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Der Flug der Störche

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. I SÜSSES EUROPA
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  1. II SOFIA IN ZEITEN DES KRIEGES
  2. 6
  3. 7
  4. 8
  5. 9
  6. 10
  7. 11
  8. 12
  9. 13
  10. 14
  11. 15
  1. III DER STORCHENKIBBUZ
  2. 16
  3. 17
  4. 18
  5. 19
  6. 20
  7. 21
  8. 22
  9. 23
  10. 24
  11. 25
  12. 26
  13. 27
  14. 28
  1. IV URWALD
  2. 29
  3. 30
  4. 31
  5. 32
  6. 33
  7. 34
  8. 35
  9. 36
  10. 37
  11. 38
  12. 39
  13. 40
  14. 41
  15. 42
  16. 43
  17. 44
  1. V EIN HERBST IN DER HÖLLE
  2. 45
  3. 46
  4. 47
  5. 48
  6. 49
  7. 50
  8. 51
  9. 52
  10. 53
  1. VI KALKUTTA. FORTSETZUNG UND ENDE
  2. 54
  3. 55
  4. 56
  5. 57
  1. Epilog

Über das Buch

Jedes Jahr im Spätsommer versammeln sich die Störche und brechen nach Süden auf. Und jedes Jahr im Frühling kehren sie zurück in ihre alten Nester. Doch diesmal bleibt die Rückkehr der Zugvögel aus. Ein Schweizer Ornithologe schlägt Alarm. Er erteilt Louis Antioche den Auftrag, den Weg der Störche von Europa nach Zentralafrika zu verfolgen. Seine Nachforschungen werden zu einer Reise ins Grauen.

Über den Autor

Jean-Christophe Grangé, 1961 in Paris geboren, war als freier Journalist für verschiedene internationale Zeitungen (Paris Match, Gala, Sunday Times, Observer, El Pais, Spiegel, Stern) tätig. Für seine Reportagen reiste er zu den Eskimos, den Pygmäen und begleitete wochenlang die Tuareg. »Der Flug der Störche« war sein erster Roman und zugleich sein Debüt als französischer Topautor im Genre des Thrillers. Jean-Christophe Grangés Markenzeichen ist Gänsehaut pur. Frankreichs Superstar ist inzwischen weltweit bekannt für unerträgliche Spannung, außergewöhnliche Stoffe und exotische Schauplätze. Viele seiner Thriller wurden verfilmt. In Deutschland bereits erschienen sind seine Romane »Der Flug der Störche«, »Die purpurnen Flüsse«, »Der steinerne Kreis«, »Das Imperium der Wölfe«, »Das schwarze Blut« und »Das Herz der Hölle.«

1

Ich hatte Max Böhm versprochen, ihm vor dem großen Aufbruch noch einen letzten Besuch abzustatten.

An dem Tag braute sich über der französischen Schweiz ein Unwetter zusammen. Am Himmel ballten sich bläulich-schwarze Wolkenmassen, zwischen denen glashelle Abgründe klafften, und ein heißer Wind wehte aus allen Richtungen. Ich fuhr in einem gemieteten Cabrio am Ufer des Genfer Sees entlang. In einer Kurve tauchte Montreux auf, wie ein Schemen in der elektrisch geladenen Luft. Der See schlug unruhige Wellen, und die Hotels schienen, trotz der Touristensaison, zu düsterem Schweigen verurteilt. Kurz vor dem Zentrum verringerte ich das Tempo und bog in die engen Gassen ein, die zur Oberstadt hinaufführen.

Als ich vor Max Böhms Chalet eintraf, herrschte beinahe Finsternis: Es war fünf Uhr nachmittags. Ich läutete, keine Antwort. Ich läutete abermals und lauschte. Drinnen rührte sich nichts. Ich drehte eine Runde ums Haus: kein Licht, kein offenes Fenster. Sonderbar. Bei meinem ersten Besuch hatte ich Böhm als einen eher pünktlichen Menschen kennengelernt. Ich kehrte zu meinem Wagen zurück und wartete. In der Ferne wälzte sich ein dumpfes Grollen über den Himmel, und ich schloss das Verdeck des Wagens. Um siebzehn Uhr dreißig war Böhm noch immer nicht erschienen. Ich beschloss, zum Freigelände zu fahren: Vielleicht war der Ornithologe unterwegs und beobachtete seine Schützlinge.

Über Bulle im Kanton Fribourg gelangte ich in die deutsche Schweiz. Es regnete noch immer nicht, aber der Wind hatte seine Stärke verdoppelt und wirbelte Staubwolken unter meinen Reifen auf. Eine Stunde später war ich in der Umgebung von Wessembach und fuhr die Felder entlang bis zum Gelände. Ich schaltete den Motor aus und ging zu Fuß durch die Äcker zu den Käfigen.

Hinter dem Gitterzaun entdeckte ich die Störche. Orangefarbene Schnäbel, schwarz-weiße Gefieder, lebhafte Augen. Sie schienen unruhig, schlugen wild mit den Flügeln und klapperten mit den Schnäbeln – sicher wegen des aufziehenden Gewittersturms, aber wohl auch aus ihrem Wandertrieb heraus. Böhms Worte kamen mir in den Sinn: ›Die Störche gehören zu den instinktiven Zugvögeln. Der Zeitpunkt des Abflugs hängt nicht von klimatischen oder ernährungsbedingten Umständen ab, sondern wird durch eine innere Uhr bestimmt. Eines Tages ist es ganz einfach Zeit zum Aufbruch.‹ Wir hatten Ende August, und anscheinend spürten die Störche das geheimnisvolle Signal. Auf den Weiden nicht weit von hier flatterten weitere Störche auf und nieder, gebeutelt vom Wind. Auch sie drängte es zum Aufbruch, aber Böhm hatte ihnen an einem Flügel die Schwungfedern gestutzt, um sie am Abflug zu hindern. Dieser ›Freund der Natur‹, als der er sich bezeichnete, hatte eine recht merkwürdige Auffassung von der Ordnung der Welt.

Auf einmal tauchte aus den benachbarten Feldern ein Mann auf, der nur aus Haut und Knochen bestand; er ging gebeugt und stemmte sich gegen den Wind. Der Geruch von frischgeschnittenem Gras brach mit Macht über mich herein, und ich spürte, wie unter meiner Schädeldecke ein Schmerz emporkroch. Aus der Ferne schrie mir das Gerippe auf Deutsch etwas zu. Ich brüllte ein paar französische Sätze zurück, woraufhin er mir sofort in derselben Sprache antwortete: »Böhm ist heute nicht gekommen. Gestern auch nicht.« Der Mann war weitgehend kahl; nur über seiner Stirn tanzten ein paar faserige Strähnen, die er unermüdlich auf dem Schädel glatt strich. Er fügte hinzu: »Normalerweise kommt er jeden Tag und füttert seine Viecher.«

Ich stieg wieder ins Auto und fuhr eilig zum ›Écomusée‹, einem Freilichtmuseum nicht weit von Montreux, wo man traditionelle Schweizer Sennhäuser bis ins kleinste Detail nachgebaut hatte. Unter Max Böhms Oberaufsicht war auf jedem Kamin ein Storchenpaar angesiedelt worden. Ich hatte das künstliche Dorf bald erreicht. Zu Fuß machte ich mich auf den Weg durch verlassene Gassen und irrte lange Zeit in dem Labyrinth braunweißer Häuser umher, in denen das Nichts zu hausen schien. Endlich entdeckte ich den Wachtturm, ein düsteres, quadratisches Bauwerk, mehr als zwanzig Meter hoch. Auf der Spitze thronte ein Storchennest von riesigem Ausmaß, nur die äußeren Umrisse waren davon zu sehen. »Das größte Nest Europas«, hatte Max Böhm gesagt. Dort oben auf ihrem Kranz aus Zweigen und Erde hockten die Störche, und das Klappern ihrer Schnäbel hallte durch die leeren Gassen wie das Getöse aufeinanderprallender Baggerschaufeln. Von Böhm keine Spur.

Ich kehrte um und suchte das Haus des Wächters. Ich fand den Nachtwächter vor seinem Fernseher sitzen. Er aß ein Sandwich, während sein Hund Fleischklöße aus dem Napf in sich hineinschlang. »Böhm?«, fragte er mit vollem Mund. »Vorgestern ist er gekommen und zum Wachtturm gegangen. Wir haben die Leiter rausgeholt.« Ich erinnerte mich an das Höllengerät, das der Ornithologe benutzte, um zum Nest hinaufzusteigen: eine uralte, halb vermoderte Feuerwehrleiter. »Aber ich hab ihn seitdem nicht mehr gesehen. Er hat nicht mal sein Zeug aufgeräumt.« Der Mann zuckte die Achseln und fügte hinzu: »Böhm ist hier zu Hause. Er kommt und geht, wie es ihm passt.«

Zum Zeichen, dass die Unterredung für ihn beendet sei, biss er von seinem Sandwich ab. Eine dumpfe Ahnung überkam mich.

»Würden Sie sie noch mal rausholen?«

»Wen?«

»Die Leiter.«

Wir gingen hinaus in den Sturm, und der Hund drängte sich zwischen unsere Beine. Der Wächter stapfte schweigend neben mir her, sichtlich verstimmt über mein nächtliches Unterfangen. Am Fuß des Wachtturms schloss er die Tür zu der danebenliegenden Scheune auf. Wir zogen die Leiter heraus, die auf einen zweirädrigen Karren montiert war. Das Gerät schien mir gefährlicher denn je, doch mit Hilfe des Wächters löste ich die Ketten, die Rollen, die Kabel, und die Leiter fuhr langsam ihre Sprossen aus; die Spitze schwankte im Wind.

Ich schluckte und machte mich vorsichtig an den Aufstieg. Je höher ich stieg, desto weniger vermochte ich zu sehen – Sturm und Höhe nahmen mir die Sicht. Mit den Händen klammerte ich mich an die Sprossen, in meinem Magen taten sich Abgründe auf. Zehn Meter. Ich konzentrierte mich auf die Mauer und stieg weiter. Fünfzehn Meter. Die Holzstangen waren feucht, meine Sohlen glitten darauf aus. Die Leiter schwankte in ihrer gesamten Länge und schlug mir gegen die Knie, die Stoßwellen liefen durch meine Beine. Ich wagte einen Blick nach oben und sah, dass das Nest nur noch eine Armlänge entfernt war. Ich hielt den Atem an und erklomm die letzten Sprossen, indem ich mich an den Zweigen des Nests festhielt. Die Störche flogen auf. Einen Moment lang sah ich nichts als ein Gewölk durcheinanderwirbelnder Federn; und als es vorbei war, packte mich das Grauen.

Vor mir lag Böhm ausgestreckt auf dem Rücken, mit offenem Mund. In dem riesigen Nest fand er leicht Platz. Sein offenes Hemd gab den Bauch frei, weiß, obszön, erdverschmiert. Seine Augen waren nur noch zwei leere, blutige Höhlen. Ich weiß nicht, ob diese Störche je kleine Kinder brachten – auf Tote jedenfalls verstanden sie sich.

2

Aseptisches Weiß, Klirren von Metall, schattenhafte Gestalten. Um drei Uhr morgens saß ich in dem kleinen Krankenhaus von Montreux und wartete. Die Türen der Notaufnahme öffneten und schlossen sich, Krankenschwestern eilten vorbei, Gesichter hinter Masken tauchten auf, gleichgültig gegenüber meiner Anwesenheit.

Der Wächter war in seinem künstlichen Dorf geblieben, er stand unter Schock. Ich war selbst nicht in Bestform; ich zitterte vor Kälte und war unfähig, klare Gedanken zu fassen. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nie eine Leiche gesehen, und für das erste Mal war Böhm wahrlich kein erhebender Anblick. Die Störche hatten damit begonnen, seine Zunge und andere, tiefer liegende Teile des Schlundes zu verschlingen. Auf dem Unterleib und an den Seiten hatte man zahlreiche Wunden entdeckt: Risse, Schnitte, Hiebe. Mit der Zeit hätten die Vögel ihn vollständig aufgefressen. »Sie wissen, dass Störche sich auch von Aas ernähren, nicht wahr?«, hatte mir Max Böhm bei unserer ersten Begegnung gesagt. Ich hatte es nicht gewusst; vergessen werde ich es ganz sicher nie mehr.

Unter den langsam und argwöhnisch kreisenden Vögeln hatte die Feuerwehr die Leiche aus dem Nest geborgen. Zum letzten Mal hatte ich Böhms blut- und erdverkrusteten Körper auf dem Boden liegen sehen, bevor man ihn in einen knisternden Sack steckte. Ich hatte das gespenstische Schauspiel beim zuckenden Blaulicht der Polizeifahrzeuge beobachtet, ohne ein Wort zu sagen und ohne, wie ich gestehen muss, das Geringste dabei zu verspüren. Ich empfand lediglich eine Art Abwesenheit, eine sprach- und fassungslose Distanz.

Jetzt wartete ich. Ich dachte zurück an die letzten zwei Monate – eine erfüllte Zeit in meinem Leben, voller eifriger Vorbereitungen und Vögel –, die jetzt mit einer Grabrede zu Ende gingen.

Ich war damals ein in jeder Beziehung korrekter junger Mann. Mit Zweiunddreißig hatte ich meinen Doktor in Geschichte gemacht: das Ergebnis einer achtjährigen, mühseligen Arbeit über den ›Kulturbegriff bei Oswald Spengler‹. Nach der Fertigstellung dieses schweren, tausendseitigen Schinkens, der in praktischer Hinsicht absolut überflüssig und in moralischer Hinsicht eher unersprießlich war, hatte ich nur noch eins im Sinn: sämtliche Studien zu vergessen. Ich hatte genug von Büchern, Museen, experimentellen und Kunstfilmen, genug von diesem Dasein aus zweiter Hand, den Schimären der Kunst, den heiligen Kühen der Geisteswissenschaft. Ich wollte zur Tat schreiten, mit beiden Händen ins Leben greifen.

Ich kannte junge Ärzte, die sich für humanitäre Hilfe einsetzten, weil sie, wie sie es formulierten, ›ein Jahr zu verlieren‹ hatten. Angehende Anwälte, die Indien durchquerten und sich eine Kostprobe von der Mystik gönnten, bevor sie sich ihrer Karriere zuwandten. Ich hatte keinerlei Aussicht auf einen Beruf und nicht die geringste Neigung zur Exotik oder zum Elend anderer. Also waren meine Adoptiveltern mir ein weiteres Mal zu Hilfe gekommen. ›Ein weiteres Mal‹ deshalb, weil das alte Diplomatenehepaar seit dem Unfall vor fünfundzwanzig Jahren, der meinen Bruder und meine Eltern das Leben gekostet hatte, mir immer alles geboten hatte, was ich brauchte: in den allerersten Jahren die Versorgung durch eine Kinderfrau, dann eine ansehnliche Pension, die mir erlaubte, eine wirkliche Gleichgültigkeit gegenüber den Wechselfällen des Geldes zu entwickeln.

Georges und Nelly Braesler hatten mir also vorgeschlagen, mich mit Max Böhm in Verbindung zu setzen, einem ihrer Schweizer Freunde, der angeblich jemanden wie mich suchte. »Jemanden wie mich?«, hatte ich gefragt, während ich mir Böhms Adresse notierte. Man hatte mir geantwortet, es gehe vorerst um einen wahrscheinlich mehrmonatigen Auftrag. Später werde man sich dann darum kümmern, eine ordentliche Stelle für mich zu finden.

Die Ereignisse hatten daraufhin einen unerwarteten Verlauf genommen. Und meine erste Begegnung mit Max Böhm, die zwiespältig und voller Rätsel war, ist mir in allen Einzelheiten im Gedächtnis geblieben.

An diesem Tag, dem 17. Mai 1991, traf ich gegen vier Uhr nachmittags in der Rue du Lac Nummer 3 ein, nachdem ich lange Zeit in den engen Gassen der Oberstadt von Montreux umhergeirrt war. Am Ende eines von mittelalterlichen Laternen gesäumten Platzes entdeckte ich schließlich das Chalet; auf der massiven Holztür stand der Name ›Max Böhm‹. Ich läutete. Gut eine Minute verging, bis mir ein etwa sechzigjähriger, stämmiger Mann mit breitem Grinsen öffnete. »Sie sind Louis Antioche?«, fragte er. Ich nickte und betrat das Haus von Herrn Böhm.

Innen sah das Chalet dem Stadtviertel ähnlich: Enge, überladene Räume, dazwischen Nischen und Winkel, Regale, Vorhänge, hinter denen sich sichtlich kein Fenster verbarg, und der Fußboden war nicht eben, sondern unterteilt durch zahlreiche Stufen und Podeste. Böhm schob einen Vorhang beiseite und forderte mich auf, ihm zu folgen, tief hinab in den Keller. Wir betraten einen Raum mit weißgestrichenen Wänden, in dem lediglich ein Eichenholzschreibtisch stand; darauf thronte eine Schreibmaschine, umgeben von zahlreichen Dokumenten. Über dem Tisch hingen eine Landkarte von Europa und von Afrika und etliche kolorierte Stiche von Vögeln. Ich setzte mich. Böhm bot mir Tee an, den ich gern annahm (ich trinke ausschließlich Tee). Mit wenigen raschen Gesten beförderte Böhm eine Thermosflasche, Tassen, Zucker und mehrere Zitronen zutage. Während er beschäftigt war, betrachtete ich ihn genauer.

Er war klein, untersetzt, und seine bürstenförmig geschnittenen Haare waren vollkommen weiß. In seinem runden Gesicht sträubte sich ein gestutzter Schnurrbart, auch er völlig weiß. Seine Beleibtheit ließ ihn grimmig und schwerfällig wirken, und doch ging eine erstaunliche Jovialität von ihm aus: Vor allem seine Augen, die tausend Fältchen umrahmten, schienen ständig zu lächeln.

Böhm servierte behutsam den Tee, mit dicken Händen und plumpen Fingern. Ein Mann aus den Wäldern, dachte ich. Außerdem hatte er etwas unbestimmt Militärisches an sich – was vielleicht auf eine kriegerische Vergangenheit oder anders geartete brutale Aktivitäten schließen ließ. Schließlich setzte er sich, faltete die Hände und begann in sanftem Ton: »Sie sind also aus der Familie meiner alten Freunde, der Braeslers.«

Ich räusperte mich. »Ich bin ihr Adoptivsohn«, sagte ich.

»Ich war immer der Meinung, sie hätten keine Kinder.«

»Sie haben ja auch keine. Ich meine: keine eigenen.« Als Böhm nichts darauf erwiderte, setzte ich hinzu: »Meine wirklichen Eltern waren enge Freunde der Braeslers. Als ich sieben war, kamen meine Mutter, mein Vater und mein Bruder bei einem Brand ums Leben. Sonst habe ich keine Verwandten. Georges und Nelly haben mich adoptiert.«

»Nelly hat mir von Ihren intellektuellen Fähigkeiten berichtet.«

»Ich fürchte, da hat sie ein wenig übertrieben.« Ich öffnete meine Aktentasche. »Ich habe Ihnen meinen Lebenslauf mitgebracht.«

Ich legte das Blatt auf den Tisch, aber Böhm schob es mit der flachen Hand beiseite. Einer massiven, starken Hand. Einer Hand, die ein Gelenk zu brechen vermag, einfach so, mit zwei Fingern.

»Ich setze vollkommenes Vertrauen in Nellys Urteil«, erwiderte er. »Hat sie Ihnen angedeutet, worin Ihre ›Mission‹ besteht? Hat sie Ihnen gesagt, dass es bei der Sache um etwas recht Spezielles geht?«

»Nein, nichts dergleichen.«

Böhm musterte mich stumm. Er schien auf die geringste meiner Reaktionen zu lauern.

»In meinem Alter«, sagte er endlich, »führt Untätigkeit zu gewissen Schrulligkeiten. Bei mir ist es so, dass ich eine Schwäche für bestimmte Wesen hege, seit Jahrzehnten schon, und diese Schwäche hat sich zu einer regelrechten Marotte ausgewachsen.«

»Was für Wesen?«, fragte ich.

»Es sind keine Menschen.«

Böhm verstummte wieder, offensichtlich liebte er es, die Sache spannend zu machen. Nach seiner dramatischen Pause murmelte er: »Es handelt sich um Störche.«

»Um Störche!«

»Sehen Sie, ich bin ein Freund der Natur. Seit vierzig Jahren interessiere ich mich für Vögel. Als ich jung war, habe ich sämtliche Bücher über Ornithologie verschlungen und Stunden im Wald und auf den Feldern verbracht, das Fernglas in der Hand, um alle Arten von Vögeln zu beobachten. Einen besonderen Platz in meinem Herzen nimmt der Weißstorch ein. Ich liebe ihn vor allem deshalb, weil er ein fantastischer Zugvogel ist, ganz unglaublich – er schafft es, jährlich mehr als zwanzigtausend Kilometer zurückzulegen. Jedes Jahr gegen Ende des Sommers, wenn die Störche nach Afrika aufbrachen, war ich im Geist bei ihnen. Übrigens habe ich mir später einen Beruf ausgesucht, bei dem ich viel auf Reisen war und den Störchen folgen konnte. Ich bin Bauingenieur, Monsieur Antioche, mittlerweile pensioniert. Mein ganzes Leben lang habe ich mich bemüht, auf den großen Baustellen im Mittleren Osten, in Afrika, immer entlang der Wanderroute der Vögel, Beschäftigung zu finden. Heute rühre ich mich nicht mehr von der Stelle, aber ich studiere immer noch den Vogelzug. Ich habe mehrere Bücher zu dem Thema veröffentlicht.«

»Ich weiß nichts über Störche. Was erwarten Sie denn von mir?«

»Dazu komme ich gleich.« Böhm nahm einen großen Schluck Tee. »Seitdem ich pensioniert bin und hier in Montreux lebe, geht es den Störchen immer prächtig. Jedes Frühjahr kommen meine Paare zurück und suchen immer wieder ihre alten Nester auf. Das ist ein unveränderliches Gesetz. Aber dieses Jahr sind die Störche aus dem Osten nicht zurückgekehrt.«

»Was meinen Sie damit?«

»Von den siebenhundert wandernden Paaren, die in Deutschland und Polen gezählt wurden, sind im März und im April nicht einmal fünfzig am Himmel aufgetaucht. Ich habe mehrere Wochen gewartet. Ich bin sogar selbst hingefahren. Aber es war zwecklos. Die Vögel kamen nicht wieder.«

Der Ornithologe erschien mir auf einmal älter und sehr einsam. »Haben Sie eine Erklärung dafür?«, fragte ich.

»Vielleicht steckt eine Umweltkatastrophe dahinter. Oder die Auswirkungen eines neuen Insektenvertilgungsmittels. Aber das sind alles nur Vermutungen. Und ich will Gewissheiten.«

»Wie sollte ich Ihnen dabei helfen?«

»Im August werden sich wie jedes Jahr Dutzende von Jungstörchen auf die Wanderung machen. Ich will, dass Sie ihnen folgen. Tag für Tag. Ich will, dass Sie ihrer Flugroute exakt nachreisen. Ich will, dass Sie alle Schwierigkeiten beobachten, auf die sie unterwegs stoßen. Dass Sie mit den Leuten sprechen – mit der Polizei, mit ortsansässigen Vogelkundlern. Ich will, dass Sie herausfinden, weshalb meine Störche verschwunden sind.«

Seine Absichten verblüfften mich.

»Sind Sie selbst denn nicht tausendmal besser qualifiziert als ich, um …«

»Ich habe mir geschworen«, unterbrach mich Böhm, »keinen Fuß mehr nach Afrika zu setzen. Außerdem bin ich jetzt siebenundfünfzig Jahre alt und habe ein sehr schwaches Herz. Zur Feldforschung tauge ich nicht mehr.«

»Haben Sie nicht einen Assistenten, einen jungen Ornithologen, den Sie mit den Nachforschungen beauftragen könnten?«

»Ich halte nichts von Spezialisten. Ich will einen unparteiischen Mann, der keine Vorkenntnisse und damit auch keine Vorurteile hat, der offen ist und dem Rätsel auf die Spur kommt. Sind Sie einverstanden oder nicht?«

»Ich bin einverstanden«, antwortete ich, ohne zu zögern. »Wann soll ich aufbrechen?«

»Zusammen mit den Störchen, Ende August. Die Reise dauert ungefähr zwei Monate. Im Oktober sind die Störche im Sudan. Sollte tatsächlich auf ihrer Route irgendetwas vorfallen, so wird das, denke ich, vor diesem Zeitpunkt der Fall sein. Ansonsten kommen Sie zurück, und das Rätsel bleibt ungelöst. Ihr Gehalt beträgt fünfzehntausend Francs im Monat zuzüglich Spesen. Dieses Honorar zahlt Ihnen die APCE, unser Verband zum Schutz der europäischen Störche. Wir sind nicht gerade mit Reichtum gesegnet, aber ich habe dafür gesorgt, dass Sie unter den bestmöglichen Bedingungen reisen: Erster-Klasse-Flüge, Mietwagen, komfortable Hotels. Mitte August erhalten Sie eine erste Vorauszahlung, zusammen mit Ihren Flugtickets und den Hotelreservierungen. Erscheint Ihnen mein Vorschlag vernünftig?«

»Ich bin Ihr Mann. Aber sagen Sie mir zunächst eins: Woher kennen Sie die Braeslers?«

»Ich habe sie 1987 bei einem Ornithologenkongress in Metz kennengelernt. Die Festrede hatte ›Die Gefährdung der Störche in Osteuropa‹ zum Thema. Georges hielt ebenfalls einen hochinteressanten Vortrag über Graukraniche.«

Später fuhr Max Böhm mit mir quer durch die Schweiz und zeigte mir einige der Freigelände, auf denen er heimische Störche aufzog, deren Junge ich auf ihrer Wanderschaft begleiten sollte. Unterwegs erklärte mir der Ornithologe die wichtigsten Prinzipien, die ich für meine Rundreise brauchte. Erstens: Man kennt die Flugroute der Störche halbwegs genau. Zweitens: Die Störche legen nur etwa hundert Kilometer am Tag zurück. Und drittens wandte Böhm ein zuverlässiges Mittel an, um die europäischen Störche aufzuspüren: die Beringung. Jedes Frühjahr befestigte er am Bein jedes Storchs einen Ring mit dem Geburtsdatum und einer speziellen Identifikationsnummer. Mit Hilfe eines Fernglases konnte man also jeden Abend ›seine‹ Vögel ausmachen. Zu allen diesen Argumenten kam der Vorteil, dass Böhm in jedem Land mit Ornithologen in Verbindung stand, die mir helfen und meine Fragen beantworten würden. Unter diesen Umständen, sagte Böhm, zweifle er nicht, dass ich herausfinden würde, was sich im letzten Frühjahr auf der Vogelroute ereignet hatte.

Exakt drei Monate später, am 17. August 1991, rief Max Böhm mich an, außer sich vor Aufregung: Er komme soeben aus Deutschland zurück, wo er festgestellt habe, dass der Abflug der Störche unmittelbar bevorstehe. Er habe mir eine Anzahlung in Höhe von fünfzigtausend Francs auf mein Bankkonto überwiesen – zwei Monatsgehälter sowie eine Summe zur Deckung der ersten Spesen – und werde mir per Eilkurierdienst die Flugtickets, Vouchers für Leihwagen sowie eine Liste der Hotels zuschicken, in denen ein Zimmer für mich reserviert sei, außerdem ein Flugticket Paris-Lausanne, denn er wünsche mich noch einmal zu sehen, damit wir sämtliche Daten des Projekts gemeinsam durchgehen könnten.

So machte ich mich am 19. August um sieben Uhr morgens auf den Weg, ausgestattet mit Reiseführern, Visa und Medikamenten. Mein Gepäck beschränkte ich auf das Allernötigste: meine Sachen, Computer eingeschlossen, passten in eine Reisetasche mittlerer Größe, zu der noch ein kleiner Rucksack kam. Nach außen hin war alles geregelt. In meinem Inneren hingegen herrschte ein unsägliches Chaos: Hoffnung, Aufregung und verworrene Ängste vermischten sich zu einem quälenden Aufruhr der Gefühle.

3

Jetzt aber war bereits alles zu Ende, bevor es überhaupt begonnen hatte. Max Böhm würde nie erfahren, weshalb seine Störche verschwunden waren. Ich übrigens auch nicht. Denn mit seinem Tod hatten sich meine Nachforschungen erübrigt, ich würde dem Verband das Geld zurückzahlen und zu meinen Büchern zurückkehren. Meine Karriere als Reisender war in der Tat überwältigend gewesen! Dieser vorzeitige Abbruch wunderte mich allerdings kaum. Schließlich war ich nie etwas anderes gewesen als ein müßiger Student – aus welchem Grund hätte ich mich über Nacht in einen verwegenen Abenteurer verwandeln sollen?

Trotzdem wartete ich noch. Hier im Krankenhaus von Montreux. Auf die Ankunft des Inspektors von der Bundespolizei und auf das Ergebnis der Autopsie. Denn eine Autopsie fand statt. Der diensthabende Arzt hatte sich sofort an die Arbeit gemacht, nachdem die Leiche von der Polizei freigegeben worden war – Max Böhm besaß anscheinend keine Familienangehörigen mehr. Was war dem alten Max zugestoßen? Ein Herzinfarkt? Hatten die Störche ihn angegriffen? Die Frage verdiente durchaus eine Antwort, und das war wohl auch der Grund, weshalb man die Leiche des Ornithologen jetzt auseinandernahm.

»Sind Sie Louis Antioche?«

Ich war derart in Gedanken versunken, dass ich den Mann nicht bemerkt hatte, der auf einmal neben mir saß. Die Stimme war so sanft wie seine Physiognomie. Ein langes Gesicht mit höflicher Miene unter einem zerzausten Haarschopf. Der Mann sah mich mit abwesenden, schlaftrüben Augen an. Er war unrasiert, und man merkte ihm an, dass dies gegen seine Gewohnheit war. Er trug eine Hose aus leichtem Stoff, gut geschnitten, und ein lavendelblaues Lacoste-Hemd. Wir waren praktisch identisch gekleidet, mit der einzigen Ausnahme, dass mein Hemd schwarz war und anstelle des Krokodils einen Totenkopf hatte. Ich antwortete: »Ja. Sind Sie von der Polizei?«

Er nickte und faltete seine Hände wie zum Gebet: »Inspektor Dumaz. Habe heute Nacht Bereitschaftsdienst. Scheußliche Sache. Sind Sie das, der ihn gefunden hat?«

»Ja.«

»Wie war er?«

»Tot.«

Dumaz zuckte die Achseln und holte sein Notizbuch hervor.

»Also«, sagte er geduldig. »Unter welchen Umständen haben Sie ihn entdeckt?«

Ich berichtete ihm von meiner Suche am Vortag. Dumaz machte sich bedächtig Notizen. Dann fragte er: »Sind Sie Franzose?«

»Ja. Ich wohne in Paris.«

Der Inspektor notierte sich sorgfältig meine Adresse.

»Kennen Sie Max Böhm schon lange?«

»Nein.«

»In welcher Beziehung standen Sie zu ihm?«

Ich hielt es für angebracht zu lügen: »Ich bin Vogelbeobachter, Hobbyornithologe. Wir hatten die Absicht, gemeinsam ein Lehrseminar über verschiedene Vogelarten zu veranstalten.«

»Was für welche?«

»Vor allem Weißstörche.«

»Was tun Sie beruflich?«

»Nichts. Ich bin vor kurzem mit dem Studium fertig geworden.«

»Was haben Sie studiert? Ornithologie?«

»Nein. Geschichte und Philosophie.«

»Und wie alt sind Sie?«

»Zweiunddreißig.«

Der Inspektor stieß einen leisen Pfiff aus: »Da haben Sie aber Glück gehabt, dass Sie so lang Ihrer Leidenschaft frönen konnten. Ich bin genauso alt wie Sie und seit dreizehn Jahren bei der Polizei.«

»Geschichte ist nicht meine Leidenschaft«, antwortete ich abweisend.

Dumaz fixierte die Wand gegenüber. Dasselbe abwesende Lächeln wie zuvor glitt über seine Lippen. »Meine Arbeit ist auch nicht gerade meine Leidenschaft, das kann ich Ihnen versichern«, sagte er. Dann sah er mich wieder an: »Seit wann, glauben Sie, ist Max Böhm bereits tot?«

»Seit vorgestern Abend. Am Abend des Siebzehnten hat der Wächter ihn zum Storchennest hinaufsteigen sehen, aber er sah ihn nicht wieder herunterkommen.«

»Woran ist er Ihrer Meinung nach gestorben?«

»Was weiß ich? Vielleicht an einem Herzinfarkt. Jedenfalls hatten die Störche schon angefangen, ihn … aufzufressen.«

»Ja, ich weiß, ich habe die Leiche vor der Autopsie gesehen. Haben Sie noch etwas zu sagen?«

»Nein.«

»Dann kommen Sie bitte ins Kommissariat in der Innenstadt, um Ihre Aussage zu unterzeichnen. Am späten Vormittag sind wir so weit. Das ist die Adresse.« Dumaz seufzte. »Dieser Tod wird ziemliches Aufsehen erregen. Böhm war einigermaßen berühmt. Sie wissen ja sicher, dass er es war, der in der Schweiz die Störche wieder angesiedelt hat. Auf derlei legen wir hierzulande viel Wert.«

Er verstummte, dann fuhr er mit einem kleinen Lachen fort: »Ein komisches Hemd haben Sie da an … Durchaus den Umständen angemessen, finden Sie nicht?«

Auf diese Bemerkung hatte ich von Anfang an gewartet. Aber in dem Moment kam eine kleine, kräftige, dunkelhaarige Frau auf uns zu und enthob mich einer Antwort. Ihr weißer Kittel war blutverschmiert, ihr Gesicht verwüstet von Falten und geplatzten Äderchen. Eine Frau, die einiges erlebt hat und sich nichts vormachen lässt. Sie trug hohe Absätze, die bei jedem Schritt klapperten – sehr ungewöhnlich in dieser Welt aus Watte. Als sie vor uns stand, roch ich ihren intensiven Tabakatem.

»Sind Sie wegen Böhm hier?«, fragte sie mit rauer Stimme.

Wir standen auf. Dumaz stellte uns vor.

»Das ist Louis Antioche, Student, Freund von Max Böhm …«, sagte er, und ich spürte einen Hauch von Ironie in seinem Ton. »Er hat die Leiche heute Nacht gefunden. Ich bin Inspektor Dumaz von der Bundespolizei.«

»Catherine Warel, Herzchirurgin. Die Autopsie hat ziemlich lang gedauert«, erwiderte sie und wischte sich über die schweißfeuchte Stirn. »Der Fall war komplizierter, als wir zuerst dachten. Einmal wegen der Wunden. Schnabelhiebe, mitten ins Fleisch. Man hat mir gesagt, er wurde in einem Storchennest gefunden – was, um Gottes willen, hat er denn dort oben getrieben?«

»Max Böhm war Ornithologe«, antwortete Dumaz, ein wenig von oben herab. »Es verblüfft mich, dass Sie ihn nicht kennen. Er war sehr berühmt. Er hat sich für den Schutz der Störche in der Schweiz eingesetzt.«

»Ach so?«, sagte die Frau ohne Überzeugung.

Sie zog ein Päckchen filterloser schwarzer Zigaretten hervor und zündete sich eine an. Nachdem das Rauchverbotsschild an der Wand unübersehbar war, schloss ich daraus, dass die Frau keine Schweizerin sein konnte. Nach einem langen, gierigen Zug fuhr sie fort: »Zurück zur Autopsie. Trotz der vielen Wunden – Sie bekommen noch heute Vormittag einen schriftlichen Bericht – ist der Mann eindeutig einem Herzanfall erlegen, und zwar am Abend des siebzehnten August, gegen acht Uhr.« Sie wandte sich an mich: »Wären Sie nicht gewesen, hätte über kurz oder lang der Gestank die Museumsbesucher alarmiert. Aber eines ist dennoch überraschend. Wussten Sie, dass man Böhm ein fremdes Herz eingepflanzt hat?«

Dumaz warf mir einen fragenden Blick zu, während die Ärztin fortfuhr: »Als das Team auf die lange Narbe über dem Brustbein stieß, hat man mich zur Autopsie hinzugezogen. Es steht außer Frage, dass eine Transplantation stattgefunden hat: einmal wegen der Narbe, die charakteristisch ist für eine Sternotomie, das heißt eine Durchtrennung des Brustbeins, außerdem wegen außergewöhnlicher Verwachsungen im Spaltraum des Herzbeutels, was ein Hinweis auf einen früheren Eingriff ist. Ich habe außerdem die Nahtstellen am Transplantat festgestellt, die auf der Höhe der Aorta, der Lungenarterie sowie des rechten und des linken Vorhofs mit nicht resorbierbarem Faden durchgeführt worden sind.«

Frau Dr. Warel zog wieder an der Zigarette und schwieg eine Weile.

»Die Operation liegt eindeutig mehrere Jahre zurück«, fuhr sie fort, »aber das Fremdorgan wurde bemerkenswert gut toleriert – normalerweise finden wir an einem transplantierten Herzen zahlreiche weißliche Narben – Nekrosen, mit anderen Worten, abgestorbene Muskelzellen an den Stellen, wo das fremde Gewebe abgestoßen wurde. Die Transplantation, die man an Böhm vorgenommen hat, ist also hochinteressant. Und soweit ich sehen konnte, wurde der Eingriff von jemandem durchgeführt, der sein Handwerk hervorragend versteht. Ich habe mich allerdings bereits erkundigt: Max Böhm war wegen der postoperativen Überwachung nicht bei einem unserer Ärzte in Behandlung. Und das, meine Herren, ist ein kleines Rätsel, das ich gern lösen würde. Ich werde mich selbst darum kümmern und Erkundigungen einholen. Was die eigentliche Todesursache betrifft: nichts Originelles. Ein banaler Myokardinfarkt, eingetreten vor etwa fünfzig Stunden. Wahrscheinlich infolge der Anstrengung beim Aufstieg. Wenn es Ihnen ein Trost ist: Böhm hat nicht gelitten.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte ich.

Warel entließ einen Schwall Nikotin in die aseptische Atmosphäre.

»Ein transplantiertes Herz ist vom Nervensystem des Empfängers unabhängig. Ein Herzanfall löst daher keinen besonderen Schmerz aus – das heißt, Max Böhm hat nicht gespürt, dass er stirbt. Das ist alles, meine Herren.« Sie wandte sich wieder an mich: »Werden Sie sich um die Bestattung kümmern?«

Ich zögerte einen Moment. »Ich muss leider verreisen …«, begann ich.

»Auch gut«, unterbrach sie mich knapp. »Wir werden ja sehen. Jedenfalls ist der Totenschein im Lauf des Vormittags fertig.« Wieder an Dumaz gewandt, fragte sie: »Kann ich Sie noch einen Augenblick sprechen?«

Der Inspektor und die Ärztin verabschiedeten sich von mir, und Dumaz fügte noch hinzu: »Denken Sie bitte daran, dass Sie am späten Vormittag Ihre Aussage unterschreiben müssen.«

Dann ließen sie mich im Krankenhausflur stehen und gingen davon, er mit seiner sanften Miene und sie mit ihren klappernden Absätzen – die freilich nicht laut genug klapperten, um den leise gesprochenen Satz der Ärztin zu übertönen: »Wir haben da ein Problem …«

4

Draußen warf der beginnende Morgen metallische Schatten und tauchte die schlafenden Straßen in ein graues Licht. Ich durchquerte Montreux, ohne mich um Ampeln zu kümmern, und fuhr geradewegs zu Böhms Haus. Ich weiß nicht, warum, aber die angekündigten ›Erkundigungen über den Ornithologen hatten mir einen Schrecken eingejagt, und ich hatte das dringende Bedürfnis, sämtliche Dokumente, in denen mein Name erwähnt war, zu vernichten und der APCE meinen Vorschuss anonym zurückzuzahlen, ohne die Polizei in die Sache hineinzuziehen. Wer keine Spuren hinterlässt, erregt auch kein Aufsehen.

Ich parkte meinen Wagen unauffällig, hundert Meter vom Chalet entfernt. Zunächst vergewisserte ich mich, dass die Haustür nicht abgesperrt war, dann kehrte ich zum Auto zurück und holte aus meinem Rucksack einen Werbekalender in Form einer weichen Plastikscheibe, die ich zwischen Tür und Rahmen steckte und unter den Schnapper des Schlosses zu schieben versuchte, was mir nach wiederholten Anläufen schließlich gelang: Unter dem Druck meiner Schulter öffnete sich die Tür ohne einen Laut, und ich betrat das Haus des verstorbenen Max Böhm. Im Zwielicht des frühen Morgens wirkte das Chalet noch beengter, noch beklemmender als zuvor: Es war bereits das Haus eines Toten.

Ich ging hinunter in den Keller zum Büro. Die Akte ›Louis Antioche‹ an mich zu bringen fiel mir nicht schwer: Böhm hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie beiseitezuräumen. Darin fand ich die Quittung der Banküberweisung, die Rechnungen der Flugtickets, die Verträge mit den Leihwagenfirmen. Außerdem fand ich die Notizen, die Böhm sich anhand der Auskünfte von Nelly Braesler über mich gemacht hatte:

Louis Antioche. Zweiunddreißig. Mit zehn Jahren von den Braeslers adoptiert. Intelligent, geistreich, sensibel. Aber ein frustrierter Müßiggänger. Mit Vorsicht zu behandeln. Hat von dem Unfall Traumata zurückbehalten. Erinnerungslücken.

Anscheinend war ich für die Braeslers auch nach so vielen Jahren immer noch ein kritischer Fall und leicht gestört. Ich drehte das Blatt um, aber mehr stand nicht darauf. Das Drama meiner Kindheit hatte Nelly offenbar für sich behalten. Umso besser. Ich nahm die Akte an mich und setzte meine Suche fort. In einer Schreibtischlade stieß ich auf die Akte ›Störche‹, die, ähnlich wie die Unterlagen, die Max mir am ersten Tag ausgehändigt hatte, die Namen von Kontaktpersonen und eine Fülle von Informationen enthielt. Auch diese Akte nahm ich an mich.

Ich hätte verschwinden sollen, doch eine unbestimmte Neugier trieb mich dazu, weiterzusuchen, mehr oder weniger aufs Geratewohl. In einem heruntergekommenen mannshohen Aktenschrank aus Eisen entdeckte ich Tausende von Karteikarten mit Daten über Vögel, eng zusammengeschoben, verschiedenfarbig und je nach Farbe in Päckchen geordnet. Diesen Farbcode hatte Böhm mir erklärt: Jede Farbe stand für einen bestimmten Vorfall oder eine bestimmte Information – rot bedeutete: Weibchen, blau: Männchen, grün: Zugvogel, rosa hieß: Unfall mit Hochspannungsleitung, gelb: Krankheit, schwarz: Tod, und so weiter. So genügte ihm ein Blick auf die Farben, um die entsprechenden Karten zu dem Thema, mit dem er sich jeweils befasste, leicht aufzufinden.

Mir kam eine Idee: Ich sah mir die Liste der verschwundenen Störche an und zog ein paar der dazugehörigen Karteikarten aus der Lade. Aber Böhm benutzte eine unverständliche Kürzelsprache, und so vermochte ich lediglich festzustellen, dass die verschwundenen Vögel allesamt erwachsene Tiere waren, älter als sieben Jahre. Ich steckte sämtliche Karteikarten ein – was ich da tat, war bereits Diebstahl. Aber immer noch trieb mich ein unbezwingbarer Impuls, und ich durchsuchte systematisch den gesamten Schreibtisch. ›Böhm ist ein Schulfall‹, hatte Dr. Warel gesagt. Wo hatte die Operation stattgefunden? Und wer hatte sie durchgeführt? Ich fand keinerlei Hinweis.

Aus reiner Verzweiflung nahm ich mir den kleinen Verschlag direkt neben dem Arbeitszimmer vor, in dem Max Böhm seine Ringe lötete und seine Ornithologenausrüstung verwahrte. Auf einem Regal über der Arbeitsplatte stapelten sich Ferngläser, fotografische Filter und eine gewaltige Menge von Ringen aller Art aus verschiedenen Materialien. Außerdem entdeckte ich chirurgische Instrumente, Injektionsspritzen, Bandagen, Schienen, steriles Verbandszeug. Offenbar hatte Max Böhm sich zuzeiten auch als Hobbyveterinär betätigt. Diese Welt, die der Alte sich geschaffen hatte, in der sich alles um unverständliche Leidenschaften, ja Besessenheiten drehte, erschien mir immer einsamer, immer isolierter, je mehr ich davon zu sehen bekam. Schließlich verstaute ich alles wieder an seinem Platz und kehrte ins Erdgeschoss zurück.

Das große Wohnzimmer, das Esszimmer und die Küche streifte ich nur flüchtig; es gab hier nichts von Bedeutung -schweizerische Nippsachen, irgendwelche Papiere, alte Zeitungen. Ich stieg zu den Schlafzimmern hinauf, von denen es drei gab. Das Zimmer, in dem ich beim ersten Mal geschlafen hatte, war so nichtssagend wie damals: ein schmales Bett, plumpe, schäbige Möbelstücke. Böhms Schlafzimmer roch nach Moder und Trostlosigkeit, die Farben waren verblichen, die Möbel ohne ersichtlichen Grund eng zusammengerückt. Ich durchsuchte alles: Schrank, Sekretär, Kommoden. Jedes Möbelstück war so gut wie leer. Ich schaute unters Bett, unter die Teppiche, unter lose Tapetenstücke in den Ecken. Ohne Ergebnis. Nur in einem Schrank fand ich einen Schuhkarton voller alter Fotos von einer Frau. Ich sah mir ein paar Bilder an: eine farblose Frau mit unbestimmten Gesichtszügen und kränklicher Gestalt vor tropischen Landschaften. Wahrscheinlich Frau Böhm. Auf den jüngeren Fotos – die in Farbe waren und den für die siebziger Jahre typischen Stich hatten – schien sie um die vierzig. Ich betrat das letzte Zimmer und fand dort dieselbe altmodische Atmosphäre vor, aber sonst nichts. Schließlich stieg ich die enge Treppe wieder hinunter, während ich mir den Staub abklopfte, der an meinen Kleidern haftete.

Durch die Fenster fiel das erste Sonnenlicht herein. Ein goldener Strahl strich über die Möbelflächen und die Kanten der zahlreichen Podeste, die – weshalb nur? – in allen Ecken des Wohnzimmers aufragten. Auf einer dieser Stufen ließ ich mich nieder. Es fehlte einiges in diesem Haus, dachte ich: Max Böhms medizinisches Dossier – ein Transplantationspatient musste doch sicherlich Medikamente einnehmen und also Rezepte besitzen, außerdem Szintigramme, Röntgenaufnahmen, Elektrokardiogramme und Ähnliches; ferner vermisste ich die üblichen Andenken eines Menschen, der lange Zeit im Ausland gelebt hat: afrikanisches Kunstgewerbe, orientalische Teppiche, Jagdtrophäen …, genauso wie die Spuren einer beruflichen Vergangenheit – ich hatte nicht einmal Pensionsunterlagen gefunden, auch keine Bankauszüge oder Steuerbescheide. Hätte Böhm einen radikalen Schlussstrich unter seine Vergangenheit ziehen wollen, er hätte es nicht anders angefangen. Aber es musste hier irgendwo ein Versteck geben.

Ich sah auf die Uhr: Viertel nach sieben. Falls eine gerichtliche Untersuchung stattfinden sollte, würde die Polizei sicher bald auftauchen, und sei es nur, um das Haus zu versiegeln. Widerwillig stand ich auf und ging zur Tür. Ich öffnete sie – und im selben Augenblick fielen mir die Stufen ein: Waren die Podeste im Wohnzimmer nicht ideale Verstecke? Ich machte kehrt und klopfte die Seiten ab. Die Stufen waren hohl. Ich rannte hinunter in den Kellerverschlag, griff mir ein paar Werkzeuge und lief wieder hinauf. Innerhalb von zwanzig Minuten hatte ich alle sieben Podeste in Böhms Wohnzimmer geöffnet, ohne allzu große Schäden anzurichten. Vor mir lagen drei große Versandumschläge, versiegelt, staubig, ohne Beschriftung.

Ich kehrte zu meinem Wagen zurück und fuhr zu den Hügeln oberhalb von Montreux auf der Suche nach einem Ort, an dem ich ungestört war. Zehn Kilometer weiter parkte ich in einer einsamen Straßenbiegung in einem Wäldchen, das noch feucht vom Morgentau war. Meine Hände zitterten vor Anspannung, als ich den ersten Umschlag öffnete.

Er enthielt die medizinische Akte von Irene Böhm, geborene Fogel in Genf 1942. Verstorben im August 1977 im Krankenhaus Bellevue in Lausanne an den Folgen eines metastasierten Tumors. Die Akte enthielt lediglich ein paar Röntgenaufnahmen, Diagramme, amtliche Verschreibungen und zum Schluss den Totenschein, dem ein an Max Böhm adressiertes Telegramm und ein Beileidsschreiben von Dr. Lierbaum, dem behandelnden Arzt seiner Frau, beilagen. Ich sah mir den Briefumschlag an, auf dem Max Böhms Anschrift im Jahr 1977 stand: Avenue Bokassa 66, Bangui, Zentralafrikanische Republik. Mein Herz begann zu rasen. Zentralafrika war also Böhms letzte afrikanische Adresse gewesen. Das Land, das durch den Wahnsinn seines kurzlebigen Tyrannen, des Kaisers Bokassa, traurige Berühmtheit erlangt hatte. Dieser wüste Dschungel, glühend heiß und feucht, mitten im Herzen Afrikas – der auch in den Trümmern meiner eigenen Vergangenheit verschüttet war.

Ich kurbelte die Scheibe herunter und ließ die frische Luft herein, dann nahm ich mir den Umschlag wieder vor. Ich fand weitere Fotos der zerbrechlichen Gattin, aber auch noch andere Abzüge: Sie zeigten Max Böhm und einen etwa dreizehnjährigen Jungen, der dem Vogelkundler verblüffend ähnlich sah. Dieselbe stämmige Gestalt, die blonden Haare zu einer Bürste geschnitten, mit braunen Augen und muskulösem Hals wie ein Tier. Doch in seinen Augen lagen eine Verträumtheit, eine Sorglosigkeit, die zu Böhms Steifheit und Härte nicht passten. Die Fotos stammten offensichtlich aus derselben Epoche, den siebziger Jahren. Damals war die Familie vollzählig: Vater, Mutter und Sohn. Aber wieso versteckte Böhm diese banalen Bilder eigens in einem hohlen Podest? Und wo war dieser Sohn heute?

Der zweite Umschlag enthielt lediglich eine Thorax-Röntgenaufnahme, undatiert, ohne Namen und ohne Kommentar. Die einzige Gewissheit: Auf dem opaken Bild war ein Herz zu sehen. Und in der Mitte des Herzens ein winziger heller Fleck, scharf konturiert, von dem ich nicht hätte sagen können, ob es sich um einen Fehler in der Aufnahme oder um ein Blutklümpchen handelte. Ich dachte an Max Böhms Transplantat. Dieses Bild stammte sicherlich von einem seiner beiden Herzen. Dem ersten oder dem zweiten? Ich verwahrte das Dokument sorgfältig.

Schließlich öffnete ich den letzten Umschlag – und erstarrte. Vor mir hatte ich den grässlichsten Anblick, den man sich vorstellen kann. Es waren Schwarz-Weiß-Fotografien – Bilder von einer Art menschlichem Schlachthaus. Kinderleichen hingen an Metzgerhaken, Marionetten aus Fleisch, mit blutigen Löchern anstelle der Arme oder des Geschlechts; Gesichter mit aufgerissenen Lippen und leeren Augenhöhlen; Arme, Beine, einzelne Gliedmaßen, gestapelt auf einer Fleischbank; blutverkrustete Köpfe, aufgereiht auf langen Tischen, starrten aus toten Augen. Und alle Leichen waren ausnahmslos Schwarze.

Dieser unsägliche Ort war nicht einfach ein Totenhaus. Die Wände waren weiß gekachelt wie in einer Klinik oder einer Leichenhalle, und es lagen funkelnde chirurgische Instrumente herum: Das war ein makabres Labor, eine abscheuliche Folterkammer mit wissenschaftlicher Verbrämung. Die Höhle eines Monsters, das sich im Verborgenen grauenhaften Praktiken hingab. Ich stieg aus dem Wagen, die Kehle war mir zugeschnürt vor Abscheu und Ekel. So vergingen viele Minuten, während ich in der frischen Morgenluft stand. Von Zeit zu Zeit warf ich noch einmal einen Blick auf die Bilder und versuchte mir klarzumachen, dass sie wirklich waren, mich an den Anblick zu gewöhnen, um sie besser fassen zu können. Es war unmöglich. Die brutale Schärfe der Abzüge, die Bildkörnung verliehen dieser Armee von Leichen eine schwindelerregende Realität. Wer konnte derartige Entsetzlichkeiten begangen haben – und warum?

Ich stieg wieder in den Wagen, verschloss die drei Umschläge und schwor mir, sie nicht so bald wieder zu öffnen. Ich ließ den Motor an und fuhr hinunter nach Montreux, mit Tränen in den Augen.

5

Ich fuhr in Richtung Innenstadt und bog dann in die Avenue ab, die am See entlangführt. In der Tiefgarage des hellen, feudalen Hôtel de la Terrasse stellte ich den Wagen ab. Die Sonne goss bereits eine Flut von Licht über das träge Wasser des Genfer Sees, und die Landschaft ringsum flammte in goldenem Glanz auf. Ich setzte mich in den Hotelgarten gegenüber dem See und den dunstverhangenen Bergen, die den Ausblick einrahmten.

Nach einigen Minuten erschien der Kellner, und ich bestellte chinesischen Tee, gut gekühlt. Ich versuchte nachzudenken. Böhms Tod. Das Rätsel um sein Herz. Die morgendliche Durchsuchung seines Hauses und die grauenerregenden Entdeckungen, die ich dabei gemacht hatte. Das war ziemlich viel für einen simplen Studenten auf der Suche nach Störchen.

»Na – letzter Spaziergang vor der Abreise?«

Ich drehte mich um. Hinter mir stand Inspektor Dumaz, frisch rasiert, in einem leichten Jackett aus braunem Stoff und einer hellen Leinenhose.

»Wie haben Sie mich gefunden?«

»Das war nicht schwer. Ihr kommt alle hierher. Man könnte meinen, dass alle Straßen von Montreux zum See führen.«

»Was soll das heißen: ›Ihr‹?«

»Besucher. Touristen.« Mit dem Kinn wies er auf die ersten morgendlichen Spaziergänger auf der Uferpromenade. »Das ist eine hochromantische Ecke, wissen Sie. Ein Hauch von Ewigkeit weht hier, wie man zu sagen pflegt. Man fühlt sich in Jean-Jacques Rousseaus ›Nouvelle Héloïse‹ versetzt. Aber ich werd Ihnen was gestehen: Diese ganzen Klischees kotzen mich an. Und ich glaube, die meisten Schweizer denken ganz genauso.«

Ich deutete ein Lächeln an. »Sie sind ja auf einmal recht zynisch. Trinken Sie etwas?«

»Einen Kaffee. Stark.«

Ich rief den Kellner herbei und bestellte einen Espresso. Dumaz hatte neben mir Platz genommen. Er setzte seine Sonnenbrille auf und wartete schweigend. Mit tiefernstem Interesse studierte er die Landschaft. Als der Kaffee gebracht wurde, leerte er ihn in einem Zug, dann seufzte er tief.

»Ich hatte keine Minute Ruhe, seit wir uns verabschiedet haben«, begann er. »Zuerst die Unterredung mit Dr. Warel, Sie wissen schon, dieser kleinen verrauchten Person mit ihrem blutigen Kittel. Sie ist neu hier. Ich glaub nicht, dass sie mit so was gerechnet hat.« Dumaz stieß ein verhaltenes Lachen aus. »Erst zwei Wochen in Montreux, und schon bringt man ihr einen toten Ornithologen, gefunden in einem Storchennest, halb aufgefressen von seinen eigenen Vögeln! Na gut. Nach dem Spital bin ich nach Hause gefahren, um mich umzuziehen, und gleich danach ins Kommissariat, um Ihren Bericht niederzuschreiben.« Er klopfte sich auf die Jackentasche. »Ich habe Ihre Aussage dabei, Sie können sie gleich unterschreiben und müssen nicht erst aufs Kommissariat. Danach war ich auf einen Sprung bei Max Böhm. Was ich dort gefunden habe, veranlasste mich, ein paar Telefonate zu führen. Binnen einer halben Stunde hatte ich sämtliche Antworten auf meine Fragen. Und da bin ich!«

»Und was ist Ihre Schlussfolgerung?«

»Nichts. Es gibt keine Schlussfolgerung.«

»Das verstehe ich nicht.«

Dumaz faltete wieder seine Hände und stützte die Ellenbogen auf den Tisch, dann wandte er sich mir zu: »Ich sagte es Ihnen bereits: Max Böhm war eine Berühmtheit. Wir brauchen also einen sauberen, normalen Tod. Irgendetwas Klares und Eindeutiges.«

»Ist das nicht der Fall?«

»Ja und nein. Mit dem Tod an sich ist alles in Ordnung -abgesehen natürlich von dem ungewöhnlichen Ort. Ein Herzinfarkt. Unbestreitbar. Aber alles andere rundherum stimmt ganz und gar nicht. Ich möchte ungern das Andenken eines großen Mannes in den Schmutz ziehen, verstehen Sie?«

»Wären Sie geneigt, mir zu verraten, was nicht stimmt?«

Dumaz fixierte mich hinter seinen getönten Gläsern. »Es wäre viel eher an Ihnen, mich aufzuklären«, antwortete er.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Was ist der wahre Grund Ihres Besuchs bei Max Böhm?«

»Ich habe Ihnen heute Nacht alles gesagt.«

»Sie haben gelogen. Ich habe ein paar Details nachgeprüft und kann Ihnen beweisen, dass Sie nicht die Wahrheit gesagt haben.«

Ich gab keine Antwort. Dumaz fuhr fort: »Als ich in Böhms Chalet herumgeschnüffelt habe, fiel mir auf, dass vor mir schon jemand da war. Über den Daumen gepeilt, würde ich sogar sagen: ein paar Minuten vor mir. Ich habe sofort im Freilichtmuseum angerufen, wo Böhm ein zweites Büro hat. Ich dachte mir, ein Mann wie er macht sich von bestimmten Unterlagen höchstwahrscheinlich Kopien. Seine Sekretärin, offenbar eine begeisterte Frühaufsteherin, hat sich bereit erklärt, sich umzuschauen, und fand schließlich in einer seiner Schubladen ein ganz unglaubliches Dossier über verschwundene Störche. Die wichtigsten Unterlagen hat sie mir gleich gefaxt. Soll ich weitererzählen?«

Diesmal war ich es, der stumm auf den See hinausstarrte. Vor dem glühenden Horizont zeichneten sich winzige Segelboote ab.

»Außerdem die Bank. Ich habe mit Böhms Zweigstelle telefoniert: Er hat vor kurzem eine beträchtliche Summe überwiesen. Ich weiß den Namen, die Adresse und die Kontonummer des Empfängers.«

Das Schweigen zwischen uns verhärtete sich. Ein kristallines Schweigen, klar wie die Morgenluft, das an diesem Punkt in viele verschiedene Richtungen aufbrechen konnte. Ich ergriff die Initiative: »Diesmal gibt es eine Schlussfolgerung.«

Dumaz lächelte, dann nahm er die Brille ab.

»Ich kann’s mir schon denken. Wahrscheinlich sind Sie in Panik geraten. Böhms Tod ist nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick annimmt. Es wird eine Untersuchung geben, denken Sie sich. Zufällig haben Sie aber ziemlich viel Geld von ihm erhalten, für einen Spezialauftrag, und aus irgendeinem unerklärlichen Grund haben Sie Angst bekommen. Sie sind bei ihm zu Hause eingebrochen, um Ihre Akte mitgehen zu lassen und alle Spuren Ihrer Beziehung zu ihm zu verwischen. Ich habe Sie nicht im Verdacht, dass Sie das Geld behalten wollten. Sicher werden Sie es zurückzahlen. Aber dieser Einbruch ist schwerwiegend …«

Ich dachte an die drei Umschläge und antwortete hastig: »Herr Inspektor, die Arbeit, mit der Max Böhm mich beauftragt hat, betrifft einzig und allein die Störche. Darin sehe ich nichts Verdächtiges. Ich werde das Geld selbstverständlich dem Verband zurückzahlen, der …«

»Es gibt keinen Verband.«

»Wie bitte?«

»Es gibt keinen Verband, wie Sie ihn sich vorstellen. Böhm hat allein gearbeitet, und er war das einzige Mitglied der APCE. Er bezahlte ein paar Angestellte, beschaffte das Material, mietete seine Geschäftsräume. Böhm brauchte kein Geld von anderen. Er war immens reich.«

Vor Verblüffung brachte ich keinen Ton heraus. Dumaz fuhr fort: »Auf seinem Privatkonto liegen über hunderttausend Schweizer Franken. Und außerdem muss Böhm irgendwo in einem unserer Geldschränke auch ein Nummernkonto besitzen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt seines Lebens hat dieser Vogelkundler eine höchst lukrative Tätigkeit ausgeübt.«

»Was werden Sie unternehmen?«

»Im Augenblick nichts. Der Mann ist tot. Wie es aussieht, hat er keinerlei Familienangehörige. Ich bin sicher, dass er sein Vermögen einem internationalen Naturschutzverein wie WWF oder Greenpeace vermacht hat. Der Fall wäre damit abgeschlossen. Trotzdem würde ich die Sache gern weiterverfolgen. Und dazu brauche ich Ihre Hilfe.«

»Meine Hilfe?«

»Haben Sie heute Morgen irgendetwas bei Böhm gefunden?«

Wieder schossen mir die drei Umschläge durch den Kopf wie feurige Meteoren.

»Nein, nichts, abgesehen von meiner Akte.«

Dumaz lächelte ungläubig. Dann stand er auf. »Wollen wir ein Stück gehen?«, fragte er.

Ich folgte ihm das Seeufer entlang.

»Nehmen wir an, dass Sie nichts gefunden haben«, begann er von neuem. »Schließlich war der Mann auf der Hut. Ich habe mich heute Morgen selber erkundigt, aber nichts Großartiges herausgefunden. Weder über seine Vergangenheit noch über seine geheimnisvolle Operation. Sie erinnern sich ja – diese Herztransplantation. Das ist ein weiteres Rätsel. Wissen Sie, was Dr. Warel mir gesagt hat? Böhms implantiertes Herz enthielt einen merkwürdigen Bestandteil, der dort überhaupt nichts zu suchen hat. Eine winzige Kapsel aus Titan, dem Metall, aus dem man bestimmte Prothesen herstellt, und sie war an der Spitze des Herzens festgenäht. Normalerweise wird an einem transplantierten Herzen ein Klipp befestigt, damit man leichter eine Biopsie durchführen kann. Aber das ist es nicht. Frau Warel meint, das Teil hat keine spezielle Funktion.«

Ich schwieg. Ich dachte an den hellen Fleck auf dem Röntgenbild. Mein Abzug stammte also vom zweiten Herzen. Schließlich fragte ich: »Wie kann ich Ihnen denn helfen?«

»Böhm hat Sie bezahlt, damit Sie dem Zug der Störche folgen. Haben Sie das vor?«

»Nein. Ich werde das Geld zurückzahlen. Wenn die Störche beschlossen haben, aus der Schweiz oder aus Deutschland abzuhauen, wenn sie von einem Riesentaifun verschlungen werden, kann ich nichts dafür, und es ist mir auch herzlich gleichgültig.«

»Schade. Die Reise hätte sehr nützlich sein können. Ich habe angefangen, der Karriere des Bauingenieurs Max Böhm nachzuspüren – freilich erst sehr rudimentär. Durch Ihre Reise hätten wir versuchen können, seine Vergangenheit quer durch Afrika oder den Nahen Osten zu rekonstruieren.«

»Wie stellen Sie sich das vor?«

»Ich denke es mir als zweigleisige Ermittlung. Ich hier und Sie dort unten. Ich forsche seinem Vermögen nach, seiner Tätigkeit. Ich finde die Orte und Daten seiner verschiedenen Aufträge heraus. Sie verfolgen seine Spuren vor Ort – entlang der Flugroute der Störche. Wir stehen in regelmäßigem Kontakt. In ein paar Wochen haben wir Max Böhms gesamtes Leben aufgerollt. Seine Geheimnisse, seine Leistungen, seine Geschäfte.«

»Geschäfte?«

»Ich weiß nicht – ich hab das Wort aufs Geratewohl verwendet.«

»Und was habe ich davon?«

»Eine schöne Reise. Und die sprichwörtliche Ruhe der Schweiz.« Dumaz klopfte sich abermals auf die Jacketttasche. »Wir werden gemeinsam Ihre Aussage unterschreiben. Und sie vergessen.«

»Und Sie, was haben Sie davon?«

»Sehr viel. Auf jeden Fall mehr als gestohlene Reiseschecks oder entlaufene Pudel. Der Alltag im August in Montreux ist nicht gerade erhebend, Monsieur Antioche, glauben Sie mir. Was Sie mir heute Nacht von Ihrem Studium erzählt haben, fand ich nicht sehr glaubwürdig. Man verbringt nicht zehn Jahre seines Lebens mit einem Fach, das einem keinen Spaß macht. Ich habe Sie freilich auch angelogen: An sich begeistert meine Arbeit mich sehr. Aber meine Erwartungen erfüllen sich nicht. Es vergeht ein Tag nach dem anderen, und die Langeweile erstickt mich. Ich will an einem handfesten Fall arbeiten. Böhms Schicksal liefert uns einen hervorragenden Anlass zur Ermittlung, bei der wir im Team besser vorankommen. Kann ein Rätsel wie dieses Ihr Intellektuellenhirn nicht reizen? Denken Sie darüber nach.«

»Ich fliege nach Frankreich zurück und rufe Sie morgen an. Meine Aussage kann ruhig einen oder zwei Tage warten, nicht wahr?«

Der Inspektor nickte lächelnd. Er begleitete mich zu meinem Wagen und streckte mir die Hand zum Abschied hin. Ich übersah seine Geste und stieg ins Cabrio. Dumaz lächelte wieder, dann hielt er die halboffene Tür fest. Nach kurzem Schweigen fragte er: »Darf ich Ihnen eine indiskrete Frage stellen?«

Ich nickte knapp.

»Was ist mit Ihren Händen passiert?«

Die Frage entwaffnete mich. Ich betrachtete meine Finger, missgestaltet seit so vielen Jahren, auf denen die Haut sich zu unzähligen Wülsten und Narben verzweigt hat, dann zuckte ich die Achseln.

»Ein Unfall in meiner Kindheit. Ich lebte bei einer Kinderfrau, die Färberin war. Ein Bottich voller Säure ist umgekippt und mir über die Hände geflossen. Mehr weiß ich nicht darüber. Der Schock und der Schmerz haben jede Erinnerung ausgelöscht.«

Dumaz betrachtete meine Hände. Mein Gebrechen war ihm sicherlich schon in der Nacht aufgefallen, und seine Neugier über diese uralten Brandwunden war jetzt hoffentlich befriedigt. Mit einer schroffen Geste schlug ich die Wagentür zu. Dumaz sah mich an, dann fragte er in sanftem Ton: »Diese Narben haben nichts mit dem Unfall Ihrer Eltern zu tun?«

»Woher wissen Sie, dass meine Eltern einen Unfall hatten?«

»Böhms Unterlagen sind äußerst umfassend.«

Ich startete und fuhr die Uferstraße entlang in Richtung Lausanne, ohne noch einen Blick in den Rückspiegel zu werfen. Ein paar Kilometer weiter hatte ich die Aufdringlichkeit des Inspektors bereits vergessen.

Kurz darauf, während ich an einem sonnenbeschienenen Feld entlangfuhr, sah ich aus dem Augenwinkel eine Gruppe schwarz-weiß gefleckter Gestalten. Ich stellte den Wagen ab und ging vorsichtig auf sie zu. Ich spähte durchs Fernglas. Die Störche waren da. Gelassen, den Schnabel im Boden, suchten sie sich ihr Frühstück. In der goldleuchtenden Helligkeit schimmerte ihr weiches Gefieder wie Samt, glänzend, dicht und seidig. Ich habe für Tiere ansonsten nicht viel übrig, aber dieser Vogel, der wie eine indignierte Herzogin dreinblicken kann, ist wirklich etwas Besonderes.

Ich sah Böhm vor mir, in den Feldern von Wessembach. Er schien glücklich, mir seine kleine Welt vorzuführen. Stumm pirschte sich seine breite Gestalt durch die Äcker bis zu den Gehegen voran, und er bewegte sich geschmeidig und leicht trotz seiner Korpulenz. Mit seinem kurzärmeligen Hemd, seiner Leinenhose und dem Fernglas um den Hals ähnelte er einem pensionierten Oberst, der ein imaginäres Manöver durchführte. Während er das Gehege betrat, sprach Böhm mit einer sanften Stimme voller Zärtlichkeit auf die Störche ein. Die Vögel waren zuerst mit flüchtigen, argwöhnischen Blicken zurückgewichen.

Böhm ging weiter bis zum Nest, das sich etwa einen Meter über der Erde befand und aus einem Kranz aus Zweigen und Erde bestand, mit einem Durchmesser von mehr als einem Meter und flacher, sauberer und ordentlicher Oberfläche. Die Störchin hatte ihren Platz widerwillig verlassen, und er zeigte mir die Jungen, die in der Mitte lagen. »Sechs Junge, stellen Sie sich das vor!« Die winzigen Vogelkinder hatten ein gräuliches Gefieder mit leichtem Grünstich. Sie rissen die Augen auf und drängten sich aneinander, und ich fühlte mich wie ein Eindringling, der den Frieden eines trauten Heims stört. Das klare Abendlicht verlieh dem Anblick eine merkwürdig unwirkliche Dimension.

Nach einer Weile hatte Böhm unvermittelt gemurmelt: »Sie haben Sie erobert, nicht wahr?« Und ich hatte seinen Blick erwidert und stumm genickt.

Am nächsten Morgen, nachdem Böhm mir eine umfangreiche Akte mit Kontaktadressen, Landkarten und Fotografien ausgehändigt hatte und wir die Treppe von seinem Büro hinaufstiegen, hatte der Schweizer mich jäh am Arm gepackt und in gehetztem Ton gesagt: »Ich hoffe, Sie haben mich richtig verstanden, Louis. Diese Sache ist außerordentlich wichtig für mich. Ich muss unbedingt meine Störche wiederfinden und erfahren, warum sie fortbleiben. Es geht um Leben und Tod!« Im Zwielicht der Kellertreppe hatte ich seine Miene gesehen und war selber erschrocken. Eine weiße Maske war sein Gesicht, so starr, als könnte es jeden Augenblick zerspringen. Böhm war anscheinend halb tot vor Angst.

In der Ferne erhoben die Vögel sich langsam und majestätisch in die Luft. Ich sah ihren gemessenen Bewegungen durch das Morgenlicht nach. Mit einem Lächeln wünschte ich ihnen gute Reise und setzte meinen Weg fort.

Um halb eins war ich am Bahnhof von Lausanne. Zwanzig Minuten später ging ein Hochgeschwindigkeitszug nach Paris. Ich fand eine freie Telefonzelle in der Halle und rief aus einem Reflex heraus bei mir zu Hause an, um den Anrufbeantworter abzuhören. Ulrich Wagner hatte angerufen, ein deutscher Biologe, den ich einen Monat zuvor im Zuge meiner vogelkundlichen Vorbereitungen kennengelernt hatte. Ulrich und sein Team schickten sich an, die Wanderung der Störche über Satellit zu verfolgen. Sie hatten etwa zwanzig Individuen mit japanischen Minisendern ausgerüstet, mit deren Hilfe sie die Vögel dank den Argos-Koordinaten täglich exakt lokalisieren konnten. Sie hatten mir angeboten, ihre über Satellit gewonnenen Daten zu verwenden – was mir eine enorme Hilfe gewesen wäre; es ersparte mir, winzigen Ringen nachzulaufen, die schwer auszumachen waren. Wagners Nachricht auf Band lautete: »Wir sind so weit, Louis! Sie fliegen ab! Das System funktioniert großartig. Rufen Sie mich an, dann gebe ich Ihnen die Nummern der Störche und ihre genaue Position durch. Alles Gute!«

So hatten die Vögel mich schon wieder eingeholt. Ich verließ die Telefonzelle. Der Bahnhof war voller Familien mit rotbackigen Kindern und gewaltigen Reisetaschen, die ihnen in die Kniekehlen schlugen. Touristen mit neugieriger und gelassener Miene strömten auf mich zu. Ich sah auf die Uhr und machte kehrt, zurück zum Taxistand. Ich ließ mich zum Flughafen fahren.

II
SOFIA IN ZEITEN DES KRIEGES

6

In letzter Minute erreichte ich noch den Flug Lausanne-Wien. In Schwechat nahm ich mir einen Leihwagen und war gegen Abend in Bratislava. Laut Max Böhm sollte die Stadt mein erstes Reiseziel sein, zweimal im Jahr kamen die Störche aus Deutschland und Polen durch diese Gegend. Von hier aus konnte ich nach Belieben umherstreifen und, je nach Wagners Informationen, die Vögel aufspüren und beobachten. Zusätzlich hatte ich den Namen und die Adresse eines slowakischen Ornithologen, Joro Grybinski, der Französisch sprach: Ich bewegte mich also auf bekanntem Gelände. Bratislava war eine graue und nichtssagende Großstadt mit quaderförmigen Wohnblocks, durchzogen von langen, breiten Straßen, auf denen kleine rote oder himmelblaue Autos fuhren und die Stadt in dicke schwärzliche Rauchwolken hüllten. Zudem herrschte eine erdrückende Hitze, und so war die Luft regelrecht atemberaubend. Trotzdem freute mich jeder Anblick, jedes Detail dieser neuen Umgebung – Böhms Tod, die Ängste des heutigen Morgens schienen mir bereits Lichtjahre entfernt.

In Böhms Notizen hieß es, Joro Grybinski sei Taxifahrer am Hauptbahnhof von Bratislava. Den Bahnhof fand ich ohne Mühe, und die Skoda- und Trabant-Fahrer, die dort auf Kundschaft warteten, machten mir mit vereinten Kräften begreiflich, dass Joro seinen Arbeitstag gegen neunzehn Uhr beende. Sie rieten mir, in dem kleinen Café gegenüber dem Bahnhof auf ihn zu warten. Ich setzte mich also auf die Terrasse, wo ich im Gewimmel deutscher Touristen und hübscher Sekretärinnen noch einen Platz fand, bestellte einen Tee und bat den Kellner, mir Bescheid zu sagen, falls Joro auftauchen sollte. Ansonsten vertrieb ich mir die Zeit, indem ich alles genau beobachtete, was in mein Blickfeld geriet. Ich genoss den Abstand, der mich unversehens von meinem früheren Leben trennte. In Paris lebte ich in einem weiträumigen Appartement im vierten Stock eines bürgerlichen Wohnhauses am Boulevard Raspail. Von den sechs Zimmern, die mir zur Verfügung standen, benutzte ich zwar nur drei – Salon, Schlafzimmer und Büro –, aber ich liebte es, mich in den weitläufigen Fluchten zu bewegen, in denen Leere und Schweigen herrschten. Diese Wohnung war ein Geschenk meiner Adoptiveltern – eine ihrer vielen Großzügigkeiten, die mir das Dasein erleichterten, ohne in mir die leiseste Dankbarkeit zu erwecken. Die beiden Alten waren mir zutiefst zuwider. Für mich waren sie bloß zwei namenlose Spießbürger, die zwar über mich gewacht hatten, doch immer nur aus der Ferne. In fünfundzwanzig Jahren hatten sie mir lediglich ein paar Briefe geschrieben und mich nicht öfter als insgesamt vier- oder fünfmal besucht. Es war, als hätten sie meinen Eltern vor deren Tod irgendein obskures Versprechen gegeben, das sie mit Überwindung und nur unter äußerster persönlicher Zurückhaltung einlösten – mit Hilfe von Geschenken und Schecks. Schon längst hatte ich aufgehört, irgendeine Geste der Zuneigung oder Freundlichkeit von ihnen zu erwarten. Ich hatte mit ihnen abgeschlossen, profitierte jedoch nach wie vor von ihrem Geld – mit heimlicher Bitterkeit.

Zum letzten Mal hatte ich die Braeslers im Jahr 1982 gesehen, als sie mir die Schlüssel zu meiner Wohnung übergaben. Das ältliche Paar bot einen wenig erfreulichen Anblick. Nelly war um die sechzig, klein und vertrocknet und ätzend wie ein Mund voller Salz. Sie trug bläuliche Perücken und stieß immerfort kleine Schreie aus, die jedoch ein Gelächter waren, nicht unähnlich dem Piepsen eines Sperlings im Käfig. Von früh bis spät war sie betrunken. Georges war kaum anregender. Obwohl er einst französischer Botschafter und mit André Gide und Valéry Larbaud befreundet gewesen war, zog er der Gesellschaft seiner Mitmenschen mittlerweile die Graureiher vor. Im Übrigen gab er kaum etwas anderes von sich als einsilbige Worte und Kopfschütteln.

Ich selbst führte ein vollkommen einsames Dasein. Keine Frau, wenig Freunde, keinerlei Unternehmungen. Das alles hatte ich schon mit zwanzig genossen – zur Genüge, wie ich fand. In einem Alter, das für andere die besten Jahre sind, um sich in Feste und Exzesse zu stürzen, war ich in Einsamkeit und Askese abgetaucht und hatte studiert. Fast ein Jahrzehnt lang war ich durch die Bibliotheken gestreift, hatte exzerpiert und geschrieben und auf über tausend Seiten Gedanken festgehalten. Ich war in der Größe der Geisteswelt aufgegangen, die völlig abstrakt war, und der durchaus konkreten Einsamkeit meines Alltags vor dem flimmernden Bildschirm des Computers.

Meine Geckenhaftigkeit war der einzige Luxus, den ich mir leistete, ich liebte die teure Eleganz. Dabei fällt es mir trotz meiner Neigung zu Äußerlichkeiten nicht leicht, mich zu beschreiben: Mein Gesicht ist eine Mischung. Einerseits sehe ich durchaus eine gewisse Feinheit – eine hohe Stirn, hervortretende Wangenknochen, durch vorzeitige Falten geschärfte Züge; auf der anderen Seite aber hängende Lider, ein plumpes Kinn, eine barocke Nase. Dieselbe Ambivalenz stelle ich an meinem Körper fest, der, obwohl hochgewachsen und einigermaßen elegant, stämmig und muskulös ist. Deshalb legte ich diesen besonderen Wert auf meine Kleidung. Ich trug stets Jacketts von ausgesuchtem Schnitt und Hosen mit tadellosen Falten, in den Farben, Mustern und in den Details hingegen war ich kühner. Ich gehörte zu jenen, die überzeugt sind, dass ein rotes Hemd oder ein Jackett mit fünf Knöpfen einen geradezu existentiellen Akt darstellt.

Wie fern war das alles, als über Bratislava die Sonne unterging und ich jede Minute des Wartens genoss, während mir Fetzen einer unbekannten Sprache ans Ohr drangen und in die Lunge die Abgase der kränkelnden Autos. Um halb acht trat ein kleiner Mann vor mich hin. »Louis Antioche?«, fragte er.

Ich stand auf, um ihn zu begrüßen, wobei ich sofort die Hände in die Taschen steckte. Joro traf ebenfalls keine Anstalten, mich mit Handschlag zu begrüßen.

»Sie sind Joro Grybinski, nehme ich an?«

Er nickte missmutig. Er wirkte auf mich wie ein Sturm: Graue Locken peitschten seine Stirn, die Augen funkelten tief in den Höhlen, der Mund war verbittert und stolz. Joro schien um die fünfzig. Er war in armselige Lumpen gekleidet, aber die Würde seiner Miene, seiner Gesten blieb davon unangetastet.

Ich setzte ihm den Grund meiner Reise nach Bratislava auseinander und sagte, ich sei hier, um die wandernden Störche aufzuspüren. Daraufhin erhellten sich seine Züge, und er erklärte mir eifrig, er beobachte die Weißstörche seit über zwanzig Jahren und kenne jeden einzelnen ihrer Rastplätze in der Umgebung. Er sprach ein korrektes, aber abgehacktes Französisch, seine Sätze prasselten auf mich nieder wie Sentenzen. Daraufhin erklärte ich ihm meinerseits das Prinzip des Satellitenexperiments und sprach von den exakten Ortsangaben, die ich damit erhalten würde. Nachdem er mir eine Weile aufmerksam zugehört hatte, fing er an zu grinsen. »Man braucht keinen Satelliten, um die Störche zu finden. Kommen Sie mit«, sagte er.

Wir nahmen seinen Wagen – einen auf Hochglanz polierten Skoda. Am Stadtrand von Bratislava durchquerten wir zunächst das Industriegebiet mit hohen Ziegelschornsteinen von der Art, wie sie die sozialistische Kunst bevölkern. In der Hitze verfolgten uns gewaltige Gerüche, beißend, übelkeiterregend und beunruhigend. Dann kamen wir an riesigen Steinbrüchen vorbei, in denen metallene Ungeheuer hausten. Endlich waren wir auf dem Land, das sich menschenleer und kahl vor uns erstreckte, und an die Stelle des Industriegestanks traten die landwirtschaftlichen Ausdünstungen. Anscheinend hatte man die Gegend zu einer maßlosen Produktivität auserkoren – genug, um die Erde selbst auszubluten.

Wir fuhren durch Weizen-, Raps- und Maisfelder. In der Ferne verbreiteten schwere Traktoren Rauch- und Staubwolken, aber die Sonne schien sanfter, und die Luft war milder und frischer. Vom Steuer aus suchte Joro den Horizont ab und sah, was ich nicht sah, blieb immer wieder an Stellen stehen, an denen ich nichts Auffälliges zu erkennen vermochte. Schließlich bog er in einen steinigen Feldweg ein; ringsum herrschten Ruhe und Stille. Wir fuhren einen Teich entlang, der grün und reglos war. Zahlreiche Vögel versammelten sich hier, Reiher, Kraniche, Milane, Stelzvögel, die im Schwarm vorbeischossen. Aber keine schwarz-weißen Storchengefieder. Joro schnitt eine Grimasse. Das Ausbleiben der Störche war offensichtlich ein außergewöhnliches Ereignis. Wir warteten, Joro starr wie eine Statue, das Fernglas vor den Augen. Ich saß neben ihm auf der verbrannten Erde und nutzte die Gelegenheit, um ihn auszufragen.

»Beringen Sie die Störche?«, begann ich.

Joro ließ das Fernglas sinken und sah mich an. »Nein, wozu denn?«, fragte er. »Sie kommen und gehen. Wozu sie nummerieren? Ich weiß, wo sie nisten, das genügt. Jeder Storch kehrt jedes Jahr zu seinem eigenen Nest zurück. Darauf ist Verlass.«

»Aber sehen Sie während der Wanderschaft auch beringte Störche?«

»Selbstverständlich. Ich führe sogar Buch darüber.«

»Was heißt das?«

»Ich schreibe alle Nummern auf, die ich sehe. Mit Ort, Datum und Tageszeit. Ich werde dafür bezahlt. Von einem Schweizer.«

»Max Böhm etwa?«

»Genau.«

Böhm hatte nicht erwähnt, dass Joro einer seiner ›Wachposten‹ war.

»Wie lang arbeiten Sie denn schon für ihn?«

»Fast zehn Jahre.«

»Und warum, glauben Sie, will er das?«

»Weil er spinnt.«

Joro wiederholte: »Er spinnt«, und klopfte sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe. »Im Frühjahr, wenn die Störche zurückkommen, ruft Böhm mich jeden Tag an und fragt, ob ich diese und jene Nummer gesehen hätte. In solchen Momenten ist er nicht ganz bei Trost. Im Mai, wenn alle Vögel weitergezogen sind, atmet er auf und telefoniert nicht mehr. Dieses Jahr war es ganz schrecklich. Fast kein einziger Storch ist zurückgekehrt. Ich dachte, er bricht zusammen. Aber gut, was soll man machen. Er zahlt, und ich tu die Arbeit.«

Joro flößte mir Vertrauen ein, deshalb sagte ich ihm – ohne ihm zu verraten, dass der Schweizer tot war –, ich stünde ebenfalls in Böhms Diensten, und dieser Umstand stärkte unser Einverständnis. In Joros Augen war ich als Franzose zunächst nur ein ›Westler‹, reich und verachtenswert; aber die Erkenntnis, dass wir beide für denselben Mann arbeiteten, befreite ihn von seinen Komplexen; fortan duzte er mich.

Nach einer Weile holte ich die Fotografien von den Störchen hervor und kehrte zu meinem Thema zurück: »Wie erklärst du dir das Verschwinden der Störche?«

»Es ist ja nur ein bestimmter Typ von Störchen verschwunden.«

»Was soll das heißen?«

»Verschwunden sind nur die beringten Störche. Vor allem die mit zwei Ringen.«

Diese Information war wesentlich. Joro griff nach den Fotografien.

»Schau«, sagte er, während er mir ein paar Abzüge hinhielt. »Die meisten Störche tragen zwei Ringe. Zwei Ringe«, wiederholte er eindringlich. »Und beide am rechten Bein, oberhalb des Gelenks. Das bedeutet, dass sie einmal am Boden gefangen wurden.«

»Was ist das für ein System?«

»In Europa befestigt man den ersten Ring am Storchjungen, das noch nicht flügge ist. Den zweiten Ring kann man nur dann anbringen, wenn man den Vogel irgendwann später auf die eine oder andere Weise in die Hände bekommt – wenn er krank ist oder verwundet. Zu dem Zeitpunkt legt man ihm den zweiten Ring an. Mit dem exakten Datum der Versorgung. Siehst du, hier erkennt man das sehr gut.«

Joro reichte mir das Bild. Tatsächlich waren auf beiden Ringen die Daten zu lesen: April 1984 und Juli 1987. Also war dieser Storch drei Jahre nach seiner Geburt von Böhm versorgt worden.

»Ich hab mir Notizen gemacht«, fügte Joro hinzu. »Siebzig Prozent der verschwundenen Störche sind solche mit zwei Ringen. Flügellahme, die irgendwann mal flugunfähig waren.«

»Was hältst du davon?«, fragte ich.

Joro zuckte die Achseln. »Vielleicht ist irgendwo eine Seuche ausgebrochen, in Afrika oder Israel oder in der Türkei. Vielleicht waren diese Störche weniger widerstandsfähig als die anderen. Vielleicht hindern die Ringe sie daran, im Busch so frei zu jagen, wie sie’s brauchen. Was weiß ich.«

»Hast du mit Böhm darüber gesprochen?«

Aber Joro hörte nicht mehr zu. Er hielt sich wieder das Fernglas vor die Augen und murmelte halblaut vor sich hin: »Da sind sie, da, dort hinten …«

Wenige Sekunden später sah ich am Himmel, der noch hell war, eine Gruppe von Vögeln auftauchen, weich und geschmeidig flogen sie auf uns zu. Aber im selben Moment stieß Joro einen slowakischen Fluch aus: Er hatte sich geirrt; es waren keine Störche, sondern nur Milane, die hoch über unseren Köpfen vorbeisausten. Dennoch sah Joro ihnen nach, aus reiner Freude, und auch ich beobachtete die Raubvögel in der befremdlichen Stille des Sommerabends.

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