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Der Glanz der Vergangenheit

Mark Lilla

Der Glanz der Vergangenheit

Über den Geist der Reaktion

Herausgegeben von René Scheu

Aus dem Amerikanischen
von Elisabeth Liebl

NZZ Libro

 

Für A. S. und D. L., meine compagnons de route

Inhalt

Vorwort von René Scheu

Einführung

Der schiffbrüchige Geist

Denker

Der Kampf um die Religion

Das immanente Eschaton

Athen und Chicago

Strömungen

Von Luther zu Walmart

Von Mao zum heiligen Paulus

Ereignisse

Paris, Januar 2015

Nachwort

Der Ritter und der Kalif

Dank

Herausgeber und Übersetzerin

Vorwort

Vorwärts in die Vergangenheit.

Mark Lilla1

Die Bücher über Wesen und Wirkung der Revolution sind Legion. Man könnte fast schon von einem eigenen Genre sprechen – es ist kaum mehr zu überblicken, was in den über 200 Jahren seit der Französischen Revolution zum Thema publiziert wurde. Längst hat der Revolutionär ikonische Qualität gewonnen und ist auch jenseits einschlägiger Literatur zu einer faszinierenden Figur der Moderne avanciert. Selbst wenn er wie der Argentinier Ernesto Rafael Guevara de la Serna Tausende von Menschen auf dem Gewissen hat, verfügt er über viel Sex-Appeal und ziert als Protagonisteiner anderen, höheren menschlichen Ordnung T-Shirts und Aufkleber. So sehr die Erinnerungen an die Revolutionsversuche nach 1789 verblasst sind, so sehr scheinen viele davon zu träumen, auf ihrem Gebiet und in ihrem Alltag kleinere oder grössere Revoluzzer zu sein. Es ist das Klischee der Werbeindustrie tout court.

Mit dem Odeur des Reaktionären hingegen umgibt sich niemandfreiwillig. Der Reaktionär gilt als finstere Gestalt, als jemand, der mit dem Gang der Dinge hadert, als ein dumpfer, uneinsichtiger, ja durchweg unsympathischer Zeitgenosse. Da niemand mit ihm assoziiert werden möchte, hat sich bisher auch kaum jemand intellektuell in angemessener Weise mit ihm auseinandergesetzt. Der Reaktionär – er bleibt bis heute ein unbeschriebenes Blatt, mehr Feindbild, von dem man sich abgrenzt, als Protagonist einer eigenen Weltanschauung und Handlungstheorie. Und dies, obwohl er dem Revolutionär, was seine Wirkmacht angeht, mittlerweile den Rang abgelaufen hat.

Fortschrittsskepsis gehört im Westen heute zum guten Ton unter Inellektuellen, auch und gerade jener, die sich selbst als avantgardistisch und progressiv darstellen. Dabei lässt sich diese Skepsis in zwei Intensitätsgraden ausmachen. Die sanfte Frage lautet in etwa so: Können wir wirklich mit guten Gründen davon ausgehen, dass unsere Kinder es dereinst besser haben werden als wir? Und zugespitzt: Wer möchte leugnen, dass der Kollaps unserer Ordnung bevorsteht, sei es wegen des Klimawandels, des Neopopulismus oder der Entwicklung von Robotik und künstlicher Intelligenz?

Doch bei aller Skepsis: Wer so denkt, hält implizit an einer Fortschrittserzählung fest, sonst könnte er deren Unterbrechung oder Ende nicht diagnostizieren. Und dieser narrative Bezugsrahmen bestimmt bis heute die Wahrnehmung der beiden Figuren. Der Revolutionär wird gemeinhin als Agent des Fortschritts gesehen, auch wenn die (schrecklichen) Resultate seines Handelns längst nicht immer mit seinen (mutmasslich ehrenwerten) Intentionen übereinstimmen und nach rückwärts weisen. Der Reaktionär hingegen gilt als Akteur, der bestrebt ist, den Gang der Geschichte aufzuhalten, sich ihm mit aller Macht entgegenzustemmen. Auch wenn er mit den modernsten Mitteln der Technik operiert, soll er die Kraft des Rückschritts sein und also nichts anderes als ein Konterrevolutionär.

Diese Etikettierung bestimmt den Diskurs bis heute, doch führt sie in die Irre. Der amerikanische Ideenhistoriker Mark Lilla unternimmt es in diesem Buch, eine differenziertere, in manchem sogar eine fundamental andere Sicht der Problemlage zu präsentieren. Er liefert keine parteipolitisch getriebene Polemik, sondern eine philosophische Strukturanalyse: Revolutionär und Reaktionär sind für ihn keine Gegenfiguren, sondern bilden zusammen eine einzige Kippfigur. Diese Erkenntnis ist von Bedeutung, wenn es stimmt, dass wir in reaktionären Zeiten leben, wie Mark Lilla meint. Die Reaktionäre tragen dabei ganz unterschiedlich gefärbte Gewänder, grüne, schwarze, braune, rote. Für Lilla zählen Nationalisten, Populisten und Islamisten ebenso dazu wie Tiefenökologen, Anti-Globalisierer und Anti-Wachstums-Aktivisten. Was sie eint, ist die Systemkritik. Der liberal-demokratisch-kapitalistische Status quo der Welt, auf die sie sich beziehen, ist in ihrer Optik zutiefst morsch, sprich: wahlweise korrupt, dekadent oder zynisch. Die bloss scheinbare Ordnung muss endlich als das entlarvt werden, was sie ist: eine grosse Unordnung. Daraus soll dann, dank Führung durch geeignete Protagonisten der Reaktion, eine neue stabilisierte Ordnung hervorgehen, in der die gesellschaftlichen Dauerkonflikte in einer neuen Harmonie aufgehoben sind.

Donald Trump, der amtierende Präsident der USA, hat mit seinem Ronald Reagan entlehnten Wahlkampfslogan eine Sentenz geliefert, deren Muster alle reaktionären Typen verbindet: Make X great again. Es ist das Muster aller guten Märchen: Es war einmal eine gute Zeit oder ein Goldenes Zeitalter, in dem die Welt in Ordnung war. Dann geschah etwas Unerwartetes – Korruption durch globalisierte Eliten, Unterdrückung durch dekadente Kräfte des Westens, der Siegeszug der Technik –, etwas, das die prästabilierte Harmonie durcheinanderbrachte und den Lauf der Dinge in eine Sackgasse manövrierte. Anders als im Märchen kann am Ende der reaktionären Erzählung jedoch nur eines stehen: die zweite Katastrophe, oder besser: die Rettung durch die kommende Katastrophe.

Die beiden grossen philosophischen Narrative der Kontinentalphilosophie halten sich in der Tat genau an diesen Aufbau. Nach Martin Heidegger wurde die echte, volle Seinserfahrung der Vorsokratiker durch Platons Metaphysik verfälscht – und die darauf folgende Geschichte des Westens erweist sich als eine Geschichte der Seinsvergessenheit. Sie mündet in ein vorstellendes Denken, das den Zugang des Menschen zur Welt und zu sich selbst gleichsam verstellt: Die Natur gerät nur noch als Ressource in den Blick, die es mittels Technik auszubeuten gilt, und der Mensch wird sich selbst zum Objekt der Manipulation, das im Dienste der industriellen Verwertbarkeit steht. Auf der anderen Seite des politphilosophischen Spektrums hielten sich Theodor Adorno und Max Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung an exakt dieselbe Dramaturgie. Die Aufklärung lassen sie schon mit Odysseus anheben, nur wirkt von Anfang an das Gesetz einer selbstzerstörerischen Dialektik, nach dem verführerischen Gedanken der beiden Autoren: Schon der Mythos ist aufklärerisch, und Aufklärung schlägt zuverlässig in Mythologie beziehungsweise Barbarei um. Am Ende der Entwicklung steht ein vergötterter Apparat aus Technik und Verwaltung, die Herrschaft der instrumentellen Vernunft über Welt und Mensch, die jedes utopische Potenzial im Keim erstickt. Eine Wende der Geschichte ist für beide philosophischen Schulen kaum auszudenken, es gilt für beide die spätheideggersche Devise: Nur ein Gott kann uns noch retten – oder eben die Katastrophe.

Wer die Katastrophe bloss zu beschreiben vorgibt oder zu prophezeien meint, sehnt sie in Wirklichkeit oftmals herbei. Und genau das unterscheidet die reaktionäre Erzählung vom Märchen, das auf Umwegen zwar, aber ohne Katastrophe in ein Happy End mündet. Die Märchen-Macher wussten: Die Wirklichkeit hält sich nicht ans dialektische Denken, aus der Negation einer Negation geht nicht zwangsläufig etwas Positives hervor. Der Reaktionär dagegen setzt darauf, dass die Dialektik funktioniert. Der Bruch, der die gegenwärtige Zeit vom Goldenen Zeitalter trennt, soll durch einen Bruch des Bruchs aufgehoben, das Goldene Zeitalter wiederhergestellt werden. Dass die Situation nach der Katastrophe viel schlimmer sein kann als die Lage zuvor, ist in dieser Konstruktion nicht vorstellbar. Der Reaktionär strebt vorwärts in die Vergangenheit. Hierfür ist ihm, genau wie dem Revolutionär, jedes Mittel recht und kein Preis zu hoch. Wer sich einen Krieg herbeiwünscht, um den Status quo zu überwinden, hat, recht bedacht, nicht den Verstand verloren, sondern tut genau das Gegenteil: Er überschätzt den menschlichen Verstand masslos.

Jeder Reaktionär ist auf seine Weise ein Schriftbesessener. Anders als der Revolutionär kapriziert er sich nicht auf phantastische Geschichten, die in einer utopischen Zukunft spielen, sondern auf solche, die einmal stattgefunden haben sollen. Dabei unterscheidet er sich ganz wesentlich von einem Konservativen, mit dem er gern verglichen wird, als wäre er sein radikalisierter Bruder. Doch im Gegensatz zum Konservativen interessiert sich der Reaktionär nicht wirklich für die Vergangenheit und ihre verschlungenen Verbindungen mit der Gegenwart, ebenso wenig für Traditionen, Verhaltensweisen und Wissensformen, die sich bewährt haben und darum für die heutige Gesellschaft von grossem Nutzen sein könnten. Genau umgekehrt geht er von einem fundamentalen Bruch zwischen alter und neuer Zeit aus. Der Reaktionär will nicht erinnern, sondern in seiner Beschäftigung mit der Geschichte bloss die Distanz ermessen, die ihn vom Gewesenen scheidet.

Mark Lilla gibt der Grundbefindlichkeit des Reaktionärs einen Namen: politische Nostalgie. Sie ist das besondere Sensorium für den Glanz der Vergangenheit, die nie zu leuchten aufhört. Die Vergangenheit stellt für den Reaktionär den Fixpunkt seines Trachtens dar, nachdem er begonnen hat, die Gegenwart als fremdes Land zu empfinden. Darum verschlingt er Bücher, die von einer intakten Zeit und einem unberührten Ort künden, sei es das Paradies von Adam und Eva vor dem Sündenfall, das Griechenland der Vorsokratiker, das Mekka Mohammeds, die kurze Zeit des totalen Egalitarismus während der Französischen Revolution oder die Erfahrung der Pariser Kommunen, die Verfassung einer freien, grenzenlosen Welt am Ende des 19. Jahrhunderts. Reaktionäre sind wie Revolutionäre, so volksnah sie sich auch geben mögen, Vertreter einer selbst ernannten buchbewehrten Elite von Auserwählten.

Der Reaktionär verfügt wie der Revolutionär über das, was Lilla «Geheimwissen» nennt und Popper einst als Grundannahme des «Historizismus» beschrieb: das wenigen vorbehaltene Wissen über den Gang der Dinge. Plötzlich weiss der Reaktionär, warum er sich seiner Zeit entfremdet hat – weil er nämlich einer anderen Zeit angehört. Er begreift, dass es kein Zufall sein kann, wenn er diese Bücher liest – er gehört zu den Auserwählten, die wie vom Blitz getroffen erkennen, warum nicht nur alles falsch läuft, sondern laufen musste. Seine singuläre Position im erkannten Gesellschafts- oder Naturprozess – sei es seine Rassen- oder Klassenzugehörigkeit, seine Nationalität, seine Religion oder schlicht seine Biografie – erlaubt ihm erst die höhere Einsicht. Es fällt ihm irgendwann wie Schuppen von den Augen. In dem Moment, in dem er dies begreift, hat er auch schon eine Mission. Denn verstehen heisst handeln. Wer dem inneren Kreis der Erleuchteten angehört, hat – von innen gesehen – keine Wahl. Und so will er allen anderen Menschen mit Kraft und Gewalt die höhere Einsicht bringen.

Hannah Arendt zeigt in ihrem wunderbaren Buch über die Französische Revolution, wie die Revolutionäre sich im Laufe der Revolution tatsächlich als Akteure eines höheren geschichtlichen Wirkens zu begreifen begannen. Dies war jedoch zu Beginn der Aufstände ganz anders. Die ersten Revolutionäre zielten auf die «Wiedergewinnung uralter, verbriefter Rechte und Freiheiten», wollten zurück zu einer vormonarchischen Ordnung, die sie freilich bloss ziemlich vage imaginierten.2 Die Revolution war also – ganz dem damaligen Gebrauch des Wortes entsprechend, das aus der Astronomie entlehnt war, genauer aus Kopernikus’ De Revolutionibus orbium coelestium – zunächst als Restauration beziehungsweise Reaktion gedacht. Erst im Verlauf des Geschehens entwickelte sie eine Dynamik, die alle involvierten Parteien gleichsam als unwiderstehliche Bewegung erlebten. Aus der Sicht der Akteure ereignete sich genau jenes Wunder, in dessen Folge Theorie und Praxis, Freiheit und Notwendigkeit plötzlich zusammenfallen: Es waren nicht die Menschen, die aus freien Stücken eine Revolution durchführten, es war vielmehr die Revolution, die in ihnen wirkte. Dabei waren Reaktion und Revolution am Anfang nicht zu unterscheiden, erst später zeigte sich, dass die Revolution zu etwas Neuem führen würde, von dem niemand wusste, wie es sich gestaltete. Nach Arendt liegt in dieser Erfahrung die Geburtsstunde der Vorstellung, wonach es eine «historische Notwendigkeit» gibt, die sich philosophisch fassen lässt.3 Ohne die Revolutionäre, die zuerst Reaktionäre waren, wären weder Hegel noch Marx denkbar. Die Französische Revolution stellt die Stunde Null jeder modernen Fortschrittserzählung dar, die bis zum heutigen Tag alle Reaktionäre und Revolutionäre teilen.

Während die letzte Revolution im Westen schon viele Jahrzehnte zurückliegt, bahnt sich die nächste Bewegung der Reaktion hier wohl gerade an. Oder anders und direkter gesagt: Die Revolutionäre der Gegenwart sind die Reaktionäre. Mark Lilla analysiert ihre Denk- und Handlungsmuster in seinem neuen Werk auf äusserst stringente Weise anhand bedeutender moderner Denker und aktueller Phänomene. Sein Buch birgt viel Zündstoff und löste in den USA viele Debatten aus. Auch wer Lillas Darstellung nicht teilt, liest sie mit Gewinn. Denn es weht ein reaktionärer Geist – in den USA und in Europa. Lillas Buch ist insofern das Buch der Stunde. Der Autor erweist dem Reaktionär nicht die Ehre, sondern entledigt ihn seiner Ideenkleider. Nackt steht er in diesem Buch vor uns. Damit verwandelt Lilla den wohl letzten verbleibenden Anderen in einen politischen Gegner, der sich fassen lässt.

René Scheu, April 2018

                        

1Mark Lilla, Der Glanz der Vergangenheit, Zürich 2018, S. 135.

2Hannah Arendt, Über die Revolution (1963), München 2016, S. 53.

3Ebd., S. 59.

Einführung

Der schiffbrüchige Geist

Für Augen, die auf dem Vergangenen geruht haben, gibt es keine wirkliche Wiederherstellung.

George Eliot1

Was ist Reaktion? Im Schlagwortverzeichnis jeder halbwegs vernünftig ausgestatteten Universitätsbibliothek finden Sie sofort Hunderte von Titeln, wenn Sie unter dem Stichwort «Revolution» nachsehen. Sucht man jedoch unter «Reaktion», beschränkt sich die Ausbeute auf einige wenige Werke. Wir haben Theorien, warum es zu Revolutionen kommt, was sie erfolgreich macht und weshalb sie am Ende stets ihre Kinder fressen. Was dagegen die Beschäftigung mit der Reaktion angeht, geben wir uns mit der selbstgerechten Überzeugung zufrieden, dass sie in Unwissenheit und Verbohrtheit wurzelt, wenn nicht in noch Schlimmerem. Das ist verblüfend. Der revolutionäre Geist, der zwei Jahrhunderte lang politische Bewegungen in aller Welt befeuerte, mag erloschen sein. Der Geist der Reaktion aber, der sich ihm entgegenstellte, hat überdauert und erweist sich mittlerweile vom Mittleren Osten bis nach Mittelamerika als nicht minder starke historische Kraft. Eine Ironie des Schicksals, die uns allein schon deswegen neugierig machen sollte. Stattdessen erregt sie eher eine selbstgefällige Empörung, die schliesslich in Verzweiflung umschlägt. Der Reaktionär ist der letzte verbleibende «Andere», mit dem sich seriöse wissenschaftliche Untersuchungen nur am Rande beschäftigen. Wir kennen ihn schlichtweg nicht.

Dabei hat schon der Begriff Reaktion selbst eine höchst interessante Geschichte aufzuweisen. Im Vokabular des politischen Denkens in Europa tauchte er erstmals im 18. Jahrhundert auf, wo man ihn aus den naturwissenschaftlichen Schriften Isaac Newtons importierte. In seinem einflussreichen Werk Vom Geist der Gesetze stellt Montesquieu das politische Leben dar als eine stete Abfolge von Aktion und Reaktion. Jede Revolution war für ihn ein solcher politischer Akt, wenn auch selten und durchweg unvorhersehbar. Eine Revolution konnte eine Monarchie in eine Demokratie verwandeln und die Demokratie in eine Oligarchie. Es gab keinen Weg, das Resultat einer Revolution vorherzusagen oder die Reaktionen, die sie auslösen würde.

Die Französische Revolution füllte dann die beiden Begriffe mit einer neuen Bedeutung. Kaum war die Revolte in Paris ausgebrochen, ersannen ihre Beobachter Geschichten, die diese Revolution zum Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte machten. Die Jakobiner setzten das Revolutionsjahr als Jahr eins fest, um diesen Bruch deutlich zu markieren, und benannten obendrein auch gleich noch alle Monate um, damit ja kein Bürger in Gefahr geriet, Vergangenheit und Gegenwart durcheinanderzubringen. Alles, was historisch bis dahin geschehen war, galt nur als Vorbereitung für dieses Ereignis. Und alles künftige Tun liess sich nun auf das vorbestimmte Ende der Geschichte ausrichten: die Emanzipation des Menschen. Wie würde danach das politische Leben aussehen? Hegel stellte sich einen modernen, bürokratisch geordneten Nationalstaat vor, Marx eine kommunistische, nicht staatliche Gemeinschaft, in der freie Menschen morgens zum Fischen gehen, sich nachmittags ums Vieh kümmern und sich nach dem Abendessen in Gesellschaftskritik üben. Die Unterschiede zwischen diesen Modellen waren weniger wichtig als die feste Überzeugung, dass ihr Eintreten unvermeidlich war. Der Fluss der Zeit, so dachte man, fliesse immer nur in eine Richtung. Und seinen Lauf umzukehren sei unmöglich. Während der Jakobinerherrschaft wurde jeder, der sich diesem Fluss entgegenstellte oder wenig Begeisterung erkennen liess, für die Richtung, in die er strebte, als Reaktionär bezeichnet. Damals nahm der Begriff jenen negativen moralischen Beigeschmack an, der ihm bis heute anhaftet.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde allerdings deutlich, dass nicht alle Kritiker der Revolution Reaktionäre in obigem Sinne waren. Da gab es liberale Reformer wie Benjamin Constant, Madame de Staël oder Alexis de Tocqueville, die den Zusammenbruch des alten Regimes für unvermeidlich hielten, nicht jedoch die folgende Terrorherrschaft. Das Versprechen der Revolution galt also immer noch als einlösbar. Konservative Denker wie Edmund Burke lehnten die Radikalität der Revolution ab, vor allem aber den historisierenden Mythos, der sich um sie herum entwickelt hatte. Burke hielt die Vorstellung von der Geschichte als unpersönliche Kraft, die uns zu prädestinierten Zielen trägt, für ebenso falsch wie gefährlich, da sie die Rechtfertigung von Verbrechen im Namen der Zukunft ermögliche. (Liberale und soziale Reformer sorgten sich zudem, dass diese Idee zur Passivität verleiten könnte.) Die Geschichte, so Burke, entwickle sich langsam und unbewusst mit der Zeit, und niemand könne die Resultate dieser Entwicklung vorhersagen. Wenn die Zeit ein Strom ist, dann ist sie wie das Nildelta. Sie hat Hunderte von Seitenarmen, die in alle möglichen Richtungen verlaufen. Problematisch wird es laut Burke immer dann, wenn ein Herrscher oder eine herrschende Partei zu wissen glaubt, wohin der Fluss der Geschichte strebt. Das zeigt sich sehr schön am Beispiel der Französischen Revolution, die, statt dem Despotismus in Europa ein Ende zu setzen, zunächst die unbeabsichtigte Folge zeitigte, einen korsischen General auf den Kaiserthron zu befördern und den modernen Nationalismus zu gebären – samt und sonders Ergebnisse, die wohl kein Jakobiner je vorhergesehen hatte.

* * *

Reaktionäre sind nicht mit Konservativen gleichzusetzen. Das ist der erste Unterschied, den man kennen muss. Reaktionäre sind auf ihre Weise genauso radikal wie die Revolutionäre, und wie sie hat die historische Mythenbildung sie fest am Wickel. Die zeitenwendende Erwartung einer neuen sozialen Ordnung oder eines verjüngten Menschen zeichnet die Revolutionäre aus, apokalyptische Ängste vor dem Heraufdämmern eines neuen dunklen Zeitalters die Reaktionäre. Für erste konterrevolutionäre Denker wie Joseph de Maistre markierte 1789 das Ende einer glorreichen Reise und keineswegs deren Beginn. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit sei die festgefügte Zivilisation des katholischen Europa zu einem grandiosen Wrack reduziert worden. Das konnte doch kein Zufall sein. Um diesen Schiffbruch zu erklären, begannen de Maistre und seine Nachfolger, einen Schauerroman zu erdichten. Er erzählte auf mitunter höchst melodramatische Weise, wie Jahrhunderte kultureller und intellektueller Entwicklung ihren Höhepunkt in der Aufklärung fanden, die das Ancien Régime von innen her zersetzte, sodass es schon beim ersten Ansturm zerbröckelte. Diese Story lieferte die Vorlage für die reaktionäre Geschichtsschreibung, zunächst in Europa, bald aber auf der ganzen Welt.

Das Glaubensbekenntnis des Reaktionärs lautet post hoc, propter hoc – alles, was danach kommt, ist durch das Davor bedingt. Seine Geschichte beginnt mit einem glücklichen, wohlgeordneten Staat, in dem die Menschen ihren Platz kennen und in Harmonie zusammenleben, weil sie sich der Tradition und ihrem Gott unterwerfen. Plötzlich aber kommen von aussen Ideen auf, deren Vertreter Intellektuelle – Schriftsteller, Journalisten und Professoren – sind. Sie stellen die Harmonie infrage, und der Wille der Herrschenden, die Ordnung aufrechtzuerhalten, wird geschwächt. (Im Zentrum jeder reaktionären Geschichte steht der Verrat der Eliten.) In der Folge senkt sich ein falsches Bewusstsein über die Gesellschaft, das diese willig, ja freudig auf die Selbstzerstörung zusteuern lässt. Nur jene, die die Erinnerung an das Alte bewahrt haben, erkennen, was passiert. Und allein von ihrem Wiederstand hängt es ab, ob die Gesellschaft zur Umkehr fähig ist oder auf ihren Untergang zusteuert. Heute sind es die politischen Islamisten, die europäischen Nationalisten und die amerikanischen Rechten, die ihren ideologischen Kindern diese Geschichte erzählen.

Der reaktionäre Geist ist ein schiffbrüchiger Geist. Wo andere den Strom der Zeit fliessen sehen wie eh und je, meint der Reaktionär die Bruchstücke des Paradieses zu erkennen, die an ihm vorbeischwimmen. Er ist ein Flüchtling der Geschichte. Der Revolutionär sieht eine strahlende Zukunft, die den anderen verborgen ist, und dieses Bild beflügelt ihn. Der Reaktionär denkt sich immun gegenüber modernen Lügen, sieht die Vergangenheit in all ihrer Glorie, und auch ihn beflügelt ein Bild. Er glaubt sich in einer stärkeren Position als sein Gegenspieler, weil er sich als Hüter von etwas Gewesenem sieht, und nicht als ein Prophet von etwas, das sein könnte. Dies erklärt auch die merkwürdig beschwingte Verzweiflung, die in reaktionären Schriften stets spürbar ist, diesen greifbaren Sinn für die eigene Mission – oder wie es das reaktionäre amerikanische Blatt National Review in seiner ersten Ausgabe formulierte: Seine Mission sei es, «sich quer zur Geschichte zu stellen und ‹Stopp!› zu rufen». Die Militanz seiner Nostalgie macht den Reaktionär zur entschieden modernen Gestalt, nicht zu einem Anhänger der Tradition.

Sie erklärt auch die nicht erlahmende Dynamik des reaktionären Geistes, selbst angesichts des Fehlens eines revolutionären politischen Programms. Heutzutage ein modernes Leben zu führen, ganz egal an welchem Ort, ein Leben, das ständigem sozialen und technischen Wandel unterworfen ist, ist die psychologische Entsprechung der permanenten Revolution. Marx hatte nur allzu recht mit der Bemerkung, dass alles Stehende verdampfen und alles Heilige entweiht werden wird.2 Falsch lag er nur insofern, als er annahm, dass die Abschaffung des Kapitalismus allein der Welt wieder Gewicht und Heiligkeit verleihen würde. Der Reaktionär kommt in der historischen Mythenbildung der Wahrheit näher, wenn er die Modernität tout court verantwortlich macht, deren Wesen es ist, sich ständig selbst zu modernisieren. Die Angst vor diesem Prozess hat mittlerweile die ganze Welt erfasst. Daher gewinnen die antimodernen reaktionären Ideen auch in aller Welt Anhänger, deren einzige Gemeinsamkeit häufig ebendieses Gefühl des historischen Verrats ist. Jede grössere soziale Wandlung hinterlässt ein neues Eden, das dann wieder zum Objekt historischer Nostalgie werden kann. Und die Reaktionäre unserer Zeit haben entdeckt, dass Nostalgie eine machtvolle politische Motivation ist, vielleicht noch stärker als die Hoffnung. Hoffnungen können enttäuscht werden, Nostalgie aber ist unwiderlegbar.

* * *

Der Geist des modernen Revolutionärs ist längst zum Gegenstand grosser Literatur geworden. Der Reaktionär hingegen muss seinen Dostojewski oder Conrad noch finden.3 Der rückwärtsgewandte, sexuell verklemmte Priester, der sadistische rechte Schlägertyp, der autoritäre Vater oder Ehemann sind vertraute Zerrbilder unserer literarischen und visuellen Kultur. Ihre Allgegenwart ist Zeichen einer bildschöpferischen Faulheit vom B-Movie-Typ, die dem Sheriff immer einen weissen Hut verpasst und dem Banditen einen schwarzen. Doch der engagierte politische Reaktionär wird von Leidenschaften und Thesen getrieben, die nicht weniger nachvollziehbar sind als die des engagierten Revolutionärs. Seine Theorien, mit denen er sich den Lauf der Geschichte erklärt, um die Gegenwart zu erhellen, sind kein bisschen weniger ausgefeilt. Es ist ein Vorurteil, dass Revolutionäre denken, während Reaktionäre reagieren. Man kann die moderne Geschichte nicht verstehen, ohne zu verstehen, wie die politische Nostalgie des Reaktionärs sie mitgeformt hat. Wir können uns keinen Reim auf die Gegenwart machen, ohne anzuerkennen, dass der Reaktionär – ebenso wie der Revolutionär – als selbsterklärter Exilant sie mitunter klarer sieht als jeder, der sich darin zu Hause fühlt. Daher sind wir es uns selbst schuldig, seine Hoffnungen und Ängste, seine Meinungen und Überzeugungen, seine Blindheit und ja, auch seine Einsichten zu verstehen.

Der Glanz der Vergangenheit beginnt ganz bescheiden. Was hier an den Anfang gesetzt wurde, ist die Frucht meiner zufälligen Lektüren aus den letzten zwei Jahrzehnten und umschliesst eine Reihe von Beispielen und Reflexionen, die keineswegs als systematische Abhandlung über das Thema Reaktion verstanden werden wollen. Eine Zeit lang habe ich versucht, die ideologischen Dramen des 20. Jahrhunderts besser zu verstehen, indem ich mich damit auseinandersetzte, wie und auf welche Weise exemplarische intellektuelle Gestalten in diese Dramen verwickelt waren. Aus diesem Bemühen ging 2001 Der hemmungslose Geist hervor, eine Sammlung von essayistischen Porträts einzelner Denker, die der Illusion erlagen, sie könnten Einfluss nehmen auf die Tyrannenherrschaft der Moderne und die Augen vor den Fakten verschliessen: im Deutschland der Nazizeit, in der Sowjetunion, in China und der theokratischen Republik Iran.4 Meine Hoffnung war, dem Phänomen der Tyrannophilie auf die Spur zu kommen, der narzisstischen Liebe mancher Intellektueller zum Tyrannenherrscher, der ihre Ideen zur politischen Realität machen soll.

Während der Arbeit an diesem Buch geriet jedoch eine weitere Kraft in mein Blickfeld, die die Bildwelten politischer Denker und ideologischer Bewegungen im 20. Jahrhundert geprägt hatte: die politische Nostalgie. Die Nostalgie legte sich nach der Französischen Revolution wie eine Wolke über das europäische Denken und hat sich seitdem nicht mehr aufgelöst. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, der «das Ende der Zivilisation, wie wir sie kannten», markierte, unterschied sich die greifbare Verzweiflung kaum von jener, die die Gegner der Revolution von 1789 verspürt haben mochten. Dieses Leiden an der Zeit verschärfte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, als das ganze Ausmass der Shoah bekannt wurde und das atomare Wettrüsten einsetzte. Diese Verkettung von schrecklichen Ereignissen schrie förmlich nach einer Erklärung. Und die Denker – Philosophen, Historiker, Theologen – begannen zu liefern. Der Erste war Oswald Spengler mit seiner höchst einflussreichen Studie Der Untergang des Abendlandes (erschienen 1918 

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