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Der Fluch des Feuers

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36
  43. Kapitel 37
  44. Kapitel 38
  45. Kapitel 39
  46. Kapitel 40
  47. Kapitel 41
  48. Kapitel 42
  49. Kapitel 43
  50. Kapitel 44
  51. Danksagung

Über das Buch

Als Stratus erwacht, ist er allein in der Wüste, Geier kreisen über ihm. Er kann sich an nichts erinnern außer an seinen Namen. Doch wo kommt er her? Was hat ihn hierher gebracht? Und was bedeutet das Verlangen nach Feuer, das er in sich verspürt? Ist er von dunkler Magie besessen? Stratus ahnt, dass er kein gewöhnlicher Mensch ist, und macht sich auf die Suche nach Antworten. Schnell muss er die Wahrheit herausfinden, bevor die Macht in ihm ausbricht und ein Feuer entfesselt, das niemand mehr eindämmen kann …

Über den Autor

Mark de Jager wurde in Südafrika geboren und wuchs dort auf. Heute lebt er in London, wo er im Finanzsektor arbeitet. Er ist leidenschaftlich engagiert in der Science-Fiction- und Fantasyszene, besucht regelmäßig Conventions und ist verheiratet mit der Autorin Liz de Jager, die ihrerseits eine erfolgreiche Fantasy-Autorin ist. Der Fluch des Feuers ist sein Debütroman.

MARK DE JAGER

DER FLUCH
DES FEUERS

Roman

Aus dem Englischen von
Michael Krug

Dem gemeinen Volk fällt es schwer, Menschen wie uns zu verstehen, die wir unser Leben der Beherrschung der Magie gewidmet haben. Sie lästern über die Mächte, die wir befehligen, und winseln ihre Priester um Beistand an. Und doch sind wir es, nicht die Priester, die den Göttern näher sind, denn mit der Sprache der Magie benutzen wir die Sprache der Schöpfung selbst. Nicht einer von ihnen würde leugnen, dass die Götter am Anbeginn der Zeit den Traumsänger stürzten, oder dass sie es waren, die aus seinen Gebeinen die Erde formten, mit seinem Blut die Meere füllten, aus seinem Feuer die Sonne und seinen Schwingen den Baldachin des Himmels fertigten. Sein lebendiges Fleisch diente ihnen dazu, den Menschen und alle Tiere zu erschaffen, ob groß oder klein, und sie bevölkerten mit ihnen die Erde, auf dass die Frucht ihres großen Feindes sie für alle Zeit lieben und anbeten würde.

Aber nur wir, die wenigen Auserkorenen, wissen, dass der Traumsänger besiegt wurde, nicht getötet, und dass sein Lied durch alle aus ihm geborenen Dinge hallt. Das Lied der Magie zu vernehmen, heißt, den Namen des Traumsängers zu hören, aus dem unser aller Namen entstammen. Und seinen Namen zu kennen, heißt, die Macht der Götter zu kennen.

Einleitung zum Pfad der Macht von Tiberius Talgoth, Erzmagier

Kapitel 1

Als ich erwachte, erwartete mich der Anblick kreisender Geier. Drei Kleckse, die sich vor dem kobaltblauen Himmel abzeichneten und mit jeder Runde tiefer flogen, beinah gemächlich, als wollten sie ihre nächste Mahlzeit in aller Ruhe genießen.

Ich setzte mich auf und rieb mir das Gesicht, um einen Teil des dichten Nebels zu vertreiben, der meinen Geist erfüllte, doch stattdessen ertappte ich mich dabei, auf eine fremd wirkende Hand zu starren. Anscheinend war es meine Hand, denn sie befand sich an meinem Arm, aber ich erkannte beides nicht wieder.

Die Geier taten krächzend ihren Unmut kund, stiegen höher und verzogen sich, um weiter die Umgebung zu beobachten, während ich mich gegen ein plötzliches Schlingern der Welt stemmte, als wäre ich gerade gefallen. Ich schüttelte den Kopf und versuchte abermals, den meine Sinne trübenden Nebel daraus zu vertreiben. Aber je mehr ich um Klarheit kämpfte, desto dichter zog sich der Dunst zusammen und erstickte jegliches Wissen, wo ich mich befinden mochte oder weshalb ich war, wo ich war. In den Tiefen meines Geistes regte sich eine Erinnerung, ein verschwommener Schemen von etwas, das mir wenig mehr als die kurze Bestätigung bot, dass ich genau darauf gehofft hatte, bevor es mir wieder entglitt.

Ich beugte und streckte die fünf kurzen Finger der Hand an meinem neuen Arm und beobachtete sie dabei. Die Haut, die sich um die Gelenke abwechselnd spannte und Falten warf, schien dunkler zu sein, als ich die meine in Erinnerung hatte. Doch war sie genauso unbehaart. Sie fühlte sich völlig normal an, dennoch jagte etwas an ihren Bewegungen einen Schauder durch meinen Körper. Als ich mich in eine sitzende Haltung mühte, spürte ich ein Aufflammen von Hitze am Hinterkopf, als hätte mich jemand dort mit einem glühenden Brandeisen berührt.

Mehr an Vorwarnung, dass etwas ganz und gar nicht stimmte, erhielt ich nicht.

Im einen Augenblick nahm ich nur den süßlichen Geruch zerdrückten Grases wahr, die krächzenden Rufe der Geier und den Gesang der Spatzen, im nächsten entriss mir ein Strudel blanker Schmerzen die Sinne. Unvorstellbare Qualen fegten über mich hinweg und durch mich hindurch, unaufhaltsam, unerbittlich. Eine gefühlte Ewigkeit verbrachte ich damit, zu schreien und mir zu wünschen, es möge mich überwältigen und zurück in Ohnmacht schleudern. Oder einfach töten. Doch eine solche Erleichterung ward mir nicht vergönnt. Ich blieb wach, konnte nichts tun. Mein Gehirn fühlte sich an, als risse es sich von innen heraus selbst in Stücke, und eine Flut von Empfindungen fegte alle Vernunft hinweg.

Als ich die Besinnung zurückerlangte, starrte ich wieder in die Wolken, allerdings fühlte sich mein Körper nun weit entfernt und so unempfänglich wie ein Stein an. Immer noch verhüllte der Nebel mein Gedächtnis. Er hatte sich jedoch ausreichend gelichtet und ich begriff, dass irgendetwas entsetzlich schiefgegangen sein musste. Ich spürte ein Ziehen entfernter Erinnerungen, aber erneut flossen sie aus meinem Geist ab, bevor ich ihnen mehr als ein vages Gefühl frustrierter Dringlichkeit entlocken konnte. Ich versuchte alles, was mir einfiel, während ich dort lag und von der Sonne in eine Wärme gehüllt wurde, die ich nicht empfinden konnte. Es gelang mir nicht einmal zu grunzen angesichts der Anstrengung, als ich versuchte, einen Arm zu bewegen. Ich versuchte es stattdessen mit einer Hand, dann mit lediglich einem Finger. Doch all meine Bemühungen endeten enttäuschend. Abgesehen vom Tastsinn schienen die übrigen Sinne zwar zu funktionieren, aber so tröstlich ich das vielleicht finden mochte, so nutzlos war es auch.

Das Grauen meiner Notlage wich allmählich einer Art Langeweile, als der erste Geier wieder in meinem Sichtfeld auftauchte. Mit aller Kraft wünschte ich mir, er möge weiterfliegen, war jedoch nicht überrascht, als er meinem stummen Flehen keine Beachtung schenkte und mit seinem Gefährten im Schlepptau zurückkehrte. Ich bemühte mich redlich, die in mir aufkeimende Panik im Zaum zu halten, doch das Erscheinen eines dritten Vogels machte diesen Versuch endgültig zunichte. In immer engeren Spiralen sanken die drei Aasfresser auf mich zu, aufs Neue ermutigt von meinem unübersehbaren und erschreckend hartnäckigen Mangel an Bewegung. Tiefer und tiefer schwebten sie, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwanden. Wenige Augenblicke später hörte ich die leisen, dumpfen Geräusche ihrer Landung, gefolgt von einem heiseren Krächzen und von Schnapplauten. Sie zankten untereinander, um zu ermitteln, welcher von ihnen der Erste bei dem Festschmaus wäre, den Stratus ihnen bieten würde.

Stratus.

Mein Name lautete Stratus. Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte ihn vielleicht ein paar Mal laut ausgesprochen, vorerst jedoch musste ich mich damit begnügen, ihn zu denken. Stratus.

Ich wollte schluchzen, ich wollte schreien, wollte irgendetwas anderes tun, als nur dort zu liegen und darauf zu warten, von dreckigen Schnäbeln in Stücke gehackt zu werden. Aber es sah aus, als sollte mein Weg ein unschönes Ende finden. Der einzige Trost, den mir das Schicksal dabei anscheinend zu bieten hatte, bestand darin, dass mir zumindest die Schmerzen meines langsamen Todes erspart bleiben würden. Bedrohlich geriet der erste Geier in Sicht und klickte mit dem Schnabel, als er auf mich zuwatschelte. Ich versuchte alles, um etwas zu tun, irgendetwas. Doch nichts geschah. Ich glich einem lebenden Leichnam. Der Geier senkte den Kopf, und gleich darauf ruckte mein Körper, als der Vogel versuchte, in mein Fleisch zu hacken. Als er sich nach dem dritten Versuch aufrichtete, war der verheerende Schnabel von einer glänzenden, nassen Schicht meines Blutes benetzt. Er beugte sich wieder vor, dann schnellte er abrupt außer Sicht. Nur eine zu Boden schwebende Feder blieb dort zurück, wo er sich gerade noch befunden hatte.

Etwas, das wie eine besonders große und zornige Wespe klang, schwirrte laut an mir vorbei, dann vernahm ich aus der Nähe meiner Füße ein ersticktes Krächzen, gleich darauf gefolgt vom Geräusch schlagender Flügel. Einige Atemzüge verstrichen in Stille, bevor ich leise Schritte hörte, die auf mich zukamen. Zwei Paar Füße. Ich bezweifle, dass ich in der Lage gewesen wäre, sie wahrzunehmen, wenn ich nicht unbeweglich dort gelegen hätte, unfähig etwas anderes zu tun, als in den Himmel zu starren und zu lauschen.

Irgendwo zu meiner Rechten ertönte eine Stimme. Zuerst konnte ich die Sprache nicht verstehen, doch während ich zuhörte, veränderte sich etwas. Irgendwo in meinem Gehirn flammte Wärme auf, aber ein wesentlich sanfteres Gefühl als das heftige Brennen vor meinen Krämpfen. Es verschwand so schnell, wie es eingesetzt hatte, doch danach ordneten sich die gesprochenen Worte zu etwas an, das ich verstehen konnte.

»… wäre eine Gnade.«

»Mag sein, aber das sollte die Entscheidung des Diakons sein, nicht die unsere.«

Jemand kauerte sich neben mich und reichte einem für mich nicht sichtbaren Kameraden einen gekrümmten Bogen. Der Mann kam mir unnatürlich groß vor, als ich zu ihm aufschaute, eine Perspektive und eine Empfindung, die ich zutiefst beunruhigend fand. Er roch nach Schweiß, Leder und Schlamm. Eindringlich starrte er mich mit Augen an, die sich hell von seiner gebräunten Haut abhoben.

»Na schön«, sagte er. »Geh und hol ihn. Vielleicht kann er unserem nackten Freund hier dabei helfen, uns zu erzählen, was ihm widerfahren ist.«

Der andere Mann erwiderte nichts, aber ich hörte, wie er mit langen und trotzdem leisen Schritten von dannen ging. Mein Beobachter erhob sich wieder und begann, sich auf der Lichtung herumzubewegen, während ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Die Panik war noch da und umkreiste mich wie ein Wolf einen verwundeten Hirsch, aber ich wollte diese unverhoffte Atempause nicht vergeuden. Und wenn mir dieser »Diakon« helfen konnte, wollte ich auch diese Gelegenheit nicht ungenützt lassen. Eine Wahl hatte ich ohnehin nicht.

Es dauerte nicht lange, bis der Diakon eintraf, und bald umringte mich eine Schar von Männern in langen Roben, deren vereinter Körpergeruch beinahe überwältigend war. Befehle wurden gebrüllt, und ein Baldachin wurde über uns errichtet. Ein Mann in einer dunkleren Robe mit einer weißen Schärpe kniete sich neben mich und untersuchte meinen Körper, während die anderen verstummten und zurücktraten. Mit einem Laut der Anstrengung hob er meinen linken Arm, und ich fand es eigenartig beruhigend, dass mein Arm wesentlich größer als seiner wirkte. Er rieb und kratzte an meinen dunklen Nägeln, bevor er den Arm wieder neben meinen Körper sinken ließ.

»Und ihr habt ihn hier gefunden? So auf dem Boden liegend?« Der Diakon besaß eine leise Stimme, und seine Aussprache klang weit weniger kehlig als die meines bogentragenden Retters.

»Ja, Vater. Wir dachten, er wäre tot. Rings um ihn waren Geier, und er hat keine Regung gezeigt. Nicht einmal, als einer einen Brocken aus ihm gehackt hat.«

»Ihr habt richtig gehandelt, indem ihr mich auf ihn aufmerksam gemacht habt. Ihr könnt gehen.« Er schaute nicht einmal auf, als sie davonstapften. »Jules, komm hier rüber und bring mir meine Tasche.«

»Sofort, Vater.« Diese Stimme klang hoch und klar, von etwas Jungem. Nein, mir fiel das richtige Wort ein: ein Knabe.

Der Diakon beugte sich vor, bis sein zerfurchtes Antlitz mein Blickfeld ausfüllte und mir sein leichter Gewürzduft in die Nase drang. Seine weißen Haare kennzeichneten ihn als alt für einen Menschen, wenngleich nicht so alt, dass in seinem Geruch jener Hauch von Fäulnis mitgeschwungen hätte, den die Gebrechlichen verströmten.

»Was bist du doch für ein erlesenes Rätsel«, murmelte er.

»Hier bitte, Vater.«

Der Diakon lehnte sich zurück, verschwand außer Sicht, und ich hörte das Klirren von Glas und ein Geräusch, als ob jemand herumkramte. Ich konzentrierte mich ganz auf mein Gehör und versuchte, ein Gespür dafür zu bekommen, was um mich herum geschah. Es waren mindestens drei verschiedene Stimmen zu hören. Dazu nahm ich jetzt auch noch deutlich einen Geruch nach Pferd und Metall wahr. Da ich den Kopf nicht drehen konnte, ließ sich kaum abschätzen, wo sich alle befanden, aber ich vermutete, dass sich die Männer ein gutes Dutzend Schritte nach rechts entfernt hatten, von wo aus sie das Geschehen zweifellos beobachteten.

»Wer ist er, Vater? Ich mag ihn nicht.«

Der alte Mann brummte. »Das hoffe ich, herauszufinden. Aber verrate mir, warum hast du das gesagt? Er ist verletzt und braucht unsere Hilfe.« Kurz verstummte er. »Du hast noch keinen Mann mit solcher Haut gesehen, oder?«

»Nein, Vater. Warum ist er schwarz? Ist er ein Dämon wie aus den Geschichten?« Der saure, durchdringende Geruch von Angst wehte mir aus der Richtung des Knaben entgegen, aber der alte Mann gab nur ein gackerndes Geräusch von sich, das ich als Gelächter auffasste.

»Und warum meinst du wohl, sollte ein Dämon hier draußen in der Sonne liegen und sich von Geiern anknabbern lassen?«

Wäre es mir möglich gewesen, ich hätte vielleicht gelacht. Zumindest so lange, bis mir ein verräterischer Teil meines Geistes die Frage gestellt hätte, wieso ich die Annahme des Jungen für so unwahrscheinlich hielt, zumal ich außer meinem Namen kaum etwas über mich wusste. Und meine Haut und Nägel waren tatsächlich viel dunkler als ihre. Wieso mochte das so sein? Vermutlich würde es sich klären, sobald erst geheilt war, was immer mit meinem Kopf nicht stimmte.

»Nein, Jules«, fuhr der alte Mann schließlich fort. »Die Menschen von den südlichen Inseln vor der Küste von Illutia sind für solche Haut bekannt. Wenn man weiter nach Süden reist, kann man sogar auf noch Dunklere stoßen. Und dennoch: Ich muss gestehen, dieser Körper ist viel schwerer als jeder, den ich je unter ihnen gesehen habe. Selbst unter ihrer Kriegerkaste.«

»Ich glaube nicht, dass er ein Krieger ist.«

»Wie kommst du darauf?«

»Er hat keine Narben. Sogar der Recke des Herzogs hat Narben.«

»Gut gemacht, Junge«, lobte der Diakon. »Das ist eine scharfsinnige Beobachtung.«

»Und was stimmt nicht mit ihm?«

»Das weiß ich nicht – noch nicht. Ich weiß nur, dass er schlichtweg zu groß und zu kräftig ist, um schon sein Leben lang ein Krüppel zu sein. Daher rechne ich damit, irgendeine Verletzung zu finden.« Er ragte über mir auf und zog meine Lider hoch, dann setzte er sich zurück und betrachtete mich. »Tja, mein Freund, ich werde wohl einen Blick ins Innere werfen müssen, um das Problem zu finden. Danach sehen wir weiter.«

»Was soll ich tun, Vater?«

»Sorg dafür, dass mich niemand stört, bis das Ritual vollendet ist. Wirklich niemand, hörst du? Die Magie ist heikel.«

»Ja, Vater.«

Magie. Ich wusste etwas über Magie. Ich konnte deutlich fühlen, wie die Vorstellung von ihr etwas in den in meinem Geist weggesperrten Erinnerungen anschlug, und für einen allzu kurzen Augenblick spürte ich, wie die Antworten auf all meine Fragen Gestalt annahmen, bevor sie wieder im Nebel verschwanden. Dennoch genügte es, um zu wissen, dass mich Hexerei in diese Lage gebracht hatte und sie allein mir helfen konnte. Allerdings fühlte sich jedwede Befähigung oder Begabung, die ich einmal für Magisches gehabt haben mochte, so entfernt und unmöglich zu erwecken an wie der Rest meiner selbst.

Der Diakon verlagerte seine Position und setzte sich hinter mich. Gleich darauf hörte ich ein lautes Grunzen, und meine Welt neigte sich. Ich durchlebte einen Augenblick völliger Verwirrung, in dem ich dachte, er hätte mir den Kopf abgeschnitten, dann jedoch wurde mir klar, dass er ihn lediglich angehoben hatte. Dadurch konnte ich weiter sehen, und es freute mich, festzustellen, dass sich meine Vermutung, wo der Rest der Leute wartete, als richtig herausstellte. Ein halbes Dutzend Männer standen ungefähr zwanzig Schritte zu meiner Rechten und unterhielten sich leise, während sie ihre Rösser beruhigten. Sie trugen Felle unter Westen aus Metallringen, zwei von ihnen jedoch eine andere Art Rüstung, mit flacheren, verzierten, auf Hochglanz polierten Oberflächen. Diese zwei hielten sich etwas abseits und hatten die Hände an den Schwertern, während sie den Diakon beobachteten. Mir gefiel ganz und gar nicht, wie sie aussahen.

»Du hast einen schweren Kopf, mein dunkler Freund«, meinte der Diakon hinter mir, wodurch meine Aufmerksamkeit zurück zu ihm wanderte. »Also, unter normalen Umständen würde ich dir jetzt sagen, du musst für diesen Teil ganz stillhalten, aber ich denke, wir wissen beide, dass es in deinem Fall daran nicht scheitern wird.«

Damit legte er mir die Hände aufs Gesicht und stimmte einen leisen Sprechgesang an. Ich lauschte aufmerksam und strebte dem Geräusch mit allem entgegen, was ich hatte. Ich sehnte mich plötzlich so verzweifelt nach einem Hauch Magie wie ein Verhungernder nach einem Krümel Brot. Ich verstand etwas von Magie, und obwohl ich nicht zu sagen vermochte, wie oder weshalb das so war, so wusste ich doch, dass sie der Schlüssel zu dem war, was ich mir angetan hatte – was immer das auch sein mochte.

Der alte Mann leierte eine Art Gebet. Es war ein eher kurzer Sermon, den er ständig wiederholte; eine Floskel nur, die für sich allein wenig bedeutete, aber durch die unablässige Wiederholung einen magischen Rhythmus aufbaute. Meine Haut vermochte die Berührung der Magie nicht zu fühlen, mein Geist hingegen schon. Ich spürte den Moment, in dem sein Gemurmel zu mehr als einem simplen Mantra aufstieg und sich eine Leitung zwischen ihm und den Liedlinien aufbaute. Es entstand eine Verbindung zu jenen pulsierenden Strömungen, die sich über die Welt spannten und auch mich einzuschließen begannen. Ich wehrte mich nicht gegen ihre Berührung, hätte es ohnehin nicht gekonnt, und langsam drang die Magie in mich ein. Ich sah sie als hell leuchtendes Netzwerk feiner, weißer Wurzeln, ein Geflecht, das irgendwo hinter meinen Augen entstand und begann, sich sachte zu entfalten. Das Licht spiegelte seine Absicht wider, zu heilen, und das war eine Erkenntnis, die mir dabei half, den natürlichen Instinkt meines Geistes zu unterdrücken, das Eindringen der Magie abzuwehren.

Der alte Mann suchte nach Schäden. Er versuchte abzutasten, wo etwas in meinem Körper beschädigt war, und als ich mich seiner Magie ergab, fing ich an, ein echtes Gespür für sie zu erlangen. Sie zielte allein auf meinen Körper ab, und da er keinerlei Energie darauf vergeudete, sie oder sich selbst abzuschirmen, ließ ich mich hineinziehen. Ich aalte mich in ihrem Glanz, bis ich gesättigt genug war, um mit ihr zu verschmelzen. Da ich nun die Art des Zaubers, den er benutzte, verstand, begriff ich seine penible, vorsichtige und planvolle Vorgehensweise. Er besaß eindeutig ein Verständnis von der Beschaffenheit des Körpers eines Menschen, das ich niemals hoffen konnte zu erlangen, ganz gleich, wie viele davon ich aß.

Aß?

Der Gedanke entfesselte eine Reihe weiterer Fragen, die durch meinen Verstand schossen und meine Verbindung zu seiner Magie schwächten. Hastig unterdrückte ich sie, bevor die Verbindung vollends abbrechen konnte. Über sie konnte ich mir auch später noch den Kopf zerbrechen, wenn ich nicht mehr völlig hilflos wäre.

Während ich seine Arbeit beobachtete und seine Magie durch meinen Körper trieb, nahm ich allmählich seine stetig wachsende Verwirrung wahr, weil er keine Verletzungen finden konnte. Seine Verwirrung wuchs und wuchs und färbte sich mit etwas anderem, etwas, das seine Absichten änderte und seine Magie in Richtung meines Geistes statt meines Körpers tasten ließ. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte. Falls ich eine Art Dämon war, würde er vermutlich keine Zeit verlieren und mich von den beiden Männern in glänzender Rüstung in Stücke hacken lassen. Ich überlegte noch krampfhaft, wie ich ihn vertreiben sollte, als die Ranken seiner Magie in meinen Geist flossen, doch dann spürte ich, wie sie zurückschraken, als etwas in mir auf ihr Bohren reagierte.

Etwas, das nicht ich war.

Flüchtig nahm ich etwas Dunkles und Bestialisches wahr, eine verzerrte, sich windende Masse aus Magie, Fleisch und scharfen Kanten, die ein Versprechen von blanker Raserei und Blutvergießen ausstrahlte. Der Gesamteindruck war furchterregend, und ich schrak davor ebenso zurück wie der Diakon. Ich konnte fühlen, wie er seine Magie überstürzt einsammelte. Es war klar, dass er sich schleunigst aus meinem Geist zurückziehen wollte, und auch nicht schwer zu erahnen, warum; zumal ich selbst genauso sehr zurückwich. Durch meine Gedanken hallte ein einziges Wort.

Dämon.

Allerdings wusste ich auch: Wenn er sich zurückzog, würde mir die vielleicht einzige Aussicht darauf genommen, aus dem auszubrechen, was meinen Körper außer Gefecht gesetzt hatte. Also verstärkte ich den Griff um seine Magie, klammerte mich verzweifelt daran fest. Er spürte es und wehrte sich. Der sanfte Schimmer seiner Macht verdunkelte sich, als sich darin etwas einschlich, das sich nach Angst anfühlte. Er beschloss, den Zauber abzubrechen und den Schweif der Macht aufzugeben, den ich gepackt hielt, statt zu versuchen, ihn mir zu entwinden.

Einen Atemzug lang gehörte jenes Bröckchen Macht mir allein, und das animalische Etwas in meinem Geist sog es in sich auf. Dann spürte ich etwas am Schädelansatz, das eine sengende Hitze wie einen Blitzschlag durch meinen Körper jagte. Meine Muskeln erwachten mit einer Reihe heftiger, krampfhafter Zuckungen zum Leben, nach denen ich mich völlig ausgelaugt fühlte, und ich erbrach eine klare, zähe Flüssigkeit, als mich die Männer des Diakons mit gezückten, funkelnden Waffen umzingelten.

Kapitel 2

Jemand brüllte mich an, aber ich war noch zu sehr damit beschäftigt, Schleim auszuspucken und mich zu räuspern, um groß darauf zu achten. Als ich wieder Luft bekam, setzte ich mich langsam auf und sah mich um. Dabei bemühte ich mich, nicht auf die Vielzahl klickender und knirschender Laute zu achten, die jede meiner Bewegungen hervorzurufen schien. Ich spürte, wie sich meine Eingeweide verlagerten, als wollten sie es sich bequemer machen, aber es gab weder Blut noch Schmerzen, was aus meiner Sicht schon mal eine gehörige Verbesserung darstellte. Der Diakon hatte sich jetzt deutlich außerhalb meiner Reichweite positioniert, flankiert von den beiden Kriegern mit ihren glänzenden Rüstungen, und ich fragte mich, wie er seine Begegnung mit dem unbekannten Dämon, der in meinem Geist lauerte, gedeutet haben mochte.

»Wer bist du?«, fragte er schließlich, während ich spürte, wie ein Teil der Spannung aus meinen Schultern abfloss.

Ich bezweifelte sehr, dass er wusste, wie berechtigt seine Frage war oder wie angestrengt ich nachdenken musste, bevor ich antwortete.

»Ich bin Stratus«, sagte ich. Der Klang des Namens gefiel mir.

»Und wer bist du genau, Meneer Stratus?«, hakte der Diakon nach und starrte mich eindringlich an.

Ich fühlte mich zu steif, zu hungrig und zu verwirrt, um mir etwas Schlaues einfallen zu lassen. »Ich weiß es nicht«, erwiderte ich stattdessen schulterzuckend. Was meinen Schultern ein weiteres Knirschen entlockte.

»Er sagt die Wahrheit«, verkündete der Diakon, und gleich darauf spürte ich, wie etwas über meine Haut strich. Der gewitzte alte Mann hatte erneut seine Magie bei mir eingesetzt.

»Wo bin ich?«, erkundigte ich mich, ohne mir anmerken zu lassen, dass mir seine magische Gegenwart nicht entgangen war. Mir gefiel nicht, wie die gegen mich gezückten Waffen aussahen, und so hielt ich es für das Beste, so hilflos wie nur möglich zu erscheinen.

»Zwölf Meilen westlich der Thasper-Quere in Nord-Aldo.«

Das sagte mir nicht das Geringste, und man musste es mir im Gesicht angesehen haben, denn der Diakon gab den Männern ein Zeichen, und sie ließen ihre Waffen sinken. Allerdings währte meine Erleichterung nur kurz, da er ihnen als Nächstes befahl, mich zu fesseln. Zwei Männer stürmten vor, packten mich an den Armen und versuchten, mich auf die Beine zu ziehen. Allerdings waren meine Beine noch nicht ganz bereit, mich zu tragen, und es fühlte sich zudem so an, als wiesen meine Knie in die falsche Richtung. Die Männer gerieten ins Taumeln, als sie mich hochhieven wollten.

»Das ist ja ein verfluchter Ochse!«, brummte einer von ihnen, als meine Beine endlich aufhörten, so heftig zu wackeln. Mein Gleichgewichtsgefühl war völlig durcheinander, und ein weiterer Mann musste mich stützen, als mir die Handgelenke mit einem gewobenen Seil gefesselt wurden. Ich war größer und kräftiger als jeder Einzelne von ihnen, und ihr Geruch verriet mir, dass sie mich fürchteten, obwohl ich nackt und unbewaffnet war, während sie Schwerter, Äxte und Westen aus verwobenen Metallringen trugen.

Als meine Handgelenke gesichert waren, trat der Diakon vor. Ich ließ zu, dass er mein Kinn in die Hand nahm und meinen Kopf hin und her drehte. Während er mich eingehend betrachtete, zogen sich seine Augenbrauen zusammen. »Faszinierend«, befand er. »Du bist nicht, was du zu sein scheinst, doch jetzt fühle ich keine Bösartigkeit mehr in dir, obwohl ich weiß, dass sie vorhanden ist.«

»Warum fesselt ihr mich?«, fragte ich.

Er lächelte und tätschelte mir die Wange. »Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Heute Nacht lasse ich dich zu mir bringen, damit ich deine Geheimnisse entschlüsseln kann. Sobald ich verstehe, was ich gesehen habe, können wir über deine Freiheit nachdenken.« Er wandte sich an einen der Männer. »Gebt ihm zu essen und besorgt ihm um Himmels willen etwas zum Anziehen. Steckt ihn dann zu den anderen. Wir haben schon genug Tageslicht vergeudet.«

»Wohin gehst du?«, fragte ich ihn, als er sich abwandte.

Kurz sah er mich an. »Wir reisen zur Thasper-Quere.«

»Warum?«

Er seufzte. »Weil mein Meister will, dass wir uns dort hinbegeben. Jetzt geh mit diesen Männern. Wenn du unschuldig bist, hast du nichts zu befürchten.« Damit schritt er davon, gefolgt von den zwei glänzenden Kriegern, während die anderen damit begannen, den Baldachin abzubauen.

Ich setzte mich nicht zur Wehr, als mich die Männer zu drei Wagen führten, die ein Stück abseits standen. Dort befanden sich weitere Männer, alle bewaffnet und durchdringend nach Eisen und Schweiß riechend. Mehrere starrten mich an, und ein paar lachten, als ich zum hintersten Wagen geführt wurde, wo noch mehr Männer im Schatten eines Leinenbaldachins saßen. Deren Hände waren ebenso gefesselt wie meine, und von ihren Fesseln erstreckte sich eine Kette zu einem geschlossenen Ring am Heck des Wagens. Sie rochen strenger als die Krieger rings um sie, schienen jedoch in einigermaßen gutem Gesundheitszustand zu sein. Die Krieger mussten meine Seile entfernen, damit ich mich anziehen konnte. Erst, nachdem sie mir die Kleidung gereicht hatten, erkannte ich, dass ich gar nicht sicher war, wie man die Sachen anlegte, und meine ersten Versuche fielen so tollpatschig aus, dass ich sie damit herzhaft zum Lachen brachte.

»Haltet ihn mal besser aus der Sonne raus«, schlug einer der Gefesselten vor, womit er eine weitere Runde Gelächter entfachte.

Ich atmete tief und langsam durch, danach gelang es mir, die Aufgabe ohne weitere Missgeschicke zu Ende zu bringen. Der Mann, der mich fesselte und an den Wagen kettete, gab mir einen kleinen, runden Brotlaib und einen Becher mit etwas, das nach alten Blättern roch. Vorsichtig nippte ich an dem Becher. Es gelang mir, genug im Mund zu behalten, um festzustellen, dass es sich um eine Art Bier handelte. Ich wischte mir das Kinn ab und versuchte es erneut, diesmal mit mehr Erfolg. Es schmeckte besser, als es roch, und es linderte die Schmerzen in meiner Kehle. Ich kaute an dem Brot. Nach ein paar vorsichtigen Bissen stellte ich fest, dass ich einen Heißhunger hatte, und verschlang den Rest in drei riesigen Happen, an denen ich mich beinah verschluckte.

»Und? Was hast du ausgefressen?«, wollte einer der Angeketteten von mir wissen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete ich, was der Wahrheit entsprach. Der Mann schnaubte nur und schüttelte den Kopf.

»Tja, ich bin sicher, bis wir dort sind, fällt ihnen schon etwas ein, das sie dir zur Last legen können. Hel, vielleicht teilen sie dir sogar mit, was du getan hast, bevor sie über deine Bestrafung entscheiden.«

»Bestrafung? Wer würde es wagen, mich zu bestrafen?«

Darüber lachten alle. Der Mann, der gesprochen hatte, hob die Handgelenke an und rasselte mit der Kette. »Die geben dir keine so hübschen Armreifen, weil sie deine Freunde sein wollen.«

Nun, da ich darüber nachdachte, erschien mir das einleuchtend. Ich brauchte Zeit, um ausgiebig über alles zu grübeln, was sich zugetragen hatte, nicht zuletzt über die Möglichkeit, dass ich ein menschenfressender Dämon sein könnte. Obwohl ich immer noch Hunger hatte, verspürte ich keinen besonderen Drang, einen herzhaften Happen aus einem der Männer um mich herum zu reißen. War ich vielleicht doch kein räuberisches Monster? Immerhin hatte ich eine ganze Weile in der Sonne gelegen, und Geier hatten an mir rumgepickt. Darüber grübelte ich immer noch, als eine Reihe lauter Schreie und Pfiffe entlang der Wagen ertönte. Die Männer rings um mich standen auf, und ich tat es ihnen gleich. Meine Neugier über das, was hier vor sich ging, behielt ich für mich.

Nach einigen weiteren Rufen setzte sich der Wagen, an den wir gekettet waren, in Bewegung. Die Ketten strafften sich, bis wir hinter dem Gefährt einherlaufen mussten. Das Gehen gestaltete sich für mich schwierig, weil ich mich immer noch beklagenswert wackelig auf den Beinen fühlte. Mit vor dem Körper gefesselten Händen taumelte ich hin und her, was mich gegen die Männer links und rechts von mir prallen ließ, die mir prompt auswichen, sodass ich ausgestreckt im Staub landete. Es dauerte, ehe es mir gelang, einigermaßen mitzuhalten.

Die Angeketteten schienen mich ein wenig mürrisch zu betrachten, als die Wagen kurz nach Sonnenuntergang anhielten. Besonders verdrossen kamen mir zwei Männer vor, die ich unterwegs zu Boden gerempelt hatte. Allerdings hatte ich genug eigene Probleme, weshalb ich beschloss, ihnen keine weitere Beachtung zu schenken. Das allerdings, so stellte sich heraus, verletzte ihren gekränkten Stolz nur noch mehr. Zwei der Wachleute kamen herbei und verteilten mehr von dem Bier sowie Schalen mit irgendeinem warmen, lecker riechenden Brei. Ich war zu hungrig, um mich groß zu fragen, worum es sich handeln mochte, und nachdem ich aufmerksam beobachtet hatte, wie man den winzigen zur Verfügung gestellten Schöpfer benutzte, begann ich zu essen. Ich hatte gerade den ersten Mundvoll geschluckt, als einer der beiden Gekränkten den Ellbogen nach hinten schnellen ließ und mir die Schale aus der Hand stieß. Sie prallte einmal zurück und landete dann verkehrt herum. Mein feiner warmer Brei ergoss sich über den Boden.

»Ach herrje, tut mir ja so leid«, behauptete der Mann, was natürlich eine himmelschreiende Lüge und nicht annähernd so lustig war, wie sein lachender Gefährte fand.

Ich starrte ihn an, als ein Anflug von Zorn in mir aufstieg. Ich hätte ihn unterdrücken können und es wahrscheinlich sogar getan, hätte der Mann meinen Augenblick der Nachdenklichkeit nicht als Schwäche ausgelegt und beschlossen, mich anzuspucken.

Ich blickte auf den Auswurf hinab, der mein Bein hinunterglitt, und der Zorn in mir entflammte zu rasender Wut. Mein Arm schnellte vor, und ich packte ihn an der Gurgel. Eigentlich wollte ich ihn bloß würgen, um ihm Anstand beizubringen, aber stattdessen spürte ich, wie unter meiner Handfläche etwas nachgab. Die Augen quollen ihm aus den Höhlen, bis ich dachte, sie würden herausspringen. Dabei machte er keinen Mucks, nur ein Strom von Blut trat aus seiner Nase. Als ich ihn losließ, sackte er zu Boden. Die Luft entwich rasselnd aus seiner Lunge, und Blasen stiegen in dem Blut auf, dass mittlerweile die Hälfte seines Gesichts bedeckte. Die Männer um mich herum robbten rückwärts, vergaßen ihr Essen und ihre Getränke, als der Gestank entleerter Gedärme von der sich dunkel verfärbenden Hose des Gefallenen aufstieg.

Während die anderen nach den Wachen riefen, starrte ich auf meine Hände, die ich irgendwie für schwach und wirkungslos gehalten hatte. Ich war überzeugt davon, kaum Druck auf die Kehle des Mannes ausgeübt zu haben, dennoch war er ohne jeden Zweifel tot. Bevor ich eingehender darüber nachdenken konnte, trafen die Wachleute ein. Sie schienen nicht recht zu wissen, wie sie sich verhalten sollten, da ich nur dasaß und meine Finger betrachtete. Einer berührte den Toten am Hals und bestätigte, was alle bereits wussten.

»Was soll der Radau?« Ich erkannte die Stimme und den Geruch des Diakons, noch bevor er sich den Weg durch die dicht gedrängten Krieger rempelte. Er warf einen Blick auf den Leichnam, dann schaute er zu mir. »Was hast du da getan?«

»Nichts«, antwortete ich mit einem Schulterzucken. »Er hat mich angespuckt, also habe ich ihm leicht den Hals zugedrückt.«

»Du hast ihn getötet!«

Das war offensichtlich, also ersparte ich mir eine Bemerkung dazu. Der Diakon rieb sich übers Gesicht und gab zweien der Krieger ein Zeichen.

»Ich hätte wissen müssen, dass etwas in der Art geschehen würde. Packt ihn in Ketten. Die Hände hinter den Rücken. So bleibt er, bis wir die Quere erreichen.«

Beim Klang seiner Worte regte sich etwas in meinem Geist – genug, um zu wissen, dass mir überhaupt nicht gefiel, wie sich das Wort Ketten anhörte. Und da ich schon darüber nachdachte, konnte ich eigentlich auch den Seilen und dem Umstand, hinter einem Wagen hergezogen zu werden, nichts abgewinnen. Anscheinend war ich mit einem begrenzten Vorrat an Geduld erwacht.

»Keine Ketten«, sagte ich. Die Krieger wichen einen Schritt zurück, als ich aufstand. »Ich bin kein Tier, das ihr nach Belieben fesseln könnt.«

Als ich sprach, setzte sich einer der Krieger in glänzender Rüstung in Bewegung, um vor dem Diakon in Stellung zu gehen. Seine Kopfpanzerung stand offen und gab den Blick auf ein gerötetes, aber typisch unscheinbares menschliches Gesicht frei.

»Der Diakon hat gesprochen. Sein Wort ist das der Heiligen Kirche und somit das Wort von Drogah. Du wirst entweder gehorchen oder als Ketzer gebrandmarkt.«

Mein Blick glitt über seine Rüstung. Auf der Vorderseite wies der Panzer lächerliche Verzierungen auf. Sie bestanden aus etwas, das wie Schädel in Dornen aussah, die rings um ein Symbol angeordnet waren, das zwei nebeneinanderstehenden Kreuzen ähnelte. Am seltsamsten jedoch fand ich, dass ich instinktiv wusste, dass ich dieses Muster früher schon einmal gesehen hatte. Ich wusste nicht mehr, wo oder wie, aber welche Erinnerung mein ungebrochener Geist auch damit verband, es war keine erfreuliche.

»Du bist ein Pad… Padaladin. Ein Paladin«, brachte ich endlich heraus, erfreut darüber, dass sich ein fehlendes Teil, wenngleich ein kleines, ins Bild gefügt hatte.

»Ich gehöre in der Tat der geheiligten Bruderschaft an. Wir sind die Auserwählten von Drogah, die Verkörperung seines Willens auf dieser befleckten Erde.« Seine Stimme schwoll an, während er das sagte, bis der letzte Teil als Schrei ertönte, als wäre ich taub oder hätte aufgehört, ihm zuzuhören.

»Ich hasse Paladine«, sagte ich, hauptsächlich zu mir selbst. Ich hatte keine Ahnung, weshalb ich so schlecht auf den Begriff ansprach, doch in mir regte sich der starke Verdacht, dass ich es mir nicht gefallen lassen würde, von einem herumkommandiert zu werden. Vielleicht war ich doch ein Dämon.

»Dann bleibt mir kein anderes Mittel, als dich einen Ketzer zu nennen!«, rief der Paladin, zog das Schwert und kam mit gebleckten Zähnen auf mich zu, während seine Augen in den Höhlen rollten wie die eines tollwütigen Tieres.

Ohne nachzudenken, hob ich die Hände, bereit, mich gegen die plötzliche Raserei des Mannes zu verteidigen. Auch die Krieger, die fächerförmig hinter ihm in Stellung gingen, strahlten nicht unbedingt eine freundliche Gesinnung aus. Ihre kalten Schwerter würden diesem meinem Körper einen schrecklichen Tribut abverlangen.

Ich bemerkte einen kurzzeitigen Widerstand, als ich die Hände hob, dann folgte ein reißendes Geräusch, und genau wie die Männer um mich herum starrte ich auf die Seile, die ich gerade zerrissen hatte. Allerdings schaute ich als Erster wieder auf, und da die anderen noch abgelenkt waren, nützte ich die Gelegenheit, wirbelte herum und rannte auf den Wald zu.

Oder zumindest versuchte ich das. Das erste Dutzend Schritte spielten meine Beine noch bewundernswert mit, doch als ich den Baumstumpf erblickte, war es für mein unvollkommenes Geschick bereits zu spät, um ihm noch auszuweichen. Ich prallte von seiner knorrigen Oberfläche zurück und überschlug mich einige Male, was meinen Verfolgern genug Zeit verschaffte, um mich einzuholen und mit Knüppeln aus Holz auf mich einzuprügeln.

Ich versuchte zwar, mich mit den Armen zu schützen, aber es waren zu viele, und sie bewegten sich zu schnell. Das erste halbe Dutzend Hiebe ließ mich nach Luft schnappen, aber inmitten der Schmerzen spürte ich, wie mein Zorn wuchs. Ich streckte mich danach, und weil ich mich nicht mehr auf die Schläge konzentrierte, verloren die Schmerzen den Halt an meinem Geist. So vermutete ich zumindest.

Ich ließ einen Arm vorschnellen, packte den nächstbesten meiner Angreifer am Fußgelenk, und wie bei dem Mann, der meinen Brei verschüttet hatte, schloss ich die Finger und drückte zu. Es folgte ein Augenblick des Widerstands, bevor ich fühlte und hörte, wie seine Knochen in meiner Faust brachen. Er schrie auf und kippte um, und ich nützte die dadurch entstehende Lücke, um mich rasch auf die Beine zu rappeln und erneut in Richtung des Waldes loszupreschen, wobei ich einen weiteren Angreifer mit der Schulter rammte.

Zu den ersten Dingen, die ich in jener Nacht lernte, gehörte, dass man niemals durch einen stockfinsteren Wald rennen sollte. Ich verlor den Überblick über die Zahl der Sträucher und Wurzeln, über die ich stolperte, und darüber, wie oft ich um ein Haar ein Auge oder Schlimmeres durch hervorstehende Äste verloren hätte. Meine einzigen Vorteile bestanden darin, dass es meinen Verfolgern genauso schlecht erging und ich es leichter hatte, ihnen auszuweichen, weil ich dunkle Haut besaß und keine klirrende Rüstung trug. Und das reichte.

Ich versteckte mich hinter einem Baum und lauschte ihnen, bis ich sicher war, dass sie meine Spur verloren hatten, dann kehrte ich in Richtung der Wagen um.

Dort, wo die anderen Gefangenen immer noch in Ketten lagen, hielten sich einige Männer mit Fackeln auf, aber das Licht, das ihnen ein Gefühl der Sicherheit spendete, machte auch jedwede spärliche Nachtsicht zunichte, die sie besitzen mochten. Ich schlich an ihnen vorbei und folgte dem Geruch des Kochfeuers. Nur ein Mann saß daneben. Auf seinen Beinen ruhte eine große Schüssel, aus der er in stetem Takt den leckeren Brei in seinen Mund schaufelte. So leise wie möglich bewegte ich mich hinter ihn und packte ihn von hinten an der Gurgel. Ich achtete nicht darauf, als er verzweifelt nach meiner Hand fuchtelte, aber da er mir nichts getan hatte, musste ich ihn nicht töten. Mit größter Sorgfalt bemühte ich mich, meinen Griff nicht zu verstärken. Kaum hatte er aufgehört, zu zappeln und sich zu winden, ließ ich ihn fallen und war zufrieden, als er zu meinen Füßen bewusstlos weiterröchelte.

Ich bediente mich, füllte eine Schale bis zum Rand mit dem Brei und aß gierig, genoss den Geschmack und die Wärme der Pampe. Nach zwei weiteren Schalen legte sich der nagende Schmerz in meinem Bauch allmählich, und ich fühlte mich besser, als ich mich seit dem Erwachen auf jenem verfluchten Feld bisher gefühlt hatte.

Die Stimmen aus dem Wald wurden lauter, ein Zeichen, dass der Rest der Gruppe zurückkehrte. In der Nähe erblickte ich einen großen Sack sowie ein Schwert und einige weitere Gegenstände. Ich stopfte in den Sack, so viel ich konnte, dann rannte ich mit meiner Beute unter dem Arm zurück in Richtung Wald. Über die Hälfte des Weges hatte ich zurückgelegt, als der erste Pfeil an mir vorbeischwirrte. Den gestohlenen Sack an mich gedrückt, rannte ich bereits so schnell ich konnte, ohne das Wagnis eines weiteren Sturzes einzugehen. Ich musste mich für meine Sicherheit auf die Dunkelheit und den zunehmenden Abstand zu meinen Verfolgern verlassen.

Der zweite Pfeil traf mich ein halbes Dutzend Schritte weiter in den Rücken.

Kapitel 3

Der Treffer löste einen jähen und trotzdem dumpfen Schmerz aus, wie ein besonders heftiger Streich von einem Knüppel. Er brachte mich aus dem Tritt und hätte mich beinah mit dem Gesicht voran gegen einen Baum prallen lassen, aber irgendwie gelang es mir, mich rechtzeitig davon zu erholen und dem Stamm auszuweichen. Da meine Beine nach wie vor funktionierten, befahl ich mir, einfach weiterzulaufen, bis mich die Verletzung zwingen würde, anzuhalten. Doch als ich mir den Weg durch das Unterholz bahnte, ertappte ich mich dabei, ungeduldig darauf zu warten, dass genau das geschah. Ich konnte meine Verfolger hinter mir hören, aber das Ausmaß der Verletzung nicht zu kennen, lenkte mich ab.

Als ich es nicht mehr ertragen konnte, blieb ich stehen und fasste hinter mich, fand jedoch lediglich einen halb getrockneten Blutfleck. Weder ragte ein Pfeil aus meiner Haut, noch floss Blut an der Rückseite meiner Beine hinab. Ich leckte mir das Blut von den Fingern, hievte den gestohlenen Sack höher und setzte mich wieder in Bewegung. Vermutlich war es nur ein Streifschuss gewesen, oder der Treffer war wegen der Entfernung schwach ausgefallen. Ich konnte nicht sicher sein, aber ich hatte keine Lust, darauf zu warten, dass mich meine Verfolger fanden und mich darüber aufklärten.

Bedauerlicherweise hatten diese Männer andere Pläne, zudem erwiesen sie sich als weitaus geschickter und besser an Märsche durch den Wald gewöhnt als ich. Den ersten Hinweis darauf, dass sie mich gefunden hatten, erhielt ich, als sich ein Pfeil mit einem lauten, dumpfen Aufprall in einen Baumstamm vor mir bohrte.

»Bleib stehen und ergib dich!«, rief eine Stimme irgendwo zu meiner Linken. »Oder der Nächste schlägt in deinen Rücken ein.«

Angesichts der Tatsache, dass sie mir bereits in den Rücken geschossen hatten, kam es mir ein wenig seltsam vor, dass sie mir nun eine Wahl boten. Andererseits waren Menschen ganz allgemein seltsame Geschöpfe. Der Wald war verstummt, als hielten die kleinen Lebewesen im Baldachin und im Unterholz zusammen mit mir den Atem an. Ich drehte mich um und spähte mit zusammengekniffenen Augen dorthin in die Dunkelheit, von wo die Stimme ertönt war.

Je eindringlicher ich hinstarrte, desto merkwürdiger fühlten sich meine Augen an. Es kam mir vor, als würden sie anschwellen. Das war eine äußerst eigenartige Empfindung, zwar nicht wirklich schmerzhaft, aber höchst unerwartet und irgendwie komisch. Ich rieb mir die Augen, doch das Gefühl blieb. Die Befürchtung, mein Sehvermögen könnte versagen, begann, an meinen Gedanken zu nagen. Ich starrte weiter dorthin, wo ich den Späher wähnte, und widerstand dem Drang zu blinzeln, weil ich fürchtete, meine Augen würden sich nicht mehr öffnen. Stattdessen schlich sich um die Ränder meiner Sicht ein rötlicher Farbton ein, als füllten sich meine Augen mit Blut. Dann schwappte dieser rote Schleier über mein gesamtes Sichtfeld, und die undurchdringlichen Schatten, die den Wald so seltsam und beklemmend wirken ließen, fingen an, ihre Geheimnisse preiszugeben. Es war, als würde der gesamte Bereich ins Licht eines feuerroten Mondes getüncht. Schließlich erblickte ich den Späher, der in einer seichten Vertiefung kauerte. Sein gesamter Körper pulsierte im Takt seines Herzschlags mit einem sanften Licht. Ich kicherte, und nur der Sack in meiner Linken hielt mich davon ab, schadenfroh in die Hände zu klatschen, als sich das Blatt letztlich zu meinen Gunsten wendete.

»Ich sehe dich«, rief ich zurück und konnte beobachten, wie sich sein Kopf bewegte. Ich folgte der Linie seines Blicks und erspähte flüchtig einen ähnlichen rötlich-gelben Körper auf meiner anderen Seite.

»Wirf deine Waffen weg«, verlangte der erste Späher.

Etwas zögerlich ließ ich den Sack fallen; für das, was ich jetzt tun musste, würde ich beide Hände brauchen.

»Nein«, erwiderte ich und sprang vorwärts. Ich hörte nicht, wo sein Pfeil einschlug, es kümmerte mich auch nicht weiter. Das Grüppchen der Büsche vor mir überwand ich mühelos und wusste dabei, dass sie mich zumindest für ein paar Atemzüge aus den Augen verlieren würden. Die Zeit nutzte ich und arbeitete mich in spitzem Winkel rückwärts, um mich an ihnen vorbeizuschleichen. Ich rechnete damit, dass sie hinter mir herjagten, und wurde auch nicht enttäuscht.

Ich war überzeugt davon, dass mein Herzschlag laut genug war, um meine Position zu verraten, aber sie eilten an meinem Versteck unter einigen Wurzeln vorbei, ohne auch nur in meine Richtung zu schauen. Sie erwiesen sich als wunderbar geschickt darin, sich leise zu bewegen, und wichen Löchern und nach ihnen haschenden Ästen mit einer Mühelosigkeit aus, die man ihnen angesichts ihrer unterentwickelten Sinne nicht zugetraut hätte.

Ich wartete, bis mich der Nächste von ihnen passiert hatte, dann richtete ich mich auf und griff ihn von hinten an. Er drehte sich in dem Moment um, als ich seinem Rücken entgegensprang, und seine Augen weiteten sich, als er einen Pfeil abfeuerte. Harmlos schwirrte das Geschoss an mir vorbei, dann landete ich auf ihm. Ohne echten Widerstand ging er zu Boden und hörte auf, sich zu winden, als ich ihm eine Faust ins Gesicht hieb. Knochen brachen, und sein Schrei verwandelte sich in ein undeutliches, nasses Gurgeln.

»Allan!«, brüllte der zweite Späher, der von Baum zu Baum auf uns zugehuscht kam. Der Bedauernswerte röchelte zur Erwiderung, als ich mein Gewicht von seiner Brust nahm. Allan konnte nur noch liegen bleiben und sterben, als ich mich in Bewegung setzte, um seinen Freund abzufangen.

Allerdings wurde mein Hinterhalt von einem unverhofften Strahl Mondlicht vereitelt, und dem Späher blieb gerade genug Zeit, seinen Bogen anzuheben und einen Pfeil abzufeuern, bevor ich ihn zu Boden rammte.

Diesmal wurde ich knapp unterhalb der Rippen getroffen, und eine heftige Welle von Übelkeit überkam mich. Ich geriet ins Taumeln, als sich verschiedene Muskeln zusammenkrampften. Das hielt mich lang genug auf, dass mein Angreifer abermals zu dem Köcher an seiner Hüfte greifen konnte. Ich zupfte mir den Pfeil aus dem Leib und war überrascht, dass es fast keine Mühe kostete, ihn zu entfernen. Achtlos warf ich das Geschoss beiseite und griff mit einem Sprung an, bevor er den nächsten Pfeil richtig auf die Sehne bekam. Ich ballte die Hand zur Faust, traf ihn mitten in die Brust und beobachtete voll Verwunderung, wie er vom Boden abhob und gegen einen Baumstamm segelte, ungefähr zehn Schritte hinter der Stelle, an der er gestanden hatte. Ich starrte immer noch hin, als er mit jener knochenlosen Anmut zu Boden sackte, die nur Tote zuwege bringen.

Dann bewegte ich mich zurück ins Mondlicht, das weit greller schien, als es sollte, und untersuchte meine Wunde genauer. Ich konnte sehen, wo der Pfeil ein kleines »V« in meine Haut geschlagen hatte, doch die Verletzung erwies sich als überhaupt nicht tief und die Blutung fing schon an, zu gerinnen. Ich streckte und drehte mich vorsichtig in dem Versuch, auszuloten, ob die Wunde noch schmerzte, nahm aber nur ein dumpfes, unterschwelliges Pochen wahr. Dies war ganz offenbar ein weiterer Teil des Rätsels, über den ich mir den Kopf zu zerbrechen hatte, doch das würde warten müssen.

Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand sonst in der Nähe herumschlich, beugte ich mich über den Leichnam des zweiten Spähers und erleichterte ihn um seine Waffen und seinen Münzbeutel. Auch sein Hemd wollte ich mir nehmen, aber nachdem ich mehrere entmutigende Minuten mit dem Versuch vergeudet hatte, ihn aus dem Kleidungsstück zu schütteln, verwarf ich die Idee und begnügte mich damit, das Geld und die Schwerter der Toten an mich zu nehmen. Ich schlug meine Beute in ein Bündel ein und marschierte tiefer in den Wald, wobei ich darüber staunte, wie viel einfacher sich der Weg nun gestaltete, da ich mehr sehen konnte, auch wenn ich mich nach wie vor ein wenig wackelig auf den Beinen fühlte. Es erschien mir auch alles viel größer. Ich blieb in Bewegung, bis die tiefe Dunkelheit der Nacht dem Versprechen des Morgengrauens wich. Da ich meine Verfolger weit und breit weder sah noch hörte, hielt ich es für sicher genug, um meine Flucht für eine Bestandsaufnahme dessen zu unterbrechen, was ich den toten Männern abgenommen hatte.

Um herauszufinden, wie ich mir eines der Schwerter angurten konnte, brauchte ich doppelt so lange wie zuvor dafür, mich in meine Kleidung zu zwängen, und selbst danach drohte das Schwert, mich bei jedem zweiten Schritt zum Stolpern zu bringen. Ich übte, es aus der Lederscheide zu ziehen, schwang es ein paar Mal herum und war zufrieden mit dem zischenden Geräusch, das die Klinge dabei verursachte. Versuchsweise hackte ich sie in einen Baum, womit ich das Kunststück zustande brachte, die Klinge abzubrechen. Das war enttäuschend. Ich beschloss, mir die Mühe mit dem anderen Schwert zu ersparen, warf den ganzen Krempel beiseite und behielt nur die Messer, die sich wesentlich praktischer verwenden und tragen ließen.

Nachdem das erledigt war, verbrachte ich einige Zeit damit, mich einfach ein bisschen an Ort und Stelle zu bewegen, um ein Gefühl für die Reichweite und Stärke dieses Körpers zu entwickeln. Der lange Marsch hatte deutlich dazu beigetragen, meinen mangelnden Gleichgewichtssinn zu festigen, der für den Großteil der Probleme verantwortlich gewesen war, die ich erlebt hatte. Neugierig hob ich das zweite Schwert auf und versuchte, es durchzubiegen, aber kaum übte ich etwas Druck darauf aus, knickte es einfach entzwei. Angewidert von der jämmerlichen Machart warf ich es beiseite und versuchte dasselbe bei einem nahen Jungbaum. Das grüne Holz bot kaum Widerstand und brach innerhalb eines Augenblicks mit einem feuchten Laut. Das ließ mich noch neugieriger werden. Ich ballte die Hand wieder zur Faust, biss die Zähne zusammen und schlug gegen eine nahe Kiefer. Rinde spritzte auf, der Baum erzitterte, und Nadeln regneten auf mich herab. Ich versuchte es erneut, ein bisschen härter diesmal. Das belohnte mich mit mit dem Anblick eines zur Seite wegspritzenden Kleckses von zu Brei zermalmtem Holz und dem zweier erschrockener Eichhörnchen, die mir gegenüber auf dem Boden landeten. Nach zwei, drei weiteren Hieben schwankte der Baum, bevor der Stamm mit einem lauten Knirschen und Knacken nachgab. Meine Knöchel waren zerschrammt und ein wenig blutig, doch die Knochen darunter fühlten sich nach wie vor unversehrt und stark an. Ich zuckte zusammen, als der Baum mit einem donnergleichen Laut auf dem Boden aufschlug und jeden Anschein von Heimlichkeit zunichtemachte.

Ich beugte meinen Arm und spürte, wie die Muskeln anschwollen. Als ich sie mit der anderen Hand anstupste, gaben sie ungefähr so viel nach wie ein Stein. Der Bizeps erwies sich als dichte, pralle Wölbung, und ich wusste, dass die Knochen darunter genauso stark waren – der gefallene Baum belegte das. Als Anzeichen der Morgendämmerung durch den Baldachin zu dringen begannen, wandte ich mich der Untersuchung der Wunde an meinem Rumpf zu. Wo mich der zweite Schütze getroffen hatte, gab es jetzt bloß nichts mehr zu sehen, nicht einmal Schorf. Erleichtert darüber, dass ich eine Sorge weniger hatte, über die ich mir den Kopf zerbrechen musste, versuchte ich, die Augen erneut zusammenzukneifen, um herauszufinden, ob diese … Blutsicht, die mich gerettet hatte, etwas Dauerhaftes darstellte. Ich kniff also die Augen zusammen, drückte mir mit den Handflächen gegen die Schläfen und blinzelte Hunderte Male in dem Bemühen, diese Sicht verschwinden zu lassen. Ich widmete mich dem so angestrengt, dass ein vorbeistreunender Fuchs innehielt, um mich anzustarren. Dem Fuchs nachzuschauen, als er schließlich von dannen zog, erwies sich als Schlüssel dazu, meine normale Sicht wiederherzustellen; es hatte etwas damit zu tun, die Augen zusammenzukneifen, während sich die Entfernung änderte, in die ich sah. Ich war zwar nicht völlig sicher, wie die Sache funktionierte, aber ich übte es mehrmals, bis der Übergang reibungslos verlief und ich das Gefühl meiner anschwellenden Augen als weniger beunruhigend empfand.

Wenn ich das wirklich alles selbst herbeigeführt hatte, hatte ich es gut gemacht. Abgesehen von der fehlenden Erinnerung und der Lähmung natürlich, aber schließlich war niemand perfekt. Ich erfreute mich bester Gesundheit, war stark und frei. Und so hungrig, dass ich mich dabei ertappte, zu überlegen, ob ich den Fuchs wohl dazu verleiten könnte, zurückzukommen. Stattdessen leerte ich den Sack, den ich aus dem Lager des Diakons stibitzt hatte, und hoffte, dass vielleicht ein feiner Schinken irgendwie meiner Aufmerksamkeit entgangen sein mochte. Doch der Großteil des Inhalts bestand aus Kräutern und gedörrten Flocken, die nach nichts schmeckten und meinen Mund austrockneten, bis mir die Zunge am Gaumen kleben blieb. Mit wenig Begeisterung kaute ich ein bisschen Dörrobst, das ich unter den Lebensmitteln fand, dann befestigte ich die Geldbeutel an einem Seil um meine Mitte und marschierte weiter. Eine bestimmte Richtung hatte ich nicht im Sinn, ich wollte nur darauf achten, nicht auf die Thasper-Quere zuzusteuern, wie es der Diakon tat. Das bedeutete, dass ich mich weiter Richtung Westen halten musste.

Bis die Sonne aufging und die Insekten erwachten, um lästige, beißende Schwärme zu bilden, gestaltete sich der Spaziergang durch den Wald tatsächlich angenehm. Unterwegs beobachtete ich, wie vereinzelte Lichtstrahlen durch die Blätter herabstachen, und lauschte den Vögeln. Mit dem ersten Mundvoll Stechmücken hatte sich die Idee jedoch erledigt, vielleicht ein Päuschen einzulegen und mir etwas mehr Zeit zu nehmen, um über das Geheimnis meiner Herkunft nachzugrübeln. Stattdessen konzentrierte ich mich darauf, so schnell wie möglich voranzukommen, denn anzuhalten hieß, sich als Festschmaus für alles mit Flügeln und einem Stachel zur Verfügung zu stellen.

Die Sonne hatte ihren Höhepunkt bereits deutlich überschritten, als die Bäume schließlich so licht wuchsen, dass man sie nicht mehr als Wald bezeichnen konnte. Die Veränderung bewirkte, dass die fliegenden Quälgeister von einem angenehmen Lüftchen ersetzt wurden. Mittlerweile konnte ich sehen, dass auf den Wald weitläufige, sanft hügelige Ebenen folgten, so weit das Auge reichte. Die Einförmigkeit der beeindruckenden Aussicht wurde von schmalen, krummen Pfaden, Grüppchen grauer Felsen und zerklüfteten Hecken und Zäunen unterbrochen, die einen Großteil der Umgebung in gelbe, grüne und braune Flicken unterteilten. Wo immer ich mich befinden mochte, das hier war keine Wildnis.

Ich grübelte noch darüber nach, in welche Richtung ich mich wenden sollte, als mir die Brise den unverwechselbaren Geruch von Menschen zutrug. Ihre übliche durchdringende Duftnote war mit den beißenderen Aromen von Metall und Öl angereichert. Bewaffnete also, und sie näherten sich mir. Ich unterdrückte ein Stöhnen. Ich war kein Freund des Waldes, wie es die Späher meiner Verfolger gewesen waren, dennoch hatte ich angenommen, ich sei ziemlich gut vorangekommen. Nur hatte ich dabei völlig die lästige Angewohnheit der Menschen vergessen, auf Pferden zu reiten. Der Hang, auf dem ich mich befand, bot herzlich wenig an Deckung. Abgesehen von einem abgebrochenen Baum, den ein heftiger Sturm zwischen zwei Felsblöcken eingekeilt hatte, war er frei einsehbar. Ich kletterte über den umgestürzten Stamm und hatte mich noch kaum dahinter geduckt, als zwei Reiter ungefähr hundert Schritte unterhalb von mir in Sicht gerieten. Sie wurden langsamer und teilten sich auf, hielten vereinzelt an und richteten sich auf, um besser sehen zu können. Es mutete seltsam an, doch trotz der drohenden Gefahr lief mir beim Geruch der Pferde das Wasser im Mund zusammen. Der Gedanke an all das leckere, dunkle Fleisch machte sich geradezu berauschend bemerkbar.

Sie bewegten sich näher zu mir, also wischte ich mir über den Mund und drängte die Gedanken an Essen aus meinem Verstand, als ich begann, meine Möglichkeiten abzuwägen. Ihre Gerüche kamen mir vertraut vor, was rasch jegliches Wunschdenken vom Tisch fegte, es könnte sich lediglich um unbedarfte Vorbeiziehende handeln. Zwar fühlte ich mich inzwischen recht sicher, was meinen Gleichgewichtssinn anging, doch ich wusste, dass ich es unmöglich mit der Geschwindigkeit eines Pferdes aufnehmen konnte. Ich brauchte einen schlaueren Plan, als einfach geradewegs auf sie zuzurennen. Der fiel mir ein, als mein Fuß auf einem losen Stein ausrutschte.

Als ich kurz danach hinter dem Baumstamm hervortrat, zogen sie rasch ihre Schwerter und trieben ihre Rösser auf mich zu. Ich stolperte in ihre Richtung, umklammerte meinen Bauch, als litte ich Schmerzen. Sie rückten noch näher, und ich setzte meinen Mummenschanz fort, bis sie sich beide in Reichweite befanden.

Dann richtete ich mich auf, holte mit dem Arm weit aus und warf den ersten der Steine, die ich aufgelesen hatte, auf den Mann zu meiner Rechten. Kaum hatte das Geschoss meine Hand verlassen, wusste ich, dass es ein guter Wurf werden würde, und ersparte mir die Mühe, die Flugbahn zu beobachten. Als der Stein in die Brust des Mannes einschlug, hatte ich mich bereits herumgedreht und in Richtung des zweiten Mannes ausgeholt. Er wirkte unentschlossen, und ich rettete ihn vor der Demütigung weiterer Unentschlossenheit, indem ich ihm den Schädel mit einem weiteren feinen Wurf eindellte. Eigentlich hatte ich auf seine Brust gezielt.

Zu behaupten, ich wäre zufrieden mit mir gewesen, käme einer Untertreibung gleich, doch ich verlor kaum Zeit damit, die Zügel der Pferde zu ergreifen und sie an dem Baumstamm festzubinden. Der Mann, den ich in die Brust getroffen hatte, lebte noch, wenngleich das schaumige Blut auf seinen Lippen erahnen ließ, dass sich das demnächst ändern würde. Ich legte ihn neben seinen toten Kameraden und ließ ihn röchelnd eine Art Gebet leiern, während ich ihre Taschen durchwühlte.

»Was ist das?«, fragte ich und rieb den trockenen, flockigen Inhalt zwischen meinen Fingern. »Das habt ihr alle dabei.«

Stirnrunzelnd sah er mich an, bevor er einen Pfropfen Blut ausspuckte. »Hafer, du verfluchter Narr.«

»Hafer«, wiederholte ich. »Schmeckt abscheulich.« Ich leerte den Rest der Tasche und griff mir etwas Dörrfleisch und Obst. Ich beobachtete, wie er mich beobachtete, während ich einen Mundvoll kaute.

»Was bist du?«, fragte er rasselnd.

Ich zuckte mit den Schultern und nahm einen weiteren Bissen von dem geschmacklosen und unmöglich näher zu bestimmenden Fleisch. »Warum jagt ihr mich?«

»Du … hast unsere Männer getötet.«

»Ihr habt mich in Ketten gelegt und dann auch noch angegriffen.« Ich schluckte den Mundvoll hinunter, während er mehrfach abgehackt und japsend einatmete. »Du stirbst gerade«, erklärte ich ihm, aber seine einzige Erwiderung bestand in einem kurzen Hustenanfall, der sein Kinn rot färbte.

Es schien mir klar zu sein, dass er nicht gedachte, irgendwelche nützlichen Erkenntnisse über meine missliche Lage anzubieten, also machte ich mich daran, ihn und seinen toten Gefährten um alles Nützliche zu erleichtern, nämlich ihre Messer und Geldbeutel. Der Sterbende vergeudete keinen seiner verbliebenen Atemzüge mit Fragen oder Klagen, was ich klug von ihm fand, denn ich hätte beidem keine Beachtung geschenkt.

Ich hockte mich hin und leerte ihre Geldbeutel sowie das, was ich den Spähern abgenommen hatte, auf den Mantel des Toten, um die verschiedenartigen Münzen zu betrachten, die vor mir lagen. Sie waren ziemlich unterschiedlich, sowohl die Größe betreffend als auch das allgemeine Erscheinungsbild. Also teilte ich sie nach dem Metall, aus dem sie bestanden, in verschiedene Haufen auf.

»Was ist das?«, fragte ich den Hustenden, hielt eine sechskantige Münze mit dem stilisierten Bild eines Vogels hoch und wartete geduldig, während er abwechselnd mich und das Geldstück anstarrte.

»Ein Double.« Seiner Stimme gelang es kaum mehr, das Säuseln des Windes zu übertönen.

»Ist er wertvoller als das hier?« Ich hielt eine runde Silbermünze hoch. Einen Atemzug lang dachte ich, er wäre gestorben, dann jedoch hustete er weiteres Blut und blinzelte mich an wie eine Eule.

»Ja oder nein?«, drängte ich ihn.

Er starrte mich so lange schweigend an, dass ich schon zu überlegen begann, ob ich die Frage überhaupt laut ausgesprochen hatte oder nur daran gedacht hatte, es zu tun.

»Ja«, stieß er schließlich hervor.

»Ah.« Eigentlich wollte ich ihm noch weitere Fragen stellen, aber durch all das aus seinem Mund sickernde Blut sah er ziemlich grotesk aus, wenn ich ehrlich sein soll. Da überließ ich es ihm lieber, nach eigenem Gutdünken das Zeitliche zu segnen, und wandte meine Aufmerksamkeit den Pferden zu. Diesen großen, saftig und lecker aussehenden Pferden.

Ich führte eines der Tiere ein Stück zur Seite und tötete es so schmerzlos, wie ich konnte, dann benutzte ich meine neu erlangten Messer, um es zu zerlegen, was mir in meiner Vorstellung einfach erschienen war, sich in Wirklichkeit jedoch als alles andere als simpel entpuppte. Der Mann röchelte immer noch, als ich fertig wurde, und er beobachtete mich, als ich mir mit einem der erbeuteten Wasserschläuche das ärgste Blut abwusch. Das andere Pferd zeigte mir das Weiß seiner Augen, aber es konnte nicht fliehen, und ich ließ es in Ruhe.

»Weißt du, wie man Feuer macht?«, fragte ich.

Der Mund des Mannes bildete irgendwelche Worte, die jedoch nicht über seine Lippen drangen. Ich ging näher zu ihm und kauerte mich rittlings über seine Beine. Eigentlich hatte ich ihn auffordern wollen, zu wiederholen, was er zu sagen versuchte, doch stattdessen geschah etwas weit Merkwürdigeres. Sein Blick begegnete dem meinen, und als er mir in die Augen schaute, spürte ich, wie sich in meinem Geist etwas verlagerte, wie plötzlich ein Druck verschwand, den ich zuvor gar nicht wahrgenommen hatte. Das Dunkel seiner Augen schien mich zu verschlingen, und ich stand in Schwärze da, während Bilder mit unvorstellbarer Geschwindigkeit an mir vorüberrasten. Ich sah mich selbst, wie ich hinter den Bäumen hervorstolperte. Ich spürte seine Schmerzen und seine Überraschung, als der von mir geworfene Stein seine Rippen nach innen brach. Ich sah flüchtige Bilder von lachenden Männern um ein Feuer und schmeckte starken Wein auf den Lippen. Ich sah Städte und Ortschaften, Frauen mit langen Haaren, eine wilde Schlacht gegen Wichte und eine noch wildere mit Hunderten von Männern in schwerfälligen, quadratischen Formationen, die aufeinander einstachen und einhackten. Das und mehr sah ich, bevor die Bilder verblassten und mich die Schwärze freigab, auf dass ich von dem Mann kippte, über dem ich gehockt hatte. Meine Brust hob und senkte sich heftig, während ich nach Luft schnappte.

Ich setzte mich auf und brauchte mehrere tiefe Atemzüge, um mich zu beruhigen, während sich die Empfindungen verflüchtigten und sich die Wirklichkeit wieder festigte. Dann schaute ich wieder zu dem Mann, von dem ich nunmehr wusste, dass er Matthias hieß. Doch was auch immer da gerade auch geschehen sein mochte, es hatte ihn die letzte schwache Lebensglut gekostet, und seine Augen starrten blicklos zu den Wolken hoch. Ich rieb mir das Gesicht, als ich mich auf die Beine rappelte. Seine Gedanken und Erinnerungen gehörten nun mir, und wenngleich ich mich noch benommen von dieser jüngsten Enthüllung meiner dämonischen Kräfte fühlte, war ich eigentlich auch recht erfreut. Immerhin wusste ich, wo ich mich befand und dass keine weiteren Reiter nach mir suchten, da es der Diakon eilig damit hatte, seinen Meister zu treffen. Und, wichtiger noch, ich erinnerte mich daran, wie man ein Feuer anzündete. Denken klappt immer am besten mit vollem Magen, und schon bald briet ich Pferdefleisch über einem feinen Feuer und fühlte mich rundum zufrieden mit meiner morgendlichen Arbeit.

Während ich wartete, bis das Fleisch gerade richtig knusprig für meinen Geschmack wurde, sortierte ich den Haufen der Gegenstände, die ich aus den verschiedenen Säcken und Taschen der Reiter entkommen hatte. Es war nicht viel dabei, was mich interessierte, und ein paar der Gegenstände blieben mir völlig rätselhaft. Ihnen schenkte ich entweder keine Beachtung, oder ich warf sie über die Schulter sofort weg. Letztlich entschied ich mich, zwei feine, scharfe Messer, einen großen Mantel mit Kapuze, einen Goldring, den Matthias getragen hatte, und einen vollen Wasserschlauch zu behalten. Der Ring wanderte in meinen stetig anwachsenden Geldbeutel, der Rest in meinen Sack. Zufrieden damit, nunmehr angemessen ausgerüstet zu sein, wandte ich mich meinem Braten zu und aß, bis sich die Haut über meinem Bauch straff wie ein Fell über eine Trommel spannte. Die Reste wickelte ich in das Hemd, das ich Matthias vom Leib geschnitten hatte, verstaute auch sie in meinem Sack und setzte meine Reise nach Westen frohen Mutes fort.

Kapitel 4

Obwohl ich mich anfangs unbehaglich dabei fühlte, mit so vollem Magen zu marschieren, lagen der Wald und der arme, tote Matthias schon etliche Meilen hinter mir, als sich eine wolkenlose Nacht über den Himmel ausbreitete. Zwar war ich weder besonders müde noch war mir kalt, aber die Vorstellung eines Feuers weckte in mir etwas, das Durst ähnelte, und so verbrachte ich die dunkelsten Stunden ausgestreckt neben einem glimmenden Kohlenbett. Der langsame Tross der Sterne am Himmel bot einen funkelnden Hintergrund, während ich im Geist die Ereignisse des Tages noch einmal ablaufen ließ und eine Aufstellung dessen vornahm, was ich erfahren hatte.

Ich hatte nach wie vor keine Ahnung, wie ich auf jenes Feld gelangt war, geschweige denn, warum. Ich wusste nur, dass der Körper, in dem ich steckte, nicht wirklich mein eigener, aber immerhin stark und widerstandsfähig war. In gewisser Weise schuldete ich den Männern, die mich gehetzt hatten, sogar Dank, denn ohne die Verfolgung durch sie und die Konfrontationen, die sich daraus ergeben hatten, hätte ich vielleicht wesentlich länger gebraucht, um so viel über mich in Erfahrung zu bringen. Und doch wusste ich immer noch so wenig. War ich wirklich ein Dämon? Fand ich aufgrund jenes Erbes die Vorstellung von Feuer so ansprechend? Und falls ich eine irgendeiner Hel entsprungene Kreatur war, wieso steckte ich dann im Körper eines Menschen?

Während ich versuchte, Erinnerungen aus meinem Gedächtnis hervorzulocken, starrte ich zu den Sternen empor. Ich war mit dem Gefühl erwacht, dass mir gelungen war, was immer ich hatte vollbringen wollen – und mit einem undeutlichen Empfinden von Dringlichkeit, das erahnen ließ, ich könnte mir dies absichtlich angetan haben. Ich konnte wohl kaum auf der Jagd nach etwas gewesen sein. Nicht, wenn ich mich dabei für eine menschliche Gestalt entschieden hatte. Oder war es umgekehrt? Wurde ich etwa gejagt? Bei dem Gedanken lief mir ein Schauder über den Rücken, und ich spürte, dass er etwas in mir anschlug, das sich richtig anfühlte. Also wurde ich gejagt. Aber von wem oder was? Wenn ich meinen Feind nicht kannte, wie sollte ich mich dann vor ihm schützen? Oder vor ihr. Oder womöglich sogar vor einem Es, falls ich tatsächlich ein Dämon war, der irgendwie aus irgendeiner schrecklichen Hel entkommen konnte.

Und wenn ich nicht in der Lage gewesen war, mich mit vollständigem, gesundem Geist zu verteidigen, wie konnte ich dann hoffen, das zu bewerkstelligen, wenn ich mich nicht einmal an den Rest meines Namens zu erinnern vermochte? Welches Grauen mich auch verfolgte, ich war anscheinend der Ansicht gewesen, meine beste Verteidigung bestünde in der Anonymität, die eine menschliche Gestalt bot.

Mit solchen Gedanken im Kopf streckte ich versuchsweise die Hand aus und hielt sie über die nahe Glut. Ich konnte die Hitze zwar spüren, empfand sie aber keineswegs als unangenehm, und sie schien sich kaum zu steigern, als ich die Hand langsam senkte. Neugierig geworden ergriff ich ein großes, glühendes Stück Kohle und ließ es auf meiner Handfläche herumrollen. Trotz des goldroten Schimmers, der davon ausging, konnte ich kaum echte Hitze spüren. Ganz im Gegenteil fühlte es sich eher angenehm an. Ich experimentierte weiter, fügte nach und nach mehr Kohlen hinzu, bis ein kleiner Haufen davon meine Hand ausfüllte. Erst da fing es an, unbehaglich zu werden. Wissbegierig geworden setzte ich mich auf, ergriff ein paar weitere Kohlen aus der Glut und starrte sie an. Ich versuchte, sie mit Willenskraft in Flammen aufgehen zu lassen. Ich erinnerte mich daran, wie richtig es mir erschienen war, als die Magie des Diakons meinen Körper durchwirkt hatte; es hatte sich einfach natürlich angefühlt. Aber was immer ich zu dem Zeitpunkt empfunden haben mochte, nun entzog es sich mir beharrlich, ganz gleich, wie viel von meinem infernalen Willen ich der Aufgabe widmete.

Ich wischte mir die glühenden Kohlen von der Hand und legte mich wieder hin, als sich plötzlich ein Schmerz in meinem Kopf ausbreitete, der im Einklang mit meinem Herzschlag pulsierte. Stöhnend setzte ich mich wieder auf und hoffte, ein paar Bissen Pferdefleisch und ein Schluck des warmen, leicht nach Ziege schmeckenden Wassers aus dem Schlauch würde die Schmerzen besänftigen, aber bevor ich etwas davon aus meinem Sack hervorkramen konnte, fing meine Nase zu bluten an. Es strömte nur so heraus, und ich hatte keine Ahnung, wie ich es stillen sollte. Ich versuchte, mir die Nase zuzukneifen, aber dadurch fühlte es sich nur so an, als staue sich das Blut in meinen Mund zurück. Also kauerte ich mich stattdessen über die Kohle, ließ das Blut darauf tropfen und sah zu, wie es zischend verdunstete. Es dauerte nicht lange, doch meine Kopfschmerzen wurden schlimmer, als die Blutung aufhörte. Erst rieb ich mir die Schläfen, dann presste ich dagegen, aber nichts, was ich tat, bewirkte einen Unterschied. Was immer das sein mochte, es tobte in meinem Kopf.

Nachdem ich mich in eine etwas angenehmere Lage zurückgelegt hatte, versuchte ich, mich auf die Schmerzen zu konzentrieren. Doch das war schwieriger, als es klingt. Ich schloss die Augen und hörte auf, dagegen anzukämpfen. Schmerz geht normalerweise von einer Verletzung aus und ist lediglich eine Beschwerde des Körpers darüber, dass man etwas Dummes getan hat. Das Fleisch und der Geist wissen das, deshalb versuchen beide, vor dem zurückzuscheuen, was einen verletzt – eine instinktive Reaktion, die zu überwinden einiges an Disziplin erfordert. Ich wusste, dass ich mir den Kopf nicht verletzt hatte, jedenfalls nicht äußerlich, was bedeutete, es musste etwas mit dem zu tun haben, was ich bei dem Versuch mit den Kohlen angestellt hatte. Ich versuchte es erneut, und die Schmerzen schwollen prompt an. Ein Großteil von mir schrie auf und wollte, dass ich damit aufhörte, aber ich zwang mich, weiterzumachen, und richtete das Augenmerk auf die Gedanken, die zu den qualvollsten Reaktionen führten.

Mit Schmerzen verhält es sich so, dass man sich daran gewöhnen kann – wie wenn man in einen eisigen See springt, der einem zuerst den Atem verschlägt. Wenn man jedoch die ersten Qualen überdauert, stellt man fest, dass der Schmerz um die tausend Schattierungen besitzt. Es bilden sich feine Abstufungen heraus, die jemand, der den Mut besitzt, lesen und als Anleitung zum Verständnis dessen benutzen kann, was sich dahinter verbirgt. Genau das tat ich. Ich spürte, dass ich auch wieder blutete, doch das nahm ich nur als entfernte Sorge wahr, als einzelne misstönende Note in einem weitaus größeren Ganzen.

Ich hörte das geisterhafte Echo der Magie des Diakons in meinem Geist, und dort, inmitten der tosenden Schmerzen, vernahm ich eine andere Note. Sie war schwächer als die Magie des Diakons und irgendwie unvollständig, aber ich erkannte sie als meine eigene. Ich streckte meinen Geist danach aus und spürte, wie die Magie reagierte. Als ich sie auf mich zuzog, nahm ich ein Nachlassen des hartnäckigen Gewichts der Schmerzen wahr. Es mochte sich nur um ein kleines Bruchstück von Macht handeln, aber Magie schien die einzige Konstante zu sein, die sich durch alles zog, was mir widerfahren war. Die Magie war vielleicht der einzige Teil meines früheren Ichs, den ich in diesen neuen Körper mitgenommen hatte. Damit stellte sie den Schlüssel dazu dar, herauszufinden, wer ich war und wonach ich suchte. Den Schlüssel zu meiner Freiheit.

Ich spürte, wie die in mir verborgene Hexerei erwachte und nach den Liedlinien rief. Weder Schmerzen noch seltsame Hitze rasten diesmal durch meinen Körper. Als der Ruf beantwortet wurde, empfand ich nur ein verbessertes Bewusstsein eines Teils dessen, was ich verloren hatte. Im Mittelpunkt aller Magie steht die Harmonie. Jedes Lebewesen besitzt einen wahren Namen, ein einzigartiges Lied, das einen Bestandteil des größeren Ganzen bildet, und diese Harmonie ähnelte ihm. Im Gegensatz zu den meisten hatte ich meinen wahren Namen gekannt, nur war meine Erinnerung daran irgendwie in Bruchstücke zerfallen oder mir genommen worden. Was ich gefunden hatte, war nur ein Stück davon, eine einzelne Note eines vergessenen Lieds. Immerhin war dies ein Anfang. Abgesehen davon, dass die Weigerung meines Geistes, irgendwelche Erinnerungen preiszugeben, einen Spalt weit aufgezwängt wurde, erhielt ich dadurch einen Ausgangspunkt für meine weitere Suche, und als der regere Teil meines Gehirns allmählich wahrnahm, dass die Morgendämmerung anbrach, hatte ich drei weitere Bruchstücke entdeckt. Langsam stieg ich aus meinem tranceartigen Zustand auf. Das halb getrocknete und von Mücken befallene Blut meines anhaltenden Nasenblutens bröckelte, als ich den Kopf hob. Während ich dort gelegen hatte, tief in meinem Geist versunken, vollkommen verwundbar und sorglos, hatte die Sonne den Himmel erklommen und mich in eine Wärme gehüllt, die ich nicht gespürt hatte.

In meinem Geist wirbelten die gesammelten Bruchstücke meines wahren Namens herum und fügten sich zu einem festeren Ganzen zusammen. Ich erschauderte wohlig, als knisternd eine stete Verbindung zwischen mir und den Liedlinien zum Leben erwachte. Etwas Derartiges hatte ich noch nie zuvor empfunden, doch ich stellte mir vor, dass jemand sich so fühlen musste, der blind und taub war, dessen Sinne dann unverhofft und vollständig wiederhergestellt wurden. Ich öffnete die Hand und beobachtete voll Staunen, wie die Luft über meiner Handfläche vor Magie zu schimmern begann. Sie bündelte sich nur langsam, ein Tröpfeln im Vergleich zu dem Strom, mit dem mich meine bruchstückhaften Erinnerungen neckten. Aber sie gehörte mir. Ich hielt die Konzentration aufrecht, und langsam kehrte die Magie zurück zu mir, erfüllte einen Teil der Leere in mir mit einem angenehmen Pulsieren.

Trotz des Umstands, dass ich in dieser menschlichen Gestalt festsaß, fühlte ich mich überraschend gut. All meine Wunden waren verheilt, ich war stark und gesund und hoffentlich gar nicht so weit davon entfernt, meine volle Macht zurückzuerlangen. Ich machte es mir gemütlich und begann, einige einfache Zaubergebilde zu erschaffen. Ein jedes fertigte ich komplexer als das davor, bis die Übergänge reibungslos und schnell vonstatten gingen. Als ich mich davon überzeugt hatte, dass ich vollständige Kontrolle über meine Macht besaß, war der Mond bereits aufgegangen. Aber die Bemühungen, sie zurückzuerlangen, hatten mich erschöpft. Nachdem ich das Feuer geschürt hatte, aß ich die Reste des Pferdefleisches, schloss die Augen und bekam bis zum nächsten Morgen nichts mehr von der Welt mit.

Das Lager hatte ich einen halben Tagesmarsch hinter mir gelassen, als ich den nächsten Menschen erblickte, eine vornübergebeugte Gestalt, die einen Handkarren zog. Laut meiner jüngst erlangten Erinnerungen befand ich mich auf der Straße zu einer kleinen Ortschaft namens Fünfulm, wo das örtliche Weizenbier ziemlich gut, wenngleich hoffnungslos überteuert war. Der Mann mit dem Handkarren stapfte an mir vorbei, ohne aufzuschauen. Das war ungewohnt, aber ich empfand es als durchaus ermutigend, zumal ich Matthias’ Kapuzenmantel auch in der Hoffnung angelegt hatte, damit ein bisschen weniger auffällig zu sein.

Kurz nach der Begegnung mit dem Mann und seinem Karren geriet die Ortschaft in Sicht. Die Straße lief geradewegs auf ein breites Tor mit zwei Flügeln zu, das eine durchhängende Palisade teilte, die das Dorf umgab. Dahinter konnte ich eine Reihe niedriger Gebäude und Dutzende Dorfbewohner ausmachen, die umherliefen und taten, was immer Menschen in einer Ortschaft tun, die nicht in Flammen steht. Ich zog meine Kapuze hoch und kauerte mich in den Schatten eines großen Felsblocks, während ich meine Möglichkeiten abwog.

Das Tor stand weit offen und wurde praktisch nicht bewacht, es sei denn, man zählte die stämmige Gestalt, die mit einem Speer auf dem Schoß an der Wand schlief, als brauchbare Verteidigung. Sofern sich diese Menschen des Krieges bewusst waren, von dem ich durch Matthias’ Erinnerungen erfahren hatte, ließen sie es sich nicht anmerken. Dutzende Gestalten wieselten auf einer Straße umher, die mitten durch die Ortschaft verlief, und die sie sich mit einer Reihe von Wagen und Karren verschiedener Größen teilen mussten. Eigentlich schienen sie nur herumzustehen und einander gelegentlich mit Gesten zu bedenken. Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger gefiel mir die Vorstellung, dort hinunterzugehen und Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Zwar besaß ich jetzt einige ihrer Münzen, aber würden sie für eine Mahlzeit reichen? Matthias’ Erinnerungen meinten zwar, das würden sie, dennoch erschien es mir ein unnötiges Wagnis, zumal die Gegend ringsum nur so vor unzähligen wild lebenden, leckeren Tieren strotzte. Außerdem gefiel mir das gegen meine Hüfte klopfende Gewicht der Münzen irgendwie. Ich richtete mich auf, drehte mich so, dass sich Fünfulm zu meiner Rechten befand, und marschierte in Richtung der Zitadelle los, die Matthias’ Erinnerungen angedeutet hatten.

Kapitel 5

Meine Entscheidung, Fünfulm links liegen zu lassen, fühlte sich richtig an, obwohl ein Teil von mir schon gern herausgefunden hätte, wie Weizenbier schmeckte. Meine eigenen Gedanken und Probleme scheuerten die feineren Einzelheiten von Matthias’ Erinnerungen zunehmend weg. Zurück blieb nur ein verschwommenes Wissen, dass in einiger Entfernung vor mir eine Zitadelle stattlicher Größe zu finden sein würde. Ich hatte nichts, womit ich seine Vorstellung von »einiger Entfernung« mit meiner eigenen vergleichen konnte, doch die Sonne schien, ich fühlte mich stark und war frei. Es störte mich nicht weiter. Während ich marschierte, ließ ich die Gedanken wandern, weil ich hoffte, es würde die an mir nagenden Fragen dämpfen, wenn ich an nichts Bestimmtes dachte.

Das Gehen fiel mir in diesem Zustand leicht, so leicht, dass ich kaum mitbekam, dass die Sonne untergegangen war, während ich wanderte und mittlerweile Melodien vor mich hin summte, an deren Herkunft ich mich nicht erinnern konnte. Erst, als ich das warme, gelbe Licht erblickte, das von einem entfernten Gehöft ausging, begann ich, meiner Umgebung wieder mehr Beachtung zu schenken. Ich war hungrig – zwar noch nicht besorgniserregend hungrig, doch ich vermutete, bis zum Morgengrauen würde sich das ändern. Ich liebäugelte mit dem Gedanken, dem Gehöft einen Besuch abzustatten, entschied jedoch, mich stattdessen einfach an einem der zahlreichen Schafe auf den Feldern zu bedienen. Bedauerlicherweise wehte ein verräterischer Windstoß meinen Geruch zu den Tieren, scheuchte den Widder auf, und schon bald blökte die gesamte Herde und rannte panisch umher. Die Tür des Bauernhauses öffnete sich, und in demselben warmen, gelben Licht zeichneten sich die Umrisse der Gestalten wütender, brüllender Männer sowie undeutliche Formen von Bluthunden ab, die aus dem Gebäude stürmten.

Seufzend lehnte ich den Kopf gegen einen Zaunpfosten. Musste in diesen Gefilden immer alles so schwierig sein? Ich wollte doch nur ein kleines Schaf. Wölfe und Hunde gaben trotz all ihres Gekläffs und Sabberns gute Gefährten und noch bessere Mahlzeiten ab, wenn es die Umstände verlangten, aber dies war weder der rechte Zeitpunkt noch der rechte Ort dafür. Ich griff auf meine Hexenkunst zurück und pflanzte in den Kopf des vordersten Hundes die Vorstellung, dass mein Geruch in die entgegengesetzte Richtung verliefe. Sowohl belustigt als auch erleichtert beobachtete ich, wie das Rudel über die Felder davonpreschte. Bald darauf folgten ihnen die schwingenden Laternen des Bauern und seiner Knechte. Ich hüpfte in die Koppel, schnappte mir ein verwirrt dreinschauendes Lamm und trat die Flucht an, lange bevor der Hund wieder klar denken konnte.

Als die Sonne am nächsten Morgen aufging, hatte ich mich bereits von meinem Farnbett unter den Sternen erhoben und marschierte die Straße entlang. Zwar hatte ich es nicht besonders eilig damit, diese Zitadelle zu erreichen, aber ich dachte mir, dass es an einem Ort, der prächtig genug war, um als Zitadelle bezeichnet zu werden, bestimmt ein, zwei Weise geben würde, Männer, deren Gehirne ich auf die eine oder andere Art nach Hinweisen über mich durchstöbern könnte.

Die Landschaft veränderte sich, während ich reiste. Die wild wachsenden Hecken, die Felsausstriche und die Bäume wurden weniger und immer mehr von ebenen, umzäunten Feldern abgelöst, die wiederum gesprenkelt waren von Männern und Frauen, die große Hüte trugen. Die meisten dieser bestellten Felder wiesen auch Gruppen bewaffneter Männer mit großen Bluthunden auf, die zu bellen und zu heulen begannen, sobald sie meinen Geruch witterten. Ich schenkte den starrenden Blicken der Bewaffneten keine Beachtung, und größtenteils schenkten sie auch ihrerseits mir keine Beachtung, wenngleich einige parallel mit mir liefen, die Speere und Schwerter gezückt, bis ich an ihrem Gebiet vorüber war. Ich überließ sie ihrem Machtgehabe, marschierte weiter und hielt nur an, um gelegentlich aus einem Bach zu trinken.

Meine Hexenkunst erwies sich als weitaus wirkungsvoller als eine Falle, wenn es darum ging, mich mit Nahrung zu versorgen, und ich wurde bemerkenswert geschickt darin, Hasen auszuknipsen oder einen bodengebundenen fetten, aber überraschend flinken Vogel zu erlegen, der sich als ausgesprochen köstlich entpuppte. Richtig sinnvoll war das indes nicht, denn der Einsatz meiner Hexenkunst steigerte meinen Appetit, wodurch ich wiederum häufiger Essen auftreiben musste. Ungeachtet dessen empfand ich es als unterhaltsame Zerstreuung, und durch die Gewohnheit, Ausschau nach kleiner Beute zu halten, blieb ich gleichzeitig wachsamer.

Am nächsten Morgen brach ich auf, als noch die Dämmerung den Himmel beherrschte. Mir stand der Sinn nach einem herzhaften Frühstück. Ich schnupperte in der Luft gerade nach Anzeichen auf geeignete Freiwillige, als ich den Geruch von Menschen aufschnappte. Das war nun bestenfalls enttäuschend. Ich wurde langsamer und atmete tiefer ein. Die Straße verlief an dieser Stelle gewunden durch eine Reihe von Felsausstrichen und beschrieb mehrere scharfe Kehren in ihrem Verlauf durch niedrige Hügel, die nur den entschlossensten Ziegen genug zum Grasen boten. Ich fragte mich, weshalb ich irgendwo vor mir mindestens ein Dutzend Männer witterte, aber keine Spur von einem Feuer oder Kochgerüchen zu erhaschen war. Allerdings erschienen mir Menschen genauso unberechenbar wie wild, und so empfand ich ihre Gegenwart zwar als ein wenig unerwartet, aber sie bereitete mir kein übermäßiges Kopfzerbrechen. Sie würden ihre mir unverständlichen Gründe für ihr Verhalten haben.

Lange, bevor der erste der Männer vor mir auf den Pfad trat, hörte und roch ich, wie sie sich bewegten. Es waren insgesamt fünf, alle in verschiedene Schichten aus Tierhäuten gekleidet, jeder mit einer blauen, um die Mitte gebundenen Schärpe. Ihre Hände ruhten auf kleinen Schilden und den Griffen von Schwertern, die an kompliziert aussehenden Gürteln hingen.

»Halt!«, rief derjenige in der Mitte.

Ich schaute zurück und stellte ohne jede Überraschung fest, dass sich weitere fünf hinter mir auf der Straße eingefunden hatten. Somit blieben zwei, die ich noch nicht sehen konnte.

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