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Der Glückshund

Für unsere Glückshunde

Deleen,

Penny,

Petzi,

Klicka,

Fabrice,

Ginger und Wadei

1. TAG IM ADVENT

Alles Wissen, die Gesamtheit aller Fragen und alle Antworten sind in den Hunden enthalten.

Franz Kafka

Lippen wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Seine Hände, Glücksspuren auf ihrer Haut.

»Der erste Liebesbrief wird mit den Augen geschrieben. Schau mich an!«

Fynn und Leonie, zwei Namen und ein Herz, von ihr gemalt auf die von seinem Atem beschlagene Fensterscheibe im Café der blinden Spiegel. So nannten sie das kleine Café, in dem sie sich kennengelernt hatten. Das Café mit seiner verstaubten Nostalgie und dem alten Schachspieler, der mit sich selbst Schach spielte.

Vor den hohen Fenstern tanzten Schneeflocken zum Wiener Walzer, der im Dreivierteltakt aus einem Lautsprecher in der Fußgängerzone schallte.

»Schau mich an!«, hatte Fynn zu ihr gesagt. Sie hatte ihn angesehen, und er hatte ihren Blick nicht wieder losgelassen.

»Wir beide für immer.« Das hatten sie einander geschworen.

Jetzt war das Bett neben ihr leer und kalt. Diese verdammte Kälte, dort, wo sein Körper sie warm gehalten hatte. »Und bitte, hör nie wieder auf, mich zu sehen.«

Nicht sie, er hatte die Augen geschlossen, vor ihr verschlossen, und der Schlüssel war fort.

»Du verdammter Idiot, du Verräter, nie hätte ich gedacht, dass du so fies, so gemein sein kannst.« Sie hatte geflucht. Fynn verflucht, doch nicht er, ein anderer hatte den Schlüssel weggeworfen. Der da oben? Das Schicksal? Leonie glaubte weder an das eine noch an das andere. Sie glaubte an gar nichts mehr. »Ich glaub nicht einmal mehr an mich selbst.«

Wieder eine Nacht, in der sie nicht schlafen konnte. Sie fror. Deckte sich nicht zu. So konnte sie zumindest noch etwas von ihm spüren, auch wenn es nur seine Abwesenheit war.

»Ich sehe dich. Immer …« Sie hatte es ihm versprochen. Er ihr auch. Sie hatte ihr Versprechen gehalten. Er das seine nicht.

Wüstenaugen. Keine einzige Träne. Ihre Augen waren versandet. Seit er fort war, kostete es sie unendliche Kraft, die Augen überhaupt offen zu halten, Tag für Tag.

Fynn und Leonie. Leonie und Fynn. Der Mann aus dem Norden. Blond, stark und gelassen. Sie dagegen war wie … »Du bist wie der Quirl auf zu hoher Stufe in meinem Kuchenteig«, das hatte ihre Mutter früher oft zu ihr gesagt. Und das war sie als Kind auch gewesen. In allem etwas zu schnell. Jetzt schaffte sie es kaum, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und warf sie am Morgen im Badezimmer einen flüchtigen Blick auf ihr Spiegelbild, war sie überrascht, dass sie noch immer so aussah wie vorher. Volle Lippen, Stupsnase mit unzähligen Sommersprossen, schulterlanges dunkles Haar und tiefblaue Augen. Fynn hatte diesen Kontrast geliebt und ihre Sommersprossen.

»Ich liebe diese kleinen braunen Dinger!« Deckte Leonie sie mit viel Puder ab, küsste er sie wieder frei. »Versteck dich nicht. Sei, wie du bist.« Jede einzelne von ihnen hatte er frei geküsst … verdammt, hatte … hatte … hatte …. Keine Träne. Dabei hätte sie gern geweint.

Sie hatten einander so sehr geliebt. Sich ineinander fest, aber nie satt geliebt. Kobold Leonie und Fynn, der Poet.

»Im Aufwind deines Lächelns bin ich frei.«

»Meine Träume tanzen auf deiner Sommersprossennase.«

Vorbei! Das Leben kennt keine Gnade. Da konnten einem, o du fröhliche und du selige, die Schneeflocken vor den Fenstern noch so sehr vorwirbeln, dass das Leben schön war. So rein. So weiß. So absolut perfekt. Vorweihnachtliche Bilderbuchwelt hinter blank polierten Schaufenstern. Lüge. Die über die Straßen gespannten Lichterketten, Lüge, Lüge. O Tannenbaum, Stille Nacht, heilige Nacht. »Lüge, Lüge, Lüge!«

Dabei war der Advent für sie und Fynn etwas Besonderes gewesen. Hand in Hand waren sie über das Kopfsteinpflaster gelaufen. Schritt neben Schritt im frisch gefallenen Schnee. »Hörst du den Winterwind? Sein leises Flüstern? ›Advent, Advent‹?«

Sie hatten versucht, den Sternenstaub einzufangen, den der Engel in der Waldweihnacht aus seinem Glitzerstab zauberte. Zwischen knorrigen Stämmen und Bäumen, tausendfach mit kleinen Lichtern besetzt. Sie hatten Glühwein getrunken, sich gegenseitig mit Schmalznudeln gefüttert, der Chor sang Tu scendi alle stelle und Walking in the air, Fynn hatte sich auf der fast völlig eingeschneiten Waldbühne vor ihr hingekniet und hatte ihr einen Heiratsantrag gemacht. »Willst du mich, Leonie? Für immer?«

»Ja, Millionen Mal und noch einmal ja!« Leonie war vor Begeisterung ebenfalls auf die Knie gefallen und dann ganz kurz in Ohnmacht. Die Besucher des Weihnachtsmarkts hatten applaudiert, und am nächsten Tag hatte man alles auf YouTube bewundern können. Den Heiratsantrag, seinen Kniefall, ihren Kniefall, wie sie ohnmächtig in seine Arme gesunken war und er sie mit Küssen zurück ins Leben geholt hatte.

»Der Hochzeitstag, der schönste Tag im Leben? Niemals«, hatte Leonie protestiert, »das würde ja heißen, dass es danach nur noch abwärtsgeht.«

Als Kind hatte sie davon geträumt, durch einen Wald zu laufen, der nur aus Zuckerwatte bestand. Auf dem Wind zu reiten und sich aus vom Sonnenlicht beschienenen Regentropfen eine ganz lange Glitzerkette zu basteln. Sie hatte versucht, sich so oft und so schnell um sich selbst zu drehen wie der Propeller eines Flugzeugs, abzuheben und mit den Jungvögeln im Frühling um die Wette zu fliegen. Die Hochzeit mit Fynn war all das gewesen. Zuckerwattewald, Ritt auf dem Wind, Regentropfenkette und Flugzeugpropeller. Alle Träume, die sie jemals geträumt hatten, wurden vor dem Traualtar wahr, als er den Ring an ihren und sie den Ring an seinen Finger steckte.

Einen Monat später dann ein fast beiläufiger Kuss. »Ich fahr nur mal schnell zum Türken.«

Warum ihn lange küssen, er kommt ja gleich wieder zurück, und sie will unbedingt noch die letzte Folge ihrer Lieblingsserie The Big C zu Ende sehen, der Geschichte einer Frau, die ihrer Krebserkrankung auch mit Humor begegnet. Schmachten, sich kringeln vor Lachen und gleichzeitig happy sein, dass der Tod noch kein einziges Mal Platz genommen hat in ihrem Leben. So weit weg ist … so weit … weg … Und Fynn will ja auch nur schnell etwas für das Abendessen aus dem kleinen türkischen Laden holen. Peperoni, die kleinen, ganz scharfen. Fynn liebt es scharf.

Noch heute, in all den Nächten ohne Schlaf hörte sie sein »Ich fahr nur mal schnell zum Türken«, hörte sie, wie die Wohnungstür hinter ihm leise ins Schloss fiel. Spürte sie wieder dieselbe Sehnsucht, die sie immer empfunden hatte, sobald er sich, wenn auch nur für fünf Minuten, von ihr entfernte.

»Ich habe nichts geahnt. Nichts gefühlt.« Das vor allem warf sie sich vor. Dass sie es nicht gefühlt hatte. Sie waren einander doch so nah gewesen, hatten oft im selben Moment das Gleiche gedacht und ausgesprochen. Wenn sie nur den Hauch einer Ahnung gehabt hätte, sie hätte sofort den DVD-Player ausgeschaltet, Fynn anders geküsst, ihn anders angesehen. »Auch der letzte Liebesbrief wird mit den Augen geschrieben.« Die Tür hätte sich anders hinter ihm geschlossen, und – sie wäre vorbereitet gewesen auf die beiden Polizisten, die eine Stunde später vor ihr standen.

»Ihr Mann hatte einen Herzinfarkt.«

Atmen. Atmen.

»In welchem Krankenhaus liegt er?«

Schweigen. Es hörte nicht auf. Verdammt, warum hörte dieses verdammte Schweigen nicht auf! »In welchem Krankenhaus er liegt, will ich wissen!«

»Er war sofort tot.« Der ältere der beiden Polizisten wich ihrem Blick aus. »Herzinfarkt.«

»Herzinfarkt … aber …«, sie begriff nicht. »Er ist doch noch jung. Da kriegt man doch keinen …«

»Er saß noch in seinem Wagen.« Der Polizist ging nicht auf sie ein. »Eine Fußgängertruppe stand an der Ampel. Gut, dass nicht mehr passiert ist. Irgendwie konnte er den Wagen noch an den Leuten vorbeilenken. Er hat Leben gerettet …«

»Und was wollen Sie ihm dafür verleihen? Eine Ehrenmedaille posthum?« Sie war nie zynisch gewesen. Jetzt aber schützte sie der Zynismus vor dem Zusammenbrechen. »Was geht mich das Leben anderer an, wenn sein Leben vorbei ist und meins damit auch? Herzinfarkt!« Sie hatte den Polizisten angeschrien, als hätte er seine Pflicht versäumt, die Bürger zu schützen. »Herzinfarkt mit fünfunddreißig!«

An das, was danach geschah, konnte sie sich kaum noch erinnern. Da war nur dieser eine Gedanke, bis heute hatte er sie nicht losgelassen: Jetzt ist es so weit. Nichts mehr wird hinzukommen. Sie hatte keine Zukunft mehr, in ihr war alles nur noch Vergangenheit.

Ihre Großmutter war neunundachtzig gewesen, als sie so empfunden hatte. Sie aber war erst zweiunddreißig. Von nun an würde ihr Leben nur noch Erinnerung sein. Sie heulte auf. Sie wusste nicht, dass sie es war, die aufheulte, dass ein Mensch überhaupt in der Lage war, so einen Ton von sich zu geben.

Die Beerdigung brachte sie mit vielen Beruhigungsmitteln hinter sich, danach ließ sie sich ein halbes Jahr krankschreiben. Ihr Körper war da, ihre Seele war Fynn längst in die Dunkelheit gefolgt. Doch darauf nahmen weder Krankenkasse noch Arbeitgeber Rücksicht.

»Zurück an die Arbeit!« Doch wie sollte sie Menschen mit Sprachstörungen helfen, wenn sie selbst stumm war und taub?

»Sie rutscht uns in die Depression ab.« Ihre Mutter machte sich große Sorgen um sie.

»Sie trauert«, beruhigte ihr Vater. »Lass sie trauern.«

Leonie wusste nicht, wer von beiden recht hatte. Sie wusste nur, heute war der erste Advent, genau vor einem Jahr war es passiert.

Am Morgen war sie aufgestanden. Hatte mit einem Knopfdruck die Kaffeemaschine und gewissermaßen sich selbst angestellt. Beides funktionierte. Während der Kaffee kochendheiß durch den Filter in die Kanne lief, prasselte das Wasser aus der Dusche eiskalt über ihren Körper. Vor einem Jahr noch war das Wasser warm gewesen, und sie hatte das sinnliche Prickeln genossen, oft auch gemeinsam mit Fynn. Jetzt war das Duschen nur noch ein notwendiger Akt, wie alles in ihrem Leben. Eine Stunde später arbeitete sie mit einer Patientin – sie war Logopädin in einer neurologischen Klinik – vor dem Spiegel. Karin Baumeister litt an Sprechapraxie, einer Sprachstörung, durch die Konsonanten bei der Artikulation der Atemluftstrom blockiert wurden. Vor allem aber hatte sie Schwierigkeiten mit dem P, B, T und dem C.

»Mmmmmm!« Mit dem M kam Karin Baumeister einigermaßen zurecht. Vielleicht würde sie nie wieder über diesen Buchstaben hinauskommen. »Mmmmmm.« Sie übte einfach zu wenig.

»Sie müssen mehr üben, sonst kommen Sie nie wieder über ein Vokabular aus Mama, Mai, Müh und Muh hinaus.«

Leonie war hart, zu hart, und Karin Baumeister zog sich gekränkt zurück. Nach Karin Baumeister kam Daniel, er war zehn und stotterte, einige andere Patienten folgten. Keiner von ihnen konnte sich so ausdrücken, wie er sich ausdrücken wollte. Dann war auch dieser Tag zu Ende.

»Bis morgen!« Schwester Heike, die Leonies Patienten koordinierte, verabschiedete sich – in einen Feierabend mit Ehemann und zwei Kindern.

»Bis morgen!«

Leonie ging durch den Park. Die Äste der Bäume und der Sträucher bogen sich fast bis zum Boden. Zu viel Schnee, der ihnen triumphierend im Nacken saß, sich seiner Macht bewusst, dass er sie brechen konnte. Ast für Ast. Zweig um Zweig. Im letzten Jahr hatten Fynn und sie die Äste von ihrer Last befreit und sich darüber gefreut, mit welcher Wucht und welcher Freude die Äste nach oben schnellten, auch noch den letzten Schnee von sich abschüttelten, endlich wieder frei, dann eine leichte Verbeugung, so als wollten sie Danke sagen. Dieses Jahr tat Leonie nichts. Sollten die Äste doch brechen!

Sie erreichte das Mehrfamilienhaus, in dem sie wohnte, wollte schon ihre Wohnungstür aufsperren, als ihre Nachbarin, Elisabeth Konrad, so flink, als habe sie schon auf Leonie gewartet, ihre Tür öffnete.

»Frau Fink, für Sie ist etwas abgegeben worden.«

Das Etwas, das für Leonie abgegeben worden war, lag in einem Körbchen, war irgendwie rund und kohlrabenschwarz. Bis auf ein weißes Bärtchen und eine weiße Blesse auf der Brust. Himmelfahrtsschnauze und Knopfaugen unter Pony und langen Wimpern. Die hoben sich jetzt leicht, und darunter sah das Etwas Leonie an. Durch ihre Arbeit wusste Leonie, wie ausdrucksstark Augen sein konnten, wenn die Sprache fehlte. Und die Augen des Hündchens waren mehr als ausdrucksstark.

»Das kann nur ein Irrtum sein.«

»Es ist ein Weibchen. Sie ist mit DHL gekommen.«

»Mit der Post? Wer tut denn so was? Schickt einen Hund mit der Post?«

»Ganz so ist es offenbar nicht. Der DHL-Fahrer hat sich ganz lieb um sie gekümmert. Er sagt, sie heißt Deleen.«

»Und er hat nicht gesagt, woher der Hund kommt?«

»Ich habe nicht gefragt. Ich dachte …«

»Sie haben gedacht, ich hätte einen Hund bestellt? Vielleicht noch aus einem Katalog. Hunde holt man aus dem Tierheim oder, wenn es unbedingt sein muss, von einem guten Züchter.«

»Es war noch etwas dabei.« Elisabeth Konrad ging nicht weiter auf Leonies Protest ein, sondern überreichte ihr einen Adventskalender.

»Das ist alles?«

»Ja.«

»Und es war ganz sicher keine Nachricht dabei?«

»Ja, glauben Sie, ich unterschlage Ihre Post!« Elisabeth Konrad sah Leonie empört an.

»Natürlich nicht, Frau Konrad. Tut mir leid.« Leonie musterte Hund und Adventskalender. Das Hündchen musterte Leonie zurück.

»Dann bring ich den Hund gleich morgen früh ins Tierheim, und den Adventskalender geben Sie Ihrem Enkel.«

Elisabeth Konrad sah sie entrüstet an. »Ich bin erst einundfünfzig, ich habe noch keinen Enkel.«

Irgendwann war es vorbei mit dem Verständnis für die Trauer und dem Mitgefühl. Schließlich musste das Leben weitergehen. Elisabeth Konrad drückte Leonie den Adventskalender in die Hand und schloss ihre Wohnungstür.

Hündchen sagte nichts. Hündchen schnarchte zufrieden in seinem Körbchen. So als sei es nach einer langen Reise endlich angekommen.

2. TAG IM ADVENT

Natürlich kann man ohne Hund leben, es lohnt sich nur nicht.

Heinz Rühmann

Da war ein Geräusch. Leonie schoss aus ihrem Bett in die Höhe. Einbrecher. Sie kamen immer in der Adventszeit, schlichen sich im Dunkeln heran, brachen blitzschnell Fenster und Türen auf. Leonie tastete nach der Nachttischlampe. Sie hatte keine Angst. Wovor auch? Das Schlimmste hatte sie hinter sich. Knipste die Nachttischlampe an, sah sich um, und für den Bruchteil einer Sekunde schien es ihr, als tauche Fynns geliebtes Gesicht im Kegel des sanften Lichts auf, wie so oft gefesselt von einem Roman. Nächtelang hatte er gelesen. Manchmal wusste sie schon gar nicht mehr, woher er all die Romane nahm, die er förmlich in sich hineinstopfte … Aber es war eben nur der eine Sekundenbruchteil zwischen dem Versuch, sich in etwas hineinzuträumen, und dieser verfluchten Realität, die sie immer weniger ertragen konnte.

Fynn verschwand. Das Licht blieb. Stille. Kein einziger Laut. Auch draußen war alles ruhig. Leonie knipste das Licht wieder aus. Schloss die Augen. Schlafen können. Nur einmal. Vergessen. Sie wollte einfach nur für ein paar Stunden vergessen, wie sehr Fynn ihr fehlte. Dass jede einzelne Körperzelle verzweifelt nach ihm schrie.

Sie atmete tief ein, und gerade als sie wieder ausatmen wollte, heulte etwas auf wie die Fabriksirene jeden Samstagmittag in dem alten Chemiewerk aus ihrer Kindheit. Sie hielt den Atem an. Gleichzeitig schwoll das Heulen an. Erreichte den absoluten Höhepunkt und fiel danach abrupt in sich zusammen. Erneute Stille.

Aber es war keine Stille, die nichts von einem wollte, nichts verlangte, einfach nur still war. In dieser Stille lag Erwartung. Leonie hörte nichts mehr, aber sie fühlte die Vibrations, die von unglaublicher Energie aufgeladenen unsichtbaren Schwingungen, kreisrund, welche die Schallmauer der geschlossenen Schlafzimmertür durchbrachen.

Das DHL-Paket auf vier Pfoten und mit viel Fell wollte zu ihr ins Zimmer. Unbedingt. Mit all seiner Kraft. Es heulte wieder auf. Dehnte das Heulen in eine Länge, die seine Lungen gerade noch hergaben, legte in dieses Heulen all die Emotionen eines Hündchens in größter Not hinein.

Den Schmerz und die unendliche Einsamkeit, die Hündchen fühlte, wenn ein herzloser Mensch es in seinem Körbchen vor die Tür verbannte und es nicht selig im Bett schlafen ließ, wohin ein Hündchen nun einmal gehörte. Ein Naturgesetz, keinesfalls von Hündchen erdacht.

Für den Bruchteil einer Sekunde hätte Leonie mitgeheult, den Schmerz und die Einsamkeit mit dem DHL-Paket auf vier Pfoten geteilt, ohne Absender, aber mit eindeutigem Empfänger. Die Faust ihres Nachbarn nebenan hinderte sie daran. Er donnerte gegen die Wand, wie immer, wenn er sich gestört fühlte. Herr Jantsch, ein wahrlich unsympathischer Zeitgenosse. Ein Wurzelmännchen, das sich größer machte, als es war. Er war bei der Feuerwehr und brauchte seinen Schlaf, weil er angeblich Leben retten musste, und wenn Leonie weiterhin so lärmte, dann würde er ihr von seinem Vater – er war Rechtsanwalt – einen Brief schreiben lassen, dass das so ja nun überhaupt nicht ging. Jawohl! Herr Jantsch war Ende vierzig!

Fynn hatte das lärmende Jantschmännchen ignoriert, mit Fynn hätte das Männchen es auch nie aufgenommen. Jetzt, da Fynn nicht mehr da war, spielte es sich auf. Leonie wollte keinen Ärger. Hündchen offenbar auch nicht. Es verlegte sich auf das weniger lautstarke, aber dennoch entschlossene Kratzen an der Schlafzimmertür. Seufzend kroch Leonie aus dem warmen Bett. Der einzige Ort, an dem sie sich halbwegs geborgen fühlte. Sie öffnete die Tür, und das randalierende Hündchen sah sie aus seinen großen schwarzen Augen an. Das heißt, Leonie ahnte, dass es sie ansah, denn die Augen waren wie immer unter dem dichten Fellvorhang verborgen. Dennoch war der Blick so intensiv, das Himmelfahrtsschnäuzchen schaute so traurig zur Zimmerdecke, dass Leonie sanfter reagierte, als sie vorgehabt hatte.

»Das Bett ist tabu, du hast dein Körbchen, und jetzt ist gefälligst Ruhe. Aus!«

Hündchen blieb in seiner unschuldigen Musterschülerhaltung – »Ich tu doch überhaupt nix« – sitzen. Leonie drehte sich zufrieden um, schloss die Tür, wandte sich zum Bett und traute ihren Augen kaum. Da lag Hündchen selig in sich zusammengerollt auf ihrer Seite, da, wo das Laken noch ganz warm war.

»Wer bist du?« Etwas ratlos sah sie Hündchen an. »Mr.

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