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Der Glasmaler und die Hure

Inhaltsübersicht

ERSTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

ZWEITER TEIL

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

DRITTER TEIL

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

VIERTER TEIL

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Nachwort

Glossar

ERSTER TEIL

Kapitel 1

Martin Fellinger zuckte überrascht zusammen, als er die heisere Stimme vernahm. Gedankenverloren hatte er vor der Grabtafel gehockt, die Erde aus den Buchstaben der Inschrift gewischt und nicht bemerkt, daß jemand hinter ihn getreten war.

»Lohnt nicht, den Dreck wegzukratzen, junger Herr. Nicht mehr lang, und der Staub der Hölle wird diese Stadt bedecken.« Ein nervöses Lachen schloß sich der düsteren Prophezeiung an.

Martin wandte sich um und sah einen alten Mann in zerlumpter Kleidung vor sich. Die Haare des Mannes fielen weiß und strähnig bis auf die Schultern. Aus dem wettergegerbten, von roten Adern durchzogenen Gesicht funkelten hellgraue Augen, die allzu offensichtlich den Irrsinn des Alten verrieten. In seiner Hand hielt der Greis ein kleines Holzkruzifix, das er zum Himmel streckte, als hoffe er, Gott damit berühren zu können.

»Der gütige Vater verschließt die Augen vor uns.«

Auf den Straßen, in der Nähe der Kirchen oder unter den Laubengängen war Martin der Alte schon oft aufgefallen. Zumeist kniete er auf dem Pflaster, erflehte Almosen und stammelte zusammenhanglose Sätze, die in düsteren Schilderungen das Ende der Welt verkündeten. Die Bürger Magdeburgs hatten den seltsamen Kauz verlacht, doch in den vergangenen Wochen war ihr Lachen erstorben und hatte zunächst einem Ausdruck stiller Besorgnis, dann schierer Angst Platz bereitet.

Aus der Ferne erklang Kanonendonner. Der Kopf des Irren drehte sich ruckartig in die Richtung der entfernten Stadtwälle, wo ein Geschoß krachend in das Mauerwerk einschlug.

»Ob die Toten das Getöse hören können?« Der Alte formte mit der Hand einen Trichter um sein Ohr und grinste aus einem zahnlosen Mund. »Tief unten in ihren Gräbern werden sie den Herrn lobpreisen, daß er sie mit einem frühen Tod vor dem Inferno bewahrt hat.«

Martin ignorierte den Alten, der sich endlich entfernte und dabei einen Psalm summte. Abgesehen von zwei streunenden Hunden, befand er sich nun allein auf dem Kirchhof von Sankt Katharinen. Offensichtlich mieden die Menschen in Magdeburg die Ruhestätte der Toten mit Bedacht. In der Stunde der Not und des drohenden Unheils zogen sie es wohl vor, sich von den Lebenden ermutigen zu lassen.

Er selbst kam oft hierher und suchte Trost am Grab seiner Eltern und seiner jüngeren Schwester. Wenn er mit der Hand über die in die Grabtafel gemeißelten Namen strich, kam es ihm vor, als wäre ein stummer, aber doch präsenter Teil von ihnen bei ihm geblieben.

Es handelte sich um eine schlichte Ruhestätte. Als Magdeburg vor einigen Jahren von der Pest heimgesucht worden war, hatte Martins Vater darauf verzichtet, das Epitaph seiner der Seuche erlegenen Frau und Tochter mit dem Text der Leichenpredigt oder salbungsvollen Bibelzitaten schmücken zu lassen. Und als der Vater vor sieben Monaten an einer Entzündung in seinem Gedärm starb, hatten sie, seinem Wunsch entsprechend, einzig seinen Namen, das Geburts- und Todesjahr sowie sein Handwerk in die Tafel einmeißeln lassen.

 

Lukas Fellinger. Glasmaler. 1579 –1630.

 

Auch Martin war in der elterlichen Werkstatt in den Fertigkeiten des Glasmalens und der Kunstverglasung ausgebildet worden, obwohl es überlicherweise als Vorrecht des ältesten Sohnes galt, das Handwerk des Vaters zu erlernen. Lukas Fellinger hatte jedoch früh erkannt, daß sich sein erstgeborener Sohn Sebastian vor allem zur Theologie hingezogen fühlte und den Geschäften der Familie nicht das geringste Interesse entgegenbrachte. Martin hingegen hatte schon als Kind bewiesen, daß ihm das künstlerische Geschick zu eigen war, dessen es bedurfte, um prachtvolle Szenen und Abbildungen in ein Fenster zu bannen und diese durch den Einfall von Licht zu besonderem Leben zu erwecken. Auch in vielen anderen Dingen hatte Martin dem Vater deutlich näher gestanden als sein Bruder. So hatten sie beide die Nachricht begrüßt, daß der schwedische König Gustav Adolf im Juni des vergangenen Jahres mit seiner Armee an der deutschen Küste gelandet war. Sebastian hingegen hatte diesen Tag oftmals laut verflucht.

Martin hatte den Unmut seines Bruders damals nicht verstehen können. Der große Krieg, in dessen Verlauf das protestantische Heer der Dänen so jammervoll gegen die kaiserliche Armee versagt hatte, schien endlich die Wendung zu erhalten, die ihm von all den selbsternannten Propheten, Zeichendeutern und Auguren vorausgesagt worden war. Der Löwe aus dem Norden trat gegen den katholischen Adler an, um ein geeintes protestantisches Reich zu erschaffen.

Nun, nachdem die Schweden sich schon fast ein Jahr auf deutschem Boden befanden, fragte Martin sich häufig, wie sein Vater die momentane Kriegslage beurteilen würde. Die Intervention der Schweden hatte den bereits für beendet geglaubten Krieg bis vor die Tore Magdeburgs geführt, das sich neben der Stadt Stralsund zum einzigen deutschen Bundesgenossen Gustav Adolfs erklärt hatte.

Schon seit Wochen trotzten die unterlegenen Kräfte innerhalb der Stadtmauern tapfer der Belagerung durch das katholische Heer. Die Armee des Generalissimus Tilly hatte Magdeburg von jeglicher Warenzufuhr abgeschnitten. Der Feind hoffte darauf, daß der Hunger die Verteidiger zur Kapitulation zwingen würde. Daher klangen die düsteren Prophezeiungen eines vermeintlichen Irren plötzlich wie die Worte eines Erleuchteten. Die Furcht vor einer gewaltsamen Erstürmung der Stadt lähmte die Bürger. Viele von ihnen verkrochen sich in ihre Häuser und flehten Gott an, seine schützende Hand über sie zu halten und die Feinde niederzustrecken, die doch schließlich einer falschen Lehre folgten.

Martin indes glaubte noch immer daran, daß das schwedische Heer Magdeburg rechtzeitig entsetzen würde. Allein der Gedanke, daß Gustav Adolf die Elbestadt ohne weiteres dem katholischen Gegner opfern könnte, erschien ihm wie blanker Hohn. Immerhin hatte der Schwedenkönig den Obristen Dietrich von Falkenberg nach Magdeburg entsandt. Falkenberg, der als entschlossener Stratege galt, leitete die Verteidigung der Stadt und hatte verkündet, daß er keinen Gedanken daran verschwendete, Magdeburg in die Hände des katholischen Kaisers fallenzulassen.

Martin erhob sich und verließ den Kirchhof. Es wurde Zeit, seinen Bruder Sebastian im Dom aufzusuchen.

Kaum hatte er den stillen Kirchhof hinter sich gebracht und den Breiten Weg, die Hauptstraße Magdeburgs, betreten, da befand er sich bereits inmitten des von hektischer Betriebsamkeit geprägten Stadtlebens. Nachdem schon vor Wochen die Neustadt und die Vorstadt Suderburg auf Befehl Falkenbergs niedergebrannt worden waren, um dem katholischen Heer das Vorrücken an die Festungswälle zu erschweren, drängten sich in der Altstadt an die dreißigtausend Menschen zusammen – auf einem Raum, den sich zuvor nur die Hälfte von ihnen geteilt hatte.

Die Bürger, die ihre Häuser verloren hatten, hielten sich zum größten Teil in der Nähe der zahlreichen Kirchen und Klöster auf. Überall bot sich Martin das gleiche bedrückende Bild. Hunderte Menschen ohne Obdach harrten in den Gotteshäusern und deren Umgebung aus. Ihre blassen Gesichter zeugten von Verzweiflung. Mit dem Verlust ihrer Unterkünfte waren sie von einem Tag zum anderen in die Armut gestürzt worden. Fast jeder von ihnen führte eine Unmenge an Gepäck mit sich. Alles, was sie tragen konnten, gleichgültig, ob es sich um Hausrat, Werkzeuge, Mobiliar oder Vieh handelte, hatten sie auf Handkarren herbeigeschleppt, um sich nach der Rückkehr in die Ruinen vielleicht eine neue, karge Existenz aufzubauen.

In der Menge vermischte sich ein hektisches Stimmengewirr mit Kindergeschrei und Tierlauten. Nur wenige waren in der Lage, sich eine warme Mahlzeit zuzubereiten. Die meisten der Leidgeprüften reihten sich in die langen Schlangen vor den Suppenküchen der Kirchen ein und nahmen dankbar die knapp bemessenen Rationen entgegen. Viele trösteten sich aber auch mit einem Krug Branntwein, so daß in den Straßen zuhauf Betrunkene über das Pflaster torkelten oder vor den Häusern zusammengebrochen waren.

Immer wieder mußte Martin den heranpreschenden Wagen der Stadtwachen ausweichen, die Feuertöpfe aus Keramik, Pechkränze und Fallgranaten an den Verteidigungswall schafften. Ein Reiter im geschwärzten Harnisch rief Martin zu, den Weg frei zu machen. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihm, zur Seite zu springen und den Hufen des schnaubenden Schlachtrosses Platz zu machen.

Händler sprachen ihn an und boten mit flinken Zungen ihre Waren feil. Der übliche Handel war seit dem Beginn der Belagerung zusammengebrochen. Die Bürger versuchten an Geld und vor allem an Nahrung zu gelangen, indem sie Kerzen, Schuhe, Geschirr oder völlig wertlosen Tand und Zierat verkauften.

Martin ignorierte die Straßenhändler und schaute schnell zur Seite, sobald er bemerkte, daß ihn erneut einer von ihnen ins Auge gefaßt hatte. Trotzdem brachte er Verständnis für diese Leute auf. Auch seine Frau Sophia bot zu dieser Stunde irgendwo in der Stadt die von ihr hergestellte Seife an. Er machte sich wenig Hoffnung, daß ihre Mühen erfolgreich sein würden. Wen kümmerte schon Reinlichkeit, wenn der Magen knurrte?

Langsam näherte Martin sich dem Dom, der vor ihm als mächtiges steinernes Monument aus dem engen Gewirr der hohen Giebelhäuser aufstieg. In der Umgebung des Gotteshauses hielten sich viele Bettler auf, die flehend die Hände ausstreckten und um Almosen baten. Er bedauerte diese Ärmsten unter den Armen. Gerne hätte er ihnen geholfen, doch selbst er konnte seine Hausgemeinschaft kaum noch ernähren.

Sein Blick fiel auf einen prächtigen öffentlichen Brunnen, dessen Säule mit bronzenen Figuren aus der griechischen Mythologie geschmückt war. An diesem Brunnen hielten sich etwa fünfzehn Frauen auf, die unschwer als Dirnen zu erkennen waren. Ihre zumeist feisten, nicht mehr jungen Gesichter leuchteten grell von billigem Schminkpuder. Einige der Frauen machten die vorübergehenden Männer durch Rufen auf sich aufmerksam, andere pfiffen, winkten oder vollführten obszöne Gesten.

Dann erkannte er Thea unter ihnen.

Sie stach aus der Gruppe der Dirnen hervor wie eine Königin unter Bauersfrauen. Thea hatte es nicht nötig, ihr Gesicht zu schminken. Sie war jung und besaß eine glatte, makellose Haut. Ihr schlanker und zierlicher Körper wirkte fast knabenhaft. Unter dem schwarzen, seidig glänzenden Haar blitzten zwei dunkle Augen hervor, die sich nun direkt auf ihn richteten. Sie lächelte, doch er wandte sofort den Blick von ihr ab und ging des Weges, ohne ihr weiter Beachtung zu schenken.

Martin dachte an die Zeit zurück, in der sie sich sehr nahegestanden hatten. Er kannte Thea, die Tochter des Fischers Heideck, von Kindesbeinen an. Zumeist war er ihr auf dem Fischmarkt begegnet, wo seine Mutter stets bemüht gewesen war, ihn von dem vorwitzigen Mädchen fernzuhalten, das ihn so oft dazu verleitet hatte, die albernsten Grimassen zu schneiden. Später war er häufig allein zum Fischmarkt gelaufen und hatte Thea Zuckerwerk geschenkt, mit dem sie sich in einen Bretterverschlag am Elbufer zurückzogen.

Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie dort in diesem Versteck gehockt und die süßen Leckereien genossen hatten. Von Thea hatte er gelernt, Angelschnüre aus Pferdehaar zu flechten, und er wiederum hatte ihr all das berichtet, was er über die Glasmalerei und Kunstverglasung wußte. Sie hatte ihm wie gebannt zugehört, wenn er darüber sprach, wie sehr er die alten Meister bewunderte, deren Kirchenfenster mit schlichten koloristischen Mitteln das Sonnenlicht in einen warmen und weichen Glanz zwangen, der sich über die vielfach gebrochenen Winkel und Ecken der Kirchenwände ausbreitete, das Dämmerlicht der Nischen aufhellte und die Stimmung der Menschen beeinflußte.

Mit der Zeit entwickelte sich ihre kindliche Anhänglichkeit zu einer Schwärmerei unter Heranwachsenden. Martin wußte, daß sein Vater diese Zuneigung für ein Mädchen aus schlichten Verhältnissen sauer aufstieß. Mehr als einmal hatte er mahnende Worte an Martin gerichtet und ihn beschworen, seine Zeit nicht mit diesem niederen Weibsbild zu verschwenden, dem allzu deutlich der Geruch nach Fisch anhing.

Als die Pest in Magdeburg ausbrach, war Thea nicht mehr auffindbar gewesen. Martin lief in das Viertel der Fischer und erfuhr dort, daß Theas Familie die Stadt verlassen hatte. Es stimmte ihn traurig, daß er sie nun wohl niemals wiedersehen würde. Martin litt unter der Trennung, doch dann begegnete er Sophia, der Tochter eines angesehenen Magdeburger Malers, und verliebte sich vom ersten Augenblick an in dieses Mädchen, das Thea in seinem Äußeren und auch in seinem Wesen sehr ähnelte.

Nicht lang nach seiner Heirat traf es ihn wie ein Hammerschlag, als er Thea begegnete. Er sah sie an diesem Brunnen, an dem sich nun ihre Wege wieder gekreuzt hatten. Auch damals hielt sie sich inmitten der Huren auf und biederte sich den Männern an. Es hatte Martin angewidert, wie sie sich dort den Tagelöhnern und Landsknechten an den Hals warf. Er selbst war wortlos und mit starrer Miene an ihr vorübergegangen.

Es galt für einen Mann aus seinem Stand schon als unschicklich, mit der Tochter eines armen Fischers zu verkehren. Einer Dirne auf offener Straße Beachtung zu schenken konnte seinen guten Ruf zerstören. Aus diesem Grund und aus Rücksicht auf Sophia entschloß er sich dazu, Thea fortan mit Mißachtung zu begegnen.

Martin war noch ganz in diese Gedanken versunken, als eine der Dirnen auf ihn zueilte und an ihrem Mieder zog, so daß sein Blick unweigerlich auf eine fleischige Brust mit einer großen rosigen Warze fiel.

»Gönnt Euch ein wenig Zerstreuung, mein Herr. Die Zeiten sind traurig«, rief die Frau. »Für eine Mahlzeit gehöre ich Euch die ganze Nacht.«

Martin machte eine abweisende Handbewegung und entfernte sich rasch. Hinter sich konnte er das spöttische Gelächter der Dirnen hören. Er schaute sich nicht um, fragte sich aber, ob wohl auch Thea über ihn lachte.

Auf dem Vorplatz des Doms hausten viele Zufluchtsuchende in provisorischen Zeltverschlägen. Doch vor allem im Dom selbst zeigte sich die in der Stadt herrschende Not am offensichtlichsten. Martin betrat das Gotteshaus durch das Nordportal. Sofort schlug ihm der drückende Geruch von Krankheiten und Fäkalien entgegen. Es mochten an die zweitausend Männer, Frauen und Kinder sein, die unter dem Dach des Doms Zuflucht gesucht hatten.

Sein Leben lang hatte es Martin überwältigt, hier am Taufstein in der Nähe des Portals zu stehen und die Weite der lichtdurchfluteten Schiffe zu genießen. Reformation und Krieg hatten dem Dom die schillernde Pracht genommen, doch allein der Anblick der mächtigen Pfeiler und Arkaden und die gewaltige Höhe des Innenraumes entführten Martin stets in eine andere Wirklichkeit.

Nun aber war dieser Monumentalbau zu einer Arche aus Stein geworden, in der eine brodelnde Masse hauste, versunken in Gebete und Wehklagen. Martin drängte sich mühsam durch die Menge, passierte die prächtige, mit Alabasterfiguren und -reliefs geschmückte Kanzel und hielt in der Menge Ausschau nach seinem Bruder Sebastian. Neben dem Chorgestühl verharrte er einen Moment und betrachtete das Standbild einer Maria mit dem Jesuskind, die mit freundlich forschem Blick über das Geschehen im Dom wachte. Man hatte ihr den Namen Schwarze Maria verliehen, weil ihr Gesicht mit dunkelbrauner Farbe angestrichen worden war. Seit langer Zeit schon wurde das Standbild als wundertätige Madonna verehrt. Auch die Reformation hatte nichts an diesem Nimbus ändern können.

Martin entzündete zu Füßen der Muttergottes eine Kerze, bekreuzigte sich und faltete die Hände. Er starrte auf die zitternde Flamme und flehte um das Wohl seiner Frau Sophia.

Was auch immer geschehen mag, Herr, halte deine Hand über meine Frau. Laß es nicht geschehen, daß das Leid, das der Krieg über uns bringt, ihr Schaden zufügt oder gar ihr Leben bedroht.

»Es freut mich, zu sehen, daß du dir die Zeit nimmst, dem Herrn nah zu sein.«

Martin wandte sich um und sah seinen Bruder Sebastian vor sich stehen. »So schlecht wie meine Geschäfte laufen, ist das wohl kein großes Opfer«, meinte er.

Sebastian lächelte mitfühlend und klopfte Staub vom Ärmel seines schwarzen Gewandes. Er deutete mit der Hand auf die Masse an Menschen und seufzte. »Das Haus Gottes. Nie war diese Floskel treffender als zu dieser Zeit.« Martins älterer Bruder, der als Prädikant in den Diensten des Domkapitels stand, überwachte in diesen schweren Tagen die Verpflegung und Unterbringung der Flüchtlinge im Dom.

Martin nickte. Sein Blick wanderte über die vielen von Resignation gezeichneten Gesichter. »Die Menschen in dieser Stadt scheinen davon überzeugt zu sein, daß die Hölle über sie kommen wird«, sagte er. »Aber wir dürfen den Mut nicht verlieren. Ich jedenfalls glaube fest daran, daß Magdeburg in wenigen Tagen von der schrecklichen Belagerung erlöst wird. Sei es unter kaiserlicher oder schwedischer Flagge.«

»Wenn es doch nur so sein könnte …« Martin merkte es Sebastians Tonfall an, daß er seine Hoffnungen nicht zu teilen vermochte.

»Klingen meine Worte denn so abwegig? Ich kann ganz einfach nicht glauben, daß der Rat das Ultimatum der Kaiserlichen mißachtet. Sollten die schwedischen Truppen wirklich nicht rechtzeitig eintreffen, wird man einen Akkord abschließen müssen und dem Generalissimus Tilly die Stadt übergeben.«

Sebastian wirkte bedrückt. »Du willst immer nur das Beste sehen, Martin. Es ist wohl an der Zeit, dich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen.« Er bedeutete Martin, ihm zu folgen. Sie stiegen eine Treppe hinauf, die zur umlaufenden Dachgalerie des Hohen Chores führte. Martin sträubte sich dagegen, die Galerie zu betreten, denn er wußte, daß man von hier aus das gesamte Umland überschauen konnte. Seit dem Beginn der Belagerung hatte er es stets vermieden, einen der Türme zu besteigen oder auch nur einen Blick über die Stadtmauer zu werfen. Er hatte nie den Drang verspürt, die Armee, die das Leben seiner Familie bedrohte, in Augenschein zu nehmen.

Nun aber war die Zeit gekommen, sich der Bedrohung zu stellen. Der Gefahr einer geladenen Pistole konnte man nicht entgehen, indem man ihr den Rücken zukehrte.

Martin glaubte, er sei auf diesen Augenblick vorbereitet, doch als sie die Steintreppe zur Dachgalerie hinaufgestiegen waren und ins Freie traten, krampfte sich sein ganzer Körper zusammen.

Es war die gewaltigste Streitmacht, die er jemals zu Gesicht bekommen hatte.

Gebannt hatte er als Kind den Erzählungen gelauscht, die von der großen Belagerung berichteten, der Magdeburg in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts ausgesetzt gewesen war. Ihre Vorväter hatten die Religionsfreiheit der Stadt nach einem Jahr blutiger Kämpfe gegen die mit der Exekution der Reichsacht beauftragten Truppen behauptet und dem Kaiser einen ehrenvollen Frieden abgetrotzt. Fortan wurde Magdeburg im gesamten Reich als Unseres Herrgotts Kanzlei bezeichnet.

Oftmals hatte Martin sich in seiner Phantasie ausgemalt, wie es sein mußte, von der Stadtmauer aus auf ein mächtiges Belagerungsheer zu blicken. Nun aber wurde ihm klar, daß seine Vorstellungskraft nicht ausgereicht hatte, um einen solchen Aufmarsch in seinem ganzen Ausmaß auch nur annähernd zu begreifen.

Die Kaiserlichen hielten das gesamte Umland besetzt. Die Stadt wurde von Schanzgräben umschlossen, in denen die Söldner geduckt umherhuschten. Über den Gräben schwelte der Pulverdampf der Geschützbatterien wie unheilvoller Nebel. Martin schaute von hier aus über die breite Elbe zur Zollschanze, dem stärksten der befestigten Außenwerke, das im vergangenen Monat in die Hände der Kaiserlichen gefallen war. Beim Rückzug in die Altstadt hatten die Verteidiger ein Joch der Elbbrücke gekappt und damit den Verbindungsweg zur Stadt zerstört. Doch sie alle wurden damit zu Gefangenen in ihrer eigenen Stadt. Der katholische Heerführer hatte einen eisernen Belagerungsring um Magdeburg geschmiedet, die Fährverbindungen unterbrochen und der Stadt dadurch die Lebensgrundlage entzogen.

In der Ferne machte Martin eines der Heerlager aus – eine eigene Stadt aus Zelten und windschiefen Hütten, bevölkert von Tausenden Landsknechten, die darauf hofften, mit reicher Beute für ihre Mühen entlohnt zu werden.

Was mochten die Soldaten auf der anderen Seite der Elbe empfinden? Hatte sie die Zeit der Belagerung rasend und blutgierig gemacht, oder brachten sie den eingeschlossenen Magdeburgern gar Mitleid entgegen und verfluchten insgeheim die Heerführer, die sie in diese Lage gebracht hatten?

»Verdammt sei dieser gottlose Tilly«, zischte Martin.

»Gottlos?« Sebastian schüttelte den Kopf. »Es heißt, Tilly sei ein tiefgläubiger Mann, kein zynischer Opportunist wie dieser Wallenstein. Ist dir der Beiname bekannt, den ihm seine strenge persönliche Moral eingebracht hat?«

»Der Mönch in Rüstung?«

»Genau.«

Martin verzog das Gesicht. »Wie kann man einen Menschen, der eine ganze Stadt dem Hungertod preisgibt, als tiefgläubigen Christen bezeichnen?«

»Sein eigenes Heer verhungert doch ebenfalls. Sieh dich um! Man nimmt an, daß sich mehr kaiserliche Soldaten um Magdeburg herum aufhalten, als die Stadt Einwohner zählt. Das Umland kann schon lang nicht mehr den notwendigen Proviant für diesen Koloß aufbringen. Ich wage zu behaupten, daß es um die Kaiserlichen noch miserabler steht als um uns. Schließlich sind noch nicht alle Vorratslager in der Stadt aufgebraucht.«

Martin trat die Galerie entlang und konnte nun die niedergebrannte Suderstadt überblicken. Zwischen den rußgeschwärzten Ruinen der Vorstadt tauchten vereinzelte zerlumpte Gestalten auf, die mehr wie Landstreicher denn wie Soldaten aussahen. Allem Anschein nach suchten sie in den Hauskellern nach Proviant. Dabei gerieten sie in die Reichweite der Magdeburger Musketiere, die von den Wällen aus das Feuer auf sie eröffneten und die Landsknechte mit Hohn und Spott bedachten, wenn es gelang, einem der Feinde eine Kugel durch den Leib zu schießen.

»Wenn doch nur die Schweden endlich einträfen«, sagte Martin. »Gustav Adolf würde Tilly und sein ausgehungertes Lumpenpack in alle Himmelsrichtungen davonjagen.«

»Der König wird nicht kommen.«

Sebastians nüchterne Feststellung beunruhigte Martin. »Woher willst du das wissen?«

»Ich stehe in engem Kontakt mit den Dompredigern, die wiederum tauschen sich mit den Ratsmitgliedern aus, und der Rat arbeitet mit dem Stadtkommandanten Falkenberg zusammen. Es heißt, daß es das vorrangige Ziel der Schweden sei, den Feind möglichst lang an Magdeburg zu binden, um Tillys Strategie zu stören und die eigenen Operationspläne entfalten zu können. Zudem befindet sich König Gustav Adolf in schwierigen Verhandlungen mit den Fürsten von Sachsen und Brandenburg. Es ist anzunehmen, daß er Magdeburg als Druckmittel benutzt, um die Potentaten in ein Bündnis zu zwingen.« Sebastian rieb sich angestrengt über die Stirn. Ihm war die Verzweiflung am Gesicht abzulesen. »Aber das ist leider noch nicht alles.«

»Schlimmer kann es doch überhaupt nicht mehr werden.«

»O doch! Martin, du hättest Magdeburg mit Sophia verlassen sollen, solange noch die Möglichkeit dazu bestand. Unser Onkel in Oschersleben hätte euch gewiß in sein Haus aufgenommen.«

»Die Stadt im Stich lassen? Das würde ich niemals über mich bringen.«

»Magdeburg wurde bereits aufgegeben. Die Stadt ist dem Untergang geweiht. Falkenberg weiß, daß die Stadt Tillys Heer, selbst in diesem Zustand, in einer Entscheidungsschlacht unterlegen wäre.« Sebastian zögerte. »Was ich dir nun sage, ist nur für deine Ohren bestimmt. Du wirst es an niemanden weitergeben. Selbst Sophia darf es nicht erfahren.«

Martin nickte.

»Ist dir aufgefallen, daß bereits seit mehreren Tagen keine Kanonen mehr von den Wällen abgefeuert werden?«

Martin nickte wieder, obschon ihm erst in diesem Augenblick klarwurde, daß das Geschützfeuer der Magdeburger Verteidiger tatsächlich verstummt war.

»Ich habe es mir angewöhnt, sehr früh aufzustehen und durch die Straßen zu laufen«, sagte Sebastian. »Denn trotz oder gerade wegen der Dunkelheit kann man in der Nacht vieles beobachten, was einem am Tage verborgen bleiben soll.«

»Und was hast du gesehen?«

»Männer der Schiffergilde, die auf ihren Wagen Dutzende Fässer transportierten und diese an mehreren Plätzen in der Stadt vergruben oder sie in die Keller der Häuser schafften. Ich hielt mich in einer Gasse versteckt und lauschte. Die Männer sprachen selten miteinander, aber einige Male schnappte ich die Worte ›Minen‹ und ›Pulver‹ auf.«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich vermute, daß Falkenberg das Feuer der Geschütze nicht aus Mangel an Pulver einstellen ließ, sondern um in Magdeburg Sprengfallen anzulegen, welche die Kaiserlichen in die Hölle schicken sollen, falls sie in die Stadt eindringen.« Einen Moment lang breitete sich drückende Stille zwischen ihnen aus, dann fügte Sebastian an: »Gustav Adolf wird Tilly keine Basis hinterlassen.«

»Das kann nicht dein Ernst sein«, brachte Martin hervor, der das Gefühl hatte, daß ihm der Atem knapp wurde. »Magdeburg ist eine Bastion des lutherischen Glaubens. Es käme einer Blasphemie gleich, die Stadt im Feuer untergehen zu lassen. Solch eine Sprengung würde vor allem das Leben der Bürger gefährden. Himmel, Sebastian, in dieser Stadt harren dreißigtausend Menschen aus.«

»Glaub mir, ich wäre froh, wenn sich meine Befürchtung als Irrtum herausstellen sollte.«

»Es kann nicht sein«, sagte Martin. »Wahrscheinlich vergraben sie das Pulver nur, damit es den Kaiserlichen nicht in die Hände fällt. Vielleicht ist es wahr, daß der schwedische König diese Stadt tatsächlich als Pfand für seine Verhandlungen nutzt, aber du wirst sehen, wenn der Druck der Belagerung zu groß wird, legen die Schweden das Schicksal Magdeburgs in die Hände der Diplomaten.«

Sebastian lächelte gequält. »Vater und du, ihr habt schon immer gern Illusionen nachgehangen. Ihr wolltet diesen Krieg nie als das begreifen, was er wirklich ist: ein zerstörerisches, außer Kontrolle geratenes Monster.«

Sie lehnten am Geländer und verfolgten mit, wie vom gegenüberliegenden Elbufer aus ein Geschoß abgefeuert wurde, das jedoch zu kurz schoß und die Kugel im Flußbett versenkte.

»Du übertreibst«, meinte Martin.

»Unser Vater wollte die Welt immer nur so sehen, wie er sie sich zurechtgelegt hatte. Warum denkst du, hat er niemals akzeptiert, daß sich das Handwerk der Kunstverglasung im Niedergang befindet?«

»Gewiß, die Geschäfte waren schon einträglicher, aber …«

»… aber der Krieg wird noch lang andauern, und wer will in diesen Zeiten, unter dem Donner von Kanonen, schon das Risiko eingehen, seine Fenster mit kostspieligen und allzu zerbrechlichen Kunstwerken zu schmücken, wenn er weitaus billigeres Butzenglas oder Blankscheiben erwerben kann. Vielleicht wäre es von Vorteil, wenn du ausschließlich mit Weißglas arbeiten würdest.«

Martin reagierte auf diesen Vorschlag mit einem abfälligen Brummen. Sein Bruder hatte nie begriffen, welche Befriedigung es einem Glasmaler verschaffte, den Reiz der leuchtenden Farben in die richtigen Kontraste zu setzen und den Glanz des lichtdurchstrahlten Glases zu fesseln, ja ihn zur vollen Wirkung zu zwingen. Das Zuschneiden und Einsetzen von Blankglas hingegen setzte keine dieser Fertigkeiten voraus, und Martin hatte sich darum niemals sonderlich dafür interessiert.

»Ich werde also schweren Herzens von der Kunst Abschied nehmen müssen, das willst du mir doch sagen«, meinte Martin.

»Du mußt vor allem an Sophia denken.«

Martin zögerte kurz, dann lächelte er. »Sie erwartet ein Kind, Sebastian.«

Die betrübte Miene seines Bruders hellte sich auf. »Endlich einmal eine gute Nachricht. Wann hast du davon erfahren?«

»Vor zwei Tagen erst.«

»Und Sophia ist sich gewiß?«

»So gewiß, wie eine Frau sich sein kann. Sie meint, das Kind wird zum Christfest geboren werden.« Martin zog unter seinem Wams ein ovales Medaillon hervor, das er an einer silbernen Kette um den Hals trug. Er klappte es auf und betrachtete Sophias Porträt, das sich darin befand. Der Vater seiner Frau galt in Magdeburg als überaus begabter Maler und Kupferstecher. Er war in seiner Jugend bis nach Nordtitalien gereist, um sich von den dort ansässigen Meistern in der Kunst der Altar- und Tafelmalerei ausbilden zu lassen. Man hatte ihn zudem gelehrt, Miniaturporträts anzufertigen, und so hatte er es sich nicht nehmen lassen, seine Tochter zu ihrer Hochzeit in diesem Medaillon zu verewigen, um das Wertvollste in seinem Leben sinnbildlich seinem Schwiegersohn zum Geschenk zu machen.

Sophia sah auf dem kleinen Bild sehr hübsch aus, aber in Fleisch und Blut erschien sie ihm um einiges attraktiver. Martins Gedanken kehrten zu der tödlichen Bedrohung Magdeburgs zurück. »Vielleicht hätte es nicht passieren dürfen. Nicht zu dieser Zeit.«

»Unsinn«, widersprach sein Bruder.

»Aber ich sorge mich so sehr um sie. Unsere Vorräte gehen zur Neige, und wenn wir hungern, könnte Sophia das Kind verlieren.«

»Auch hier im Dom werden die Mittel knapp, aber ich glaube, du hast recht. Eine schwangere Frau sollte man nicht dem Hunger aussetzen. Ich werde euch mit dem Nötigsten versorgen.«

»Das ist sehr großzügig von dir.«

Sebastian rieb nachdenklich sein Kinn. »Oh, ich bin nicht immer so milde gestimmt. Vor zwei Tagen erst habe ich einen Verwandten von uns mit leeren Händen fortgeschickt.«

Martin stutzte. »Wen denn?«

»Ist dir bekannt, daß sich unsere Vettern Rupert und Berthold in der Stadt aufhalten?«

»Rupert und Berthold? Ich hatte angenommen, die wären bereits seit Jahren tot.«

Sebastian schüttelte den Kopf. »Die beiden müssen vor etwa zwei Monaten in Magdeburg eingetroffen sein. Als Söldner stehen sie in den Diensten des Administrators Christian Wilhelm.«

»Söldner?« fragte Martin ungläubig. Er hatte vor mehr als sieben Jahren zum letzten Mal von den Söhnen seines Onkels gehört. Dunkel erinnerte er sich daran, daß man ihm einst berichtet hatte, Rupert und sein jüngerer Bruder Berthold wären mit dem Vater in Streit geraten und davongelaufen. Niemand hatte seitdem von ihnen gehört. Seinem Onkel und der Tante war nicht viel Zeit verblieben, sich über das Verschwinden ihrer Söhne zu grämen, denn sie starben schon im Jahr darauf am Typhus.

»Rupert hat ein Auge verloren«, meinte Sebastian. »Ansonsten ist er derselbe Rüpel geblieben, der uns schon als Kind getriezt hat. Er suchte mich im Dom auf und verlangte frech die Herausgabe von Proviant. Als ich mich weigerte, seiner Forderung nachzukommen, beschimpfte er mich und zog davon. Ich befürchte, die vielen unzufriedenen Landsknechte könnten zu einer Gefahr für diese Stadt werden. Es ist schlimm genug, daß der Administrator den Domschatz hat heben lassen, um ihn an die Truppen zu verteilen, doch die Gier der Soldaten scheint unermeßlich zu sein. Und Rupert ist da keine Ausnahme.«

»Unsere Familien haben sich nie sehr nahegestanden«, entgegnete Martin.

»Nimm dich vor ihm in acht, Martin! Rupert macht mir Angst. Er war schon als Kind recht sonderbar, doch der Krieg scheint etwas Böses in ihm entfesselt zu haben. Meine Menschenkenntnis trügt mich nur selten. Rupert überträgt die Abneigung zwischen unseren Vätern auf uns. Wahrscheinlich wird er auch dich bald aufsuchen.«

»Was könnte er von mir schon wollen? Buntglas und Bleistege?« Martin klopfte Sebastian auf den Rücken, und sie verließen die Galerie. Sebastian führte Martin die Treppe hinunter in den Kreuzgang, wo er ihn kurz allein ließ und in einer der Türen verschwand. Als er zurückkehrte, reichte er Martin einen Leinenbeutel, in dem sich ein Laib Schwarzbrot, mehrere Zwiebeln und vier Eier befanden.

»Es stammt aus dem Vorratsraum der Domherren«, erklärte Sebastian mit einem Augenzwinkern. »Die himmlischen Mächte werden sicher nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ich die Vorräte der immer noch recht wohlgenährten Prediger mit euch teile.«

Ein Blick in den Beutel ließ Martin das Wasser im Mund zusammenlaufen. »Ich danke dir. In besseren Zeiten werde ich mich dafür mit einer großzügigen Spende erkenntlich zeigen.«

Sebastian nickte und sagte, ohne daß es recht überzeugend klang: »Ja – in besseren Zeiten.« Er legte eine Hand auf Martins Schulter, drehte sich um und verschwand im Refektorium.

Martin verließ den Dom mit gemischten Gefühlen. Zwar konnten seine Frau und er endlich wieder einmal satt werden, doch der Anblick der Schanzgräben und der mächtigen Belagerungsarmee lag ihm wie glühende Kohle im Magen.

Er hatte nur wenige Schritte auf dem Domplatz zurückgelegt, als ein zerlumpter Knabe auf ihn zu humpelte, vor ihm auf die Knie fiel und flehend eine Hand ausstreckte. Der Bursche befand sich in einem jämmerlichen Zustand. Er war dreckig wie ein Schwein, das sich im Schlamm gewälzt hatte, und statt des rechten Ohres prangte an seinem Kopf eine braune Blutkruste. Sein linker, dick mit Stoff umwickelter Fuß behinderte ihn beim Gehen.

»Eine barmherzige Gabe, Herr«, flehte der Knabe.

Es widerstrebte Martin, das wenige, das er besaß, mit diesem Bettler zu teilen, doch im Grunde empfand er tiefes Mitleid mit dem geschundenen Jungen. Sein Blick wanderte zu den Huren am Brunnen, die sich inzwischen darum bemühten, zwei stämmige Landsknechte zu verführen, die ein gewisses Interesse an ihnen zeigten. Nur Thea wandte sich kurz um und schaute einen Moment lang in seine Richtung.

Unter ihrem Blick fühlte Martin sich dazu verleitet, seine Mildtätigkeit zu beweisen. Er brach eine Kante des Brotes ab und beugte sich zu dem jungen Bettler hinunter. Als Martin ihm das Brot reichte, bemerkte er, daß sich die Aufmerksamkeit des Knaben nun auf etwas völlig anderes zu richten schien. Sein Medaillon, das er noch nicht wieder unter das Wams geschoben hatte, hing herab und funkelte in der Sonne. Die Augen des Bettlers ruhten einen Moment auf dem Anhänger, dann schnellte seine Hand hervor, griff nach dem Medaillon und riß die dünne Kette mit einem Ruck entzwei. Der Bursche sprang blitzartig auf die Füße und stieß Martin vor die Brust, so daß er ein paar Schritte zurücktaumelte und den Leinenbeutel fallen ließ. Ehe er recht begriff, was überhaupt vor sich ging, rannte der Bettler bereits in die nächste Gasse. Sein Klumpfuß und das Humpeln hatten also nur dazu gedient, um Mitleid zu erwecken, was ihm, wie Martin verbittert einsah, auch gelungen war.

Martin machte eine Bewegung neben sich aus. Er erkannte Thea, die an ihm vorbei eilte und ebenfalls in die Gasse lief, in die der Dieb verschwunden war. Die übrigen Huren lachten gackernd und zeigten mit Fingern in seine Richtung.

Martin überlegte, ob er Thea und den Dieb verfolgen sollte, aber er befürchtete, daß deren Vorsprung zu groß war, und gewiß hatten sie sich im Gewirr der Gassen bereits in ein Versteck geflüchtet.

»Verdammte Brut!« fluchte Martin. Er hob den Beutel auf und stellte fest, daß zwei der Eier beim Sturz zerbrochen waren. Nahrung war in diesen Zeiten kostbarer als Gold und eine solche Verschwendung die größte aller Sünden.

Doch weitaus mehr als dieser Verlust schmerzte ihn der Raub des Medaillons, und der Verlust erschien ihm wie ein böses Omen.

 

Thea war es nicht gewohnt, so schnell zu laufen. Nach einigen hundert Metern setzte sie ihre Schritte langsamer und schnappte nach Luft. Es war nicht von Belang, daß sie Julius aus den Augen verlor, nachdem er Martin Fellinger das Medaillon gestohlen hatte und weggerannt war. Sie wußte, wo sie ihn finden würde. Vor einigen Monaten war er auf dem Markt gefaßt worden, als er einen Korb mit Äpfeln stehlen wollte. Der Scharfrichter hatte ihm daraufhin das rechte Ohr abgeschnitten. Thea hatte sich danach um Julius gekümmert und ihn in seinem Quartier gepflegt. Zwar war ihm kein Wort des Dankes über die Lippen gekommen, trotzdem hatte sie es gerne getan. Julius teilte ein ähnliches Schicksal wie sie. Auch er hatte früh die Eltern verloren und war nun auf sich allein gestellt. Leider aber erwies er sich im Gegensatz zu ihr als ein uneinsichtiger Dummkopf. Sein Hang zu Diebstählen hatte ihn bereits das Ohr gekostet, und allem Anschein nach hatte er nichts aus diesen Schmerzen gelernt.

Von der Junkersstraße aus erreichte sie durch verschlungene Gassen und Durchgänge das Zeisigbauer, einen Platz, an dem sich das niederste Gesindel der Stadt zusammenrottete. Hier hielten sich Diebe, Herumtreiber und Huren auf, dazu Landsknechte, Abenteurer und Mörder. Sie verkrochen sich in die Bettlerherbergen, Freudenhäuser und Kellerlöcher, waren am Tage kaum auszumachen und verwandelten diesen Ort nach Einbruch der Nacht in eine gefährliche Gegend für jeden unkundigen, unbewaffneten Besucher, der sich hierher verirrte.

Auch Thea lebte am Rand dieses Viertels, doch im Gegensatz zu der schlichten, aber sauberen Kammer, die sie im Obergeschoß des Hurenhauses bewohnte, war Julius’ Unterkunft nur ein dunkler, stickiger Keller mit einer schmutzigen Strohmatte als einzigem Inventar. Die Feuchtigkeit glitzerte an den Bruchsteinwänden, und ein ranziger Geruch machte einem das Atmen schwer. Zudem fiel kaum Tageslicht in diesen Verschlag.

Es war immerhin hell genug, um zu erkennen, daß Julius auf seinem Lager hockte und feixend das Medaillon betrachtete, das er Martin Fellinger entwendet hatte. Sein Kopf zuckte zur Seite, und er starrte Thea überrascht an, als er ihr Eintreten bemerkte.

»Was willst du hier?« Seine Augen funkelten argwöhnisch.

Thea machte einen Schritt auf ihn zu. »Tumber Nichtsnutz«, sagte sie und entriß ihm die Beute, ehe er reagieren konnte. Julius wollte nach dem Medaillon greifen, doch Thea schlug ihm mit der flachen Hand so hart ins Gesicht, daß er hinfiel.

»Man hat dir bereits das Ohr abgeschnitten. Willst du auch noch deine Hand verlieren?« In ihrer Stimme schwang Wut über seine Unvernunft. »Hättest das Brot nehmen sollen, das er dir geben wollte.« Thea schloß die Finger um das Medaillon und hob die Faust vor Julius’ Gesicht. »Hiermit wirst dir nicht den Magen füllen können.«

»Gib’s zurück!« verlangte er wütend.

»Nein.«

»Dann verdiene es dir.« Er stand auf, und sein Blick glitt unverhohlen über ihre Brüste und ihre Hüfte. »Laß mich zwischen deinen Beinen liegen.«

Sie lachte spöttisch. Vor nicht allzu langer Zeit war sie für ihn noch wie eine große Schwester gewesen. Nun erwachte allmählich das Feuer in seinen Lenden – die Hitze, die Männer gefährlich wie Tiere werden ließ.

Einen Moment lang standen sie sich lauernd gegenüber, dann wich sie schnell zurück, als er nach ihr schnappte. Julius war ein Hänfling, aber seine Wut und Erregung machten ihn unberechenbar.

»Du wirst dir selbst Erleichterung verschaffen müssen«, rief sie. »Darfst dir aber dabei vorstellen, daß ich bei dir liege.« Thea lief nach draußen und drückte die Tür zu. Als sie einige Schritte gelaufen war, stellte sie erleichtert fest, daß Julius ihr nicht nachsetzte, sondern sie nur mit einigen bitteren Schimpfworten bedachte, die dumpf aus dem Keller zu ihr drangen.

Thea begab sich in die Hurengasse, zog sich dort in ihre Kammer zurück und verriegelte die Tür. Als sie sich auf das Bett setzte, überfielen sie ein leichter Schwindel und ein Gefühl der Übelkeit. Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Ihre Blutungen waren ausgeblieben, und sie zweifelte inzwischen nicht daran, daß wieder einmal ein Kind in ihr heranwuchs.

Das Bild ihrer Mutter tauchte in ihrem Kopf auf. Die Mutter, der eine Hebamme ein totes Kind mit Haken und Zangen aus dem Leib zerrte.

Diese trüben Gedanken schob Thea beiseite und nahm das silberne Medaillon in die Hand. Mochte es wertvoll sein? Die Frage war müßig, denn was bedeutete in diesen Zeiten der Not schon materieller Wert?

Aus welchem Grund hatte sie es Julius überhaupt entrissen? Sie wußte keine Antwort darauf, außer vielleicht, daß es das Eigentum von Martin Fellinger war, der sich auch nach all den Jahren noch oft in ihre Gedanken stahl.

Thea klappte das ovale Schmuckstück auf und betrachtete eine Weile das kleine Porträt der Frau mit dem schwarzen Haar und den dunklen Augen.

Sie sieht mir sogar ähnlich, überlegte Thea. Eine Spur von Wehmut überfiel sie, wenn sie an die Zeit dachte, die sie mit Martin Fellinger verbracht hatte.

Seufzend ließ sich Thea nach hinten fallen und hielt das Medaillon über ihr Gesicht.

»Ich sollte dir einen Besuch abstatten, Martin Fellinger«, sagte sie leise. »Nun habe ich ja einen Grund dafür.«

Kapitel 2

Im Grunde war Martin ein ausgeglichenes Wesen zu eigen, doch wenn ihn etwas in Wut versetzte, ließ er sich durchaus dazu hinreißen, seinem Ärger Luft zu machen, indem er ihn an einer völlig unbeteiligten Person ausließ.

Nun bekam seinen Ärger die Magd Fredeke zu spüren, die ihr Waschbrett und den Zuber mit der Seifenlauge im Stich gelassen hatte und statt dessen auf einer Bank hockte, wo sie einer Katze das Fell kraulte und die milde Frühlingssonne genoß. Als Martin mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch den Hinterhof seines Hauses betrat, wurde sie zum Opfer seiner Verstimmung.

»Was lungerst du dort herum?« schimpfte er mit der Magd. »Deine Arbeit wird sich kaum von selbst erledigen.«

Fredeke, ein scheues Mädchen von noch nicht einmal fünfzehn Jahren, sprang augenblicklich auf und eilte verlegen zu ihrer unerledigten Wäsche. Die Katze blieb auf der Bank sitzen und verfolgte gelassen Fredekes hektisches Gebaren.

»Verzeiht, Herr«, bat Fredeke kleinlaut und machte sich an die Arbeit.

Martin schnaufte mißmutig und schöpfte Wasser aus dem Hofbrunnen, um seine Hände von dem klebrigen Eiweiß zu säubern. Wenig später tat ihm Fredeke, die mit gesenktem Kopf die Wäsche übereifrig auf dem Brett rieb, bereits leid. Sie trug ja keine Schuld daran, daß der dreiste Dieb ihn zu Boden gestoßen und das Medaillon entwendet hatte.

Er öffnete den Beutel und zeigte der Magd, was sich darin befand. »Schau. Heute abend werden wir endlich einmal nicht hungrig zu Bett gehen müssen.«

Fredekes Augen leuchteten. »Das ist wunderbar. Ich könnte aus den Eiern Pfannkuchen backen. Natürlich nur, wenn die Ziege sich erbarmt, uns ihre Milch zu geben.«

»Wirst ihr gut zureden müssen. Wenn sie sich weiterhin so störrisch verhält, dann drohe ihr damit, daß das Schlachtermesser schon auf sie wartet.« Er zwinkerte und schmunzelte, um Fredeke klarzumachen, daß er ihr nicht mehr grollte.

»Ist meine Frau schon zurück?« fragte Martin.

Fredeke schüttelte den Kopf. »Nein, aber sie sagte mir, sie wolle noch den Buchhändler in der Finkengasse aufsuchen.«

Martin verdrehte die Augen. Wenn es ein Laster gab, das seiner Frau innewohnte, dann war es die Angewohnheit, ihre ohnehin knappen Geldmittel für sinnleere Schwankgeschichten zu verschwenden.

Er hob seufzend die Schultern. Bevor er sich in seine Werkstatt zurückzog, sagte er zu Fredeke: »Und wenn du die Wäsche erledigt und die Ziege gemolken hast, darfst du gerne weiter die Katze verwöhnen.«

»Danke, mein Herr.« Sie vergalt ihm seine Freundlichkeit mit einem breiten Lächeln.

Früher oder später wird das Tier ohnehin in einem Kochtopf landen, dachte Martin. Auch wenn er mit Fredeke wieder im reinen war – seine Wut auf den Dieb war noch lange nicht verflogen. Leise fluchend wünschte er dem Kerl, der ihn so hinterlistig bestohlen hatte, die Pest an den Hals. Er trat in die Werkstatt, wo alles nur darauf zu warten schien, daß tatkräftige Hände die Arbeit aufnahmen, um prächtige Darstellungen in die Fenster zu bannen, die den Betrachter mit ihrem leuchtenden Glanz zu fesseln vermochten.

Ernüchtert blickte Martin auf das Material, das seit Wochen unangetastet zur Weiterverarbeitung bereitstand und auf dem sich bereits eine Staubschicht ausgebreitet hatte. Tonglas in den verschiedensten Farben, dazu das von Bläschen, Streifen und Linien durchsetzte Antikglas, Opalglas, Ornamentglas, Alabasterglas und natürlich Butzenglas – die Ahnfrau der Fensterverglasung.

Auf dem Nebentisch befanden sich die Bleiruten, mit denen er die einzelnen Glasstücke zusammenfügte. Das Blei gab den einzelnen Fragmenten nicht nur Halt und Festigkeit, sondern diente auch dazu, Konturen hervorzuheben.

Er bückte sich, hob ein zu Boden gefallenes Kröseleisen auf, das zur Nachbearbeitung des Glases verwendet wurde, und legte es zu dem Schneidediamanten und den Bleiruten.

Martin berührte den kalten Muffelofen und fragte sich, wann in ihm endlich wieder ein Feuer glühen würde, das die Schmelzfarben in das Fensterglas brannte.

Vor einem Monat hatte er seinen letzten Gesellen entlassen. Ein Jahr zuvor hatten sie noch zu viert in dieser Werkstatt gearbeitet. Sein Vater hatte oft davon erzählt, daß zu Beginn des Jahrhunderts zeitweilig mehr als ein Dutzend Männer in diesem Haus ihr Brot verdient hatte. Die Familie Fellinger stellte seit acht Generationen Glaser und Glasmaler in dieser Stadt, doch niemals zuvor war es um ihr Handwerk so schlecht bestellt gewesen.

Das Gewerbe der Glasmaler und Kunstverglaser befand sich im Niedergang. Bereits vor Ausbruch des Krieges war die Zahl der Aufträge zurückgegangen, doch seit die Kaiserlichen zur Mitte des vergangenen Jahrzehnts begonnen hatten, das Umland Magdeburgs zu besetzen und zu plündern, fand der Zufluß von Abgaben, Zinsen und Renten an Magdeburg ein schnelles Ende, und die wirtschaftliche Position der Stadt wurde entscheidend geschwächt.

Nachdem der Feldherr Wallenstein im März 1629 eine Blockade über Magdeburg verhängt hatte, geriet die Stadt durch die Handelssperre, die Beschlagnahme von Waren und Überfälle auf die Rinder- und Schweineherden nahe der Stadtmauer in weitere Not. Doch dieses Vorgehen schürte nur den Trotz der Bürger und führte zum Sturz des Stadtrats und der Inthronisierung eines protestantischen Bischofs. Die eindeutig proschwedische Stellung, welche die Stadt damit bezog, endete schließlich in der Belagerung durch Tillys Armee.

Martin war sich im klaren darüber, daß selbst mit dem Ende der Belagerung seinem Gewerbe niemals wieder eine Blütezeit bevorstand, wie die Vorväter sie erlebt hatten. Der Krieg würde wahrscheinlich noch sehr lange andauern. Sebastian hatte recht. Das Land war arm und blutete mit jedem Tag weiter aus. Kaum jemand war noch in der Lage, ein aufwendiges, in vielen Arbeitsstunden hergestelltes Buntglasfenster zu bezahlen, und auch die alten und beschädigten Fenster wurden nicht mehr ausgebessert.

Martin liebte seinen Beruf, und ihm wurde von vielen Seiten bestätigt, daß ihm das Geschick eines wahren Künstlers zu eigen war. Doch was nutzte ihm diese Begabung, wenn es keine Aufträge für ihn gab? Manchmal wünschte er sich, er hätte vor hundert Jahren gelebt, als Tag für Tag in dieser Werkstatt Schablonen angefertigt, das Glas zurecht geschnitten, es verbleit und die Schmelzfarben gemischt wurden. Welche Genugtuung mußte es sein, während eines Spaziergangs durch die Stadt an jeder Ecke ein eigenes Werk in den Fenstern der Kirchen, Klöster oder wohlhabenden Patrizierhäuser zu entdecken.

Martin hing diesen wehmütigen Gedanken nach, bis er Sophias Stimme aus der angrenzenden Diele vernahm. Er ging zu ihr, küßte sie auf die Wange und nahm ihr den großen Korb ab, in dem sich die nach Rosen duftende, feste weiße Seife befand sowie ein Bottich mit schwarzer Schmierseife. Der noch immer gefüllte Korb ließ Martin darauf schließen, daß sie wohl kaum etwas verkauft hatte.

»Den Menschen liegt ihre Reinigung nicht mehr am Herzen«, bestätigte Sophia diese Vermutung. Sie löste die Spange aus ihrem Haar und ließ die walnußbraunen Lokken auf die Schultern fallen. Martin mochte es, wenn sie ihre glänzenden Haare offen trug, so daß sie ihr anmutig geschnittenes Gesicht umrahmten und ihre dunklen Augen noch stärker zur Geltung brachten.

»Aber ein Bettler an der Petrikirche tauschte diesen kleinen Käse gegen ein halbes Dutzend Seifenkugeln ein«, sagte Sophia.

»Ein Bettler? Seit wann achtet ein Bettler auf die Reinlichkeit?«

Sophia schmunzelte. »Seit ich ihn auf die Idee gebracht habe, die Seife dazu zu benutzen, es aus seinem Mund schäumen zu lassen.«

»Du hilfst ihm, eine Krankheit vorzutäuschen und die Leute zu betrügen?«

»Solange dieser kleine Betrug unsere Mägen füllt, helfe ich ihm gerne.«

Martin dachte an den Lumpen, der ihn hereingelegt und bestohlen hatte. Er überlegte kurz, ob er Sophia dieses Mißgeschick gestehen sollte, entschied sich dann aber dagegen.

»Von dem Käse werden wir wohl nicht satt werden«, meinte Sophia.

Martin legte einen Arm um sie. »Ich habe Sebastian aufgesucht. Er hat mir Brot, Zwiebeln und Eier mit auf den Weg gegeben.«

»Wunderbar.« Sophia strahlte. »Da erwartet uns ja ein regelrechtes Festmahl.« Sie langte in ihre Schurztasche und zog zwei dünne Bücher hervor. »Und für später habe ich die hier erworben.«

»Was ist das?« Ein Blick auf die Titelei verriet ihm, daß es sich um die übliche Art Schwankbücher handelte, die Sophia sich mit Begeisterung zu Gemüte führte.

»Das hier«, sie hob eines der Bücher hoch, »ist das Katzipori vom Michael Lindner. Ich wollte es schon seit langem lesen. Und das andere Buch, so versicherte mir der Verkäufer, soll … nun ja, äußerst frivole und sündhafte Texte beinhalten.«

Martin seufzte. »Du gibst unser letztes Geld für solchen Schund aus?«

»Ich mag diese Bücher, und außerdem haben Münzen in diesen Zeiten ohnehin keinen Wert mehr. Das hast du doch selbst behauptet.«

Er schüttelte den Kopf, konnte sich ein Lächeln aber nicht verkneifen. »An dem Tag, als dein Vater beschlossen hat, dich das Lesen zu lehren, legte er den Grundstein zu meinem Ruin.«

Sie schürzte die Lippen. »Das mag sein, aber wenn du nicht mehr so grantig bist, lese ich dir heute nacht daraus vor.«

Martin konnte nicht anders, als ihre Sorglosigkeit zu bewundern. Ihrer Unbeschwertheit konnte selbst die größte Not nichts anhaben. Und ihre gute Laune wirkte ansteckend.

Er lachte leise und führte Sophia die Treppe in den ersten Stock hinauf.

 

Thea schenkte den Kindern, die johlend an ihr vorüberliefen und mit Holzschwertern gegeneinander kämpften, keine Beachtung. Ihr Blick war auf das dreigeschossige Fachwerkhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite gerichtet.

Neben der Eingangstür hing an einem verzierten Eisenhalter ein hölzernes Ladenschild. Jeder Handwerker in der Stadt hatte ein solches Abzeichen über seiner Tür angebracht, damit auch die des Lesens unkundigen Bürger erkennen konnten, welchem Gewerbe in dem Haus nachgegangen wurde.

Über dieser Tür nun befand sich ein Schild, auf dem ein prächtiges Buntglasfenster abgebildet worden war. Es handelte sich um die Werkstatt eines Glasmalers. Das Haus von Martin Fellinger. Wann immer Thea diese Straße zufällig passiert hatte, war sie kurz stehengeblieben und hatte versonnen das Gebäude betrachtet.

Ihre Finger spielten mit dem silbernen Medaillon, und zum wiederholten Mal fragte sie sich, was sie hier eigentlich tat. Ihr knurrte der Magen. Sie hätte längst versuchen können, das Medaillon gegen eine karge Mahlzeit einzutauschen, auch wenn die Bereitschaft der Magdeburger Bürger, etwas von ihren schwindenden Vorräten herauszurücken, mit jedem Tag geringer wurde.

Wann endlich würde diese Belagerung ein Ende finden? Die Zeit des Wartens empfand sie als schwere Last. Der Hunger zehrte an ihrem ohnehin schlanken, zierlich gebauten Körper. Nach den Wochen der Entbehrung empfand sie sich als dürr, und das würde sich früher oder später auch schlecht auf das Geschäft auswirken, denn die meisten Männer bevorzugten dralle Weiber mit großen Brüsten.

Thea klappte das Medaillon auf und betrachtete noch einmal das Porträt der hübschen jungen Frau. War sie Martin Fellingers Eheweib?

Plötzlich verließ sie der Mut. Es würde besser sein, sich nicht mehr in Martins Leben einzumischen und ihn womöglich in Verlegenheit zu bringen, doch das Medaillon gehörte Martin. Sie hatte es Julius nicht entrissen, um es für sich zu behalten.

Kurz entschlossen trat Thea vor den Eingang. Die Türflügel waren mit Schnitzwerk versehen und mit kunstvollen Haspen und Beschlägen sowie einem prächtig geschmiedeten Türklopfer verziert, den sie benutzte, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie würde das Medaillon jemandem vom Gesinde übergeben und sich rasch davonmachen.

Thea hörte Stimmen und Schritte. Sie hatte erwartet, einer Magd zu begegnen, aber als die Tür geöffnet wurde, stand sie der Frau gegenüber, deren Porträt sich in dem Medaillon befand. Ihr Gesicht hatte man auf dem Bild hervorragend getroffen, doch während sie auf dem Porträt recht ernst dreinschaute, begegnete diese Frau ihr hier mit einem freundlichen Lächeln. Sie trug ein schlichtes Kleid und hatte das Haar zu einem Zopf geflochten. Ein schwacher Duft nach Rosenwasser umgab sie.

Unwillkürlich stellte Thea einen Vergleich an. Die Frau mochte etwas kräftiger gebaut sein als sie selbst, mit deutlich weiblicheren Formen, die sie allerdings keineswegs dicklich oder gar plump wirken ließen. Ihre Haare waren von gleicher Farbe und Länge, und auch die tiefbraunen, ausdrucksstarken Augen ähnelten den ihren.

»Kann ich Euch behilflich sein?« fragte die Frau.

»Ich bringe dies hier zurück.« Thea reichte ihr das Medaillon.

Die Frau betrachtete verwundert das Schmuckstück. »Es gehört meinem Mann. Ich habe nicht gewußt, daß es ihm abhanden gekommen ist.«

Also war dies tatsächlich Martin Fellingers Ehefrau. Thea befand, daß es nun wirklich an der Zeit war zu gehen. Sie wollte sich umdrehen, doch Frau Fellinger hielt sie zurück, indem sie eine Hand auf ihren Arm legte. Ihr Blick ließ ein gewisses Mißtrauen erkennen.

»Wartet. Mein Mann wird sich gewiß für Eure Ehrlichkeit bedanken wollen.«

Thea schüttelte den Kopf. »Das ist nicht nötig.«

»Unsinn. Natürlich ist es nötig.« Martins Frau zog sie noch weiter zu sich heran. »Es wird nicht lange dauern. Und Ihr seid doch sicher hungrig.«

Die Aussicht auf eine Mahlzeit ließ Theas Widerstand dahinschmelzen wie Butter in der Sonne. Frau Fellinger leitete sie in den Flur, in den nur wenig Tageslicht fiel. Eine junge Magd kam ihnen entgegen, die Thea mit einem höflichen Nicken bedachte und dann rasch den Blick senkte.

Martins Frau führte sie eine Wendeltreppe hinauf, und sie betraten eine kleine Stube. »Wartet bitte hier. Ich rufe rasch meinen Mann herbei«, sagte Frau Fellinger und ließ Thea allein.

Nie zuvor hatte Thea die Stube eines Bürgerhauses betreten. Alle Wände waren mit dunklem Holz vertäfelt und mit Schnitzereien und Intarsien verziert. Auf einem das Zimmer rund umlaufenden Borde befanden sich zahlreiche Zinnbecher, Leuchter und bunte Flaschen in den verschiedensten Formen. Die größte Aufmerksamkeit in dieser Stube zog zweifelsohne die Staffelei auf sich, die in der Mitte des Raumes stand. Auf ihr thronte ein prachtvolles Glasgemälde – eine herrliche Arbeit, auf der die Stadt Magdeburg zu einer friedvolleren Zeit abgebildet worden war. Thea trat näher an das Bild heran und fuhr mit einem Finger die Bleistege entlang.

Zahlreiche Details waren in diesem Glasmosaik zu erkennen. Der strahlend blaue Himmel wurde von kleinen weißen Wolken durchzogen. Sie konnte viele charakteristische Merkmale der Stadt ausmachen: den Dom, das Rathaus, die Türme des Festungswalles und sogar einige Rinder und Schafe, die auf den Wiesen vor der Stadt angedeutet waren.

»Du müßtest es sehen, wenn Sonnenlicht hindurch fällt.«

Die Stimme hinter ihr riß Thea aus ihren Gedanken. Sie wandte sich um und sah Martin Fellinger.

»Nur das Licht vermag die Kunst eines Glasmalers zur vollen Entfaltung zu bringen«, entgegnete Thea. »So hast du es mir damals erklärt.«

Er machte einen Schritt auf sie zu. Seine Miene spiegelte Überraschung wider. Doch war da nicht auch eine gewisse Freude über dieses unerwartete Wiedersehen zu erkennen? Thea musterte ihn einen Augenblick lang. Aus dem schmächtigen Jüngling war ein großgewachsener, wohlgebauter Mann geworden. Martins blaue Augen strahlten noch immer große Freundlichkeit aus. Das kantige Kinn verlieh dem Gesicht eine energische Note. Thea hätte ihn nach all der Zeit gerne in die Arme geschlossen, aber sie spürte seine Reserviertheit, und darum hielt sie sich zurück.

»Das Licht ist eine Illusion. Genau wie dieses Bild. Ich hätte wohl besser die Feldlager und die Einschläge der Kanonenkugeln darauf abbilden sollen, um der Wirklichkeit gerecht zu werden.« Martin schaute verdrossen drein, dann faßte er unter sein Wams und zog das Medaillon hervor.

»Meine Frau sagte mir, daß du es zurückgebracht hast.

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