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Der Haifisch

Über das Buch

»Haifisch« – »Inflationsgewinnler« – »Finanzjude«: Wie kaum ein anderer hat der 1879 in Triest geborene Magnat Camillo Castiglioni negative Klischeebilder auf sich vereint. Als junger Mann begeistert er sich für alles, was rollt und fliegt: Er avanciert zum Direktor der Österreichisch- Amerikanischen Gummiwerke, bestimmt die Geschicke des Automobil- und Flugmotorenherstellers Austro-Daimler, absolviert mit seinem Chefkonstrukteur Ferdinand Porsche eine spektakuläre Ballonfahrt um den Wiener Stephansdom und wird zum Großlieferanten des k. u. k. Kriegsministeriums. Nach 1918 kauft er ein internationales Firmenimperium zusammen – darunter BMW –, finanziert Max Reinhardt und geht auf spektakuläre Weise pleite. Den Zweiten Weltkrieg überlebt der »Ebreo« als Mönch verkleidet in einem Versteck in San Marino. Fakten- und kenntnisreich erzählt Reinhard Schlüter dieses Leben, das sich anhört wie ein Film.

Reinhard Schlüter

DER HAIFISCH

Aufstieg und Fall
des Camillo Castiglioni

Paul Zsolnay Verlag

INHALT

Einleitung

Prolog

1. TRIEST

Die Geschichte der jüdischen Minderheit in Triest

Der Vater

Geburt, Kindheit und Jugend

2. AUFBRUCH

Die Welt zur Jahrhundertwende

Ankunft in Wien

Der Balkankonflikt

»Kein modernes Heer ohne Lenkballon«

Zeitenwende

3. DER GROSSE KRIEG

Der Luftfahrtunternehmer

Krieg

Iphigenie

Von Rapp zu BMW

Kriegswende und -ende

4. »KRIEGSGEWINNLER« UND »INFLATIONSKÖNIG«

Inflation

Castiglioni wird italienischer Staatsbürger

Hugo Stinnes

Die Banca Commerciale

Geschäfte in Osteuropa

5. CAMILLO CASTIGLIONIS PRACHT UND HERRLICHKEIT

Das Palais Miller-Aichholz

Der Parvenü

Der Rückerwerb von BMW

Der Bankier

Der Alpine-Deal

Polemik

Der Bruch mit Porsche

Rückzug der Banca Commerciale

Savoir-vivre: Castiglioni, sein spitzzüngiger Kritiker und die Kultur

Vor dem Fall

6. DER ANGRIFF AUF DIE FRANZÖSISCHE WÄHRUNG

Spekulation

Der König der Haifische

7. CRASH IN RATEN

Das Ende der Depositenbank

Der Absturz beginnt

Der Justizfall Castiglioni

8. DER TIEFE FALL DES KÖNIGS –
EIN KULTURHISTORISCHES LEHRSTÜCK

Reaktionen

Eine zweifelhafte »Kapitalerhöhung«

Versteigerung – 1. Akt

Zwischenspiel

Die Chronologie des Hinauswurfs bei BMW

9. DAS SCHLEICHENDE ENDE

Versteigerung – 2. Akt

»Machtergreifung« in Deutschland

Risse im Familienverband

Annexion und »Arisierungen«

Schweizer Exil

»Il Frate dalle calze di seta«

Finale

Epilog

ANHANG

Anmerkungen

Kurzbiografien

Dank

Bibliografie

Archive

Register

EINLEITUNG

In kaum einem Werk, das sich mit der Finanz- und Wirtschaftsgeschichte Mitteleuropas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasst, fehlt der Name jenes Mannes, unter dessen Ägide BMW zum Automobil- und Motorradproduzenten wurde und dessen Beteiligungskonsortium zu Beginn der 1920er Jahre nur wenige Großunternehmen und Banken in Österreich, Italien und Deutschland unberührt ließ: Camillo Castiglioni. Doch dem Italiener haften vor allem zwei Attribute an: erstens »pescecane« (Haifisch) und zweitens »Inflationsgewinnler«. Schlimmer: Permanent schimmert bei dem in Triest geborenen »Sohn eines Oberrabbiners« – so der immer wieder kolportierte Abstammungshinweis – das nationalsozialistisch geprägte Zerrbild des »Finanzjuden« als Untermalung durch.

Höchste Zeit also, mit den Klischees aufzuräumen.

Schon was seine Geburt betrifft, gilt es, die gängige Lesart zu revidieren. Als Camillo Castiglioni am 22. Oktober 1879 in Triest zur Welt kommt, ist sein Vater Vittorio nicht Oberrabbiner, sondern lehrt Mathematik an einer Handelsschule der Hafenstadt. Erst fünfundzwanzig Jahre später wird er Oberhaupt der israelitischen Gemeinde Italiens. Zu diesem Zeitpunkt hat sich sein Sohn Camillo längst als »Geschäftsmann« in Wien niedergelassen. Anstatt wie sein älterer Bruder Arturo eine akademische Laufbahn anzustreben, hat Camillo Castiglioni eine Lehre in einer Wechselstube Triests absolviert und den Umgang mit internationaler Klientel, mit Wertpapieren und Devisen gelernt. Daneben begeistert sich der Heranwachsende für alles, was rollt und fährt und fliegt. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert geht er als Vertreter der Österreichisch-Amerikanischen Gummiwerke (heute: Semperit) nach Konstantinopel. Zwei Jahre später folgt er dem Ruf in die Haupt- und Residenzstadt Wien, um dort die Exportabteilung der Gummiwerke zu leiten. 1907 ist er deren Direktor, zwei Jahre später bestimmt er auch die Geschicke des Automobil- und Flugmotorenherstellers Österreichische Daimler Motoren Gesellschaft, kurz: Austro-Daimler. Einem sicheren Gespür für Inszenierung folgend, lässt Castiglioni in seinen Gummiwerken eine Lenkballonhülle und bei Austro-Daimler einen passenden Motor bauen, um gemeinsam mit Chefkonstrukteur Ferdinand Porsche im November 1909 zu einem spektakulären Lenkballon-Rundflug um den Wiener Stephansdom zu starten. Obwohl die Technologie nur begrenzt militärtauglich ist, zieht Castiglioni mit der Aktion die Aufmerksamkeit Kaiser Franz Josephs I. auf sich, der den Dreißigjährigen denn auch umgehend zum Kommerzialrat ernennt.

Das Prinzip, sich die Mächtigen durch Gefälligkeiten zu verpflichten, wird zum Treibsatz für den raschen Aufstieg. Durch die großzügige Unterstützung des Österreichischen Aero-Clubs, zu dem Mitglieder der kaiserlichen Familie, hohe Militärs und prominente Wirtschaftstreibende gehören, gelingt es Castiglioni, sich in eine derart privilegierte Position zu bringen, dass er frühzeitig von der geplanten massiven Aufrüstung der Gemeinsamen Armee der Doppelmonarchie mit Militärflugzeugen erfährt. Castiglioni gründet eine Luftfahrzeug-Handelsfirma und erwirbt die Mehrheit an zwei Flugzeugwerken. Chefkonstrukteur soll der bei den Hansa und Brandenburgischen Flugzeugwerken GmbH tätige Ernst Heinkel werden. Als dieser das Angebot ablehnt, erwirbt Castiglioni als Kopf eines Konsortiums die Hansa-Brandenburg – einschließlich Heinkel – kurzerhand und bringt sich bis zum Kriegsausbruch 1914 als Großlieferant der k.u.k. Luftfahrtruppen in Position. Fast jeder Fahrzeug- und jeder Flugmotor stammt von Austro-Daimler, jedes zweite Kampfflugzeug aus Castiglionis Fabriken. Eines der erfolgreichsten Jagdflugboote – die Hansa-Brandenburg CC – führt sogar Castiglionis Initialen.

Bereits 1917 begreift Castiglioni, dass der Krieg für die deutsch-österreichische Allianz nicht zu gewinnen ist. Ahnend, dass die Luftfahrtindustrie in den Verlierer-Ländern nach dem Krieg längerfristig zum Erliegen kommen wird, stößt Castiglioni seine Flugzeugfabriken ab und parkt die Erlöse in Dollar auf Schweizer Konten. Zur Abwicklung künftiger Geschäfte erwirbt er die kleine, aber feine Allgemeine Depositenbank in Wien. Vor allem aber nutzt er nach Kriegsende die durch den Friedensvertrag gegebene Möglichkeit, die italienische Staatsbürgerschaft anzunehmen, und erhält damit – als einer »Siegermacht« zugehöriger Ausländer – gleichsam freie Hand für künftige geschäftliche Aktivitäten.

Nahtlos gelingt Camillo Castiglioni der Übergang vom Protegé des österreichisch-ungarischen Monarchen zur wirtschaftlichen Zentralfigur der Ersten Republik. Inmitten von ökonomischem Chaos, veralteten Strukturen, schwächelnder Industrie, unstabilen Finanzsystemen und um sich greifender Inflation steht Castiglioni mit seinen Dollarreserven (wie ein Zeitgenosse bemerkt) »gleich einer Krake bereit, seine Tentakel auszustrecken, um die Beute an sich zu reißen«. Mit »Beute« gemeint sind Industriebetriebe in Bayern und auf dem Balkan sowie die »Leckerbissen« unter den Industriebetrieben der ehemaligen Monarchie – darunter fast alle österreichischen Automobilhersteller und ein Großteil der österreichischen Papierindustrie.

Innerhalb von sechs Jahren kauft Castiglioni durch geschicktes Ausnutzen der in den verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten in unterschiedlicher Stärke wirksamen Inflation ein aus Dutzenden Aktiengesellschaften bestehendes Firmenimperium zusammen und häuft dabei neben einem stattlichen Vermögen einen nicht minder stattlichen Schuldenberg an. Wie bei seinem Kooperationspartner Hugo Stinnes ist auch bei Castiglioni das erste Prinzip die Vermögensmehrung: Kaufe jetzt und zahle später in inflationsentwerteter Währung. Und wie Stinnes gilt damit von nun an auch Camillo Castiglioni in der öffentlichen Wahrnehmung als »Kriegsgewinnler« und »Inflationskönig«.

Castiglioni hält dagegen, indem er eine imagefördernde Presse finanziert und als Kunst- und Kulturmäzen in Erscheinung tritt. 1916 hat er in zweiter Ehe die um sechzehn Jahre jüngere Schauspielerin Iphigenie Buchmann geheiratet, deren Auftritt in Arthur Schnitzlers Bühnenstück Das weite Land auch in der New York Times Erwähnung fand. 1923 finanziert Castiglioni zugunsten Max Reinhardts Umbau und Neuausstattung des Wiener Theaters in der Josefstadt im Stil des venezianischen Teatro La Fenice. Vor allem aber stattet er sein mit Inflationsgeldern erworbenes Palais nahe dem Schloss Belvedere mit Schätzen des europäischen Kunsterbes aus, lässt Decken aus italienischen Palazzi importieren und hält in der Manier italienischer Renaissancefürsten Hof. Längst reist der rundliche Triester im Salonwagen des letzten österreichischen Kaisers durch die Lande. Bevorzugtes Ziel an den Wochenenden ist seine 1920 erworbene Villa am Grundlsee. Hier sind die engeren Freunde zu Gast, darunter Hugo von Hofmannsthal und Anton Rintelen, Landeshauptmann der Steiermark, hier feiert er mit großer Geste den Geburtstag seiner Frau, zu dem er die damals berühmteste Gesangsgruppe der Welt – die Revelers – engagiert. Dass Castiglionis Grundlseer Villa kaum zwei Jahrzehnte später den Großteil der geplanten »Führerbibliothek« beherbergen wird, ist zu diesem Zeitpunkt ebenso wenig vorstellbar wie der Zusammenbruch seines gewaltigen Finanzimperiums.

Etwa fünf Jahre lang wird Camillo Castiglioni von Wirtschaft, Politik und einem Teil der Presse wie ein Monarch hofiert, während er zugleich geschickt die Rolle eines diplomatischen Mittlers in Europa übernimmt. Besonders Benito Mussolini schätzt seinen Landsmann, der erkennbar italienische Interessen in Österreich vertritt und zu Beginn der 1920er Jahre eine erste US-Anleihe für Italien vermittelt. Ungeachtet der in hauseigenen Blättern platzierten »Homestorys« und Lobgesänge sind ab 1922 sowohl in der rechts- als auch in der linksgerichteten Presse zunehmend kritische bis aggressive Stimmen zu vernehmen. Vor allem der Satiriker Karl Kraus feuert in seiner Fackel publizistische Breitseiten gegen Castiglionis »Triumphzug des Raubes auf der Stätte des Menschenmords«, während er zugleich einräumt, dass Castiglioni »mit allen Poren seines Körpers die Zusammenhänge jeglichen Geschehens« begreift.

Bis 1924 gilt diese Einschätzung nahezu uneingeschränkt, doch dann, mit dem Zusammenbruch der Depositenbank, beginnt sich das Blatt für Castiglioni zu wenden. Zwar hatte sich Castiglioni bereits 1922 von Anteilen und Aufsichtsratsmandat getrennt, dennoch richtet sich das Interesse von Staatsanwaltschaft und Presse vor allem auf seine Person. Eine Woche lang beherrscht der Fall die Schlagzeilen von New York über Rom bis Wien, bevor Justizminister Leopold Waber und Bundeskanzler Ignaz Seipel die Justiz zurückpfeifen, was auch die Tagespresse verstummen lässt.

Dem »Inflationskönig« bleibt es damit vorbehalten, seinen Sturz selbst zu inszenieren. Seitdem sich – nach dem Stopp der deutschen Hyperinflation im November 1923 – Schulden nicht mehr inflationsbedingt »von selbst« bereinigen, sondern in harten Devisen beglichen werden müssen, hat sich die Situation für Camillo Castiglioni geändert. Zins- und Tilgungsfälligkeiten drohen, und Castiglioni, der seit 1918 unablässig expandierte, ohne je die Kunst der Konsolidierung geübt zu haben, steht erstmals vor Liquiditätsproblemen. Rettung verspricht da unversehens die seit Ende 1923 gegen den französischen Franc gerichtete weltweite Spekulation. Ihr schließt sich Castiglioni im Januar 1924 in der Hoffnung an, binnen weniger Wochen das benötigte »große« Geld zu verdienen. Doch der »pescecane« hat seine Rechnung ohne den noch größeren »Hai« J.P. Morgan, Jr. gemacht. Während Castiglioni den Franc-Niedergang publizistisch unterstützt, bereitet der New Yorker Bankier heimlich einen Coup besonderer Art vor. Im März 1924 lässt er die Bombe platzen, als ein von ihm angeführtes US-Bankenkonsortium den Franc unversehens stützt und die Spekulation schlagartig zu Fall bringt. Morgan ist nun um mehrere Millionen Dollar reicher, Castiglioni so gut wie zahlungsunfähig. Doch anders als die Mehrzahl der teils ruinierten Fehlspekulanten zeigt sich Castiglioni nicht nur regressfähig, sondern auch regresswillig.

Konsequent trennt er sich von den meisten Firmenbeteiligungen, lässt seine Kunstsammlung versteigern (darunter Werke von Tiepolo, Rubens und Donatello) und nimmt den Kampf gegen die – angesichts des Kursverfalls seiner Börsenwerte – stetig nachwachsenden Verbindlichkeiten auf. Doch sein Imperium ist Geschichte, sein Privatbesitz zusammengeschrumpft, das Wiener Palais hoch belastet. Und auch bei BMW hat man Castiglioni 1929 im Zusammenspiel zwischen Deutscher Bank und den Berliner Ministerien endgültig ausgeschaltet. Nachdem er 1926 Anteile an den Münchner Motorenwerken verpfänden und neue Aktien ausgeben musste, begannen Macht und Einfluss des einstigen Alleineigentümers zu erodieren, wandelten sich die Höflinge zu Feinden, wurde der »Hai« zum Gejagten. Mit einem Mal war C.C. der »Ausländer« und – obwohl bereits 1912 zum evangelischen Glauben konvertiert – der »Jude Castiglioni«.

Castiglioni wehrt sich, kämpft um seine Reputation, erstreitet Gerichtsurteile und einstweilige Verfügungen. So darf etwa Karl Kraus’ 1928 publiziertes Schauspiel Die Unüberwindlichen in Wien überhaupt nicht, in Dresden nur ohne den inkriminierenden 3. Akt stattfinden. 1926 überschreibt Camillo Castiglioni die Grundlseer Villa seiner Frau. Wenige Jahre später verlässt Iphigenie Castiglioni mit den gemeinsamen Kindern Europa und zieht nach Los Angeles. Von den USA aus verkauft sie 1937 die inzwischen hoch belastete »Villa Castiglioni« an einen Schweizer Geschäftsfreund ihres Mannes, 1940 lässt sie sich scheiden, 1943 heiratet sie den Schauspieler Leonid Kinskey und wird schließlich zu einer vielbeschäftigten Nebenrollendarstellerin in Filmen und Fernsehserien.

Als die NS-Exekutive unmittelbar nach dem »Anschluss« Österreichs 1938 mit der »Arisierung« »jüdischen« Eigentums beginnt, hat sich Castiglioni längst nach Italien abgesetzt. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wird Attilio Tamaro, Italiens Botschafter in der Schweiz, zur wichtigsten Bezugsperson Castiglionis, zumal dessen Verbleib in Italien infolge des Schulterschlusses zwischen Nazi-Deutschland und Italien und der daraus resultierenden italienischen Rassengesetze ab 1939 gefährdet ist. In dieser Situation plant Castiglioni, inzwischen sechzig Jahre alt, nochmals ein gewaltiges Unternehmensprojekt: die Errichtung einer Ölraffinerie in der bislang von importiertem Benzin und Heizöl abhängigen Schweiz. Im Handumdrehen findet er Kapitalgeber und Anteilseigner, verschafft sich Zugang zu prominenten politischen Repräsentanten und erwirkt die erforderlichen Genehmigungen. Doch unvermittelt holt ihn seine Vergangenheit ein. Von einem Tag auf den anderen wird Castiglionis Anwesenheit in der Schweiz zum Skandal, der Hinauswurf der »Inflationshyäne« gefordert. Im Frühjahr 1943 schließlich muss Camillo Castiglioni die Schweiz in Richtung Italien verlassen. Die beiden letzten Kriegsjahre überlebt er buchstäblich maskiert in San Marino.

1949 taucht Castiglioni unversehens wieder in den Medien auf. »C.C. baut Brücken – Mehr weiß man nicht« übertitelt der Spiegel ein eineinhalbseitiges Feature. Indes vermag das Magazin seinen Andeutungen über die »in mystisches Dunkel« gehüllten Geschäfte des »undurchdringlichen Mannes«, der sich »rühmt, seit dreißig Jahren keinem Schnappschuss mehr erlegen zu sein«, wenig Konkretes hinzuzufügen.

Wer sich mit Camillo Castiglioni befasst, dem fällt beim Studium der seit den frühen 1920er Jahren bis heute publizierten Sekundärliteratur dreierlei auf: erstens das scheinbar untrennbare Begriffspaar »Inflationsgewinnler« und »Sohn des Oberrabbiners«. Spielte die »jüdische« Herkunft Camillo Castiglionis zur Zeit der Monarchie so gut wie überhaupt keine und bis zu Beginn der 1920er Jahre nur eine untergeordnete Rolle, so wird sie ab 1923 zum unentbehrlichen Stereotyp. Zweitens ist der Unterschied in der Castiglioni-Rezeption innerhalb und außerhalb Österreichs bemerkenswert. Während Castiglioni in der US-amerikanischen und der westeuropäischen Presse überwiegend neutral beurteilt wurde, und während sich etwa deutsche, italienische, amerikanische und Schweizer Autoren wie Till Lorenzen (BMW als Flugmotorenhersteller), Gerald D. Feldman (Hugo Stinnes), der Wirtschaftswissenschaftler Luca Segato (La Banca Commerciale Italiana e Camillo Castiglioni) oder der Schweizer Historiker Benedikt Hauser (Eine ölige Geschichte) um Ausgewogenheit bemühen, hat sich das grundsätzlich negative Urteil über Castiglioni in Österreich bis heute weitgehend erhalten. An dritter Stelle stehen die hartnäckigen Legenden. Als wären Castiglionis rasante Berg- und Talfahrten nicht schon einzigartig genug, schmücken zahllose Überblähungen, unbestätigte Anekdoten und Episoden die Castiglioni-Rezeption. Da wird der Lenkballonflug von 1909 zur Alleinumkreisung des Stephansdoms in einem einmotorigen Flugzeug umgedichtet, da wird ein ums andere Mal die Legende vom Eisenbahnwaggon voller roter Rosen aufgewärmt, die Castiglioni seiner Frau an den Grundlsee geschickt haben soll – oder vom Duell, das sich Castiglioni angeblich mit einem österreichischen Offizier um eine Frau lieferte, oder vom Ehering, den Castiglioni auf der überstürzten Flucht aus Österreich in einem soeben gelesenen Buch vergessen haben soll, oder von den Börsentipps, die Castiglioni dem österreichischen Kaiser Karl I. gegeben haben soll. Einige Legenden gehen auf Castiglioni selbst zurück, der offensichtlich zur Selbstheroisierung neigte und es genoss, seine jeweilige Entourage in ehrfürchtiges Staunen zu versetzen.

Andere »Heldengeschichten« gehen auf Ernst Heinkel zurück, der seine Lebenserinnerungen fast vier Jahrzehnte nach ihrem Kennenlernen gemeinsam mit dem Autor und Journalisten Jürgen Thorwald verfasste. Heinkel empfand wohl eine Art »Bringschuld« seinem einstigen Förderer gegenüber und hob ihn daher auf einen Sockel. Doch der gebührt Castiglioni in Wahrheit ebenso wenig wie das eindimensionale Verdikt, ein Schurke gewesen zu sein, dessen Ziel einzig darauf gerichtet war, alle Welt zu übervorteilen oder zu betrügen.

Nicht zuletzt deshalb hat es sich der Autor des vorliegenden Buches zur Aufgabe gemacht, ein möglichst vorurteilsfreies, objektives Abbild zu zeichnen. Dazu gehörte, anstelle von Sekundärquellen so weit wie möglich Originaldokumente zu befragen, Vermutungen zu unterlassen, zweifelhafte Quellen als solche zu kennzeichnen, Motiven und Antrieben hinterherzuspüren und die Geschichte dieser bemerkenswerten Persönlichkeit in den jeweiligen historischen Zusammenhängen und Verknüpfungen zu erzählen. Dass hierbei gelegentlich Parallelen zu heutigen Verwerfungen und »Finanzhaien« sichtbar werden, liegt nicht zuletzt in der Natur des Menschen und der dadurch begünstigten Kreisläufe.

Reinhard Schlüter,

im Frühjahr 2015

PROLOG

Donnerstag, 14. Oktober 1943. Bis vor einem halben Jahr kannte Friedrich Wolffhardt weder den Grundlsee, noch hatte er eine Vorstellung davon, wo sich das Ausseerland befindet. Jetzt hält sich der dreiundvierzigjährige SS-Hauptsturmführer zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen in der von freundlichen Beinahe-Zweitausendern umsäumten Fünfseenlandschaft auf. Seit Jahresbeginn zeichnet sich die Niederlage Deutschlands immer deutlicher ab. In Casablanca vereinbarten Churchill und Roosevelt in der zweiten Januarhälfte 1943 das umfassende Flächenbombardement Deutschlands, Anfang Februar ergab sich die 6. Armee bei Stalingrad, Ende Mai setzte die Kapitulation der deutsch-italienischen Heeresgruppe bei Tunis dem Afrika-Feldzug ein Ende. Währenddessen erfährt die Goebbels-Parole vom »totalen Krieg« ihre zynische Bestätigung durch das massenhafte Morden in den Vernichtungslagern und die unter dem Bombenhagel wehrlos kollabierenden deutsche Städte.

Seit April 1941 ist Friedrich Wolffhardt als Bereichsleiter der in Linz geplanten »Führerbibliothek« in den »Sonderauftrag Linz« eingebunden. Sein mit unbegrenzten Vollmachten ausgestattetes Amt verdankt der gebürtige Landshuter allerdings weniger seiner »Herkunft arischen Blutes«, wie er in seinem handschriftlichen Lebenslauf betonte, sondern der persönlichen Freundschaft mit Martin Bormann, seit 1941 Leiter der Partei-Kanzlei der NSDAP und damit Hitlers Stellvertreter. Bormann hatte dem »Führer« den promovierten Germanisten als den geeigneten Mann für den Aufbau der »Führerbibliothek« empfohlen. »Die Bibliothek soll eine Million Bände umfassen«, notierte August Eigruber, Gauleiter von Oberdonau, nach einem Besuch Hitlers in Linz. »Ein schöner ruhiger Bau mit einem Säulengang, in der Mitte ein großer Lesesaal, einem kleinen Saal, Vortragssaal für wissenschaftliche Vorträge.«

Doch der Linzer Museumskomplex existiert – ähnlich der Metamorphose Berlins zur »Welthauptstadt Germania« – allenfalls in Gestalt der Architekturmodelle Albert Speers.

Ungeachtet der zu erwartenden NS-»Götterdämmerung« intensivierte Wolffhardt im Laufe des Jahres 1943 seine Sammel- und Reisetätigkeit. Köln, Utrecht, Zürich, Frankfurt, Hanau, Darmstadt, Basel, Bern und Luzern hießen die Stationen, an denen er – meist auf Auktionen – bibliophile Buchausgaben, Privatsammlungen und ganze Bibliotheken erstand. Ähnlich wie die für das »Führermuseum« bestimmten Kunstschätze kam ein Großteil der Erwerbungen durch »Requirierung« oder »Arisierung« in den Verkauf – sprich: durch Enteignung oder Zwangsverkäufe. Nur ein verschwindend geringer Teil der Bücher und Handschriften entstammt tatsächlich dem Privatbesitz des »Führers«. Zu diesem gehört etwa die ihm von Richard Wagners Schwiegertochter Winifred verehrte Original-Partitur der Oper Rienzi oder jenes in Kalbsleder gebundene Büchlein, in dem Johann Wolfgang Goethe seinem Sohn August im Jahr 1801 handschriftlich die Worte ans Herz legte: »Gönnern reiche das Buch und reich es Freund und Gespielen. / Reich es dem Eilenden hin, der sich vorüber bewegt. / Wer des freundlichen Worts, des Namens Gabe dir spendet, / häufet den edlen Schatz holden Erinnerns dir an.« Mehr als ein Jahrhundert hatte das Büchlein in Weimar gelegen, bevor es ein nachgeborener Verwandter von Goethes Frau Christiane Vulpius 1914 an einen Frankfurter Antiquar verkaufte. Von hier aus war es über ein Schweizer Auktionshaus in den Besitz des Malzkaffeekonzern-Erben Johann Heinrich Franck geraten, der es schließlich 1941 seinem Linzer Schulfreund Adolf Hitler schenkte. Nun befindet es sich im Verein mit zigtausend weiteren Büchern auf dem Weg an den Grundlsee.

Trotz ungebremster Aktivität ist Friedrich Wolffhardt vom Sammel-Soll – eine Million Bände – noch immer weit entfernt. »Über 250.000 Bücher« werde derzeit »verhandelt«, hatte Wolffhardt seinem »Führer« im Mai berichtet und damit den Umstand verschleiert, dass in Wahrheit noch 960.000 Exemplare auf die Million fehlten. Darüber hinaus erwies sich die Sammelstelle im »Führerbau« am Münchner Karolinenplatz angesichts der alliierten Luftangriffe als zunehmend unsichere Verwahrstelle. So beschloss man im Juni, die Bestände so rasch wie möglich an einen geschützten Ort zu evakuieren. Während der Großteil der Bücher Anfang August zunächst in einem Zwischenlager nahe dem oberösterreichischen Attersee landete, suchte und fand man schließlich jenes ideal erscheinende Quartier am obersteirischen Grundlsee: eine am südlichen Ostufer gelegene, bergseitig von dichtem Laubgehölz abgeschottete Gründerzeit-Villa nebst Verwaltungsgebäude mit insgesamt mehr als eintausend Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche. Am 16. August war Wolffhardts Dienststelle aus München hierher übersiedelt. Ab 6. September kamen die ersten Büchertransporte am Bahnhof von Bad Aussee an. Nun folgte der am Attersee zwischengelagerte große Rest – alles in allem rund 40.000 in 199 Kisten und 108 Paketen verpackte Buch- und Handschriftenexemplare. Bis zur Fertigstellung des »endgültigen« Bestimmungsortes sollen sie nun in dieser Gründerzeit-Villa aufbewahrt und sorgfältig katalogisiert werden. »Villa Grundlsee« nennen die Pächter aus der Münchner NSDAP-Parteizentrale die in den 1880er Jahren errichtete Immobilie, deren Innen- und Gartengestaltung eine feudale Vergangenheit ahnen lassen. In der Gegend jedoch kennt man das weithin sichtbare Prachtanwesen nur unter einem Namen: Villa Castiglioni.

Schon ein erster Blick von der weitläufigen Seeterrasse auf die am nordwestlichen Seeufer liegenden Häuser und Villen lässt das breite soziale Spektrum jener Gegend erkennen: die räumliche wie historische Nähe von Einheimischen, Aristokraten, Geld- und Kulturadel sowie NS-Prominenz. Hier verbringen die Stars Attila Hörbiger und Paula Wessely seit den 1930er Jahren die Sommer, hier wird Publikumsliebling Johannes Heesters im Januar 1944 mit seiner Familie Quartier beziehen, hier verbrachte Reichspropagandaminister Goebbels im Sommer 1941 mit Frau und Kindern seinen Urlaub, und hier lud die jüdische Philanthropin und Reformpädagogin Eugenie Schwarzwald zu literarischen Abendgesellschaften. Auch sonst liest sich die Liste der Ausseer Sommerfrischler und »Zweiheimischen« wie ein kulturgeschichtliches Who’s who: Johannes Brahms, Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Jakob Wassermann, Bruno Walter, Rainer Maria Rilke, Theodor Herzl sowie Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus.

So unterschiedlich wie die Bevölkerungs- und Gästestruktur war auch die Beziehung der beiden Letztgenannten zu Camillo Castiglioni, dem Namensgeber und langjährigen Eigentümer des Anwesens. Während Karl Kraus mit seiner Zeitschrift Die Fackel »Feuerdistanz« wahrte und seinen Lieblingsfeind Castiglioni als Inkarnation des Raubtierkapitalismus brandmarkte, pflegte Hofmannsthal zu diesem Förderer Max Reinhardts und des Salzburger Mozarteums freundschaftliche Nähe. »Verehrter Freund«, bedankte sich Camillo Castiglioni am 28. März 1928 bei Hofmannsthal für die Übersendung einer aktuellen Buchneuerscheinung, »ich freue mich schon darauf, das Buch noch heute Abend zu lesen. Ihre Worte der Anerkennung haben mich beschämt aber auch erfreut. Es klingt banal, wenn ich Ihnen sage, dass die einzige Anerkennung die mich freuen konnte, die Ihre ist, denn nur Sie können meiner Meinung nach ein vollkommenes Urteil abgeben.«1

Tatsächlich war das Verdikt über den zigfachen Ex-Teilhaber, Ex-Eigentümer und Ex-Bankier Castiglioni in Österreich zu diesem Zeitpunkt längst gefällt. Und auch in Deutschland hatte man begonnen, den langjährigen BMW-Alleinaktionär aus dem Unternehmen zu drängen. Dass Camillo Castiglioni am 23. August 1928 das amerikanische Vokal-Quartett mit internationalem Ruhm, The Revelers2, zu einem Geburtstagsständchen für seine Frau in die Grundlseer Villa lud, mutet so gesehen wie ein letztes Aufbäumen gegen den unvermeidlichen Absturz ins Gewöhnliche an.

Die »Arisierung« sollte dem Anwesen jedoch erspart bleiben. 1926 hatte Camillo Castiglioni die Villa seiner Frau Iphigenie überschrieben. 1935 war die ehemalige Burgschauspielerin in die USA emigriert, um am Hollywood-Boulevard in Los Angeles Quartier zu nehmen und ihre 1916 (dem Jahr ihrer Eheschließung) unterbrochene Schauspielerkarriere fortzusetzen. Im Frühsommer 1937 stand Iphigenie Castiglioni für William Dieterles The Life of Emile Zola vor der Kamera, während sie den Verkauf der Grundlseer Villa an den Schweizer Geschäftsmann Enrico Hardmeyer betrieb. Ein Dreivierteljahr später kam Hardmeyer just am 12. März 1938, dem Tag des deutschen Einmarsches in Österreich, bei einem Zugunfall ums Leben, 1941 veräußerten Hardmeyers Erben die Villa an die Gauwirtschaftskammer Oberdonau, die das Anwesen schließlich an die Münchner NSDAP-Parteizentrale verpachtete.

Fünfzehn Jahre sind seit der Revelers-Soiree vergangen, und während sich an diesem 14. Oktober 1943 unter den Renaissance-Decken der »Villa Castiglioni« die Bücherkisten stapeln und sich das ehemalige Schlafzimmer des Hausherrn, das einstige Ankleidezimmer der Dame des Hauses und die Kammer der Zofe in Büros für den »Sonderauftrag« verwandeln, haben sich die Koordinaten im Leben von Camillo und Iphigenie Castiglioni zum wiederholten Male dramatisch verschoben.

1940 hatte sich Iphigenie Castiglioni in Los Angeles scheiden lassen, seit dem Frühsommer 1943 ist sie mit ihrem Hollywood-Kollegen Leonid Kinskey verheiratet. Von all dem scheint Camillo Castiglioni nichts mitbekommen zu haben. 1939 hatte er die Schweiz als einzig verbleibende Fluchtinsel vor dem Nationalsozialismus ausgemacht. Im Juni 1940 erhielt er dort eine bis April 1941 befristete Aufenthaltsbewilligung, die er unter Ausnutzung sämtlicher Einspruchsmöglichkeiten und allfälliger Krankheitsatteste bis ins Jahr 1943 zu prolongieren verstand. Doch sein Versuch, in der Schweiz wirtschaftlich Fuß zu fassen, war von einem Teil der Schweizer Presse lautstark skandalisiert worden. Am 12. April 1943 wurde Castiglioni zum »unerwünschten Ausländer« erklärt und dazu »eingeladen«, die Schweiz bis Ende Mai 1943 zu verlassen. »Nun gibt es in Europa keinen Platz mehr, an dem sich Camillo Castiglioni ungefährdet aufhalten kann«, frohlockte man im Völkischen Beobachter am 18. April 1943 und unterschätzte damit – wie zuvor schon so viele andere – die erstaunliche Überlebensfähigkeit des mittlerweile Vierundsechzigjährigen. Denn tatsächlich hat Camillo Castiglioni an diesem 14. Oktober 1943, an dem die Mitarbeiter des »Sonderauftrags Linz« ihre Arbeit in der »Villa Castiglioni« aufnehmen, längst einen solchen Platz gefunden.

2. AUFBRUCH

Die Welt zur Jahrhundertwende

Drei Großereignisse bestimmen im vom deutschen Kaiser flott zum »ersten Jahr des neuen Jahrhunderts« proklamierten Jahr 1900 die internationalen Schlagzeilen: Burenkrieg, Boxeraufstand und Pariser Weltausstellung. Dass zwei dieser Ereignisse Kriege sind, wirft bereits einen ersten Schatten auf das beginnende Jahrhundert. Sowohl im Burenkrieg in Südafrika wie auch beim Boxeraufstand in China geht es um den Aufstand ansässiger Völker gegen Unterdrückung und Ausbeutung durch die um Weltmarktanteile konkurrierenden Kolonialmächte. Die tun einander bei der Verteilung des Kuchens einstweilen nicht weh: Während das Deutsche Reich mit der pazifischen Insel Samoa das Dutzend voll macht8 und die Buren sich in einem ebenso blutigen wie aussichtslosen Unabhängigkeitskampf gegen die Kolonialmacht Großbritannien aufreiben, sehen sich die von Regierungstruppen unterstützten chinesischen Boxer einer einträchtigen Phalanx der wichtigsten westlichen Mächte gegenüber: Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, USA, Japan, Frankreich, Italien und Russland. »Pardon wird nicht gegeben! Gefangene werden nicht gemacht«, übertönt der deutsche Kaiser das Kriegsgeschrei in einer später als »Hunnenrede« bezeichneten Ansprache an sein Kolonialheer: »Wer euch in die Hände fällt, sei euch verfallen! Daß es niemals wieder ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen!«

Vergleichsweise unbeachtet finden daneben in Paris die Wettkämpfe der zweiten Olympischen Spiele statt. Gleichsam als Nebenprogramm sind sie in die vom April bis November dauernde Weltausstellung eingebettet. Dabei erregt die Eröffnung der Pariser Metro mehr öffentliches Interesse als etwa die auf einem Stück Rasen im Bois de Boulogne abgehaltenen Leichtathletikwettbewerbe. Dieselmotor, Rolltreppe und Tonfilm gelten als die drei aufsehenerregendsten technischen Neuerungen dieser »Exposition universelle«.

Der Aufbruch ins 20. Jahrhundert zeigt sich indes auch und vor allem außerhalb der Pariser Ausstellung. So hebt etwa in Friedrichshafen am Bodensee der erste Zeppelin ab, und in den USA gelingt die erste drahtlose Sprachübertragung. Darüber hinaus konstituiert sich in Stockholm die Nobelstiftung, werden zahllose Verbände (Deutscher Fußball-Bund), Sportevents (Davis Cup) und Vereine (FC Bayern München) gegründet. Mehr noch als die Eroberung und der Erwerb kolonialer Gebiete haben vor allem Forschung und Industrialisierung Deutschland auf Augenhöhe mit den übrigen Weltmächten gebracht. Zum inoffiziellen Titel des »Technologie-Weltmeisters« in den Bereichen Elektrotechnik, Chemie und Maschinenbau fügt sich der des »Export-Champions«. Die Unternehmen heißen Krupp, Siemens, Thyssen, BASF und AEG, die Forscher an der Weltspitze Robert Koch, Max Planck, Wilhelm Conrad Röntgen oder Emil von Behring. Schon im ersten Nobelpreisjahr gehen zwei der Auszeichnungen nach Deutschland.

Besonders eine deutsche Erfindung macht um die Jahrhundertwende von sich reden: die von Nikolaus Otto mit dem Verbrennungsmotor eingeleitete und von Gottlieb Daimler und Carl Benz in den 1880er Jahren vollendete Erfindung des Automobils. Bestaunt wird auf der Pariser Weltausstellung auch ein neuartiges Produkt des Wiener Fahrzeugherstellers Lohner: ein 2,5 PS starkes Elektromobil, das eine Geschwindigkeit von fünfzig Stundenkilometern erreicht. Konstrukteur ist ein fünfundzwanzigjähriger Elektriker namens Ferdinand Porsche. Achtundvierzig Exemplare des benzin- und batteriegespeisten »Lohner-Porsche« werden noch in Paris an die Berliner Elektromobil-Droschken-AG verkauft, achtundsiebzig gehen an die Société Mercédès Électrique in Paris.

Noch aber werden neun Jahre ins Land gehen, bevor Ferdinand Porsche und Camillo Castiglioni ihre langjährige, ebenso fruchtbare wie von Auseinandersetzungen geprägte Allianz begründen.

Von jenen Droschken- und Fuhrunternehmen sowie einigen wenigen bürgerlichen Käufern abgesehen, ist das Automobil einstweilen noch der Aristokratie vorbehalten. So darf es Ferdinand Porsche als »Privileg« ansehen, den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand im Spätsommer 1901 mit dem von ihm konstruierten Hybridfahrzeug zum Kaisermanöver zu kutschieren. Unterdessen zeigt sich südlich wie nördlich der Donau längst die Kehrseite des Technologiewandels und der damit einhergehenden Veränderungen: eine zunehmend in oben und unten, drinnen und draußen, reich und arm sich teilende Gesellschaft. Verschärft wird die Entwicklung durch das zwischen 1890 und 1910 sprunghaft beschleunigte Bevölkerungswachstum. Gründe dafür sind unter anderem die Eindämmung der Kindersterblichkeit, verbesserte Krankenhaushygiene, neue Seren und Reihenimpfungen – vor allem aber der ungebremste Zustrom aus den ländlichen Gebieten in die Städte. Mehr noch als in der deutschen Hauptstadt Berlin zeigen sich in Wien die Licht- und Schattenseiten der rasanten Veränderungen.

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Der Lohner-Porsche – das erste Hybridfahrzeug der Welt (Quelle: Porsche Media Archives)

Ankunft in Wien

Auf knapp zwei Millionen hat sich die Einwohnerzahl der Metropole Wien binnen drei Jahrzehnten verdoppelt. Der seit 1860 nach dem Pariser Vorbild vollzogene urbane Wandel hat das Handels-, Finanz- und Machtzentrum zu einem Hauptanziehungspunkt Europas werden lassen. Stadtpark, Hofoper, Hofburgtheater, Museen, Parlament, Rathaus und etliche stattliche Palais säumen zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Prachtboulevard namens Ringstraße. Die Architekten der Stunde heißen Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos. In den zahllosen Kaffeehäusern innerhalb, entlang und außerhalb der Ringstraße treffen sich Maler, Komponisten und Schriftsteller wie Gustav Klimt, Koloman Moser, Gustav Mahler, Hermann Bahr, Peter Altenberg und Karl Kraus. Wenige Schritte nördlich der Ringstraße praktiziert jener Arzt, der 1896 den Begriff »Psychoanalyse« erstmals genannt und 1899 seine wegweisende Traumdeutung publiziert hat: Sigmund Freud.

Die Stadt platzt aus allen Nähten, viele der aus den entlegenen Gebieten des aus zwölf Nationalitäten und einer Vielzahl kleiner Bevölkerungsgruppen zusammengehäufelten Staatsgebildes in der Hoffnung auf Arbeit zugewanderten Familien hausen in den Außenbezirken unter elenden Lebensbedingungen. Besonders weibliche Arbeitskräfte werden von Unternehmen zu Dumpingpreisen angestellt. Wer einen Arbeitsplatz hat, leistet sein Pensum unter teils unzumutbaren Bedingungen. So auch in der Österreichisch-Amerikanischen Gummifabrik in der Hütteldorferstraße. Achtundsiebzig Wochenstunden muss das größtenteils weibliche Personal inmitten der Gummi- und Klebstoffdämpfe ableisten – sechs Tage zu je dreizehn Stunden. Wer die Fabrik statt um acht Uhr abends früher verlässt, wird zur Strafe eine Woche lang unbezahlt nach Hause geschickt. Vor allem der siebenstündige, von keiner Pause unterbrochene Nachmittag zehrt an den Kräften der Arbeiterinnen. Neben anderen restriktiven Schikanen werden materialbedingte Fertigungsmängel mit Lohnabzügen bestraft. Anfang November 1901 eskaliert der Unmut. Unterstützt von der Gewerkschaft treten die zweihundert Arbeiterinnen in einen mehrwöchigen Streik. Ihre Forderungen: zehnstündige Arbeitstage und eine fünfzehnminütige Pause. Als die Unternehmensführung mit Aussperrung antwortet und sich weigert, auch nur eine der Forderungen zu erfüllen, bricht der Streik ergebnislos zusammen. »Misserfolg!« titelt die sozialistische Arbeiter-Zeitung lapidar.

Von alledem bekommt Camillo Castiglioni an seinem komfortablen Arbeitsplatz in Konstantinopel wenig mit. Die Beziehungen der Österreichisch-Amerikanischen Gummiwerke zu den Osmanen sind unter seiner Geschäftsführung zu neuer Blüte gediehen. Rasch hatte der knapp Zweiundzwanzigjährige begriffen, dass es zur Akquisition lukrativer öffentlicher Aufträge neben verkäuflichen Produkten vor allem der aus Vorteilsgaben, Gunst- und Sachleistungen gebildeten Schmiermittel bedarf. Einer, der ihm dabei als Vorbild und mit väterlichem Rat zur Seite steht, ist der ebenfalls aus Triest stammende Kaufmann Lazare Vitali. Schon lange vor Camillo Castiglioni hat sich der von Sultan Abdülhamid II. mit dem Mecidiye-Orden ausgezeichnete Import- und Exportkaufmann in Konstantinopel ein dichtes Beziehungsnetz aufgebaut und betreibt daneben eine Handelsdependance in Wien. Vor allem aber verfügt Vitali aus der Sicht Castiglionis über einen weiteren Vorteil: eine heiratsfähige Tochter namens Alaïde.

Als Camillo Castiglioni ein Jahr nach Ende des Gummiarbeiterinnen-Streiks nach Wien gerufen wird, um dort die Leitung der Exportabteilung zu übernehmen, ist er bereits mit Alaïde Vitali verlobt. Castiglioni bezieht eine Wohnung in der Lindengasse 7 im siebten Wiener Gemeindebezirk. Ein halbes Jahr später heiratet das Paar nach jüdischem Ritus, am 1. Mai 1905 wird ihr erster Sohn geboren und nach Camillos älterem Bruder Arturo benannt.

Der Balkankonflikt

Fünf Jahre ist das 20. Jahrhundert nun alt, und es scheint, als folge das Säkulum strikt dem zu Beginn angeschlagenen Takt. Kaum eine Woche vergeht ohne technologische Neuentwicklung, kaum ein Tag ohne spektakuläre Pionierleistungen und Rekorde. Am 19. Oktober 1901 legt der in Paris lebende Brasilianer Alberto Santos-Dumont in einem selbstkonstruierten Luftschiff die Strecke St. Cloud–Paris–St. Cloud in einer halben Stunde zurück und umkreist dabei den Eiffelturm. Im Dezember 1903 absolvieren in North Carolina die Brüder Wilbur und Orville Wright den ersten dokumentierten Flug mit einem Motorflugzeug. Zwei Jahre später wird dem Brüderpaar in den USA der erste »Kreisflug« gelingen.

Auch an der politisch-militärischen Front setzen sich die seit Beginn des Jahrhunderts schwelenden Konflikte fort. Insbesondere der Balkan mit seinen innerhalb und außerhalb des habsburgischen »Völkerkerkers« lebenden Ethnien wird sich als zunehmend brisanter Konfliktherd erweisen. Am 3. Oktober 1903 haben Österreich-Ungarn und Russland im Vertrag von Mürzsteg vereinbart, gemeinsam »für Ruhe« auf dem Balkan »zu sorgen«. Doch im Jahr darauf mündet der zwischen Russland und Japan schwelende Konflikt um die Vorherrschaft in Korea und der Mandschurei in einen Angriff Japans auf die russischen Stellungen in Port Arthur und in den Russisch-Japanischen Krieg, den Russland 1905 verliert. Die Probleme mit dem Balkan bleiben Österreich-Ungarn überlassen, das 1906 einen Wirtschaftskrieg gegen das Königreich Serbien vom Zaun bricht. Währenddessen bemühen sich England und Frankreich, die zwischen ihnen in Afrika schwelenden Kolonialkonflikte auszuräumen, indem sie sich 1904 auf eine »Entente Cordiale«9 verständigen, was wiederum den deutschen Kaiser dazu bewegt, 1905 Tanger zu besuchen, wo er mit seinem unerwarteten Auftauchen die zwei Jahre währende »Marokkokrise« auslöst.

Diese internationalen Spannungen werden in der Familie Castiglionis von einem unerwarteten Ereignis überstrahlt. Nachdem Vittorio Castiglioni seine Hoffnungen auf die Nachfolge Moisè Tedeschis als Oberrabbiner der israelitischen Gemeinde Triests enttäuscht sah, hatte er sich mehr denn je auf seine pädagogische und wissenschaftliche Arbeit konzentriert, Kongresse besucht und sich hin und wieder öffentlich zu Wort gemeldet – zuletzt anlässlich der blutigen Judenpogrome während des Pessachfestes 1903 im russischen Kischinjow. Doch im Frühjahr 1904 wird Vittorio Castiglioni von der Nachricht überrascht, dass er dem verstorbenen Moisè ...

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