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Der Halbmarathon-Mann

Rolf Bläsing

Der Halbmarathon-Mann

Roman

 

 

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Rimbach litt. Er hatte gut zehn Kilo zu viel mit auf die Strecke genommen und keine praktische Erfahrung mit dieser seltsamen Sportart, die »das Laufen« genannt wurde. Angestrengt versuchte er, genügend Luft in seine Lungen zu schaufeln. Schweiß brannte in seinen Augen und Schmerz in seinen Beinen, doch er lief weiter und schaffte es, das Tempo hoch zu halten, selbst dann noch, als er bereits knapp zweihundert Meter zurückgelegt hatte.

Er hätte Zweifel haben können an seiner körperlichen Verfassung, hätte sich fragen müssen, ob er die für ihn geeignete Sportart betrieb, sofern es die überhaupt gab, doch solche Fragen verboten sich von selbst. Dieser Lauf, und alle folgenden, war Teil eines Projekts, das er selbst ins Leben gerufen hatte. Das Projekt hieß »Conquest«, und sein Ziel war die Eroberung der begehrenswertesten Frau, die je seinen Weg gekreuzt hatte.

 

Eine Woche vorher saß er in einem Büro im dritten Stock der Konzernniederlassung, schaute hinaus auf den Brunnen und hatte noch keine Ahnung von dieser dramatischen Zuspitzung. Er hatte gerade, um erst mal reinzukommen in den Arbeitstag, ein paar »Standards« erledigt und einigen Benutzern neue Programme vom Server installiert. Die Fragen dazu würden nicht lange auf sich warten lassen, aber dazu war Rimbach ja unter anderem da. Support-Mitarbeiter, das hatte entfernt auch etwas mit Unterstützung zu tun. Danach hatte er einige Makros durchgetestet, die bald zur Anwendung kommen sollten, es ging dabei um Formulare, die für alle Mitarbeiter der Niederlassung zentral bereitgestellt wurden.

Die Niederlassung des Konzerns bestand aus drei fünfstöckigen Riegeln, die zusammen ein großes U bildeten. In dem mit Granit ausgelegten Innenhof befand sich ein Brunnen. Er war quadratisch, und aus seinen Ecken ragten etwa einen Meter lange, gebogene Rohre aus Edelstahl. Jedes Rohr spuckte im Wechsel je einen armdicken Strahl aus, der kurz darauf an der gegenüberliegenden Seite des Brunnenquadrats lautlos wieder eintauchte. Wasser, gezielt gelenkt. Das war genau so viel Natur, wie er zwischendurch brauchte.

Wenn Rimbach einen Auftrag erledigt hatte, dann schaute er oft auf den Brunnen, es erleichterte ihm das Umschalten auf ein neues Projekt und löschte unnütz gewordene Überlegungen und Daten aus seinem Arbeitsspeicher.

Sein Job hatte Vorteile. Er bestand hauptsächlich aus dem gutbezahlten Abarbeiten leicht lösbarer Aufträge; ganz angenehm, wenn man bereit war, zwischendurch bei größeren Projekten auch mal ein paar Wochen ohne Rücksicht auf längere Arbeitszeiten durchzuziehen.

Nebenbei fand er noch Zeit, ein bisschen im Konzern herumzulaufen und verzweifelten Anwendern bei kleineren Problemen mit dem Handling beizustehen. Das fiel ihm leichter als einigen seiner Kollegen, denn er hatte die richtige Einstellung dazu gefunden: Wenn man es als naturgegeben hinnahm, dass der gewöhnliche Anwender eine Änderung, und sei sie noch so unbedeutend, auf Anhieb weder begreifen noch akzeptieren würde, erleichterte das die Aufklärungsarbeit. Man musste einfach immer wieder bei null beginnen.

Die Anwender empfanden diese Haltung als Einfühlungsvermögen, und so hatte er einen festen inoffiziellen Kundenstamm, bei dem er sich immer wieder mal blicken ließ. Die Kunden waren allerdings handverlesen, das heißt, bei einigen war er sofort zur Stelle, während es sich bei anderen terminlich einfach nie einrichten ließ.

Angenehm war die fehlende Kleiderordnung im IT-Bereich. Er und seine Kollegen konnten sich frei und in bequemen Klamotten bewegen und darüber spekulieren, warum es einem aus der Buchhaltung möglicherweise leichter fiel, seine Arbeit zu verrichten, wenn er dabei eine Krawatte trug.

 

»Was ist los? Stellst du dir gerade Julia Jenner nackt im Brunnen vor?«, fragte Krüger, der ihm gegenübersaß.

»Klar«, sagte Rimbach, »zur Inspiration, zur Einstimmung auf den Auftrag. Hab gehört, ihr hättet Kron angefleht, das Projekt mit ihr selbst machen zu dürfen. Aber er hat erkannt, dass ich der Einzige bin, der der Sensibilität dieser Aufgabe gewachsen ist.«

»Wusste nicht, dass du zur Selbstironie fähig bist«, sagte Krüger.

»Das gehört zu wahrer Größe dazu«, meinte Rimbach. »Ich muss jetzt übrigens los zu Frau Jenner. Verbringe den Rest des Tages in der Presseabteilung, vielleicht sogar den Rest der Woche.«

Rimbach nahm den Laptop und machte sich auf den Weg in den Riegel I E. Die Flure des Konzerns waren lang, und die gelegentlichen Dienstgänge in andere Büros waren die weitesten Strecken, die Rimbach zu Fuß zurücklegte. Mit der Selbstironie mochte Krüger übrigens recht haben, die »Anwendung zur Verwaltung von Werbemitteln und zur Lieferüberwachung«, kurz AnWerb, die er für die Presseabteilung entwickeln sollte, versprach nicht gerade das größte Abenteuer seines Lebens zu werden.

Das Theater um Julia Jenner fand er eher übertrieben. Sie war seine Ansprechpartnerin für AnWerb und hatte die Idee dazu gehabt. Sie sah ganz gut aus, keine Frage. Sie war groß und schlank, aber nicht so wie die Frauen, die sich runterhungerten, nur damit sie in Hosengröße 36 passten mit dem Nebeneffekt, dass auch ihre Brüste verschwanden und die Rippen im Sommer den Stoff ihrer enganliegenden Tops zu durchstechen drohten.

Ellen, seine Ex, hatte sich auch immer mehr in diese Richtung entwickelt. Dass sie die für ihre Generation vorschriftsmäßigen Piercings trug, damit hatte er sich abgefunden, aber mit der Rückbildung ihrer Körperformen konnte er sich nur schlecht arrangieren, und manchmal fragte er sich, ob er sich vielleicht nur deshalb ein paar Kilo zuviel angefuttert hatte, damit Ellen einsah, dass es an der Zeit war, die Beziehung wegen optischer Unvereinbarkeit zu beenden. Der Gedanke erschien ihm aber zu gruselig, um ihn weiter zu verfolgen.

Julia Jenner war anders. Bei ihr passte alles zusammen. Sie war die Frau, nach der man sich umdrehte, ohne dass sie es darauf anlegte. Ihre Bewegungen hatten den richtigen Schwung, und ihr Körper auch. »Natürlichkeit« nannte es Krüger in seinen sensibleren Momenten, und das traf es tatsächlich. Die Frau war natürlich.

Aber sie war auch unerreichbar. Diese PR-Leute waren ein Club für sich, mittags traten sie oft im Rudel auf, mit Gästen von anderen Niederlassungen oder von Leuten der Presse, Julia Jenner immer mittendrin, unbefangen und locker, selbst im Business-Look mit Blazer und Nadelstreifen. Wenn Rimbach sie so sah – meist aus der Ferne, denn näher als fünfzehn Meter kam man praktisch nicht an sie ran –, fragte er sich, ob so viel Perfektion nicht auch ein bisschen anstrengend war.

Es gab allerdings etwas, was wohl nur wenige in der Firma wussten, Krüger hatte es ihm mal erzählt: Es war beobachtet worden, dass sie beim Karaoke-Abend im Dubliners, einer Kasseler Szenekneipe, gelegentlich einen filmreifen Auftritt hinlegte. Sie schien ein Faible für so was zu haben, Krüger hatte es mal live erlebt und berichtet: »Du hättest sie sehen sollen. ›I Wanna Dance With Somebody‹, völlig hemmungslos, die lebt da irgendwas aus, was sie hier in der Firma oder im normalen Leben verdrängt.«

Rimbach hatte ein distanziertes Verhältnis zu der Thematik. Er würde es vorziehen, nicht als Freund oder Bekannter einer Person identifiziert zu werden, die im Dubliners einen Karaoke-Auftritt zum Besten gab.

Er hatte jetzt fast den Flur erreicht, in dem ihr Büro lag. Für alltägliche Abläufe interessierte sich keiner in ihrer Abteilung, sie standen irgendwie über oder zumindest neben dem Ganzen. Ab und zu fragte mal jemand nach, wenn ein neues Großprojekt anstand, aber dafür hatten sie dann andere Ansprechpartner. Kron, Rimbachs Chef, zum Beispiel. Alle kannten Julia Jenner, aber sie kannte keine Leute wie Krüger oder ihn, das war ihm klar.

Außerdem war sie mit Tommsen liiert. Tommsen war einer dieser Typen, die immer gut aussahen, egal ob in Anzug oder Jeans oder Turnhosen. Tommsen war höflich und belesen und erfolgreich. Hatte Softwaretechnik studiert und war jetzt Berater und Projektleiter bei einer Consulting-Firma, die den Konzern von Zeit zu Zeit bei der Einführung neuer Systeme unterstützte, daher kannte Rimbach ihn. Und er war Triathlet, das war das Härteste. Zwölf Stunden am Tag arbeiten und dann Training, das war Mike Tommsen.

Eine Maschine. Ein Roboter, programmiert auf Erfolg. Dass er ein Idiot war, konnte nur ein Mann erkennen. Echte Gefühle hatten bei Frauen keine Chance, solange es Typen wie Tommsen gab, so viel stand fest.

Es hatte auch was Gutes. Man konnte einfach hingehen zu Julia Jenner, sie sich ein bisschen anschauen in der Gewissheit, dass man sich bei ihr nicht zum Narren machen musste, und ganz normal das Projekt durchziehen. Die Erkenntnis traf ihn rechtzeitig, denn er war am Ziel. Er atmete noch ein paar Mal durch, der Weg war lang gewesen, und betrat dann in der Gewissheit, von Julia Jenner bisher nicht gekannt worden zu sein, ihr Büro. Er orientierte sich kurz. Das Büro war so groß wie sein eigenes. Zwei Schreibtische standen sich gegenüber, und die Fensterfront zeigte nicht auf den Brunnen, sondern auf den Park.

Sie saß an dem linken Schreibtisch und blickte auf. Dunkelbraune Augen, heller Teint. Ungeschminkt. Er hatte sie noch nie von so nahem gesehen. Es war angenehm, sie von nahem zu sehen. »Ich bin wegen AnWerb hier, Sie haben meine Mail bekommen. Rimbach, Ihr freundlicher IT-Berater«, sagte er. Originell.

»Julia«, sagte sie. »Lass uns du sagen, wir haben die nächsten Tage doch genug miteinander zu tun, ist unkomplizierter.«

»Nichts dagegen«, sagte er. »Gern. Ralf.« Die war nicht schlecht. Jedenfalls nicht unnahbar.

»Der Platz gegenüber ist frei«, sagte sie. »Von mir aus können wir anfangen, hast du schon was vorbereitet?«

»Klar«, sagte Rimbach. Es war eine kleinere Anwendung, er programmierte solche Sachen öfter und erklärte kurz, wie er es sich vorstellte. Automatische Ablage nach Alphabet, Sortiermöglichkeit nach Firmen oder Beträgen und so weiter, natürlich benutzerfreundlich. Rimbach sah sie erwartungsvoll an.

»Nicht schlecht«, sagte sie, doch es klang eher wie: ›Mehr nicht?‹ »Ich hab ein paar zusätzliche Ideen, ich mail dir mal die Visio-Datei, dann weißt du, was ich meine.«

Er hatte es geahnt. Ein ganz normaler Job, jetzt auch noch mit Sonderwünschen. Es war ein ganzer Anforderungskatalog von ihr, er würde sich richtig reinknien müssen, und das Vorgespräch hatte nicht mal drei Minuten gedauert.

Es lief ziemlich professionell ab. Rimbach versuchte, die Vorstellungen von Julia Jenner in die bestehende Anwendung zu integrieren, und meldete sich, wenn er eine Frage hatte. Sie schrieb nebenbei einen Bericht über die strategische Ausrichtung der Inlandsfilialen und erledigte dazu noch eine ganze Reihe andere Dinge, die die im Zwei-Minuten-Abstand klingelnden Anrufer von ihr wollten. Interessiert beobachtete Rimbach, wie sie sich jedes Mal, bevor sie den Hörer aufnahm, mit einer routinierten Bewegung die Haare zur Seite strich. Mittellange, volle Haare, ein dunkles Blond (oder ein helles Braun, er war sich da nicht ganz sicher), das gut zu ihren Augen passte. Wenn sie sich mal bewegte, um zum Fax zu gehen oder ins Nachbarbüro, blickte er kurz auf und würdigte diese unglaubliche Körperspannung.

Kurz vor Mittag wurde es interessant. Ein privater Anruf, der erste an diesem Tag.

»Was gibt’s, Mike?«, sagte sie. Tommsen! Rimbach blickte weiter angestrengt in seinen Laptop und konzentrierte sich auf den Anruf.

»Nein«, sagte sie, und Tommsen erwiderte etwas, das Rimbach natürlich nicht verstehen konnte.

»Nein«, sagte sie noch einmal, und dann unterbrach sie ihn scheinbar mitten im Satz, bevor sie ein weiteres Mal »Nein« sagte und auflegte.

Drei Mal nein. So gut hörte sich das aber nicht an.

 

Nach der Mittagspause saß er neben Julia Jenner und diskutierte mit ihr gerade das Problem der Anfragenbearbeitung, als er aus dem Augenwinkel bemerkte, dass eine Mail von Tommsen einging. Rimbach schaute taktvoll zur Seite, als Julia sie öffnete und kurz antwortete.

Am Nachmittag musste sie wieder zu einer Besprechung. »Ich lass den Rechner laufen«, sagte sie, »dann kannst du in der Zeit testen, ob die neuen Anwendungen mit meinen Benutzerberechtigungen laufen.«

Weg war sie. Rimbach installierte das Programm, das er vorbereitet hatte, machte einige Tests, änderte ein paar Einstellungen und landete schließlich wieder in ihrem E-Mail-Eingang. Was hatte Tommsen eigentlich gewollt, und was mochte sie ihm geantwortet haben? Es war verlockend. Ein kleiner Klick nur.

»Kann möglicherweise heute Abend doch«, hatte Tommsen gemailt. »Wahrscheinlichkeit über neunzig Prozent. Hast du Zeit?«

»Nein«, hatte sie geantwortet. Zum vierten Mal nein.

Da sie nicht aus der Besprechung zurückkam, schrieb Rimbach ihr gegen Viertel vor sechs noch eine kurze Nachricht über die Fortschritte von AnWerb und beendete seinen Arbeitstag.

2

Mit der Straßenbahn brauchte er keine zehn Minuten nach Hause, das war das Hauptargument bei der Wahl seiner Wohnung vor sieben Jahren gewesen. Außerdem hatte es nichts zu renovieren gegeben, die Wohnanlage war gerade fertiggestellt worden. Ehemalige Lagerhallen, die den Ansprüchen an das moderne Wohnen angepasst worden waren, schön reißbrettartig angelegt, rundherum ausreichend Parkplätze auf rotem Betonpflaster und ein paar Grünflächen, um sich nicht wie in einer Kaserne zu fühlen. Aus dem Fenster blickte man auf parkende Autos und andere ehemalige Lagerhallen. Und in zehn Minuten war man in der Innenstadt.

Es war Montag, und er hatte nichts Besonderes mehr vor. Rimbach hatte zwei bis drei feste Termine an den Abenden in der Woche, die er meist mit Krüger, Salewski und ein paar anderen Kollegen verbrachte. Dienstags ein paar Guinness und Live-Musik im Dubliners, Donnerstag Afterwork-Party in Joes Garage, wo das 0,3er Weizen nur einen Euro kostete. Ein Muss in Joes Garage waren außerdem die Live-Fußball-Übertragungen, allein schon wegen des Studiums der Fans.

Schließlich Francescos Ristorante, das war Kult. Ein Italiener, der seine Stammgäste per Handschlag begrüßte. Bei Francesco konnte man, selbst wenn man schon um einundzwanzig Uhr fertig mit dem Essen war, bis morgens um eins sitzen bleiben, vorausgesetzt, man hörte nicht auf, Rotwein zu trinken.

Samstags zog es ihn meist in die Nachthallen, wo man irgendwie stilvoller zugedröhnt wurde als in den einschlägigen Großraumdiscos. In den Nachthallen blieb er so lange, dass er sonntags nicht vor zwölf aufstehen musste.

Dass in seiner Freizeit Sport nicht mal als Alibi vorkam, hatte seinen Grund in seiner frühen Kindheit. Er hinkte Gleichaltrigen, was seine motorischen Fähigkeiten und die Koordination betraf, immer ein wenig hinterher, und einige Ereignisse aus dem Sportunterricht gehörten zu seinen schlimmeren Erinnerungen. Es wurde allgemein hingenommen, dass er ungeschickt war oder »sich blöd anstellte«, und das hing ihm lange nach.

Bei seinen sportlichen Versuchen als Erwachsener ließ er es dann an Beharrlichkeit fehlen. Er gab keiner Sache eine Chance. Fing irgendetwas an und beendete es nach weniger als vier Wochen, wenn es nicht sofort perfekt lief. So sammelte er reichlich Ausrüstung und theoretische Erfahrung in mindestens zwanzig verschiedenen Sportarten.

 

Am nächsten Morgen wühlte Rimbach im Kleiderschrank auf der Suche nach vorteilhafter Oberbekleidung und wurde ziemlich weit unten in seinem Hemdenstapel fündig. Ein Trekkinghemd, das vereinte Dynamik und Lockerheit und konnte vor allem über der Hose getragen werden, so dass die Konturen seines Körpers sich darunter kaum abzeichneten.

Er startete den Cooper. Er fuhr einen Original Mini Cooper, Baujahr 1994, das traute sich kaum noch jemand. Der Wagen war völlig komfortfrei und hatte einen Innenraum von der Größe eines Umzugskartons, aber er hob seinen Besitzer weit aus der Masse der gewöhnlichen Autofahrer heraus.

Rimbach sah gut aus in dem Cooper, denn er war nur knapp eins achtzig groß, das passte. Genau genommen hätte es vor zehn Jahren, als er Anfang zwanzig war und noch keine neunzig Kilo wog, noch besser gepasst. Ab und zu fuhr er mit dem Cooper zur Arbeit, um sich zu vergewissern, dass er noch ansprang, was nicht immer der Fall war.

Julia Jenner war natürlich schon da, als er in der Presseabteilung erschien, sie hatte seine Notizen gelesen und bereits einige Stammsätze eingegeben.

»Hi, Ralf«, sagte sie, »du hast ja gestern noch richtig was geschafft. Läuft ganz gut, unsere Anwendung. Schau dir das mal an …«

Das war schon die Begrüßung. Rimbach hätte den Tag gern in Ruhe begonnen, den Laptop hochgefahren, ein, zwei Tassen Kaffee getrunken, ein belangloses Gespräch angefangen und dabei ein paar dezente Blicke auf sie geworfen, das schien sich immer zu lohnen, egal was sie anhatte. Heute waren es Hüftjeans und ein schwarzes Shirt, unter dem sich die Konturen ihres Oberkörpers vielversprechend abzeichneten.

Sie zog einen Bürostuhl heran, Rimbach setzte sich neben sie, und sofort waren sie wieder mittendrin im Programm. Er kannte sie nicht mal vierundzwanzig Stunden, und schon agierten sie wie selbstverständlich zusammen, waren vertraut miteinander. Vertraut im Umgang mit AnWerb jedenfalls. Rimbach bemerkte, wie gut ihr Haar roch. Pfirsich. Frisch, aber nicht aufdringlich. Rimbach liebte Pfirsich, wie er gerade feststellte.

Da sie erst am Nachmittag wieder eine Besprechung hatte, kamen sie relativ gut voran, fast zu schnell nach Rimbachs Geschmack. Julia hatte das Telefon auf eine Kollegin im Nachbarbüro umgestellt, es wurde nur ein Anruf durchgestellt von einer Freundin, Kim oder so ähnlich, es ging um ein gemeinsames Theater-Abo, ein für Rimbach eher unwesentliches Gesprächsthema. Um elf kam Lanz, der stellvertretende Leiter vom Controlling, mit den Berichtszahlen, die in den Konzern-News veröffentlicht werden sollten und die Julia am Morgen angefragt hatte.

Sie stand auf und nahm die Mappe entgegen.

»Das ging ja schnell«, sagte sie. »Super.«

»Sie wissen doch«, sagte Lanz, »Wunder dauern eigentlich etwas länger, sogar bei uns. Aber für Sie machen wir natürlich auch das Unmögliche möglich.«

Rimbach war der Meinung, dass ein Mann, der weder gutaussehend noch originell war und dessen Existenzberechtigung offensichtlich darin bestand, unverständliche Zahlen unverständlich kommentieren zu können, bei einer Frau wie Julia Jenner Redeverbot haben müsste.

»Nett von Ihnen«, sagte sie und drehte sich um, damit er ihren genervten Gesichtsausdruck nicht sehen konnte.

Als ihr ein Blatt aus der Mappe fiel, bückte sie sich kurz, um es aufzuheben. Lanz beobachtete den Vorgang wie hypnotisiert, sein Hals reckte sich um mindestens fünfzehn Zentimeter, er nahm Rimbachs Anwesenheit gar nicht mehr wahr und stürzte sich in Gedanken vermutlich gerade mit seinem fetten Körper auf sie. Später würde er seinen Kollegen beim Kaffee erzählen, dass die Jenner einen String mit hellblauer Spitze trug und er das Vergnügen gehabt hatte, das aus nächster Nähe festzustellen. Dafür, dachte Rimbach, müsste man ihm gleich eine reinhauen. Als Lanz gegangen war, sahen er und Julia sich an und atmeten auf.

Ihr BH war übrigens ebenfalls hellblau mit Spitze, das konnte man nicht übersehen, wenn man so eng wie Rimbach mit ihr zusammenarbeitete, es war im Grunde eine rein dienstliche Feststellung. Außerdem gestatteten diese Shirts mit den halbrunden Ausschnitten nun einmal gewisse Einblicke und wurden auch nicht ausschließlich deshalb getragen, weil sie bequem waren.

Es gab keine weiteren Störungen, und als Rimbach zum Mittagessen ging, stand schon fast das gesamte Modul zur Anfragenverwaltung. Nebenbei war ihm durch die Lanz-Episode eines klargeworden: Wenn er bei Julia Jenner etwas erreichen wollte, was über die normale Zusammenarbeit hinausging, musste er alle Aufdringlichkeiten vermeiden. Es schien keine schlechte Entscheidung, sich bis auf weiteres an diese Regel zu halten.

»Und, wie läuft’s?«, fragte Krüger, als sie in der Kantine einen Tisch gefunden hatten. Rimbach ging meist mit Krüger und Salewski zum Essen, die Gespräche waren ganz anregend. Das Ziel war es, das Niveau niedrig zu halten.

»Wie soll’s laufen?«, meinte Rimbach. »Wir kommen ganz gut voran. AnWerb ist ja kein Riesenprojekt.«

»Seit wann reden wir mittags von Projekten«, sagte Krüger, der den Mund randvoll mit Gyros hatte. »Ich meine, wie du mit der Jenner vorankommst.«

»Er duzt sie schon«, sagte Salewski. »Ist nur noch eine Frage der Zeit, wann er mit ihr essen geht anstatt mit uns. Und wie schick er sich gemacht hat. Läuft mit kurzen Ärmeln rum, mitten im Winter.«

»Das Hemd lag ganz oben auf dem Stapel, deshalb hab ich’s genommen«, sagte Rimbach.

»Was hast du eigentlich Ekelhaftes auf deinem Teller, Rimbach?«, fragte Krüger. »Das sieht ja aus wie Hühnerfrikassee.«

»Kein Gyros und kein Tsatsiki heute. Das nimmt den Kollegen die Lust auf Nähe«, sagte Salewski.

»Idioten«, sagte Rimbach. »Frau Jenner und ich erarbeiten diszipliniert und konzentriert bereichsübergreifende Lösungen mit dem Ziel, den Konzern voranzubringen. Das enge Zeitfenster lässt dabei keinen Spielraum für Ablenkungen.«

Das war nicht schlecht. Salewski schaute betreten zur Seite, und Krüger spuckte nach dieser Erklärung einen Brocken Gyros aus.

Rimbach schaute auf seinen Teller, er hatte tatsächlich Hühnerfrikassee gewählt. War ihm gar nicht so bewusst gewesen.

 

Nachmittags, als Julia in der Besprechung war, musste er noch einmal an ihrem Rechner arbeiten, es ging um verschiedene Auswertungen, die vom Programm bereitgestellt werden sollten (sie hatte ihm mittlerweile ihr Passwort gegeben). Es war nicht einfach, da sie einige Sonderwünsche hatte, so dass er in der Tat konzentriert arbeiten musste. Zwei Stunden später klickte er durch Zufall wieder ihren E-Mail-Eingang an. Der Ordner »MyMails«, in dem sie ihre private Post sammelte, war geöffnet. Das konnte kein Zufall sein, das war geradezu eine Einladung zum Hinschauen. Alles voll mit Mails von Tommsen und ihren Antworten, sie kommunizierten hauptsächlich per Mail. Das hatte den Vorteil, dass keiner mitkriegte, worum es ging, im Gegensatz zum Telefonieren. Theoretisch.

Rimbach öffnete nur die Mail mit dem Betreff »Job in Dortmund« und las:

 

Tommsen: Die Geschäftsführung hat mir nahegelegt, mich als Business-Manager in Dortmund zu bewerben. Einmalige Chance.

Antwort J: Und was heißt das?

Antwort T: Dass ich mir erst mal eine Wohnung nehmen müsste, falls sie mich nehmen. Und Du irgendwann nachkommen müsstest. Was meinst Du?

Antwort J: Dachte, wir wären uns einig, noch zu warten.

Antwort T: Der Job ist überraschend jetzt schon frei geworden. Soll ich?

Antwort J: Ich warne Dich!

Antwort T: Dann eben nicht.

 

Rimbach fand es erstaunlich, wie locker man so etwas per Mail regeln konnte. Es war noch eine Nachricht von der Mountainbike-Gruppe im Posteingang und eine Mail von einer Freundin mit der Aufforderung in der Betreff-Zeile, mal wieder zum Handball-Training zu kommen, aber diese Mails öffnete er nicht. Seine Meinung über Tommsen festigte sich langsam.

 

Zu Hause in seinem winzigen Flur, dessen spärliche Beleuchtung aus einer lose von der Decke baumelnden Vierzig-Watt-Birne bestand, wurde er von Hovet aufgehalten. Hovet war sein Spiegel, und normalerweise ging Rimbach achtlos an ihm vorbei. Er mochte ihn seit einigen Monaten nicht besonders, denn Hovet war unbestechlich, doch diesmal blieb Rimbach aus irgendeinem Grund stehen und schaute hinein.

Ihm fiel auf, dass seine Arme im Verhältnis zum Restkörper zu dünn waren. Und dass, um die Relation zu verbessern, seine Arme nicht unbedingt dicker werden mussten, sondern der Restkörper wieder auf den Stand von ungefähr 1994, dem Baujahr des Cooper, gebracht werden musste.

Er wusste, dass es Möglichkeiten gab, zum Beispiel durch Bewegung. Im Konzern war in letzter Zeit ein regelrechter Hype um sportliche Betätigung entstanden. Ständig erschienen Erfolgsmeldungen auf der Info-Plattform über Kollegen, die in ihrer Freizeit athletische Höchstleistungen erbrachten und sich dadurch besser oder gesünder fühlten. Möglicherweise war aus ihnen auch mehr Leistung im Betrieb herauszuholen, obwohl Rimbach sich in dieser Hinsicht als lebenden Gegenbeweis ansah.

Von Julia Jenner hatte er gehört, dass sie manchmal mit dem Mountainbike zur Arbeit kam, außerdem hatte sie jahrelang Handball gespielt, Regionalliga sogar, doch seit ihrer Anstellung in der Presseabteilung reichte die Zeit wohl nicht mehr aus fürs Training. Aus gutinformierten Kreisen kam außerdem die Information, dass sie – obwohl erst achtundzwanzig – als Nachfolgerin des Pressesprechers gehandelt wurde, der im nächsten Jahr aufhören würde.

Auch Rimbach hatte einmal Handball gespielt. Allerdings hatte seine Handballkarriere nur ein halbes Jahr gedauert. Er erinnerte sich noch genau daran: Mit elf hatte ihn sein Vater in einem Verein angemeldet. Ein paar Monate lief er ein bisschen mit den anderen hin und her, begriff die Regeln recht schnell und lernte das Fangen und Prellen des Balles recht langsam, was anfangs nicht besonders auffiel. Bis irgendwann das Erlernen des Tempogegenstoßes auf dem Programm stand.

Das war eine komplexe Übung, die aber zur Grundausstattung eines kleinen Handballers gehörte, und der Ablauf war folgendermaßen: Der Spieler rannte nach vorn, so schnell er nur konnte. Nach ungefähr dreißig Metern musste er sich im Laufen umdrehen und den von hinten in einem Bogen heranfliegenden Ball fangen, dann – den Ball lässig mit einer Hand auf dem Boden auftippend – weiter aufs gegnerische Tor zustürmen und den Torwart mit einem Sprungwurf aus etwa sieben Metern Entfernung überwinden.

So weit die Theorie. In der Praxis sah es bei den meisten seiner Mannschaftskameraden so aus, dass sie den Ball fingen, weiterstürmten und ihn verwandelten. Bei Rimbach gab es drei Möglichkeiten: Die häufigste war, dass er den Ball gar nicht erst zu fassen bekam. Wenn er ihn aber einmal gefangen hatte, was seine ganze Konzentration erforderte, dann stürzte er meist eine Sekunde später bei dem Versuch weiterzulaufen. Wenn ihm das Fangen und das Weiterlaufen gelangen, dann verhaspelte er sich beim Prellen des Balles oder wurde vom Gegner eingeholt oder trat beim Torwurf in den Kreis, wodurch sein Wurf ungültig wurde.

Nach drei Wochen intensiven Tempogegenstoßtrainings hatte Rimbach noch nicht einen einzigen Treffer erzielt, beendete einvernehmlich mit seinem Trainer seine Handballkarriere und konzentrierte sich von da ab ausschließlich auf den Schulsport. Doch auch da lief es nicht ohne Rückschläge ab: Nach einer Hodenprellung und einem Kahnbeinbruch beim Pferdsprung, beides innerhalb weniger Wochen, wurde er für den Rest des Schuljahres vom Geräteturnen befreit.

Einen sportlichen Teilerfolg errang er, als es ihm gegen jede Erwartung gelang, eine der fünf Meter hohen Kletterstangen in der Sporthalle zu erklimmen. Oben angekommen, wurde ihm schlecht. Schließlich schaffte er es, sich mit dem Fuß in einem der an der Wand angebrachten Querholme zu verkeilen und so lange auszuhalten, bis er von seinem Sportlehrer gerettet wurde.

Rimbach wendete sich ab von Hovet. Ihm war klar, dass sein jetziger Lebensrhythmus ihm eine schleichende Gewichtszunahme von etwa drei Kilo pro Jahr bescherte, ohne dass eine Stagnation zu erkennen war. Es hatte sich eingespielt, und er hatte beschlossen, es noch ein bisschen so laufen zu lassen, da sich spätestens in einem Jahr sowieso einiges ändern sollte.

Der Grund war, dass Kassel nicht eben seine Traumstadt war. Eine Station, nicht mehr. Man konnte hier leben. Aber der Konzern war überall, auch und vor allem in den richtigen Städten, auch die Karriere war überall, nur nicht hier. In Hamburg, Berlin oder München gab es die interessanten Jobs, und da wurden genauso Leute gesucht. Rimbach hatte seinen Abflug fürs nächste Frühjahr ins Auge gefasst, das reichte, um den strukturellen Änderungen, die der Konzern ohnehin irgendwann vornehmen würde, zuvorzukommen.

Er hielt sich den Rücken frei. Möglicherweise hatte auch die Größe seiner Wohnung – es waren zweiundvierzig Quadratmeter – strategische Gründe, man konnte gut argumentieren, dass man an diesem Ort nicht zu zweit wohnen konnte und sich irgendwann mal was Größeres suchen würde, eine hervorragende Hinhaltetaktik, wenn man nicht so enden wollte wie Krüger.

Krüger hatte vor zwei Jahren geheiratet, kurz darauf war seine Frau schwanger geworden. Im Verlauf der Schwangerschaft war Krügers Körperumfang exakt mit dem seiner Frau gewachsen, ein Phänomen, das bei vielen werdenden Vätern zu beobachten war. Nach der Geburt hatte sich sein Freizeitverhalten auf eine verstörende Art verändert. Er nahm die Termine im Dubliners nicht mehr zuverlässig wahr, trank schneller und ging früher, meistens vor zwölf, wenn es erst interessant wurde. Und während Rimbach und Salewski fast nie vor neun Uhr morgens im Büro erschienen und dafür abends oft lange blieben, kam Krüger jetzt häufig schon um sieben Uhr, denn er wurde am Abend zu Hause gebraucht. Und seine ständigen Beteuerungen, wie glücklich ihn sein Nachwuchs machte, passten nicht zu den Kommentaren, mit denen er den Lebenswandel seiner Kollegen neuerdings abqualifizierte.

Rimbachs Beziehungen hatten im Schnitt drei Jahre gehalten. Immer wenn sie das unvermeidliche Stadium erreicht hatten, in dem Themen wie eine »gemeinsame Zukunft« angesprochen wurden, hatte er mit Gegensteuerungsmaßnahmen reagiert: Er wurde lethargisch, was die Pflege der Gemeinsamkeiten betraf, hatte plötzlich wegen angeblicher Arbeitsüberlastung keine Zeit oder Lust mehr auf Unternehmungen zu zweit, sagte kurzfristig Verabredungen ab oder zog sogar die gemeinsame Urlaubsplanung in Zweifel. Die Methode hatte den Vorteil, dass seine jeweiligen Partnerinnen meist entnervt aufgaben und die Beziehung beendeten.

Weil dieser Prozess langwierig und dadurch auch anstrengend war und er danach nie wirklich mit sich zufrieden war, hatte Rimbach sich beim letzten Mal selbst aufgerafft und irgendwann kundgetan, dass er keine gemeinsame Perspektive sähe.

»Und seit wann weißt du, dass es keinen Zweck hat?«, hatte sie gefragt.

»Eigentlich von Anfang an«, hatte er gesagt.

Das war die Wahrheit gewesen, und es hatte dazu geführt, dass zum ersten Mal in Rimbachs Leben eine Frau mit Gegenständen nach ihm geworfen hatte und danach alle näheren Bekannten von Ellen – so hieß seine damalige Freundin – einen unübersehbaren Sicherheitsabstand zu ihm einhielten.

Das war noch kein halbes Jahr her. Möglicherweise wäre es klug, beim nächsten Mal gleich darauf hinzuweisen, dass, jedenfalls aus seiner Sicht, der Charakter der Beziehung von einer gewissen Unverbindlichkeit geprägt sein sollte.

3

In der Nacht träumte Rimbach von Julia Jenner. Er brachte sie von der Arbeit nach Hause, sie saß neben ihm im Auto, es war schon dunkel. Plötzlich befanden sie sich in der Fußgängerzone der Innenstadt, und Rimbach bügelte mit dem Cooper die Stufen der Treppenstraße hinab, bog ab auf die Straßenbahnschienen der Königsstraße. Sie lachten und schauten nach links und rechts in die hell erleuchteten Schaufenster, und schließlich, weiter unten am Altmarkt, sahen sie Tommsen im Halbschatten einer Pommes-Bude, wild knutschend mit Ellen, Rimbachs Ex …

Der Traum endete zu früh, wie alle guten Träume, und ließ Rimbach aufgekratzt, aber auch irritiert zurück. Gewöhnlich waren seine nächtlichen Phantasien schon beim Aufstehen aus seiner Erinnerung gelöscht. Diesmal beschäftigten sie ihn beim Duschen, Zähneputzen und selbst noch, als er in seiner sechs Quadratmeter großen Küche den unvermeidlich schwarzen Kaffee schlürfte und die übliche Portion Cornflakes vertilgte. Die Cornflakes aß er jeden Morgen, sie waren schnell zubereitet und außerdem gesund, und mit ausreichend Zucker schmeckten sie sogar richtig gut …

 

Bei der Arbeit wollte Rimbach nur mal kurz im IT-Bereich vorbeischauen, was ihn schließlich vier Stunden kosten sollte. Es gab Anfragen von Benutzern, von denen seine Kollegen gern die Finger ließen, besonders wenn sie sich in dem Programm selbst nicht hundertprozentig auskannten, und die dann bei ihm landeten. Rimbach wusste das, es machte ihm normalerweise nichts aus. Neue Anwendungen stellten keine besondere Herausforderung für ihn dar, er schaute sich die Benutzeroberfläche an, klickte ein paar Mal hier und da und kapierte meist sofort, wie ein Programm zu bedienen war.

Heute war es allerdings lästig, denn es begrenzte die ohnehin knappe Zeit, die er mit Julia Jenner verbringen würde, sie musste um fünfzehn Uhr zu einer Pressekonferenz in einer der Konzernniederlassungen. Als er schließlich ihr Büro betrat, war sie nicht einmal allein, Klee stand bei ihr, ihr Chef, dem sie wegen der Konferenz noch ein paar Dinge erläuterte.

Klee war vermutlich der älteste lebende und noch amtierende Bereichsleiter des Konzerns, was sich unter anderem darin äußerte, dass die gelegentlichen Privatgespräche, die er mit seinen Mitarbeitern führte, weniger taktischer Natur waren, sondern auf echtem Interesse oder sogar so etwas wie Zuneigung beruhten.

Rimbach war schon am Vortag Zeuge eines Dialoges geworden, bei dem es um Impressionismus ging und von dem er kein Wort verstanden hatte, Grund genug also, sich nicht einzumischen. Diesmal hatte Klee ein Buch in der Hand, in dem Julia manchmal in der Mittagspause ein paar Seiten las beziehungsweise zu lesen versuchte, sie hatte im Grunde noch nie eine Seite am Stück geschafft, ohne gestört zu werden.

»John Irving. Sie sind die einzige Frau, die ich kenne, die John Irving liest. Ich bring Ihnen morgen mal was von Philip Roth mit. ›Der menschliche Makel‹, ein Meisterwerk. Dagegen ist John Irving trivial.«

»Hab ich gelesen. Ist gut geschrieben, hat mich aber deprimiert. Ein Mann in Ihrem Alter schreibt über einen Held in Ihrem Alter und die Probleme von Männern in Ihrem Alter. Da ist das Scheitern ja vorprogrammiert. Bei John Irving scheitern die Helden irgendwie komischer.«

»Na ja«, sagte Klee. »So hab ich das noch gar nicht betrachtet. Was meinen Sie, Herr Rimbeck?«

»Ich sympathisiere mit Frau Jenners Ansichten«, sagte Rimbach, »ich fand das Buch auch nicht so witzig.«

Klee zuckte mit den Schultern, er war überstimmt. »Dass bei euch Jungen immer alles witzig sein muss«, sagte er noch, bevor er abzog.

»Jetzt haben wir’s ihm gegeben«, sagte Julia. »Hast du das nur meinetwegen gesagt oder hat dir das Buch echt nicht gefallen, Herr Rimbeck?«

»Weiß nicht«, sagte Rimbach. »Hab nie was von Philip Roth gehört. Gibt’s eigentlich ein Buch, das du nicht kennst? Oder ein Theaterstück, in dem du noch nicht warst, oder irgendein kulturelles Ereignis, das du nicht besuchst, und warum kennst du dich außerdem nebenbei auch noch mit so einem Scheißprogramm wie AnWerb aus?«

Sie lachte. »Manche Dinge sind Nebenwirkungen vom Studium«, sagte sie. »Journalistik, in Köln, da nimmst du nebenbei das ganze Kulturprogramm mit. Und das mit AnWerb gehört halt zu meinem Beruf. Privat bin ich gar nicht so. Ich treff mich gern mit anderen Leuten, mache Sport und hab sogar Sex, also alles ganz normal.«

Normal, dachte Rimbach. Er traf sich eigentlich nie mit anderen Leuten außer Krüger und Salewski, er machte keinen Sport, und er hatte seit einem halben Jahr auch keinen Sex mehr. Jedenfalls keinen richtigen. Aber er war erstaunt, wie unbefangen sie über so was redete. Weil es ihn ein bisschen irritierte, beschloss er, es als Vertrauensbeweis zu werten, als einen Hinweis auf ihre Aufgeschlossenheit, exklusiv und nur für ihn. Jedenfalls war sie alles andere als zickig oder unnahbar.

Jetzt hatten sie schon mal ein ausbaufähiges Thema, doch sie hatte keine Zeit. Bevor sie ging, holte sie noch schnell den Beamer, der in dem Regal über der Bürotür verstaut war. Rimbach mochte es, wenn sie den Beamer holte. Wenn sie sich streckte, konnte er ihren Bauchnabel sehen.

Dann saß er allein in ihrem Büro und installierte noch ein paar Makros. Den abschließenden Blick in den Ordner »MyMails« empfand er mittlerweile als seine Pflicht, man musste eine Frau wie Julia Jenner schützen vor einem Blender wie Tommsen, der den Ehrenmann gab, sich aber in Wirklichkeit absetzen wollte und außerdem nachts andere Frauen an Pommes-Buden anmachte.

 

Tommsen: Die setzten mich hier ziemlich unter Druck. Soll mich unbedingt bewerben, Chance meines Lebens und so …

Antwort J: Seit wann lässt Du Dich unter Druck setzen? Außerdem kennst Du meine Meinung.

Antwort T: 2000 Euro mehr. Gleich am Anfang. Ändert das Deine Meinung?

Antwort J: Ja. Bewirb Dich und such Dir für 2000 Euro vor Ort jemand anderen, mit dem Du pennen kannst.

 

Der Mail-Verkehr gefiel Rimbach ganz gut. Mehr aus Versehen landete er noch in einer Mail von einem Jago Jenner, vermutlich ihrem Bruder: »’tschuldige«, schrieb der, »war gestern Abend ziemlich besoffen, als ich dir geraten hab, den Typen abzuschießen. Steht mir natürlich nicht zu, also lass dich nicht zu sehr davon beeinflussen.« Es gab noch mehrere Mails mit dem Absender Jenner, die Rimbach aber nicht öffnete, jedenfalls schien sie einen regen familiären Kontakt zu pflegen.

In der Statusleiste stieß er auf eine Nachricht an diese Kim. Die Sache mit Tommsen schien sie doch ganz schön mitzunehmen, wenn sie nicht einmal mehr ihre angefangenen Mails abschickte, dachte er sich. Auch der Text war interessant: »Weißt Du, dass ich schon fast so weit bin, mir einen Typen zu wünschen, der noch an irgendetwas anderes denkt als an sich und seine Karriere?«

Nach der Lektüre fehlte Rimbach die Konzentration zum Weiterarbeiten. Eins war klar, die Lichtgestalt Tommsen stand längst nicht so fest auf ihrem Sockel, wie es schien. Julia Jenner hatte ihre eigenen Pläne. Und mischte sich nebenbei, ohne es zu wissen, immer stärker in sein Leben ein.

Sie ging ihm nämlich auf der Heimfahrt nicht aus dem Kopf. Und möglicherweise war sie auch schuld, dass er noch nach dem Abendessen nachdachte, anstatt die Radiohead-CD in die Anlage zu schieben und auf seinem Lieblingssessel erst einmal in einen halbstündigen Dämmerzustand zu fallen.

Er hatte jetzt seit sechs Monaten keine feste Beziehung, und er hatte gedacht, dass ihm das eine Zeitlang ganz gut tun würde. Was den Sex betraf, bot das Internet Zerstreuung genug, auch wenn es auf Dauer keine Erfüllung war, sich von Paaren animieren zu lassen, deren Körper so unecht waren wie ihre Gefühle und die Schreie, die sie bei ihren rhythmischen Übungen ausstießen. Aber eine Weile würde er das noch aushalten.

Es ging um etwas anderes. Er dachte an die Zeit mit Ellen oder ihren Vorgängerinnen zurück. Es war nicht schlecht gewesen, eine Partnerin zu haben, die man anrufen konnte, zu der man gehen und mit der man reden und schlafen konnte. Und zwar von Anfang an in der Gewissheit, dass die Beziehung mit einem imaginären Haltbarkeitsdatum versehen war, nach dessen Ablauf sie schmerzfrei beendet werden konnte.

Bei Julia Jenner würde er auf diese Gewissheit gern verzichten, und genau das irritierte ihn.

Und noch etwas kam dazu: Er war – und zwar nicht nur wegen des Bildes, das Hovet von ihm zeigte – im Moment nicht unbedingt in der Verfassung, die eine Frau als umwerfend bezeichnen würde. Sein Leben stagnierte ein wenig. Die letzte echte Entscheidung, die er getroffen hatte, war der Abbruch des Informatikstudiums vor sechs Jahren gewesen, das war irgendwie bezeichnend. Als Studienort hatte er damals Kassel gewählt, weil eine Frau, die er im Urlaub auf Kos kennengelernt hatte, aus der Nähe kam. Die Beziehung hielt kein halbes Jahr, er studierte halbherzig noch ein bisschen weiter, bis er bei einem Praktikum im Konzern dann »entdeckt« worden war. Kron, seinem jetzigen Chef, war aufgefallen, wie unbefangen er mit der Materie umging und wie schnell er kleinere Prozesse durchschaute.

Der Konzern zahlte ganz gut, und so tauschte Rimbach das Studium gegen einen unbefristeten Angestelltenvertrag. Er bildete anfangs ein ziemlich starkes Team mit Arnd Langer, der dann aber vor einigen Jahren in die Zentrale nach Hamburg gewechselt war und ihn seitdem über die Möglichkeiten dort auf dem Laufenden hielt.

Rimbach kam aus der Nähe von Hamburg, er verbrachte seine Kurzurlaube dort, mochte es, auf dem Kiez von Bar zu Bar zu ziehen oder sich Konzerte anzusehen; auch die Gegend gefiel ihm besser als das ewige Auf und Ab der Kasseler Landschaft. Die Berge gingen ihm auf den Senkel, man konnte froh sein, wenn es mal fünfhundert Meter flach und geradeaus ging, und wenn nach der nächsten Kurve kein Berg kam, dann kam ein Wald, denn auch davon gab es jede Menge.

Nächstes Jahr gehe ich nach Hamburg, sagte Rimbach sich jetzt seit vier Jahren. Gestern hatte sein Kumpel Langer angerufen, mit interessanten Neuigkeiten. Langer gehörte einer neu geschaffenen Projektgruppe an, die das Großprojekt »Enterprise« in die Umlaufbahn brachte, ein anspruchsvolles Vorhaben, bei dem es um die Schaffung einer Weiterbildungsplattform für alle Anwender des Konzerns von Nord bis Süd ging. Sie suchten Mitarbeiter aus den Konzernniederlassungen, unter anderem als Teilprojektleiter, und die Ausschreibungen würden bald rauskommen. Es war die Chance, auf sich aufmerksam zu machen und auch mal die anderen Standorte kennenzulernen.

»Wenn das Projekt abgeschlossen ist«, hatte Langer gesagt, »etwa in einem Jahr, brauchen sie in Hamburg Leute, die die Plattform betreuen und weiterentwickeln, eventuell auch vermarkten. Da werden neue Stellen geschaffen, und als Teilprojektleiter bist du auf jeden Fall dabei.«

Das hörte sich nicht schlecht an. Es gab jetzt langsam keinen Grund mehr für Rimbach, sich zu verstecken.

 

»Willst du eigentlich noch lange hierbleiben?«, fragte Julia Jenner ihn am nächsten Tag. »Die meisten aus eurem Bereich suchen sich doch woanders was.«

Das Thema war heikel. Rimbach dachte an Tommsen und den Dortmund-Eklat.

»Hab keine Eile«, sagte er. »Die Arbeit ist ganz okay. Und ist ja ’ne ganz reizvolle Gegend. Und die Mitarbeiter sind auch in Ordnung. Manche sogar sehr«, sagte er und riskierte es, ihr dabei in die Augen zu sehen.

»Danke«, sagte sie. »Ich finde auch, dass man hier ganz gut leben kann. Und wenn man mal richtig Action braucht, erreicht man in drei Stunden jede Stadt und jeden anderen Ort in Deutschland. Hier trete ich vor die Haustür, setze mich auf das Bike und bin in fünf Minuten im Grünen. In anderen Städten brauchst du mindestens ’ne halbe Stunde mit dem Auto, bis du mal einen Baum oder ein Stück Wald siehst.«

»Vielleicht fährst du nächstes Jahr als Pressesprecherin durch den Wald. Aber was ist, wenn du woanders ein besseres Angebot kriegst?«

»Dann denke ich natürlich darüber nach. Und bespreche es mit meinen Leuten zu Hause. Und mit Mike. Der stand diese Woche auch vor der Entscheidung, sich woanders zu bewerben. Hat sich dagegen entschieden, nachdem wir gestern Abend noch mal in Ruhe darüber geredet haben.«

Rimbach konnte sich das Gespräch vorstellen (Tommsen: Bewerbung zurückgezogen. Hab meine ganze Karriere für Dich aufgegeben. Antwort J: Bin Dir zu allergrößtem Dank verpflichtet. Antwort T: Komme nachher vorbei, vögeln wir?).

»Edler Typ«, sagte er. »Und was meinst du mit deinen Leuten zu Hause?«

»Familie«, sagte sie. »Die wohnen zwanzig Kilometer weg von hier. Auf dem Dorf. Wir haben so ’ne Art Kodex: diskutieren, kommentieren, akzeptieren. Funktioniert ganz gut. Hat Katrin erfunden, vor über zwanzig Jahren.«

Rimbach verstand kein Wort. Das mit dem Kodex schien irgendwo aus der 68er-Ecke zu kommen oder von einigen latzhosentragenden Überbleibseln der frühen Achtziger, die ihre Zigaretten selbst drehten und die Nächte durchdiskutierten; auf jeden Fall hörte es sich bedenklich intellektuell an.

»Wer ist Katrin?«, fragte er.

»Meine Mutter«, sagte sie.

 

AnWerb lag in den letzten Zügen.

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