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Der Fluch des Medaillons

1. KAPITEL

Am ersten Tag an meiner neuen Schule – einer irrsinnig teuren Privatschule auf der Upper East Side von New York – wurde ich von meiner kleinen Cousine begleitet. Wie peinlich!

Tante Christine wollte sichergehen, dass ich nicht zu spät zur Schule kam.

Meine Cousine, die um einiges kleiner war als ich und ihre wilden roten Locken mit einem Haarreifen zu bändigen versucht hatte, war total aufgedreht.

„Hi, Emma! Wie gefällt dir die Schuluniform?“ Ashley war fast immer gut gelaunt.

Ich musterte mein Outfit, eine langärmlige weiße Bluse und einen blau-grün karierten Faltenrock.

„Wie sehe ich aus?“, fragte ich.

„Super“, meinte sie. „Aber warum hast du die Bluse mit den langen Ärmeln angezogen? Sie haben für heute über vierzig Grad angesagt. Hast du nichts mit kurzen Är…“ Ashley verstummte. „Sorry.“

Von dem Autounfall war eine hässliche Narbe auf meinem Arm zurückgeblieben, die ich unter meinen Klamotten versteckte.

„Ist schon okay“, meinte ich.

Wir machten uns auf den Weg. „Also, wie läuft das wirklich an dieser Schule?“, versuchte ich meine Cousine auszuquetschen.

Ich stellte mir vor, dass es so war wie in den Fernsehserien über reiche, verwöhnte Kids aus New York, die nur Klamotten im Kopf hatten und sich selbst für den Nabel der Welt hielten. So konnte ich mich schön unauffällig im Hintergrund halten. Hoffte ich zumindest.

„Na ja, wir sind auf der teuersten Schule der Stadt.“ Lachend spielte Ashley mit ihren langen Ohrringen. „Muss ich noch mehr sagen?“

„Nein.“ Da ich absolut nicht wollte, dass die Geschichte mit meinem Stiefvater überall breitgetreten wurde, würde ich mir eben irgendwas anderes einfallen lassen müssen.

Ashley gab mir einen kurzen Überblick, was mich erwartete. „Da sind wir!“, verkündete sie schließlich.

Ich musterte das Gebäude, vor dem wir standen. Es war früher eine alte Villa gewesen, die man zu einer Schule umgebaut hatte. Die Fassade war grau gestrichen und mit reichlich Stuck verziert.

Wir waren etwas früher gekommen, weil ich mich noch im Sekretariat anmelden musste. In der Halle saßen ein paar Mädchen, die in ihren Büchern blätterten. Auf der breiten Treppe hockten einige Jungs. Auch sie trugen eine Schuluniform. Schwarze Hose, weißes Hemd und ziemlich locker gebundene Krawatte.

Mir fiel auf, dass alle Mädchen die strenge Uniform durch schicke Schuhe – meistens High Heels – aufgepimpt hatten. Eine langhaarige, solariumgebräunte Blondine trug glitzernde Diamantohrringe. Und ich? Unechte silberne Kreolen, die ich im Ausverkauf ergattert hatte.

Schüchtern klopfte ich und betrat das Sekretariat. „Du musst Emma Connor sein.“ Die Frau hinter dem Empfangstresen schien mich mit ihren stahlgrauen Augen förmlich zu durchbohren.

„Äh, ja“, stotterte ich. „Woher wissen Sie das?“

Sie lächelte. „Du bist die einzige neue Schülerin auf meiner Liste. Warte, ich hole dir deinen Stundenplan.“

Ich stöhnte leise, weil mir entfallen war, dass es an der Vincent Academy nur zweihundert Schüler gab. Meinen Plan, in der Menge unterzutauchen, konnte ich wohl vergessen.

„Hier.“ Die Schulsekretärin drückte mir ein Blatt Papier in die Hand. „Deine erste Stunde findet im dritten Stock statt“, erklärte sie, um mich gleich darauf aufzufordern: „Stell dich da hin und lächle.“

„Was?“ Abwesend schaute ich auf und wurde von einem Blitzlicht geblendet.

„Du kannst deinen Ausweis nach dem Essen abholen. Bis dahin füll mir bitte diese Formulare aus.“ Die Frau gab mir einige gelbe Zettel und erklärte mir, ich solle jedem Lehrer einen davon geben.

Hoffentlich musste ich nicht irgendwas über mich erzählen. Von wegen: Hi, ich bin Emma. Mein Vater ist abgehauen, als ich sechs war. Mein Zwillingsbruder ist gestorben, da war ich vierzehn. Kurz darauf ist meine Mutter krank geworden und ein Jahr später gestorben. Und im Juni ist mein Stiefvater mit dem Auto gegen eine Mauer gefahren und hätte mich fast umgebracht. Jetzt lebe ich bei meiner Tante.

Ich ging zurück zu meiner Cousine, die mir den Stundenplan aus der Hand riss.

„Hey, wir haben sogar einen Kurs zusammen.“

Wie konnte das sein? Ich warf einen Blick auf den Zettel. Latein. Sie hatten mich in die Anfängerklasse für Latein gesteckt.

Tante Christine war eine gute Bekannte der Direktorin und hatte ihre Beziehungen spielen lassen, deshalb war ich noch aufgenommen worden, obwohl das neue Schuljahr bereits vor Wochen begonnen hatte. Latein gehörte zu den Pflichtfächern der Academy, und ich hatte nicht den blassesten Schimmer von dieser ausgestorbenen Sprache.

Ashley begleitete mich zu meinem Spind, der im Keller in einem engen Flur zwischen Heizungsraum und Chemielabor stand.

„Okay, ich muss los“, meinte sie. „Wir sehen uns bei Latein. Du wirst es hassen.“

Ich umarmte sie. „Danke.“

Auf der Treppe drehte sie sich nochmals um. „Du wirst schon klarkommen“, versicherte sie mir.

Ich stopfte die Bücher in meinen Spind, knallte die Tür zu und sprach mir insgeheim Mut zu.

Mein erster Klassenraum war noch leer, also drückte ich den gelben Zettel, den mir die Schulsekretärin gegeben hatte, meiner ersten Lehrerin Mrs Urbealis in die Hand. Die grüßte mich herzlich, meinte: „Setz dich da hin“, und zeigte auf einen Stuhl in der letzten Reihe.

„Gern.“

Nachdem sich der Raum gefüllt hatte, begann Mrs Urbealis mit dem Unterricht.

„Schlagt eure Bücher auf Seite 106 auf. Ach, wir haben übrigens eine neue Schülerin. Sie heißt Emma Connor. Bitte sorgt dafür, dass sie sich an unserer Schule wohlfühlt, okay?“

Mein nächster Kurs, Mathe, fand im gleichen Raum statt, also blieb ich einfach sitzen, wie das Mädchen vor mir. Sie drehte sich zu mir um.

„Hi, ich bin Jenn“, stellte sie sich lächelnd vor. „Jenn Hynes. Wie läuft’s denn so an deinem ersten Schultag?“

„Bis jetzt ganz gut“, erwiderte ich lächelnd.

„Woher kommst du?“

„Philadelphia.“ Kurzerhand schrieb ich die Geschichte meines Lebens um. „Meine Mom ist nach Tokio versetzt worden. Ich wollte nicht mit, also bin ich zu meiner Tante Christine gezogen.“

Jenn starrte auf die Kette, die ich um den Hals trug.

„Was ist das?“ Sie zeigte auf den silbernen Anhänger. Er war oval, schon ziemlich abgegriffen und mit einem eingravierten Wappen darauf.

„Oh, die Kette hat mir mein Bruder Ethan mal geschenkt.“

„Cooles Teil“, meinte Jenn. Offenbar hatte sie beschlossen, dass es okay war, sich mit mir abzugeben, und fragte mich, ob ich mit ihr und ihren Freundinnen Mittag essen wollte.

Der Lehrer, Mr Agneta, stellte mir jede Menge Fragen zum Stoff, die ich locker beantworten konnte. Mathe war schon mal kein Problem für mich.

Jenn und ich hatten auch den nächsten Kurs zusammen, doch sie war plötzlich verschwunden. Ich hielt mich dicht an der Wand, um in dem engen Flur mit niemandem zusammenzustoßen, während ich auf meinem Stundenplan nachschaute, wohin ich musste.

„Hey, brauchst du Hilfe?“, hörte ich plötzlich eine dunkle Stimme neben mir. Ich schaute auf … in ein Paar strahlend blaue Augen.

„Äh, ja, danke“, murmelte ich. „Weißt du, wo Raum 201 ist?“

„Da muss ich auch hin. Wir können zusammen gehen.“ Der gut aussehende Typ zupfte seine rote Krawatte zurecht. „Für ein hübsches Mädchen tue ich doch fast alles.“

„Hmm, danke.“ Wie war der denn drauf? Zusammen gingen wir die Treppe runter.

„Übrigens, ich bin Emma.“

„Freut mich wirklich sehr, dich kennenzulernen, Emma“, meinte er. Er sah aus wie ein Model, groß, blond, gut gebaut. Und das wusste er auch.

„Und du bist …?“

„Du bist wohl nicht von hier, was?“ Er legte eine Hand auf meinen Hintern. Demonstrativ ging ich einen Schritt schneller, um ihn abzuschütteln.

„Nein“, murmelte ich.

„Das erklärt einiges. Wenn du aus New York wärst, wüsstest du, wer ich bin.“ Dabei zeigte er seine strahlend weißen Zähne und starrte mir ungeniert in den Ausschnitt. Na super! Gleich an meinem ersten Tag hatte ich den übelsten Womanizer der Schule am Hals. Zum Glück waren wir endlich in dem Raum angekommen, in dem der Englischunterricht stattfinden würde.

„Danke, dass du mir geholfen hast.“ Ich wollte den Typen so schnell wie möglich wieder loswerden.

„Oh, es war mir ein Vergnügen“, gab er zuckersüß zurück. Dabei musterte er mich von Kopf bis Fuß. Jetzt wusste ich, was es hieß, wenn jemand einen ‚mit den Augen auszog‘.

Jenn hatte mir den Platz neben sich freigehalten. Ich rannte förmlich durch die Klasse, und sie stellte mich ihren Freunden vor. Kristin Thorn war die Blonde, die mir schon ganz zu Beginn aufgefallen war. Francisco Fernandez, ein Junge mit einem süßen Lächeln, war mir auf Anhieb sympathisch.

Kristin nahm mich genau unter die Lupe. „Du bist also die Neue.“ Sie warf ihre langen blonden Haare zurück und schaute mich herausfordernd an.

„Ja, hi, ich bin Emma.“ Unsicher lächelte ich ihr zu.

„Woher kommst du?“

„Philadelphia“, antwortete Jenn für mich.

Mir reichte es. „Hast du nervöse Zuckungen oder was?“ Ich imitierte die Bewegung, mit der sie ständig ihre Haare zurückwarf. „Wenn es was Ernstes ist, kann ich dir einen guten Spezialisten empfehlen.“

Der dunkelhaarige Junge, der vor uns saß, lachte leise. Offenbar hatte er unsere kleine Unterhaltung verfolgt.

So viel zum Thema möglichst unauffällig bleiben!

„Mach dir um mich mal keine Sorgen.“ Die Blonde zeigte ihre gebleichten Zähne, die durch die unnatürliche Solariumbräune noch mehr hervorstachen. „Ich finde es irgendwie komisch, dass du mitten im Schuljahr hier auftauchst.“

„Meine Mutter ist nach Tokio versetzt worden“, tischte ich ihr dieselbe Geschichte auf, die ich schon Jenn erzählt hatte. „Ich hab beschlossen, bei meiner Tante zu bleiben.“

„Hmm.“ Sie knabberte an der Unterlippe. „Mein Bruder geht auf ein Internat in der Nähe von Philadelphia. Auf welcher Schule warst du?“

„Oh, die kennst du garantiert nicht“, blockte ich ab. Mist!

Kristin ließ nicht locker. „Warst du auf der Delbarton? Oder der Pingry?“

Ich überlegte krampfhaft. „Congress Academy“, behauptete ich schließlich.

Kristin rümpfte die Nase. „Kenne ich nicht.“

„Oh, das ist eine sehr kleine Schule. Sehr exklusiv.“

„Wo liegt sie?“

„Im Zentrum“, schwindelte ich. Damit konnte ich hoffentlich nichts falsch machen.

„Nie gehört. Ich frage mal meinen Bruder, ob er die Schule kennt. Und ob sie was taugt.“

„Hey, Kristin, warum gibst du nicht endlich Ruhe?“

Die Frage kam von dem dunkelhaarigen Jungen, der eine Reihe vor uns saß.

Er drehte sich zu Kristin um, die knallrot geworden war und stammelte: „Ich, ich wollte doch nur …“

„Spar dir das Gesülze.“ Er blieb ganz cool. „Ich kenne die Schule. Wir haben schon gegen sie gespielt.“

Lächelnd schaute er mich an. Schlagartig beschleunigte sich mein Puls. So was war mir noch nie passiert. Mir waren schon oft gut aussehende Jungs begegnet, aber dieser Typ war etwas Besonderes. Lange dunkle Wimpern umrahmten seine grünen Augen. Sein Blick hielt mich gefangen.

„Die haben ein echt gutes Team an der Congress Academy“, meinte er.

Erfreut erwiderte ich sein Lächeln. Flirtete er etwa mit mir?

Dann zwinkerte er mir zu, drehte sich wieder um und machte es sich auf seinem Stuhl bequem.

2. KAPITEL

Es läutete zur Mittagspause, und Francisco fragte: „Hey, Emma, kommst du mit uns zum Essen?“ Er ignorierte Kristins giftigen Blick und lächelte mir zu.

„Gerne, danke.“

Plaudernd schlenderten wir in Richtung Cafeteria. Kristin stürmte an uns vorbei und zog Jenn mit sich.

Francisco wartete, bis sie außer Hörweite waren. „Lass dich von Kristin nicht fertigmachen.“

„Was soll das überhaupt? Hab ich ihr was getan?“

„Darum geht’s nicht. Sie hält sich für den Star der Schule und muss überall ihren Senf dazugeben.“

Es überraschte mich, dass Francisco so offen seine Meinung sagte.

„Sie hat was mit Anthony am Laufen – mal mehr, mal weniger. Es hat ihr garantiert nicht gepasst, wie er sich an dich rangemacht hat, als ihr in die Klasse gekommen seid.“

„Anthony heißt der Typ also. Er schien irgendwie stinkig zu sein, weil ich nicht wusste, wer er ist.“

Francisco lachte. „Typisch! Das ist unser kleiner Prinz nicht gewohnt. Ich schätze, du hast ihn abblitzen lassen, oder?“

„Allerdings!“

Er lachte.

„Sag mal, Francisco, wer ist eigentlich der Junge, der es mit Kristin aufgenommen hat?“ Ich musste unbedingt mehr über den geheimnisvollen Dunkelhaarigen erfahren, der genau wusste, dass es die Schule, auf der ich angeblich gewesen war, gar nicht gab.

„Nenn mich Cisco“, meinte er. Mittlerweile waren wir in der Cafeteria angekommen. Zum Glück ging Francisco nicht auf meine Frage ein, denn ich wollte nicht, dass Kristin was davon mitkriegte. Die beugte sich gerade zu Jenn rüber und zischte: „Wieso hat sie überhaupt mit Anthony geredet? Ich wette, sie schmeißt sich an ihn ran.“

Genervt verdrehte Francisco die Augen.

Die Cafeteria war viel kleiner als in meiner alten Schule. Statt der verkratzten Plastiktische standen hier lange, schwere Holztische. Ich nahm ein eingepacktes Sandwich und einen Eistee und stellte mich hinter Cisco in die Schlange. Nachdem wir bezahlt hatten, nahm ich neben ihm Platz.

„Und, Emma, wie gefällt’s dir hier?“, fragte mein rechter Tischnachbar, ein kleiner, dunkelblonder Junge namens Austin.

„Ganz gut. Ich meine, Schule ist Schule, stimmt’s?“

„Wir suchen übrigens noch Freiwillige für die Planung unserer Halloween-Party in ein paar Wochen.“

„Nein, danke, das ist nichts für mich.“

„Oh, na ja, wir …“ Lärm am anderen Ende der Cafeteria ließ ihn verstummen.

Dort waren zwei Jungen in einen heftigen Streit verwickelt. Einer davon, der Dunkelhaarige, der in Englisch vor mir saß, stand plötzlich auf und warf sein leeres Tablett so heftig auf den Tisch, dass es quer über die Platte rutschte und auf der anderen Seite auf den Boden fiel. Dann schmiss er seinen Stuhl gegen den Tisch, wobei er fast den blonden Jungen traf, der neben ihm gesessen hatte. Alle drehten sich um und starrten ihn an. Der Dunkelhaarige schnappte sich seine Tasche und stürmte aus dem Raum. Der Blonde schäumte ebenfalls vor Wut. Es war Anthony.

„Na ja, die Manieren unserer Sportler sind leider nicht die besten“, fuhr Austin ungerührt fort. „Ich bin Mitglied der Schülervertretung, und wir wollen …“

„Was war das denn gerade?“, unterbrach ich ihn.

„Was meinst du?“

„Das da!“ Ich zeigte auf das Tablett auf dem Boden.

„Ach, unsere Basketballspieler. Von denen müssen dauernd Leute aus dem Team wegen einer Schlägerei auf der Bank sitzen. Besonders einer. Der hat sich einfach nicht unter Kontrolle. Du hast es ja eben selbst erlebt.“ Austin stieß einen verächtlichen Laut aus.

„Wen meinst du?“

„Brendan. Brendan Salinger.“

„Oh.“ Jetzt kannte ich seinen Namen. Ich nahm einen Bissen von meinem Sandwich, als ich hörte, wie Kristin weiter Gift verspritzte. „Die Neue hat es wohl auf Anthony und Brendan abgesehen!“ Ich kümmerte mich nicht weiter darum. Anthony interessierte mich überhaupt nicht. Brendan dagegen war eine Sünde wert.

Erneut drehte ich mich zu Austin um. „Du scheinst diesen Brendan ja nicht gerade zu mögen.“

„Er ist schon in Ordnung. Mich regt nur auf, dass er sich alles erlauben kann. Er kommt immer mit allem durch.“ Beleidigt verzog Austin das Gesicht, bevor er das Thema wechselte. Ich hätte lieber mehr über Brendan erfahren, wollte mein Interesse aber nicht zu deutlich zeigen, also hörte ich einfach zu, wie das Gespräch so vor sich hin plätscherte.

Nach dem Mittagessen holte ich meinen Ausweis ab und machte mich auf den Weg zur Chemiestunde. Das Labor lag direkt neben meinem Spind im Keller. Ich schaute mich um. Ein Mädchen mit pinkfarbenen Strähnen in den schwarzen Haaren saß allein an einem Tisch und las einen Zettel, den es nicht sehr geschickt im Buch versteckt hatte. Die Dunkelhaarige trug schwarze Spitze unter ihrem Faltenrock, wodurch er abstand wie ein Ballettrock. Sie gefiel mir auf Anhieb.

Ich ging zu ihr rüber. Überrascht schaute sie auf. Ihre blaugrauen Augen waren dunkel umrandet. „Irgendwas stimmt mit deiner Aura nicht“, meinte sie.

Dann entdeckte sie meine Kette. „Wow, cool“, rief sie. „Darf ich?“ Geradezu andächtig strich sie mit ihrem schwarz lackierten Zeigefinger über das Wappen auf meinem Anhänger.

„Wunderschön. Übrigens, ich bin Angelique Tedt“, stellte sie sich vor.

„Von wegen Angelique“, zischte jemand. Ich drehte mich um. Kristin saß hinter uns. „Dein richtiger Name passt doch viel besser zu dir, liebe Angela.“

„Freut mich, dich kennenzulernen, Angelique“, sagte ich.

Die lächelte mir zu und studierte weiter ihren Zettel. Darauf standen irgendwelche Zauberformeln und die Zutaten, die man dafür brauchte.

Ich wartete sehnsüchtig auf die Lateinstunde, weil ich Ashley über Brendan ausquetschen wollte.

Ich hatte mich kaum hingesetzt, da überfiel mich meine kleine Cousine schon mit Fragen. „Und, wie gefällt es dir hier? Kommst du klar? Sind dir schon ein paar süße Jungs über den Weg gelaufen?“

„Bis jetzt ist alles ganz okay“, antwortete ich ausweichend. „Eine Sache war allerdings komisch.“ Ich erzählte ihr, wie Brendan mir geholfen hatte, als Kristin mich in die Zange genommen hatte. „Er wusste genau, dass ich die Geschichte mit Philadelphia nur erfunden habe“, flüsterte ich.

„Ich fass es nicht!“, rief Ashley.

„Nicht so laut!“, zischte ich. „Müssen ja nicht alle mitkriegen.“

„Er ist echt heiß. Typ einsamer Wolf. Angeblich interessieren ihn die Mädchen hier an der Schule nicht. Jedenfalls hängt er immer allein irgendwo rum. Dieses Jahr ist er wieder mal aus dem Basketballteam geflogen, weil er sich mit jemandem geprügelt hat, dabei spielt er wirklich gut.“

Brav spuckte Ashley noch mehr Informationen über Brendan aus. „Er spielt hobbymäßig den DJ. Seine Mutter, die genau wie meine Mom gute Beziehungen zur Direktorin hat, zwingt ihn dazu, auf Schulbällen aufzulegen, wenn er wieder mal Mist gebaut hat. Was ziemlich oft vorkommt.“

„Woher weißt du so viel über ihn?“, fragte ich verwundert. „Du bist doch selbst erst drei Wochen hier.“

„Nachdem er im ersten Spiel der Saison aus dem Team geworfen wurde, haben alle über ihn geredet. Er ist so cool!“

Ashley lachte. „Oh, das Beste hätte ich fast vergessen … Kristin wollte letztes Jahr bei ihm landen, aber er hat sie eiskalt abblitzen lassen.“

„Schade, dass ich nicht ihr dummes Gesicht gesehen habe.“

„Hast du nicht Lust, nach der Schule den Jungs beim Basketballspielen zuzuschauen? Es lohnt sich.“

Knackigen Jungs beim Sport auf den Hintern schauen? Da war ich dabei!

Endlich klingelte es. Mein erster Schultag, und ich kriegte schon Schweißausbrüche wegen eines Typen.

Ashley musterte mich kritisch. „Ich will dich ja nicht beleidigen, aber du könntest etwas Farbe im Gesicht vertragen. Ich meine, wenn du dir Brendan Salinger angeln willst …“

„So ein Quatsch!“, protestierte ich. Ich wollte doch nur ein bisschen flirten. Mir Appetit holen. Außerdem liefen hier so viele Klassefrauen herum, da würde er mir garantiert keinen zweiten Blick gönnen.

Ich seufzte. „Er wollte bestimmt nur Kristin ärgern. Oder einfach nur nett zu ‚der Neuen‘ sein.“

Meine Cousine holte eine kleine Flasche aus der Tasche und besprühte mich mit dem angeblichen Lieblingsparfüm eines Popsternchens.

„Iiih, das stinkt ja widerlich!“, rief ich. Sie antwortete nicht, sondern zerrte mich in die nächste Mädchentoilette und zückte ihren Lipgloss.

Nachdem Ashley zehn Minuten an mir rumgefummelt hatte – ich hatte mich allerdings auf Wimperntusche und Lipgloss beschränkt –, gingen wir in den Hinterhof der Schule, wo eine Handvoll Jungs Basketball spielte.

„Elf zu acht!“, verkündete Kristin, die wohl die Punkte zählte. Sie hatte ihren Rock so weit hochgerollt, dass er jedem Gürtel Konkurrenz machen konnte. Immer wieder warf sie Brendan und Anthony lüsterne Blicke zu.

Brendan wirbelte herum, dribbelte den Ball mit einer Hand. Er war verdammt schnell. Statt der Schuluniform trug er ein weißes Shirt und kurze Shorts. Jedes Mal, wenn er auf den Korb zielte, rutschte sein Shirt etwas hoch. Beim Anblick seines Sixpacks konnte einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Dann entdeckte er mich.

Kristin war die Erste, der auffiel, dass er mich ins Visier genommen hatte. Sie verzog das Gesicht.

„Oh, mein Gott! Brendan starrt dich an“, murmelte Ashley.

„Ich weiß.“ Ich versuchte, seinen Blick ganz ruhig zu erwidern. Seine strahlend grünen Augen verfolgten jede meiner Bewegungen, bis einer der anderen Jungs ihm den Ball zuwarf. Obwohl er sich auf mich konzentriert hatte, fing er ihn mühelos und lief los, um den nächsten Korb zu werfen. Danach drehte er sich zu mir um und lächelte mir zu. Ich hatte plötzlich ein komisches Gefühl in der Magengegend. Jetzt wusste ich, wie es sich anfühlte, Schmetterlinge im Bauch zu haben.

Ich tat so, als würde ich etwas in meinem Rucksack suchen. „Ashley, lass uns verschwinden“, flüsterte ich.

„Vergiss es! Wir bleiben hier, und du redest mit ihm.“

„Nein! Bitte!“ Panik überfiel mich. „Lass uns gehen.“ Ich zog sie aus dem Hinterhof.

„Okay, ich hab’s kapiert.“ Sie war sichtlich gekränkt.

„Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, sich in einen Typen zu verknallen, bei dem ich null Chancen habe. Ich weiß nicht mal, ob ich es schaffen werde, hier neue Freunde zu finden. Kristin Thorn hasst mich jedenfalls jetzt schon. Verstehst du? Bisher hab ich immer schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich jemanden zu nah an mich rangelassen habe.“

Ashley warf mir einen verständnisvollen Blick zu. „Emma, es ist okay, dass du dich mies fühlst. Niemand verlangt von dir, deine Mutter oder Ethan zu vergessen, aber du hast ein Recht darauf, wieder glücklich zu werden. Jetzt hast du die Chance, noch mal neu anzufangen. Hier kennt keiner deine Vergangenheit. Deine Mutter würde das auch wollen. Genau wie Ethan.“

„Ich weiß, Ashley“, erwiderte ich seufzend.

„Hey, du hast mir deinen Schulausweis noch gar nicht gezeigt. Lass mal sehen.“

Ich war froh, dass sie das Thema gewechselt hatte, und holte die kleine Karte aus meinem Rucksack.

Ashley stieß einen lauten Pfiff aus. „Wow, Emma, das ist echt übel.“

„So schlimm?“ Ich schnappte mir den Ausweis.

Mein Mund stand halb offen, und ich starrte vor mich hin, als wäre ich schwachsinnig. Durch den grellen Blitz sah meine Haut gelblich-weiß aus.

„Tut mir leid“, behauptete Ashley.

„Ich glaub dir kein Wort! Du kriegst dich ja kaum ein vor Lachen.“

Mittlerweile waren wir vor dem Haus meiner Tante angekommen.

Ein Tag war geschafft. Blieben noch jede Menge andere, die ich überstehen musste.

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