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Der Garten der Erinnerung

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Zitat
  9. Prolog
  10. 1. Kapitel
  11. 2. Kapitel
  12. 3. Kapitel
  13. 4. Kapitel
  14. 5. Kapitel
  15. 6. Kapitel
  16. 7. Kapitel
  17. 8. Kapitel
  18. 9. Kapitel
  19. 10. Kapitel
  20. 11. Kapitel
  21. 12. Kapitel
  22. 13. Kapitel
  23. 14. Kapitel
  24. 15. Kapitel
  25. 16. Kapitel
  26. 17. Kapitel
  27. 18. Kapitel
  28. 19. Kapitel
  29. 20. Kapitel
  30. 21. Kapitel
  31. 22. Kapitel
  32. 23. Kapitel
  33. 24. Kapitel
  34. 25. Kapitel
  35. 26. Kapitel
  36. 27. Kapitel
  37. 28. Kapitel
  38. 29. Kapitel
  39. 30. Kapitel
  40. 31. Kapitel
  41. 32. Kapitel
  42. 33. Kapitel
  43. 34. Kapitel
  44. 35. Kapitel
  45. 36. Kapitel
  46. 37. Kapitel
  47. 38. Kapitel
  48. 39. Kapitel
  49. 40. Kapitel
  50. 41. Kapitel
  51. Nachwort

Über dieses Buch

Nachdenklich blickte Mel über das Anwesen. Der erste Eindruck am Abend zuvor hatte sie nicht getäuscht. Etwas Schwermütiges und Bedrohliches lag über Merryn Hall. Allerdings sah es bei Tageslicht nicht mehr aus wie das Schloss von Dracula, sondern eher wie ein von Rosenhecken umwuchertes Dornröschenschloss, das durch einen bösen Fluch von der übrigen Welt abgeschnitten war. Mel lächelte. Mit einem Dornröschen würde sie schon fertig werden. Entschlossen zog sie ihre Tasche fester über die Schulter und ging den Weg hinauf, der zur Straße führte. Rachel Hores mitreißender Roman erzählt von unsterblicher Liebe, von Kunst und Passion und von zwei Frauen auf der Suche nach sich selbst. Eine wunderbare Geschichte vor der hinreißenden Kulisse Cornwalls.

Über die Autorin

Rachel Hore, geboren in Epsom, Surrey, hat lange Zeit in der Londoner Verlagsbranche gearbeitet. Zuletzt war sie Lektorin bei Harper Collins Publishers. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Norwich. Sie arbeitet als freiberufliche Lektorin und schreibt Rezensionen für den renommierten Guardian. „Der Garten der Erinnerung“ ist ihr zweiter Roman. Ihr Debütroman „Das Haus der Träume“ wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Rachel Hore

Der Garten
der Erinnerung

Roman

Aus dem Englischen von
Barbara Ritterbach

Für David und in Erinnerung

an seinen Vater

J.R.G. Taylor MBE, 1921 – 2006

Wir sind hier, um Licht und Dunkelheit zu erleben. Ohne das eine kann das andere nicht sein: Schwarz betont Weiß; Violett bringt Gelb zum Leuchten; Grobes macht Zartes erst besonders.

Dame Laura Knight

Oil Paint and Grease Paint (1936)

Merryn Hall, Lamorna, Cornwall, TR20 9AB

Ms. Melanie Pentreath

23 a Southcote Road

Clapham

London SW12 9BL

15. März 2006

Liebe Mel,

ich danke Ihnen für die Übersendung des unterschriebenen Mietvertrags für das Garten-Cottage und für den Scheck. Ich lege meinem Brief eine Quittung und eine Anfahrtsbeschreibung aus Richtung Penzance bei.

Ich freue mich, Sie nächsten Monat hier in Merryn Hall begrüßen zu können. Wie ich Ihnen bereits am Telefon sagte, werde ich bei Ihrer Ankunft wahrscheinlich noch in London sein, aber Irina Peric, die sich während meiner Abwesenheit um Merryn Hall kümmert, wird Ihnen den Schlüssel zum Cottage aushändigen. Vielleicht rufen Sie sie kurz vor Ihrer Abreise unter 01736 – 455836 an und geben ihr Bescheid, wann genau sie mit Ihrer Ankunft rechnen kann.

Ich bin sicher, dass Sie in Lamorna die nötige Ruhe zum Arbeiten finden, es ist ganz wunderbar dort. Wie Sie vermutlich von Ihrer Schwester gehört haben, habe ich Merryn Hall erst vor kurzem geerbt. Sowohl im Haus als auch auf dem Grundstück ist noch einiges instand zu setzen, aber Sie werden sehen, das Cottage ist schon jetzt sehr gemütlich.

Mit freundlichen Grüßen

Patrick Winterton

Merryn Hall, Lamorna

Adeline Treglown

Zum Blauen Anker

Harbour Street

Newlyn

Ostermontag 1912

Liebe Mrs. Treglown,

meine Köchin, Mrs. Dolly Roberts, die meines Wissens Ihre Schwägerin ist, hat mich davon in Kenntnis gesetzt, dass Sie eine Anstellung für Ihre Tochter suchen. Sie hat mir versichert, dass die junge Dame ehrlich, fleißig und zuverlässig ist.

Ich suche ein Hausmädchen, das ich zur Zofe ausbilden kann, und Pearl scheint mir dafür geeignet. Mein Gärtner, Mr. Boase, fährt an jedem Markttag mit der Kutsche nach Penzance. Er könnte Pearl am nächsten Donnerstag um zwölf Uhr mittags an der Davy Statue abholen, wenn es Ihnen recht ist. Ich kann Ihrer Tochter zwölf Guineas zahlen, muss aber sechs Pennys im Monat für ihre Uniform zurückbehalten.

Es tut mir aufrichtig leid zu hören, dass Sie in solchen Schwierigkeiten sind.

Hochachtungsvoll

Emily Carey

1. Kapitel

Sie hatte keine Ahnung, wo sie war. Mel schaltete das knisternde Autoradio aus und schaute beunruhigt durch die regennasse Windschutzscheibe. Obwohl sie im Schneckentempo fuhr, kam ihr die Fahrt über die stockfinsteren kurvenreichen Landstraßen Cornwalls vor wie eine Fahrt auf der Achterbahn. Zu beiden Seiten fiel die Böschung steil ab, und mehr als einmal bekam sie einen Riesenschreck, weil vor ihr ganz plötzlich ein Steinwall im Scheinwerferlicht auftauchte.

Eineinhalb Meilen hinter Newlyn kurz hinter der Töpferei an der Kreuzung links abbiegen, hatte Patrick auf die Kopie der Straßenkarte geschrieben, die er ihr geschickt hatte. Aber Mel hatte in der Dunkelheit keine Töpferei gesehen und war einfach an einer Kreuzung, die sie für die richtige hielt, links abgebogen. Jetzt hatte sie plötzlich das Gefühl, im Kreis gefahren zu sein. Wieso gab es bloß nirgends ein Straßenschild?

Schade, dass diese Reise sich zu so einem Albtraum entwickelte. Mel hatte sich so lange darauf gefreut. Seit David Bell, Senior Tutor an dem Südlondoner College, an dem sie als Dozentin für Kunstgeschichte arbeitete, ihr vorgeschlagen hatte, ein Forschungssemester zu nehmen. Seine besorgten Worte klangen ihr immer noch in den Ohren: Mel, ich fürchte, Sie werden ernsthaft krank, wenn Sie sich nicht schleunigst eine Auszeit nehmen.

Es gibt eben verschiedene Möglichkeiten, die Orientierung zu verlieren, dachte sie nun und lenkte den Wagen um die nächste Kurve. Was war das denn? Sie trat heftig auf die Bremse, als aus der Dunkelheit etwas auf sie zugeschossen kam. Eine Eule. Mel nahm ein Paar leuchtende Augen und einen gebogenen Schnabel wahr, ehe der Vogel in die Nacht entschwand. Einen Augenblick war sie vor Schreck wie gelähmt, dann nahm sie den Fuß von der Bremse, und der Wagen rollte weiter.

Doch schon kurz darauf bremste Mel wieder ab. Sie stand an einer T-Kreuzung. In welche Richtung nun? Mel zog die Handbremse an, warf einen Blick auf ihre Armbanduhr – Viertel nach acht, für einen Aprilabend war es wirklich verdammt dunkel – und schaltete die Innenbeleuchtung ein.

Müde rieb sie sich den Nacken und versuchte, im schwachen Lichtschein auf der Karte etwas zu erkennen. Ihr Finger fuhr über das Gewirr der Straßenlinien, bis sie die richtige gefunden hatte. Sie ging zickzackförmig an Merryn Hall vorbei, ehe sie nach links durch das Dorf Lamorna führte und dann hinunter zur Bucht Lamorna Cove.

Mel kurbelte das Fenster herunter und beugte sich hinaus. Fröstelnd hielt sie Ausschau nach einem Schild oder irgendetwas, das ihr eine Orientierung gab. Nichts. Nur strömender Regen. Eigentlich konnte sie nicht mehr weit von Lamorna entfernt sein, aber wenn sie nicht aufpasste, würde sie die ganze Nacht im Kreis herum fahren. Mel zerrte ihren Seesack aus dem Fußraum des Beifahrersitzes und kramte nach ihrem Handy. Als sie es endlich fand, wählte sie die Nummer, die Patrick auf die Karte gekritzelt hatte. Keine Netzverbindung stand auf dem Display.

Ich wünschte, Jake wäre hier, fuhr ihr plötzlich und ungebeten eine tückische kleine Stimme durch den Kopf. Jake hatte ein Faible für Straßenkarten und Autos, Katzen und Fernsehgeräte. Leider hatte er irgendwann kein Faible mehr für Mel gehabt. Jake war weg, und sie musste selbst sehen, wie sie aus diesem Schlamassel herauskam.

Der Gedanke gab ihr neue Energie. Ihr blieb nichts anderes übrig, sie musste zurückfahren. In der Hoffnung, dass nicht ausgerechnet in diesem Moment ein Auto um die Kurve kam, wendete Mel auf der engen Straße und fuhr in die Richtung, aus der sie gekommen war. Dieses Mal hatte sie Glück. Wenige Minuten später fand sie die Abzweigung, die sie beim ersten Mal übersehen hatte.

Lamorna lag in einem Tal. Da die Straße jetzt zwischen hohen Hecken abwärtsführte, wuchs Mels Zuversicht. Der Weg wurde immer steiler und kurviger, und sie musste sich ziemlich konzentrieren, um das Auto in der Fahrspur zu halten. Wenigstens schien der Regen etwas nachzulassen.

Mel hielt Ausschau nach Anzeichen für eine menschliche Behausung, und tatsächlich ging die Hecke auf einer Seite in eine niedrige, von Bäumen gesäumte Mauer über. Ein Tor tauchte im Dunkeln auf. Sie fuhr langsamer. Konnte es das sein? Ein verwittertes Holzschild hing schief an einem der Pfosten. erryn Hal entzifferte sie mühsam. Erleichtert lenkte Mel den Wagen durch das Tor.

Pechschwarze Dunkelheit umgab sie. Nein, da in der Ferne, zwischen den mächtigen Baumstämmen, war ein schwaches Licht zu erkennen. Die Autoscheinwerfer beleuchteten eine von Schlaglöchern übersäte Zufahrt, die zu beiden Seiten zugewachsen war.

Glücklicherweise hatte es aufgehört zu regnen. Mel fuhr auf einen Hof. Zwischen den Pflastersteinen wucherte Unkraut. Im gelblichen Lichtschein einer Laterne sah sie die mächtigen Säulen eines georgianischen Portals, zu dem drei halbrunde Stufen hinaufführten. Die Laterne war das einzige Lebenszeichen weit und breit.

Nach kurzem Zögern parkte Mel und schaltete den Motor aus. Sie blieb noch einen Augenblick sitzen. Vorsichtig schaute sie sich um und versuchte, nicht an die düsteren Horrorfilme zu denken, die sie als Teenager so oft gesehen hatte. Weibliche Hauptfigur sucht in regnerischer Nacht Zuflucht in einem verlassenen Schloss. Als sie die knarrende Eingangstür aufstößt, beginnt das wahre Grauen …

Reiß dich zusammen, ermahnte Mel sich. In Cornwall gibt es keine Vampire.

Wer weiß das schon? Auf einmal musste sie an den Spruch ihres Bruders William denken, den er ihr als Kind oft mit drohender Stimme zugeflüstert hatte.

Unfug, beruhigte sie sich noch einmal. Wenn du irgendwann etwas zu essen und ein Bett haben willst, kannst du hier nicht ewig sitzen bleiben. Mel öffnete die Autotür.

Außer dem stetigen Tropfen des Wassers von den Blättern der Bäume und Sträucher ringsum war nichts zu hören. Das Haus stand in der feuchten Dunkelheit, in den Fensterscheiben spiegelte sich das elfenbeinfarbene Licht der Laterne. Ganz schwach konnte man hoch über dem Portal Zinnen erkennen, wie bei einem Schloss. Sie verloren sich im Nebel. Bäume und Sträucher wuchsen bis dicht an die Außenmauern, sodass man nur eine eingeschränkte Ahnung von den Ausmaßen des Gebäudes bekam. Es wirkte düster und unheimlich.

Mel verließ auch noch der letzte Rest Mut. Es war völlig sinnlos, den Türklopfer zu betätigen, offenbar war das Haus menschenleer. Niemand war da, um sie nach ihrer langen Reise in diese fremde Welt zu empfangen – lediglich dieses riesige abweisende Gebäude.

Ein leises Knacken ließ Mel erschrocken herumfahren. Sie hielt den Atem an. Das muss ein Vogel sein, sagte sie sich, aber ihr Herz pochte heftig. Schließlich befand sie sich mitten in der Nacht – so kam es ihr jedenfalls vor – allein in einer der einsamsten Gegenden Cornwalls. Und sie hatte das unangenehme Gefühl, dass sie jemand beobachtete.

Zitternd richtete Mel den Blick wieder auf Merryn Hall. Die Einsamkeit und die bedrohliche Atmosphäre des Hauses verunsicherten sie. Aber was hatte sie erwartet? Ein romantisches Cottage inmitten eines gepflegten Anwesens? Einen herzlichen Empfang? Ländliche Gastfreundschaft? Patrick hatte ja in seinem Brief geschrieben, alles sei ein bisschen verkommen …

Wer war dieser Patrick eigentlich? Der Bekannte eines Exfreunds ihrer Schwester Chrissie. Chrissie hatte kaum noch Kontakt zu ihm, und Mel hatte ihn noch nie gesehen.

Sie musste an den Lieblings-Disney-Film ihres kleinen Neffen Rory denken. Vielleicht war sie ja die Schöne, die Zuflucht suchend vor dem Schloss des Biests stand. Aber mit ihrer abgetragenen Lederjacke, den mit Matsch bespritzten Jeans und den nassen roten Haaren war Mel eigentlich keine Idealbesetzung für die Rolle.

Entschlossen umklammerte sie ihre Tasche und ging auf das Portal zu. Von der schweren Holztür blätterte die Farbe ab. Mel lief die Stufen hinauf und wappnete sich. Dann entdeckte sie ein zusammengefaltetes Stück Papier, das hinter dem Messingtürklopfer klemmte. Als sie es auseinanderriss, sah sie, dass ihr jemand in krakeligen Großbuchstaben eine Nachricht hinterlassen hatte.

Sehr geehrte Mel,

verzeihen Sie mir bitte. Ich habe bis sieben Uhr gewartet, aber jetzt muss ich aufbrechen, um meine Tochter abzuholen. Wenn Sie die Strasse ein Stück weiterfahren, erreichen sie eine Abzweigung, die zum Cottage führt. Der Schlüssel befindet sich unter der Matte. Ich werde morgen kurz bei Ihnen vorbeischauen.

Hochachtungsvoll

Irina Peric

Mel betrachtete die ungelenke Handschrift und die steifen Formulierungen. Am Telefon hatte Irina mit einem osteuropäischen Akzent gesprochen. Sie hatte das R leicht gerollt und bei jedem Wort die erste Silbe betont.

Aber das war jetzt unwichtig. Jetzt musste sie schnellstens wieder ins Auto und den beschriebenen Weg zum Cottage fahren, wo endlich ein Bett auf sie wartete. Während sie in ihrer Jackentasche nach dem Autoschlüssel kramte, fiel ihr Blick zum Himmel. Ein wunderschöner Mond lugte im Nebel hinter den Wolken hervor und leuchtete ihr den Weg. Das musste ein gutes Zeichen sein.

Eine Viertelstunde später schloss Mel endlich die Tür des Garten-Cottage hinter sich. Erschöpft sah sie auf die vielen Koffer und Taschen, die sich in dem kleinen Korridor stapelten. Ihr Blick fiel auf eine Plastiktüte mit Lebensmitteln, die sie von zu Hause mitgebracht hatte. Das Abendessen musste noch einen Augenblick warten. Sie würde sich erst kurz umsehen, danach das auspacken, was sie für die Nacht benötigte, und dann erst etwas essen. Ihr Kopf schmerzte, und sie war todmüde.

Mel atmete tief durch, dann machte sie sich an die Erkundung des Cottage. Als Erstes schaltete sie alle Lampen an. Rechts vom Korridor befand sich ein Wohnzimmer, links ein Raum mit einem auf Hochglanz polierten Esstisch und Stühlen. Dahinter war eine winzige Küche mit einem runden Kieferntisch, beigefarbenen Arbeitsflächen, einem Kühlschrank voller Milchprodukte und einer Waschmaschine. An der Decke flackerte eine grelle Neonröhre. Das Flackern ließ sich auch durch mehrmaliges Ein- und Ausschalten der Lampe nicht abstellen. Hinter der Küche befand sich ein Bad mit weißer Keramik, aber ohne Dusche.

Oben gab es zwei Schlafzimmer und ein weiteres Bad. Die Möbel waren schäbig, aber alles war sauber und ordentlich. Als Mel die steile Treppe vorsichtig wieder nach unten ging, fielen ihr der verschossene Teppich und die abblätternde Wandfarbe auf; ihr wurde klar, warum Patrick Mühe hatte, das Cottage zu vermieten. Urlauber legten heutzutage Wert auf zeitgemäße Sanitäreinrichtungen, einen frischen Anstrich und moderne Möbel. Egal, ihr reichte es für den einen Monat.

Sie würde sich auf die Spuren der Maler und Malerinnen begeben, die sich zur Jahrhundertwende in und um Lamorna und das nahe gelegene Fischerörtchen Newlyn niedergelassen hatten. Sie würde die Orte besichtigen, die sie gemalt hatten, Museen und Archive besuchen und Material für das Buch sammeln, das sie anschließend in London schreiben wollte. Sie würde sich so richtig in die Arbeit stürzen, den ganzen Frust des letzten Jahres endlich hinter sich lassen.

Mel hievte die Tüte mit den Lebensmitteln auf den Küchentisch. Das Cottage hatte etwas Vertrautes. Zu vertraut, dachte sie im nächsten Moment, als sie eine wackelige Schranktür öffnete und auf das Frühstücksgeschirr ihrer Mutter starrte: weißes Porzellan mit kleinen Streublümchen. Sie nahm eine Müslischale in die Hand. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie als Kind jeden Morgen mit dem Löffel über dieses Blümchenmuster gekratzt. Mit einem Mal sah sie sich wieder in ihrem wunderbar chaotischen Reihenhaus in einem Vorort von Hertfordshire, zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwester. Hastig aßen sie ihr Frühstück, während ihre Mutter Maureen im schicken Kostüm und mit Aktentasche unter dem Arm vor ihnen stand und sie antrieb, sofort ins Auto zu steigen, wenn sie nicht zu Fuß zur Schule gehen wollten.

Die Müslischalen existierten inzwischen nicht mehr, das Haus war verkauft. Der Verlust ihres Elternhauses nach dem Tod ihrer Mutter knapp ein Jahr zuvor hatte Mel zusätzlichen Schmerz bereitet. Sie stellte die Schale zurück, klappte die Schranktür zu und lehnte sich dagegen, als könnte sie ihre Erinnerungen wegschließen. Wenn es doch nur so einfach wäre …

Wieder überkamen sie Zweifel. Vier Wochen in dieser Einöde, allein mit ihren Gedanken, und das, wo sie emotional so angeschlagen war. Wieso tat sie sich das an? Plötzlich sehnte Mel sich nach ihrem Apartment in Clapham mit dem Blick auf das liebevoll gepflegte Stück Garten, wo den ersten gelben und weißen Frühlingsboten schon bald violetter Flieder und tiefblaue Lilien folgen würden. Aber irgendwie war auch das nicht mehr wie früher. Seit Jake ausgezogen war, hatte sich ihr Apartment nicht mehr wie ein Zuhause angefühlt. Im Bücherregal gab es große Lücken, wo seine Bücher gestanden hatten, und an den Stellen, wo seine Bilder an den Wänden gehangen hatten, waren helle Flecken. Man sah sofort, dass etwas fehlte. Dass jemand fehlte. David Bell hatte recht, sie brauchte dringend einen Ortswechsel.

Drei Wochen zuvor hatte der Senior Tutor sie angesprochen, nach einem dieser endlosen Fakultätsmeetings, in denen alles diskutiert, aber nichts entschieden wurde.

»Mel, haben Sie einen Moment Zeit für mich? Vielleicht auf ein kurzes Mittagessen?« David schaute auf seine Armbanduhr. »Ich hätte Zeit bis zwei, dann habe ich das nächste Meeting.«

Durch das Meer der Studenten bahnten sie sich einen Weg zur Personalkantine. Wenig später stocherte Mel an einem Stück Quiche herum und versuchte, ihrer Stimme wenigstens einen Hauch von Enthusiasmus zu geben, während sie Davids Fragen zu ihrer Arbeit beantwortete. Er sollte nicht merken, wie schwer es ihr im Moment fiel, sich auf ihre Studenten zu konzentrieren, und wie sehr sie ihr Job anödete. Wie ausgebrannt sie war. Aber er ließ sich nicht täuschen.

»Mel«, sagte er nur. Sie versuchte, seinem forschenden Blick auszuweichen, und hoffte, dass er die tiefen Ringe unter ihren Augen nicht bemerkte.

Er lächelte. Sein freundliches Gesicht, die silbergrauen Haare und der warme Blick hatten etwas Väterliches. Man sah ihm nicht an, dass er selbst unter Druck stand. Die Anforderungen ständig wachsender Studentenzahlen, überfüllter Hörsäle und beschränkter finanzieller Mittel gingen auch an ihm nicht spurlos vorüber. Mel wusste, dass David froh war, wenn er zum Ende des Sommersemesters pensioniert wurde. Dann konnte er die Lehr- und Verwaltungstätigkeit endlich aufgeben und sich nur noch der Forschung widmen, für die ihm immer viel zu wenig Zeit geblieben war.

»Vielleicht finden Sie, dass es mich nichts angeht, aber ich habe Sie während des Meetings vorhin beobachtet. Sie sehen aus, als trügen Sie die gesamte Last der Welt auf Ihren Schultern.«

»Das lag nur an John O`Hagens Wortbeitrag«, versuchte Mel zu scherzen. Das Enfant terrible der Kunsthistorischen Fakultät hatte mal wieder versucht, Gewerkschaftsforderungen durchzusetzen. »Ich weiß, dass er prinzipiell recht hat, aber wir können nicht mit einem Arbeitskampf drohen. Wir stehen in der Verantwortung, meine Güte.« Zornig verdrehte sie die Augen.

»Jetzt gefallen Sie mir schon viel besser.« David drückte ihre zur Faust geballte Hand. »Noch vor einem Jahr hätten Sie John in Grund und Boden gestampft.«

»Das stimmt.« Mel lächelte wenig überzeugend und sackte wieder in sich zusammen. »Es tut mir leid, im Moment bin ich einfach keine gute Gesprächspartnerin.«

»Doch, das sind sie«, widersprach David. »Ich habe bloß den Eindruck, dass Sie ein schweres Jahr hinter sich haben.«

»Es war wirklich nicht besonders toll.«

»Wie geht es Ihrer Familie?«

Mel schob sich ein Stück Quiche in den Mund und kaute, um sich Zeit zu verschaffen. »Ich habe keine Ahnung, was mein Bruder William denkt. Er kann seine Gefühle gut verdrängen und so tun, als sei nichts geschehen. Mit meiner Schwester Chrissie kann ich besser reden.« Sie zögerte einen Moment, dann sprach sie hastig weiter. »Es ist einfach nicht fair, dass der Krebs unsere Mutter so schnell besiegt hat. Mir will das nicht aus dem Kopf gehen. Ich frage mich ständig, ob wir wirklich alles getan haben, ob es nicht vielleicht doch eine Chance gegeben hätte. Vielleicht hätten wir früher erkennen müssen, wie krank sie war. Sie hatte so viel abgenommen und war ständig müde, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass …«

»Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen«, sagte David tröstend. »Die Krankheit war einfach so heimtückisch, dass man nichts mehr tun konnte.«

Mel blickte auf ihren Teller. »Das haben die Ärzte auch gesagt.«

Sie aßen eine Zeitlang schweigend, dann sagte David fast beiläufig: »Und dann war da noch die Geschichte mit Jake.«

»Und dann war da noch die Geschichte mit Jake«, wiederholte Mel. Sie griff nach ihrem Wasserglas und trank einen Schluck. Dabei verzog sie das Gesicht wie bei einer widerwärtig schmeckenden Medizin. David kannte Jake sehr gut. Denn Mels Exfreund arbeitete dummerweise auch am College; er war Dozent für Kreatives Schreiben. Das bedeutete, dass sie ihm ständig über den Weg lief. An der Kaffeemaschine, am Kopierer, in der Kantine. Bei dem Meeting am Morgen hatte sie sich absichtlich so hingesetzt, dass sie ihn nicht dauernd anschauen musste. Und trotzdem war sie sich die ganze Zeit seiner Anwesenheit bewusst gewesen. Sie hatte registriert, wie er etwas auf seinen DIN-A4-Block gekritzelt hatte, und seine Stimme gehört, die ihr früher ins Ohr geflüstert hatte, und seine wie immer treffenden Diskussionsbeiträge.

»Mel, ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen«, sagte David auf einmal. »Wenn ich richtig informiert bin, steht Ihnen im nächsten Jahr ein Forschungssemester zu.«

»Ja, das stimmt.« Sie nickte. »Seit meinem letzten sind dann fünf Jahre vergangen.«

»Woran arbeiten Sie im Moment? Gibt es da irgendwelche Projekte?«

»Ja, die gibt es. Ich beschäftige mich mit Cornwall«, antwortete sie. »Mit der Newlyn-Malerschule und ihrer Beziehung zu den Künstlern, die sich Ende des 19. Jahrhunderts ein Stück weiter die Küste hinauf in Lamorna niedergelassen haben.«

»Du meine Güte! Stanhope Forbes – gehörte der nicht auch dazu?« David verdrehte die Augen. Er war Mittelalterspezialist, und an der Fakultät spottete man oft, dass alles, was nicht ausgegraben worden war oder von Mönchen stammte, für ihn nicht als richtige Kunst galt.

»Genau. Und seine kanadische Frau Elizabeth ebenfalls. Dann waren da noch Thomas und Caroline Gotch und Walter Langley. Das sind die Bekanntesten. Später kamen noch Harold und Laura Knight aus Lamorna dazu und Sir Alfred Munnings …«

»Das ist doch der, der die Pferde gemalt hat?«

»So ist es. Grosvenor Press hat mir angeboten, ein Buch über die Künstler aus Newlyn und Lamorna zu schreiben. Ich werde die Recherchen dazu in den nächsten Monaten abschließen, nach dem Sommersemester für ein paar Wochen nach Cornwall fahren und anschließend mit dem Schreiben anfangen. Das Buch soll Ende des Jahres fertig sein.«

»Klingt interessant.«

»Ist es auch. Mich faszinieren vor allem die Frauen. Einige von ihnen hatten es unglaublich schwer. Laura Knight zum Beispiel. Sie war eine völlig mittellose Waise …« Mel stockte, als ihr bewusst wurde, dass sie wild mit ihrer Gabel in der Luft herumgestikulierte. David sah ihr lächelnd zu.

»Warum nehmen Sie Ihr Forschungssemester nicht jetzt sofort?«, schlug er vor. »Warten Sie nicht bis nächstes Jahr, nutzen Sie das Sommersemester. Mit den Semesterferien haben Sie fast sechs Monate Zeit, um ungestört an Ihrem Buch arbeiten zu können.«

Mels Gesicht leuchtete für einen Moment auf, dann seufzte sie. »Klingt verlockend«, meinte sie. »Aber ich soll doch die Vorlesung über die Malerei des 19. Jahrhunderts übernehmen. Und die ›Einführung in die Moderne‹. Und wer soll sich um meine Magister-Studenten kümmern?«

»Mel, ich habe letzte Woche eine E-Mail von Rowena Stiles bekommen.« David sah, dass Mel die Stirn runzelte.

Rowena war eingesprungen, als sie sich im vergangenen Jahr wegen ihrer Mutter für einige Zeit vom College zurückgezogen hatte. Anschließend hatte man Rowena eine dauerhafte Anstellung angeboten, aber sie hatte sich entschieden, mit ihrem Mann, einem Banker, nach New York zu gehen. Mel war froh darüber gewesen; es war keinGeheimnis, dass die beiden Frauen sich nicht besonders mochten.

»Sie ist für ein paar Monate in London«, fuhr David fort. »Sie würde Sie sicher gern vertreten.«

Mel setzte sich auf. »Haben Sie sie etwa schon gefragt?«

»Nein, natürlich nicht. Sie hat sich von sich aus gemeldet, weil sie einen Job sucht, das ist alles.«

Mel überlegte kurz. Die Aussicht, für eine Weile aus allem rauszukommen, war verlockend. Die Vorstellung, dass Rowena schon wieder ihren Job übernahm, weniger. Rowena beherrschte ihren Stoff, keine Frage, aber sie hatte eine sehr autoritäre Art. Mel war stolz auf ihre gute Beziehung zu den Studenten. Ihre feuerroten Haare und die flippigen Klamotten ließen sie jung und interessant aussehen, und sie war großzügig und locker, auch dann, wenn mal jemand eine Arbeit zu spät einreichte. Rowena dagegen ließ so schnell nichts durchgehen. Und vielleicht gab sie sich dieses Mal ja nicht damit zufrieden, Mel nur eine Zeitlang zu vertreten …

Aber ein komplettes freies Semester? Schon ab der kommenden Woche, wenn es Osterferien gab? Und danach die langen Sommerferien? Es war schon verdammt verlockend.

»Rowena macht ihre Sache ganz ausgezeichnet, Mel«, erklärte David. »Ich weiß, sie kann ziemlich … ehrgeizig sein …«

Aufdringlich und dominant wäre die richtige Bezeichnung, dachte Mel. Sie fragte sich, was aus dem angeblich sensationellen Job in dem Manhattaner Museum geworden war, mit dem Rowena so geprahlt hatte. Aber David hatte recht. Ihre Studenten würden sie ein Semester lang verkraften. Und den Job konnte Rowena ihr schließlich nicht stehlen.

Ein Lächeln huschte über Mels gestresstes Gesicht. »Sie versuchen ganz bestimmt nicht, mich loszuwerden?«

»Reden Sie nicht so einen Unsinn, Mel«, antwortete David. »Was ich Ihnen jetzt sage, sage ich Ihnen als Freund. Wenn Sie sich nicht schleunigst eine Auszeit nehmen, werden Sie noch richtig krank. Und das werde ich nicht zulassen. Überlegen Sie sich die Sache am Wochenende. Wir reden Montag weiter.«

Je länger Mel überlegt hatte, desto attraktiver hatte sie das Angebot gefunden. Es gab nur ein Problem.

»Ich weiß nicht, wo ich wohnen soll«, meinte sie, als sie am Sonntagabend mit ihrer Schwester telefonierte. Chrissie lebte mit ihrem Mann Rob im Norden Londons. Sie hatte zwei kleine Söhne, Rory und Freddy, und einen Teilzeitjob bei einer Fernsehproduktion. »Es sind Osterferien, und ich habe nichts gebucht.«

»Moment, Rory, Schatz, ich telefoniere gerade. Entschuldige, Mel. Wo genau willst du denn hin?«

»Nach West-Cornwall. Am liebsten in die Gegend von Penzance.«

»Also in den Wilden Westen. Mum war immer gern dort.« Chrissie seufzte. Ihre Eltern hatten sich in Cornwall kennengelernt, weiter östlich in Falmouth. Kurz nach der Hochzeit waren sie nach London gezogen, weil Tom Pentreath dort eine Stelle als Assistenzarzt bekommen hatte. Es war der Beginn einer bemerkenswerten Karriere als Kardiologe gewesen. »Blöd, dass wir da unten niemanden mehr kennen, seit Tante Jean tot ist. Aber – Moment, mir fällt gerade was ein. Mel, ich habe eine Superidee. Erinnerst du dich an Patrick?«

»Welchen Patrick?«

»Patrick Winterton. Ein Bekannter von Nick.« Chrissie war mit Nick zusammen gewesen, als sie in Exeter studiert hatte. Sie hatte den Kontakt auch noch gehalten, als die Beziehung längst zu Ende war. Aber Chrissie hielt Kontakt zu jedem.

»Nein«, antwortete Mel. »Ich kenne keinen Patrick.« Chrissie tat immer so, als müsste sie jeden aus ihrem riesigen Bekanntenkreis kennen. Dabei war das wirklich unmöglich.

»Er hat damals in Exeter Geschichte studiert. Heute ist er selbstständig, ich glaube, er macht irgendwas im Internet«, meinte sie vage. »Und er hat sich kein bisschen verändert. Komisch, dass manche Leute sich nicht verändern … Nein, Rory, hör auf damit! Du darfst gleich mit Tante Mel sprechen … Er, also Patrick, hat mir mal erzählt, dass er von irgendeinem Großonkel einen alten Gutshof in der Nähe von Penzance geerbt hat. Ich meine, er hätte den Namen Lamorna erwähnt. Ist das nicht einer der Orte, von denen du gesprochen hast? Zu dem Anwesen muss jedenfalls auch ein Cottage gehören, das er renovieren und vermieten wollte. Ich weiß nicht, in was für einem Zustand es jetzt ist. Mel, sei so lieb und sprich kurz mit Rory, während ich Patricks E-Mail-Adresse raussuche.«

Im Schein der Wandlampen wirkte das Wohnzimmer des Cottage klein, aber gemütlich. Bis auf einen riesigen Fernseher, der wie ein Fremdkörper wirkte, war die Einrichtung mindestens so alt wie das Haus. Ein Rosshaarsofa mit Armlehnen aus Holz und zwei passende Sessel standen vor einem kleinen Kamin, in dem eine ordentlich gestapelte Pyramide aus Holzscheiten, Papier und Kleinholz auf ein Streichholz wartete. Ein Feuer würde den Raum sicher noch behaglicher machen, aber es war unsinnig, so spät noch eins anzuzünden. Mel überlegte kurz, wo sie weiteres Feuerholz finden würde. Das herausbekommen war eine Aufgabe für den nächsten Morgen.

Sie ließ sich in einen der Sessel fallen. Er war überraschend bequem. Ihr geschulter Blick fiel auf die Bilder an der Wand. Statt billiger Drucke wie in vielen anderen Ferienhäusern hingen hier ungefähr ein halbes Dutzend gerahmte Blumenaquarelle.

Mel stand auf und sah sich eines der Bilder genauer an. Das Licht, das sich im Glas spiegelte, zwang sie, das kleine Gemälde von der Wand zu nehmen. Unter einem Zweig mit drei fein gezeichneten hellrosa Blüten standen die Worte magnolia sargentiana robusta sowie die Initialen P.T. Mel registrierte, wie exakt die Stängel gemalt waren und wie genau der Farbverlauf der Blüten und die Textur des Holzes getroffen war.

Sie hängte das Bild wieder zurück und sah sich auch die anderen Gemälde an: einen cremefarbenen rhododendron macabeanum, eine himbeerfarbene Kamelie, eine violette Iris und zwei Rosensorten. Alle waren genauso detailgetreu wie das erste. Und alle waren mit P.T. signiert. Ehe Mel auch das letzte Aquarell an die Wand zurückhängte, drehte sie es um, um nachzusehen, ob sie irgendwo eine Datierung fand. Aber die Rückseite war unbeschriftet.

Auf dem Kaminsims stand ein Wecker, der in dieser Umgebung ebenso fehl am Platz war wie der Fernseher. Es war fünf vor zehn. Mel machte sich daran, die Koffer nach oben zu schleppen.

In dem größeren der beiden Schlafzimmer stand ein Doppelbett aus Eiche. Erleichtert stellte Mel fest, dass ein richtiges Plumeau darauf lag, nicht nur eine dünne Decke. Dafür roch es ziemlich muffig. Sie stellte das Gepäck auf den Boden und fragte sich, wo sie ihren ganzen Kram verstauen sollte. Ihr Blick fiel auf eine wackelige Kommode neben der Tür. Darauf standen eine Waschschüssel und ein gesprungener Krug. Mel klemmte sich einen Stapel saubere Unterwäsche unter den Arm und fuhr stirnrunzelnd mit dem Finger über den staubigen Rand.

Mit der freien Hand zog sie an der obersten Schublade, um die Unterwäsche darin zu verstauen, aber sie klemmte und ließ sich nur ein kleines Stück öffnen. Mel versuchte hineinzuschauen.

Zwischen Schublade und Rahmen steckte eine zusammengefaltete vergilbte Zeitungsseite. Mel zog das Papier vorsichtig heraus und faltete es auseinander. Das Datum war durchgerissen, aber sie hielt die Stücke so zusammen, bis sie es lesen konnte: März 1912. Das war vor fast hundert Jahren gewesen. Mels Blick fiel auf einen kurzen Artikel über eine Gruppe arbeitsloser Minenarbeiter, die mit ihren Familien Penzance verließen, um mit dem Schiff von Southampton zum Kap zu reisen. Der Strom der Auswanderer reißt nicht ab, im Gegenteil, er ist so stark wie eh und je … war dort zu lesen.

Mel drehte die Zeitungsseite herum. Zwischen Werbeanzeigen für Patentrezepte und Damenmode stieß sie auf einen weiteren Bericht.

TRAGÖDIE IN NEWLYN

Am Samstagabend um kurz nach zehn wurden die Gäste des Gasthofs Zum Blauen Anker (Besitzerin: Mrs. Adeline Treglown) am Hafen auf einen Feuerschein im oberen Stockwerk des Gebäudes aufmerksam. Sie schlugen sofort Alarm. Das Gebäude wurde evakuiert, und die Küstenwache, ein paar Fischer sowie einige Matrosen der Mercury eilten zu Hilfe. Obwohl das Feuer schnell unter Kontrolle gebracht werden konnte, fand man in den Trümmern die Leiche eines Mannes. Er wurde als Arthur Reagan, 52, aus London identifiziert. Eine genaue Untersuchung des Unglücks ist für die kommende Woche anberaumt.

Mel las den Zeitungsausschnitt zweimal und fragte sich, warum ihn wohl jemand aufbewahrt hatte. Kopfschüttelnd faltete sie ihn zusammen und steckte ihn wieder in die Schublade.

Während sie sich ein altes T-Shirt als Nachthemd überzog und sich an dem kleinen Waschbecken die Zähne putzte, dachte sie noch einmal über das nach, was sie gelesen hatte. Sie stellte sich vor, wie die Matrosen die Flammen bekämpft und versucht hatten, zu retten, was zu retten war. Seltsam, wie ein Ereignis aus der Vergangenheit sie plötzlich beschäftigte. Sie hatte nach einem Platz für ihre Unterwäsche gesucht und dabei eine Geschichte gefunden.

Cornwall gehöre zu den geheimnisumwobensten Gegenden Englands, hatte ihre Mutter einmal gesagt. Als Mel und Chrissie klein waren, hatte William ihnen abends im Bett oft Schauermärchen vorgelesen, von kopflosen Reitern, Meerjungfrauen und unheimlichen Lichtern, die Schiffe ins Verderben lockten. Am Ende hatten sie immer starr vor Angst in ihren Betten gelegen, bis ihre Mutter William das Buch fortgenommen und die Mädchen mit einem Gebet aus ihrer eigenen Kindheit beruhigt hatte. Wie ging es noch gleich? Irgendetwas über den Schutz vor Geistern und Gespenstern und langbeinigen Kreaturen, die nachts Buh! machten. Auf jeden Fall endete es mit: Davor möge uns der gute Gott bewahren!

Plötzlich kam aus dem Korridor ein lautes Knarren. Mel erstarrte.

Das sind nur die Holzdielen, versuchte sie, sich zu beruhigen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und lugte in den Flur hinaus, aber nichts rührte sich dort. Langsam legte sich der Schreck, Kummer und Verzweiflung überkamen Mel. Sie schlüpfte ins Bett und konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Mel fühlte sich einsam und verlassen wie ein Kind in der Dunkelheit. Wie früher verbarg sie das Gesicht in ihrem Kopfkissen. Kurz bevor sie endlich einschlief, nahm sie wieder die beruhigende Stimme ihrer Mutter wahr: Morgen früh bei Tageslicht sieht die Welt ganz anders aus, Schatz. Hoffentlich stimmte das.

Aber das Haus flüsterte seine Geheimnisse in die Nacht …

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Ich habe alles in die Schubladen geräumt, wie Jenna es gesagt hat. Dabei habe ich unten in meiner Tasche die Zeitung gefunden. Ich habe sie glatt gestrichen. Ich muss den Artikel nicht mehr lesen, ich kenne ihn längst in- und auswendig. Und ich weiß auch, was er bedeutet. Ich habe alles verloren, noch ehe ich es gefunden habe. Und deswegen hat man mich fortgeschickt, weit weg von meinem Zuhause, in dieses karge Dachzimmer. Draußen fliegen die Krähen vorbei, es sind Dutzende, nein Hunderte. Sie lärmen wie Fischweiber am Markttag. Wie sie durch die Luft segeln! Und schon sind sie hinter den Kiefern am Hang verschwunden.

Ich höre Schritte auf der Treppe.

»Pearl?«

Das ist Jenna. Ich muss die Zeitung zusammenfalten und sie in die Schublade stopfen, bevor sie ins Zimmer kommt.

2. Kapitel

Mitten in der Nacht frischte der Wind auf. Er fuhr heulend den Kamin hinab, verfing sich in den Bäumen und rüttelte an den Fensterläden. Um drei Uhr wachte Mel auf. Angespannt lag sie im Bett und lauschte. Erst als sich der Wind bei Tagesanbruch wieder legte, schlief sie erschöpft ein.

Als sie das nächste Mal die Augen aufschlug, schien die Sonne ins Zimmer, und unten hämmerte jemand gegen die Tür. Schlaftrunken setzte sie sich auf und schaute auf ihre Armbanduhr. Zehn nach neun – so lange schlief Mel zu Hause in London nie. Sie warf das Plumeau zurück, griff nach ihrem Morgenmantel und lief benommen die Treppe hinunter.

Als sie die Tür öffnete, sah sie eine große schlanke Frau davongehen.

»Hallo?« Die Fremde drehte sich überrascht um. Als sie Mel sah, kam sie zurück. Schwarze Locken wehten ihr ins Gesicht, in der Hand hielt sie einen Autoschlüssel. Sie schien trotz ihres warmen Fleecepullis zu frieren.

»Ich bin Irina. Verzeihen Sie, dass ich Sie geweckt habe.« Sie war ungefähr in Mels Alter, vierunddreißig, vielleicht ein bisschen jünger. Auf jeden Fall war sie Mel auf Anhieb sympathisch. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, olivfarbene Haut und melancholische dunkle Augen, die von innen zu leuchten schienen, als sie lächelte. Ihre Stimme klang höher und klarer als am Telefon, und sie sprach wieder mit dem osteuropäischen Akzent, den Mel nicht richtig identifizieren konnte.

»Kein Problem«, antwortete Mel. »Es war sowieso höchste Zeit zum Aufstehen. Kommen Sie doch rein!« Sie öffnete die Tür ein Stück weiter. Als Irina sah, dass Mel im Morgenmantel war, schüttelte sie den Kopf.

»Meine Tochter wartet im Auto. Ich wollte mich nur vergewissern, dass Sie gut angekommen sind. Tut mir leid, dass ich gestern Abend nicht auf Sie warten konnte, aber ich musste Lana bei einer Freundin abholen. Sie hatten bestimmt eine anstrengende Fahrt, oder?«

Mel nickte. »Danke, dass Sie mir etwas zu essen in den Kühlschrank gestellt haben.«

»Gern geschehen. Ich wusste nicht, ob Sie etwas mitbringen würden«, antwortete Irina. »Im Dorf gibt es übrigens einen kleinen Lebensmittelladen. Eine der Besitzerinnen verkauft hausgemachte Fertiggerichte. Einen richtigen Supermarkt gibt es erst in Penzance.«

»Wie weit ist es denn bis zum Dorf? Ich habe keine Lust, schon wieder Auto zu fahren, schon gar nicht in die Richtung, aus der ich gekommen bin.«

Irina lächelte verständnisvoll. »Es ist nicht weit. Vielleicht fünf, sechs Minuten den Berg runter. Das schaffen Sie gut zu Fuß.« Fröstelnd zog sie die Schultern ein. »Meine Güte, ist das windig.«

Mel atmete die salzige Luft tief ein. »Wenn man aus London kommt, tut es richtig gut.«

»Woher kommen Sie genau?«, fragte Irina. »Ich habe früher in Wandsworth gewohnt.«

»Ich wohne auch im Süden, in der Nähe der U-Bahn-Station Clapham South«, antwortete Mel. »Wie lange waren Sie denn in London?« Sie hätte gern gewusst, wo Irina ursprünglich herstammte, aber für so eine persönliche Frage war es vielleicht noch ein bisschen früh.

Irina wirkte plötzlich bedrückt. »Ungefähr ein Jahr«, sagte sie. »Seit zwei Jahren bin ich nun hier.« Sie wandte sich zum Gehen. »Rufen Sie mich an, wenn Sie Hilfe brauchen. Ich wohne unten in der Bucht, in dem Haus mit der gelben Tür. Es heißt Morwenna. Sie können jederzeit vorbeikommen, wenn Sie etwas brauchen oder einfach nur mal Lust auf einen Kaffee haben.«

»Vielen Dank. Das ist sehr nett von Ihnen.«

Mel sah zu, wie Irina zur Straße zurückging. Sie hörte einen Motor anspringen, dann sah sie ein ziemlich schmutziges rotes Auto davonfahren. Patrick hatte geschrieben, dass Irina sich während seiner Abwesenheit um Merryn Hall kümmerte. Fröstelnd schloss Mel die Tür hinter sich. Ob sie so etwas wie seine Haushälterin war? Aber nein. Patrick war bestimmt nicht wohlhabend genug, um sich eine Haushälterin leisten zu können – jedenfalls nicht, wenn das stimmte, was Chrissie über ihn erzählt hatte. Dann war sie vielleicht seine Putzfrau. Aber Irina entsprach so gar nicht dem Bild der klassischen Putzfrau vom Lande – rundlich, rote Wangen, mittleres Alter. Ihr ausdrucksvolles Gesicht hatte etwas Exotisches. Mel hätte es gern gemalt. Vielleicht waren diese Ferien eine gute Gelegenheit, mal wieder zu malen. Aber ich habe ja gar keine Ferien, korrigierte sie sich und ging ins Bad. Ich bin hier, um über Künstler zu schreiben, nicht, um mich selbst als einer zu betätigen.

Und wieder einmal wurde Mel bewusst, dass ihre Mutter recht gehabt hatte. Am Morgen sah die Welt tatsächlich schon ganz anders aus.

Das Wetter war perfekt für einen Erkundungsspaziergang. Gut gelaunt verließ Mel eine Stunde später in Jeans, flachen Boots und kurzer Cordjacke das Cottage. Der Wind hatte sich inzwischen etwas gelegt; über den strahlend blauen Himmel segelten nur noch wenige Wolken. Mel schloss die Augen und genoss die warme Sonne auf ihrem Gesicht. Als sie die Augen wieder öffnete, war sie einen Moment geblendet. Es dauerte eine Weile, ehe sie sich wieder an die Helligkeit gewöhnt hatte. Dann riss sie erstaunt den Mund auf.

Das Grundstück, das zu Merryn Hall gehörte, war völlig verwildert. Blinzelnd schaute Mel an mächtigen Platanen und Eschen vorbei zum Haupthaus. Die Mauern waren über und über mit Kletterpflanzen bewachsen, mit Efeu, Glyzinien und wildem Wein. Als Kinder hatten sie oft auf einem ähnlich vernachlässigten Grundstück in der Nähe ihres Elternhauses gespielt. Ein baufälliges Haus hatte darauf gestanden, und an den kaputten Zäunen hatten große Betreten-Verboten-Schilder gehangen. Ihre Mutter wäre außer sich gewesen, wenn sie das gewusst hätte.

Mel drehte sich um und blickte ins Tal hinunter. Riesige Waldflächen lagen vor ihr, mit Farnen, Brombeersträuchern und Schlingpflanzen.

Wieder dachte sie an das Grundstück aus ihrer Kindheit. Auf dem Gelände hatte ein Strommast gestanden. Die Leitungen hatten leise gesurrt, während sie Verstecken gespielt oder sich im Unterholz Hütten gebaut hatten. Einmal war William den Mast hinaufgeklettert. Über Chrissies Warnungen hatte er nur gelacht.

»Geh sofort runter, das ist gefährlich!«, hatte ihre Schwester geschrien. Mel, die damals erst sechs war, hatte nicht genau verstanden, wieso. Aufgeregt hatte sie ihrem Bruder zugesehen und im Stillen gehofft, er würde bis ganz nach oben klettern. Aber zum Glück hatte ein um den Mast gewickelter Stacheldraht das verhindert.

Nachdenklich blickte Mel über das Anwesen. Der erste Eindruck am Abend zuvor hatte sie nicht getäuscht. Etwas Schwermütiges und Bedrohliches lag über Merryn Hall. Allerdings sah es bei Tageslicht nicht mehr aus wie das Schloss von Dracula, sondern eher wie ein von Rosenhecken umwuchertes Dornröschenschloss, das durch einen bösen Fluch von der übrigen Welt abgeschnitten war.

Mel lächelte. Mit einem Dornröschen würde sie schon fertig werden. Entschlossen zog sie ihre Tasche fester über die Schulter und ging den Weg hinauf, der zur Straße führte.

Merryn Hall lag am Hang über einem dicht bewaldeten Tal. Mel folgte der schmalen Straße, die sich durch einen Tunnel aus Bäumen bergab schlängelte. Am Ende der Mauer, die das Grundstück umgab, kam sie an eine kleine Steinbrücke. Die Brücke führte über einen Bach, der nach den starken Regenfällen der letzten Zeit viel Wasser führte. Hinter einer scharfen Linkskurve führte die Straße weiter abwärts in Richtung Meer. Die kühle grüne Landschaft erinnerte Mel an ein Bild von Laura Knight, das sie besonders mochte. Es hieß Lamorna Birch und seine Töchter. Das eine Mädchen saß auf dem Ast eines Baumes, das andere auf dem Arm seines Vaters.

Mel versuchte, sich vorzustellen, wie die Gegend damals ausgesehen hatte. Ob sich seither viel verändert hatte? In einem Reiseführer konnte man lesen, dass das Tal früher nicht so stark bewaldet war. Sie kam an einzelnen Häusern vorbei, an Einfahrten, die zu versteckten Höfen führten, an einem Schild, das den Weg zu einem Hotel wies, und schließlich an einem Pub auf der linken Seite. Der Name, The Wink, kam Mel irgendwie bekannt vor. Dann wusste sie wieder, woher. Alfred Munnings hatte sich häufig dort aufgehalten.

Schließlich ließ Mel den Wald hinter sich. An einer Straßeneinmündung stand ein lang gestrecktes Haus; es lag ein wenig von der Hauptstraße zurück und trug das Logo der Post. Davor waren Ständer mit Postkarten und Eimer mit frischen Blumen aufgereiht; Windräder drehten sich im Wind. Offenbar war das der Laden, von dem Irina gesprochen hatte.

Aber die Einkäufe können noch warten, entschied Mel und ließ den Blick zur nächsten Straßenbiegung schweifen. Sie konnte das Meer zwar noch nicht sehen, aber sie hatte das Gefühl, es bereits zu hören. Aufgeregt wie ein kleines Kind rannte sie los.

Das Wasser war tiefgrün, und die Wolken warfen dunkle Schatten auf die gekräuselte Oberfläche. Mel strich sich das vom Wind zerzauste Haar aus dem Gesicht und lief auf den Kai hinaus. Dort lehnte sie sich an ein verrostetes Geländer und sah zu, wie die Wellen unter ihr gegen die Steine schlugen. Der Wind und die salzige Gischt auf ihrem Gesicht weckten ihre Lebensgeister.

Mel sah zur Bucht, die hinter ihr lag. Es herrschte Ebbe, ein einzelnes schäbiges Fischerboot dümpelte zwischen großen runden Steinen vor einem Strandstück im Wasser. Auf der Hafenmauer dahinter lagen Fischernetze und Hummerreusen, die ein Mann in einer Öljacke mit gleichmütigem Gesicht auf die Ladefläche seines Lieferwagens lud.

Ein Stück weiter schmiegte sich eine Ansammlung grauer Häuser in den Hang. Welches davon mochte Irina gehören? Vielleicht eines der Reihenhäuser auf der rechten Seite? Mel suchte nach einer gelben Haustür, konnte jedoch nur eine cremefarbene entdecken.

Lamorna Cove. Wie oft hatte sie die Bucht schon auf Ölgemälden und Aquarellen gesehen. Schon über hundert Jahre zuvor hatte sie Künstler in diese Gegend gelockt. Inzwischen hatte sich vieles verändert – das moderne Haus mit den großen Glasflächen hatte damals sicher noch nicht am Hang gestanden, und die asphaltierte Straße war auch neu. Aber das Felsenriff, der Sandstrand, der langsam von der einsetzenden Flut verschluckt wurde, und das grüne Hinterland konnten ohne Weiteres von einem der atemberaubenden Landschaftsporträts von Laura Knight stammen.

Nach einer Weile kletterte Mel zum Strand hinunter. Sie zog Schuhe und Strümpfe aus, rollte ihre Jeans hoch und lief durch den nassen Sand. Das Wasser war so kalt, dass es schmerzte. Das Gefühl kam ihr überraschend vertraut vor.

Als Kinder hatten William, Chrissie und sie sich immer in ihre Badesachen gestürzt und waren um die Wette zum Meer gerannt. Meist hatte William gewonnen. Aber einmal war Chrissie auf die Idee gekommen, morgens gleich ihren Bikini anzuziehen, sodass sie nur noch Shorts und T-Shirt abstreifen musste. Mel, die Jüngste, war immer die Letzte gewesen und hatte wütend gebrüllt, weil sie nicht schnell genug aus den Kleidern kam. Ihre Mutter hatte sie beruhigt und die Älteren vergeblich gebeten zu warten.

Versonnen rettete Mel einen kleinen Seestern, der an den Strand gespült worden war, und warf ihn zurück ins Wasser. William war auch heute noch der ständige Gewinner. Er arbeitete als Chirurg im selben Krankenhaus wie ihr Vater früher. Typisch für das älteste Kind, war er sehr ehrgeizig. Chrissie dagegen war nie ein klassisches Sandwichkind gewesen. Mel, das Nesthäkchen, war eigentlich diejenige, die immer ein bisschen zu kurz gekommen war.

Als sie Stimmen neben sich hörte, schaute Mel auf. Zwei junge Männer in Taucheranzügen kamen über die Felsen auf sie zu. Der eine war kräftig gebaut, der andere schlank und athletisch mit glattem schwarzem Haar. Als sie am Wasser Halt machten, um Flossen und Sauerstoffflaschen anzulegen, hob der schlanke Mann kurz die Maske und grüßte lächelnd.

»Wonach tauchen Sie?«, schrie Mel gegen den Wind.

»Hauptsächlich nach Fischen. Aber wer weiß, vielleicht stoßen wir ja mal auf ein Wrack«, rief er zurück und nestelte an den Gurten seiner Sauerstoffflasche.

Sie sah zu, wie sie vor Kälte stöhnend ins Wasser wateten und wenig später untertauchten.

Auf dem Rückweg wurde Mel bald warm. Sie war froh, als sie den Laden mit der Post endlich wieder erreichte. Er war klein und dunkel und voller Menschen. Eine dürre Frau um die sechzig saß hinter der Ladentheke auf einem Hocker, eine zweite, eher rundliche Dame, bei der es sich nur um ihre Schwester handeln konnte, saß hinter der Scheibe des Postschalters.

Die beiden lieferten sich gerade ein amüsantes Wortgefecht.

»Mary, meine Liebe«, rief die Frau hinter der Ladentheke. »Haben wir Ingwer? Mary? Ingwer

Mary, die gerade Geld zählte, schüttelte den Kopf, ohne aufzusehen.

»Nein, haben wir nicht, Schätzchen«, sagte die dünne Frau zu ihrer Kundin. »Mary«, schrie sie wieder. »Dann schreib Ingwer auf die Liste, ja?«

Mel nahm sich ein Einkaufskörbchen und lud ein Weißbrot, ein paar Scheiben Schinken, einen Blumenkohl, Möhren, Obst und eine Flasche Wein ein. Die Vorstellung, für sich allein etwas zu kochen, begeisterte sie wie üblich nicht sonderlich.

Ein Teenager, der dasselbe runde Gesicht und die weit auseinanderstehenden Augen hatte wie die beiden Schwestern, legte sein Preisauszeichnungsgerät aus der Hand, als Mel ihn ansprach, und führte sie zu einer Kühltheke. Darin befand sich eine große Auswahl an Tiefkühlkost: Bœuf Stroganoff, Lasagne, Fischpastete. Alles sah viel gesünder und verlockender aus als das, was man sonst in den Supermärkten bekam. Mel wählte einige der Fertiggerichte aus, zog eine Zeitung aus einem Regal und stellte sich an der Kasse an. Während sie wartete, legte sie noch ein paar Postkarten in den Korb. David Bell wollte sicher wissen, wie es ihr ging, und Chrissies Kinder würden sich über die Karte mit dem Esel freuen.

Mit zwei schweren Einkaufstüten bepackt, machte sie sich schließlich auf den Rückweg nach Merryn Hall.

Am letzten Haus vor der Brücke jätete ein grauhaariger alter Mann Unkraut. Er musterte Mel neugierig, als sie vorbeikam. Sie lächelte unsicher, aber sein Gesicht blieb unbewegt. Als sie weiterging, glaubte sie seinen Blick im Rücken zu spüren, doch als sie sich umdrehte, stellte sie fest, dass er sich bereits wieder seinem Garten widmete.

Mel nahm sich viel Zeit für ihr erstes Frühstück in Merryn Hall. Der Himmel hatte sich schon wieder zugezogen, und sie überlegte, ob sie sich noch ein wenig draußen umsehen sollte, ehe es anfing zu regnen. Oder sollte sie doch lieber die Koffer auspacken? Oder probieren, ob sie über das Fernsehkabel eine Verbindung für ihren Laptop einrichten konnte, und anfangen zu schreiben? Irgendwie brachte Mel für nichts so richtig Energie auf.

Vielleicht bin ich einfach noch zu erschöpft von der langen Reise, sagte sie sich. Erschöpft und ausgebrannt. So hatte sie sich auch damals gefühlt, als Jake seinen gesamten Besitz in Kartons gepackt hatte und gegangen war. Die Wäsche hatte sich angesammelt und schmutziges Geschirr in der Spüle getürmt, aber es war ihr völlig gleichgültig gewesen.

Drei Wochen nachdem er ausgezogen war, hatte ihre Freundin Aimee, die sich ein paar Monate zuvor von ihrem Mann Mark getrennt hatte, plötzlich vor ihrer Wohnungstür gestanden. Sie hatte einen Blick auf das Chaos geworfen und Mel mitleidig umarmt. »Komm, ich helfe dir beim Aufräumen. Ich habe damals auch ewig gebraucht, bis ich mich wieder zu was aufraffen konnte. Heute bin ich froh, dass ich die Wohnung für mich allein habe. Mark war immer so unordentlich.« Dann hatte sie ihren Kopf geschüttelt. »Trotzdem vermisse ich ihn immer noch …«, hatte sie traurig hinzugefügt.

Mel wurde bewusst, dass es am kommenden Donnerstag schon zwei Monate her sein würde, seit Jake ausgezogen war. Warum war bloß alles so schiefgelaufen? Aber die Trennung war noch viel zu frisch, um diese Frage zu beantworten.

Sie hatte Jake vier Jahre zuvor auf einer Collegeparty kennengelernt. Er hatte als Journalist gearbeitet, sich dann jedoch für die Dozentenstelle entschieden, da sie ihm mehr Zeit zum Bücherschreiben ließ. Er hatte bereits zwei Lyrikbände veröffentlicht und arbeitete gerade an einem Roman. Mel wusste, dass man am College stolz darauf war, ihn als Dozenten gewonnen zu haben.

»Ich hoffe, dass ich künftig mehr zum Schreiben komme«, sagte er zu Mel. Er war ein großer, athletisch gebauter Mann. Doch Mel ließ sich von seiner lässigen Art nicht täuschen. In seinem Blick lag eine ungeheure Leidenschaft, wenn er über seine Arbeit sprach. Und selbst wenn er sich nervös durch das kurze blonde Haar und den Bart fuhr, was eine Angewohnheit von ihm war, ahnte man, welche Energie in ihm steckte.

»Man muss lernen, Nein zu sagen«, antwortete Mel lachend. Nach dem zweiten Glas Rotwein fühlte sie sich entspannt und in Flirtlaune. »Sonst überhäufen die einen hier mit Arbeit. Und Sie haben mit den vielen Prüfungen und Klausuren schon genug zu tun. Sagen Sie mir, wenn ich Ihnen bei irgendwas behilflich sein kann.« Er sah sie an, und schon da bemerkte sie das interessierte Funkeln in seinen Augen.

So kam es, dass Jake jedes Mal an ihre Tür klopfte, wenn er einen Rat brauchte, ganz gleich ob es um ein Problem mit einem Studenten ging oder darum, irgendein kompliziertes Formular auszufüllen. Sie arbeiteten beide abends lange; meist waren die Kollegen, die verheiratet waren oder Kinder hatten, dann längst fort. Wenn er kam, saß sie häufig auf dem kleinen Sofa, das sie sich in einem Secondhandladen gekauft hatte, und las oder korrigierte Klausuren. Dann setzte er sich gegenüber auf den Stuhl oder lief in ihrem engen Büro auf und ab, plauderte mit ihr über Kollegen oder begann eine provokative Diskussion über ihre ablehnende Haltung zur Konzeptkunst. Manchmal kochte sie eine Kanne Tee, manchmal öffnete sie eine Flasche Wein. Sie erfuhr, dass er frisch geschieden war und zwei kleine Töchter hatte, die er nur am Wochenende sah.

Und dann setzte sich Jake eines Tages kurz nach Weihnachten neben sie auf das kleine Sofa. Mels Herz begann zu rasen, und ihre Stimme versagte, als er ihr in die Augen schaute, den Arm um sie legte und mit den Fingern durch ihr Haar fuhr. Schließlich küsste er sie leidenschaftlich, bis sie sämtlichen Widerstand aufgab. Nur noch ein einziges Mal ließen sie atemlos voneinander ab: als die Reinigungsfrau, ohne anzuklopfen, eintrat, um den Papierkorb zu leeren.

Das Essen in einem Thai-Restaurant später am Abend war der Auftakt zu ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Mel bekam vor Nervosität kaum mit, was sie aß.

Nur eine einzige Frage bewegte sie, auch wenn sie die Wahrheit eigentlich gar nicht hören wollte. »Deine Ehe – wieso … ist sie kaputtgegangen?«

Er zuckte mit den Schultern. »Helen hat sich völlig verändert, als die Kinder kamen«, sagte er. »Wir beide waren ständig gestresst und hatten überhaupt keine Zeit mehr für uns. Freya, unsere Jüngste, ist ein süßes Mädchen, aber sie war furchtbar anstrengend. Sie schlief nie. Und Helen war dauernd mit den beiden beschäftigt. Mit mir sprach sie nur noch, wenn sie etwas wollte – zum Beispiel, dass ich eine Windel wechsle oder Fischstäbchen brate. Am Ende hatten wir uns völlig auseinandergelebt.«

»Wie schade«, meinte Mel und drückte seine Hand.

Im Nachhinein war ihr klar geworden, dass ihr dieses Gespräch eine Warnung hätte sein müssen. Aber damals hatte der attraktive, charismatische Mann sie viel zu sehr fasziniert, um an irgendetwas anderes zu denken als an diesen Augenblick.

Sie wurden schnell ein unzertrennliches Paar. Cara, die Spanierin, die in dem Apartment über Mel wohnte, gewöhnte sich bald daran, morgens auf dem Weg zur Arbeit Jake im Aufzug zu begegnen. Irgendwann schlug Mel ihm vor, seine eigene Wohnung in Kennington, die er nach der Trennung von Helen gekauft hatte, aufzugeben und zu ihr zu ziehen, aber er wollte nicht so richtig.

»Ich brauche einen Rückzugsort, an dem ich in Ruhe schreiben kann«, antwortete er. »Und ich möchte, dass meine Bücher an einem festen Platz stehen.«

Trotzdem breitete er sich im Laufe der Zeit immer mehr in Mels Gästezimmer aus, viele seiner Bücher und Bilder traten die Reise quer durch London an. Anfangs fuhr Jake noch in seine eigene Wohnung, wenn Anna und Freya kamen, aber nachdem sich auch ihre Mutter an Mel gewöhnt hatte, waren die kleinen Mädchen immer häufiger in der Claphamer Wohnung. Bei Daddys Freundin zu übernachten war für sie das Größte.

Nach eineinhalb Jahren drängte Mel darauf, die beiden Wohnungen zu verkaufen und sich ein gemeinsames Haus zu suchen. Sie und Jake liebten sich, sie konnten sich etwas kaufen, wo Platz für Anna und Freya war und in ferner Zukunft auch für die eigene Familie, von der Mel heimlich zu träumen begann.

Aber Jake zögerte. Er liebe sie, beteuerte er, und würde immer mit ihr zusammenbleiben, aber so kurz nach seiner Scheidung könne er sich einfach noch nicht wieder festlegen. Und für ein Baby sei es erst recht noch viel zu früh. Er schlug vor, etwas zu suchen, wenn er seinen Roman fertig hätte.

Mit dem Roman ging es nicht so voran, wie Jake sich das erhofft hatte. Zwei Jahre nachdem sie sich kennengelernt hatten, war er fertig, und Jake schickte ihn an seine Literaturagentin Sophie. Aber Sophie fand, das Buch sei noch nicht so weit, um es guten Gewissens auf dem Markt anbieten zu können. Es sei zu abstrakt und handle zu sehr von vagen Ideen und zu wenig von Menschen und Emotionen. Ob er sich vorstellen könne, es zu überarbeiten?

Nach diesem Schock schloss Jake sich ein halbes Jahr lang an den Wochenenden ein, um sein Meisterwerk umzuschreiben. Das nahm seine ganze Energie in Anspruch. Wenn er nicht schrieb, war er schlecht gelaunt und in Gedanken. Mel wurde zunehmend ungeduldig. Für ihre eigene Arbeit Opfer zu bringen war eine Sache. Für die Arbeit eines anderen Opfer zu bringen eine ganz andere.

Eines Sonntags, als Helen Anna und Freya zu Mel brachte, weil sie glaubte, Jake sei bei ihr, um die Mädchen in Empfang zu nehmen, war das Maß voll.

»Wo ist er denn schon wieder?«, schimpfte Helen und fuhr sich aufgebracht durchs Haar. Ihr hübsches Gesicht wirkte genervt.

»Ich schätze, er hat sich in seinen Kokon in Kennington eingesponnen«, antwortete Mel seufzend. »Wahrscheinlich hat er uns völlig vergessen.«

Helen sagte nichts, aber ihr Blick war so voll wissenden Mitleids, dass er mehr ausdrückte als tausend Worte. An diesem Abend hatten Mel und Jake ihren ersten richtigen Streit.

»Nie bist du da, ständig verlässt du dich einfach auf mich!«, schrie Mel ihn an. Statt einer Antwort nahm er sie in die Arme und trug sie zum Bett.

»Und? Bin ich nun da?«, flüsterte er ihr eine Stunde später ins Ohr, als sie sich erschöpft und erhitzt aneinanderschmiegten.

Energisch riss Mel sich aus ihren Tagträumen. Eines hatte sie sich geschworen: In Cornwall würde sie nicht mehr ständig vor sich hin brüten. Sie würde sich in ihre Arbeit stürzen und wieder lernen, allein zu sein und sich dabei gut zu fühlen. Entschlossen stand sie vom Küchentisch auf, stellte das übrig gebliebene Essen in den Kühlschrank und ging nach draußen.

Der Wind hatte sich gelegt, aber der Himmel hing voller schwerer Regenwolken. Es sah aus, als würde der Garten auf irgendetwas warten …

Nachdenklich lief Mel durch das Gras und überlegte, wer es wohl mähte. Patrick vielleicht? Sie bückte sich und zog an einer Efeuranke, die sich zwischen den Grashalmen hindurchschlängelte. Sofort lösten sich weitere Ranken, und im nächsten Moment hatte Mel den Arm voll nassem Grünzeug. Sie versuchte, noch mehr auszureißen, aber der Rest blieb hartnäckig verwurzelt. Frustriert warf sie alles zurück ins Gestrüpp. Was hatte das für einen Sinn? Ihre Anstrengungen führten doch zu nichts.

Plötzlich sah Mel etwas Violettes zwischen den Grashalmen hervorschimmern. Sie bückte sich, um genauer hinzusehen. Veilchen! Und die gelben Tupfen daneben entpuppten sich als Primeln.

Aufgeregt hockte sie sich hin und zerrte weiter am Efeu, um zu sehen, welche Schätze sich sonst noch unter dem grünen Teppich verbargen. Der Efeu löste sich in langen Ranken, und noch mehr Violett und Gelb kam zum Vorschein. Sie brauchte unbedingt ein paar anständige Gartengeräte. Vielleicht standen ja in einem der Schuppen in der Nähe des Hauses welche.

Hinter dem Cottage verlief ein schmaler Pfad in Richtung Haupthaus. Er führte sie im Zickzack durch Brombeersträucher an den Überresten einer alten Ziegelsteinmauer entlang bis zu den ehemaligen Stallungen, die sich um einen kleinen, mit Kieselsteinen belegten Hof gruppierten. Die zwei Tore waren mit Vorhängeschlössern gesichert, das dritte war nur mit einem rostigen Riegel verschlossen. Er gab zögernd nach. Mel klemmte sich beim Öffnen heftig die Finger. Sie hielt sich die schmerzende Hand und stieß die Tür mit dem Ellbogen auf.

In dem großen Schuppen roch es nach Staub und Teeröl. Überall stapelte sich altes Gerümpel. Das meiste war von Spinnweben überzogen und sah aus, als sei es jahrzehntelang nicht angerührt worden – eine alte Egge, ein verrosteter Rasenmäher unbekannter Herkunft, mehrere Spaten und Hacken. Mel zog eine Mistgabel hervor, die noch einigermaßen brauchbar aussah, und hustete, als ihr dabei eine Staubwolke entgegenkam. Auf einem alten Tisch fand sie ein Paar Handschuhe, die aussahen, als seien sie erst kürzlich dort abgelegt worden, und zum Schluss fiel ihr Blick auf eine kleine Sense. Trotz einiger Rostflecken schien die Klinge noch scharf zu sein. Mel stieß die Tür mit dem Rücken hinter sich zu und kehrte zu ihrer Ausgrabungsstelle zurück. Sie kniete sich auf die Erde, schnitt das lange Gras ab und zog das Unkraut um die Blumen herum aus.

Nach kurzer Zeit hatte sie ein kleines Beet freigelegt, in dem Veilchen, Osterglocken und Primeln wuchsen. Vor wie vielen Jahren mochten sie gepflanzt worden sein? Oder hatten sie sich am Ende selbst ausgesät?

Die körperliche Arbeit tat Mel gut. Die frische Luft und der Geruch der feuchten Erde belebten ihre Sinne. Hier draußen, wo sich überall neues Leben regte, war es schwer, düsteren Gedanken nachzuhängen.

Mel stellte fest, dass sie Pläne machte. Sie würde dafür sorgen, dass sie ihre wertvolle Zeit in Cornwall nicht vertat. Den Rest des Tages würde sie sich freinehmen, den Garten genießen, zu Ende auspacken, zum Abendessen eines der Fertiggerichte mit einem Glas Wein zu sich nehmen und früh ins Bett gehen. Am kommenden Tag würde sie dann mit der Arbeit an ihrem Buch beginnen.

Eine Stunde verging, und dann noch eine. Als Mel sich schließlich erhob und ihre schmerzenden Glieder reckte, sah sie zu ihrem Erstaunen, dass sie ein mindestens zwei Meter breites und ebenso langes Beet freigelegt hatte. Zufrieden betrachtete sie die Blumen und die blassen Schösslinge, die aus der kastanienfarbenen Erde schauten. Über ihr flatterten zwei Ringeltauben durch die Baumwipfel. Sie waren viel größer und schwerer als ihre hageren Londoner Artgenossen. Hoch oben am Himmel ließ sich ein Raubvogel im Wind treiben. Versonnen schaute Mel ihm nach. Eine vage Sehnsucht überfiel sie, sie wusste selbst nicht genau wonach.

Es wurde allmählich kühler. Mel trug das ausgerissene Unkraut hinter das Cottage und legte einen Komposthaufen an. Als sie ihre Werkzeuge einsammeln wollte, kam eine kleine Katze aus dem Gebüsch geschlichen. Sie erblickte Mel, duckte sich und rührte sich vor Schreck nicht von der Stelle.

Auch Mel blieb regungslos stehen. Daraufhin wurde die Katze etwas mutiger und kam auf Zehenspitzen über das Blumenbeet getapst. Sanft berührte sie mit ihrem rosigen Näschen eine der Narzissen.

Mel streckte die Hand aus und lockte sie leise. Die Katze setzte sich und schaute sie einen Moment an, ehe sie mit langen, gleichmäßigen Bewegungen ihre Brust zu lecken begann. Nach einer Weile hörte sie auf, sich zu putzen, und lief, ohne Mel weiter zu beachten, über den Weg, der zur Straße hinaufführte. Mel hätte gern gewusst, wem sie gehörte, oder ob sie, wie sie selbst, nur eine Streunerin war.

Als sie wieder im Haus war, kochte sie sich einen Tee und ließ sich ein Bad einlaufen. Im Gegensatz zur übrigen Einrichtung waren der Durchlauferhitzer und die Leitungen neu. Es war herrlich, in das heiße Wasser zu steigen.

Das Problem beim Baden ist nur, dachte sie, als sie zwanzig Minuten später mit den Zehen den Stopfen herauszog, dass es einen zum Tagträumen verleitet. Ihre ganzen Vorsätze, ab sofort nur noch nach vorn zu schauen, waren dahin. Schon wieder hatte sie über Jake und das Ende ihrer Beziehung nachgegrübelt.

Während sie verzweifelt darauf gewartet hatte, dass Jake endlich mit dem Überarbeiten seines Buchs fertig und wieder der Alte sein würde, hatte das Schicksal zugeschlagen. Bei ihrer Mutter hatte man Krebs diagnostiziert, eine sehr aggressive Form, die bereits ihre Bauchspeicheldrüse befallen hatte.

Abwechselnd begleiteten Mel, Chrissie und manchmal auch William ihre Mutter zu ihren deprimierenden Krankenhausterminen und schwächenden Therapien, bis sie schließlich in einem nahen Hospiz einen Platz für sie fanden. Die Familie rückte in dieser Zeit eng zusammen, nur Jake schien irgendwie nicht zu ihnen zu gehören.

Er war besorgt und tröstete Mel und war sehr nett zu ihr, aber sie hatte trotzdem das Gefühl, dass er nicht richtig mit ihr fühlte. Chrissies Mann Rob dagegen teilte Chrissies Trauer. Einmal, nach einem besonders bedrückenden Besuch, als ihre Mutter ganz offensichtlich starke Schmerzen hatte, sah sie Rob weinend im Eingangsbereich des Hospizes stehen. Seine Tränen berührten sie tief.

Jake kam nur selten mit. »Haben wir Jake eigentlich was getan?«, fragte Chrissie einmal, nachdem er Mel am Hospiz abgesetzt hatte und winkend davongefahren war. »Warum kommt er nie mit?«

»Er hat viel zu tun«, antwortete Mel, erstaunt über den scharfen Ton ihrer Schwester. Chrissies Augen waren an diesem Tag ganz rot, und sie hatte sich nicht wie sonst üblich die Mühe gemacht, sich zu schminken.

»Du brauchst ihn doch jetzt«, sagte Chrissie. »Ich finde, er ist ganz schön egoistisch.«

»Du verstehst das nicht«, schnappte Mel zurück. Chrissie hatte einen wunden Punkt getroffen. »Es fällt ihm einfach schwer, mitzukommen, das ist alles. Schließlich kennt er Mum nicht so gut wie Rob. Und er mag keine Krankenhäuser, weil seine kleine Schwester fast an einer Gehirnhautentzündung gestorben wäre, als er zehn war.«

Sie hatten inzwischen die Station ihrer Mutter erreicht, daher antwortete Chrissie nicht mehr.

An einem wunderschönen Tag Anfang Mai schlief Maureen Pentreath unter dem Einfluss starker Medikamente friedlich ein. Der Weg zum Krematorium führte durch eine Kirschbaumallee. Die Blüten fielen herab wie Schnee.

In den Monaten nach dem Tod ihrer Mutter beobachtete Mel Jake häufig und kam bald zu dem Schluss, dass ihre Schwester nicht ganz unrecht hatte. Jake liebte sie, keine Frage. Er hatte auch seine Frau geliebt, und trotzdem hatte er zugelassen, dass sie ihm fremd wurde. Er liebte seine Kinder, aber manchmal war er so in seine Arbeit vertieft, dass es den Anschein hatte, als könnte er auch ohne sie leben.

»Ich wüsste gern, ob unsere Kinder Ähnlichkeit mit Anna und Freya hätten«, sagte sie eines Sonntagabends provozierend.

Er lachte unsicher. »Das ist wirklich das Letzte, was wir im Moment brauchen, Mel. Ein Baby würde uns das Genick brechen.«

»Wie meinst du das?«, fragte sie.

»Wann soll ich denn dann noch arbeiten? Oder du? Im Moment kann ich mir das wirklich nicht vorstellen.«

»Wann denn?«

»Jetzt jedenfalls noch nicht.«

Mels Unbehagen wuchs zusehends. Sie war ohnehin angeschlagen, denn die Trauer um ihre Mutter belastete sie schwer. Irgendwann gestand sie Aimee, dass sie es als besonders schlimm empfand, dass ihre Mutter nie mehr erleben würde, wenn sie eigene Kinder hatte. Der Gedanke war ihr unerträglich.

Anfang November verkündete Jake, dass sein Buch fertig sei. Aber seine Agentin war auch dieses Mal nicht zufrieden. »Es ist schon viel besser geworden«, sagte sie ihm am Telefon. »Aber die Figuren sind emotional einfach noch nicht ausgereift.«

»Was zum Teufel meint sie denn damit?«, brüllte Jake nach dem Telefongespräch. »Emotional noch nicht ausgereift. Wir reden hier von einem literarischen Werk, nicht von irgendeiner Liebesschnulze. Diese Zicke hat doch keine Ahnung, wovon sie spricht!«

»Jake, warum suchst du dir nicht einfach eine neue Agentin, wenn du mit Sophie nicht mehr klarkommst?«, fragte Mel.

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