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Der Greifenmagier: Gesetz der Erde

Über die Autorin

Rachel Neumeier begann Romane zu schreiben, um einen Ausgleich zu ihrem naturwissenschaftlichen Studium zu finden. Ihre erste Veröffentlichung war ein Fantasy-Roman für Jugendliche. Nachdem sie feststellte, dass die Forschung sie auf Dauer nicht befriedigte, verließ sie die Uni und gab sich ganz dem Schreiben und ihren Hobbys hin – zum Beispiel Förderunterricht für Kinder in Chemie und Mathe.

Rachel Neumeier

GESETZ
DER ERDE

Roman

Dritter Band der Trilogie
DER GREIFENMAGIER

Aus dem Amerikanischen von
Thomas Schichtel

BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch ist Dad gewidmet – der sicherstellt,
dass die Technik in meinem Leben funktioniert und ich mir keine Sorgen um undichte Leitungen, Ölwechsel, verstopfte Filter oder sonst eines der unzähligen Ärgernisse machen muss,
mit denen sich andere Menschen plagen,
die weniger Glück mit ihrer Familie haben.
Danke, Dad!

Landkarte

Prolog

Maianthe konnte sich nicht an ihre Mutter erinnern und fürchtete sich vor ihrem Vater – einem kalten Mann mit rauer Stimme und einer Neigung zu verletzenden Worten, wann immer ihn seine Kinder ärgerten. Er bevorzugte seinen Sohn, der schon fast ein junger Mann war, als Maianthe zur Welt kam, und überließ seine Tochter zumeist der Obhut von Kindermädchen, von denen eines das andere ablöste, denn Dienstboten blieben selten lange in diesem Haus. Hätte Maianthe keine andere Gesellschaft gehabt als die Kindermädchen, wäre ihre Kindheit wirklich traurig verlaufen. Aber zum Glück war da ja noch Tef.

Tef war Gärtner, darüber hinaus führte er so ziemlich jede Arbeit aus, die anfiel. Viele Jahre lang hatte er als Soldat gedient und in einem lange zurückliegenden Streitfall mit Casmantium einen Fuß verloren. Tef war kein junger Mann mehr und bewegte sich mithilfe einer Krücke fort, dennoch hatte er keine Angst vor Maianthes Vater. Und so kam Maianthe nie in den Sinn, dass Tef vielleicht einmal fortgehen könnte.

Trotz des fehlenden Fußes trug er Maianthe auf den Schultern durch die Gärten. Sie durfte auch mit ihm in der Küche zu Mittag essen. Er zeigte ihr, wie man Blumen schnitt, sodass sie länger frisch blieben, und schenkte ihr ein Kätzchen, das zu einer riesigen schlitzäugigen grauen Katze heranwuchs. Tef konnte mit Katzen reden, und so trieben sich immer wieder Tiere dieser Art in den Gärten und in seinem Häuschen herum. Aber keine davon war so groß oder so würdevoll wie die graue Katze, die er Maianthe geschenkt hatte.

Als Maianthe sieben war, machte sich eines der Kindermädchen daran, sie lesen und schreiben zu lehren. Dieses Kindermädchen hatte kaum damit begonnen, sie mit den Buchstaben und der Schreibung des eigenen Namens vertraut zu machen, als Maianthes Vater es auch schon wütend angiftete: Es hätte gutes Papier bei schlimmem Wetter im Freien herumliegen lassen, behauptete er und fügte dann hinzu: Wann hast du eigentlich vor, dem Kind vor Augen zu führen, wozu es geboren wurde? Ein sehenswerter Anblick ist schließlich bedeutsamer, als einem bloßen Mädchen das Lesen und Schreiben beizubringen! Das Kindermädchen kündigte daraufhin und verabschiedete sich tränenreich von Maianthe. Danach zückte Tef ein zerfleddertes Gärtnerhandbuch und brachte Maianthe das Lesen und Schreiben bei. So konnte das Mädchen den Namen von Tef früher buchstabieren als ihren eigenen. Und sie konnte »bittersüß«, »Stechwinde« und sogar »Zittergras« viel früher schreiben als den Namen ihres Vaters. Da er gar nicht bemerkte, dass sie überhaupt lesen und schreiben gelernt hatte, fühlte er sich dadurch auch nicht gekränkt.

Tef konnte Maianthe nicht das Sticken oder angemessenes Benehmen beibringen. Doch er lehrte sie zu reiten, indem er sie auf das alte Pony ihres Bruders setzte, für das dieser schon vor vielen Jahren zu groß geworden war, und sie so lange herunterfallen ließ, bis sie gelernt hatte, darauf sitzen zu bleiben. Glücklicherweise bekam ihr Bruder nie mit, dass sie sein Pony benutzte. Außerdem lehrte Tef sie, den säuselnden Ruf eines zufriedenen Meisenhähers, das trällernde Gurren einer Taube und das freundliche, leise Zirpen eines Sperlings so gut nachzuahmen, dass sie oft den einen oder anderen Vogel anlocken konnte, damit er ihr Körner oder Krümel aus der Hand fraß.

»Es ist gut, dass du die Katzen daran hindern kannst, die Vögel zu fressen«, sagte Maianthe einmal zu ihm mit ernster Stimme. »Aber macht dir das nichts aus?« Menschen, die zu einem Tier sprechen konnten, hinderten es, wie Maianthe wusste, nur ungern daran, seine natürlichen Triebe auszuleben.

»Es macht mir nichts aus«, antwortete Tef und blickte lächelnd zu ihr hinunter. Er saß absolut regungslos da, um nicht den Purpurgimpel zu erschrecken, der auf Maianthes Finger hockte. »Die Katzen können auch Wühlmäuse und Kaninchen fangen. Das ist viel nützlicher, als Vögel zu fressen. Ich frage mich, ob du dich eines Tages dabei ertappen wirst, wie du mit einem der kleinen Vögel sprichst? Das wäre hübsch und bezaubernd.«

Maianthe betrachtete den Gimpel auf ihrem Finger und lächelte. Doch sie entgegnete: »Das wäre nicht besonders nützlich. Nicht so, wie es für dich ist, mit Katzen zu reden.«

Tef zuckte die Achseln und lächelte. »Du bist Fürst Beraods Tochter. Du brauchst dir keine Gedanken darum zu machen, wie du nützlich sein kannst. Deinem Vater gefiele es wahrscheinlich besser, wenn du mit einem hübschen und bezaubernden Tier reden könntest – und nicht mit einem nützlichen.«

Das stimmte. Maianthe wünschte sich, sie wäre selbst hübsch und bezaubernd wie ein Gimpel. Vielleicht würde ihr Vater ja … In dem Moment bewegte sie abrupt die Hand, und der Vogel flatterte empor, ein Aufblitzen von Gelbbraun und Purpur. Augenblicklich vergaß sie den nur halb ausgebildeten Gedanken.

Als Maianthe neun war, brach ein fürchterlicher Sturm vom Meer her über das Delta herein. Er entwurzelte Bäume, riss Dächer von Häusern, überflutete Felder und ertränkte Dutzende von Menschen, die zufällig in die Bahn seiner ärgsten Wut gerieten. Zu den Toten gehörten Maianthes Bruder und ihr Vater, der versucht hatte, seinen Sohn vor den heranbrausenden Fluten zu retten.

Maianthe war die einzige Erbin des Vaters. Tef erklärte ihr das. Er legte ihr auch dar, warum plötzlich drei Onkel und fünf Vettern – von denen Maianthe keinen kannte, die aber alle kleine Söhne hatten – auftauchten und sich darum stritten, wer von ihnen am besten geeignet war, Maianthe ein Zuhause zu bieten. Das Mädchen versuchte zu verstehen, was Tef ihm erläuterte, aber alles war auf einmal so verwirrend. Die Auseinandersetzung hatte etwas mit den Söhnen und mit ihr zu tun.

»Ich soll … bei einem von ihnen leben?«, fragte sie besorgt. »Irgendwoanders? Kannst du nicht auch mitkommen?«

»Nein, Maia«, antwortete Tef und streichelte ihr mit der großen Hand die Haare. »Nein, das kann ich nicht. Keiner deiner Onkel oder Vettern würde das erlauben. Aber es wird dir gut gehen, verstehst du? Ich denke, es wird dir bei deinem Onkel Talenes gefallen.« Tef glaubte, dass Onkel Talenes als Sieger aus dem Streit hervorgehen würde. »Du hast dort seine Söhne, mit denen du spielen kannst, ein Kindermädchen, das länger als nur eine Jahreszeit bleibt, und eine Tante, die dich mögen wird.«

In einem Punkt behielt Tef recht: Letztlich besiegte Onkel Talenes die anderen Onkel und Vettern. Hierfür griff er auf die simple Notlösung zurück, mithilfe seiner dreißig Waffenknechte – kein anderer hatte so viele mitgebracht – Maianthe zu entführen und wegzubringen, damit die Übrigen ihren plötzlich sinnlos gewordenen Streit ohne sie fortführen mussten.

Aber in allen anderen Punkten behielt Tef nicht recht.

Onkel Talenes wohnte mehrere Tagesreisen von Kames entfernt, wo Maianthes Elternhaus stand. Er lebte vor den Toren von Tiefenau in einem großen, von hohen Mauern umringten Haus, das sich durch Mosaikböden, Buntglasfenster und einen schönen Springbrunnen auf dem Hof auszeichnete. Der Brunnen war ringsum von Blumenbeeten gesäumt, über deren Ränder die leuchtenden Blüten förmlich hinwegquollen. An drei mächtigen Eichen auf dem Hof hingen Käfige mit umherflatternden Vögeln, die bezaubernde Singstimmen besaßen. Maianthe durfte jedoch nicht im Springbrunnen planschen, egal wie heiß es war. Es war ihr jedoch erlaubt, auf dem geharkten Schotter unter den Bäumen zu sitzen, solange sie darauf achtete, ihre Kleidung nicht zu beschädigen. Aber sie konnte dem Gesang der Vögel nicht lauschen, ohne dabei Kummer wegen der Käfige zu empfinden.

Außerhalb des Hofs fand man hier keinerlei Gärten. Die wilde Sumpflandschaft des Deltas begann direkt vor dem Tor und zog sich ununterbrochen vom Haus bis zum Meer. Das zähe Salzwassergras schnitt einem in die Finger, wenn man mit der Hand hindurchfuhr, und Moskitos summten im drückenden Schatten.

»Geh nicht in den Sumpf!«, warnte Tante Eren ihre Nichte. »Dort gibt es Schlangen und giftige Frösche; außerdem gerätst du schnell in Treibsand, wenn du den Fuß an die falsche Stelle setzt. Schlangen, hörst du? Bleib nah beim Haus. Ganz nah beim Haus! Hast du mich verstanden?« So sprach sie üblicherweise mit Maianthe: als wäre ihre Nichte zu jung und zu dumm, um irgendetwas zu begreifen, wenn es nicht ganz einfach formuliert war und mit Nachdruck wiederholt wurde.

Tante Eren liebte Maianthe nicht. Sie mochte Kinder generell nicht, aber ihre Söhne gaben nicht viel auf die Launen der Mutter. Maianthe hingegen wusste nicht, welcher dieser Stimmungen sie gefahrlos die kalte Schulter zeigen durfte und auf welche sie achtgeben musste. Sie wollte es ihrer Tante recht machen, aber sie war zu nachlässig und nicht schlau genug, obendrein schien sie einfach nicht lernen zu können, wie sie es angehen musste.

Tante Eren stellte auch kein Kindermädchen für ihre Nichte ein. Sie behauptete, Maianthe wäre schon zu alt für ein Kindermädchen. Das Kind sollte lieber ein richtiges Hausmädchen haben, meinte sie, ließ jedoch diesen Worten keine Taten folgen. Stattdessen sahen zwei von Tante Erens Mägden abwechselnd nach Maianthe, die freilich bemerkte, dass die beiden es nicht gern taten. Das Mädchen bemühte sich, ruhig zu sein und ihnen nicht zur Last zu fallen.

Maianthes Halbvettern hatten eigene Interessen und Freunde. Sie zeigten nicht das geringste Interesse an dem kleinen Mädchen, das da auf einmal zur Familie gehörte, aber sie ließen sie in Frieden. Onkel Talenes war schlimmer als Tante Eren oder die Jungs. Er zeichnete sich durch eine scharfe, jammernde Stimme aus, bei der Maianthe an Moskitos denken musste, und er war entsetzt – ja wirklich entsetzt –, sie unbeholfen und sprachlos vor sich und vor den Gästen zu sehen, denen er sie vorführen wollte. War Maianthe vielleicht nicht besonders klug? Dann war es sicherlich eine Schande, dass sie auch nicht hübscher war, oder? Wie sehr sie da von Glück sagen konnte, dass ihre Zukunft sicher in seiner Hand lag …

Maianthe bemühte sich, ihrem Onkel dankbar zu sein, weil er ihr ein Zuhause gab. Aber sie vermisste Tef.

Spät in dem Jahr, in dem Maianthe zwölf wurde, kehrte ihr Vetter Bertaud vom Königshof ins Delta zurück. Tagelang kannte niemand ein anderes Gesprächsthema. Maianthe wusste, dass Bertaud zu ihren Vettern gehörte und viel älter war als sie selbst. Er war im Delta aufgewachsen und dann fortgegangen; keiner hatte mehr mit seiner Rückkehr gerechnet. Nur war kürzlich etwas geschehen – es hatte Schwierigkeiten mit Casmantium oder mit Greifen gegeben oder irgendwie mit beiden –, und jetzt war Bertaud zurückgekehrt, um hierzubleiben. Maianthe fragte sich, warum ihr Vetter das Delta verlassen hatte, aber sie fragte sich noch mehr, warum er jetzt zurückkehrte. Sie dachte, wenn sie jemals das Delta verließe, würde sie niemals zurückkehren.

Ihr Vetter Bertaud jedoch trat jetzt sogar sein Erbe als Fürst des Deltas an. Das schien Onkel Talenes zu schockieren und zu kränken, obwohl Maianthe nicht so recht wusste, warum, wenn es doch Bertauds Geburtsrecht war. Bertaud übernahm das große Haus in Tiefenau, schickte Maianthes Onkel Bodoranes zurück auf seine persönlichen Liegenschaften und entließ das komplette Personal. Die Entlassung des Personals schien Tante Eren ebenso zu schockieren und zu kränken wie Onkel Talenes die bloße Rückkehr von Bertaud. Beide waren einhellig der Meinung, dass Bertaud selbstherrlich, arrogant und boshaft sein musste. Ja, es war boshaft, den armen Bodoranes nach all seinen Jahren zu entwurzeln – vor allem nach all seinen Dienstjahren, in denen Bertaud ein herrliches Leben am Königshof genossen und sich nicht um das Delta gekümmert hatte. Und dann all diese Leute in die Wüste zu schicken! Aber, na ja, aufgrund seiner Herkunft war Bertaud Fürst des Deltas, und vielleicht fand man ja Mittel und Wege, das Beste daraus zu machen … Man musste sich vielleicht sogar darauf besinnen, dass Bodoranes in mancherlei Hinsicht beklagenswerte Sturheit an den Tag gelegt hatte.

Da das Delta eine fruchtbare Landschaft war, fragte sich Maianthe, was ihre Tante womöglich damit meinte, all diese Leute wären in die Wüste geschickt worden. Und was genau meinte Onkel Talenes damit, dass er »das Beste« aus der Ankunft des neuen Fürsten machen würde?

»Wir müssen ihn kennenlernen; mal sehen, was er für ein Mensch ist«, erklärte Onkel Talenes seinem älteren Sohn, der jetzt siebzehn war und sich sehr für Mädchen interessierte, solange es nicht Maianthe war. »Er ist Fürst des Deltas, zum Guten oder Schlechten, und wir müssen uns eine Vorstellung von ihm verschaffen. Und wir müssen höflich sein. Sehr, sehr höflich. Wenn er klug ist, wird er einsehen, wie sehr alle davon profitieren würden, die Zölle auf Linulariner Glas zu erhöhen …« – Onkel Talenes hatte viel Geld in Glas und Keramik des Deltas investiert –, »… und sollte er weniger klug sein, dann hat er womöglich Verwendung für jemanden, der so klug ist, ihn auf diese Dinge hinzuweisen.«

Kaeres nickte und schwoll an vor lauter Wichtigkeit, weil sein Vater ihm dies erklärt hatte. Maianthe saß vergessen in einem Sessel in der Ecke und verstand schließlich, dass ihr Onkel den neuen Fürsten des Deltas einzuschüchtern oder zu bestechen plante, sofern er die Möglichkeit dazu erblickte. Sie dachte, dass es ihm vermutlich gelingen würde. Onkel Talenes erhielt fast immer, was er wollte.

Und es schien wahrscheinlich, dass Onkel Talenes auch diesmal seinen Willen bekam. Nur wenige Tage nach seiner Rückkehr ins Delta schrieb Fürst Bertaud, er werde Talenes’ Einladung zum Essen annehmen, und er brachte voller Hoffnung zum Ausdruck, dass ihm ein Termin in zwei Tagen sehr zupass käme, wenn er diesen Vorschlag machen durfte.

Tante Eren überwachte die Dienstboten, während sie die Mosaikböden schrubbten, sämtliche Zimmer mit Blumen ausstatteten und den Kies der Einfahrt harkten. Onkel Talenes sorgte dafür, dass sich seine Söhne und Maianthe im besten Staat zeigten und Tante Eren ihren teuersten Schmuck trug. Darüber hinaus setzte er dem gesamten Haushalt mehrere Male und in zunehmend anschaulicheren Begriffen auseinander, wie wichtig es war, Fürst Bertaud zu beeindrucken.

Exakt zur Mittagszeit des vereinbarten Tages traf Fürst Bertaud ein.

Die Familienähnlichkeit war augenfällig. Bertaud war dunkel wie alle Onkel, Vettern und Cousinen Maianthes auch; er war groß, wie sie es alle waren; und er wies den wuchtigen Knochenbau auf, der ihm eine eher kräftige als schöne Erscheinung verlieh. Weder redete er schnell, noch lachte er häufig; darin ähnelte er Onkel Talenes. Er trat vielmehr so beherrscht auf, dass er ernst wirkte. Maianthe fand, dass er angespannt und streng schien, und sie glaubte zu erkennen, dass in seinen Augen eine seltsame Tiefe schlummerte – eine Tiefe, die ihr irgendwie vertraut erschien, obwohl sie dieses Phänomen nicht richtig ausdrücken konnte.

Auf Onkel Talenes’ überschwängliche Glückwünsche zu seiner Rückkehr reagierte Fürst Bertaud, indem er zerstreut nickte. Erneut nickte er, als Onkel Talenes ihm seine Gemahlin und Söhne vorstellte. Er schien nicht sehr aufmerksam, aber er runzelte die Stirn, als Onkel Talenes ihm Maianthe vorstellte.

»Beraods Tochter?«, fragte er. »Warum ist sie hier bei Euch?«

Talenes blickte mit besitzergreifendem Lächeln zu Maianthe hinab und erzählte von dem Sturm und wie er dem armen Kind ein Zuhause gegeben hatte. Er führte sie nach vorn, damit sie ihren fürstlichen Vetter begrüßte. Aber Fürst Bertauds Strenge erschreckte sie, und so flüsterte sie nur eine angemessene Begrüßungsformel und wusste dann nicht mehr weiter.

»Deine Manieren, Maianthe!«, seufzte Tante Eren tadelnd, und Onkel Talenes vertraute Fürst Bertaud an, dass Maianthe vielleicht nicht besonders klug war. Ihre Söhne Teres und Kaeres verdrehten die Augen und stießen sich gegenseitig an. Maianthe verspürte den Wunsch, auf den Hof hinaus zu fliehen. Sie wurde rot und blickte gebannt auf die Mosaiken des Fußbodens.

Fürst Bertaud blickte finster.

Das Mahl war grauenvoll. Das Essen war gut, aber Tante Eren blaffte die Hausmädchen an und schickte einen Gang in die Küche zurück, weil er ihrer Ansicht nach zu stark gewürzt war und sie überzeugt war, wie sie etliche Male wiederholte, dass Fürst Bertaud den Geschmack an stark gewürzten Speisen im Norden verloren haben musste. Onkel Talenes baute aalglatte Bemerkungen ins Gespräch ein – etwas darüber, wie brillant Bertaud die jüngsten Schwierigkeiten mit Casmantium gelöst hatte. Und mit den Greifen! Also musste etwas mit den Greifen vorgefallen sein, dachte Maianthe. Soweit sie verstand, hatte Farabiand Krieg gegen die Greifen geführt oder möglicherweise gegen Casmantium. Oder vielleicht gegen beide zugleich oder auch erst gegen den einen und gleich anschließend gegen den anderen. Und dann war erneut etwas geschehen, das mit den Greifen und mit einem Wall zu tun hatte.

Es war alles sehr verwirrend. Maianthe wusste nichts über Greifen und konnten sich nicht vorstellen, was ein Wall mit all dem zu tun hatte. Doch sie fragte sich, warum ihr Onkel, der gewöhnlich so schlau war, nicht erkannte, dass Fürst Bertaud gar nicht über die jüngsten Schwierigkeiten zu reden wünschte, worum auch immer es dabei im Einzelnen gegangen war. Fürst Bertaud gab sich im Verlauf der Unterhaltung immer distanzierter. Maianthe blickte derweil unverwandt auf ihren Teller und schob die Speisen darauf herum, damit es vielleicht so aussah, als hätte sie etwas davon verzehrt.

Fürst Bertaud sagte selbst kaum etwas. Onkel Talenes gab komplizierte, selbstbewusste Erklärungen darüber ab, warum die Zölle zwischen dem Delta und Linularinum erhöht werden sollten. Tante Eren setzte Bertaud ausführlich die Nachteile der Tiefenauer Märkte auseinander und versicherte ihm, dass die Märkte von Desamion auf der anderen Seite des Flusses keineswegs besser waren. Wenn im Redefluss von Onkel Talenes und Tante Eren Lücken auftraten, befragte Fürst Bertaud Teres über die Jagd im Sumpf und erkundigte sich bei Kaeres nach den besten Adressen in Tiefenau, um Bögen und Pferde zu kaufen, und er lauschte ihren enthusiastischen Antworten mit so viel Aufmerksamkeit wie dem Vortrag ihrer Eltern.

Und er erklärte Maianthe, dass er ihren Verlust bedauerte. Zudem fragte er sie, ob es ihr gefiel, bei ihrem Onkel Talenes in Tiefenau zu leben.

Bei dieser Frage erstarrte Maianthe auf ihrem Platz. Sie konnte nicht wahrheitsgemäß antworten; sie hatte auch nicht erwartet, dass ihr fürstlicher Vetter überhaupt mit ihr reden würde, und sie war zu verwirrt, um zu lügen. Die Stille dehnte sich in die Länge und war entsetzlich unbehaglich.

Schließlich versicherte Onkel Talenes Fürst Bertaud in scharfem Ton, dass Maianthe natürlich vollkommen glücklich war – denn sorgte er nicht in jeder Hinsicht für sie? Sie wäre außerdem eng mit seinem Sohn Teres befreundet; die beiden würden ganz gewiss in zwei Jahren heiraten, wenn Maianthe alt genug war. Teres warf seinem Vater einen Seitenblick zu, schluckte sichtlich und bemühte sich um einen enthusiastischen Tonfall, als er ihm beipflichtete. Kaeres stützte einen Ellbogen auf den Tisch und grinste seinen Bruder an. Dann schalt Tante Eren ihre Nichte, weil sie so unhöflich gewesen war, die Frage ihres fürstlichen Vetters nicht zu beantworten.

»Ich bin glücklich«, wisperte Maianthe pflichtbewusst. Aber irgendetwas bewegte sie, mit einem kurzen Blick auf ihren fürstlichen Vetter zu ergänzen: »Nur vermisse ich Tef manchmal.«

»Wer ist Tef?«, fragte Fürst Bertaud sie sanft.

Maianthe zuckte angesichts des kalten Blicks zusammen, mit dem Tante Eren sie bedachte, und öffnete den Mund. Doch sie wusste nicht, wie sie auf die Frage antworten sollte, und blickte Fürst Bertaud schließlich nur hilflos an. Tef war Tef; es schien unmöglich, ihn darüber hinaus zu erklären.

Fürst Bertaud wandte sich an Onkel Talenes. »Wer ist Tef?«

Onkel Talenes schüttelte nur verdutzt den Kopf. »Ein Freund aus Kindertagen vielleicht?«, vermutete er.

Maianthe starrte auf ihren Teller und sehnte sich inbrünstig danach, sie könnte einfach hinaus auf den Hof laufen und sich hinter den mächtigen Eichen verstecken. Dann wandte sich Onkel Talenes wieder dem Thema »Zölle und Handel« zu, und das Unbehagen wurde überdeckt. Für Maianthe schien der Rest der Mahlzeit Stunden zu dauern, obwohl ihr fürstlicher Vetter lange vor Einbruch der Abenddämmerung das Haus wieder verließ.

Sobald er aufgebrochen war, schalt Tante Eren Maianthe erneut für ihre Tollpatschigkeit und Unhöflichkeit. Jedes guterzogene Mädchen sollte doch fähig sein, anstandslos auf eine einfache Frage zu antworten, hob sie hervor. Und wie war Maianthe nur auf die Idee gekommen, Fürst Bertaud könnte sich für irgendeinen kleinen Freund aus vergangenen Jahren interessieren? Man könnte glatt den Eindruck haben, Maianthe verspürte nicht die geringste Dankbarkeit für irgendetwas, das Talenes für sie getan hatte, und niemand konnte ein undankbares Kind leiden. Sieh auf, Maianthe, und sag richtig: »Ja, Tante Eren.« Sie war schließlich viel zu alt, um wie ein verzogenes Kleinkind zu schmollen, und Tante Eren duldete das auf keinen Fall.

Maianthe sagte »Ja, Tante Eren« und »Nein, Tante Eren«, blickte auf, wenn sie dazu aufgefordert wurde, und schlug die Augen nieder, wann immer es möglich war. Zu guter Letzt erlaubte ihr die Tante, auf den Hof hinaus zu fliehen. Maianthe hockte sich neben die größte Eiche und sehnte sich verzweifelt nach Tef. Als sie ihrem Vetter diesen Namen genannt hatte, hatte das Tef allzu deutlich zurück in ihr Gedächtnis gerufen.

Sechs Tage nach Fürst Bertauds Besuch fuhr kurz nach der Morgendämmerung ohne Ankündigung eine vierspännige Kutsche am Haus vor; sie zeigte das Wappen des Königs in goldenen Schnörkeln auf einer Tür und das des Deltas in Silber auf der anderen Tür. Sie war dem Einfahrtsweg gefolgt und hatte vor dem Haupteingang angehalten. Der Fahrer, ein grimmig aussehender älterer Mann mit dem königlichen Wappen auf der Schulter, zog die Bremse an und sprang vom Kutschbock. Dann öffnete er die Kutschentür und platzierte eine Trittstufe davor, damit sein Fahrgast aussteigen konnte.

Der Mann, den Maianthe aus der Kutsche steigen sah, passte nicht zu dem Bild, das seine elegante Kutsche hervorrief. Er schien eher ein Soldat oder Gardist als ein Edelmann zu sein. Nach seiner Haltung zu urteilen, war er kultiviert genug, wirkte aber nicht außergewöhnlich. Er trug jedoch das königliche Wappen auf einer Schulter und das des Deltas auf der anderen. Maianthe wich nicht vom Platz am Fenster in ihrem Zimmer. Sie war zwar neugierig auf den Besucher, aber nicht genug, um ihrem Onkel in die Quere zu kommen.

Sie war überrascht, als Kaeres wenig später seinen Kopf zur Tür hereinsteckte und sagte: »Vater erwartet dich in seinem Arbeitszimmer. Beeil dich, ja?«

Maianthe starrte Kaeres hinterher, nachdem er wieder verschwunden war. Der Mut verließ sie, denn was immer Onkel Talenes von ihr wollte: Sie wusste, dass sie dem nicht nachkommen konnte oder dies zumindest nicht richtig hinbekäme oder am liebsten gar nicht tun wollte. Vermutlich hatte er die Absicht, sie dem Besucher zu präsentieren. Maianthe wusste, dass sie steif und langsam wirken und Onkel Talenes dann dem Besucher bedauernd erklären würde, sie wäre nicht sehr klug. Kaeres rief nun jedoch ungeduldig vom Flur aus, und so machte sie sich widerstrebend auf den Weg.

Es überraschte sie nicht, den Besucher bei Onkel Talenes anzutreffen, als sie das Arbeitszimmer betrat. Doch sie war erstaunt über Onkel Talenes’ Miene und Gebaren. Ihr Onkel führte sie gern seinen Freunden vor und redete davon, was er mit dem Nachlass ihres Vaters zu tun gedachte, sobald sie erst mal Teres geheiratet hatte, aber diesmal sah er gar nicht danach aus, als wollte er sie zur Schau stellen. Er wirkte wütend, schien dies aber zu unterdrücken, so als fürchtete er sich davor, seinen Zorn zu deutlich zu zeigen.

Der Besucher hingegen erweckte den Anschein … dass er Onkel Talenes’ Wut durchaus bemerkte, wie Maianthe fand. Ja, er machte den Eindruck, als wüsste er davon, scherte sich aber nicht im Mindesten darum. Maianthe bewunderte ihn sofort: Sie selbst war einfach immer nur ängstlich und schämte sich, wenn Onkel Talenes auf sie böse war.

»Maianthe? Tochter von Beraod?«, fragte der Besucher, aber nicht mit einem Unterton, als hegte er den geringsten Zweifel daran, wer sie war. Er betrachtete sie mit lebhaftem Interesse, zeigte jedoch kein Lächeln. Doch sein breiter, ausdrucksstarker Mund sah danach aus, als fiele es ihm leicht zu lächeln. Sie nickte unsicher.

»Maianthe …«, legte Onkel Talenes los.

Doch der Besucher hob eine Hand, und Onkel Talenes verstummte.

Maianthe starrte voll nervösem Staunen auf diesen seltsam mächtigen Fremden und wartete darauf, zu erfahren, was er mit ihr vorhatte. Sie fühlte sich im Moment gefangen – wie im Auge eines lautlosen Sturms –, und sie hatte das Gefühl, ihr ganzes Leben hätte sich auf diesen einen Punkt zugespitzt und jeden Augenblick könnte jetzt der Sturm ausbrechen, wenn der Mann zu reden anfinge. Sie hätte jedoch nicht sagen können, ob ihr vor diesem Sturm graute oder ob sie sich nach seiner Ankunft sehnte.

»Ich bin Enned, Sohn von Lakas, und stehe im Dienst des Königs und des Delta-Fürsten«, erklärte der junge Mann. »Dein Vetter Bertaud, Sohn von Boudan, Fürst des Deltas durch rechtmäßige Abstammung und Dekret Seiner Majestät Iaor Safiads, hat mir befohlen, dich zu ihm zu bringen. Er hat entschieden, dass du von nun an in seinem Haus leben sollst. Du sollst dich sofort reisefertig machen und noch an diesem heutigen Tag mit mir kommen.« Mit einem Blick auf Onkel Talenes setzte er warnend hinzu: »Dieser Anordnung könnt Ihr Euch nur bei Strafe von Fürst Bertauds tiefstem Missfallen widersetzen.«

»Das ist unerhört …«, begann Onkel Talenes.

Der junge Mann hob erneut eine Hand. »Ich tue nur, was mir aufgetragen wurde«, sagte er so streng, dass Onkel Talenes nicht mehr zu protestieren versuchte. »Falls Ihr dieser Anordnung zu widersprechen wünscht, hoher Herr Talenes, müsst Ihr dies dem Fürsten des Deltas vortragen.«

Maianthe betrachtete lange den Fremden – Enned, Sohn von Lakas –und versuchte zu verstehen, was er gesagt hatte. Endlich fragte sie stockend: »Ich soll Euch begleiten?«

»Ja«, antwortete Enned, und diesmal lächelte er.

»Ich kehre nicht hierher zurück?«

»Nein«, bestätigte der junge Mann. Er sah Onkel Talenes an. »Es wird doch wohl nicht lange dauern, Maianthes Habseligkeiten einzusammeln«, sagte er. So, wie er es aussprach, war das keine Frage, sondern ein Befehl.

»Ich …«, stammelte Onkel Talenes. »Meine Frau …«

»Das Haus des Fürsten ist nicht so weit entfernt, dass Ihr nicht in der Lage wärt, zu Besuch zu kommen, falls das Euer Wunsch ist«, sagte Enned. Er redete nicht davon, dass Maianthe zu Onkel Talenes zu Besuch kommen würde.

»Aber …«, fing Onkel Talenes an, doch er wurde erneut unterbrochen.

»Mir wurde aufgetragen, vor der Mittagsstunde zurückzukehren. Wir müssen also innerhalb einer Stunde aufbrechen.« Der junge Mann wirkte sehr bestimmt. »Ich bin absolut sicher, dass es nicht lange dauern wird, Maianthes Sachen zu packen.«

Onkel Talenes starrte erst den jungen Mann an, dann Maianthe. Zu seiner Nichte sagte er mit einem versöhnlichen Unterton, den sie nie zuvor bei ihm gehört hatte: »Maianthe, das ist unerhört – es ist unerträglich! Du musst dem hochverehrten, äh, dem hochverehrten Enned, Sohn von Lakas, erklären, dass du ganz sicher hier bleiben möchtest, unter Menschen, die dich kennen und die nur das Beste für dich wollen …«

Maianthe sah ihm kurz ins Gesicht, senkte dann den Blick und starrte gebannt auf den Fußboden.

Onkel Talenes warf die Hände hoch und ging hinaus. Maianthe hörte ihn nach Tante Eren und den Dienstboten brüllen. Sie hob den Kopf und warf dem hochverehrten Enned, Sohn von Lakas, einen vorsichtigen Blick aus den Augenwinkeln zu.

Der junge Mann lächelte sie an. »Wir überlassen das ihnen. Wo können wir warten, ohne jemandem in die Quere zu kommen?«

Maianthe führte ihn auf den Hof.

Enned, Sohn von Lakas, bewunderte die mächtigen Eichen und fuhr mit der Hand durch den Springbrunnen. Maianthe stand unsicher herum und sah ihn an, und er wandte sich ihr zu und lächelte sie erneut an.

Sein Lächeln erstreckte sich auf die Augen und erweckte in Maianthe den Wunsch, es zu erwidern. Aber sie tat es lieber nicht, weil er dies vielleicht als anmaßend empfunden hätte. Das Lächeln vermittelte ihr jedoch genug Mut, um zu fragen: »Ich kehre nicht hierher zurück?«

»Das hängt von den Wünschen meines Fürsten ab«, antwortete Enned ernst, »aber ich halte es für höchst unwahrscheinlich.«

Maianthe dachte darüber nach. Schließlich wandte sie sich ab, ging von einer der großen Eichen zur nächsten, stellte sich vor jeder auf die Zehenspitzen – streckte sich so hoch, wie sie nur konnte – und öffnete nacheinander die Türen sämtlicher Käfige.

Die Vögel flatterten ins Freie und sausten in einem Wirbel aus Himmelblau und zartem Grün, weichem Primelgelb und reinem Weiß durch den Hof. Der Vogel, dessen Gefieder das blasseste Blau aufwies, landete kurz auf Maianthes erhobener Hand, und dann flogen sämtliche Vögel über die Mauer hinweg und schwangen sich zum weiten Himmel hinauf.

Maianthe senkte die Hand langsam, als alle Vögel fort waren. Als sie nervös zu Enned hinübersah, stellte sie fest, dass er sie zwar eindringlich musterte und nicht mehr lächelte, seine Miene jedoch eher resigniert als verärgert wirkte.

»Na ja«, sagte er, »ich vermute mal, ich kann dafür zahlen, wenn der hohe Herr Talenes das verlangt.«

Onkel Talenes verlangte es jedoch nicht. Er war zu beschäftigt damit, Maianthe zuzureden, dass sie im Grunde bei seiner Familie bleiben wollte. Tante Eren versuchte es ebenfalls, wenn auch nicht sehr angestrengt. Maianthe blickte entschlossen auf den Fußboden von Onkel Talenes’ Arbeitszimmer, dann auf den Mosaikboden der Eingangshalle und schließlich auf den Kies der Auffahrt. Als Enned sie fragte, ob auch all ihre Habseligkeiten eingepackt worden waren, nickte sie, ohne auch nur einmal aufzublicken.

»Nun, sollte etwas fehlen, kannst du es ja jederzeit anfordern«, erklärte ihr Enned und sagte dann zu Onkel Talenes: »Ich danke Euch, hoher Herr Talenes, und mein Fürst lässt Euch ebenfalls seinen Dank ausrichten.« Dann half er Maianthe formell in die Kutsche und gab dem Fahrer ein Zeichen. Die Pferde warfen die Köpfe hoch, trabten geschwind die Auffahrt hinab und hinaus auf den Straßendamm, der durch das tiefe Sumpfland nach Tiefenau führte.

Maianthe machte es sich auf der gepolsterten Bank bequem und blickte starr zum Fenster hinaus. Ein Vogelruf klang aus dem Sumpfland herüber: Er stammte nicht von einem der leuchtend bunten Vögelchen aus den Käfigen, sondern von einem größeren und viel wilderen Tier.

»Das große Haus wird dir gefallen«, sagte Enned zu ihr, aber es klang nicht besonders zuversichtlich.

»Ja«, pflichtete Maianthe ihm folgsam bei und senkte den Blick auf ihre im Schoß verschränkten Hände.

»Du warst bei deinem Onkel doch gewiss nicht glücklich, oder?«, erkundigte sich Enned, klang jedoch unsicher. »Jetzt, wo wir von ihm weg sind – willst du da nicht offen zu mir sprechen? Mein Fürst möchte dich nicht aus einem Haus holen, wo du glücklich warst. Er wird dich zurückschicken, wenn du ihn darum bittest.«

Maianthe drehte den Kopf und starrte den Mann an. »Aber Ihr habt gesagt, er würde mich nicht zurückschicken!« Als Enned dann Anstalten traf zu antworten, erklärte sie leidenschaftlich: »Ich werde niemals zurückgehen … Eher laufe ich in den Sumpf, sogar wenn es dort wirklich Schlangen und Giftfrösche gibt!«

»Gut!«, meinte Enned und lächelte jetzt wieder. »Ich denke jedoch, das wird nicht nötig sein.«

Er klang wieder fröhlich. Maianthe blickte auf ihre Hände und sagte nichts weiter.

Das große Haus entsprach nicht ihren Erwartungen. Allerdings war ihr gar nicht klar gewesen, dass sie überhaupt etwas erwartet hatte, bis sie bemerkte, wie überrascht sie war. Es war keine ordentliche, kompakte Anlage, sondern ein langer und weitläufiger Komplex, der die gesamt Kuppe eines breiten, niedrigen Hügels nahe dem Stadtzentrum bedeckte. Ein Flügel erstreckte sich in diese Richtung, ein zweiter bog in eine andere ab, und ein dritter zog sich in eine weitere Richtung den Hügel hinab – so als hätte sich der Erbauer, wer auch immer das gewesen sein mochte, beim Entwurf der einzelnen Teile nie überlegt, wie der Komplex insgesamt aussehen würde. Das Haus bestand aus rotem Backstein, grauem Gestein und bleichem Zypressenholz, und es war umgeben von ausgedehnten Gärten. Hierbei handelte es sich nicht um formvollendet angelegte Gärten wie bei ihrem Elternhaus, sondern um ein wüstes Gestrüpp mit geschlängelten Pfaden, die sich darin verloren.

Das Haus war riesig, aber nahezu alle Fenster erwiesen sich als dicht verrammelt, und man hörte nichts vom lärmenden Treiben, das eigentlich ein so gewaltiges Bauwerk hätte erfüllen müssen. Maianthe erinnerte sich an Gerüchte, dass ihr fürstlicher Vetter das ganze Personal entlassen hatte. Sie hätte Enned gern Fragen danach gestellt, wagte es aber nicht recht. Die Kutsche schwenkte im Bogen die weite Einfahrt entlang und hielt; der Fahrer sprang vom Kutschbock und platzierte die Trittstufe. Enned stieg aus, drehte sich um und bot Maianthe die Hand zur Hilfe an.

Fürst Bertaud trat aus dem Haus, kurz bevor sie den Eingang erreichten. Er wirkte müde und unaufmerksam. Hinter der Müdigkeit und den fernen Gedanken lag jene andere, dunklere Tiefe, die Maianthe nicht ganz verstand. Seine Miene hellte sich jedoch auf, als er das Mädchen erblickte, und er schritt die Stufen hinab und nahm ihre Hände in seine.

»Cousine!«, rief er. »Willkommen!« Er lächelte mit allen Anzeichen großer Zufriedenheit zu ihr hinab. Die Dunkelheit in seinem Blick wurde von diesem Lächeln verdeckt, falls sie überhaupt existiert hatte. Maianthe wurde vor Verwirrung und Nervosität rot, aber ihr Vetter schien sich nicht daran zu stören oder es überhaupt zu bemerken. »Sind keine Schwierigkeiten aufgetreten?«, fragte er Enned.

»Nicht im Mindesten«, antwortete Enned munter. »Ich habe es richtig genossen. Wie schade, dass es nicht immer so angenehm ist, wenn ich Eure Befehle ausführe, mein Fürst.«

»Na so was.« Fürst Bertaud ließ eine von Maianthes Händen los und gab dem jungen Mann einen Klaps auf die Schulter. »Geh und hilf Ansed, die Kutsche unterzustellen, wenn du so gut bist, und bring die Pferde unter. Erstatte mir dann Bericht.«

»Mein Fürst«, sagte Enned, bedachte erst seinen Herrn und dann Maianthe mit einer kurzen Verbeugung, drehte sich um und rief nach dem Kutscher.

Fürst Bertaud ging zum Haus zurück und zog Maianthe hinter sich her. »Du hast nach der Fahrt sicher Hunger. Ich habe meine Männer angewiesen, mit dem Mittagsmahl zu warten … Leider haben wir noch keinen Koch. Tatsächlich haben wir bislang überhaupt kaum Dienstpersonal, welcher Art auch immer. Natürlich brauchst du ein Kindermädchen, und ich habe für morgen Einstellungsgespräche anberaumt, aber vorläufig musst du mit Anseds Gattin vorliebnehmen. Sie heißt Edlis. Ich bin sicher, dass sie nicht dem entspricht, was du gewohnt bist, Cousine, aber ich hoffe, dass du mit ihr geduldig bist.«

Maianthe war generell nichts anderes gewöhnt als nur widerwilligste Hilfe, und sie wusste nicht, was sie zu dem sagen sollte.

Fürst Bertaud schien sich nicht daran zu stören, dass sie nicht redete, und führte sie ins Haus und einen langen Korridor entlang. Keinerlei Mosaikfliese schmückte den Fußboden; er bestand nur aus schlichtem Holz. Die Bretter waren sauber, aber nicht einmal gestrichen, und sie knarrten, wenn man auf ihnen ging.

Bertaud erklärte Maianthe: »Du kannst das Haus erkunden, sobald wir gespeist haben, oder wann immer du möchtest. Ich habe dich vorläufig in einem Zimmer untergebracht, das in der Nähe von meinem liegt. Abgesehen von Teilen dieses Flügels ist das ganze Haus bislang abgeschlossen, aber später kannst du dir selbstverständlich jedes Zimmer aussuchen, das dir gefällt.«

Sie gingen um eine Ecke und betraten die Küche, ein weitläufiger, ausgedehnter Raum mit drei Öfen und vier Arbeitstischen. Ein langer Esstisch stand vor zwei großen Fenstern, die sich im Schatten ausladender Bäume befanden und offen waren, um jeden Lufthauch einzufangen. Auch die Tür zu einem Kühlkeller stand offen, sodass ein kühler Zug dort hochkam. Nur in einem Ofen brannte Feuer. Man sah sofort, dass hier kein richtiges Küchenpersonal arbeitete, denn das Mahl wurde von einem Mann zubereitet, der nach einem Soldaten aussah.

»Ja«, sagte Fürst Bertaud, den Maianthes Gesicht offensichtlich erheiterte. »Ich wollte keinen Koch einstellen, den du vielleicht nicht magst, Cousine; der Koch ist fast so wichtig wie deine Mägde. Also bekommen wir heute leider nur Lagerkost gereicht.«

»Nun, mein Fürst, ich denke, wir haben etwas Besseres als Lagerkost zuwege gebracht«, verkündete der Mann gutgelaunt. »Nichts Ausgefallenes, wie ich gestehe, aber ein Braten ist leicht genug zuzubereiten, und man kann immer Kartoffeln ins Bratenfettt tunken. Und ich habe Daued in die Stadt geschickt, um Gebäck zu kaufen.« Der Mann nickte Maianthe höflich zu. »Meine Dame.«

Maianthe erwiderte zögerlich das Nicken.

»Wir alle essen heute im Speiseraum des Personals, ganz formlos«, erklärte ihr Vetter.

»Ja, mein Herr«, pflichtete ihm der Mann bei und stieß eine langstielige Gabel in den Braten. »Der ist so zart, dass er fast schon geschmolzen ist, Herr. Wir können also jederzeit servieren, wann immer Ihr das wünscht.«

»In einer halben Stunde«, ordnete Fürst Bertaud an und wandte sich dann Maianthe zu. »Ich denke, du möchtest sicher gern meinen neuen Gärtner begrüßen. Ich habe ihn gerade erst vor zwei Tagen eingestellt, aber ich bin sehr zufrieden mit ihm. Geh einfach durch die Tür dort, und ich denke, du wirst ihn dabei antreffen, wie er im Kräutergarten arbeitet, direkt hier am Haus.«

Maianthe starrte ihren Vetter an.

»Nur zu«, ermunterte Fürst Bertaud sie und lächelte sie an. »Bitte sag ihm, dass alle im Speiseraum für das Personal essen werden, Cousine. In einer halben Stunde. Aber wenn ihr ein wenig zu spät kommt, wird niemand daran Anstoß nehmen.«

Das kam Maianthe sehr seltsam vor, aber schließlich erschien ihr alles an ihrem Vetter merkwürdig. Als Fürst Bertaud mit dem Kopf entschieden zur Küchentür deutete, tat sie vorsichtig einen Schritt in diese Richtung. Als er ihr erneut zunickte, drehte sie sich um und schob die Tür auf.

Der Gärtner saß auf einem niedrigen Schemel und platzierte sorgfältig neue Mangoldsetzlinge mit weinroten Stielen in einem Beet, wo sie langstielige Salatpflanzen ablösten. Obwohl der Mann Maianthe den Rücken zuwandte, erkannte sie ihn sofort. Sie blieb stehen und starrte zu ihm, denn obwohl sie ihn erkannte, glaubte sie nicht, dass er es sein konnte. Er hörte jedoch die Küchentür hinter Maianthe ins Schloss fallen und drehte sich um. Sein breites, altes Gesicht hatte sich überhaupt nicht verändert.

»Maia!«, rief Tef und griff nach seiner Krücke, die neben dem Schemel lag.

Maianthe rannte nicht zu ihm. Sie ging langsam und vorsichtig, denn sie fürchtete mit jedem Schritt, er könnte sich unvermittelt in einen anderen verwandeln – in einen Fremden, jemanden, den sie nicht kannte. Vielleicht bildete sie sich ihn ja nur ein, weil der Geruch von Kräutern und umgegrabener Erde sie mit Erinnerungen überwältigt hatte. Als sie den Gärtner jedoch erreicht hatte und vorsichtig die Hand nach ihm ausstreckte, war es immer noch Tef. Er rieb sich Erde von den Händen, legte ihr eine Hand auf die Schulter und zog Maianthe in eine Umarmung, und sie vergrub sich an seiner Brust und brach in Tränen aus.

»Na ja, das war schon eine seltsame Geschichte«, erzählte ihr Tef ein wenig später, als der kurze Gefühlsausbruch vorüber war und Maianthe sich mit Wasser aus seiner Gießkanne das Gesicht gewaschen hatte. »Ein Mann kam vor vier Tagen zu meinem Haus geritten. Er fragte mich, ob ich der Tef wäre, der früher als Gärtner für Fürst Beraod gearbeitet hat. Ich sagte ja, und er stellte mir jede Menge Fragen nach dem alten Haushalt.«

»Und über mich«, mutmaßte Maianthe. Vor vier Tagen – also musste Fürst Bertaud jemanden nach Kames geschickt haben, kaum dass er Onkel Talenes’ Haus verlassen hatte. Zu dem Zeitpunkt musste er somit schon daran gedacht haben, Maianthe zu sich ins große Haus zu holen. Diese Entschlusskraft ängstigte Maianthe ein wenig, denn sie hatte nach wie vor keine Vorstellung von den Gründen, die ihren Vetter bewegten, sie zu sich zu nehmen.

»Ja, Maia, auch über dich, obwohl er das nicht gleich zu Anfang tat. Ich konnte erkennen, dass er auf etwas Bestimmtes hinauswollte, aber ich wusste nicht recht, was das war. Und als ich es dann erfuhr, hatte ich keine Ahnung, welches die Gründe waren. Ich konnte jedoch nicht erkennen, dass es jemandem geschadet hätte, die Fragen zu beantworten; also sagte ich ihm alles.«

»Ja, aber was hast du ihm erzählt?«

»Nun, die Wahrheit! Dass deine Mama gestorben war, als du drei warst, und dein Vater dich kaum zur Kenntnis genommen hatte, außer wenn du ihm in die Quere kamst. Dass Fürst Beraod ein giftiges Temperament hatte und sein Hauspersonal einfach nicht halten konnte, auch wenn er es gut bezahlte. Dass du in sechs Jahren siebenundzwanzig Kindermädchen hattest und kaum eines, das auch nur einen Groschen Gerste wert gewesen wäre, geschweige denn eine Kupfermünze; und dass …« Er brach ab.

Maianthe blickte ihn fragend an. »Was?«

»Na ja, dass ich dich vermutlich habe hinter mir herlaufen lassen«, antwortete Tef barsch. »Schließlich sagte dieser Mann, Fürst Bertaud, Sohn von Boudan, wäre ins Delta zurückgekehrt, um hier Fürst zu sein, nur bräuchte er halt auch Dienstboten – und ob ich wohl Gärtner für das große Haus werden wollte? Ich antwortete, ich wäre in den Jahren auch nicht jünger geworden, aber er meinte, Fürst Bertaud würde sich daran nicht stören. Und dann sagte er, der Fürst würde nach dir schicken, Maia. Also habe ich mein Haus der Tochter meines Neffen gegeben und meine Sachen gepackt, und na ja, hier sind wir nun.«

Maianthe dachte darüber nach. Schließlich fragte sie: »Aber warum hat er nach mir geschickt?« Und sie wartete zuversichtlich auf die Antwort. Ihr kam gar nicht in den Sinn, dass Tef sie womöglich nicht wusste.

Und sie wurde nicht enttäuscht. Lebhaft antwortete Tef: »Na ja, das ist recht einfach, denke ich. Du weißt ja, dass der alte Herr, Fürst Berdoen, dein Großvater … Du weißt ja, dass er der leibhaftige Schrecken war, vermute ich, und seine zwölf Söhne mit harter Hand am Zügel und mit der Peitsche führte, wie man so schön sagt.«

Alle Welt wusste das. Maianthe nickte.

»Nun, Fürst Boudan, der Vater deines Vetters, er hatte das gleiche kalte Herz und die gleiche harte Hand wie der alte Fürst, erzählt man. Jedenfalls schickte der hohe Herr Boudan seinen Sohn an den königlichen Hof – das war, als der alte König noch lebte. Nach allem, was man so hört, mochte Prinz Iaor Bertaud gern und sorgte dafür, dass er bei ihm blieb. Also ist der hohe Herr Bertaud nicht nach Hause zurückgekehrt, als Fürst Boudan und dann der alte König starben – es sei denn für flüchtige Besuche, verstehst du? Er hatte seinen Vater so gehasst, dass er nichts hier im Delta leiden konnte, vermute ich mal, und so blieb er bei Hofe. Und er steht dem König immer noch nahe, nach allem, was man sich über den zurückliegenden Sommer erzählt. Man erzählt, Iaor hätte deinen Vetter nach den Schwierigkeiten des Sommers als persönlichen Sendboten nach Casmantium geschickt. Hast du davon gehört?«

Maianthe schüttelte unsicher den Kopf, womit sie andeutete, dass ihr Onkel entweder nichts zu ihr gesagt hatte oder dass sie unaufmerksam gewesen war, als er es ihr erzählte.

»Na ja, ich weiß auch nicht viel darüber. Aber es kursierten Gerüchte überall im Delta, weil dein Vetter unser rechtmäßiger Fürst ist, verstehst du? Und manche Leute erzählen das eine und einige etwas anderes, doch ich vermute, es gab Schwierigkeiten mit Greifen, die im Frühsommer über die Berge nach Farabiand kamen. Aber es hatte alles auch irgendwie mit Casmantium zu tun. Dieser Teil klingt sinnvoll, finde ich, denn jeder weiß, dass die Greifen eigentlich nördlich von Casmantium leben. Und Fürst Bertaud spielte eine wichtige Rolle, dass es irgendwie gut ausging. Sobald alles vorüber war, schickte der König ihn nach Casmantium, um den jungen Prinzen von Casmantium als Geisel an unseren Hof zu geleiten …«

»Oh!«, rief Maianthe erschrocken und schlug sich anschließend die Hand vor den Mund, um zu zeigen, dass es ihr leid tat, Tef unterbrochen zu haben.

»Nun, so erzählen es die Leute, obwohl ich ganz bestimmt nicht weiß, wie unser König den Herrscher von Casmantium dazu bewegt hat, den Prinzen herzuschicken. Er muss ungefähr in deinem Alter sein, schätze ich. Der junge Prinz, meine ich.«

»Oh«, entfuhr es Maianthe erneut. Sie empfand starkes Mitleid für den casmantischen Prinzen, den es in die Fremde verschlagen hatte. »Ich vermute, er war traurig darüber, dass er von zuhause fortgehen musste, um bei Fremden zu leben?« Vielleicht tat es ihm auch leid, seinen Vater zu verlassen, dachte sie, obwohl sie dazu schon ihre Fantasie anstrengen musste.

Tef tätschelte ihr die Hände. »Oh, na ja, Maia, ein Junge in diesem Alter ist vielleicht zu einem Abenteuer bereit. Und du weißt ja, dass unser Safiad-König ein anständiger Mensch ist, nach allem, was man sich erzählt. Jedenfalls hatte ich bislang nicht viel Gelegenheit, mit deinem Vetter zu reden, weißt du. Aber irgendwie denke ich nicht, dass er bei etwas mitmachen würde, was nicht recht und billig ist.«

»Er macht einen netten Eindruck«, flüsterte Maianthe.

»Das tut er. Jedenfalls habe ich außer der Geschichte mit dem jungen Prinzen etwas über einen Wall in Casmantium gehört. Aber ich kann nicht behaupten, dass ich wüsste, worum es dabei geht – nur dass es erneut mit den Greifen zu tun hatte und wahrscheinlich Zauberei nötig gewesen war, um ihn zu bauen. Es heißt, der Wall wäre hundert Meilen lang und sei in einer Nacht errichtet worden. Doch ich weiß nicht recht, da ich nicht glaube, dass selbst die größten casmantischen Schaffenden und Baumeister dazu in der Lage wären. Nicht mal mit Unterstützung von Magiern.«

Maianthe nickte.

»Nun, dein Vetter ist kein Magier, aber ich schätze, er hat diesen Wall erbaut oder ihn irgendwie erbauen lassen. Was immer er tat, er wurde sowohl vom casmantischen König als auch von unserem geehrt. Was man glatt vermuten kann – oder warum sonst hätte unser König die eigenen Männer geschickt, um Fürst Bertaud hier im Delta zu dienen, oder?«

Maianthe fragte sich erneut, warum ihr Vetter zurückgekehrt war.

»Oh, na ja«, erwiderte Tef, als sie ihn danach fragte. Er zögerte, nahm einen Klumpen dunkle Erde zur Hand und zerbröselte ihn nachdenklich mit den Fingern. »Weißt du, Maia, ich denke, vielleicht wurde Fürst Bertaud bei all den Schwierigkeiten des vergangenen Sommers irgendwie verletzt. Und mach dir nichts vor, wenn es irgendeine Schlacht gab, dann bin ich sicher, dass es furchtbar blutig zuging. Das ist immer so. Oder vielleicht war er einfach nur erschöpft. Ich frage mich, ob er vielleicht … Nun ja. Was ich denke: Als es so weit war, als er feststellte, dass er einen Platz brauchte, um von allem Ruhe zu haben und wieder Kraft zu schöpfen – irgendwie musste er da ans Delta denken. Es liegt schließlich in seinem Blut, egal, was für ein harter Mann sein Vater auch immer gewesen war.«

Maianthe nickte zweifelnd. »Aber …«, hob sie an, um dann zu rufen: »Oh!« Denn unvermittelt begriff sie etwas anderes. »Deshalb hat er sämtliche Dienstboten entlassen: Denn er hasste sehr stark das Haus seines Vaters und wollte niemanden hier haben, den er vielleicht schon als Junge gekannt hatte! Ist das der Grund?«

»Ich denke schon. Er erlaubt allen, sich aufs Neue zu bewerben, aber es heißt, nur die jüngeren Dienstboten hätten eine Chance auf Neueinstellung. Es ist genau so, wie du sagst: Er möchte hier niemanden haben, der ihn an jene schlimmen Jahre erinnert. Und deshalb hat er auch nach dir geschickt, verstehst du, Maia? Weil er dich im Haus deines Onkels Talenes gesehen hat und du ihn an ihn selbst erinnert hast. Ich vermute, so ist es gewesen. Und er entschied, dich zu retten, wie der König einst ihn gerettet hat.«

»Ja«, sagte Maianthe leise. Sie konnte erkennen, dass dies stimmte – dass es stimmen musste. Ihr wollte das Herz aufgehen und zugleich sinken. Sie fürchtete, die Erwartungen ihres Vetters zu enttäuschen, sodass er sie entweder zurückschickte oder sich einfach von ihr enttäuscht zeigte. Vielleicht täte es ihrem berühmten, wichtigen Vetter nicht leid, dass er sie gerettet hatte, wohl aber, dass genau sie es war, die er gerettet hatte. Dass er kein schlaues, hübsches und anmutiges Mädchen gefunden hatte – jemanden, den gerettet zu haben ihn mit Stolz erfüllte. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie rieb sich heftig mit dem Ärmel über das Gesicht. Sie weinte doch sonst nie, und hier tat sie es schon zum zweiten Mal innerhalb einer Stunde!

Innerhalb einer Stunde! Maianthe sprang auf und rief: »Er hat von einer halben Stunde gesprochen!« Und jetzt hätte sie wirklich am liebsten geweint, denn kaum war sie im großen Haus eingetroffen, zeigte sie ihrem Vetter schon, wie unachtsam und dumm sie war …

»Still, Maia, es ist alles gut«, versicherte ihr Tef und tätschelte ihren Fuß, weil er nicht bis zu ihrer Schulter hinaufreichen konnte. »Denkst du, er wüsste nicht, dass wir miteinander reden würden? Reich mir die Krücke … So ist es lieb von dir! Und weine nicht.«

Wenn ihr ein wenig zu spät kommt, wird niemand daran Anstoß nehmen, hatte ihr Vetter gesagt, wie sich Maianthe erinnerte. Also hatte Tef vielleicht recht. Sie versuchte zu lächeln, sagte aber besorgt: »Aber wir sollten uns beeilen! Im Speiseraum der Dienstboten, hat er gesagt.«

»Also zum Speiseraum der Dienstboten«, pflichtete ihr Tef bei und rappelte sich mühsam auf.

Kapitel 1

Sechs Jahre später

Tiefenau, die größte Stadt im ganzen weitläufigen Delta, war gekennzeichnet durch breite Straßen, uralte Zypressen und Sumpfeichen. Bohlenwege säumten die wichtigen Straßen und ermöglichten es den Fußgängern, dem Winterschlamm zu entgehen, der manchmal sogar über das Kopfsteinpflaster stieg. Tiefe Abflussgräben verliefen unter den Bohlenwegen, sodass nur die mächtigsten Frühlings- und Herbststürme die Stadt überfluteten. Trotz allem waren Winter, Frühling und Herbst die Jahreszeiten, in denen Tiefenau voller Energie war und dort das Leben brodelte.

Im Sommer, wenn die Tage lang waren und die Luft reglos und schwer auf der Stadt lastete, wurde Tiefenau so schläfrig wie eben diese Luft. Violette und rote Blumen prangten auf allen Balkonen, und jedes Haus in Tiefenau schien wenigstens einen zu haben. Dicke Hummeln summten bedächtig zwischen den Blüten, und alle Menschen in Tiefenau hängten kleine Töpfe voller Zuckerwasser aus, um die großen Purpurrückenkolibris und die kleinen Kolibris mit den roten Kehlen zu ihren Balkonen zu locken. Größere Vögel huschten zwischen den Zweigen der mächtigen Bäume umher und nisteten in den Moosbändern, die diese schmückten.

Vor Jahren hatte Tan einen langen, trägen Sommer in Tiefenau verbracht, und diese Zeit hob sich hell und leuchtend in seinen Erinnerungen hervor. Er wünschte sich sehnsüchtig, es wäre jetzt Sommer. Im Delta wurde es selten wirklich grimmig kalt, aber es erschien ihm jetzt sicherlich kalt genug. Er kniete zitternd und halb erfroren im schmutzigen Stroh seiner Zelle und bemühte sich, nicht zu lachen. Nichts an seiner Lage war auch nur im Mindesten erheiternd, außer dass sie so völlig und zutiefst grotesk war.

Zum Gefängniswärter, einem bulligen jungen Mann mit breiten Schultern, großen Händen, der ihn im Moment mit einem Ausdruck grimmigen Widerwillens ansah, sagte er: »Ich vermute, jeder bittet Euch, Nachrichten an Freunde zu überbringen, und verspricht Belohnung für einen solchen Gefallen. Aber bittet Euch auch jeder, eine Nachricht an den Fürsten selbst zu überbringen? Und nicht mal eine Nachricht. Nur einen Namen. Ich schwöre Euch, er wird diesen Namen kennen. Ich schwöre Euch, er wird mich sehen wollen. Er muss mich sehen! Es ist …«

»Von verzweifelter Dringlichkeit, ich weiß«, unterbrach ihn der junge Wärter. Sein Kopf ruckte – eine Geste, die zugleich Hohn und Unsicherheit ausdrückte. »Natürlich ist es das. Aber im großen Haus sind sie beschäftigt. Außerdem verstößt es gegen die Bestimmungen. Das reicht mir! Denkt Ihr, ich möchte für immer in dieser Grube festsitzen? Ich möchte Euch allerdings davor warnen, Euch die Mühe zu machen und Jer zu bestechen, wenn er seinen Dienst antritt. Er würde Euer Geld nehmen und Euch nichts dafür geben.«

»Hätte ich etwas, womit ich einen von Euch bestechen könnte, würde ich es riskieren«, versicherte Tan dem jungen Mann. »Leider habe ich nur das Versprechen anzubieten, dass Ihr nicht länger Gefängniswärter bleiben werdet, wenn Ihr meinen Namen ins große Haus überbringt.«

»Weil ich dann selbst Häftling wäre?«, fragte der Wärter, der nicht ganz so naiv war, wie er aussah. »Dann stünde ich zweifellos in Eurer Schuld, hochverehrter Herr. Ich sagte schon, dass es gegen die Bestimmungen verstößt.« Er traf Anstalten, sich abzuwenden und seine Runde fortzusetzen.

Tan hätte am liebsten mit den Fäusten auf den Boden gehämmert und geschrien. Das hätte jedoch nichts geholfen, und er war ohnehin zu müde dafür. Er überwand sich, lieber leise zu sprechen. »Nun, ich bin sicher, dass es ein Trost für Euch ist. Wenn man mich in dieser Zelle ermordet auffindet, hoffe ich, dass Ihr Euch fragen werdet, inwieweit Ihr Verantwortung dafür tragt. Ihr werdet Euch jedoch keine Vorwürfe machen müssen, nicht wahr? Ihr wisst ja schließlich, wie man sich an die Bestimmungen hält.«

Der Wärter wandte sich ihm stirnrunzelnd wieder zu. »Ich denke, Ihr seid in unserem Gewahrsam recht sicher.«

Tan lachte lauthals. »Was denkt Ihr Euch eigentlich? Dass ich irgendein Dieb oder gewöhnlicher Verbrecher bin? Ich bitte Euch, flehe Euch an, meinen Namen dem Fürsten des Deltas selbst zu überbringen, und Ihr denkt, ich wäre ein Dieb? Ist es das, was Ihr Euch denkt?«

Der junge Wärter öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Dann wandte er sich ab, warf Tan noch einen unsicheren Blick über die Schulter zu und ging hinaus. Die Tür krachte mit entmutigender Endgültigkeit hinter ihm ins Schloss und ließ Tan allein in der Dunkelheit und Kälte zurück. Tan drückte sich die Hände auf die Augen. Vielleicht hätte er ein bisschen weniger Sarkasmus und etwas mehr Bescheidenheit zeigen sollen? Falls er heute Abend nicht ein Maß an Demut gelernt hatte, dann würde er es sicherlich nie mehr lernen.

Er lehnte sich an die Wand. Die Mauer war zwar ausreichend trocken, aber kalt. Sie schien ihm die Wärme aus den Knochen zu saugen. Einen Augenblick später rückte er davon ab und kauerte sich ins Stroh. Durch das Gitterfenster der Zelle gelangte derzeit nichts Beunruhigenderes herein als die kalte Luft der ersten Frühlingstage und kleine Wirbel von Nebelschwaden. Tan fragte sich, wie lange es wohl dauerte, bis ihn Linulariner Agenten in dieser Zelle aufspürten. Wie sie lachen würden, wenn sie ihn so dumm in der Falle sitzen sahen, festgesetzt von den eigenen Leuten! Und dann würde jemand einen Giftpfeil durch dieses Fenster schießen oder, schlimmer noch, die Wärter bestechen, ihn so zu entlassen, dass er den Agenten in die Hände fiel. Und dann …

Es war beängstigend, dass nur die schlichte Redlichkeit eines jungen Gefängniswärters, der nicht bereit war, gegen die Bestimmungen zu verstoßen, Tan womöglich vor seinen Feinden schützte. Natürlich war ihm klar, dass solche Redlichkeit ihn wahrscheinlich nicht gut genug schützen würde.

Die äußere Tür wurde unvermittelt geöffnet und ließ das helle Licht schwingender Lampen und den schweren Tritt von Stiefeln herein. Tan richtete sich zunächst im Sitzen auf, stellte sich dann auf die Beine und bemühte sich darum, einen klugen und zumindest ansatzweise respektablen Eindruck zu machen. Der junge Wärter war mit einem Offizier der Wache zurückgekehrt: einem kräftigen Mann mit strenger, brutaler Miene.

»Nun?«, wandte er sich an Tan.

»Hochverehrter Hauptmann«, sagte Tan unverzüglich und verbeugte sich.

»Ihr haltet unseren Schutz hier für nicht angemessen, habe ich das richtig verstanden? Ihr habt ganz besondere Feinde, hat man mir berichtet. Ihr denkt, es würde Euch besser ergehen, wenn man Euren Namen oben auf dem Hügel erwähnte, ja?«

»Falls Ihr bitte dafür sorgen würdet, hochverehrter Herr. Ich schwöre Euch, dass man den Namen dort kennt.«

Der Hauptmann musterte Tan mit offenem Abscheu von Kopf bis Fuß. »Ihr seid hier ausreichend sicher, dass verspreche ich Euch. Ihr könnt also in dieser Hinsicht ganz beruhigt sein.«

Tan senkte den Kopf und sagte nichts.

»Huh, ein verlorener Vetter seid Ihr, wie? Seid in schlechte Gesellschaft geraten und habt Euch nach Hause geschleppt, um Vergebung zu erheischen und die Begleichung Eurer Schulden durch den Fürsten?«

»Wenn Ihr es so ausdrücken möchtet«, antwortete Tan verbindlich. Er bemühte sich um einen zerknirschten und reuigen Eindruck.

»Ihr denkt, Fürst Bertaud würde sich freuen, Euren Namen zu hören, wie? Unwahrscheinlich! Diebstahl, Schlägerei, Mord – was habt Ihr sonst noch auf dem Kerbholz? Denkt Ihr, der Fürst würde Euch das alles aufgrund irgendwelcher Blutsbande vergeben?« Der Hauptmann schien daran zu zweifeln. Mit grimmiger Zufriedenheit fuhr er fort: »Ihr denkt, er wünscht gerade jetzt, irgendeinen unehelichen Vetter oben im großen Haus zu empfangen, wo dort auch der Haushalt des Königs abgestiegen ist? Hättet Ihr auch nur so viel Verstand wie eine Steckrübe, dann würdet Ihr hoffen, dass kein Richter vor dem nächsten Monat – wenn der König nach Tihannad zurückgekehrt ist – Zeit für Euch findet, falls Ihr irgendeine Hoffnung hegen möchtet, die Gnade Fürst Bertauds zu empfangen.«

Tan starrte den Hauptmann an. Langsam fragte er: »König Iaor ist hier?«

»Das wusstet Ihr nicht?« Diesmal klang der Hauptmann ehrlich verblüfft. »Erde und Meer, Mann, wo habt Ihr die zurückliegenden sechs Jahre verbracht? So lange liegt es zurück, dass Seine Majestät das erste Mal seine alljährliche Reise durchs Land für einen Monat oder mehr im Delta unterbrochen hat! Seit Fürst Bertaud nach Hause zurückgekehrt ist, kommt der König regelmäßig hierher.« Er wirkte grimmig erfreut darüber, wie er Tans Hoffnungen vernichtete.

»Sollte Bertaud meinen Namen nicht mehr kennen, dann wird es Iaor«, erklärte Tan sofort, der hoffte, dass er damit recht behalten würde.

Der Hauptmann schnitt ein finsteres Gesicht. »Fürst Bertaud, Mann, und König Iaor, Mann! Zeigt etwas Respekt!«

Tan bat mit einer Verbeugung um Entschuldigung. »Ich bitte um Verzeihung, ehrenwerter Hauptmann. Ich wollte nicht respektlos sein.« Er versuchte, sich an einen Namen zu erinnern, den sowohl Bertaud als auch der König vielleicht kannten.

»Nun«, fuhr der Hauptmann fort und musterte ihn streng, »und welcher Name ist das, den sie dort oben im großen Haus kennen?«

»Teras, Sohn von Toharas«, antwortete Tan und hoffte, dass es stimmte.

»Hm.« Der Hauptmann drehte den Kopf und musterte den jungen Wärter kalt. Der junge Mann richtete sich kerzengerade auf und schluckte. »Da sowohl du als auch dieser Gefangene so um seine Sicherheit besorgt seid, kannst du ja nach Ende deiner Schicht bleiben und ihn im Auge behalten«, sagte der Hauptmann. »Natürlich ohne zusätzliche Bezahlung.« Er ging hinaus.

Der junge Wärter blickte Tan verdrossen an. »Vielen Dank auch. Ich sollte Euch blutig schlagen.«

»Euer Hauptmann übermittelt vielleicht doch meinen Namen ans große Haus«, flüsterte Tan. »Eine solche Chance ist Schläge wert. Ebenso Eure wachsame Gegenwart hier. Denkt Ihr vielleicht, meine Warnung wäre nicht ernst gemeint gewesen? Gut möglich, dass Ihr mir heute Abend das Leben gerettet habt.« Er senkte den Kopf und verkündete in förmlicher Weise: »Ich stehe in Eurer Schuld, und Ihr könnt sie dereinst einfordern.« Er blickte erneut auf, lächelte und fuhr fort: »Auch wenn Euch eine solche Zusage im Augenblick nicht besonders eindrucksvoll erscheint. Wie lautet Euer Name, wenn ich mich erkühnen darf, danach zu fragen?«

Der Wärter schien vorsichtig beeindruckt und nicht sehr geneigt, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Er zögerte einen Augenblick lang und antwortete dann: »Tenned, Sohn von Tenned.«

»Tenned, Sohn von Tenned, ich danke Euch.« Tan verbeugte sich. Als der junge Mann weiterhin nicht den Eindruck machte, der Drohung Taten folgen zu lassen, setzte sich Tan ins Stroh, schlang die Arme um sich und versuchte, nicht seine letzten Kräfte durch Zittern zu vergeuden. Tenneds Anwesenheit bot ihm tatsächlich Trost und Schutz. Tan hätte sogar gewagt zu schlafen, wäre es nicht so kalt gewesen.

Tenned betrachtete ihn lange. Dann bewegte er die Kiefer, hängte die Lampe an einen Haken hoch an der Wand und ging hinaus.

Er kehrte jedoch wenige Augenblicke später zurück und brachte eine abgenutzte Decke und ein mit Wurst belegtes Brötchen. Beides stopfte er durch die Gitterstangen zu Tan hinein.

Trotz seiner Verblüffung fing Tan das Essen und die Decke auf, bevor beides zu Boden fiel. Farbe stieg dem Wärter ins Gesicht, als Tan ihn anstarrte, und ließ ihn noch jünger erscheinen. Tan schüttelte den Kopf. »Ihr braucht wirklich einen Platz in anderer Gesellschaft. Ihr seid zu freundlich gesinnt, um …« – er deutete auf die Zellenwände und meinte damit das Gefängnis insgesamt – »… hier zu arbeiten.«

Der Wärter verschränkte unbehaglich die Arme und wandte den Blick ab. Er sagte jedoch leise: »Wenn der Hauptmann keine Nachricht auf den Hügel schickt … vielleicht gehe ich dann doch selbst. Morgen Mittag.« Er blickte Tan streng an. »Falls mir der Hauptmann erlaubt, um Mittag Feierabend zu machen. Das wäre dann eine doppelte Schicht. Er geht bis auf drei zusätzliche, wenn er zornig ist. Er hat das vergangene Woche mit einem neuen Wärter gemacht, als dieser einem Häftling ermöglichte, an seine Schlüssel zu gelangen.«

Tan hätte sich gewünscht, dass Tenned sorglos genug sein würde, damit er an die Schlüssel kam, aber das schien sehr unwahrscheinlich. Tan beschränkte sich auf ein mitfühlendes Nicken.

Doch zwei Stunden nach Anbruch des Morgens kehrte der Wachhauptmann persönlich zurück, begleitet von zwei zusätzlichen Wärtern und mit einem Bund voller schmaler Schlüssel in der Hand. Die Stiefelschritte weckten Tan, und er setzte sich erst auf und kam dann auf die Beine. Während er die Decke zur Seite legte, nickte er Tenned dankerfüllt zu.

»Ich weiß nicht, ob irgendjemand Euren Namen wiedererkannt hat, wohlgemerkt«, sagte der Hauptmann zu Tan. »Vielleicht sind sie dort einfach nur interessiert. Ihr werdet jedoch hinaufgeführt, und man wird sich Euch ansehen. Ich möchte das auf keinen Fall versäumen und bringe Euch persönlich dorthin.«

Tan musterte die beiden Wärter, die der Hauptmann mitgebracht hatte, und schüttelte den Kopf. »Ihr hättet mehr Männer mitbringen müssen.«

Der Hauptmann zog die Brauen hoch. »Was? Seid Ihr ein solch harter Bursche?«

»Nicht meinetwegen. Mindestens sechs Mann. Zehn wären besser. Die Hälfte davon solltet Ihr beauftragen, auf die Umgebung zu achten.«

Der Hauptmann schwieg eine ganze Weile lang.

Tan fragte sich, ob es ihm endlich gelungen war, den Mann mit seiner Aufrichtigkeit zu beeindrucken, wenn schon nicht mit anderem. Oder, wenn er den harten, ausdruckslosen Blick des Hauptmanns bedachte, ob er ihn schließlich über die Grenze des Erträglichen hinaus beleidigt hatte. Der Mann hatte Schultern wie ein Ochse; zweifellos konnte er wüste Schläge austeilen, wenn er fand, dass ein Häftling absichtlich unverschämt war. »Nicht, dass ich vorhätte, Euch vorzuschreiben, wie Ihr Eure Arbeit machen müsst, Hauptmann«, fügte Tan hinzu und bemühte sich nach Kräften um eine respektvolle Miene.

Der Hauptmann wandte sich schließlich an einen seiner Männer. »Beras, trommle alle zusammen, die verfügbar sind, und sag ihnen, sie sollen am Haupttor auf uns warten. Tenned, schließ die Zelle auf.« Er bedachte Tenned mit einem ironischen Blick und warf ihm ein Paar Handschellen zu. »Leg die dem Häftling an.«

Tan streckte bereitwillig die Hände aus und hoffte, Tenned so dazu zu bewegen, dass er ihm die Hände vor dem Körper fesselte und nicht auf dem Rücken. Als er sah, wie der Hauptmann mit noch größerer Ironie blickte, wusste er, dass der Mann diesen alten Trick durchschaute. Der Hauptmann sagte jedoch nichts, und Tenned gestattete es Tan tatsächlich, die Hände vor dem Körper zu behalten.

Das große Haus stand auf einem langgestreckten Hügel – der zwar niedrig, aber die einzige Erhebung in einem Umkreis von einer halben Tagesreise war. Schließlich war das Delta nicht für Hügel irgendwelcher Art bekannt. Das Haus selbst erwies sich im Wesentlichen als lang und niedrig, auch wenn einer der Flügel zwei Stockwerke hatte und ein runder Turm am Ende des angrenzenden Flügels noch um zwei weitere Etagen höher war. Der Turm wies keine Fenster auf. Tan wusste nicht recht, was das über den Charakter des Mannes aussagte, der ihn hatte errichten lassen.

Das Haus war von einer Reihe von Delta-Fürsten errichtet worden, von denen es jeder vor allem in der Fläche ausgebaut hatte statt nach oben. Ein Flügel hatte ursprünglich die Stallungen beherbergt – die allerdings von sehr guter Bauart waren –, und ein weiterer hatte, nach den außergewöhnlich breiten Fenstern zu urteilen, ursprünglich wohl den Falknern gedient. Die heutigen Ställe, Falkenkäfige und Hundezwinger waren weit hinten an der Gebäudeflanke gerade noch zu erkennen. Wäre Tan die Anlage vorher schon unter die Augen gekommen, hätte er wahrscheinlich aufgrund der allgemein geschäftigen Atmosphäre und der Qualität der Pferde gleich auf die Anwesenheit des Königs geschlossen. Der Wachhauptmann schien Kurs auf eine Tür dort drüben zu halten.

Der Hauptmann hatte Tan letztlich von neun ihn nun umgebenden Wärtern beschützen lassen und fünf von ihnen befohlen, nicht dem Gefangenen Beachtung zu schenken, sondern den umliegenden Straßen. Ein halbes Dutzend Krähen flogen über sie und krächzten heiser. Dann flatterten sie der kleinen Prozession voraus und über den Dächern beiderseits des Weges. Eine weitere Krähe hockte auf der Schulter des Hauptmanns und drehte den Kopf mal hierhin, mal dorthin; die glänzenden schwarzen Augen blickten intelligent und wachsam. Wie es schien, hatte der Hauptmann eine Verbundenheit zu Krähen. In dieser Situation konnte sich Tan kaum eine nützlichere Affinität vorstellen, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, wenn eine größere Schar die Augen aufgehalten und auf mögliche Schwierigkeiten geachtet hätte. Trotzdem schien es unwahrscheinlich, dass sich jemand mit einem Bogen auf einem Dach unbemerkt verstecken konnte, wenn auch nur einige wenige Krähen wachsam vorbeiflogen. Sogar jemand, der seinen Pfeilen zuflüstern konnte, sodass sie sich in der Luft wendeten, um das Ziel zu treffen, musste auf irgendeinen Punkt nahe der Stelle zielen, die er treffen wollte.

Der Hauptmann folgte dem Flug der Krähen mit finsterem Blick und sah dann erneut Tan an. Vielleicht argwöhnte er eine List seines Gefangenen. Tan hätte nur zu gern eine List im Kopf gehabt, aber dies war nicht der Fall. Vielleicht war das auch besser so. Wie seine Probleme in der vergangenen Nacht so klar gezeigt hatten, war er in Ketten und umgeben von Wärtern vielleicht sicherer, als wenn er auf eigene Faust durch die Stadt gepirscht wäre. Besonders in Anbetracht der königlichen Gardesoldaten, die überall rings um das große Haus anzutreffen waren.

»Da sind wir«, sagte der Wachhauptmann zu Tan, als sie vor einer schmalen schlichten Tür in einem einfachen fensterlosen Gebäude anhielten. »Wie ich sehe, hatten wir also doch genug Krähen dabei – und zwei oder drei Wärter hätten letztlich doch ausgereicht.«

»Es sei denn, die demonstrierte Stärke hat meine Feinde abgeschreckt«, deutete Tan höflich an. »Hochverehrter Hauptmann.«

Der Hauptmann musterte ihn unverwandt einen Augenblick lang. Dann streckte er seine mächtige Hand aus und schob die Tür auf, die nicht verschlossen war. Er ließ die Hälfte der Wärter und sämtliche Krähen draußen zurück. Die anderen traten ein und gingen einen kahlen Flur entlang, bis sie schließlich ein schmuckloses Empfangszimmer erreichten, dessen Einrichtung nur aus einem kleinen Tisch und einem einzelnen Stuhl bestand.

Der Stuhl war besetzt. Bertaud, Sohn von Boudan – so vermutete Tan –, blickte auf. Sein Blick war konzentriert und misstrauisch, aber im Grunde nicht feindselig, wie Tan fand. Zumindest noch nicht. Der junge Mann, den Tan am Hof in Tihannad kennengelernt hatte, war zu einem kräftig gebauten, selbstbewussten Fürsten herangewachsen. Er sah inzwischen seinem Vater recht ähnlich, was ihn sicherlich sehr ärgerte. Seine Augen wiesen eine interessante Tiefe auf, und Falten, an die sich Tan nicht erinnerte, prägten die Mundpartie. Tan fragte sich, wie Bertaud diese zwingende Ausstrahlung entwickelt hatte.

Tan sank vor ihm auf ein Knie, stützte die gefesselten Hände auf das andere und senkte kurz den Kopf. Dann hob er ihn wieder und blickte in Bertauds Gesicht. Ihre Augen begegneten sich. Bertauds Blick wirkte erst suchend, dann neugierig. Er holte Luft und wollte offenbar zu reden beginnen.

Ehe er jedoch dazu Gelegenheit fand, sagte Tan rasch: »Haar, dunkler als Eures. Länger als Eures, zurückgebunden mit einer schlichten Schnur. Zehn Jahre jünger, vierzig Pfund mehr und keinerlei Stilgefühl. Ein Ring an meiner linken Hand …«

»Ein Beryll«, unterbrach ihn Bertaud. Er setzte sich aufrechter und runzelte die Stirn. »Eingefasst in einen schweren Eisenring. Ihr wart vor meiner Zeit.« Womit er meinte, ehe Iaor ihn zum Kommandeur der eigenen Garde berufen hatte. »Ich habe Euch in Moutres’ Gesellschaft gesehen.« Fürst Moutres hatte diese Vertrauensposition unter Iaors Vater eingenommen und dann einige Jahre lang noch bei Iaor.

Bertaud stand auf und trat vor, um sich Tan genauer anzusehen. »Wie seid Ihr hierhergekommen?«

»Äh …« Tan zögerte. Vorsichtig fragte er: »Wisst Ihr … was ich für, äh, Moutres gemacht habe?«

Bertaud runzelte erneut die Stirn. »Nicht im Detail.«

»Der König weiß es …«

»Seine Majestät ist anderweitig beschäftigt.«

Dieser allgemeinen Aussage war nicht viel zu entnehmen. Tan zögerte. Dann sagte er: »Ich bin gerade über die Brücke gekommen. Aus Teramodian. Die Verfolger waren mir zu dicht auf den Fersen, um den Fluß weiter nördlich zu überqueren. Ich war gezwungen, nach Süden zu fliehen, und habe es trotzdem nur mit knapper Not geschafft, Linularinum zu verlassen. Jetzt, wo ich erfahren habe, dass Seine Majestät hier ist, macht das nichts mehr aus. Falls er mich empfangen möchte. Oder wenn Ihr es möchtet, mein Fürst, aber privat, ich bitte Euch.«

Bertaud sah ihn eine ganze Weile lang nur an. Tan bemühte sich, den Eindruck eines aufrichtigen Dieners des Königs zu vermitteln, nicht den eines verzweifelten Narren, der in Linularinum bei Hofe gepatzt hatte und nach Hause geflüchtet war, um sich zu retten. Wenig später hakte Bertaud nach: »Teras, Sohn von Toharas, nicht wahr? Ist das der Name, den ich dem König überbringen soll?«

Tan zögerte. Dann überraschte er sich selbst mit den Worten: »Tan. Ihr mögt Seiner Majestät sagen, dass es Tan ist, der ihm eine problematische Gabe überbringt.«

»Sohn von?«

Er schüttelte den Kopf. »Nur Tan.« Er stellte sich auf Argwohn oder Verachtung ein – je nachdem, ob der Fürst ihn für unverschämt verschlossen hielt oder für den Sohn eines achtlosen Vaters. Ganz gewiss hatte Tan nicht vor, irgendeine Erklärung zu geben. Besonders nicht, wenn er an den Inhalt der beiden möglichen Antworten dachte.

Aber er stieß weder auf Argwohn noch auf Verachtung. Fürst Bertaud senkte nur ernst den Kopf. »So werde ich den König informieren«, verkündete er, warf dem Wachhauptmann mit hochgezogenen Brauen einen Blick zu und verließ das Zimmer.

Der Hauptmann starrte auf Tan hinab und schüttelte den Kopf. »Hm.«

Tan senkte bescheiden den Kopf und fügte sich ins Warten.

Nach überraschend kurzer Zeit schwang die Tür erneut auf. Bertaud trat als Erster ein, trat jedoch sogleich beiseite und hielt persönlich die Tür auf.

Iaor Daveien Behanad Safiad, König von Farabiand und mehr oder weniger auch des Deltas, pflegte eindeutig keinen großen Pomp, wenn er Tiefenau besuchte. Er wurde weder von Dienern noch von eigenen Wachleuten begleitet; er trug weder Krone noch Schmuck, abgesehen von einem mittelgroßen Rubin an einem schweren Goldring. Aber selbst wenn Tan ihn nie zuvor gesehen hätte, wäre ihm klar geworden, dass er den König vor sich hatte.

König Iaor war breit gebaut – untersetzt, nicht übermäßig groß. Seine Haltung verriet jedoch mehr als nur Selbstsicherheit und drückte ein Bewusstsein der eigenen Autorität aus, das fraglos königlich war. Tan holte tief Luft und wartete darauf, dass der König als Erster das Wort ergriff. Dieser blickte jedoch ungeduldig zur Tür, woraus Tan schloss, dass sie noch auf jemanden warteten – vielleicht war der König doch nicht ohne Adjutanten oder Dienstboten hier.

Fürst Bertaud hielt nach wie vor die Tür auf und vermittelte dabei den Eindruck von Erheiterung und Ungeduld zugleich. Rasche Schritte wurden vernehmbar, und dann eilte ein untersetzter, breitschultriger junger Mann von vielleicht achtzehn Jahren ins Zimmer, der ein Mädchen von ungefähr dem gleichen Alter begleitete. Sie war von adretter Gestalt und schlichter Schönheit, das weizenblonde Haar von einem Band gehalten.

»Ich bitte um Verzeihung, Vetter«, entschuldigte sich die junge Frau hastig bei Bertaud, biss sich dann auf die Lippe und wandte sich an den König. »Es ist meine Schuld, dass sich Erich verspätet hat – ich habe ihn gefragt, wohin er so eilig unterwegs war, und habe ihn dazu überredet, mich mitzubringen. Falls Ihr … das heißt, falls Euch das nichts ausmacht? Bitte?« Sie warf einen Seitenblick auf Bertaud.

»Maianthe …«, hob Bertaud in einem Tonfall gereizter Zuneigung an.

»Die Schuld liegt allein bei mir«, erklärte der junge Mann sogleich, der, wie Tan deutlich wurde, Erichstaben sein musste, der Sohn von Brekan Glansent. Oder wie es die Casmantier ausgedrückt hätten: Prinz Erichstaben Taben Arobarn, erster und einziger Sohn von Brekan Glansent Arobarn – des Arobarn –, König von Casmantium. Der Prinz war derzeit Geisel am Hofe König Iaors. Allerdings schien sich der casmantische Prinz gewiss nicht wirklich als Geisel zu fühlen. Er wandte sich mit einer tiefen Stimme an Iaor und sprach mit kehligem, abgehacktem Akzent: »Eure Majestät, falls Ihr meine Keckheit entschuldigen möchtet …«

»Falls Ihr bitte …«, korrigierte ihn Bertaud streng.

König Iaor hob eine Hand, und alle wurden still.

Ein widerwilliges Lächeln umspielte Bertauds Lippen. »Du gestattest mir nicht, sie auszuschelten?«

Trocken antwortete der König: »Wenn Erich sich hier zu uns gesellen soll, dann kann ich mir keinen denkbaren Grund vorstellen, warum es deine Cousine nicht auch tun sollte.« Er blickte das Paar lange an und setzte hinzu: »Falls ich euch jedoch fortschicke, erwarte ich, dass ihr widerspruchslos meiner Anweisung folgt.«

Sowohl Erich als auch Maianthe nickten ernst.

Der König erwiderte die Geste mit einem ebenfalls ernsten Nicken. Dann betrachtete er Tan lange und mit unmöglich zu deutender Miene. Schließlich sagte er: »Teras, Sohn von Toharas?« Zu Tans Erleichterung verriet sein Ton, dass er ihn erkannte und leicht erheitert war.

»Ich trug einst diesen Namen«, erwiderte Tan ein wenig entschuldigend. »Seit etlicher Zeit jedoch nicht mehr, wie ich gestehe.«

»Wohl wahr«, stimmte ihm der König zu. »Obwohl ich mich daran erinnere. Dein tatsächlicher Name hat mich jedoch bewogen, dich anzuhören.« Er setzte sich auf den Stuhl und zog die Brauen hoch. »Nun? Wenn ich es richtig verstanden habe, wolltest du mich eigentlich in Tihannad aufsuchen? Du bist weit vom Weg abgewichen.«

»Zum Glück ist es Eure Majestät ebenfalls«, sagte Tan geschmeidig. Er blickte sich zu seinem Trupp Wärter um. »Ihr wollt mich sicher privat sprechen. Oder zumindest privater als hier.« Er überlegte, den König darum zu bitten, dass er auch den casmantischen Prinzen und Bertauds Cousine fortschickte, aber er erwartete, dass Iaor dies ablehnen würde. Und zumindest konnte Tan fast sicher sein, dass keiner von beiden ein Linulariner Agent war.

König Iaor legte den Kopf schief und warf einen Blick auf Bertaud. Der Fürst nickte dem Hauptmann zu. »Ihr und Eure Männer könnt draußen warten.« Als der Hauptmann seine Missbilligung durch eine finstere Miene ausdrückte, setzte Bertaud hinzu: »Falls Ihr bitte so gut sein würdet, Hauptmann Geroen.«

Aus Missbilligung wurde regelrechter Starrsinn. »Nein, mein Fürst. Während Seine Majestät im Raum ist und Eure Cousine?«

»Wir kennen diesen Mann«, erklärte Bertaud geduldig.

»Nein, das tut Ihr nicht – verzeiht bitte meinen Einspruch. Vielleicht habt Ihr ihn einmal gekannt, aber inzwischen war er in Linularinum, nicht wahr? Jahrelang, oder nicht? Und er ist jemand, den meine Männer wegen Körperverletzung und Mord festgenommen haben! Zwei Leichen lagen zu seinen Füßen, als sie ihn fanden, während er selbst unverletzt war!«

Bertauds Augenbrauen stiegen hoch. Der König lehnte sich auf dem Stuhl zurück und legte einen gekrümmten Finger auf die Lippen. Erich grinste unverblümt, aber Maianthe wirkte ernst und ein wenig betrübt. Die Wachleute starrten allesamt ihren Vorgesetzten fassungslos an.

Der Wachhauptmann fuhr grimmig fort: »Mein Fürst, weder Ihr noch Seine Majestät, noch die Dame Maianthe bleiben allein mit einem gefährlichen Gefangenen zurück, solange ich Hauptmann der Gefängniswärter bin. Und ich will auch nicht dieses Amt niederlegen. Ihr könnt mich entlassen, wenn es Euch gefällt. Falls Ihr das jedoch tut und zugleich Vernunft walten lasst, mein Fürst, werdet Ihr nach jemandem rufen, dem Ihr vertraut, ehe Ihr mit diesem Mann redet. Vielleicht Dessand oder Eniad. Oder Männer Seiner Majestät.« Er blickte Bertaud finster an.

»Ich denke«, sagte Bertaud nach einer kurzen Pause freundlich, »dass Ihr besser selbst bei uns bleibt, Hauptmann.«

Hauptmann Geroen nickte knapp.

»Wenn Ihr dann so freundlich wärt, die Hände des Gefangenen zu befreien und Eure Männer hinauszuschicken …«

»Und Ihr werdet auch nicht diese Handschellen entfernen lassen, mein Fürst, nicht ohne einen weiteren meiner Männer hier bei Euch zu behalten! Nein, es würde ihm nicht schaden, das Eisen etwas länger zu tragen.«

Diesmal dehnte sich die Unterbrechung in die Länge. Schließlich erwiderte der Fürst mit wohlüberlegter Geduld: »Vielleicht gestattet Ihr mir zumindest, Eure Männer zu entlassen?«

Geroen bewegte die Kiefer. Seine wuchtigen Gesichtszüge waren für eine um Verzeihung heischende Miene nicht geeignet, aber er sagte rau: »Ich würde einen meiner Männer für Widersetzlichkeit auspeitschen lassen, mein Fürst, ganz gewiss würde ich das. Ich bin bereit, eine Auspeitschung auf Euren Befehl hin zu ertragen, solange Ihr nur am Leben seid und diesen Befehl geben könnt! Ich bitte um Verzeihung, mein Fürst, und bitte Euch erneut darum, kein Risiko einzugehen, das, Erde und Eisen, mein Fürst, einfach nicht nötig ist!«

Tan war beeindruckt. Er glaubte, dass die Wachleute allesamt aufgehört hatten zu atmen. Er wusste, dass bei ihnen allen das bloße Entsetzen sich längst in nacktes Grauen verhandelt hatte. Hätte er irgendetwas geplant, dann wäre jetzt sicherlich der richtige Augenblick für die Ausführung gewesen, wo die Aufmerksamkeit aller allein dem Hauptmann galt. Leider fand er keine Gelegenheit, aus dieser Ablenkung einen Nutzen zu ziehen.

»Hauptmann Geroen, Ihr müsst ganz gewiss Eure Männer fortschicken, falls Ihr ihre Unschuld mit einem so furchtbaren Beispiel kompromittiert«, befahl Bertaud schließlich nach einer angespannten Gesprächspause. »Ihr könnt jetzt dafür sorgen.«

Der Hauptmann führte eine kurze Handbewegung aus. Seine Männer ergriffen die Flucht.

»Ich denke«, wandte sich Bertaud trocken an den König, »dass dies alles an Privatsphäre ist, was wir erwarten dürfen.«

Der König war eindeutig bemüht, nicht zu lächeln. »Die Loyalität deines Hauptmanns wirft ein günstiges Licht auf dich, mein Freund.« Er blickte von Bertaud zu Hauptmann Geroen. »Natürlich ist der Wert der Loyalität sehr begrenzt, wenn mit ihr nicht Diskretion Hand in Hand geht.«

Darauf fand Geroen keine Antwort. Er bewegte die massigen Kiefer und senkte den Kopf.

»Also«, wandte sich Iaor mit recht trockenem Ton an Tan, »vielleicht werdet Ihr mir jetzt die Nachrichten übermitteln, die Ihr aus Linularinum bringt.«

Tan blickte mit Bedacht auf Prinz Erichstaben und auf die Dame Maianthe.

»Ich denke, wir brauchen uns keine Sorgen um Erichs Diskretion zu machen«, erklärte König Iaor.

»Und ganz sicher nicht um die Maianthes«, fügte Bertaud spröde hinzu.

Tan seufzte, senkte den Kopf und begann zu berichten. »Ich gehöre zu Moutres’ Geheimagenten, wie Ihr Euch zweifellos erinnert, Eure Majestät. Ich weiß nicht, ob Ihr auch wusstet, dass ich in Linularinum war, in Teramodian am Hofe des alten Fuchses? Seit Jahren habe ich dort verdeckt gearbeitet, versteht Ihr? Und ich habe etwas erreicht. Ich bin an Istierinans private Papiere gelangt.«

»Istierinan Hamoddian?«, fragte König Iaor scharf.

Tan versuchte, bescheiden zu wirken. »Ja, er persönlich. Er war ein wenig aufgebracht, wie Ihr Euch vorstellen könnt. Ich konnte mit zwei Schritten Vorsprung vor seinen Leuten aus Teramodian fliehen. Ich hatte vor, Tihannad zu erreichen, aber sie hingen mir zu dicht an den Fersen. In Falle waren sie nur noch einen halben Schritt hinter mir, in Desamion noch weniger …« Tan brach ab und hob die geketteten Hände, um sich über den Mund zu wischen. Einen Augenblick später fuhr er mit leiserer Stimme fort: »Erde und Stein, zweimal dachte ich schon, sie würden mich einholen, ehe ich es über den Fluss schaffte …« Er unterbrach sich erneut. Dann holte er tief Luft, blickte dem König in die Augen und sagte: »Sie haben mir über den Fluss nachgesetzt.«

»Das haben sie wirklich?« König Iaor beugte sich vor und umklammerte die Armlehnen. »Wie konnten sie es nur wagen?«

»Ich weiß es nicht, Eure Majestät. Es hat auch mich überrascht, umso mehr, als sie gewusst haben müssen, dass Ihr hier wart. Unverletzt, so hat mich Hauptmann Geroen vorhin genannt. Erde und Stein, jedes Haar an meinem Körper hätte eigentlich in den zurückliegenden Tagen weiß werden müssen! Diese Leute haben mir so hart zugesetzt, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte, als zwei aufrechte Wachmänner mich erwischten, wie ich in einer Gasse gleich neben zwei Toten stand. Mitten auf der Straße von der Stadtwache erwischt! Moutres wäre nicht der Einzige, der vor Lachen vom Stuhl fiele, wenn er davon erführe. Aber …« – Tan nickte Geroen kurz zu – »…  wäre ich nicht von ihnen aufgegriffen worden, weiß ich nicht, ob ich die Nacht überlebt hätte.

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