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Der Graf von Monte Christo

Inhaltsübersicht

Ankunft in Marseille

Vater und Sohn

Das Katalonierdorf

Die Verschwörung

Das Verlobungsmahl

Der Zweite Staatsanwalt

Das Verhör

Das Château d’If

Das kleine Kabinett in den Tuilerien

Der Korse

Vater und Sohn

Die Hundert Tage

Der gefährliche Gefangene und der wahnsinnige Gefangene

Nummer 34 und Nummer 27

Ein italienischer Gelehrter

Die Zelle des Abbés

Der Plan

Der Schatz

Der dritte Anfall

Der Friedhof des Château d’If

Die Insel Tiboulen

Das Schmugglerschiff

Die Insel Monte Christo

Gold

Der Unbekannte

Die Herberge vom Pont du Gard

Der Bericht

Die Register der Gefangenen

Das Haus Morrel

Der fünfte September

Sindbad der Seefahrer

Das Erwachen

Was der Wirt erzählte: Die Geschichte Luigi Vampas

Der Graf von Monte Christo

In Paris

Die Vorstellung

Bertuccio

Das Haus in Auteuil

Die Vendetta

Der Blutregen

Der unbegrenzte Kredit

Die Apfelschimmel

Haidee

Pyramus und Thisbe

Die Lehre von den Giften

Der Major Cavalcanti und sein Sohn

Das Diner

Der Bettler

Heiratspläne

Das Arbeitszimmer des Staatsanwalts

Brot und Salz

Das Versprechen

Das Protokoll

Ali Tebelin

Die Limonade

Die Anklage

Man schreibt uns aus Janina

Der Einbruch

Die Hand Gottes

In der Pairskammer

Die Beschimpfung

Die Nacht

Auf der Walstatt

Mutter und Sohn

Der Selbstmord

Die Krankheit

Der Kontrakt

Das Gesetz

Die Erscheinung

Die Giftmischerin

Valentine

Maximilian

Die Unterschrift Danglars’

Der Friedhof Père-Lachaise

Die Teilung

Die Löwengrube

Der Richter

Vor dem Schwurgericht

Sühne

Die Abreise

Die Vergangenheit

Peppino

Luigi Vampas Speisenkarte

Die Verzeihung

Der fünfte Oktober

 

Alexandre Dumas

1829

 

Zeichnung von Achille Devéria

Ankunft in Marseille

Am 24. Februar 1815 zeigte die Hafenwache von Notre-Dame de la Garde in Marseille das Herannahen des Dreimasters »Pharao« an, der von Smyrna, Triest und Neapel kam.

Ein Küstenlotse verließ sofort den Hafen, fuhr am Château d’If vorbei und erreichte das Schiff zwischen dem Kap Morgion und der Insel Rion.

Auf der Terrasse des Forts Saint-Jean war, wie immer bei Ankunft eines Schiffes, sofort eine neugierige Menschenmenge zusammengeströmt. Jeder Marseiller erkannte den »Pharao«, da er einem Reeder der Stadt gehörte.

Das Schiff näherte sich indessen so langsam, und alles an Bord machte einen so niedergeschlagenen Eindruck, daß die Neugierigen instinktiv ein Unglück ahnten und sich fragten, was für ein Unfall sich an Bord zugetragen haben könnte. Nichtsdestoweniger erkannten die Schiffskundigen gleich, daß, wenn sich ein Unfall zugetragen hätte, dieser nicht das Schiff selbst betroffen haben konnte, denn dieses fuhr in aller Ordnung daher, und neben dem Lotsen, welcher die Leitung des »Pharao« durch die enge Einfahrt des Marseiller Hafens übernommen hatte, stand ein junger Mann, der jede Bewegung des Schiffes mit lebhaftem Auge überwachte und jeden Befehl des Lotsen schnell und sicher wiederholte.

Die unbestimmte Unruhe unter der Menge auf der Esplanade des Forts Saint-Jean hatte ganz besonders einen der Zuschauer ergriffen, der offenbar die Einfahrt des Schiffes in den Hafen nicht erwarten konnte; er sprang in eine kleine Barke und befahl, dem »Pharao« entgegenzurudern, den er gegenüber der Anse de la Réserve erreichte.

Als der junge Seemann diesen Mann kommen sah, verließ er seinen Platz an der Seite des Lotsen und trat mit dem Hute in der Hand an die Reling.

Es war ein junger Mann von achtzehn bis zwanzig Jahren, groß und schlank, mit schönen schwarzen Augen und tiefschwarzem Haar; seine ganze Person trug jenen Stempel der Ruhe und Entschlossenheit, wie er Männern, welche von Kindheit an daran gewöhnt sind, mit der Gefahr zu kämpfen, eigentümlich ist.

»Ah, Sie sind’s, Dantès!« rief der Mann in der Barke. »Was ist denn passiert, und warum trägt alles an Bord diesen Ausdruck der Trauer?«

»Ein großes Unglück, Herr Morrel«, antwortete der junge Mann, »besonders für mich! Auf der Höhe von Civitavecchia haben wir den braven Kapitän Leclère verloren.«

»Und die Ladung?« fragte rasch der Reeder.

»Die ist unversehrt, Herr Morrel, und ich glaube, daß Sie in dieser Beziehung zufrieden sein werden; aber der arme Kapitän …«

»Was ist ihm denn zugestoßen?« fragte der Reeder, sichtlich ruhiger.

»Er ist tot.«

»Ins Meer gestürzt?«

»Nein, er ist am Nervenfieber gestorben. Er hat fürchterlich gelitten.« Dann, sich zu der Mannschaft wendend, befahl er: »Holla! Jedermann an seinen Posten! Anker klar!«

Die Mannschaft gehorchte; jeder der acht bis zehn Matrosen nahm seinen Posten ein.

Der junge Mann warf einen flüchtigen Blick auf den Anfang des Manövers, und da er sah, daß seine Befehle ausgeführt wurden, wandte er sich wieder dem Reeder zu.

»Aber wie ist denn das Unglück gekommen?« nahm dieser die Unterhaltung wieder auf.

»Mein Gott, Herr Morrel, ganz unvorhergesehen: Nach einer langen Unterhaltung mit dem Hafenkommandanten verließ der Kapitän in großer Erregung Neapel; nach vierundzwanzig Stunden befiel ihn das Fieber; drei Tage darauf war er tot … Wir haben ihm die gewohnte Totenfeier bereitet, und er ruht, eingehüllt in eine Hängematte, mit einer Kugel von sechsunddreißig Pfund an den Füßen und einer am Kopf, auf der Höhe der Insel Giglio. Sein Ehrenkreuz und seinen Degen bringen wir seiner Witwe. Es war auch der Mühe wert«, fuhr der junge Mann melancholisch lächelnd fort, »sich zehn Jahre lang mit den Engländern zu schlagen, um schließlich wie jeder andere im Bett zu sterben.«

»Je nun, Herr Edmond«, entgegnete der Reeder, der sich mehr und mehr zu trösten schien, »wir sind alle sterblich, und die Alten müssen den Jungen Platz machen, wie säh’s sonst mit dem Avancement aus, und da Sie mir versichern, daß die Ladung …«

»Ist in gutem Zustande, Herr Morrel, dafür bürge ich. Die Fahrt bringt Ihnen über fünfundzwanzigtausend Franken ein.«

Dann wandte er sich wieder der Mannschaft zu und erteilte seine Befehle, die so genau ausgeführt wurden wie auf einem Kriegsschiff.

Alle Segel wurden eingezogen, und das Schiff näherte sich mit fast unmerklicher Bewegung dem Hafen.

»Und jetzt, Herr Morrel«, sagte Dantès, der die Ungeduld des Reeders sah, »können Sie an Bord kommen, wenn Sie wünschen … Da kommt Ihr Rechnungsführer, Herr Danglars, eben aus seiner Kajüte, der wird Ihnen jede gewünschte Auskunft geben. Ich meinerseits muß das Ankerwerfen überwachen und das Schiff Trauer anlegen lassen.«

Der Reeder ergriff ein Tau, das Dantès ihm zuwarf, und kletterte mit einer Gewandtheit, die einem Seemanne Ehre gemacht hätte, die Sprossen an der Seite des Schiffes hinauf, während Dantès auf seinen Posten zurückkehrte. Unterdessen ging der Rechnungsführer Danglars dem Reeder entgegen.

Danglars war ein Mann von etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, von finsterem Aussehen, unterwürfig gegen seine Vorgesetzten, anmaßend gegen seine Untergebenen. Rechnungsführer werden von der Mannschaft immer scheel angesehen, aber Danglars war den Leuten auch persönlich verhaßt, ganz im Gegensatz zu Edmond Dantès, den alle liebten.

»Nun, Herr Morrel«, sagte Danglars, »Sie wissen das Unglück schon, nicht wahr?«

»Ja, ja; der arme Kapitän! Ein braver und ehrenwerter Mann!«

»Und vor allem ein ausgezeichneter Seemann, der zwischen Himmel und Wasser alt geworden war. Er verdiente es, die Interessen eines so bedeutenden Hauses wie Morrel und Sohn wahrzunehmen«, antwortete Danglars.

»Nun«, sagte der Reeder, dessen Augen Dantès folgten, welcher einen Platz zum Ankerwerfen suchte, »mir scheint, Danglars, man braucht nicht solch alter Seemann zu sein, wie Sie sagen, um sein Fach zu verstehen; unser Freund Edmond erfüllt seine Pflichten scheint’s wie ein Mann, der nicht nötig hat, einen andern um Rat zu fragen.«

»Ja«, entgegnete Danglars, indem er auf Dantès einen Seitenblick voll heimlichen Hasses warf, »ja, ein junger Mensch, der sich alles zutraut. Kaum, daß der Kapitän tot war, so übernahm er das Kommando, ohne vorher mit jemand Rücksprache zu nehmen, und er hat uns anderthalb Tage bei der Insel Elba verlieren lassen, statt direkt nach Marseille zu gehen.«

»Daß er das Kommando übernahm«, sagte der Reeder, »war seine Pflicht als Erster Offizier, daß er anderthalb Tage bei der Insel Elba verlor, war unrecht, falls das Schiff nicht irgendwelche Havarie erlitten hatte, so daß er ausbessern mußte.«

»Dem Schiff fehlte ebensowenig etwas wie Ihnen oder mir, Herr Morrel; diese anderthalb Tage haben wir bloß des Vergnügens wegen, ans Land zu gehen, verloren.«

»Dantès«, wandte sich der Reeder zu dem jungen Manne, »kommen Sie einmal her.«

»Einen Augenblick«, erwiderte Dantès, »ich bin sofort bei Ihnen.« Dann erteilte er den Befehl, den Anker zu werfen. Trotz der Anwesenheit des Lotsen blieb er auf seinem Posten, bis das Manöver ausgeführt war.

»Sehen Sie«, bemerkte Danglars, »er hält sich schon für den Kapitän.«

»Er ist’s auch tatsächlich«, entgegnete der Reeder.

»Ja, bis auf Ihre und Ihres Herrn Teilhabers Unterschrift, Herr Morrel.«

»Nun, warum sollten wir ihn nicht auf diesem Posten lassen?« fragte der Reeder. »Ich weiß wohl, er ist noch jung, aber er scheint mir dem Posten gewachsen zu sein und hat große Erfahrung in seinem Fache.«

Die Stirn Danglars’ verfinsterte sich.

»Entschuldigen Sie, Herr Morrel«, sagte Dantès näher tretend; »jetzt, da das Schiff vor Anker liegt, stehe ich vollständig zu Ihrer Verfügung.«

Danglars trat einen Schritt zurück.

»Ich wollte Sie fragen, warum Sie sich auf der Insel Elba aufgehalten haben.«

»Es geschah, Herr Morrel, um einen letzten Befehl des Kapitäns Leclère zu erfüllen, der mir sterbend ein Paket für den Großmarschall Bertrand übergeben hatte.«

»Haben Sie ihn denn gesehen, Edmond?«

»Wen?«

»Den Großmarschall?«

»Jawohl.«

Morrel sah sich um und zog Dantès beiseite.

»Und wie geht’s dem Kaiser?« fragte er lebhaft.

»Gut, wenigstens soweit ich es mit meinen Augen habe beurteilen können.«

»Sie haben also auch den Kaiser gesehen?«

»Er trat bei dem Marschall ein, während ich dort war.«

»Und Sie haben mit ihm gesprochen?«

»Das heißt, er hat mit mir gesprochen, Herr Morrel«, entgegnete Dantès lächelnd.

»Und was hat er zu Ihnen gesagt?«

»Er stellte mir Fragen über das Schiff, die Zeit der Abreise nach Marseille, den Weg, den es genommen hatte, und die Ladung. Ich glaube, wäre es leer gewesen und hätte es mir gehört, so hätte er es zu kaufen gewünscht; aber ich sagte ihm, daß ich nur der Erste Offizier wäre und das Schiff dem Hause Morrel und Sohn gehörte. – ›Aha‹, erwiderte er, das Haus ist mir bekannt; die Morrels sind Reeder vom Vater auf den Sohn, und ein Morrel diente mit mir in demselben Regiment, als ich zu Valence in Garnison stand.‹«

»Das stimmt!« rief der Reeder hocherfreut. »Das war der Hauptmann Policar Morrel, mein Onkel. Dantès, Sie müssen meinem Onkel sagen, daß der Kaiser sich seiner erinnert hat, und Sie werden den alten Soldaten weinen sehen. Ja, ja«, fuhr der Reeder fort und klopfte dem jungen Mann freundschaftlich auf die Schulter, »es war recht von Ihnen, daß Sie die Anweisung des Kapitäns befolgt haben, obgleich es Sie kompromittieren könnte, wenn man erführe, daß Sie dem Marschall ein Paket übergeben und mit dem Kaiser gesprochen haben.«

»Inwiefern könnte mich denn das kompromittieren?« entgegnete Dantès. »Ich weiß nicht einmal, was ich überbracht habe, und der Kaiser hat nur Fragen an mich gerichtet, wie er sie an den ersten besten auch gerichtet hätte. Doch entschuldigen Sie, da kommen die Sanitäts- und Zollbeamten; Sie erlauben, nicht wahr?«

»Gehen Sie, gehen Sie, mein lieber Dantès.«

Der junge Mann entfernte sich, und Danglars trat wieder näher.

»Nun«, fragte dieser, »er scheint Ihnen gute Gründe für sein Anlegen in Porto Ferrajo gegeben zu haben?«

»Ausgezeichnet, mein lieber Danglars.«

»Nun, um so besser«, antwortete dieser, »denn es ist immer peinlich, zu sehen, daß ein Kamerad nicht seine Pflicht tut.«

»Dantès hat die seinige getan«, erwiderte der Reeder, »und es trifft ihn kein Vorwurf. Kapitän Leclère hatte ihm diesen Aufenthalt befohlen.«

»Da Sie den Kapitän erwähnen – hat er Ihnen nicht einen Brief von ihm gegeben?«

»Wer?«

»Dantès.«

»Mir, nein. Hatte er denn einen?«

»Ich glaubte, daß ihm der Kapitän Leclère außer dem Paket noch einen Brief anvertraut hätte.«

»Von welchem Paket sprechen Sie, Danglars?«

»Nun, von demjenigen, welches Dantès in Porto Ferrajo abgegeben hat.«

»Woher wissen Sie, daß er dort ein Paket abgegeben hat?«

Danglars errötete.

»Ich ging an der Tür des Kapitäns vorbei, die halb offen stand, und sah ihn Dantès das Paket und den Brief übergeben.«

»Er hat mir nichts davon gesagt; wenn er aber diesen Brief hat, wird er ihn mir geben«, bemerkte der Reeder.

Danglars sann einen Augenblick nach.

»Dann bitte ich Sie, Herr Morrel, sprechen Sie mit Dantès nicht hierüber; ich werde mich getäuscht haben.«

In diesem Augenblick kam der junge Mann zurück; Danglars entfernte sich.

»Nun, mein lieber Dantès, sind Sie jetzt frei?« fragte der Reeder.

»Jawohl, Herr Morrel, alles in Ordnung.«

»Dann können Sie also mit uns speisen?«

»Entschuldigen Sie mich, Herr Morrel, nach der Ankunft gehe ich immer zuerst zu meinem Vater. Ich bin darum nicht weniger dankbar für die Ehre, die Sie mir erweisen.«

»Ganz recht, Dantès, ganz recht. Ich weiß, Sie sind ein guter Sohn.«

»Und …«, fragte Dantès etwas zögernd, »er befindet sich wohl, soviel Sie wissen?«

»Nun, ich denke doch, mein lieber Edmond, obgleich ich ihn nicht gesehen habe.«

»Ja, er hält sich in seinem Zimmerchen verschlossen.«

»Das beweist wenigstens, daß es ihm in Ihrer Abwesenheit an nichts gefehlt hat.«

Dantès lächelte.

»Mein Vater ist stolz, Herr Morrel, und wenn es ihm an allem gefehlt hätte, so zweifle ich doch, daß er von irgend jemand auf der Welt etwas verlangt hätte, außer von Gott.«

»Gut denn; aber nach dem Besuch bei Ihrem Vater rechnen wir auf Sie.«

»Entschuldigen Sie nochmals, Herr Morrel; aber nach diesem Besuche habe ich noch einen zweiten zu machen, der mir nicht weniger am Herzen liegt.«

»Ah, wahrhaftig, Dantès; ich vergaß, daß im Dorf der Katalonier jemand ist, der Sie ebenso ungeduldig erwarten muß wie Ihr Vater: die schöne Mercedes.«

Dantès lächelte wieder.

»Dreimal ist sie zu mir gekommen, um sich nach dem ›Pharao‹ zu erkundigen«, sagte der Reeder. »Wahrhaftig, Edmond, Sie können mit Ihrer Geliebten zufrieden sein, sie ist ein hübsches Kind.«

»Sie ist nicht meine Geliebte, Herr Morrel«, entgegnete der junge Seemann ernst; »sie ist meine Braut.«

»Das kommt manchmal auf eins heraus«, sagte lachend der Reeder.

»Bei uns nicht, Herr Morrel.«

»Nun, mein lieber Edmond«, fuhr der Reeder fort, »dann will ich Sie nicht länger zurückhalten. Sie haben meine Geschäfte so gut besorgt, daß ich Ihnen Zeit lasse, soviel Sie wollen, auch die Ihrigen zu besorgen. Brauchen Sie Geld?«

»Nein, ich habe meine ganze Löhnung für ein Vierteljahr.«

»Sie sind ein ordentlicher Junge, Edmond.«

»Fügen Sie hinzu, daß ich einen armen Vater habe, Herr Morrel.«

»Ja, ja, ich weiß, daß Sie ein guter Sohn sind. Gehen Sie also jetzt zu Ihrem Vater. Ich habe auch einen Sohn und würde es sehr übelnehmen, wenn ihn jemand nach dreimonatiger Abwesenheit von mir fernhielte.«

»Sie erlauben also?« fragte der junge Mann.

»Ja, wenn Sie mir nichts mehr zu sagen haben.«

»Nein.«

»Hat Ihnen der Kapitän Leclère kurz vor seinem Tode nicht einen Brief für mich gegeben?«

»Es wäre ihm unmöglich gewesen, zu schreiben; aber das erinnert mich daran, daß ich Sie um vierzehn Tage Urlaub bitten muß.«

»Um Hochzeit zu halten?«

»Einmal das, und dann, um nach Paris zu reisen.«

»Schön, schön, nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen, Dantès; das Ausladen des Schiffes wird etwa sechs Wochen in Anspruch nehmen, und wir werden vor Ablauf eines Vierteljahres wohl kaum wieder in See gehen … In einem Vierteljahr müssen Sie aber da sein. Der ›Pharao‹«, fuhr der Reeder fort, indem er dem jungen Seemann auf die Schulter klopfte, »könnte ohne seinen Kapitän nicht wieder in See stechen.«

»Ohne seinen Kapitän!« rief Dantès mit vor Freude strahlenden Augen. »Sie hätten die Absicht, mich zum Kapitän des ›Pharao‹ zu ernennen?«

»Wenn ich allein zu bestimmen hätte, würde ich Ihnen die Hand reichen, mein lieber Dantès, und Ihnen sagen: Abgemacht; aber ich habe einen Teilhaber, und Sie kennen das Sprichwort: Wer einen Teilhaber hat, hat einen Befehlshaber. Aber von zwei Stimmen haben Sie wenigstens schon eine, und in betreff der andern verlassen Sie sich auf mich, ich werde das meinige tun.«

Der junge Mann, dem die Tränen in den Augen standen, ergriff die Hände des Reeders.

»O Herr Morrel«, rief er, »ich danke Ihnen im Namen meines Vaters und Mercedes’!«

»Schön, schön, Edmond; Gott läßt es einem braven Kerl nicht schlecht gehn auf der Welt. Suchen Sie Ihren Vater auf, gehen Sie zu Mercedes, und dann kommen Sie zu mir.«

»Soll ich Sie nicht an Land bringen?«

»Nein, ich danke; ich will noch die Rechnungen mit Danglars durchgehen. Sind Sie während der Reise mit ihm zufrieden gewesen?«

»Das kommt darauf an, wie Sie diese Frage meinen, Herr Morrel. Meinen Sie als Kamerad, dann nein, denn ich glaube, er kann mich nicht leiden, seit ich eines Tages die Dummheit beging, ihm infolge eines Streites, den wir miteinander hatten, den Vorschlag zu machen, zehn Minuten an der Insel Monte Christo haltzumachen, um diesen Streit auszutragen, einen Vorschlag, den ich ihm nicht hätte machen sollen und den er mit Recht zurückwies. Meinen Sie als Rechnungsführer, so glaube ich, daß nichts an ihm auszusetzen ist und daß Sie mit seinen Leistungen zufrieden sein werden.«

»Aber hören Sie, Dantès«, fragte der Reeder, »wenn Sie Kapitän des ›Pharao‹ wären, würden Sie Danglars gern behalten?«

»Ich werde stets, ob Kapitän oder Erster Offizier, diejenigen achten, die das Vertrauen meiner Reeder besitzen.«

»Nun, Dantès, ich sehe, daß Sie in jeder Beziehung ein braver Junge sind. Jetzt will ich Sie aber nicht länger aufhalten; gehen Sie, ich sehe ja, Sie stehen wie auf Kohlen.«

»Ich habe also meinen Urlaub?« fragte Dantès.

»Gehen Sie nur.«

»Sie erlauben, daß ich Ihr Boot nehme?«

»Nehmen Sie nur.«

»Auf Wiedersehen, Herr Morrel, und tausend Dank!«

»Auf Wiedersehen, mein lieber Edmond, viel Glück!«

Der junge Mann sprang in das Boot, und zwei Matrosen ruderten ihn auf seinen Befehl dem Lande zu.

Der Reeder folgte ihm lächelnd mit den Augen, sah, wie er am Kai ausstieg und sich sofort in der Menge verlor.

Als der Reeder sich umwandte, sah er Danglars hinter sich, der dem Anschein nach seine Befehle erwartete, in Wirklichkeit aber gleichfalls dem jungen Seemanne nachgeblickt hatte.

Vater und Sohn

Nachdem Dantès die Cannebière in ihrer ganzen Länge durcheilt hatte, bog er in die Rue de Noailles ein, betrat ein an der linken Seite der Allées de Meilhan gelegenes Haus, stieg klopfenden Herzens schnell eine dunkle Treppe bis zum vierten Stock hinauf und blieb vor einer angelehnten Tür stehen, durch die man bis in den Hintergrund eines kleinen Zimmers sehen konnte.

Dieses Zimmer war das seines Vaters.

Die Nachricht von der Ankunft des »Pharao« war noch nicht bis zu dem Greise gedrungen, der, auf einem Stuhle stehend, damit beschäftigt war, mit zitternder Hand einige Kapuzinerblumen und Rebwinden, die das Fenster umrankten, mit Latten zu stützen.

Plötzlich fühlte er, wie ein Paar Arme sich um ihn legten, und eine wohlbekannte Stimme rief:

»Vater, mein guter Vater!«

Der Greis stieß einen Schrei aus und wandte sich um. Als er seinen Sohn erblickte, sank er zitternd und bleich in dessen Arme.

»Was hast du denn?« rief der junge Mann beunruhigt. »Bist du krank?«

»Nein, nein, mein lieber Edmond, mein Sohn, mein Kind, nein; es ist nur die Freude über dieses unvermutete Wiedersehen – ich hatte dich nicht erwartet – o Gott, mir ist, als ob ich sterben müßte!«

»Nun, nun, fasse dich doch, Vater! Die Freude soll ja keinen Schaden tun, und deshalb bin ich hier so ohne Vorbereitung eingetreten. Komm, sei doch fröhlich, anstatt mich so mit wirren Augen anzusehen. Ich bin zurück, und wir werden glücklich sein.«

»Ah so, Junge!« entgegnete der Greis. »Aber wieso werden wir glücklich sein? Du verläßt mich also nicht mehr? Komm, erzähle mir dein Glück!«

»Gott verzeihe mir«, sagte der junge Mann, »daß ein Ereignis mein Glück ist, das Trauer über eine Familie bringt! Aber Gott weiß, daß ich dieses Glück nicht gewünscht habe; es ist nun einmal so gekommen, und ich kann nicht anders als mich darüber freuen. Der brave Kapitän Leclère ist tot, Vater, und es ist wahrscheinlich, daß ich auf Verwendung des Herrn Morrel seine Stelle erhalte. Begreifst du, Vater? Mit zwanzig Jahren Kapitän! Hundert Louisdors Gehalt und Anteil am Gewinn! Wie hätte ich armer Matrose jemals ein solches Glück erhoffen können?«

»Ja, mein Sohn, in der Tat«, antwortete der Greis, »das ist ein Glück.«

»Und von dem ersten Gelde, welches ich erhalte, sollst du ein Häuschen mit einem Garten bekommen, worin du dir deine Rebwinden, deine Kapuzinerblumen und Jelängerjelieber pflanzen kannst … Aber was ist dir denn, Vater, bist du krank?«

»Geduld, Geduld! es ist weiter nichts.«

Die Kräfte verließen den Greis, und er sank nach hinten über. »Laß sehen, ein Glas Wein, Vater; das wird dich wieder auffrischen. Wo steht dein Wein?«

»Nein, ich danke, such nicht; ich brauche keinen«, sagte der Alte.

Er versuchte seinen Sohn zurückzuhalten.

»Doch, doch, Vater, zeig mir den Platz.« Und er öffnete einige Schränke.

»Laß sein …«, bemerkte der Greis, »es ist kein Wein mehr da.«

»Wie, es ist kein Wein mehr da!« rief Dantès, seinerseits erbleichend und abwechselnd die blassen, eingefallenen Wangen des Greises und die leeren Schränke betrachtend. »Hat es dir an Geld gefehlt, Vater?«

»Es hat mir an nichts gefehlt, nun, da du da bist«, antwortete der Greis.

»Aber ich hatte dir doch zweihundert Franken zurückgelassen, als ich vor einem Vierteljahr abreiste«, sagte Dantès bestürzt.

»Ja, ja, Edmond, freilich; aber du hattest vergessen, vor der Abreise eine kleine Schuld beim Nachbar Caderousse zu bezahlen; er hat mich daran erinnert und wollte, wenn ich nicht für dich bezahlte, sich das Geld von Herrn Morrel geben lassen. Und siehst du, da ich befürchtete, daß dir das schaden könnte …«

»Nun?«

»So habe ich es bezahlt.«

»Es waren ja aber hundertvierzig Franken, die ich Caderousse schuldete!«

»Jawohl«, sagte der Greis.

»Und die hast du ihm von den zweihundert Franken ganz gegeben?«

Der Greis nickte.

»So daß du also ein Vierteljahr von sechzig Franken gelebt hast?« rief der junge Mann.

»Du weißt, wie wenig ich brauche«, sagte der Alte.

»O Gott, o mein Gott, verzeih mir!« rief Edmond, indem er sich vor seinem Vater auf die Knie warf.

»Was machst du denn?«

»Oh, du hast mir das Herz zerrissen!«

»Du bist ja da«, sagte der Greis lächelnd; »nun ist alles wieder gut.«

»Ja, ich bin da«, entgegnete der junge Mann, »und ich habe Geld mitgebracht. Da, Vater, nimm und laß sofort einholen.« Und er entleerte seine Taschen, die ein Dutzend Goldstücke, fünf oder sechs Fünffrankenstücke und kleine Münzen enthielten, auf den Tisch.

Das Gesicht des alten Dantès erheiterte sich.

»Wem gehört das?« fragte er.

»Nun mir, dir, uns! Nimm, kauf ein, sei fröhlich! Morgen gibt es mehr.«

»Sachte, sachte«, mahnte der Alte lächelnd; »mit deiner Erlaubnis werde ich deine Börse nur mäßig in Anspruch nehmen; wenn man mich zu viel auf einmal kaufen sähe, würde man denken, ich hätte bis zu deiner Rückkehr warten müssen, um Einkäufe zu machen.«

»Wie du willst, Vater; aber vor allen Dingen nimm dir jemand zur Bedienung; du sollst nicht mehr allein bleiben. Ich habe geschmuggelten Kaffee und ausgezeichneten Tabak in einem kleinen Koffer an Bord. Doch still! Da kommt jemand.«

»Das ist Caderousse. Er hat wohl gehört, daß du gekommen bist, und will dir guten Tag sagen.«

»Das ist auch so einer, der mit Worten freundlich tut und im Herzen anders denkt«, murmelte Edmond. »Doch einerlei, es ist ein Nachbar, der uns früher einen Dienst erwiesen hat, er sei willkommen.«

In der Tat sah man gleich darauf in der Flurtür den schwarzen, bärtigen Kopf des Schneiders Caderousse erscheinen. Es war ein Mann von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren.

»Ei, da bist du also zurück, Edmond?« sagte er im ausgesprochensten Marseiller Dialekt und mit einem breiten Lächeln, welches seine elfenbeinweißen Zähne sehen ließ.

»Wie Sie sehen, Nachbar Caderousse, und bereit, Ihnen in jeder Weise dienlich zu sein«, antwortete Dantès, der seinen Widerwillen nur schlecht unter diesem Anerbieten verbarg.

»Danke, danke; glücklicherweise brauche ich nichts, und es sind sogar manchmal die andern, die mich brauchen.«

Dantès machte eine Bewegung.

»Das geht nicht auf dich, Junge; ich habe dir Geld geliehen, du hast mir’s wiedergegeben, und wir sind quitt; so was kommt unter guten Nachbarsleuten vor.«

»Man ist denen gegenüber, die einem einen Dienst erwiesen haben, nie quitt«, antwortete Dantès; »denn wenn man ihnen das Geld nicht mehr schuldet, so schuldet man ihnen Dankbarkeit.«

»Wozu darüber sprechen! Was vorbei ist, ist vorbei. Sprechen wir von deiner glücklichen Rückkehr, Junge. Ich war also nach dem Hafen gegangen, um braunes Tuch zu holen, und wen treffe ich? Freund Danglars, der mir erzählte, daß du auch wieder da bist. Da komme ich denn, um einem Freunde die Hand zu drücken.«

»Der gute Caderousse«, sagte der Greis, »er liebt uns so!«

»Gewiß liebe ich Sie, da die ehrbaren Leute rar sind. Aber du scheinst ja reich zu werden, Junge«, fuhr der Schneider fort, indem er einen Seitenblick auf die Handvoll Gold und Silber warf, die Dantès auf den Tisch geschüttet hatte.

Der junge Mann bemerkte den gierigen Blick in den schwarzen Augen des Nachbarn.

»Lieber Gott«, warf er nachlässig hin, »das Geld gehört nicht mir; ich fragte meinen Vater, ob es ihm in meiner Abwesenheit auch an nichts gefehlt hat, und um mich zu beruhigen, hat er den Inhalt seiner Börse auf den Tisch geschüttet. Komm, Vater«, fuhr Dantès fort, »steck das Geld wieder in deine Sparbüchse, das heißt, wenn Nachbar Caderousse es nicht braucht, in welchem Falle es zu seiner Verfügung steht.«

»Nein, Junge«, sagte Caderousse, »ich brauche nichts. Gott sei Dank! Das Handwerk nährt seinen Mann. Behalte dein Geld, man hat nie zu viel; trotzdem bin ich dir für dein Anerbieten ebenso verbunden, als ob ich’s angenommen hätte.«

»Es war aufrichtig gemeint«, erwiderte Dantès.

»Daran zweifle ich nicht. Du stehst dich also mit Herrn Morrel sehr gut? Du verstehst es offenbar, dich beliebt zu machen.«

»Herr Morrel ist immer sehr gütig gegen mich gewesen«, antwortete Dantès.

»Dann tust du unrecht, seine Einladung zum Essen nicht anzunehmen.«

»Was?« fiel der alte Dantès ein; »er hat dich zum Essen eingeladen?«

»Ja, Vater«, antwortete Edmond, über das Staunen des Alten lächelnd.

»Und warum hast du abgelehnt, Junge?« fragte der Greis.

»Um desto eher zu dir zu kommen, Vater«, erwiderte der junge Mann. »Ich hatte Eile, dich zu sehen.«

»Das wird den guten Herrn Morrel verletzt haben«, nahm Caderousse wieder das Wort; »und wenn einer Absicht auf den Kapitänshut hat, so darf er seinen Reeder nicht vor den Kopf stoßen.«

»Ich habe ihm den Grund meiner Ablehnung erklärt«, entgegnete Dantès, »und ich hoffe, er hat Verständnis dafür gehabt.«

»Je nun, wenn man Kapitän werden will, muß man seinem Patron ein bißchen schmeicheln.«

»Ich hoffe, ohne das Kapitän zu werden.«

»Desto besser, desto besser, da werden sich alle alten Freunde freuen, und ich kenne da unten hinter der Zitadelle von Saint-Nicolas jemand, der auch nicht böse darüber sein wird.«

»Mercedes?« fragte der Greis.

»Ja, Vater«, entgegnete Dantès, »und jetzt, da ich dich gesehen habe und weiß, daß es dir gut geht und du alles hast, was du brauchst, erlaubst du wohl, daß ich im Katalonierdorf einen Besuch abstatte.«

»Geh, mein Sohn«, sagte der alte Dantès, »und Gott segne dich in deiner Frau, wie er mich in meinem Sohne gesegnet hat!«

»Seine Frau!« bemerkte Caderousse. »Wie Sie gleich losgehen, Vater Dantès! Ich dachte, sie ist es noch nicht.«

»Nein; aber sie wird es bald sein«, antwortete Edmond.

»Einerlei, einerlei«, meinte Caderousse, »es war gut, daß du dich beeilt hast, Junge.«

»Wieso?«

»Weil die Mercedes ein schönes Mädchen ist und es den schönen Mädchen nicht an Liebhabern fehlt, besonders dieser nicht; sie laufen ihr dutzendweise nach.«

»So«, sagte Edmond mit einem Lächeln, hinter dem eine leichte Unruhe bemerkbar war.

»Jawohl«, fuhr Caderousse fort, »und sogar schöne Partien, aber sieh her, du wirst Kapitän werden, und man wird sich hüten, dich abzuweisen.«

»Das heißt«, entgegnete Dantès, dessen Lächeln seine Unruhe nur schlecht verbarg, »wenn ich nicht Kapitän würde …«

»Je, nun.« Caderousse zog die Schultern hoch.

»Nun«, erwiderte der junge Mann, »ich habe eine bessere Meinung von den Frauen im allgemeinen und von Mercedes im besonderen und bin überzeugt, daß sie mir treu bleiben wird, einerlei, ob ich Kapitän bin oder nicht.«

»Um so besser, um so besser«, warf Caderousse hin; »es ist immer gut, dem Mädchen zu vertrauen, das man heiraten will; aber einerlei, glaube mir, Junge, verliere keine Zeit, zu ihr zu gehen und ihr deine Ansichten mitzuteilen.«

»Ich gehe sofort«, sagte Edmond.

Er umarmte seinen Vater, verabschiedete sich von Caderousse und ging.

Caderousse blieb noch einen Augenblick, dann verabschiedete er sich von dem alten Dantès, ging die Treppe hinunter und suchte Danglars wieder auf, der ihn an der Straßenecke erwartete.

»Nun«, fragte Danglars, »hast du ihn gesehen?«

»Ich komme direkt von ihm.«

»Und hat er gesagt, daß er Kapitän zu werden hofft?«

»Er spricht davon, als ob er’s schon wäre.«

»Geduld«, sagte Danglars. »Er scheint es etwas zu eilig zu haben.«

»Es sieht so aus, als ob Herr Morrel es ihm zugesagt hat.«

»Dann ist er wohl sehr heiter?«

»Sogar anmaßend; bietet mir seine Dienste an, als ob er was Vornehmes wäre; wollte mir Geld leihen wie ein Bankier.«

»Und du hast es zurückgewiesen?«

»Strikte weg; obschon ich’s ganz gut hätte annehmen können, zumal ich es war, der ihm die ersten Goldstücke in die Hand gegeben hat. Aber jetzt braucht Herr Dantès niemand mehr; er wird ja Kapitän.«

»Pah«, sagte Danglars, »noch ist er’s nicht.«

»Teufel auch! Gut wär’s, wenn er’s nicht würde«, entgegnete Caderousse, »denn sonst würde er unsereinen gar nicht mehr ansehen.«

»Wenn wir wollten«, warf Danglars hin, »so bliebe er, was er ist, ja würde vielleicht noch weniger.«

»Was meinst du?«

»Nichts, ich rede nur so. Und er ist noch immer in die schöne Katalonierin verliebt?«

»Wahnsinnig verliebt. Er ist hin zu ihr; aber ich müßte mich sehr täuschen, wenn ihn nicht Unannehmlichkeiten erwarteten.«

»Erkläre dich.«

»Wozu?«

»Es ist wichtiger, als du denkst. Du kannst doch Dantès nicht leiden, he?«

»Ich habe die Hochnäsigen im Magen.«

»Nun, dann sage mir, was du von der Katalonierin weißt.«

»Positives weiß ich just nichts; was ich aber gesehen habe, läßt mich glauben, daß der zukünftige Kapitän, wie gesagt, in der Gegend da Unannehmlichkeiten haben dürfte.«

»Was hast du denn gesehen? Sprich doch.«

»Nun denn, allemal wenn Mercedes nach der Stadt kommt, wird sie von einem großen Katalonier mit schwarzen Augen und roter Haut begleitet, einem brünetten, hitzigen Burschen, den sie Vetter nennt.«

»So! und glaubst du, daß dieser Vetter ihr den Hof macht?«

»Ich nehm’s an.«

»Und Dantès ist zu der Katalonierin gegangen, sagst du?«

»Er ist vor mir fortgegangen.«

»Wenn wir in die Gegend gingen, könnten wir in der ›Réserve‹ einkehren und bei einem Glase Wein Neuigkeiten abwarten.«

»Wer soll uns denn die geben?«

»Wir würden Dantès sehen, und sein Gesicht würde uns sagen, was passiert ist.«

»Komm«, sagte Caderousse; »aber du bezahlst doch?«

»Gewiß«, erwiderte Danglars.

Und beide schlugen mit schnellen Schritten den Weg nach dem bezeichneten Orte ein. Dort angekommen, ließen sie sich eine Flasche und zwei Gläser geben.

Vater Pamphile hatte Dantès vor noch nicht zehn Minuten vorübergehen sehen.

Nachdem sie sich so vergewissert hatten, daß Dantès bei der Katalonierin war, setzten sie sich unter die mit dem ersten Grün sich schmückenden Platanen, in deren Zweigen eine Schar fröhlich zwitschernder Vögel einem der ersten schönen Frühlingstage zujubelte.

Das Katalonierdorf

Hundert Schritte von dem Platze, wo die beiden Freunde, mit Auge und Ohr auf der Lauer, hinter ihren Weingläsern saßen, erhob sich hinter einem nackten, von der Sonne ausgedörrten und vom Winde mitgenommenen Hügel das Dorf der Katalonier.

Eines Tages war eine sonderbare Schar Kolonisten von Spanien aufgebrochen und an dieser Stelle ans Land gestiegen. Man wußte nicht, woher sie kamen, und sie redeten eine unbekannte Sprache. Einer der Führer, welcher provenzalisch verstand, bat die Gemeinde Marseille, ihnen dieses nackte und unfruchtbare Vorgebirge zu geben. Die Bitte wurde gewährt, und ein Vierteljahr darauf erhob sich um die zwölf bis fünfzehn Fahrzeuge, welche diese Zigeuner des Meeres mitgebracht hatten, ein kleines Dorf.

Dieses in malerischer Weise halb maurisch, halb spanisch aufgebaute Dorf ist noch heute von den Abkömmlingen jener Leute bewohnt, deren Sprache sie noch heute sprechen. Seit drei bis vier Jahrhunderten sind sie diesem kleinen Vorgebirge treu, auf welches sie, einem Schwarm Seevögel gleich, niedergefallen waren, ohne sich mit der Marseiller Bevölkerung zu vermischen; sie heirateten unter sich und bewahrten wie die Sprache auch die Sitten und die Kleidung ihres Mutterlandes.

Wir bitten den Leser, uns durch die einzige Straße dieses Dörfchens zu folgen und mit uns in eins dieser Häuser einzutreten, welchen die Sonne im Äußern jene schöne Farbe des abgestorbenen Laubes gegeben hat und die im Innern einen Anwurf von weißem Steinmörtel, die einzige Zierde der spanischen Posadas, haben.

Ein schönes junges Mädchen mit tiefschwarzem Haar und dunklen Gazellenaugen stand an eine Wand gelehnt und zerknickte mit ihren schlanken Fingern einen unschuldigen Heidestrauch, dessen Blüten schon den Boden bedeckten; ihre bis zu den Ellbogen freien, gebräunten Arme zitterten in einer Art fieberhafter Ungeduld, und sie stampfte mit dem schöngeformten Fuße auf den Boden.

Drei Schritte vor ihr saß auf einem Stuhle, den er in ruckweiser Bewegung schaukelte, den Ellbogen auf ein altes, wurmstichiges Möbel gestützt, ein großer Bursche von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, der den Blick mit einem Ausdruck von Unruhe und Ärger auf sie richtete; er blickte sie scharf und fragend an, aber der feste Blick des jungen Mädchens hielt dem seinen stand.

»Höre, Mercedes«, sagte er, »Ostern ist vor der Tür; das ist die Zeit, Hochzeit zu halten, antworte mir!«

»Ich habe dir schon hundertmal geantwortet, Ferdinand, und du mußt wirklich dir selbst sehr feind sein, daß du nochmals fragst!«

»Nun, wiederhole es nochmals, ich bitte dich, damit ich endlich daran glaube. Sage mir zum hundertsten Male, daß du meine Werbung zurückweist, die deiner Mutter recht war; mache es mir recht begreiflich, daß dir nichts an mir gelegen ist, daß es dir einerlei ist, ob ich lebe oder sterbe. O Gott, mein Gott! Zehn Jahre lang zu träumen, dein Mann zu werden, Mercedes, und dann diese Hoffnung, die der einzige Zweck meines Lebens war, zu verlieren!«

»Ich habe dich zu dieser Hoffnung wenigstens nicht ermuntert, Ferdinand«, antwortete Mercedes; »du kannst mir nicht die geringste Koketterie vorwerfen. Ich habe dir stets gesagt: Ich liebe dich wie einen Bruder, aber verlange von mir nie mehr als das, denn mein Herz gehört einem andern. Ist es nicht so, Ferdinand?«

»Ja, ich weiß wohl, Mercedes«, entgegnete der junge Mann, »du bist gegen mich immer von einer grausamen Freimütigkeit gewesen; aber hast du vergessen, daß es unter den Kataloniern ein heiliges Gesetz ist, untereinander zu heiraten?«

»Du irrst dich, Ferdinand, es ist kein Gesetz, sondern eine bloße Gewohnheit, weiter nichts. Du bist ausgehoben, Ferdinand, und wenn du auch gegenwärtig frei bist, so kannst du doch jeden Augenblick einberufen werden. Und was wolltest du als Soldat mit mir machen, einer armen, verlassenen Waise, die nichts besitzt als eine fast verfallene Hütte mit einigen abgenutzten Netzen an der Wand, die mein Vater meiner Mutter und meine Mutter mir als elendes Erbteil hinterlassen hat? Seit ihrem Tode, also seit einem Jahre, Ferdinand, bedenke doch, lebe ich fast von der öffentlichen Mildtätigkeit! Manchmal tust du, als ob ich dir nützlich wäre, um das Recht zu haben, deinen Fang mit mir zu teilen, und ich nehm’s an, Ferdinand, weil du der Sohn von meines Vaters Bruder bist, weil wir zusammen aufgewachsen sind, und vor allem, weil es dich betrüben würde, wenn ich dich zurückwiese. Aber ich fühl’s wohl, Ferdinand, daß die Fische, die ich verkaufen gehe und für deren Ertrag ich den Hanf kaufe, den ich spinne, ich fühle wohl, Ferdinand, daß sie eine milde Gabe sind.«

»Was macht das alles, Mercedes? Arm und alleinstehend, wie du bist, gefällst du mir besser als die Tochter des stolzesten Reeders oder des reichsten Bankiers von Marseille! Was braucht denn unsereiner? Eine ehrbare Frau und eine gute Haushälterin. Und wo fände ich beides besser als in dir?«

»Ferdinand«, antwortete Mercedes, den Kopf schüttelnd, »man wird eine schlechte Hausfrau und kann nicht dafür bürgen, eine ehrbare Frau zu bleiben, wenn man jemand anders als seinen Gatten liebt. Begnüge dich mit meiner Freundschaft, denn, ich wiederhole dir’s, weiter kann ich dir nichts versprechen, und ich verspreche nur, was ich sicher bin, geben zu können.«

»Ja, ich verstehe«, sagte Ferdinand; »du trägst dein Elend geduldig, hast aber Furcht vor dem meinigen. Nun sieh, Mercedes, von dir geliebt, werde ich das Glück versuchen; du wirst mir Glück bringen, und ich werde reich werden. Ich kann meine Fischerei vergrößern, kann als Angestellter bei einem Kaufmann eintreten, kann selbst Kaufmann werden!«

»Das alles kannst du nicht, Ferdinand; du bist Soldat, und wenn du bei den Kataloniern bleiben darfst, so nur deshalb, weil kein Krieg ist. Bleibe also Fischer; gib dich keinen Träumen hin, die dir die Wirklichkeit nur noch schrecklicher erscheinen lassen würden, und begnüge dich mit meiner Freundschaft, da ich dir nichts anderes geben kann.«

»Gut, du hast recht, Mercedes, ich werde Seemann werden; statt der Tracht unserer Väter, die du geringschätzt, werde ich einen lackierten Hut, ein gestreiftes Hemd und eine blaue Weste mit Ankern auf den Knöpfen tragen. Muß man nicht so gekleidet sein, um dir zu gefallen?«

»Was willst du damit sagen?« fragte Mercedes mit stolzem Blick. »Ich verstehe dich nicht.«

»Ich will damit sagen, Mercedes, daß du nur so hart und grausam gegen mich bist, weil du auf jemand wartest, der so gekleidet ist. Aber der, auf den du wartest, ist vielleicht unbeständig, und wenn er’s nicht ist, so ist’s das Meer.«

»Ferdinand«, rief Mercedes, »ich hielt dich für gut, aber ich habe mich getäuscht! Ferdinand, es ist schlecht von dir, für deine Eifersucht den Zorn Gottes zu Hilfe zu rufen! Nun wohl, ja, ich verstelle mich nicht, ich erwarte und liebe den, von dem du sprichst, und wenn er nicht zurückkommt, so werde ich eher glauben, daß er gestorben ist, als daß er mir untreu geworden ist.«

Der junge Katalonier machte eine wütende Gebärde.

»Ich verstehe dich, Ferdinand; du willst ihm die Schuld dafür beimessen, daß ich dich nicht liebe; willst dein katalonisches Messer mit seinem Dolche kreuzen! Wozu würde dir das dienen? Meine Freundschaft zu verlieren, wenn du besiegt wirst, oder meine Freundschaft sich in Haß verwandeln zu sehen, wenn du Sieger bist! Glaub’s mir, Streit mit einem Manne zu suchen, ist ein schlechtes Mittel, um derjenigen zu gefallen, die diesen Mann liebt. Nein, Ferdinand, du wirst dich nicht so von deinen schlechten Gedanken hinreißen lassen. Da du mich nicht zur Frau haben kannst, wirst du dich damit begnügen, mich zur Freundin und Schwester zu haben; und übrigens«, fügte sie unruhig und mit Tränen in den Augen hinzu, »warte, warte, Ferdinand: du hast soeben gesagt, das Meer sei treulos, und es sind schon vier Monate her, daß er fort ist; seit vier Monaten habe ich viele Stürme gezählt!«

Ferdinand blieb unbewegt, während Mercedes die Tränen über die Wangen liefen. Er hätte für jede dieser Tränen ein Glas voll seines Blutes gegeben; aber diese Tränen flossen für einen andern.

Er stand auf, schritt durch die Hütte, kam zurück und blieb finstern Auges und mit krampfhaft geballten Händen vor Mercedes stehen.

»Höre, Mercedes«, sagte er, »noch einmal: ist es dein letztes Wort?«

»Ich liebe Edmond Dantès«, antwortete das junge Mädchen ruhig und bestimmt, »und keiner als Edmond wird mein Mann werden.«

»Und du wirst ihn immer lieben?«

»Solange ich lebe.«

Ferdinand ließ den Kopf sinken wie ein Verzweifelter und stieß einen Seufzer aus, der einem Stöhnen glich; dann plötzlich rief er, den Kopf erhebend, mit aufeinandergebissenen Zähnen und geöffneten Nasenlöchern:

»Wenn er aber tot ist?«

»Wenn er tot ist, werde ich sterben.«

»Aber wenn er dich vergißt?«

»Mercedes!« rief eine freudige Stimme draußen. »Mercedes!«

»Oh!« rief das junge Mädchen, vor Freude und Liebe hüpfend, »da siehst du, daß er mich nicht vergessen hat. Da ist er!« Sie stürzte zur Tür, riß sie auf und rief:

»Hier, Edmond, hier bin ich!«

Ferdinand fuhr bleich und zitternd zurück und sank auf einen Stuhl.

Edmond und Mercedes lagen sich in den Armen. Der Sonnenschein, der durch die Tür eindrang, umhüllte sie mit einer Lichtflut. In den ersten Augenblicken sahen sie nichts von dem, was sie umgab; ein unendliches Glücksgefühl trennte sie von der Welt, und sie sprachen zueinander nur in jenen abgerissenen Worten, die der Ausdruck einer unendlichen Freude sind und fast den Äußerungen des Schmerzes gleichen.

Plötzlich gewahrte Edmond das finstere Gesicht Ferdinands, das ihm bleich und drohend aus dem Schatten entgegenstarrte; mit einer Bewegung, von der er sich selbst keine Rechenschaft gab, faßte der junge Katalonier mit der Hand nach dem Messer in seinem Gürtel.

»Oh«, sagte Dantès, seinerseits die Stirn runzelnd, »ich hatte nicht bemerkt, daß wir zu dreien sind.« Dann sich an Mercedes wendend, fragte er: »Wer ist der Herr?«

»Der Herr wird dein bester Freund sein, Dantès, denn er ist mein Freund; es ist mein Vetter, mein Bruder, es ist Ferdinand, das heißt, derjenige Mann, den ich nach dir, Edmond, auf der Welt am meisten liebe. Erkennst du ihn nicht wieder?«

»O doch«, entgegnete Edmond, und ohne Mercedes loszulassen, deren Hand er fest in der seinigen hielt, reichte er mit einer herzlichen Bewegung die andere Hand dem Katalonier.

Aber Ferdinand blieb stumm und unbeweglich wie eine Bildsäule.

Da ließ Edmond seinen forschenden Blick von der bewegten und zitternden Mercedes auf den finsteren und drohenden Ferdinand gleiten. Der Zorn stieg ihm zu Kopfe.

»Das wußte ich nicht, als ich zu dir eilte, Mercedes, daß ich einen Feind hier finden würde.«

»Einen Feind!« rief Mercedes mit einem Blick des Zornes auf ihren Vetter; »einen Feind, sagst du, bei mir, Edmond! Wenn ich das glaubte, würde ich dich beim Arm nehmen und mit dir nach Marseille gehen, um dieses Haus nie wieder zu betreten.«

Das Auge Ferdinands blitzte.

»Und wenn dir ein Unglück zustieße, mein Edmond«, fuhr sie fort und zeigte damit ihrem Vetter, daß sie seine finsteren Gedanken erraten hatte, »würde ich auf das Kap Morgion steigen und mich mit dem Kopf voran auf die Felsen stürzen.« Ferdinand erblaßte.

»Aber du täuschst dich, Edmond«, sprach sie weiter, »du hast hier keinen Feind; hier ist nur Ferdinand, mein Bruder, der dir die Hand drücken wird wie einem guten Freunde.«

Und bei diesen Worten richtete das junge Mädchen ihren gebietenden Blick auf den Katalonier, der sich, als ob er unter einem Zauber stände, langsam Edmond näherte und ihm die Hand reichte.

Sein Haß hatte sich an der Gewalt, die dieses Mädchen über ihn hatte, gebrochen wie eine Welle am Gestade.

Aber kaum hatte er die Hand Edmonds berührt, so fühlte er, daß er das Äußerste getan hatte, was er zu tun vermochte, und er stürzte aus dem Hause.

»Oh«, rief er, wie ein Wahnsinniger laufend und sein Haar zerwühlend, »wer wird mich von diesem Menschen befreien? Oh, ich Unglücklicher!«

»He, Katalonier! He, Ferdinand! wohin willst du?« rief eine Stimme.

Der junge Mann blieb plötzlich stehn, blickte sich um und sah Caderousse mit Danglars in einer Laube am Tisch sitzen.

»Heda!« sagte Caderousse, »warum kommst du nicht? Hast du es so eilig, daß du keine Zeit hast, Freunden guten Tag zu sagen?«

»Besonders wenn sie noch eine fast volle Flasche vor sich haben«, fügte Danglars hinzu.

Ferdinand sah die beiden mit verstörtem Ausdruck an und erwiderte nichts.

»Er scheint ganz außer sich zu sein«, bemerkte Danglars, indem er Caderousse mit dem Knie anstieß. »Sollten wir uns getäuscht haben und Dantès doch triumphieren?«

»Na, das muß sich zeigen«, entgegnete Caderousse und wandte sich wieder an den jungen Mann: »Nun, Katalonier, willst du kommen?«

Ferdinand wischte sich den Schweiß, der ihm von der Stirn rann, und trat langsam unter die Laube, deren Schatten und Frische ihn etwas zu beruhigen schienen.

»Guten Tag«, sagte er, »habt ihr mich gerufen?«

Und er fiel mehr, als daß er sich setzte, auf eine der Bänke, welche den Tisch umgaben.

»Ich habe dich angerufen, weil du wie ein Besessener ranntest und ich Angst hatte, daß du dich ins Meer stürzen wolltest«, erwiderte Caderousse lachend. »Teufel auch, man hat seine Freunde nicht nur, um ihnen ein Glas Wein anzubieten, sondern auch, um sie zu hindern, ein Dutzend Liter Wasser zu schlucken.«

Ferdinand stieß ein Stöhnen aus, das einem Schluchzen glich, und ließ den Kopf auf seine auf den Tisch gelegten Hände sinken.

»Na, soll ich dir was sagen, Ferdinand«, nahm Caderousse wieder das Wort, »du siehst aus wie ein aus dem Felde geschlagener Liebhaber.« Und er begleitete diesen Scherz mit einem lauten Lachen.

»Pah«, erwiderte Danglars, »ein Bursche, der so aussieht, ist nicht danach gemacht, um unglücklich in der Liebe zu sein. Du spaßest, Caderousse.«

»Nein«, entgegnete dieser, »höre doch, wie er seufzt. Nun, Ferdinand, die Nase in die Höh’ und antworte uns. Es ist nicht liebenswürdig, Freunden, die sich nach unserem Befinden erkundigen, nichts zu antworten.«

»Mein Befinden ist gut«, gab Ferdinand zurück, indem er die Fäuste ballte, aber ohne den Kopf zu erheben.

»Ah, siehst du, Danglars«, meinte Caderousse, indem er seinem Freunde zuzwinkerte, »die Sache ist die: Unser guter Ferdinand, ein braver Katalonier und einer der besten Fischer von Marseille, ist in eine Schöne namens Mercedes verliebt; leider aber scheint die Schöne ihrerseits in den Ersten Offizier des ›Pharao‹ verliebt zu sein, und da der ›Pharao‹ heute in den Hafen eingelaufen ist … so verstehst du?«

»Nein, ich verstehe nicht«, antwortete Danglars.

»Der arme Ferdinand wird den Abschied bekommen haben«, fuhr Caderousse fort.

»Nun, und?« fragte Ferdinand, den Kopf erhebend und Caderousse ansehend wie jemand, der einen sucht, an dem er seinen Zorn auslassen kann. »Mercedes hängt doch von niemand ab, nicht wahr? und es steht ihr frei, zu lieben, wen sie will.«

»Wenn du die Sache so nimmst«, entgegnete Caderousse, »so ist das was anderes! Ich hielt dich für einen Katalonier, und man hat mir gesagt, die Katalonier seien nicht die Leute, die sich durch einen Nebenbuhler aus dem Feld schlagen lassen; man hat sogar hinzugesetzt, der Ferdinand sei besonders schrecklich in seiner Rache.«

Ferdinand lächelte mitleidig.

»Ein Verliebter ist nie schrecklich«, sagte er.

»Der arme Kerl!« nahm Danglars wieder das Wort, indem er sich stellte, als ob er den jungen Mann aus tiefstem Herzen beklagte. »Was willst du? Er war nicht darauf gefaßt, Dantès so plötzlich wiederkommen zu sehen; hielt ihn vielleicht für tot, untreu oder was weiß ich! Dergleichen Sachen treffen um so empfindlicher, als sie einem plötzlich über den Kopf kommen.«

»Na, auf alle Fälle«, rief Caderousse, bei dem der Wein seine Wirkung auszuüben anfing, »auf alle Fälle ist Ferdinand nicht der einzige, dem die glückliche Ankunft Dantès’ in die Quere kommt; nicht wahr, Danglars?«

»Nein, da hast du recht, und ich möchte fast sagen, daß ihm das Unglück bringen wird.«

»Einerlei aber«, entgegnete Caderousse, indem er Ferdinand einschenkte und sein eigenes Glas zum achten oder zehnten Male füllte, während Danglars das seinige kaum berührt hatte, »einerlei, inzwischen heiratet er Mercedes, die schöne Mercedes; zu dem Zwecke ist er wenigstens zurückgekommen.«

Währenddessen musterte Danglars mit scharfem Blick den jungen Mann, auf dessen Herz die Worte Caderousses wie geschmolzenes Blei fielen.

»Und wann ist die Hochzeit?« fragte er.

»Oh, die ist noch nicht gefeiert!« murmelte Ferdinand.

»Nein, aber sie wird gefeiert werden«, entgegnete Caderousse, »so wahrhaftig, wie Dantès Kapitän des ›Pharao‹ wird, nicht wahr, Danglars?«

Danglars erbebte bei diesem unerwarteten Hiebe und wandte sich gegen Caderousse, dessen Gesicht er musterte, um zu sehen, ob der Schlag mit Vorbedacht geführt sei; aber er las auf diesem durch die Trunkenheit schon fast blöden Gesicht nichts als Neid.

»Na«, sagte er, die Gläser füllend, »trinken wir also auf das Wohl des Kapitäns Edmond Dantès, des Gemahls der schönen Katalonierin!«

Caderousse führte sein Glas mit schwerer Hand an den Mund und goß es in einem Zuge hinunter. Ferdinand nahm das seinige und zerschmetterte es auf der Erde.

»He, he, he!« rief Caderousse. »Was ist denn das da hinten auf dem Hügel, dort, in der Richtung vom Katalonierdorf? Schau doch, Ferdinand, du kannst besser sehen als ich; ich glaube, mein Blick fängt an, unsicher zu werden, und du weißt, der Wein ist ein Schalk. Man möchte sagen, ein Liebespärchen, Arm in Arm und Hand in Hand. Gott verzeih mir! Sie haben keine Ahnung, daß wir sie sehen, und da, da küssen sie sich!«

Danglars beobachtete die Pein Ferdinands, dessen Gesicht sich verzog.

»Kennen Sie das Paar, Herr Ferdinand?« fragte er.

»Ja«, antwortete dieser mit dumpfer Stimme, »es ist Herr Edmond und Fräulein Mercedes.«

»Ei, sieh an!« rief Caderousse, »ich erkannte sie nicht. Heda, Dantès! heda, schönes Fräulein! kommt doch einmal her und sagt uns, wann Hochzeit ist, Herr Ferdinand hier ist eigensinnig und will es uns nicht sagen.«

»Willst du den Mund halten!« sagte Danglars, indem er tat, als ob er Caderousse, der sich mit der Hartnäckigkeit des Trunkenen aus der Laube beugte, zurückhalten wollte. »Versuch lieber, dich auf den Beinen zu halten, und laß das Pärchen in Frieden. Da sieh Herrn Ferdinand an und nimm dir ein Beispiel an ihm; der ist vernünftig.«

Vielleicht war Ferdinand, von Danglars aufs äußerste gereizt, im Begriff, vorzustürzen, denn er war aufgestanden, und sein Körper schien sich zusammenzuziehen, als ob er sich auf seinen Nebenbuhler werfen wollte; aber Mercedes, lachend und aufrecht, erhob ihren schönen Kopf und ließ ihren hellen Blick strahlen. Da erinnerte sich Ferdinand ihrer Drohung, zu sterben, wenn Edmond stürbe, und er sank entmutigt auf seinen Sitz zurück.

Danglars betrachtete nacheinander die beiden Männer, der eine durch die Trunkenheit vertiert, der andere durch die Liebe gebändigt.

»Es ist nichts anzufangen mit diesen Tröpfen«, murmelte er, »und ich fürchte sehr, ich habe es hier mit einem Trunkenbold und einem Feigling zu tun; der Neidische da betrinkt sich in Wein, während er sich in Galle berauschen sollte, und der große Einfaltspinsel, dem man die Geliebte vor der Nase weggeschnappt hat, setzt sich hin und flennt und klagt wie ein Kind. Und doch hat das flammende Augen wie diese Spanier, Sizilianer und Kalabreser, die sich so gut zu rächen wissen; das hat Fäuste, die einem Ochsen den Kopf zerschmettern könnten. Das Schicksal meint es entschieden gut mit Edmond, er heiratet das schöne Mädchen, wird Kapitän und macht uns eine lange Nase, wenn«, und dabei spielte ein fahles Lächeln um Danglars’ Lippen, »wenn ich mich nicht ins Mittel lege.«

»Heda!« fuhr Caderousse, der sich, die Hände auf den Tisch stützend, halb erhoben hatte, zu schreien fort. »Heda, Edmond! Siehst du denn deine Freunde nicht, oder bist du schon zu stolz, um mit ihnen zu sprechen?«

»Nein, mein lieber Caderousse«, antwortete Dantès, »ich bin nicht stolz, aber glücklich, und das Glück macht, glaube ich, noch blinder als der Stolz.«

»Na, diese Erklärung läßt sich hören«, entgegnete Caderousse. »Ei, guten Tag, Frau Dantès.«

Mercedes grüßte ernst.

»So heiße ich noch nicht«, sagte sie, »und in meiner Heimat glaubt man, daß es Unglück bringt, wenn ein Mädchen vor der Hochzeit mit dem Namen ihres Bräutigams genannt wird; nennen Sie mich also bitte Mercedes.«

»Man muß es dem braven Caderousse verzeihen«, bemerkte Dantès, »sein Irrtum ist so groß nicht.«

»Also wird die Hochzeit sofort stattfinden, Herr Dantès?« fragte Danglars, die beiden jungen Leute begrüßend.

»Sobald wie möglich, Herr Danglars; heute werden alle Förmlichkeiten bei Papa Dantès erledigt, und morgen oder spätestens übermorgen findet das Verlobungsmahl hier in der ›Réserve‹ statt. Die Freunde werden hoffentlich dabei sein; das heißt, daß Sie eingeladen sind, Herr Danglars, und Sie auch, Caderousse.«

»Und Ferdinand«, fragte Caderousse mit einem hinterhältigen Lachen, »ist Ferdinand auch von der Partie?«

»Der Bruder meiner Frau ist mein Bruder«, sagte Edmond, »und Mercedes und ich würden es sehr bedauern, wenn er sich in einem solchen Augenblick von uns ausschließen wollte.«

Ferdinand öffnete den Mund, um zu antworten, aber die Stimme erstarb ihm in der Kehle; er konnte kein Wort hervorbringen.

»Heute die Formalitäten, morgen oder übermorgen die Verlobung … Teufel, Sie haben’s eilig, Herr Kapitän!«

»Danglars«, entgegnete Edmond lächelnd, »ich muß Ihnen dasselbe sagen, was Mercedes eben zu Caderousse sagte: geben Sie mir nicht den Titel, der mir noch nicht zukommt; es würde mir Unglück bringen.«

»Verzeihung«, gab Danglars zurück; »ich sage also einfach, daß Sie’s sehr eilig haben. Teufel, wir haben Zeit! Der ›Pharao‹ wird vor einem Vierteljahr nicht wieder in See gehen.«

»Man hat es immer eilig mit dem Glück, Herr Danglars, denn wenn man lange gelitten hat, wird es einem schwer, ans Glück zu glauben. Aber es ist nicht bloß meinetwegen, daß ich Eile habe; ich muß nach Paris.«

»So, wirklich, nach Paris? und ist’s das erstemal, daß Sie dorthin reisen?«

»Jawohl.«

»Sie haben dort Geschäfte?«

»Nicht für mich; ich muß einen letzten Auftrag unseres armen Kapitäns erfüllen. Sie wissen, Danglars, das ist etwas Heiliges. Übrigens seien Sie unbesorgt, ich werde nicht länger fortbleiben, als zur Hin- und Rückreise nötig ist.«

»Ja, ja, ich verstehe«, antwortete Danglars laut; ganz leise aber fügte er hinzu: »Nach Paris! Jedenfalls um den Brief, den ihm der Großmarschall gegeben hat, an seine Adresse zu besorgen! Ha! Dieser Brief bringt mich auf eine Idee, eine glänzende Idee! O Freund Dantès, noch stehst du im Register des ›Pharao‹ nicht unter Nummer eins.«

»Glückliche Reise!« rief er Edmond nach, der sich schon entfernte.

»Danke«, antwortete Edmond, sich umsehend, mit freundschaftlicher Handbewegung.

Dann setzten die beiden Liebenden ruhig und heiter ihren Weg fort.

Die Verschwörung

Danglars blickte Edmond und Mercedes nach, bis die beiden Liebenden an einer Ecke des Forts Saint-Nicolas verschwunden waren.

Als er sich dann umwandte, sah er, daß Ferdinand bleich und zitternd auf seinen Sitz zurückgesunken war, während Caderousse ein Trinklied lallte.

»Nun, mein lieber Herr«, sagte Danglars zu Ferdinand, »diese Heirat, scheint’s, ist nicht nach jedermanns Geschmack.«

»Sie bringt mich zur Verzweiflung«, antwortete Ferdinand.

»Sie lieben also Mercedes?«

»Ich bete sie an!«

»Seit langem?«

»Seit wir uns kennen; ich habe sie immer geliebt.«

»Und da sitzen Sie hier und raufen sich das Haar, statt auf etwas zu sinnen, was Ihnen helfen könnte. Zum Teufel, ich glaubte, Leute Ihrer Nation handelten anders.«

»Was soll ich denn tun?« fragte Ferdinand.

»Weiß ich das? Ist es meine Sache? Ich bin doch nicht in Fräulein Mercedes verliebt, sondern Sie. Suchet, so werdet ihr finden, sagt das Evangelium.«

»Gefunden hatte ich schon was.«

»Was denn?«

»Ich wollte den Mann erdolchen, aber die Frau sagt, sie würde sich das Leben nehmen, wenn ihrem Bräutigam ein Unglück zustieße.«

»Pah! Das sagt man, tut’s aber nicht.«

»Sie kennen Mercedes nicht; sie würde ihre Drohung wahr machen.«

»Dummkopf!« murmelte Danglars. »Was schadet’s, ob sie sich das Leben nimmt oder nicht, wenn nur Dantès nicht Kapitän wird.«

»Und ehe Mercedes stirbt«, fuhr Ferdinand mit dem Tone unerschütterlicher Entschlossenheit fort, »würde ich selbst sterben.«

»Das ist die wahre Liebe!« lallte Caderousse mit weinseliger Stimme. »Oder ich verstehe mich nicht mehr darauf!«

»Hören Sie«, begann Danglars wieder, »Sie scheinen mir ein netter Kerl zu sein, und zum Kuckuck, ich möchte Sie aus der Verlegenheit ziehen, aber …«

»Ja«, warf Caderousse ein, »laß hören.«

»Lieber Freund«, entgegnete Danglars, »du bist zu Dreiviertel betrunken; mach deine Flasche leer, dann bist du’s ganz. Trink und mische dich nicht in das, was wir tun: dazu muß man einen klaren Kopf haben.«

»Ich betrunken?« rief Caderousse. »Rede doch nicht; von deinen Pullen, die nicht größer sind als Parfümfläschchen, könnte ich noch vier trinken! Vater Pamphile, Wein her!« Und um seinen Worten Nachdruck zu geben, schlug Caderousse mit seinem Glas auf den Tisch.

»Sie meinten also?« fragte Ferdinand, mit Spannung auf die Fortsetzung der unterbrochenen Rede wartend.

»Was meinte ich? Ich erinnere mich nicht mehr. Dieser Trunkenbold Caderousse hat mich ganz aus dem Text gebracht.«

»Trunkenbold, ganz wie du willst; das ist immer noch besser, als wenn man sich vor dem Wein fürchtet, weil man schlechte Gedanken hat, die einem entschlüpfen könnten.« Und Caderousse begann sein Trinklied weiterzusingen.

»Sie sagten«, fing Ferdinand wieder an, »Sie möchten mich aus der Verlegenheit ziehen; aber, meinten Sie …«

»Ja, aber, meinte ich … damit Ihnen geholfen werde, genügt es, daß Dantès Ihre Geliebte nicht heiratet; und die Heirat kann, wie mir scheint, sehr leicht verhindert werden, ohne daß Dantès ums Leben kommt.«

»Nur der Tod wird sie trennen«, warf Ferdinand ein.

»Du räsonierst wie eine Auster, lieber Freund«, mischte sich Caderousse wieder ein; »dieser Danglars ist ein pfiffiger, mit allen Hunden gehetzter, geriebener Kopf und wird dir beweisen, daß du unrecht hast. Beweise, Danglars; ich habe für dich gutgesagt. Sag ihm, daß es nicht nötig ist, daß Dantès stirbt, was übrigens schade wäre. Ein guter Kerl, der Dantès! Dein Wohl, Dantès!«

Ferdinand stand ungeduldig auf.

»Lassen Sie ihn reden«, sagte Danglars, den jungen Mann zurückhaltend, »und übrigens, so betrunken er ist, er hat nicht so unrecht. Die Trennung ist für die Liebenden so gut wie der Tod. Angenommen, es befänden sich zwischen Edmond und Mercedes die Mauern eines Gefängnisses, so wären sie ebenso getrennt wie durch einen Grabstein.«

»Ja, aber man kommt aus dem Gefängnis wieder heraus«, fiel Caderousse, der den Rest seiner Vernunft aufwandte, um der Unterhaltung zu folgen, erneut ein. »Und wenn man wieder heraus ist und Edmond Dantès heißt, so rächt man sich.«

»Was liegt daran!« murmelte Ferdinand.

»Und weshalb sollte man übrigens Dantès einstecken?« fuhr Caderousse fort. »Er hat weder gestohlen noch einen umgebracht.«

»Halt den Mund«, entgegnete Danglars.

»Ich will den Mund nicht halten«, rief Caderousse. »Ich will wissen, weshalb man Dantès einstecken sollte. Ich liebe den Dantès. Dein Wohl, Dantès!«

Und er goß wieder ein Glas hinunter. Danglars beobachtete an den matten Augen des Schneiders, wie dessen Trunkenheit fortschritt. Dann wandte er sich an Ferdinand.

»Nun, verstehen Sie, daß es nicht nötig ist, ihm ans Leben zu gehen?«

»Ja, gewiß – wenn man, wie Sie sagen, ein Mittel hätte, ihn festnehmen zu lassen. Aber haben Sie dieses Mittel?«

»Wenn man sich ordentlich bemühte«, entgegnete Danglars, »ließe es sich finden. Aber«, fuhr er fort, »in was, zum Teufel, mische ich mich da! Geht’s mich etwas an?«

»Ob es Sie etwas angeht, weiß ich nicht«, sagte Ferdinand, ihn am Arm fassend, »was ich aber weiß, ist, daß Sie einen besonderen Grund haben, Dantès zu hassen. Wer selbst haßt, täuscht sich nicht in den Gefühlen anderer.«

»Ich einen Grund, Dantès zu hassen? Durchaus nicht, auf Ehre! Ich habe gesehen, daß Sie unglücklich sind, und Ihr Unglück hat mein Mitgefühl erregt, weiter nichts; wenn Sie aber glauben, daß ich selbst ein Interesse an der Sache hätte, dann adieu, lieber Freund, helfen Sie sich selbst, so gut Sie können.« Und Danglars tat, als ob er aufstehen wollte.

»Nein«, sagte Ferdinand, ihn zurückhaltend, »bleiben Sie! Mir ist’s ja schließlich einerlei, ob Sie etwas gegen Dantès haben oder nicht; ich hasse ihn, das sage ich offen heraus. Finden Sie das Mittel, und ich führ’s aus, vorausgesetzt, daß es nicht sein Leben kostet, denn Mercedes hat gesagt, sie würde sich töten, wenn Dantès stürbe.«

Caderousse, der den Kopf hatte auf den Tisch sinken lassen, richtete ihn auf und rief, Ferdinand und Danglars mit schweren, blöden Augen ansehend:

»Dantès töten! Wer spricht hier davon, Dantès zu töten? Er soll nicht umgebracht werden; er ist mein Freund; er hat heute morgen sein Geld mit mir teilen wollen, wie ich meines mit ihm geteilt habe; ich will nicht, daß Dantès getötet wird.«

»Schafskopf! wer spricht denn davon, ihn zu töten?« sagte Danglars. »Es handelt sich um einen bloßen Scherz. Trink auf sein Wohl«, fügte er, das Glas Caderousses füllend, hinzu, »und laß uns in Ruhe.«

»Ja, ja, auf Dantès’ Wohl!« sagte Caderousse, indem er sein Glas leerte, »auf sein Wohl … auf sein Wohl … da!«

»Aber das Mittel … das Mittel?« fragte Ferdinand.

»Sie haben’s also noch nicht?«

»Nein, Sie haben’s übernommen, es zu finden.«

»Allerdings«, meinte Danglars, »die Franzosen sind den Spaniern insofern überlegen, als diese grübeln, während die Franzosen erfinden.«

»Dann erfinden Sie doch«, gab Ferdinand ungeduldig zurück.

»Kellner«, rief Danglars, »eine Feder, Tinte und Papier!«

»Eine Feder, Tinte und Papier!« murmelte Ferdinand.

»Jawohl, ich bin Rechnungsführer. Feder, Tinte und Papier sind mein Handwerkszeug, und ohne das kann ich nichts anfangen.«

»Eine Feder, Tinte und Papier!« rief nun seinerseits Ferdinand. »Dort auf dem Tisch finden Sie das Gewünschte«, sagte der Kellner.

»Dann geben Sie’s uns.«

Der Kellner stellte Feder, Tinte und Papier auf den Tisch in der Laube.

»Wenn man bedenkt«, sagte Caderousse, indem er seine Hand auf das Papier fallen ließ, »daß man damit einen Menschen sicherer töten kann, als wenn man ihm im Walde versteckt auflauert! Ich habe stets vor einer Feder, einer Flasche Tinte und einem Blatt Papier größere Angst gehabt als vor Säbel und Pistole.«

»Der Kerl ist noch nicht so betrunken, wie er aussieht«, bemerkte Danglars. »Schenken Sie ihm doch ein, Ferdinand.«

Ferdinand schenkte das Glas Caderousses voll, und dieser nahm die Hand vom Papier und griff nach seinem Glase.

Der Katalonier beobachtete diese Bewegung, bis Caderousse, dem das Glas fast den Rest gab, dasselbe wieder auf den Tisch stellte oder vielmehr fallen ließ.

»Nun denn?« fragte der Katalonier.

»Nun, ich meinte also«, sagte Danglars, »daß, wenn jemand nach einer Reise, wie sie Dantès gemacht hat und auf welcher er Neapel und die Insel Elba berührt hat, wenn jemand, sage ich, ihn dem Staatsanwalt als bonapartistischen Agenten anzeigte …«

»Ich werde ihn anzeigen«, sagte lebhaft der junge Mann.

»Ja; aber dann läßt man Sie Ihre Erklärung unterschreiben, man stellt Sie dem gegenüber, den Sie angezeigt haben; ich liefere Ihnen freilich das Material, um Ihre Anklage zu begründen, aber Dantès kann nicht ewig im Gefängnis bleiben; eines Tages, über kurz oder lang, wird er herauskommen, und dann wehe dem, der ihn hineingebracht hat!«

»Oh, ich wünschte weiter nichts, als daß er mit mir Streit suchte!« rief Ferdinand.

»Ja, und Mercedes? Mercedes, die Sie hassen wird, wenn Sie das Unglück hätten, ihrem vielgeliebten Edmond nur die Haut zu ritzen!«

»Ja, das ist freilich wahr«, bemerkte Ferdinand.

»Nein«, fuhr Danglars fort, »wenn man sich so etwas vornähme, sehen Sie, so wär’s viel besser, man nähme einfach diese Feder, wie ich es jetzt tue, tauchte sie ein und schriebe mit der linken Hand, damit die Handschrift nicht erkannt würde, eine folgendermaßen abgefaßte kleine Anzeige …«

Und Danglars schrieb mit der linken Hand in einer Schrift, die mit seiner gewöhnlichen nicht die geringste Ähnlichkeit hatte, folgende Zeilen, die er Ferdinand übergab und die dieser halblaut überlas:

»Der Herr Königliche Staatsanwalt wird von einem Freunde des Thrones und der Religion darauf aufmerksam gemacht, daß ein gewisser Edmond Dantès, Erster Offizier des Schiffes ›Pharao‹, welches, von Smyrna kommend, nach Berührung von Neapel und Porto Ferrajo heute morgen hier eingelaufen ist, von Murat einen Brief an den Usurpator und von dem Usurpator einen Brief an das bonapartistische Komitee in Paris erhalten hat.

Der Beweis seines Verbrechens wird sich bei seiner Verhaftung ergeben, denn man wird besagten Brief entweder bei ihm, in der Wohnung seines Vaters oder in seiner Kajüte an Bord des ›Pharao‹ finden.«

»Da sehen Sie«, fuhr Danglars fort, »so würde Ihre Rache Sinn und Verstand haben, denn sie könnte in keiner Weise auf Sie zurückfallen, und die Sache würde sich von selbst machen; man braucht jetzt nur noch diesen Brief zu falten und darauf zu schreiben: An den Königlichen Staatsanwalt. Das wäre die ganze Geschichte.«

Und Danglars schrieb wie zum Scherz die Adresse.

»Ja, das wäre die ganze Geschichte«, rief Caderousse, welcher, seinen letzten Rest von Vernunft anstrengend, der Vorlesung gefolgt war und instinktmäßig begriff, welches Unheil eine derartige Anzeige anrichten konnte; »ja, das wäre die ganze Geschichte, aber es wäre eine Niederträchtigkeit.« Und er streckte den Arm nach dem Briefe aus.

»Das Ganze ist ja auch nur ein Scherz«, sagte Danglars, wobei er den Brief aus der Reichweite des Trunkenen schob, »und ich wäre der erste, der es bedauerte, wenn Dantès, diesem braven Dantès, etwas zustieße. Da sieh …«

Er nahm den Brief, zerknitterte ihn und warf ihn in einen Winkel der Laube.

»Ja, Dantès ist mein Freund, und ich will nicht, daß ihm ein Leid geschieht!« rief Caderousse.

»Ei, wer zum Kuckuck denkt denn daran, ihm ein Leid zuzufügen!« entgegnete Danglars, indem er aufstand, den jungen Mann, der sitzengeblieben war, ansah und fortwährend Seitenblicke nach dem fortgeschleuderten Papier warf.

»Dann Wein her!« rief Caderousse. »Ich will auf das Wohl Edmonds und der schönen Mercedes trinken.«

»Du hast schon zu viel getrunken«, sagte Danglars, »und wenn du fortfährst, wirst du hierbleiben müssen, da du dich nicht mehr auf den Beinen halten kannst.«

»Ich«, schrie Caderousse, in seiner Trunkenheit prahlend, »ich mich nicht mehr auf den Beinen halten können! Ich wette, daß ich noch, ohne zu schwanken, auf den Kirchturm steige.«

»Gut denn«, antwortete Danglars, »ich halte, aber für morgen; heute ist’s Zeit, nach Hause zu gehen. Gib mir den Arm und laß uns gehen.«

»Gehen wir«, stimmte Caderousse zu, »aber ich brauche dazu deinen Arm nicht. Kommst du mit nach Marseille, Ferdinand?«

»Nein«, antwortete dieser, »ich kehre ins Katalonierdorf zurück.«

»Sei nicht so dumm, komm mit nach Marseille, komm!«

»Ich habe in Marseille nichts zu tun und will nicht dahin.«

»Wenn du nicht willst, dann laß es. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Komm, Danglars, laß den Herrn wieder ins Katalonierdorf gehen, da er’s will.«

Danglars machte sich den augenblicklichen guten Willen Caderousses zunutze und zog den Betrunkenen auf die Straße. Caderousse taumelte, an seinen Arm gehängt, neben ihm her.

Nach zwanzig Schritten blickte Danglars sich um und gewahrte, wie Ferdinand sich auf das Papier stürzte und es in die Tasche steckte. Darauf sah er den jungen Mann aus der Laube eilen.

»Nanu, was macht er denn?« rief Caderousse. »Er hat uns was vorgelogen, er geht ja nicht ins Katalonierdorf, sondern nach der Stadt. Heda, Ferdinand, du irrst dich, mein Junge!«

»Nein, du siehst nicht ordentlich«, entgegnete Danglars; »er geht geradeswegs nach Hause.«

»Wahrhaftig, ich hätte darauf geschworen, daß er sich nach rechts wendete. Der verflixte Wein!«

»So«, murmelte Danglars, »jetzt, denke ich, wird sich die Sache ganz von selbst machen.«

Das Verlobungsmahl

Rein und glänzend ging die Sonne am andern Morgen auf, und ihre ersten Strahlen übergossen mit Purpurglut die Kämme der schäumenden Wellen.

Das Mahl war im ersten Stock der »Réserve«, mit deren Laube wir schon Bekanntschaft gemacht haben, angerichtet worden, und obgleich es erst für Mittag angesagt war, war doch schon um elf Uhr der sich draußen vor dem Saale hinziehende Balkon mit ungeduldig Hin- und Hergehenden erfüllt. Es waren Seeleute des »Pharao« und einige Soldaten, Freunde von Dantès. Alle hatten ihre besten Kleider angelegt.

Unter den Anwesenden ging das Gerücht, daß die Reeder des »Pharao« das Fest ihres Ersten Offiziers mit ihrer Anwesenheit beehren würden; aber das war eine so große Ehre für Dantès, daß niemand daran zu glauben wagte.

Indessen Danglars, der mit Caderousse ankam, bestätigte die Nachricht. Er hatte Herrn Morrel am Morgen gesehen, und der hatte ihm gesagt, daß er zum Festmahl kommen würde.

In der Tat trat bald nach ihnen Herr Morrel in den Saal und wurde von den Matrosen des »Pharao« mit einstimmigem Hurra empfangen. Die Anwesenheit des Reeders war für sie die Bestätigung des Gerüchts, daß Dantès zum Kapitän ernannt werden sollte, und da Dantès an Bord sehr beliebt war, dankten die braven Seeleute auf diese Weise ihrem Reeder dafür, daß seine Wahl diesmal zufällig mit ihren Wünschen übereinstimmte. Gleich nach Herrn Morrels Ankunft wurden Danglars und Caderousse nach dem Bräutigam gesandt, um ihn von der Anwesenheit des Reeders zu unterrichten. Danglars und Caderousse eilten fort, hatten aber noch keine hundert Schritte gemacht, als sie schon den kleinen Zug herankommen sahen.

Dieser Zug bestand aus vier jungen Mädchen, Freundinnen Mercedes’ und Katalonierinnen wie sie, welche die Braut, die an Edmonds Arm daherschritt, begleiteten. Neben der Zukünftigen ging Vater Dantès, und hinter ihnen kam Ferdinand, auf dessen Gesicht ein böses Lächeln stand.

Weder Mercedes noch Edmond gewahrten dieses böse Lächeln. Die beiden waren so glücklich, daß sie nur sich allein und den schönen reinen Himmel sahen, der sie segnete.

Danglars und Caderousse entledigten sich ihrer Botschaft und schüttelten dann Edmond kräftig und freundschaftlich die Hand. Danglars trat dann an die Seite Ferdinands und Caderousse an die des Vaters von Dantès.

Caderousse hatte die Aussicht auf ein gutes Mahl wieder vollständig mit Dantès versöhnt; es war ihm von dem, was sich tags zuvor ereignet hatte, nur eine unbestimmte Erinnerung geblieben.

Danglars musterte den enttäuschten Liebhaber mit scharfem Blick. Ferdinand ging hinter den zukünftigen Eheleuten, vollständig von Mercedes vergessen, die in der reizenden Selbstsucht der Liebe nur Augen für ihren Edmond hatte. Er wurde abwechselnd bleich und rot; von Zeit zu Zeit sah er in der Richtung nach Marseille, und dann überlief ihn unwillkürlich ein nervöses Zittern; er schien irgendein großes Ereignis vorherzusehen.

Dantès trug die Uniform der Handelsmarine, welche die Mitte hält zwischen der Militäruniform und dem Zivilanzug, und die Freude, die ihm aus dem Auge leuchtete, hob seine männliche Schönheit noch.

Mercedes war schön wie eine Griechin von Cypern oder Chios, mit tiefschwarzen Augen und korallenroten Lippen; sie kam daher mit dem freien Schritte der Andalusierinnen, lächelte und sah ihre Umgebung offen an, und ihr Lächeln und ihr Blick sagten so freimütig, wie es Worte nicht deutlicher hätten ausdrücken können: Wenn ihr meine Freunde seid, so freut euch mit mir, denn ich bin glücklich!

Sobald das Brautpaar mit seiner Begleitung von der »Réserve« aus wahrgenommen wurde, ging Morrel, gefolgt von den Matrosen und Soldaten, denen er das Dantès bereits gemachte Versprechen, daß er Nachfolger des Kapitäns Leclère werden sollte, wiederholt hatte, dem kleinen Zuge entgegen. Edmond ließ seine Braut los und legte ihren Arm in den des Herrn Morrel, und so begab sich, mit Herrn Morrel und der Braut an der Spitze, der Zug in den Saal.

»Vater«, sagte Mercedes, vor der Mitte des Tisches im Saale haltmachend, »du zu meiner Rechten, bitte, und zu meiner Linken soll der sitzen, der mein Bruder gewesen ist«, fügte sie mit einer Freundlichkeit hinzu, die ihrem Vetter wie ein Dolchstoß ins Herz drang. Seine Lippen wurden bleich, und unter der gebräunten Farbe seines männlichen Gesichts konnte man sehen, wie das Blut aus seinen Wangen wich.

Währenddessen hatte Dantès Herrn Morrel zu seiner Rechten und Danglars zu seiner Linken Platz nehmen lassen; dann forderte er mit einladender Geste jeden auf, sich nach Belieben hinzusetzen.

Die Schüsseln mit den landesüblichen Leckerbissen kreisten.

»Eine schöne Stille!« bemerkte der Greis, indem er ein Glas topasfarbenen Wein, den Vater Pamphile in Person soeben kredenzt hatte, langsam austrank. »Sind denn wirklich dreißig Leute hier, die lustig sein wollen?«

»Oh, ein Ehemann ist nicht immer lustig«, entgegnete Caderousse.

»Ja, wirklich, ich bin in diesem Augenblicke zu glücklich, um lustig zu sein«, sagte Dantès. »Wenn Sie’s so meinen, so haben Sie recht, Nachbar. Die Freude hat manchmal eine sonderbare Wirkung, sie bedrückt wie der Schmerz.«

»Sie fürchten doch nichts?« fragte Ferdinand. »Mir scheint, daß alles nach Ihren Wünschen geht.«

»Und gerade das beunruhigt mich«, erwiderte Dantès; »mich dünkt, der Mensch ist nicht dazu gemacht, um so leicht glücklich zu sein. Das Glück ist jenen Schlössern auf den verzauberten Inseln gleich, deren Tore von Drachen bewacht werden. Man muß kämpfen, um es zu erobern, und ich weiß wirklich nicht, womit ich das Glück, der Gatte Mercedes’ zu sein, verdient habe.«

»Der Gatte, der Gatte«, entgegnete Caderousse lachend, »soweit sind wir noch nicht, Herr Kapitän; versuch’s nur mal, den Gatten zu spielen, und du wirst schon sehen, wie du empfangen wirst!«

Mercedes errötete.

Ferdinand rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und wischte sich von Zeit zu Zeit den Schweiß von der Stirn.

»Nun, Nachbar Caderousse«, sagte Dantès; »es lohnt nicht die Mühe, mich wegen solcher Kleinigkeiten Lügen zu strafen. Mercedes ist allerdings noch nicht meine Frau … (er zog seine Uhr) in anderthalb Stunden wird sie’s aber sein.«

Alle ließen einen Ruf der Überraschung hören, mit Ausnahme von Dantès’ Vater, dessen breites Lächeln seine noch schönen Zähne zeigte. Mercedes lächelte ebenfalls und errötete nicht mehr. Ferdinand umkrampfte den Griff seines Messers.

»In anderthalb Stunden?« fragte Danglars erbleichend; »wie denn das?«

»Ja, meine Freunde«, antwortete Dantès, »durch den Einfluß des Herrn Morrel, des Mannes, dem ich nächst meinem Vater das meiste auf der Welt verdanke, sind alle Schwierigkeiten beseitigt. Wir haben die Aufgebote gekauft, und um halb drei Uhr erwartet uns der Bürgermeister von Marseille im Rathause. Da es nun eben ein Viertel nach eins geschlagen hat, so irre ich mich wohl nicht so sehr, wenn ich sage, daß Mercedes in anderthalb Stunden Frau Dantès sein wird.«

Ferdinand schloß die Augen, es brannte ihm wie Feuer auf den Lidern; er stützte sich auf den Tisch, um nicht vom Stuhle zu sinken; trotz seiner Anstrengungen konnte er ein dumpfes Stöhnen nicht unterdrücken, welches sich in dem Lärm des Lachens und der Glückwünsche der Versammlung verlor.

»Das heißt doch schneidig handeln, ohne die Zeit zu verlieren!« sagte Vater Dantès. »Gestern morgen angekommen, heute um drei Uhr verheiratet! So ’n Seemann fackelt nicht lange.«

»Aber die anderen Formalitäten«, warf Danglars schüchtern ein, »der Kontrakt, die Eintragungen …?«

»Der Kontrakt«, sagte Dantès lachend, »der Kontrakt ist fix und fertig: Mercedes hat nichts, ich auch nicht. Wir heiraten mit Gütergemeinschaft. Das ist bald geschrieben und wird nicht viel kosten.«

Dieser Scherz wurde von der Versammlung mit fröhlichem Beifall aufgenommen.

»Also feiern wir hier nicht eine Verlobung, sondern halten regelrecht ein Hochzeitsmahl?« fragte Danglars.

»Nein«, entgegnete Dantès; »Sie sollen um nichts kommen, seien Sie unbesorgt. Morgen früh reise ich nach Paris. Vier Tage hin, vier Tage zurück, einen Tag zur gewissenhaften Erledigung des Auftrags, mit dem ich betraut bin, und am ersten März bin ich zurück, am zweiten März ist dann das richtige Hochzeitsmahl.«

Diese Aussicht auf eine neue Festlichkeit erhöhte die heitere Stimmung dermaßen, daß Dantès’ Vater sich jetzt vergeblich bemühte, seinen Wunsch für das Glück der Verlobten anzubringen.

Dantès erriet den Gedanken seines Vaters und beantwortete ihn mit einem liebevollen Lächeln. Mercedes hatte schon mehrmals nach der Kuckucksuhr im Saal gesehen und machte Edmond ein Zeichen.

Um den Tisch herum herrschte lärmende Fröhlichkeit. Diejenigen, welche mit ihrem Platze nicht zufrieden gewesen, hatten sich andere Nachbarn gesucht; alle sprachen zu gleicher Zeit.

Die Blässe Ferdinands war auf die Wangen Danglars’ übergegangen. Ferdinand selbst glich jetzt einem Verdammten im Feuer. Er hatte sich als einer der ersten erhoben und ging im Saale auf und ab, sich bemühend, sein Ohr von dem Lärm der Lieder und dem Klingen der Gläser abzuwenden.

Caderousse näherte sich ihm in dem Augenblick, da Danglars, den er zu fliehen schien, in einer Ecke des Saales zu ihm trat.

»Wahrhaftig«, sagte Caderousse, dem das Benehmen Dantès’ und besonders der gute Wein den letzten Rest von Haß, den das unerwartete Glück des jungen Mannes in seiner Seele hatte aufkeimen lassen, genommen hatte, »wahrhaftig, Dantès ist ein netter Kerl; und wenn ich ihn bei seiner Braut sitzen sehe, sage ich zu mir, daß es schade gewesen wäre, ihm den schlechten Streich zu spielen, den Ihr gestern plantet.«

»Du hast ja auch gesehen, daß die Sache nichts weiter auf sich hatte«, antwortete Danglars. »Der arme Herr Ferdinand hier war so fassungslos, daß er mich zuerst dauerte; da er sich aber mit der Sache abgefunden hat und selbst den ersten Brautführer seines Nebenbuhlers macht, ist kein Wort weiter zu verlieren.«

Caderousse sah Ferdinand an, der wieder leichenblaß war.

»Das Opfer ist um so größer«, fuhr Danglars fort, »als das Mädchen in Wirklichkeit schön ist. Zum Kuckuck, ein Glückspilz, mein zukünftiger Kapitän; ich möchte nur zwölf Stunden Dantès heißen.«

»Wollen wir aufbrechen?« fragte die liebliche Stimme Mercedes’; »es schlägt zwei Uhr, und wir werden um ein Viertel nach zwei erwartet.«

»Ja, ja, wir wollen aufbrechen«, sagte Dantès, indem er sich lebhaft erhob.

Alle stimmten zu.

In diesem Augenblick bemerkte Danglars, wie Ferdinand, der auf dem Fensterbrett saß und den er nicht aus den Augen verlor, verstört aufblickte, sich krampfhaft erhob und wieder an das Fensterkreuz zurücksank. In demselben Augenblick fast hörte man von der Treppe her ein wirres Geräusch von schweren Tritten und Stimmen, untermischt mit Waffengeklirr, welches trotz des Lärms im Saale die Aufmerksamkeit der Versammelten erweckte, so daß sofort eine unruhige Stille entstand.

Das Geräusch näherte sich, drei Schläge ertönten an der Tür; alle sahen einander erstaunt an.

»Im Namen des Gesetzes!« rief es draußen. Niemand antwortete.

Sofort öffnete sich die Tür, und ein Kommissar, angetan mit einer Schärpe, trat, gefolgt von einem Unteroffizier und vier bewaffneten Soldaten, in den Saal.

Schrecken folgte auf die Unruhe.

»Was gibt es?« fragte der Reeder den Kommissar, der ihm bekannt war. »Hier liegt jedenfalls ein Irrtum vor, mein Herr.«

»Wenn ein Irrtum vorliegt, Herr Morrel«, antwortete der Kommissar, »so seien Sie versichert, daß er sofort wieder gutgemacht werden wird. Vorläufig bin ich Überbringer eines Haftbefehls, und ich muß meine Pflicht erfüllen, wenn es auch mit Bedauern geschieht. Wer von den Herren ist Edmond Dantès?«

Aller Blicke richteten sich auf den jungen Mann, der sehr erregt, aber seine Würde bewahrend, einen Schritt vortrat und sagte:

»Der bin ich, mein Herr; was wünschen Sie von mir?«

»Edmond Dantès«, erwiderte der Kommissar, »im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie!«

»Sie mich verhaften …«, sagte Edmond leicht erblassend. »Aber warum mich verhaften?«

»Ich weiß es nicht, mein Herr, aber Ihr erstes Verhör wird Sie darüber aufklären.«

Herr Morrel erkannte, daß sich unter diesen Umständen nichts machen ließ.

Der Greis aber stürzte auf den Beamten zu und bat und beschwor ihn; aber Tränen und Bitten vermochten nichts. Die Verzweiflung des Greises war jedoch so groß, daß der Kommissar davon gerührt wurde.

»Beruhigen Sie sich«, sagte er; »vielleicht hat Ihr Sohn einige Formalitäten in bezug auf die Zoll- und Sanitätsvorschriften vernachlässigt, und sobald man von ihm die gewünschte Aufklärung erhalten hat, wird er aller Wahrscheinlichkeit nach wieder in Freiheit gesetzt werden.«

»Oho! was bedeutet das?« wandte sich Caderousse stirnrunzelnd an Danglars, welcher den Überraschten spielte.

»Weiß ich es?« gab Danglars zurück; »mir geht’s wie dir, ich begreife nichts von alledem, was vorgeht.«

Caderousses Augen suchten Ferdinand; er war verschwunden.

Die ganze Szene vom Tage vorher stand plötzlich mit erschrekkender Klarheit vor ihm; die Katastrophe schien den Schleier, den die Trunkenheit über sein Gedächtnis geworfen hatte, zerrissen zu haben.

»Oho!« sagte er mit heiserer Stimme, »wäre das die Folge des Scherzes, von dem Ihr gestern spracht, Danglars? Dann wehe dem, der ihn ausgeführt hat, denn es wäre ein sehr übler Scherz.«

»Durchaus nicht!« rief Danglars. »Du weißt doch sehr gut, daß ich das Papier zerrissen habe.«

»Zerrissen hast du’s nicht«, antwortete Caderousse, »sondern nur in die Ecke geworfen.«

»Sei still, du hast nichts gesehen, du warst ja betrunken.«

»Wo ist Ferdinand?« fragte Caderousse.

»Weiß ich das?« erwiderte Danglars. »Wahrscheinlich hat er irgendwo zu tun; doch anstatt uns darum zu kümmern, laß uns lieber dem armen Dantès beistehen.«

Dantès hatte während dieser Unterhaltung allen Freunden die Hand gedrückt und sich als Gefangener gestellt.

»Seid ruhig«, sagte er, »der Irrtum wird sich aufklären, und wahrscheinlich komme ich gar nicht einmal bis zum Gefängnis.«

»O gewiß nicht, dafür werde ich bürgen«, bemerkte Danglars, der in diesem Augenblick auf die Gruppe zutrat.

Dantès folgte, von den Soldaten umgeben, dem Polizeikommissar die Treppe hinab. Ein Wagen mit geöffnetem Schlage hielt vor der Tür; er stieg ein; zwei Soldaten und der Kommissar stiegen nach ihm ein; der Schlag fiel zu, und der Wagen fuhr nach Marseille davon.

»Lebe wohl, Dantès! Lebe wohl, Edmond!« rief Mercedes ihm vom Balkon aus nach.

Der Gefangene hörte diesen letzten Schrei, der sich wie ein Schluchzen dem zerrissenen Herzen seiner Braut entrang; er steckte den Kopf aus dem Schlage und rief: »Auf Wiedersehen, Mercedes!« Dann verschwand er um eine Ecke des Forts Saint-Nicolas.

»Wartet hier auf mich«, sagte der Reeder; »ich fahre mit dem ersten Wagen, den ich treffe, nach Marseille und bringe euch Nachricht.«

»Gehen Sie!« riefen alle, »gehen Sie und kommen Sie schnell wieder!«

Nach diesem doppelten Aufbruch herrschte unter den Zurückgebliebenen einen Augenblick lang eine schreckliche Bestürzung.

Der Greis und Mercedes blieben einige Zeit jeder in seinen eigenen Schmerz versunken; endlich aber begegneten sich ihre Augen, sie erkannten sich als zwei Unglückliche, die derselbe Schlag getroffen hat, und warfen einander in die Arme.

Während dieser Zeit trat Ferdinand wieder in den Saal, goß sich ein Glas Wasser ein, trank es aus und setzte sich auf einen Stuhl.

Der Zufall wollte es, daß Mercedes, als die Arme des Greises sie losließen, auf einen daneben stehenden Stuhl sank.

Ferdinand machte eine instinktive Bewegung und fuhr mit seinem Stuhl zurück.

»Er ist’s«, sagte Caderousse, der den Katalonier nicht aus dem Auge gelassen hatte, zu Danglars.

»Ich glaube nicht«, antwortete Danglars; »er war zu dumm; auf jeden Fall möge der Schlag auf den zurückfallen, der ihn geführt hat.«

»Du sprichst nicht von dem, der dazu geraten hat«, sagte Caderousse.

»Na, wahrhaftig, wenn man für alles, was man so daherredet, verantwortlich sein sollte!«

»Ja, wenn das, was man so daherredet, Unheil stiftet.«

Unterdessen erörterten die Anwesenden in verschiedenen Gruppen die plötzliche Verhaftung Dantès’.

»Und Sie, Danglars«, fragte eine Stimme, »was denken Sie von diesem Ereignis?«

»Ich?« entgegnete Danglars, »ich glaube, er wird einige Ballen verbotener Waren mitgebracht haben.«

»Das müßten Sie dann doch wissen, Danglars, da Sie der Rechnungsführer waren.«

»Das wohl, aber der Rechnungsführer kennt nur die Kolli, welche ihm deklariert werden. Ich weiß nur, daß wir Baumwolle geladen haben, daß wir unsere Ladung in Alexandrien vom Hause Pastret und in Smyrna vom Hause Pascal empfangen haben; mehr kann ich nicht sagen.«

»Oho, da fällt mir ein«, murmelte der Vater, sich an diesen Strohhalm klammernd, »daß er mir gestern gesagt hat, er habe eine Kiste Kaffee und eine Kiste Tabak für mich.«

»Sehen Sie«, rief Danglars, »das ist’s. In unserer Abwesenheit wird die Zollbehörde dem ›Pharao‹ einen Besuch abgestattet und die Bescherung entdeckt haben.«

Mercedes glaubte überhaupt nichts von alledem. Ihr bis dahin zurückgepreßter Schmerz machte sich plötzlich in Schluchzen Luft.

»Nun, nun, nur Mut!« redete Vater Dantès ihr zu, ohne selbst zu wissen, was er sagte.

»Mut!« wiederholte Danglars.

»Mut!« versuchte Ferdinand zu murmeln, aber seine Lippen bewegten sich, ohne einen Laut hervorzubringen.

»Ein Wagen, ein Wagen!« rief einer der Teilnehmer, welcher als Posten auf dem Balkon geblieben war. »Ah, es ist Herr Morrel! Mut, Mut! jedenfalls bringt er gute Nachrichten.«

Mercedes und der alte Vater eilten dem Reeder entgegen, den sie an der Tür trafen. Herr Morrel war sehr bleich.

»Nun?« riefen sie wie aus einem Munde.

»Ach, meine Freunde«, antwortete der Reeder, den Kopf schüttelnd, »die Sache ist ernster, als wir glaubten!«

»Oh, Herr Morrel«, rief Mercedes, »er ist unschuldig!«

»Ich glaube es«, entgegnete Herr Morrel, »aber man beschuldigt ihn.«

»Wessen?« fragte der alte Dantès.

»Ein bonapartistischer Agent zu sein.«

Das war damals in Frankreich eine entsetzliche Anklage.

Mercedes stieß einen Schrei aus; der Greis sank auf einen Stuhl.

»Aha«, sagte Caderousse leise, »du hast mich belogen, Danglars! Der Scherz ist also zur Ausführung gekommen, aber ich will diesen Greis und dieses junge Mädchen nicht vor Gram sterben lassen und ihnen alles sagen.«

»Schweig, Unglücksmensch!« rief Danglars, indem er Caderousse bei der Hand faßte, »sonst stehe ich nicht für dich selbst. Wer sagt dir, daß Dantès nicht wirklich schuldig ist? Das Schiff hat an der Insel Elba angelegt, er ist ans Land gestiegen und einen ganzen Tag in Porto Ferrajo geblieben. Fände man bei ihm einen Brief, der ihn kompromittierte, so würden alle, welche ihm beigestanden haben, für seine Mitschuldigen gelten.«

Caderousse begriff mit dem schnellen Instinkte des Egoismus das Begründete dieses Einwurfs; er sah Danglars mit Augen voll Furcht und Schmerz an und sagte leise:

»Warten wir denn ab.«

»Ja, warten wir’s ab«, stimmte Danglars zu, »wenn er unschuldig ist, wird man ihn freilassen; ist er schuldig, so ist es unnütz, sich eines Verschwörers wegen bloßzustellen.«

»Dann laß uns gehen, ich kann nicht länger hier bleiben.«

»Ja, komm«, sagte Danglars, erfreut, jemand zu haben, der gleichzeitig mit ihm ging, »komm und laß sie sich helfen, so gut sie können.«

Sie entfernten sich. Ferdinand, der wieder die Stütze des jungen Mädchens geworden war, nahm Mercedes an der Hand und führte sie ins Katalonierdorf zurück; Dantès’ Freunde brachten den fast ohnmächtigen Greis zu seiner Wohnung in den Allées de Meilhan.

Bald verbreitete sich das Gerücht, daß Dantès als bonapartistischer Agent verhaftet worden sei, in der ganzen Stadt.

»Hätten Sie das geglaubt, mein lieber Danglars?« fragte Herr Morrel, als er seinen Rechnungsführer und Caderousse einholte; er eilte nach der Stadt zurück, um etwas Genaueres über Edmond vom Zweiten Staatsanwalt, Herrn von Villefort, den er kannte, zu erfahren; »hätten Sie das geglaubt?«

»Je nun, Herr Morrel«, antwortete Danglars, »ich sagte Ihnen schon, daß Dantès ohne ersichtlichen Grund an der Insel Elba angelegt hat, und Sie wissen, mir ist dieser Aufenthalt verdächtig erschienen.«

»Haben Sie denn aber anderen von Ihrem Verdacht Mitteilung gemacht?«

»Ich würde mich gehütet haben«, antwortete Danglars leise, »Sie wissen, daß man Sie wegen Ihres Onkels, des Herrn Policar Morrel, der unter dem andern gedient hat und aus seinen Gedanken kein Geheimnis macht, beargwöhnt, daß Sie mit Napoleon sympathisieren. Ich hätte befürchten müssen, Edmond und in der Folge auch Ihnen zu schaden; es gibt Dinge, die ein Untergebener die Pflicht hat, seinem Reeder zu sagen, aber anderen gegenüber streng geheimzuhalten.«

»Ganz recht, Danglars, ganz recht, Sie sind ein braver Kerl; ich hatte auch schon an Sie gedacht, für den Fall, daß der arme Dantès Kapitän des ›Pharao‹ geworden wäre.«

»Wieso, Herr Morrel?«

»Ja, ich hatte Dantès gefragt, was er von Ihnen dächte und ob er irgend etwas dagegen hätte, daß Sie auf Ihrem Posten blieben; denn ich weiß nicht weshalb, aber ich hatte zu bemerken geglaubt, daß eine gewisse Kälte zwischen Ihnen herrschte.«

»Und was hat er Ihnen geantwortet?«

»Daß er in der Tat glaube, Ihnen einmal – die Umstände hat er mir nicht gesagt – unrecht getan zu haben, daß aber jeder, welcher das Vertrauen des Reeders genösse, auch das seinige besäße.«

»Der Heuchler!« murmelte Danglars.

»Der arme Dantès!« sagte Caderousse. »Er war wirklich ein prächtiger Junge.«

»Ja«, bemerkte Herr Morrel, »aber vorläufig ist der ›Pharao‹ ohne Kapitän.«

»Oh«, meinte Danglars, »wir können vor einem Vierteljahr nicht wieder in See stechen, und bis dahin ist Dantès hoffentlich wieder frei.«

»Ohne Zweifel, aber bis dahin?«

»Nun, bis dahin bin ich ja da, Herr Morrel«, sagte Danglars. »Sie wissen, daß ich die Führung eines Schiffes ebensogut verstehe wie ein Kapitän; Sie werden sogar einen Vorteil haben, wenn Sie sich meiner bedienen, denn Sie brauchen dann, wenn Edmond die Freiheit erhält, niemand zu entlassen; er nimmt dann einfach seine Stelle wieder ein und ich die meinige.«

»Danke Ihnen, Danglars«, entgegnete der Reeder; »so regelt sich in der Tat alles vortrefflich. Übernehmen Sie also das Kommando, ich bevollmächtige Sie dazu, und überwachen Sie das Löschen; was auch den Personen zustoßen möge, die Geschäfte dürfen nie darunter leiden.«

»Seien Sie unbesorgt, Herr Morrel; aber wird man den braven Edmond nicht wenigstens sehen können?«

»Das werde ich Ihnen sogleich sagen, Danglars; ich will versuchen, mit Herrn von Villefort zu sprechen, und mich bei ihm zugunsten des Gefangenen verwenden. Ich weiß wohl, daß er ein wütender Royalist ist, aber immerhin, trotz Royalist und Staatsanwalt, er ist auch ein Mensch, und ich halte ihn nicht für schlecht.«

»Nein«, meinte Danglars, »aber er soll ehrgeizig sein, und ehrgeizige Leute sind selten gut.«

»Nun, wir werden ja sehen«, sagte Herr Morrel mit einem Seufzer. »Gehen Sie an Bord, ich werde Sie dort treffen.«

Er verließ die beiden Freunde, um den Weg nach dem Justizpalaste einzuschlagen.

»Du siehst«, sagte Danglars zu Caderousse, »welche Wendung die Geschichte nimmt. Hast du noch Lust, dich für Dantès zu verwenden?«

»Nein, gewiß nicht; aber es ist doch ein entsetzlicher Scherz, der solche Folgen hat.«

»Nun, wer hat ihn denn ausgeführt? Du doch nicht und ich auch nicht, nicht wahr? sondern Ferdinand. Du weißt doch, daß ich das Papier in die Ecke geworfen habe; ich glaubte sogar, ich hätte es zerrissen.«

»Nein, nein«, antwortete Caderousse. »Oh, da bin ich ganz sicher; ich sehe es noch in der Ecke der Laube zerknittert und zusammengerollt und möchte sogar, es läge noch da.«

»Na, sieh her: Ferdinand hat es jedenfalls aufgegriffen, hat es abgeschrieben oder abschreiben lassen, vielleicht hat er sich auch nicht einmal die Mühe genommen, ja, mein Gott, vielleicht hat er meinen eigenen Brief abgeschickt! Zum Glück hatte ich meine Handschrift verstellt.«

»Wußtest du denn aber, daß Dantès ein Verschwörer ist?«

»Ich? Davon wußte ich nicht das geringste; ich habe, wie gesagt, einen Scherz machen wollen, weiter nichts. Wie’s scheint, habe ich, wie der Hanswurst, im Scherze die Wahrheit gesagt.«

»Einerlei«, sagte Caderousse, »ich würde viel drum geben, wenn die ganze Geschichte nicht passiert wäre, oder wenigstens, wenn ich mit derselben nichts zu tun hätte. Du wirst sehen, sie wird uns Unglück bringen, Danglars!«

»Wenn sie Unglück bringen soll, so doch nur dem Schuldigen, und der eigentlich Schuldige ist Ferdinand und nicht wir. Was soll uns denn passieren? Wir brauchen uns nur still zu verhalten und nichts von alledem verlauten zu lassen, so wird das Gewitter an uns vorübergehen.«

»Amen!« sagte Caderousse, indem er Danglars ein Zeichen des Abschieds machte und sich nach den Allées de Meilhan wandte; er schüttelte den Kopf und sprach mit sich selbst, wie es Leute zu tun pflegen, die sehr mit etwas beschäftigt sind.

»So«, sagte Danglars, »die Dinge nehmen die Wendung, wie ich sie vorhergesehen habe; jetzt bin ich Interimskapitän, und wenn dieses Schaf von Caderousse das Maul halten kann, werde ich’s definitiv. Bliebe nur noch der Fall, daß die Justiz Dantès laufen ließe. Aber«, setzte er mit einem Lächeln hinzu, »die Justiz ist die Justiz, sie wird schon das Ihrige tun.«

Und damit sprang er in ein Boot und gab dem Führer den Befehl, ihn nach dem »Pharao« zu rudern, wo er den Reeder erwarten wollte.

Der Zweite Staatsanwalt

In der Rue du Grand-Cours, gegenüber der Fontäne der Medusen, wurde in einem der alten aristokratischen Häuser an dem nämlichen Tage und um die nämliche Stunde gleichfalls ein Verlobungsfest gefeiert.

Nur waren die Festteilnehmer hier nicht aus dem Volke, Matrosen und Soldaten, sondern sie gehörten der ersten Gesellschaft der Stadt an.

Es waren ehemalige Beamte, die unter dem Usurpator ihr Amt niedergelegt hatten, alte Offiziere, welche desertiert und unter die Fahnen Condés übergetreten waren, sowie junge Leute, die von ihrer Familie in dem Haß gegen Napoleon erzogen wurden.

Man saß bei Tische, und in dem Gespräch lebten alle politischen Leidenschaften der Gegenwart auf.

Der Kaiser, der nun auf der Insel Elba lebte, wurde hier wie ein Mann behandelt, der Frankreich und den Thron für immer verloren hatte. Die Beamten erwähnten seine politischen Mißgriffe; die Offiziere sprachen von Moskau und Leipzig, die Frauen über seine Ehescheidung von Josephine. Es schien dieser fröhlichen Gesellschaft, daß sie aus einem bösen Traum erwacht sei und daß das Leben jetzt erst für sie beginne.

Ein mit dem Kreuze des heiligen Ludwig geschmückter alter Herr erhob sich und brachte einen Toast auf die Gesundheit des Königs Ludwig XVIII. aus; es war der Marquis von Saint-Méran. Sein Trinkspruch rief allgemeine Begeisterung hervor, die Gläser wurden hochgehoben, die Damen nahmen ihre Sträuße und streuten die Blumen über das Tischtuch.

»Alle diese Revolutionäre, die, die uns vertrieben haben und die wir unsererseits ruhig in unseren alten Schlössern konspirieren lassen, die sie unter der Schreckensherrschaft für ein Butterbrot gekauft haben«, sagte die Marquise von Saint-Méran, eine Dame mit trockenen Augen, schmalen Lippen, von aristokratischer Erscheinung und trotz ihrer fünfzig Jahre noch elegant, »wenn sie hier wären, sie würden zugeben, daß die wahre Ergebenheit auf unserer Seite war, da wir treu an der zusammenbrechenden Monarchie hingen und unser Vermögen verloren, während sie im Gegenteil die aufgehende Sonne begrüßten und ihr Glück machten; sie würden zugeben, daß unser König in Wahrheit Ludwig der Vielgeliebte ist, während ihr Usurpator nie etwas anders gewesen ist als Napoleon der Verfluchte. Nicht wahr, von Villefort?«

»Sie sagten, Frau Marquise …? Verzeihen Sie, ich war nicht bei der Unterhaltung.«

»Ei, lassen Sie doch diese Kinder, Marquise«, sagte der alte Herr, der den Trinkspruch ausgebracht hatte; »diese Kinder stehen im Begriff, sich zu verheiraten, und haben natürlich von etwas anderm zu sprechen als von Politik.«

»Verzeihen Sie, liebe Mutter«, sagte eine junge und schöne Dame mit blondem Haar, »ich gebe Ihnen Herrn von Villefort zurück, den ich auf einen Augenblick in Beschlag genommen hatte. Herr von Villefort, meine Mutter spricht mit Ihnen.«

»Ich bin bereit, der gnädigen Frau zu antworten, wenn sie ihre Frage, die ich nicht recht verstanden habe, wiederholen wollte«, erwiderte Herr von Villefort.

»Man verzeiht dir, Renée«, sagte die Marquise mit einem zärtlichen Lächeln, das man diesem trockenen Gesicht nicht zugetraut hätte; »man verzeiht dir … Ich sagte also, Villefort, daß die Bonapartisten weder unsere Überzeugung noch unseren Enthusiasmus, noch unsere Ergebenheit hätten.«

»Oh, gnädige Frau, sie haben wenigstens etwas, was alles das ersetzt: den Fanatismus. Napoleon ist der Mohammed des Abendlandes; er ist für alle diese gewöhnlichen, aber im höchsten Grade ehrgeizigen Menschen aus dem Volke nicht nur ein Gesetzgeber und Meister, sondern auch ein Sinnbild, das Sinnbild der Gleichheit.«

»Der Gleichheit!« rief die Marquise. »Napoleon das Sinnbild der Gleichheit! Und was wollen Sie denn mit Herrn von Robespierre machen? Mir scheint, Sie haben ihm seinen Platz genommen, um ihn dem Korsen zu geben; ich dächte aber, wir hätten an einer Usurpation gerade genug.«

»Nein, gnädige Frau«, antwortete Villefort, »ich lasse jeden auf seinem Piedestal: Robespierre auf dem Platze Ludwigs XV., auf seinem Schafott, Napoleon auf dem Vendômeplatz auf seiner Säule; nur hat der eine die Gleichheit gemacht, welche erniedrigt, der andere die, welche erhebt; der eine hat die Könige bis zur Guillotine erniedrigt, der andere das Volk bis zum Throne erhoben. Das soll nicht heißen«, fügte Villefort lachend hinzu, »daß beide nicht infame Revolutionäre und der neunte Thermidor und der vierte April 1814 nicht zwei glückliche Tage für Frankreich wären, würdig, in gleicher Weise von den Freunden der Ordnung und der Monarchie gefeiert zu werden; aber es erklärt auch, weshalb Napoleon, wenn er auch gefallen ist, um sich hoffentlich nie wieder zu erheben, seine begeisterten Anhänger bewahrt hat; hatte doch Cromwell, der nicht halb das war, was Napoleon gewesen ist, auch die seinigen!«

»Wissen Sie, Villefort, daß das, was Sie da sagen, auf eine Meile nach Revolution riecht? Aber ich verzeihe Ihnen; man kann nicht Sohn eines Girondisten sein, ohne daß einem etwas anhaften bleibt.«

Eine tiefe Röte überzog Villeforts Stirn.

»Mein Vater war allerdings Girondist, gnädige Frau«, sagte er, »aber mein Vater hat nicht für den Tod des Königs gestimmt, mein Vater war geächtet von derselben Schreckensherrschaft, die Sie ächtete, und es hat nicht viel daran gefehlt, daß er seinen Kopf auf dasselbe Schafott legte, auf dem der Kopf Ihres Vaters gefallen ist.«

»Ja«, sagte die Marquise, ohne daß diese blutige Erinnerung die geringste Veränderung in ihren Zügen bewirkte; »nur hätten sie dasselbe für gänzlich entgegengesetzte Prinzipien bestiegen, und der Beweis dafür ist, daß meine ganze Familie dem Königshaus treu geblieben ist, während Ihr Vater sich beeilt hat, sich auf die Seite der neuen Regierung zu schlagen, und daß, nachdem der Bürger Noirtier Girondist gewesen, der Graf Noirtier Senator geworden ist.«

»Liebe Mutter«, sagte Renée, »du weißt doch, daß von diesen häßlichen Erinnerungen nicht mehr gesprochen werden sollte.«

»Gnädige Frau«, antwortete Villefort, »ich schließe mich dem Fräulein von Saint-Méran an und bitte demütigst um Vergessen der Vergangenheit. Wozu über Dinge reden, die selbst dem Willen Gottes entzogen sind? Gott kann die Zukunft ändern, aber nicht die Vergangenheit. Wir Menschen können, wenn nicht sie ableugnen, so wenigstens einen Schleier darüber werfen. Nun wohl, ich habe mich nicht nur von den Ansichten, sondern auch von dem Namen meines Vaters getrennt. Mein Vater war oder ist vielleicht jetzt noch Bonapartist und nennt sich Noirtier; ich bin Royalist und nenne mich Villefort. Lassen Sie in dem alten Stamme einen Rest revolutionären Saftes sterben und sehen Sie, gnädige Frau, nur den Sprößling, der von diesem Stamme aufschießt, ohne sich ganz davon ablösen zu können, ich möchte fast sagen, ohne sich ganz von ihm loslösen zu wollen.«

»Bravo, Villefort«, rief der Marquis, »gut geantwortet! Auch ich habe der Marquise immer Vergessen der Vergangenheit gepredigt, ohne daß ich es je von ihr erlangen konnte; Sie werden hoffentlich glücklicher sein.«

»Nun wohl denn«, sagte die Marquise, »wir wollen die Vergangenheit vergessen; seien Sie aber wenigstens in Zukunft unbeugsam, Villefort. Vergessen Sie nicht, daß wir uns bei Seiner Majestät für Sie verbürgt haben und daß Seine Majestät auf unsere Empfehlung geruht haben, vergessen zu wollen« – sie reichte ihm die Hand –, »wie ich auf Ihre Bitte vergesse. Nur wenn Ihnen irgendein Verschwörer in die Hände fällt, so denken Sie daran, daß man um so mehr auf Sie aufpaßt, als man weiß, daß Sie aus einer Familie sind, die vielleicht mit diesen Verschwörern in Verbindung steht.«

»Ach, gnädige Frau«, sagte Villefort, »mein Beruf und besonders die Zeit, in welcher wir leben, erheischen von mir, streng zu sein. Ich werde es sein. Ich habe bereits einige politische Anklagen zu vertreten gehabt und habe in dieser Hinsicht meine Proben abgelegt. Leider sind wir noch nicht am Ende.«

»Glauben Sie?« fragte die Marquise.

»Ich fürchte es. Napoleon ist auf der Insel Elba Frankreich sehr nahe; seine Anwesenheit fast im Angesicht unserer Küste erhält die Hoffnungen seiner Anhänger lebendig. Marseille ist voll von Offizieren auf Halbsold, die täglich unter nichtigen Vorwänden mit den Royalisten Streit suchen; daher Duelle unter den höheren Klassen, daher Mord und Totschlag im Volke.«

»Ja«, sagte der Graf von Salvieux, ein alter Freund des Herrn von Saint-Méran und Kammerherr des Grafen von Artois, »ja, aber Sie wissen, daß die Heilige Allianz ihn umquartiert.«

»Ja, davon war die Rede bei unserer Abreise von Paris«, bemerkte Herr von Saint-Méran. »Und wohin schickt man ihn?«

»Nach St. Helena.«

»Nach St. Helena! Wo ist das?« fragte die Marquise.

»Eine zweitausend Meilen von hier entfernte Insel jenseits des Äquators«, antwortete der Graf.

»Fürwahr, es ist, wie Villefort sagt, eine große Torheit, daß man einen solchen Menschen zwischen Korsika, wo er geboren ist, und Neapel läßt, wo noch sein Schwager regiert, und im Angesicht dieses Italiens, aus dem er ein Königreich für seinen Sohn hat machen wollen.«

»Leider«, sagte Villefort, »haben wir diese Verträge von 1814, und man kann Napoleon nicht anrühren, ohne diese Verträge zu verletzen.«

»Nun, dann wird man sie eben verletzen!« rief Herr von Salvieux. »Hat er es so genau genommen, als er den unglücklichen Herzog von Enghien hat erschießen lassen?«

»Ja«, sagte die Marquise, »die Heilige Allianz muß Europa von Napoleon befreien, und Villefort befreit Marseille von seinen Parteigängern. Der König regiert entweder, oder er regiert nicht; wenn er regiert, so muß seine Regierung stark und seine Diener müssen unbeugsam sein; auf die Weise wird das Böse verhütet.«

»Leider, gnädige Frau«, antwortete Villefort lächelnd, »kommt der Staatsanwalt immer erst dann, wenn das Böse bereits geschehen ist.«

»Dann ist es an ihm, es wieder gutzumachen.«

»Ich könnte Ihnen wieder sagen, gnädige Frau, daß wir das Böse nicht gutmachen, sondern daß wir es bloß rächen.«

»Oh, Herr von Villefort«, sagte ein hübsches junges Mädchen, die Tochter des Grafen von Salvieux und Freundin des Fräuleins von Saint-Méran, »sehen Sie doch zu, daß Sie einen schönen Prozeß bekommen, während wir in Marseille sind. Ich war noch nie bei einer Schwurgerichtsverhandlung, und es soll sehr interessant sein.«

»Sehr interessant, in der Tat, gnädiges Fräulein«, antwortete der Zweite Staatsanwalt, »denn statt einer erdichteten Tragödie haben Sie ein wirkliches Drama, statt gespielter Schmerzen echte. Der Mann, den man da sieht, kehrt, wenn der Vorhang gefallen ist, nicht nach Hause zurück, um zu Abend zu essen, sich ruhig schlafen zu legen und morgen wieder anzufangen, sondern sein Weg geht ins Gefängnis, wo der Henker auf ihn wartet. Sie sehen, daß es für Menschen, die Aufregungen suchen, kein Schauspiel gibt, welches diesem gleichkäme. Seien Sie ruhig, gnädiges Fräulein, wenn die Gelegenheit sich bietet, werde ich es Ihnen verschaffen.«

»Er macht uns beben … und er lacht!« sagte Renée, die ganz blaß geworden war.

»Nun, sehen Sie, es ist ein Duell … Ich habe schon fünf- oder sechsmal die Todesstrafe gegen politische oder andere Angeklagte beantragt … Nun wohl, wer weiß, wie viele Dolche in diesem Augenblick im Dunkel geschliffen werden oder schon gegen mich gerichtet sind?«

»O Gott!« rief Renée, die immer ernster wurde. »Sprechen Sie denn im Ernst, Herr von Villefort?«

»Im vollen Ernst«, erwiderte der junge Beamte lächelnd. »Und diese schönen Prozesse, welche das gnädige Fräulein wünscht, um ihre Neugier, und welche ich wünsche, um meinen Ehrgeiz zu befriedigen, werden die Lage nur noch verschlimmern. Alle diese Soldaten Napoleons, die es gewöhnt sind, blindlings den Feind anzugreifen – glauben Sie, daß die erst nachdenken, wenn sie eine Patrone abschießen oder mit dem Bajonett drauflosgehn? Nun wohl, glauben Sie, daß sie mehr überlegen werden, wenn es sich darum handelt, einen Mann zu töten, den sie für ihren persönlichen Feind halten, als wenn sie einen Russen, Österreicher oder Ungarn töten sollen, den sie nie gesehen haben? Übrigens, sehen Sie, ist das nötig; ohne das hätte unser Handwerk keine Entschuldigung. Ich selbst fühle mich, wenn ich im Auge des Angeklagten den Haß leuchten sehe, ermutigt, meine Kräfte wachsen; es ist nicht mehr ein Prozeß, sondern ein Kampf; ich kämpfe gegen ihn, er wehrt sich gegen mich, ich verdoppele meine Ausfälle, und der Kampf endet, wie alle Kämpfe, mit einem Siege oder einer Niederlage. Das ist Plädieren! Die Gefahr macht die Beredsamkeit. Ein Angeklagter, der mir nach meiner Replik zulächeln würde, würde mich glauben machen, daß ich schlecht gesprochen hätte. Denken Sie sich das Gefühl des Stolzes, welches ein von der Schuld des Angeklagten überzeugter Staatsanwalt empfindet, wenn er den Schuldigen erblassen und unter dem Gewichte der Beweise und der niederschmetternden Wirkung seiner Beredsamkeit sich beugen sieht! Dieser Kopf neigt sich, er wird fallen …«

Renée stieß einen leichten Schrei aus.

»Das nennt man sprechen«, bemerkte einer der Anwesenden. »Das ist ein Mann, wie wir ihn in Zeiten wie die unsrigen brauchen!« äußerte ein zweiter.

»In Ihrem letzten Prozeß waren Sie auch prachtvoll, mein lieber Villefort«, sagte ein dritter. »Sie wissen, dieser Mensch, der seinen Vater ermordet hatte; Sie haben ihn buchstäblich getötet, ehe der Henker ihn nur berührt hat.«

»Oh, bei Vatermördern ist das etwas anderes«, meinte Renée, »für solche Menschen gibt es keine zu große Strafe; aber bei den unglücklichen politischen Angeklagten …!«

»Das ist schlimmer, Renée, denn der König ist der Vater des Volkes, und den König stürzen oder töten wollen heißt den Vater von zweiunddreißig Millionen Menschen töten wollen.«

»Oh, einerlei, Herr von Villefort«, antwortete Renée, »versprechen Sie mir, gegen diejenigen, die ich Ihnen empfehlen werde, nachsichtig zu sein?«

»Seien Sie beruhigt«, sagte Villefort mit seinem liebenswürdigsten Lächeln, »wir werden meine Anträge zusammen machen.«

»Liebes Kind«, riet die Marquise, »kümmere dich um deine Kolibris, deine Schoßhunde und deinen Putz und laß deinen künftigen Gemahl sein Geschäft besorgen. Heute ruhen die Waffen, und der Talar steht in Ansehen; es gibt darüber ein tiefsinniges lateinisches Wort.«

»Cedant arma togae«, sagte Villefort, sich verneigend.

»Ich wagte nicht, lateinisch zu sprechen«, antwortete die Marquise.

»Ich glaube, ich möchte lieber, Sie wären Arzt«, begann Renée wieder; »der Würgengel, wenn er auch ein Engel ist, hat mich immer sehr erschreckt.«

»Gute Renée!« murmelte Villefort, das junge Mädchen mit einem Blick voll Liebe umfassend.

»Liebe Tochter«, sagte der Marquis, »Herr von Villefort wird der moralische und politische Arzt dieser Provinz sein; glaube mir, das ist eine schöne Rolle, die er da zu spielen hat.«

»Und das wird ein Mittel sein, diejenige, die sein Vater gespielt hat, vergessen zu machen«, fing die unverbesserliche Marquise wieder an.

»Gnädige Frau«, entgegnete Villefort mit einem melancholischen Lächeln, »ich hatte schon die Ehre, Ihnen zu sagen, daß mein Vater, wie ich wenigstens hoffe, den Irrtümern seiner Vergangenheit abgeschworen hat und ein eifriger Freund der Religion und Ordnung geworden ist, ein besserer Royalist vielleicht als ich selbst, denn er wäre es mit Reue, und ich bin es nur mit Leidenschaft.«

Nach dieser wohlgesetzten Redewendung blickte Villefort die Anwesenden an, wie er im Gerichtssaal die Zuhörer angesehen haben würde, um sich von der Wirkung seiner Beredsamkeit zu überzeugen.

»Sehen Sie, mein lieber Villefort«, sagte der Graf von Salvieux, »gerade das habe ich vorgestern in den Tuilerien dem Minister des königlichen Hauses geantwortet, der mich wegen dieser seltsamen Verbindung zwischen dem Sohne eines Girondisten und der Tochter eines Offiziers der Armee Condés befragte, und der Minister hat sehr gut verstanden. Dieses Fusionssystem ist das Ludwigs XVIII. Der König, der, ohne daß wir es ahnten, unsere Unterhaltung mit angehört hatte, unterbrach uns denn auch, indem er sagte: ›Villefort …‹ Beachten Sie, daß der König den Namen Noirtier nicht aussprach, vielmehr einen Nachdruck auf den Namen Villefort legte! ›Villefort‹, sagte also der König, ›wird eine gute Laufbahn machen; er ist ein schon reifer junger Mann und mir ergeben. Ich habe mit Vergnügen gesehen, daß der Marquis und die Marquise von Saint-Méran ihn zum Schwiegersohn erwählt haben, und hätte ihnen die Verbindung geraten, wenn sie mich nicht zuerst um die Erlaubnis dazu gebeten hätten.‹«

»Das hat der König gesagt?« rief Villefort entzückt.

»Ich berichte Ihnen seine eigenen Worte, und wenn der Marquis freimütig sein will, so wird er gestehen, daß das, was ich Ihnen eben erzähle, vollkommen mit dem übereinstimmt, was der König ihm selbst gesagt hat, als er mit ihm vor einem halben Jahre von einem Heiratsplan zwischen seiner Tochter und Ihnen gesprochen hat.«

»Das ist wahr«, bestätigte der Marquis.

»Oh, dann verdanke ich diesem würdigen Fürsten also alles. Dafür will ich auch alles, was in meinen Kräften steht, tun, um ihm zu dienen!«

»Sehen Sie«, sagte die Marquise, »so mag ich Sie leiden. Jetzt soll nur ein Verschwörer kommen, er wird gebührend empfangen werden.«

»Und ich, liebe Mutter«, antwortete Renée, »bitte Gott, daß er Sie nicht erhöre und daß er Herrn von Villefort nur kleine Diebe, unbedeutende Bankerotteure und furchtsame Gauner sende; dann werde ich ruhig schlafen.«

»Das ist«, sagte Villefort lachend, »als ob Sie einem Doktor nur Migränen, Masern und Wespenstiche wünschten, alles Dinge, die nur die Haut verletzen. Wenn Sie mich als Staatsanwalt sehen wollen, so wünschen Sie mir im Gegenteil jene schrecklichen Krankheiten, deren Kur dem Arzte Ehre macht.«

Und als ob der Zufall nur auf die Äußerung dieses Wunsches von seiten Villeforts gewartet hätte, damit er erfüllt würde, trat in diesem Augenblick ein Kammerdiener ein und sagte ihm einige Worte ins Ohr. Villefort verließ mit einer Entschuldigung den Tisch und kam nach einigen Augenblicken mit freudigem, lächelndem Gesicht zurück.

Renée betrachtete ihn voll Liebe, denn so gesehen war er mit seinen blauen Augen, seiner matten Gesichtsfarbe und dem schwarzen Backenbart, der sein Gesicht umrahmte, in der Tat ein eleganter und schöner junger Mann. Die ganze Seele des jungen Mädchens schien auch an seinen Lippen zu hängen in der Erwartung, daß er den Grund seines plötzlichen Verschwindens erklären würde.

»Sehen Sie«, sagte Villefort, »Sie hatten eben, gnädiges Fräulein, den Ehrgeiz, einen Arzt zum Gatten haben zu wollen; ich habe wenigstens mit den Schülern Äskulaps das gemein, daß die gegenwärtige Stunde nie mir gehört und daß man mich selbst an Ihrer Seite, selbst bei meinem Verlobungsmahle stört.«

»Und aus welchem Grunde stört man Sie?« fragte das junge Mädchen mit leichter Unruhe.

»Ach, wegen eines Kranken, der nach dem, was man mir sagt, in den letzten Zügen liegt; diesmal ist der Fall ernst, und die Krankheit führt aufs Schafott.«

»O Gott!« rief Renée erbleichend.

»Wirklich?« rief die ganze Versammlung wie aus einem Munde.

»Man scheint ganz einfach ein kleines bonapartistisches Komplott entdeckt zu haben.«

»Ist’s möglich?« rief die Marquise.

»Hier ist die Anzeige.«

Und Villefort las:

»Der Herr Königliche Staatsanwalt wird von einem Freunde des Thrones und der Religion darauf aufmerksam gemacht, daß ein gewisser Edmond Dantès, Erster Offizier des Schiffes ›Pharao‹, welches, von Smyrna kommend, nach Berührung von Neapel und Porto Ferrajo heute morgen hier eingelaufen ist, von Murat einen Brief an den Usurpator und von dem Usurpator einen Brief an das bonapartistische Komitee in Paris erhalten hat.

Der Beweis seines Verbrechens wird sich bei seiner Verhaftung ergeben, denn man wird besagten Brief entweder bei ihm, in der Wohnung seines Vaters oder in seiner Kajüte an Bord des ›Pharao‹ finden.«

»Aber dieser Brief, der übrigens nur anonym ist«, sagte Renée, »ist doch an den Staatsanwalt und nicht an Sie gerichtet.«

»Ja, aber der Staatsanwalt ist abwesend; in seiner Abwesenheit ist das Schriftstück an seinen Sekretär gekommen, der Auftrag hatte, die Briefe zu öffnen; er hat also diesen geöffnet, nach mir geschickt und, da man mich nicht traf, den Befehl zur Verhaftung gegeben.«

»Also ist der Verbrecher verhaftet?« fragte die Marquise.

»Das heißt der Angeklagte«, warf Renée ein.

»Jawohl, gnädige Frau«, antwortete Villefort, »und, wie ich die Ehre hatte, eben zu Fräulein Renée zu sagen, wenn man den fraglichen Brief findet, so ist der Kranke sehr krank.«

»Und wo ist der Unglückliche?« fragte Renée.

»Er ist in meiner Wohnung.«

»Gehen Sie, mein Freund«, sagte der Marquis, »lassen Sie sich von ihrer Pflicht nicht bei uns zurückhalten, wenn der Dienst des Königs Sie anderswo hinruft.«

»O Herr von Villefort«, bat Renée, die Hände faltend, »seien Sie nachsichtig; es ist Ihr Verlobungstag!«

Villefort ging um den Tisch herum und sagte, sich auf die Lehne des Stuhles stützend, auf dem das Mädchen saß:

»Um Ihnen Kummer zu ersparen, werde ich tun, was ich kann, teure Renée; aber wenn die Beweise stimmen, wenn die Beschuldigung wahr ist, muß dieses bonapartistische Unkraut ausgerottet werden.«

Renée zitterte bei dem Wort; denn das Unkraut, welches ausgerottet werden sollte, war ein Mensch.

»Pah«, sagte die Marquise, »hören Sie doch nicht auf dieses kleine Mädchen, Villefort; sie wird sich daran gewöhnen.« Und die Marquise hielt Villefort eine trockene Hand hin, die er küßte, wobei seine Augen zu Renée sagten: Ihre Hand küsse ich oder möchte ich wenigstens in diesem Augenblicke küssen!

»Traurige Vorzeichen!« sagte Renée leise.

»Wahrhaftig, Renée«, meinte die Marquise, »du bist entsetzlich kindisch; ich bitte dich, was kann das Schicksal des Staates mit deiner Gefühlsphantasterei und Sentimentalität zu tun haben?«

»O Mutter!« flüsterte das junge Mädchen.

»Gnade für die schlechte Royalistin, Frau Marquise«, sagte Villefort; »ich verspreche Ihnen, meine Pflicht als Staatsanwalt gewissenhaft zu erfüllen, das heißt, furchtbar streng zu sein.«

Zu gleicher Zeit aber warf er verstohlen einen Blick auf seine Braut, und dieser Blick sagte: Seien Sie ruhig, Renée, um Ihrer Liebe willen werde ich nachsichtig sein!

Renée beantwortete diesen Blick mit ihrem holdesten Lächeln, und Villefort ging mit einem Herzen voller Freude.

Das Verhör

Kaum war Villefort außerhalb des Speisesaales, so legte er seine heitere Maske ab, um die Miene eines Mannes anzunehmen, der zu dem hohen Amt berufen ist, über Leben und Tod seiner Mitmenschen zu entscheiden. Aber trotz der Beweglichkeit seines Gesichtsausdrucks, die der Zweite Staatsanwalt, wie es sich für einen geschickten Schauspieler gehört, mehr als einmal vor seinem Spiegel geübt hatte, war es diesmal eine Arbeit für ihn, ein strenges und finsteres Gesicht zu machen; denn, abgesehen von der Erinnerung an die politische Stellung seines Vaters, die, wenn er sich nicht vollständig davon lossagte, seine Zukunft scheitern machen konnte, war Gérard von Villefort in diesem Augenblicke so glücklich, wie ein Mensch es sein kann: Von Haus aus vermögend, nahm er mit siebenundzwanzig Jahren eine hohe Beamtenstellung ein; er heiratete ein junges und schönes Mädchen, das er liebte – nicht leidenschaftlich, sondern mit Vernunft, wie ein Staatsanwalt lieben kann –, und diese Heirat war von dem größten Vorteil für ihn, denn Fräulein von Saint-Méran gehörte einer der besten Familien an, und abgesehen von dem Einflusse ihrer Eltern beim Hofe, der, da sie keine anderen Kinder hatten, ausschließlich für ihren Schwiegersohn verwendet werden konnte, brachte die Braut ihrem Gatten eine Mitgift von fünfzigtausend Talern mit, die sich dereinst noch um ein Erbteil von einer halben Million vermehren konnten.

An der Tür traf er den Polizeikommissar, der auf ihn wartete. Der Anblick dieses Mannes in Schwarz versetzte ihn sofort aus dem dritten Himmel wieder mitten auf unsere alltägliche Erde; er setzte ein ernstes Gesicht auf und sagte, an den Beamten der Justiz herantretend:

»Da bin ich, mein Herr; ich habe den Brief gelesen, und Sie haben gut daran getan, den Mann zu verhaften. Jetzt berichten Sie mir über ihn und die Verschwörung alles, was Sie in Erfahrung gebracht haben.«

»Über die Verschwörung, Herr von Villefort, wissen wir noch nichts; sämtliche bei dem Manne beschlagnahmten Papiere sind in ein Paket gepackt und versiegelt auf Ihren Schreibtisch gelegt worden. Was den Beschuldigten betrifft, so ist es, wie Sie aus dem Briefe ersehen haben, ein gewisser Edmond Dantès, Erster Offizier an Bord des Dreimasters ›Pharao‹, der Baumwolle aus Alexandria und Smyrna zu transportieren pflegt und dem Hause Morrel und Sohn in Marseille gehört.«

»Hatte er, ehe er in die Handelsmarine trat, in der Kriegsmarine gedient?«

»O nein, Herr von Villefort; es ist ein ganz junger Mann.«

»Wie alt?«

»Höchstens neunzehn bis zwanzig Jahre.«

Sie waren in diesem Augenblick an der Ecke der Rue des Conseils angekommen, wo ein Mann, der auf sie gewartet zu haben schien, an sie herantrat. Es war Herr Morrel.

»Ah, Herr von Villefort!« rief der Reeder. »Ich freue mich sehr, Sie zu treffen. Denken Sie sich, daß man das seltsamste und unerhörteste Versehen begangen hat: Der Erste Offizier meines Schiffes, Edmond Dantès, ist soeben verhaftet worden.«

»Ich weiß es, mein Herr«, antwortete Villefort, »und ich will ihn gerade verhören.«

»Oh, Herr von Villefort«, fuhr der Reeder fort, »Sie kennen den Beschuldigten nicht, ich aber kenne ihn. Er ist der ruhigste, rechtschaffenste Mensch auf der Welt, und ich möchte fast sagen, der Mann, der von der ganzen Handelsmarine sein Fach am besten versteht. Oh, Herr von Villefort, ich empfehle Ihnen den jungen Mann aufrichtig und von ganzem Herzen.«

Villefort gehörte, wie man hat sehen können, der adligen Partei der Stadt an und Morrel der Volkspartei; erstere war streng royalistisch, letztere stand im Verdachte des geheimen Bonapartismus. Villefort sah Morrel geringschätzig an und antwortete kühl:

»Sie wissen, mein Herr, daß man im Privatleben ruhig, rechtschaffen in seinen geschäftlichen Angelegenheiten, geschickt in seinem Fache und trotzdem ein großer Verbrecher sein kann, politisch gesprochen. Sie wissen es, nicht wahr, mein Herr?«

Der Beamte legte besonderen Nachdruck auf die letzten Worte, als ob er sie auf den Reeder selbst anwenden wollte, während sein forschender Blick bis in die Tiefe des Herzens dieses Mannes dringen zu wollen schien, der so kühn war, sich für einen andern zu verwenden, wo er wissen mußte, daß er selbst der Nachsicht bedurfte.

Morrel errötete, denn er fühlte in bezug auf politische Ansichten sein Gewissen nicht ganz rein, und zudem hatte die Mitteilung Dantès’ über seine Begegnung mit dem Großmarschall und die Worte, welche der Kaiser gesprochen hatte, ihn etwas beunruhigt. Trotzdem fügte er im Tone der wärmsten Teilnahme hinzu:

»Ich bitte Sie inständig, Herr von Villefort, seien Sie gerecht, wie Sie es sein müssen, gut, wie Sie es immer sind, und geben Sie uns schnell den armen Dantès wieder.«

Das »geben Sie uns« klang revolutionär an das Ohr des Zweiten Staatsanwalts.

Ei, ei! sagte er zu sich. Geben Sie uns … Sollte dieser Dantès irgendeinem Bunde der Carbonari angehören, weil sein Beschützer so unwillkürlich in der Mehrzahl spricht? Sagte nicht der Kommissar, daß er ihn in einem Wirtshause in einer zahlreichen Gesellschaft verhaftet habe? Es wird wohl eine Versammlung von Verschwörern gewesen sein.

Laut antwortete er dann:

»Mein Herr, Sie können vollständig ruhig sein und werden nicht umsonst an meine Gerechtigkeit appelliert haben, wenn der Verhaftete unschuldig ist; ist er dagegen schuldig – wir leben in einer bewegten Zeit, mein Herr, in der Straflosigkeit ein verhängnisvolles Beispiel wäre –, werde ich also gezwungen sein, meine Pflicht zu tun.«

Sie waren jetzt vor der Wohnung des Zweiten Staatsanwalts angekommen, die neben dem Justizpalast lag. Der Staatsanwalt trat majestätisch ein, nachdem er den unglücklichen Reeder mit eisiger Höflichkeit gegrüßt hatte. Herr Morrel blieb wie versteinert auf der Stelle stehen, wo Villefort ihn verlassen hatte.

Das Vorzimmer war voll von Gendarmen und Polizeibeamten, in deren Mitte, mit Blicken voll Haß bewacht, ruhig und unbeweglich der Gefangene stand.

Villefort durchschritt das Vorzimmer, warf einen Seitenblick auf Dantès, und nachdem er von einem Beamten ein Paket Papiere empfangen hatte, verschwand er, indem er befahl:

»Man führe den Gefangenen vor.«

So rasch der Blick gewesen war, so hatte er doch für Villefort genügt, um sich eine Vorstellung von dem Manne zu machen, den er verhören wollte. Er erkannte die Intelligenz in dieser breiten und freien Stirn, den Mut in diesen festen Augen und den zusammengezogenen Brauen und die Freimütigkeit in diesen vollen halbgeöffneten Lippen, welche eine doppelte Reihe elfenbeinweißer Zähne sehen ließen.

Der erste Eindruck war also ein für Dantès günstiger gewesen, aber Villefort wollte sich nicht durch den ersten Eindruck leiten lassen. Er legte vor dem Spiegel sein Gesicht für die großen Tage an und setzte sich finster und drohend an seinen Schreibtisch.

Einen Augenblick darauf trat Dantès ein.

Der junge Mann war noch immer bleich, aber er wirkte ruhig und lächelte. Er grüßte den Richter mit ungezwungener Höflichkeit und suchte dann mit den Augen einen Sitz, als ob er sich im Salon des Reeders befände.

Dann aber begegnete er dem glanzlosen Blick Villeforts, jenem den Richtern eigentümlichen Blick, der nicht verraten soll, welche Gedanken dahinter liegen, und er erkannte, daß er vor dem finsteren Bilde der Justiz stand.

»Wer sind Sie und wie heißen Sie?« fragte Villefort, indem er in den Papieren blätterte, die ihm der Beamte übergeben hatte. »Ich heiße Edmond Dantès«, antwortete der junge Mann mit ruhiger und klangvoller Stimme, »und bin Erster Offizier an Bord des Schiffes ›Pharao‹, das den Herren Morrel und Sohn gehört.«

»Ihr Alter?«

»Neunzehn Jahre«, antwortete Dantès.

»Was machten Sie in dem Augenblick, als Sie verhaftet wurden?«

»Ich feierte meine Verlobung«, antwortete Dantès mit leicht bewegter Stimme.

»Sie feierten Ihre Verlobung?« wiederholte der Staatsanwalt, unwillkürlich zusammenzuckend.

»Jawohl, mein Herr, ich bin im Begriff, ein Mädchen zu heiraten, welches ich seit drei Jahren liebe.«

So wenig gefühlvoll Villefort auch gewöhnlich war, so wurde er doch von diesem Zusammentreffen erschüttert, und die bewegte Stimme Dantès’, der mitten in seinem Glück überrascht worden war, regte eine sympathische Saite in seiner Seele an: auch er verheiratete sich, auch er war glücklich, und man hatte sein Glück gestört, damit er die Freude eines Mannes zerstöre, der, wie er, schon an der Pforte des Glückes stand.

Die philosophische Erörterung dieses merkwürdigen Zusammentreffens, dachte er, wird bei meiner Rückkehr in den Salon des Herrn von Saint-Méran großen Effekt machen. Und er legte sich schon, während Dantès weitere Fragen erwartete, die Rede zurecht, die er halten wollte.

Als er damit fertig war, lächelte er über ihre Wirkung und wandte sich wieder zu Dantès.

»Fahren Sie fort, mein Herr«, sagte er.

»Womit soll ich fortfahren?«

»Die Justiz aufzuklären.«

»Möge die Justiz mir sagen, über welchen Punkt sie aufgeklärt sein will, so werde ich ihr sagen, was ich weiß; nur«, fügte er seinerseits mit einem Lächeln hinzu, »mache ich Sie im voraus darauf aufmerksam, daß ich nicht viel weiß.«

»Haben Sie unter dem Usurpator gedient?«

»Ich sollte gerade in die Kriegsmarine eingestellt werden, als er fiel.«

»Sie sollen übertriebene politische Ansichten haben«, sagte Villefort, obgleich ihm nichts dergleichen gesagt war.

»Ich, politische Ansichten, mein Herr? Oh, ich schäme mich fast, es zu sagen, aber ich habe nie gehabt, was man eine Ansicht nennt. Ich bin kaum neunzehn Jahre alt, weiß nichts, bin nicht bestimmt, irgendeine Rolle zu spielen; das wenige, was ich bin und sein werde, wenn man mir den Platz, den mein Ehrgeiz erstrebt, bewilligt, werde ich Herrn Morrel zu verdanken haben. Mich bewegen nur drei Gefühle: ich liebe meinen Vater, achte Herrn Morrel und bete meine Braut an. Das ist alles, was ich der Justiz sagen kann; Sie sehen, daß es nicht sehr interessant für sie ist.«

Während Dantès sprach, betrachtete Villefort sein ruhiges und offenes Gesicht, und die Worte Renées, die, ohne den Angeschuldigten zu kennen, ihn um Nachsicht für denselben gebeten hatte, fielen ihm wieder ein. Der Staatsanwalt war genügend mit Verbrechern vertraut, um nicht aus jedem Worte Dantès’ dessen Unschuld herauszuhören.

Wahrhaftig, sagte sich Villefort, das ist ein netter Kerl! Es wird mir nicht schwer werden, Renées ersten Wunsch zu erfüllen. Das wird mir einen freundlichen Empfang bei ihr sichern!

Und bei dieser süßen Hoffnung klärte sich das Gesicht Villeforts auf.

»Sind Sie sich bewußt, Feinde zu haben?« fragte er Dantès, der jede Bewegung seines Gesichts beobachtet hatte.

»Ich Feinde?« sagte Dantès. »Ich habe das Glück, zu wenig zu sein, als daß meine Stellung mir welche gemacht hätte. Ich bin vielleicht ein wenig aufbrausend, aber ich habe mich stets bemüht, meinen Untergebenen freundlich entgegenzukommen. Ich habe zehn oder zwölf Matrosen unter meinem Befehle, man frage sie, und sie werden sagen, daß sie mich lieben und respektieren, nicht wie einen Vater, dazu bin ich zu jung, sondern wie einen älteren Bruder.«

»Aber vielleicht haben Sie Neider. Sie sollen mit neunzehn Jahren Kapitän werden, was ein hoher Posten in Ihrem Stande ist, Sie wollen ein hübsches Mädchen heiraten, welches Sie liebt, was in allen Ständen ein seltenes Glück ist; diese beiden Vorzüge, die Ihnen das Schicksal gewährt, haben Ihnen Neider schaffen können.«

»Ja, Sie haben recht. Sie müssen die Menschen besser kennen als ich, und es ist möglich, aber wenn diese Neider unter meinen Freunden sein sollten, so will ich, das gestehe ich Ihnen, sie lieber nicht kennenlernen, um sie nicht hassen zu müssen.«

»Sie haben unrecht. Man muß immer soviel wie möglich klar um sich sehen, und Sie scheinen mir wirklich ein anständiger junger Mann zu sein, so daß ich bei Ihnen von den gewöhnlichen Regeln der Justiz abweichen und Ihnen helfen will, Licht in die Sache zu bringen, indem ich Ihnen die Anzeige mitteile, die Sie vor mich gebracht hat. Hier ist sie; kennen Sie die Handschrift?«

Und Villefort zog den Brief aus der Tasche und hielt ihn Dantès hin. Dantès las; seine Stirn wurde finster, und er sagte:

»Nein, mein Herr, diese Schrift kenne ich nicht, sie ist verstellt. Auf alle Fälle ist es eine geschickte Hand, die es geschrieben hat. Ich bin sehr glücklich«, fügte er hinzu, indem er Villefort dankbar ansah, »es mit einem Manne wie Sie zu tun zu haben, denn mein Neider ist in der Tat ein wirklicher Feind.«

Und aus dem Blitz, welcher in den Augen des jungen Mannes aufleuchtete, konnte Villefort die ganze unter der Ruhe verborgene Tatkraft erkennen.

»Und jetzt«, sagte der Staatsanwalt, »antworten Sie mir freimütig, nicht wie ein Angeklagter seinem Richter, sondern wie ein Mann, der sich in einer schwierigen Lage befindet, einem andern antwortet, der sich für ihn interessiert: Was ist an dieser anonymen Beschuldigung Wahres?«

Und Villefort warf voll Ekel den Brief, den ihm Dantès zurückgegeben hatte, auf den Schreibtisch.

»Alles und nichts, mein Herr, und was ich Ihnen sagen werde, ist die reine Wahrheit, bei meiner Seemannsehre, bei meiner Liebe zu Mercedes, bei dem Leben meines Vaters.«

»Sprechen Sie«, sagte Villefort laut, und für sich fügte er hinzu: Wenn Renée mich sehen könnte, würde sie hoffentlich mit mir zufrieden sein und mich nicht mehr einen Kopfabschneider nennen!

»Nun wohl, als wir Neapel verließen, wurde der Kapitän Leclère von einem Nervenfieber befallen; da wir keinen Arzt an Bord hatten und er an keinem Punkte der Küste anlegen wollte, da ihm daran lag, so schnell wie möglich nach der Insel Elba zu kommen, so verschlimmerte sich seine Krankheit immer mehr. Gegen Ende des dritten Tages, als er den Tod nahen fühlte, rief er mich zu sich.

›Mein lieber Dantès‹, sagte er zu mir, ›schwören Sie mir bei Ihrer Ehre, daß Sie tun wollen, was ich Ihnen sagen werde; es handelt sich um die höchsten Interessen.‹

›Ich schwöre es Ihnen, Kapitän‹, antwortete ich.

›Gut denn; nach meinem Tode fällt das Kommando des Schiffes Ihnen als Erstem Offizier zu; fahren Sie nach der Insel Elba und steigen Sie im Hafen von Porto Ferrajo an Land, fragen Sie nach dem Großmarschall und übergeben Sie diesen Brief. Vielleicht wird man Ihnen einen anderen Brief übergeben und Sie mit einer Mission betrauen. Diese Mission, die mir vorbehalten war, werden Sie an meiner Stelle ausführen, Dantès, und alle Ehre wird für Sie sein.‹

›Ich werde es tun, Kapitän, aber vielleicht kommt man nicht so leicht, wie Sie denken, zu dem Großmarschall.‹

›Hier ist ein Ring, den Sie ihm zustellen lassen werden und der alle Schwierigkeiten beseitigen wird.‹

Und dabei übergab er mir einen Ring. Es war Zeit; zwei Stunden darauf packte ihn das Delirium, und am folgenden Tage war er tot.«

»Und was taten Sie darauf?« fragte Villefort.

»Was ich tun mußte, was jeder andere an meiner Stelle getan hätte; die Bitten eines Sterbenden sind unter allen Umständen heilig, aber bei uns Seeleuten sind die Bitten eines Vorgesetzten Befehle, die man erfüllen muß. Ich segelte also nach der Insel Elba, wo ich am folgenden Tage ankam; ich hieß alle Mann an Bord bleiben und stieg allein an Land. Wie ich vorhergesehen hatte, machte man mir Schwierigkeiten, mich zu dem Großmarschall zu führen; ich schickte ihm aber den Ring, der mir als Erkennungszeichen dienen sollte, und alle Türen öffneten sich vor mir. Er empfing mich, befragte mich nach den näheren Umständen des Todes des unglücklichen Leclère und, wie dieser vermutet hatte, übergab er mir einen Brief, den er mich beauftragte, persönlich nach Paris zu bringen. Ich versprach es ihm, denn damit erfüllte ich den letzten Willen meines Kapitäns. Ich landete, ordnete schnell alle Angelegenheiten an Bord und eilte dann zu meiner Braut. Dank Herrn Morrel wurden die kirchlichen Formalitäten rasch erledigt; das Verlobungsmahl fand statt; in einer Stunde wollte ich mich verheiraten und gedachte morgen nach Paris zu reisen, als ich auf diese Anzeige hin, die Sie jetzt ebensosehr wie ich zu verachten scheinen, verhaftet wurde.«

»Ja, ja«, sagte Villefort, »alles dies scheint mir die Wahrheit zu sein, und wenn Sie schuldig sind, so sind Sie nur der Unklugheit schuldig, die ja noch durch die Befehle Ihres Kapitäns gerechtfertigt wird. Geben Sie mir den Brief, den man Ihnen auf der Insel Elba anvertraut hat, geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie sich auf die erste Vorladung stellen werden, und kehren Sie zu Ihren Freunden zurück.«

»Also bin ich frei, mein Herr!« rief Dantès in höchster Freude.

»Ja, nur geben Sie mir diesen Brief.«

»Er muß da vor Ihnen sein, denn man hat ihn mir mit meinen anderen Papieren abgenommen, und ich erkenne einige davon in diesem Paket.«

»Warten Sie«, sagte der Staatsanwalt zu Dantès, welcher seinen Hut und seine Handschuhe nahm, »warten Sie. An wen ist er denn adressiert?«

»An Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron zu Paris.«

Villefort war wie vom Blitz getroffen; er sank in seinen Fauteuil zurück, aus dem er gleich darauf hochfuhr, schnell in den bei Dantès mit Beschlag belegten Papieren blätterte und den verhängnisvollen Brief hervorzog, auf welchen er einen Blick voll unaussprechlichen Entsetzens warf.

»Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron Nummer 13«, murmelte er, mehr und mehr erbleichend.

»Ja, mein Herr«, antwortete Dantès erstaunt, »kennen Sie ihn?«

»Nein«, erwiderte Villefort lebhaft, »ein treuer Diener des Königs kennt die Verschwörer nicht.«

»Es handelt sich also um eine Verschwörung?« fragte Dantès, den, nachdem er sich frei gewähnt hatte, ein größerer Schrecken als zuerst zu ergreifen begann. »Auf alle Fälle, mein Herr, war ich, wie ich Ihnen gesagt habe, in vollständiger Unkenntnis über den Inhalt der Botschaft, deren Träger ich war.«

»Ja«, sagte Villefort mit dumpfer Stimme; »aber Sie kennen den Namen desjenigen, an den der Brief adressiert ist.«

»Um ihm den Brief zu eigenen Händen zu übergeben, mußte ich den Namen doch wissen.«

»Und Sie haben diesen Brief niemandem gezeigt?« fragte Villefort, indem er das Schreiben las und immer bleicher wurde.

»Niemandem, mein Herr, auf Ehre!«

»Kein Mensch weiß, daß Sie der Überbringer eines von der Insel Elba kommenden und an Herrn Noirtier adressierten Briefes sind?«

»Kein Mensch, außer demjenigen, der ihn mir übergeben hat.«

»Das ist zuviel, das ist schon zuviel!« murmelte Villefort.

Die Stirn Villeforts verfinsterte sich immer mehr, je weiter er las; seine weißen Lippen, seine zitternden Hände, seine brennenden Augen erweckten in der Seele Dantès’ die schmerzlichsten Befürchtungen.

Nachdem er den Brief durchgelesen hatte, ließ Villefort den Kopf in die Hände sinken und blieb einen Augenblick wie niedergeschmettert sitzen.

»Mein Gott! Was ist denn?« fragte Dantès scheu.

Villefort antwortete nicht; aber nach einigen Augenblicken richtete er sein bleiches und entstelltes Gesicht auf und las den Brief zum zweitenmal.

»Und Sie sagen, Sie wissen nicht, was dieser Brief enthält?« fragte er wieder.

»Auf Ehre, ich weiß es nicht«, antwortete Dantès. »Aber was haben Sie denn, mein Gott! Sie werden ohnmächtig. Soll ich klingeln, soll ich jemand rufen?«

»Nein«, sagte Villefort, sich lebhaft erhebend, »rühren Sie sich nicht von der Stelle, sagen Sie kein Wort; an mir ist es, hier Befehle zu geben, und nicht an Ihnen.«

»Mein Herr«, entgegnete Dantès verletzt, »ich wollte Ihnen nur zu Hilfe kommen.«

»Ich brauche nichts; eine vorübergehende Unpäßlichkeit, nichts weiter; beschäftigen Sie sich mit sich und nicht mit mir, antworten Sie.«

Dantès erwartete das Verhör, das diese Aufforderung ankündigte, aber vergeblich. Villefort sank wieder in seinen Sessel, fuhr mit einer eisigen Hand über seine schweißbedeckte Stirn und begann zum dritten Male den Brief zu lesen.

Oh, wenn er weiß, was dieser Brief enthält, und wenn er je erfährt, daß Noirtier der Vater Villeforts ist, sagte er zu sich, so bin ich verloren, auf ewig verloren!

Und von Zeit zu Zeit betrachtete er Edmond, als ob sein Blick jene unsichtbare Scheidewand, welche die Geheimnisse, die der Mund bewahrt, im Herzen verschließt, hätte durchdringen können.

»Oh, es ist alles klar!« fuhr er plötzlich auf.

»Aber um Gottes willen, mein Herr!« rief der unglückliche junge Mann. »Wenn Sie an mir zweifeln, wenn Sie mich beargwöhnen, so fragen Sie mich; ich bin bereit, Ihnen zu antworten.«

Villefort nahm sich gewaltsam zusammen und sagte in einem Tone, der sicher klingen sollte:

»Mein Herr, aus Ihrem Verhör ergeben sich die schwersten Beweise gegen Sie; es steht nicht mehr bei mir, Ihnen, wie ich zuerst gehofft hatte, sofort die Freiheit wiederzugeben; ich muß, ehe ich eine solche Maßregel ergreifen kann, erst mit dem Untersuchungsrichter Rücksprache nehmen. Inzwischen haben Sie gesehen, in welcher Weise ich mit Ihnen verfahren bin.«

»O ja, mein Herr«, antwortete Dantès, »und ich danke Ihnen, denn Sie haben mich mehr als Freund denn als Richter behandelt.«

»Nun denn, ich werde Sie noch einige Zeit als Gefangenen behalten, so kurze Zeit wie irgend möglich; der Hauptbeweis, der gegen Sie vorhanden ist, ist dieser Brief, und Sie sehen …«

Villefort trat an den Kamin, warf den Brief ins Feuer und blieb stehen, bis er in Asche verwandelt war.

»Und Sie sehen«, fuhr er fort, »ich vernichte ihn.«

»Oh«, rief Dantès, »Sie sind mehr als die Gerechtigkeit, Sie sind die Güte selbst!«

»Aber hören Sie«, fuhr Villefort fort, »nach einer solchen Handlungsweise erkennen Sie wohl, daß Sie zu mir Vertrauen haben können, nicht wahr?«

»O mein Herr, befehlen Sie, und ich werde Ihren Befehlen folgen.«

»Nein«, sagte Villefort, an den jungen Mann herantretend, »es sind keine Befehle, die ich Ihnen geben will; Sie begreifen, es sind Ratschläge.«

»Sprechen Sie, mein Herr, und ich werde ihnen wie Befehlen folgen.«

»Ich werde Sie bis zum Abend hier im Justizpalast behalten; vielleicht kommt ein anderer, um Sie zu verhören; sagen Sie alles, was Sie mir gesagt haben, aber kein Wort von diesem Briefe.«

»Ich verspreche es Ihnen, mein Herr.«

Es schien, als ob Villefort der Bittende und der Angeklagte der Richter wäre.

»Sie verstehen«, sagte er, einen Blick auf die Asche werfend, welche noch die Form des Papiers bewahrt hatte, »jetzt ist dieser Brief vernichtet. Sie und ich allein wissen, daß er existiert hat; leugnen Sie ihn also ab, wenn man ihn erwähnt, verleugnen Sie ihn dreist, und Sie werden gerettet sein.«

»Ich werde leugnen, seien Sie ruhig, mein Herr«, antwortete Dantès.

»Gut«, sagte Villefort und griff nach dem Glockenzug, aber plötzlich hielt er inne und fragte:

»Es war der einzige Brief, den Sie hatten?«

»Der einzige.«

»Schwören Sie es.«

Dantès erhob die Hand.

»Ich schwöre es«, sagte er.

Villefort schellte.

Der Polizeikommissar trat ein.

Villefort trat an den Beamten heran und sagte ihm einige Worte ins Ohr; der Kommissar antwortete nur mit einem Kopfnicken.

»Folgen Sie dem Herrn«, sagte Villefort zu Dantès.

Dantès verneigte sich, warf Villefort einen dankbaren Blick zu und ging. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, so verließen Villefort die Kräfte, und er sank fast ohnmächtig in einen Fauteuil.

Nach einem Augenblick murmelte er dann:

»O mein Gott, woran hängt Leben und Glück …! Wäre der Staatsanwalt in Marseille gewesen, wäre der Untersuchungsrichter statt meiner gerufen worden, ich wäre verloren, dieses verwünschte Papier stürzte mich in den Abgrund. O Vater, Vater, wirst du denn immer meinem Glück in dieser Welt ein Hindernis sein und muß ich ewig mit deiner Vergangenheit kämpfen?«

Plötzlich schien ein unerwarteter Einfall ihm durch die Seele zu gehen. Sein Gesicht hellte sich auf, ein Lächeln spielte um seinen krampfhaft verzogenen Mund, seine verstörten Augen schienen sich auf einen Gedanken zu richten.

»Das ist’s«, sagte er, »dieser Brief, der mich verderben konnte, wird vielleicht mein Glück machen. Auf, Villefort, ans Werk!«

Und nachdem er sich vergewissert hatte, daß der Angeschuldigte nicht mehr im Vorzimmer war, verließ er die Wohnung und schlug raschen Schritts den Weg nach dem Hause seiner Braut ein.

Das Château d’If

Beim Durchschreiten des Vorzimmers gab der Polizeikommissar zwei Gendarmen ein Zeichen, worauf diese Dantès in ihre Mitte nahmen; eine Tür, welche die Wohnung des Staatsanwalts mit dem Justizpalaste verband, öffnete sich, und eine Zeitlang ging es einen jener großen finsteren Korridore entlang, welche diejenigen, die sie durchschreiten, erschauern machen, selbst wenn sie keinen Grund zu zittern haben.

Wie die Wohnung Villeforts mit dem Justizpalaste in Verbindung stand, so stand dieser wieder mit dem Gefängnisse in Verbindung.

Nach vielen Wendungen in dem Korridore, dem sie folgten, sah Dantès eine Tür mit einem eisernen Schieber sich öffnen; der Kommissar tat mit einem eisernen Klopfer drei Schläge, die in Dantès widerhallten, als ob sie gegen sein Herz geschlagen würden; die Tür öffnete sich, und die beiden Gendarmen schoben ihren Gefangenen, der noch zögerte, leicht vorwärts. Dantès überschritt die furchtbare Schwelle, und die Tür schloß sich geräuschvoll hinter ihm. Er atmete eine andere Luft, eine übelriechende schwere Luft. Er war im Gefängnis.

Man führte ihn in ein vergittertes und verriegeltes, aber ziemlich reinliches Zimmer; der Anblick seiner Wohnung flößte ihm deshalb keine zu große Furcht ein, zudem klangen ihm die Worte des Staatsanwalts, in deren Tone Dantès so große Teilnahme zu erkennen geglaubt hatte, wie ein süßes Versprechen der Hoffnung im Ohre nach.

Es war vier Uhr, als Dantès in sein Zimmer geführt wurde. Es war der erste März, und bald brach die Dunkelheit herein. In dem Maße, wie der Gesichtssinn ihm versagte, verschärfte sich bei ihm das Gehör; bei dem geringsten Geräusche, das zu ihm drang, erhob er sich lebhaft und tat einen Schritt gegen die Tür, überzeugt, daß man käme, um ihn in Freiheit zu setzen; aber das Geräusch entfernte sich bald wieder und erstarb in einer anderen Richtung, und Dantès sank auf seinen Schemel zurück.

Endlich gegen zehn Uhr abends, als Dantès schon die Hoffnung aufzugeben begann, ließ sich wieder ein Geräusch vernehmen, welches sich diesmal seinem Zimmer zu nähern schien. In der Tat ertönten Schritte im Korridor und machten vor seiner Tür halt; ein Schlüssel drehte sich im Schloß, die Riegel kreischten, und die massive Eichentür öffnete sich und ließ plötzlich das blendende Licht zweier Fackeln in das finstere Zimmer fallen. Bei dem Licht dieser Fackeln sah Dantès die Säbel und Karabiner von vier Gendarmen blitzen.

Er war zwei Schritte vorgetreten, blieb aber unbeweglich auf der Stelle stehen, als er diese verstärkte Bewachung erblickte.

»Kommen Sie, um mich zu holen?« fragte Dantès.

»Jawohl«, antwortete einer der Gendarmen.

»Von seiten des Herrn Zweiten Staatsanwalts?«

»Ich glaube.«

»Gut«, sagte Dantès, »ich bin bereit, Ihnen zu folgen.«

Die Überzeugung, daß man ihn auf Anordnung des Herrn von Villefort holte, benahm dem unglücklichen jungen Mann jede Furcht; er trat also ruhigen Gemüts und freien Schrittes vor und stellte sich von selbst in die Mitte seiner Begleiter. Ein Wagen hielt auf der Straße vor der Tür; auf dem Bock saß der Kutscher und neben ihm ein Gefreiter.

»Ist denn der Wagen für mich da?« fragte Dantès.

»Für Sie«, antwortete einer der Gendarmen, »steigen Sie ein.« Dantès wollte einige Einwendungen machen, aber der Schlag öffnete sich, und er fühlte, daß man ihn vorwärtsschob; er hatte weder die Möglichkeit noch die Absicht, Widerstand zu leisten, und befand sich im nächsten Augenblicke auf dem Rücksitz des Wagens zwischen zwei Gendarmen; die beiden andern nahmen auf dem Vordersitze Platz, und der schwere Wagen setzte sich mit unheimlichem Geräusch in Bewegung.

Der Gefangene spähte durch die Öffnungen; sie waren vergittert; er hatte nur das Gefängnis gewechselt; nur daß dieses sich bewegte und ihn einem unbekannten Ziel zuführte. Durch die Gitterstäbe, die so dicht nebeneinander angebracht waren, daß man kaum die Hand durchstecken konnte, erkannte er indessen, daß sie nach Durchquerung einiger Straßen schließlich den Kai hinunterfuhren.

Bald sah er durch die Gitterstäbe die Lichter der Hafenwachen glänzen.

Der Wagen hielt, der Gefreite stieg ab und ging nach der Wache; ein Dutzend Soldaten traten heraus und stellten sich, eine Gasse bildend, auf. Dantès sah im Lichte der Kailaternen ihre Gewehre blitzen.

Sollten alle diese Soldaten meinetwegen aufgeboten sein? fragte er sich.

Der Gefreite schloß die Tür des Wagens auf, die beiden Gendarmen vom Vordersitze stiegen zuerst aus, dann ließ man Dantès aussteigen, und darauf folgten die, welche an seiner Seite gesessen hatten. Man marschierte auf ein Boot zu, das ein Matrose des Zollamts an einer Kette am Kai hielt. Die Soldaten sahen Dantès mit dem Ausdruck blöder Neugier vorbeigehen. In einem Augenblicke saß er im hinteren Teile des Fahrzeugs, wieder zwischen den vier Gendarmen, während der Gefreite im vorderen Teile blieb. Ein heftiger Stoß entfernte das Boot vom Ufer, vier Ruderer brachten es schnell vorwärts. Auf einen Ruf vom Boote aus sank die Kette, welche den Hafen verschloß, und Dantès befand sich außerhalb des Hafens.

Die erste Empfindung des Gefangenen, als er sich im Freien befunden, war Freude gewesen. Freie Luft ist fast so viel wie Freiheit; er atmete sie mit vollen Zügen. Bald jedoch stieß er einen Seufzer aus; er kam an jener »Réserve« vorbei, wo er noch an demselben Morgen so glücklich gewesen war, und durch zwei geöffnete erleuchtete Fenster drang das lustige Geräusch eines Balles bis zu ihm.

Dantès faltete die Hände, hob die Augen zum Himmel und betete.

Das Boot setzte seinen Weg fort; es hatte die Tête du Maure passiert, befand sich nun in Höhe der Anse du Pharo und war im Begriff, die Batterie zu passieren. Dies war ein für Dantès unverständliches Manöver.

»Aber wohin führen Sie mich denn?« fragte er einen der Gendarmen.

»Das werden Sie sogleich erfahren.«

»Aber …«

»Es ist uns verboten, Ihnen irgendwelche Erklärung zu geben«, sagte der Mann.

Dantès war halb Soldat; Untergebene, denen es verboten ist zu antworten, zu fragen, schien ihm absurd, und er schwieg. Die sonderbarsten Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Da man in einem solchen Boote keine lange Reise machen konnte und in dem Teile der Bucht, in der sich das Boot befand, kein Schiff vor Anker lag, so dachte er, daß man ihn an einem entlegenen Punkte der Küste absetzen und ihm sagen würde, daß er frei sei. Er war nicht gefesselt; das erschien ihm von guter Vorbedeutung. Und hatte ihm der Staatsanwalt, der so gut gegen ihn gewesen war, nicht gesagt, daß er nichts zu fürchten habe, wenn er nur nicht den verhängnisvollen Namen Noirtier ausspräche? Hatte Villefort nicht vor seinen Augen den gefährlichen Brief, den einzigen Beweis, den es gegen ihn gab, vernichtet?

Er wartete also ab, stumm und nachdenkend, und versuchte mit dem an die Dunkelheit gewöhnten Auge des Seemanns die Nacht zu durchdringen.

Man hatte die Insel Ratonneau mit ihrem Leuchtturm rechts liegen lassen und war, längs der Küste hinfahrend, auf der Höhe der Katalonierbucht angelangt. Die Augen des Gefangenen spähten mit verdoppelter Anstrengung: dort war Mercedes, und es war ihm, als ob er jeden Augenblick auf dem finsteren Ufer die unbestimmte Form einer weiblichen Gestalt sich abzeichnen sähe.

Sagte denn Mercedes nicht eine Ahnung, daß ihr Geliebter dreihundert Schritt von ihr vorbeifuhr?

Ein einziges Licht leuchtete im Katalonierdorf. Dantès konnte erkennen, daß das Licht aus dem Zimmer seiner Braut kam. Mercedes war die einzige, welche in der ganzen Kolonie wachte. Wenn er laut rief, konnte er von seiner Braut gehört werden.

Eine falsche Scham hielt ihn zurück. Was würden diese Männer sagen, wenn sie ihn wie einen Besessenen schreien hörten? Er blieb also stumm und hielt die Augen auf das Licht geheftet. Unterdessen setzte das Boot seinen Weg fort.

Das Licht verschwand hinter einer Anhöhe. Dantès wandte sich um und gewahrte, daß das Boot in die offene See steuerte. Während er in seine Gedanken versunken nach dem Lichte gesehen hatte, hatte man die Segel gehißt, und das Boot wurde jetzt vom Winde getrieben.

Obwohl es Dantès widerstrebte, neue Fragen an den Gendarmen zu richten, näherte er sich ihm und sagte, seine Hand ergreifend:

»Kamerad, bei Ihrem Gewissen und Ihrer Soldatenehre beschwöre ich Sie, haben Sie Mitleid mit mir und antworten Sie mir. Ich bin der Kapitän Dantès, ein guter und loyaler Franzose, obgleich man mich ich weiß nicht welchen Verrats beschuldigt. Wohin führen Sie mich? Sagen Sie es, und auf Seemannswort, ich werde mich in mein Schicksal ergeben.«

Der Gendarm kratzte sich hinterm Ohr und sah seinen Kameraden an. Dieser machte eine Bewegung, die ungefähr so viel sagte wie: Mir scheint, daß jetzt nichts Schlimmes mehr dabei ist. Der Gendarm wandte sich an Dantès.

»Sie sind Marseiller und Seemann«, sagte er, »und fragen mich, wohin wir fahren?«

»Ja, denn ich weiß es auf Ehre nicht.«

»Ahnen Sie es nicht?«

»Nicht im geringsten.«

»Das ist nicht möglich.«

»Ich schwöre es Ihnen bei dem Heiligsten, was ich auf der Welt habe. Antworten Sie mir doch!«

»Unsere Weisung …«

»Die Weisung verbietet Ihnen nicht, mir mitzuteilen, was ich in zehn Minuten oder einer halben Stunde doch erfahren werde. Nur ersparen Sie mir bis dahin eine Ewigkeit der Ungewißheit. Ich bitte Sie darum, als ob Sie mein Freund wären; sehen Sie, ich will mich weder sträuben noch fliehen, was ich übrigens gar nicht kann. Wohin fahren wir?«

»Falls Sie nicht eine Binde vor den Augen haben, müßten Sie doch erraten, wohin wir fahren.«

»Nein.«

»Dann sehen Sie sich um.«

Dantès erhob sich, blickte nach dem Punkte, auf den das Boot zufuhr, und sah zweihundert Meter vor sich den schwarzen schroffen Felsen aufsteigen, auf welchem sich, wie mit dem Gestein verwachsen, das finstere Château d’If erhebt.

Der unvermutete Anblick dieses grauenvollen Gefängnisses, das seit dreihundert Jahren Marseille mit seinen Schrecken erfüllte, wirkte auf Dantès wie das Schafott auf den Verurteilten.

»O mein Gott!« rief er. »Das Château d’If! Was soll ich dort? Weshalb fahren wir dorthin?«

Der Gendarm lächelte.

»Aber man bringt mich doch nicht dahin, um mich einzusperren?« fuhr Dantès fort. »Das Château d’If ist ein Staatsgefängnis, nur zur Aufnahme großer politischer Verbrecher bestimmt. Ich habe nicht das geringste begangen. Sind denn auf dem Château d’If Untersuchungsrichter oder sonstige Behörden?«

»Es gibt dort, glaube ich«, antwortete der Gendarm, »nur einen Gouverneur, Wärter, Soldaten und feste Mauern. Na, na, lieber Freund, tun Sie doch nicht so erstaunt, ich glaube beinahe, daß Sie sich für meine Gefälligkeit über mich lustig machen.«

Dantès drückte die Hand des Gendarmen, als ob er sie zerbrechen wollte.

»Sie meinen also, daß man mich nach dem Château d’If bringt, um mich dort einzukerkern?«

»Das ist wahrscheinlich«, antwortete der Gendarm; »aber auf alle Fälle, Kamerad, brauchen Sie mir die Hand nicht zu zerquetschen.«

»Ohne weitere Untersuchung? Ohne weitere Formalität?« fragte der junge Mann.

»Die Formalitäten sind erfüllt, die Untersuchung hat stattgefunden.«

»Also trotz des Versprechens des Herrn von Villefort?«

»Ich weiß nicht, ob Herr von Villefort Ihnen ein Versprechen gemacht hat«, erwiderte der Gendarm, »aber was ich weiß, ist, daß wir nach dem Château d’If fahren! Nanu! Was machen Sie denn? Holla, Kamerad, zu Hilfe!«

Mit einer blitzartigen Bewegung, die jedoch das geübte Auge des Gendarmen zur rechten Zeit wahrgenommen, hatte Dantès sich ins Meer stürzen wollen; aber vier kräftige Fäuste hielten ihn in dem Augenblicke zurück, da seine Füße sich von den Planken des Bootes lösten.

Er fiel auf den Boden des Bootes zurück, indem er vor Wut heulte.

»Gut!« rief der Gendarm, ihm ein Knie auf die Brust setzend. »So halten Sie also Ihr Seemannswort! Traue einer den zahmen Redensarten! Jetzt aber, lieber Freund, eine einzige Bewegung, und ich jage Ihnen eine Kugel in den Kopf. Gegen meine erste Weisung habe ich verstoßen, ich stehe Ihnen aber dafür, daß ich gegen die zweite nicht verstoßen werde.«

Und er richtete seinen Karabiner gegen Dantès, der die Mündung der Waffe an seiner Schläfe fühlte.

Einen Augenblick hatte er den Gedanken, diese verbotene Bewegung zu machen und so gewaltsam das unerwartete Unglück, das über ihn hereingebrochen war, zu endigen. Aber eben, weil es so unerwartet war, sagte er sich, daß es nicht von Dauer sein könne; dann gedachte er auch der Versprechungen des Herrn von Villefort, und schließlich erschien ihm ein solcher Tod auf dem Boden eines Bootes, von der Hand eines Gendarmen, zu häßlich.

Er stieß erneut ein Wutgeheul aus und begann an seinen Händen zu nagen.

Fast in demselben Augenblick erschütterte ein heftiger Anprall das Boot. Einer der Schiffer sprang auf den Felsen, den das Fahrzeug berührt hatte; ein Tau wickelte sich knirschend von einer Rolle ab, und Dantès erkannte, daß man jetzt anlegte.

Seine Wächter, die ihn am Arm und Rockkragen hielten, zwangen ihn, sich zu erheben und ans Land zu steigen, und zogen ihn nach den Stufen, welche zu der Zitadelle hinaufführten, während der Gefreite mit aufgepflanztem Bajonett folgte.

Dantès leistete keinen Widerstand, der ohnehin vergeblich gewesen wäre; er war betäubt und taumelte wie ein Trunkener. Er sah wieder Soldaten, welche sich auf der steilen Böschung aufstellten, fühlte Stufen, die ihn nötigten, den Fuß zu heben, und bemerkte, daß er durch eine Tür ging, die sich hinter ihm schloß, aber alles dies mechanisch, wie durch einen Nebel, ohne etwas Bestimmtes zu unterscheiden.

Man machte einen Augenblick halt, währenddessen er seine Gedanken zu sammeln suchte. Er sah sich um: er befand sich in einem viereckigen, von hohen Mauern eingeschlossenen Hofe; man hörte den langsamen, regelmäßigen Schritt der Schildwachen, und jedesmal wenn sie in den Bereich des Lichtes kamen, das von zwei oder drei Stellen im Innern des Schlosses auf den Hof fiel, sah man ihre Gewehrläufe blitzen.

Man wartete dort etwa zehn Minuten. Da Dantès nicht zu entfliehen vermochte, hatten die Gendarmen ihn losgelassen. Man schien auf Befehle zu warten, und diese Befehle kamen.

»Wo ist der Gefangene?« fragte eine Stimme.

»Hier ist er«, antworteten die Gendarmen.

»Er soll mir folgen; ich werde ihn in sein neues Quartier führen.«

»Los!« riefen die Gendarmen, indem sie Dantès fortstießen.

Der Gefangene folgte seinem Führer, der ihn in einen fast unterirdischen Raum führte, dessen kahle und schwitzende Wände von Tränendunst getränkt schienen. Eine auf einen Schemel gestellte kleine Lampe, deren Docht in einem stinkenden Fette schwamm, warf ihren Schein auf die Wände dieses entsetzlichen Ortes und zeigte Dantès seinen Führer, einen der unteren Kerkermeister, schlecht gekleidet und von gemeinem Gesichtsausdruck.

»Hier ist Ihr Zimmer für diese Nacht«, sagte der Mann; »es ist spät, und der Herr Gouverneur ist schon zu Bett. Morgen, wenn er aufgestanden ist und von den Sie betreffenden Anweisungen Kenntnis genommen hat, werden Sie vielleicht umquartiert. Inzwischen haben Sie hier Brot, in dem Kruge dort ist Wasser und in jenem Winkel Stroh: das ist alles, was ein Gefangener wünschen kann. Gute Nacht!«

Und ehe Dantès daran gedacht hatte, den Mund zu öffnen, um zu antworten, ehe er bemerkt hatte, wo der Kerkermeister das Brot hingelegt, ehe er sich danach hatte umsehen können, wo der Wasserkrug und das Stroh war, hatte der Kerkermeister die Lampe genommen, die Tür hinter sich verschlossen und dem Gefangenen den matten Schein genommen, der ihm die tropfenden Wände seines Kerkers gezeigt hatte.

Er befand sich allein in der Finsternis und Stille, selbst so stumm und düster wie diese Gewölbe, deren eisige Kälte er auf seine brennende Stirn sich niederschlagen fühlte.

Als die ersten Strahlen des Tages wieder etwas Helle in das Kellerloch brachten, kam der Wärter mit dem Befehle zurück, den Gefangenen zu belassen, wo er wäre. Dantès hatte sich nicht vom Platze bewegt; eine eiserne Hand schien ihn an die Stelle genagelt zu haben, wo er am Abend vorher haltgemacht hatte. Unbeweglich, die vom Weinen geschwollenen Augen auf den Boden gerichtet, stand er da.

Er hatte so die ganze Nacht stehend verbracht, ohne nur einen einzigen Augenblick zu schlafen.

Der Wärter näherte sich ihm und ging um ihn herum; aber Dantès schien ihn nicht zu sehen.

Er klopfte ihm auf die Schulter; Dantès fuhr zusammen und schüttelte den Kopf.

»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte der Wärter.

»Ich weiß nicht«, antwortete Dantès.

Der Wärter betrachtete ihn voll Erstaunen.

»Haben Sie keinen Hunger?« fuhr er fort.

»Ich weiß nicht«, antwortete Dantès wiederum.

»Wünschen Sie etwas?«

»Ich möchte den Gouverneur sprechen.«

Der Wärter zuckte die Achseln und ging.

Dantès folgte ihm mit den Augen und streckte die Hände nach der geöffneten Tür aus; die Tür schloß sich wieder.

Seiner Brust entrang sich ein Schluchzen; die Tränen stürzten ihm aus den Augen; er warf sich mit der Stirn auf den Boden und betete lange, indem er sein Leben an seinem Geiste vorüberziehen ließ und sich fragte, welches Verbrechen er begangen hätte, das eine so grausame Strafe verdiente.

So verging der Tag; kaum daß er einige Bissen Brot aß und einige Tropfen Wasser trank. Bald saß er mit seinen Gedanken beschäftigt, bald kreiste er wie ein wildes Tier in einem Käfig durch seinen Kerker.

Ein Gedanke besonders quälte ihn: daß er sich während der Überfahrt, wo er in Unkenntnis des Zieles so ruhig geblieben war, zehnmal hätte ins Wasser stürzen können. Einmal im Wasser, wäre er dank seiner Geschicklichkeit im Tauchen seinen Wärtern sicher entronnen, er hätte den Strand gewinnen und sich auf einem spanischen oder italienischen Schiff ins Ausland begeben können, wohin er Mercedes und seinen Vater später hätte nachkommen lassen. Was die Gewinnung des Lebensunterhaltes betraf, so war er unbesorgt: Gute Seeleute waren überall selten; er sprach Italienisch wie ein Toskaner, Spanisch wie ein Kind Altkastiliens; er hätte frei und glücklich mit Mercedes und seinem Vater leben können. Und jetzt war er Gefangener, eingekerkert im Château d’If, diesem unzugänglichen Gefängnis, ohne zu wissen, was aus Mercedes wurde, und alles dies, weil er an das Wort Villeforts geglaubt hatte. Es war, um wahnsinnig zu werden, und Dantès wälzte sich wütend auf dem frischen Stroh, das ihm sein Wärter gebracht hatte.

Am folgenden Tage um dieselbe Stunde erschien der Wärter wieder.

»Nun«, fragte er, »sind Sie heute vernünftiger als gestern?«

Dantès antwortete nicht.

»Hören Sie«, sagte der Wärter, »wünschen Sie irgend etwas von mir, das ich für Sie tun kann? Sprechen Sie.«

»Ich wünsche den Gouverneur zu sprechen.«

»Wie?« knurrte der Wärter ungeduldig. »Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß dies unmöglich ist.«

»Warum unmöglich?«

»Weil es nach der Gefängnisordnung den Gefangenen nicht erlaubt ist, das zu verlangen.«

»Was ist denn hier erlaubt?« fragte Dantès.

»Bessere Nahrung gegen Bezahlung, ein Spaziergang und zuweilen Bücher.«

»Ich brauche keine Bücher, ich habe keine Lust spazierenzugehen und finde meine Nahrung gut; ich habe nur den einen Wunsch, den Gouverneur zu sehen.«

»Wenn Sie mich immer wieder mit derselben Geschichte langweilen, so werde ich Ihnen nichts mehr zu essen bringen«, sagte der Wärter.

»Nun, wenn du mir nichts mehr zu essen bringst, so werde ich einfach verhungern«, erwiderte Dantès.

Der Ton, in welchem Dantès dies sagte, bewies dem Wärter, daß sein Gefangener glücklich sein würde zu sterben. Da nun jeder Gefangene seinem Wärter täglich etwa zehn Sous einbrachte, fürchtete der Kerkermeister, daß er Dantès verlieren könnte, und er begann deshalb in milderem Tone:

»Hören Sie! Was Sie da verlangen, ist unmöglich. Verlangen Sie es also nicht mehr, denn es ist ohne Beispiel, daß der Gouverneur auf den Wunsch eines Gefangenen in dessen Zelle gekommen wäre; führen Sie sich gut, dann wird Ihnen gestattet, spazierenzugehen, und es ist möglich, daß Sie dabei einmal dem Gouverneur begegnen. Dann können Sie ihn ja fragen, und wenn er Ihnen antworten will, so ist das seine Sache.«

»Aber«, fragte Dantès, »wie lange kann ich warten, bis dieser Zufall sich einmal bietet?«

»Je nun«, entgegnete der Wärter, »einen Monat, ein Vierteljahr, ein halbes Jahr, ein Jahr vielleicht.«

»Das ist zu lange«, sagte Dantès; »ich will ihn sofort sehen.«

»Oh«, antwortete der Wärter, »verrennen Sie sich nicht so in einen einzigen unmöglichen Wunsch, sonst sind Sie vor Ablauf von vierzehn Tagen verrückt.«

»So, meinst du?«

»Ja, verrückt; so fängt der Irrsinn immer an; wir haben davon hier ein Beispiel. Der Abbé, der diese Zelle vor Ihnen bewohnte, hat dadurch den Verstand verloren, daß er dem Gouverneur fortwährend eine Million anbot, wenn er ihn freilassen wollte.«

»Und wie lange ist’s her, daß er diese Zelle verlassen hat?«

»Zwei Jahre.«

»Er wurde freigelassen?«

»Nein, er wurde ins Verlies gebracht.«

»Höre«, sagte Dantès, »ich bin kein Abbé und bin nicht verrückt; vielleicht werde ich’s, aber im Augenblick habe ich leider noch meinen vollen Verstand; ich will dir einen anderen Vorschlag machen. Eine Million biete ich dir nicht, denn ich kann sie dir nicht geben, aber ich biete dir hundert Taler, wenn du das nächste Mal, da du nach Marseille kommst, zu den Kataloniern gehen und einem jungen Mädchen namens Mercedes einen Brief, nein, bloß zwei Zeilen übergeben willst.«

»Wenn ich diese zwei Zeilen überbrächte und entdeckt würde, so würde ich meine Stelle verlieren, die mir jährlich tausend Livres einträgt, ohne die Nebeneinnahmen und die Beköstigung mitzurechnen. Sie sehen also, daß ich ein großer Esel wäre, wenn ich tausend Livres um dreihundert aufs Spiel setzte.«

»So, dann höre und merke dir genau, was ich sage«, sprach Dantès. »Weigerst du dich, Mercedes zwei Zeilen zu überbringen oder sie wenigstens davon zu benachrichtigen, daß ich hier bin, so lauere ich dir eines Tages hinter der Tür versteckt auf und zerschmettere dir in dem Augenblick, da du hereinkommst, mit diesem Schemel den Schädel.«

»Was, Drohungen!« rief der Wärter, indem er einen Schritt zurücktrat und sich bereitmachte, einen Angriff abzuwehren. »Sie sind entschieden verdreht im Kopfe; der Abbé hat gerade so angefangen wie Sie, und in drei Tagen werden Sie wie der unrettbar toll sein; zum Glück gibt’s Verliese im Schloß.«

Dantès ergriff den Schemel und schwang ihn um den Kopf.

»Na, na«, rief der Wärter; »gut denn, wenn Sie’s absolut wollen, so soll’s dem Gouverneur gemeldet werden.«

»Schön denn!« sagte Dantès, indem er seinen Schemel wieder hinstellte und sich darauf setzte, den Kopf gesenkt und mit wirren Augen, als ob er wirklich wahnsinnig würde.

Der Wärter ging und kam einen Augenblick darauf mit vier Soldaten und einem Korporal zurück.

»Auf Befehl des Gouverneurs«, sagte er, »führen Sie den Gefangenen ein Stockwerk tiefer.«

»Ins Verlies also?« fragte der Korporal.

»Ins Verlies; die Verrückten gehören zu den Verrückten!« war die Antwort.

Die vier Soldaten bemächtigten sich Dantès’, der in eine Art Erschlaffung verfiel und ihnen ohne Widerstand folgte.

Man ließ ihn fünfzehn Stufen hinuntersteigen und öffnete die Tür einer Zelle, in welche Dantès eintrat, indem er zu sich selbst sagte: »Er hat recht, die Verrückten gehören zu den Verrückten!«

Die Tür schloß sich wieder, und Dantès ging mit vorgehaltenen Händen vorwärts, bis er die Mauer fühlte; dann setzte er sich in einen Winkel und blieb unbeweglich, während seine Augen, die sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnten, die Gegenstände zu unterscheiden begannen.

Der Wärter hatte recht; es fehlte wenig, daß Dantès wahnsinnig wurde.

Das kleine Kabinett in den Tuilerien

Herr von Villefort kehrte in die Wohnung des Herrn von Saint-Méran, wo seine Verlobung gefeiert wurde, zurück, verabschiedete sich rasch von seiner Braut und den Gästen und trat sofort mit Extrapost eine Reise nach Paris an. Vorher hatte er sich von Herrn von Salvieux, dem Freunde seines zukünftigen Schwiegervaters, einen Brief geben lassen, der ihm ohne weiteres Zutritt zum König verschaffen sollte.

Wir verlassen Villefort auf dem Wege nach Paris, wo er infolge der dreifachen Trinkgelder, die er gab, mit Windeseile dahinflog, und begeben uns durch zwei oder drei Säle in das kleine Kabinett der Tuilerien, das das Lieblingskabinett Napoleons und Ludwigs XVIII. war. In diesem Kabinett saß König Ludwig XVIII. vor einem Tische aus Nußbaumholz, den er von Hartwell mitgebracht hatte und ganz besonders liebte. Der Monarch hörte zerstreut einem etwa fünfzigjährigen Manne von vornehmem Äußern zu. Dabei machte er Notizen in eine lateinische Ausgabe des Horaz.

»Sie sagen also?« sprach der König.

»Daß ich so unruhig bin, wie man es nur sein kann, Sire!«

»Wirklich! Sollten Sie im Traume sieben fette und sieben magere Kühe gesehen haben?«

»Nein, Sire! Denn das würde uns nur sieben fruchtbare und sieben unfruchtbare Jahre verkünden, und bei einem so vorsorglichen König, wie Eure Majestät sind, steht keine Hungersnot zu befürchten.«

»Um welche andere Geißel soll es sich denn handeln, lieber Blacas?«

»Sire, ich glaube, ja, ich habe alle Ursache, zu glauben, daß sich im Süden ein Sturm zusammenzieht …«

»Ei, mein lieber Graf«, entgegnete Ludwig XVIII., »ich denke, Sie sind schlecht unterrichtet, denn ich weiß im Gegenteil gewiß, daß dort sehr schönes Wetter ist.«

»Sire«, versetzte Blacas, »wenn doch Eure Majestät, nur um einen getreuen Diener zu beruhigen, zuverlässige Männer in die Landschaften Languedoc, Provence und Dauphiné schicken wollten, um über den Geist, der dort herrscht, Bericht zu erhalten.«

»Canimus surdis«, antwortete der König, indem er fortfuhr, Notizen in den Horaz zu machen.

»Sire!« erwiderte der Hofmann und lächelte dabei, um sich das Ansehen zu geben, als verstände er den Vers des Dichters von Venusia. »Eure Majestät können ganz recht haben in bezug auf den guten Geist, der in Frankreich herrscht, allein ich glaube nicht ganz unrecht zu haben, wenn ich irgendeinen verzweifelten Versuch befürchte.«

»Von welcher Seite?«

»Von seiten Bonapartes oder zumindest von seiten seiner Partei.«

»Mein lieber Blacas«, sprach der König. »Sie stören mich mit Ihren Besorgnissen in meiner Arbeit.«

»Sire! Ich möchte mit Eurer Majestät die Sicherheit teilen können.«

»Warten Sie, mein lieber Graf, warten Sie! Mir fällt eben eine sehr glückliche Anmerkung zum ›Pastor quum traheret‹ ein; warten Sie ein wenig, und dann fahren Sie fort.«

Es trat einen Augenblick Stillschweigen ein, währenddessen Ludwig XVIII. mit einer Schrift, die er so winzig wie möglich machte, eine neue Notiz an den Rand des Horaz schrieb.

Als er fertig war, erhob er den Kopf wieder mit der zufriedenen Miene eines Mannes, der eine Idee gehabt zu haben glaubt, wenn er die Idee eines anderen kommentiert hat, und sagte:

»Fahren Sie fort, mein lieber Graf! Ich höre.«

»Sire!« sprach Herr von Blacas. »Ich bin genötigt, Eurer Majestät zu sagen, daß es nicht grundlose Gerüchte und aus der Luft gegriffene Neuigkeiten sind, die mich ängstigen; ein wohlgesinnter Mann, der mein ganzes Vertrauen genießt und dem ich die Überwachung des Südens anvertraut habe« – der Graf hielt inne, als er diese Worte sprach –, »ist soeben mit der Post gekommen und berichtet von einer großen Gefahr, die Eurer Majestät droht. Deshalb bin ich hierhergeeilt.«

Ludwig XVIII. fuhr fort, Notizen in seinen Horaz zu machen. »Befehlen mir Eure Majestät, mich nicht länger bei diesem Gegenstande aufzuhalten?«

»Nein, mein lieber Graf! Doch strecken Sie die Hand aus, da unten zur Linken werden Sie den Bericht des Polizeiministers vom gestrigen Datum finden … Aber halt! Da ist er ja selbst. – Nicht wahr, Sie sagen der Polizeiminister?« unterbrach der König, sich an den Diener wendend, der soeben eingetreten war und den Polizeiminister gemeldet hatte. »Treten Sie ein, Baron, und erzählen Sie dem Grafen, was Sie Neues von Bonaparte wissen. Verhehlen Sie uns nichts von der Lage der Dinge, wie bedenklich sie auch sein mag. Sagen Sie, ist die Insel Elba ein Vulkan und werden wir dort den Krieg voll Flammen und Schrecknissen ausbrechen sehen? Bella, horrida bella?«

»Haben Eure Majestät den gestrigen Bericht einzusehen geruht?« entgegnete der Minister.

»Ja, ja! Aber sagen Sie es dem Grafen selbst, der diesen Bericht nicht finden kann, was er enthält. Erzählen Sie ihm genau, was der Usurpator auf seiner Insel macht.«

»Mein Herr«, sprach der Baron zum Grafen, »alle getreuen Diener Seiner Majestät dürfen sich Glück wünschen über die günstigen Nachrichten, die uns von der Insel Elba zukommen. Bonaparte …«

Der Minister blickte auf Ludwig XVIII., der eben wieder eine Bemerkung niederschrieb und nicht einmal den Kopf hob. »Bonaparte«, fuhr der Baron fort, »langweilt sich zu Tode. Er bringt ganze Tage damit zu, daß er seinen Arbeitern in Porto Longone bei ihrer Beschäftigung zusieht. Noch mehr, wir können versichert sein, daß der Usurpator in kurzer Zeit ein Narr wird.«

»Ein Narr?«

»Ein Narr, den man in Banden halten muß. Sein Kopf wird schon schwach. Bald weint er heiße Tränen, bald lacht er aus voller Kehle; ein anderes Mal beschäftigt er sich stundenlang damit, vom Ufer aus Kieselsteine ins Wasser zu werfen, und wenn der Stein fünf- bis sechsmal aufgeprallt ist, scheint er so vergnügt, als hätte er ein zweites Marengo oder ein neues Austerlitz gewonnen. Sie werden zugeben, daß das Anzeichen von Narrheit sind.«

»Oder von Weisheit, Herr Baron, oder von Weisheit«, versetzte Ludwig XVIII. lächelnd. »Schon die großen Heerführer des Altertums ergötzten sich damit, daß sie Kieselsteine ins Meer warfen. Sehen Sie nach bei Plutarch im ›Leben des Scipio Africanus‹. Also, was denken Sie nun darüber, Blacas?« fragte der König, indem er einen Augenblick in seiner Beschäftigung innehielt.

»Sire, ich sage, daß entweder der Polizeiminister oder ich mich irre. Da sich aber der Polizeiminister unmöglich irren kann, da er die Sicherheit und die Ehre Eurer Majestät zu bewachen hat, so ist es wahrscheinlich, daß ich mich im Irrtum befinde. An Eurer Majestät Stelle aber würde ich die Person fragen, von der ich gesprochen habe, ja ich bitte sogar inständig, Eure Majestät wollten ihr diese Ehre erweisen.«

»Recht gern, Graf, auf Ihre Empfehlung hin empfange ich, wen Sie wollen. Doch will ich ihn empfangen mit den Waffen in der Hand. Herr Minister, haben Sie noch einen neueren Bericht als diesen hier? Denn dieser datiert vom zwanzigsten Februar, und heute haben wir den dritten März.«

»Nein, Sire. Aber ich erwarte einen mit jeder Stunde. Ich ging schon frühzeitig aus, und vielleicht ist er während meiner Abwesenheit eingelaufen.«

»Gehen Sie auf die Präfektur; liegt dort einer, so bringen Sie ihn, ist keiner gekommen«, fuhr Ludwig XVIII. lächelnd fort, »wohlan, so machen Sie einen. Nicht wahr, so pflegt man es zu tun?«

»Oh, Sire!« entgegnete der Minister.

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