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Der Halunke und die Lady

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PROLOG

Dickie Carstairs, rundlich und mit ausdrucklosem Blick, stand dem Kreis gelben Lampenlichts gegenüber dem Gasthaus Duck und Wattle, ein bisschen zu nahe, um unbemerkt zu bleiben. Es war Dickies Aufgabe, bemerkt zu werden, und er versah sein Amt mit solcher Bravour, dass der Regierungsbeamte Miles Duncan nicht nur zuversichtlich war, sondern sogar lächelte, als er zur Hintertür des Gasthauses hinausflitzte, während Dickie so unübersehbar den Haupteingang bewachte.

Das Lächeln verging ihm rasch. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, gleichzeitig befreite ihn ein heftiger Ruck an der Tasche, die er trug, von seiner Last. „Guten Abend, Mr Duncan. Wohin des Wegs? Ist es genehm, dass wir Ihnen Gesellschaft leisten?“

Es war Miles Duncan nicht genehm, ein Gefühl, mit dem er sich allerdings nicht lange herumplagen musste. All seiner weltlichen Sorgen war er enthoben, als er nahezu anmutig in die übel riechende Pfütze sank, bestehend aus dem Inhalt diverser kürzlich aus einem der oberen Fenster entleerter Nachttöpfe. Der arme Miles Duncan, ein weiteres Opfer der verbrecherischen Gewalttätigkeit, die in gewissen Vierteln Londons grassierte.

Will Browning zog in aller Ruhe sein Messer aus Duncans sterblichen Überresten und wischte die Klinge am Überrock des Toten ab. Dann schob er die Waffe in den Stiefelschaft und erleichterte den toten Mann um seine Börse und seine minderwertige Granat-Krawattennadel, um einen glaubwürdigen Fall von Raub vorzutäuschen. „Jack? Ist es genehm, dass wir Ihnen Gesellschaft leisten? Welch absonderliche Wortwahl. Aber doch nicht auf dem Weg, den er gerade genommen hat, wenn du nichts dagegen hast, nein danke.“

Don John Blackthorn, besser bekannt als Black Jack, öffnete bereits die Lasche der Tasche, um sich zu vergewissern, dass diese die entwendeten Papiere enthielt, die sie im Auftrag des Premierministers wiederbeschaffen sollten. „Gut, Will. Das nächste Mal redest du, und ich schwinge das Messer.“

„Ha! Sieht dir ähnlich, dass du den ganzen Spaß für dich allein willst.“

Jack überging die Bemerkung, wohl wissend, dass Will Browning Messer und Schwert ohne Bedenken zum Einsatz brachte. Vermutlich war es Wills Glück, dass die Regierung ihn in ihre Dienste genommen hatte; sonst hätte er wohl längst am Galgen gehangen.

Sie waren ein wunderliches Schurkentrio. Dickie, der dritte Sohn eines Earls, taugte in der vornehmen Gesellschaft nichts, wurde als recht umgänglich, aber reichlich beschränkt angesehen und war doch einer der mutigsten Männer, die Jack kannte. Nicht jeder würde sich ständig als wandelnde Zielscheibe in Szene setzen. Dickies Gesicht war das öffentlich sichtbare, das den anderen ihre Arbeit ermöglichte.

Will war die Waffe. Gut aussehend, wohlhabend, aalglatt, ein makellos gekleideter Liebling des ton, immer mit freundlichen Worten und einem Lächeln zur Stelle. Allerdings verfügte er über eine eigenwillige, recht außergewöhnliche Auffassung von Recht und Unrecht. Will hatte gewissermaßen etwas zivilisiert Wahnsinniges an sich. Wer wusste, dass er nicht unbedingt zu Wills Freunden zählte, wünschte heiß und innig, ihn nie zum Feind zu haben.

Blieb noch Jack, der Kopf und Anführer des Trios. Jack, der nirgendwo recht zu Hause war. Als unehelicher Sohn des Marquess of Blackthorn hatte er sich auf dessen Gutsbesitz, in Gesellschaft seiner Brüder oder mit der Welt an sich nie wohlgefühlt. Er war anders und hatte seine Andersartigkeit schon früh im Leben erkannt. Tief in seinem Inneren brannte ein Feuer, ein Drang, den er nicht in Worte fassen, geschweige denn begreifen konnte. Das hatte ihn zu einem wilden, stürmischen jungen Mann werden lassen, und er hatte seine Lektionen im Leben auf die harte Tour gelernt.

Sein Einsatz als einer der vertrauenswürdigsten Geheimagenten der Regierung hatte das Feuer eine Zeit lang genährt. Jetzt war er es allmählich leid, immer am Rande des Geschehens, des Lebens, zu agieren, als Beobachter, nie als wirklich Beteiligter. Einmal hatte er geglaubt, eine Lösung gefunden zu haben, einen Weg in das erfüllte Dasein, das er immer gesucht hatte, den Platz, an dem er sich hätte einfügen können. Doch dann war etwas geschehen, er hatte seinen Lebensinhalt verloren und wusste, dass er ihn nie wiederfinden würde. Dass er sie nie wiederfinden würde. Jetzt existierte er lediglich noch von einer Mission zur anderen.

„Ist alles da?“, fragte Will, als Dickie sich zu ihnen gesellte. Beide beugten sich vor, um den Inhalt der Tasche zu begutachten, den Jack hastig wieder verstaute.

„Was den Inhalt angeht, wurde ich nicht eingeweiht, doch es wird wohl reichen, um Lord Liverpool zufriedenzustellen“, erwiderte Jack gleichgültig. „Und um ihn sorgfältiger darauf achten zu lassen, wen er in Zukunft mit den Angelegenheiten der Krone betraut. Jedenfalls werden wir für die Arbeit des heutigen Abends belohnt, und darauf kommt es an. – Stimmt’s, meine Herren?“ Er zögerte einen Augenblick, dann zog er doch eines der Papiere aus dem Stoß und entdeckte einen bekannten Namen darauf. „Verdammt.“

„Das darfst du nicht lesen, Jack“, gab Dickie zu bedenken. „Wenn wir zu viel wissen, könnten wir so enden wie unser Freund hier, und diese Gegend gefällt mir nicht.“

„Er hört nicht zu, Dickie“, bemerkte Will. „Du blickst noch finsterer drein als gewöhnlich, Jack. Gibt es ein Problem?“

Jack las immer noch. „So kann man es nennen. Anscheinend ist der Marquis de Fontaine verschwunden.“

„Tatsächlich? Den Namen habe ich lange nicht mehr gehört. Er war doch Söldner, dein Lehrer der dunklen Künste während des Kriegs, nicht wahr? Und dann war da die Sache zwischen dir und seiner Tochter. Tess, richtig? Du hast nie etwas gesagt, aber ich vermute, es hat kein gutes Ende genommen.“

„Darüber redet er nicht, nein“, sagte Dickie leise zu Will, als Jack nicht antwortete, sondern nur das Papier wieder zurücklegte und die Tasche verschloss.

„Trotzdem, der Krieg ist zu Ende, Gott sei’s geklagt, sonst wären die Schurken, mit denen wir uns herumschlagen müssen, unseres Aufwands eher würdig als überehrgeizige Beamte. Und de Fontaine wurde in den Ruhestand geschickt oder was immer wir mit Söldnern machen, die wir nicht mehr brauchen. Was interessiert es dann Liverpool, dass er sich aus dem Staub gemacht hat?“

Dickie machte behutsam einen Schritt über den verstorbenen überehrgeizigen Miles Duncan hinweg und folgte Jack und Will aus der Gasse. „Ein Geheimnis bleibt ein Geheimnis, und das dürfte für Liverpool wohl entscheidend sein, oder, Jack?“

„Regierungen wollen ihre Geheimnisse grundsätzlich nicht preisgeben“, erwiderte Jack knapp. Als aus heiterem Himmel Tess’ Name gefallen war, nachdem er gerade den Namen ihres Vaters gelesen hatte, wurde ein Sturzbach von Erinnerungen freigesetzt, die er lieber hinter der eigens zu ihrer Eindämmung in seinem Kopf errichteten Steinmauer belassen hätte.

„Nun, was wollen sie im Hinblick auf den verschwundenen Marquis unternehmen, Jack?“, fragte Will, als sie in die Kutsche stiegen, die am Ende der Gasse wartete.

„Ihn finden“, sagte Jack schließlich. „Liverpools Notiz an die Adresse seines Sekretärs betrifft mein nächstes kleines Projekt im Auftrag der Krone. Da ich Sinjon am besten kenne, wurde beschlossen, dass ich mit der Suche nach ihm beauftragt werden soll.“

„Liverpool will wissen, was er womöglich im Schilde führt, seit sie ihn in den Ruhestand versetzt haben? Das erscheint mir ziemlich vernünftig“, meinte Will und lehnte sich zurück in die Polster.

„Ja, ziemlich vernünftig. Ihn suchen. Ihn befragen“, sagte Jack und drehte den Ring aus Gold und Onyx an seinem rechten Zeigefinger, während Tess’ schönes, trauriges Gesicht in der dunklen Kutsche vor seinen Augen zu schweben schien. „Und ihn dann zum Wohl von König und Vaterland eliminieren.“

1. KAPITEL

Lady Thessaly Fonteneau hockte auf der Fensterbank, im Licht der Sonne, die hinter ihr durch die Scheiben schien und ihre wilde, blonde Lockenmähne leuchten ließ.

Ihre langen Beine in hohen dunkelbraunen Lederstiefeln und braunen Hirschlederhosen waren angewinkelt, die Füße gegen einen niedrigen Hocker in Form eines Kamelsattels gestemmt. Leicht vorgebeugt saß sie da, die Handflächen auf die Schenkel gestützt, das Gesicht im Schatten. Das weiße Batisthemd mit den weiten Ärmeln, das sie trug, war für eine kräftigere Gestalt entworfen und bauschte sich über dem Hosenbund. Der V-Ausschnitt gewährte unter der abgetragenen braunen Lederweste einen tiefen Einblick in ihr Dekolleté.

Knapp über ihrem Brustansatz hing an einer zarten Goldkette das ovale goldene Medaillon. Darin befanden sich zwei kleine eigenhändig vom Marquis gemalte Bilder, eines alt, eines neuer. Das Medaillon hatte an einem schwarzen Samtband gehangen, bis Tess’ Vater ihr vorhielt, dass man niemals etwas am Körper tragen sollte, was einem Feind als Waffe dienen könnte: ein zartes Kettchen würde reißen, doch ein fest verknotetes Band taugt unter Umständen zur Garrotte.

Tess war von der klassischen Schönheit, die zu porträtieren Künstlern die Tränen in die Augen treibt. Aristokratisch, feingliedrig. Gallisch bis ins Mark. Trotzdem gesegnet mit einem sinnlichen Flair in diesen hohen Wangenknochen, der schmalen geraden Nase, dem großzügigen, verführerischen Mund, den nussbraunen Augen unter dunklen Wimpern.

Diese Augen, jetzt in Tränen schwimmend, die sie nicht fließen lassen wollte.

„Wo, Papa?“, hauchte sie mit einem Rundblick über die Trümmer, die vormals das gepflegte Arbeitszimmer des Marquis de Fontaine gewesen waren. Jetzt war es nahezu bis an den Punkt der völligen Zerstörung durchsucht worden. Tess’ Wut, ihre Enttäuschung, ihre wachsende Angst, alle diese Gefühle drohten sie nun im Nachspiel ihrer jüngsten Durchsuchung zu überwältigen und belastete sie genauso wie ein blutiges Messer in ihrer Hand, während sie über einer Leiche stand. „Es muss doch etwas geben. Du musst mir doch irgendetwas hinterlassen haben.“

Tess hatte mit ihrer Durchsuchung des bescheidenen Herrenhauses vor einer Woche begonnen, am Tag nach dem Verschwinden ihres Vaters. Sie war bedächtig, gründlich, methodisch vorgegangen, wie sie es gelernt hatte.

Angefangen hatte sie mit den Dienstboten, die entweder nichts wussten oder nichts sagten. Bei Dienstboten konnte man sich nie gewiss sein, wem sie wirklich treu ergeben waren, wenn überhaupt. Ihr Papa hatte sein Personal nie lange behalten, da Vertrautheit zu einem Nachlassen der Wachsamkeit führte, hier zu einem Dokument, das außerhalb der verschlossenen Schublade liegen blieb, dort zu einem bei Tisch in Anwesenheit eines Dieners unbedacht gesprochenen Wort. Geh immer davon aus, dass du dich unter Feinden aufhältst, hatte er Tess geraten. Das ist sicherer, als sich unter vermeintlichen Freunden gehen zu lassen.

Ein Diener, dem er einst sein Vertrauen geschenkt hatte, hatte ihn vor vielen Jahren verraten, und seine geliebte Marie Louise hatte den furchtbaren Preis für die Unbesonnenheit ihres Mannes bezahlen müssen.

Nein, die Dienstboten wussten nichts, abgesehen von dem einen, der das Verschwinden des Marquis unverzüglich in London gemeldet hatte. Tess hatte davon erfahren, als sie ins Dorf gegangen war, weil sie im Lebensmittelladen um weiteren Kredit bis zum Ende des Quartals hatte bitten wollen, nur um dann, gefolgt von einem peinlich unfähigen Regierungsbeschatter, unverrichteter Dinge heimkehren zu müssen.

Es gab keinen Grund, das Personal jetzt zu entlassen oder sich die Mühe zu machen, Liverpools Informanten zu überführen. Ganz gleich, wen sie dann einstellte, immer würde einer dabei sein, der sie ausspionierte. Abgesehen von Emilie, die sie begleitet hatte, als sie damals aus Paris geflüchtet waren. Dem Himmel sei Dank für Emilie.

Und sie sah keinen Anlass zu verheimlichen, dass sie nicht wusste, wohin ihr Vater gegangen war oder warum er gegangen war oder ob er je zurückkommen würde. Vielmehr war es dringend geboten, alle Welt ihre Unwissenheit hinsichtlich der Pläne oder der derzeitigen Aktivitäten ihres Vaters vor Augen zu führen. Ihre Sicherheit hing von ihrer Ahnungslosigkeit ab. Deswegen hatte sie keine Nachricht gefunden, keine Warnung erhalten. Er hatte sie schützen wollen.

„Aber er muss mir doch irgendetwas hinterlassen haben, irgendetwas, das mir sagt, dass es ihm gut geht“, sprach Tess laut mit sich selbst, schob in einem neuerlichen Energieschub den Hocker fort und stand auf. „Ich sehe es nur nicht, das ist alles.“

Sie zog einen Schlüssel aus ihrer Westentasche, näherte sich dem Spezialschrank, den der Marquis in diesem Zimmer hatte einbauen lassen, und steckte den Schlüssel ins Schloss. Sie öffnete die Glastüren, und zum Vorschein kamen Regale voller Kunstgegenstände, die ihr Vater im Lauf der vergangenen zwei Jahrzehnte gekauft oder eingetauscht hatte. Seine Schätze nannte er diese Preziosen; einige waren römisch, andere griechisch, die meisten ägyptisch. Steinbrocken, angeschlagene Tonschalen, ein kleines geschnitztes Abbild einer lang vergessenen Gottheit, eine antike Pfeife mit zerbrochenem Stiel. Die wertvollen Besitztümer eines Mannes, der seine Liebe zu antiken Gegenständen verloren und sein Denken, seine Begabungen auf Rache gerichtet hatte, ein Mann, dem letztendlich nichts geblieben war außer diesen alten, minderwertigen Relikten dessen, was gewesen war. Und die Erinnerung an alles, was diese kleine Familie sich hatte leisten können, als der Marquis de Fontaine einstmals eine der herausragendsten Sammlungen antiker Kunstgegenstände in ganz Frankreich hatte vorweisen können.

Tess hatte bei ihren früheren Durchsuchungen keines dieser wertvollen Besitztümer angerührt, doch sie waren alles, was noch übrig geblieben war. Ihre letzte Chance.

Sie nahm die Gegenstände einen nach dem anderen aus den Regalen. Sie studierte sie von allen Seiten, bevor sie jedes Stück auf die Schreibtischplatte stellte. Ihre Verzweiflung wuchs, bis es sie ihre geballte Willenskraft kostete, das allerletzte Stück, die zerbrochene Pfeife, nicht in den Kamin zu pfeffern.

Denn sie hatte nichts gefunden. Nichts. Sie stützte die Handflächen auf das unterste Regal auf und lehnte den Kopf an die Kante eines anderen, Ausdruck ihrer bitteren Niederlage.

„Zweites Regal, am linken Ende. Heb es hoch … Dort befindet sich ein Knopf. Den drückst du, dann schließt du die Türen und trittst zurück.“

Tess vergaß für eine Moment Luft zu holen. Jeder Muskel in ihrem Körper war wie versteinert, schwer, unbeweglich. Ihr Gaumen wurde trocken, ihr Herz blieb stehen, klopfte wieder, und jeder Schlag schmerzte. Schmerzte so sehr. Es war eine Stimme, die sie seit fast vier Jahren nicht mehr gehört hatte, aber nie vergessen würde, nie vergessen konnte. Sie hörte sie allnächtlich in ihren Träumen. Ich liebe dich, Tess. Gott steh mir bei, ich liebe dich. Lass mich dich lieben …

„Du?“, fragte sie, ohne sich zu rühren. „Dich haben sie geschickt? Das ist beinahe komisch, Jack. Der Schüler wird ausgeschickt, den Meister zu suchen. Und du bist gekommen, hast zugestimmt, in dem Wissen, welche Konsequenzen das für euch beide haben könnte.“ Langsam drehte sie sich um, hielt sich an dem robusten Regal hinter sich fest, denn sie fürchtete, dass sie sonst womöglich schluchzend zusammengebrochen wäre. „Ausgerechnet du.“

Er blieb stehen, wo er war, in jedem Fall nicht weit genug entfernt, als dass sie ihn nicht hätte hören, spüren, riechen können. Herr im Himmel, er raubte ihr immer noch den Atem, mit einem einzigen Blick. Sie kannte ihn in- und auswendig, hatte ihn berührt und geschmeckt, hatte sich ihm hingegeben, so wie er sich ihr hingegeben hatte. Eine dunkle Leidenschaft, intensiv, drängend und viel zu flüchtig. Das Feuer, das loderte, aber nicht genährt werden konnte.

Ihr düsterer Geliebter. Schwarz das Haar, schwarz die Seele, das Denken, das Herz. Selbst seine grünen Augen waren dunkel und eindringlich unter diesen schwarzen geschwungenen Brauen, und undeutbar. Er mochte aus warmen Stein gemeißelt worden sein, mit seinem schlanken, muskulösen Körper, dem Inbegriff der Perfektion, und eine Göttin, auf Unheil aus, mochte diesem schönen, manchmal grausamen Mund Leben eingehaucht haben, nachdem er zu den geringeren Sterblichen auf die Welt geschickt worden war.

Dieser sinnliche Mund öffnete sich jetzt; Tess fühlte sich wie hypnotisiert von seinen Lippen, als sie sich zu einem kurzen, beinahe belustigten Lächeln verzogen. „Ein bezaubernder Anzug, Tess. Ich bezweifle, dass diese Hirschlederhose ihrem ursprünglichen Besitzer auch nur halb so gut gestanden hat.“

Tess fand ruckartig in die Gegenwart zurück und nutzte Jacks Bemerkung, um ihrerseits eine Spitze auszuteilen. „Es wäre mir nicht aufgefallen. Sie hat einmal René gehört.“

Als der Name ihres Bruders fiel, hoben sich die geschwungenen Brauen, der Blick wurde beängstigend hart. „Dann hast du dich jetzt wohl in den Sohn verwandelt? Du würdest alles tun, um ihm zu gefallen, nicht wahr? Hast du je Erfolg gehabt?“

„Nicht so sehr wie du.“ Eine weitere Spitze, die einen wunden Punkt traf. Wer ihn nicht kannte, wer nicht nahezu in seiner Haut gesteckt hatte, würde es nicht bemerken. Wohl aber Tess. Sie hatte ihm wehgetan. Gut so. Sie konnten einander beide wehtun.

Jack machte einen Schritt nach vorn. „Ich bin hier, um zu helfen, Tess, nicht um in der Vergangenheit zu wühlen. Dein Bruder ist tot. Du und ich, wir waren nie das, was wir geglaubt haben, hatten nie das, was wir geglaubt haben. Das war einmal. Du weißt nicht, wo Sinjon steckt, stimmt’s? Er hat dich hier allein gelassen, hat es möglich gemacht, dass wir uns beide auf zwei verschiedenen Seiten gegenüberstehen.“

„Er hat nicht wissen können, dass du derjenige sein würdest, der …“ Doch dann unterbrach sie sich und schüttelte den Kopf. „Doch, er wird es gewusst haben. Ich bin die Dumme, der nicht klar war, dass du derjenige sein würdest. Kein Mensch kennt ihn besser als du.“

„Aber ich kenne ihn offenbar nicht gut genug. Ich müsste dich jetzt fragen, ob du wirklich keine Ahnung hast, wo er sich aufhält, was er im Schilde führt, doch es liegt auf der Hand, dass du es nicht weißt. Was hast du gesucht?“

Tess fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar und ballte am Hinterkopf die Hände zu Fäusten, ohne Rücksicht darauf, dass sie wahrscheinlich ihre wirre Haarmähne noch mehr zerzauste. „Ich weiß es nicht“, gab sie zu. „Wie konnte er mir das antun, Jack? Mich mit … mit nichts zurückzulassen?“

„Ich bin hier“, sagte er und streckte die Hand aus, allerdings nur, um Tess beiseitezuwinken, damit er sich dem in die Wand eingebauten Schrank nähern konnte. „Er wusste, dass ich kommen würde. Er wusste, dass ich derjenige sein würde. Damit ist er entweder ein Genie oder ein Narr, nicht wahr? Lass uns mal sehen, was er für Pläne hat, ja?“

Er griff in den Schrank, tastete unter dem zweiten Regalbrett entlang und hob das linke Ende leicht an. Tess hörte ein leises Klicken, dann trat Jack zurück und schloss die Schranktüren.

Vor ihrem Augen schien der Schrank auf sie zuzukommen, drehte sich dann, bis er seitlich stand und ihnen Zugang zu dem gewährte, was hinter der Öffnung lag.

Jack zündete zwei Kerzen in einem Leuchter an, während Tess nur mit großen Augen dastand.

„Ich habe nicht … Davon hat er mir nie erzählt. Dir hat er es verraten, mir nicht. Nicht seiner Tochter.“

„Wollen wir wieder mit der Vergangenheit anfangen?“, fragte Jack. Er machte einen Schritt durch die Öffnung, wandte sich dann um und streckte die Hand abermals aus, dieses Mal tatsächlich als Aufforderung an Tess, sie zu ergreifen.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich komme gut allein zurecht.“

Jack ließ den Blick an ihrer behosten Gestalt hinauf und wieder hinunterwandern. „Ja. Das sieht ein Blinder. Zieh dich ganz in dich zurück, Tess! Lass niemanden an dich heran!“

„Wie kannst du es wagen! Ich war es schließlich nicht, die …“

Doch er war schon fort, war irgendwo unterhalb ihres Sichtfelds verschwunden und hatte das Kerzenlicht mitgenommen. Eine Treppe. Hinter dem Schrank befand sich eine Treppe. Tess blickte auf die offene Tür zum Flur, in dem Bewusstsein, dass Jack misstrauisch werden würde, wenn sie nicht mit ihm ging. Sie musste sich auf Emilie verlassen. Emilie würde inzwischen erfahren haben, dass Jack das Herrenhaus aufgesucht hatte. Sie würde wissen, was zu tun war. Bitte, lieber Gott, lass den Würfel nur dieses eine Mal zu meinen Gunsten rollen.

Tess zündete rasch eine Kerze an und folgte Jack hinab in die Tiefe.

Als er gegangen war, war sie noch eher ein Mädchen als eine Frau gewesen.

Jetzt nicht mehr.

Jack hatte nicht gewusst, was er erwarten sollte, wenn er sie wiedersah, weder von ihr noch von sich selbst. Ihr zu begegnen hatte sich schließlich gleichzeitig als schlimmer und als besser erwiesen als alles, was er sich vorgestellt hatte.

Der Schmerz war noch immer in ihren Augen zu erkennen, zweifellos noch verstärkt durch das Verschwinden ihres Vaters und seine Weigerung, sie in seine Pläne einzubeziehen. Es war ein altbekannter Kummer für Tess. Sinjon Fonteneau war kein Mann, der Gefühle zeigte, das war ihm zuwider. Er liebte seine Tochter, ja, aber Lob kam nicht leicht über seine Lippen. Tess verstand das, doch Verstehen und Akzeptieren sind zweierlei Paar Schuhe, und Tess versuchte eindeutig noch immer, ihrem Vater zu gefallen, ihm das deutliche Eingeständnis abzuringen, dass er stolz auf seine Tochter war.

Sie trug Renés Hose. Weil es in Männerkleidung bequemer war, Zimmereinrichtungen zu zerstören? Oder einfach nur, weil sie diese Kleidung inzwischen bevorzugte? Was zum Teufel war in den vergangenen vier Jahren hier geschehen?

Die Vertrautheit mit dem unterirdischen Zimmer dank früherer Besuche erleichterte Jack den Weg, und immer wieder senkte er den Kerzenleuchter und zündete rechts und links dicke Kerzen an, die den kühlen, nach Moder riechenden Raum erhellten.

„Verdammt“, stieß er hervor, als er sich einmal um die eigene Achse drehte und feststellte, dass etwas Wesentliches fehlte.

Er hörte das Geräusch von Tess’ Stiefeln auf der Steintreppe und bemühte sich rasch um einen normalen Gesichtsausdruck, als sie zu ihm in den Raum trat.

„Ich habe mich oft gefragt, wo er das alles …“, begann sie, brach den Satz jedoch ab. „Hat René davon gewusst?“

Jack nickte, wollte nicht darüber reden, dass Tess’ Zwillingsbruder in das Geheimnis seines Vaters eingeweiht gewesen war, sie jedoch nicht. Damals nicht und auch nicht nach Renés Tod. „Er hat alles behalten“, sagte er, in Gedanken immer noch mit der Inventur beschäftigt. „Die Verkleidungen, die Tiegel mit Farbe und Puder, die Perücken.“ Er griff nach der grobschlächtigen hölzernen Krücke, die an einem der Tische lehnte. „Ich weiß noch, wie er diese benutzt hat. Er hatte sogar sein Bein unter dem Mantel hochgebunden, um in seiner Rolle des verkrüppelten Veteranen glaubwürdig zu sein. Der französische Leutnant hat ihm doch tatsächlich einen Sou in die Hand gedrückt, bevor Sinjon ihm die Kehle durchschnitt. Und das alles, während er auf einem Bein balancierte. Ich hatte Einwände gegen diese Verkleidung, gab zu bedenken, dass ein einbeiniger Mann angreifbar sei. Ich hätte es besser wissen müssen.“

„Er hat nur getötet, wenn es unumgänglich war“, sagte Tess mit Nachdruck, unerschütterlich im Glauben an die hehren Motive ihres Vaters. „Er tut nur, was notwendig ist. Immer.“

Jack stellte die Krücke zurück und wandte sich Tess zu. „Ja, natürlich, der heilige Marquis de Fontaine. Und was ist jetzt so notwendig für ihn, Tess? Der Krieg ist zu Ende, er ist für seine Dienste an der Krone belohnt und in ein Leben in Frieden und Sicherheit entlassen worden. Das ist alles, was er wollte, nicht wahr, alles, was er nach seinen eigenen Worten je für euch alle gewollt hatte?“

„Für uns beide“, berichtigte sie Jack, ging hinüber zu dem großen Schreibtisch und öffnete die Schublade in der Mitte. „Im Grunde hat er sich immer gewünscht, dass René nicht so wird wie er.“

„In Ordnung, Tess, tun wir’s jetzt, bringen wir es hinter uns“, sagte Jack, trat zu ihr und knallte die Schublade zu. „Dein Bruder war jung und dumm. Und im Irrtum. Sinjon hat mich nie dem eigenen Sohn vorgezogen. René brauchte in jener Nacht nichts zu beweisen. Überhaupt nichts.“

Tess’ Augen funkelten im Kerzenschein. „Er musste alles beweisen. Unserem Vater – und dir. Er hat dich verehrt. Er wollte nichts mehr, als so zu sein wie du. Wie der ach so mutige und kluge Jack. Siehst du, René, wie Jack das macht. Beobachte und lerne, René, Jack wird dir zeigen, wie man es macht. Jack, der so furchtlos in ein Wespennest sticht. Jack, durch und durch stahlhart, mit dem Verstand eines Teufels und dem Geschick einer ganzen Armee. Beobachte ihn, auch wenn du nie darauf hoffen kannst, es ihm gleichzutun. Einen wie ihn gibt es nur einmal im Leben. Furchtlos.

„Herrgott“, rief Jack und umrundete den Schreibtisch, sodass das Möbelstück jetzt zwischen ihnen stand. „Weil mir alles gleichgültig war. Weil es mir egal war, ob ich starb.“ Bis du kamst, fügte er im Stillen hinzu.

„Aber dann warst es nicht du, der starb, oder, Jack?“

„Und glaubst du, du bist die Einzige, die seinen Verlust betrauert? René war mein Freund.“

„Nein, er war nie dein Freund. Du hast keine Freunde, dafür sorgst du schon. Ich kannte ihn besser als jeder andere. René war für Bücher und Schönheit geschaffen, nicht dazu bestimmt, in dieser Gasse in Whitechapel zu verbluten.“ Tess unterdrückte ein Schluchzen. „Ich, Jack. Ich hätte dort sein sollen.“

„Um an seiner Stelle zu sterben?“, fragte Jack mit harter, kalter Stimme.

„Keiner von euch wäre in dieser Gasse gewesen, wenn ihr den ursprünglichen Plan nicht über Bord geworfen hättet, den mein Vater und ich entworfen hatten, verdammt, und du weißt es! René wäre nie in Gefahr geraten. Wir alle wussten, dass er viel zu versessen darauf war, dir und Papa zu gefallen, zu versessen, um an seine mangelnde Geschicklichkeit zu denken, wenn sich die Gelegenheit ergab, uns … uns …“

„Wenn sich die Gelegenheit ergab, uns zu beeindrucken? Bist du endlich bereit, das einzugestehen, Tess? Sinjon auch? Oder muss ich immer noch alle Schuld auf mich nehmen?“

„Du hast Papa überredet, den Plan zu ändern, mich herauszuhalten.“

Jack spürte, dass er im Begriff war, ernsthaft wütend zu werden. Er hatte Tess nie an ihren Missionen beteiligen wollen, Sinjon hatte entschieden, seine eigenen Kinder zu benutzen, es war Sinjons Fehler gewesen. „Weil ich dich liebte!“, brüllte er beinahe, und die Steinwände warfen seine Worte zurück. „Weil ich den Gedanken, dich zu verlieren, nicht ertragen konnte.“ Er riss sich wieder zusammen, wenn auch mit Mühe, und schloss ruhig: „Und verloren habe ich dich trotzdem.“

Tess sagte nichts. Das Schweigen lastete schwer, verwandelte den Abstand zwischen ihnen in einen gähnenden Abgrund, der sich über die verstrichenen Jahre erstreckte.

„Wo immer er sein mag, er ist gut bewaffnet“, sagte Jack schließlich mit einem Blick auf den Schrank mit den Glastüren. Der Waffenschrank war das Erste gewesen, was Jack in Augenschein genommen hatte, als er den Raum betreten hatte, denn er wusste, was dieser ihm verraten würde. Ein Mann schleppte nicht ein Dutzend Waffen in den Wald, wenn er lediglich im Sinn hatte, sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. Sinjon plante zweifellos irgendein Blutvergießen, als er sich aus dem Staub gemacht hatte, aber keinen Selbstmord.

Er hörte, wie die Schublade erneut geöffnet wurde. „Ich wundere mich bloß …“, sagte Tess, die offenbar genauso wie er das schmerzliche Thema beenden wollte. „Der Suchende war seit mehreren Jahren nicht mehr in England aktiv, seit … seit René nicht mehr. Warum mag er die hier aufbewahrt haben?“

Jack ging zurück an den Schreibtisch und griff nach der Visitenkarte, die Tess ihm reichte.

„Billige Theatralik“, sagte er kalt und betrachtete die Karte aus schwerem, schwarzem Papier, in deren Mitte ein goldenes Auge mit blutroter Pupille geprägt war. Er reichte sie Tess zurück. „Darüber war ich mit Sinjon nie einer Meinung.“

„Papa sagt, in Regierungskreisen glaubt man, der Mann sei ein Roma, und das Auge sei das Symbol, das er verwendet. Deswegen trägt er diesen Namen. Der Suchende. Als ob er mit seinen Taten ein höheres Ziel verfolgt.“

Jack schüttelte den Kopf. Als Sohn einer Schauspielerin glaubte er, den Hang ins Melodramatische auf Anhieb erkennen zu können. „Sein Ziel ist es, seine Taschen zu füllen, immer schon. Er arbeitet für die Franzosen, er arbeitet für jeden, der ihn bezahlt, gleich, welcher Gesinnung. Wer auch immer er ist oder einmal war, jetzt ist er ein Dieb und ein Mörder, und indem er am Tatort diese Karten hinterlegt, macht er sich über diejenigen lustig, die ihn schnappen wollen. Er ist ein Schauspieler, der eine Rolle spielt, und wir, die ihn verfolgen, sind sein Publikum. Jedes Mal, wenn er mal wieder seine Karte bei einer Leiche hinterlässt, auf einem Polster, auf dem vormals irgendein Schatz gebettet war, verbeugt er sich. Wir hatten ihn tatsächlich schon tot geglaubt. Doch vor gut einem Monat haben wir im British Museum solch eine Karte gefunden, nachdem mehrere sehr gute Stücke von dort gestohlen worden waren.“

Tess sah ihn lange an. „Er ist also zurück. Und du jagst ihn, stimmt’s? Wegen René. Wegen … wegen allem.“ Ihre Augen weiteten sich. „Du … du glaubst doch nicht …?“

„Ich weiß es nicht, Tess. Er müsste verrückt sein, wenn er versuchen sollte, ihn auf eigene Faust aufzuspüren. Hat er oft von dem Suchenden gesprochen?“

Sie setzte sich auf einen Stuhl, schloss und öffnete immer wieder die langen Finger um die Enden der Armlehnen. Sie war nervös, ein unruhiges Füllen, bereit, jeden Moment durchzugehen. Warum? Sie hätte alles durchsuchen sollen, es war wichtig für sie zu erfahren, was sich hier unten alles verbarg. Lag es an Jack? War es so schwierig, sich mit ihm in einem Raum aufzuhalten?“

„Nie. Seit Renés Tod nicht mehr. Da war alles vorbei, wie du gesagt hast. Mama war immer noch tot, daran hatten all die seit zwanzig Jahren ausgeübten Racheakte nichts geändert. Er erhielt eine kleine Pension und bekam zu hören, dass seine Dienste nicht mehr benötigt wurden. Trotzdem hat er mir alles Mögliche beigebracht, obwohl er mir augenscheinlich nie vertraut hat, nicht, wenn er mir die Existenz dieses Raumes vorenthalten hat.“ Sie blickte zu Jack. „Aber das weißt du ja. Seit Renés Tod war er nicht mehr derselbe. Seit du gegangen bist. Plötzlich war er alt und geschlagen.“

„Ich hatte keinen Grund zu bleiben, das hast du deutlich klargemacht. Und daran hat sich offenbar auch nichts geändert.“

„Für dich nicht, bestimmt nicht. Du arbeitest immer noch für die Krone, tanzt nach ihrer Pfeife. Was uns zurück zum Anlass deines Hierseins bringt. Du hast gesagt, Papa hätte durch sein Verschwinden dafür gesorgt, dass du hergekommen bist. Ich glaube, ich weiß, was die Krone von dir verlangen würde, wenn du ihn gefunden hast. Aber was will Papa von dir?“

„Wenn ich ihn finde, werde ich ihn ganz bestimmt danach fragen“, sagte Jack kurz angebunden. Plötzlich hatte er das Bedürfnis, den Raum zu verlassen, an die frische Luft zu gehen, fort von Tess und ihren scharfsinnigen Fragen.

„Ich werde dir nicht helfen, das ist dir hoffentlich klar! Ich bin nicht dumm. Ich weiß, dass ich dich nicht aufhalten kann. Aber helfen werde ich dir nicht.“ Sie stand auf. „Mit anderen Worten, Jack – für uns endet es hier. Ich habe deinen Taschenspielertrick mit dem Schrank gesehen und danke dir dafür. Doch jetzt fordere ich dich auf zu gehen. Du bist in diesem Haus nicht willkommen.“

Er sah sie an, wie sie da stand. Prachtvoll. Voller Angst, die sie aber so gut im Griff hatte, dass jemand, der sie nicht so gut kannte wie er, nicht bemerkt hätte, wie aufgewühlt sie war. Er begehrte sie so sehr, dass es wehtat.

Als sie an ihm vorbeirauschen wollte, packte er ihr Handgelenk und zog sie zu sich herum, sodass sie im flackernden Kerzenschein Brust an Brust vor ihm stand. Sie hob das Kinn, blickte ihn voller Trotz an, wich nicht zurück, wehrte sich nicht gegen ihn, zuckte nicht mit der Wimper.

Er wollte, dass sie mit der Wimper zuckte.

„Ich kenne diesen Raum, Tess. Wenn du glaubst, es gebe nur einen Eingang, täuschst du dich gewaltig. Ich kenne jeden Winkel in diesem Haus, was bei dir eindeutig nicht der Fall ist. Wenn ich hier sein will, werde ich hier sein, wann immer es mir passt. Und nehmen, was ich will.“

Er beugte sich vor und küsste sie, presste sie hart an sich, indem er ihren Hinterkopf umfasste, und hielt sie fest, während er die Zunge zwischen ihre Lippen drängte und ein Bein zwischen ihre Schenkel schob. Vier Jahre der Sehnsucht, des Verlangens, der aufgestauten Enttäuschung verbanden sich in diesem Kuss; in diesem Moment war es Jack unmöglich, seine Gefühle länger zu beherrschen.

Tess strich mit der freien Hand an seinem Arm hinauf bis zu seiner Schulter, ließ sie dort mit sanftem Druck verweilen, während ihr das Herz bis zum Halse schlug. Diesen einen Augenblick schenkte sie ihm. In diesem Augenblick ließ sie ihn an sich heran. Einen Augenblick lang standen sie wieder in Flammen.

Und dann war der Augenblick vorüber. Sie hob die Hand, stieß ihn von sich, während ihr Knie flink hinaufschnellte. Seine Knie gaben nach, er ließ Tess los, und sie war fort, ließ ihn zurück, wo er war. Er krümmte sich, stützte die Hände auf die Schenkel und zwang sich, bei Bewusstsein zu bleiben und sich nicht zu übergeben.

„Das habe ich ihr beigebracht“, stieß Jack Blackthorn schließlich hervor, die Worte an die gleichgültigen Steinwände gerichtet. Und dann, unglaublich, lächelte er. „Herrgott, habe ich in den letzten vier Jahren überhaupt gelebt?“

Er blickte auf die gegenüberliegende Wand, ging darauf zu und streckte die Hand aus, um einen bestimmten Stein zu berühren. Es war Zeit zu erfahren, was Sinjon wohl sonst noch plante, was sonst noch fehlen mochte.

2. KAPITEL

Tess ging nicht dorthin, wohin es sie am stärksten zog, weil Jack ihr womöglich folgen würde. Das konnte sie nicht riskieren. Was nicht hieß, dass sie irgendwo in Sicherheit gewesen wäre.

Er hatte gesagt, das Geheimzimmer ihres Vaters habe mehr als nur einen Eingang. Doch selbst wenn es ihr gelingen sollte, den anderen Eingang irgendwo im Keller oder jenseits der Mauern des Herrenhauses zu finden und zu verschließen, würde es ihr nichts nützen.

Jack hatte recht. Er kannte das Haus besser als sie, die hier aufgewachsen war. Er kannte ihren Vater besser als sie.

So wie er sie geküsst hatte, kannte er vielleicht sogar sie besser als sie sich selbst. Denn nur noch ein Herzschlag hatte sie von der Kapitulation getrennt, davon, an seinen Kleidern zu zerren, ihn zu beißen, ihn zu drängen, sie auf die Schreibtischplatte niederzuzwingen, während sie die Beine um seine Hüften schlang, er die Leere in ihrem Inneren füllte, und sie von ihm nahm und nahm und nahm …

Sie hörte Jacks Stiefelschritte auf den Steinstufen und lief rasch aus dem Arbeitszimmer in den Flur, aber nur, um sich dort rücklings an die Wand zu pressen, außer Sicht, aber nicht außer Hörweite. Wenn er den Raum jetzt durchsuchen wollte, könnte sie ihn ohnehin nicht aufhalten. Doch das bedeutete nicht, dass sie sich einfach zurückziehen und sich ihrer Strickarbeit widmen würde, oder was immer sie auch getan hätte, wenn sie zu einer anderen Zeit und in einer anderen Familie geboren worden und in einer anderen, weniger gefährlichen Welt zur Frau herangewachsen wäre.

Doch obwohl Jack das Arbeitszimmer nicht sofort verließ, blieb es dort still, während sie Wache stand. Falls er den Raum durchkämmte, ging er mit einer Umsicht vor, die unter anderen Umständen bewundernswert gewesen wäre.

Es war zum Verrücktwerden! Was trieb er da drinnen? Gab es noch mehr geheime Orte, von denen ihr Vater ihr nichts erzählt hatte? Sie hätte gern um den Türpfosten herum gespäht, um zu sehen, was Jack tat. Herzlich gern. Doch das wäre einem weiteren Eingeständnis gleichgekommen, dass ihr Vater ihr seine Geheimnisse nicht anvertraut hatte und sie Jacks Hilfe benötigte. Zum Teufel mit ihm. Zum Teufel mit beiden.

„Buh!“

Tess erschrak beinahe zu Tode, als Jacks Kopf und Schultern in der Türöffnung auftauchten. „Das ist nicht komisch“, brachte sie hervor und rang nach Luft.

„Und du solltest dieses wunderbare Parfüm nicht tragen, wenn du nicht willst, dass man dich bemerkt“, riet er ihr und trat hinaus in den Flur. „Lass ein Zimmer für mich richten. Mein altes Zimmer … Es sei denn, du willst deines mit mir teilen? Ich bin ziemlich sicher, dass ich mich dazu überreden lassen könnte, wenn du mich hübsch bittest.“

„Fahr zur Hölle, du Bastard“, schrie sie ihm nach, während er sich entfernte. Sie wollte ihn verletzen, wusste sie doch, womit sie ihn am meisten treffen konnte.

Sein selbstsicherer Schritt stockte nicht, und dann war Jack fort.

Tess kehrte zurück ins Arbeitszimmer ihres Vaters, ließ sich in seinen Schreibtischsessel sinken und stützte den Kopf in die Hände.

Was sollte sie tun? Eine Woche lang – eine ganze Woche lang! – hatte sie versucht, irgendeinen Hinweis auf den Verbleib ihres Vaters zu finden, hatte sich das Hirn zermartert, um sich an Gespräche mit ihm zu erinnern, in der Hoffnung, sich auf etwas zu besinnen, das ihr begreiflich machte, warum er gegangen war, wohin er gegangen war und was er dort vorhatte.

Aber nichts. Hätten nicht einige Kleidungsstücke aus seinem Schrank gefehlt, hätte sie angenommen, er sei hinaus in den Wald gewandert und habe sich verirrt oder liege irgendwo mit einem gebrochenem Knöchel oder Schlimmerem. In letzter Zeit hatte er immer öfter lange Spaziergänge unternommen, war für ganze Nachmittage verschwunden gewesen.

Anfangs hatte sie sich tatsächlich eingeredet, er sei ins Dorf gegangen und habe die Zeit vergessen. Die halbe Nacht hindurch hatte sie die Umgebung abgesucht, bevor ihr in den Sinn gekommen war, dass er einfach fortgegangen war. Abgereist war. Ohne ein Wort. Und ohne genug Barmittel zurückgelassen zu haben, damit sie bis zum Ende des Quartals und der Auszahlung seiner Pension über die Runden kam.

Er wusste, dass ich kommen würde.

Jack hatte recht. Ihr Vater musste wissen, dass er immer noch überwacht wurde. Die Krone hatte dem Franzosen nie so recht getraut, obwohl er sich ihr immer wieder als unbezahlbar erwiesen hatte. Er musste wissen, dass die Krone es rasch erfahren würde, wenn er sich aus dem Staub machte. Er musste wissen, dass der Mann, der ihn am besten kannte, mit der Suche nach ihrem verlorenen Söldner beauftragt werden würde.

Aber sie solch einer Situation auszusetzen? Wie konnte ihr Vater ihr etwas so Grausames antun? Ihm war klar, wie sie zu Jack und zu allem anderen stand. Gab nicht auch er weitestgehend Jack die Schuld an Renés Tod?

„Papa hat ihn ausgebildet. Er weiß, was Jack leisten kann. Er braucht ihn für irgendetwas, doch sein Stolz verbietet ihm, um Hilfe zu bitten. So wird es sein. Er vertraut darauf, dass Jack ihn findet und ihm dann hilft. Was zählt schon sein eigen Fleisch und Blut, wenn es doch um seine Mission geht? Letztendlich sind wir alle Schachfiguren und waren nie etwas anderes. Für Papa war im Grunde niemand von Bedeutung, nach Mama nicht mehr. Wann werde ich das je akzeptieren?“ Tess stand kurz vorm Platzen, als sie die Schreibtischschubladen mindestens zum zehnten Mal öffnete und wieder zuknallte, irgendwie immer noch in der Hoffnung, auf etwas zu stoßen, das sie bei den vorangegangenen neun Durchsuchungen übersehen hatte.

Stattdessen entdeckte sie in der Schublade in der Mitte eine leere Stelle, an der in ihrer Erinnerung etwas gelegen hatte. Sie schob den Sessel zurück und blickte zu Boden, für den Fall, dass bei ihrem letzten wütenden Vorstoß in die Schubladen etwas herausgefallen war … Aber nein, da war nichts.

Noch einmal betrachtete sie die leere Stelle. Was war es? Was fehlte da? Sie schloss ganz fest die Augen, zwang sich, ruhig zu atmen, sich zu konzentrieren. Vor ihrem inneren Auge ließ sie den Inhalt der Schublade Revue passieren. Das Buch mit den Tageseinnahmen. Ein Messerchen zum Putzen von Federn. Siegelwachs. Der Totenring, gefertigt, nachdem René gestorben war, den Papa in den vergangenen Monaten nicht mehr hatte tragen können, weil seine Finger durch Alter und harte Arbeit immer knotiger geworden waren.

Die Zeitung. Das war’s, eine zusammengefaltete Ausgabe der London Times. Sie war fort. Warum mochte Jack sie an sich genommen haben, eine Zeitung, die älter als einen Monat war?

Einen Monat?

Doch vor gut einem Monat haben wir im British Museum solch eine Karte gefunden, nachdem mehrere sehr gute Stücke von dort gestohlen worden waren.

Das war’s. Das musste es sein! Die Zeitung hatte einen Artikel über den Raub enthalten. Tess hatte den Bericht nicht gelesen. Der Raub ging auf die Kappe des Suchenden? Ja, das hatte Jack gesagt. Vermutlich ärgerte er sich darüber, etwas über den Fall preisgegeben zu haben, und wollte seinen Patzer vertuschen, indem er die Zeitung verschwinden ließ, bevor Tess den Artikel las und eigene Schlussfolgerungen anstellte.

Sein Fehler. Sie hatte den Großteil der Einrichtung dieses Raums bei ihrer letzten Durchsuchung zertrümmert, was ihn wohl hatte glauben lassen, sie sei nachlässig und unfähig. Eine Amateurin, wie er sie vermutlich am liebsten sehen wollte, und sei es nur, um sein Gewissen zu beschwichtigen. Doch trotz ihrer wachsenden Enttäuschung hatte sie alles sorgfältig in ihrem Gedächtnis gespeichert: was es war, wo es sich befand, so wie sie es gelernt hatte.

Wurde in dem Artikel eine schwarze Visitenkarte mit der Prägung eines goldenen Auges mit roter Pupille erwähnt? Wahrscheinlich; warum hätte ihr Vater die Zeitung sonst aufbewahrt?

Sie hörte Schritte und schloss hastig die Schublade.

„Mylady? Sie werden oben verlangt.“

Tess lächelte ihr altes Kindermädchen an und wechselte problemlos in die französische Sprache. Die Frau hatte zwar in ihren zwei Jahrzehnten auf dieser feuchten Insel widerwillig so viel Englisch gelernt, dass sie zurechtkam, doch sie fand die Sprache abscheulich und „ohne Musik“ und weigerte sich, sie zu sprechen, wann immer sie konnte. „Ja, danke, Emilie, das kann ich mir vorstellen.“

„Aber nicht in den Hosen, die der Marquis Ihnen dummerweise zu tragen gestattet, wenn Sie diesen Satansbraten reiten, den Sie bevorzugen. Master Jack hat keinen Bedarf an derart schamlosen Auftritten.“

„Was Master Jack betrifft, ist es viel zu spät für jeglichen Anstand, Emilie“, wandte Tess ein, erhob sich und fühlte sich plötzlich uralt, Jahrzehnte älter als ihre fünfundzwanzig Jahre. „Würdest du Arnette anweisen, mir in einer Stunde ein Bad einzulassen und das weiße Moiréseidenkleid herauszulegen? Ich glaube, Master Jack wird mir beim Abendessen Gesellschaft leisten.“

„Das weiße, Mylady? Das haben Sie seit Jahren nicht angehabt. Es wird aufgefrischt werden müssen.“ Emilies verhärmtes Gesicht verzog sich zu einem wissenden Lächeln. „Ah, jetzt verstehe ich. So, wie Sie meinen, dass er sich an Sie erinnert. Es wird gemacht, wie Sie wünschen.“

„Ja, danke, Emilie.“ Tess setzte sich wieder, als die Dienerin gegangen war und die Erinnerung an das letzte Mal, als sie dieses Kleid getragen hatte, sie überrollte.

Schau dich nur an. So wunderschön. Du bist hell, ich bin dunkel, du bist der gesegnete Tag, ich bin die einsame Nacht. Ich liebe dich, Tess. Gott steh mir bei, ich liebe dich. Lass mich dich lieben …

Tess schloss die Augen und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Sie spürte, wie Jacks heißer, hungriger Blick über die leeren Jahre hinweg nach ihr griff, blühte wieder auf in der Erinnerung an seine Zärtlichkeiten, mit denen er sie den Himmel auf Erden hatte erleben lassen. Immer noch kostete sie den Schrecken und die Erregung in ihrem Inneren aus, als das weiße Seidengewand raschelnd an ihrem Körper herabgeglitten war und sich um ihre Füße gebauscht hatte, bevor Jack sie hochgehoben, zum Bett getragen und sich zu ihr auf die kühle Seidendecke gelegt hatte.

Was dann folgte, war ein Rausch der Sinne, eine so präzise, intime Anleitung, dass kein Zweifel übrig blieb, warum Gott sie so geschaffen hatte, wie sie war, und Jack so, wie er war, und zu welchem Zweck sie zusammengeführt worden waren.

Er hatte sie gelehrt, ihren Körper zu verstehen, und sie dann ermutigt, seinen zu erforschen. Sie hatten sich gestreichelt, voneinander gekostet. Er hatte sie hingebungsvoll verwöhnt, mit dem Mund, mit geschickten, zärtlichen Händen, er hatte ihre Hand genommen und sie mit den Freuden ihres Körpers vertraut gemacht.

Gemeinsam fanden sie genau den richtigen Rhythmus, der sie schmelzen ließ, der ihrer Kehle leises Gewisper und Flüstern entlockte, der sie so gut auf ihn vorbereitete, dass sie den Schmerz überhaupt nicht spürte, der kam und augenblicklich wieder ging. Von Lust überwältigt hob sie ihm die Hüfte entgegen, sehnte sich nach Erfüllung, bis ein atemberaubender Höhepunkt sie von der süßen Qual erlöste.

Jetzt legte Tess die Hand auf die Brust und spürte ihren rasenden Herzschlag. Sie ließ die andere Hand in ihren Schritt gleiten, um sie dort gegen das wachsende Drängen zu pressen, gegen das Sehnen, das sie zu vernichten drohte. Erlösung, diese süße, süße Explosion. Sie brauchte sie, verlangte nach ihr, wusste, wie sie vorübergehend in der Dunkelheit einer einsamen Nacht Erfüllung fand, wenn die Erinnerungen und der Hunger unerträglich wurden. Doch sie wusste nicht, wie sie das allumfassende Gefühl herstellen konnte, das sowohl ihr Verlangen befriedigte als auch ihrer Seele Frieden brachte. Hatte es im Lauf der langen Jahre nicht gewusst, wusste es jetzt nicht. Das konnte nur Jack erreichen.

Doch sie brauchte mehr als diese vorübergehende Erfüllung, sie brauchte Jack mit Haut und Haaren. Aber damals war er nicht dazu bereit gewesen, sich ihr ganz hinzugeben, und würde es vermutlich auch heute nicht sein. Sie musste für jemanden an erster Stelle stehen. Vor der Krone, vor der Pflicht, vor der Rache oder dem Hass oder des Kitzels des Kampfes. Sie brauchte einen Mann, der nicht fortging, nicht einmal, wenn sie es verlangte.

Nicht noch einmal, nie wieder. Sie hatten einander einmal vernichtet, und einmal war mehr als genug. Jetzt war sie eine Frau mit Verantwortung und hatte keine Kraft mehr, sich damit aufzuhalten, was hätte sein können. Sie wusste, dass ihr Arsenal, wenn es um Jack ging, nur über wenige Waffen verfügte. Doch dieses Gewand würde ihr genauso dienlich sein wie eine Rüstung aus Eisen. Jack würde sich erinnern, wie sie selbst sich erinnerte, und er war nicht der Mensch, der wissentlich den gleichen Fehler zweimal machte.

Verärgert über ihre vorübergehende Schwäche stand sie auf und verließ das Zimmer. Sie hatte noch viel zu regeln.

Jack ließ sich im Separee des Castle Inn im Sessel nieder und nickte Will und Dickie zu, als Letzterer aus einer Karaffe ein Glas Wein einschenkte und es Jack über die Tischplatte hinweg zuschob.

„Heute was erfahren?“, fragte Will, spießte mit seinem Dolch ein Stückchen Käse auf und steckte es sich in den Mund.

„Ja. Du hast manchmal abscheuliche Tischmanieren.“ Jack trank einen Schluck Wein. Zuerst wollte er hören, was sie herausgefunden hatten, während er im Herrenhaus gewesen war. „Dickie?“

„Ganz deiner Meinung, aber so kennen wir unseren Freund“, sagte Dickie Carstairs und grinste Will an. „Ach so, du willst wissen, was wir aufgespürt haben, stimmt’s? Na gut. Dein Ziehvater hat diesen verfluchten Ort vor acht Tagen in einer Kutsche auf dem Weg nach Norden verlassen. Er hatte einen ziemlich großen Koffer bei sich, den er erst am selben Vormittag gekauft hatte, und einen ziemlich sperrigen Kleidersack, den er nicht im Kofferraum unterbringen, sondern in der Kutsche mitnehmen wollte. Obwohl er hier weithin bekannt ist, wussten die Tölpel, mit denen ich gesprochen habe, nicht, dass es der Marquis war, der in die Kutsche stieg.“

„Wieso nicht?“, fragte Jack, und sei es nur, um Dick zum Weiterreden zu animieren. Jack wusste längst, in welche Richtung diese Geschichte führte. War es doch schließlich Teil seiner Ausbildung gewesen, vor den Augen der Dorfbewohner, in deren Mitte er ein Jahr lang gelebt hatte, unbemerkt seiner Wege zu gehen.

„Ach, so. Tja, nun, der Passagier, den sie gesehen haben, hatte ihrer Beschreibung nach das Erscheinungsbild eines Geistlichen. Wie einer von diesen sonderbaren, welschen Kanzelschreiern, weißt du? In Röcken, ein geknotetes Seil mit einem großen schweren Kreuz daran um die Taille, einem Hut, so flach wie ein Teller über die Kapuze auf seinem Kopf gestülpt. Er hat versucht, jedem, der ihm zu nahe kam, seinen Segen zu spenden, und die guten Mitbürger hielten lieber den Blick gesenkt, wenn sie ihm begegneten, bemüht, nicht seine Aufmerksamkeit zu erregen. Das war natürlich eine Kostümierung.“

„Und zwar eine gute, wenn er sich im Dorf bewegen konnte, ohne erkannt zu werden“, sagte Jack und nickte. Die Mönchsverkleidung fehlte unter anderem im Geheimzimmer. „Weiter.“

Jack betrachtete sein Weinglas, während Dickie fortfuhr und erklärte, dass der Fremde zwei Wochen zuvor in ebendiesem Gasthaus ein Einzelzimmer gemietet hatte und unregelmäßig auf- und untergetaucht war, wahrscheinlich umtriebig mit der Rettung von Seelen beschäftigt. Aber er hatte sich immer freizügig mit Trinkgeldern gezeigt, da er verlangt hatte, dass seine Privatsphäre geachtet werde. Er hatte behauptet, er wolle nicht beim Beten gestört werden. Vielleicht hatte er in seinem Bett geschlafen, vielleicht auch nicht, das konnte niemand mit Sicherheit sagen. Insgesamt hatte er sich ruhig verhalten und keinen Ärger gemacht, war gekommen und gegangen und hatte jedes Mal etwas mit sich geschleppt, nämlich den bereits erwähnten Kleidersack.

„Nach und nach hat er alles, was er benötigte, in dem Kleidersack und unter seiner Mönchskutte aus dem Herrenhaus geholt“, schloss Dickie folgerichtig. „Er durfte sich dort nicht mit einem Reisekoffer blicken lassen, um keinen Verdacht zu erregen. Deshalb hat er es Stück für Stück und heimlich erledigt. Und kein Mensch hat Verdacht geschöpft. Sehr schlau.“

Will spießte noch ein Käsehäppchen auf. „So schlau, dass er, nachdem er alles beisammen hatte, ins nächste Dorf fuhr, einen Wagen für sein Gepäck mietete und dann in westliche Richtung aufbrach. Anschließend wird von einer alten Dame auf einem Bauernwagen berichtet, die auf dem Weg ins nächste Dorf war, um in der Königlichen Postkutsche in Richtung Süden weiterzureisen. Ihr Reisekoffer war aufs Dach geschnallt, ein großer Tuchsack stand neben ihr auf dem Sitz, für den wiederum extra bezahlt werden musste. Deswegen erinnerte man sich an ihn. Er will nach London, Jack. Er ist in London.“

„Da könnte er sich genauso gut auf der anderen Seite des Mondes aufhalten, wenn wir ihn in der Stadt aufstöbern wollen. Er könnte Gott weiß wo sein. Und Gott weiß wer.“ Dickie hob sein Weinglas. „Und er führt eindeutig Böses im Schilde. Liverpool wird’s nicht gefallen, wenn wir ihm sagen, dass wir seine Spur verloren haben.“

„Wir haben seine Spur nicht verloren“, berichtigte Jack ihn. „Wir haben ihn nur noch nicht gefunden. Wir wussten bereits, dass ein Mann wie Sinjon uns die Arbeit nicht leicht machen würde. Tess sagt, sie weiß nichts. Und aufgrund der Art und Weise, wie er sich nach und nach aus dem Herrenhaus davongemacht hat, neige ich dazu, ihr zu glauben.“

Will stand auf. Der Dolch war bereits wieder in seinem Stiefel verschwunden. „Nun denn, auf nach London. Ich war nicht sehr glücklich bei der Vorstellung, die Nacht an diesem einsamen Fleckchen Erde verbringen zu müssen, nicht wenn uns die Freuden der Saison und Dutzende von Einladungen in Mayfair erwarten. Nur dich nicht, Jack. Entschuldige vielmals.“

„Schon geschehen“, sagte Jack und erhob sich ebenfalls. „Bastarde sind eben in der vornehmen Gesellschaft nicht immer willkommen. Ich reite jedoch nicht mit euch. In zwei Tagen treffen wir uns in der Half Moon Street. Achtet auf das übliche Signal, das meine Anwesenheit anzeigt.“

„Weißt du, manche Leute lassen einfach den Türklopfer wieder anbringen“, bemerkte Dickie. „Dieses umständlich Öffnen und Zuziehen von Vorhängen. Das kann einen schon verwirren.“

„Er tut seinen Aufenthalt nicht kund wie du, unser Black Jack doch nicht“, sagte Will und versetzte dem rundlichen Dickie einen leichten Schubs in Richtung Flur. „Willst du’s noch einmal mit der Tochter versuchen, Jack? Willst du zum Wohl der Krone mit ihr ins Bett gehen oder nur zum Spaß? Ganz gleich wie, schön für dich.“

„Verzeih, Jack“, entschuldigte Dickie sich für Will. „Er sieht ja ganz gut aus, aber nicht nur seine Tischmanieren sind abscheulich. Komm schon, Will, bevor Jack dir deine viel zu neugierige Nase blutig schlägt.“

Jack war einfach über Wills Bemerkungen hinweggegangen. Im Laufe seiner achtundzwanzig Jahre hatte er gelernt, so manches zu ignorieren, denn sonst wäre er die Hälfte seines Lebens damit beschäftigt gewesen, Leute niederzuschlagen. Er hatte sich bis zu seiner Volljährigkeit ohnehin so oft in Schwierigkeiten gebracht, dass er irgendwann die Aufmerksamkeit des Marquis de Fontaine auf sich gezogen hatte, der ihm ein anderes Ventil sowohl für seinen scharfen Verstand als auch für sein aggressives Wesen gezeigt hatte … was Jack wahrscheinlich das Leben gerettet hatte.

„Sinjons größtes Problem ist sein Geldmangel, was bedeutet, dass er sein Werkzeug mitbringen musste, um es nicht an seinem Zielort kaufen zu müssen. Außerdem ist er körperlich schwach, allerdings funktioniert sein Verstand noch immer ganz hervorragend. Dennoch muss ihm jemand geholfen haben, den Koffer zu tragen – er hat ihn ganz gewiss nicht allein quer durch London transportieren können. Gentlemen, das könnte unsere Spur sein. Inzwischen ist er wohl untergetaucht. Aber er wird uns nicht entkommen.“

„Gut und schön, Jack. Und wenn wir ihn finden, während du noch mit der Toch…“, Will berichtigte sich hastig, „– während du noch hier nach Hinweisen suchst? Schlagen wir zu oder warten wir auf dich? Mir wäre es sehr lieb, den Mann mit einer hübschen großen Schlaufe um den Hals in deinem Salon sitzen zu haben, wenn du kommst. An diesem Freitag findet Lady Seftons Ball statt, weißt du, und wie das so ist, habe ich verdammt noch mal schon die Hälfte der Saison verpasst. Zum Teufel mit Liverpool und seinem verschwundenen Marquis, sage ich. Man hat uns nach unserem letzten großartigen Erfolg eine Verschnaufpause versprochen.“

Jack war Wills Murren gewohnt und wusste, dass sein Freund eine körperliche Auseinandersetzung mehr schätzte als alles andere. Die Jagd war es, die ihn langweilte, das mühselige Zusammentragen der Hinweise, die schließlich zur Lösung des Falls führten, besonders wenn am Ende noch nicht einmal ein Kampf zu erwarten war. Einfach nur ein alter Mann, eingefangen und wieder in den Ruhestand versetzt oder problemlos in die Hölle befördert. Wo blieb dabei der Spaß?

„Findet ihn einfach, Gentlemen, oder wenigstens eine Spur von ihm, dann könnt ihr den Rest bedenkenlos mir überlassen“, sagte Jack, begleitete sie hinaus in den Hof des Gasthauses, wo sie ihre Pferde anforderten. „Immerhin schmachten doch die Damen nach euch.“

„Nur nach Will“, sagte Dickie mit einem Seufzer. „Für einen pummeligen Standesgenossen ohne einen Penny haben sie nicht viel übrig, fürchte sich.“

„Bleib einfach in meiner Nähe, Dickie, mein Freund. Ich überlasse dir meine Verflossenen“, scherzte Will.

Der Schlagabtausch setzte sich fort, bis die Pferde gesattelt und gebracht worden waren, und Jack blieb, wo er war, bis die Männer aufgesessen und zur Straße geritten waren.

Er hatte ihren Aufbruch kaum erwarten können, was er sie jedoch nicht merken ließ. In den vergangenen vier Jahren waren sie ein wahres Schurken-Quartett gewesen, doch jetzt waren sie traurigerweise nur noch ein Trio, mit Jack als Anführer. Anfangs war es gut gewesen. Will hatte sich damit zufriedengegeben, das Denken größtenteils Jack zu überlassen, da es ihn, wie Will selbst sagte, ermüdete. Doch in letzter Zeit spürte Jack eine zunehmende Unzufriedenheit mit dieser Regelung bei Will und ein aufkeimendes Bedürfnis nach Gewalttätigkeit infolge der Leere, die das Ende der Feinseligkeiten in Frankreich mit sich gebracht hatte.

Nach Henrys Tod war auch Jack immer rastloser geworden. Der Baron Henry Sutton war dem Status eines wahren Freundes so nahe gekommen, wie Jack es eben zuließ, und sein Tod hatte eine Lücke hinterlassen, die Jack nicht zu füllen gedachte. Für Henry war Jack nie der uneheliche Sohn des Marquess of Blackthorn gewesen; für ihn war er einfach ein Mann gewesen, gleichrangig mit jedem anderen Mann. Dickie war einigermaßen umgänglich, aber nicht der Typ, mit dem man bis zum Morgengrauen zusammensaß und über alles reden konnte, von Literatur über Religion bis zu der Frage nach dem Sinn des Lebens.

Henry wusste Einzelheiten über Jacks Jahre mit Sinjon, mit Tess, die kein anderer Mensch kannte. Jack fehlte diese Kameradschaft, dieses stille Einvernehmen, wenngleich er zu seiner Verwunderung kürzlich festgestellt hatte, dass Bande mit seinen Brüdern Beau und Puck bestanden, die er nie vermutet hätte.

Und jetzt Sinjon. Und Tess. Beide waren ohne Vorwarnung wieder in sein Leben getreten. Der Meister. Die Geliebte.

Jack fühlte sich unausgeglichen, verunsichert. Er fing an, über die Zukunft nachzudenken und sich zu fragen, was er aus seinem Leben gemacht hatte. Er hatte vorher keinen Gedanken an das Morgen verschwendet. Er hatte nur an das Hier und Jetzt gedacht. Alles andere war nebensächlich gewesen. Dadurch war er so gut in seinem Beruf.

Doch Beau war ihm nicht gleichgültig gewesen, und auch Puck nicht. Er hatte sich geschworen, aus dem Fehler, den er mit Tess begangen hatte, zu lernen und nie wieder Gefühle und Arbeit zu vermischen. Dennoch hatte er seine Brüder an sich herangelassen und einen von ihnen beinahe verloren. Henry hatte er verloren.

Es war an der Zeit, dass es vorbei war. Alles. Er war nicht mehr geeignet für diesen Beruf. Dickie liebte die Aufregung fast so sehr, wie er das Geld brauchte, das die Krone ihm für seine Dienste zahlte. Will genoss es vielleicht zu sehr, seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen – die flinke, scharfe Handhabung des Messers. Doch nachdem der Krieg zu Ende war, sah Jack seine kleine Schurkentruppe zunehmend als angeheuerte Mörderbande, die die Krone vor möglichen Peinlichkeiten bewahrte. Vor Peinlichkeiten wie Sinjon, der entschieden zu viel wusste, als dass Liverpool oder andere hohe Regierungsbeamte ruhig schlafen konnten, solange der Mann noch atmete.

Ja. Jack wollte aufhören, genauso wie Henry es gewollt hatte. Sie hatten oft über dieses Thema gesprochen und waren jedes Mal zu dem Schluss gekommen, dass man nicht einfach gehen konnte, wenn man, wie sie, einmal der Krone gehörte. Sinjon war das beste Beispiel dafür. Er war kaum mehr als ein Gefangener auf seinem kleinen Besitz gewesen; jede seiner Bewegungen wurde überwacht und gemeldet. Nichts weiter als ein alter Mann, gebrochen und nicht mehr nützlich, aber immerhin ein Marquis, ein Standesgenosse. Deshalb hatten sie ihn nicht getötet. Einem unehelichen Sohn gegenüber, kaum jemandem bekannt und gesellschaftlich von keiner Bedeutung, würde man nicht solche Zurückhaltung zeigen, falls er versuchte, sich zu befreien.

Und Jack war ziemlich sicher, dass er wusste, wen die Krone für diese Arbeit einsetzen würde, wenn die Zeit gekommen war. Er warf einen letzten Blick auf die inzwischen leere Straße und ging zurück ins Gasthaus, um noch ein Glas Wein zu trinken und für sich zu sein, nachzudenken.

3. KAPITEL

Tess schritt im Salon auf und ab und drehte ihr Weinglas zwischen den Fingern. Er verspätete sich. Jack verspätete sich nie. Er tat es absichtlich, verzögerte sein Kommen, strapazierte ihre Geduld, machte ihr klar, dass er ihr gegenüber in jeder Hinsicht im Vorteil war.

Was auch zutraf. Viel deutlicher, als er überhaupt ahnen konnte.

Sie hatte ihn nie vergessen, sah tagtäglich sein Gesicht vor sich; er war immer bei ihr.

Als er gegangen war, hatte sie geglaubt, es sei für immer. Jack Blackthorn katzbuckelte nicht, beugte sich nicht. Würde niemals bitten. Sie hatte ihm den Ring zurückgegeben, den sie an einem dünnen Kettchen um den Hals getragen hatte, verborgen vor den Augen ihres Vaters, um ihn dann durch das Medaillon mit den Miniaturen von Mutter und Bruder zu ersetzen. Sie hatte einen verlorenen Traum durch zwei verlorene Seelen ersetzt.

Er hatte den Ring heute getragen; sie hatte ihn am Zeigefinger seiner rechten Hand gesehen. Aus schwerem Gold, mit einem großen, flachen Onyx, in den ein B eingraviert war. Für Blackthorn. Für Bastard. Er hatte gesagt, er wisse nicht, für was der Buchstabe stand, da der Ring ein Geschenk von seiner Mutter war. Doch obwohl Tess ihn aufgefordert hatte, diese sonderbare Bemerkung näher zu erläutern, hatte er sie mit seinen Küssen abgelenkt und seine Mutter dann nie wieder erwähnt. Dafür war keine Zeit mehr geblieben.

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