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Der Glanz des Südsterns

ELIZABETH HARAN

DER   
GLANZ     
DES        
SÜDSTERNS

Roman               

Übersetzung aus dem       
australischen Englisch                 
von Isabell Lorenz     

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BASTEI ENTERTAINMENT

Dieses Buch ist für Carola Casado,
meine junge deutsche Freundin.
In all den Höhen und Tiefen des Lebens
ist ein echter Freund niemals fern.

1

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»Elena«, flüsterte Dr. Lyle MacAllister zärtlich, als er die junge Frau sanft an der Schulter berührte, um sie zu wecken.

Er sah sie an, und in einer Gefühlsaufwallung zog sich sein Herz zusammen. Sie sah so friedlich aus im Schlaf, so vollkommen – ein Engel inmitten des Chaos und der Hässlichkeit des Krieges. Er wusste, er war dabei, sich hoffnungslos zu verlieben, und er vermochte nichts dagegen zu tun.

Auf der Station 8C des Victoria Hospital in Blackpool war es ruhig. Nur ab und zu war ein ersticktes Stöhnen aus einem der Betten ganz hinten in der Nähe der verdunkelten Fenster zu hören. In einer Ecke brannte eine kleine Lampe, die gerade genug Licht gab, damit die Krankenschwestern nach den Patienten sehen konnten.

Lyle schaute auf die Uhr. Es war nach Mitternacht. Seit vierzehn Stunden war er jetzt auf den Beinen, den größten Teil dieser Zeit hatte er im Operationssaal verbracht. Kein Wunder, dass er erschöpft war. Irgendwo in der Ferne hörte er das Kreischen von Sirenen. Es hatte Wochen gedauert, aber inzwischen empfand er das Geräusch nicht mehr als so schreckenerregend wie zu Beginn des Krieges, ein trauriger Beweis dafür, dass man sich mit der Zeit an alles gewöhnte. Er nahm nicht einmal mehr den stechenden Geruch von Wundbrand wahr, auch nicht den des Desinfektionsmittels Lysol und genauso wenig den Gestank des Todes.

Schwester Elena Fabrizia saß auf einem Korbstuhl neben einem ihrer Patienten. Der Gefreite Norman Mason des Neunten Bataillons vom Royal Lancaster Regiment war auf dem Schlachtfeld in Passendale, Belgien, schwer verwundet worden. Elena hatte er erzählt, er stamme aus Derbyshire, sei verheiratet und habe siebenjährige Zwillingstöchter. Der Krieg dauerte nun schon vier Jahre an, und er hatte sie seit dem Sommer 1914 nicht mehr gesehen. Elena reckte sich und schlug die Augen auf, dann stöhnte sie leise, denn ihr Nacken war vom langen Sitzen steif geworden.

»Bist du etwa seit dem Ende deiner Schicht hier?«, fragte Lyle im Flüsterton.

Er wusste, dass ihre Schicht um sieben Uhr endete, und dachte, sie wäre nach Hause zu ihren Eltern gegangen, aber dass sie hier neben Norman Mason eingeschlafen war, wunderte ihn nicht sehr. Die Hingabe, mit der sie ihren Dienst versah, war nur eines der Dinge, die er an ihr lieben und bewundern gelernt hatte.

»Wie spät ist es denn?«, wollte Elena verschlafen wissen.

Sie richtete das weiße Schwesternhäubchen über ihrem langen dunklen, locker nach hinten gebundenen Haar. Ihre weiße Schürze mit dem großen roten Kreuz, das sie als Krankenschwester zu erkennen gab, trug sichtbare Zeichen der Schmutzarbeit, die sie an diesem Tag verrichtet hatte.

»Viertel nach zwölf«, antwortete Lyle leise.

»Ach du meine Güte. Meine Eltern werden sich Sorgen machen.« Elena richtete sich auf und schaute auf den Mann in dem Bett, neben dem sie saß. »Normans Bein sieht gar nicht gut aus.«

Ihre Stimme zitterte, als sie an den Preis dachte, den er vielleicht für seine Verwundung würde zahlen müssen. Ihre Ausbildung hatte sie in einem kleinen Krankenhaus erhalten, das keine verwundeten Soldaten aufnahm. Vor ein paar Monaten hatte sie sich ins Victoria Hospital versetzen lassen, weil man dort so verzweifelt Personal brauchte. Derart entsetzliche Verwundungen hatte Elena noch nie gesehen, aber sie war zweiundzwanzig und dachte, sie besitze die nötige Reife und genug Sachverstand, um Distanz zu wahren zu dem, was sie sah. Dass sie so sehr betroffen war, weckte bei ihr Zweifel an ihrer Berufung. Aber sie wurde gebraucht. Sie konnte nicht weglaufen.

Normans rechter Wadenmuskel war glatt durchtrennt, der Muskel zwischen Knie und Knöchel völlig zerfetzt. Der Knochen in seinem linken Bein war so zerschmettert, dass er nicht mehr zu retten gewesen war. Das Bein hatte man ihm drei Tage zuvor oberhalb des Knies amputiert.

»Er hat so hohes Fieber, dass ich fürchte, sein Bein wird brandig werden«, fügte Elena hinzu.

Trotz der Kälte draußen stand ihrem Patienten der Schweiß auf der Stirn. Sie beugte sich über ihn und tupfte ihm den Schweiß sanft mit einem Tuch ab.

Am Ende ihrer zwölfstündigen Schicht war Elena noch einmal zu Norman ans Bett gegangen, um nach ihm zu sehen. Das Betäubungsmittel wirkte kaum gegen seine Schmerzen, und so war er über jede Abwechslung froh. Sie war erschöpft gewesen, aber der junge Soldat brauchte Gesellschaft, um ein wenig von seinen Schmerzen abgelenkt zu sein, und das wollte sie ihm nicht versagen. Anfangs war Norman voller Wut und Selbstmitleid wegen des verlorenen Beins gewesen, aber an diesem Abend war das anders. Sein Sinn für die Realität war erwacht, und das Selbstmitleid hatte sich in entsetzliche Angst verwandelt – Angst davor, dass er sterben und seine Mädchen nicht aufwachsen sehen könnte.

Lyle zog Elena weg von Norman. Wenn der junge Soldat auch in den Genuss einiger Minuten gnädigen Schlafs gekommen war, wollte er doch auf keinen Fall Gefahr laufen, dass er plötzlich aufwachte und mit anhörte, was er nun zu sagen hatte.

»Du weißt, dass er womöglich auch das andere Bein verlieren wird, Elena«, flüsterte Lyle. »Die Entscheidung fällt morgen. Falls wir sein Leben nur durch die Amputation retten können, werden wir keine Wahl haben.«

Elena war zu erschöpft, um ihre Gefühle unter Kontrolle halten zu können, und ihre dunkelbraunen Augen füllten sich mit Tränen.

»Ich weiß. Ich hoffe sehr, dass sein Bein gerettet werden kann. Er hat schon so viel verloren.«

»Ich bin sicher, Elena, seine Frau zieht es vor, einen Mann ohne Beine zu haben, als gar keinen Mann. So solltest du das sehen.«

Elena ließ den Kopf sinken. »Du hast Recht«, flüsterte sie. »Du bist so stark und klug, Lyle. Ich wünschte, ich wäre wie du.«

Bei der Bemerkung zuckte Lyle zusammen. »Ich bin alles andere als vollkommen, Elena. Ich bin bloß ein Mann, der versucht, sein Bestes zu geben. Und das gelingt mir keineswegs immer.«

»Du hast so vielen schon das Leben gerettet. Ich weiß gar nicht, was dieses Krankenhaus ohne dich anfangen sollte, Lyle, und wie ich ohne dich die Tage durchstehen könnte.«

»Du bist stärker, als du denkst, Elena, und du spendest Männern wie Norman so viel Trost. Du solltest nicht unterschätzen, was für ein besonderer Mensch du bist.«

Lyle nahm ihre Hand und führte sie noch weiter von Normans Bett fort. In einer nur schwach beleuchteten Ecke der Station standen sie einander gegenüber. Lyle sah Elena in die Augen. Er hatte gegen die Gefühle für sie angekämpft, aber es fiel ihm schwerer und schwerer, den Ruf seines Herzens zu ignorieren. Er wollte sie küssen, wollte sie wieder und immer wieder küssen.

Elena wurde jäh von ihren Empfindungen überwältigt. Lyle war der attraktivste Mann, den sie je gesehen hatte. Alle Schwestern im Victoria Hospital, egal wie alt sie waren, wurden beinahe ohnmächtig, wenn er in ihre Richtung schaute, er schien das jedoch nicht zu bemerken. Elena war durchaus empfänglich für sein gutes Aussehen, er war groß und blond und hatte grüne Augen, aber sie war aufrichtig davon überzeugt, dass sie als einzige der Schwestern begriff, dass da weit mehr an Dr. Lyle MacAllister war. Er war sensibel und auf eine witzige Art stets zum Flirten aufgelegt. Sogar inmitten all des Entsetzlichen, dem sie sich tagtäglich gegenübersahen, brachte er sie mit seinem wunderbaren Sinn für Humor zum Schmunzeln. Sie verstand gut, weshalb die Wärme seiner Stimme und sein ausgeprägter schottischer Akzent den Patienten solch ein Trost waren. Sie spürte das wahre Ausmaß seines Mitgefühls und seiner Hingabe an die Medizin. Er war ein außergewöhnlicher Mann, und sie hatte sich bis über beide Ohren in ihn verliebt.

Lyle hatte gerade seine Ausbildung in einem Krankenhaus in Edinburgh beendet, als der Krieg ausbrach. Danach hatte er vier Jahre lang im Crichton Royal Hospital in Dumfries, Schottland, gearbeitet, ehe er zusammen mit einigen Kollegen nach England in die Stadt Blackpool ging. Es war eine große Enttäuschung für ihn, dass es ihm in den sechs Wochen seiner Tätigkeit in Blackpool nicht gelungen war, Verbesserungen auf den überbelegten Stationen durchzusetzen, aber die Medikamentenvorräte waren ärgerlich knapp. Ein weiteres Ärgernis, abgesehen von den Verwundeten, die schneller eingeliefert wurden, als man sie behandeln konnte, war die Tatsache, dass die Spanische Grippe Tausende von Menschen in ganz Europa dahinraffte.

In dem Moment, als Lyle Elena Fabrizia zum ersten Mal gesehen hatte, war seine ganze Welt auf den Kopf gestellt worden. Bevor er mit seiner Arbeit am Victoria Hospital begonnen hatte, war er damit zufrieden gewesen, das Leben zu führen, das diejenigen, die ihn liebten, für ihn geplant hatten. Jetzt kam ihm seine Zukunft vor wie ein Stapel Spielkarten, die an einem windigen Tag in alle Richtungen zerstreut worden waren.

»Du solltest deinen Mundschutz tragen, Elena. Allein in den vergangenen vier Tagen sind zwanzig Menschen in diesem Krankenhaus an der Grippe gestorben«, sagte Lyle besorgt. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, sie womöglich zu verlieren.

Elena nickte nur. Sie war zu erschöpft zum Denken, zu erschöpft, sich auch nur zu regen. Im ersten Moment nahm sie kaum wahr, dass Lyle sie an sich zog. Aber dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände, und sie erwiderte seinen Blick. Lyle zog sie in seine Arme, und ihre Lippen fanden sich wie so oft in der letzten Zeit. Sie hörten die Nachtschwestern auf der Station nebenan, also hatten sie einen Moment für sich allein, aber sie mussten vorsichtig sein. Geheimnisse ließen sich in der betriebsamen Umgebung eines Krankenhauses schwer wahren, und sie beide hatten ihre ganz eigenen Gründe dafür, die Tatsache, dass sie sich ineinander verliebt hatten, nicht bekannt werden zu lassen.

»Ich … muss nach Hause«, stammelte Elena benommen. Nicht auszudenken, wie ihr Vater reagierte, wenn er herausfand, was sie hier tat. Zögerlich löste sie sich aus Lyles Umarmung. »Mein Vater könnte nach mir gucken kommen.«

Luigi Fabrizia war sehr streng. Er erlaubte es Elena nicht, mit Männern auszugehen. Auch wenn Luisa Fabrizia eine englische Mutter hatte, war es doch kein Geheimnis in Elenas Familie, dass ihr Vater von ihr erwartete, dass sie einen Italiener, einen Katholiken heiratete. Wüsste er, dass sie sich in einen schottischen Protestanten verliebt hatte, würde er sie zu seiner Familie nach Italien schicken. Deshalb blieben Lyle und Elena nur wenige gestohlene Momente, die sie genossen, wann immer sie konnten.

»Bevor du gehst, muss ich dir noch etwas sagen, Elena«, erklärte Lyle. Er zog sie weg von der Station, in die Abgeschiedenheit eines kleinen Besucherzimmers, in dem einige Holzstühle standen. Der Raum erinnerte Lyle an die vielen Male, die er den Familien seiner Patienten die schlimmsten Nachrichten überbracht hatte. Doch jetzt musste er mit Elena über etwas anderes reden als Patienten, Krankheiten und Tod. »Ich habe vier Tage Urlaub bekommen, Elena, von morgen früh an«, sagte er ernst. »Zeit genug, um nach Dumfries zu fahren.« Er beobachtete, wie sie darauf reagierte, und sah ihre Enttäuschung darüber, dass sie nicht ein wenig Zeit in diesen Tagen miteinander verbringen würden. »Ich muss zu meiner Familie«, fügte Lyle hinzu.

Verzweifelt wünschte er sich, ihr den wahren Grund für seine Fahrt nach Schottland sagen zu können, aber er durfte nicht Gefahr laufen, sie zu verlieren.

»Natürlich musst du nach Hause fahren«, erwiderte Elena und setzte eine tapfere Miene auf. »Deine Familie muss dich ja unendlich vermissen. Ganz sicher ist sie stolz auf die großartige Arbeit, die du leistest, aber ich werde dich vermissen.«

Lyle zögerte. Sollte er Elena mehr über sein Leben in Schottland erzählen? Nein, er brachte es nicht über sich, sie zu verletzen. »Versprich mir, dass du deinen Mundschutz trägst, wenn ich weg bin«, sagte er ernst.

Trotz ihrer Erschöpfung musste Elena lächeln. »Das werde ich«, antwortete sie.

»Elena!«, rief jemand auf dem Korridor.

Sie riss die Augen auf, als sie die Stimme ihres Vaters erkannte. »Das ist mein Papà«, flüsterte sie panisch. »Ich muss gehen. Auf Wiedersehen, Lyle. Pass auf dich auf, und komm zurück zu mir.«

Noch einmal küsste sie ihn flüchtig und eilte dann hinaus.

Es wurde schon dunkel, als Lyle am späten Nachmittag des kommenden Tages in seiner Heimatstadt Dumfries aus dem Zug stieg. Er verließ den Bahnhof, und es fing wie so oft in Schottland an zu regnen, aber er bemerkte es kaum. Seine Gefühle waren in Aufruhr. Lyle steuerte auf direktem Weg das bescheidene Häuschen seiner Eltern auf der Burns Street an.

Sein Vater Tom MacAllister arbeitete seit fast dreißig Jahren als Arzt. Früher hätte man ihn als unermüdlich beschreiben können, aber Mina MacAllister war sich bewusst, dass die Arthritis ihn langsamer machte. Immer öfter schlief er ein, kaum dass er einmal für ein paar Minuten ausruhen konnte. Im Winter, wenn die Schmerzen ihm zu schaffen machten, war er manchmal ruppig, aber seinen Patienten gegenüber stets voller Mitgefühl. Er konnte dickköpfig sein wie ein alter Esel, und doch überraschte er seine Frau Mina immer wieder damit, wie sensibel er seinen Beruf ausübte. Lyle verstand sich gut mit seinem Vater, und der Respekt und die tiefe Zuneigung, die sie füreinander empfanden, waren über die Zeit stetig gewachsen.

In den dreißig Jahren seiner engagierten Arbeit war es durchaus keine Seltenheit gewesen, dass Tom drei Generationen ein und derselben Familie behandelte. Er kümmerte sich um alles, von harmlosen Schnittwunden bis hin zu gebrochenen Herzen. Schon vor dem Krieg hatte er damit begonnen, eine Pastete oder ein Hühnchen, ein paar Eier oder ein Stück Käse als Honorar für seine Dienste zu akzeptieren, wenn die Menschen, die ihn um Hilfe baten, nicht zahlen konnten. Doch jetzt, da die Lebensmittel für alle rationiert waren, lehnte er auch das oftmals standhaft ab. Er wollte nicht, dass ein Kind seinetwegen hungerte. Viele seiner dankbaren Patienten hatten sich deshalb angewöhnt, ihm selbst gezogenes Gemüse vor die Haustür zu legen und dann zu leugnen, dass sie es gewesen waren. Am Vortag war es Lauch gewesen, also hatte Mina Suppe gekocht.

Lyles Mutter stammte ursprünglich aus den Highlands. Sie war eine kräftige, hart arbeitende Frau und oft kurz angebunden mit Leuten außerhalb ihrer engsten Familie. Wer ihr nahestand, kannte ihr weiches Herz und ihre große Liebe zu Tieren. Auch wenn sie selbst wenig zu essen hatten, fand sie immer noch etwas für einen hungrigen streunenden Hund oder eine herrenlose Katze.

Lyles Bruder Robbie war Kaplan bei der Armee. Sie hörten nicht oft von ihm. Sein letzter Brief war aus Italien gekommen, und seine Familie klammerte sich an das Wissen, dass er noch am Leben gewesen war, als er den Brief abgeschickt hatte.

Zu seiner Überraschung traf Lyle bei seiner Ankunft seine jüngere Schwester Aileen zu Hause an. Bei der Arbeit in einer Munitionsfabrik in Newcastle upon Tyne hatte sie sich an der Hand verletzt, und deshalb hatte man ihr zwei Wochen freigegeben.

Nach einem kleinen Schwatz mit Mutter und Schwester über einem dampfenden Teller Lauchsuppe, gefolgt von Hafermehlkuchen und Tee, gingen Lyle und sein Vater auf ein Bier ins Mulligan’s Inn. Eine Weile plauderten sie miteinander über die Leute im Ort und Toms Meinung zu Robbies Arbeit als Kaplan, dann kamen sie auf das Victoria Hospital zu sprechen – auf die Medikamentenknappheit und den Ausbruch von Tuberkulose in Dumfries. Aber Tom spürte, dass Lyle aufgewühlt war, und das führte er nicht auf dessen Arbeit im Hospital zurück. Sein Instinkt funktionierte einwandfrei, wenn es um Menschen, vor allem um seine Familie, ging, und so nahm er an, dass das, was seinem Sohn zu schaffen machte, nichts mit dem Krieg zu tun hatte. Nach einem langen Schweigen brachte er seine Gedanken zur Sprache.

»Dir brennt etwas auf der Seele, mein Junge«, erklärte er sachlich. »Lass hören.« Tom richtete seinen Blick fest auf Lyle.

Plötzlich kam sich Lyle vor, als sei er wieder fünf Jahre alt. Er wusste nicht, was er sagen sollte. »Es ist nichts Wichtiges, Dad. Ich komm schon damit zurecht«, antwortete er. Er war nicht sicher, ob sein Vater ihn verstehen würde.

Tom überlegte einen Moment. »Bestimmt bekommst du die schlimmsten Auswirkungen des Krieges zu sehen, Lyle, da wo du arbeitest. Es ist keine Schande, wenn einen das betroffen macht.«

»Es muss einen einfach betroffen machen, wenn man sieht, wie sinnlos dieser Krieg ist, aber das ist es nicht, was mir auf der Seele brennt, Dad«, gestand Lyle.

»Wenn es nicht der Krieg ist, dann gibt es nur noch eines, das einem Mann die Sinne verwirrt, und das ist eine schöne Frau. Machst du dir Sorgen wegen Millie?«

Lyle trank seinen letzten Schluck Ale und spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Er musste sich seine Schuld von der Seele reden, aber er hatte keine Ahnung, wie sein Vater reagieren würde. »Ich habe mich in eine Schwester aus dem Krankenhaus verliebt«, gestand er, ehe ihn sein Mut verließ. Er sah sich um, wollte sichergehen, dass keiner sein Geständnis gehört hatte, aber von ihnen beiden abgesehen hockten nur noch zwei Männer in einer Ecke der Gastwirtschaft und spielten Karten. »Solche Gefühle habe ich bisher nicht gekannt, Dad. Ich muss immerzu an sie denken, Tag und Nacht.«

Takt war nicht gerade Toms Stärke, aber er nahm sich einen Moment Zeit, um seine Worte sorgfältig abzuwägen. »In Kriegszeiten verhalten sich die Menschen anders, Junge. Sie wissen, dass sie jederzeit von einer Bombe getroffen werden können, also werden sie impulsiv und neigen dazu, nur für den Augenblick zu leben. Gefühle geraten außer Kontrolle.«

»Was willst du damit sagen, Dad? Dass meine Gefühle nicht echt sind?«

Tom sah, dass Lyle gekränkt war. »Deine Gefühle mögen ja echt sein, Junge, aber wenn der Krieg aus ist, und es heißt, das könne sehr bald der Fall sein, wird dieses Mädchen dann immer noch da sein, und wirst du dann immer noch dieselben Gefühle für es hegen?«

»Im Moment weiß ich nur eines sicher: Ich werde Elena Fabrizia lieben, solange ich lebe«, erklärte Lyle beharrlich.

»Wenn sie Fabrizia heißt, ist sie wohl Italienerin«, sagte Tom und runzelte die Stirn.

»Ja, ihre Eltern sind italienische Katholiken.«

»Dann steht dir ziemlich viel Ärger ins Haus, mein Sohn.«

»Wie meinst du das, Dad?«

»Ich habe doch wohl Recht, wenn ich annehme, dass du die Familie dieser Elena noch nicht kennengelernt und auch noch nicht den Segen dieser Leute hast?«

Lyle ließ den Kopf sinken. »Ja, aber unsere Beziehung ist auch erst ein paar Wochen alt.«

»Wenn mich mein Wissen über italienische Katholiken nicht trügt, wird ihr Vater erwarten, dass sie einen Landsmann, einen Katholiken, heiratet, und eine entsprechende Ehe arrangieren. Ein schottischer Protestant wird sein Haus gar nicht erst betreten dürfen.«

Lyle verließ der Mut. »Ich weiß, es wird Hindernisse geben, aber die werden wir aus dem Weg räumen.«

»Das Mädchen wird von der Familie verstoßen werden, Lyle. Hast du denn nicht schon genug Schwierigkeiten?«

Lyle war verzweifelt. »Ich liebe Elena so sehr. Kann ich denn gar nichts tun?«

»Was ist mit Millie? Sie glaubt, dass sie eines Tages deine Frau wird, das ist nicht gerade ein Geheimnis. Deiner Mutter hat sie erzählt, sie habe die Aussteuer zusammen und sogar das Hochzeitskleid schon ausgesucht.«

»Ich habe Millie noch keinen Heiratsantrag gemacht, Dad«, wehrte Lyle ab.

»Das stimmt. Aber sie ist sicher, dass ihr eine gemeinsame Zukunft haben werdet, sofern der Krieg das nicht verhindert. Du solltest sehr vorsichtig sein, ehe du das für etwas wegwirfst, was womöglich nur eine Kriegsromanze ist.«

Es war schon spät, aber Lyle beschloss, Millie noch an diesem Abend aufzusuchen, um mit ihr zu sprechen. Das Herz war ihm schwer, als er jetzt an die Tür des Hauses ihrer Familie klopfte. Lyle hatte seinen warmen Mantel eng um sich gezogen und den Kragen hochgeschlagen, aber er vermochte ihn nicht genügend vor Regen und Wind zu schützen.

Millie öffnete die Tür, und ihre Miene hellte sich auf, als ob hundert Kerzen angezündet würden. »Lyle!«

Sie warf sich Lyle in die Arme und gab ihm einen warmen Kuss auf die vor Kälte ganz blauen Lippen. Sein völlig durchnässter Mantel schien sie gar nicht zu stören.

Lyle hatte sich das Hirn zermartert bei dem Versuch, seine Gefühle für Millie mit denen für Elena zu vergleichen. Ja, er liebte Millie, aber es war nicht dieselbe Liebe, die er für Elena empfand. Wenn er an Millie dachte, dann mit Wärme und Zärtlichkeit. Seit der Schulzeit kannte er die quirlige junge Frau mit den Sommersprossen auf der Nase und den üppigen rostroten Locken, und in den letzten vier Jahren waren sie oft miteinander ausgegangen. Er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart.

Die Art Liebe, die er für Elena empfand, war völlig anders. Sein Herz raste, wann immer er sie sah. Er sehnte sich danach, sie zu berühren, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick. Der Gedanke, seine Zukunft mit ihr zu teilen und Kinder mit ihr zu haben, erfüllte ihn mit Freude.

»Wieso hast du mir denn nicht Bescheid gegeben, dass du kommst? Ich hätte mich doch hübsch für dich gemacht«, sprudelte es aus Millie heraus, während sie ihn ins Haus zog, weg aus dem kalten Wind. Der November war in diesem Jahr besonders rau. Es regnete und stürmte nahezu jeden Tag. Lyle konnte bis in das kleine Wohnzimmer sehen, in dem ein warmes und einladendes Feuer im Kamin brannte.

»Ich … mein Urlaub ergab sich ganz plötzlich, also dachte ich, ich nutze die Gelegenheit und fahre einfach nach Hause«, antwortete Lyle, als sie das gemütliche Zimmer betraten, wo er sich die Hände am Kaminfeuer wärmte. Sie schwiegen, und in der Stille hörte Lyle jemanden in einem anderen Zimmer husten. »Wie geht es deinen Eltern?«

»Sie sind schon im Bett«, sagte Millie. Auch sie hatte sich bereits bettfertig gemacht. Sie trug einen Morgenmantel und Hausschuhe.

»Tut mir leid, dass ich so spät noch störe«, entschuldigte sich Lyle. »Nach einer Unterhaltung mit Mom und Aileen bin ich noch mit Dad auf ein Bier ins Mulligan’s Inn gegangen. Aileen hat mir von Andrew erzählt. Es geht ihm gut.« Millies Bruder Andrew arbeitete in derselben Munitionsfabrik wie Aileen.

»Das ist schön. Es macht im Übrigen nichts, dass es schon spät ist, Lyle. Du bist da, und das ist die Hauptsache. Mom und Dad wird es leidtun, dass sie dich verpasst haben.« Sie nahm seinen Mantel und hängte ihn zu den anderen an einen Haken. »Eigentlich geht es Dad nicht so gut, deshalb sind Mom und er auch so früh schon ins Bett gegangen.«

Das beunruhigte Lyle. Er mochte Jock Evans. »Dann ist das dein Vater, der da hustet?«

»Ja, er hustet die ganze Nacht und hält uns alle wach.«

»Wie lange geht das schon?«

»Ein paar Tage.«

»War er bei einem Arzt?«

»Du weißt doch, wie mein Vater ist, Lyle.«

»Ja, er sagt, Ärzte sind für kranke Leute da.«

»Stimmt. Sein Husten ist fürchterlich, aber er gibt nicht viel drauf und geht trotzdem zur Arbeit.«

Lyle wusste, dass Jock noch sturer war als sein eigener Vater, aber er war auch ein großer, kräftiger Mann. Es fiel ihm schwer, ihn sich krank vorzustellen.

Lyle setzte sich aufs Sofa, dasselbe Sofa, auf dem er und Millie sich kurz vor seiner Abreise nach Blackpool geliebt hatten. Sie waren in genau der Gemütsverfassung gewesen, die sein Vater zuvor beschrieben hatte. Millie und er hatten sich für die Ehe aufgespart, hatten sich mit Intimitäten zurückgehalten, aber niemand konnte garantieren, dass das Victoria Hospital von Bomben verschont würde, und wenn Lyle nicht wieder nach Hause kommen würde, gäbe es keine gemeinsame Zukunft. So hatten sie etwas riskiert, was sie normalerweise nicht riskiert hätten – um ihre Liebe zu besiegeln.

Lyle starrte in die Flammen des Kaminfeuers und vermied den Blick in Millies vertrauensvolle strahlend blaue Augen. Er suchte nach Worten, um ihr zu sagen, dass er sich in eine andere Frau verliebt hatte, doch wenn sich die Worte auch in seinem Kopf zusammenfügten, wollten sie ihm doch nicht über die Lippen kommen.

»Ich hab dich so vermisst«, sagte Millie, setzte sich neben ihn und drückte ihm die kalten Hände. Sie hatte sich auch nicht so gut gefühlt, aber die Freude, Lyle wiederzusehen, wirkte wie eine Arznei. »Soll ich dir einen heißen Tee machen? Der wärmt dir die Knochen.«

»Nein, es geht schon«, antwortete Lyle.

»Wie ist es denn in Blackpool?«

»Ich habe kaum Gelegenheit, mir was von der Stadt anzusehen«, erwiderte Lyle wahrheitsgemäß. »Im Krankenhaus geht es ziemlich hektisch zu. Wir können kaum Schritt halten mit der nicht abreißenden Zahl von Verwundeten.« Lyle holte tief Luft. »Möglicherweise werde ich jetzt eine ganze Weile nicht mehr nach Hause kommen können, Millie.«

Er wollte ihr sagen, sie solle mit ihrem Leben fortfahren, statt auf ihn zu warten. Doch Millie kam ihm zuvor.

»Ich hoffe, du kannst dich genügend ausruhen, Lyle. Ich weiß ja, mit wie viel Hingabe du arbeitest, aber du brauchst auch Ruhe.«

Er sah, wie Millie enttäuscht die Stirn runzelte, sie hielt aber mit ihren Gefühlen zurück. Stattdessen sorgte sie sich um seine Gesundheit. Das sah Millie ähnlich. Lyle fühlte sich noch schuldiger.

»Mit mir ist alles in Ordnung«, sagte er. Verzweifelt suchte er nach Worten. Wie konnte er ihr sagen, was er ihr eigentlich sagen wollte? Er wechselte das Thema. »Und wie geht es dir?«

Millie erzählte von ihrer Arbeit als Lehrerin und berichtete von gemeinsamen Freunden in der Stadt. Lyle nahm wahr, dass er gar nicht richtig zuhörte. Mit seinen Gedanken war er bei Elena. Das durfte nicht sein. Er konnte Millie nicht weiter belügen. Er musste ihr die Wahrheit sagen. Und zwar jetzt.

»Lyle? Lyle, hörst du mir überhaupt zu? Geht es dir wirklich gut, Lyle? Du weißt, du kannst mir alles sagen«, meinte Millie voller Mitgefühl. »Der Krieg macht dir zu schaffen, nicht wahr? Die fürchterlichen Verwundungen, die du Tag für Tag siehst. Habe ich Recht?«

Lyle kam sich wie das niedrigste Wesen auf Erden vor. Sie merkte, dass etwas mit ihm nicht stimmte, er ertrug den Gedanken jedoch nicht, ihr das Herz zu brechen, gleichzeitig verachtete er sich dafür, dass er so verlogen und feige war.

»Mit den Folgen des Krieges umzugehen ist schwer, Millie. Das hat mich verändert. Ich sehe inzwischen vieles anders.«

»Das verstehe ich, Lyle.« Millie nahm sein Gesicht in ihre Hände. »Aber mich siehst du doch nicht anders, oder?«

Diesen Augenblick sah Lyle als seine Chance. »Du verdienst nur das Beste, Millie. Du bist ein guter Mensch … aber du solltest …« Du solltest dein Leben mit einem anderen Mann teilen, wollte er sagen, aber wieder war Millie schneller.

»Ich verstehe, was du durchmachst, Lyle«, unterbrach sie ihn.

»Wirklich?«, fragte Lyle. Vielleicht würde sie ihn ja wirklich verstehen.

»Ich habe damit gerechnet, dass diese Erfahrung dich verändern würde. Solange sich an deinen Gefühlen für mich nichts ändert, kann ich damit umgehen.«

»Millie, manchmal ändern sich die Umstände …«, versuchte er eine Erklärung, aber sie unterbrach ihn erneut.

»Wenn ich dich jetzt eine ganze Weile nicht sehe, lass mir eine Erinnerung, Lyle. Schlaf mit mir, bitte.«

Lyle war verzweifelt. Ehe er noch etwas sagen konnte, küsste sie ihn leidenschaftlich, zog ihn an sich und legte sich auf dem Sofa zurück. Das Feuer knisterte behaglich, als Millie ihm mit derselben Sehnsucht, die er schon einmal, vor seiner Abreise, bei ihr gesehen hatte, in die Augen schaute.

Lyle verkrampfte sich. »Dein Vater, Millie …«

»Der steht schon nicht auf. Keiner wird uns stören.«

Wieder suchte sie ungeduldig seinen Mund.

»Hör auf, Millie«, sagte Lyle, löste sich aus ihrer ungestümen Umarmung und setzte sich auf.

»Was ist denn?«, fragte Millie mit geröteten Wangen.

Lyle sah, dass sie gekränkt war. Sicherlich fragte sie sich, ob die furchtbaren Erlebnisse im Hospital dazu geführt hatten, dass er nicht mehr mit einer Frau zusammen sein konnte.

»Der Husten deines Vaters hört sich schlimm an. Ich fürchte, es könnte etwas Ernsthaftes sein.«

»Meinst du?« Millie richtete sich auf und zog den Gürtel ihres Morgenmantels, der sich gelöst hatte, zu.

Lyle stand auf. »Ja. Ich muss ihn mir mal ansehen.« Lyle fiel ein, dass er seine Arzttasche nicht bei sich hatte, aber er würde auch ohne sie einen ersten Eindruck vom Krankheitsbild Jocks gewinnen.

Millie erhob sich nun ebenfalls und ging zum Schlafzimmer ihrer Eltern. Als sie nach ihrer Mutter rief, machte diese fast sofort auf.

»Was ist denn, Millie?«, flüsterte sie.

Es war im Grunde nicht nötig zu flüstern, denn Jock konnte ohnehin nicht schlafen. Millie hörte, wie er nach Atem rang.

»Lyle ist hier, und er will sich Dad mal ansehen«, antwortete Millie mit drängendem Unterton.

Bonnie Evans war erleichtert. Noch eine schlaflose Nacht voller Sorgen würde sie nicht durchstehen.

»Das ist nicht nötig«, rief Jock. »Sag ihm, er soll nach Hause gehen.«

»Das mache ich ganz bestimmt nicht«, zischte Bonnie. Sie nahm ihren Morgenmantel von einem Haken an der Innenseite der Tür, verließ das Schlafzimmer und ging Millie nach in die Küche, wo Lyle wartete.

»Hallo, Lyle«, sagte sie und band sich den Morgenmantel zu, ehe sie vergebens versuchte, ihre widerspenstigen Locken zu zähmen.

»Tut mir leid, dass ich Sie aus dem Bett geholt habe, aber wie sich Jocks Husten anhört, gefällt mir gar nicht«, sagte Lyle.

»Der sture alte Esel will nicht zum Arzt«, jammerte Bonnie. »Ich habe solche Angst, dass er sich womöglich was eingefangen hat … Die Spanische Grippe ist doch im Umlauf.«

»Ach, Mom, das meinst du nicht im Ernst, oder?«, fragte Millie entsetzt.

Bonnies blaue Augen füllten sich mit Tränen. »Doch«, antwortete sie.

»Wir wollen nichts übereilen«, sagte Lyle, während er gemeinsam mit Millies Mutter zum Schlafzimmer ging.

Lyle waren die dunklen Ringe unter Bonnies Augen aufgefallen, und er wusste, dass sie mehr als nur eine schlaflose Nacht gehabt hatte. Als Bonnie Licht im Schlafzimmer machte, fand er seine Vermutung bestätigt. Lyle sah Jock vornübergebeugt auf dem Bettrand sitzen, sein Gesicht hatte eine ungesunde graue Farbe. Mühsam rang er nach Atem. Dieser Zustand war sicherlich nicht innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden eingetreten – er währte schon länger. Lyle konnte sich nicht daran erinnern, Jock jemals so krank gesehen zu haben. Doch sein beharrlicher Stolz schien zu verhindern, dass er selbst das auch so sah. Einsicht war noch nie seine Stärke gewesen.

»Lyle wird nur mal kurz nach dir sehen, Jock«, sagte Bonnie.

»Mach nicht solch einen Aufstand, Frau«, grummelte er. »Ich hab mir bloß eine üble Erkältung eingefangen.«

Er hustete und atmete pfeifend, sein Gesicht lief dunkelrot an.

»Das ist keine Erkältung, und das wissen wir beide«, gab Bonnie verärgert zurück. »Jetzt lass Lyle nach dir sehen. Und du wirst alles tun, was er sagt.« Sie schob Lyle ins Schlafzimmer.

»Guten Abend, Mr. Evans«, sagte Lyle verlegen. »Ihnen geht es nicht ganz so gut, oder, Sir?«

»Ich bin bloß ein bisschen außer Atem, und in der Brust wird es mir so eng. Das vergeht schon wieder, Bonnie hätte Sie nicht belästigen sollen. Bestimmt haben Sie etwas Wichtigeres zu tun.«

»Nein, eigentlich nicht. Ich habe ein paar Tage Urlaub.«

»Dann sollten Sie sich erholen und sich nicht mit mir abgeben«, brummelte Jock, ehe ihn wieder ein krampfartiger Hustenanfall schüttelte.

»Das macht mir keine Mühe, Sir. Ich habe das im Übrigen von mir aus vorgeschlagen, als ich Sie husten hörte. Mir war klar, dass das kein gewöhnlicher Husten ist«, erwiderte Lyle.

Als er ans Bett trat und Jock gründlicher musterte, gab er sich Mühe, seine Besorgnis zu verbergen, weil Bonnie immer noch in der Tür stand – aber ihr entging das nicht. Stark wie ein Ochse, so kannte Lyle Millies Vater von früher, aber jetzt wirkte er sehr krank und doppelt so alt, wie er war.

»Eine Tasse Tee wäre schön, Mrs. Evans«, bat Lyle.

»Aber natürlich.« Bonnie verließ gleich das Schlafzimmer, um Tee zu kochen.

Lyle ging vor Jock in die Hocke. »Ich habe mein Stethoskop nicht dabei. Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gern mein Ohr an Ihren Brustkorb legen, damit ich Ihre Lungen abhören kann, einverstanden?«

»Na schön«, meinte Jock, dem sichtlich unbehaglich zumute war. »Aber Sie vergeuden Ihre Zeit.«

Jock knöpfte seine Schlafanzugjacke auf, und Lyle legte ihm sein Ohr auf den Brustkorb. Er bat ihn, so tief einzuatmen, wie er nur konnte. Jock bemühte sich, aber das tiefe Einatmen führte zu einem weiteren Hustenanfall. Lyle bemerkte, dass sich Jock die Seite hielt. Entweder hatte er Wasser in der Lunge oder einen Rippenbruch aufgrund des heftigen Hustens.

»Es ist doch bloß eine Erkältung, oder?«, fragte Jock, als er wieder Luft bekam.

»Es könnte eine Lungenentzündung sein, aber durchaus auch etwas anderes«, antwortete Lyle und setzte sich neben Jock aufs Bett. Dann sprach er im Flüsterton. »Mein Vater erzählte mir, jemand bei Ihnen auf der Arbeit habe Tuberkulose. Sie wissen doch, wie ansteckend das ist, nicht, Mr. Evans?«

»Herr im Himmel, sagen Sie bloß nichts zu Bonnie oder Millie«, erwiderte Jock leise und drehte sich zur Tür um.

»Das werde ich nicht, wenn Sie einverstanden sind, im Krankenhaus ein paar Untersuchungen machen zu lassen.«

Wider Erwarten war es nicht schwer, Jock davon zu überzeugen, dass dies unerlässlich war. Lyle verabschiedete sich von ihm und verließ das Schlafzimmer, um in die Küche zu gehen, wo Millie und ihre Mutter auf ihn warteten. Lyle erklärte ihnen gleich, seiner Meinung nach habe Jock nicht die Spanische Grippe.

»Es könnte eine Lungenentzündung sein, aber ehe sich das bestätigt, müssen im Krankenhaus ein paar Untersuchungen durchgeführt werden.«

»Im Krankenhaus«, sagte Bonnie. »Nie und nimmer kriege ich Jock ins Krankenhaus.« Sie reichte Lyle eine Tasse Tee und einen Teller mit Haferplätzchen.

»Er ist schon damit einverstanden«, erwiderte Lyle.

»Was? Mein Jock?«

»Ja, ich habe ihn überzeugt, dass er die Untersuchungen machen lassen muss. Ich glaube, er hätte jetzt auch gern eine Tasse Tee.«

Bonnie goss eine Tasse für ihren Mann ein und brachte sie ins Schlafzimmer.

Millie sah Lyle an. »Du musst meinem Vater ja gehörig Angst gemacht haben, dass er freiwillig ins Krankenhaus geht, Lyle. Sag mir die Wahrheit«, flüsterte sie. »Wird er wieder gesund?«

»Ich bin sicher, dass er wieder gesund wird. Ich habe einen Verdacht – Lungenentzündung.« Er wollte sie nicht beunruhigen und sagte deshalb nicht, dass er in Wirklichkeit Tuberkulose vermutete. Lyle wusste, dass einer von sieben Patienten mit Tuberkulose starb. »Dein Vater ist einer der kräftigsten Männer in Dumfries. Er wird sich wieder erholen.«

»Ich habe gehört, ein Mann bei Dad auf der Arbeit hat Tuberkulose«, sagte Millie. »Ted McNichol ist das. Du erinnerst dich doch noch an Ted, oder?«

»Ja, natürlich«, sagte Lyle. »Du hast doch deiner Mutter nicht von Ted erzählt, oder?«

»Nein«, antwortete Millie. Aber Lyles Frage machte sie nur noch besorgter. »Glaubst du, dass Dad sich angesteckt hat?«

»Schwer zu sagen, Millie. Er wird die Untersuchungen im Krankenhaus abwarten müssen.«

»Ach, Lyle, ich bin ja so froh, dass du hier bist«, sagte Millie. Sie umarmte ihn und fing an zu weinen.

Lyle fühlte sich hilflos. Konnte er ihr jetzt sagen, dass er eine andere liebte? Er hatte es sich so fest vorgenommen, aber es ging einfach nicht. Es war nicht der rechte Zeitpunkt.

Erleichtert und dankbar für den Aufschub verabschiedete Lyle sich von Millie, aber er wusste, er konnte nur vorübergehend aufatmen.

Jock wurde ins Krankenhaus eingewiesen und auf den Kopf gestellt. Als Lyle drei Tage später mit dem Zug nach Blackpool zurückfuhr, lagen die Testergebnisse, die eine Tuberkulose bestätigt oder ausgeschlossen hätten, allerdings noch nicht vor. Lyle hatte beschlossen, sich von Millie zu trennen, ohne ihr von Elena zu erzählen. Aber solange sie sich solche Sorgen um ihren Vater machte, brachte er das nicht übers Herz. Er überlegte, ob er ihre Freundschaft vielleicht per Brief lösen sollte, aber ihm war klar, dass Millie etwas Besseres verdiente. Er wollte nicht feige sein, er schwor sich, zurückzukommen und sich von ihr zu trennen, wenn es ihrem Vater wieder besser ging.

2

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»Hier riecht es ja wunderbar«, sagte Elena zu ihrer Mutter, als sie in die Wohnküche des zweigeschossigen kleinen Reihenhäuschens auf der Warbreck Road kam. Es war ihr freier Tag, also hatte sich Elena in der Gemeinschaftswaschküche auf der High Street um die Wäsche der Familie gekümmert.

Luisa Fabrizia hatte die Wohnräume mit bunten Stoffen und kleinen Souvenirs aus ihren Jahren in Italien dekoriert, aber das über hundert Jahre alte Haus war in schlechtem Zustand, düster und feucht, und das ließ sich nicht verbergen. Die Fabrizias wohnten zur Miete, deshalb sah Luigi keinen Grund, sein hart verdientes Geld für die Reparatur der hängenden Decken und zerborstenen Dielenbretter, der gesprungenen Fensterscheiben und der schlecht schließenden Türen auszugeben. Bedauerlicherweise hatte auch der Vermieter nicht vor, Geld auszugeben.

»Wir haben einen Gast zum Abendessen, Elena. Bitte deck den Tisch mit dem guten Porzellan«, wies Luisa ihre Tochter an.

Ihr Vater kam mit einem Brennholzkorb aus dem Wohnzimmer. Er warf Elena, die ein Hauskleid und Hausschuhe trug, einen missbilligenden Blick zu.

»Zieh dir ein hübsches Kleid an heute Abend, Elena, und mach etwas Nettes mit deinen Haaren«, sagte er, ehe er durch die Hintertür nach draußen ging, um Holz für den Ofen zu holen.

»Was für ein Gast kommt denn heute Abend, Mamma?«, fragte Elena und begann, Besteck und Geschirr zum Tisch zu tragen.

»Aldo Corradeo ist der Sohn von einem Freund deines Großvaters aus Sardinien. Er kommt aus derselben Gegend wie dein Papà – aus Santa Maria Coghinas auf Sardinien.«

»Kennst du ihn?«, fragte Elena. Sie war dankbar für die Ablenkung, denn sie dachte die ganze Zeit nur an Lyle. Sie vermisste ihn so sehr.

»Er war bei unserer Hochzeitsfeier, aber da war er noch ein Kind, ich würde ihn nicht wiedererkennen. Dein Onkel Alfredo versichert, dass er zu einem sehr netten Mann herangewachsen ist«, fügte Luisa hinzu.

»Onkel Alfredo findet doch alle italienischen Männer nett, genau wie Papà«, flüsterte Elena ihrer Mutter zu. »Auch andere Männer sind sehr nett, einige Ärzte im Krankenhaus zum Beispiel.«

Luisa warf ihrer Tochter einen erschrockenen Blick zu. »Lass so was nur deinen Vater nicht hören«, zischte sie ihr zu.

»Wäre es denn so schrecklich, wenn ich mich in einen Mann verliebe, der kein Italiener ist?«, fragte Elena.

Ungläubig starrte Luisa ihre Tochter an. »An so was darfst du nicht mal denken«, sagte sie.

Gerade in dem Moment kam Luigi durch die Hintertür mit dem Brennholzkorb herein. »Worüber redet ihr?«, fragte er. Anscheinend war ihm die Anspannung der beiden Frauen in der Küche sofort aufgefallen.

»Ich meinte, Elena darf nicht mal daran denken, dass das Essen heute nicht gelingen könnte, da wir doch einen Gast haben«, antwortete Luisa.

»Du bist die beste Köchin, die ich kenne«, erklärte Luigi mit Nachdruck. »Natürlich wird das Essen gelingen.«

Luisa sah ihre Tochter an. Sie hoffte, dass Elena endlich einsah, was für ein unbeirrbarer Mann ihr Vater war, wenn es ihr nicht längst bewusst war. Als Luigi ins Wohnzimmer ging, um Holz nachzulegen, wandte sich Luisa erneut an ihre Tochter.

»Mit einem Arzt aus dem Krankenhaus anzubandeln, Elena, das schlag dir bloß aus dem Kopf«, sagte sie.

»Aber Mamma …«

»Da gibt es kein Aber, Elena«, erklärte Luisa energisch. »Und jetzt deck den Tisch.«

Luisa fuhr fort, das Essen zuzubereiten, Elena jedoch schwor sich, mit Lyle davonzulaufen, wenn es sein musste. Sie liebte ihre Eltern, aber der Gedanke, Lyle aufgeben zu müssen, war ihr unerträglich.

Eine Stunde später traf der Gast der Fabrizias ein. Elenas erster Eindruck von Aldo war, dass er sich in Gesellschaft von Frauen offenbar unbehaglich fühlte. Er war ein furchtbar dürrer Mann von Anfang dreißig mit ruhelosem Blick. Sein dunkler Teint und seine Adlernase gaben seinem Gesichtsausdruck etwas Strenges. Da er allein gekommen war, vermutete Elena, dass Aldo unverheiratet war. Jetzt, da sie auf diesem Gebiet eine gewisse Erfahrung hatte, bezweifelte sie sogar, dass er je verliebt gewesen war.

Luigi hieß Aldo überschwänglich willkommen. Er sagte ihm, wie sehr er und seine Frau sich freuten, ihn wiederzusehen und ihm ihre Tochter vorstellen zu können. Eine Weile unterhielten die beiden Männer sich über Santa Maria Coghinas. Luisa und Elena sahen, wie glücklich es Luigi machte, mit jemandem aus seinem Heimatort reden zu können. Er behauptete, er vermisse sein Leben in Italien nicht, aber manche Dinge vermisste er doch – das Klima, das Meer, die warme Sonne und die Olivenernte. Aldo berichtete, was sich seit dem Krieg verändert hatte. Das bestärkte Luigi in seinem Plan, nach Australien auszuwandern, nur noch.

»Sie sprechen ausgezeichnet Englisch, Mr. Corradeo«, sagte Elena. »Wie lange sind Sie schon in England?« Sie hielt ihm den Teller mit Brot hin, während ihre Mutter Suppe aufgab.

»Bitte nennen Sie mich doch einfach Aldo«, sagte er. Um Augenkontakt mit ihr zu suchen, war er offensichtlich zu befangen, aber jede Einzelheit der kleinen Wohnküche nahm er zur Kenntnis.

»Aldo«, wiederholte Elena.

»Ich war schon vor Kriegsbeginn einige Male in England, aber hier in Blackpool bin ich erst seit ein paar Tagen.«

»Aldo wohnt in einer Pension in der Nähe vom Victoria Hospital«, erklärte Luigi.

»Ich gehe nach Australien, sobald der Krieg zu Ende ist«, sagte Aldo lebhaft.

Elena fragte sich, weshalb er nicht direkt von Italien aus nach Australien gegangen war. »Haben Sie im Moment geschäftlich in England zu tun?«, fragte sie.

Aldo warf Luigi einen Blick zu. »Eigentlich nicht«, antwortete er. »Ich wollte nur Luigi und Luisa endlich einmal wiedersehen und über meine Pläne, nach Australien auszuwandern, reden.«

»Oh«, gab Elena arglos zurück. Hätten sich nicht all ihre Gedanken um Lyle gedreht, hätte sie seine Aussage womöglich ein wenig seltsam gefunden.

Nachdem das russische Zarenreich im Jahr 1917 untergegangen war und die Vereinigten Staaten sich den Alliierten angeschlossen hatten, weshalb amerikanische Soldaten ebenfalls in den Schützengräben kämpften, hofften alle, der Krieg würde bald vorüber sein. Seit gut einem Jahr redete Elenas Vater von seinen Plänen, nach Kriegsende nach Australien auszuwandern. Jetzt hörte sie zum ersten Mal, dass sich auch jemand aus seinem Heimatort auf dem fünften Kontinent ansiedeln wollte.

»Aldo hat vor, sich Land und Vieh zu kaufen«, erklärte Luigi stolz.

»Aha«, antwortete Elena scheinbar interessiert. »Waren Sie auch in Italien Farmer?«

», ich hatte Schafe und ein paar Kühe. Ich will mir Land in der Gegend von Winton kaufen. Das liegt in Central West Queensland. Da gibt es reichlich Sonne, und das Wasser kommt aus der Erde.«

»Aus der Erde?«, fragte Elena verblüfft und begann, ihre Suppe zu essen.

». Es ist sehr heiß, wenn es an die Oberfläche kommt, aber an der Luft kühlt es sich ab, und dann können die Stadtbewohner es nutzen und das Vieh kann getränkt werden. Man nennt es Bohrlochwasser. Offenbar gibt es reichlich davon in Australien.«

»Regnet es dort denn nicht?«, erkundigte sich Elena.

Aldo sah sie an und lächelte. Ihm gefielen ihre interessierten Fragen, aber schnell wandte er den Blick wieder ab. », aber es gibt lange Dürreperioden dort.«

»Das hört sich nicht gerade so an, als würde es viele Weiden geben, auf denen das Vieh grasen kann«, erklärte Elena ernst.

»Das Vieh in Australien hat sich angepasst und frisst allerlei Grünzeug«, erklärte Aldo. »Die Tiere sind widerstandsfähiger und robuster dort als in Europa.«

»Wir werden auch nach Winton ziehen«, sagte Luigi. »Ich glaube, in Australien hat man großartige Möglichkeiten. Ich kann eine Metzgerei aufmachen, und Aldo liefert mir das Fleisch. Ist das nicht eine wunderbare Idee? Was meinst du, Elena?«

»Wahrscheinlich schon, Papà«, antwortete Elena, die es seltsam fand, dass ihr Vater ihre Zustimmung suchte.

Wie konnte sie ihm nur sagen, dass sie den Plan, nach Australien auszuwandern, längst nicht mehr reizvoll fand? Plötzlich kam ihr ein furchtbarer Gedanke. Sie sah Aldo an, dann ihren Vater. Mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck schauten sie beide erst Elena, dann einander an. Bestimmt dachte ihr Vater doch nicht daran, dass sie und Aldo … Elena verließ der Mut.

»Du wirst Australien herrlich finden, Elena«, fügte ihr Vater begeistert hinzu und tunkte den Rest Suppe aus seinem Teller mit einem Stück Brot auf, das er geräuschvoll aufsog. Diese Gewohnheit hatte Elena immer innerlich zusammenzucken lassen, aber Aldo machte es genauso wie Luigi.

Elena sah ihre Mutter an, die sie mit wachem Blick musterte, beinahe, als wollte sie ihre Tochter herausfordern, sich den Plänen des Vaters entgegenzustellen. Jetzt, da sie Lyle begegnet war und sich in ihn verliebt hatte, wollte sie nicht mehr nach Australien auswandern. Auf gar keinen Fall.

»Mögen Sie die Sonne, die Wärme, Elena?«, fragte Aldo sie.

»Natürlich«, antwortete sie vorsichtig. »Ich liebe den Sommer in England. Dann sind die Tage so lang.« Elena merkte, dass ihr Vater sie aufmerksam beobachtete. Und er wartete auf Aldos Reaktion auf das, was sie gesagt hatte. Plötzlich wusste sie ohne jeden Zweifel, dass ihr Vater hoffte, sie würde Aldo Corradeo gern genug haben, um ihn zu heiraten. Das Herz wollte ihr schier zerspringen. »Wenn Sie mich bitte entschuldigen«, sagte sie jäh und sprang auf. »Ich habe Kopfschmerzen.« Sie fühlte sich plötzlich tatsächlich nicht wohl.

»Setz dich, Elena, wir haben schließlich einen Gast«, sagte ihr Vater mit strengem Tonfall.

Zögerlich setzte Elena sich wieder und sah Hilfe suchend ihre Mutter an. Luisa war sichtlich unbehaglich zumute. Sie sammelte die leeren Suppenteller ein und brachte sie zur Spüle. Dann stellte sie saubere Teller auf den Tisch und eine große Schüssel Nudeln mit Soße, die sie in dem launischen Ofen warmgehalten hatte. Luisa teilte die Nudeln aus, während Elena wie erstarrt dasaß. Sie hatte den Appetit verloren.

»Iss, Elena«, befahl ihr Vater. »Du arbeitest so viele Stunden im Krankenhaus, du musst bei Kräften bleiben.«

Elena schwieg. Sie stocherte in ihrem Essen herum, in dem Bewusstsein, dass Aldo sie beobachtete.

»Erzähl Aldo von deiner Arbeit im Krankenhaus«, schlug Luigi vor.

»Ich bin sicher, das interessiert niemanden, Papà«, erwiderte Elena, die nun mehr denn je davon überzeugt war, dass ihr Vater sie verheiraten wollte.

»Ich würde liebend gern etwas von Ihrer Arbeit hören, wenn Sie davon erzählen möchten«, sagte Aldo freundlich.

»Natürlich möchte sie das«, sagte Luigi. »Na los, Elena«, drängte er.

Elena wurde allmählich wütend. »Ich denke, die furchtbaren Verwundungen, die ich jeden Tag zu sehen bekomme, sind alles andere als ein angemessenes Gesprächsthema beim Essen, Papà«, sagte sie.

»Du musst ja nicht in die Einzelheiten gehen, Elena«, sagte ihr Vater entnervt.

Eine Weile schaute Elena auf ihren Teller, dann begann sie unwillig, Aldo von ihrer Arbeit im Krankenhaus zu erzählen. Da sie jetzt ganz sicher war, dass ihr Vater eine Verbindung zwischen ihr und Aldo im Sinn hatte, ertrug sie es kaum, Aldo in die Augen zu sehen. Sie wollte ihn auf keinen Fall auf irgendeine Art ermutigen, ihr Herz gehörte Lyle und niemand anderem. Aldo stellte ihr Fragen, und ihr Vater sang ihr ein Loblied, weil sie so viel arbeitete und so begabt und tüchtig war. Elena kam sich vor wie ein Tier, das auf einer Viehauktion angeboten wurde, aber nicht wie eine selbstständige junge Frau, die in der Lage war, sich allein einen Partner fürs Leben zu suchen. Es war demütigend.

Als die Männer ihren Kaffee mit ins Wohnzimmer nahmen und Elena zur Spüle ging, um ihrer Mutter beim Abwasch zu helfen, füllten sich ihre Augen mit Tränen.

»Was für ein netter Mann, Elena«, sagte Luisa sanft.

»Ich werde ihn nicht heiraten, Mamma. Es ist mir egal, was Papà sagt.« Beinahe wäre es aus ihr herausgeplatzt, dass sie einen anderen Mann liebte, aber so weit wollte sie noch nicht gehen.

»Das wird sich schon finden, Elena. Wenn erst einmal dieser schreckliche Krieg zu Ende ist und wir nach Australien übersiedeln, wird sich alles ändern. Wir werden ein besseres Leben haben. Die ganze Zeit wird es warm sein, und die Sonne wird scheinen. Australien ist ein so großes, weites Land. Ein wunderbares Land, um Kinder aufzuziehen.«

Elena begriff, dass sich ihre Mutter auf die Zukunft freute, aber sie beide hatten ganz unterschiedliche Meinungen von dem, was die Zukunft bringen sollte. Sie sagte nichts, doch sie dachte an ein Leben in Schottland mit Lyle. Ihre Kinder würden in den schottischen Highlands spielen, von denen er ihr erzählt hatte, und sonntags würden sie Picknicks machen an einem wunderschönen kleinen See, einem der typischen schottischen Lochs. Lyle würde eine Landarztpraxis eröffnen, und sie würde sich um die vielen gemeinsamen Kinder kümmern. Sie konnten in einem wunderhübschen Cottage mit einem großen Blumengarten leben. Als Elena an die Möglichkeit dachte, das Leben auf einer Farm verbringen zu müssen, in einer Gegend, in der es kaum einmal regnete, umgeben von Rinderweiden und staubigen, unbefestigten Wegen, zog sich alles in ihr zusammen. Nein, so stellte sie sich ihre Zukunft nicht vor.

»Wusstest du, dass Papà vorhat, mich mit Aldo Corradeo zu verheiraten, Mamma?«

»Ja, das wusste ich, Elena. Er hat es mir vor einiger Zeit schon erzählt, aber ich habe nichts gesagt, weil ich wollte, dass du ihm ohne Vorurteile begegnest, wenn du ihn kennenlernst.«

»Ich will mir meinen Ehemann selbst aussuchen. Ich will einen Mann heiraten, den ich liebe. Das verstehst du doch, Mamma, oder?« Tränen der Wut und der Enttäuschung liefen Elena die Wangen hinunter.

»Du weißt, dass das nicht möglich ist, Elena. Auch mein Vater hat meine Ehe mit deinem Papà arrangiert. So wird das nun mal gemacht, und ich bin glücklich geworden. Ich hätte gern mehr Kinder gehabt, und ich weiß, dein Papà hat sich einen Sohn gewünscht, aber das sollte nun mal nicht sein. Akzeptiere die Dinge einfach so, wie sie sind, Elena. Wir gehen nach Australien, sobald der Krieg zu Ende ist, und du wirst mit Aldo Corradeo ein glückliches Leben führen.«

3

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Anfangs schien es, als würde der Badeort Blackpool während des Krieges zu leiden haben, doch es kam anders. Der Zustrom von zehntausend Soldaten und zweitausend Flüchtlingen aus Belgien erwies sich als Gewinn. Die vielen Menschen bedeuteten für Hotels, Geschäfte, Marktstände und die Gemeinde einen wirtschaftlichen Aufschwung. Viele der Flüchtlinge fanden eine Anstellung, nachdem etliche Deutsche die Stadt abrupt verlassen hatten, und die langen Strandabschnitte boten relative Sicherheit bei der Ausbildung von Soldaten und bei Truppenübungen.

Shirley Blinky hatte angefangen, Zimmer in ihrem Haus zu vermieten, nachdem ihr Mann im Juli 1916 in der Schlacht an der Somme in Frankreich gefallen war. Die Witwenrente einer Soldatenfrau deckte nicht die Kosten für den Unterhalt eines großen Hauses auf der Ashbourne Street. Mieter aufzunehmen, um sich etwas dazuzuverdienen, war deshalb eine Frage des Überlebens. Die Mieter füllten jedoch auch eine gewisse Leere in Shirleys Leben, da ihre beiden Kinder zu ihrer Schwester, die in Schottland auf dem Land lebte, evakuiert worden waren. Wie viele ihrer Nachbarn hätte auch Shirley Soldaten aufnehmen können, aber sie zog Ärzte vor, weil die besser zahlten und weniger laut und rauflustig waren.

Lyle MacAllister hatte zusammen mit Alain McKenzie Medizin studiert und dann mit ihm gemeinsam im Crichton Royal Hospital in Dumfries gearbeitet. Als sie ans Victoria Hospital versetzt worden waren, waren sie zusammen im Zug Richtung Süden gefahren und hatten bei Shirley Blinky eine Unterkunft gefunden.

Dritter Mieter bei Mrs. Blinky war eine junge Frau namens Bernadette Dobson, die ihre Eltern im Krieg verloren hatte. Da ihr einziger Bruder bei der Armee war, befand sich Bernadette in einer verletzlichen Lage. Sie war erst siebzehn, und Mrs. Blinky hatte ihre Eltern gut gekannt, also fühlte sie sich verpflichtet, das Mädchen unter ihre Fittiche zu nehmen. Das jedenfalls beteuerte sie.

Shirley war nicht klar gewesen, wie viel Arbeit Untermieter machten, also betrachtete sie die arme Bernadette als billige Arbeitskraft. Als Gegenleistung für die niedrige Miete erwartete sie von dem Mädchen, die Zimmer der Mieter zu putzen und den Abwasch zu machen. Abends, nach dem Abendessen, musste Bernadette aufräumen, während Shirley nach ihrem angeblich harten Tag die Beine hochlegte.

Am Dienstagabend kam Lyle aus Dumfries zurück. Er hatte den Spätzug nach Blackpool genommen. Weil er die Hausbewohner nicht aufwecken wollte, schlich er leise den Flur entlang, an dem die Zimmer der Mieter und der Vermieterin lagen. Vor Shirleys Schlafzimmertür hielt Lyle verblüfft inne. Er vernahm leise Geräusche. Aus Sorge, es könnte etwas passiert sein, horchte er, und ihm wurde klar, dass Shirley nicht allein in ihrem Zimmer war. Sein erster Gedanke war, dass sich seine Vermieterin mit Bernadette stritt. Dann hörte er Gelächter, gefolgt von der Stimme eines Mannes. Es klang nach Alain.

Eine Weile stand Lyle wie angewurzelt da und überlegte, weshalb sein Kollege in Shirleys Zimmer sein mochte. War Shirley krank? Dann hörte er sie wieder lachen. Er musste sich eingestehen, dass es nicht das Gelächter einer Kranken war. Lyle vernahm wieder Alains Stimme, auch Alain lachte. Das an sich war schon ungewöhnlich, aber was Lyle am meisten überraschte, war die Tatsache, dass es kein unbedarftes Lachen war, sondern vielmehr das intime Kichern von Verliebten.

Abgesehen davon, dass Alain und er als Ärzte arbeiteten, hatten die beiden Männer nichts gemeinsam. Lyle war extrovertiert und jovial, er betrieb gern Sportarten wie Eisstockschießen, Fußball und Darts, während es Alain vorzog, seine Freizeit mit Lesen zu verbringen. Am Krankenbett im Gespräch mit Patienten wirkte er eher zurückhaltend, und oft missverstand man seine ruhige und in sich gekehrte Art. Mit seinem schneidigen Aussehen zog Lyle die Krankenschwestern an wie ein Magnet, während Alain eher nicht die Sorte Mann war, die von Frauen beachtet wurde. Er war nicht unattraktiv, er fiel nur einfach nicht weiter auf.

Lyle war perplex. Shirley war mindestens zehn Jahre älter als Alain, vielleicht sogar fünfzehn. Und sie war sehr temperamentvoll. Lyle ging in sein Zimmer, doch bei aller Müdigkeit fand er keinen Schlaf. Immer wieder fragte er sich, wie lange zwischen Alain und Shirley schon etwas war und wieso er die Anzeichen dafür nicht bemerkt hatte. Aber schließlich war er ja meistens im Krankenhaus oder mit Elena zusammen. Er überlegte, ob die Affäre vielleicht begonnen hatte, als er in Dumfries war, aber glauben mochte er es so recht immer noch nicht.

Lyle lag noch Stunden wach. Als er aufhörte, über Alain und Shirley nachzudenken, quälte er sich mit Grübeleien über Millie und Elena und darüber, ob Alain wusste, wie es um ihn stand. Er war immer besonders wachsam gewesen, weil er niemandem gegenüber seine Gefühle für Elena offenbaren wollte. Lyle wollte nicht riskieren, dass Alain oder einer der anderen Ärzte aus Dumfries bei einem Besuch zu Hause Millie vorsätzlich oder auch unbedarft von seiner Beziehung zu Elena berichtete. Außerdem hatte er Sorge, Alain könnte das Thema Millie vor Elena zur Sprache bringen.

Schließlich sah er ein, dass er in dieser Nacht keines seiner Probleme mehr würde lösen können. Gegen drei Uhr morgens sank Lyle endlich erschöpft in den Schlaf.

Elena bekam die ganze Nacht kein Auge zu. Um sechs Uhr früh stand sie auf und zog sich an. Es war noch dunkel, und ihre Eltern lagen noch im Bett. Weil sie ihnen aus dem Weg gehen wollte, verließ sie das Haus vor sieben Uhr. Auch wenn sie nicht in Lyle verliebt gewesen wäre – Aldo Corradeo konnte sie nicht heiraten, das wusste sie mit Bestimmtheit. Er schien ja ganz nett zu sein, aber beim Gedanken an Intimitäten mit einem Mann, den sie nicht attraktiv fand, empfand Elena nur Ekel. Nie und nimmer würde sie das Bett mit ihm teilen wollen, und sie mochte nicht glauben, dass ihre Eltern so etwas von ihr erwarteten. Ihr Entschluss stand fest. Wenn ihr Vater ihr nicht erlaubte, sich mit Lyle zu treffen, würde sie einfach mit ihm davonlaufen.

Elenas Schicht begann an diesem Tag erst um zehn Uhr, also zog sie ihre Schwesterntracht noch nicht an, sondern nahm sie mit, als sie das Haus verließ. Sie wusste, Lyle sollte gegen Mittag mit seiner Schicht beginnen. Innerlich aufgewühlt ging sie zur Ashbourne Street. Lyle hatte ihr einmal das Haus gezeigt, in dem er ein Zimmer im ersten Stock bewohnte, und sie wusste, direkt gegenüber befand sich ein Café. Einmal hatten sie dort zusammen etwas getrunken.

Elena setzte sich in das Café, bestellte eine Tasse Tee, beobachtete das Haus, in dem Lyle das Zimmer angemietet hatte, und hoffte, er würde herauskommen. Sie sah Alain McKenzie aus dem Haus kommen. Offensichtlich machte er sich auf den Weg zur Arbeit. Eine Weile später sah sie ein dunkelhaariges, sechzehn oder siebzehn Jahre altes Mädchen mit einem Wäschesack das Haus verlassen. Lyle hatte ihr von Bernadette Dobson erzählt und davon, wie Mrs. Blinky das Mädchen behandelte, also wusste sie, dass sie es sein musste. Die Wäscherei war eine Straße weiter. Um halb neun sah Elena die Hausbesitzerin mit einer Einkaufstasche aus dem Haus kommen. Das bedeutete, Lyle war allein.

Als Mrs. Blinky außer Sichtweite war, zahlte Elena ihren Tee und klopfte an die Vordertür von Shirley Blinkys Haus, aber es machte niemand auf. Sie rief laut, aber es kam keine Reaktion. Sie vermutete, dass Lyle noch schlief. Elena vergewisserte sich, dass niemand sie sah, und ging seitlich am Haus vorbei durch ein kleines Tor, das in den Garten führte. Zum Glück war die Hintertür nicht abgeschlossen.

Elena schlüpfte ins Haus und lief sofort die Treppe hoch ins obere Stockwerk. Sie sah, dass drei Schlafzimmertüren offen standen. Die Betten waren abgezogen. Eine weitere Tür war geschlossen. Sie nahm an, dass dies Lyles Zimmer war. Sacht klopfte sie. Als Lyle nicht reagierte, machte sie leise die Tür auf. Sie lugte hinein und erkannte Lyle sofort. Er lag in seinem Bett und schlief tief und fest. Elena spürte, wie sie von der Liebe zu diesem Mann überwältigt wurde. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schlich sich in das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

»Lyle«, sagte sie sanft und berührte ihn an der Schulter. Er wachte nicht sofort auf, offensichtlich war er erschöpft. Elena hatte einen Moment lang ein schlechtes Gewissen, aber sie musste mit ihm reden. »Lyle«, flüsterte sie mit mehr Nachdruck.

Lyle öffnete die Augen und drehte sich zur Tür um. Er glaubte zu träumen. »Elena«, rief er.

»Ich musste einfach herkommen und mit dir reden, Lyle«, drängte Elena. Sie setzte sich auf den Bettrand und sah ihn an.

Besorgt schaute Lyle in Richtung Tür.

»Ich habe gesehen, dass alle das Haus verlassen haben, und bin durch die Hintertür hinein«, versuchte Elena ihn zu beruhigen.

»Bist du sicher, dass keiner hier ist?«, fragte Lyle, der jetzt ganz wach war.

»Ja«, antwortete Elena. »Dr. McKenzie ist zur Arbeit gegangen. Bernadette hat sich auf den Weg in die Wäscherei gemacht, und Mrs. Blinky ist einkaufen gegangen. Von dem Café auf der anderen Straßenseite aus habe ich sie alle das Haus verlassen sehen.«

»Wie schön, dich zu sehen. Aber weshalb bist du hier, Elena?«, fragte Lyle. »Ist … irgendwas passiert?«

Sein Herz fing an zu rasen. Einen schrecklichen Moment lang fragte er sich, ob einer der anderen Ärzte aus Dumfries ihr von Millie erzählt hatte.

Elena kämpfte die Schluchzer zurück, die ihr in der Kehle steckten. »Als du weg warst … hat mein Vater einen Gast zu uns nach Hause eingeladen.«

»Einen Gast?«, fragte Lyle und versuchte zu begreifen, weshalb sie ihm das erzählte.

»Ja, einen Mann.«

»Einen Mann?« Lyle verstand nicht.

»Lyle, mein Vater will, dass ich diesen Mann heirate«, schluchzte Elena. Sie wollte nicht weinen, aber sie konnte nicht dagegen an.

»Was?« Sofort erinnerte sich Lyle wieder an das, was sein Vater über Italiener zu ihm gesagt hatte, die eine Ehe für ihre Töchter arrangierten. Bei dem Gedanken, dass Elena einen anderen Mann heiraten könnte, geriet er in Panik. »Vielleicht sollte ich mit deinem Vater reden und ihm klarmachen, wie sehr ich dich liebe und dass ich dir ein schönes Leben bereiten kann.«

»Er würde überhaupt nicht zuhören, weil du kein Italiener bist und darüber hinaus kein Katholik.«

»Ich kann zum Katholizismus übertreten, wenn das das einzige ist, was zwischen uns steht.«

Elena wollte schier das Herz zerspringen vor lauter Liebe. »Das würdest du tun?«

»Ich würde alles für dich tun, Elena.«

»Ich glaube kaum, dass mein Vater seine Meinung ändern wird. Eher schickt er mich nach Italien, als dass er zulässt, dass ich dich heirate. Aber diesen anderen Mann kann ich nicht heiraten, Lyle. Ich liebe dich«, schniefte Elena.

Lyle schlang die Arme um sie und drückte sie fest an sich. »Deine Eltern werden mich irgendwann akzeptieren, Elena, meinst du nicht?«

Sie schüttelte den Kopf. »Wir werden gemeinsam davonlaufen müssen, Lyle«, schluchzte Elena.

»Nie im Leben wirst du glücklich, Elena, wenn wir das machen«, sagte Lyle.

»Ich will nicht ohne dich leben. Ich liebe meine Eltern, aber ihretwegen werde ich keinen anderen Mann heiraten. Ich liebe dich. Ich werde immer nur dich lieben. Das weiß ich ganz tief in meinem Herzen.«

»Und ich liebe dich, Elena, von ganzem Herzen. Auch ich könnte nicht ohne dich leben.«

All ihre so lange unter Verschluss gehaltenen Gefühle brachen sich Bahn, und sie klammerten sich aneinander, noch fester als zuvor. Lyle ließ einen ganzen Regen von Küssen auf Elena niedergehen, auf ihre Lippen, ihr Gesicht, ihren Hals, ihr Dekolleté.

»Schlaf mit mir, Lyle«, flüsterte Elena, und ihre Lippen streiften sein Ohr. »Liebe mich«, bat sie.

»Bist du auch ganz sicher, Elena?«, fragte Lyle. Er wollte es so sehr, aber er wollte nicht, dass sie es hinterher bereute.

»So wahr ich atme. Ich weiß, wir sind füreinander bestimmt. Nichts und niemand wird sich je zwischen uns stellen. Ich liebe dich so sehr, und das wird immer so bleiben, Lyle.«

Lyle vergaß all seine Sorgen. In diesem Moment zählte nur, dass er mit Elena zusammen war, dass er dasselbe für sie empfand wie sie für ihn. Sie war die Frau, die er liebte, die Frau, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte.

Tom MacAllister machte sich auf den Weg ins Kreiskrankenhaus Dumfries, um Jock Evans einen Besuch abzustatten. Man hatte eine beidseitige Lungenentzündung bei Millies Vater festgestellt, aber der Verdacht auf Tuberkulose hatte sich nicht bestätigt. Millie und ihre Mutter saßen an Jocks Bett, als Tom das Krankenzimmer betrat.

»Tom, wie schön, Sie zu sehen«, sagte Bonnie, die Tom dankbar war, dass er ihren Mann besuchen kam.

Nun, da sie wusste, dass Jock weder die Spanische Grippe noch Tuberkulose hatte, ging es ihr viel besser. Aber es war ein ziemlicher Schock für sie gewesen, als sie erfuhr, dass man ihn überhaupt auf Tuberkulose hin untersucht hatte.

»Wie geht es Ihnen, Bonnie? Hallo, Millie«, sagte Tom. »Ehe Lyle zurück nach Blackpool fuhr, erzählte er mir, dass Jock ins Krankenhaus eingewiesen wurde, also dachte ich, ich komme mal vorbei und sehe nach ihm. Herzliche Grüße von Mina, sie lässt gute Besserung ausrichten.«

Tom hatte seinen Sohn gefragt, ob er seine Beziehung zu Millie beendet hatte. Der hatte geantwortet, er habe es vorgehabt, aber das müsse nun warten, bis es ihrem Vater besser gehe. Tom war überzeugt davon, dass sich Lyles Beziehung zu dieser Krankenschwester im Victoria Hospital abkühlen und dass er nach Hause kommen und Millie heiraten würde.

Tom musterte den Patienten aufmerksam. Jock schien stark abgenommen zu haben und in wenigen Tagen um zwanzig Jahre gealtert zu sein. »Wie fühlen Sie sich, Jock?«, fragte er.

»Als ob ich gerade den Ben Nevis bestiegen hätte und auf der anderen Seite wieder runtergerollt wäre«, antwortete Jock atemlos. Er hatte fürchterliche Lungenschmerzen.

Tom hatte großes Verständnis für Jock. Er hatte auch einmal eine Lungenentzündung gehabt und erinnerte sich noch gut, wie elend er sich gefühlt hatte. Dass er sich vorkam, als hätte er einen Berg bestiegen, war ein gutes Bild für sein Befinden.

»Sie werden sich eine ganze Weile noch sehr schwach fühlen, Jock, aber bald sind Sie wieder der Alte, stark und kräftig wie eh und je«, versprach er.

»Das will ich hoffen. Ich kann doch nicht die ganze Zeit hier herumliegen. Ich muss arbeiten und meine Familie ernähren. Von anderer Leute Mildtätigkeit will ich nicht leben.«

»Wenn Sie sich nicht in Ruhe auskurieren, werden Sie sich bald die Radieschen von unten angucken«, tadelte ihn Tom. Jock war nicht die Art Patient, die er wie ein rohes Ei behandeln musste. Bei ihm musste er schonungslos offen sein.

Jock verdrehte die Augen. »Im Moment kann ich sowieso nichts anderes tun, als mich auszuruhen. Das hier hat mich ganz schön umgehauen.«

Tom sah Millie an. »Haben Sie Lyle schon geschrieben? Ich bin sicher, es interessiert ihn sehr, wie es Ihrem Vater geht.«

»Heute Abend werde ich ihm schreiben, Dr. MacAllister«, sagte Millie. »Es tat so gut, ihn endlich einmal wiederzusehen.«

»Ja, das glaube ich. Seine Mutter und ich, wir haben ihn auch vermisst.«

»Haben Sie eine Ahnung, wann er das nächste Mal nach Hause kommen wird?«

»Nein, Kind. Nach allem, was ich weiß, haben sie in dem Krankenhaus da unten reichlich zu tun.«

»Darüber wollte ich ohnehin mit Ihnen sprechen, Dr. MacAllister«, sagte Millie. Sie stand auf, trat auf den Korridor und winkte Tom mit heraus.

»Was ist denn los, Kind?«, fragte Tom.

»Ich mache mir Sorgen um Lyle, Sir. Ich glaube, dass er so viele furchtbare Verwundungen behandeln muss, hat ihn sehr mitgenommen. Er hat so was angedeutet, aber ich glaube, sein Trauma ist schlimmer, als er zugeben möchte. Meinen Sie nicht auch?«

»Dass ihn das alles mitgenommen hat, da stimme ich Ihnen zu, aber ich bin sicher, alle Ärzte im Victoria Hospital sind ähnlich verstört von dem, was sie Tag für Tag mit ansehen. Er kommt schon darüber hinweg, wenn er erst wieder zu Hause ist. Wollen wir hoffen, dass es bald ist.«

Tom vermutete, dass Lyle Millie gegenüber distanziert gewesen war und dass sie den Verdacht hatte, dass sich seine Gefühle für sie veränderten.

»Er scheint nicht mehr er selbst zu sein«, sagte Millie. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr Sorgen machte sie sich.

Tom klopfte der besorgten jungen Frau auf die Schulter. »Das wird schon wieder. Sie müssen einfach nur Geduld haben, Kindchen.«

Während sich Elena hastig für die Arbeit anzog, ging Lyle, der schon angekleidet war, nach unten, um sich zu vergewissern, dass immer noch niemand im Haus war. Überall schien es ruhig.

»Die Luft ist rein«, rief er Elena zu.

Elena kam die Treppe herunter, und Lyle nahm sie gleich in die Arme, um sie noch einmal leidenschaftlich zu küssen. »Es war so wunderbar mit dir«, sagte er.

»Ich sollte jetzt lieber gehen«, murmelte Elena. Nie zuvor in ihrem Leben war sie glücklicher gewesen.

»Ich werde dich bis zum Krankenhaus bringen«, sagte Lyle.

Als er die Haustür öffnete, hörten sie lauten Jubel auf den Straßen.

»Was ist denn da los?«, fragte er.

Er und Elena traten auf die Straße. Leute kamen aus ihren Häusern, andere liefen die Straßen auf und ab und schrien vor Freude.

»Was ist passiert?«, fragte Lyle eine Frau, die vor Entzücken lachte.

»Der Krieg ist aus«, rief sie begeistert.

»Sind Sie sicher?«, fragte Lyle.

»Ja. Haben Sie es denn nicht im Radio gehört?«

»Nein«, antwortete Lyle, der beinahe Angst hatte zu glauben, was sie sagte. »Wie ist das geschehen?«

»In Compiègne in Frankreich wurde ein Waffenstillstand zwischen den Alliierten und den Deutschen geschlossen. Die Kämpfe an der Westfront sind vorbei. Der Krieg ist aus!« Die Frau lief fort und verbreitete die Nachricht und ihre Freude darüber weiter.

»Hast du das gehört, Elena?« Lyle nahm sie hoch und wirbelte sie herum. »Der Krieg ist aus!«

Elena war begeistert, aber auch voller Sorge. Sie wusste, ihr Vater würde jetzt seine Pläne mit der Auswanderung nach Australien in die Tat umsetzen. Andererseits konnten nun auch Lyle und sie den Plan vom gemeinsamen Leben verwirklichen. Lyle küsste sie auf die Wange.

»Komm, lass uns gehen«, sagte er. »Ich bin gespannt, ob man es im Krankenhaus auch schon weiß.«

Die folgenden Tage wurden hektisch für Lyle und Elena. Wenn sie einmal eine freie Minute hatten, verbrachten sie diese zusammen. Niemand bemerkte ihre euphorische Stimmung, denn alle fühlten sich jetzt so. Der Krieg war aus. Das musste gefeiert werden. Die Stimmung im Krankenhaus war deutlich entspannter, obwohl es immer noch so viel zu tun gab. Dem Personal wurde mitgeteilt, dass Tausende Männer, die medizinische Versorgung brauchten, von der Front zurückkehren würden. Die Urlaubshotels in Blackpool wie auch in anderen Städten Englands wurden für die Männer, die Ruhe und Rekonvaleszenz brauchten, geöffnet. Gebäude am Squires Gate, einem ehemaligen Rennplatz, wurden für diejenigen vorbereitet, die mit relativ harmlosen Wunden aus dem Krieg zurückkamen. Ärzte und Schwestern standen unter größerer Belastung denn je.

Als Lyle eines Abends erschöpft nach Hause kam, fand er einen Brief von Millie vor. Er hatte schon darauf gewartet, er wollte unbedingt wissen, wie es Jock ging.

Liebster Lyle,

Dad geht es viel besser inzwischen. Er hatte eine beidseitige Lungenentzündung. Er ist nicht gerade der geduldigste Patient, wie Du Dir vorstellen kannst, und macht den Schwestern ziemlich viel Ärger. Er ist immer noch sehr schwach, aber Dr. McKintyre meint, er wird sich wieder erholen. Ganz unter uns – ich glaube, er wird froh sein, wenn Dad endlich nach Hause kann. Dass er überhaupt ins Krankenhaus kam, das haben wir Dir zu verdanken, Lyle. Wärst Du nicht nach Hause gekommen und hättest ihn überredet, wer weiß, was dann noch alles hätte passieren können.

Es war eine wunderbare Überraschung, Dich ein paar Tage zu Hause zu haben. Aber ich mache mir Sorgen um Dich. Ich weiß, Deine Aufgabe als Arzt verlangt Dir viel ab. Bitte pass gut auf Dich auf. Ich kann es kaum abwarten, bis Du wieder nach Hause kommst. Ich vermisse Dich so sehr.

Ich muss jetzt Klassenarbeiten durchsehen und den Unterricht vorbereiten, aber in den nächsten Tagen schreibe ich wieder und berichte Dir weiter darüber, wie Dad sich erholt. Ach, ehe ich es vergesse, Dein Vater war im Krankenhaus und hat ihn besucht. Mom und ich waren zu der Zeit auch gerade bei Dad. Er hat nicht viel geredet, weil er sich noch so elend fühlte, aber ich weiß, er war sehr dankbar für den Besuch Deines Vaters.

Alles Liebe, Millie.

Lyle verspürte mehr als nur einen Hauch von schlechtem Gewissen. Er wusste, er musste bald wieder nach Hause fahren und mit Millie reden. Er wollte zurückschreiben und versuchte es auch, aber jedes Wort, das er schrieb, fühlte sich wie eine Lüge an. Er hatte Pläne für eine Zukunft mit Elena.

Ein paar Tage später traf ein weiterer Brief von Millie ein.

Mein allerliebster Lyle,

ist es nicht wunderbar, dass dieser abscheuliche Krieg endlich aus ist? Alle hier in Dumfries feiern, alle, mit Ausnahme derjenigen natürlich, die einen geliebten Angehörigen verloren haben. Ich hoffte, von Dir zu hören. Wann kommst Du nach Hause? Ich habe Neuigkeiten für Dich, aber das möchte ich Dir lieber von Angesicht zu Angesicht sagen.

Alles Liebe, Millie.

Lyle nahm an, dass man Jock aus dem Krankenhaus entlassen hatte. Er wusste, Millie und ihre Mutter wären überglücklich deswegen. Er wusste auch, dass er das Gespräch mit Millie nicht länger aufschieben durfte. Es würde das Schwerste sein, was er je getan hatte, und je länger er es vor sich her schob, desto schwerer wurde es.

Lyle kam sich wie ein gemeiner Dreckskerl vor.

4

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An dem Tag, als Millie diesen Brief an Lyle abschickte, stieß sie auf der High Street in Dumfries mit Alain McKenzie zusammen.

»Alain!«, rief Millie erfreut und dachte sofort an Lyle, weil sie wusste, dass die beiden Männer im selben Haus in Blackpool wohnten. »Ist Lyle auch nach Hause gekommen?«

»Nein. Im Krankenhaus geht es ziemlich hektisch zu, also wechseln wir uns ab mit dem Urlaub. Aber ich bin sicher, er wird bald auch ein paar Tage freihaben.«

»Ich kann es kaum erwarten, ihn endlich wiederzusehen«, sagte Millie, und ihre Wangen röteten sich vor lauter Vorfreude. »Ich vermisse ihn so sehr.«

Alain hatte Millie immer gemocht, weshalb ihm auch nicht gefiel, was Lyle trieb.

»Du siehst gut aus, Alain«, sagte Millie und dachte, dass etwas an ihm anders war. Er wirkte selbstbewusster, als sie ihn je erlebt hatte. Sie fand, seine Arbeit im Krankenhaus in Blackpool hatte ihm gutgetan, doch das konnte sie wohl kaum laut sagen.

»Mir geht es auch gut, Millie«, antwortete Alain und dachte an Shirley. Sie war immer in seinen Gedanken. Über ihre Beziehung konnte er mit niemandem reden, aber irgendwie wurde durch die Geheimnistuerei alles noch reizvoller. »Wir haben sehr lange Arbeitszeiten, aber es ist eine Arbeit, die der Mühe wert ist.«

»Ich wünschte, ich könnte sagen, dass Lyle das genauso sieht«, meinte Millie. »Bei seinem letzten Urlaub hier zu Hause schien er unter fürchterlichem Druck zu stehen. Er hat mir gestanden, dass ihm die grausigen Verwundungen, mit denen ihr im Krankenhaus umgehen müsst, schwer zu schaffen machen. Um ehrlich zu sein, Alain, ich mache mir ziemliche Sorgen um ihn.«

»Mir ist gar nicht aufgefallen, dass die Arbeit ihm so sehr zu schaffen macht. Er leistet Großartiges bei seinen Patienten, und in seiner Freizeit macht er einen ganz entspannten Eindruck«, erwiderte Alain. Er wollte schon sagen, dass Lyle richtig glücklich wirke, aber dann fiel ihm ein, dass das nicht angemessen war.

»Tatsächlich?« Millie war perplex. »Könnte es sein, dass er seine wahren Gefühle bei der Arbeit verbirgt?« Das schien ihr die einzig plausible Erklärung zu sein.

Alain hatte keine Ahnung, was er darauf antworten sollte, also schaute er aufs Straßenpflaster, und es kam zu einem Moment verlegenen Schweigens zwischen ihnen. »Nein, ich denke nicht, Millie«, sagte er schließlich.

»Dir muss doch etwas aufgefallen sein, Alain. Der Lyle, den du beschreibst, ist nicht der Lyle, den ich bei seinem letzten Besuch zu Hause zu Gesicht bekommen habe. Ist da etwas, das du mir nicht erzählen willst, Alain McKenzie?«, wollte Millie wissen.

»Aber natürlich nicht, Millie. Wie geht es dir denn eigentlich so?«, erkundigte sich Alain und wechselte das Thema.

»Ich war erkältet, aber ich nehme an, das ist nicht so interessant für dich«, erwiderte Millie, und ihr fiel auf, dass Alain auf einmal ganz verlegen geworden war. »Mein Vater hatte eine Lungenentzündung, aber er erholt sich recht gut.«

»Das freut mich«, sagte Alain und wollte schon weitergehen.

»Tut mir leid, Alain, wenn ich noch mal davon anfange, aber ich mache mir einfach Sorgen um Lyle. Er meinte, über vielerlei Dinge denke er jetzt anders, und ich würde gern wissen, wieso. Ich hatte gehofft, du könntest mir einen Hinweis geben.« Millie spürte, dass Alain ihr nicht die Wahrheit sagte.

»Ich glaube, darüber solltest du mit ihm reden, Millie«, antwortete Alain.

Er wusste sehr genau, was seinen Freund bedrückte. Lyles Heuchelei ihm gegenüber hatte ihn verärgert, aber er war sich nicht sicher, ob er deswegen so weit gehen und Millie die Wahrheit sagen sollte.

»Wir werden wahrscheinlich heiraten, sobald Lyle nach Dumfries zurückkommt«, sagte Millie. »Deshalb muss ich die Wahrheit wissen. Ich will ja Verständnis haben für das, was er erlitten hat, aber das fällt mir schwer, wenn ich nicht weiß, was da auf mich zukommt.«

»Heiraten! Ich hatte ja keine Ahnung«, sagte Alain. Auf einmal tat ihm Millie leid. Es war nicht recht, dass Lyle sich hinter ihrem Rücken mit Elena Fabrizia abgab, wo Millie doch fest damit rechnete, dass er nach Hause kommen und sie heiraten würde. »Hast du Zeit für eine Tasse Tee, Millie?«, fragte Alain und sah auf die Uhr. Ihm blieb noch eine Stunde, ehe er den Zug zurück nach Blackpool bekommen musste.

»Die Zeit nehme ich mir«, sagte Millie.

Lyle standen vom Krankenhaus zwei Tage Urlaub zu, nachdem er neun Tage am Stück jeweils zwölf Stunden gearbeitet hatte, also nahm er an einem Freitag den Abendzug nach Hause. Alain war zurückgekommen, aber er hatte über seinen Aufenthalt zu Hause nicht viel zu erzählen gehabt. Lyle erklärte Elena, dass ein Freund der Familie sehr krank sei und er deshalb fahren müsse, aber dass er so bald wie möglich zurückkäme. Es fiel ihm schwer, sie zu verlassen, und er hatte schreckliche Gewissensbisse, weil er sie anlog, aber er tröstete sich mit der Tatsache, dass es das letzte Mal gewesen war. Ausgiebig hatten sie über das Leben geredet, das sie zusammen führen wollten, und Elena war so glücklich gewesen. Lyle wusste, dass er sich auf ihre gemeinsame Zukunft konzentrieren musste, denn das war die einzige Möglichkeit für ihn, Millie und die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Seine Zukunft mit Elena war das Allerwichtigste für ihn.

Auf der Fahrt nach Hause versuchte Lyle, nur an Elena zu denken und daran, wie sehr er sie liebte. Nur so hielt seine gute Stimmung an. Er fürchtete den Moment, in dem er Millie gestehen musste, dass er sich von ihr trennen wollte. Er hatte endgültig beschlossen, ihr nicht von Elena zu erzählen – es wäre zu grausam.    

Statt erst seine Eltern aufzusuchen, ging Lyle direkt vom Bahnhof aus zu Millie. Er wusste nicht genau, ob Millie noch auf war, deshalb beruhigte es ihn, dass er Licht im Wohnzimmerfenster ihres Hauses sah. Er holte tief Luft und klopfte an die Tür.

»Tut mir leid, dass ich noch so spät störe«, sagte Lyle zu Millie, als sie die Tür öffnete.

»Sag doch so was nicht, Lyle, du bist jederzeit willkommen«, erwiderte Millie und bat ihn herein in die Wärme.

Als sie seinen Mantel nahm und aufhängte, dachte sie, der alte Lyle hätte sich keine Sorgen darüber gemacht, dass er womöglich zu spät störte. Er hatte sich immer als Teil ihrer Familie gesehen.

Millie und ihre Mutter waren an dem Abend im Krankenhaus gewesen. Nach einem leichten Abendessen war Bonnie ins Bett gegangen, aber Millie hatte noch am Kamin gesessen und an Lyle gedacht. Sie war überglücklich, ihn jetzt zu sehen, aber sie machte sich Gedanken über den Grund seines Besuchs bei ihr. Nachdem sie ihm das Neueste von ihrem Vater berichtet hatte, der am nächsten Tag nach Hause kommen sollte, bat sie ihn, sich aufs Sofa zu setzen, nahm seine Hände und meinte, sie habe noch andere aufregende Neuigkeiten zu berichten, etwas, das sie und ihn betreffe. Als Lyle das hörte, sank sein Mut, aber er war immer noch entschlossen zu tun, was er tun musste.

»Lass mich dir zuerst etwas sagen, Millie«, bat er. Er musste es endlich hinter sich bringen.

Millies Herz pochte. Sie glaubte zu wissen, was er sagen würde, aber das konnte sie nicht zulassen. Nicht jetzt, da sie ihm etwas zu berichten hatte, was alles ändern würde.

»Kann ich dir meine Neuigkeit nicht zuerst sagen, Lyle?«, fragte sie schmeichelnd.

»Na schön«, meinte Lyle. Nachdem er endlich den Mut gefunden hatte, mit Millie zu reden, war es qualvoll für ihn, noch warten zu müssen.

»Lyle«, begann Millie vorsichtig. »Du wirst doch jetzt bald für immer nach Hause kommen, oder?«, fragte sie.

»Ich … werde nicht …«, erwiderte Lyle und wollte gerade mit der vorbereiteten Rede beginnen, aber Millie unterbrach ihn.

»Ich weiß, die Truppen kommen nach Hause, und man wird dich im Krankenhaus noch eine Weile brauchen, aber hoffentlich nicht mehr lang, Lyle, denn …«, Millies blaue Augen funkelten voller Vorfreude, »… wir bekommen ein Baby«, platzte es aus ihr heraus. »Wir werden Eltern!«

Lyle klappte der Unterkiefer herunter, und ihm wurde auf einmal ganz schwindlig. Ungläubig starrte er Millie an. Er hoffte, er hätte sie missverstanden oder sich wenigstens verhört. Schließlich kam ihm ein einziges Wort über die Lippen. »Was?«

Millies Lächeln verblasste. »Wir werden ein Baby bekommen. Vor ein paar Tagen habe ich es erfahren. Seit Wochen ging es mir schon nicht so gut, aber ich hätte nie gedacht, dass ich schwanger bin, denn ich hatte eine schwere Erkältung, und mein Monatszyklus war nicht so regelmäßig. Bei einem meiner Besuche bei Dad im Krankenhaus suchte ich einen der Ärzte auf. Es war so qualvoll für mich, meine Neuigkeiten nicht mit dir teilen zu können, aber per Brief oder Telegramm wollte ich sie dir nicht mitteilen. Ich wollte dir ins Gesicht dabei sehen.« Sie musste sich eingestehen, dass Lyle alles andere als erfreut wirkte, aber sie war sicher, das würde sich ändern, sobald er die gute Nachricht verinnerlicht hätte. »Freust du dich auch so wie ich? Ich weiß ja, wir sind noch nicht verheiratet, aber Mom plant unsere Hochzeit schon. Anfangs war sie ein bisschen verärgert – du in Blackpool, ich hier, und wir beide noch nicht verheiratet, aber den Schock hat sie überwunden, und sie ist ganz außer sich vor Freude darüber, Großmutter zu werden. Dad werden wir es erst sagen, wenn er zu Hause ist, sich ein bisschen beruhigt hat und wir ein Datum für die Hochzeit festgesetzt haben.« Ausdruckslos starrte Lyle Millie an. Sein Verstand fasste einfach nicht, was sie ihm da sagte. Er konnte an nichts anderes denken, als daran, dass Elena in Blackpool auf ihn wartete. Wie aus weiter Ferne vernahm er Millies Stimme. »Gestern habe ich deine Mutter auf der High Street getroffen. Ich hätte es ihr so gern erzählt, aber ich dachte, du solltest es vor deiner Familie erfahren.« Millie schwieg, als ihr bewusst wurde, dass Lyle noch gar nichts gesagt hatte. Sie wusste, woran er dachte, und es brach ihr das Herz, aber sie durfte ihn nicht verlieren. Er brauchte Zeit, um nachzudenken, um zu erkennen, was wirklich wichtig war. Dann ergäbe sich alles andere von allein. »Du hast ja noch gar nichts gesagt, Lyle«, meinte Millie jetzt und musterte ihn gründlich.

Lyle stand auf, und seine Beine zitterten, als er zum Kamin ging, wo er die glühenden Holzscheite anstarrte. Alles, was er vor seinem inneren Auge sah, war Elenas bildschönes Gesicht, ihr Lächeln, ihre dunklen Augen. Es dauerte eine Weile, ehe er merkte, dass Millie ihn erwartungsvoll anschaute. Er konnte sie nicht ansehen, aber er wusste, sie erwartete eine Antwort.

»Ich weiß nicht genau, was ich dazu sagen soll, Millie. Die Neuigkeit kommt so … unerwartet.« Er spürte ein Kribbeln in den Händen und auf dem Gesicht – eine Folge des Schocks.

Millie stand auf und ging zu ihm, und sie umklammerte eine seiner kalten Hände. Sie sah, dass die Farbe aus seinem Gesicht gewichen war. »Na ja, so unerwartet nun auch nicht, wenn du mal darüber nachdenkst«, sagte sie. Sie wollte ihn daran erinnern, wie schön es gewesen war, als sie sich geliebt hatten.

Lyle zwang sich, ihr in ihre blauen Augen zu schauen. Er verstand, was sie meinte. »Das stimmt«, sagte er, und es zerriss ihn innerlich. Er war am Boden zerstört. Er ging wieder zum Sofa und ließ sich darauffallen. »Ein Baby«, flüsterte er und konnte es immer noch nicht glauben.

»Genau«, sagte Millie und setzte sich neben ihn. »Du wirst Vater, Lyle, und du wirst der denkbar beste Vater von allen. Ich sehe dich schon mit deinem kleinen Jungen oder deinem kleinen Mädchen.« Sie hoffte, dass auch er das schon sah.

Millie sah, dass Lyle ihre Worte wahrnahm, er schien aber nicht zu verstehen, was sie sagte. Er brachte kein Wort heraus. Sie hatte sich so auf diesen Moment gefreut, doch der erwies sich nun als große Enttäuschung. Millie war fest davon überzeugt gewesen, dass sich Lyle genauso freuen würde wie sie.

Plötzlich verspürte Lyle den verzweifelten Drang, wegzulaufen. Abrupt stand er auf und ging auf die Haustür zu. Er blieb nicht einmal stehen, um seinen Mantel von der Garderobe zu nehmen.

Millie lief ihm hinterher. »Wo gehst du hin, Lyle?«, fragte sie verwirrt.

»Mir ist nicht ganz … gut, Millie. Entschuldige mich bitte«, rief er über die Schulter zurück. »Wir reden morgen weiter.«

Lyle hörte Millie protestieren, doch er verließ ohne eine weitere Erklärung das Haus. Er lief und lief, immer weiter. Er musste laufen – so schnell er konnte, weglaufen vor den Worten, die er gerade gehört hatte. Er wollte in Elenas Arme laufen und in die Zukunft, die sie gemeinsam geplant hatten.

Millie hatte gespürt, dass Alain ihr etwas erzählen wollte, dann jedoch seine Meinung änderte. Warum, wusste sie nicht, aber sie war so besorgt darüber gewesen, dass sie Brid Carmichael aufsuchte, deren Schwester Georgette als Krankenschwester im Victoria Hospital arbeitete. Wie der Zufall es wollte, hatte auch Georgette Urlaub und war zu Hause, als Millie kam, jedoch gerade zum Einkaufen gegangen. Millie tischte Brid eine Lüge auf. Sie tat, als hätte Lyle einen kleinen Flirt mit jemandem aus dem Krankenhaus gestanden.

»So ein Schuft«, entrüstete sich Brid.

»Er ist einfach nicht mehr er selbst, Brid«, verteidigte Millie ihren Freund. »Diese entsetzlichen Verletzungen, mit denen er Tag für Tag zu tun hat, machen ihm schwer zu schaffen.«

»Du bist viel zu gut für ihn, Millie«, beharrte Brid. »Viel zu versöhnlich.«

»Ich will ihm nur helfen«, meinte Millie. »Ich muss einfach wissen, was genau auf mich zukommt. Meinst du, Georgette kann mir etwas sagen?«

Mit Georgette kam man nicht so gut aus wie mit der herzensguten, sanften Brid.

»Das wird sie schon, wenn sie etwas weiß. Sie hat sich mit Shamus Connors getroffen, ehe sie als Krankenschwester nach Blackpool ging. Es würde mich gar nicht wundern, wenn sie jetzt bei ihm wäre.«

»Mach keine Witze«, sagte Millie. Shamus war in ganz Dumfries als Schwerenöter bekannt.

»In der Hinsicht ist sie völlig unvernünftig, aber wenn sie dir nicht sagt, was sie weiß, werde ich unseren Eltern von Shamus erzählen.«

Als Georgette vom Einkaufen zurückkam, ...

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