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Der Goblin-Held

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Goblinschlaflied

Ohrensausen

Der Goblinheld

Im Bann des Sperlings

Das Raunen der Runen

Der Hasendolch

Keine Sorge, Partner

Schwester der Hecke

Hirnburger und Gallenshake eine Liebesgeschichte

Eisenflamme und Neonhimmel

Alter schützt vor Wagemut nicht

Blutlinien

Erlösung

Papas kleines Mädchen

Drachenmeister

Exklusiv: Der Blaue Kadaverkorps

Über das Buch

Erleben Sie die Goblins von ihrer quirligsten Seite!

Exklusiv in diesem E-Book: »Das Blaue Kadaverkorps« – eine auf Deutsch bisher unveröffentlichte Kurzgeschichte, in der Goblin-Held Jig eine Armee blauen Todes schafft.

Außerdem diesem Sammelband: Vier weitere Abenteuer mit Jig dem Goblin - Hochspannung, bei der auch der Humor nicht zu kurz kommt. Ob es um ein Goblin-Schlaflied, einen Drachenmeister oder gar Hirn-Burger geht, Hines zeigt sein volles Spektrum und beweist, dass er zu Recht zu den besten Fantasy-Autoren der Gegenwart zählt.

Über den Autor

Jim C. Hines wurde 1974 geboren. Er hat Psychologie und Anglistik an der Michigan State University studiert. Er schreibt seit den frühen neunziger Jahren, inzwischen als Vollzeit-Autor. Sein Fantasy-Roman »Die Goblins« wurde auf Anhieb in verschiedene Sprachen übersetzt und fand bei den deutschen Lesern eine große Fangemeinde. Jim C. Hines lebt heute mit seiner Familie und vielen Haustieren in Michigan.

Jim C.Hines

DER
GOBLIN-
HELD

Aus dem Amerikanischen von
Axel Franken, Michael Krug, Michael Kubiak,
Ralph Sander, Malte S. Sembten und
Marianne Schmidt

EINLEITUNG

Mehr als acht Jahre ist es mittlerweile her, dass ich zum ersten Mal über Jig, den Goblin, und sein Schoßtier, die Feuerspinne Klecks, geschrieben habe. In vielerlei Hinsicht war es Jig, der meiner Karriere den Anstoß gab, indem er bei drei Büchern Geburtshilfe leistete, die wieder und wieder übersetzt wurden und in einer Reihe von Ländern erschienen … doch nirgends war die Goblinliebe so stark wie hier in Deutschland.

Dafür möchte ich Ihnen danken. Ich kenne keinen größeren Lohn für einen Schriftsteller als das Wissen, dass seine Arbeit gelesen und genossen wird.

Lübbe hat drei großartige Bücher gemacht, und als ich zum ersten Mal Daniel Ernles Interpretation von Jig für das Titelbild von ›Die Goblins‹ sah, war ich entzückt. Viele meiner US-Leser geben den deutschen Titelbildern sogar den Vorzug vor den englischen.

Daher sagte ich nur zu gerne ja, als Ruggero Leo` von Lübbe mich fragte, ob ich daran interessiert wäre, für die deutschen Leser eine Sammlung meiner Kurzgeschichten zusammenzustellen, insbesondere der Goblinkurzgeschichten. Ich hoffe, diese Geschichten werden einige Fragen über die Goblinwelt beantworten, wie zum Beispiel, was nach den Ereignissen im zweiten Buch aus Veka wurde oder wie ein schwächlicher Winzling wie Jig jemals den Windeln entwachsen konnte. Der Leser wird auch einige meiner anderen Geschichten zu sehen kriegen, diejenigen, auf die ich am stolzesten bin.

Das vergangene Jahr brachte ich damit zu, an einer neuen Reihe zu arbeiten, und ich stelle fest, dass ich Jig und seine Kameraden vermisse. Sie waren so lange ein Teil meines Lebens wie meine eigenen Kinder. Mein dreijähriger Sohn erkennt Jig auf Bildern so mühelos wie seine eigenen Verwandten auf Fotos. Wirklich, wenn mein Sohn wieder einmal versucht, an seiner älteren Schwester herumzukauen, frage ich mich manchmal, ob nicht ein bisschen Goblinblut durch seine Adern fließt.

Also nahm ich die Gelegenheit wahr, wieder mit meinen alten Goblinfreunden in Verbindung zu treten, indem ich sie eine kurze Einleitung zu jeder Geschichte schreiben ließ. Selbstverständlich durfte Jig dabei nicht fehlen. Ich lud auch Veka ein, die Möchtegern-Zauberin und -Heldin, und den Häuptling, die alte Grell. Einige ihrer Beiträge sind aufschlussreicher als andere – Goblins sind nicht die kritischsten Leser. Aber sie sind überaus amüsant.

Ich halte mich für einen sehr glücklichen Mann, weil ich etwas tun kann, das ich so sehr liebe. Danke, dass Sie mir die Gelegenheit geben, diese Geschichten mit Ihnen zu teilen.

Jim C. Hines
Juli 2008

Veka: Hat Hines diese Geschichte nicht seinem vier Monate alten Sohn gewidmet?

Grell: Man kann den Einfluss der Vaterschaft darin erkennen. Hines glaubt, er hat es schwer gehabt? Menschen sind solche Jammerlappen! Ich möchte ihn mal sehen, wie er sich um eine ganze Traglingskammer voller greinender Goblins kümmert! Besonders Jig! Hast du eine Ahnung, wie lange es gedauert hat, ihm beizubringen, sein Geschäft auf der Latrine zu verrichten?

Jig: Können wir bitte mit der Geschichte anfangen?

GOBLINSCHLAFLIED

Leg dich hin und gib fein Ruh,
mach beim Schlafen keinen Laut.
Weinst du, greinst du oder schnarchst du,
holen Tunnelkatzen deine Haut.

(Aus dem Goblinschlaflied: Schlafe, mein Krabbler, schlaf ein)

Die Trommeln begannen wieder zu schlagen, als Grell gerade das letzte Neugeborene in das übergroße hölzerne Kinderbett legte, im hinteren Teil der Traglingskammer. Sie biss die Zähne zusammen, als sie sah, wie sich das blaue Gesicht des Babygoblins protestierend runzelte. Mit einer Hand machte sie einen Zuckerknoten fertig: ein Stück hartes Honigkonfekt in einem zusammengeknoteten Tuch. In dem Moment, als sich der sabbernde Mund öffnete, schob sie den Zuckerknoten hinein. Das gewickelte Baby zuckte zusammen und schlug die Augen auf, doch der Zuckerknoten tat seine Wirkung: Statt zu schreien, begann es, sich zurück in den Schlaf zu lutschen … just als die anderen vierzehn Neugeborenen, die in das Bett gezwängt waren, unruhig wurden. Fünfzehn, wenn man den Winzling Jig mitzählte, der gegenwärtig in einer provisorischen Trageschlinge an Grells Brust hing. Normalerweise hätten die Goblins ihn an die Oberfläche gebracht und zum Sterben zurückgelassen; aber eine Traglingskammer-Arbeiterin namens Kralk hatte mit Grell um einen Monat Befreiung vom Windelwechseldienst gewettet, dass Jig nicht lange genug leben würde, um den nächsten Vollmond zu sehen. Seitdem ließ Grell den blassen, verschrumpelten Tragling keinen Moment lang aus den Augen.

»Dämliche Kriegstrommeln!«, brummte Grell. »Ebenso gut könnten sie einen Boten zum Feind schicken und schreien lassen: ›Haltet die Waffen bereit, denn ein Haufen Goblins schickt sich an, euch wie Idioten anzugreifen!‹« Sie durchquerte die Traglingskammer, nahm noch mehr Zuckerknoten aus den Regalen und steckte sie in die Taschen ihrer völlig fleckigen Schürze. Laternen auf dem Boden spendeten grünes Licht und erfüllten die Luft innerhalb der Höhlenwände aus Obsidian mit dem Duft von Pflanzenölen und destillierten Pilzsäften. Grell gab immer ein paar Pilze zum Schmodder hinzu, denn in den meisten Nächten schien der saure Geruch den Traglingen beim Schlafen zu helfen – heute jedoch nicht.

Kralk, die einzige andere sogenannte Erwachsene in der Traglingskammer, zuckte träge mit den Schultern. Schlecht sitzende Metallplatten klingelten leise an ihren Unterarmen. Zusammengeschusterte Rüstungsteile schützten auch ihre Beine vor den übereifrigen Attacken der Goblins, die dem Krabbleralter entwachsen waren und laufen konnten. »Die Krieger sagen, das Getrommel verleiht ihnen Stärke und verbreitet Furcht unter ihren Feinden.«

»Dieselben Krieger, die jedes Mal den ganzen Berg vollbluten, wenn eine neue Abenteurergruppe auf Queste kommt?«, blaffte Grell. Sie stieß Kralk mit dem Ende ihres Spazierstocks an die Schulter. »Geh dich um die Älteren kümmern, bevor sie völlig durchdrehen! Braf kriegt seine Erwachsenenfangzähne und kaut an allem herum, was sich bewegt.« Letzte Nacht hatte sie Braf dabei erwischt, wie er einen Fuß des Bettes angenagt hatte. Nur ein wohlplatzierter Schlag mit ihrem Spazierstock hatte ihn daran gehindert, sich ganz durchzubeißen.

Grell fing an, Zuckerknoten in die Münder der anderen Traglinge zu stecken. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich im Rhythmus der Kriegstrommeln bewegte, worüber sie sich nur noch mehr aufregte.

Seit drei Tagen schon kämpften die Goblins gegen die jüngste Abenteurergruppe. Drei Tage schreiender Traglinge und schlecht gelaunter Krabbler. Drei Tage, ohne eine Nacht vernünftig durchzuschlafen. Grell hatte Schlaf in den Augen, ihr schmerzten die Gelenke, und falls sie Kralk noch einmal dabei erwischen sollte, wie sie auf dem Eimer hockte und den Kleinen das Konfekt aus den Zuckerknoten weglutschte, dann würde sie ihr den Spazierstock durch die Kehle jagen.

Nein … Grell hatte eine bessere Idee. Sie steckte sich die restlichen Zuckerknoten in die Tasche, wandte sich vom Kinderbett ab und ging zur Tür, die aus der Traglingskammer führte. Die niedrige Holztür war die schwerste und stabilste Tür im ganzen Goblinlager, nicht aus Sorge um die Sicherheit des Nachwuchses, sondern um die Geräusche aus der Traglingskammer zu dämpfen.

»Wo gehst du hin?«, rief Kralk so laut, dass die wenigen Traglinge, die aufgehört hatten zu schreien, erschraken.

»Diesen Dummköpfen den Mund stopfen«, sagte Grell und schnappte sich eine Laterne. Sie legte sich eine Extradecke um die Schulter und band die Enden um Jigs Schlinge. Dann holte sie einen ordentlich geflickten Sack, streifte die Spinnweben von der Trageschlinge ab und steckte ein paar Lappen, einen frischen Milchschlauch und einen Beißstock hinein. Grell nahm ihren Spazierstock in die andere Hand, legte sich die Schlaufe über die Schulter und rückte Jigs Schlinge zurecht, um den Sack auszubalancieren. Ihr Rücken schmerzte so heftig, dass sie das Gesicht verzog.

»Warum lässt du Jig nicht hier?«, rief Kralk.

Grell spuckte aus. »Um einen Monat lang deinen Anteil an Ärschen abzuwischen, wenn ich zurückkomme und er ›unter mysteriösen Umständen‹ gestorben ist? Nein danke!« Sie schlug mit dem Stock gegen den Fels, was die Traglinge zu noch lauteren Schreikrämpfen aufstachelte. Der liebliche Klang von Kralks Verwünschungen folgte ihr, als sie in den Stollen schlüpfte, der zur Haupthöhle führte.

Niemand hielt Grell auf ihrem Weg durch das Lager und aus dem Berg hinaus auf. Sie konnte sich leise bewegen, wenn sie es wollte, und die meisten Krieger waren damit beschäftigt, sich abschlachten zu lassen. Als sie den abbröckelnden Überhang erreichte, wo das Goblinlager an den Rest der Welt grenzte, löschte sie die Laterne und versteckte sie hinter einem kleinen Busch. Die Sonne war im Aufgehen begriffen, färbte den Himmel rosa und trieb ihr die Tränen in die Augen.

Sie zog die Decke fester um sich und Jig. Der Winzling erzeugte nicht einmal so viel Wärme, dass er ihr geholfen hätte, die Kälte der Morgenluft abzuwehren. Seine triefenden gelben Augen hatte er wegen der Sonne zugekniffen, doch abgesehen von dem schmatzenden Lutschen am Zuckerknoten gab er keinen Laut von sich. »Kluges Baby«, murmelte Grell. »Mit dir ist es angenehmer als mit Kralk, so viel steht fest.«

Der Wind peitschte durch verkümmerte Kiefern und überschüttete sie beide mit braunen Nadeln. Jig nieste, spuckte den Zuckerknoten auf seinen Bauch und ließ einen Sprühregen aus Speichel und anderen unappetitlichen Dingen über Grell niedergehen. Grell stopfte Jig den Knoten wieder in den Mund und ging bergab auf den Ursprung der Trommelschläge zu.

Der Trommler war nicht schwer zu finden: Er stand am Rand eines Felsgesimses und beobachtete den Kampf unter sich. Grell wartete zwischen den Bäumen, vergewisserte sich, dass er allein war, und zog dann ein Messer aus ihrem Gürtel. Sie legte ihren Stock auf dem Fels ab. Alles, was es brauchte, war ein schneller Stoß … entweder in die Trommel oder den Trommler, das hatte sie noch nicht entschieden. Sie warf einen flüchtigen Blick nach unten, um sich zu vergewissern, dass Jig noch zufrieden war, und humpelte dann leise ins Freie.

Als sie fast in Reichweite war, geschahen drei Dinge. Ein Pfeil zischte durch die Luft … und durchbohrte zunächst die Trommel und dann den Goblin. Eine große, geschmeidige Gestalt, die bereits einen neuen Pfeil auf der Sehne ihres Langbogens hatte, ließ sich aus den Bäumen neben der Lichtung fallen. Und Tragling Jig spuckte seinen Zuckerknoten in den Dreck und fing an zu schreien.

Grell reagierte ohne nachzudenken: Sie nahm Jig aus seiner Schlinge und hielt ihn zwischen sich und den Bogenschützen.

»Lass das Messer fallen!«

Bei der Plötzlichkeit, mit der der Angriff erfolgt war, hatte sie ihr Messer ganz vergessen. Es war ein Wunder, dass sie das Baby nicht erstochen hatte. Ohne Jig loszulassen, öffnete sie die Finger so weit, dass das Messer scheppernd auf den Fels fiel.

Vom Kampf unten drangen Schreie zu ihnen hoch. Der Bogenschütze fuhr herum, schoss und zog einen neuen Pfeil – das alles, bevor Grell auch nur daran denken konnte, ihn von dem Felsvorsprung zu stoßen. Die hölzernen Schuppen seines Brustpanzers klapperten leicht. Das blanke Holz wirkte dünn und zerbrechlich in Grells Augen, aber kein Goblin erreichte ihr Alter, ohne ein paar Dinge zu lernen. Das war Elbenrüstung, magisch gehärtet, sodass sie widerstandsfähiger und leichter als Stahl war. Elben hatten einen richtigen Fimmel, was Bäume und Holz anging.

»Du würdest dein Kind auf das Feld der Schlacht tragen?«, fragte der Elb.

Grell legte den greinenden, strampelnden Tragling wieder in seine Schlinge. Jig war sowieso zu kümmerlich, um einen Pfeil aufzuhalten. »Er ist nicht meiner«, sagte sie. Richtig … die meisten Oberflächenbewohner behielten die Kinder, die sie zur Welt brachten, und zogen sie groß. Dieses Vorgehen schien Grell furchtbar ineffizient zu sein.

»Ich habe noch nie einen Goblinsäugling gesehen«, sagte der Elb und trat näher.

»Hast du etwa gedacht, Goblins entspringen ausgewachsen den Felsen, um sich von euch abschlachten zu lassen?« Sie steckte Jig einen Fingerknöchel in den Mund, damit er daran lutschen konnte. Seine Babyfangzähne fingen gerade an, sein Zahnfleisch zu durchstoßen, aber der Schmerz in Grells Finger war immer noch besser, als Jigs Geschrei zu ertragen.

»Wir haben niemanden abgeschlachtet.« Die Stimme kam von unterhalb des Felsvorsprungs. Der Elb entspannte seinen Bogen, kniete sich hin und zog seinen Gefährten auf das Gesims hoch. »Ihr Goblins habt uns angegriffen. Wir haben uns verteidigt.«

Grell ging zum Rand und betrachtete den Wald zu ihren Füßen. Goblinblut verlieh dem Erdboden einen schauerlichen blauen Farbton; Elben liefen im Zickzack zwischen den Bäumen umher und verursachten keinen Laut bis auf das Schwirren von Bogensehnen und das knirschende Geräusch von Klingen, die Goblinrüstung und Goblinfleisch spalteten. »Euch verteidigt? Warum verteidigt ihr euch nächstes Mal nicht drüben in den Hobgoblinstollen, statt euch auf unser Land zu schleichen?«

Der Bogenschütze fiel seinem Gefährten in den Arm. »Sie ist eine alte Frau, Jonathan. Mit einem Kind.«

»Sie ist eine Goblin, Rindar!« Dennoch entspannte er sich etwas. Er war massiger als sein Gefährte, und die Mähne roter Haare bedeutete, dass er kein Elb war. Rote Stoppeln sprenkelten sein Kinn, wenn er auch zu jung war, um sich einen richtigen Bart stehen zu lassen. Er trug ein schweres Kettenhemd mit einem grünen Wappenrock, auf dem ein weißer Drache, der sich um einen Baum wand, dargestellt war. »Wenn wir sie am Leben lassen, wird sie einen neuen Angriff gegen uns führen.«

Grell verpasste der Leiche des Goblintrommlers einen Fußtritt. »Wenn ihr mich am Leben lasst, werde ich zurück in die Traglingskammer gehen und ein bisschen schlafen.«

»Ich werde nicht das Risiko eingehen, dich laufen zu lassen«, erklärte Jonathan. »Nicht, ehe meine Queste beendet ist.«

Grell verdrehte die Augen. »Was ist bloß los mit euch Menschen und euren Questen? Letzten Monat war es dieser Ritter, der einen Drachen jagen wollte. Davor war es der Zauberer und diese kleinen Burschen. Aber egal wie wichtig diese dämlichen Questen auch sein mögen – um unterwegs anzuhalten und Goblins umzubringen ist immer noch Zeit.«

Jonathan starrte sie wütend an. »Du hast Glück, dass meine Ehre mir verbietet, Frauen und Kinder zu töten, Goblin!«

Das musste Grell sich merken. Nächstes Mal würden sie eine reine Frauentruppe aussenden, um die Abenteurer aus dem Hinterhalt zu überfallen.

»Wir werden euren Berg schon bald verlassen«, fuhr Jonathan fort. »Sobald wir die Steinhexe gerettet haben, können wir mithilfe ihrer Macht meinen Onkel Wendel stürzen, und ich werde meinen rechtmäßigen …«

»Die Steinhexe?«, fragte Grell. Jig begann wieder zu zappeln. Sie schaukelte ihn ein wenig hin und her, aber er hörte nicht auf zu treten und zu kratzen. Warum mussten Traglingsklauen so verdammt spitz sein? Sie bekam eine seiner winzigen Hände zu fassen und fing an, die Spitzen der schwarzen Nägel abzubeißen, während Jig sich in der Schlinge wand.

Jonathan zog sein Schwert und drehte das Heft in der Hand herum, bis die Klinge das Sonnenlicht zurückwarf. »Dieses Schwert gehörte ihrem Geliebten, dem großen Ritter Gregor Williamson.« Für ein magisches Artefakt war es nicht sonderlich beeindruckend: schmuckloser, einschneidiger Stahl mit einem lederumwickelten Heft; die Parierstange bestand aus getriebenem Messing. »Es ist der Schlüssel dazu, dem Fluch zu widerstehen, der über die Hexe von ihrem verräterischen Bruder verhängt wurde, dem Hexenmeister von Silbertal. Viele Jahre habe ich nach dieser Klinge gesucht, während ich in den tiefsten Wäldern mit den Elben gelebt habe.«

Grell spuckte ein Stückchen Klaue auf den Fels. »Viele Jahre?« Sie war keine Expertin für Menschen, aber sie schätzte den Prinzen auf nicht älter als vierzehn oder fünfzehn.

Jonathans Gesicht verfinsterte sich, doch er sprach weiter. »Auch nach all diesen Jahrhunderten ist die Klinge auf magische Weise scharf geblieben, ein Artefakt von großer Macht. Mit dieser Klinge werde ich die Freiheit meines …«

An diesem Punkt unterbrach Tragling Jig Jonathans Vortrag. Mit einem Geräusch, das von einem doppelt so großen Goblin hätte stammen können, füllte Jig seine Windel.

»Ekelhaft!«, entrüstete sich Jonathan und wich zurück.

»Womit fütterst du ihn?«, fragte Rindar, der Elb. Er rümpfte zwar die Nase, wirkte aber weniger entsetzt als sein menschlicher Gefährte.

»Milch, verdünnt mit dem Blut von dem, was wir am gleichen Tag gerade getötet haben«, antwortete Grell. Sie legte Jig auf den Boden und löste die Knoten, die seine Windel zusammenhielten. Mit der Effizienz langjähriger Erfahrung wischte sie ihn ab, verknotete eine Ersatzwindel zwischen seinen strampelnden Beinen und trug die beschmutzte Windel zum Rand des Gesimses. Sie hielt sie an einem Zipfel fest und schüttelte sie über dem Berghang aus; der Inhalt verfehlte nur knapp einen Elbenkrieger. Anschließend knüllte sie die Windel zu einem Ball zusammen und stopfte sie wieder in ihren Sack. Wenn sie nach Hause kam, könnte Kralk die Windel waschen.

Jonathan gaffte Grell noch immer entsetzt an. Er zeigte mit dem Schwert auf sie. »An deiner Hand …«

Grell sah nach unten und wischte sich dann die beschmutzte Hand an der Schürze ab. Sabber tropfte von Jigs Kinn, als er sie angrinste und dabei kleine weiße Fangzähne an den blauen Auswüchsen seines Zahnfleischs entblößte.

»Wenn ich euch zum Grab der Hexe bringe, werdet ihr dann verschwinden?«, fragte Grell.

Sie sahen sie verblüfft an. »Du kannst uns sagen, wo die Hexe eingesperrt ist?«, fragte der Elb.

Grell zeigte auf die Goblinleichen, die unterhalb des Felsens lagen. »Genau wie jeder von denen es gekonnt hätte, wenn ihr euch die Mühe gemacht hättet zu fragen.« Sie ließ Jig wieder in die Schlinge plumpsen und rückte die Riemen zurecht. Sie freute sich nicht auf diese Wanderung; Rücken und Schultern taten ihr jetzt schon weh, und ihr Knie knackte bei jedem Schritt. »Reicht mir meinen Stock! Es sei denn, eure noble Queste erfordert es, vorher noch eine weitere Goblinpatrouille auszulöschen?«

Silberne Elritzen flitzten von Grells Spazierstock weg, als sie einen seichten Bach hochwatete. Algen und anderer Pflanzenglibber machten das Gehen zu einer tückischen Angelegenheit; bei jedem Schritt wirbelte Schlamm vom Grund auf. Sie war schon jahrelang nicht mehr zum Grab der Hexe gewandert. War der Weg schon immer so steil gewesen?

»Jonathan wird ein großer Herrscher sein«, sagte Rindar, der neben ihr herging. Jonathan folgte ihnen mit einigen Schritt Abstand, das Schwert in der Hand, und suchte den Berghang nach potenziellen Goblin-Angreifern ab. Die anderen Elben bildeten die Nachhut, still wie Gespenster.

Wie seine spitzohrigen Gefährten zeigte auch Rindar keine Spuren von Müdigkeit oder körperlichen Beschwerden. Blöde Elben.

»Ich habe mein Möglichstes getan, um ihn Weisheit und Frieden zu lehren«, sprach Rindar weiter, »obschon er immer noch mit seinen Leidenschaften ringt. Sein Onkel Wendel befahl, ihn hinzurichten, als er kaum älter als das Kind war, das du trägst. Jonathan war der rechtmäßige Thronerbe, das einzige Hindernis für Wendels Macht. Nur das Schicksal rettete ihn. Mein Vetter war an diesem Tag im Palast; er diente als Abgesandter bei den Menschen. Zufällig hörte er das Gespräch und fasste den Plan, Jonathan zu retten. Als Wendels Diener kam, um das Kind zu holen, zauberte er es fort in den Süden, wo wir …«

»Warum hat Wendel dem Jungen nicht einfach die Kehle durchgeschnitten?«, fragte Grell. »Warum einen Diener damit betrauen?«

»Was?« Rindar blinzelte sie verständnislos an und verschaffte Grell einen Moment der Befriedigung. Wie viele Goblins konnten von sich behaupten, die Gelassenheit eines Elben erschüttert zu haben?

Bevor sie antworten konnte, blieb Rindar unvermittelt stehen. Mit einer Hand packte er Grells Arm und zwang sie zum Anhalten. Er hob die andere Hand, die Finger zur Faust geballt.

Grell stellte die Ohren auf. Jetzt hörte sie es auch: Das Klappern von Kieselsteinen weiter oben am Berg und ein schwaches Wispern.

»Was gibt’s, Rindar?«, fragte Jonathan. Diese kümmerlichen runden Ohren waren wirklich so nutzlos, wie sie aussahen.

»Ein Hinterhalt«, flüsterte der Elb.

»Die Goblin hat uns in eine Falle gelockt!« Jonathan kam mit erhobenem Schwert auf Grell zu, aber Rindar schüttelte den Kopf.

»Denk nach, Majestät! Goblins sind nicht bekannt für so sorgfältig geplante Hinterhalte. Ich warnte dich, als du dieses Schwert fandest, dass sein Tragen Gefahren mit sich bringt. Die Magie in dieser Klinge …«

»… kann von jedem aufgespürt werden, der die geeigneten Fähigkeiten und die entsprechende Macht besitzt«, beendete Jonathan den Satz und klang verärgert. »Ja, ich weiß.«

»Wie weit ist es noch bis zum Grab der Steinhexe?«, fragte Rindar.

»Nicht mehr weit.« Grells Beine schmerzten höllisch; obendrein hatte das kalte Wasser ihre Sandalen durchtränkt und ihre Füße betäubt.

»Es wird ihnen Schwierigkeiten bereiten, unseren genauen Standort auszumachen«, sagte Rindar. »Wir sollten immer noch in der Lage sein, die Steinhexe zu retten, bevor Wendels Späher uns entdecken, solange wir uns schnell und geräuschlos bewegen.«

Jig hatte Schluckauf im Schlaf und schlug mit dem Kopf gegen Grells Brust. Er öffnete blinzelnd die Augen. Grell kramte nach einem Zuckerknoten, aber sie war nicht schnell genug. Da Jig Hunger hatte und ihm kalt war, machte er den Mund auf und schrie.

Hörner ertönten. Sie hörte Männer zwischen den Bäumen umherlaufen und rufen. Sie legte die Ohren an. Erst die Trommeln, jetzt Hörner – konnte denn niemand eine leise Schlacht austragen?

»Führt sie weg!«, bellte Rindar. Augenblicklich sprangen die anderen Elben aus dem Bach und verteilten sich zwischen den Bäumen zu beiden Seiten. Rindar packte Jonathan am Arm. »Sie sind in der Überzahl. Wir müssen zu der Hexe gelangen!«

Die Elben hatten bereits ihre Bogen gespannt und schossen auf Ziele, die sie nur hören konnten, während sie im Wald verschwanden. Angeber.

»Kommt!«, sagte Rindar.

Endlich förderte Grell einen Zuckerknoten aus ihrem Sack zutage. Er war mit Dreck und Fusseln überzogen, aber die meisten Goblins aßen an manchen Tagen Schlimmeres. Sie würde bald Halt machen und Jig füttern müssen, doch das hier würde ihn hoffentlich ruhigstellen, bis sie das Grab erreichten. Oder bis Wendels Armee sie umbrachte.

Grell legte beide Hände auf ihren Spazierstock und ließ so viel von ihrem Gewicht darauf ruhen, wie sie konnte, ohne das Holz zu zerbrechen. »Dort«, sagte sie. »Die gezackte Spalte hinter der umgestürzten Kiefer.«

Sie folgte ihnen zu dem Eingang. Die Kiefer war doppelt so dick wie ein Goblin (und manche Goblins konnten echt dick werden). Sie bückte sich und zwängte sich durch die Stelle, wo Generationen von Goblins die kleineren Äste weggebrochen hatten. Innen verblasste das Sonnenlicht und wich einem rosafarbenen Schein, der von der anderen Seite der Höhle kam. Überall auf dem Boden lagen Insekten herum, reglos und anscheinend tot. Etwas weiter weg lag ein junger Hirsch, dessen Nase fast einen Haufen verstreuter Beeren berührte.

Jonathan schlug mit seinem Schwert nach dem umgestürzten Baum. Die verzauberte Klinge schnitt durch das Geäst, als sei es nichts als Dunst.

»Dort ist die Hexe«, sagte Grell und zeigte auf den hinteren Teil der Höhle. Eine Reihe von Felsbrocken versperrte den Blick auf das Grab. Mehr als ein Goblin hatte versucht herauszufinden, was dort verborgen lag, aber der Fluch der Hexe war zu mächtig. Einen einzigen Schritt in die Höhle konnte man gefahrlos machen. Beim zweiten hatte man das Gefühl, seit Tagen nicht mehr geschlafen zu haben. Ein dritter Schritt, und alle Kriegstrommeln der Welt konnten einen nicht mehr wach kriegen.

Grell gähnte. Erschöpft wie sie war, erschien ihr das Schicksal der Steinhexe ausgesprochen verführerisch.

»Erinnerst du dich noch an die Zauberformel, die ich dich gelehrt habe?«, fragte Rindar.

»Ich erinnere mich«, sagte Jonathan und umklammerte sein Schwert.

Rindar drückte Jonathans Arm, und für einen Moment ließ ein stolzes Lächeln die harten Gesichtszüge des Elben weich werden. »Dies ist dein Augenblick. Die Goblin und ich können nicht weitergehen.« Er zeigte auf den Hirsch. »Ohne das Schwert würden wir das Schicksal dieser bedauernswerten Kreatur teilen.« Er besah sich den Hirsch genauer und runzelte die Stirn. »Diese Beeren sind frisch. Jemand anders war hier.«

»Sie sind reingeworfen worden«, sagte Grell. Jig fing wieder an, unruhig zu werden, und es roch, als hätte er die Windel erneut voll. Sie ließ ihren Sack fallen, setzte sich ächzend hin und nahm Jig aus seiner Schlinge.

»Wieso?«, fragte Jonathan.

»Weil Hirsche Beeren mögen.« Er wirkte immer noch verwirrt. Das war der zukünftige Anführer der Menschen? »Die Hirsche kommen in die Höhle. Der Fluch schläfert sie ein. Die Goblins schauen alle paar Tage vorbei und ziehen die Hirsche mit Seilen und Stangen raus. Die Tiere sind normalerweise benommen, wenn sie aufwachen, sodass genug Zeit ist, ihnen die Kehle durchzuschneiden.«

Rindars linkes Auge zuckte. Grell konnte nicht sagen, ob er ärgerlich war oder sich das Lachen verkneifen musste. »Ein Fluch, verhängt von einem der mächtigsten Hexenmeister, die je über dieser Erde Antlitz gewandelt sind, und ihr Goblins macht ihn euch zunutze, um … Hirsche zu jagen?«

»Hirsche, Kaninchen, Eichhörnchen. Manchmal schleichen sich Wölfe oder Kojoten herein, um die anderen Tiere zu fressen. Einmal hat eine Bärenfamilie versucht, hier ihren Winterschlaf zu halten. Das waren gute Tage.« Sie schüttelte eine Blase, um die Milch und das Schlangenblut darin gründlich zu vermischen, während Jig Theater machte.

Sie entfernte den Stöpsel und steckte ihm das Ende zwischen die Lippen. Der gebogene Hals der Blase erlaubte es ihr, kleine, abgemessene Schlucke in seinen Mund zu drücken.

Wieder blies ein Horn. Jig erschrak, und blutige Milch tropfte ihm auf Kinn und Brust. Den Rest hustete er Grell ins Gesicht.

»Sie kommen näher«, sagte Rindar. Er zog sein Schwert und schlüpfte aus der Höhle. »Mach schnell, Majestät!« Lautlos verschwand er.

Jig wimmerte, und Grell stieß ihm wieder das Ende der Blase in den Mund. Jonathan hielt sein Schwert in beiden Händen und bewegte sich mit langsamen, gemessenen Schritten auf den rückwärtigen Teil der Höhle zu.

»Ein Leben lang habe ich auf diesen Augenblick gewartet!«, flüsterte er. »Ein Leben lang habe ich die Ungerechtigkeiten meines Onkels ertragen, verbannt in den Elbenwäldern, außerstande, mit anderen Menschen zu sprechen aus Furcht, entdeckt zu werden. Aber das ist jetzt vorbei! Endlich werde ich in die Nordlande zurückkehren und mein Anrecht auf den Thron geltend machen!«

Er blieb stehen und warf einen Blick auf das Licht, das durch den Eingang fiel, und dann auf das Schwert in seinen Händen. Als er wieder sprach, war seine Stimme so leise, dass ein anderer Mensch sie vermutlich nicht gehört hätte. »Und ich werde das einzige Zuhause verlassen, dass ich jemals gekannt habe.«

Jig würgte und hustete. Grell riss den Schlauch weg und setzte ihn aufrecht hin, woraufhin er dazu überging, sich zu übergeben. »Du hast doch kaum was getrunken!«, stöhnte Grell und wischte sich den warmen, feuchten Schlamassel vom Bein. »Wie kann dieser verkümmerte kleine Körper so viel mehr hervorbringen, als er aufnimmt?«

Jonathan holte tief Luft und ging weiter. Rosa Licht warf unheimliche Schatten auf sein Gesicht, als er an den Felsen vorbeischritt. »Rindar hat mir nie gesagt, dass sie so schön sein würde!«

Grell schnaubte verächtlich. »Hörst du denn deinen eigenen Barden nicht zu? Nenn mir ein Lied, wo der Held eine hässliche Maid rettet!«

»Halt die Klappe, Goblin!«

Grell zuckte die Achseln und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder Jig, der, dem Geruch nach zu urteilen, ihre Worte als persönliche Herausforderung gewertet hatte zu erproben, wie viel mehr genau sein kleiner Körper von sich geben konnte. Sie wartete, um sicherzugehen, dass er auch fertig war, und setzte ihn dann so auf den Boden, dass sein Kopf gegen ihr Bein lehnte. Während sie den Milchschlauch in einer Hand hielt, löste sie mit der anderen die leckende Windel, wischte den ärgsten Schmutz ab und knüllte die ganze Angelegenheit zu einem matschigen Ball zusammen.

Draußen, in einiger Entfernung, hörte sie die Elben und Menschen kämpfen. Anhand vereinzelter Schreie in der näheren Umgebung konnte sie Rindars Fortkommen verfolgen, als er die Übrigen von der Höhle wegführte.

Mit einem letzten Blick auf den Eingang hob Jonathan das Schwert. »Erhebt Euch, Mylady! Ich halte das Schwert von Gregor Williamson in meinen Händen. Bei der Liebe und Macht, die in diesem alten Stahl eingefasst sind, befehle ich Euch aufzuwachen!« Das Licht im hinteren Teil der Höhle wurde heller und nahm die Farbe menschlichen Blutes an.

Die Hörner bliesen wieder. Grells Schultern strafften sich. »Wie lang noch?«, fragte sie.

»Bald«, sagte Jonathan. »Bald werde ich anfangen, Vergeltung zu üben für die Ungerechtigkeiten –«

»Und dann verschwindest du?«, fragte Grell.

»Du weißt nichts über Krieg, Goblin.« Schwer atmend trat Jonathan einen Schritt zurück. Schweiß tropfte von seinem Gesicht. Offensichtlich war das Brechen alter Flüche harte Arbeit. »Die Elben sind zu wenige, um sich hier gegen Wendel zu behaupten. Wir werden uns in die Sicherheit des Elbenwaldes zurückziehen. Die Steinhexe wird Zeit brauchen, um ihre vollen Kräfte wiederzuerlangen. Wir werden wieder und wieder zuschlagen und die Stärke meines Onkels untergraben, bis wir …«

»Der Elbenwald?«, wiederholte Grell. »Der ist südlich von hier, richtig?«

»Das stimmt. Wir werden …«

»Und dieser Wendel-Typ. Sein Land liegt nördlich von hier?«

Jonathan nickte ungeduldig. »Während die Stärke der Hexe zunimmt, wird die von Wendel schwinden, und …«

»Und wir werden in der Mitte von eurem dämlichen Krieg feststecken«, sprach Grell für ihn zu Ende. Der Goblinhäuptling würde bestimmt Patrouillen ausschicken, um beide Seiten aus dem Hinterhalt zu überfallen. Goblins hatten eine lange, stolze Tradition des Plünderns von Schlachtfeldern und Besiegens von Feinden, die zu übel zugerichtet waren, um sich noch wehren zu können. Und die ganze Zeit über würden die Goblins diese vermaledeiten Trommeln schlagen und die Menschen ihre Hörner blasen, und alle würden sie schreien und lärmen, weil keiner den Anstand besitzen würde, leise zu sterben.

»Hast du mir etwas zu sagen, Goblin?« Jonathan richtete sein Schwert auf sie. »Sprich, wenn du denn musst!«

»Willst du Wendels Thron?«, fragte Grell genervt.

Jonathan machte große Augen. »Das Blut meines Vaters braust wie Feuer durch meine Adern und schreit nach Gerechtigkeit. Die Schreie meiner sterbenden Mutter hallen in meinen Träumen wider und fordern …«

»Willst du ihn?«, fragte sie noch einmal. Jonathans Kiefer mahlte, aber er sagte nichts. Grell verdrehte die Augen. »Geh nach Hause, Junge.«

»Du weißt nichts von Ehre oder Gerechtigkeit, Goblin!« Jonathan schloss die Augen und hob erneut sein Schwert.

»Ich kenne mich mit Kindern aus«, sagte Grell. »Geh heim und lass uns Übrige ein bisschen schlafen.«

Jonathan fuhr mit hochrotem Kopf herum. »Hüte deine Zunge, Goblin, oder ich könnte mich daran erinnern, dass du nicht mehr von Nutzen für mich bist!«

»Ich dachte, ehrenhafte Männer töten keine Frauen und Kinder«, sagte Grell.

»Du bist eine Goblin. Du würdest dich zu guter Letzt sowieso gegen mich wenden, und ich wäre gezwungen, dich zu erschlagen.« Jonathan schickte sich an, mit hoch erhobenem Schwert um das Grab der Steinhexe herum und auf sie zuzugehen.

Er hatte erst einen einzigen Schritt gemacht, als Grell die zusammengeknüllte Windel packte und nach ihm schleuderte.

Mit den Reflexen eines von Elben ausgebildeten Kriegers bewegte der Prinz sich instinktiv, um das Wurfgeschoss mit seinem Schwert abzublocken … seinem verzauberten Schwert mit der übernatürlich scharfen Schneide. Die Klinge durchtrennte die Windel sauber und glatt, und der Inhalt ergoss sich über Jonathans Hals, Brust und Arme.

Grell hatte noch nie einen derartigen Ausdruck des Ekels und Entsetzens gesehen. Mehrere Herzschläge lang stand Jonathan wie erstarrt da. Dann fing er an zu schreien und sich den Wappenrock vom Körper zu reißen. Das Schwert fiel klirrend zu Boden, während er verzweifelt versuchte, sich den Wappenrock über den Kopf zu ziehen, ohne dabei mit den beschmutzten Stellen in Berührung zu kommen.

Es blieb ihm keine Zeit, seinen Fehler zu erkennen. Den Wappenrock noch teilweise über dem Gesicht, kippte Jonathan um und landete schlafend auf dem Boden.

»Was für ein Jammer!«, sagte Grell. Der Körper des Möchtegernprinzen war hinter die Felsen gefallen. »Eine schöne Mahlzeit – vergeudet.«

Grell fand Rindar im Nahkampf mit zwei Menschenspähern vor. Aus irgendeinem Grund war der Elb wieder dazu übergegangen, Pfeil und Bogen zu benutzen, wohingegen die Menschen mit Kurzschwertern nach ihm stießen. Rindar wand sich und hüpfte und wich Ausfall um Ausfall aus, bis einer der Menschen strauchelte. Schneller, als Grell es verfolgen konnte, zog und schoss Rindar. Der Pfeil bohrte sich durch beide Männer, die auf dem Boden zusammenbrachen.

Elben waren solche Angeber! Grell humpelte näher heran und schlug dabei mit ihrem Spazierstock an die Felsen, um sicherzustellen, dass er sie hörte.

»Was ist passiert?«, fragte Rindar. »Ist Jonathan –«

»Als er mit seiner Beschwörung halb durch war, hat er das Schwert fallen lassen.«

Der Laut, der Rindars offenem Mund entschlüpfte, lag irgendwo zwischen Lachen und Husten. »Wie?«

Grell zuckte die Schultern. »Ich war zu dem Zeitpunkt mit einer leckenden Windel beschäftigt. Vielleicht hat der Hexenmeister einen zweiten Fluch platziert, um jeden eventuellen Retter eines Besseren zu belehren. Vielleicht waren seine Hände verschwitzt, und es ist ihm aus den Fingern gerutscht. Vielleicht wollte er auch nur kein König sein. Woher soll ich das wissen?«

Aus Rindars unbewegtem Gesicht war das letzte bisschen Farbe gewichen. »Jonathan … das Schwert … können wir es herausholen?«

»Er stand hinter dem Grab, als er umkippte.« Sie stützte sich auf ihren Spazierstock und schaukelte mit der freien Hand Jig in seiner Schlinge.

Rindar streifte sich den Bogen über die Schulter. Er sah aus, als würde er jeden Moment umfallen. »Ich hätte ihn nicht verlassen dürfen!«, flüsterte er.

»Du hast doch gesagt, er war der letzte Erbe für diesen Thron, richtig?«, fragte Grell.

Rindar nickte.

»Dann wäre sein Onkel jetzt also der rechtmäßige Herrscher?«

Erneut ein schwerfälliges, niedergeschmettertes Nicken.

»Was bedeutet, dass es wirklich keinen Grund mehr für die ganze Kämpferei gibt?«

Rindar bewegte sich langsam, wie ein Mann unter Wasser, und nahm eine Silberkette ab, die er um den Hals trug. Am Ende der Kette hing eine lange, goldene Pfeife. Der hohe, durchdringende Laut genügte vollauf, um Jig wieder zum Schreien zu bringen.

»Ich habe ihn im Stich gelassen«, flüsterte Rindar. Grell war bereits auf dem Rückweg zur Höhle und hatte die Ohren gegen Jigs Schreien angelegt. Wenn dieser Elbennarr weiter so einsam und verlassen herumstand, würde er ein leichtes Ziel für Wendel und seine Menschensoldaten abgeben. Was Grell betraf, so würde sie auf gar keinen Fall zurück ins Lager wandern, solange Menschen und Elben auf dem Berg herumrannten. Und Goblins, sobald sie eine neue Trommel organisiert hatten. Sie konnte bis morgen warten, bis die Elben sich zurückgezogen hätten und die Lage entspannt wäre.

Sie kehrte zur Hexenhöhle zurück, wo sie ihren Sack ausleerte und den noch immer heulenden Jig hineinlegte. Sie unterdrückte ein Gähnen, während sie die Schlaufe um das Ende ihres Spazierstocks schlang. Mit beiden Händen hob sie den Sack tiefer in die Höhle, bis Jigs Geschrei sich legte.

Nachdem das erledigt war, raffte sie die herabgefallenen Zweige vor dem Höhleneingang auf und legte sie neben sich hin. Sie rollte einen sauberen Lappen zu einem Bündel zusammen, schob es sich unter den Kopf und schloss die Augen. Die Holzstücke würden verhindern, dass sie in die Höhle rollte und dem Zauberbann erlag. Steine gruben sich ihr in den Rücken, und das rosa Licht aus dem hinteren Teil der Höhle war ein bisschen störend, ganz abgesehen von der kieferndufthaltigen Brise, die zum Eingang hereinwehte.

Aber zum ersten Mal seit Tagen unterbrachen weder Hörner noch Trommeln noch schreiende Kinder ihre Ruhe.

Originaltitel: Goblin Lullaby
Ins Deutsche übertragen von Axel Franken

Jig: Ist es zu spät, diese Geschichte aus dem Buch herausnehmen zu lassen? Es war peinlich, und ich will nicht darüber reden. Blöde Gespenster!

Veka: Es war ja wohl deine eigene Schuld! Was hast du dir bloß dabei gedacht, mit einem fremden Zauberstab in deinem …

Jig: Ich hab gesagt, ich will nicht darüber reden!

OHRENSAUSEN

Jig lutschte die letzten Tropfen Echsenfischsaft vom Stock ab. Noch ein paar solcher Tage, und er wäre so hungrig, dass er seinen eigenen Arm essen würde.

Er war selbst schuld, weil er Lurok nichts von dem Aaswurm in dessen Nachttopf erzählt hatte. Jig war zwar nicht der einzige Goblin, der den langen, segmentierten Aasfresser in den Topf hatte klettern sehen; er war nur der kleinste und daher das leichteste Ziel für Luroks Zorn.

Wenn Lurok ihn weiterhin von den Mahlzeiten wegjagte, dann würde Jig noch kleiner werden. Die Fleischfasern, die er von weggeworfenen Bratspießen ergatterte, reichten kaum, um ihn am Leben zu halten.

Jig führte sich das saubere Ende des Bratspießes ins Ohr. Lurok hatte heute Morgen einen Dreckklumpen nach ihm geworfen, und etwas davon war darin stecken geblieben.

Endlich.

Die Stimme kam aus seinem Ohr. Jig jaulte auf und schlug sich dann die freie Hand vor den Mund. Eigentlich sollte er hier in der Dunkelheit der alten Lagerhöhle sicher sein, aber wenn Lurok herausfand, wo er sich versteckt hielt …

Jig drückte den Stock fester hinein und wackelte damit herum. Der Druck in seinem Ohr war schlimmer geworden, als dehne sich der Dreck aus.

Lass mich frei!

Jig fuhr zusammen. Der Stock zerbrach. Und eine Flut grünen Lichts nahm die Gestalt einer leuchtenden Menschenfrau an.

Sie machte einen Buckel wie eine Tunnelkatze. »Endlich errettet aus ewiger Gefangenschaft –« Sie entdeckte Jig, und ihre Stimme wurde zu einem Kreischen. »Von einem verfluchten Goblin?«

»Es war ein Unfall!« Jig steckte den zerbrochenen Stock in seinen Gürtel und wich zurück.

Die Frau war groß und schlank und trug eine schwere Robe, um deren Ärmelaufschläge seltsame schemenhafte Schriftzeichen liefen. Wenn sie sich bewegte, schlug sie kleine Wellen wie eine lebende Pfütze. Jigs Sehvermögen war schon immer schwach gewesen, aber die verschwommenen Umrisse ihres Körpers verursachten ihm Kopfweh.

»Ich bin immer noch in diesem schrecklichen Berg, nicht wahr?«, fragte sie. »Wer bist du, und wie hast du meinen Zauberstab gefunden?«

»Jig.« Er warf einen schnellen Blick auf den schweren, nach Moder riechenden Vorhang, der über dem Höhleneingang hing. Im Lichtschein, der von der Frau ausging, war der Schaden, den Schimmel und Wasser daran angerichtet hatten, deutlich zu sehen. Wäre Jig sicherer dort draußen bei den Goblins oder hier drin bei dem leuchtenden Menschen?

Sein Gürtel zuckte. Der zerbrochene Stock flog hoch und die Stücke blieben vor der Frau schweben.

»Du hast ihn zerbrochen?« Sie streckte die Hand aus, doch ihre Finger glitten durch die Holzstücke hindurch. »Du Idiot! Ich brauchte diesen Zauberstab, um den Fluch zu brechen!«

Jig seufzte. Natürlich gab es einen Fluch. Es gab immer einen Fluch. Bevor er antworten konnte, riss eine große blaue Hand den Vorhang zur Seite. »Ha! Wusste ich doch, dass ich Stimmen gehört habe!« Lurok betrat die Höhle. Lurok war ein echter Goblinkrieger: Seine blaue Haut spannte sich straff über den langen, strangartigen Muskeln; die Spitze eines Ohrs war vom Kampf mit einem Oger zerrissen; seine Fangzähne krümmten sich so weit nach oben, dass sie fast seine Augen berührten. »Ich werd dich lehren, abzuhauen wie ein – Was im Namen des haarigen Drachenarschs ist das?«

Jig machte sich nicht die Mühe, den anderen Goblin daran zu erinnern, dass Drachen keine Haare hatten, nur Schuppen.

»Ein Mädchen!«, stellte Lurok fest. »Ein Menschenmädchen!« Er zog seine Waffe, eine lange Keule, deren Ende mit spitzen Metallstücken gespickt war.

»Was für eine außerordentliche Wahrnehmungsgabe!«, sagte das Gespenst. »Kann man es so weit abrichten, dass es ohne Hilfe frisst und die Teppiche nicht beschmutzt?«

Lurok knurrte wütend. Seine Keule zischte durch die Luft, dann durch das Gespenst und grub sich anschließend in eine Kiste mit altem Leder. Das Gespenst hob die Hände, und Energiefunken tanzten an den Fingern entlang.

»Warte!« Jig hatte nichts dagegen, dass sie Lurok umbrachte, aber wenn Menschen erst einmal damit angefangen hatten, Goblins zu töten, dann neigten sie dazu, nicht mehr damit aufzuhören.

Lurok schlug wieder zu; diesmal haute er einen Stapel Anzündmaterial um, aus dem scharenweise winzige Spinnen krochen und über den Boden huschten.

»Lurok, sie ist verflucht!«

Jig konnte sich ein klammheimliches Gefühl der Genugtuung nicht verkneifen, als er Lurok zurückspringen sah. »Verflucht?«

»Das ist korrekt«, sagte das Gespenst. »Mein Name ist Muré. Ich war eine Zauberin in der Lehre. Vor mehr als einem Jahr brachte mein Meister mich hierher, um meine Macht zu erproben – sagte er zumindest. Stattdessen verriet er mich und sperrte meine Seele in meinem eigenen Zauberstab ein. Aber er war unachtsam: Während er seinen Zauberspruch beendete, sprang ihn eine Tunnelkatze an und warf ihn in einen tiefen Spalt. Mein Körper wurde getötet, aber mein Geist überlebte.«

Ihre Augen leuchteten auf. Jig blinzelte und sah weg.

»Sein Stab ist vielleicht immer noch da«, flüsterte Muré. »Wenn wir ihn finden würden, könnte ich seine eigene Macht benutzen, um diesen Fluch zu brechen. Dann wäre ich frei!«

»Bist du nicht schon frei?«, fragte Jig.

»Der Fluch fesselt mich nach wie vor an diesen Zauberstab. Selbst jetzt spüre ich sein Zerren.« Sie musterte die beiden Goblins. »Ihr werdet mir helfen. Sobald ich die Macht von Firams Stab habe, werde ich euch beide belohnen.«

Einen Moment lang war Jig in Versuchung. Beim Gedanken an die Festessen, die Muré beschwören könnte, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Dann dachte er an die Tunnelkatzen, und es schnürte ihm die Kehle zu.

»Wenn dort Tunnelkatzen sind, wird Jig einen guten Köder abgeben.« Lurok kicherte. »Sie spielen gern mit Ratten.«

»Nimm dir Lurok«, sagte Jig. »Er ist ein Krieger! Er ist stark und tapfer und doof! Soll er doch den Ruhm und die Belohnung und den entsetzlichen Tod bekommen.«

Murés Zeigefinger begann rot zu glühen. »Ihr kommt beide mit. Falls nicht, wird mein Zauberstab nicht das Einzige bleiben, was kaputtgegangen ist!«

Lurok schlug noch ein letztes Mal mit seiner Keule zu und hätte beim Rückschwung um ein Haar Jigs Nase abgerissen. Flammen züngelten aus Murés Fingerspitze.

Lurok war doof, aber er lernte aus seinen Fehlern. Irgendwann. »Pah! Ist eh schon viel zu lang her, dass ich auf Tunnelkatzenjagd war.«

Lurok hatte leicht reden: Er besaß eine Keule. Jigs einzige Waffe war ein geklautes Küchenmesser mit einer wackligen Klinge.

Er sollte versuchen zu entwischen. Muré brauchte ihn nicht. Wenn er schnell genug rannte, müsste er sich im Lager verstecken können. Jig war gut im Verstecken. Er könnte …

Kalte geisterhafte Finger packten ihn an der Ohrenspitze. Der zerbrochene Zauberstab schwebte zu Jig zurück und in seinen Gürtel. »Pass gut darauf auf, Goblin! Hast du verstanden?«

Jig nickte heftig, denn er hatte zu viel Angst, um einen Laut von sich zu geben, abgesehen von dem erbärmlichen Knurren seines Magens.

Jig und Lurok gingen durch die staubigen Goblinhöhlen und in die Obsidianstollen dahinter, ohne besondere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Anfangs hatte Jig sich noch Sorgen gemacht: Was würden die andern Goblins tun, wenn sie Muré sähen? Aber Muré war ein Gespenst. Sie wusste, wie man unauffällig blieb. Sie weigerte sich zwar, zu ihrem zerbrochenen Zauberstab zurückzukehren, aus Angst erneut darin eingesperrt zu werden, aber es gab ja noch andere Stellen, wo man sich verstecken konnte.

»Du hättest wenigstens vorher fragen können«, brummte Jig.

Glaubst du etwa, mir gefällt es hier drin? Ihre Stimme kam aus Jigs Ohr. Als er den Zauberstab kaputtgemacht hatte, war offenbar ein bisschen Magie wie ein Parasit in seinem Ohr stecken geblieben. Es erinnerte ihn an das eine Mal, als eine Gruppe älterer Goblins versucht hatte, ihn in Golakas großem Suppenkessel zu ertränken; danach hatte tagelang ein Pilzstück in seinem Ohr festgesteckt. Aber der Pilz hatte wenigstens nicht so viel geredet.

Firam war ein lüsterner alter Narr. Er hat versucht, mich zu verführen, aber ich habe mich geweigert. Das hier ist die Bestrafung für diese Kränkung. Ich hätte es wissen müssen. Ich hätte darauf bestehen sollen, einen der anderen Meister zu der Prüfung mitzunehmen. Aber ich war jung und arglos.

Jig prustete. In der Goblinsprache war das Wort für ›arglos‹ eine Variante des Worts für ›tot‹.

»Still!«, fauchte Lurok ihn an. »Hobgoblins voraus! Zwei Wachen.«

Ich bin immer davon ausgegangen, dass Hobgoblins Verwandte der Goblins sind, praktisch dieselbe Spezies.

»Das nimmst du zurück!«, verwahrte sich Jig. »Hobgoblins sind überhaupt nicht wie wir. Sie sind … na ja, sie sind größer.«

Luroks Finger bohrten sich in Jigs Hals und beendeten die Konversation. »Zwei von uns und zwei von denen. Aber wir haben das Überraschungsmoment auf unserer Seite.«

Jig spähte um die Stollenbiegung. In der Nähe des überwölbten Eingangs zum Hobgoblinterritorium hing eine Laterne, deren grünes Licht von den Obsidianwänden zurückgeworfen wurde. Nur der Boden, wo Jahre von Ruß und Dreck eine lehmartige Schicht über dem vulkanischen Glas gebildet hatten, war stumpf.

»Sie haben allerdings echt große Schwerter«, sagte Jig. »Könnten wir nicht versuchen, sie zu bestechen?« Hobgoblins führten einen florierenden Handel mit Goblins: Die Goblins lieferten ihnen Essen, Feuerholz, Bier und eine Reihe anderer Waren. Im Gegenzug ließen die Hobgoblins die Goblins am Leben. Meistens jedenfalls.

»Ich hab schon mal gegen Hobgoblins gekämpft«, sagte Lurok.

»War das damals, als du zurückgekommen bist und einen Armbrustbolzen in deinem …«

»Attacke!« Lurok schleuderte Jig um die Biegung.

Prompt trat sich Jig auf den eigenen Fuß und fiel hin. Er sah zu, wie Luroks Stiefel an ihm vorbeitrapsten und Kurs auf die Hobgoblins nahmen.

Die Hobgoblins beobachteten, wie Lurok näher kam. Hobgoblins hatten längere Arme, schnellere Reflexe und stärkere Muskeln als die meisten Goblins. Die Haut dieser Vertreter hier hatte einen kränklichen Gelbstich, aber das war normal für Hobgoblins. Ihre schwarzen, stark eingefetteten Haare glänzten im Licht. Keiner der beiden wirkte beunruhigt.

Einer erblickte Jig. Er zog sein Krummschwert und ging den Stollen hoch, während sein Partner sich darauf vorbereitete, Lurok zu empfangen. Jigs einzige Hoffnung war, dass es Lurok irgendwie gelang, seinen Gegner zu töten, und dann dem anderen Hobgoblin eins von hinten überzuziehen.

Lurok griff an. Der Hobgoblin wehrte den Schlag mühelos ab und verpasste ihm eins voll auf die Nase. Lurok taumelte zurück und knallte mit dem Kopf gegen die Wand. Er fiel um wie ein Stein.

Warum mussten mich ausgerechnet Goblins befreien?

»Hilf mir!«, flüsterte Jig.

Wie denn?

»Du bist eine Zauberin. Geh aus meinem Ohr raus und mach irgendwas Zauberinnenmäßiges!« Jig nahm ein Stück des Zauberstabs und stieß es in sein Ohr.

Der Hobgoblin zögerte. Wahrscheinlich dachte er, Jig sei vor Schreck wahnsinnig geworden. Womit er nicht völlig danebenlag.

Halt das verfluchte Ding von mir fern!

Jig schraubte und stocherte weiter herum, bis Muré aus seinem Ohr gesickert kam. »Wenn du sie nicht aufhältst, werden wir Firams Stab nie finden!«

»Na schön«, gab Muré nach.

Beide Hobgoblins hatten jetzt ihre Waffen auf Jig gerichtet, aber ihre Aufmerksamkeit galt Muré. Die Hände des Gespensts begannen zu qualmen und zu knattern. Einer der Hobgoblins machte einen Schritt zurück.

»Es funktioniert!« Jig stellte die Ohren auf und lauschte, um sich zu vergewissern, dass keine Hobgoblinverstärkung unterwegs war. »Beeil dich und mach sie fertig, bevor irgendwer was hört!«

Das war fabelhaft! Muré würde die Hobgoblins töten, und Jig konnte anschließend nachsehen, ob sie was zu essen bei sich hatten. Falls nicht – na ja, magisches Feuer bedeutete gut durchgebratenes Hobgoblinfleisch.

»Ähm …« Muré starrte auf ihre Hände. »Ich kann es nicht.«

Jigs Magen verkrampfte sich. »Was?«

Sie fuchtelte mit den Händen herum und produzierte noch mehr Funken, aber sonst nichts. »Mein Zauberstab ist kaputt. Ich brauche schon meine ganze Zauberkraft, nur um dem Zerren von Firams Fluch zu wiederstehen; für das Beschwören von mystischem Feuer oder um das Herz eines Feindes explodieren zu lassen ist nichts mehr übrig.« Sie hob die Hände. »Entropische Funken sind ein Nebeneffekt der …«

Jig hörte schon nicht mehr zu. So schnell er konnte, floh er den Stollen hinunter. Er schaffte ganze vier Schritte, bevor ein Stein gegen seine Schulter krachte. Er fiel wieder hin und stieß sich mit den Fangzähnen in die Backen.

»Hab ihn«, sagte einer der Hobgoblins.

Jig rieb sich die Schulter. »Berühr sie!«

»Wie bitte?«

Der am nächsten stehende Hobgoblin stieß sein Schwert durch Muré. Als nichts passierte, lachte er und ging auf Jig zu.

»Mit deiner Magie!«

Langsam dämmerte es ihr. Muré schwebte zwischen die Hobgoblins und strich einem mit einer Funken sprühenden Hand durchs Haar. Die Spitzen fingen an zu brennen.

Der zweite Hobgoblin schien genauso begriffsstutzig wie Lurok zu sein. Selbst nachdem er gesehen hatte, wie nutzlos Waffen gegen Muré waren, versuchte er immer noch, ihr in den Bauch zu stechen.

Sein Schwert glitt durch das Gespenst und dem ersten Hobgoblin in die Schulter. Jig duckte sich weg, außer Reichweite der beiden Schwerter.

»Lass uns gehen!«, sagte Muré und zündete den zweiten Hobgoblin an, als sie Jig nachschwebte. »Firams Stab ist da hinten; ich kann ihn spüren.«

Jig dachte über Flucht nach, aber er müsste zuerst an den brennenden Hobgoblins vorbei, und außerdem konnte Muré ihn genauso leicht in Brand stecken wie diese. Leise fluchend packte Jig Lurok am Fuß und zog ihn tiefer in die Dunkelheit hinein. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als der Geruch nach gebratenem Hobgoblin durch den Stollen getragen wurde.

Zum Glück für Jigs schmerzenden Rücken regte Lurok sich bald wieder. Eine einfache Kopfverletzung konnte ihn nicht lange außer Gefecht setzen. Von fast allen Rassen hatten Goblins die robustesten Schädel, und Luroks Kopf bestand nahezu ausschließlich aus Knochen. Jig ließ Luroks Fuß fallen und brach an der Wand zusammen. Lurok war schwer.

»Blöde Hobgoblins«, ächzte Lurok. »Müssen von hinten über mich hergefallen sein.«

»Wie weit noch?«, fragte Jig.

»Nicht mehr weit«, sagte Muré. Sie zeigte auf eine enge Spalte in der Stollenwand. »Es war dort drin, wo Firam mich verriet, während ich daran arbeitete, meine Prüfung zu beenden.«

»Was war die Prüfung?«

»Sechs Salamanderblasen und den Kot einer Feuerspinne zu sammeln. Für einen Zauberspruch.«

»Oh.« Zauberer waren sonderbar.

Lurok griff in den Beutel an seinem Gürtel und zog einen Batzen getrocknetes Schlangenfleisch heraus. Jigs Magen knurrte.

»Willst du was davon?«, fragte Lurok.

Jig nickte, und unter seiner Zunge lief der Sabber zu einer Pfütze zusammen.

»Zu schade! Ich muss bei Kräften bleiben: Wir könnten auf Tunnelkatzen stoßen.« Mit einer schnellen Bewegung schob Lurok sich das ganze Stück Fleisch in den Mund.

Jig hielt sich krampfhaft den Bauch, als er in die Spalte spähte. Tunnelkatzen mochten schmale, beengte Orte, wo ihnen die Beute nur schwer entkommen konnte.

»Wenn Firam dich da unten verraten hat, wie bist du dann in Luroks Essen gelandet?«, fragte Jig. Je länger sie redeten, desto länger könnte er es hinauszögern, in diese Spalte zu steigen.

Muré schüttelte den Kopf. »Wenn man in einem Zauberstab steckt, ist es schwer, genau zu wissen, was passiert. Ich weiß noch, dass ich gefallen und in etwas Stinkendem gelandet bin. Genau genommen roch es ein bisschen wie dein Freund.«

»Hey!«, sagte Lurok gereizt.

»Als ich dort lag und mich verzweifelt dagegen wehrte, dass meine Seele in meinen Zauberstab gesaugt wird, sah ich, wie Firam mir hinterherfiel. Eine dieser Tunnelkatzen muss ihn erwischt haben.«

Lurok nickte. »Die klettern wie die Spinnen, und ein einziger Schlag ihrer Tatzen kann dir einen Streifen Fleisch aus dem Körper reißen, so breit wie deine Hand!«

»Das Letzte, woran ich mich erinnere, war ein Wurm, ein scheußliches, segmentiertes Ding von der Größe meines Arms, das auf mich zugekrochen kam.«

»Ein Aaswurm«, sagte Lurok. »Wahrscheinlich hat er deine Leiche gefressen.«

»Sie nehmen alles, was nicht aus Metall ist, für ihre Nester«, ergänzte Jig. Wie beispielsweise Murés Zauberstab. Dann und wann durchstöberten Goblins Aaswurmnester nach Brauchbarem und brachten Reste von Schätzen toter Abenteurer zurück.

»Ekelhafte Dinger!«, sagte Muré. »Man sollte sie ausrotten.«

»Sie sind schwer umzubringen«, sagte Jig. »Gift fressen sie nicht; wenn man sie entzweischneidet, hat man anschließend bloß zwei kürzere Aaswürmer. Man kann sie verbrennen, aber der Gestank …«

»Das reicht!« Muré schauderte. »Sollen wir weitergehen, bevor ihr beide hier an Altersschwäche sterbt?«

»Ich esse noch«, sagte Lurok.

Muré klatschte in die Hände, und ihre Finger begannen wieder zu glühen.

»Ich nehme keine Befehle von toten Menschen entgegen!«, keifte Lurok.

Jig duckte sich ängstlich. »Die Hobgoblins werden uns hören!«

»Hör auf den Winzling!«, sagte Muré. »Nächstes Mal, wenn dich die Hobgoblins verprügeln, werden wir uns vielleicht nicht mehr die Mühe machen, dein Leben zu retten.«

»Was meinst du damit, mich verprügeln?« Lurok packte Jig am Arm und zog ihn zu sich. Jig versteifte sich und erwog, ob Lurok wohl seine Keule benutzen oder ihn einfach gegen den Fels schmettern würde. Stattdessen schnappte sich Lurok den zerbrochenen Zauberstab aus Jigs Gürtel. »Mir reicht es jetzt! Sie klebt an diesem Stecken, oder?«

Bevor Muré ihn aufhalten konnte, schleuderte er die beiden Teile in die Spalte. Muré schrie auf und verschwand.

»Das wäre erledigt!«, sagte Lurok und stopfte sich noch ein großes Stück Fleisch in den Mund.

Sekunden später kehrte der Zauberstab zurück; die Bruchstücke sausten durch die Luft wie Pfeile. Einer blieb in Luroks Schulter stecken, der andere bohrte sich in seinen Oberschenkel. Keine der Wunden war tief, aber Lurok kreischte trotzdem.

»Versuch das noch mal, und ich schicke sie in deine Augen!«, warnte Muré ihn. »Jig, hol meinen Zauberstab zurück!«

Mit zitternden Händen pflückte Jig die Bruchstücke aus Lurok und steckte sie weg.

»Und jetzt gehen wir«, sagte Muré.

Jig starrte in die Schwärze. »Aber …«

Jetzt!, schrie sie während sie erneut in Jigs Ohr glitt.

Jig war schon unterwegs, bevor sie sich wieder völlig umgeformt hatte.

Der Gestank wurde beim Gehen stetig schlimmer. Der alles überlagernde Duft stammte von Schimmel und Fäulnis, aber Jig konnte auch Schwefel riechen, ebenso wie den schwachen Duft nach Salz von einem unterirdische Fluss weit unten. Murés Licht wurde von gefältelten Schichten schwarzen Gesteins zurückgeworfen, während sie tiefer in den Stollen hinabkrochen.

Jig versuchte das Knurren seines Magens zu unterdrücken, indem er eine Hand auf den Bauch gepresst hielt. Die andere klebte am Heft seines Messers.

»Dort!«, sagte Muré. Sie glitt zwischen die Goblins, um ein breites, gezacktes Loch im Boden zu untersuchen. Schwarze Fliegen schwirrten über der Öffnung herum.

Lurok klopfte Jig auf die Schulter und beförderte ihn damit fast in die Grube. »Du siehst furchtbar nervös aus, Jig. Du hast doch keine Angst, oder?«

Jig schüttelte den Kopf. Warum sollte er Angst haben? Es war ja nichts weiter als ein Sturz in Schwärze und Vergessenheit. Er hielt die Ohren aufgestellt, um auf Anzeichen von Gefahr zu achten – und auf Lurok – und spähte über den Rand.

Ein Schwall warmer, übel riechender Luft kam ihm entgegen: Muré hatte sie zu einer Hobgoblinabfallgrube geführt. Als sie in das Loch eintauchte, enthüllte ihr Licht Dutzende von Aaswürmern, die über Reste von verbranntem Holz, über alte Knochen, verdorbenes Fleisch und noch widerlicheren Hobgoblindreck krabbelten.

»Ich kann ihn sehen!«, schrie Muré.

Jig zuckte zusammen. »Nicht so laut!«

»Er liegt weiter unten in der Grube und hält noch seinen Stab umklammert.« Sie kam wieder herausgeflogen. »Einer von euch wird hinunterklettern müssen und mir seinen Stab bringen. Ich werde euch in die nötigen Schritte einweisen, um den Fluch zu brechen. Es ist kinderleicht.«

Jig runzelte die Stirn. »Seine Leiche ist immer noch da? Ich dachte …«

Klauen krallten sich in Jigs Ohr. »Du hast sie gehört, Winzling!«, sagte Lurok. »Zeit, durch den Dreck zu kriechen. Und versuch mit dem Magenknurren aufzuhören!«

Jig vergaß seinen Hunger komplett, denn das knurrende Geräusch wurde lauter. »Das war nicht ich!«, sagte er mit piepsender Stimme. Er drehte sich um und warf einen Blick in den Stollen. Gelbe Augen funkelten ihn an. »Tunnelkatze!«

Lurok packte Jig am Arm. Jig wand sich, doch Lurok war zu stark. Der größere Goblin schleuderte ihn mit dem Kopf voran der Tunnelkatze entgegen.

Er landete wie ein Sack auf dem Boden. Die Tunnelkatze schlich näher. Jig zog sein Messer. Er hatte auch noch seine Fangzähne, die natürlichen Waffen eines Goblins.

Was Zähne und Klauen anbelangte, war die Tunnelkatze viel besser bewaffnet. Ihr Fell war schwarz mit braunen Flecken; sie roch modrig wie alter Schimmel, und lange weiße Schnurrhaare umgaben ihr Gesicht wie ein Strahlenkranz. Jig konnte Blut und frisches Fleisch in ihrem Atem riechen.

»Lurok? Muré? Hilfe?«

»Keine Sorge!«, sagte Lurok. »Sobald die Katze anfängt dich zu fressen, schleiche ich mich ran und schlag ihr den Schädel ein. Das wird ihr eine Lehre sein!«

Jig zeigte auf Lurok. »Der hat mehr Muskeln. Würde er nicht eine bessere Mahlzeit abgeben?«

Eine gewaltige Tatze schlug nach Jigs Arm, so schnell, dass er es kaum sah. Jig krabbelte zurück. Plötzlich wirkte die Tunnelkatze abgelenkt.

»Das ist lächerlich!«, murmelte Muré. »Mit Firams Stab könnte ich diese Kreatur im Nu vernichten; stattdessen bin ich gezwungen, mich auf Goblins zu verlassen.«

Der Kopf der Katze schnellte hoch.

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