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Der Geschmack der Liebe

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Der Kuchen, ein knuspriger Traum aus Krokant mit Kaffeebohnensplittern, sah schon himmlisch aus, bevor sich die dunkle Schokolade in schmalen Streifen darüber ergoss und ein zartes Gitter zeichnete. Nur noch eine Hand voll roséfarbener runder Körner – und das Wunderwerk war komplett. Die dreiundzwanzigjährige Luisa Vogt seufzte zufrieden auf. Rosa Pfeffer als Abrundung, das war die genialste Idee seit … na, eben seit Urzeiten. Noch mit geschlossenen Augen tastete sie nach Papier und Stift, zwei Dingen, die immer neben ihrem Bett bereitlagen. Nur diesmal nicht. Komisch. Luisa öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen, denn ein scharfer Schmerz schoss ihr durch den Kopf. Wie entsetzlich hell es hier war! O weh, den letzten Cocktail hätte sie sich gestern wohl besser verkniffen. Welcher war das eigentlich gewesen? Black Russian? Nein, das war der erste. Sheridans auf Eis? Coffeemintkiss? Luisa stöhnte auf und legte sich eine Hand auf die Stirn. Doch zu spät. Katze, ihr brauner Labrador, hatte seine Chance gewittert. Erfreut hechelte er ihr sein Guten Morgen ins Ohr und platzierte einen ebenso liebevollen wie feuchten Kuss auf ihre Nase.

„Brrr, Katze, wie oft soll ich dir das denn noch sagen, erst Zähneputzen, dann Knutschen!“

Doch Luisas Lieblingsvierbeiner – überglücklich, dass sein Frauchen endlich wach war – hüpfte voller Begeisterung mit seinen dreißig Kilo Lebendgewicht auf das Bett. Offenbar hatte er den gestrigen Kneipenbummel hervorragend überstanden.

„Macht, dass ihr von mir runterkommt!“, kam da eine verschlafene Stimme unter dem zweiten Kissen hervor. „Alle beide!“ Jetzt öffnete Luisa doch die Augen. Sie war definitiv nicht zu Hause. Und neben ihr lag Molly, ihre beste Freundin. Durch einen Wust an mehrfarbigen Haarsträhnen blinzelte diese etwas derangiert in den neuen Tag.

„Ich hatte gerade so schön geträumt!“, seufzte Molly enttäuscht und kuschelte sich wieder unter ihre Decke.

„Ich auch!! Stell dir vor: endlich wieder ein Rezept! Warte, Krokant und Kaffeebohnensplitter und …“ Plötzlich sprang Luisa aus dem Bett und rannte zu Mollys Schreibtisch. Hier kritzelte sie in Windeseile auf die Rückseite eines Flyers das Rezept für den Kuchen, den sie eben noch im Halbschlaf fast hatte riechen können.

„Kaffeebohnen, ich hätte es wissen müssen!“ Nun setzte sich auch Molly auf. „Langsam wirst du mir echt unheimlich. Wenn du wenigstens zwischendurch mal von einem knackigen Typen träumen würdest!“

Luisa klemmte sich ein paar ihrer widerspenstigen blonden Locken hinters Ohr.

„Knackige Typen kann ich nicht backen“, erklärte sie abwinkend, als sie ihre Aufzeichnungen höchst zufrieden in ihre Handtasche steckte. Darin befanden sich neben dem Schlüsselbund, dem Portemonnaie und einem Labello mit Schokogeschmack ihre ständigen Begleiter – die Tarotkarten, die Molly ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Nachher musste sie unbedingt mal nachgucken, was die Karten über die Zukunft des eben erfundenen Rezepts zu sagen wussten!

„Schade eigentlich, denn wenn jemand das Zeug dafür hätte, dann wohl du. Wäre eine absolute Marktlücke!“ Molly gähnte herzhaft. Dann musterte sie Katze und deutete anklagend auf den aufgedrehten Labrador.

„Ich glaube, irgendwo in der Küche sind noch ein paar Dosen Hundefutter. Oder willst du warten, bis sich Katze meinen armen Herrn Paul gänzlich einverleibt hat?“ Schmollend betrachtete Molly ihren Stoffpapagei, auf dem Katze just in diesem Moment mit dem unschuldigsten Blick der Welt herumkaute. Mit Herrn Paul teilte Molly sich bereits seit vielen Jahren das Bett, auch wenn sie mit ihren vierundzwanzig Jahren schon längst aus diesem Alter war. Aber das war ihr egal, sie hing eben an Herrn Paul. Nun ja, zugegeben, wenn sie Männerbesuch bekam, wurde der Schmusevogel natürlich in den Kleiderschrank verbannt.

Mit einem schnellen Griff rettete Luisa Herrn Paul und verschwand mit Katze in der Küche. Vielleicht hätte sie ihm damals doch einen anderen Namen geben sollen? Einen, der ein bisschen mehr nach Hund klang? Luisa hatte sich nun mal so sehr einen Stubentiger gewünscht, war aber ausgerechnet gegen Katzen allergisch.

Tatendurstig marschierte Luisa anschließend zurück ins Schlafzimmer. Hangover oder nicht, sie war ein ausgesprochener Morgenmensch. Molly dagegen lehnte müde in den Kissen, ihr heiß geliebter Plüschvogel saß mittlerweile neben ihr auf dem Nachttisch.

„Das war wohl ein bisschen zu viel der Recherche gestern, was?“ Mit schlechtem Gewissen erinnerte sich Luisa, dass sie es gewesen war, die auf einem kleinen Absacker zum Feierabend bestanden hatte. Bei einem war es dann natürlich nicht geblieben.

„Hättest du mich wenigstens nur Bier trinken lassen, davon muss man höchstens aufs Klo!“, seufzte Molly und rieb sich die Augen.

„Erinnere mich nicht dran!“ Ja, es war lustig gewesen gestern. Zu zweit waren sie losgezogen und hatten die Schanze unsicher gemacht. Wann Luisa auf die Idee verfallen war, den optimalen Cocktail mit Kaffeearoma zu finden, daran erinnerte sie sich nicht mehr genau. Aber sie hatte sich eifrig durch verschiedene der süßen, alkoholischen Sahnegetränke geschlürft, und Molly musste ihr dabei assistieren. Abgesehen davon, dass es Luisas Traum war, irgendwann einmal ein schnuckeliges Café zu eröffnen, in dem sie ihre eigenen süßen Kreationen anbieten würde, hatte sie auch eine nicht zu leugnende Schwäche für Kaffee. Schon als sie noch gar keinen trinken durfte, war sie in der Lage gewesen, gleich mehrere unterschiedliche Sorten am Duft zu erkennen. Kein Wunder also, dass sie Kaffeerösterin geworden war. Dass sie jetzt auch noch in dem Traditionshaus Hansen Kaffee arbeiten durfte, empfand sie als ein Riesenglück. Hier konnte sie nicht nur ihren Geschmackssinn verfeinern, sondern auch alles lernen, was eine echte Kaffeemamsell so nötig hatte. Außerdem mochte sie ihre Kollegen und ihren Chef Maximilian Hansen, der mit seinem Namen für fairen Handel bürgte.

Luisa wollte gerade ins Bad, um sich zu duschen, als ihr Blick auf die Uhr fiel.

„Oh, Mist! Schon sieben!“ Sie legte eine Blitzdusche ein, stibitzte ein frisches T-Shirt aus Mollys Kleiderschrank und zog sich in Windeseile an. Schließlich war es nicht geplant gewesen, dass sie nicht zu Hause übernachten würde.

„Wie jetzt, erst sieben? Ich hätte noch mindestens zwei Stunden schlafen können!“ Molly schüttelte entrüstet den Kopf, dass die ungestylten Haare nur so flogen. Molly war Friseurin und zeigte sich nur äußerst ungern ohne perfekt gestylte Frisur.

„Ich muss dringend los.“ Luisa setzte ihren bettelnden Blick auf, von dem sie wusste, dass Molly ihm nur schwer widerstehen konnte. „Würdest du mit Katze Gassi gehen? Bitte???“ Und weil Molly nicht wirklich überzeugt aussah, fügte sie noch hinzu: „Uns ist letzte Woche eine der Röstmaschinen ausgefallen, und jetzt müssen wir dringend aufholen. Sonst können wir die Lieferfrist nicht einhalten!“

„Was heißt denn hier ‘wir’?“ Molly ließ keine Gelegenheit verstreichen, ihre Freundin ein bisschen aufzuziehen. „Du bist doch nur dort angestellt. Oder hast du hinter meinem Rücken mit dem Chef angebandelt? Immerhin, so wie du immer über diesen ach so großartigen Maximilian Hansen sprichst …“

„Quatsch!“ Luisa schlüpfte in ihren Pulli, „Herr Hansen ist ein toller Mann, aber doch nicht so. Eher … na ja, wie eine Art Vorbild. Außerdem ist er ja schon fast sechzig.“

„Schon klar, zu alt!“, verstand Molly.

Luisa zeigte Molly gut gelaunt einen Vogel und wandte sich zur Tür. „Red keinen Käse, Herr Hansen ist glücklich verheiratet, schon urlange! Der könnte mein Vater sein!“

Bei dem letzten Satz hielt Luisa eine Sekunde inne. Ihr Vater war nun schon mehrere Jahre tot, aber sie vermisste ihn noch immer.

„Ach, so eine Romanze wäre doch wirklich mal was Aufregendes gewesen“, hörte sie Molly noch murmeln, als sie mit einem „Danke!“ und einem „Bis heute Abend“ die Wohnung verließ.

Molly hatte ihre eigenen Vorstellungen vom Leben. Dem Glück müsse nachgeholfen werden, fand sie und lebte auch danach. Nicht nur, dass sie in diversen Singlebörsen im Internet unterwegs war, nein, es verging auch kein einziger Abend, wenn sie zu zweit ausgingen, an dem Molly nicht mindestens eine Telefonnummer abgriff. So wie gestern. Dabei war der Typ echt langweilig gewesen. Luisa hoffte sehr, dass Molly den nicht anrief. Luisa selber – nun ja, okay, sie nahm so gut wie nie eine Telefonnummer mit nach Hause. Und um ehrlich zu sein, hatte sie kein einziges ernsthaftes Date gehabt seit … hmmm, seit Markus, ihrem letzten Freund. Aber das machte nichts! Immerhin war sie erst dreiundzwanzig, da war ja wohl noch lange nicht Hopfen und Malz verloren! Sie würde einfach abwarten. Der Richtige würde bestimmt irgendwann auftauchen. Irgendwo. Und dann würde sie ihn erkennen und nicht mehr loslassen. Da war sie sich sicher. Manchmal musste man eben Geduld beweisen. „Gut Ding will Weile haben“, hatte schon ihre Oma immer gesagt.

Gedankenverloren eilte Luisa an dem kleinen Pförtnerhäuschen von Hansen Kaffee vorbei und winkte Herrn Rieger einen Gruß zu.

„Was machen Sie denn schon hier, Frau Vogt?“, rief dieser ihr zu. „Sie tauchen ja jeden Morgen ein bisschen früher auf!“

Johann Rieger war so etwas wie der gute Geist der Firma. Nicht mal das Personalbüro wusste, wie alt er wirklich war. Standhaft weigerte er sich, es zu verraten. Er wollte nicht in Rente geschickt werden. Das hier, das war sein Leben. Als Laufbursche hatte er damals bei Hansen Kaffee angefangen, und seit vor einigen Jahren seine Frau gestorben war, hielt ihn nicht mehr viel zu Hause. Hier hatte er eine Aufgabe zu erfüllen. Für Johann Rieger war sein Pförtnerhäuschen so etwas wie das Tor zur Welt.

Luisa lächelte den alten Mann an.

„Na, und Sie?“, entgegnete sie fröhlich. „Sie verlassen die Firma ja überhaupt nicht mehr.“

„Tja, Hansen Kaffee ist eben so etwas wie mein zweites Zuhause“, zuckte der Pförtner mit den Schultern.

„Sehen Sie, bei mir ist es nicht viel anders.“ Das stimmte. Luisa fühlte sich wohl bei Hansen Kaffee, sogar mehr als das, sie fühlte sich aufgehoben. Hier war sie am richtigen Platz.

„Na, Deern“, riss Johann Rieger sie aus den Gedanken, „wenn ich alter Knacker so was sage, ist das eines. Aber Sie! Sie haben doch bestimmt jemanden daheim, der auf Sie wartet!“

Einen Moment blinzelte Luisa ertappt. Ja, das wäre schön. Doch schnell schüttelte sie die trüben Gedanken ab.

„Allerdings“, rief sie ganz locker. „So jemanden gibt es. Und er hat den liebsten Blick auf der Welt. Vor allem, wenn ich ihm getrocknete Schweineöhrchen mitbringe.“

Das Lachen des Pförtners begleitete Luisa in die Firma.

Den Hauptschalter für die Rösterei umzulegen und die Maschinen anzustellen war schnell erledigt, und Luisa setzte gerade Kaffee für ihre Kollegen auf, als jemand um die Ecke bog.

„Frau Vogt, was machen Sie denn schon hier?“

Maximilian Hansen betrat die Kaffeeküche.

„Ach“, winkte Luisa ab, weil sie nicht wusste, wie ihr Chef auf die freiwilligen Überstunden reagieren würde, „ich habe nur die Maschinen schon mal angeworfen, damit sie warmlaufen können. Und jetzt wollte ich mir einen Café Luna genehmigen. Möchten Sie auch einen?“

Maximilian Hansen sah Luisa nachdenklich an.

„Sagen Sie, habe ich Sie nicht noch gestern Abend bei meinem letzten Rundgang um neun Uhr hier gesehen?“

Luisa zuckte nur mit den Schultern, goss zwei Tassen ein und reichte eine davon ihrem Chef. Er musste ja schließlich nicht alles wissen, oder?

„Was tun Sie also schon hier?“ Maximilian nahm mit einem strengen Blick den Kaffee entgegen. Er wartete auf eine Antwort. Luisa gab sich einen Ruck.

„Es ist nur so, dass wir durch die kaputte Maschine etwas ins Hintertreffen mit der Lieferung geraten sind, und ich dachte, wir könnten das wieder aufholen, wenn wir jeden Morgen ein bisschen vorarbeiten?!“ Luisa blickte ihren Chef fragend an. In der letzten Zeit hatte sie eifrig Zeitung gelesen und ihre Ohren offen gehalten. Comtess Coffee, die Hamburger Rösterei, die der einflussreichen Familie von Heidenthal gehörte, hatte Hansen Kaffee den Rang als Marktführer abgeluchst. Ein wichtiger Geschäftspartner hatte den Vertrag mit Hansen Kaffee gekündigt, um fortan seinen Kaffee bei Comtess Coffee zu kaufen. Das bedeutete sicher noch nicht viel, trotzdem könnten Kunden, die nicht rechtzeitig beliefert würden, natürlich ebenfalls zu dem größten Konkurrenten wechseln. Molly hatte sich über die „Wir“-Attitüde Luisas lustig gemacht. Aber Luisa stand wirklich hinter dieser Firma und ihren Werten. Außerdem wurde hier die Kaffeemischung geröstet, die Luisa wie keine andere liebte: Café Luna, ein Kaffee, dessen Duft unverwechselbar aromatisch war. Niemand wusste, aus welchen Bohnen die Mischung bestand und die Hansens hüteten ihr Erfolgsrezept wie einen kostbaren Schatz. Und wenn Luisa ein klein wenig für diesen Betrieb tun konnte, indem sie ein bisschen früher auftauchte, machte ihr das gar nichts aus, zumal in letzter Konsequenz schließlich auch ihr Job an den Erfolg der Firma geknüpft war.

Herr Hansen schüttelte lächelnd den Kopf.

„Machen Sie sich mal nicht zu viel Sorgen, Frau Vogt. Ich habe mit unseren Kunden längst geredet. Kleinere Verzögerungen sind selten wirklich ein Problem. So was passiert nun mal immer wieder. Deshalb sollten Sie jedenfalls nicht Ihre Nachtruhe verkürzen.“ Der Chef von Hansen Kaffee trank aus, stellte seine Tasse in die Spüle und warf Luisa einen Blick zu, den sie nicht recht zu deuten wusste.

„Auch wenn ich Ihren Einsatz zu schätzen weiß“, sagte er dann milde, „kommen Sie ab sofort bitte wieder wie gehabt.“

Luisa nickte und sah ihm hinterher, als er in sein Büro ging und bei offener Tür seine langjährige Sekretärin begrüßte. Auch Gisi oder mit vollem Namen Gisela Mühlbauer hatte ihm bereits einen Kaffee gemacht. Herr Hansen winkte lächelnd ab.

„Nein danke, Gisi, Frau Vogt hat mir gerade einen spendiert. Ich sollte es nicht übertreiben.“

Die Tür schloss sich, und Luisa kramte in ihrer Handtasche. Nun wollte sie es aber wissen. Sie nahm die Tarotkarten heraus und mischte sie zusammen mit dem neuen Rezept aus ihrem Traum. Der Entwurf landete bei einer unbekleideten Dame, die auf einem Bein tanzte, umkränzt von einem Ring aus Blättern: die Welt. Hmmm. Was konnte das bedeuten? Dass Luisa mit ihrer neuen Kuchenkreation die Welt der Konditormeister revolutionierte? Dass alle Menschen, die von ihrem Kuchen kosteten, ihr zu Füßen liegen würden?

Vielleicht sollte es aber auch bedeuten, dass die Welt aus mehr bestand als aus Kaffee und Süßigkeiten? Selbst gestern hatte sie sich mehr mit den Getränken und Molly beschäftigt, als dass sie die männlichen Besucher der diversen Bars genauer unter die Lupe genommen hätte. Vielleicht hatte sie ja etwas verpasst? Nein! Luisa schüttelte den Kopf. Wenn ausgerechnet gestern Mr. Right ihren Weg gekreuzt haben sollte, dann hätte sie das sicher bemerkt. Trotzdem hatten die Karte und Molly wahrscheinlich auch ein kleines bisschen recht, wenn sie behaupteten, dass man dem Glück auch selbst ein wenig auf die Sprünge helfen könne.

„Also gut“, machte Luisa einen Deal mit sich selbst oder dem Schicksal. Wenn keiner meiner Kollegen hier auftaucht, bevor die zweite Kanne Kaffee durchgelaufen ist, dann fordere ich auf der morgigen 150-Jahr-Feier von Hansen Kaffee einen Mann zum Tanzen auf. Luisa hielt den Atem an und hörte bereits das Schnattern ihrer Kollegin Nicole. Ein wenig erleichtert und auch ein klitzekleines bisschen enttäuscht, steckte sie ihre Tarotkarten weg. Doch dann musste sie grinsen. Na und? Sie war schließlich ein freier Mensch und konnte morgen Abend machen, wozu sie Lust hatte – Deal hin oder her! Vielleicht war ja auch kein einziges betanzbares männliches Exemplar anwesend!

Nicole traf im Gespräch mit dem Röstmeister Hubertus Braun ein. Wie immer war sie bereits gestresst, bevor die Arbeit losging, griff sich eine Tasse und meckerte los. Eine halbe Stunde früher als vorgesehen sei sie gekommen, und das müsse ihr ja wohl irgendwann vergütet werden. Sie persönlich könne schließlich nichts dafür, wenn Hansen Kaffee mehr Aufträge annähme, als erfüllt werden könnten. Oder stünde es etwa schlecht um die Firma? Müsse sie sich Sorgen machen um ihren Job? In dem Fall wolle sie das nämlich lieber gleich wissen, damit sie sich notfalls anderweitig umschauen könne!

Luisa und Hubertus Braun wechselten einen Blick. An den Röstmaschinen war Nicole die Ruhe und Professionalität in Person, ansonsten allerdings neigte sie zu kleinen hysterischen Überreaktionen. Luisa wünschte sich, sie hätte der Kollegin erst gar nichts erzählt. Dabei würde es sie sicherlich nicht umbringen, dass sie mal eine halbe Stunde früher zur Arbeit kommen musste! Schließlich weitete sie ihre Mittagspause öfters gerne derart aus, dass andere Menschen währenddessen nicht nur essen, sondern gleich noch eine Kalorien verbrennende Maßnahme im Fitnessstudio anschließen könnten! Doch bevor Luisa zu Wort kam, mischte sich der Röstmeister ein. Die kleine Zeitverzögerung sei ja kein Problem, bestimmte er, und binnen der nächsten Tage zu lösen. Außerdem sei er nun schon dreißig Jahre hier, und Maximilian Hansen vertraue er blind. Der habe das Ruder fest im Griff, und so würde es auch bleiben!

„Wenn einer weiß, was zu tun ist, dann ist es Maximilian Hansen!“, schloss er seine kleine Rede, trank einen Schluck Kaffee und blickte in zustimmende Mienen.

Alleine in seinem Büro betrachtete der Hansenchef nachdenklich die Bilder, die seine Wände zierten. Streng sahen ihn sein Urgroßvater und sein Großvater an. Noch immer fühlte sich Maximilian unter ihren Blicken wie ein unerfahrener Jungspund. Egal wie viele Jahre er diese Firma nun schon ganz im Sinne ihrer Werte führte. Kopfschüttelnd setzte er sich hinter seinen Schreibtisch und schaltete den Computer an. Dann fiel sein Blick auf die gerahmten Fotografien, die seinen Schreibtisch zierten. Eleonore und Wilhelm, seine Eltern, lächelten ihm vertrauensvoll zu. Nach dem Tod seines Vaters hatte sich seine Mutter weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen.

„Du machst das schon“, hatte sie ihm damals erklärt. „Ich vertraue dir, dass du das Vermächtnis deines Vaters weiterführst. Und meins“, hatte sie dann noch mit einem seltsamen Lächeln hinzugefügt.

Eine weitere Fotografie, die in einem geschwungenen Silberrahmen danebenstand, mochte Maximilian besonders. Darauf strahlte ihm seine Frau Christine entgegen, ihren gemeinsamen Sohn Daniel an der Hand haltend, der sich ängstlich an das Bein seiner Mutter schmiegte. In letzter Zeit war Maximilian dazu übergegangen, das Bild in einer Schublade verschwinden zu lassen, wenn er einen Termin mit Daniel hatte. Daniel beschwerte sich nämlich, niemand hier würde ihn ernst nehmen, solange sein Vater ihn selbst noch als Kind sehe.

Maximilian verriet ihm nicht, dass er die Fotografie nicht wegen seines Sohnes behielt, sondern weil sie für eine sehr spezielle Zeit in seinem Leben stand. Für eine Entscheidung, die er nie bereuen würde. Christine hatte sich kaum verändert in den letzten Jahren. Jedenfalls nicht in seinen Augen. Sie war noch immer seine große Liebe. Die Frau, mit der er alt werden wollte.

Ein Blinken auf dem Monitor lenkte ihn ab. Es klickte die Erinnerungsfunktion auf: „Hansen Kaffee feiert 150 Jahre auf der Rickmer Rickmers – noch 36 Stunden“, stand dort. Maximilian ließ sich in den Stuhl zurücksinken. Alles war organisiert, und trotzdem hatte er das beunruhigende Gefühl, etwas vergessen zu haben. Seufzend griff er in die unterste Schublade. Dort, wo andere Männer seines Alters die Whiskyflaschen versteckt hielten, hatte Maximilian Weißdorndragees gebunkert. Eigentlich war er durch und durch gesund, nur das Herz stolperte hin und wieder. Was, wie sein langjähriger Arzt und Freund Dr. Knebelkamp erst vor zwei Wochen bei Maximilians halbjährlichem Check versichert hatte, kein Grund zur Sorge war.

„Du bist stark wie ein Ochse, Max – es spricht nichts dagegen, dass du 130 wirst!“ Und das war auch gut so, denn Maximilian hatte noch viel vor! Zum Beispiel seine Frau mal wieder mit einem schönen, ausgedehnten Wellnessurlaub zu überraschen. Maximilian verschluckte sich fast an der Kapsel! Genau, das war es gewesen! Er griff nach dem Telefonhörer, und nur wenige Minuten später sprang sein Faxgerät an: die Reservierungsbestätigung für das Hotel Christensen auf Sylt.

Die würde er Christine morgen überreichen auf der großen Feier. Es war wieder mal an der Zeit, ein ordentliches Fest zu geben, ein Zeichen zu setzen. Deswegen hatte Maximilian neben seinen Angestellten und zahlreichen Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik auch die Konkurrenz geladen. Claus von Heidenthal und er waren alte Studienkollegen. Nur schade, dass Hansens neuer Werbechef seinen Dienst noch nicht angetreten hatte. Denn erstens hätte Maximilian wirklich gerne Valerie von Heidenthals Gesicht bei der Party gesehen, und zweitens könnte der ihm die aufdringliche Presse vom Hals halten. Bei Journalisten wusste man nie, welche unangenehmen Fragen sie stellten. Maximilian seufzte. Ausgerechnet unter seiner Führung hatte Hansen Kaffee das erste Mal seit Bestehen die Marktvorherrschaft abgeben müssen. Und dann auch noch an Comtess Coffee, die mit ihren aromatisierten Fast-Food-Mischungen einen rasanten Aufstieg hingelegt hatten. Natürlich könnte er schneller Gewinne erzielen, wenn er bei der Qualität des Produkts Abstriche machte. Aber das war eben nicht seine Art. Er hatte eine Tradition zu wahren, auf die er stolz war.

Gedankenverloren nahm er eine der Schiffsminiaturen zur Hand, die neben den Fotografien auf seinem Schreibtisch standen. Das erste Hansen-Handelsschiff. Der Grundstock ihres Vermögens. Schon damals hatte sein Urgroßvater darauf bestanden, fair zu handeln und auch seine Angestellten ebenso gerecht zu behandeln wie die Arbeiter auf den Kaffeeplantagen. Das war nicht nur Tradition, das war Lebensart. Und die hatte auch Maximilian Hansen übernommen. Vielleicht sollte er seine Mutter um ihre Meinung bitten. Spätestens bei der nächsten Aufsichtsratssitzung müsste er ihr reinen Wein einschenken. Ganz realistisch betrachtet, gestand sich Maximilian ein, könnte er nicht nur ihren Rat, sondern auch den der jüngeren Generation gebrauchen. Aber auf Daniel war in der Hinsicht ja noch nie Verlass gewesen. Das Einzige, was den Jungen interessierte, war Gewinnmaximierung um jeden Preis. Manchmal wünschte sich Maximilian wirklich, sein Sohn hätte etwas mehr von Luisa. Zumindest könnte sich Daniel eine ordentliche Scheibe von dem patenten und tüchtigen Mädchen abschneiden. Gerührt schüttelte er den Kopf. Da machte sie heimlich unbezahlte Überstunden, und das nicht erst seit gestern. Luisa Wirbelwind, hatte er sie insgeheim getauft, denn sie schien immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig zu machen. Und dabei hielt sie die ganze Belegschaft bei Laune.

Die Gedanken an Luisa stimmten Maximilian wieder zuversichtlicher. Noch schrieb die Firma schwarze Zahlen, und so würde es auch bleiben. Sie waren noch lange nicht vor dem Aus, auf keinen Fall. Er musste eben nach vorne gucken. Hansen Kaffee stand für Qualität, und dafür waren die Menschen immer bereit, einen gewissen Preis zu zahlen. Da war er sich ganz sicher.

„Ja – besser nicht – oder doch … hmmm“, Luisa hatte Feierabend und ging langsam die Stufen von Hansen Kaffee hinunter, sehr beschäftigt mit der Frage, ob sie jetzt noch schnell ein paar Secondhandläden abklappern sollte oder nicht. Da gab es diesen einen, von dem Molly immer schwärmte, weil man dort exquisite Markenkleidung bekam. Doch jetzt noch in die Innenstadt fahren? Außerdem waren Designerklamotten selbst gebraucht noch zu teuer. Blieb also die Frage: Was anziehen zu dem Jubiläumsfest?

„Einen schönen Feierabend, Frau Vogt“, wünschte Johann Rieger aus dem Pförtnerhäuschen heraus, „wir sehen uns ja dann morgen auf der Rickmer Rickmers.“

„Wissen Sie schon, was Sie anziehen?“ Neugierig trat Luisa näher an das Fenster. Der Pförtner ließ das Buch, in dem er gerade las, sinken und lächelte verschwörerisch.

„Sie werden lachen, ich passe tatsächlich noch in meinen Hochzeitsanzug. Sogar die Fliege ist original Anfang Fünfziger. Zwar etwas … na ja, altmodisch, aber doch ganz passabel.“

„Ich bin gespannt“, lachte Luisa und winkte zum Abschied. Er hatte recht. Wozu sich ein neues Kleid kaufen, irgendwas würde sich schon in ihrem Schrank finden. Oder in Mollys.

2. KAPITEL

Valerie von Heidenthal war fast fertig mit dem Frühstück, als ihr Mann Claus das Esszimmer betrat. Er wählte einen Platz, der so weit wie möglich von ihrem entfernt lag, und murmelte ein „Guten Morgen“ in ihre Richtung. Valerie hob eine perfekt nachgezogene Augenbraue.

„Sieh an, der Herr des Hauses“, stichelte sie. „Meinetwegen hättest du dein geliebtes Kämmerchen aber nicht verlassen müssen. Alle wichtigen Details habe ich vorhin schon telefonisch geklärt, bevor ich gleich in die Firma fahre.“

Claus von Heidenthal sah seiner Frau beim Essen zu und gestand sich das x-te Mal ein, dass er sie dabei nicht mochte. Sie schlang. Es wirkte fast so, als interessiere sie sich gar nicht für das, was sich auf ihrem Teller befand. Egal, wie viele Stunden ihre Köchin für die kulinarischen Köstlichkeiten, an denen die Familie sich täglich erfreuen durfte, gebraucht hatte. Um ehrlich zu sein, ertrug er kaum das Geräusch, das Valerie beim Kauen machte. Er füllte sich den Teller und verzichtete auf eine Erwiderung. Die beiden gingen nun schon seit mehreren Jahren getrennte Wege. Von den getrennten Schlafzimmern ganz zu schweigen. Nichtsdestotrotz gebot ihm seine gute Erziehung, den Schein zu wahren. Sogar im Privaten. In geschäftlichen Dingen hatte er immer weniger zu sagen. Valerie hielt mit Unterstützung der ihr ergebenen Aufsichtsräte seit dem Tod ihres Schwiegervaters die Fäden fest in ihrer Hand. Sie ließ ihren Mann, den Geschäftsführer, gerne spüren, wer wirklich die Macht in der Firma hatte. Valerie war eben durch und durch eine knallharte Businessfrau. Claus dagegen erledigte zwar pflichtbewusst seine Arbeit, aber Spaß empfand er schon lange nicht mehr an seiner Tätigkeit. Nicht, dass Valerie ihn gänzlich aus der Firma verdrängen wollte – noch nicht. Denn schließlich war Claus es, der verantwortlich zeichnete für die Plantagen in Übersee. Und deren Zustand. Da war Valerie skrupellos.

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