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Der Furst der Dunkelheit

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Für New Orleans.

Für Sean und alle im Monteleone.

Für Alice Duffy, mit viel Liebe, Respekt und ungeheurer Bewunderung.

Ganz besonders für Kate Duffy – “Duffee” wird immer ein Ausdruck für einsame Spitzenleistung bleiben –, mit tiefster Dankbarkeit, wie immer.

Für Christine Feehan (und ihren ganzen Clan), Cherry Adair, Molly und Kate, Brian und Kristi Ahlers, Deborah und Harvey, Lance und Rich, Debbie Richmond, Pat und Patricia, Bonnie, Kathleen, Aleka, Toni, Sally und alle, die so begierig waren, an Bord zu kommen und ihr Allerbestes für New Orleans und mich zu geben.

Und für Connie und T., die mir immer beistehen.

PROLOG

Nie hatte es eine schönere Braut gegeben, nie eine Hochzeit, die so perfekt gewesen ist, fast wie gemalt. Das Wetter erwies dem Anlass alle Ehre, und es wehte eine sanfte, kühlende Brise. Der Abend war weder zu heiß noch zu kalt und der Zeitpunkt sorgfältig gewählt; im Westen ging gerade die Sonne unter. Die Braut hatte sich für die Trauung ein Schloss gewünscht, und sie hatten eine historische Kathedrale gefunden, die oben auf einem Hügel in einer alten von Mauern umgebenen Stadt lag.

Ritterlich bemühte sich der Bräutigam, all das zu sein, was der Märchenprinz der Braut darstellen sollte. Er hatte sein gesamtes erwachsenes Leben mit dem Versuch verbracht, sich an seine Wertmaßstäbe zu halten, die ihm anständiges Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen abverlangten. Zwar beugte er sich nicht leicht der Willkür von anderen, aber er hatte für sich festgestellt, wie wichtig es war, Kompromisse einzugehen und Mitgefühl zu zeigen. Er wusste, dass er nicht frei von Fehlern war, und hatte gelernt, das auch zuzugeben. Er konnte mit vollem Recht von sich sagen, dass er jederzeit bereit war, sich für die Armen und Unterdrückten einzusetzen. Und er hatte genügend solcher Kämpfe durchgestanden, um viele der Fehler wahrzunehmen, die andere um ihn herum begingen. Doch während er nun kurz davor stand, seine betörend schöne Braut zu heiraten, konnte er mehr als alles andere sagen, dass er sie zutiefst liebte. Mehr als das Leben selbst.

Und daher diese Hochzeit.

Was immer sie begehrte – eine Burg, tief in einem ihm fremden Land, eine elegante Pferdekutsche oder überhaupt alles, was diese Traumhochzeit in ihrem Herzen vollkommen machen würde –, sie konnte es haben. Es war natürlich hilfreich, dass viele Dinge sich in letzter Zeit zu seinen Gunsten entwickelt hatten. Nachdem er jahrelang hart daran gearbeitet hatte, sein Talent zum Blühen zu bringen, war er beinahe über Nacht ein reicher Mann geworden. Und obwohl die Braut aus diesem Teil der Welt stammte, waren sie sich in den Vereinigten Staaten begegnet. Sie hatte ihn spielen hören; er hatte aufgesehen und in ihre Augen geschaut. Von diesem Moment an war das Leben nicht mehr dasselbe gewesen. Da viele ihrer engsten Freunde finanziell immer noch zu kämpfen hatten und sich die Reise eigentlich nicht leisten konnten, waren Braut und Bräutigam – sehr taktvoll, wie sie hofften – für sie eingesprungen, um ihnen eine erholsame Atempause von den Härten des Lebens zu verschaffen; ganz zu schweigen vom Vergnügen der Hochzeit selbst.

Ein aufwendig gearbeiteter Läufer bedeckte den Mittelgang der Kathedrale. Der Bräutigam in seinem eleganten Smoking stand neben seinen passend gekleideten Trauzeugen. Als die Musik einsetzte und der Priester sich räusperte, blickten sie alle zum Eingang, in Erwartung der Braut und ihres Gefolges.

Das Blumenmädchen war hinreißend, wie es mit ernster Miene die Blütenblätter warf, sich der Wichtigkeit der ihr anvertrauten Aufgabe bewusst. Es folgten die Brautjungfern, strahlend in ihren silbernen Kleidern mit schwarzen Ziernähten.

Und dann die Braut …

So wunderschön …

Ihr langes, fülliges Haar fiel in sanften Wellen auf ihre Schultern. Es leuchtete rotgolden wie der Sonnenuntergang und betonte die zarte Schönheit ihres Gesichts. Ihr modernes Kleid war im Renaissancestil gehalten, und bei ihrem Anblick spürte er einen Kloß im Hals. Unter dem durchsichtigen Schleier konnte er ihre Augen sehen, in denen ein paar Tränen schimmerten. Er lächelte sie an, und sein Herz begann heftig zu schlagen.

Sie bewegte sich graziös den Gang hinunter.

Und dann …

Ein Blutfleck tauchte auf ihrem Kleid auf, zunächst nur winzig, direkt über ihrem Herzen. Dann wurde er größer, so groß, dass er die ganze Brust, die ganze Korsage bedeckte.

Sie blieb wie angewurzelt stehen.

Starrte ihn an.

Das Entsetzen war ihr ins Gesicht geschrieben. In ihren Augen stand ein Flehen.

Er rannte los, auf sie zu, aber er konnte sie nicht mehr erreichen. Ein Geräusch erhob sich in seinen Ohren. Wie ein Sturm, eine Belagerung, ein Anschwellen.

Dann noch viel mehr Blut, wie eine Springflut. Ein ganzer Schwall davon, als ob ein blutroter Fluss explodiert wäre, einen Damm gebrochen hätte, ins Tal stürzen würde.

Er blinzelte.

Er erblickte ihr Gesicht, fand ihre Augen, um Hilfe flehend.

Dann überflutete das Blut alles, den Mittelgang, die alten reich verzierten Mauern der Kathedrale. Es stieg höher und höher.

Er versank darin.

Erstickte daran.

Weit weg von diesen entlegenen Bergen erwachte ein Mann aus seinem Albtraum. Er stieß einen heiseren Schrei aus und setzte sich auf. Die Szene war in seinem Geist so real gewesen, dass er für einen Augenblick überzeugt war, er wäre von Blut bedeckt. Er musste husten, als ob er im Schlaf nach Luft gerungen hätte.

Er riss die von Schweiß durchtränkte Decke beiseite, stand auf und eilte zu den Balkontüren, die er hastig aufriss. Mit der nach Magnolien duftenden Luft wehte die Wirklichkeit ins Zimmer.

Würde das niemals aufhören? Würde dieser Albtraum ihn auf ewig verfolgen?

Der Frühling ging zu Ende, der Sommer begann. Tag für Tag wurde es heißer, doch nachts gab es noch eine kühle Brise, die sich auf seine Haut legte wie eine zärtliche Hand.

Er blickte in den Himmel. Der Mond war von beunruhigend wirkenden Wolken verhangen, die ihm eine überirdische Farbe verliehen.

Er biss die Zähne zusammen, sein Gesichtsausdruck war hart und entschlossen.

Der Mond sah genau so aus wie damals …

Auf der Bluthochzeit.

1. KAPITEL

Mark Davidson beobachtete das Pärchen an der Bar, das wie jedes andere Pärchen an irgendeiner anderen Bar wirkte.

Der Mann lehnte sich zu der Frau hinüber. Sie war hübsch in ihrem engen Top, das ihre definierten Bauchmuskeln betonte, und dem kurzen Rock, der einen langen Blick auf noch längere Beine bot. Sie klimperte hin und wieder mit den Wimpern, senkte den Kopf, schenkte dem Mann an ihrer Seite ein schüchternes, beinahe unterwürfiges Lächeln. Er war groß und dunkelhaarig. Obwohl er auf den ersten Blick den Flirt zu genießen schien, lauerte eine gewisse Anspannung in ihm, eine gezügelte Energie, die, jedenfalls für Mark, den Verdacht nahelegte, dass hier irgendetwas nicht stimmte.

Das Paar lachte zusammen, neckte sich. Eindeutige Körpersprache. Sie war an diesem Abend ganz klar auf der Suche, und er war ebenso klar nicht abgeneigt, in Aktion zu treten.

“Noch einen Drink, Sir?” Kurzzeitig wurde er von der Kellnerin abgelenkt, einer attraktiven, aber reiferen Frau mit großen Augen und hübscher Figur. Ihre Stimme klang höflich, aber auch ein wenig müde, wie er fand. Vielleicht war es für sie in den letzten Jahren nicht immer leicht gewesen.

“Ähm …” Er war sich nicht sicher, warum sie ihn überhaupt fragte. Er hatte das Bier vor sich kaum angerührt. Andererseits musste sie hier ihr Geld verdienen, also war es vielleicht bloß eine kleine Anregung.

“Entschuldigung, im Moment wohl nicht”, sagte sie und seufzte leise. Er hatte das Gefühl, dass sie von hier stammte. Sie sprach mit einem satten Südstaatenakzent. Nicht dass New Orleans eine Stadt gewesen wäre, in der man bloß Einheimische traf. Es war die Art Ort, in den sich Menschen einfach spontan verliebten, als ob er eine ganz eigene Persönlichkeit hätte. Natürlich gab es auch Leute, die den freien und unbeschwerten Geist der Stadt verabscheuten, und er musste zugeben, dass das Erbrochene in den Straßen nach einer besonders wilden Mardi-Gras-Nacht nicht gerade anziehend wirkte. Ihm war es jedoch egal. Er liebte diese Stadt, ihre engen Gassen, die alten Gebäude, die Mischung der verschiedenen Kulturen. Er liebte alles an dieser Stadt.

Oh, na klar, alles an dieser Stadt, außer …

Er bemerkte, dass die Kellnerin ihm die Sicht versperrte. Er hatte sich einen Tisch im etwas dunkleren, hinteren Bereich ausgesucht, weit entfernt von der Jazzband, die links neben der Bar nahe dem Eingang spielte. Die Gruppe war großartig; Mark wäre ebenso gern nur hergekommen, um ihr zuzuhören. Das war eines der Dinge, die er an New Orleans am meisten liebte: Hier brauchte man nur durch die Straßen zu spazieren, um einige der besten Musiker der Welt zu hören. Junge Talente, große Talente hatten ihre Karrieren hier begonnen. Sie spielten auf dem Jackson Square oder an irgendeiner Straßenecke und lebten von dem, was die Passanten ihnen in den Hut oder den aufgeklappten Gitarrenkasten warfen.

Es gab so viel an New Orleans, das man lieben konnte.

Zum Beispiel die vielen Male, die er mit Katie hier verbracht hatte.

Nein.

Er nahm einen tiefen Zug von seinem inzwischen lauwarmen Bier und biss die Zähne zusammen. Er war nicht gekommen, um sentimentalen Erinnerungen nachzuhängen.

“Sicher, klar, noch ein Bier. Ein kaltes, bitte”, sagte er und versuchte, an der Kellnerin vorbeizuschauen. Aber als sie einen Schritt zur Seite trat, war das Paar an der Bar verschwunden.

Er sprang auf und suchte in seiner Tasche nach einem Geldschein. Er drückte ihn ihr in die Hand.

“Schon okay”, sagte er und eilte zur Tür.

“Sir, Ihr Wechselgeld”, protestierte sie und starrte auf den Fünfziger in ihrer Hand.

“Behalten Sie’s”, murmelte er, die Augen bereits auf den Ausgang zur Straße gerichtet.

Draußen war die Welt hell erleuchtet und voller Leben. Grelles Neonlicht, Gelächter und die widerstreitenden Rhythmen von Jazz und Rock füllten die Nacht, Musik drang aus den Bars und Clubs, die sich beiderseits der Straße aneinanderreihten. Aufblitzende Lichter trommelten Reklame für jede erdenkliche Sorte Drinks und Zeitvertreib; alte Bauwerke blickten mit einer gespenstischen, etwas verkommenen Eleganz auf den Strom von Menschen herab.

Männer und Frauen, Gruppen, Paare, Singles bewegten sich die Straße hinunter. Einige langsam, ein bisschen berauscht und unsicher auf den Beinen, andere zielstrebig und geradlinig.

Das Pärchen aus der Bar entdeckte er nirgends, und er fluchte ärgerlich vor sich hin.

Wo zum Teufel würde der Mann das Mädchen hinbringen? Es war ja nicht so, als ob er seinen Mord nur auf einem dunklen Friedhof begehen könnte; er konnte sich genauso gut einfach ein Zimmer genommen haben. Vielleicht wohnte er sogar irgendwo hier in der Gegend. Aber wo? Allein hätte er so schnell wie der Wind verschwinden können. Aber er war schließlich in Begleitung, das musste ihn aufgehalten haben.

“Sir?”

Er drehte sich um. Die Kellnerin war ihm nach draußen gefolgt.

“Ich sagte doch, behalten Sie das Geld”, sagte er freundlich.

Sie lächelte. “Der Barkeeper meinte, dieses Pärchen, das Sie beobachtet haben, sei nach links gegangen. Der Kerl hat sie zu einem nächtlichen Friedhofsbesuch überredet.” Sie zuckte mit den Schultern, in ihren Augen ein sanftes und dankbares Glühen. “Viele von diesen Arschlöchern, die Frauen aufreißen, überreden sie, sich nachts auf die Friedhöfe zu schleichen. Das ist nicht ungefährlich, mit den ganzen Drogendealern und Schlimmeren, die da rumhängen. Passen Sie auf sich auf.”

“Danke”, sagte er zu ihr. “Vielen Dank.”

Da er die Richtung jetzt kannte, begann er die Straße entlangzurennen. So viel dazu, der Kerl könnte sich einfach für ein Hotelzimmer oder den Parkplatz eines geschlossenen Supermarktes entschieden haben.

Im Laufen klopfte er mit der Hand gegen seine Hosentasche. Er konnte die Ampulle spüren. Er war außerdem bewaffnet – auf herkömmliche Weise bewaffnet –, aber er wusste genau, dass ihm das überhaupt nichts nützen würde, nicht in Anbetracht dessen, was ihn erwartete.

Er erreichte den Friedhof. Das Betreten bei Nacht war verboten, aber er kam ganz leicht über den Zaun und landete mit einem dumpfen Schlag auf der anderen Seite.

Sofort hörte er ein Lachen. Sie waren tiefer in die Anlage gegangen, befanden sich hinter dem verwitterten Stein und abplatzenden Gips eines überirdischen Grabmals, das mit traurigen Engeln und betenden Cherubim verziert war.

“Uh, ist das dekadent. Gruselig und irgendwie auch ganz schön aufregend”, hörte er eine weibliche Stimme.

“Ja. Ich weiß.”

“Du willst es hier? Direkt hier?”, wisperte sie. Ihre Stimme klang ein bisschen unsicher. Jetzt wo sie sich auf dem Friedhof befand, machte ihr die Respektlosigkeit gegenüber den Toten möglicherweise etwas zu schaffen. Oder vielleicht hatte sie auch nur Angst, von der Polizei erwischt zu werden.

“Sag du es mir”, antwortete der Mann. “Möchtest du meine Lippen auf deiner Haut spüren?”

Das Mädchen gab einen Ton von sich, den Mark nicht identifizieren konnte, und er presste seine Kiefer aufeinander, um den Schmerz und die Wut unter Kontrolle zu halten, die ihn durchströmten. Dem Mädchen machte er keinen Vorwurf. Sie könnte genauso gut hypnotisiert sein.

“Ich will, ja”, murmelte sie.

Mark schlich näher heran. Und da waren sie.

Der Mann hatte sein Hemd ausgezogen. Das Mädchen lag ausgebreitet auf einem Grab, ihr nackter Oberkörper schimmerte im Mondlicht. Der Mann beugte sich über sie, seine Hand fuhr ihr Bein entlang, seine Lippen strichen über die nackte Haut ihrer Taille.

“Warte, bitte!” Jetzt lag Angst in der Stimme des Mädchens.

“Zu spät.”

“Nein. Nein!”

“Du bist so hübsch. Wir hätten vorher noch so viel Spaß haben können. Eine Erregung, wie du sie dir niemals hättest vorstellen können. Zu dumm, dass heute Nacht … Tja, ich bin wirklich hungrig. Ist für mich schon eine Weile her seit dem letzten Mal, fürchte ich.”

Sie stieß einen weiteren Protest aus. Mark wusste: Ihr war soeben klar geworden, dass sie heute – jetzt und hier – sterben würde. Verzweifelt versuchte sie zu schreien. Aber das Entsetzen, so süß wie Zucker in ihrem Blut, begann sie zu überwältigen, und sie konnte die Panik nicht herausschreien, die in ihrer Kehle festsaß.

Jetzt!

Mark holte tief Luft und spürte die eigene Anspannung. Wenn er nicht einschritt, würde sie jede Sekunde ihren letzten Atemzug tun. Er griff in seine Tasche und sprang los.

Er war fantastisch in Form, hatte bei den US Marines gedient und dann mehrere Jahre als Türsteher gearbeitet, während er nebenher seine eigenen Arbeiten verkauft hatte. Trotzdem, so schnell er auch sein mochte, der Mann spürte sein Herankommen. Mark hörte das wütende Knurren, noch bevor er sah, wie der Mann an dem Grabmal herumwirbelte, bereit, sich ihm entgegenzustellen. Sein Gesicht war eine schrecklich verzerrte Maske der Wut. Er sah den aufgerissenen Mund, den Schimmer der Fangzähne in der Dunkelheit. Seltsamerweise hatten sie einen faszinierenden schillernden Glanz.

Er fluchte leise. Das war nicht derselbe Mann, den er mit solch verbissener Entschlossenheit verfolgt hatte. Es war ein anderer, aber zweifellos genauso bösartig.

Ihm sank das Herz. Und dennoch …

Diese Kreatur wollte morden. Er musste an die Gerechtigkeit denken – sie hatte Vorrang vor Rache. Er musste auf der Hut sein; er durfte nicht eine Sekunde zögern.

Bevor er ihn jedoch erreichte, ließ der Mann ein raues, amüsiertes Lachen hören. “Wollen Sie mich erschießen?”

“Oh nein, natürlich nicht”, versicherte ihm Mark. Seine Ampulle war gefüllt und geöffnet. Er zielte damit direkt in das Gesicht und auf die Augen seines Gegners.

Es stieß vor Wut und Erstaunen einen markerschütternden Schrei aus, als das Weihwasser sein Gesicht traf. Ein schattenhaftes Flattern in der Dunkelheit, ein schwächliches Schlagen von Flügeln. Es hob ab und stürzte mit voller Wucht auf ein steinernes Grabmal.

Mark folgte ihm. Er holte den kleinen spitz gefeilten Pflock, den er immer bei sich trug, aus seiner Tasche und spießte die neben dem Grab liegende Mischung aus Schatten und Substanz und Fledermausflügeln auf.

Eine Explosion von farbigem Nebel in der Nacht. Staub stieg in die Luft, tiefrot vom Blut vieler Lebensspannen.

Das Flügelschlagen hörte auf. Für einen Augenblick existierte neben dem Grab noch ein klumpiger und dunkler Rest dieses Wesen. Dann war da gar nichts mehr. Nur noch Schmutz und Asche. Staub zu Staub.

Mark stand einfach nur da, starrte darauf hinab und fing plötzlich an zu zittern, während ihm der kalte Schweiß ausbrach.

Mit einem Mal fing das Mädchen an zu schreien. Das riss Mark zurück in die Wirklichkeit, ins Hier und Jetzt. Er drehte sich um. Sie starrte ihn aus wilden, tränenüberströmten Augen an, offenbar total unter Schock.

“Still jetzt”, sagte er, scharf, aber nicht unfreundlich.

“Er war ein … ein Vampir!”, brachte sie heraus. Sie blinzelte, konnte ihren eigenen Worte nicht glauben.

“Ja.”

“Sie haben ihn getötet!”, keuchte sie. “Aber er war echt.” Sie schüttelte den Kopf. “Das kann nicht sein.”

“Ich fürchte, doch.”

Sie schwankte, konnte sich immer noch kaum auf den Beinen halten. Sie zitterte, als hätte sie eine heftige Erkältung.

“War er … war er wirklich ein Vampir?”

Mark hörte Polizeisirenen, die langsam lauter wurden. Jemand musste ihre Schreie gehört haben. “Ja, das war er.” Aber nicht der, hinter dem ich her war, fügte er im Stillen hinzu.

“Ich kann … ich kann das einfach nicht glauben”, sagte sie.

“Wir müssen hier verschwinden. Die Polizei ist unterwegs.”

“Sollten wir nicht bleiben und, ähm, das alles hier melden?”

Er hob eine Braue. “Sie wollen der Polizei melden, was hier passiert ist?”

Immer noch zitternd, starrte sie ihn an. “Ja, aber … Nein, es ist nicht passiert, es kann gar nicht passiert sein.”

“Es ist real.” Er gab sich größte Mühe, geduldig mit ihr zu sein, aber die Zeit wurde langsam knapp. Er seufzte. “Die werden Ihnen sowieso nicht glauben. Wir müssen los.”

Ihre Kiefer bewegten sich, als sie versuchte, zusammenhängende Worte herauszubringen. Endlich sagte sie, immer noch erschauernd: “Helfen Sie mir über die Mauer?”

“Selbstverständlich. Da geht’s lang.”

Er selbst konnte sich schnell wie der Wind bewegen – schließlich hatte er im College Football gespielt –, aber sie war immer noch so benommen, dass es fast so war, als würde er ein totes Gewicht hinter sich herschleifen. Als er sie die Mauer hochschob, musste er sie zum Mithelfen drängen. Dann sprang er hinter ihr her in Sicherheit und half ihr auf der anderen Seite auf den Bürgersteig.

Als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, starrte sie ihn fassungslos an und schüttelte den Kopf. “Er war wirklich ein Vampir?”

“Ja.”

“Nein”, begann sie streitlustig, lenkte aber schließlich ein: “Doch.”

Diese Frau wird eine gründliche Psychotherapie brauchen, dachte er.

“Sie … Sie haben mir das Leben gerettet. Ich … ich … oh Gott, ich schulde Ihnen … Ihnen …”

“Wir beide müssen hier verschwinden. Sonst halten sie uns noch für Junkies oder Diebe oder so etwas”, sagte er rundheraus.

“Ja, aber … Ich muss doch … ich muss Ihnen doch irgendwie danken.” Ihre Augen waren weit aufgerissen und voller Furcht; dieses Angebot war nicht sexuell gemeint, sie war nur dankbar und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Sie drückte das Rückgrat durch, konnte immer noch nicht glauben, was passiert war, versuchte aber, etwas angemessene Würde an den Tag zu legen.

“Mein Leben. Sie haben mir das Leben gerettet. Ich schulde Ihnen etwas.”

Die Streifenwagen näherten sich den Toren des Friedhofs.

“Sie wollen etwas für mich tun? Dann seien Sie vorsichtig. Gehen Sie nicht nachts auf Friedhöfe mit irgendwelchen Typen, die Sie in einer Bar treffen, okay?” Er griff nach ihrer Hand. “Gehen wir.”

Er rannte los und zog sie hinter sich her. Er blieb den ganzen Weg bei ihr, die Canal Street hinunter bis zum Harrah’s.

“Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen”, sagte sie zu ihm.

“Das sollten Sie auch nicht”, erwiderte er sanft. “Gehen Sie da rein. Rufen Sie einen Freund oder eine Freundin an. Lassen Sie sich nach Hause bringen.”

Er drehte sich um und ließ sie einfach stehen. Auf einmal war er völlig erschöpft und sogar noch enttäuschter, als er vor sich selbst zugeben wollte.

Er hatte angenommen, dass er jemand Bestimmtes verfolgen würde. Aber es war ein anderer gewesen. So einfach war das.

Er fluchte leise vor sich hin.

Verdammt, es gab wirklich verteufelt viele von diesen widerlichen Biestern, die Jagd auf unschuldige Menschen machten.

Während er resigniert zurück zu seinem Hotel ging, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass auch die Menschen an sich als widerliche Biester betrachtet werden konnten – sogar schon bevor der Makel des puren Bösen sie berührte.

Er blieb stehen und blickte hinauf in den trüben Himmel. Heute Nacht hatte er einen dieser mörderischen Blutsauger getötet. Und das war erst der Anfang.

“Ich werde kommen, um dich zu holen. Du wirst mein sein. In einer Welt voller Blut und Tod und Finsternis”, wisperte Deanna Marin unheilschwanger.

“Ach du lieber Himmel, lass das doch”, flehte Lauren Crow.

“Im Ernst. Vielleicht öffnen wir wirklich das Tor zu einer anderen Welt, und gleich springen Dämonen heraus und bringen Finsternis und Bösartigkeit über diese Welt.” Heidi Weiss lachte. Sie schaffte es nicht, diesen düsteren, bedrohlichen Tonfall beizubehalten. Deanna konnte das.

Deanna und Heidi starrten Lauren über den Tisch hinweg an, beide mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Sicher, sie alle hatten Drinks vor sich stehen, bestellt in einer der Bars hier am Jackson Square, auch wenn sie schon gar nicht mehr wussten, in welcher. Deannas Glas hatte die Form eines Containers für irgendein Nuklearmaterial, und das von Heidi sah aus wie ein nackter Mann, mit Hintern, Geschlechtsteilen und allem. Vielleicht angeregt durch die Kombination von Alkohol und der ganzen Atmosphäre hier in New Orleans, waren sie plötzlich ganz scharf darauf, eine der zahllosen Wahrsagerinnen rund um den Jackson Square aufzusuchen, die ihre Tarotkarten und Kristallkugeln immer bereithielten.

Lauren war entzückt, wieder einmal hier zu sein – New Orleans gehörte zu ihren Lieblingsorten auf der ganzen Welt. Nur wenige Schauplätze hatten solch eine künstlerische Atmosphäre zu bieten wie New Orleans. Die Stadt bot nicht nur außergewöhnlich viele optische Reize, hier lagen auch noch die Geschichte der ganzen Gegend und die Lebendigkeit der Menschen in der Luft.

Heute Nacht allerdings …

Vielleicht lag es an dem einen Cosmopolitan, den Lauren sich genehmigt hatte, aber anstatt sich lustig und albern vorzukommen wie die anderen, fühlte sie sich, als hätte eine merkwürdige Empfindung von Furcht und Dunkelheit Besitz von ihr ergriffen.

“Lauren, was zum Teufel ist denn mit dir los?”, wollte Heidi wissen. “Das ist doch bloß Spaß.”

Aber Lauren mochte die Vorstellung einfach nicht. Sie wusste selber nicht, wieso – sie war nicht besonders abergläubisch, aber sie hatte noch nie gewollt, dass jemand ihr die Karten legte, die Zukunft aus der Hand las oder ihr auf sonst eine Art Ratschläge aus astralen oder anderen Welten gab. Ihrer Ansicht nach brachte die Zeit schon von allein genug Mühsal mit sich, ohne dass man sich vorzeitig Sorgen machen musste über schlimme Dinge, die vielleicht in Zukunft passieren könnten.

Aber sie wollte auch kein Spaßverderber sein, wo sie nun einmal für Heidis heißersehnten Jungesellinnenabschied hierher nach New Orleans gekommen waren. Sie arbeiteten alle gemeinsam in ihrer eigenen Firma, der “Artistic Concepts Company”, die sie gleich nach dem College gegründet hatten. Daher hatte es allerhand Mühe und Planung gekostet, alle ihre jeweiligen Projekte gleichzeitig abzuschließen, damit sie frei waren und gemeinsam verreisen konnten.

Es war Heidis Party, und Lauren hatte sich geschworen, dafür zu sorgen, dass alles genau so lief, wie Heidi es sich wünschte. Aber dieses Verlangen nach okkulten Spielchen war etwas Neues, und ihr war äußerst unbehaglich dabei.

“Du hast gesagt, du würdest das ganze Wochenende alles tun, damit ich glücklich bin. Denk dran, du bist meine Brautjungfer, und das heißt, dass du jetzt meine Sklavin sein solltest”, frotzelte Heidi.

“Wieso macht dir das überhaupt so viel aus?”, wollte Deanna wissen.

Lauren wusste es selbst nicht genau. Auch war ihr klar, dass es eigentlich dämlich war, aber sie wollte nun einmal nichts über die Zukunft wissen.

“Du kannst selbst aussuchen, zu wem wir gehen. Wie wäre das?”, fragte Heidi.

“Leute, ich finde bloß …”

“Du musst so was nur einmal gemacht haben, dann hast du keine Angst mehr vor ein paar theatralischen Effekten und ein bisschen gruseligem Geschwätz”, meinte Deanna.

“Ich habe keine Angst”, widersprach Lauren sofort, aber noch während sie es aussprach, wurde ihr klar, dass es in Wirklichkeit genau das war. Sie hatte Angst.

“Also wirklich, denk doch mal drüber nach”, sagte Deanna. “Die meisten von diesen Hellsehern sind bloß Studenten, die sich ein bisschen was dazuverdienen. Erinnere dich dran, wie oft wir hier auf der Straße unsere Zeichnungen angeboten haben und wie dringend wir das Geld brauchten, das die Leute uns dafür gegeben haben.”

“Ich finde, ihr vergesst das Wichtigste: Du bist heute meine Sklavin, weißt du noch?”, warf Heidi ein.

“Ja, ja, ja”, murmelte Lauren. “Schon gut. Dann, finde ich, sollten wir zu so einer Voodoo Queen gehen. Wir sind hier schließlich in New Orleans.”

“Kennst du denn eine richtige Voodoo Queen?” Heidi grinste erwartungsvoll.

Lauren musste lächeln; sie konnte sich nicht helfen, sie fand die Frage irgendwie amüsant. Heidi Weiss hatte hellblaue Augen, platinblondes Haar und diese Art von breitem Lächeln, das einem eine gute Stimmung geradezu aufzwang, ob man sich nun fröhlich fühlen wollte oder nicht. Dieses Lächeln jetzt war etwas schief, aber nur ein bisschen. Sie waren noch nicht betrunken, nur gerade ausreichend angeheitert, um sich nicht mehr schlecht fühlen zu können.

“Gehen wir mal herum, sehen wir sie uns alle an”, schlug sie vor.

Was das Aussehen anging, war Deanna das genaue Gegenteil von Heidi, mit ihren dunklen Mandelaugen und dem glatten, beinahe schwarzblauen Haar. Und jetzt beschloss Deanna, das Kommando zu übernehmen. “Okay. Zunächst mal gehen wir um den Square herum. Und wenn wir keine finden, die Lauren gefällt, nehmen wir uns das gesamte French Quarter vor.”

Lauren fragte sich, ob Deanna wirklich noch so viel Energie hatte oder ob sie einfach nur glaubte, Lauren würde sich schneller entscheiden, wenn die Alternative einen endlosen Marsch bedeutete. Denn Lauren war längst – und deutlich sichtbar – sehr erschöpft. Sie waren heute Morgen mit dem Frühflug aus Los Angeles angekommen, und seitdem waren sie ständig in Bewegung gewesen. Lauren fühlte sich in New Orleans immer sehr zu Hause, da sie aus Baton Rouge stammte, aber Deanna war in New York aufgewachsen, und Heidi kam aus Boston. Nachdem sie sich im College angefreundet hatten, waren sie oft hierhergekommen, aber weder Heidi noch Deanna kannten die kleinen Eigenheiten und Schleichwege dieser Stadt so gut wie sie. Zuerst waren sie im Casino gewesen; dann musste sie den beiden jeden kleinen Laden im French Quarter zeigen, sämtliche Geschäfte, die nicht zu einer der Ketten gehörten. Jetzt war sie müde und wollte diese Sache nur so schnell wie möglich hinter sich bringen.

“Da”, sagte sie und zeigte einfach ins Blaue.

Die Frau, die sie sich damit unwillkürlich ausgesucht hatte, saß an einem kleinen tragbaren Tisch mit Blick auf die Kathedrale. Sie schien älter zu sein als die drei Freundinnen, aber ihr genaues Alter war schwer zu sagen. Ihr Haar war mit einem Schal zurückgebunden, sie trug ein weißes Leinenhemd und einen Rock. Sie hatte strenge, aber wunderschöne Gesichtszüge, und der sanfte goldene Schimmer ihrer Haut verriet ihre multiethnische Herkunft. Im Moment sprach sie sehr ernst mit einem Mann, der ihr auf einem Stuhl gegenübersaß, und zeigte dabei auf die Tarotkarten, die sie vor ihm auslegte. Eher als im French Quarter des New Orleans der Gegenwart hätte sie auf einem europäischen Marktplatz während der Renaissance sitzen können. Hinter ihr stand ein kleines rotes Zelt, das auf ein mittelalterliches Schlachtfeld gepasst hätte. Darin war ein weiterer Tisch, bedeckt mit einem Tuch, auf dem der Mond und die Sterne abgebildet waren. Auf dem Tisch stand eine Kristallkugel.

“Sie hat schon einen Kunden”, bemerkte Deanna.

“Das dauert bestimmt nicht mehr lange.” Lauren zuckte die Achseln. Sie war nicht sicher, warum sie ausgerechnet auf diese Frau gezeigt hatte, aber nachdem es nun einmal geschehen war, fühlte sie sich plötzlich sehr entschlossen. Mit einem Mal ging ihr auf, dass sie doch wusste, wieso – sie hätte diese Frau gern gezeichnet. Ihr Gesicht war atemberaubend.

“Wir können auch da drüben zu Madame Zorba gehen”, witzelte Heidi und deutete mit dem Kopf auf eine jüngere Frau gleich daneben.

Lauren grinste. Bei Madame Zorba handelte es sich ganz eindeutig bloß um eine verkleidete Studentin. “Mir gefällt diese Frau hier.”

“Die Straße hoch gibt es außerdem noch so einen gut aussehenden Zigeuner”, meinte Heidi.

“Du bist doch verlobt”, frotzelte Deanna.

“Schon gut, aber du und Lauren, ihr könntet mal wieder einen Kerl gebrauchen”, sagte Heidi.

“Toll. Schönen Dank”, erwiderte Deanna.

“Das fehlt mir gerade noch, ein Zigeuner”, sagte Lauren. Sie behielt das Lächeln im Gesicht. Heidi, verdammt noch mal, du weißt genau, dass ich nicht auf der Suche nach einem Mann bin.

“Du musst dich ja nicht gleich in ihn verlieben, ihn einpacken und mit nach Hause nehmen”, sagte Heidi zu ihr. Dann fügte sie sanft hinzu: “Aber du könntest dich doch mal verabreden. Ist schließlich schon über ein Jahr her.”

“Danke für den Rat, Mom”, murmelte Lauren. Sie blieb stehen, erschauerte plötzlich, blickte nach oben. Der Nachthimmel war wolkenverhangen, und es war auf einen Schlag kühl geworden. Der Mond, dachte sie, scheint durch die Wolken dringen zu wollen, schafft es aber nicht. Sie verzog das Gesicht. Das war seltsam. Wo der Mond sein sollte, war nur ein rotes Glühen zu sehen.

“Morgen könnte es Regen geben”, sagte sie.

“Eigentlich soll es doch das ganze Wochenende schön bleiben”, meinte Deanna.

Lauren hob die Schultern. “Sieh dir den Himmel an.”

“Ach, na ja, ist vielleicht nur Smog”, erwiderte Deanna.

“Hey, wir sind doch nicht in L. A.” Heidi lachte.

“Was – heißt es bloß Abgase, wenn man in L. A. ist?”, wollte Deanna wissen.

“Es ist nur ein zorniger roter Himmel”, murmelte Lauren mit einem Schaudern.

Heidi stöhnte. “Großer Gott, wir sind noch gar nicht bei der Wahrsagerin gewesen, und schon redet sie poetisches Zeug über drohendes Unheil.”

“Es sieht bloß so komisch aus”, sagte Lauren.

“Ist der Wind nicht auch irgendwie seltsam?”, neckte Heidi.

“Der ist tatsächlich ein bisschen kühl geworden”, erwiderte Lauren.

“Na, Gott sei Dank.” Deanna atmete ein.

“Wisst ihr was, wir könnten doch einfach noch was trinken gehen”, schlug Lauren vor.

Heidi kicherte. “Der Typ ist fertig. Gehen wir.”

Lauren seufzte ungeduldig. “Nur dass ihr’s wisst, ihr beiden seid diejenigen, die das unbedingt machen wollen. Ich will euch den Spaß nicht verderben, aber fürs Protokoll: Ich bin gegen diesen Blödsinn.”

“Bei diesem ganzen Trip geht es doch nur um Blödsinn”, erinnerte Heidi sie. “Ich werde heiraten. Keine verrückten Wochenenden mehr mit den Mädels. Keine abenteuerlichen Reisen. Ich meine, Barry ist klasse, es wird ihm schon nichts ausmachen, wenn ich mal für ein paar Tage mit euch verschwinden will, aber … Na ja, ihr wisst schon. Und ich garantiere euch, der leistet sich bestimmt einen von diesen wilden Junggesellenabschieden mit Stripperinnen und allem, und sein bescheuerter Bruder sorgt auch noch dafür, dass ihm eine einen Lap Dance hinlegt.”

“Ich besorge dir gern einen Lap Dance”, sagte Lauren.

Heidi lachte. “Ich will aber keinen Lap Dance. Und jetzt sei mir zu Gefallen, Sklavin.”

“Ich bin total zu Gefallen”, murmelte Lauren. “Gehen wir.”

Als sie auf die Frau zutraten, bemerkte Lauren, dass sie genauso genervt aussehen musste, wie sie sich fühlte. Entweder das, oder sie hatte sich selbst irgendeine lachhafte Paranoia eingeredet. Denn die Frau schien bei ihrem Anblick die Stirn zu runzeln, als wäre sie besorgt. Trotzdem fiel Lauren noch einmal auf, wie kraftvoll ihre Gesichtszüge waren. Sie fragte sich, ob sie wohl den Mut aufbrächte, im passenden Moment zu fragen, ob sie eine Zeichnung von ihr machen dürfe.

Nirgends ein Namensschild an ihrem Tisch, sie nannte sich nicht Madame X oder Madame Zenia oder nach irgendeinem anderen Klischee. Sie erhob sich, streckte einen eleganten Arm aus und hielt ihnen eine schlanke Hand mit polierten Nägeln hin. Sie sagte einfach nur: “Hallo.”

“Hi”, erwiderte Heidi fröhlich.

Die Frau betrachtete Heidi todernst. “Sie wollen in die Zukunft sehen?”

“Ganz bestimmt.” Heidi stellte sich vor. “Ich bin Heidi Weiss, und ich werde bald heiraten. Ich könnte ein paar gute Ratschläge gebrauchen.”

Die Frau nickte, aber man konnte sehen, dass sie aus Heidis freundlichen Worten herausgelesen hatte, dass Heidi nicht im Geringsten an all das glaubte, was sie hier anbot. Für Heidi war alles bloß Spaß.

“Ich bin Deanna Marin”, sagte Deanna und trat vor. “Und das ist Lauren Crow.”

Die Frau hob leicht eine Braue und musterte Lauren. “Crow?”

“Man hat mir gesagt, mein Urgroßvater wäre ein Cherokee gewesen.” Crow bedeutete übersetzt Krähe, war aber auch der Name eines Indianerstammes. Lauren schüttelte der Frau die Hand. Eine Menge Kraft lag in ihrem Handschlag. Auf seltsame Art fand Lauren das beruhigend.

“Ich selbst habe auch Cherokee-Blut in den Adern. Wir haben dieselben grünen Augen.”

“Das haben wir”, stimmte Lauren zu, obwohl sie gar nicht sicher war, ob die grünen Augen tatsächlich vom Cherokee-Teil ihrer Familie stammten.

“Sie sind groß, knapp eins achtzig?”

“So ungefähr. Ein anderer Großvater kam von den Orkney Islands. Ein breiter Riese, hat man mir erzählt. Teilweise Wikinger, teilweise Schotte.”

“Ah, und deshalb haben Sie rote Haare.”

“Ich finde sie eher rotbraun.”

Die Frau lächelte. Lauren musste zugeben, dass sie ihr sympathisch war, aber gerade deswegen wollte sie sich erst recht nicht mehr die Zukunft von ihr vorhersagen lassen. Stattdessen hätte sie diese Frau gern dazu eingeladen, etwas mit ihnen zu trinken.

“Ich bilde mir gern ein, dass ich noch nicht grau werde. Ich heiße Susan”, sagte die Frau.

Heidi fing an zu kichern. “Oh, tut mir leid”, entschuldigte sie sich rasch. “Es wirkt bloß alles so … so normal.”

Susan erwiderte mit einem leisen Lächeln: “Das Leben ist normal, der Zyklus des Lebens ist normal, die Luft, die wir atmen, ist normal. So viele Dinge sind normal, einschließlich vieler Sachen, die wir noch nicht verstehen können.”

“Sie haben ein wunderschönes Gesicht”, hörte Lauren sich selbst herausplatzen.

Bei diesem Kompliment neigte Susan leicht den Kopf. Als sie erneut aufsah, lächelte sie. “Sie sind Künstlerinnen?”

“Ich bin eigentlich Grafikdesignerin”, sagte Deanna. “Heidi und Lauren allerdings können alles zeichnen, was es auf dieser Welt gibt. Sie sind fantastisch.”

“Und Sie würden gern eine Zeichnung von mir machen?” Susan sah Lauren an.

“Das fände ich toll.”

“Deswegen sind wir aber nicht hier”, sagte Heidi.

“Ah, sicher, die Zukunft.” Susan hob die Hände. “Was wird die Zukunft bringen? Möchten Sie, dass ich aus Ihrer Hand lese? Oder sollen wir mal schauen, was in den Karten steht? Und dann gibt es natürlich immer noch die Kristallkugel.”

“Jede von uns sollte etwas anderes probieren”, schlug Deanna vor.

“Ich nehme die Tarotkarten”, sagte Heidi.

“Ich das Handlesen”, beschloss Deanna.

Lauren zuckte mit den Schultern. “Dann eben die Kristallkugel.”

Susan nickte und zeigte auf ein paar Klappstühle im Innern des Zeltes. “Lauren, Sie dürfen gern zeichnen, wenn Sie wollen. Ich fange mit der Braut an.”

Lauren hatte immer einen kleinen Zeichenblock in ihrer Handtasche, aber sie fragte sich, woher Susan das wusste. Sie war leicht irritiert. Oder eher ziemlich irritiert, wenn sie ganz ehrlich sein sollte. Aber dann sagte sie sich, dass Susan ja bereits wusste, dass sie Künstlerinnen waren. Der Gedanke, dass sie einen Zeichenblock dabeihaben könnte, war lediglich eine logische Schlussfolgerung. Zweifellos lernten die meisten Menschen, die sich mit so etwas wie Wahrsagen ihren Lebensunterhalt verdienten, schnell, ihre Kundschaft richtig einzuschätzen, sehr viel aus wenigen Worten herauszulesen und intuitiv zu wissen, wie sie sich verhalten mussten.

Deanna hatte die kleinen Holzstühle aus dem Zelt geholt. Sie setzte sich neben Heidi, während Lauren ihren Stuhl etwas zurückschob und ihren Zeichenblock herausholte. Als sie sich hinsetzte und zusah, wie Susan Heidi erklärte, wie sie ihre Karten aussuchen sollte, hörte sie die Geräusche um sich herum. In der Entfernung Musik, die aus den Bars drang. Leute unterhielten sich, andere gaben angesichts der auf der Straße feilgebotenen Kunstwerke Ahs und Ohs von sich. Gegenüber, vor der Kathedrale, hatte ein einsamer Flötist seine Mütze umgedreht auf den Boden gelegt, und jetzt spielte er ein klagendes und wunderschönes Stück.

Sie sah erneut hoch zum Himmel. Noch immer zogen schwere Wolken über den Mond wie ein roter Vorhang.

Sie musterte Susan. Die Frau war sehr zurückhaltend. Elegant. Überhaupt nicht das, was sie erwartet hatte. Ihr Bleistift glitt über das Papier. Zuerst zog sie die Linien, dann fügte sie Schatten und Schattierungen hinzu. Zum Schluss den Hintergrund, die Bäume um den Platz herum, die Bürgersteige, das Zelt, die Statue von Präsident Andrew Jackson, die sich weit hinter Susan erhob.

“Ups! Was soll das denn heißen?”, fragte Heidi. Laurens Aufmerksamkeit richtete sich auf den Tisch, wo Heidi eine Karte umgedreht hatte, auf der ein Skelett zu sehen war.

“Das bedeutet Tod, oder nicht?”, fragte Heidi.

Susan schüttelte den Kopf. “Oftmals weist es auf eine Veränderung hin, ein Ende, damit es einen neuen Anfang geben kann. Sie sind dabei, Ihr Leben als Single zu beenden. Sie werden ein neues Leben beginnen.”

“Huh”, wisperte Heidi. Obwohl das amüsiert klingen sollte, war sie, wie Lauren glaubte, in Wirklichkeit sehr erleichtert, und ihr wurde wieder unbehaglich zumute.

“Und was heißt das?” Deanna zeigte auf eine andere Karte.

“Liebe.” Susan sah Heidi an. “Sie können ganz sicher sein – Ihr Verlobter liebt Sie sehr. Sie sind alles, was er sich jemals gewünscht hat, alles, was er in seinem ganzen Leben braucht.”

“Oh.” Heidi holte glücklich Luft. “Das geht mir mit ihm genauso.”

“Ja, das kann ich sehen”, murmelte Susan.

“Und bei der Hochzeit wird es keine Probleme geben?”, fragte Heidi.

“Keine Hochzeit geht ganz ohne Probleme über die Bühne”, erwiderte Susan trocken, sammelte die Karten ein und packte sie auf einen säuberlichen Stapel. “Aber Sie lieben einen Menschen, und Sie werden ebenfalls sehr geliebt.”

“Haben Sie vielen Dank.” Heidi erhob sich und warf Lauren einen Blick zu, der ganz eindeutig besagte: Na, siehst du? Nichts, wovor man Angst haben muss.

Lauren lächelte zögernd und fragte sich, ob Heidi wirklich zugehört hatte. Susan hatte überhaupt nichts Eindeutiges über Heidis Hochzeit gesagt – nur etwas über Hochzeiten allgemein. Und sie hatte gesagt, das Skelett weise oftmals auf eine Veränderung hin.

Andererseits, sagte Lauren sich, bin ich ja vielleicht auch diejenige, die etwas aus Worten heraushört, das gar nicht gesagt worden war.

“Dann mal zum Handlesen”, meinte Deanna. Sie tauschte mit Heidi die Plätze. Dabei warf sie einen Blick auf Laurens Zeichnung und verzog das Gesicht.

“Was ist damit?”, fragte Lauren.

“Ach nichts, nehme ich an. Eine tolle Zeichnung. Bloß dass … Na ja, du hast das Skelett in den Mittelpunkt gestellt.”

“Hab ich nicht!”, widersprach Lauren und blickte auf ihre Zeichnung. Sie fand, es wäre eine ihrer besten. Sie hatte nicht einfach ein zweidimensionales Bild hingeworfen, sondern ihm große Tiefe verliehen. Sie hatte die seltsame und fesselnde Schönheit getroffen, die Susan an sich hatte. Sie hatte die Atmosphäre des Square eingefangen. Beinahe konnte man die Musik um sie herum hören, wenn man sich die Zeichnung ansah.

Aber trotzdem …

Deanna hatte recht. Irgendwie hatte sie die Tarotkarte bis ins kleinste Detail wiedergegeben, sodass sie unweigerlich den Blick des Betrachters auf sich zog und so zum Mittelpunkt des ganzen Bildes wurde.

“Zeichne mich bloß nicht”, flüsterte Deanna ihr zu.

“Schon gut”, versicherte Lauren ihr ruhig.

Susan beobachtete die beiden. Deanna bemerkte es und lächelte reumütig. “Lauren ist auch mal verlobt gewesen.”

“Und der junge Mann ist gestorben”, sagte Susan.

Das ist aber verdammt gut geraten, dachte Lauren nervös. Obwohl, es gab ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder hatten sie sich getrennt, oder er war gestorben. Ihr war bewusst, dass sie nur eine von vielen jungen Frauen dieser Zeit war, denen es so erging. Sie hatte sich in einen Soldaten verliebt. Er war in den Krieg gezogen. Ein halbes Jahr lang hatten sie E-Mails ausgetauscht, und dann hatte sie keine Antworten mehr bekommen.

Bis der Lieutenant von der Army bei ihr zu Hause vor der Tür stand.

Sie hatte alles durchgemacht. Die Verzweiflung, die Wut. Und dann waren die Wunden geheilt. Sie glaubte nicht, dass sie irgendwelche fürchterlichen Folgeschäden davongetragen hatte. Sie war nur nicht aktiv darauf aus, sich noch einmal zu verlieben. Aber wenn der richtige Mann auftauchte …

Wäre sie bereit?

Sie wusste es nicht.

“Es tut mir so leid”, sagte Susan ernst zu Lauren. Sie meinte es offenkundig ganz aufrichtig, wodurch Lauren sich auf einmal verschwommen schuldig fühlte, obwohl ihr nicht klar war, wieso.

“Vielen Dank.” Sie versuchte das unbehagliche Gefühl zu verdrängen. “Aber na ja, das ist die Vergangenheit, und wir wollen in die Zukunft sehen, oder nicht? Was lesen Sie denn in Deannas Hand, Susan?”

Susan musterte Deannas Handfläche und sah mit ernstem Gesichtsausdruck wieder auf.

“Was denn?”, wollte Deanna ungeduldig wissen.

“Also, bis jetzt verrät sie mir, dass Sie überhaupt nicht gern Hausarbeit machen”, sagte Susan.

Sogar Deanna musste lachen. “Okay, da bin ich ein Versager. Im Ernst, darin bin ich gar nicht gut, also lass ich es einfach gleich bleiben.”

“Keine Sorge, zweimal die Woche kommt eine wunderbare Frau zu ihr und erledigt das für sie”, versicherte Heidi Susan.

Susan fuhr mit der Fingerspitze eine Linie in Deannas Handfläche entlang.

“Das ist die Lebenslinie, stimmt’s?”, fragte Heidi.

Susan zuckte die Achseln.

“Sieht nicht besonders lang aus”, meinte Deanna besorgt.

Susan sah Deanna an und schüttelte den Kopf. “Oft bedeutet das alles nur, was wir daraus machen. Die Linie, es ist wie bei der Karte. Es muss überhaupt nichts Schlimmes heißen. Es weist auf Veränderung hin. Eine Veränderung im Leben. So wie Heidi heiraten wird.”

“Ich hab nicht mal einen festen Freund”, sagte Deanna.

“Sie sind eine schöne Frau.” Susan wich aus.

“Was sehen Sie sonst noch?”

Susan zeigte auf etwas. “Hier, künstlerischer Erfolg. Sie sind klug und zielstrebig.” Susan sah auf und blickte Deanna fest in die Augen. “Wenn Sie sich zu etwas entschlossen haben, dann können Sie es auch erreichen. Wenn wir etwas nicht schaffen, liegt das viel zu oft nur daran, dass wir Angst haben. Denken Sie immer daran, Sie haben das Talent und den Willen. Lassen Sie sich nicht von irgendwelchen widrigen Umständen abschrecken, auch wenn sie Ihnen zunächst unüberwindlich vorkommen. Sie haben sehr viel Kraft. Und es wird bald Veränderungen geben.”

“Werde ich jemals heiraten?”, fragte Deanna.

Susan hob die Schultern. “Das verrät mir Ihre Handfläche nicht. Ich kann aber sagen, dass Sie auf jeden Fall leidenschaftlich sind, sich verschenken können und sehr wohl in der Lage sind, um sich herum das Feuer, die Leidenschaft und die Liebe zu erwecken.”

“Das gefällt mir”, meinte Deanna.

Lauren betrachtete sie und versuchte Susans Blick auszuweichen. So was hätte dir jeder erzählen können, stand in ihren starren Augen.

“Du bist dran”, sagte Deanna.

“Ah ja, die Kristallkugel für unsere hochbegabte junge Künstlerin”, murmelte Susan. Allerdings rührte sie sich nicht, und ihr Blick war nach unten gerichtet.

“Ich glaube, Susan ist erschöpft”, sagte Lauren.

“Oh nein, du wirst dich nicht davor drücken!”, insistierte Heidi.

“Darf ich mir das mal genauer ansehen?”, fragte Susan.

Lauren reichte ihr die Zeichnung, die sie gemacht hatte.

“Sie sind sehr freundlich”, murmelte sie. “Sie haben mir auf dem Blatt große Schönheit verliehen.”

“Ich würde gern noch etwas daran feilen. Ich schicke Ihnen eine Kopie, wenn ich fertig bin”, sagte Lauren zu ihr.

Susan nickte und gab ihr die Zeichnung zurück. Lauren klappte den Zeichenblock zu und steckte ihn in ihre Handtasche.

“Anscheinend hatten Sie heute Abend viel Kundschaft. Sie sehen müde aus. Sie müssen wirklich nicht noch einmal in die Zukunft schauen.”

“Sie versucht bloß, sich da rauszumogeln”, erklärte Heidi.

Susan erhob sich. Sie lächelte nicht. “Ich glaube, wir müssen in die Kristallkugel blicken.”

Heidi und Deanna standen ebenfalls auf.

“Im Zelt ist nur Platz für eine Person – tut mir leid. Die Kristallkugel ist etwas ganz anderes als die Karten oder die Handfläche.”

Susan wartete ernst, und schließlich folgte Lauren ihr in das Zelt. Die abendlichen Geräusche von der Straße wurden leiser. Als sie sich Susan gegenübersetzte, war die Welt da draußen praktisch verschwunden.

“Ihr Verlobter, er war ein Soldat?”, fragte Susan, in die Kristallkugel starrend.

Verblüfft sah Lauren sie an. “Ja.”

“Es tut mir sehr leid, wirklich. Aber es gibt jene Menschen, die glauben, dass wir bestimmte Schicksale nicht vermeiden können. Andere glauben, dass wir unsere eigene Zukunft beeinflussen können. Vielleicht sind viele Menschen noch am Leben, weil Ihr junger Mann gestorben ist”, sagte sie sanft.

“Ich danke Ihnen. Daran möchte ich selbst gern glauben”, flüsterte Lauren.

“Sie verabreden sich nicht oft.”

“Ich habe schon Verabredungen gehabt.”

Susan lächelte geheimnisvoll.

“Was ist?”, fragte Lauren.

“Sie verabreden sich nicht oft, weil Sie seit dem Verlust Ihres Mannes das Gefühl haben, Ihnen würden nur noch Volltrottel begegnen. Oder Kerle, die Sie bloß ausnutzen wollen.”

“Es ist halt schwer, den Richtigen zu finden.”

Sie hatten sich ganz beiläufig unterhalten, beinahe als wäre das hier ein gewöhnliches Gespräch in einer Bar oder einem Café in der Stadt. Aber Lauren bemerkte, dass sich, seit sie in das Zelt getreten war, irgendetwas auf subtile Art verändert hatte.

Die Kristallkugel hatte angefangen zu glühen, sich mit einem roten Nebel zu füllen.

Sie starrte die Kugel an, unfähig, den Blick davon loszureißen. Nur schemenhaft erkannte sie Susans Gesicht dahinter, wie aus weiter Ferne registrierte sie, dass die andere Frau angespannt, ja geradezu verstört wirkte.

“Sie müssen diesen Ort verlassen, Sie und Ihre Freundinnen. Sie müssen sofort aus New Orleans abreisen.”

“Ja”, sagte Lauren.

Aber sie konnte sich nicht bewegen. Es fühlte sich an, als wäre sie an ihrem Stuhl festgeklebt, als wären sämtliche Muskeln paralysiert.

Irgendetwas Dunkles erschien im Mittelpunkt der Kristallkugel, dunkel und rot, es nahm Formen an, während die Millisekunden dahinrasten.

Ein Vogel. Etwas mit Flügeln.

Dann wieder nicht.

Es nahm die Gestalt eines Mannes an. Groß, dunkles Gesicht, imposante Figur.

Ein Geräusch schien in ihren Ohren aufzusteigen, und sie merkte, dass es sich um Gelächter handelte. Tief, voll, höhnisch – und grausam.

Sie hörte Worte.

Zunächst so leise, dass sie nicht verstehen konnte, was gesagt wurde. Dann wusste sie es plötzlich.

“Ich kriege dich. Ich werde kommen, um dich zu holen.”

“Nein”, flüsterte Lauren und versuchte, nicht den Verstand zu verlieren, realistisch zu bleiben. Jemand musste sie vorhin belauscht haben. Jemand hatte die Worte mitbekommen, die Deanna im Scherz gesagt hatte.

“Lauren!” Die finstere Gestalt redete sie mit Namen an. “Ich komme, um dich zu holen, Lauren!”

“Nein!”

“Ich werde kommen, um dich zu holen. Du wirst mein sein, in einer Welt voller Blut und Tod und Finsternis.”

Susan sprang plötzlich auf, als ob sie sich mit einem Mal von unsichtbaren Fesseln befreit hätte, die auch sie auf dem Stuhl festgehalten hatten.

Sie gab ein merkwürdiges Geräusch von sich und riss die Arme hoch.

Die Kristallkugel flog vom Tisch und zerschmetterte auf dem Boden.

Aber selbst als sie in tausend Teile zersprang, kam es Lauren so vor, als würde die Luft vom heiseren Raunen bösartigen Gelächters erfüllt.

2. KAPITEL

Lauren fand sich außerhalb des Zeltes wieder, obwohl sie nicht genau wusste, wie sie dorthin gekommen war. Es sah jetzt wieder ganz gewöhnlich aus, nur ein kleines rotes Zelt.

Sie stand davor, ganz so als hätten sie diese Sitzung völlig normal zu Ende gebracht, als wäre sie nach irgendeiner netten und normalen Zukunftsvorhersage ganz locker wieder hinausspaziert. Sie war wieder draußen, inmitten des Neonlichts und der umtriebigen Nacht. Einer ganz normalen Nacht hier in New Orleans. Sie hörte Schritte und Lachen, Gesprächsfetzen, das Klappern der Maultierhufe auf der Straße, die Kutschen voller Touristen zogen.

Heidi und Deanna starrten sie voller Verblüffung an, und das war überhaupt nicht normal.

Lauren drehte sich um, um in das Zelt zu schauen. Was sie dort gesehen hatte, kam ihr jetzt lachhaft vor, aber da lag die zerschmetterte Kristallkugel: der Beweis, dass irgendetwas Außerordentliches dort drin passiert war.

“Lauren!” Heidi war schockiert. “Susan, das tut uns furchtbar leid. Natürlich bezahlen wir die Kristallkugel. Was ist denn bloß passiert?” Sie griff nach Laurens Arm und senkte die Stimme zu einem Flüstern. “Ich wusste ja, dass das nicht gerade dein Ding ist, aber musstest du gleich ihre Kristallkugel kaputt machen?”

“Das war ein Unfall!”, protestierte Lauren.

Es war ein Unfall gewesen – und sie war ganz bestimmt nicht diejenige, die ihn verursacht hatte. Aber darüber hinaus konnte sie in echt gar nicht gesehen haben, was sie zu sehen geglaubt hatte. Man hatte sie hereingelegt. Das musste irgendein finsterer Trick gewesen sein, auch wenn ihr das jetzt ganz unmöglich erschien, bei all den Lichtern und dem Lärm um sie herum.

Sogar jetzt schon begannen die Einzelheiten von dem, was sie gesehen und gehört hatte, aus ihrem Gedächtnis zu verschwinden. Sie wollte sie festhalten, aber alles wurde undeutlich. Und sie fing an, sich wie eine Idiotin vorzukommen.

Ging es ihr geistig oder seelisch doch viel schlechter, als sie bisher angenommen hatte?

Nein!

Susan starrte sie immer noch an. Sie schien wegen ihrer Kristallkugel gar nicht weiter bedrückt zu sein, sondern sich Sorgen um Lauren zu machen.

“Wo seid ihr drei denn abgestiegen?”, fragte Susan.

“Im Old Cote”, antwortete Deanna.

Susan verzog verwirrt das Gesicht. “Das kenne ich nicht.”

“Es ist ein toller Laden, besteht aus mehreren Cottages. Vor dem Hurrikan war es mal ein großer Familienbesitz, aber jetzt haben sie es als Gästehaus wieder aufgemacht, um ein paar ihrer Verluste wieder hereinzuholen. Die Großmutter – die Familienmatriarchin, nehme ich an – hat Spaß daran, also schätze ich, dass es den Laden eine Zeit lang geben wird. Hab ich im Internet gefunden.” Deannas Begeisterung für ihren kleinen Fund war offensichtlich.

“Aber wo ist es denn?”, fragte Susan.

Der drängende Tonfall der Wahrsagerin schien Deanna zu überraschen. “An der Conti und zum Glück ein ganzes Stück von der Bourbon Street entfernt. Der Lärm ist toll, wenn man selbst bei der Party mitmacht, aber er kann lästig werden, wenn man schlafen will.”

“Ihr müsst da raus. Geht in das größte, belebteste Hotel, nehmt euch ein Zimmer zu dritt und bleibt zusammen, bis ihr aus New Orleans verschwinden könnt”, warnte Susan.

“Aber wir reisen doch noch nicht ab”, sagte Heidi. “Wir bleiben mehrere Tage. Das hier ist mein Junggesellinnenabschied.”

Susan schüttelte mit angewidertem Gesicht den Kopf. Sie starrte Lauren an. Lauren wusste genau, was ihr eigener Gesichtsausdruck der Frau zeigte: dass sie sich bereits dämlich fühlte und skeptisch war, als wäre sie einem Trick zum Opfer gefallen – oder einem schlechten Scherz.

“Ihr müsst hier weg.”

“Also bitte”, sagte Deanna ungeduldig.

“Ich zahle für Ihren Schaden.” Heidi klang langsam gereizt.

“Sie sind wegen Zukunftsvorhersagen gekommen. Die haben Sie bekommen, und jetzt müssen Sie gehen”, sagte Susan.

Heidi zog ihr Portemonnaie heraus und wollte Susan Geld geben, aber die Frau trat nur zurück. Heidi legte das Geld kopfschüttelnd auf den Tisch. Dann griff sie nach Laurens Arm und zog sie fort. “Du suchst nie wieder einen Wahrsager aus”, sagte sie und schleifte sie hinter sich her.

Nachdem sie zwischen sich und den Platz einige Entfernung gebracht hatten, brach Deanna in Lachen aus. “Das war doch wie in einem alten Horrorfilm, findet ihr nicht auch?”

“Die wollte uns bestimmt gleich sagen, wir sollten uns vor dem Biss eines Werwolfs in Acht nehmen”, stimmte Heidi zu, bevor sie ebenfalls in Lachen ausbrach.

“Und ausgerechnet du! Du bist auf ihre Tricks hereingefallen”, sagte Heidi zu Lauren.

“Bin ich nicht”, widersprach Lauren, aber im Stillen dachte sie: Doch, bin ich. Das war verdammt gruselig da drin.

Aber jetzt, als sie durch die Royal Street gleich bei der Bourbon Street gingen, fühlte sie sich wie eine Närrin. Bands spielten laut an jeder Ecke, die Klänge von Jazz mischten sich mit denen von Rockmusik.

“Wir brauchen was zu trinken”, sagte Heidi. “Welches Gift hättet ihr denn gern?”

“Miau”, sagte Deanna.

“Was?”

“Katzenmusik. Karaoke”, erwiderte Deanna.

“Du machst Witze. Wir können doch gar nicht singen.”

“Genau deshalb sind wir ideal für Karaoke”, sagte Deanna fröhlich.

“Für so was muss ich erst noch viel betrunkener werden”, meinte Lauren. Die beiden brachten sie zum Lachen, aber Karaoke war genauso wenig ihr Ding wie mystischer Mumpitz. “Wartet!”, rief sie, stoppte mitten im Schritt und zwang die anderen, ebenfalls stehen zu bleiben.

“Was ist?”, fragte Deanna.

“Ich bin ausschließlich Heidis Sklavin. Heidi, du willst doch nicht wirklich Karaoke singen, oder?”

“Und ob!”, sagte Heidi.

Aufstöhnend wurde Lauren mit in die Bar geschleift.

Es erwies sich dann aber als gar nicht so schlimm. Der Zeremonienmeister war ein attraktiver, gut gebauter Schwarzer mit einer außergewöhnlichen Stimme. Die Musik, die er auswählte, war großartig; der Schuppen tobte. Der ganze Saal schien die Darbietung von “Summer Nights”, durch die Heidi und Deanna sich kicherten, grandios zu finden.

Aber als die beiden von der Bühne kamen, merkte Lauren erleichtert, dass sie jetzt doch genug von dem Krach und dem Massenandrang hatten und gehen wollten. Gut, so musste sie sich nicht auch noch in aller Öffentlichkeit zum Affen machen. Sie verließen den Club und gingen die Straße entlang zu einer nicht ganz so grellen Bar, in der Soft Jazz gespielt wurde.

“Bestell für mich noch einen von diesen Sprudeldrinks, wie ich vorhin einen hatte”, sagte Lauren zu Deanna, als sie einen freien Tisch gefunden hatten. “Ich geh mal die Toilette suchen.”

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