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Der Hammer der Götter

 

Vielleicht sind die Besiegten die wahren Sieger. Vielleicht sind die Toten die wahrhaft Lebenden. Vielleicht sind die Freunde die wahren Feinde. Vielleicht sind die Götter die wahren Verlierer.

Eine Flotte auf dem Weg ins Nichts. Tausend zu allem entschlossene Krieger. Ein Sturm, der das Meer aufpeitscht. Ein tödliches Geheimnis.

Und ein Mann, der angetreten ist, es zu lösen. Für seine Männer ist er Thor, der Gott. Für sich selbst ein verzweifelt Suchender. Der Bezwinger, der einst bezwungen wurde. Und nun alles zu verlieren droht: seine Schiffe, seine Krieger, seine Freunde, sein Leben …

Und was, wenn es nichts zu gewinnen gibt?

Schon der erste Blitz hatte den Mast des Führungsschiffes getroffen und wie der Axthieb eines zornigen Gottes der Länge nach gespalten, und praktisch im gleichen Atemzug war das Segel mit einem einzigen, dumpfen Schlag in Flammen aufgegangen, der noch auf dem letzten Schiff der weit auseinandergezogenen Flotte mit beinahe ohrenbetäubender Lautstärke zu hören gewesen war. Und noch einen weiteren halben Atemzug darauf hatte sich die gesamte Drakkar in einen schwimmenden Scheiterhaufen verwandelt; ein feuriges Grab für mehr als achtzig gute Männer, deren verzweifelte Schreie selbst jetzt noch in seinen Ohren zu gellen schienen, obwohl das Schiff längst in Stücke zerbrochen und gesunken war.

Danach war es wirklich schlimm geworden.

Zuerst war der Himmel erloschen, dann der Tag, und mittlerweile kam das einzige Licht von den unablässig zuckenden Blitzen, die die schwarze Unendlichkeit über ihren Köpfen in Stücke schnitt. Ein flackerndes Höllenlicht, das alle Farben auslöschte und die Bewegungen der Männer rings um ihn herum in eine rasend schnelle Abfolge grotesk erstarrter einzelner Bilder verwandelte, als hätte der Sturm sie über den Rand der Welt und in einen Abgrund geschleudert, in dem menschliche Begriffe von Zeit und Logik keine Macht mehr besaßen.

Aber auch in den unendlich kurzen Momenten dazwischen wurde es nicht gänzlich dunkel, denn dann kroch der flackernde rote Schein brennender Schiffe und lodernder Männer über das Meer heran.

Thor wusste längst nicht mehr, wie viele es waren; drei, fünf – vielleicht alle. Vielleicht war das Naglfar das einzige Schiff, das noch nicht brannte, weil die Götter ihm die Gnade eines frühen Todes verweigerten, denn er sollte mit eigenen Augen sehen, was er getan hatte. Er wusste auch nicht mehr, wo sie waren, oder wie lang dieser entsetzliche Sturm nun schon tobte, den die Götter geschickt hatten, um sie alle für ihren Stolz und ihn für seinen Hochmut zu bestrafen. Er wusste nur, dass sie alle sterben würden: Er, Torben und Leif, Gunnar und Erik und alle anderen, die von den eisigen Gestaden Asgards aufgebrochen waren, und deren einziges Verbrechen in der Hoffnung auf eine Zukunft für sich und ein besseres Leben für ihre Familien und Kinder bestanden hatte.

»Thor! Steh da nicht rum und versuch den Sturm niederzustarren! Das wird dir nicht gelingen! Hilf mir lieber!«

Thor verstand kaum die Hälfte der Worte wirklich, denn wenn es etwas gab, das noch schlimmer war als das tanzende Lichtgewitter und die tobende See, dann war es der Lärm, das Kreischen tausend entfesselter Dämonen, zu dem sich das Heulen der Sturmböen und das Brüllen der Wogen und der unablässig rollende Donner vereinten, aber er kannte den alten Kapitän gut genug, um den Rest zu erahnen. Er war auch nicht im Mindesten überrascht, als er sich umdrehte und Torben bei etwas erblickte, was jedem anderen vollkommen widersinnig erschienen wäre: Torben hatte beide Füße gegen die nassen Planken gestemmt und versuchte mit verzweifelter Kraft das Ende eines zerrissenen Taus festzuhalten, das irgendwo über ihm in einem tobenden Chaos aus grellem Licht und um so schwärzeren Wolken und zerfetztem Segelzeug und reiner wütender Bewegung verschwand … als bilde er sich ein, das Schiff auf diese Weise und ganz allein retten zu können, indem er es am Himmel festband!

Wasser klatschte ihm wie eine nasse und sehr kalte Hand ins Gesicht, und der Schock riss ihn nicht nur in die Wirklichkeit zurück, sondern machte ihm auch klar, dass Torben nicht nur wieder einmal dabei war, sich vor der gesamten Mannschaft zum Narren zu machen, sondern auch auf ganz besonders eigene Art und Weise Selbstmord zu begehen. Torben war stark, nach ihm selbst vielleicht der stärkste Mann, den er kannte, aber der Sturm zerrte mit der Kraft von tausend Männern an den zerrissenen Segeln, und wenn dieser Narr das Tau nicht bald losließ und versuchte, lieber sich selbst statt des Schiffes festzuhalten, dann mochte es sein, dass er sich gleich kopfüber im und kurz darauf unter Wasser wiederfand.

Aber vermutlich wartete dieses Schicksal ohnehin auf sie alle. Die enorme Größe des Naglfar, das doppelt so breit und nahezu dreimal so lang wie die anderen Schiffe der Flotte war, hatte sie bisher davor bewahrt, ebenso zum Spielball der entfesselten Naturgewalten zu werden wie der Rest ihrer kleinen Flotte, aber Thor ahnte, dass das nur noch wenige Augenblicke so bleiben würde.

Wenn sich der Sturm erst einmal auf sie konzentrierte, mochte sich die enorme Größe des Schiffes genau umgekehrt zu ihrem schlimmsten Feind entwickeln.

Und vielleicht war es sogar gerade in diesem Moment so weit, denn er hatte sich noch keine drei Schritte weit schräg gegen den Sturm gelehnt in Torbens Richtung gekämpft, da erbebten die Planken unter seinen Füßen mit solcher Gewalt, dass er auf Hände und Knie geworfen wurde. Weißes Licht blendete seine Augen und tauchte das Deck in schmerzhaft intensive, schattenlose Helligkeit, gefolgt von völliger Schwärze und einem abermaligem, noch gleißenderem Blitz. Fluchend stemmte sich Thor hoch und machte einen einzelnen unbeholfenen Schritt, und als das grelle Weiß des nächsten Blitzes das Deck überflutete, war Torben verschwunden, und das zerrissene Tauende, das er gerade noch festgehalten hatte, zuckte wie eine Peitschenschnur in seine Richtung und versuchte ihm den Kopf von den Schultern zu schnippen.

Thor zog ihn hastig ein, sprang einen Schritt zur Seite und hielt nach Torben Ausschau, und schon im Licht des nächsten Blitzes sah er ihn wieder: Er lag ein gehöriges Stück entfernt auf dem Rücken, Blut besudelte sein Gesicht, und noch mehr Blut lief von seinen Händen, die er sich an dem rauen Tau aufgerissen hatte. Gleich zwei Männer stolperten auf ihn zu, um ihm zu helfen, wurden aber von einer neuerlichen und noch härteren Erschütterung von den Füßen gerissen, unter der das Schiff wie ein riesiges lebendes Wesen stöhnte, das Schmerzen litt.

Irgendwie gelang es Thor, einen weiteren torkelnden Schritt in Torbens Richtung zu machen, dann rollte eine weitere, vermeintlich lautlose Woge heran, brach sich mit dafür umso gewaltigerem Getöse an der buckeligen Schildreling des Naglfar und ließ das gewaltige Schiff wie unter einem Hammerschlag der Götter erbeben. Weiße Gischt, kalt wie die Hölle und vom Sturm so schnell vor sich hergepeitscht, um wie mit Messerklingen in jedes Fleckchen ungeschützte Haut zu schneiden, sprühte höher als der Mast und ließ das zerfetzte Segel für die Dauer eines weiteren Blitzschlags hinter einem Vorhang aus Silber und Weiß verschwinden. Die Erschütterung war selbst für seine gewaltige Kraft zu viel. Haltlos torkelte er über das Deck, prallte gegen eine bärtige Gestalt, die prompt von den Füßen gerissen wurde und mit wirbelnden Armen und einem lautlosen Schrei auf den Lippen verschwand, und wurde mit solcher Gewalt gegen den Mast geschmettert, dass er um ein Haar das Bewusstsein verloren hätte. Reiner, weißer Schmerz explodierte vor seinen Augen, und in seinem Mund war plötzlich der bittere Kupfergeschmack seines eigenen Blutes. Alles drehte sich um ihn, nicht nur das Schiff und das Meer und der Sturm, sondern auch die Wirklichkeit selbst, und tief unter seinen Gedanken tat sich ein schwarzer Abgrund auf, in dem etwas Schlimmeres als der Tod lauerte. Auch nur die Augen zu öffnen, kostete ihn all seine Kraft, und als es ihm endlich gelang, war er nicht sicher, ob ihm die Götter den Willen dazu nicht nur gegeben hatten, um ihn weiter zu quälen, denn er sah genau den Mann, mit dem er gerade zusammengestoßen war, wie er mit immer noch hilflos rudernden Armen gegen die Reling auf der anderen Seite und dann auch schon über Bord geschleudert wurde; den Mund noch immer zu demselben, stummen Schrei aufgerissen, der vom Sturm ergriffen und davongetragen wurde, lange bevor er sein Ohr erreichte, oder das irgendeines anderen an Bord. Er war nicht der Erste, der vor seinen Augen starb, und er würde nicht der Letzte bleiben, ehe dieser Höllensturm endete.

Wenn er denn jemals endete.

Trauer überkam Thor, als er an all die Männer dachte, die gerade dort draußen auf dem Meer ihr Leben verloren. Sie waren beinahe tausend gewesen, als sie an Bord der Flotte gegangen waren, eine stolze und unbezwingbare Armee, deren bloßer Anblick das Herz eines jeden Feindes mit Furcht erfüllen musste, und all diese Krieger, jeder einzelne dieser tausend Männer, von denen so viele seine Freunde gewesen waren, hatten seinen Versprechungen geglaubt. Er hatte ihnen ein neues Leben prophezeit, eine bessere Zukunft für ihre Kinder und deren Kinder, und ein Schicksal ohne Not, ohne Hunger und den täglichen Kampf ums Überleben. Alles, was sie nun finden würden, war der Tod.

Irgendwie gelang es Thor, den Gedanken abzuschütteln, und sich auf das Einzige zu konzentrieren, was inmitten des Chaos wichtig war: am Leben zu bleiben. Der Sturm nahm noch weiter an Heftigkeit zu, aber er spürte, dass er seinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht hatte. Das war kein normaler Sturm. Was immer ihn entfesselt hatte, stammte nicht von dieser Welt, und es war noch immer da, irgendwo dort draußen hinter den unsichtbar brüllenden Böen. Er konnte seine Anwesenheit fast körperlich spüren, als wäre die Dunkelheit selbst zu etwas Lauerndem erwacht, etwas Großem und unvorstellbar Wildem, das sich in den Momenten der Schwärze zwischen dem immer schneller flackernden Licht der Blitze verbarg.

Einen Herzschlag lang glaubte er tatsächlich etwas zu sehen, hatte einen vagen Eindruck purer Größe und Macht, als hätte allein das Wissen um sein Dasein schon gereicht, den Schleier der Unsichtbarkeit ein kleines Stück zu lüften, und wieder traf eine Woge das Schiff, noch härter und mit womöglich noch verheerenderer Wucht, aber diesmal war er vorbereitet und hielt sich an den daumendicken Seilen fest, mit denen der Mast bis in Mannshöhe verstärkt war. Eisiges Wasser lief in seine Stiefel, blendete seine Augen und brannte wie Säure in den zahllosen Rissen und Schrammen in seiner Haut, und obwohl seine Kraft die eines normalen Mannes um das Zehnfache überstieg, hatten seine Finger doch immer mehr Mühe, Halt an den Seilen zu finden, die Salzwasser und Kälte hart wie Stein gemacht hatten. Die Planken unter seinen Füßen, die doch angeblich unzerstörbar sein sollten, ächzten, als wollten sie zerbrechen, und unter diesem Laut glaubte er noch einen anderen zu hören, ein dunkles Stöhnen und Grollen, als wäre das Naglfar nun endgültig zum Leben erwacht und versuchte die Menschen abzuschütteln, die die Dreistigkeit besessen hatten, sich an seinen Leib zu klammern.

Thor versuchte, auch noch diesen Gedanken abzuschütteln (es gelang ihm nicht), krallte sich mit nur noch größerer, trotziger Kraft in die schmirgelnden Seile und versuchte die Schmerzen und den kreischenden Weltuntergangssturm und die Ungeheuer seiner eigenen Fantasie zu ignorieren. Salzwasser und Schaum vermischten sich mit seinem eigenen Blut zu rosafarbener Gischt, die ihm in die Augen sprühte und ihm zusätzlich die Sicht nahm, und der schwarze Schlund unter seinen Gedanken wurde noch einmal tiefer, das Flüstern drängender, lauter und bedrohlicher. Jemand schrie seinen Namen; vielleicht Torben, vielleicht der sterbende Mann, über dessen Lippen sein Name als verzweifelter Fluch kam, bevor er im Meer versank, vielleicht auch nur das Brüllen des Sturmes oder das immer noch anhaltende Wispern in seinen Gedanken, und das Unwetter wurde noch einmal schlimmer. Blitz auf Blitz spaltete den schwarz gewordenen Himmel, explodierte Funken sprühend im Meer und ließ blaues Elmsfeuer über Masten und Takelage knistern, und mindestens ein weiteres Schiff wurde getroffen und explodierte in einer brodelnden Wolke aus Rauch und grellroten Flammen. Das Heulen des entfesselten Ragnarök war barmherzig genug, das Zischen von schmelzendem Fleisch und die Schreie der Sterbenden zu übertönen, aber er sah brennende Gestalten, die an Deck umhertorkelten oder auch über die Reling sprangen, das Ende in den kochenden Fluten dem Feuertod an Bord vorziehend.

Thor schloss mit einem lautlosen Stöhnen die Augen, und als er sie wieder aufmachte, sah er das Ungeheuer.

Im allerersten Moment war er nicht sicher, nicht nur einem neuen, grausigen Trugbild zu erliegen, einem bösen Spuk, geboren aus schaumiger Gischt und Schatten, der sich nur vermeintlich über dem geschnitzten Drachenkopf am Bug des Naglfar aufbäumte, doch dann riss der Sturm die Gischtwolken auseinander, und nun sah er die Kreatur in ihrer ganzen, ehrfurchtgebietenden Scheußlichkeit: Höher als der größte Baum, den er jemals gesehen hatte, ragte sie über ihm auf, massig wie ein Berg, aber schlängelnd und böse, mit mehr als handgroßen glitzernden Schuppen bedeckt, Zähnen wie gebogene Schwertklingen und senkrecht geschlitzten Augen voller unstillbarer Bosheit, und einem abgrundtiefen Hass auf alles Lebendige und Fühlende.

Thor schrie. Der Sturm riss den Laut von seinen Lippen und trug ihn davon, ohne dass er ihn auch nur selbst hörte, das Ungeheuer aber reagierte darauf, als hätte er ihm eine trotzige Herausforderung entgegengeschleudert: Sein Schädel, größer als eine Droschke und voller spitzer Zähne und Stacheln und knochiger Kämme und schierer Gestalt gewordener Wut peitschte mit einer Schnelligkeit herum, die seiner unvorstellbaren Größe Hohn sprach, und der Blick seiner gnadenlosen Augen richtete sich nun auf den winzigen Menschen tief unter ihm, der es gewagt hatte, es mit seiner bloßen Anwesenheit herauszufordern. Kochender Geifer sprühte aus seinem Maul und verätzte die Planken, grüne Flämmchen züngelten aus dem Deck, wo sich der giftige Atem der Höllenkreatur in das steinharte Holz fraß.

Mit einem Brüllen, das zu laut war, um es noch zu hören, stieß die Bestie auf ihn herab. Die Schildreling zerbarst, wo ihr schuppiger Schlangenhals dagegenprallte, und Holzsplitter und Eisen prasselten rings um ihn nieder, und die mörderischen Fänge der Bestie waren mit einem Male direkt über ihm.

Thor schrie in reiner Todesangst auf, ließ seinen Halt los und stürzte rücklings aufs Deck. Etwas streifte seinen Arm und grub eine Spur aus rotem Schmerz von der Schulter bis zum Handrücken herunter, und dort, wo er vor einem halben Atemzug noch gestanden hatten, gruben sich monströse Zähne in den Mast und rissen mannsgroße Splitter aus dem eisenharten Holz.

Hilflos schlitterte er weiter, als sich das Deck unter ihm jäh zur Seite neigte, prallte zwei-, oder dreimal gegen Hindernisse, die seiner rasenden Schlitterpartie nichts von ihrem Schwung zu nehmen vermochten, und vielleicht rettete ihm das sogar das Leben, denn das Ungeheuer richtete sich zwar mit einem zornig-enttäuschten Brüllen wieder auf, stieß aber auch gleich darauf und nur noch wütender erneut auf ihn herab. Diesmal zertrümmerte seine gepanzerte Schnauze die Planken kaum eine Handbreit neben ihm.

Thor warf sich herum, kam irgendwie auf Hände und Knie und wurde von der nächsten Woge sofort wieder auf das Deck geschleudert, und die Erschütterung war hart genug, dass sich das ganze gewaltige Schiff auf die Seite legte und eisiges Wasser in einem sprudelnden Sturzbach über die Reling spülte. Thor kämpfte würgend gegen ein entsetzliches Erstickungsgefühl, und das Naglfar richtete sich mit einem mahlenden Laut wieder auf; nicht einmal besonders schnell, aber mit einer Kraft und Unaufhaltsamkeit, der nicht einmal das Meeresungeheuer etwas entgegenzusetzen hatte. Der gewaltige Bug des Naglfar drückte es einfach zur Seite, und wieder erbebte das Meer unter einem Wutgeheul, das selbst das Brüllen des Sturms mühelos übertönte.

Die Reaktion erfolgte prompt, und es war ein Bild, das er in seinem ganzen Leben nie wieder ganz vergessen sollte: Die Seeschlange verschwand in einem kochenden weißen Geysir im Meer, tauchte nahezu unmöglich schnell und auf der anderen Seite des Naglfar wieder auf und stürzte sich mit weit aufgerissenem Maul und brüllend vor Wut auf den kunstvoll geschnitzten Drachenkopf des Schiffes; ein bizarrer Kampf zwischen von Menschenhand geschaffenem und wirklichem Ungeheuer, und wie nahezu immer war es der Mensch, der verlor.

Zehn Männer und er selbst – wenn auch nur dann und wann und eher symbolisch, als dass er eine wirkliche Hilfe gewesen wäre – hatten nahezu einen Monat gebraucht, den ehrfurchtgebietenden Drachenkopf aus einem gewaltigen Baumstamm herauszuschneiden, doch das Ungeheuer biss ihn mit einer einzigen, zornigen Bewegung in Stücke, und Thors allererste Reaktion bestand nur aus einem Gefühl vollkommen absurder Empörung angesichts der Respektlosigkeit, die das Untier der Arbeit so vieler guter Männer gegenüber zeigte. Einen halben Herzschlag später wurde ihm selbst klar, wie albern dieser Gedanke war, und nicht sehr viel später schien das Ungeheuer wohl zu demselben Schluss zu gelangen, denn ganz kurz hielt es damit inne, krachend auf dem abgebissenen hölzernen Drachenkopf herumzukauen, und sah regelrecht verdutzt aus; dann spuckte es Holzsplitter, Metall und ätzenden Sabber aus und stieß sein weit aufgerissenes Maul erneut auf Thor herab.

Mit einer verzweifelten Bewegung warf er sich herum und riss zugleich schützend die Arme vor das Gesicht, aber er wusste auch selbst, dass das eine viel zu langsam und das andere vollkommen sinnlos war. Seine Bewegungen waren zehnmal schneller als die jedes anderen Mannes an Bord, aber gegen das Ungeheuer war er geradezu lächerlich langsam.

Was ihn rettete, war das Naglfar selbst.

Hinterher wurde ihm klar, dass es nichts als Glück und purer Zufall gewesen war, doch in diesem Augenblick war er sicher, dass es das Schiff war, das das Ungeheuer angriff, vielleicht um seine Besatzung zu verteidigen, vielleicht auch, um sich an dem frechen Angreifer zu rächen, der es auf so respektlose Weise verstümmelt hatte. Der Bug tauchte in ein Wellental ein, das ebenso tief war wie die schaumgekrönten Wogen davor und dahinter hoch, stieg ebenso machtvoll und schnell wieder in die Höhe, und der zersplitternde Bug bohrte sich wie ein Speer in den schuppigen Hals der Riesenschlange. Horn und Panzerplatten und Holz splitterten, ein ungeheuerliches Brüllen und Kreischen erklang, und das gesamte Schiff erbebte, als wäre es gegen ein unterseeisches Riff gelaufen. Statt ihn in Stücke zu schneiden, wurde der Schädel der Bestie zurück –, und in die Höhe gerissen, und obwohl das Naglfar nicht viel größer und vermutlich kaum schwerer als die geschuppte Albtraumkreatur war, drückte es sie mit seinem Gewicht einfach unter Wasser. Thor spürte, wie der Rumpf tief unter ihm schwer über etwas schrammte, das hart wie Fels und massiv wie ein Berg zu sein schien.

Er stemmte sich mühsam in die Höhe, kämpfte breitbeinig auf dem immer noch heftig stampfenden Deck um sein Gleichgewicht und blinzelte sich gerade noch rechtzeitig genug Blut und brennendes Salzwasser aus den Augen, um die gezackte schwarze Klippe zu erkennen, die aus dem brodelnden Sturm auftauchte und das Naglfar ansprang.

Dann nichts mehr.

Jemand schlug ihm ins Gesicht, noch nicht so hart, dass es wirklich wehgetan hätte, aber eindeutig härter als nötig, dann rüttelte eine Hand an seiner Schulter, und eine Stimme rief seinen Namen. Vielleicht geschah das alles auch in anderer Reihenfolge, aber es geschah, und Thor identifizierte auch – im Nachhinein, aber mit einem Gefühl tiefer Erleichterung – die dazugehörige Stimme. Torben war also noch am Leben, und offenbar auch noch gesund genug, um genau das zu tun, was ein Mann wie Torben in einer Situation wie dieser einfach tun musste.

Er selbst hätte der Verlockung vielleicht auch nicht widerstanden.

Etwas raschelte, und Thor sagte leise und ohne die Augen zu öffnen: »Das reicht. Du hattest deinen Spaß, Torben. Schlag mich noch einmal, und ich breche dir die Hand.« Er öffnete die Augen. »Du darfst dir sogar aussuchen, welche.«

»Schade«, sagte Torben. »Eine Gelegenheit wie diese kommt wahrscheinlich so schnell nicht wieder. Und es gäbe da schon noch das eine oder andere, was ich dir schuldig bin.«

»Respekt?«, schlug Thor vor. »Gehorsam?«

Torben zog es vor, nur mit einem Grinsen darauf zu antworten, das seine Augen allerdings ausließ: Ganz im Gegenteil las Thor darin einen Ausdruck tiefer Sorge, den der grauhaarige Kapitän des Naglfar weder verhehlen konnte noch wollte.

Aufmerksam sah er sich um – er befand sich nicht mehr an Bord des Schiffes, sondern in einem kleinen und offensichtlich in aller Hast aufgeschlagenen Zelt, das vollkommen leer war –, warf Torben einen fragenden Blick zu und stemmte sich vorsichtig auf beide Ellbogen hoch, als er keine Antwort bekam. Vielleicht nicht vorsichtig genug, denn unverzüglich schoss ein scharfer Schmerz durch seinen Arm. Thor unterdrückte einen entsprechenden Laut, schüttelte die grobe Decke von den Schultern und musste eine Weile nachdenken, bis er sich daran erinnerte, warum sich jemand (vermutlich Torben) die Mühe gemacht hatte, seinen gesamten Arm zu verbinden.

Die Erinnerung führte eine andere und sehr viel schlimmere im Geleit, und jetzt konnte er einen erschrockenen Laut nicht mehr ganz unterdrücken. »Die Schlange? Was …?«

»Schlange?« Torben blinzelte. »Welche Schlange?«

»Die Seeschlange«, antwortete Thor. »Das Ungeheuer, das das Naglfar angegriffen hat.«

»Ungeheuer?«, wiederholte Torben.

Thor wollte auffahren, überlegte es sich dann aber anders, als der Ausdruck von Sorge in Torbens Augen eine andere und beunruhigende Qualität annahm. Statt etwas zu sagen, setzte er sich weiter auf, erhob sich schließlich ganz und wickelte sich die feuchte Decke um die Hüften, als er feststellte, dass er nackt war.

»Wo sind meine Kleider?«, fragte er. Die Decke war nicht nur nass, sie kratzte und stank. »Was davon übrig ist, wird gerade geflickt«, antwortete Torben. »Was hast du mit dem Ungeheuer gemeint?«

»Hast du denn keines gesehen?«, fragte Thor seinerseits.

»Nein, aber davon gehört«, antwortete Torben mit sonderbarer Betonung.

»Und von wem?«

»Von dir«, erwiderte Torben. »Während ich wie eine Mutter über deinen Schlaf gewacht und darauf gewartet habe, dass du aufwachst. Du hast ein paarmal von einer Schlange fantasiert.«

Er hatte nicht fantasiert, aber er musste nicht noch einmal in Torbens Augen blicken, um zu wissen, dass er sich auch jedes weitere Wort sparen konnte. Von allen Männern an Bord des Naglfar war Torben derjenige, aus dem er am wenigsten schlau wurde. Vielleicht war Torben der beste Freund, den er unter den Sterblichen hatte, aber Thor wusste bis heute nicht, ob er ihn nun wirklich für einen Gott hielt, oder nur für einen außergewöhnlich starken Mann. Aber wenn, dann nicht für einen Gott, dem er allzu viel Respekt zollte.

Statt irgendetwas zu sagen, trat er gebückt aus dem Zelt, richtete sich auf und blinzelte in das Licht einer überraschend tief stehenden Sonne, zog in derselben Bewegung aber auch fröstelnd die Decke wieder bis zu den Schultern hoch. Das rot-goldene Licht und das saftige Grün an drei Seiten suggerierten eine Wärme, die es ganz und gar nicht gab.

»Ist es noch Tag, oder schon wieder Abend?«, fragte er.

Es gelang Torben nicht ganz, den Spott aus seiner Stimme zu verbannen, während er die Hand hob und auf den roten Feuerball am Horizont deutete. »Wenn das da Osten ist, dann würde ich sagen: schon wieder«, sagte er, zögerte fast unmerklich und fügte dann – jetzt eindeutig spöttisch – hinzu: »Herr.«

»Torben, bitte«, seufzte Thor. Sein Kopf schmerzte, sein Arm tat weh, das Licht stach wie mit dünnen glühenden Nadeln in seine Augen, und er musste sich des Bildes eines geschuppten Ungeheuers erwehren, das aus seiner Erinnerung aufstieg und sich einfach nicht abschütteln lassen wollte. Ihm war nicht nach Scherzen.

»Ihr wart die ganze Nacht bewusstlos«, antwortete Torben, in verändertem Ton, und nicht mehr an seinen Freund, sondern seinen Herrn gewandt. Ein ganz kleines bisschen klang er gekränkt, fand Thor. »Was auch kein Wunder ist. Der Anprall hat Euch über Bord und gegen den Felsen geschleudert. Ihr habt lange im Wasser gelegen. Die Männer, die Euch herausgefischt haben, hielten Euch für tot.« Und eigentlich, fügte sein Blick hinzu, solltest du das auch sein.

»Welcher Felsen?«, fragte Thor.

Torben sah ihn einen halben Atemzug lang durchdringend an, drehte sich wortlos um und bedeutete ihm mit einer immer noch stummen Geste, ihm zu folgen. Sie gingen um das Zelt herum und eine kurze, mit einem dichten Teppich eines sonderbar fleischigen Mooses bewachsene Anhöhe hinauf, und Thor sah, von welchen Felsen Torben gesprochen hatte.

Das Naglfar lag direkt unter ihnen, zerschlagen und zerschunden und mit zerfetzten Segeln, die nicht so aussahen, als könnten sie jemals wieder instand gesetzt werden. Die buckelige Reling war an zahlreichen Stellen zertrümmert. Hier und da sah es aus, als wären gewaltige Stücke herausgebissen worden. Einer der drei großen Masten war geborsten, aber nicht auf das Deck gestürzt, wo er verheerenden Schaden angerichtet hätte, sondern einfach verschwunden, genau wie der geschnitzte Drachenkopf, der den Bug des gewaltigen Kriegsschiffes geziert hatte. Wo dieser geblieben war, wusste Thor allerdings nur zu gut.

Torben machte eine Kopfbewegung nach links, und als Thors Blick der Bewegung folgte, sah er den Felsen, von dem der alte Kapitän gesprochen hatte. Nicht nur einer, sondern gleich vier gezackte steinerne Pfeiler ragten wie die zersplitterten Zähne eines ertrunkenen Drachen aus dem Meer, das jetzt wieder so glatt und friedlich dalag, als hätte es den Sturm niemals gegeben, und Thors kundiges Auge erblickte mindestens ein halbes Dutzend Stellen, an denen das Wasser kleine Schaumkronen bildete, wo es sich an weiteren gefährlichen Hindernissen brach, die sich dicht unter seiner Oberfläche verbargen. Das Naglfar lag an einem vermeintlich glatten Strand aus fast pulverfeinem weißem Sand, aber das Meer davor war eine Todesfalle.

»Wo sind wir?«, fragte er.

Torben hob die Schultern. »Auf einer Insel, an der Küste eines fremden Landes, in Asgard, ich weiß es nicht. Ich habe Männer losgeschickt, um die Umgebung zu erkunden, aber sie sind noch nicht zurück.«

Thors Blick kehrte wieder zum Naglfar zurück, blieb am zersplitterten Bug des Schiffes hängen und tastete dann über das Deck. Eine erstaunlich große Anzahl Männer war damit beschäftigt, die Trümmer wegzuräumen, und schon bald würden sie damit beginnen, die schlimmsten Schäden zu beheben. Thor verstand nicht annähernd so viel von der Schifffahrt wie Torben (niemand tat das), aber er sah trotzdem, dass das Schiff nicht so schlimm beschädigt war, wie er befürchtet hatte. Zumindest waren sie nicht auf dieser unbekannten Insel gestrandet.

»Wie viele?«, fragte er.

»Tote?« Torben hob die Schultern. »Neun. Den Göttern sei Dank nur neun, auch wenn es eine Menge Verletzte gegeben hat. Aber es hätte uns schlimmer erwischen können.« Er machte eine Kopfbewegung zu den Felsen hin. »Die Klippe hat uns gerettet, so seltsam es klingen mag. Auf der anderen Seite prangt ein hübsches Loch im Rumpf, wo wir den Fels gerammt haben, aber ohne das hätte uns der Sturm wohl wieder aufs offene Meer hinausgetrieben, und es wäre uns so ergangen wie den anderen.«

»Den … anderen?« Thor blickte fragend. Sein Herz klopfte.

»Bisher haben wir keines der anderen Schiffe gesehen«, antwortete Torben, unbehaglich und ohne ihn direkt anzublicken. »Vielleicht hat der Sturm die Flotte ja einfach nur zerstreut und weiter aufs Meer hinausgetrieben, aber …« Er suchte sichtlich nach Worten, hob dann nur die Schultern und ließ den Satz gänzlich unbeendet. Thor erinnerte sich an brennende Schiffe, an Schreie, die viel zu leise und zu weit weg gewesen waren, um sie wirklich hören zu können, und die er trotzdem nie wieder ganz vergessen konnte, und an brennende Gestalten, die ins Wasser sprangen. War es Zorn, was er spürte, oder nur Schmerz?

»Du kannst es reparieren?«, fragte er, unbehaglich und nur, um von dem schrecklichen Thema abzulenken.

»Kann ein Fisch schwimmen?«, schnaubte Torben, schüttelte absurderweise aber auch praktisch gleichzeitig den Kopf. »Das Naglfar ist seetüchtig, wenn du das meinst. Aber es wird eine Weile dauern, und schön wird das Ergebnis nicht. Ich werde Männer losschicken, um nach einem Baum Ausschau zu halten, der groß genug ist, um den verlorenen Mast zu ersetzen. Wenn sie keinen finden, werden wir langsamer. Sehr viel langsamer.«

Thor sagte nichts dazu – schon weil er wusste, worauf Torben hinauswollte, und über dieses Thema wollte er jetzt ganz gewiss nicht sprechen – sondern drehte sich um und ließ seinen Blick über das kleine, hastig improvisierte Zeltlager und den Waldrand dahinter streifen. Er sah tatsächlich Bäume, wohin er auch blickte – aber keiner davon war auch nur annähernd groß genug, um den verlorenen Mast zu ersetzen. Was natürlich nichts bedeutete.

»Bring mich zu den Verwundeten«, sagte er. Das tat Torben, auch wenn das Ergebnis anders ausfiel, als er erwartet hatte. Torben hatte von zahlreichen Verletzten gesprochen, präsentierte ihm aber gerade einmal vier Männer, die jedoch so schlimm verletzt waren, dass nicht einmal er ihnen ...

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