Rita musste den Bahnangestellten wohl losgelassen haben. Doch wen interessierte das schon?! Nachdenklich sah Jens Kessler aus dem Fenster, konnte dort aber nur sein eigenes Spiegelbild, verzerrt und von der Dunkelheit hervorgehoben, erkennen.

    5 Da hast du noch einmal Glück gehabt, Bürschchen! Und jetzt machst du dich vom Acker!

Dienstag, 08:05 Uhr, Polizeirevier, Bad Berging

»Herrschaftzeiten! So ein Sauwetter!«, schimpfte Stefanie Vogler und schüttelte ihren Regenschirm aus, sodass die Tropfen nur so in alle Richtungen flogen. Ihres Zeichens Schreibkraft, Telefonistin, gute Seele des Reviers und an erster Stelle von Kommissar Maus, seit ihrem dritten Arbeitstag vor fünf Jahren, als persönliche Assistentin beschlagnahmt, war sie eigentlich durch ihre freundliche Art selten dazu bereit, negative Gefühlsausbrüche zu haben. Doch in Anbetracht der Regenmassen, durch die sie sich gerade hatte kämpfen müssen, war sie entschuldigt. Ärgerlich sah sie an ihrem Mantel hinunter, dessen rechte Seite durch einen besonders fiesen Seitenwind nass an ihr klebte.

»Griaß di, Steffi!«6, erklang es freundlich und erschrocken zuckte sie zusammen. Sie hatte nicht damit gerechnet, zu so früher Stunde hier unten in der Eingangshalle schon jemanden anzutreffen. Normalerweise waren die diensthabenden Beamten eher der zurückgezogenen Art zuzuordnen, die sich gerne bedeckt und bescheiden im Pausenraum aufhielt, dort Kaffee trank, mit Kollegen ratschte, Anrufe ignorierte und somit den Tag damit begann, sowohl Ärger als auch Vorgesetzten aus dem Weg zu gehen. Zu überrascht, um etwas Vernünftiges sagen zu können, schüttelte sie noch einmal kräftig ihren Schirm aus, während sie im trüben Licht des regnerisch grauen Tages am Tresen zwei Männer stehen sah, die in bester Laune synchron an ihren Kaffeehaferln nippten.

»Ah!«, sagte sie, als sie die beiden endlich erkannt hatte. »Der Herr Sedelmayer und der Herr Krautschneider sind bereits auf Posten? Na, dann ist die Stadt ja sicher.«

Irgendwie war sie heute wirklich mit dem linken Fuß aufgestanden. Sie merkte selbst, dass sie spröde und sogar ein bisschen biestig klang. Augenblicklich tat es ihr leid. Sie versuchte es mit einem kleinen Lächeln, aber auch das war schon einmal schöner gewesen.

»Mei, Madl, schee, dass do bist!«7, strahlte Sedelmayer, der ihr, typisch Mann, das falsche Lächeln abgekauft hatte und es als das nahm, was er sehen wollte – einen Gesprächsanfang, eine Möglichkeit sie zu beeindrucken.

»I hob grod am Alois vo Dessau erzählt«8, versuchte er ihre Neugier zu wecken und zwinkerte seinem Kollegen verschwörerisch zu. Dabei entging ihm leider Steffis Augenverdrehen. Seitdem Sedelmayer dank eines Austauschprogramms vor einem halben Jahr in dieser besagten Stadt im Osten gewesen war, kannte er nur ein Thema. Dass er damit mittlerweile alle anderen langweilte, war ihm offenbar noch nicht aufgefallen. Alois Krautschneider, der Steffis Reaktion nur zu gut verstand, aber gleichzeitig auch seinem Kollegen helfen wollte, ergriff rasch das Wort.

»Äh, war total lustig die Geschichte mit der Verkehrskontrolle.«

»Haha, zuamoi es doat kaum Verkehr gibt!«9, ergänzte Sedelmayer. »Do muasst scho lang auf da Laua liagn!«10

»Tja!«, räusperte sich Steffi. »Andre Städte, andre Sitten. So, aber ich muss dann mal aus den nassen Klamotten und an die Arbeit …«

»Du bist jetzt aber nicht mit dem Radl gekommen?«, bemerkte Krautschneider und deutete auf den Schirm.

»Ich bin doch nicht blöd!«, erklärte sie und ärgerte sich im gleichen Augenblick, dass sie schon wieder so schnippisch klang.

Was war denn nur mit ihr los? Das Wetter? Der kleine Streit mit ihrer in die Pubertät kommenden Tochter Jana am Frühstückstisch? Der Ärger mit ihrem Exmann? Der Verdacht, dass ihrem Leben momentan etwas Entscheidendes fehlte – nur was?

Ein Blick auf Sedelmayer, der sie mit verzücktem Lächeln verliebt ansah, genügte, um ihren Unmut noch mehr anwachsen zu lassen. Dieser Hallodri war offensichtlich nicht, was ihr fehlte! Was bildete der Kerl sich eigentlich ein? Jetzt wurde ihr auch klar, dass er hier unten herumgelungert hatte, um sie abzupassen. Sie konnte es weder rührend noch schmeichelhaft finden. Dazu fehlte ihr momentan der Sinn für Humor. Es war nervend und sie fühlte sich plötzlich sehr beengt. War das ihre Zukunft? Ein lediger Polizist, der Stielaugen nach ihr machte? Steffi biss sich auf die Unterlippe, wollte vermeiden noch etwas Herzloses – was sie bestimmt nachher bereuen würde – zu sagen, zuckte daher lieber mit den Achseln und machte sich auf den Weg in den ersten Stock, um in der Einsamkeit ihres Büros erst einmal zur Ruhe zu kommen.

»Die ist heut nicht so gut drauf!«, bemerkte Krautschneider, als das energische Klackern ihrer Absätze immer leiser wurde. Als verheirateter Mann hatte er gegenüber Sedelmayer den Vorteil, Erfahrung mit den Stimmungsschwankungen einer Frau zu haben. Im Geiste diagnostizierte er PMS, Geldmangel und einen fehlenden Sexualpartner. Aber bevor er diese wichtigen Punkte in Worte fassen konnte, erklärte Sedelmayer: »Naa, de is nur a bissl draurig, weil de ned midm Radl fahrn konn. Du woasst ja, de mog ned midm Bus kemma.«11

Krautschneiders mitleidigen Blick bemerkte er gar nicht, da er immer noch liebevoll auf die Pfütze schaute, die Steffi hinterlassen hatte.

    6 Grüß dich, Steffi.

    7 Nun, Mädchen, schön, dass du da bist!

    8 Ich habe gerade dem Alois von Dessau erzählt.

    9 Haha, zumal es dort kaum Verkehr gibt!

  10 Da musst du schon lange auf der Lauer liegen!

  11 Nein, die ist nur ein bisschen traurig, weil sie nicht mit dem Fahrrad fahren kann. Du weißt schon, die mag nicht mit dem Bus kommen.

Dienstag, 09:23 Uhr, Schloss Greifstätten, Bad Berging

Baron Walther von Greifstätten biss herzhaft in sein Käsebrot und schielte dabei gleichzeitig zu dem Schinken, mit dem er sich seine Semmel belegen wollte. Er war ein tüchtiger Esser und konnte daher nicht verstehen, dass seine Tochter sich regelrecht zwingen musste, wenigstens einen Schluck Tee zu sich zu nehmen.

»Hast keinen Hunger?«, fragte er mit vollem Mund, ignorierte ihren pikierten Blick und spülte mit Kaffee nach.

»Nein, Papa!«, erklärte sie kalt. »Mir ist der Appetit vergangen!«

Er grinste und wusste genau, worauf sie anspielen wollte. Als Mitglied des Adels konnte man von ihm wohl einige Tischmanieren erwarten, aber dazu hatte er keine Lust. Dafür liebte er seine Rolle als kerniger, volksnaher Großgrundbesitzer zu sehr. Er wollte provozieren und aus dem Rahmen fallen.

»Wo ist dein Bruder?«, fragte er und pikste mit der Gabel gleich drei Scheiben Schinken auf einmal auf.

»Keine Ahnung!«, murmelte sie und stellte geziert die Tasse ab. »Vielleicht in den Ställen oder im Wildpark.«

Von Greifstättens Kiefer kauten emsig, als er über ihre Erklärung nachdachte. Sie hatte vermutlich Recht. Sein etwas geistig zurückgebliebener Sohn Ferdinand hielt sich gerne dort auf, wo es Tiere gab. Er sah in ihnen seine Freunde, von denen er nicht genug bekommen konnte. Tja, da würden wohl wieder ein paar Tränen fließen, wenn er herausfand, dass sein Papa heute noch auf die Jagd wollte und vermutlich mit einem stolzen Zwölfender nach Hause kommen würde.

»Du solltest ihm vielleicht nicht erzählen, dass du wieder auf die Pirsch gehst«, sagte seine Tochter und er schaute sie erstaunt an.

Konnte sie seine Gedanken lesen? Was für ein überaus kluges Kind sie doch war. Dort wo das Schicksal es seinem Stammhalter verwehrt hatte, war sie mit Intelligenz geradezu überschüttet worden. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sie. Hübsch war sie – das hatte sie Gott sei Dank von ihrer verstorbenen Mutter – nur leider viel zu dünn. Dadurch bekam sie trotz ihrer jungen Jahre so etwas Verhärmtes, Bitteres und Vorwurfsvolles. War es das, was immer wieder zu Missklängen zwischen ihnen führte, was ihn am meisten an ihr störte? Nun, er musste sich eingestehen, dass sie nie die kleine, anschmiegsame Prinzessin gewesen war, die sich ein jeder Vater wünscht. Zu ähnlich war sie ihm in ihrer Starrköpfigkeit und gleichzeitig so ganz anders, so fremd, so unheimlich. Jetzt zum Beispiel sah sie unverwandt zu ihm herüber und beobachtete ihn, als ob er eine ihrer Laborratten wäre, der sie gerade etwas Bahnbrechendes auf den Schinken getan hätte und nur darauf wartete, dass er mit Ausschlag oder Herzstillstand reagierte. Plötzlich war ihm der Appetit vergangen. Er ließ die Semmel auf den Teller fallen, schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück und stand auf.

»Das muss er akzeptieren. Schließlich ist er erwachsen und auch wenn er etwas einfältig ist, darf er nicht vergessen, dass es zu den Gepflogenheiten eines Baron von Greifstätten gehört, auf die Jagd zu gehen!«, erklärte er aufgebracht. »Es ist unsere Pflicht, den Bestand unserer Wälder zu kontrollieren und krankes, schwaches Wild auszumerzen und so die Populationen auf einer bestimmten Zahl zu halten. Ich stelle mich dieser Pflicht, auch wenn Ferdinand und du da anderer Meinung seid.«

»Wie du meinst, Papa!«, seufzte sie. »Dann viel Spaß bei deinem Blutbad. Ich werde derweil ins Krankenhaus fahren und darauf warten, dass die ersten Verletzten von deiner fröhlichen Jagdrunde eingeliefert werden.«

»Das ist nur einmal passiert!«, echauffierte sich der Baron. »Und auch nur, weil dieser depperte12 Bäckermeister Möller – Gott sei seiner Seele gnädig – zu viel Schnaps getrunken hatte und daher statt den Bock den Sohn vom Amtsrichter erwischt hat.«

»Na, dann wird ja heute, nachdem der Semmelkönig nicht mehr dabei ist, nichts passieren«, bemerkte sie sarkastisch, stand nun ebenfalls auf, ging zu ihrem mittlerweile sehr rotgesichtigen Vater, drückte ihm einen Kuss auf die schwammige Wange und flüsterte. »Passt trotzdem ein bisschen auf, ja?!«

»Isabella!«, kam es rau aus seiner Kehle. »Mein Kind, nimm doch nicht immer alles so schwer.«

Sie nickte nur leicht, tätschelte seine Schulter und senkte den Blick.

  12 idiotische

Dienstag, 10:11 Uhr, Polizeipräsidium, München

Jens Kessler setzte sich in den Besucherstuhl und übersah dabei geflissentlich, dass es nur einen gab und Rita daher hinter ihm stehen bleiben musste. Auch dem Polizeidirektor, der es sich nicht hatte nehmen lassen, sie persönlich zu begrüßen und nun hinter seinem riesigen Schreibtisch sitzend fast zierlich wirkte, schien diese rüpelhafte Behandlung nichts auszumachen.

Ja, dachte Jens Kessler, willkommen in Bayern, dem Land der kernigen Mannsbilder.

Da aber Rita keine Anstalten machte, Einspruch zu erheben, konnte er davon ausgehen, dass auch ihr der Kodex der Heimat bekannt war. Trotzdem machte sie ihn etwas nervös. Er spürte regelrecht, wie angespannt sie war, wie sich ihr Blick in seinen Hinterkopf bohrte. Jens Kessler versuchte sich zu entspannen und bemerkte dabei den vertrockneten Kadaver einer Stubenfliege, der verkrümmt neben einer wunderschönen Jugendstil-Schreibtischgarnitur lag und offenbar von der oberflächlichen Putzfrau übersehen worden war.

Dienstag, 10:12 Uhr, Polizeirevier, Bad Berging

Nachdem Kommissar Maus seine Frau zum Bahnhof gebracht hatte, betrat er, etwas bedrückt, weil er sie jetzt schon vermisste, sein Polizeirevier. In der Eingangshalle drängelte sich bereits schon ein Grüppchen aufgebrachter Frauen. Überrascht zählte er durch. Fünf Damen, wobei ihm drei davon relativ bekannt vorkamen. Natürlich war das bei einer Kleinstadt nicht ungewöhnlich. Hier lief man sich zwangsläufig ständig über den Weg, doch bedauernd musste er eingestehen, dass er sich leider nicht mehr an ihre Namen erinnern konnte. Schnell jedoch war die Erkenntnis ob seines katastrophalen Namensgedächtnisses wie weggeblasen, als er hinter dem Empfangstresen Polizeimeister Krautschneider erblickte, der sichtlich Mühe hatte, für Ruhe zu sorgen.

»Un wonn isch’s Ihne doch sach!«13, bekräftigte eine sehr kurvenreiche Dame ihre vermutlich vorausgegangene Aussage, indem sie mit ihrem Finger auf ein Blatt Papier deutete. »Hia stejht alles. Isch hob dodomit schunn die gonz Stadt plakatiert. Un die annere hia hobbe ähnlische Zettel uffgehängt.«14

Jetzt fingen die restlichen Frauen an, alle gleichzeitig zu sprechen. Dass eine von ihnen dabei einen weißen Pudel auf den Armen hielt, der mit hysterischem Gekläffe auch seinen Senf dazugeben musste, machte es für Krautschneider nicht gerade einfacher. Maus sah sich gezwungen einzuschreiten. Tapfer ignorierte er die warnende Stimme der Vernunft, die ihm dringend riet, sich hinter den Anwesenden vorbeizuschleichen und dann die Treppe bis zu seinem Büro hinaufzurennen.

Nein, dachte er, heute will ich keinen Tumult. Ich brauche Ruhe, anspruchsvolle Arbeit und in der Mittagspause das Wörterbuch Deutsch-Englisch/Englisch-Deutsch, welches hoffentlich endlich in der Buchhandlung abholbereit ist.

»Meine Damen!«, rief er daher, fing Krautschneiders dankbaren Blick auf, wurde aber sonst nicht weiter beachtet. Gegen den Lärm des Pudels kam er offenbar nicht an. Daher versuchte er es anders, ging zu dem Vollweib mit dem komischen Dialekt und nahm ihr den Zettel aus der Hand. Was er mit Lautstärke nicht hatte erreichen können, war mit dieser Geste ein leichtes. Sofort verstummten alle. Nur das leise Knurren des Hundes war zu hören, während Maus den Text der Farbfotokopie las.

»Nun!«, sagte er, als er seine Lektüre beendet hatte. »Das ist ja mehr als bedauerlich. Ich nehme mal an, dass das Ihr Hund ist, Frau …«

»Ei, Sie könne misch Claire nenne!«15, erlaubte sie mit einem wunderbaren Lächeln. »So nenne misch all. Isch bin hia im hiesische Maklerbüro »Schneida« beschäftischt. Isch glaab aach, doss mer uns do amol begeschnet sin. Odda nischt? Aach gut, awwer um noch amol uff Ihre Frag zurückzukomme, ja, des is mein Schätz’sche, die Kändis. Ein Chihuahua wie die Päris Hilton einen hot.«16

»AH-HA«, sagte Maus gedehnt, da er sichtlich Mühe hatte, sie zu verstehen. Trotzdem kam es ihm so vor, als habe er den wichtigsten Teil erfasst. Zusätzlich diente die Kopie in seiner Hand als hilfreicher Spickzettel. Dort war neben einem zu Tränen rührenden Appell um Mithilfe bei der Suche nach einem kleinen Hund auch noch ein Foto von selbigem. Mit großen, verschreckten Augen blickte das Tier in die Kamera. Candice stand unter dem Bild. Vermisst seit vier Tagen, bitte dringend melden und so weiter. Maus seufzte und sah nun in die Gesichter der anderen Frauen. Hier war die Verzweiflung greifbar. Eine der Damen wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel, eine andere schniefte hörbar.

»Wir sind alle Betroffene!«, erklärte schließlich die Frau mit dem Pudel auf dem Arm. »Das hier ist mein Leopold.«

Sie streichelte über den Rücken des Tieres und Maus fühlte sich genötigt, höflich zu lächeln.

»Er hat seine Schwester Leopoldine verloren und leidet, wie Sie sehen können!«

Maus sah, wie der Pudel seine Zähne zeigte und machte einen Schritt nach hinten, denn er wollte schließlich nicht auch noch leiden müssen.

»Und ich!«, rief eine kleine Frau in beigefarbenem Regenmantel. »Ich vermisse meine Katze!«

»Bei mia is aa de Katz!«17

»Isch glaab, doss hia die Tiermafia dohinner stecke tut …«18

»Meine Tochter ist verzweifelt. Ihr Hund …«

»Leopoldine würde nie weglaufen! Dazu ist sie viel zu gut erzogen!«

»Hier liegt eindeutig ein Verbrechen vor. Sie wurden entführt. Man hat unsere Lieblinge entführt!«

Der Kreis hatte sich irgendwie um ihn geschlossen. Maus war umzingelt. Plötzlich hatte jede der aufgebrachten Frauen einen Zettel in der Hand, fuchtelte damit vor seiner Nase herum, wollte seine Aufmerksamkeit, seine Anteilnahme.

»Schluss! Aus!«, erhob er seine Stimme und war froh, dass sie noch kräftig genug war, um die aufgebrachte Menge in die Schranken zu weisen.

»Krautschneider!«, warf er gleich den Ball seinem Untergebenen zu. »Nehmen Sie das alles zu Protokoll. Das muss überprüft werden. Wir sind eine anständige Gemeinde und da geht es nicht an, dass hier Haustiere einfach so verschwinden!«

Sofort hatten sich die Damen am Tresen aufgereiht. Während Krautschneider nervös nach einem Kugelschreiber suchte, redeten sie wieder alle gleichzeitig auf ihn ein. Maus schüttelte mitleidig den Kopf, nahm die Zeitung, die für ihn, wie jeden Morgen, griffbereit lag und überließ den Kollegen seinem Schicksal. Er begann auch gleich zu lesen, während er durch die Halle schritt.

»Na, so was!«, murmelte Maus, als er die Treppe erreicht hatte. »Geköpfter zu Bismarcks Füßen. Hm, da bin ich ja froh, dass wir es hier nur mit vermissten Zwergratten zu tun haben.«

  13 Und wenn ich es Ihnen doch sage!

  14 Hier steht alles. Ich habe damit schon die ganze Stadt plakatiert. Und die anderen hier haben ähnliche Zettel aufgehängt.

  15 Nun, sie können mich Claire nennen!

  16 So nennen mich alle. Ich bin hier im hiesigen Maklerbüro »Schneider« beschäftigt. Ich glaube auch, dass wir uns dort schon einmal begegnet sind. Oder nicht? Auch gut, aber um noch einmal auf Ihre Frage zurückzukommen, ja, das ist mein Schätzchen, die Candice. Ein Chihuahua wie die Paris Hilton einen hat.

  17 Bei mir ist es auch die Katze.

  18 Ich glaube, dass hier die Tiermafia dahinter steckt …

Dienstag, 10:16 Uhr, Polizeipräsidium, München

»Bei Serienkillern ist das so eine Sache«, erklärte Jens Kessler. »Ich versuche Sie mal grob ins Bild zu setzen, Ihnen sozusagen zu vermitteln, was in den Köpfen dieser Menschen vor sich geht. Zunächst einmal tragen sie alle das Bedürfnis zu töten in sich. Das ist natürlich je nach gesellschaftlichem Umfeld und Prägung mehr als irritierend für diese Menschen, wenn der Drang, den sie eigentlich unterdrücken sollten, so stark wird, dass sie gar nicht mehr anders können.«

Sein Gesprächspartner nickte betroffen und zog die Augenbrauen zusammen, was seinem Gesicht einen so verknautschten Ausdruck verlieh, dass er an einen Perserkater erinnerte.

»Oft genug beginnt es in der Kindheit, spätestens in der Adoleszenz, wenn die ersten Opfer gesucht werden. Am Beginn der Karriere stehen oftmals Tiere – vorzugsweise Haustiere, die sie umbringen. Dass sie damit anderen Menschen wegen des Verlustes ihrer Lieblinge zusätzlich Schmerz zufügen, ist gleichzeitig eine weitere Bestätigung ihrer Macht. ›Sieh her, das Tierchen hat gelitten und dir bricht es das Herz‹, ist schon eine schöne Einstiegsdroge mit Botschaftsgehalt. Aber das ist natürlich nur ein weiterer Auslöser. Es genügt ihnen bald nicht mehr, einem Kanarienvogel den Hals umzudrehen. Die Opfer müssen größer werden – eine Herausforderung sein. Die Leiter wird sozusagen Sprosse um Sprosse bestiegen. Erst kommt das Meerschweinchen der Schwester, dann die Katze der Tante, der Hund vom Nachbarn. Man leckt Blut und merkt, wie einfach es ist. Man liebt den Gedanken, alles in der Hand zu haben. Aber schon in absehbarer Zeit sind auch hier wieder die Grenzen erreicht. Warum ein Kaninchen von einem kleinen Mädchen töten, wenn das Kind doch viel reizvoller ist? Viele wollen am liebsten bei diesem Punkt aussteigen, können es aber nicht mehr – also nicht mehr zurück! Diese Frustration, gepaart mit dem Drang, zwingt den Killer dann regelrecht, endlich einen Menschen zu töten. Er will die Angst, die Panik und die Verzweiflung spüren. Er will seine uneingeschränkte Herrschaft über Leben und Tod beweisen. Ein jaulender Cocker Spaniel wird ihm niemals diese Genugtuung geben können.«

Rita schnaufte leise hinter ihm. Hatte er sie gerade auf eine dumme Idee gebracht?

Dienstag, 10:34 Uhr, Schloss Greifstätten, Bad Berging

Der Land Rover kam mit quietschenden Reifen und genau in einer großen Pfütze zum Stehen, sodass das Wasser in alle Richtungen spritzte. Baron Walther von Greifstätten spähte durch das Fahrerfenster zu der Eingangstür seines Westflügels, den er vor einem Jahr in Wohnungen hatte umbauen lassen. Tja, er war eben ein moderner Mensch und besserte seine Kassen durch Mieten auf, anstatt wie viele seiner bedauernswerten Adelsgenossen zu versuchen, durch Touristenführungen die immensen Kosten ihrer Erbschlösser einzudämmen. Das waren nur Tropfen auf den heißen Stein. Damit hielt er sich gar nicht erst auf. Er war ein Mann mit Visionen und Erfolg.

Der Regen prasselte laut auf das Auto, lief die Scheiben hinab und verschwemmte die Sicht. Er wurde langsam unruhig, sah in den Rückspiegel und zuckte zusammen. Nein, er hatte sich nicht geirrt. Durch das Heckfenster, über das energisch der Scheibenwischer strich, konnte er die schmale Silhouette seiner Tochter ausmachen. Würde sie ihn sehen? Würde sie sich die Mühe machen die fünf Meter in seine Richtung zu blicken? Er fühlte sich ertappt, spürte das Herz rasen und war auch schon nahe daran, sich im Sitz ganz klein zu machen. Ängstlich beobachtete er, wie sie mit ihrem widerspenstigen Regenschirm kämpfte und dadurch glücklicherweise zu abgelenkt war, um sich überhaupt umzusehen. Rasch lenkte sie ihre Schritte nach rechts, in die entgegengesetzte Richtung und war auch gleich im dichten Regen verschwunden. Walther von Greifstätten atmete hörbar auf, aber sofort wurde seine Erleichterung von einem Gefühl des Ärgers beiseite geschubst.

Was sollte das denn? Warum benahm er sich wie ein Teenager, der heimlich rauchen wollte? Er war ein in Saft und Kraft stehender Mann, seit dreizehn Jahren verwitwet und hatte eigene Interessen und Bedürfnisse. Seinen erwachsenen Kindern musste er also keine Rechenschaft über sein Handeln ablegen. Warum hatte er also ein schlechtes Gewissen, wenn er sich mit seiner sympathischen neuesten Mieterin treffen wollte? Apropos, wo blieb die Dame denn nur? Wenn sie sich nicht beeilte, würde er vielleicht doch noch erwischt werden …

Er ballte seine Fäuste, zog die Stirn in Falten, schnaubte ungehalten und wurde so nervös, dass er am liebsten gehupt hätte. Nein, schalt er sich, ich muss mich in Geduld üben. Es handelt sich hier um eine Dame, auf die es sich zu warten lohnt. Aber würde sie denn überhaupt kommen?

Wieder konzentrierte er sich auf die Eingangstür neben seinem Wagen. Nichts. Die Scheibe war beschlagen und ärgerlich wischte er mit dem Ärmel darüber. Er hatte keine Lust, die Lüftung einzuschalten. Zu groß war die Gefahr, den Moment ihres Erscheinens zu verpassen. Die Scheibenwischer klackerten, der Motor tuckerte gleichmäßig, sein Blick hing hypnotisch an dem Milchglas der Eingangstür. Da! Ein Schatten! Endlich! Jetzt hörte er auch das Knarren der Angeln – er müsste wohl doch mal einen Handwerker kommen lassen. Ein Strahlen legte sich über seine Gesichtszüge, als eine Gestalt in lodengrünem Regenmantel und dazu passenden Gummistiefeln aus dem Haus trat und ihm kurz zuwinkte, bevor sie die Tür hinter sich schloss. Mit eiligen Schritten lief sie gleich darauf die wenigen Stufen der Treppe hinunter, um endlich zu ihm zu kommen.

Mein Gott, dachte Walther, sie sieht selbst in diesen praktischen Allwetter-Kleidungsstücken atemberaubend aus.

Unbewusst leckte er die Lippen, konnte die Augen nicht von ihr lassen, sah sie grazil über die Pfütze springen und um sein Auto trippeln. Er drehte den Kopf, wollte keine ihrer Bewegungen verpassen. Erleichtert seufzte er, als sie an der Beifahrertür angekommen war, diese öffnete, sich in das Auto und auf den Sitz neben ihm schwang.

»Good morning!«, grüßte sie und ihr Lächeln war die Sonne, die man an diesem Tag so schmerzlich vermisste.

»Guten Morgen, Frau Shaw!«, grüßte er zurück. Sein Blutdruck stieg an. Er spürte, dass er gleich dunkelrot werden würde und musste schnell für eine Ablenkung sorgen. »Ähm, wie schön, dass Sie es doch noch einrichten konnten. Tja, da wären wir also. Äh, Sie wollen es nun also wirklich wissen, was? Bei dem Sauwetter auf die Pirsch gehen? Haha.«

»Bitte!« Ganz leicht, wie eine Feder, hatte sie die Finger auf seinen Unterarm gelegt. Von Greifstätten lief ein angenehmer Schauer prickelnd durch den Körper. Er musste erst einmal schlucken und konnte nur auf ihre zarte Hand starren.

»Bitte, heißen Sie mich doch Kathy, Herr Baron. Und yes, ich bin immer bereit zu gehen zu Jagd. Es is großer Spaß für mich always und ich habe vermisst es sehr, seit meine Zeit in Kania, zu schießen die Tiere. Dafür danke ich Ihnen, dass Sie mitnehmen mich. Aber was muss ich sehen da! Sie haben ja keine Hund?«

»Wie bitte?«

Er merkte, dass seine Kehle plötzlich so merkwürdig trocken war. Einen Augenblick lang konnte er nichts tun, als sie verdattert anzuglotzen und zu hoffen, dass sie ihre Frage noch einmal wiederholen würde.

»Ich meine eine Hund für die Safari!«, tat sie ihm glücklicherweise den Gefallen, zog dabei leider aber auch wieder ihre Hand zurück. »Wir haben früher genutzt immer unsere Rhodesian Ridgeback. Es waren wundervolle Tieren. Besonders geliebt habe ich mein kleiner Cheeky.«

Ihr Seufzen brachte ihn wieder in die Gegenwart zurück, aktivierte sein Gehirn, setzte es in Gang, veranlasste gleichzeitig, dass seine Mundwinkel sich hoben, und mit einem mehr breiten als schönen Lächeln setzte er zu einer Erklärung an: »Achso, Sie fragen sich, wo mein Jagdhund der Iwan steckt? Tja, Frau Shaw, den alten Kerl plagt das Rheuma bei diesen Temperaturen, sodass ich es nicht über das Herz bringen konnte, ihn mitzunehmen.«

»Oh, das haben Sie entschieden sehr klug. Lassen wir ruhen die arme Guy in die Wärme, nicht wahr?!«, sprach sie ihm ihr Lob für seine Umsicht und Fürsorge aus.

»Äh, ja, ganz recht!«, murmelte er. »Na, dann Frau Shaw, Halali und auf ins Revier. Der Oberförster und meine Spezis warten schon.«

Immer noch sichtlich durcheinander packte er den Schaltknüppel, legte grobmotorisch den Rückwärtsgang ein und gab gleichzeitig etwas zu viel Gas, sodass der Wagen einen Satz nach hinten machte. Katherine Shaw lachte vergnügt auf und auch er musste miteinstimmen, weil es gar zu ansteckend war.

Dienstag, 10:55 Uhr, Polizeipräsidium, München

»Das ist alles mehr als beunruhigend!«, merkte der Polizeidirektor an und strich sich nachdenklich über seinen Schnäuzer. Gerne hätte er wohl auch dessen Enden gezwirbelt, doch dafür war der Wuchs wirklich zu kümmerlich, sodass er es sein ließ und stattdessen bekümmert den Kopf schüttelte.

»Ich bin mehr als froh, dass Sie uns unterstützen werden und ich kann sehr wohl – im Gegensatz zu einigen anderen – erkennen, dass Sie eine Bereicherung für unser Team sein werden! Ich bin – um hier die Hosen auch vor der Dame runter zu lassen – an einem Punkt, wo das Wort Verzweiflung seine absolute Bedeutung erlangt! Ich weiß, Sie sind unsere Rettung! Der Druck ist mittlerweile immens. Ich habe die Presse im Nacken und muss vor dem Innenministerium Rede und Antwort stehen. Seit dem Vorfall laufen die Telefonleitungen heiß. Glücklicherweise habe ich alle bis jetzt hinhalten können. Aber wie lange noch? Verstehen Sie? Ich muss schleunigst ein paar Ergebnisse erzielen, sonst bricht hier eine Panik aus. Serienkiller, Enthauptungen und jeden kann es treffen. Was bitte, soll ich der Öffentlichkeit sagen? Ich erwarte also von Ihnen ein Wunder und ich weiß, dass ich es bekomme! Geben Sie mir Resultate, treiben Sie meine Leute zu Höchstleistungen an, machen Sie diese Bestie dingfest, erheben Sie den Ruf unserer Polizei und krönen Sie unsere Arbeit. Sie haben die Erfahrung, das Knowhow, und wenn es stimmt und Sie wirklich dieser Tausendsassa sind, der die Sache schnell zu Ende bringen kann, dann seien Sie mein Mann! Sie werden …«

»Genug der Ehre!« Jens Kessler konnte nicht anders. Er musste dem Mann ins Wort fallen, denn dieser hatte gesprochen, ohne auch nur einmal Luft geholt zu haben und die Gefahr, dass er wie die leere Hülle eines Luftballons zu Boden sinken würde, war einfach zu groß, als dass er ihn noch weiter hätte plappern lassen können. »Wir würden uns jetzt gerne an die Arbeit machen. Ich für meinen Teil möchte gleich mit einem Besuch bei Ihrem Gerichtsmediziner beginnen. In der Zwischenzeit kann meine Partnerin sich der anderen Aufgaben annehmen. Vermutlich würde sie sehr gerne das Ermittlungsteam hier vor Ort kennen lernen, nicht wahr Rita?«

Ein gereiztes Schnauben – mehr brachte sie hinter seinem Rücken nicht zustande.

»Ich habe eigentlich auch nichts anderes von Ihnen erwartet.« Der Polizeidirektor kam mit einem Ruf des Entzückens auf die Beine, die ihn auch gleich zu Jens Kessler trugen, der sich ebenfalls erhoben hatte.

»Ich werde alles in die Wege leiten!«, fuhr er fort, wobei er den Kopf etwas in den Nacken legen musste, da Kessler um einiges größer war als er. »Wenn Sie etwas brauchen, benötigen, wünschen, dann zögern Sie nicht – FORDERN Sie es einfach! Im Gegenzug erwarte ich natürlich so schnell wie möglich einen Triumph!«

Er tänzelte jetzt zur Tür, ließ es sich nicht nehmen, diese für seinen Hoffnungsträger zu öffnen und lächelte erleichtert, als Jens Kessler an ihm vorbeigegangen war. Rita bedachte er mit einem verschwörerischen Augenzwinkern, was so unvermittelt kam, dass diese im ersten Moment nicht viel damit anzufangen wusste.

»Es ist immer wundervoll, wenn so viele hübsche, junge Damen sich dazu entschließen, in den Polizeidienst zu treten«, raunte er ihr verschwörerisch zu, wobei sich sein Zwinkern intensivierte. »Ich denke, Hauptkommissar Stock wird da ähnlich denken, der Glückspilz! Hähä! So eine resche19 Kollegin wird ihn geradezu über sich hinauswachsen lassen. Ich werde ihn umgehend informieren, damit Sie sich gleich kennenlernen können.«

Bevor Rita aber etwas dazu sagen konnte, hatte er sie bereits aus dem Raum geschoben und die Tür ins Schloss fallen lassen.

»Ich möchte das allein machen«, erklärte Jens Kessler unumwunden, ohne sie dabei anzusehen. Er hatte sein Smartphone herausgeholt, wischte über das Display und überprüfte die eingegangenen Nachrichten. »Ich meine damit die Gerichtsmedizin. Und es war ernst gemeint, dass du hier mal die Runde machst. Ich erwarte von dir Kooperation mit den hiesigen Ermittlern, aber bitte, halte sie soweit es geht von mir fern. Mir reicht schon der Stab in Hamburg, mit dem ich mich rumärgern muss. Da kann ich mich nicht auch noch mit diesen Lederhosen hier aufhalten. Meine Devise, zu viele Köche et cetera, et cetera. Apropos Hamburg – da sind einige Ergebnisse eingetrudelt. Ist mir etwas zu aufwändig, die jetzt alle zu lesen. Am besten du rufst währenddessen Ben an und lässt dich briefen. Mir reicht eine knappe Zusammenfassung. Und wenn die noch nix haben, dann erteile ich dir hiermit sogar meine offizielle Erlaubnis, ein bisschen Druck zu machen.«

»Aber. Natürlich. Selbstverständlich. Geht. Klar. Boss!«, betonte sie die Silben, und wäre sie ein Drache gewesen, dann wäre bei jedem Wort ein Feuerstoß aus ihrer Nase gekommen. Mit hocherhobenem Kopf stapfte Rita an ihm vorbei und auf den Schreibtisch der Vorzimmerdame zu.

»Sie!«, schnauzte sie. »Ich brauch mal ein Telefon. Und einen Computer. Und … Ach, geben Sie mir sofort einen Platz, wo ich vernünftig arbeiten kann! Und dann möchte ich mit diesem Kommissar Stock sprechen und eine Verbindung nach Hamburg zu Hauptkommissar Stein können Sie mir auch gleich herstellen.«

  19 knackig/knusprig

Dienstag, 11:59 Uhr, Polizeirevier, Bad Berging

Hannes Petersen schaltete den Computer an. Er hatte extra auf die Mittagspause gewartet, damit er ungestört mit Claudia skypen konnte, da beide beschlossen hatten, wegen der Kosten nur im Notfall zu telefonieren. Ratternd setzte der Rechner ein und in Hannes stiegen Zweifel auf, ob dieser in der Lage war, so komplizierte Vorgänge wie Internetverbindungen überhaupt zu meistern. Um sich abzulenken, öffnete er die Schreibtischschublade und suchte nach den Kopfhörern. Er wollte schließlich seine Freundin auch gut verstehen können. Er wurde fündig, pfriemelte den Stecker in die dafür vorgesehene Anschlussbuchse und schaute gespannt auf den Monitor. Der Computer bootete noch. Meine Güte, dauerte das lange. Nervös trommelte er mit den Fingern auf die Schreibtischplatte, sah aus den Augenwinkeln das gerahmte Foto und spürte die Sehnsucht schmerzlich in sich aufsteigen. Er musste es nehmen und einfach nur anschauen.

Ach ja, seine Claudi! Wie schön sie war, wie glücklich sie sich in seinen Arm schmiegte und wie dämlich er dabei grinste. Er seufzte. Nein, er war wirklich kein Fotomodell und würde wohl nie sein Gesichts-Tourette überwinden können, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet war. Schnell sah er stattdessen wieder Claudia Hubschmied an.

Immer noch konnte er es nicht so richtig fassen, dass sie beide ein Paar waren – vor allem nach dem, was sie alles durchgemacht hatte. Von ihrem Verlobten, der nebenher sogar noch ein Mörder war, betrogen und daher in den Grundfesten ihres Vertrauens zu Männern mehr als erschüttert, grenzte es fast schon an ein Wunder, dass sie sich so schnell für ihn entschieden hatte. Natürlich war er daran nicht ganz unschuldig gewesen, denn er hatte auf allzu große Rücksichtsnahme gepfiffen, hatte den Stier bei den Hörnern gepackt und gleichzeitig das Eisen ihrer zarten Empfindungen für ihn geschmiedet, daraus quasi eine Skulptur der Partner- und Leidenschaft geschaffen. Er hatte sich aus dem hohen Norden hierher versetzen lassen und sich einem nie enden wollenden Kampf der Kulturen und Sprachbarrieren gestellt, nur um in ihrer Nähe zu sein. Hannes grinste. Mittlerweile fühlte er sich sauwohl in Bad Berging. Er liebte seine Freundin, mochte die Kollegen, die Arbeit und die wunderschöne Gegend.

Ratternd strebte der Computer einem Höhepunkt zu und Hannes stellte schnell das Foto zurück, um sich auf die Eingabe des Passworts zu konzentrieren.

Dienstag, 12:03 Uhr, Gerichtsmedizinisches Institut, München

»Das ist er also!«, bemerkte Jens Kessler rhetorisch, blieb jedoch auf Abstand zu dem Obduktionstisch und ärgerte sich gleichzeitig, dass ausgerechnet er sich selbst für diese widerwärtige Aufgabe hatte einteilen müssen. Aber in Ermangelung zuverlässiger Mitarbeiter war ihm keine große Wahl geblieben, als persönlich in diesem Schlachthof zu erscheinen und dem jüngsten Opfer gegenüberzutreten. Ein Frösteln durchlief ihn. Zu lange hatte er auf den augenlosen Kopf gestarrt, hatte sich von dem grauenhaften Anblick nicht losreißen können. Schnell suchte er daher den Blick des Pathologen, der sich vor drei Minuten knapp und mit feuchtem Händedruck als Dr. Kramer vorgestellt hatte.

»Was können Sie mir zu der Tatwaffe sagen!«, forderte Jens in schneidendem Ton.

»Nun! Ähm!«, begann der Mann, wobei er etwas überrascht hinter den dicken Gläsern seiner Brille blinzelte. »Tja … Äh, wie Sie vermutlich selbst sehen können, ist das … Äh …«

Jens Kessler konnte sich keinen Reim auf dieses Gestammel machen. Hatte er etwa etwas Falsches gefragt?

»Was mein Freund und geschätzter Kollege damit andeuten möchte, ist, dass der Hals unseres bedauernswerten Opfers noch immer im Beton steckt«, übernahm eine Stimme hinter ihnen die noch ausstehende Erklärung. Jens drehte sich um und sah zur Tür, durch die ein kleiner Mann mit freundlichem Gesichtsausdruck auf sie zukam.

»Der Täter hatte damit den Kopf am Denkmal befestigt, damit er nicht herunter rollen konnte«, erklärte dieser. »Ein interessanter Punkt, möchte ich meinen. Leider haben wir nun aber auch ein kleines Problem. Wenn Sie sich hier so umsehen, können Sie mir bestimmt beipflichten, dass wir uns in einem Eldorado der Gerichtsmedizin befinden. Hier gibt es alles, was man sich an neuester Technik und kompliziert empfindlichen Instrumenten wünschen kann, nur für profane Dinge, wie den Straßenbau, sind wir leider nicht ausgerüstet. Da muss erst einmal auch das richtige Werkzeug her, bevor wir überhaupt etwas zu Schnittwunden oder Tatwaffen sagen können. Wobei ich für meinen Teil schon mutig genug wäre, zu improvisieren und eines dieser wahnsinnig teuren Präzisionsskalpelle zu zweckentfremden, aber da spielen weder Dr. Kramer noch meine Haftpflichtversicherung mit!«

»Das ist Dr. Frank!«, sagte Kramer, der offenbar die Funktion seiner Zunge wiederentdeckt hatte. »Er kommt aus der Provinz und besucht mich ein paar Mal im Jahr und geht mir gerade etwas zur Hand.«

Der so vorgestellte und damit zur Anwesenheit berechtigte Arzt schien jetzt auf etwas zu warten. Neugierig sah er zu Jens auf.

»Mein Name ist Kessler«, knurrte Jens, als ihm aufging, was der Mann von ihm wollte. Er hatte eigentlich keine Lust, seine Zeit mit diesem morbiden weiße-Kittel-Duo zu verschwenden, aber die Alternative, sich wieder dem abgetrennten Kopf zu widmen, war auch nicht besser.

»Sie brauchen gar nichts mehr zu sagen!«, rief Dr. Frank vergnügt. »Ich bin im Bilde. Sie sind der Spezialist für psychologische Hintergründe und haben schon einige bemerkenswerte Erfolge in diesem Bereich erzielt und zahlreiche Auszeichnungen bekommen. Sie sind in den USA ausgebildet worden und ich habe mit Begeisterung ihr Buch »Psychotätern auf der Spur – wie man sie erkennt und bannt« verschlungen, obwohl es teilweise recht populärwissenschaftlich gehalten ist. Naja, Profiling ist schon eine komplizierte Kiste, die uns aber alle angeht. Da kann man gut und gerne auch mal etwas genereller schreiben, nicht wahr?«

»Äh, ja, wie auch immer!«, brummte Jens Kessler. Mehr fiel ihm weder zu dem Wortschwall noch zu dem Thema ein. Jedoch hatte Dr. Frank offenbar auch nichts anderes erwartet, interpretierte seine Einsilbigkeit als tugendhafte Bescheidenheit und nickte seinem Kollegen verschwörerisch zu. Jens sog die Luft ein und nahm gleichzeitig den Geruch seines Gesprächspartners wahr, der ihm wegen des dominanten Gestankgemischs aus süßlicher Verwesung und Desinfektionsmittel im Raum nicht gleich aufgefallen war.

»Dr. Frank!«, packte er gleich die Gelegenheit am Schopf. »Sie sind nicht zufällig Raucher?«

Überrascht zog der Angesprochene die Brauen hoch. Jens Kessler meinte für einen Augenblick Enttäuschung in seinen Augen aufblitzen zu sehen. Seine Frage klang vermutlich wie der Versuch eines Taschenspielers, der noch mehr Anerkennung heischen wollte, indem er offensichtliche Dinge als psychologische Eingebung verkaufte. Schnell sah sich Jens gezwungen, das Missverständnis aus dem Weg zu räumen und sich näher zu erklären.

»Ich meine damit nur, ob Sie mir vielleicht mit einer Zigarette aushelfen könnten.«

Ein Schmunzeln spielte um Franks Lippen, als er bereitwillig eine Schachtel aus seiner Kitteltasche fischte.

»Brillante Idee, mein Lieber!«, verkündete er. »Es gibt schönere Anblicke als diesen Kopfmenschen da auf dem Tisch. Und in unserem Falle könnte es nicht schaden, wenn die Nerven beruhigt werden, während wir über die einstweiligen Ergebnisse plaudern.«

»Das macht ihr aber draußen!«, entschied Dr. Kramer resolut und drückte seinem Freund einen Umschlag, der vermutlich den vorläufigen Bericht enthielt, gegen die Brust.

»Hier wird nicht gequalmt.«

»Als ob die Toten daran noch sterben könnten«, flüsterte Dr. Frank Jens zu, als sie gemeinsam den Raum verließen.

Dienstag, 12:07 Uhr, Polizeirevier, Bad Berging

»Huhu, Claudi!«, begrüßte Hannes das etwas pixelige Gesicht seiner Freundin. »Na, wie geht’s?«

Die Verbindung war wirklich nicht sehr gut. Claudia hörte ihn offenbar gar nicht, sah ihm eine Weile konzentriert entgegen, hob dann sichtlich genervt die Hand, sodass sich sein Bildschirm plötzlich in ein fleischfarbenes Rosa tauchte und dann leicht erschüttert wurde.

»Claudi?«, rief er und rüttelte an seiner Maus, in der irren Hoffnung, nun seinerseits etwas an der Einstellung verbessern zu können. Doch glücklicherweise sah er gleich darauf wieder ihr Gesicht. Sie war offensichtlich sehr unzufrieden, starrte böse auf einen Punkt über ihm und schielte fast dabei.

»Ja Kruzitürkn!«, hörte er sie endlich. »Du damische Schoasskisdn. Wos is des jetza wieda fia a Glump?«20

»Claudia?!«, versuchte es Hannes abermals und hatte Glück. Sie hatte ihn endlich gehört und sah ihn jetzt wohl auch, denn ein Strahlen erhellte ihr Gesicht, als sie rief: »Hannes? Ja mei, ja suppa! Ich kann dich sehen! Ja endlich klappt’s!«

Gleich darauf bildete sich jedoch eine steile, skeptische Falte zwischen ihren Augenbrauen.

»Wie schaust du eigentlich aus? Du bist ja ganz grün! Geht’s dir nicht gut? Ach nein, stopp, des is der Monitor hier. Neigt zu etwas viel Farbe. Moment, ich glaub, ich kann das hier einstellen.«

Und schon war sie aus dem Bereich der Kamera verschwunden. Hannes konnte sie lediglich rufen hören – »João, could you please help me?«. Entnervt seufzte er. Soviel zur modernen Technik und dem Motto Die Welt wächst zusammen. Vielleicht sollten sie sich doch nur auf das SMS-Schreiben beschränken. Wieder trommelten seine Finger auf dem Schreibtisch. Wie lange brauchte dieser João denn noch? Dann war der Bildschirm plötzlich ganz schwarz.

»Claudia!«, erhob Hannes die Stimme. »Claudia? Bist du noch da?«

»Jaha! Ich kann dich klar und viel zu laut hören. Es liegt nicht am Soundsystem, sondern am Bild. Aber wir kriegen das schon in den Griff. Nur die Ruhe. Oh, look here João, there is a funny Knopf – äh – button. Maybe we should press here? No? Why not?«

Hannes stützte sein Kinn auf die Hand und verhedderte sich dabei im Kabel seines Kopfhörers. Genervt zerrte er diesen herunter, denn er drückte schon die ganze Zeit unangenehm auf den Ohren. Da er aber damit die akustische Verbindung gekappt hatte, und nicht hören konnte, falls Claudia sich endlich dazu herabließ mit ihm statt diesem João zu sprechen, zog er vorausschauend das Verbindungskabel heraus. Sofort kam ihm ein Kauderwelsch englischer Vokabeln und starker Akzente aus dem Lautsprecher entgegen. Es klang alles so wichtig, so eingespielt, so ungemein witzig und Claudia kicherte für seinen Geschmack viel zu lang und zu begeistert. Hannes fühlte sich plötzlich ausgeschlossen und verstoßen. Genervt blieb ihm nichts anderes übrig, als auf die Tastatur vor sich zu starren. Meine Güte, war die verklebt. Er sollte sich endlich einmal abgewöhnen, am Arbeitsplatz zu essen. Wie von selbst begann sein Zeigefinger auf dem Buchstaben Q herumzukratzen. Warum der so schmutzig war, konnte er sich beim besten Willen nicht erklären. Den benutzte er ja eigentlich nie.

»Hannes? Ich glaub, des dauert noch eine Weile mit dem Angucken«, meldete sich Claudia wieder. »Hm, dann machen wir es eben wie beim Telefon – nur quatschen.«

»Pffft, des hätte ich ja dann auch von zu Hause aus tun können«, maulte er und ärgerte sich gleichzeitig über seine kindische Enttäuschung.

»Oooch, is da jemand gerade ganz bockig?«, fragte Claudia belustigt. »Komm schon. Da kann man nix machen. Das is halt komplizierte Hightech. Aber sei nicht traurig. In zwei Tagen hast du ja deinen Laptop wieder. Ich denke, der Ercan wird bis dahin jeden Virus gefunden und eigenhändig getötet haben und dann können wir wieder von daheim aus sorgenfrei ratschen.«

Hannes grinste. Sie hatte ja Recht. Er sollte sich freuen, wenn sie wenigstens jetzt ein bisschen miteinander reden konnten.

»Wie läuft es denn so bei dir?«, machte er auch gleich den Anfang. »Nach eineinhalb Tagen Eingewöhnung hast du bestimmt schon allerlei erlebt, oder?«

Sie kicherte.

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