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Der Graf von Castelfino

Christina Hollis

Der Graf von Castelfino

PROLOG

Meg konnte ihr Glück kaum fassen. Wohltätigkeitsgala auf der Chelsea Flower Show, der berühmten Gartenschau, und sie durfte dabei sein! Aus der ganzen Welt flogen die Reichen und Berühmten in ihren Jets ein, um an der exklusiven Veranstaltung teilzunehmen.

Meg stieß einen zufriedenen Seufzer aus. Der Duft von Millionen von Blumen und der Geruch von frisch gemähtem Gras waren überwältigend. Ihr beruflicher Erfolg mochte auf sich warten lassen, dieses einzigartige Erlebnis aber lenkte sie von ihren Sorgen ab.

Auf einmal wurde ihr Blick von einer unbestimmten Bewegung eingefangen. Ein auffallend gut aussehender Mann bahnte sich einen Weg durch all die Wirtschaftsmogule und Filmstars. Tätschelte hier eine Schulter, küsste dort eine Frau auf die Wange. Er schien den Schauplatz zu beherrschen, war hochgewachsen, athletisch und bewegte sich mit natürlicher Grazie. Ein Mann, der schon im Smoking zur Welt gekommen zu sein schien.

Wie gebannt verfolgte Meg seinen Weg durch die Menge. Alle paar Sekunden blitzte ein charmantes Lächeln um seine Mundwinkel auf, wenn jemand versuchte, seinen Blick zu erhaschen. Für einen Moment stellte Meg sich vor, wie es wäre, wenn auch sie zu dem Kreis gehören würde, dem er seinen Charme schenkte. Ihn zu beobachten, war, wie das Fenster zu einer anderen Welt aufzustoßen.

Als er in der Menge und damit aus ihrem Blickfeld verschwand, erlosch für sie das strahlende Licht dieses Abends. Sie widmete sich wieder der Realität und damit der Tätigkeit an ihrem Stand des Imsey Gartencenters.

Ihre Miene gefror, als sie merkte, dass ihre Fantasie doch noch Wirklichkeit werden würde. Ihr Traumprinz kam geradewegs auf sie zu. Der Mann lächelte und wollte offensichtlich ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und sie tat ihm den Gefallen – ohne zu zögern.

„Buona sera, signorina!“, begrüßte er sie mit südländischer Galanterie. „Ich brauche ein paar schöne Geschenke für eine Reihe … spezieller Freunde. Man hat mir versichert, dass diese Pflanzenart ein todsicherer …“ Er starrte auf einen Notizblock in seiner Hand, runzelte kurz die Stirn und hob mit einem hilflosen Lächeln den Blick. „Hm … können Sie diese Handschrift lesen?“

Leider machte er keine Anstalten, ihr seinen kleinen Block zu reichen, und Meg konnte die Schrift von ihrem Platz aus nicht entziffern. Jetzt war ihre Chance gekommen. Mit klopfendem Herzen kam sie um den Stand herum.

Aus der Nähe betrachtet, wirkte dieser Mann noch attraktiver. Er steckte in einem schicken Designeranzug, trug eine goldene Rolex, die sich elegant von seiner makellos braunen Haut abhob, während der teure Duft eines exquisiten Aftershaves ihn einhüllte.

„Das ist das erste Mal heute, dass ich die Möglichkeit habe, hinter meinem Stand hervorzukommen, Sir.“

„Ich werde schon dafür sorgen, dass es sich für Sie lohnt.“

Seine Stimme klang verheißungsvoll. Der Mann lächelte nachsichtig und hielt Meg den Notizblock hin. Schon allein die Art, wie er die Hülle aus Leder umfasste, faszinierte sie. Er hatte lange, kräftige Finger, die eine Spur intensiver gebräunt waren als die Hände ihrer Kollegen, die mit ihr zusammen in den heimischen Gewächshäusern arbeiteten. Seine Fingernägel hingegen waren gepflegt und tadellos sauber. Meg hätte gern gewusst, ob der ganze Mann so perfekt war …

Ihr attraktiver Kunde räusperte sich auf eine zurückhaltende, höfliche Art, die Megs Herz höherschlagen ließ. Ihr Blick kehrte zu dem Notizblock zurück. Italienische Kürzel, hingeworfen mit starker, klarer Hand, bedeckten die Seite. In ausholender, altmodischer Schrift war etwas hinzugefügt worden. Meg rückte näher an ihren Besucher heran, um es lesen zu können.

Erneut durchzog der betörende Hauch seines teuren Aftershaves die laue Abendluft. Bewusst atmete sie ihn ein und tat so, als ob sie sich konzentrieren würde. Dies war ein unvergesslicher Augenblick, der sich nicht wiederholen würde. Nach dem Kauf würde der atemberaubende Mann für immer aus ihrem Leben verschwinden. Meg wollte alles tun, um den denkwürdigen Moment so lange wie möglich auszukosten.

„Es handelt sich um eine Imseyii-Kreuzung, Sir. Exklusiv aus der Aufzucht meiner Familie“, erklärte sie, während sie sich bedauernd ein kleines Stück zurückzog. Er bedachte sie mit einem Blick, der alles wieder wettmachte. Meg könnte sich in diesen dunklen, vor Vergnügen funkelnden Augen verlieren. Sein hinreißendes Lächeln war ebenso unwiderstehlich wie alles andere an ihm. Plötzlich wurde ihr ganz heiß.

Mit einem verschmitzten Lächeln beugte er sich zu ihr. „Ist diese Pflanze auch als Geschenk für Frauen geeignet?“

„Sie werden nicht widerstehen können, Sir.“ Zu ihrer eigenen Überraschung musste sie leise lachen. Bisher hatte sie nie etwas Belustigendes an ihrer Arbeit gefunden. „Unsere Orchideen sind ein besonders anregendes Geschenk für jede Dame.“

„Vielleicht auch für spezielle Damen?“

Meg überhörte seine Bemerkung. Zu Hause gab es zu viele Menschen, die sich auf sie verließen. Da durfte sie sich nicht von einem Flirt ablenken lassen. Also entzog sie sich der Magie dieser wundervollen Augen und deutete auf ihre Auslage. Eine Einladung an ihn, das kunstvolle Arrangement zu bewundern, das sie aus den schönsten Exemplaren der Gärtnerei gezaubert hatte.

Dutzende Orchideen schmiegten sich in einem Bett aus weichem grünen Moos aneinander. Hunderte bogenförmiger Stiele, fein wie Blumendraht, erzitterten unter dem leisesten Lufthauch. Jedes Gebilde bestand aus perfekten kleinen Blüten, einfarbigen und gemusterten, in allen Farben des Regenbogens. Meg war so stolz darauf, dass sie sich ein versonnenes Lächeln erlaubte.

„Man nennt sie oft den ‚Freudentanz‘. Kann ich Sie damit in Versuchung führen, Sir?“

Ihr attraktiver Kunde neigte den Kopf zur Seite und bedachte sie mit einem herausfordernden Blick. „Kommt darauf an. Tanzen Sie denn?“

Wieder umspielte ein Lächeln ihre Lippen. In jeder anderen Situation wäre sie wütend auf sich selbst gewesen. Doch heute Abend fühlte es sich genau richtig an. Allein der Blick in seine Augen wärmte ihr Herz. Sie funkelten dunkel und geheimnisvoll.

„Sie haben es bestimmt nicht nötig, tanzen zu gehen – bei so einem Lächeln.“ Er unterstrich seine Worte mit einem charmanten Lächeln.

Verwirrt starrte Meg auf ihre Pflanzen. „Zum Tanzen fehlt mir die Muße, Sir – eigentlich für alles außer meiner Arbeit. Das Geschäft nimmt meine gesamte Zeit in Anspruch.“

„Das sieht man. Alles sieht perfekt aus“, meinte er anerkennend.

„Danke!“ Vor Freude vergaß sie ihre Scheu, als sie bemerkte, dass er sich nicht mehr auf die Pflanzen konzentrierte, sondern auf sie. Heiße Röte schoss ihr ins Gesicht, als er sie schließlich mit einem wissenden Blick ansah.

„Ich nehme ein Dutzend. Lassen Sie sie zu meiner Wohnung in Mayfair liefern. Das sollte meine derzeitigen Gespielinnen für einen Tag oder zwei zufriedenstellen. Mein Name ist Gianni Bellini, hier ist meine Karte. Ich danke Ihnen – die letzten paar Minuten waren das reinste Vergnügen für mich.“ Der Schalk, der aus seinen Augen blitzte, verriet Meg, dass das Vergnügen sich nicht auf die Blumen bezog.

„Jetzt muss ich aber zahlen.“ Er zog ein Portemonnaie aus weichem Leder aus der Tasche und entnahm ihm ein Bündel Banknoten. Ein Lächeln umspielte seine vollen Lippen, während er ihr das Geld reichte. Als er schließlich ihre Hand warm und fest umschloss, flackerte wieder diese verräterische Röte auf Megs Gesicht auf. Er führte ihre Hand zu einem verführerischen Kuss an seine Lippen.

„Also, bis zum nächsten Wiedersehen, mia dolce …“

Seine dunklen Augen blitzten, als er sich mit einem Kopfnicken von ihr verabschiedete. Und dann – bevor Meg auch nur Luft holen oder einen Laut herausbringen konnte – entzog er ihr seine Hand, wandte sich um und verschwand in der Menge.

1. KAPITEL

Meg wurde von einem Rütteln geweckt und fand sich auf ihrem Sitz im Flugzeug wieder. Ihr Herz hüpfte vor Aufregung. Vieles war seit der Chelsea Flower Show geschehen, doch Gianni Bellinis Bild verfolgte Meg immer noch Tag und Nacht.

Inzwischen hatte sie einen Job in der Villa Castelfino in der Toskana bekommen. Nur durch den Reiz des Neuen konnte sie die Gedanken an ihn unter Kontrolle halten. Während der vergangenen Wochen war sie regelmäßig zwischen London und der Toskana hin und her gependelt, und von heute an durfte sie, die studierte Botanikerin aus England, sich als „Kuratorin exotischer Pflanzen“ beim Conte di Castelfino bezeichnen. Es war der offizielle Beginn ihrer Arbeit für den großen italienischen Arbeitgeber.

Obgleich voller Vorfreude, war Meg nervös. Zum ersten Mal in ihrem Leben würde sie weit von ihren Eltern entfernt leben. Sie war sich nicht sicher, ob sie allein mit ihrer Arbeit fertig werden würde. Als sie mit den anderen Passagieren das Flugzeug verließ, tröstete sie sich mit dem Gedanken, dass sie in der Ankunftshalle erwartet wurde. Franco, der Chauffeur, würde wie üblich für sie bereitstehen, um ihr mit dem Gepäck zu helfen.

Doch diese Gewissheit war dahin, als ihr Blick durch die Ankunftshalle schweifte. Franco war nirgendwo zu sehen. Besorgt überlegte sie, ob es auf Castelfino Probleme gegeben hatte. Während ihrer Arbeit dort hatte sie schon mitbekommen, dass der Conte di Castelfino nicht mit seinem Sohn zurechtkam. Noch nie hatte Meg il ragazzo, den Burschen – wie ihr aristokratischer Arbeitgeber seinen Erben nannte –, zu Gesicht bekommen. Doch was sie bis jetzt über ihn erfahren hatte, reichte aus, um ihn unsympathisch zu finden.

Der Conte di Castelfino liebte die abwechslungsreiche Landschaft seines Besitzes mit ihren Olivenhainen, knorrigen Eichen und den Blumenwiesen. Sein Sohn wollte dies alles in eine Monokultur verwandeln – nichts als schnurgerade Reihen mit Weinstöcken, soweit das Auge reichte. Wie es dann um die geliebte Pflanzensammlung des Conte bestellt sein würde, daran wollte Meg erst gar nicht denken. Das Leben auf Castelfino war ein ständiger Kampf zwischen der Erhaltung der natürlichen Schönheit und geschäftlichen Erwägungen. Das Hobby des alten Herrn drohte vom Ehrgeiz seines Sohnes zerstört zu werden.

Sie wartete noch eine Weile, doch niemand kam, um sie abzuholen. Ein schlechter Start für jemanden mit so viel Gepäck, dachte Meg. Die Zeit verstrich. Schließlich entdeckte sie einen Pfeil, der auf einen Taxistand deutete. Anstatt nur voller Sorge herumzustehen und zu warten, ergriff sie die Initiative. Sie schob ihren Transportkarren vor sich her und blickte nervös in alle Richtungen, auf der Suche nach einem freien Taxi. Als sie endlich erschöpft in einem Wagen saß, war sie einem Nervenzusammenbruch nahe.

Offensichtlich kannte der Fahrer die Adresse, die Meg ihm nannte. Unverzüglich folgte ein verzückter Wortschwall auf Italienisch. Erleichtert registrierte sie, dass wenigstens etwas funktionierte. Sie versuchte, ihre Lage zu schildern, scheiterte aber an ihrem unzureichenden italienischen Wortschatz, den sie nur ein einziges Mal im Urlaub benutzt hatte. Der Fahrer fand die ganze Sache offenbar sehr komisch. Unfähig, ihn zu verstehen, fühlte sie sich allein gelassen und vergrub sich in ihren Sitz.

Was der attraktive Gianni wohl gerade macht? Eines ist sicher: Man hat ihn bestimmt noch nie auf einem Flughafen warten lassen oder sogar versetzt!

Meg seufzte. Ob sie ihn wohl jemals wiedersehen würde? Wohl kaum. Sie konnte nur hoffen, dass es ihr gelang, den Conte di Castelfino zu überreden, auf einer der großen Gartenschauen in London eine Ausstellung seiner eigenen Züchtungen zu arrangieren. In ihren Träumen sah sie Gianni Bellini dann auf der Suche nach weiteren Überraschungen für seinen Harem hinter den Pflanzen aus Castelfino herjagen.

Auch während der Taxifahrt erging sie sich weiter in Träumereien. Wie es wohl wäre, von diesem Charmeur verführt zu werden? Kein Wunder, dass er so viele Frauen im Schlepptau hat, dachte sie. Sein Lächeln hatte sie fast um den Verstand gebracht. Ihr gesunder Menschenverstand riet ihr, sich Männer wie Signore Bellini vom Hals zu halten. Ein Hauch Verruchtheit jedoch geisterte durch ihre Tagträume. Es war schließlich nicht verboten, seinen Fantasien freien Lauf zu lassen.

Auch Gianni durfte das …

Während Meg vor sich hin döste, kämpfte der Mann ihrer Träume mit seinen Dämonen. Dämonen, die in einer Kristallkaraffe steckten. Gianni Bellini war sich durchaus bewusst, dass Alkohol keine akzeptable Lösung darstellte. Er würde ihn nur träge machen. Eine lange Zeit ohne Schlaf war schon unbekömmlich genug, Alkohol würde den Zustand nur noch verschlimmern. Nicht nur für ihn, sondern auch für das Personal, das er übernommen hatte. Also entschied er sich dagegen.

„Darf ich Ihnen etwas Champagner servieren, Conte?“ Ein livrierter Diener verbeugte sich unterwürfig. Dafür erntete er ein Knurren und die missgelaunte Geste seines neuen Herrn, die bedeutete, sich zu entfernen.

Knapp vierundzwanzig Stunden nach dem denkwürdigen Wandel in seinem Leben versuchte Gianni, immer noch damit zurechtzukommen, was in den letzten Tagen geschehen war. Es war seine Bestimmung, das hatte er gewusst, seit er denken konnte. Schon immer hatte er einen starken Freiheitsdrang besessen und sich finanziell abgesichert, um nicht auf ererbtes Vermögen angewiesen zu sein. Er hatte eine brillante eigene Karriere gemacht.

Zu Lebzeiten seines Vaters war Giannis kleines Weingut in einen entfernten Winkel von Castelfino verbannt gewesen. Das sollte sich nun ändern. Gianni war ab sofort der Alleinherrscher, sein eigenes Unternehmen würde nun eine zentrale Rolle einnehmen. Überall war bekannt, er war von der Idee besessen, Castelfino zu einem exklusiven Weingut mit internationaler Reputation auszubauen.

Nun, da er das gesamte Land und Vermögen seines Vaters geerbt hatte, gab es für ihn kein Halten mehr. Jeder dafür geeignete Quadratzentimeter sollte zum Weinanbau genutzt werden. Raketengleich würde die Produktion gesteigert werden, und raketengleich würde sich damit auch Giannis Ehrgeiz steigern. Er gefiel sich in der Rolle des Selfmade-Millionärs, und sein Playboy-Image war ein immaterieller Aktivposten. Es war angenehm, jede Nacht eine andere Frau im Bett zu haben, ein Vorteil, den seine Stellung mit sich brachte.

Während Klatschreporter darüber spekulierten, welche seiner schönen Gefährtinnen den nächsten Bellini-Erben produzieren würde, behielt Gianni das Wissen um seine wahre Liebe jedoch für sich. Sein Baby war das Weingut Castelfino. Was Nachwuchs anbelangte … Damit wollte Gianni nichts zu tun haben. Seine eigene Kindheit war durch seine Eltern, die sich ständig bekriegt hatten, zur Hölle geworden. Er bekam Bauchschmerzen bei dem Gedanken, so etwas einem unschuldigen Kind anzutun.

Eine Bewegung außerhalb des Speisezimmers erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Wagen näherte sich dem Herrenhaus, wobei er eine ordentliche Staubwolke aufwirbelte. Giannis Augen wurden schmal vor Zorn. Gerade jetzt konnte er keine Gäste gebrauchen. Verärgert rappelte er sich hoch. Er litt zwar unter Schlafmangel, doch sein Gehirn funktionierte noch. Ganz anders als seine Gliedmaßen. Die schienen wie in Beton gegossen.

Steif durchquerte er den Raum und trat durch die Doppelflügeltür hinaus auf die Terrasse. Immer noch gab es Menschen, die seinem verblichenen Vater ihren Respekt erweisen wollten, und er hatte ihnen gegenüber eine Verpflichtung. Also schloss er die Augen und überlegte, was er sagen würde.

Es war ein typischer Herbstnachmittag, wie man ihn in der Toskana kannte. Kein Blatt bewegte sich. Ein einzelner Vogel zwitscherte sein monotones Chip-Chip. Es klang, als ob zwei Steine aneinanderschlagen würden. Das einzige andere Geräusch stammte von dem Wagen, der in gleichmäßigem Tempo die gewundene Auffahrt hochkam, direkt auf Gianni zu.

Der Fahrer machte einen eleganten Bogen und hielt vor dem Hauptportal. Verblüfft öffnete Gianni die Augen und erkannte, dass es keine protzige Limousine war, sondern ein normales Funktaxi. Ihm blieb nicht einmal genug Zeit, schockiert zu sein, als der Fahrer schon aus dem Auto sprang, einen kurzen Gruß herüberrief und den Gepäckraum öffnete.

Ungläubig sah Gianni zu, wie sich eine Flut von Koffern in den Staub ergoss, während der Fahrer mit dem unsichtbaren Fahrgast eine fröhliche Konversation führte. Die ganze Zeit dudelte das Autoradio laut vor sich hin.

Kein Mensch hatte während der letzten Tage auf Castelfino die Stimme erhoben. Die Jalousien waren geschlossen geblieben. Nun aber wurde es dahinter lebendig. Giannis Personal war durch den unerwarteten Lärm alarmiert. Ein Küchenjunge eilte herbei, um mit anzupacken. Während er sich um den Fahrer kümmerte, erlitt der frischgebackene Graf einen weiteren Schock.

Die hintere Tür des Taxis öffnete sich, und die schönste Frau der Welt kletterte aus dem Wagen. Ihr Rock, ohnehin schon kurz, war hochgerutscht und bot einen Blick auf ihre langen, wohlgeformten Beine. Dunkelblondes Haar fiel über ihre Schultern und schimmerte im gedämpften Licht der Herbstsonne. Die junge Frau wirkte irgendwie leicht benommen. Als sie sich streckte, schwankte sie ein wenig und musste sich gegen das Auto lehnen. Der Kontrast zwischen dem klimatisierten Taxi und der herbstlichen Wärme war wohl zu heftig.

Mit einem Fluch wandte Gianni sich ab. Sein Körper war zum Leben erwacht, wie immer beim Anblick einer schönen Frau. Dann hörte er ihr glockenhelles Lachen – und drehte sich wieder zu ihr um.

„Signore Bellini! Welche Überraschung! Ich hätte nicht gehofft, Sie jemals wiederzusehen, schon gar nicht an diesem Ort! Was für eine unerwartete Freude!“

Der Kies knirschte unter ihren Schuhen, als die Frau mit langen, entschiedenen Schritten über den Vorhof näher kam. Beim Anblick seiner düsteren Miene erlosch ihr Lächeln. Nun wirkte sie verwirrt und besorgt. Ihr Schritt wurde zögernd.

Verunsichert wollte sie wissen: „Sie sind doch der Mann von der Chelsea Flower Show, oder nicht?“

Sí, ich bin Gianni Bellini“, erwiderte er reserviert.

Doch dann erinnerte er sich mit einem Mal wieder. Das Blumenmädchen! Ein hübsches Gesicht vergaß Gianni niemals – ebenso wenig wie einen gut gebauten Körper. Mit einem knappen Lächeln nickte er ihr zu. Weitere Details fielen ihm ein. Diese Frau hier sah nicht nur gut aus, sie war auch clever.

Sein kühler Gruß schien sie nicht zu berühren. Mit einem erfrischenden Lachen streckte sie ihm die Hand entgegen.

„Du lieber Gott, ich kann es nicht glauben. Sie haben sich ja sehr verändert – die vielen Freundinnen müssen Sie in eine Depression getrieben haben, Signore!“

„Was wollen Sie hier?“, fragte er in scharfem Ton und ignorierte ihre ausgestreckte Hand.

Ihr Lächeln erlosch. „Ich habe eine Anstellung beim Conte di Castelfino. Ich werde das Gartenhaus beziehen. Normalerweise holt man mich vom Flughafen ab, aber aus irgendeinem Grund kam der Chauffeur heute nicht.“

„Vermutlich, weil mein Vater gestorben ist. Ich bin jetzt der Conte di Castelfino“, stellte er in sachlichem Ton fest.

„Oh … das tut mir leid“, sagte sie schockiert. Hilflos wanderte ihr Blick zu dem Taxi und wieder zurück. „Wie unpassend von mir, ausgerechnet jetzt aufzukreuzen … D…darf ich fragen, was geschehen ist?“

„Er erlitt vor wenigen Tagen einen Schlaganfall, in Paris. Gestern ist er dann verstorben – nein, vorgestern …“ Gianni schüttelte den Kopf und rieb sich über seinen Dreitagebart.

„Es … es tut mir so leid …“, wiederholte sie mit leiser Stimme.

„Sie konnten es ja nicht wissen. Ich hatte keine Ahnung, dass Sie erwartet werden. Deshalb wurden Sie auch nicht abgeholt. Ich bin selbst erst vor einer Stunde hier eingetroffen.“ Zerstreut schaute er zu dem Taxi hinüber und zückte sein Portemonnaie. „Ich fürchte, Ihre Reise war umsonst. Kehren Sie dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind. Wie haben Sie überhaupt meine Sicherheitsleute am Tor überlistet?“

„Sie wussten, dass ich komme, mein Name steht auf der Besucherliste. Deshalb haben sie mein Taxi durchgewunken.“ Niedergeschlagen fügte sie hinzu: „Und ich kann nicht einfach wieder abreisen … diese wertvollen Pflanzen müssen versorgt werden. Der Wunsch des Conte – des alten Conte – war, dass sie sorgsam gepflegt und behütet werden.“

Wieder schüttelte Gianni den Kopf. „Ich bin jetzt der Conte di Castelfino, und ich habe meine eigenen Vorstellungen. Ab jetzt wird hier alles anders. Es gibt keinen Platz mehr für Dinge, die sich nicht in irgendeiner Form auszahlen. Was immer mein Vater im Sinn hatte, wird nicht weitergeführt. Ich trage nun die Verantwortung, und meine Interessen sind rein praktischer Natur.“

Er sah, wie Tränen in ihre Augen traten. Sie schrumpfte förmlich in sich zusammen, und ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, Signore?“

„Ich fürchte doch. Das Weingut Castelfino steht im Zentrum meines Interesses. Ich werde mich ausschließlich mit diesem einen lohnenden Projekt beschäftigen, nicht mit Hobbys.“

Energischen Schritts ging er auf das Taxi zu. Er legte einen Arm um ihre Schultern und schob sie in dieselbe Richtung. „Keine Angst, Signorina. Ich übernehme die Taxirechnung zurück zum Flughafen. Bis Sie dort eintreffen, wird mein Personal auch das Rückflugticket für Sie gebucht haben. Von welchem Airport sind Sie denn gestartet?“

„Heathrow, aber …“

Sie standen jetzt neben der geöffneten Taxitür. Gianni nahm den Arm von Megs Schultern. Nachdem er dem Fahrer viel zu viel Trinkgeld in die Hand gedrückt hatte, machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte davon, während er ihr noch ein paar belanglose Worte über die Schulter zuwarf. „Ich bedaure, dass Ihre Reise umsonst war, Signorina. Leben Sie wohl.“

Gianni zwang sich, nicht an ihre einladend vollen Lippen und ihre großen blauen Augen zu denken. Er musste sich auf seine Pläne für das Weingut konzentrieren, auf nichts anderes.

Eine energische Stimme unterbrach seine Überlegungen.

„Nein, Signore Bellini.“

Er blieb stehen und krauste die Stirn. Unglaublich! Wenn dieses Mädchen sich überhaupt äußern sollte, dann nur mit einem schüchternen Ja. So funktionierten die Dinge in Giannis Universum. Man hatte seinen Anordnungen Folge zu leisten.

Da hörte er das gedämpfte Zuschlagen einer Autotür. Der Klang leiser Schritte drang zu ihm herüber. Erstaunt wandte er sich um. Was er sah, verwirrte ihn noch mehr. Die junge Frau hatte ihr Gepäck stehen lassen und kam auf ihn zugelaufen.

Gianni Bellini, Conte di Castelfino, stellte sich vor, wie das gesamte Personal diese Szene hinter den Jalousien des Herrenhauses mitverfolgte. Bereits jetzt nagten alle möglichen Gerüchte an seiner Reputation. Playboy oder nicht, hier war er Gutsherr. Es war die Gelegenheit, seine angeschlagene Autorität wiederherzustellen. Falls diese Frau im Begriff war, eine laute, hysterische Szene zu machen, würde er sie barsch zum Schweigen bringen.

Er holte tief Luft, doch weiter kam er nicht.

„Bei allem Respekt, Signore, ich denke, ich sollte bleiben.“ Abrupt blieb sie direkt vor ihm stehen. Ihre Stimme klang jetzt leise. „Wenigstens für eine kleine Weile. Bitte.“

Damit hatte sie Gianni entwaffnet. Er verfiel in Schweigen. Nicht weil das, was sie sagte, ihn berührte, sondern wie sie es sagte. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. Man könnte fast meinen, sie nimmt ebenso auf die Augen und Ohren hinter den Fenstern Rücksicht wie ich … aber nein, das kann nicht sein.

„Sie haben tatsächlich die Stirn, von Respekt zu sprechen?“, zischte er kalt. „Eine Frau, die mit einem Lachen in dieses Trauerhaus hereinplatzt?“

Meg stand so dicht neben ihm, dass sie hören konnte, wie er schwer ein- und ausatmete. Sie war wie gelähmt, doch ihre Verzweiflung half ihr, standhaft zu bleiben. Noch gab sie die Hoffnung nicht auf, dass der neue Graf Vernunft annehmen würde und sie weiterbeschäftigte.

„Ich habe es nicht böse gemeint, Signore. Hätte ich von den Umständen gewusst, hätte ich doch nicht so eine Aufregung verursacht. Können wir nicht einen Schlussstrich unter das Ganze ziehen und noch einmal von vorn beginnen?“

Sie merkte schnell, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Dieser Gianni Bellini verfügte über keinen Rückwärtsgang.

Seit ihrer Ankunft hatte sie gewusst, dass es Ärger geben würde, doch nun sah es so aus, als sei die Situation hoffnungslos. Ihr Entsetzen lähmte sie, aber sie durfte sich nichts anmerken lassen. Sie brauchte diesen Job. Zu viele Menschen vertrauten auf sie. Irgendwie musste diesem seltsam veränderten Gianni doch beizukommen sein …

Meg hatte nichts zu verlieren außer ihrer Würde. Sie musste ihr Ziel erreichen. Also schlug sie die Augenlider nieder. Eine langsame, sorgsam bedachte Bewegung. Zu ihrer Überraschung reagierte er, indem er sie abwartend ansah.

„Als Ihr Vater noch lebte, hat er mich eigens engagiert, um für ihn zu arbeiten“, sagte sie, während sie Mühe hatte, ruhig zu bleiben. „Ich war die Qualifizierteste unter allen Bewerbern. Ohne mein Können werden die Pflanzen bald eingehen. Der Graf hatte so viele Pläne für dieses Anwesen. Jetzt ist er … nun, lassen Sie uns ihm einfach ein gebührendes Denkmal setzen.“

Sie holte Luft. „Er hat sich Sorgen um die Zukunft gemacht, und viele seiner Ideen sind durchaus praktikabel. Irgendwann wollte er seine Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen und damit den Tourismus fördern. Ich bin mir sicher, Signore, dass Sie seine wertvolle Arbeit weiterführen wollen“, fügte sie hinzu und war erleichtert, als sie sah, welchen Eindruck ihre letzte, beiläufig hingeworfene Bemerkung auf ihn machte. „Jedermann wäre stolz, solch ein Vermächtnis zu hinterlassen. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.“

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