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Der Fluch des Kalifen - Die komplette Reihe in einer E-Box!

Renée Ahdieh

Der Fluch des Kalifen - Die komplette Reihe in einer E-Box!

Inhalt

ein BildRenée Ahdieh
Zorn und Morgenröte
Jeden Tag erwählt Chalid, der grausame Herrscher von Chorasan, ein Mädchen. Jeden Abend nimmt er sie zur Frau. Jeden Morgen lässt er sie hinrichten. Bis Shahrzad auftaucht, die eine, die um jeden Preis überleben will. Sie stehen auf verschiedenen Seiten und könnten unterschiedlicher nicht sein ... Und doch werden sie magisch voneinander angezogen ...

Eine märchenhafte Geschichte über wahrhaft große Gefühle.


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Rache und Rosenblüte
Einhundert Leben für das eine, das du nahmst. Ein Leben bei jedem Sonnenaufgang. Gehorchst du auch nur an einem einzigen Morgen nicht, nehme ich deine Träume von dir. Ich nehme deine Stadt von dir. Und ich nehme von dir dieses Leben tausendfach.

Shahrzad und Chalid haben sich gefunden. Und obwohl ihre Gefühle füreinander unverbrüchlich sind, lauert da immer noch der Fluch, der dem jungen Kalifen auferlegt wurde. Sie wissen beide, dass diese Last ihrer gemeinsamen Zukunft im Weg steht. Und so verlässt Shahrzad den Palast. Sie verlässt Chalid. Aber kann sie einen Weg finden, ihre große Liebe nicht zu verlieren? Und kann sie verhindern, dass noch mehr Unschuldige sterben?


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Fluch und Flammen
Chalid, der Kalif von Chorasan, kehrt von einer Reise zurück und sieht schon von Weitem die Flammen über Ray, der Hauptstadt seines Reiches. Alles, was er liebt, befindet sich dort. Und er muss sich entscheiden, wem sein Herz gehört: Seinem Volk oder seiner großen Liebe Shahrzad.

Dieses eBook enthält eine Leseprobe von "Rache und Rosenblüte", dem zweiten Roman um Chalid und Shahrzad.


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Honig und Gift
Als Chalid, der Kalif von Chorasan, in die Augen seiner neuen Frau Shahrzad blickt, erkennt er darin nichts als blanken Hass. Ein Hass, der ihn fasziniert. Er beginnt zu ahnen, dass dieses Mädchen anders ist, als die vielen, die bereits durch seine Hand gestorben sind.

Dieses eBook enthält die erste Begegnung von Chalid und Shahrzad und eine Leseprobe des Romans "Zorn und Morgenröte", in dem die Geschichte ihrer Liebe erzählt wird.


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Motte und Licht
Als Dienerin im Palast sieht und hört Despina einiges. Als sie durch einen Zufall die Gelegenheit bekommt, die neue Königin von Chorasan kennenzulernen, hofft sie, ihre Vertraute zu werden. Doch jemand anderes sucht ihre Nähe und beansprucht ihre Aufmerksamkeit: Jalal Azef al-Churi, General der Staatswache und Frauenheld. Obgleich Despina sich alle Mühe gibt, einen kühlen Kopf zu bewahren, kann sie sich seinem Charme nur schwer entziehen.

Dieses eBook enthält ein ausführliches Interview mit der Autorin Renée Ahdieh und eine Leseprobe ihres neuen Romans "Rache und Rosenblüte", in dem Despina und Jalal eine wichtige Rolle spielen.


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Inhalt

  1. Über das Buch
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. Meditationen über Spinnfäden und Gold
  9. Nur eine
  10. Der trennende Schleier
  11. Der Berg von Adamant
  12. Despina und der Rajput
  13. Zuggewicht
  14. Beim Licht einer einzelnen Kerze
  15. Aladin und die Wunderlampe
  16. Der Anfang ist das Ende
  17. Der Shamshir
  18. Eine Seidenschnur und ein Sonnenaufgang
  19. Ein ruheloser Geist
  20. Wohin dein Herz sich sehnt
  21. Der alte Mann und der Brunnen
  22. Was die Zukunft verheißt
  23. Scheußliche Eide
  24. Die Ehre des Verrats
  25. Der Wunsch, eine tiefe Wunde zu schlagen
  26. Eine brutale Wahrheit
  27. Lilien und ein tobender Sandsturm
  28. Mehrdad der Blaubärtige
  29. Der Würfel ist gefallen
  30. Der Falke und der Tiger
  31. Zwei gekreuzte Schwerter
  32. Ein Tanz auf dem Balkon
  33. Begreifen durch Erklären
  34. Ein fliegender Teppich und eine ansteigende Flut
  35. Jemand, der es weiß
  36. Nur ein Schatten meines Empfindens
  37. Ava
  38. Vergessen
  39. Der Sturm bricht los
  40. Brennende Kohlen
  41. Glossar
  42. Danksagungen

Über das Buch

Jeden Tag erwählt Chalid, der grausame Herrscher von Chorasan, ein Mädchen. Jeden Abend nimmt er sie zur Frau. Jeden Morgen lässt er sie hinrichten. Bis Shahrzad auftaucht, die eine, die um jeden Preis überleben will. Sie stehen auf verschiedenen Seiten und könnten unterschiedlicher nicht sein … Und doch werden sie magisch voneinander angezogen … Eine märchenhafte Geschichte über wahrhaft große Gefühle.

Über die Autorin

Renée Ahdieh hat die ersten Jahre ihrer Kindheit in Südkorea verbracht, inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und einem kleinen Hund in North Carolina, USA. In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Salsa-Tänzerin, sie kann sich für Currys, Schuhe, das Sammeln von Schuhen und Basketball begeistern. Mit Zorn und Morgenröte legt sie ihren ersten Roman vor, zu dem es eine Fortsetzung geben wird, an dem die Autorin gerade arbeitet.

Renée Ahdieh

Zorn und Morgenröte

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch
von Dietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Victor
die Geschichte in meinem Herzen.
Und für Jessica
den ersten Stern an meinem Nachthimmel.

Einst hatte ich tausend Wünsche,
doch in meinem Wunsch, dich zu kennen,
schmolzen sie alle dahin.

Jalal al-Din Rumi

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Prolog

Niemand sehnte den Sonnenaufgang herbei.

Der Himmel kündigte schon den Tag an, mit einem traurigen silbrigen Lichthof von jenseits des Horizonts.

Auf der Dachterrasse des Marmorpalasts stand ein junger Mann neben seinem Vater. Gemeinsam beobachteten sie, wie das erste blasse Licht langsam, aber unentwegt die Dunkelheit fortschob.

»Wo ist er?«, fragte der junge Mann.

Sein Vater blickte ihn nicht an. »Er hat seine Räume nicht verlassen, seit er den Befehl erteilte.«

Der Jüngere fuhr sich durch die welligen Haare und atmete vernehmlich aus. »Die Menschen sind unruhig. Sie werden sich auf den Straßen zusammenrotten.«

»Und du wirst sie unverzüglich auseinandertreiben.« Der ältere Mann richtete seine barsche Antwort an den noch immer trüben Lichtstreifen.

»Unverzüglich? Meinst du etwa, dass auch nur eine Mutter und ein Vater, egal welcher Herkunft und welchen Standes, nicht kämpfen werden, um ihr Kind zu rächen?«

Endlich wandte sich der Vater seinem Sohn zu. Er sah abgehärmt aus, und seine Augen waren eingesunken, als zerrte von innen ein Gewicht an ihnen. »Kämpfen werden sie. Kämpfen sollten sie. Und du wirst sicherstellen, dass ihr Kampf zu nichts führt. Das ist deine Pflicht gegenüber deinem König, und du wirst sie ausführen. Hast du verstanden?«

Der junge Mann schwieg kurz. »Ich habe verstanden.«

»General al-Churi?«

Sein Vater wandte sich dem Soldaten zu, der hinter ihnen stand. »Ja?«

»Es ist vollbracht.«

Sein Vater nickte, und der Soldat ging fort.

Wieder blickten die beiden Männer in den Himmel.

Und warteten.

Ein einzelner Regentropfen traf das ausgedörrte Dach, auf dem sie standen, und versickerte in dem lehmbraunen Stein. Ein anderer prallte auf das eiserne Geländer und zerstob zu nichts.

Schon bald prasselte ringsherum der Regen nieder.

»Da hast du deinen Beweis.« In der Stimme des Generals lag stiller Kummer.

Der junge Mann antwortete nicht sofort.

»Das kann er nicht durchhalten, Vater.«

»Doch, das kann er. Er ist stark.«

»Du hast Chalid nie verstanden. Es geht hier nicht um Stärke, sondern um Substanz. Was er tun muss, wird alles vernichten, was ihn ausmacht, und nur eine leere Hülle zurücklassen – einen Schatten dessen, was er einmal war.«

Der General verzog das Gesicht. »Glaubst du, ich habe mir das für ihn gewünscht? Ich würde mich in meinem eigenen Blut ertränken, wenn ich es damit verhindern könnte. Aber uns bleibt keine andere Wahl.«

Der junge Mann schüttelte den Kopf und wischte sich den Regen vom Kinn. »Ich weigere mich, das zu glauben.«

»Jalal …«

»Es muss einen anderen Weg geben.« Damit wandte sich der junge Mann vom Geländer ab und stieg die Treppe hinunter.

In der ganzen Stadt füllten sich Brunnen, die längst ausgetrocknet gewesen waren. In rissigen Zisternen, die in der Sonne glühten, schimmerten die Pfützen der Hoffnung, und die Menschen von Ray erwachten zu neuer Freude. Sie rannten auf die Straßen und hoben ihre lächelnden Gesichter zum Himmel.

Den Preis ahnten sie nicht.

Tief verborgen, inmitten des Palasts aus Marmor und Stein, saß ein Jüngling von achtzehn Jahren allein vor einem Tisch aus poliertem Ebenholz …

Er lauschte auf den Regen.

In seinen bernsteingelben Augen spiegelte sich das einzige Licht im Raum.

Ein Licht, das der Dunkelheit zu unterliegen drohte.

Er stützte die Ellbogen auf die Knie und bildete mit den Händen eine Krone über seiner Stirn. Dann schloss er die Augen, und die Worte klangen ihm noch immer in den Ohren, diese Verheißung eines Lebens, das ganz der Vergangenheit verhaftet sein sollte.

Eines Lebens, mit dem er für seine Sünden sühnte.

Einhundert Leben für das eine, das du nahmst. Ein Leben bei jedem Sonnenaufgang. Gehorchst du an auch nur einem einzigen Morgen nicht, nehme ich deine Träume von dir. Dann nehme ich deine Stadt von dir. Und ich werde dir dieses Leben nehmen. Tausendfach.

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Meditationen über
Spinnfäden und Gold

Sanft waren sie nicht. Wieso auch?

Schließlich erwarteten sie nicht, dass sie den nächsten Morgen überlebte.

Mit abgeklärter Ruppigkeit zogen die Hände Elfenbeinkämme durch Shahrzads hüftlanges Haar und massierten ihr Sandelholzpaste auf die bronzefarbenen Arme.

Shahrzad betrachtete eine junge Dienerin dabei, wie sie ihr die bloßen Schultern mit Goldflitter bestäubte, in dem sich das Licht der untergehenden Sonne fing.

Ein Wind strich über die hauchzarten Vorhänge, die die Wände der Kammer verhüllten. Durch die Holzläden, die zur Terrasse führten und mit Schnitzereien verziert waren, trieb ein süßer Duft nach Zitrusblüten heran und flüsterte von einer Freiheit, die nun außer Reichweite war.

Es war dein eigener Entschluss. Du darfst Shiva niemals vergessen.

»Ich trage keine Halskette«, sagte Shahrzad, als ein anderes Mädchen ihr ein juwelenbesetztes Ungetüm an die Kehle legte.

»Das ist ein Geschenk des Kalifen. Du musst es tragen, Herrin.«

Shahrzad starrte das schlanke Mädchen mit amüsiertem Unglauben an. »Und wenn ich es nicht trage? Tötet er mich dann?«

»Bitte, Herrin, ich …«

Shahrzad seufzte. »Jetzt ist wohl der falsche Moment, darauf zu bestehen.«

»Ja, Herrin.«

»Ich heiße Shahrzad.«

»Das weiß ich, Herrin.« Das Mädchen blickte voll Unbehagen weg und wandte sich ab, um bei Shahrzads goldenem Mantel zu helfen. Während die beiden Dienerinnen ihr das schwere Kleidungsstück über die funkelnden Schultern legten, musterte Shahrzad sich im Spiegel.

Die mitternachtsschwarzen Tressen schimmerten wie polierter Obsidian, ihre haselnussbraunen Augen waren mit sich abwechselnden Strichen von schwarzem Kajal und Flüssigem Gold geschminkt. Mitten auf ihrer Stirn hing ein tränenförmiger Rubin von der Größe ihres Daumens; sein Zwilling baumelte von der dünnen Kette, die um ihre nackte Taille gelegt war, und strich über die Seidenschärpe ihrer Hose. Der Mantel bestand aus hellem Damast und war mit einem komplizierten Muster aus Gold- und Silberfäden durchwirkt. Wo er sich zu ihren Füßen ausbreitete, wirkte er noch undurchschaubarer.

Ich sehe aus wie ein vergoldeter Pfau.

»Sind alle so albern zurechtgemacht?«, fragte Shahrzad.

Wieder wandten die beiden jungen Dienerinnen den Blick voll Unbehagen ab.

Ich bin sicher, Shiva hat nicht so albern ausgesehen …

Shahrzads Miene wurde hart.

Shiva hat sicherlich wunderschön ausgesehen. Wunderschön und stark.

Sie bohrte sich die Fingernägel in die Handflächen, winzige Halbmonde stählerner Entschlossenheit.

Als es leise an der Tür pochte, wandten alle drei den Kopf – und gemeinsam stockte ihnen der Atem.

Obwohl sie all ihren Mut zusammengenommen hatte, begann Shahrzads Herz heftig zu pochen.

»Darf ich hereinkommen?« Die leise Stimme ihres Vaters durchbrach das Schweigen; sie klang bittend, und eine Spur unausgesprochener Zerknirschung lag darin.

Shahrzad atmete langsam aus … vorsichtig.

»Was machst du hier, Baba?« Ihre Worte klangen geduldig, aber sie war auf der Hut.

Jahandar al-Haizuran schlurfte in die Kammer. Sein Bart und seine Schläfen zeigten graue Strähnen, und die zahllosen Farbtupfer in seinen braunen Augen schimmerten und wogten hin und her wie das Meer im Sturm.

In der Hand hielt er eine einzelne knospende Rose, die in der Mitte weiß war, während eine schöne Malvenfarbe die Spitzen der Blütenblätter säumte. Die Blume wirkte, als würde sie erröten.

»Wo ist Irsa?«, fragte Shahrzad.

Man hörte, dass sie beunruhigt war.

Ihr Vater lächelte traurig. »Sie ist zu Hause. Ich habe ihr nicht gestattet, mich zu begleiten, obwohl sie, solange es nur ging, gestritten und gewütet hat.«

Wenigstens in dieser Hinsicht hat er meine Wünsche nicht missachtet.

»Du solltest bei ihr sein. Sie braucht dich heute Nacht. Bitte, tu es für mich, Baba. So wie wir es besprochen haben?« Sie ergriff seine freie Hand und drückte sie fest, beschwor ihn mit ihrem Griff, sich an die Pläne zu halten, die sie ihm in den Tagen zuvor dargelegt hatte.

»Ich … Ich kann nicht, Kind.« Jahandar senkte den Kopf. Ein Schluchzen stieg in seiner Brust auf, und seine schmalen Schultern bebten vor Kummer. »Shahrzad …«

»Sei stark. Für Irsa. Ich verspreche dir, alles wird gut.« Shahrzad hob die Hand und wischte ihm die Tränen vom wettergegerbten Gesicht.

»Ich kann es nicht. Der Gedanke, dass heute dein letzter Sonnenuntergang sein könnte …«

»Es wird nicht der letzte sein. Ich werde auch den morgigen Abend sehen. Das schwöre ich dir.«

Jahandar nickte, auch wenn sein Elend nicht einmal annähernd besänftigt war. Er streckte die Rose vor, die er in der Hand hielt. »Die letzte aus meinem Garten; sie ist noch nicht voll erblüht, doch ich wollte dir eine Erinnerung an unser Zuhause bringen.«

Lächelnd griff sie nach der Blume. Die Liebe zwischen ihr und ihrem Vater ging über reine Dankbarkeit weit hinaus, aber trotzdem weigerte er sich, ihr die Rose zu geben. Als sie begriff, weshalb er das tat, wollte sie Einwände erheben.

»Nein. Wenigstens damit kann ich vielleicht etwas für dich tun«, brummte er, fast, als redete er mit sich selbst. Er sah die Rose an, die Stirn gefurcht, die Lippen zusammengepresst. Eine Dienerin hustete sich in die Faust, während die andere den Boden anstarrte.

Shahrzad wartete geduldig. Wissend.

Die Rose blühte auf. Ihre Blätter entrollten sich, von unsichtbarer Hand zum Leben erweckt. Ein köstlicher Duft erfüllte den Raum zwischen ihnen, süß und perfekt für einen Augenblick … doch schon wurde er unerträglich, widerlich süß. Binnen eines Lidschlags verfärbten sich die Blütenränder von einem glanzvollen tiefen Rosa zu einem düsteren Rostbraun.

Dann welkte die Blume und starb.

Entsetzt sah Jahandar zu, wie die verdorrten Blütenblätter auf den weißen Marmor zu ihren Füßen rieselten.

»Es … es tut mir leid, Shahrzad«, sagte er weinend.

»Das spielt keine Rolle. Ich werde niemals vergessen, wie schön sie in diesem einen Augenblick gewesen ist, Baba.« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn an sich. So leise, dass nur er sie hören konnte, flüsterte sie ihm ins Ohr: »Geh zu Tarik, wie du es versprochen hast. Nimm Irsa mit und geh.«

Er nickte, und seine Augen glänzten wieder. »Ich habe dich lieb, mein Kind.«

»Und ich habe dich lieb. Ich werde meine Versprechen halten. Alle.«

Von seinen Gefühlen überwältigt, betrachtete Jahandar seine ältere Tochter, ohne ein Wort zu sagen.

Das nächste Klopfen an der Tür verlangte Aufmerksamkeit, statt sie zu erbitten.

Shahrzad drehte den Kopf ruckartig zur Tür. Die blutroten Rubine schwangen im Takt. Sie straffte die Schultern und hob das spitze Kinn.

Jahandar trat zur Seite und barg sein Gesicht in den Händen, als seine Tochter einen Schritt nach vorne machte.

»Es tut mir leid – so leid«, flüsterte sie ihm zu, dann schritt sie über die Schwelle und folgte den Palastgardisten, die die Prozession anführten. Jahandar sank auf die Knie und schluchzte, als Shahrzad um die Ecke bog und verschwand.

Als sie die Verzweiflung ihres Vaters hörte, weigerten sich Shahrzads Füße, sie weiter durch die breiten Korridore des Palasts zu tragen. Sie blieb stehen, und ihre Knie zitterten unter der dünnen Seite ihres Sirwals, der weiten Pluderhose.

»Herrin?«, sprach ein Gardist sie in gelangweiltem Ton an.

»Er kann warten«, stieß Shahrzad hervor.

Die Gardisten tauschten Blicke.

Ihre eigenen Tränen drohten eine verräterische Spur auf Shahrzads Wangen zu zeichnen. Sie presste sich eine Hand auf die Brust. Ohne Absicht strichen ihre Fingerspitzen über den Rand des dicken goldenen Anhängers an ihrem Hals, der mit Edelsteinen unfasslicher Größe und unbeschreibbarer Vielfalt besetzt war. Der Schmuck fühlte sich schwer an … erstickend. Wie eine juwelengespickte Fessel. Sie gestattete ihren Fingern, sich um die unerwünschte Kette zu schließen, und überlegte einen Augenblick lang, sie sich vom Leib zu reißen.

Die Wut war tröstlich. Wie eine freundliche Erinnerung.

Shiva.

Ihre beste Freundin. Ihre engste Vertraute.

Sie krümmte die Zehen in ihren Sandalen aus geflochtenen Silber- und Goldfäden und zog die Schultern einmal mehr zurück. Ohne ein Wort ging sie weiter.

Erneut blickten die Gardisten einander kurz an.

Als sie die breite Tür mit den beiden schweren Flügeln erreichte, die zum Thronsaal führte, schlug Shahrzads Herz doppelt so schnell wie sonst. Mit einem gedehnten Ächzen schwangen die Türflügel auf, und sie konzentrierte sich ganz auf ihr Ziel, hatte keine Augen für irgendetwas ringsum.

Am anderen Ende des gewaltigen Saales stand Chalid Ibn al-Rashid, der Kalif von Chorasan.

Der König der Könige.

Das Ungeheuer aus meinen Albträumen.

Mit jedem Schritt, den sie machte, steigerte sich der Hass in Shahrzad, und in gleichem Maße sah sie ihr Ziel immer klarer vor sich. Ihr Blick blieb fest, während sie ihn anstarrte. Mit seiner stolzen Haltung stach Chalid zwischen den Männern seines Gefolges heraus, und je näher Shahrzad ihm kam, desto mehr Einzelheiten entdeckte sie.

Er war groß und schlank und zeigte den Körperbau eines jungen Mannes, der zu kämpfen verstand. Seine dunklen Haare waren glatt, und seine Frisur verriet einen Menschen, der in allem nach Ordnung strebte.

Als sie auf das Podest stieg, sah sie zu ihm hoch. Sie weigerte sich, die Augen niederzuschlagen, und sei es im Angesicht ihres Königs.

Seine dichten Brauen hoben sich ein wenig. Sie beschatteten Augen von einem so hellen Braunton, dass sie in hellem Licht bernsteingelb erschienen wie die Augen eines Tigers. Sein Gesicht wirkte wie die kantige Studie eines Künstlers, zusammengesetzt aus schroffen, winkligen Strichen. Die Miene des Kalifen blieb vollkommen reglos, während er ihren wachsamen, forschenden Blick erwiderte.

Ein Gesicht, das schnitt; ein Blick, der durchbohrte.

Er reichte ihr eine Hand.

Als sie ihre Hand schon vorstreckte, um sie zu ergreifen, erinnerte sie sich an ihre Verbeugung.

Der Zorn kochte unter der Oberfläche und trieb ihr die Röte in die Wangen, aber sie neigte das Haupt.

Als sie ihm wieder in die Augen schaute, blinzelte er einmal.

»Frau.« Er nickte.

»Mein König.«

Ich werde leben und den morgigen Sonnenuntergang sehen. Begeh keinen Fehler. Ich schwöre, ich lebe lange genug, um alle Sonnenuntergänge zu sehen, die nötig sind.

Und ich werde dich töten.

Mit meinen eigenen Händen.

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Nur eine

Der Falke segelte über den trüben Nachmittagshimmel. Kein Flügelschlag, nur ein vorbeistreichender Windseufzer hielt ihn in der Luft, während sein Blick das Unterholz absuchte.

Beim ersten flüchtigen Anzeichen einer Bewegung zog der Raubvogel die Schwingen an den Leib und schoss mit verschwimmenden blaugrauen Federn und aufblitzenden Krallen hinunter zum Boden.

Das Fellbündel, das kreischend durch das Unterholz huschte, konnte ihm nicht entkommen. Bald schon näherte sich Hufgetrappel, gefolgt von einer Fahne aus aufgewirbeltem Sand.

Die beiden Reiter hielten in respektvollem Abstand zu dem Falkenweibchen und seiner Beute. Die Sonne im Rücken, streckte der erste Reiter auf dem dunkelkastanienbraunen Al-Khamsa-Hengst den linken Arm aus und pfiff leise.

Der Falke verdrehte den Kopf zu ihm und kniff die gelb umrandeten Augen zusammen. Er stieg in die Luft, kam herbei, landete auf der Mankalah des Reiters, der gepfiffen hatte, und grub die Krallen fest in den ledernen Armschutz, der dem Mann vom Handgelenk bis zum Ellbogen reichte.

»Verflucht, Zoraya. Wieder eine Wette verloren«, sagte der zweite Reiter mürrisch und sah den Vogel an.

Der Falkner schenkte Rahim, seinem Freund seit Kindheitstagen, ein Lächeln. »Hör auf, dich zu beschweren. Sie kann nichts dafür, dass dir eine Lektion nicht genügt.«

»Du hast Glück, dass ich solch ein Narr bin. Wer sonst würde deine Gesellschaft so lange ertragen, Tarik?«

Tarik lachte leise. »Dann sollte ich deiner Mutter vielleicht nicht mehr vorlügen, dass du klug geworden bist.«

»Natürlich nicht. Hätte ich deine Mutter je angeschwindelt?«

»Du Undankbarer, steig ab und hol Zorayas Beute.«

»Ich bin doch nicht dein Diener. Mach es selbst.«

»Gut. Dann halte sie.« Tarik streckte den Unterarm vor, auf dem Zoraya geduldig wartend saß. Als das Falkenweibchen begriff, dass es an Rahim weitergereicht werden sollte, sträubte es die Federn und kreischte protestierend.

Rahim wich zurück. »Der gottverdammte Vogel hasst mich.«

»Weil sie eine gute Menschenkennerin ist.« Tarik lächelte.

»Mit einem hässlichen Temperament«, brummte Rahim. »Ehrlich, sie ist schlimmer als Shazi.«

»Noch ein Mädchen mit ausgezeichnetem Geschmack.«

Rahim rollte mit den Augen. »Ein bisschen eigennützig, dein Urteil, findest du nicht auch? Vor allem, wenn man bedenkt, dass du das Einzige bist, was sie gemeinsam haben.«

»Dass du Shahrzad al-Haizuran auf eine einzige Eigenschaft eingrenzt, könnte mit ein Grund dafür sein, dass du so oft im Mittelpunkt ihrer Zornausbrüche stehst. Ich versichere dir, Zoraya und Shazi verbindet erheblich mehr als nur die Nähe zu mir. Jetzt hör auf, unsere Zeit zu verschwenden, und steig von deinem garstigen Rotschimmel, damit wir endlich nach Hause können.«

Unter fortgesetztem Grummeln stieg Rahim von seiner Achal-Tekkiner-Stute, deren Mähne im Licht der Wüstensonne schimmerte wie polierte Bronze.

Tariks Blick strich über den Streifen aus Sand und trockenen Büschen am Horizont. Von dem Meer in Umbra und Lehmbraun stieg sengende Hitze in den blau-weiß gefleckten Himmel.

Rahim hatte derweil Zorayas Beute in dem Ledersack an seinem Sattel verstaut und schwang sich mit der Anmut eines jungen Adelssprosses, der seit seiner Kindheit in der Kunst des Reitens unterrichtet worden war, wieder auf sein Ross.

»Was die Wette wegen des Vogels angeht …« Rahim ließ den Satz verklingen.

Tarik ächzte, als er den entschlossenen Ausdruck im Gesicht seines Freundes sah. »Nein.«

»Weil du weißt, dass du verlierst.«

»Du bist von uns beiden der bessere Reiter.«

»Du hast das bessere Pferd. Dein Vater ist schließlich ein Emir. Außerdem habe ich heute schon eine Wette verloren. Gib mir die Gelegenheit, das auszugleichen.«

»Wie lange treiben wir diese Spielchen denn noch?«

»Bis ich dich schlage. Bei jedem einzelnen davon.«

»Dann spielen wir ja für immer«, scherzte Tarik.

»Mistkerl.« Rahim unterdrückte ein Grinsen und nahm die Zügel. »Dafür versuche ich nicht mal, ehrlich zu sein.« Er trieb seiner Stute die Fersen in die Seiten und jagte in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren.

»Narr.« Lachend entließ Tarik seinen Falken in die Lüfte und beugte sich über den Nacken seines Hengstes. Auf ein Schnalzen mit der Zunge schüttelte das Pferd die Mähne und schnaubte. Tarik zog an den Zügeln, und der Araber ging auf die gewaltigen Hinterhufe, dann stob er über den Sand davon. Seine starken Beine wirbelten eine Wolke aus Staub auf.

Tariks weißer Rida blähte sich hinter ihm, und die Kapuze drohte sich zu lösen, obwohl sie von einem Lederriemen an Ort und Stelle gehalten wurde.

Als sie um die letzte Düne ritten, erblickten sie eine Festung aus lehmgelbem Stein und grauem Mörtel, die aus dem Sand ragte. Ihre bauchigen Turmspitzen hatten spiralige Dächer aus Kupfer, die die Zeit mit einer türkisfarbenen Patina bedeckt hatte.

»Der Sohn des Emirs kommt!«, rief ein Wächter aus, als Rahim und Tarik sich dem hinteren Tor näherten. Sofort schwang es auf. Diener und Arbeiter stoben aus dem Weg, als Rahim an dem immer noch quietschenden Eisen vorbeipreschte. Tarik war ihm dicht auf den Fersen. Ein Korb mit Dattelpflaumen krachte zu Boden, sein Inhalt verteilte sich überallhin, und ein schimpfender alter Mann bückte sich mühsam nach den davonrollenden orangefarbenen Früchten.

Ohne zu ahnen, welchen Tumult sie ausgelöst hatten, zügelten die beiden jungen Adligen ihre Pferde in der Mitte des ausgedehnten Burgplatzes.

»Wie fühlt es sich an – besiegt zu werden von einem Narren?«, rief Rahim. In seinen dunkelblauen Augen funkelte der Spott.

Tarik hob amüsiert einen Mundwinkel, dann schwang er sich aus dem Sattel und zog die Kapuze seines Rida herunter. Mit der Hand fuhr er sich durch das ungebärdige wellige Haar. Sandkörnchen rieselten ihm ins Gesicht, und er blinzelte heftig, damit sie ihm nicht in die Augen gerieten.

Hinter sich hörte er Rahims ersticktes Gelächter.

Tarik öffnete die Augen.

Die Dienerin, die vor Tarik stand, sah hastig weg, ihre Wangen glühten rot. Das Tablett mit zwei silbernen Wasserbechern, das sie hielt, begann zu zittern.

»Hab Dank.« Tarik lächelte, während er nach einem davon griff.

Ihre Röte vertiefte sich, und das Rasseln wurde stärker.

Rahim stapfte herbei. Er nahm seinen Becher und nickte dem Mädchen zu. Sie wandte sich hastig ab und rannte so schnell weg, wie ihre Beine sie trugen.

Tarik stieß ihn fest an. »Du Tölpel.«

»Ich glaube, das arme Mädchen ist ein wenig in dich verliebt. Nachdem du schon wieder gezeigt hast, was für ein erbärmlicher Reiter du bist, solltest du dem Schicksal umso mehr für dein Aussehen danken.«

Tarik beachtete ihn nicht und drehte sich zum Hof um. Zu seiner Rechten bemerkte er den alten Diener, der mühsam die Dattelpflaumen aufhob, die vor seinen Füßen auf dem Granitboden verstreut lagen. Tarik schlenderte zu ihm, ging auf ein Knie und half dem alten Mann, die Früchte in seinen Korb zu legen.

»Hab Dank, Sahib.« Der Mann verneigte sich und berührte seine Stirn mit den Fingerspitzen der rechten Hand.

Tariks Augen nahmen einen weichen Ausdruck an. Hell und silbern im Zentrum, gingen sie in Ringe aus tiefstem Aschgrau über. Sein Blick flatterte, die schwarzen Wimpern berührten die weiche Haut seiner Lider. Sein Gesichtsausdruck wirkte ernst, doch dieser Eindruck verblasste, sobald er anfing zu lächeln. Ein Bartschatten bedeckte die eckige Linie seines Kinns und betonte das edle Gleichmaß seiner Züge.

Tarik nickte dem älteren Mann zu und wiederholte die gebräuchliche Geste, mit der man Respekt bekundete.

Aus dem Himmel über ihnen erschallte Zorayas Schrei und verlangte augenblickliche Aufmerksamkeit. Tarik schüttelte in gespielter Verärgerung den Kopf und pfiff nach ihr. Mit einem wilden Kreischen, das weitere Menschen vom Hof vertrieb, schoss sie hinab. Erneut landete sie auf Tariks ausgestrecktem Mankalah und putzte sich stolz, bis er sie zu ihrem Stall brachte und sie dort fütterte.

»Findest du den Vogel nicht ein bisschen … verzogen?« Rahim musterte das Falkenweibchen, als es einen ganzen Streifen Dörrfleisch herunterschlang, ohne einmal zum Atemholen innezuhalten.

»Zoraya ist die beste Jägerin im Königreich.«

»Dennoch, ich bin überzeugt, dass dieser verfluchte Vogel sogar mit Mord davonkommen würde. Ist das deine Absicht?«

Ehe Tarik antworten konnte, erschien einer der engsten Ratgeber seines Vaters im Torbogen zum Vorhof.

»Sahib? Der Emir wünscht dein Erscheinen.«

Tarik zog die Brauen zusammen. »Ist etwas geschehen?«

»Vor nicht langer Zeit ist ein Bote aus Ray eingetroffen.«

»Ist das alles?« Rahim brummte missbilligend. »Ein Brief von Shazi? Wohl kaum ein Grund für eine förmliche Audienz.«

Tarik musterte den Ratgeber, die tiefen Furchen in seiner Stirn und die eng ineinander verflochtenen Finger. »Was ist geschehen?«

Der Ratgeber wich seinem Blick aus. »Bitte, Sahib. Komm mit mir.«

Rahim folgte Tarik und dem Ratgeber in die marmorne Säulenhalle und durch den gefliesten Innenhof. Am Springbrunnen, den Glasmosaike zierten, sprudelte Wasser in nie endendem Strom aus dem Maul eines vergoldeten Bronzelöwen. Sie gelangten in den großen Saal und fanden Nasir al-Ziyad, den Emir der viertreichsten Festung von Chorasan, mit seiner Frau an einem niedrigen Tisch. Das Essen stand unberührt vor ihnen.

Ganz offensichtlich hatte Tariks Mutter geweint.

Tarik blieb wie angewurzelt stehen. »Vater?«

Der Emir gab einen Stoßseufzer von sich, hob seinen Blick und sah seinen Sohn sorgenvoll an.

»Tarik, wir haben heute Nachmittag einen Brief aus Ray erhalten. Von Shahrzad.«

»Gib ihn mir.« Die Bitte war leise. Und doch auch scharf.

»Er war an mich gerichtet. Ein Teil davon ist für dich bestimmt, aber …«

Tariks Mutter brach in Tränen aus. »Wie konnte das geschehen?«

»Was ist geschehen?«, fragte Tarik mit erhobener Stimme. »Gib mir den Brief.«

»Es ist zu spät.« Der Emir seufzte. »Du kannst nichts mehr tun.«

»Zuerst Shiva«, sagte Tariks Mutter unter Tränen. »Dann, von Trauer überwältigt, nahm sich meine Schwester …« Sie erschauerte. »Und jetzt Shahrzad? Wie konnte das geschehen? Wieso?«

Tarik erstarrte.

»Du weißt, wieso«, krächzte der Emir leise. »Wegen Shiva. Für Shiva. Für alle von uns.«

Als er das sagte, sprang Tariks Mutter auf und lief fort. Mit jedem Schritt wurde ihr Schluchzen lauter.

»O Gott, Shazi. Was hast du getan?«, flüsterte Rahim.

Tarik blieb bewegungslos, sein Gesichtsausdruck leer und nicht zu deuten.

Der Emir erhob sich und ging auf Tarik zu. »Mein Sohn, du …«

»Gib mir den Brief«, wiederholte Tarik.

Mit grimmiger Resignation überreichte der Emir ihm die Schriftrolle.

Shahrzads vertraute Schrift schwamm über das Blatt, genauso herrisch und schwerfällig wie immer. Tarik hörte auf zu lesen, als sie ihn direkt ansprach. Die Entschuldigung. Die Worte des Bedauerns über ihren Verrat. Die Dankbarkeit für sein Verständnis.

Nicht mehr. Er konnte es nicht ertragen. Nicht, wenn es von ihr kam.

Er zerknüllte das Ende der Schriftrolle in der Faust.

»Du kannst nichts tun«, wiederholte der Emir. »Die Hochzeit – sie ist heute. Wenn sie Erfolg hat … wenn sie …«

»Sag es nicht, Vater. Ich flehe dich an.«

»Es muss gesagt werden. Diese Wahrheiten, ganz gleich, wie schwierig sie sind, müssen ausgesprochen werden. Wir müssen uns ihnen stellen, als Familie. Deine Tante und dein Onkel haben sich dem Verlust von Shiva nie gestellt, und sieh, welche Folgen der Tod ihrer Tochter nach sich zog.«

Tarik schloss die Augen.

»Selbst wenn Shahrzad überlebt, gibt es nichts, was wir tun könnten«, sagte der Emir. »Es ist vorbei. Wir müssen es akzeptieren, so schwierig es auch erscheinen mag. Ich weiß, was du für sie empfindest; ich verstehe es vollkommen. Es wird Zeit brauchen. Aber du wirst begreifen, dass du dein Glück bei einer anderen finden kannst – dass es auf der Welt noch andere junge Frauen gibt. Mit der Zeit wirst du es einsehen.«

»Das ist nicht nötig.«

»Wie bitte?«

»Ich begreife es schon. Voll und ganz.«

Der Emir sah seinen Sohn überrascht an.

»Ich verstehe deine Argumente. Alle. Nun musst du meine verstehen. Ich weiß, dass es auf der Welt noch andere Frauen gibt. Ich weiß, dass es mir möglich sein wird, ein gewisses Maß an Glück mit einem anderen Mädchen zu finden. Mit der Zeit mag alles Mögliche geschehen.«

Der Emir nickte. »Gut. Es ist am besten so, Tarik.«

Rahim starrte sie fassungslos an.

Als Tarik fortfuhr, blitzte das Silbergrau in seinen Augen. »Aber begreife auch eines: Ganz gleich, wie viele makellose junge Frauen du mir vorstellst, es gibt nur eine Shahrzad.« Mit diesen Worten warf er die Schriftrolle auf den Boden und machte auf dem Absatz kehrt. Mit aller Kraft schleuderte er die Türflügel auf.

Rahim tauschte einen nachdenklichen Blick mit dem Emir, bevor er Tarik folgte. Gemeinsam kehrten sie auf den Hof zurück, und Tarik winkte nach den Pferden. Rahim schwieg, bis beide Tiere zu ihnen geführt wurden.

»Was planst du?«, fragte er. »Hast du überhaupt etwas geplant?«

Tarik hielt inne. »Du brauchst nicht mit mir zu kommen.«

»Und wer ist jetzt der Narr? Bist du der Einzige, der Shazi lieb hat? Und wer hat Shiva geliebt? Ich bin nicht von ihrem Blut, aber sie werden immer meine Familie sein.«

Tarik wandte sich seinem Freund zu. »Danke, Rahim-jan.«

Der größere, schlaksige Mann sah zu Tarik herunter. »Danke mir jetzt noch nicht. Wir brauchen erst einen Plan. Sag mir, was willst du tun.« Rahim zögerte. »Kannst du etwas tun?«

Tarik biss die Zähne zusammen. »Solange der Herrscher von Chorasan atmet, kann ich immer etwas tun …« Seine linke Hand sank auf den Griff des elegant gekrümmten Schwertes an seiner Hüfte.

»Was ich am besten kann.«

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Der trennende Schleier

Shahrzad saß allein in ihrem Gemach, mitten auf einem Podest, das mit Kissen in den unterschiedlichsten Farben bestückt war. Rings um das Bett hing ein dünner Schleier aus Spinnenseide, der sich bei der kleinsten Bewegung mit gespenstischer Trägheit bauschte. Die Knie hatte sie an die Brust gezogen und die Hände über den Fußgelenken ineinandergeschoben.

Ihre haselnussbraunen Augen waren auf die Flügeltür gerichtet.

Fast die ganze Nacht hatte sie in dieser Haltung dagesessen. Jedes Mal, wenn sie sich doch von der Stelle wagen wollte, hatte der Mut sie verlassen.

Wo bleibt er?

Sie atmete hörbar aus und verflocht die Finger noch fester.

Bald würde die Panik, gegen die sie in der vergangenen Stunde angekämpft hatte, auf sie niedergehen wie der Hammer auf den Amboss eines Schmiedes.

Was, wenn er heute Nacht nicht zu mir kommt?

»O Gott«, murmelte sie und durchbrach damit die Stille.

Dann habe ich alle betrogen. Dann habe ich jedes einzelne Versprechen gebrochen.

Shahrzad schüttelte den Kopf. Das Herz pochte ihr in den Ohren, und jeder Atemzug fiel ihr schwer.

Ich will nicht sterben.

Die morbiden Gedanken drängten sich in ihr Bewusstsein, sie rissen an ihrer Beherrschung und stießen sie in das bodenlose Reich des Schreckens – eines Schreckens, den sie bisher auf Abstand hatte halten können.

Wie soll Baba weiterleben, wenn ich sterbe? Und Irsa?

Tarik.

»Hör auf!« Ihre Worte hallten durch die gähnende Dunkelheit. Töricht, aber sie brauchte etwas – irgendetwas –, das die quälende Stille mit Klängen füllte, und sei es nur für einen Augenblick.

Sie presste die Hände an die Schläfen und drängte den Schrecken mit schierer Willenskraft …

Zurück in die stählerne Kapsel ihres Herzens.

Da öffneten sich die Türflügel des Gemachs mit einem leisen Knarren.

Shahrzad ließ die Hände auf die weichen Kissen neben sich sinken.

Eine Dienerin trat ein und brachte Wachskerzen, die nicht nur ein warmes Licht abgaben, sondern auch einen wunderbaren Duft, denn sie waren mit Ambra und Adlerholzöl parfümiert. Gleich hinter ihr folgte ein Mädchen mit einem Tablett voll Speisen und Wein. Die Dienerinnen verteilten ihre Lasten schweigend im Gemach und verließen es wieder, ohne Shahrzad auch nur einen Blick gegönnt zu haben.

Im nächsten Moment stand der Kalif von Chorasan auf der Schwelle.

Er wartete, als bedenke er etwas, dann trat er in die Kammer und drückte die Türen zu.

Im matten Schein der Kerzen wirkten seine Tigeraugen noch berechnender und unnahbarer. Als er sich vom Licht abwandte, traten seine wie mit dem Messer gezogenen Züge im Schatten umso schärfer hervor.

Ein Ausdruck der Unerschütterlichkeit umgab ihn. Kalt und abweisend.

Shahrzad schob ihre Finger unter die Knie.

»Mir wurde gesagt, dein Vater habe meinem als einer seiner Wesire gedient.« Seine Stimme war leise und unaufdringlich. Fast … gütig.

»Ja, Sayyidi. Er war ein Ratgeber deines Vaters.«

»Und jetzt arbeitet er als Verwalter.«

»Ja, Sayyidi. Als Verwalter alter Schriften.«

Er wandte ihr das Gesicht zu. »Ein gewaltiger Abstieg.«

Shahrzad verkniff sich die ersten Anzeichen von Verärgerung. »Vielleicht. Er war aber kein sehr hochrangiger Wesir.«

»Ich verstehe.«

Gar nichts verstehst du.

Sie erwiderte seinen Blick und hoffte, das Mosaik der Farben in ihren Augen verberge die Gedanken, die sich hinter ihnen überschlugen.

»Wieso hast du dich freiwillig gemeldet, Shahrzad al-Haizuran?«

Sie gab keine Antwort.

Er beharrte. »Was hat dich veranlasst, etwas so Törichtes zu tun?«

»Wie bitte?«

»Vielleicht die Verlockung, einen König zu heiraten? Oder die eitle Hoffnung, du könntest die eine sein, die das Herz des Ungeheuers rührt und ihrem Schicksal entrinnt?« Er sprach ohne jede Regung und beobachtete sie genau.

Shahrzads Puls schlug wie eine Kriegstrommel. »Unter solchen Wahnvorstellungen leide ich nicht.«

»Warum hast du dich dann freiwillig gemeldet? Wieso bist du willens, mit siebzehn dein Leben wegzuwerfen?«

»Ich bin sechzehn.« Sie kniff die Augen zusammen und blickte zur Seite. »Und ich sehe nicht, wieso das wichtig sein soll.«

»Antworte mir.«

»Nein.«

Er schwieg. »Dir ist klar, dass du dafür sterben könntest.«

Der Griff ihrer Finger verstärkte sich, sodass es beinahe schmerzte. »Ich bin nicht überrascht, das zu hören, Sayyidi. Aber wenn du wirklich Antworten möchtest, wäre es deinem Wunsch nicht sehr förderlich, wenn du mich tötest.«

Der Funke einer Regung zuckte ihm durchs Gesicht und verweilte an seinen Mundwinkeln. Sie war zu rasch verschwunden, als dass sie Shahrzad etwas von Bedeutung verraten hätte.

»Das wohl nicht.« Er hielt inne und schien wieder nachzudenken. Sie konnte sehen, wie er sich zurückzog, wie ein Schleier über die schroffen Winkel seiner Züge fiel.

Nein.

Shahrzad erhob sich von der Bettstatt und trat einen Schritt auf ihn zu.

Als er sie wieder ansah, kam sie noch näher.

»Ich habe es dir gesagt. Glaube nicht, dass du diejenige sein wirst, die den Kreis bricht.«

Shahrzad biss die Zähne zusammen. »Und ich habe dir gesagt, dass ich nicht unter Wahnvorstellungen leide. In keiner Hinsicht.«

Sie ging weiter auf ihn zu, bis sie nur noch eine Armeslänge von ihm entfernt war, ohne dass ihr Entschluss ins Wanken geriet.

Er blickte ihr ins Gesicht. »Dein Leben ist bereits verwirkt. Ich erwarte nicht … mehr.«

Zur Antwort hob Shahrzad die Hand und begann, die juwelenbesetzte Kette zu öffnen, die ihr noch um den Hals hing.

»Nein.« Er fing ihre Hand ab. »Lass das.«

Er zögerte, dann legte er seine Finger in ihren Nacken.

Bei dieser bestürzend vertraulichen Berührung musste Shahrzad gegen den Drang ankämpfen, voll Abscheu zurückzuweichen und ihn mit allem Schmerz und aller Wut, die sie aufbrachte, zu ohrfeigen.

Sei nicht töricht. Du bekommst nur eine Gelegenheit. Verschwende sie nicht.

Dieser knabenhafte König, dieser Mörder … Sie würde nicht zulassen, dass er noch eine Familie zerstörte. Dass er einem anderen Mädchen die beste Freundin raubte – ein ganzes Leben an Erinnerungen, die geschehen waren und nie sein würden.

Sie hob das Kinn und schluckte die aufsteigende Galle herunter. Der bittere Geschmack blieb auf ihrer Zunge zurück.

»Wieso bist du hier?«, flüsterte er. Seine Tigeraugen lauerten immerfort.

Zur Antwort hob sie mokant einen Mundwinkel.

Sie legte ihre Hand auf seine.

Vorsichtig.

Dann hob sie den schweren Mantel von ihren Schultern und ließ ihn zu Boden gleiten.

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Irsa saß rittlings auf ihrer gescheckten Stute. Sie war in der Gasse gleich neben dem Gebäude, das Rays älteste und rätselhafteste Schriften beherbergte. Die Bibliothek der Stadt war einst ein großartiges Bauwerk mit einem Säulenportal gewesen, errichtet aus sorgfältig behauenen Steinen aus den besten Steinbrüchen von Tiraziš. Im Laufe der Jahre war die Fassade immer dunkler geworden, und tiefe Risse verunstalteten sie; nur die schlimmsten waren achtlos repariert worden. Jede sichtbare Kante war abgewetzt, und der prächtige Glanz vergangener Tage war zu einem fleckigen Grau und Braun verkommen.

Als das Pferdegespann hinter ihr sich in der dichten Stille vor dem Morgengrauen rührte, blickte Irsa schuldbewusst über ihre Schulter. Sie öffnete den Mund, um den Jungen zu beruhigen, der auf dem Kutschbock saß, doch ihre Stimme war noch spröde, und sie musste sich erst räuspern, ehe sie sprechen konnte.

»Es tut mir leid«, flüsterte sie dem Jungen nach einem diskreten Hüsteln zu. »Ich weiß nicht, wieso es so lange dauert. Er wird sicher bald wieder hier sein.« Ihre Stute zuckte mit dem linken Ohr, als Irsa sich im Sattel drehte.

»Es stört mich nicht, Fräulein. Solange ich nur mein Geld bekomme. Aber wenn dein Vater die Stadttore vor dem Morgengrauen durchqueren will, dann sollten wir bald aufbrechen.«

Sie nickte, aber bei den Worten des Jungen bildete sich ein neuer Knoten in ihrem Magen.

Bald würde sie die Stadt ihrer Kindheit verlassen – die Stadt, in der sie vierzehn Jahre lang gelebt hatte. In dem Wissen, dass ihr Leben nie wieder so sein würde wie gewohnt, hatte sie im Schutz der Nacht, fast von einem Augenblick auf den anderen, alles von Wert in den gedeckten Karren hinter ihr geworfen.

Wie seltsam, dass ihr nichts davon wichtig war. Zumindest noch nicht.

Das Einzige, woran sie denken konnte – der Grund für ihre raue Kehle und den verknoteten Magen –, war Shahrzad.

Ihre starrsinnige, tyrannische ältere Schwester.

Ihre tapfere, treue Freundin.

Wieder sammelten sich heiße Tränen in ihren Augen, und das, obwohl sie sich geschworen hatte, keinen einzigen Tropfen mehr zu vergießen. Ungehalten wischte sie sich mit dem Handrücken über die schon wunden Wangen.

»Ist was, Fräulein?«, fragte der Kutscherjunge. Sein Ton klang fast mitfühlend.

Natürlich war etwas. Aber wenn sie vor neugierigen Augen sicher sein wollten, durfte er nie erfahren, was das war. »Nein. Nichts ist. Danke, dass du fragst.«

Der Bursche nickte und nahm erneut seine gleichgültige Pose ein.

Irsa dachte wieder an die Reise, die ihnen bevorstand. Drei Tage Strapazen, bis sie Taleqan erreichten, die Festung von Tariks Familie. Sie schüttelte fassungslos den Kopf. Nach allem, was geschehen war, konnte nur Shahrzad die Dreistigkeit besitzen, sie zum Haus ihres Kindheitsschatzes zu schicken. Jedes Mal, wenn Irsa innehielt und an Tarik und seine Familie dachte, verzerrte Sorge ihre jungenhaften Züge …

Und Reue.

Sie seufzte müde und starrte auf die Zügel. Ihr gescheckter Schimmel warf die Mähne herum, als ein Windstoß durch die Gasse peitschte.

»Was braucht er denn so lange?«, fragte Irsa niemand Bestimmten.

Wie aufs Stichwort öffnete sich scharrend die hölzerne Tür zum Seiteneingang der Bibliothek, und die Kapuzengestalt ihres Vaters stolperte ins Licht.

Er hielt etwas in beiden Armen, drückte es sich fest an die Brust.

»Baba? Ist alles gut?«

»Es tut mir so leid, Liebes. Alles ist gut. Wir können jetzt aufbrechen«, murmelte Jahandar. »Ich habe nur … Ich musste nur sicher sein, dass alle Türen abgesperrt sind.«

»Was ist los?«, fragte Irsa.

»Hmm?« Jahandar ging zu seinem Pferd und griff nach der Satteltasche.

»Was hast du da?«

»Ach, nichts. Nur ein Buch, das mir besonders am Herzen liegt.« Er winkte ab.

»Sind wir nur wegen eines Buches den weiten Weg gekommen, Baba?«

»Es geht um dieses eine, mein Kind. Nur um dieses eine.«

»Es muss ein besonderes Buch sein.«

»Alle Bücher sind etwas Besonderes, Liebes.«

»Was ist das für ein Buch?«

Jahandar verstaute den alten Lederband mit großer Sorgfalt in der Satteltasche und schwang sich mit erheblich weniger Vorsicht aufs Pferd. Dann winkte er dem Kutscherjungen, loszufahren.

Die kleine Karawane folgte den noch schlummernden Straßen von Ray.

Irsa lenkte ihr Ross neben den schwarzen Hengst ihres Vaters. Als Jahandar mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht zu ihr heruntersah, griff sie nach seiner Hand.

»Alles wird gut, liebste Tochter«, sagte er beinahe geistesabwesend.

Sie nickte.

Irsa war keineswegs entgangen, dass er ihre letzte Frage unbeantwortet gelassen hatte.

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Der Berg von Adamant

In dem Augenblick, in dem Shahrzad seine Hand berührte, überlief sie Leidenschaftslosigkeit wie ein kühler Guss. Es war, als schwebte sie neben ihrem Leib und würde nur zusehen, was mit ihr geschah.

Zum Glück versuchte er nicht, sie zu küssen.

Auch der Schmerz hielt nicht an; er war nur flüchtig und verlor sich in der willkommenen Ablenkung ihrer Gedanken. Der Kalif schien ebenfalls kein Vergnügen zu empfinden. Welche Wonne er auch immer gewann, sie war kurz und oberflächlich. Als Shahrzad das begriff, durchfuhr sie eine tiefe Genugtuung.

Als es vorüber war, stand er wortlos von der Bettstatt auf und schob die wispernde Seide beiseite, die den Kissenberg umschloss.

Sie sah ihm zu, wie er sich mit knapper, geradezu militärischer Präzision anzog. Sie bemerkte den hellen Schimmer von Schweiß auf seinem Rücken und das Spiel seiner lang gestreckten Muskeln bei der kleinsten Bewegung.

Er war kräftiger als sie. Daran konnte kein Zweifel bestehen. Körperlich konnte sie ihn nicht überwinden.

Aber ich bin nicht hier, um zu kämpfen. Ich bin hier, um zu siegen.

Sie setzte sich auf und griff nach dem hübschen Shamla, das über einen Schemel gebreitet in ihrer Nähe lag. Shahrzad schob die Arme in den glänzenden Brokat und band die silbernen Schnüre zu, dann erst trat sie zu ihm. Als sie um das Bett herumging, drehte sich der kunstvoll bestickte Saum der Robe um ihre Fesseln wie ein Derwisch mitten im Sama.

Der Kalif ging zu dem niedrigen Tisch in der Ecke der Kammer, der von noch prächtigeren Polstern und dicken Kissen in allen Juwelenfarben umgeben war.

Er schenkte sich Wein ein und stand weiter still da. Shahrzad ging an ihm vorbei und ließ sich auf die Kissen am Tisch sinken.

Das Tablett war beladen mit Pistazien, Feigen, Mandeln, Trauben, Quittenchutney, kleinen Gurken und einer Auswahl frischer Kräuter. Ein Korb mit Fladenbrot, in ein Leintuch gehüllt, stand daneben.

Bemüht, ihm seine subtile Missachtung mit gleicher Münze heimzuzahlen, pflückte Shahrzad eine Traube und steckte sie sich in den Mund.

Der Kalif musterte sie einen quälenden Augenblick lang, dann ließ er sich auf die Kissen nieder. Er saß und trank, während Shahrzad Brotstücke in das süßsaure Chutney tauchte.

Als sie das Schweigen nicht mehr ertragen konnte, hob sie eine schmale Augenbraue und sah ihn an. »Isst du nichts, Sayyidi?«

Er atmete durch die Nase ein und kniff die Augenwinkel nachdenklich zusammen.

»Das Chutney ist köstlich«, fügte sie leichthin hinzu.

»Fürchtest du dich nicht, Shahrzad?«, fragte er so leise, dass sie es beinahe überhört hätte.

Sie legte das Brot auf den Tisch. »Möchtest du, dass ich mich fürchte, Sayyidi?«

»Nein. Ich möchte, dass du aufrichtig bist.«

Shahrzad lächelte. »Aber wie würdest du es erkennen, wenn ich löge, Sayyidi?«

»Weil du keine begabte Lügnerin bist. Du hältst dich nur dafür.« Er beugte sich vor und nahm eine Handvoll Mandeln vom Tablett.

Ihr Lächeln wurde breiter. Gefährlich. »Und du bist nicht so ein guter Menschenkenner. Du hältst dich nur dafür.«

Er neigte den Kopf zur Seite, und an seinem Kiefer zuckte ein Muskel. »Was willst du?« Wieder sprach er so leise, dass Shahrzad sich anstrengen musste, um ihn zu verstehen.

Mit den Händen fegte sie die Krümel von ihrem Gewand, gewann Zeit, um die nächste Falle aufzubauen.

»Ich soll bei Sonnenaufgang sterben. Ist das richtig?«

Er nickte einmal.

»Und du möchtest wissen, wieso ich mich freiwillig gemeldet habe?«, fuhr sie fort. »Nun, ich wäre bereit, es …«

»Nein. Ich lasse mich auf kein Spielchen ein. Ich verabscheue Manipulation.«

Shahrzad presste die Lippen zusammen und schluckte ihre nervöse Wut herunter. »Vielleicht solltest du weniger Zeit damit vergeuden, das Spiel zu verabscheuen, und lieber die Geduld aufbringen, die nötig ist, um es zu gewinnen.«

Sie hielt den Atem an, als sein Oberkörper erstarrte. Seine Fingerknöchel traten einen schrecklichen Augenblick lang weiß hervor, ehe er seinen Griff lockerte.

Shahrzad sah zu, wie seine Anspannung nachließ. Ein Wirbel von Gefühlen stieß in ihrer Brust zusammen und brachte ihre Gedanken durcheinander.

»Tapfere Worte für ein Mädchen, das nur noch wenige Stunden zu leben hat.« Seine Stimme war kalt wie Eis.

Sie setzte sich gerade auf und richtete die langen dunklen Haare, die ihr über eine Schulter fielen. »Möchtest du die Regeln des Spiels hören oder nicht, Sayyidi?«

Als er schwieg, beschloss sie vorzupreschen. Ihre zitternden Hände verbarg sie in den Falten ihres Shamlas. »Ich bin bereit, deine Frage zu beantworten, Sayyidi. Doch bevor ich das tue, wüsste ich gern, ob du bereit bist, mir eine kleine Bitte zu gewähren …« Sie verstummte.

Ein Anflug von herzloser Belustigung verdunkelte sein Antlitz. »Willst du mit Belanglosigkeiten um dein Leben feilschen?«

Sie lachte, und der Laut tanzte wie luftiger Glöckchenklang durch den Raum. »Mein Leben ist verwirkt. Das hast du deutlich gemacht. Vielleicht sollten wir diese Frage hinter uns lassen und uns dem Unmittelbaren zuwenden.«

»Ich bitte sehr darum.«

Sie ließ sich einen Augenblick Zeit, in dem sie sich wappnete. »Ich möchte dir eine Geschichte erzählen.«

»Wie bitte?« Zum ersten Mal sah sie, wie ein deutliches Gefühl durch seine Züge lief.

Bist du überrascht? Sei dir gewiss, das ist nicht das letzte Mal, Chalid Ibn al-Rashid.

»Ich erzähle dir eine Geschichte. Du sitzt und hörst zu. Wenn ich mit der Geschichte fertig bin, beantworte ich deine Frage.« Sie wartete auf seine Antwort.

»Eine Geschichte?«

»Ja. Bist du mit den Bedingungen einverstanden, Sayyidi?«

Er lehnte sich auf einen Ellbogen zurück. Seine Miene war nicht zu deuten.

»Gut. Ich bin einverstanden. Du kannst anfangen.« Die Worte klangen wie eine Herausforderung.

Und ich nehme sie an, du Ungeheuer. Willentlich.

»Dies ist die Geschichte von Agib, einem armen Seefahrer, der alles verlor, was er besaß, nur um Selbsterkenntnis zu erlangen.«

»Eine moralische Fabel? Also versuchst du, mir eine Lektion zu erteilen.«

»Nein, Sayyidi. Ich versuche dich zu fesseln. Ich habe gehört, ein guter Geschichtenerzähler könne sein Publikum mit einem einzigen Satz in Bann schlagen.«

»Dann hast du versagt.«

»Nur weil du unnötig schwierig bist. Und auch, weil du mich nicht zu Ende reden lässt. Du musst wissen, Agib war ein Dieb – der beste Dieb von ganz Bagdad. Er konnte dir einen Golddinar aus der Hand stehlen, vor deinen Augen, und mit der Heimlichkeit eines Schattens dem wachsamsten Reisenden die Taschen leeren.«

Der Kalif neigte nachdenklich den Kopf.

»Aber er war überheblich. Und je waghalsiger seine Streiche wurden, desto mehr wuchs seine Überheblichkeit. Bis er eines Tages ertappt wurde, wie er einen reichen Emir bestahl. Er kam nur ganz knapp mit dem Leben davon. Von Häschern verfolgt, rannte er auf der Suche nach einem Versteck durch die Straßen Bagdads. Am Hafen sah er zufällig ein kleines Schiff, das gerade auslaufen wollte. Der Kapitän suchte verzweifelt noch einen Mann für seine Besatzung. Sicherlich würden die Schergen des Emirs ihn finden, wenn er länger in der Stadt blieb, und so meldete Agib sich freiwillig für die Reise.«

»Besser.« Die Spur eines Lächelns umspielte die Lippen des Kalifen.

»Ich freue mich, dass sie dir gefällt, Sayyidi. Darf ich fortfahren?« Sie warf ihm ein spitzes Grinsen zu und kämpfte gegen den Drang an, ihm sein Getränk ins Gesicht zu schütten.

Er nickte.

»Die ersten Tage an Bord des Schiffes waren schwierig für Agib. Er war kein Seemann und besaß nur wenig Erfahrung mit Reisen dieser Art; dementsprechend war er immer wieder lange seekrank. Die anderen Besatzungsmitglieder verhöhnten ihn offen dafür und teilten ihm die niedrigsten Arbeiten zu, um ihm zu zeigen, dass er so gut wie nutzlos war. Dass Agib als bester Dieb Bagdads großen Respekt genossen hatte, war in dieser Umgebung bedeutungslos; schließlich konnte er schlecht seine Schiffskameraden bestehlen. Hier konnte er nirgendwohin fliehen und sich verstecken.«

»Wahrlich eine furchtbare Lage«, sagte der Kalif.

Shahrzad beachtete seine leise Spitze nicht. »Nach einer Woche auf See gab es einen fürchterlichen Sturm. Gewaltige Wellen warfen das Schiff umher und brachten es weit vom Kurs ab. Doch das war nicht das schlimmste Unglück, das ihnen widerfuhr: Als das Meer sich zwei Tage später wieder beruhigte, war der Kapitän nirgendwo zu finden. Die See hatte ihn in sein salziges Grab gezogen.«

Shahrzad verstummte und beugte sich vor, um sich eine Weintraube zu nehmen. Dabei warf sie einen verstohlenen Blick über die Schulter des Kalifen zu den bemalten Holzläden vor dem Ausgang zur Terrasse. Sie beschattete noch immer der Mantel der Nacht.

»Die Besatzung geriet in Panik. Sie waren auf offener See verloren, kein Land in Sicht, und wussten nicht, wie sie das Schiff wieder auf Kurs bringen sollten. Streit brach aus über die Frage, welcher Seemann die Rolle des Kapitäns übernehmen sollte. In diesem Streit um die Macht an Bord übersah die Besatzung ein winziges Fleckchen Land, das am Horizont aufgetaucht war. Agib war es, der die anderen darauf aufmerksam machte. Es sah aus wie ein winziges Eiland mit einem Berg in der Mitte. Zuerst jubelte die Mannschaft über den Anblick. Aber dann murmelte ein älterer Seemann etwas, das die Panik neu entfachte.«

Der Kalif lauschte, die Bernsteinaugen direkt auf Shahrzad gerichtet.

»Er sagte: ›Gott stehe uns bei. Das ist der Berg von Adamant.‹ Als die anderen zu jammern begannen, weil sie die Wahrheit seiner Worte begriffen, fragte Agib, was den Berg so schrecklich mache, dass erwachsene Männer bei seinem Anblick verzagten. Der alte Seemann erklärte, dass ein finsterer Zauber den Berg von Adamant umgebe, der Schiffe durch das Eisen in ihren Rümpfen anziehe. Sobald ein Schiff ganz in seiner Gewalt sei, reiße die Kraft von Adamant sämtliche Nägel aus dem Fahrzeug, sodass es auf den Grund des Ozeans sinke und alle seine Insassen mit ins nasse Grab ziehe.«

»Statt ihre Zeit zu verschwenden, indem sie ihre missliche Lage beklagen, sollten sie vielleicht lieber in die andere Richtung davonfahren«, schlug der Kalif trocken vor.

»Genau dazu riet auch Agib. Jedes Ruder wurde bemannt, und alle legten sich ins Zeug, um den tückischen Plan des Berges zu vereiteln, doch es war schon zu spät. Wenn man die schwarzen Felsen einmal aus der Entfernung erblickt hat, kann man nur noch wenig tun. Dann hält einen der Berg bereits in den Klauen. Und tatsächlich, trotz all ihrer Anstrengungen trieb das Schiff immer näher an die Insel, immer schneller in den Schatten von Adamant. Bald erhob sich aus den Tiefen des Schiffes ein furchtbares Ächzen. Der Rumpf bebte und schüttelte sich, als lastete das Gewicht der Welt auf seinem Bug. Entsetzt musste die Mannschaft mit ansehen, wie ringsum die Nägel aus dem Holz gezerrt wurden. Das Schiff brach auseinander wie ein Kinderspielzeug, auf das man versehentlich den Fuß gesetzt hat. Agib stimmte in das Geschrei und das ängstliche Gejammer seiner Schiffskameraden ein, als sie ins Meer stürzten, wo jeder nur sich selbst helfen konnte.«

Shahrzad hob ihr Glas und griff nach dem Wein. Sie verbarg ihr Erstaunen, als der Kalif ihr wortlos einschenkte.

Die obere Kante des Ladens hinter ihm wurde hell.

»Agib eilte an das Heck des Schiffes – das war der letzte Teil des Bootes, der noch heil war. In dem Tumult bemerkte er einen schweren Eisenkessel, der an ihm vorbeiglitt, in Richtung des Berges. Mit den geschickten Händen des Meisterdiebs ergriff Agib den Kessel und hielt sich mit aller Kraft daran fest, als das Gefäß über Bord gezogen wurde und in die weite See stürzte. Der Kessel zog ihn unter Wasser. Er strampelte, um oben zu bleiben, während er nach etwas anderem Ausschau hielt, woran er sich festklammern konnte. Die schrecklichen Laute seiner ertrinkenden Schiffskameraden trieben ihn nur an, noch verzweifelter zu suchen. Als er ein abgebrochenes Stück vom Großmast fand, schlang er den freien Arm darum, hielt sich aber noch immer mit der Kraft der Panik an dem Kessel fest.«

Die scharfen Züge des Kalifen wurden weich, als er begriff. »Da hat Agib schnell und gut gedacht. Er hofft, der Kessel zieht ihn auf die Insel.«

Shahrzad lächelte. »Ganz genau. Nach vielen Stunden gelangte Agib so an Land. Erschöpft und vor Angst zitternd, stolperte er auf den glänzenden schwarzen Strand von Adamant. Im Schatten des Berges verlor er das Bewusstsein und erwachte lang nicht. Als der Morgen dämmerte, rührte er sich und begann die Insel nach Essen und Wasser abzusuchen. Doch ihm wurde klar, dass dies wahrhaft ein Ort des Todes und der Vernichtung war – wohin er auch sah, kein Leben regte sich, und Wasser war auf der öden einsamen Insel genauso rar wie die Hoffnung. Verzweifelt ließ Agib sich gegen einen Steinhaufen sinken und begriff, dass der Tod schon wieder nach ihm griff. Als die Steine unter ihm ins Rutschen kamen, schob sich zwischen ihnen ein kleiner Kelch aus Metall hervor. Er war alt und stumpf, ganz zerkratzt an den Rändern.«

Am Fensterladen kroch das blassblaue Licht immer höher, es quoll zwischen den geschnitzten Leisten hervor und erweckte Muster zum Leben, die bislang nur beängstigende Umrisse gewesen waren.

»Agib musterte den Kelch. Das Gefäß war mit Sand und Schlamm verkrustet. Er stolperte an den Wasserrand, um es zu reinigen. Als der Schmutz in der Brandung davonschwamm, bemerkte er, dass der Kelch mit Zeichen bedeckt war, wie er sie noch nie gesehen hatte. Er hob ihn in die aufgehende Sonne, aber Wassertropfen benetzten noch die Oberfläche, und fuhr mit dem Ärmel darüber, um sie abzuwischen …«

Nun färbte das strahlende Weiß der Morgendämmerung die Ränder des Ladens. Die Lichtstrahlen warfen Muster auf den Marmorboden, die wie Adern aus gediegenem Gold aussahen.

Shahrzad pochte das Herz bis zum Hals.

»Und der Kelch begann zu zittern. Aus seinem leeren Innern ringelte sich ein Rauch empor, der die Farbe des klaren Mittagshimmels hatte. Er wuchs an, bis er zu einer Wolke geworden war. Furchterfüllt ließ Agib den Kelch fallen und stürzte rücklings auf die harten schwarzen Kiesel am Strand von Adamant. Die Rauchwolke wuchs an und wurde dabei immer dichter, bis sich in ihrer Mitte ein Schatten bildete.«

Der Kalif beugte sich vor.

»Der Schatten verfestigte sich … und hob zu lachen an.«

Shahrzad verstummte.

Hinter dem Kalifen hatte der Sonnenaufgang in seiner ganzen entsetzlichen Pracht eingesetzt.

»Wieso hörst du auf?«, fragte er.

Sie wies mit ihrem Blick zur Terrasse. Der Kalif sah in die gleiche Richtung.

»Du darfst die Geschichte zu Ende erzählen.«

Sie atmete bedachtsam ein. »Ich fürchte, das geht nicht, Sayyidi.«

»Wie bitte?«

»Ich habe die Geschichte gerade erst begonnen.«

Er kniff die Augen zu ockerfarbenen Schlitzen zusammen. »Beende die Geschichte, Shahrzad.«

»Nein.«

Er erhob sich in einer einzigen anmutigen Bewegung. »Das also war von Anfang an dein Plan?«

»Was für ein Plan, Sayyidi?«

»Ein Trick. Eine Taktik, um deine Hinrichtung hinauszuzögern … Du wolltest eine Geschichte beginnen, bei der du nie die Absicht hattest, sie zu beenden.« Er sprach mit tödlich leiser Stimme.

»Ich habe jede Absicht, sie zu beenden – in der kommenden Nacht. Ob das geschieht oder nicht, liegt ganz bei dir.« Shahrzad sah starr zu ihm hoch, die Fäuste hielt sie innerhalb des Shamlas fest geballt.

»Du hast gesagt, du hättest verstanden: Dein Leben ist verwirkt. Das war von vornherein klar.«

Shahrzad erhob sich zu voller Größe. Sie nahm die Schultern zurück und reckte das zarte Kinn.

Als sie sprach, klang sie genauso schneidend wie er.

»Alle unsere Leben sind verwirkt, Sayyidi. Es ist nur die Frage, wann. Und ich hätte gern einen Tag mehr.«

Er blickte sie wütend an, und sein scharf geschnittenes Gesicht wirkte noch bedrohlicher, als die Hitze der Wut seine Züge färbte.

Ein einzelnes Klopfen ertönte an der Tür des Gemachs.

»Nur einen«, flüsterte sie.

Der Blick aus Tigeraugen glitt an ihr hoch und wieder herunter, taxierte seine Widersacherin, wog die Möglichkeiten ab.

Ein Moment verstrich, in dem ihr das Herz stillstand.

Betteln werde ich nicht.

Wieder ein leises Klopfen an der Tür.

Shahrzad trat vor, die haselnussbraunen Augen auf den Kalifen gerichtet.

Er machte langsam einen Schritt zurück, dann ging er zur Tür.

Nein. Bitte. Bleib stehen!

Als er nach der Klinke griff, hielt er inne, ohne sich wieder zu ihr umzudrehen.

»Einen.« Er sprach das Wort aus wie einen tonlosen Beinamen, dann trat er durch die Tür.

Als sie sich hinter ihm mit einem Knall schloss, sank Shahrzad zu Boden und presste ihre flammende Wange an den kühlen Marmor.

Selbst das Weinen war ihr nun zu anstrengend.

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Despina und der Rajput

Klappernd und klirrend knallte das Tablett auf den Tisch.

Shahrzad fuhr hoch. Schlaf verklebte ihr die Augenlider. Sie fuhr mit der Hand darüber und wischte sie sauber. Als sie fertig war, hatten Flüssiges Gold und schwarzes Pulver Flecken auf ihrer Handfläche hinterlassen.

»Du veranstaltest solch einen großen Rummel, und dabei bist du so klein«, sprach eine melodische Stimme von der Seite.

»Was?«

»Ich sagte, du wirkst sehr klein, wenn man bedenkt, welch großen Rummel du veranstaltest.« Ein üppiges junges Mädchen trat an das Fußende der Bettstatt und riss die hauchzarten Vorhänge beiseite. Sie war in Shahrzads Alter, hatte helle Haut und dichte Haare in der Farbe von Honig und Walnuss, die in typisch griechischer Manier auf ihrem Scheitel hochgesteckt waren. Ihre Augen funkelten blau wie das Wasser der Ägäis, die Lider hatte eine geübte Hand mit Kajal nachgezogen. Die Lippen, die sie zu einem herrlichen Schmollmund gespitzt hatte, waren mit Karmin und Bienenwachs rosarot bemalt. Das weiße Leinengewand schmiegte sich eng an ihren Körper. Um den linken Oberarm hatte sie ein dickes Silberband geschlungen.

Shahrzad schob ihre Benommenheit beiseite und versuchte sich ein würdevolles Auftreten zu geben. »Ich habe dich schon beim ersten Mal verstanden.«

»Warum hast du mich dann gebeten, mich zu wiederholen?«

»Weil ich nicht weiß, wer du bist, und ich keine Ahnung habe, wieso du hier am frühen Morgen herumpolterst und alberne Erklärungen abgibst«, versetzte Shahrzad.

Das Mädchen lachte auf. Es war ein heller, robuster Laut.

»Ich glaube, allmählich verstehe ich, wieso es solch einen Rummel gibt. Außerdem haben wir kaum noch früh am Morgen. Es ist Mittag.« Das Mädchen schritt zu den Fensterläden und riss sie auf. Die Mittagssonne stand hoch an einem klaren blauen Himmel.

Shahrzad zog vor dem grellen Licht den Kopf ein.

»Ich habe dir zu essen gebracht. Du solltest etwas essen. Du bist so klein«, wiederholte das Mädchen.

»Mir entgeht, wieso meine Größe von Bedeutung sein sollte.«

»Weil kein Mädchen einen langen Kampf durchhalten, geschweige denn gewinnen kann, wenn es so mager ist wie ein Straßenkind. Und ich würde es gern sehen, dass du gewinnst.«

Augenblicklich auf der Hut, zog Shahrzad die Knie an die Brust und zeigte eine undurchdringliche Miene. »Gewinnen?«

»Bei Zeus, du bist ein seltsames Ding. Ja, Herrin, ich würde gern sehen, wie du gewinnst. Was bedeutet, ich würde gern sehen, wie du überlebst. Ich schaue nicht gern dabei zu, wie junge Mädchen durch die Launen unseres undurchschaubaren Herrschers zu Tode kommen. Und du?«

Shahrzad musterte sie einen Atemzug lang, dann setzte sie die bloßen Füße auf den kalten Marmorboden und erhob sich vom Bett.

Sei vorsichtig.

»Nein. Ganz sicher nicht«, antwortete sie.

Das Mädchen grinste. »Du bist größer, als ich dachte. Trotzdem zu mager, aber ich habe schon Schlimmere gesehen. Ein, zwei Kurven sind da, wo sie hingehören. Ich bin sicher, wenn du erwachsen bist, siehst du umwerfend aus.«

»Verzeih mir, wer bist du?«, fragte Shahrzad.

»Despina. Deine Magd … solange du gewinnst.«

»Ich brauche keine Magd.«

»Ich fürchte, das entscheidest nicht du.« Despina grinste noch breiter, und ihre blauen Feueraugen blitzten Shahrzad an, forderten sie heraus, ihrer Unverschämtheit doch entgegenzutreten.

Shahrzad hielt nachdenklich inne. »Also hat er dich hergeschickt, damit du mich ausspionierst?«

In Despinas Gesicht blitzten weiße Zähne auf. »Ja.«

»Bist du eine gute Spionin?«

»Die beste.«

»Eine gute Spionin würde verbergen, was sie ist.«

»Die besten Spione brauchen das nicht.«

Gegen ihren Willen musste Shahrzad lächeln. »Du bist arrogant.«

»Du auch, oh meine Herrin Shahrzad. Ich sehe das aber nicht als Makel. Denn wie könnte jemand ohne ein gewisses Maß an Arroganz auch nur versuchen, das Unmögliche zu vollbringen?«

Shahrzad trat von der Plattform herunter und stellte sich vor Despina.

Die Magd war einen halben Kopf größer als sie und strahlte vom Scheitel bis zur Sohle Selbstvertrauen aus, als kenne sie ihren Platz in der Welt ganz genau. Von ihrem kunstvoll drapierten Gewand bis zu ihren makellos betonten Zügen stand fest, dass man mit Despina zu rechnen hatte.

Doch ihre Augen zogen Shahrzads Aufmerksamkeit mehr auf sich als alles andere.

Es waren die wachsamen Augen eines Jägers.

Und sie sah darin den Ausdruck ihrer eigenen Augen gespiegelt.

Sie hat mich gewarnt, dass sie eine Spionin ist. Wieso hat sie mich gewarnt?

»Möchtest du etwas essen? Oder willst du die Nahrung verweigern? Wenn dem so ist, dann nur zu, denn damit bringt sich so ein hübsches kleines Koboldmädchen schneller um, als unser Kalif es kann.«

Shahrzad grinste schief. »Das ist das schönste falsche Kompliment, das mir jemals gemacht wurde.«

»Gern geschehen.« In einem Wirbel von weißem Leinstoff fuhr Despina herum, Jasminduft erfüllte die Luft um sie. Shahrzad folgte ihr an den Tisch in der Ecke. Auf dem Tablett stand eine Terrine mit Suppe, es lagen dort Lavas-Brot, ein runder Ziegenkäse mit süßem Eingemachtem und ein halbierter Granatapfel, dessen Samen in dem warmen Licht, das von der Terrasse hereinfiel, wie Edelsteine schimmerten. Eine verzierte Silberkanne voll Kardamomtee thronte auf einer niedrig brennenden Flamme.

Despina hob den Deckel von der Terrine und begann den Tee auszuschenken. Sie legte einen funkelnden Kristall Kandiszucker auf den Boden einer kleinen Tasse aus Ätzglas.

Als Shahrzad auf den Kissen saß, griff sie nach einem Stück Lavas.

Die Magd beobachtete Shahrzad durch ihre Wimpern, während sie den Tee in schlankem Strahl von hoch über dem Glas einschenkte. »Ich habe es ernst gemeint; ich hoffe wirklich, dass du gewinnst, Herrin«, sagte sie vorsichtig.

»Bitte nenn mich Shahrzad.«

»Shahrzad.« Despina grinste sie an.

Shahrzad konnte nicht anders, sie erwiderte das Lächeln.

Sei sehr vorsichtig.

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Eine Stunde später hatte Shahrzad mit Despinas Hilfe gebadet und eine neue kunstvolle Garnitur aus Seide und Damast angelegt. Ein schlanker Reif aus Silber, mit Perlen und kleinen blauen Saphiren besetzt, zierte ihre Stirn. Um den Hals hing ihr wieder eine schwere Kette, die zu dem Stirnreif passte. Bei jeder Bewegung klirrten dünne Diamantarmreife an ihrem Handgelenk gegeneinander.

»Darf ich den Raum verlassen?«, fragte sie, nachdem Despina an der Kajalumrandung ihrer Lider die letzten Korrekturen beendet hatte.

Despina nickte. »Du darfst fast den ganzen Palast betreten, solange der Rajput bei dir ist.«

»Der Rajput?«

Despina verzog das Gesicht in einer Mischung aus trockener Belustigung und Mitleid. »Der Kalif ist offenbar so sehr in dich verliebt, dass er ein Mitglied seiner persönlichen Leibgarde für dich abstellt.«

Shahrzad ballte die Fäuste. »Also hat mir der Kalif nicht nur eine Spionin, sondern auch einen allzeit bereiten Henker zur Seite gestellt?«

»Mehr oder minder.«

Hass beschreibt überhaupt nicht, was ich diesem Mann gegenüber empfinde.

»Wer ist der Rajput?«, stieß Shahrzad hervor.

»Einst war er bekannt als die Geißel von Hindustan. Er ist der beste Schwertkämpfer in Ray und vielleicht in ganz Chorasan. Ein Verehrer des Talwars. In Ray gibt es nur einen Schwertkämpfer, der an ihn herankommt, aber selbst er hat den Rajput noch nie besiegen können.«

Nun, dieses Wissen kann in Zukunft nützlich sein.

»Wer ist der zweitbeste Schwertkämpfer in Ray?«

Despina runzelte die Stirn. »Ich hätte mehr von dir erwartet.«

»Was?«

»Ich glaubte, du würdest Wert darauf legen, im Bilde zu sein.«

»Vergib mir meine Nachlässigkeit. Wie bin ich nur ohne die Liste der zehn besten Schwertkämpfer von Chorasan durchs Leben gekommen?«

»Diese Kenntnisse wären einem jungen Mädchen mit einem Bibliothekar zum Vater wohl nicht leicht zugänglich. So etwas schreibt man ja nicht an die Mauern, damit alle es wissen.«

»Mein Vater ist Kurator alter Schriften und der klügste Mann, den ich kenne. Bei dem vorigen Kalifen war er Wesir.« Shahrzad kniff die Augen zusammen und sah an Despina vorbei.

»Und nach dem Tod seiner Frau hat er, wie ich höre, den Verstand verloren und wurde degradiert. Jetzt ist er Bibliothekar.«

Ich darf nicht die Beherrschung verlieren. Sie versucht eindeutig, mich wütend zu machen. Aber wieso?

Shahrzad schwieg als Antwort, und sie nutzte ihr Schweigen, um ihre Fassung wiederzuerlangen. Sie spielte an dem schweren Silberanhänger vor ihrer Kehle, dessen Gewicht sie verabscheute.

»Willst du also noch wissen, wer der zweitbeste Schwertkämpfer in Ray ist?«, wechselte Despina das Thema.

»Schon gut. Es ist nicht wichtig.«

Despina lächelte wissend. »Der zweitbeste Schwertkämpfer in Ray ist Chalid Ibn al-Rashid. Unser glanzvoller König der Könige.«

Shahrzad sank das Herz. Begabte Schwertkämpfer waren in der Regel auch kühle Strategen. Sie erkannten Anzeichen für Täuschung rasch.

Das konnte sich als weiteres Hindernis erweisen. Wenn er sie je der Täuschung verdächtigte, wäre es noch schwieriger, seinen Tod zu planen und ihn zu überraschen.

Sie schluckte mühsam. »Wie gesagt, das ist unerheblich.«

»Ich nehme an, dass es für dich nicht wichtig ist. Aber ich dachte, du möchtest es vielleicht dennoch wissen.«

Welches Spiel treibt sie mit mir?

»Da hast du falsch gedacht.« Shahrzad ging zu der Flügeltür des Gemachs und zog an den Griffen. Kaum überschritt sie die Schwelle, als eine ungeschlachte Gestalt in Sicht trat. Die Haut des Mannes hatte die Farbe brünierten Kupfers, und er überragte Shahrzad wie ein Turm. Seinen Schädel bedeckte ein kompliziert gebundener Turban, dicke Muskelstränge durchzogen seine nackten Arme, und sein schwarzer Bart war säuberlich zu einer Spitze gestutzt, die gleich unter dem Kinn endete. Augen in der Farbe einer mondlosen Nacht leuchteten auf sie hinab, schroff und gnadenlos.

»Äh, ja. Du musst … Es tut mir leid, wie heißt du?«, stammelte Shahrzad.

»Ich habe es dir gesagt; er ist der Rajput«, antwortete Despina hinter ihr.

»Aber er muss doch einen Namen haben«, raunte Shahrzad über ihre Schulter.

»Wenn ja, so weiß ich ihn nicht.«

Mit einem gereizten Seufzen schaute Shahrzad nach vorn und ergab sich einmal mehr dem Anblick ihres möglichen Henkers.

»Ich bin Shahrzad.« Sie sah ihm in die schwarzen Augen.

Er sah sie drohend an, dann trat er beiseite, damit sie durchkam.

Als sie an ihm vorbeiging, bemerkte sie das lange, gekrümmte Talwar-Schwert, das an seiner Hüfte hing und in der Mittagssonne bedrohlich glänzte.

Dieser stumme Koloss ist also der einzige Schwertkämpfer, der meinen Feind bezwingen kann …

Wie soll ich denn eine Schwäche bei Chalid Ibn al-Rashid finden, wenn seine Spione mich ständig umgeben und jede meiner Bewegungen beobachten?

Sie atmete langgezogen aus.

Mein Vorhaben könnte schwieriger sein, als ich gedacht habe.

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Zuggewicht

Der ursprüngliche Palast war vor nahezu dreihundert Jahren von einem König mit einem Sinn für das Extravagante errichtet worden. Seither hatte man viele Flügel angebaut, die das alte Bauwerk aus Marmor und Kalkstein erweiterten. Sie verzweigten sich wie Nebenflüsse, die gewunden einem unsichtbaren Ziel in der Ferne zustrebten.

In solch einem Gebäude verlief man sich leicht.

»Wie komme ich auf den Hof?«, wandte sich Shahrzad an Despina, nachdem sie eine halbe Stunde die hellen Gänge durchschritten hatten.

Despina neigte den Kopf nachdenklich zur Seite. »Ich nehme an, das wäre erlaubt. Niemand hat ausdrücklich verboten, dass du nach draußen gehst.«

Shahrzad widerstand dem Drang, etwas zu entgegnen, und folgte Despina, die in einen Korridor nach rechts abbog. Der Rajput blieb an Shahrzads Seite, seine Haltung so starr und unnahbar wie sein Gesicht. Nachdem sie mehrere Minuten in Schweigen gegangen waren, gelangten sie in eine Freiluftgalerie mit einer Reihe überwölbter Türen, die nach draußen führten.

Ein Diener öffnete eine Flügeltür, damit sie hindurchtreten konnten, und Shahrzad kam auf einen terrassierten Hof, der angelegt war wie gigantische Stufen einer abwärtsführenden Treppe. Auf der obersten dieser Terrassen wuchs üppiges blaugrünes Gras zwischen Trittsteinen aus rauem Granit. Zwischen blühenden Bäumen stand in der Mitte eine kunstvoll gearbeitete Voliere. Die starken Akazienhölzer waren mit einer dünnen Schicht weißer Farbe bedeckt und wurden mit Bolzen aus polierter Bronze zusammengehalten.

Shahrzad ging an dem Vogelkäfig vorbei und betrachtete die bunten Scharen von Singvögeln darin: Nachtigallen, Goldfinken, Lerchen, Kanarienvögel …

Hinter ihr ertönte ein lauter Schrei. Als sie sich umdrehte, sah sie einen Pfau, der über das Gras schritt. Er hatte seinen malachit- und goldfarbenen Schweif im Sonnenschein ausgebreitet, sodass er immer wieder Lichtstrahlen einfing.

Shahrzad trat näher. Der Pfau blieb stehen und sah sie trotzig an, dann senkte er seine Schleppe und eilte davon.

Sie lachte leise. »So schnell beim Prahlen. So schnell auf der Flucht.«

»Wovon redest du?«, fragte Despina.

Shahrzad schüttelte den Kopf.

»Redest du über Männer?« Despina schnaubte.

Shahrzad entschied sich, nicht zu antworten, ging ans Ende der obersten Terrasse und stieg die steinerne Treppe zur nächsten, baumbewachsenen Fläche hinunter. Dieser Garten strotzte vor weißen Zitrusblüten und grünen Feigen, die schwer an ihren Zweigen hingen und noch auf die Reife warteten.

Sie nahm die Stufe und hielt nur inne, um den Duft einzusaugen.

Despina musterte sie nachdenklich. »Was bezweckst du?«, fragte sie mit einer Spur Misstrauen.

Shahrzad hob die Hand, um ihre Augen zu beschirmen, während sie nach Anzeichen von Bewegung auf der weiten Sand- und Steinfläche unter ihnen Ausschau hielt.

»Wenn du mir sagst, was du vorhast, bringe ich dich dorthin«, erbot sich Despina.

»Ich plane gar nichts. Ich suche etwas.«

»Wonach suchst du denn?«

»Nach einer Magd, die weniger Fragen stellt.«

Despina kicherte.

Shahrzad beschleunigte den Schritt, flog die letzte Treppe geradezu hinunter und überquerte die rechte Seite des Hofes. Endlich war sie an ihrem Ziel aus Sand und Stein.

Der Rajput grunzte missbilligend, als sie sich dem Eingang näherten.

Also ist er doch nicht stumm.

Despina schnaufte hörbar. »Ich bin mir recht sicher, dass du hier nichts zu suchen hast.«

»Du sagtest, ich könnte gehen, wohin ich will, solange der Rajput bei mir ist«, erinnerte Shahrzad sie.

»Ich nehme an, niemand hat damit gerechnet, dass du das Übungsgelände aufsuchen willst.«

Shahrzads scharfe Augen schweiften über das Meer von Männergesichtern, alle versunken in der Kunst des Kampfes. Sie übten mit Speeren und perfektionierten ihre tödliche Treffgenauigkeit mit der Tabarzin, der Streitaxt mit der halbmondförmigen Klinge.

Er ist nicht hier.

»Suchst du den Kalifen?«, fragte Despina.

»Nein.«

Aber ich nehme an, der zweitbeste Schwertkämpfer in Ray wird irgendwann heute üben … wenn er seinen Titel behalten will.

Und ich muss seine Schwächen kennenlernen, auf dass ich ihn damit vernichte.

Despina grinste höhnisch. »Lügnerin.«

»In Wirklichkeit bin ich hier, weil ich …« Shahrzad schaute sich rasch um, bis sie etwas sah, das sie gut kannte. »Ich wollte lernen, mit Pfeil und Bogen umzugehen.«

»Was?«, rief Despina aus.

Unwissen vortäuschend, ging Shahrzad zu dem Gestell mit den Waffen.

Der Rajput hob den Arm, um sie aufzuhalten, einen Ausdruck der Warnung in den onyxschwarzen Augen.

Shahrzad stählte sich innerlich, ehe sie seinen feindseligen Blick erwiderte. »Würdest du mir beibringen, wie man schießt? Das wollte ich schon immer können.«

Er schüttelte den Kopf.

Sie machte einen Schmollmund. »Mir passiert schon nichts. Nach morgen früh brauchst dir sowieso keine Gedanken mehr über mich zu machen. Bitte gewähre mir doch diesen kleinen Wunsch.«

»Vielleicht macht er sich keine Gedanken um dich«, sagte Despina bissig.

Shahrzad versuchte, an seinem mammuthaften Unterarm vorbeizugehen. Als er sie wieder hinderte, schürzte sie unwillig die Lippen. »Musst du denn so schwierig sein?«, fragte sie ihn schroff.

»Er ist nicht schwierig. Er ist wie immer«, sagte eine volltönende Männerstimme hinter ihnen.

Sowohl Despina als auch Shahrzad wandten sich um und blickten in das amüsiert-neugierige Gesicht eines jungen Mannes mit einem mahagonifarbenen Lockenschopf und einer warmen, gutmütigen Miene.

Der Rajput erstarrte.

»Vielleicht kann ich euch helfen?«, fragte der Neuankömmling grinsend.

Shahrzad bedachte ihn mit einem gewinnenden Lächeln. »Das hoffe ich. Ich bin …«

»Ich weiß, wer du bist, Herrin. Mittlerweile weiß jeder in diesem Palast, wer du bist.« Seine braunen Augen funkelten schalkhaft, während er Despina zublinzelte. Sie wandte den Blick ab, ihre Wangen röteten sich.

Das ist ja ein Charmeur.

»Dann hast du mir einen wesentlichen Vorteil voraus, Herr«, sagte Shahrzad.

»Ich bin Jalal.« Er beugte den Kopf und strich sich mit den Fingerspitzen über die Stirn.

»Er ist der Hauptmann der Palastgarde und der Sohn von General Aref al-Churi – dem Shahrban von Ray«, erläuterte Despina in auswendig gelerntem Ton.

»Lass dich von dem Titel nicht täuschen, Herrin. Ich bin niemand von Bedeutung, auch wenn mein Vater der oberste Feldherr Chorasans ist.«

»Nun, diese bedauernswerte Stellung teilen wir, denn auch ich bin jemand ohne Bedeutung«, sagte Shahrzad.

»Das bezweifle ich, oh Herrin Shahrzad. Das bezweifle ich sehr.« Jalal grinste und wirkte gleich noch freundlicher, als er ohnehin schon war.

Der Rajput grunzte wieder. Sein schwelender Zorn holte Shahrzad zur unmittelbar anstehenden Frage zurück.

»Wärst du bereit, mir beizubringen, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht, Hauptmann al-Churi?«, fragte sie.

»Das hängt davon ab: Erstens müsstest du die Förmlichkeit aufgeben und mich einfach Jalal nennen. Zweitens dürfte Chalid nie von meiner Rolle bei diesem Vergehen erfahren.«

Chalid? Er nennt ihn beim Vornamen?

»Darauf kann ich mich einlassen. Mit Freuden. Wenn du mir das Gleiche gewährst – in beiderlei Hinsicht.«

Jalal neigte sich ihr verschwörerisch zu. »Dann folge mir, Shahrzad.«

Shahrzad lachte. Despina verschränkte die Arme vor der üppigen Brust. »Das ist eine schlechte Idee«, warnte sie. Ihre blauen Augen flitzten zu Jalals schelmischem Gesicht.

»Für wen? Für dich oder für mich?«, entgegnete Shahrzad. »Denn mir erscheint es als sehr gute Idee, den letzten Tag meines Lebens mit Dingen zu verbringen, die ich immer schon tun wollte.«

Despina seufzte schicksalsergeben und schlurfte hinter Shahrzad und Jalal her. Der Rajput stapfte in ihrem Schatten. Sein Abscheu war ihm ebenso deutlich anzusehen wie seine Verärgerung, trotz des scharfen Blickes, mit dem der Hauptmann der Garde ihn getadelt hatte.

Jalal führte Shahrzad zu einem Bogengestell. Mehrere Köcher hingen von einer Stange aus Stahl herunter. Die Pfeile waren zur leichteren Erkennung mit bunt gefärbten Gänsefedern gefiedert. Shahrzad zog einen Pfeil heraus. Seine Spitze war stumpf, weil er zum Üben diente. Sie gab sich große Mühe, unbekümmert zu wirken, und bog den Pfeil ganz leicht an der Nock, um sein Gewicht zu bestimmen.

Nicht sehr biegsam.

»Hast du schon einmal mit Pfeil und Bogen geschossen?«, erkundigte sich Jalal. Für jemanden, der sich so unbekümmert gab, beobachtete er mit überraschend scharfem Auge.

»Nicht so richtig.« Sie versuchte, wegwerfend zu klingen.

»Darf ich dann fragen, was du da mit dem Pfeil machst?«

»Ich bin nur neugierig.« Sie zuckte mit den Achseln und steckte den Pfeil in den Köcher zurück. Dann griff sie nach einem weiteren Pfeil mit andersfarbiger Befiederung und prüfte ihn genauso.

Viel besser.

Sie nahm sich den Köcher von der Stange.

»Wie es scheint, brauchst du gar keine Unterweisung von mir«, kommentierte Jalal ihr Tun leichthin.

»Nein, nein …« Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie sollte sie ihren Fehler kaschieren? »Mein … Cousin hat mir einmal gesagt, dass es leichter ist, Pfeile mit weniger Rückgrat zu schießen, wenn man nicht sehr viel Kraft im Oberkörper hat.«

»Ich verstehe«, sagte Jalal in zweifelndem Ton. »Und was hatte dein … Cousin über Bogen zu sagen?«

»Nichts. Das mit den Pfeilen erwähnte er auch nur nebenbei.«

Seine Miene wurde noch misstrauischer. »Natürlich. Im Vorbeigehen.« Er musterte rasch die verschiedenen Bogen, die im Waffengestell standen. Während seine Hand auf einem langen Bogen mit geradem Bügel verharrte, blickte er Sharzad über seine Schulter an.

Sie lächelte ihm zu.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, legte er die Hand auf einen viel kleineren Bogen mit Enden, die sich vom Schützen wegkrümmten, wenn er ihn spannte.

Ein Reflexbogen.

Shahrzad unterdrückte ihr Lächeln und vermied es, seinem Versuch zum Opfer zu fallen, sie mit dem Bogen zu ködern, den sie ausgewählt hätte.

»Was bevorzugst du?«, fragte er.

»Was immer du für das Beste hältst.«

Er nickte. »Ich glaube, der hier dient unseren Zwecken gut.« Mit einem wissenden Grinsen nahm er den Reflexbogen aus dem Gestell und stellte sich vor die Zielscheiben, die fünfzig Schritt entfernt standen.

Während sie ihm folgte, verzog Shahrzad das Gesicht darüber, dass sie so gedankenlos gewesen war, sich ihre Kenntnisse des Bogenschießens anmerken zu lassen.

Was geschehen ist, lässt sich nicht ändern. Aber mach es in Zukunft besser.

Sie hob die Hände und schlang ihre welligen schwarzen Haare im Nacken zu einem Knoten zusammen. Mit einer Schulterbewegung schüttelte sie den hinderlichen Mantel ab und reichte ihn Despina. Ein schwacher Wüstenwind kühlte die bloße Haut an Bauch und Armen. Ihr enges silbernes Oberteil hatte einen rechteckigen Ausschnitt und kurze Ärmel. Eine kobaltblaue Seidenschärpe hing tief über ihren Hüften, die perlenbestickten Enden schleiften über den Boden. Die silbernen Pantoffeln warfen bei jedem Schritt Sand in die Luft.

Shahrzad schlang sich den Köcher über die Schulter, und Jalal reichte ihr den Reflexbogen.

Eine Schar neugieriger Zuschauer sammelte sich an der Seite. Despina und der Rajput standen ganz vorn und zeigten noch immer ihr Unbehagen beziehungsweise ihren Abscheu.

Shahrzad setzte die Füße dicht nebeneinander, zog einen Pfeil aus dem Köcher und bemühte sich, ihn möglichst ungeschickt auf die Sehne zu setzen.

Jalal war eindeutig nicht überzeugt.

Als Shahrzad den Pfeil mit der Sehne nach hinten zog, schlug der dünne Holzstab gegen den Griff des Bogens, weil er in ihrer vorgeblich ungeschickten Hand zitterte.

»Ist es so richtig?«, fragte sie Jalal.

»Nein, ist es nicht.« Er schnaubte. »Aber das weißt du, stimmt’s?«

»Natürlich nicht.«

»Bist du sicher?«

»Willst du es mir nun beibringen oder nicht?«, begehrte sie auf.

Er lachte. »Setz den linken Fuß vor, sodass deine Füße eine Schulterbreite auseinanderstehen.«

Sie tat, was er sagte.

»Jetzt entspanne dich und senke die Ellbogen. Benutze das Visier am Bogengriff und ziele damit.«

Shahrzad hätte fast höhnisch aufgelacht. Sie brauchte das Visier nicht mehr, seit sie dreizehn war. Dafür hatte Tarik gesorgt.

»Sobald du das Ziel im Visier hast, ziehst du den Pfeil so weit zurück, wie du kannst, und lässt ihn los.«

Als sie den Pfeil abschoss, trudelte er in Richtung des Ziels, prallte aber zwanzig Schritt davor auf den Boden.

Shahrzad blickte Jalal an. Er wirkte noch immer nicht überzeugt.

»Hat dein ›Cousin‹ dir das Zuggewicht erklärt?«

Sie schüttelte den Kopf.

Er atmete aus, dann trat er näher zu ihr. »Ich habe diesen Bogen ausgesucht, weil er ein niedrigeres Zuggewicht hat. Ich vermute, das ist der Grund, weshalb du dir gerade diese Pfeile ausgewählt hast. Dieser Bogen und dieser Pfeil arbeiten zusammen, um dir zu helfen, ihn zu spannen, ohne dass du dazu sehr viel Kraft im Oberkörper brauchst. Was besonders für kleinere Bogenschützen wie dich wichtig ist.«

»Es geht beim Zuggewicht um Größe?«

»Ich glaube, es geht mehr um Geschwindigkeit und Genauigkeit. Wenn du nicht viel Kraft aufwenden musst, um einen einzelnen Pfeil abzuschießen, fällt es leichter, rasch einen neuen einzulegen. Du wirst also genauer schießen, weil du dich nicht zu sehr anstrengst.«

»Das leuchtet mir ein«, sagte Shahrzad.

»Ganz gewiss.« Er grinste.

Sie beachtete seinen vielsagenden Unterton nicht und griff wieder nach einem Pfeil. Nachdem sie ihn auf die Bogensehne gelegt hatte, glitt ihr Blick zu seinem Gesicht.

»Du musst den Kalifen gut kennen«, sagte sie.

Seine Belustigung schwand ein wenig. »Ich kannte Chalid schon als kleinen Jungen.«

»Seid ihr gute Freunde?«

»Nein.«

»Aha.« Sie zog den Pfeil weiter zurück und ließ ihn los. Diesmal flog er dichter an die Zielscheibe, landete aber dennoch im Sand.

»Ich bin zwei Jahre älter als er. Sein Bruder Hassan und ich sind zusammen aufgewachsen; wir standen einander sehr nahe. Als Hassan starb, wollte ich Chalid eine Hand reichen, aber …« Er zuckte mit den Achseln. »Er hat sie nie genommen.«

Shahrzad wandte sich ihm zu. »Das tut mir leid.«

»Was tut dir leid?«

»Es kann nicht leicht sein, den besten Freund zu verlieren. Jedenfalls kann ich mir das vorstellen.«

»Danke, dass du das sagst. Aber Chalid hat seinen älteren Bruder verloren. Sein Vater starb im Jahr darauf. Und wegen der schrecklichen Sache mit seiner Mutter … Er war erst vierzehn, als er den Thron bestieg. Vierzehn und ganz allein. Du ahnst sicher, was dann geschah.«

Es ist mir gleich. Es gibt keine Entschuldigung, dass er solch ein Ungeheuer geworden ist. Er hatte vier Jahre, um sich daran zu gewöhnen, König zu sein. Und was dann geschah …

Als Jalal den Ausdruck in Shahrzads Gesicht sah, machte er einen Schritt auf sie zu.

»Bitte versteh mich; ich suche nicht nach … Entschuldigungen.« Seine Stimme war sehr leise.

Shahrzad wich einen Schritt zurück und zückte noch einen Pfeil aus dem Köcher auf ihrem Rücken. Sie hielt inne, als sie bemerkte, dass sie den Pfeil ohne Stocken aufgelegt hatte, mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung, zu der keine Anfängerin imstande sein dürfte.

Jalal lachte. »Es tut mir leid, doch jetzt bin ich überzeugt, dass ich das Recht besitze, dich um einen Gefallen zu bitten, Shahrzad.«

»Und wieso denkst du das?«, fragte sie atemlos.

»Weil mein Schweigen einen Preis hat.«

Sie blinzelte. »Wie bitte?«

Er kam näher. »Ich weiß nicht, was du mit Chalid anstellen willst, aber du bist der erste Mensch seit Jahren, der ihn erschüttern konnte. Und er muss erschüttert werden.«

Shahrzad hielt seinem ruhigen Blick stand, den Pfeil noch an den Hals gepresst. »Worin liegt da der Gefallen?«

»Chalid ist nicht mein Freund. Er ist auch nicht mein Feind. Er ist mein König. Ich erinnere mich an den Jungen, der er mal war. Er war sehr lieb … freundlich und mit einem hellen, neugierigen Köpfchen begabt. Eine ruhelose Seele. Das gebrochene Geschöpf, das er heute ist … Ich kann das nicht mehr mit ansehen. Wirst du mir helfen, es zu richten, Shahrzad?«

Shahrzad starrte ihn in mürrischem Schweigen an und fragte sich, woher Jalal diesen blinden Glauben nahm. Solch fehlgeleiteter Glaube an einen Jüngling mit mörderischer Vergangenheit und ein Mädchen mit verräterischen Absichten.

Jahal musterte sie. Sein sonnengebräuntes Gesicht war nur um Haaresbreite von dem ihren entfernt.

In diesem Moment stürzte Despina aus dem Schatten. Entsetzen stand in ihrem Gesicht. Als Shahrzad den Schrecken zu seinem Ursprung zurückverfolgte, merkte sie, wie die Luft ihre Brust mit einem einzelnen scharfen Keuchen verließ.

Am anderen Ende des Hofes stand der Kalif von Chorasan und beobachtete sie mit kühler, gelassener Miene.

So unbewegt wie die Ruhe vor dem Sturm.

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Beim Licht einer einzelnen Kerze

Bei Shahrzads wortlosem Ausruf schaute Jalal über die eigene Schulter nach hinten. Ein Ausdruck von Belustigung huschte über sein Gesicht, in den sich ein Anflug von Trotz mischte. »Ich vermute, keiner von uns beiden wird imstande sein, das zu erfüllen, was wir uns versprochen haben.«

»Wohl nicht.« Der Blick aus ihren haselnussbraunen Augen haftete an den bernsteingelben Augen ihres Widersachers.

»Aber ich hoffe, wir können unser Gespräch ein anderes Mal fortsetzen.« Mit einer spöttischen Verbeugung trat Jalal einen Schritt von ihr weg.

Der Kalif überquerte den Übungsplatz. Er trug einen Qamis aus feinstem weißen Leinen und eine graue Pluderhose, einen Sirwal. Ein spitz zulaufendes Schwert, wie Shahrzad es noch nie gesehen hatte, hing von der schwarzen Tikka-Schärpe um seine Hüften. Wie immer verkörperte er das Gegenteil von allem, was sie in der Welt für liebevoll und gut hielt.

Chalids Erscheinen hatte jede Bewegung auf dem Platz zum Stocken gebracht. Rechts von ihm ging ein älterer Herr, der in Haltung und Gesicht deutlich Jalal glich. Zu seiner Linken war ein nervös wirkender Mann mit einem Armvoll Schriftrollen. Die drei umgab ein Gefolge aus Soldaten und Leibgardisten.

Einen gefährlichen Herzschlag lang überlegte Shahrzad, ihren Pfeil auf ihn zu richten. Auf diese Entfernung konnte sie ihn treffen. Aber die Pfeilspitze war abgestumpft – sie ließ sich also nur zu Zielübungen verwenden.

Vielleicht tötet der Schuss ihn nicht.

Sie senkte die Waffe.

Es ist das Risiko nicht wert.

Als der Kalif näher kam, brachte sie ihr Herz durch Willensanstrengung dazu, sein unvernünftiges Pochen zu mindern. Wenn sie dieses Ungeheuer besiegen wollte, musste sie als Erstes alle Angst vor ihm ersticken. Schnell.

Er blieb mehrere Schritte vor ihr stehen.

Und wandte sich Jalal zu.

»Hauptmann al-Churi.« Seine Stimme war von tödlicher Ruhe.

»Sayyidi.« Jalal neigte den Kopf und berührte die Stirn mit den Fingerspitzen. »Ich habe der Königin nur gezeigt, wie man mit Pfeil und Bogen umgeht.«

»Das sehe ich selbst. Die Frage bleibt, wieso.«

»Weil ich ihn darum gebeten habe«, warf Shahrzad ein – viel zu laut.

Sein Blick richtete sich ohne jede Regung auf sie. Shahrzad sah, wie er ihr Äußeres aufnahm – das Fehlen des Mantels, den eilig geschlungenen Haarknoten … und den Köcher mit den Pfeilen über ihrer Schulter.

»Dann richte ich die Frage an dich«, sagte er.

Sie biss die Zähne zusammen, und fühlte einen unvermuteten Anflug an Unverfrorenheit in sich aufsteigen. »Brauche ich einen Grund?«

»Ich habe nach einer Erklärung gefragt, nicht nach einem Grund.«

»Das ist das Gleiche.«

»Nicht unbedingt.«

»Doch. Egal, wie du die Sache siehst, ich wollte nur etwas lernen, und Jalal war bereit, es mir beizubringen.« Während sie sprach, lösten sich Haarsträhnen aus dem Knoten in ihrem Nacken.

»Jalal?« Er hob die Brauen, als er die Formlosigkeit hörte, seine einzige Reaktion auf ihre Kühnheit.

»Ja. Jalal.« Eine Locke fiel ihr ins Gesicht, und sie schob sie sich hinters Ohr.

»Und was hast du von Jalal gelernt?«

»Bitte?«, rief sie aus, unfähig, ihr Erstaunen über sein Interesse zu verbergen.

»Wenn er dir beigebracht hat, wie man mit Pfeil und Bogen schießt, musst du mir etwas zeigen können. Es sei denn, er wäre ein abgrundtief schlechter Lehrer.«

Jalal lachte auf. »Wenn du dich erinnerst, Sayyidi, dann habe ich dir wohl einiges beigebracht, als du noch ein Junge warst.«

»Jalal-jan«, fuhr der Shahrban seinen Sohn an. Er war fassungslos, was sein Gesicht noch mehr zerfurchte.

»Allerdings ist Bogenschießen nie meine Stärke gewesen«, fuhr der Kalif fort.

»Deine Worte, Sayyidi. Nicht meine.« Jalal grinste.

»Jalal! Das reicht«, sagte der Shahrban scharf. »Er ist dein König!«

Jalal verbeugte sich, doch noch immer färbte Spott seinen Gehorsam.

»Also?« Der Kalif sah wieder Shahrzad an.

Sie erwiderte seinen erwartungsvollen Blick. Dann legte sie wortlos den Pfeil auf die Sehne und hielt den Bogen einen Moment lang an ihrer Seite.

Sie wollte ihm so gern zeigen, wie gut sie zu schießen verstand, wollte der Zuschauermenge beweisen, dass sie niemand war, über den man sich lustig machen sollte. Und sie wollte den vielen Jahren geduldiger Anleitung Ehre erweisen, die sie an Tariks Seite erhalten hatte.

Als sie ihn als Mädchen von elf Jahren zum ersten Mal bat, ihr den Umgang mit Pfeil und Bogen beizubringen, hatte sie durchaus erwartet, dass der zwölfjährige Sohn des mächtigen Emirs die Bitte des albernen Kindes übergehen würde. Dennoch geschah es in diesem Sommer in der Wüste, dass sie sich, einen selbstgemachten Bogen und selbstgemachte Pfeile in der Hand, in Tarik Imran al-Ziyad verliebte. In seine erfrischende Offenheit und seinen allzeit bereiten Humor. In den Charme seines wunderschön verschlagenen Lächelns. Gewiss, es war damals nichts weiter gewesen als eine mädchenhafte Schwärmerei, doch genau diesen kostbaren Augenblicken entnahm sie Kraft, wann immer sie spürte, dass sich die Finsternis auf sie senkte.

Denn das Wunder einer ersten Liebe bleibt unerreicht.

Sie schloss die Augen.

Tarik.

Nein. Heute ist nicht der Tag, um etwas zu beweisen.

Sie holte tief Luft.

Aber es ist auch kein Tag, um schwach zu erscheinen.

Die Augen noch geschlossen, hob sie den Bogen und zog den Pfeil zurück.

Sie brauchte nicht zu zielen. Sie wusste genau, wohin ihr Pfeil fliegen sollte.

Seit sie dreizehn gewesen war, hatte sie immer rein instinktiv gezielt und sich auf ihre Fähigkeit verlassen, ihre Umgebung mit einem Blick einzuschätzen.

Shahrzad atmete langsam aus.

Sobald sie die Augen öffnete, ließ sie den Pfeil fliegen. Er schoss in perfekter Bahn auf die Zielscheibe zu.

Und traf genau dort, wo sie gewollt hatte.

»Erstaunlich. Obwohl du dir nicht die Mühe gemacht hast zu zielen, hast du diesmal immerhin die Zielscheibe getroffen«, erklärte Jalal trocken. »Sozusagen.«

»Das kommt daher, dass du solch ein guter Lehrer bist«, antwortete sie in heiterem Ton.

Der Schatten einer vorüberziehenden Wolke schien ein kleines Lächeln auf die Lippen des Kalifen zu werfen.

»Wirklich?«, murmelte Jalal.

»In gewisser Weise.« Sie grinste. »Dennoch, ich habe die Scheibe getroffen … genauer, eines ihrer Beine.«

»Was ein bemerkenswerter Schuss wäre – wenn er beabsichtigt gewesen wäre.«

»Aber wir haben doch schon festgestellt, dass ich nicht gezielt habe. Trotzdem, ich finde, dass ich es gut gemacht habe. Du nicht?«

»Was hältst du davon, Sayyidi?«, fragte Jalal. »Hat die Königin deine Prüfung ihres Könnens bestanden?«

Seine Frage war eine Dreistigkeit. Shahrzad spürte, wie ihr die Röte in den Hals stieg, während sie sich dem Kalifen zuwandte.

Er hatte ihr Gespräch in distanziertem Schweigen beobachtet.

»Sie hat das Ziel verfehlt«, stellte er nur fest.

Shahrzad kniff die Augen zusammen. Als die eigensinnige Haarlocke wieder nach vorn fiel, stopfte sie sie übertrieben vehement hinter ihr Ohr.

»Vielleicht möchte mein König mir die richtige Technik vorführen?«, fragte sie kühl. Sie griff nach hinten, zog einen Pfeil aus dem Köcher und hielt ihn zusammen mit dem Bogen dem Kalifen hin.

Die gleiche unbegreifliche Empfindung wie eben blitzte durch sein scharf geschnittenes Gesicht.

Und Shahrzad bemerkte, dass sie neugierig war, welche Gedanken sich dahinter verbargen.

Es spielt keine Rolle, was er denkt. Es wird nie eine Rolle spielen.

Es sollte nie eine Rolle spielen.

Er trat vor und nahm die Waffe von ihr entgegen. Als seine Finger über ihre Hand strichen, zögerte er, ehe er sie wegzog. Dann bewölkten sich seine Tigeraugen, und er trat zurück, das Gesicht so schwer zu deuten wie immer. Wortlos legte er den Pfeil auf die Sehne.

Shahrzad sah ihm zu, wie er sich in Position brachte. Sein schlanker Leib bewegte sich beunruhigend exakt, als er den Pfeil zurückzog und den Reflexbogen spannte, bis die Krümmungen am Ende des Bügels so gut wie gar nicht mehr erkennbar waren.

Er atmete aus, während er zielte.

Shahrzad widerstand dem Drang zu lächeln.

Er benutzt das Visier.

Der Pfeil flog in einer engen Spirale zur Zielscheibe, traf sie fast im Zentrum, aber nicht ins Schwarze.

Er senkte den Bogen.

»Nicht schlecht, Sayyidi«, sagte Jalal lächelnd.

»Annehmbar«, erwiderte der Kalif leise. »Kein Grund für Prahlerei.«

Der Kalif streckte den linken Arm aus und gab Shahrzad den Bogen zurück. Ohne ihr einen Blick zu gönnen, wandte er sich zum Gehen.

»Sayyidi?«, sprach sie ihn an.

Er hielt inne, sah sie aber nicht an.

»Vielleicht wärst du so freundlich …«

»Jalal kann es dir beibringen. Er ist weitaus geübter als ich.«

Die Wut flammte in Shahrzad auf, weil er annahm, sie ersehnte sich irgendetwas von ihm. Außer seinem Tod.

»Schön«, stieß sie hervor.

Er ging einige Schritte, ehe er wieder stehen blieb. »Shahrzad?«

»Ja?«

»Wir sehen uns heute Nacht.«

Sie riss einen Pfeil aus dem Köcher und legte ihn auf die Sehne.

Ich verabscheue ihn. Als könnte er mir wirklich etwas über Pfeil und Bogen beibringen … ein Knabe, der noch das Visier benutzt! Tarik könnte ihn in Stücke reißen. Zweitbester Schwertkämpfer in Ray – ha!

Sie versuchte, das Schwirren der Unsicherheit in ihrem Magen zu ignorieren.

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Jahandar musterte die Wand des Zeltes, die in der kühlen Nachtluft flatterte.

Er lag auf der Seite und lauschte. Wartete.

Als er nicht mehr zweifelte, dass Irsas leiser Atem in tiefen Schlaf übergegangen war, drehte er sich mit großer Vorsicht um und hob seine Decke.

Sie rührte sich, und er erstarrte. Als sie sich nur herumwälzte und ihm den Rücken zukehrte, atmete er aus und stand auf. Er reckte sich vorsichtig und streifte so seine Müdigkeit nach der langen Tagesreise ab.

Einen Fuß vor den anderen setzend, schlich Jahandar zu seiner Satteltasche.

So lautlos wie möglich öffnete er sie und zog den abgewetzten Lederband hervor. Sein Herz schlug schneller, als er die Wärme des alten Buches an seiner Brust spürte.

Die ungeschlachte Macht der Seiten war nun in seiner Reichweite …

Er schlurfte in eine Ecke des Zeltes und legte das alte Buch auf eine Kleidertruhe. Dann entzündete er eine einzige Kerze.

Und atmete tief durch.

Der Einband des Buches war zerlumpt und unlesbar. Die Ecken waren abgewetzt, und ein rostiges Schloss hielt die Buchdeckel zusammen.

Er betrachtete den geschwärzten, gealterten Band.

Wenn er diesen Weg beschritt …

Er schloss die Augen und schluckte. Er dachte an seine Frau in ihren letzten Tagen, als sie nach Atem keuchend auf ihrem Lager ruhte und darum flehte, noch einen Moment mit ihren Kindern zu haben.

Wie sie Jahandar anflehte, sie vor ihrer verzehrenden Krankheit zu retten.

Er dachte daran, wie er an ihr versagt hatte, an die Hilflosigkeit, die er empfunden hatte, als er ihren leblosen Leib in den Armen hielt.

Und an die lähmende Machtlosigkeit, als er vor nur zwei Sonnenuntergängen zusehen musste, wie seine ältere Tochter auf ein Ungeheuer zuschritt.

Egal wie hoch der Preis war, er würde es richten. Wenn Shahrzad es geschafft hatte, die Morgendämmerung zu überleben, dann würde er sich bemühen, solch einer Tochter würdig zu sein. Und wenn nicht …

Mit den Fingern drückte er den Rücken des alten Buches.

Nein. Er würde nicht zulassen, dass er wieder im Dunkel des Zweifels kauerte.

Jahandar griff in sein Nachthemd und zog die lange Silberkette heraus, die um seinen Hals hing. Ein schwarzer Schlüssel baumelte daran. Er beugte sich über das alte Buch und schob den Schlüssel ins Schloss. Als der Band aufsprang, strahlte ein schwaches silbernes Licht aus den Seiten. Jahandar griff nach der ersten Seite …

Und verbiss sich einen Schrei.

Sie hatte ihm die Hand verbrannt.

Egal.

Er bedeckte die Finger mit dem Ärmel und versuchte es wieder.

Der Text war in einer frühen Form des Tschagataischen verfasst. Ihn zu übersetzen war eine mühselige Arbeit, auch für einen Mann, der so gebildet war wie Jahandar. Ganz besonders, wenn die Zeit so sehr drängte.

Auch egal.

Sein Herz hämmerte, als er die Kerze näher zog und mit der Arbeit begann.

Für seine Kinder würde er Berge versetzen.

Und er würde nicht noch einmal versagen.

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Aladin und die Wunderlampe

Diesmal beging Shahrzad nicht den Fehler, auf ihn zu warten.

Deshalb war es auch keine Überraschung für sie, dass er erst spät in der Nacht zu ihr kam.

Als die Dienerinnen das Essen und den Wein brachten, fanden sie von Shahrzad keine Spur in dem Gemach. Der Kalif war es, der sie auf der Terrasse entdeckte, wo sie stand und auf einen Seiteneingang zwischen zwei Springbrunnen blickte.

Sie drehte sich nicht um, als er zu ihr trat. Sie lehnte sich vielmehr über das Geländer und schmunzelte.

Er hielt einen Augenblick inne, dann stellte er sich neben sie.

Der Halbmond stand hoch am Himmel und spiegelte sich in den schimmernden Wasserflächen des Gartens.

»Man kann sie von hier nicht sehen, aber ich liebe es einfach, wie man die Zitrusblüten riecht … die Andeutung von etwas Schönem und Lebendigem«, sagte Sharzad.

Er antwortete nicht sofort. »Du magst Zitrusblüten?«

»Ja. Aber Rosen ziehe ich allem vor. Mein Vater hat einen wunderschönen Rosengarten.«

Er wandte sich ihr zu und musterte ihr Profil im Mondlicht. »Ich nehme an, ein Vater, der Blumen zieht, muss etwas gegen … das hier … gehabt haben.«

Shahrzad blickte weiter geradeaus. »Ich nehme an, ein König, der von seinem Volk geliebt werden möchte, sollte nicht dessen Töchter bei Morgengrauen hinrichten.«

»Wer sagt, dass ich von meinem Volk geliebt werden möchte?«, erwiderte der Kalif in einem gesetzten, ungerührten Ton.

Nun drehte Shahrzad den Kopf und begegnete seinem Blick. »Und die ganze Zeit lang hätte ich schwören können, dass du ein kluger Mann bist.« Sie ahmte seinen überheblichen Tonfall nach, während sie diese Antwort gab, und ihr subtiler Spott entging ihm keineswegs.

Einer seiner Mundwinkel zuckte. »Und die ganze Zeit … hätte ich schwören können, dass du nicht sterben willst.«

Shahrzad blinzelte.

Dann entschied sie sich zu lachen.

Der Laut segelte über die Terrasse, perlte in die Nacht hinaus, erfüllte die Luft mit Glockenklang.

Der Kalif beobachtete sie und verbarg den Funken seiner Überraschung schnell hinter nüchterner Nachdenklichkeit.

»Du bist ein sehr merkwürdiger Mensch«, bemerkte Shahrzad, nachdem ihr Lachen verklungen war.

»Das gilt auch für dich, Shahrzad al-Haizuran.«

»Aber ich weiß das wenigstens.«

»Ich bin mir dessen ebenfalls bewusst.«

»Doch ich strafe keine anderen Menschen dafür.«

Er seufzte. »Ich beneide Menschen, die die Welt so wie du sehen.«

»Willst du andeuten, ich wäre einfältig?« Sie klang zornig.

»Nein. Du betrachtest die Dinge, wie du dein Leben verbringst. Furchtlos.«

»Das ist nicht wahr. Ich fürchte mich vor vielem.«

Er bedachte sie mit einem forschenden Blick. »Wovor hast du Angst?«

In diesem Augenblick, als hätte die Nacht gewusst, dass dieser Moment kommen würde, strich ein heftiger kalter Wind über die Terrasse und peitschte durch Shahrzads lange schwarze Haare. Strähnen schlugen ihr ins Gesicht und verdeckten ihre Züge.

»Ich fürchte mich vor dem Sterben«, verkündete sie durch den Wind.

Und ich fürchte mich davor, gegen dich zu unterliegen.

Er starrte sie an, während der Wind abflaute … während er aufhörte, mit Shahrzads Haaren zu spielen und sie hin und her zu werfen.

Als die letzten Stöße verebbt waren, hing die gleiche unbändige Locke vor ihren Augen, die sie schon auf dem Übungsplatz geärgert hatte. Sie wollte danach greifen …

Doch er hielt ihre Hand fest und strich ihr sanft die Locke hinters Ohr.

Das Flattern in ihrem Bauch kehrte mit Macht zurück.

»Sag mir, wieso du hier bist.« So leise gesprochen klang es bittend.

Ich bin hier, um zu gewinnen.

»Versprich mir, dass du mich nicht tötest«, hauchte sie zurück.

»Das kann ich nicht.«

»Dann gibt es nicht mehr zu sagen.«

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Wie in der ersten Nacht war Shahrzad von ihrer Fähigkeit erstaunt, sich von der Realität trennen zu können.

Und wieder war sie eigenartig dankbar, dass er nie versuchte, sie zu küssen.

Dankbar … und doch auch ein wenig verwirrt.

Sie hatte Tarik schon geküsst – verstohlene Umarmungen im Schatten von Kuppeltürmen. Es war stets ein besonderer Kitzel gewesen, zu wissen, dass diese Begegnungen verboten waren. Jedes Mal hätte ein Diener sie ertappen können – oder noch schlimmer: Rahim. Danach wäre Shahrzad hilflos den gnadenlosen Sticheleien ausgeliefert gewesen, die sie sich von ihm gefallen lassen musste, seit er sich zu dem Bruder gekrönt hatte, der ihr nie vergönnt gewesen war.

Und während sie es zu schätzen wusste, dass sie einen Mörder nicht zu küssen brauchte, erschien es ihr seltsam, dass ihr neuer Ehemann von dieser Tätigkeit absah, die doch so viel weniger intim erschien als … anderes.

Shahrzad hätte gern nach dem Grund gefragt, und ihre Neugierde wuchs mit jeder Stunde, die verstrich.

Hör auf damit. Es ist unwichtig.

Statt wie er zum Ankleiden aufzustehen, blieb Shahrzad auf dem Bett liegen und griff nach einem großen Kissen von der Farbe eines hellen Karneols. Sie zog es an ihre Brust und umschlang es mit schlanken Armen.

Er wandte sich ihr zu, als sie sich nicht zu ihm an den Tisch gesellte.

»Ich habe keinen Hunger«, erklärte sie.

Er holte tief Luft, und sie beobachtete, wie seine Schultern sich mit den Atemzügen auf und ab bewegten.

Dann kam er ans Fußende des Bettes, sodass sie an entgegengesetzten Enden lagerten, so weit voneinander entfernt wie nur möglich.

Wie seltsam.

Shahrzad rollte sich auf die Seite und sank in die Masse aus Seidenkissen. Ihre bronzefarbenen Fußgelenke baumelten ins Freie.

Der Kalif kniff die Winkel seiner bernsteingelben Augen zusammen, nur ganz leicht.

»Möchtest du, dass ich die Geschichte weitererzähle?«, fragte sie. »Sayyidi?«

»Ich hätte beinahe gedacht, du wärst über den Gebrauch der Ehrentitel hinweg.«

»Wie bitte?«

»Hast du vergessen, wer ich bin, Shahrzad?«

Sie blinzelte. »Nein … Sayyidi.«

»Dann zeigst du umso weniger gute Umgangsformen, je behaglicher du dich fühlst.«

»Während sich bei dir bittere Apathie einstellt.«

Wieder hob und senkte er die Achseln. »Sag mir, wieso du es für statthaft hältst, so mit mir zu reden.«

»Weil es jemand tun muss«, antwortete sie, ohne zu zögern.

»Und du findest, das solltest du sein?«

»Ich finde, es sollte jemand sein, der keine Angst vor dir hat. Und obwohl ich mich in deiner Gegenwart … eingeschüchtert fühle, habe ich doch umso weniger Grund, dich zu fürchten, je mehr ich von allem ringsum sehe.«

Kaum hatte sie diese Worte laut ausgesprochen, stellte sie erstaunt fest, wie wahr sie waren. An dem einen Tag, an dem sie seine Frau gewesen war, hatte sie bemerkenswert wenig von dem blutdürstigen Ungeheuer zu Gesicht bekommen, auf das sie vorbereitet gewesen war.

Diesmal spiegelte sein Gesicht weit mehr wider als nur ein Aufblitzen von Überraschung. Er war erstaunt, und dieser Ausdruck wandelte sich in Bestürzung, ehe seine Züge sich wieder verschleierten.

»Du weißt nichts«, erwiderte er.

Shahrzad hätte darüber beinahe gelacht. »Du hast recht, ich weiß nichts. Wärst du so freundlich, mich aufzuklären, Sayyidi?«

Es war eine stille Spöttelei … ein vergiftetes Glas Wein, das zugleich berauschen und ausbluten sollte.

Es sollte ihn verleiten, seine Schwächen offenzulegen.

Bitte, gib mir das Seil, an dem ich dich aufknüpfen kann.

»Erzähle die Geschichte von Agib zu Ende, Shahrzad.«

Der Augenblick war verloren.

Vorerst.

Sie lächelte ihn über das Bett hinweg an. »Der Schatten, der sich in der blauen Rauchwolke bildete, verfestigte sich … und begann zu lachen.«

Die Schultern des Kalifen entspannten sich. Er schob sich eine Winzigkeit vor.

»Agibs Entsetzen wuchs und er wich weiter zurück. Das Lachen wurde immer lauter, bis es über den schwarzen Sand des Strandes von Adamant hallte. Agib verbarg sein Gesicht in bebenden Händen. Da trat aus den Tiefen des Schattens eine Gestalt hervor. Sie war kahlköpfig und hatte spitz zulaufende, mit Gold geschmückte Ohren. Die Haut war bleich und weiß und mit erhabenen Schriftzeichen bedeckt, die Agib nicht kannte. Als die Gestalt den Mund öffnete, um zu sprechen, sah Agib, dass jeder einzelne ihrer Zähne nadelspitz zugefeilt war.«

Shahrzad schob sich ein Kissen in den Rücken und schlug die Fußgelenke übereinander. Als der Blick des Kalifen an ihren bloßen Beinen entlangstrich, weitete sie die Augen als Zeichen, dass sie es bemerkte, und er schaute weg.

Ohne auf die Wärme zu achten, die an ihrem Hals hochstieg, sprach sie weiter. »Agib zweifelte nicht, dass er des Todes war. Er faltete die Hände vor der Brust, schloss die Augen und flehte still um ein schnelles und schmerzloses Ende für sein wertloses Leben. Aber als die Gestalt Agib mit einer Stimme ansprach, die den Boden unter ihm erbeben ließ, waren ihre Worte das Letzte, womit Agib gerechnet hätte. Denn das Geschöpf fragte: ›Welche Frage wünscht mein Meister mir zu stellen?‹ Agib saß sprachlos da. Als das Geschöpf sich wiederholte, stieß Agib beinahe unhörbar hervor: ›Frage? Von was für Fragen sprichst du, oh Kreatur des Kelches?‹ Das Geschöpf lachte wieder auf und erwiderte: ›Das war die erste der drei Fragen meines Meisters. Drei darf er stellen und nur drei. Nach dieser Antwort bleiben ihm noch zwei Fragen. Die Fragen, von denen ich spreche, sind die Fragen, die der Meister des Bronzenen Kelches dem Allwissenden Dschinn des Bronzenen Kelches stellen darf. Ich besitze die Antworten auf Fragen – zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wähle sie weise, denn sobald du drei gestellt hast, bist du kein Meister mehr.‹«

Als der Kalif das hörte, schmunzelte er.

»Agib erhob sich. Ihm schwindelte noch vor Fassungslosigkeit. Doch der scharfe Verstand des Diebes übernahm das Ruder, und rasch begriff er, dass seine Unvorsichtigkeit ihn bereits eine unbezahlbare Frage gekostet hatte. Daher bezwang er sich, ehe er wieder unbedacht sprach und erneut auf den listigen Dschinn hereinfiel. Seine nächste Frage durchdachte er sorgfältig und still, ehe er sie aussprach. Er fragte: ›Dschinn des Bronzenen Kelches, dein Meister wünscht genau zu erfahren, wie er dieser Insel entkommt und sein Heimatland erreicht, ohne dass ihn weiteres Unheil ereilt.‹ Der Dschinn grinste verschlagen, ehe er sich vor Agib verbeugte. Er nickte zum Berg und sagte: ›An der Spitze von Adamant vergraben liegt ein Boot mit Bolzen aus Messing. Zieh es an den Strand und steuere es in Richtung des dritthellsten Sterns am Nachthimmel. Nach zwanzig Tagen und Nächten erreichst du dein Heimatland.‹ Mit zusammengekniffenen Augen drängte Agib weiter. ›Meine Frage schloss auch ein, dass mich während der Reise kein weiteres Unheil befällt. In deiner Antwort bist du nirgendwo auf Nahrung und Wasser eingegangen.‹ Der Dschinn lachte wieder hämisch. ›Mein Meister lernt schneller als die meisten. Ich werde dich zu einer verborgenen Quelle an der westlichsten Spitze der Insel führen. Und was die Nahrung angeht, so rate ich dir, so viele Fische zu trocknen, dass sie dir für die Reise reichen.‹«

»Das klingt ja sehr einfach«, warf der Kalif ein. »Dem Dschinn ist nicht zu trauen.«

Shahrzad grinste. »Meiner Meinung nach sind sie nur selten vertrauenswürdig, Sayyidi. Während der nächsten Tage befolgte Agib die Anweisungen des Dschinns. Er schaffte das Boot an den Strand und stattete es mit Vorräten für die Reise aus. In der dritten Nacht, im Licht des Vollmonds, setzte er Segel, den Bronzenen Kelch sicher in einem Beutel verstaut, der zu seinen Füßen lag. Zehn Tage lang reiste er ohne Zwischenfall. Fast schon glaubte er, seine Reise könnte ein gutes Ende nehmen … dass doch das Glück auf seiner Seite wäre. Gegen alle Hoffnung machte er sich Gedanken, was er als letzte Frage stellen sollte. Wo er alle Reichtümer der Welt in die Hand bekommen konnte? Wie er die Liebe der schönsten Frau von Bagdad errang?«

Shahrzad unterbrach sich der Wirkung willen.

»Und dann … begann das Boot zu knarren. Meerwasser drang an den Fugen ein. Entsetzt entdeckte Agib, dass die Messingbolzen brachen und den Rumpf undicht werden ließen. Angsterfüllt versuchte er mit bloßen Händen, das Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Als ihm die Sinnlosigkeit seiner Anstrengungen klar wurde, packte er den Kelch und rieb ihn. Der Dschinn erschien und setzte sich gelassen auf den krängenden Bug des Bootes. ›Wir sinken!‹, schrie Agib den Dschinn an. ›Du hast mir versichert, dass ich mein Heimatland erreiche, ohne dass mir noch ein Unheil widerfährt!‹ Der Dschinn sah Agib nur an, und nichts auf der Welt schien ihn erschüttern zu können. ›Du darfst mir eine Frage stellen, Meister‹, antwortete er. Agib sah sich panisch um und fragte sich, ob er nun tatsächlich seine letzte und kostbarste Frage stellen musste. Doch in diesem Augenblick entdeckte er am Horizont den Mast eines anderen Bootes – eines viel größeren Fahrzeugs. Er stand auf und schwenkte die Arme, brüllte, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Als es den Kurs änderte, schrie Agib vor Triumph auf, und der Dschinn grinste hämisch, ehe er in seinen Kelch verschwand. Vor Dankbarkeit zitternd ging Agib an Bord des größeren Schiffes, mit zerrissenen Kleidern und das sonnenverbrannte Gesicht hinter einem struppigen Bart verborgen. Doch oh weh …«

Der Kalif zog die Brauen hoch.

»Als der Eigner des Schiffes an Deck kam, entdeckte Agib zu seinem Entsetzen, dass es niemand anderer war als der Emir … der Mann, dessen Männer ihn aus Bagdad verjagt und gezwungen hatten, die erbärmliche Irrfahrt überhaupt erst anzutreten. Im ersten Moment überlegte Agib, sich einfach kopfüber ins Meer zu stürzen, aber als der Emir ihn freundlich anlächelte und an Bord seines Schiffes willkommen hieß, begriff Agib, dass sein abgerissenes Äußeres ihn unkenntlich machte. Daher brach er Brot am Tische des Emirs, aß dessen Speisen und trank dessen Wasser, als wüsste er nicht, wer sein Retter war. Der ältere Herr war ein vollendeter Gastgeber, schenkte ihm eigenhändig nach und erfreute ihn mit Geschichten von seinen zahlreichen Abenteuern zur See. Als der Abend voranschritt, erfuhr Agib, dass der Emir vor mehreren Wochen die Segel gesetzt hatte, um eine Insel zu suchen, in deren Mitte sich ein geheimnisvoller Berg erhob. Verborgen auf dieser Insel sei ein Kelch mit der mystischen Macht, jede Frage auf der Welt zu beantworten – sei es zur Vergangenheit, zur Gegenwart oder zur Zukunft.«

Der Kalif lehnte sich auf die Ellbogen zurück, einen Ausdruck von Wärme in den Augen.

»Als Agib das hörte, wurde er ganz still. Denn natürlich konnte der Emir nur von dem Kelch sprechen, der in Agibs Beutel lag. Indem er vollkommenes Unwissen vorgab, fragte Agib den Emir, wieso er sich entschieden habe, solch ein gefährliches Unterfangen zu beginnen, und das auch noch im Herbst seiner Jahre. Des Emirs Augen wurden traurig. Er gestand, dass es nur einen, nur einen einzigen Grund für ihn gebe, in See zu stechen, um den schwarzen Berg und den versteckten Kelch zu suchen. Vor einigen Wochen sei ihm etwas sehr Kostbares gestohlen worden – ein Ring, der seiner toten Frau gehört habe. Der Ring sei alles, was ihm von ihr geblieben sei, und er betrachte ihn als seinen kostbarsten Besitz. Auf den Straßen Bagdads habe ein gewiefter Dieb das Kleinod dem Emir von der Hand gezogen und sei heimlich wie ein Schatten damit in der Menschenmenge verschwunden. Seit jenem Nachmittag suche den Emir jede Nacht der Geist seiner toten Frau heim, und er wisse, dass er den Ring zurückgewinnen müsse, koste es, was es wolle. Wenn er den Kelch fragen könne, wo er sei, könne er den Geist seiner Frau besänftigen und die Ehre der Erinnerung an ihre Liebe wiederherstellen.«

»Seine Frage an einen allwissenden Dschinn hätte also einfach nur eine simple Frage der Liebe betroffen?«, warf der Kalif ein.

»Eine simple Frage der Liebe? Liebe ist ihre eigene Macht, Sayyidi. Für die Liebe erwägen die Menschen das Undenkbare … und erreichen oft das Unmögliche. Ich würde ihre Macht nicht verhöhnen.«

Der Kalif hielt ihrem Blick stand. »Ich verhöhne ihre Macht nicht. Ich beklage ihre Rolle in dieser Geschichte.«

»Es betrübt dich, welche Wichtigkeit die Liebe im Leben des Emirs besitzt?«

Er schwieg kurz. »Ich bin enttäuscht über ihre Wichtigkeit in unser aller Leben.«

Shahrzads Lippen verzogen sich zu einem traurigen Lächeln. »Das ist verständlich. Wenn auch ein wenig vorhersehbar.«

Er neigte den Kopf. »Wieder vermeinst du, sehr viel zu wissen für einen Tag und zwei Nächte, meine Königin.«

Shahrzad wandte den Blick ab und spielte mit der Ecke des roten Kissens in ihren Armen. Sie spürte die Röte ihrer Wangen.

Meine Königin?

Als sie schwieg, rührte er sich unbehaglich.

»Du hast recht«, murmelte Shahrzad. »Ich hätte das nicht sagen dürfen.«

Er atmete durch die Nase ein.

Eine seltsame Stille legte sich über das Gemach.

»Und ich hätte dich nicht unterbrechen sollen. Es tut mir leid«, flüsterte er.

Shahrzad wand sich die scharlachroten Fransen des Kissens fest um die Finger.

»Bitte, erzähl weiter«, sagte er.

Sie sah zu ihm hoch und nickte.

»Agib hörte der Erzählung mit wachsendem Unbehagen zu. Offensichtlich war er es, der den Diebstahl begangen hatte. Den fraglichen Ring hatte er bei seiner panischen Flucht vor den Soldaten des Emirs fortgeworfen. Doch er hatte nicht die Absicht, den Kelch auszuhändigen, ehe er seine überaus wichtige letzte Frage gestellt hatte, und er war noch zu keiner Entscheidung gelangt, worin sie bestehen sollte. Wenn der Emir jedoch entdeckte, dass Agib den Kelch in Besitz hatte, würde er vermutlich auch vor Mord nicht zurückschrecken, um ihn in die Hände zu bekommen. Noch größer war allerdings die Gefahr, dass jemand den Dieb erkannte, der die Herzensnot des Emirs verursacht hatte. Agib entschloss sich, für den Rest der Reise immer in der Nähe des Emirs zu bleiben und jede Möglichkeit zu nutzen, um ihm Sand in die Augen zu streuen, wer er wirklich war.«

Shahrzad setzte sich behutsam auf, als sie bemerkte, wie ein erstes schwaches Licht die Holzläden durchdrang.

Wieder ist es soweit.

»In den nächsten Monaten befuhr das Schiff das Meer auf der Suche nach dem Berg von Adamant, und immer wieder gelang es Agib, das Boot auf sichere Entfernung zu halten. Während dieser Zeit erfuhr er von dem Emir viel über dessen zahlreiche Erlebnisse und letzten Endes auch über dessen Leben. Er bewunderte den Emir immer mehr, und der Emir erkannte in Agib bald einen klugen jungen Mann, der wissbegierig war und ein tapferes Herz hatte. Agib wurde ein tüchtiger Seemann. Er bemerkte, dass Menschen ihn auch für etwas anderes respektieren konnten als sein diebisches Können – sie konnten ihn als einen Ehrenmann respektieren, auf den sie sich verlassen konnten. Leider aber war die Zeit nicht auf ihrer Seite. Der alternde Emir wurde krank, und sie mussten den Rückweg zum Hafen antreten. Bald wurde es klar, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Jeder Tag wurde umso kostbarer. Agib musste entsetzt mit ansehen, wie sein Förderer und Freund vor seinen Augen dahinschwand. Er überlegte, den Dschinn zu fragen, ob es eine Möglichkeit gebe, ihn zu retten, doch er wusste, dass es ein Ding des Unmöglichen war.«

Die Morgendämmerung kroch mit gespenstischer Blässe den Fensterladen hoch.

»Kaum hatte das Schiff angelegt, wusste Agib, was er zu tun hatte. Er floh von Bord, nichts in der Hand als den Kelch. Kaum hatte er den Hafen verlassen, rieb er den Kelch und verlangte vom Dschinn zu erfahren, wo er den Ring fände. Der Dschinn brüllte vor Lachen, als er begriff, dass Agib seinen letzten Wunsch auf solch eine Frage vergeudete, doch er verriet Agib, dass der Ring am kleinen Finger eines der berüchtigtsten Söldner von ganz Bagdad steckte. Agib verschwendete keine Zeit und suchte ihn auf. Der Kampf, der um den Ring entbrannte, war blutig und brutal. Agib war gezwungen, seine gesamte Beute abzugeben, um sich im Lager der Halsabschneider freies Geleit zu erkaufen. Mit blau geschlagenen Augen und geschundenem Leib kehrte er zu dem Schiff zurück, nichts in der Hand als den Ring.«

Die Morgendämmerung war in ihrer ganzen weißgoldenen Pracht gekommen.

Und Shahrzad war sich sicher, dass der Kalif es genau wusste.

Unerschrocken fuhr sie fort. »Der Emir lag auf seinem Lager und rang um Luft. Als er Agib erblickte, streckte er die Hand nach ihm aus. Agib kniete sich neben seine Bettstatt und steckte ihm den Ring auf den Finger. Durch blutunterlaufene Augen betrachtete der Emir Agibs Blessuren. ›Mein Sohn‹, krächzte er, ›ich danke dir. Von ganzem Herzen.‹ Agib kamen die Tränen. Er setzte an zu gestehen, wer er wirklich war, doch der Emir unterbrach ihn. ›Wer du bist, das wusste ich schon in dem Augenblick, in dem du an Bord meines Schiffes kamst. Versprich mir, dass du, solange du lebst, nie wieder einen Mitmenschen bestehlen wirst. Sondern dass du an seiner Seite arbeiten wirst, um das Leben derer, die dich umgeben, zu verbessern.‹ Agib nickte und weinte heftiger. Und nachdem er Agib noch ein letztes Mal die Hand gedrückt hatte, starb der Emir mit einem friedvollen Lächeln im Gesicht. Später stellte Agib fest, dass der Emir ihm sein gesamtes Vermögen vermacht hatte und sogar den Titel, als wäre Agib wahrhaft sein Sohn gewesen. Agib erwählte sich schon bald eine Frau, und die Hochzeit des neuen Emirs war eine Feier, wie Bagdad sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.«

Shahrzad hielt inne, und ihr Blick zuckte zu dem Sonnenlicht, das von der Terrasse hereinströmte.

»Bist du fertig?«, fragte der Kalif leise.

Sie schüttelte den Kopf.

»Bei der Hochzeit des neuen Emirs erschien auch ein Gast aus einem fernen Land – ein Magier aus Afrika, der eine Zauberlampe suchte. Doch in Wirklichkeit suchte er gar nicht nach der Lampe. Er suchte einen jungen Burschen. Einen jungen Burschen namens Aladin.«

Ein Muskel zuckte am Kiefer des Kalifen. »Das ist eine neue Geschichte.«

»Nein, ist es nicht. Es ist Teil der gleichen Geschichte.«

An der Tür ertönte ein Klopfen.

Shahrzad erhob sich vom Bett und zog ihren Shamla an. Mit zitternden Händen band sie ihn an den Hüften zu.

»Shahrzad …«

»Du musst wissen, Aladin war ein ausgezeichneter Glücksspieler … ein Schwindler aus einer Familie von Schwindlern. Sein Vater war vor ihm …«

»Shahrzad.«

»Es ist keine andere Geschichte, Sayyidi«, sagte sie ruhig und leise und krallte ihre Hände in die Falten ihrer Robe, um ihre Lüge zu kaschieren.

Chalid richtete sich auf, als es wieder an der Tür klopfte, nachdrücklicher als beim ersten Mal.

»Herein«, befahl der Kalif.

Als vier Soldaten und der Shahrban von Ray ihr Schlafgemach betraten, kam es Shahrzad vor, als wankte der Boden unter ihren Füßen. Sie versteifte die Knie und stand ganz starr da, damit ihr Körper kein Anzeichen von Schwäche preisgab.

Wieso ist Jalals Vater hier?

»General al-Churi. Ist etwas geschehen?«, fragte der Kalif.

Der Shahrban verbeugte sich vor seinem König, eine Hand an der Stirn. »Nein, Sayyidi.« Er zögerte. »Aber … es ist Morgen.« Sein Blick zuckte zu Shahrzad. Er erbleichte und wich ihrem Blick aus.

Er kann doch nicht … Er … Will er mich töten? Wieso sollte er meinen Tod wollen?

Als der Kalif keine Anstalten machte, ihn aufzuhalten, erteilte der Shahrban seinen Männern mit einer Kopfbewegung einen Befehl.

Sie traten zu Shahrzad.

Und ihr Herz … Ihr Herz flog ihr in die Kehle.

Nein!

Ein Soldat griff nach ihrem Arm. Als er die Finger um ihr Handgelenk schloss, spannte sich das Gesicht des Kalifen an. Sie entriss dem Mann ihren Arm, als wären seine Finger Flammen, die ihr zu nahe gekommen waren.

»Fass mich nicht an!«, schrie sie.

Als ein anderer Soldat sie bei der Schulter packte, schlug sie seine Hand beiseite.

»Seid ihr taub? Wie könnt ihr es wagen, mich anzufassen. Wisst ihr überhaupt, wer ich bin?« Ein Unterton von Panik trat in ihre Stimme.

Ohne zu wissen, was sie tun sollte, fixierte sie ihren Feind.

Die Tigeraugen zeigten … Zwiespalt.

Vorsicht.

Und dann?

Ruhe.

»General al-Churi?«

»Jawohl, Sayyidi.«

»Ich möchte dich gern dem Berg von Adamant vorstellen.«

Der Shahrban blickte zwischen dem Kalifen und Shahrzad hin und her.

»Aber Sayyidi … ich verstehe nicht. Du kannst nicht …«

Der Kalif schwenkte zu dem Shahrban herum. »Du hast recht, General. Du verstehst nicht. Und vielleicht verstehst du nie. Dennoch möchte ich dich dem Berg von Adamant vorstellen …«

Der Kalif sah Shahrzad wieder an, und die Andeutung eines Lächelns umspielte seine Lippen.

»Meiner Königin.«

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Der Anfang ist das Ende

Eine dicke Schicht aus Staub bedeckte Tariks Rida. Sand haftete an jedem Stückchen unverhüllter Haut. Sein dunkler Brauner glänzte vor Schweiß, und um das eiserne Gebiss sammelte sich der erste weiße Schaum.

Rahims Gegrummel wurde mit jeder verstreichenden Stunde lauter.

Doch schon sah Tarik am Horizont die Tore der Stadt Ray.

Und er wollte nicht mehr anhalten.

»Bei allem, was heilig ist, können wir nicht mal kurz langsamer machen?!«, brüllte Rahim zum fünften Mal in genauso vielen Minuten.

»Nur zu, reite langsamer. Und kipp aus dem Sattel. Die Krähen freuen sich schon auf den Schmaus!«, rief Tarik zurück.

»Wir reiten seit zwei Tagen ununterbrochen, als hätten wir Feuer im Rücken!«

»Und deshalb sind wir auch schon fast dort.«

Rahim zügelte sein Pferd zu kurzem Galopp und rieb sich den Schweiß von der Stirn. »Missversteh mich nicht; ich mache mir genauso große Sorgen um Shazi wie du. Aber was sollst du irgendwem nutzen, wenn du halb verhungert und fast tot ankommst?«

»Sobald wir Onkel Rezas Haus erreichen, können wir unter einer Wolke aus Parfüm schlafen«, erwiderte Tarik. »Wir müssen nur nach Ray kommen. Ich muss es …« Er spornte sein Pferd an.

»Es nutzt dir nichts, dich so zu sorgen. Wenn jemand das Unmögliche schafft, dann Shazi.«

Tarik zügelte seinen Araber, damit er im gleichen Tempo ritt wie Rahim. »Sie hätte niemals in die Lage geraten dürfen, es schaffen zu müssen.«

»Daran bist du nicht schuld.«

»Denkst du etwa, hier ginge es um Schuld?«, brach es aus Tarik hervor.

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass du eine Verantwortung empfindest, es in Ordnung zu bringen. Und ich empfinde eine Verantwortung dir gegenüber. Und gegenüber Shazi.«

»Es tut mir leid«, sagte Tarik. »Ich habe kein Recht, dich anzufahren. Aber ich hätte alles getan, um zu verhindern, dass es so weit kommt. Der Gedanke, dass sie …«

»Hör auf. Tu dir nicht selbst weh.«

Eine Weile ritten sie schweigend.

»Ich fühle mich schuldig«, gestand Tarik.

»Weiß ich.«

»Ich fühlte mich auch schuldig, als Shiva starb.«

»Wieso?«

»Weil ich nicht wusste, was ich nach dem Tod ihrer besten Freundin zu Shazi sagen sollte. Nach dem Tod meiner Cousine. Ich wusste nicht, was ich egal wem sagen sollte. Meine Mutter war vollkommen niedergeschlagen. Meine Tante … nun ja, ich glaube nicht, dass letzten Endes irgendjemand etwas hätte tun können, um ihren Tod zu verhindern. Und Shahrzad … war einfach so still.«

»Das allein hat mich verrückt gemacht«, erinnerte sich Rahim wehmütig.

»Ich hätte es damals wissen sollen. Es vorhersehen müssen.«

»Könntest du nur in die Zukunft sehen, Tarik Imran al-Ziyad«, seufzte Rahim. »Könnten wir es beide. Statt ein nutzloser dritter Sohn wäre ich ein reicher Mann in den Armen einer wunderschönen Frau … mit tagelangen Kurven und meilenlangen Beinen.«

»Ich scherze nicht, Rahim. Ich hätte begreifen müssen, dass sie etwas Derartiges tun würde.«

»Ich scherze auch nicht.« Rahim machte ein finsteres Gesicht. »Du kannst nicht in die Zukunft sehen. Und die Vergangenheit kannst du nicht ändern.«

»Aber ich kann aus ihr lernen …« Tarik grub seinem Hengst die Fersen in die Weichen, und das Pferd schoss vor und zeichnete einen dunklen Streifen auf den Sand. »Und ich kann dafür sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht!«

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Es war Vormittag, als Tarik und Rahim mitten auf dem eleganten Anwesen Reza bin-Latiefs, das tief im Herzen Rays lag, aus dem Sattel stiegen. Ein funkelnder ovaler Brunnen aus nilblauen Fliesen zierte die Mitte des Hofes, umgeben von kunstvoll in Sechsecke geschnittenen Terrakottasteinen. Grüne Ranken krochen an den Säulenbögen hoch. Am Fuß jedes Bogens waren kleine Blumenbeete voller Veilchen, Hyazinthen, Narzissen und Lilien. Laternen aus Bronze und Eisen schmückten die Wände und warteten auf die Abenddämmerung, damit sie ihre facettierte Schönheit zeigen konnten.

Und trotz der Schönheit des Hauses hing ihm eine Aura von Traurigkeit an.

Der Eindruck eines gewaltigen Verlustes, den keine Pracht je ausgleichen konnte.

Tarik setzte Zoraya in einen behelfsmäßigen Stall in der hintersten Ecke des Hofes. Sie schrie ihr Unbehagen über die neue Umgebung und die unvertraute Unterkunft hinaus, aber sie beruhigte sich, kaum dass Tarik sie fütterte.

Rahim verschränkte die Arme. Eine Staubwolke umgab ihn. »Der verdammte Vogel bekommt vor mir was in den Magen? Was ist denn das für eine Gerechtigkeit?«

»Ah, Rahim-jan … Wie ich sehe, hat sich in den letzten Jahren wenig geändert.«

Als Tarik die vertraute Stimme hörte, drehte er sich um.

Hinter dem Rankenvorhang in einem nahen Torbogen stand sein Onkel.

Die beiden jungen Männer traten vor, neigten die Köpfe und drückten als Zeichen des Respekts die Fingerspitzen an ihre Stirn.

Reza bin-Latief trat mit einem traurigen Lächeln in den Sonnenschein. Sein dunkles Haar war noch dünner geworden, seit Tarik ihn zuletzt gesehen hatte, und sein sauber gestutzter Schnurrbart zeigte mehr Grau. Die Fältchen um seine Augen und seinen Mund, die Tarik immer mit Humor in Verbindung gebracht hatte, waren tiefer geworden und spiegelten etwas entschieden anderes wider …

Es war das Lächeln einer Seele, die von Gespenstern heimgesucht worden war.

Alles Teil der Maskerade, die ein trauergeplagter Mann anlegte, dessen geliebte siebzehnjährige Tochter eines Morgens gestorben war … nur damit seine Frau ihr drei Tage später folgte.

Eine Frau, die es nicht ertragen konnte, in einer Welt zu leben, in der es ihr einziges Kind nicht mehr gab.

»Onkel.« Tarik streckte die Hand vor.

Reza umschloss sie herzlich. »Du bist schnell hergeritten, Tarik-jan. Ich hatte nicht vor morgen mit dir gerechnet.«

»Was ist mit Shazi? … Lebt sie noch?«

Reza nickte.

»Dann …«

Rezas trauriges Lächeln verriet leisen Stolz. »Mittlerweile weiß die ganze Stadt von unserer Shahrzad …«

Rahim trat näher, und Tarik ballte an seiner Seite die leere Faust.

»Die einzige junge Königin, die nicht nur einen, sondern zwei Sonnenaufgänge im Palast überlebt hat«, fuhr Reza fort.

»Ich wusste es«, sagte Rahim. »Nur Shazi konnte das gelingen.«

Tariks Schultern entspannten sich zum ersten Mal seit zwei Tagen. »Wie?«

»Niemand weiß es«, antwortete Reza. »Die Stadt überschlägt sich mit Mutmaßungen. Vor allem heißt es, der Kalif müsse sich in seine neue Braut verliebt haben. Doch ich bin nicht dieser Ansicht. Ein Mörder wie er ist nicht fähig …« Er hielt inne, den Mund in plötzlicher Furcht zusammengepresst.

Tarik beugte sich vor und drückte die Hand seines Onkels stärker. »Ich muss sie dort herausholen«, sagte er. »Wirst du mir helfen?«

Reza starrte seinen gut aussehenden Neffen an. Er musterte die markanten Züge und den entschlossenen Kiefer. »Was hast du vor?«

»Ich reiße ihm das Herz heraus.«

Reza packte Tarik so fest bei der Hand, dass es ihn schmerzte. »Was du da vorschlägst – das ist Verrat.«

»Das weiß ich.«

»Und um Erfolg zu haben, müsstest du in den Palast einbrechen … oder einen Krieg beginnen.«

»Ja.«

»Das kannst du nicht allein tun, Tarik-jan

Tarik hielt den Blick seines Onkels schweigend fest.

»Bist du bereit, ihretwegen Krieg zu beginnen? Ungeachtet dessen, ob sie oder ob sie nicht … weiterhin überlebt?«, fragte Reza sanft.

Tarik verzog das Gesicht. »Für das, was er unserer Familie angetan hat, verdient er den Tod. Ich gestatte ihm nicht, mir noch mehr wegzunehmen … oder auch sonst jemandem. Es wird Zeit, dass wir ihm etwas nehmen. Und wenn es dazu nötig ist, ihn um sein Königreich zu bringen …« Tarik atmete tief durch. »Wirst du mir helfen, Onkel?«

Reza bin-Latief blickte sich auf seinem schönen Hof um. An jeder Ecke quälten ihn Gespenster. Das Lachen seiner Tochter klang in den Himmel. Die Berührung seiner Frau glitt ihm durch die Finger wie eine Handvoll Sand.

Er konnte sie niemals loslassen. Ihre Erinnerungen, egal wie verblasst und gebrochen sie waren, waren das Einzige, was ihm noch blieb. Das Einzige, wofür zu kämpfen sich noch lohnte.

Reza blickte den Sohn Emir Nasir al-Ziyads an – den Erben der viertgrößten Feste in Chorasan. Einen jungen Mann von königlichem Blut.

Tarik Imran al-Ziyad – die Gelegenheit, ein Unrecht zu sühnen …

Und seine Erinnerungen wieder komplett zu machen.

»Komm mit mir.«

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Der Shamshir

Steh auf.«

Shahrzad stöhnte und zog sich als Antwort das Kissen über das Gesicht.

»Steh auf. Sofort.«

»Geh weg«, brummte Shahrzad.

Daraufhin wurde ihr das Kissen ohne weitere Umstände entrissen und mit einer Kraft, die sie erschreckte, auf die Wange geschlagen.

Sie fuhr hoch. Zorn überdeckte ihre Erschöpfung.

»Hast du den Verstand verloren?!«, brüllte sie.

»Ich habe dir gesagt, du sollst aufstehen«, erwiderte Despina nüchtern.

Ohne zu wissen, was sie sonst tun sollte, schleuderte sie das Kissen nach Despinas Kopf.

Despina fing es lachend auf. »Steh auf, Shahrzad, du Quälgeist von Chorasan, Königin der Königinnen. Ich habe schon den ganzen Morgen auf dich gewartet, und wir haben einiges vor.«

Als Shahrzad sich endlich vom Bett erhob, sah sie, dass Despina wieder makellos gekleidet und herausgeputzt war. Sie trug ein neues Gewand, und jede Facette ihrer blassen Haut wurde kunstvoll von dem Licht beleuchtet, das von der Terrasse hineinfiel.

»Wo hast du … das gelernt?«, fragte Shahrzad aus widerwilliger Bewunderung.

Despina legte die Hände auf die Hüften und zog fragend eine Augenbraue hoch.

»Das Kleid, die Haare, das … alles!« Shahrzad fuhr sich mit den Fingern durch ihre verfilzte Mähne, während sie klarstellte, was sie meinte.

»Zu Hause in der Stadt Theben. Meine Mutter hat es mich gelehrt. Sie war eine der berühmtesten Schönheiten in ganz Böotien. Vielleicht sogar auf allen griechischen Inseln.«

»Oh.« Shahrzad betrachtete Despinas glänzende Locken und warf dann die verfilzte Bescherung in ihren Händen nach hinten.

»Das würde ich nicht tun.« Despina lächelte spöttisch.

»Was nicht tun?«

»Versuchen, mich zu verlocken, dir Komplimente zu machen.«

»Wie bitte?«, stieß Shahrzad hervor.

»Ich habe Mädchen wie dich schon so oft erlebt – die, die ohne Mühe bezaubernd sind, die grünen Nymphen der Welt. Sie schweben umher, ohne an ihre Reize zu denken, leiden aber unter dem gleichen Verlangen, gemocht zu werden, wie wir alle. Nur weil du nicht weißt, wie du das Beste aus deinen vielen Gaben machst, bleiben sie nicht unbemerkt, Shahrzad. Aber ich könnte es dir beibringen, wenn du möchtest. Allerdings scheint es, dass du meine Hilfe im Grunde gar nicht brauchst.« Despina zwinkerte ihr zu. »Offensichtlich weiß der Kalif deine Reize auch so zu schätzen.«

»Nun, er ist kein besonders wählerischer Mann«, versetzte Shahrzad. »Wie viele Frauen hatte er allein in den letzten drei Monaten? Sechzig? Fünfundsiebzig?«

Despina verzog den Mund. »Aber sie hat er nachts nicht aufgesucht.«

»Was?«

»Gewöhnlich werden sie willkürlich ausgesucht, er heiratet sie, und dann … na ja, du weißt, was am nächsten Morgen geschieht.«

»Lüg mich nicht an, Despina.«

»Tu ich nicht. Du bist die erste Braut, die er nach der Hochzeit aufgesucht hat.«

Ich glaube ihr nicht.

»Falls du dich wunderst, ich sollte dir das nicht sagen«, gab Despina zu.

»Warum hast du es dann getan?«

»Ich weiß es nicht.« Despina zuckte mit den Schultern. »Vielleicht möchte ich ja von dir gemocht werden.«

Shahrzad bedachte sie mit einem langen, harten Blick. »Wenn du möchtest, dass ich dich mag, dann hilf mir, mich zu entscheiden, was ich tragen will. Und wo ist das Essen? Ich verhungere.«

Despina grinste. »Ich habe schon einen langen Qamis und eine passende Hose herausgelegt. Zieh dich an, und wir brechen auf.«

»Aber ich habe gar nicht gebadet! Wohin bringst du mich?«

»Musst du alles verderben?«

»Wohin gehen wir?«, verlangte Shahrzad zu wissen. »Auf der Stelle sagst du es mir.«

»Gut!« Despina stieß Luft aus. »Ich sage es dir, während du dich anziehst.« Sie schob Shahrzad die Kleidungsstücke zu und führte sie hinter die Paravents.

»So«, begann Despina, »im vergangenen Winter reiste der Kalif nach Damaskus und besuchte den Malik von Assyrien. Während er dort war, sah er des Maliks neues Badehaus … Das ist ein riesiges Becken voll Wasser, das sie mit speziellen erhitzten Steinen warmhalten. Der Dampf hat angeblich eine wundervolle Wirkung auf die Haut. Wie auch immer, der Kalif ließ sich so etwas bauen, hier im Palast! Und es ist gerade fertig geworden!«

»Na, und?«

»Offensichtlich bringe ich dich dorthin.« Despina rollte mit den Augen.

»Offensichtlich. Ich verstehe nur nicht, weshalb du deswegen dermaßen aufgeregt bist.«

»Weil es aufregend ist. Und neu. Und du gehörst zu den Ersten, die es ausprobieren.«

»Er will also, dass ich zu Tode gesotten werde?«, fragte Shahrzad bissig.

Despina kicherte.

»Ich bin fertig.« Shahrzad kam hinter den Paravents hervor, gekleidet in einfaches hellgrünes Leinen mit passenden Jadeohrringen und spitzen goldenen Pantoffeln. Sie flocht sich die Haare zu einem einzigen dicken Zopf auf dem Rücken und schritt zur Tür ihres Gemachs.

Der Rajput war nirgendwo zu sehen.

»Wo ist er?«, fragte Shahrzad.

»Oh. Er wurde für heute von seiner Pflicht entbunden.«

»Was? Wieso?«

»Weil wir ins Badehaus gehen. Dahin kann er uns ja nur schlecht begleiten, oder?«

Shahrzad schürzte die Lippen. »Stimmt. Aber …«

Während Despina die Tür schloss, sah Shahrzad, dass sie auf ihrer karmingefärbten Unterlippe kaute. Als verberge sie etwas.

»Despina. Wo ist der Rajput?«

»Ich habe es dir gesagt. Er wurde von seiner Pflicht entbunden.«

»Das habe ich verstanden. Aber was macht er stattdessen?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Du weißt alles.«

»Aber das weiß ich nicht, Shahrzad.«

Wieso lügt sie mich an? Ich dachte, ich dürfte ohne den Rajput nirgendwohin gehen. Wohin bringt sie mich wirklich?

»Ich gehe nirgendwohin, bevor du mir sagst, wo mein Leibwächter ist.«

»Bei Zeus, du bist eine Plage, Shahrzad al-Haizuran!«, rief Despina aus.

»Gut, dass du das begreifst. Es wird dir Zeit ersparen. Jetzt beantworte meine Frage.«

»Nein.«

»Antworte mir, du elende Thebanerin!«

»Nein, du Pferdegesicht!«

Shahrzad klappte der Unterkiefer herunter. »Hör mir gut zu: Wir können entweder hier in den Gängen des Palasts stehen bleiben und uns anbrüllen, oder du tust, was ich will, und ersparst dir die Mühe. Als ich zwölf war, wurden meine beste Freundin und ich fälschlich beschuldigt, eine Halskette gestohlen zu haben.

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