Logo weiterlesen.de
Der Fluch der weißen Hexe

Über den Autor

Daniel Loy ist das Pseudonym eines erstklassigen deutschen Fantasy-Autors. Neben einer Vorliebe für Gothic Rock und Kampfsport zählt der studierte Historiker vor allem zu seinen Hobbys, sich in fremde Welten zu versetzen. In seinen zahlreichen, bereits veröffentlichten Erzählungen und Romanen nimmt er Leser gern dorthin mit.

DANIEL LOY

DER FLUCH DER
WEISSEN HEXE

ROMAN

BASTEI ENTERTAINMENT

Präludium

Winter

1. Kapitel

Januar 964, horomische Zeitrechnung

Ranir stand auf einem Grat an der Bergflanke und ließ den Blick schweifen über Gipfel, die bis zum Himmel aufragten, über verschneite Täler und schroffe Hänge, auf denen das Eis in der Abendsonne glühte. An manchen Stellen säumte Reif die schwarzen Felsen, weiter unten verloren sich gewaltige Gletscher im Dunst.

Alles war tot und zu Eis erstarrt. Kein Grün, nicht einmal Moos wuchs hier. Selbst die kargen, schneebedeckten Wälder lagen so weit unter ihnen, dass Ranir sie nicht mehr sehen konnte.

Die weiße Wolke vor seinem Mund löste sich nicht auf. Sie sank zu Boden und glitzerte wie feiner Schnee.

»Bponur«, murmelte er. »Wir werden sterben.« Seine Worte verklangen in der dünnen Luft, gefroren wie der Atem, kaum dass sie ihm über die Lippen gekommen waren.

Critaan und Draba stapften mit gesenktem Kopf vor ihm her, und Ranir beeilte sich, zu ihnen aufzuschließen. Seine Füße brannten, und er wusste, dass die Kälte bereits an den Zehen fraß.

Er wollte seinen Gefährten etwas zurufen, doch ihm fehlte der Atem dafür. Critaan führte sie eine glatte Steigung hinauf, und Ranir hatte Mühe, das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Seine Beine zitterten vor Schwäche, bunte Kreise tanzten vor seinen Augen. Er glaubte, Draba flüstern zu hören. Vielleicht war es aber auch nur das Scharren der Schritte auf den Schneeresten in den Spalten.

Der Hang war nicht allzu steil, und vorstehende Felsgrate boten genug Halt. Aber es ging tief hinab, und wenn man einmal ins Straucheln kam, wusste Bponur allein, wo man am Ende landete.

Critaan wirkte unbeeindruckt von alledem. Er marschierte wie ein Soldat in der Ebene, gleichmäßig und ohne Anzeichen von Erschöpfung. Vor dem Aufstieg hatten sie einige Wochen in den Tälern Rast gemacht, hatten gejagt und ihre Ausrüstung ergänzt. Damals hatte Ranir gedacht, der Grôta hätte seinen wahnwitzigen Plan aufgegeben, in diesem unbekannten, feindseligen Land ein Tor in die Unterwelt zu suchen, aus dem nach den Legenden seines Volkes die Trolle in die Welt kamen.

Critaans Augen hatten ihren Glanz verloren, seine Worte die Begeisterung. Er schien erkannt zu haben, wie fremd sie hier waren und wie fern die Märchen seiner Heimat im Angesicht der Wirklichkeit wirkten. Den Winter überstehen, ein paar Vorräte sammeln und den Heimweg antreten – das wäre vernünftig gewesen.

Dann jedoch war Critaan wieder aufgebrochen, weiter nach Osten, tiefer ins Gebirge hinein. Und Ranir und Draba waren mit ihm gegangen. Aus Gewohnheit? Weil sie keine Wahl hatten? Weil sie auf sich allein gestellt nicht überleben konnten …? Wer wusste das schon.

Es war in jedem Fall eine dumme Idee gewesen, wie Ranir nun erkannte.

Wenn Critaan die Hoffnung verloren hatte, machte ihn das noch gefährlicher. Der Grôta war seinem Traum zu lange gefolgt, um jetzt noch umzukehren, und Ranir fragte sich, ob ihr Führer in Wahrheit den Tod suchte und sie alle mitnahm.

»Wir brauchen … Zuflucht …«, stieß er hervor. Seine Stimme klang so schwach, dass er sie wohl selbst kaum hörte.

Draba, der drei Schritte vor ihm ging, trottete weiter und klammerte sich an seinen Stecken, als könnte der ihm auf dem unsicheren Grund Halt geben.

Critaan war ein gutes Stück voraus und drehte sich nicht um.

Ranir blieb stehen und holte Atem. Er rieb sich mit den Handschuhen über das Gesicht, als könnte er den Blick damit klären. Der vereiste Bart knisterte unter der Berührung. Gerade glaubte er, er habe genug Kraft, um zu rufen, da hob Critaan vor ihm den Arm. Er wies auf einen dunklen Fleck zwischen den Steinen.

Gaban stand auf den gefrorenen Feldern und blickte auf das brennende Dorf. Rauch stieg in den Winterhimmel, vermischte sich mit dem schwarz-weiß gefleckten Hintergrund der düsteren Tannenwälder um den Weiler und zog wie ein Schleier über das Antlitz der Sonne, die gerade hinter den Baumwipfeln versank. Wilde Gesellen, in dichte Felle gehüllt, liefen lachend und brüllend auf der einzigen Dorfstraße umher, zerrten Weiber und Beute aus den armseligen Hütten und machten mit Keulen, Spießen und schartigen Schwertern Jagd auf die Männer.

Einer der Plünderer löste sich aus dem Getümmel – ein Kerl wie ein Baum, mit braunem Haar und struppigem Bart, in dem graue Strähnen glitzerten wie der Reif im Winterwald. Er hatte ein blutiges Schwert in der Hand und schlug damit wie beiläufig nach den Waldbauern, die an ihm vorbei aus dem Dorf fliehen wollten. Lachend schritt er auf Gaban zu.

Der schüttelte den Kopf. Das Schreien der Verwundeten und Verzweifelten brannte in seinen Ohren und schnitt ihm ins Herz. Er umklammerte den Schwertgriff an seinem Gürtel, bis die Knöchel weiß hervortraten. Doch er rührte sich nicht von der Stelle, stand einfach nur da und verfolgte das Geschehen voller Abscheu.

Es war, als würde das sinnlose Gemetzel an diesem Ort die klare Winterluft besudeln.

Und dann war der Graubart bei ihm. »Gaban!«, brüllte er. »Keine Lust, dich am Feuer zu wärmen?« Mit der nackten Klinge wies er auf die brennenden Hütten hinter sich.

Gaban verzog das Gesicht und blickte zu dem anderen hinab. Trotz seiner Jugend war Gaban schon größer als der Hüne vor ihm. Seine wilden roten Haare fielen ihm bis auf die breiten Schultern, über denen ein Bärenfell lag. Mit diesem Mantel, dem Wams und der dicken Hose darunter, die aus den unterschiedlichsten Tierfellen zusammengenäht war, sah er selber aus wie ein Bär – doch seine Augen blitzten wach und klug zwischen den dichten Haaren und dem zottigen Bart hervor.

»Reicht es noch nicht, Vater?«, fragte er. »Wir sollten uns zurückziehen.«

»Angst?« Der braunhaarige Krieger lachte dröhnend.

»Es wäre ungünstig, wenn König Sigwin und seine Männer uns hier im Dorf überraschen würden.«

»König Sigwin!« Augenblicklich wurde der Ältere ernst. Eine Zornesfalte erschien auf seiner Stirn, und er spuckte aus. »Hätt’ er wohl gern. Sigwin von der Schweinefurt. Nicht mal ein anständiger Graf ist der Emporkömmling!«

»Trotzdem wird er sein Land verteidigen«, sagte Gaban. »Er wird kommen. Und unsere Spur in den Wald ist leicht zu verfolgen.«

Gaban wies auf die schüttere Schneedecke, die sich in Flecken und Streifen unter den Bäumen fortsetzte.

Sein Vater schnaubte. »Das ist schon der siebte von Sigwins Schweinekoben, den wir niederbrennen. Und bis jetzt hat sich keiner seiner Krieger blicken lassen. Ich bin es leid, im nassen Forst zu liegen und darauf zu warten, dass er angreift. Wir essen im Dorf und wärmen uns auf, bevor wir uns zurückziehen. Dieser Fettarsch von einem König könnte einer Fährte nicht einmal folgen, wenn man sie mit dem Pflug vor ihm herziehen würde.«

»Ich schicke Späher an die Straße«, sagte Gaban.

»Tu das«, antwortete sein Vater gleichmütig und wandte sich ab.

»Vielleicht hätten wir die Hütten nicht niederbrennen sollen, wenn wir hier speisen und uns aufwärmen wollen.«

»Sigwin soll ruhig die Rauchschwaden sehen«, rief der ältere Krieger über die Schulter zurück. »Sein ganzes Königreich soll wissen, dass ihr Herrscher sein Land nicht verteidigen kann.«

In Horome war der Winter meist mild, und es schneite selten. Doch dem Mädchen, das an diesem Tag in der ersten dunklen Stunde der Nacht vor dem Herrenhaus in der Pratengasse stand, wäre Schnee fast lieber gewesen. Denn das Wasser fiel in Strömen vom Himmel, und es war so kalt, wie es unter solchen Umständen nur sein konnte.

Sie zog den Kapuzenumhang enger um die Schultern. Eine nutzlose Geste. Jeder Fetzen Stoff an ihrem Leib triefte vor Nässe, die kurzen schwarzen Haare klebten an der Stirn. Sie blickte auf die düsteren Mauern vor sich, grauer Putz, fast schwarz geworden von Alter, Ruß und Feuchtigkeit; wuchtige Fenstersimse und ein Mauerkranz rings um das Dach, der an die Zinnen einer Burg gemahnte. Verwitterte Wasserspeier saßen auf den Ecken und Erkern und kündeten vom Reichtum und der Bedeutung der Familie, die hier residierte – und davon, dass beides längst vergangen war.

Das Mädchen heftete den Blick auf das massive Portal am Eingang und auf die Bronzeklopfer daran, Löwenhäupter, aus denen die Zunge heraushing wie ein kleiner Hammer. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Jetzt, jetzt würde sie die Straße überqueren, die Hand heben … Aber sie stand da wie festgefroren, die Arme an die Seiten gepresst. Das Wasser lief ihr über das Gesicht wie ein Sturzbach von Tränen.

Sie fühlte sich, als wäre sie durch den Fluss geschwommen, und wenn sie noch länger wartete, würde sie bald tot sein, so als hätte sie es tatsächlich versucht.

Dann dachte sie an die Zustände in der Unterstadt. Den Hunger. Die Krankheit. Den Tod, der an jeder Straßenecke lauerte – seit sie hierhergekommen war, hatte sie Horome als Schlachtfeld erlebt. Und diese Schlacht hatte nie ein Ende gefunden, selbst als die Heere weiterzogen. Pracht und Herrlichkeit mochten vergangen sein, dennoch versprach das Gebäude vor ihr einen gewissen Wohlstand.

Sie biss die Zähne aufeinander, ging zum Portal und schlug die Löwenzungen gegen das Metall darunter. Dann trat sie wieder einen halben Schritt zurück, und ihre Gestalt veränderte sich. Sie straffte den Rücken und richtete sich so auf, wie ein Mädchen von gerade einmal fünfzehn Jahren und recht kleinem Wuchs es nur konnte. Sie legte den Kopf in den Nacken, und ein stolzer Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht.

Als ein hochgewachsener Lakai die Tür einen Spaltbreit öffnete und misstrauisch nach draußen sah, musterte das Mädchen ihn von oben bis unten.

»Ich will … Ich will den Herrn von Ebertzungen sprechen.«

»Ach?«, gab der Domestik zurück.

»Ja, ach!«, fuhr das Mädchen ihn an. »Melde ihm, eine Verwandte sei zu Besuch gekommen.«

»Eine Verwandte?« Der Bedienstete betrachtete sie genauer. Ihre Kleidung wirkte abgetragen und in Mitleidenschaft gezogen, und der Regen verbarg eher die Mängel, als dass er ihr Erscheinungsbild beeinträchtigte. Der Umhang, das Wams, das Reisekleid – alles war von unzweifelhaft gehobener Machart und irgendwann für eine Person von Stand gefertigt worden. Doch keine Ritterdame, die etwas auf sich hielt, hätte so alte Sachen getragen, schon gar nicht im Umfeld des kaiserlichen Hofes. Nicht in gewöhnlichen Zeiten.

Doch es waren keine gewöhnlichen Zeiten! Krieg und Elend plagten das Reich seit Jahren, und selbst der Adel konnte sich dem nicht überall entziehen. Das Mädchen spürte, wie die Selbstsicherheit des Dienstboten ins Wanken geriet.

Der Mann runzelte die Stirn. »Und wen darf ich melden?«

»Nikodemia von Bürzenfeld … Die Dame des Hauses wird mich kennen. Ich bin eine … Base von ihr.«

Gleich hinter dem schmalen Eingang erweiterte sich die Höhle zu einer Kammer. Critaan öffnete das Bündel mit Feuerholz, das sie aus dem letzten Tal mit heraufgebracht hatten. Schweigend stellten die Männer die Scheite auf. Critaan schlug Feuer, und erst als die Flammen über die dürren Reiser leckten und sich langsam in das dickere Holz fraßen, ergriff Ranir das Wort.

»Was ist mit dem Qualm?«, fragte er.

Draba zuckte die Achseln. Widerstrebend schälte er sich aus der Kleidung, legte die Handschuhe dicht neben die Glut und rückte so nah an das kleine Lagerfeuer heran, wie er nur konnte.

»Mir egal«, knurrte er. »Ich ersticke gern, wenn mir vorher noch einmal warm wird.«

Seine Zähne schlugen aufeinander, während er redete. Die Atemwolken vermischten sich mit dem Rauch. Selbst das Feuer schien matter zu brennen als im Tal. In der Höhle war es kaum weniger eisig als draußen, aber immerhin fanden sie Schutz vor dem Wind.

»Wir müssen umkehren.« Ranir wandte sich an Critaan. »Das ist Wahnsinn, im Winter so hoch im Gebirge. Was machen wir, wenn das Wetter umschlägt?«

»Das Wetter hält«, entgegnete ihr Grôta-Führer. »Und der Weg nach vorn ist jetzt kürzer als der Weg zurück.«

»Woher willst du das wissen?«, fragte Ranir.

»Ich kenne die Berge.«

Aber nicht diese Berge, hätte Ranir am liebsten erwidert. Doch er wusste nicht recht, auf welchen Einwand Critaan überhaupt geantwortet hatte – auf das Wetter oder auf den Weg.

Wenn sie noch einmal ein halbwegs einladendes Tal erreichten, das schwor er sich, dann würde er mit Draba dort bleiben. Sie waren nicht mehr die hilflosen Gelehrten aus der Stadt, die sie bei ihrem Aufbruch vor einem Jahr gewesen waren. Mittlerweile konnten sie auch ohne ihren Führer überleben.

Jedenfalls eher als mit ihm hier oben auf den Höhen.

»Was ist?« Ranir bemerkte, wie Critaans Blick immer wieder über die Höhlenwände glitt. Etwas daran machte ihn unruhig. Die flackernden Flammen leuchteten die kleine Kammer inzwischen vollständig aus, Schatten tanzten auf den unregelmäßigen Felswänden.

»Der Rauch zieht sehr gut ab.«

»Ja …« Nachdenklich sah Ranir den Rauchschwaden nach. Draba hustete ein wenig, doch da wusste man nicht, ob es am Qualm lag oder nur an der Kälte.

Critaan nahm ein Stück Holz aus dem Feuer und umwickelte es mit Reisern, bis die Flammen daran aufloderten. Dann leuchtete er damit in die Winkel, bis er einen Gang entdeckte, der tiefer in den Berg hineinführte.

»Dort entlang«, sagte er. Ranir bemerkte, wie der Grôta mit der freien Hand seine Axt berührte.

»Das hast du absichtlich gemacht«, warf er Critaan vor. »Du untersuchst diese Höhlen, weil du immer noch deinen Zugang in die Unterwelt finden willst!«

»Wir haben Schutz gesucht«, gab Critaan zurück. »Aber wenn es hier weitere Gänge gibt, sollten wir schauen, wohin sie führen.«

Der Weg führte abwärts in den Berg. Vorsprünge und Spalten in der Felswand machten ihn unübersichtlich, und die kaum merklichen Windungen erschwerten die Orientierung. Nach wenigen Schritten blickte Ranir sich um, und er konnte das Lagerfeuer nicht mehr sehen. Er dachte an Draba, der zurückgeblieben war. Sein Freund hatte nicht gut ausgesehen. Ranir überlegte kurz, ob er allein umkehren sollte. Aber Critaans Fackel war ihr einziges Licht, und gleich hinter Ranir versank alles in Finsternis.

Die Decke schien sich auf sie herabzusenken, und Ranir fühlte sich beklommen. Es war, als wollte der Berg die beiden Menschen in dem engen Gang erdrücken.

»Glaubst du wirklich, wir finden hier etwas?«, fragte er.

Critaan schwieg.

»Ich meine«, setzte Ranir erneut an. »Ein mystisches Tor zu den Höllen – sollte der Weg dorthin … ich weiß nicht … nicht irgendwie bedeutsamer wirken?«

Sein Blick schweifte über das Gestein. Er hatte Grotten und Höhlen gesehen, auch wenn er als Gelehrter die Hauptstadt nur selten verließ. Aber Horome war voll von Gängen und Gewölben, vom Fluss ausgewaschen oder von Menschenhand in den Fels unter der Stadt getrieben. Ranir kannte den Unterschied.

Und an diesem Gang war irgendetwas falsch!

Die Wände waren uneben, pockennarbig. Mitunter glitzerte Kalkstein feucht im Fackellicht. Doch je länger Ranir diesen Ort studierte, umso mehr war er davon überzeugt, dass er nicht natürlich war – dass irgendjemand ihn sorgfältig behauen hatte, bis er natürlich wirkte!

Er glaubte Spuren zu sehen, die darauf hindeuteten, dass der Stein bearbeitet worden war, Ansätze, wo Werkzeuge den Gang geformt hatten.

Ranir schüttelte den Kopf.

Er bildete sich das nur ein; die Dunkelheit, die Einsamkeit an diesem Ort und die Mühen des Weges nagten an seinem Verstand.

Und dann endete der Gang mit einem Mal. Critaan blieb so unvermittelt stehen, dass Ranir fast auf ihn geprallt wäre. Das Ende der Sackgasse erinnerte an einen erstarrten Wasserfall – glitzernde Fäden von Kalkstein liefen an der bauchigen Felswand herab.

Ranir drängte sich an Critaan vorbei und legte die Hand auf den Stein. Er fühlte sich trocken an.

»Etwas stimmt hier nicht …«, murmelte er. Der Fels sah aus wie von Wasser geformt. Aber sie befanden sich am tiefsten Punkt des Ganges, und es war weder ein Abfluss zu sehen, noch hatten sich Ablagerungen am Boden gebildet.

Critaan sah zu ihm hinunter und runzelte die Stirn.

»Geht es weiter?«, fragte er.

Ranir schüttelte den Kopf. »Lass uns …«

Er zuckte zusammen. Die Wand an der Seite des Ganges, gleich neben seiner Schulter, war lautlos herabgesunken. Und in dem Raum dahinter drängten sich kleine Gestalten, ein Dutzend bärtiger Krieger, die Ranir kaum bis zur Brust reichten. Ihre gedrungenen Leiber steckten in schweren Kettenhemden, und der geschmiedete Stahl der Speerspitzen, die sie ihnen entgegenstreckten, glänzte blutrot im Schein von Critaans Fackel.

Einst war der Ortsteil östlich des Flusses der wichtigste Teil von Horome gewesen: eine Großstadt, in der das Leben brodelte, eine schier endlose Abfolge von Stadtvierteln, von denen jedes seinen ganz eigenen Reiz und seinen ganz eigenes Gepräge hatte. Es gab Knotenpunkte des Handels, der Unterhaltung, einzelne Marktplätze und belebte Wohnviertel dazwischen. Das, was man auf der kaiserlichen Insel als »Unterstadt« bezeichnete, war das wahre Horome gewesen!

Meris hatte dort gelebt.

Heute war der Osten der Stadt vom Krieg verwüstet und zu einem einzigen, halb entvölkerten Elendsviertel geworden. Die Brücken waren zerstört, und der spärliche Verkehr mit Booten wurde streng überwacht.

Aber das früher verschlafene, ländlich geprägte Viertel westlich des Flusses war unbeschadet geblieben. Hier lebte der niedere Adel in großzügigen Anwesen, für die auf der Insel und nahe beim Palast kein Platz mehr war. Reiche Kaufleute unterhielten ihre Kontore; Geistliche und Gelehrte genossen die Ruhe in diesem Teil der Hauptstadt … Doch in dem Maße, wie der einstige Kern der Stadt verfallen war, hatte sich auch das Leben auf der anderen Seite des Flusses verändert.

Das einstmals winzige Hafenviertel im Westen war gewachsen, allerhand Volk war zugezogen, und die überschaubare Zahl von Kneipen und anrüchigen Häusern fraß sich langsam in die angrenzenden Wohngebiete hinein. Die Bewohner der kaiserlichen Insel suchten jetzt hier Zerstreuung, abseits der Enge und den Regeln des Palastes. Etwas vom Geist des alten Horome lebte noch am Westufer des Ragnats weiter, während der Rest der Stadt in Finsternis versank.

Zwei Frauen schritten durch die dunklen Gassen im Hafenviertel, die einst so friedlich gewesen waren und die sich in den letzten Monaten so schnell mit Gesindel gefüllt hatten, als wäre eine feindliche Streitmacht über den Fluss gekommen. Meris fühlte sich nicht sicher in dem leichten Wams und dem Hosenrock, zu dem Sortor sie überredet hatte. Der weiße Mantel aus zarter Lammwolle, ein Geschenk von Sortor, bot mehr Schutz vor der Kälte, aber nur wenig vor dem Regen und gar keinen bei einem Angriff. Misstrauisch blickte sie auf die Bettler und Betrunkenen hinab, die in den Hauseingängen kauerten, und hielt den Griff ihres Degens unter dem Umhang umklammert. Auf der Waffe hatte sie bestanden, obwohl Sortor darüber nur gelacht hatte.

Die weiße Hexe ging neben ihr, in die formlose blaue Kutte gehüllt, die sie immer trug und die vom Schnitt her an einen Sack mit Kapuze erinnerte. Der Stoff wirkte so steif wie festes Leder, doch er folgte geschmeidig jeder Bewegung der Trägerin. Sortor hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, und das Wasser perlte an dem Kleidungsstück ab.

Wenn Meris einen Blick auf ihre Begleiterin warf, ärgerte sie sich über ihre eigene Aufmachung. Aber Sortor hatte sie angewiesen, sich unauffällig zu kleiden: wie eine Beamtin aus dem Palast, die in ihrer freien Zeit ein wenig Zerstreuung suchte.

Einst war Meris eine Agentin des kaiserlichen Geheimdienstes gewesen, dann kaiserliche Sonderermittlerin. Inzwischen … wusste sie selbst nicht mehr, was sie eigentlich tat. Sortors Mann Stard hatte die meisten ihrer Pflichten übernommen. Dennoch war Sortor – die weiße Hexe, Hofmagierin, Hofrätin und Leiterin des kaiserlichen Kurierdienstes – weiterhin Meris’ Vorgesetzte.

Also folgte sie der Anweisung, trottete missmutig neben der Zauberin her. Ihr war kalt, sie fühlte sich fehl am Platze und kam sich vor wie das Opfer eines Scherzes, den sie noch nicht verstanden hatte.

Vor einem hohen dunklen Bauwerk ohne Fenster blieben sie stehen, einer früheren Lagerhalle, deren großes Tor zugemauert war. Eine kleine Pforte war daneben geblieben, ein vierschrötiger Wachmann stand davor.

Auf Sortors Wink hin sprang der Mann zur Seite und ließ die beiden Frauen passieren. Offenbar kannte er die Zauberin.

Im Inneren des Gebäudes schlug ihnen aromatischer Rauch entgegen, der jedoch kaum den Geruch von Schweiß und Bier und Alkohol übertünchte. Ein Spielmann spielte auf und sang aus voller Kehle, doch in dem Lärm, der von der Menschenmenge aufstieg, konnte Meris nur Fetzen des zotigen Liedes verstehen.

Nackte Tänzerinnen stellten sich auf einer Bühne in der Mitte der Halle zur Schau, ölglänzende Männer ließen daneben die Muskeln spielen und rangen miteinander. Die Kundschaft der Vergnügungsstätte stand auf der freien Fläche um die Darbietungen, trank und grölte oder tändelte mit leicht bekleideten Dirnen beiderlei Geschlechts an den Tischen am Rand des großen Saals.

Das musste eines der Bordelle sein, die im Laufe des Winters im Umkreis des Westhafens aus dem Boden geschossen waren.

Meris wandte sich an Sortor: »Was wolltet Ihr mir hier zeigen?«

Sortor schlug die Kapuze zurück und schüttelte ihr langes weißes Haar, das sich um das bleiche herzförmige Mädchengesicht legte. Ein spöttisches Lächeln erschien auf ihrem schmalen Mund, und sie winkte Meris mit sich in Richtung eines offenen Abteils an der Seite des Raumes. Dort brachte ein Kellner sogleich eine Auswahl von Wein und süßem Likör, von salzigem Gebäck und kandierten Früchten.

Verschwörerisch beugte Sortor sich über den Tisch zu ihrer Begleiterin. »Ich mache mir Sorgen um Sie.«

Meris verzog das Gesicht. Sie warf den tropfnassen Mantel auf die Bank neben sich.

»Es geht mir besser als den meisten«, gab Meris zurück. »Wie ich seit meinem letzten Besuch auf der anderen Flussseite weiß.«

»Es tut mir leid, wie das ausgegangen ist«, erwiderte Sortor. »Mein Angebot war ernst gemeint. Bringen Sie mir etwas aus dem Besitz Ihrer Tochter, und ich kann sie aufspüren. Wenn sie noch lebt.«

Und hättet Ihr mir das früher gesagt, hätte ich in meiner alten Wohnung vielleicht etwas von ihr gefunden … Meris unterdrückte die zornige Antwort. Es hatte keinen Sinn, über Dinge zu streiten, die nicht mehr zu ändern waren. Vermutlich wäre es ohnehin zu spät gewesen, selbst wenn Sortor ihr Angebot gleich nach Meris’ Rückkehr im letzten Jahr gemacht hätte.

Nachdem der Kanzler sie bedroht und ihre Tochter entführt hatte, war Meris monatelang untergetaucht. Genug Zeit für Plünderer, das verlassene Haus bis auf die Bodendielen leer zu räumen. Tordis war verschwunden, und nichts war von ihr geblieben.

Der Gedanke versetzte Meris einen Stich, und es hatte nichts damit zu tun, dass Sortor das Kind mit so einem Andenken womöglich zurückbringen konnte.

»Es ist vorbei«, sagte sie schließlich. »Alles, was ich je an Vergangenheit in dieser Stadt hatte, ist nun fort. Ich sollte einfach gehen.«

Sortor goss Wein in einen Pokal und schob ihn über den Tisch. »Wir alle haben etwas zurückgelassen. Wir alle haben etwas verloren. Wir müssen nach vorn blicken.«

Meris schnaubte. »Ihr habt Eure Pläne, ich weiß. Aber ich sehe nichts darin, was für mich von Bedeutung wäre. Lasst mich ziehen. Was kann ich Euch nutzen? Ich habe seit Wochen nichts Sinnvolles angefangen, und was die Aufgaben betrifft, die Ihr mir zugedacht hattet – wie es scheint, füllt Euer Gemahl meine Stelle gut und bereitwillig aus.«

»Oh nein«, erwiderte Sortor. »Sie sind weiterhin nützlich für mich. Allein, dass man Sie bei Hofe sieht, ist ein unersetzlicher Gewinn für mich. Stard zieht es vor, im Verborgenen zu wirken.«

»Das kann ich mir vorstellen«, gab Meris zurück. Ihr selbst war das auch immer am liebsten gewesen – obwohl sie sich ungern mit einem Mann wie Stard verglich. »Aber wo ist der Gewinn für mich? Ihr könnt mir nichts bieten. Ihr könnt mir nicht einmal mehr drohen, denn ich habe alles verloren. Es ist besser für uns beide, wenn ich … gehe.«

Einfach verschwinde, hatte sie sagen wollen. Doch sie hatte im letzten Jahr so viele Menschen bei Hofe verschwinden lassen, dass dieses Wort inzwischen eine ganz eigene Bedeutung bekommen hatten.

Sortor lachte leise. »Wenn Sie das wirklich denken würden, Fräulein Meris, wären Sie dann nicht schon längst fort? Ich glaube, es gibt ein paar Dinge, die Ihnen weiterhin am Herzen liegen. Und auf die ich Einfluss habe.«

Meris dachte an die Kaiserin, die in dieser zerstörten Stadt festsaß, an einem Hof, über den die weiße Hexe längst ihr Netz gebreitet hatte. Was hatte Sortor vor?

Egal, befand Meris. Ich kann nichts daran ändern.

Und dennoch blieb sie hier, wie ein Schaf, das sich willig auf die Schlachtbank legte. Lag es an dem Drill, an dem, was ihr von frühester Kindheit an eingebläut worden war: Ein geheimer Kurier des Kaisers verlässt niemals seinen Posten?

Oder war sie einfach zu träge geworden?

Meris überlegte, dann schüttelte sie den Kopf. Ohne nachzudenken, hob sie den Pokal und trank ihn in einem Zug leer.

Sortor schmunzelte. Sie hantierte mit den Flaschen auf dem Tablett, wählte ein Gefäß aus facettiertem Kristallglas und goss Meris einen limonengelben Likör in ein frisches Glas.

»Probieren Sie das«, sagte sie, wartete einen Augenblick und fuhr dann fort: »Aber ich bin nicht hier, um mit Ihnen über Pflicht oder Geschäfte zu sprechen.«

»Warum sind wir sonst hier?« Meris blickte sich um. Sie fühlte sich seltsam fremd in dem Trubel um sie herum. »Was habt Ihr für ein Anliegen, das wir nicht gleich in Eurer Schreibstube hätten klären können?«

»Sie sind mein Anliegen!«, antwortete Sortor. »Ich habe das Gefühl, Ihnen fehlt etwas in Ihrem Leben. Etwas, was wir ganz gewiss nicht in einer Amtsstube finden.«

»In der Tat«, erwiderte Meris. »Mir fehlt meine Tochter.« Sie kippte den Likör hinunter. Er schmeckte süß und sauer zugleich, und Meris hätte nicht sagen können, ob er Alkohol enthielt.

»Oh, ich hatte diesen Eindruck bereits, lange bevor Sie Ihre Tochter verloren haben. Sie erinnern sich an unsere erste Begegnung? In der Wildnis, vor zwei Jahren? Schon damals habe ich diesen Ernst gespürt, er schnürte Sie ein wie eine erstickende Fessel. Nur Pflichtgefühl. Alles andere haben Sie beiseitegeschoben. Sie haben nie gelernt, das Leben zu genießen.

Ich glaube, wenn Sie die Kraft finden wollen weiterzumachen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen, dann müssen Sie erst einmal lernen, sich zu amüsieren.«

»Oh ja«, gab Meris sarkastisch zurück. »Jetzt ist gewiss der richtige Augenblick, um damit anzufangen. Im Krieg. In einer zerstörten Stadt. Nachdem ich alles verloren habe.«

»Der allerbeste Augenblick«, sagte Sortor. »Darum geht es ja beim Amüsieren. Es ist die Fähigkeit loszulassen, und sei es nur für einen Moment. Sich zu entspannen.«

»Eine nutzlose Fähigkeit«, befand Meris.

»Eine bedeutsame Fähigkeit«, widersprach Sortor. »Loslassen, um Kraft zu gewinnen und später umso fester wieder zupacken zu können. Die Kraft, um weiterzumachen, weil man die Belohnung im Hier und Jetzt findet und nicht immer nur an das denkt, was man verloren hat, oder an den langen, trockenen Weg, der noch vor einem liegt.«

»Und so, glaubt Ihr, kann ich Euch nützlich sein?«

Sortor zuckte die Achseln. »Vielleicht.« Sie lächelte mit einem Hauch von Spott in ihren unheimlichen roten Augen. »Ich verlange nicht mehr von Ihnen, als dass Sie es ernsthaft versuchen. Wir werden sehen, ob ein Funke überspringt.«

Niki saß im Salon des Hauses, nicht auf einem der gepolsterten Stühle oder auf einem Teppich im hinteren Teil des Raumes, sondern auf der steinernen Einfassung des Kamins. Ihr war das recht. Immerhin hatte man ihr den Mantel abgenommen und ihr eine trockene Decke gebracht. Das Feuer im Kamin wärmte ihr den Rücken.

Zu ihren Füßen breitete sich langsam eine Pfütze aus, denn aus ihrer Kleidung tropfte immer noch das Wasser. Niki blickte zum Fenster. Der Regen prasselte viel weniger heftig gegen die Scheiben, als sie ihn zuvor auf der Straße empfunden hatte.

Sie zog die Decke enger um den Leib.

Die Herrschaften des Hauses und ein paar Dienstboten standen in einem lockeren Halbkreis um sie herum und sahen auf sie herab. Der Ritter Frideric von Ebertzungen, ein hagerer Mann in den Vierzigern, hatte die Arme in die Hüften gestemmt, einen feindseligen Ausdruck im Gesicht.

»Nikodemia von Bürzenfeld«, stellte er fest. »Und du kommst aus dem Osten; ganz allein hat es dich in die Hauptstadt verschlagen.«

Niki schüttelte den Kopf. »Nicht allein. Mein Vater hat mich mitgenommen … Auf den Feldzug. Ich wollte Ritterin werden.«

»Ritterin!« Flavia von Naudingen-Ebertzungen stand schräg hinter ihrem Mann, eine Frau mit strenger Frisur und scharf geschnittenem Gesicht. Sie zog die Augenbrauen hoch.

»Ich war in der letzten Schlacht bei ihm. Dann … Ich sah noch, wie der Pöbel ihn vom Pferd zog. Dann wurde ich mitgerissen. Das war kein ritterliches Gefecht.«

»Es heißt, die Aufrührer in Meerbergen hätten bezahlte Halunken bis nach Horome geschickt. Söldner.« Die Dame des Hauses sprach halb zu ihrem Mann, halb Richtung Wand und sah das Mädchen zu ihren Füßen nicht an.

»Immerhin haben sie die Barratainer vertrieben«, bemerkte Ritter Frideric. »Wir müssen ihnen dankbar sein.«

Flavia zuckte die Achseln. »Sie waren bestimmt nicht da, um uns einen Gefallen zu tun. Wer weiß, was sie im Schilde geführt haben.«

»Am Ende haben sie sich gegenseitig ausgelöscht und die Stadt damit von allen Eindringlingen befreit«, schloss der Ritter. »Vermutlich war es das Beste, was wir erhoffen konnten.«

»Was von der Stadt übrig ist …«, murmelte seine Frau.

Frideric wandte sich dem Mädchen zu. »Du bist also aus dem Osten gekommen. Mit dem Heer, das die Kaiserin stürzen wollte. Ich bin ein Ritter der Kaiserin – warum bei allen Höllen Gotors kommst du ausgerechnet an meine Tür und bittest um Aufnahme?«

»Es war ein ehrenvoller Krieg«, sagte das Mädchen. »Mein Vater hat mir Euren Namen genannt und mich an Euer Haus empfohlen, wenn etwas geschieht und wir die Stadt nicht mehr verlassen können. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Ritter einer Familie auf unterschiedlichen Seiten kämpfen. Aber der ritterliche Wettstreit durchschneidet nicht die Bande des Blutes.«

»Pah, Ordensritter.« Frideric von Ebertzungen schüttelte den Kopf. »Mitunter glaubt man, ihr in Barrat lebt in alten Märchenbüchern und nicht in derselben Welt wie wir.«

»Frideric!«, mahnte die Frau. »Sie hat recht. Ritterehre ist Familienehre.«

Der Hausherr drehte sich zu seiner Gemahlin um. »Kennst du sie?«

»Wie sollte ich?« Aufgebracht hob Flavia die Arme. »Das letzte Mal hatten wir Verbindung zu den Bürzenfelds, als mein Neffe Egbert um Aufnahme in den Ritterorden ersuchte. Sie haben ihn für zwei Jahre als Pagen aufgenommen. Das Mädchen …« Sie wies auf Nikodemia. »… kann damals noch nicht auf der Welt gewesen sein.«

»Du hast nicht mit diesem Ritter gesprochen, als er in der Stadt war?«

Flavia lachte auf. »Sie haben uns belagert, wenn du dich erinnerst! Und bei dieser Verrückten, die im Palast jedem vermeintlichen Verräter nachstellt, habe ich nicht viel Wert auf einen Verwandtenbesuch gelegt. Aber die Bürzenfelds sind seit Generationen mit den Orden verbunden. Und der Bruder meines Großvaters hat eine Erbin aus dem Haus geheiratet und ist in den Osten gezogen. Es kann gut sein, dass sie die Enkelin ist und ihre Familie bei dem Feldzug dabei war.«

Ritter Frideric musterte die kleine Besucherin. »Es ist fast ein halbes Jahr her, dass der Angriff der Barratainer zurückgeschlagen wurde. Und jetzt kommst du an?«

Zum Glück war Niki auf jede Frage vorbereitet. »Ich habe versucht, auf die Insel zu gelangen«, erklärte sie. »Aber alle Wege waren abgeschnitten. Und die Soldaten der Kaiserin haben Jagd auf jeden gemacht, der zurückgeblieben ist. Die Soldaten … und andere.« Sie zitterte. »Es war furchtbar.«

»Hast du …«, fragte die Hausherrin. »Bist du …?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ich konnte mir das gemeine Volk vom Hals halten. Ich habe mich versteckt. Ich habe überlebt. Und sobald ich mich gut genug auskannte, um einen Weg über den Fluss zu finden, bin ich hergekommen.

Weil mein Vater gesagt hat, dass hier Familie ist.«

»Frideric …« Flavia sah ihren Mann an.

Der Ritter seufzte. »Ihre Sippschaft hat deinem Neffen Gastfreundschaft gewährt. Dahinter können wir nicht zurückstehen. Ich werde vor unseren Verwandten im Osten nicht als ehrlos dastehen, auch wenn es noch so ungelegen kommt.«

»Ich nehme sie als Edelfräulein in den Hausstand.« Flavia wandte sich Niki zu. »Und als Erstes schälen wir dich aus dieser … Pagenkleidung.« Sie rümpfte die Nase. »Abgesehen davon, dass du sie vermutlich das letzte halbe Jahr nicht abgelegt hast – dieses Ritterspielen muss ein Ende haben. Dein Vater mag solche Flausen geduldet haben. Doch wenn die Wege wieder frei sind und wir dich nach Hause schicken, sollen die Barratainer sehen, dass wir in der Hauptstadt sehr wohl eine Dame erziehen können.«

Die Männer des Königs kamen um Mitternacht. Die fellgekleideten Gestalten, die am Abend das Dorf der Waldbauern überfallen hatten, lagerten auf einer kleinen Lichtung im dichten, schneebedeckten Unterholz. Ein paar winzige Feuer glosten matt. Die Männer, die daneben unter ihren Fellbündeln auf dem notdürftig vom Schnee befreiten Boden schliefen, sahen im bleichen Mondlicht aus wie dunkle Maulwurfshügel auf einem gefrorenen Acker.

Gaban hörte den Eulenruf eines Spähers. »Auf!«, brüllte er. »Zu den Waffen!«

Keinen Moment zu früh.

Schon stürmten Reiter auf die Lichtung. Sie preschten über den einzigen Wildwechsel heran, der für Pferde gangbar war. Gaban hatte mit dem Schwert auf dem Schoß dagesessen und war auf den Eulenruf hin gleich aufgesprungen. Er war bereit, als die Berittenen kamen.

Rodbert, der ältere Mann und der Anführer der Schar, stand einen Augenblick später an Gabans Seite.

»Schneller, als Ihr erwartet habt, Vater«, stellte Gaban fest.

»Es hat lang genug gedauert«, knurrte Rodbert. »Bin froh, dass es endlich vorbei ist.«

Unter dem zusammengefegten Schnee zu ihren Füßen lagen Schilde verborgen. Die beiden Männer hoben sie auf und traten Schulter an Schulter den Angreifern entgegen. Ein knappes Dutzend Ritter im Kettenpanzer, einen Speer in der Hand, galoppierte an der Spitze. Dahinter folgten noch einmal doppelt so viele freie Fußknechte, gut bewaffnet und schwer gerüstet.

»He!«, brüllte Rodbert in die Runde. »Männer, los – schlaft ihr?«

Der vorderste Reiter war bei ihnen. Gaban wich der Lanzenspitze aus – flinker, als man es bei seiner riesigen Gestalt erwartet hätte. Mit einem Brüllen sprang er vor, den Schild dicht vor dem Leib, und rammte die Brust des Pferdes. Das Tier geriet aus dem Tritt und strauchelte.

Der Reiter kämpfte um das Gleichgewicht. Da stach Gaban blitzschnell zu und stieß ihm das Schwert durch die Brünne in die Brust.

»Pass auf, wen du triffst«, rief Rodbert, während er sich mehrere Angreifer vom Leib hielt. »Den Schweinekönig brauchen wir … Oh, Scheiße!«

Ein Schwirren erfüllte die Luft, schmale Schatten summten aus dem Wald heran wie ein Schwarm von Nachtinsekten. Armbrustbolzen. Die Geschosse gingen auf die Angreifer nieder und trafen vor allem das Fußvolk. Aber auch einer der Ritter kippte vom Pferd, von einem Bolzen mitten in die Stirn getroffen. An der Spitze des Getümmels duckten sich Freund wie Feind gleichermaßen unter dem Beschuss.

Rodbert fluchte weiter und nahm den Schild hoch. Einer der Ritter nutzte die Gelegenheit und stach mit der Lanze nach ihm, immer wieder, bis er eine Lücke unter dem Schild fand und die Waffe tief in die Pelzkleidung des bärtigen Kriegers stieß.

Es gab ein ratschendes Geräusch, die Felle klafften auseinander. Ein fein gewirktes, schweres Kettenhemd kam darunter zum Vorschein. Die Lanzenspitze glitt wirkungslos über das Eisen.

Jetzt sammelten sich die Verteidiger. Drei von ihnen hatte es erwischt, noch bevor sie den Schlaf abschütteln konnten. Aber der Rest hatte die Waffen genommen und kämpfte verbissen. Kaum etwas erinnerte an die abgerissene Schar, die man am Abend im Bauerndorf gesehen hatte. Die Waffen der Männer waren gut, viele trugen Panzer unter den Fellen.

Ein zweiter Hagel von Geschossen traf nun die Angreifer und lichtete deren Reihen.

Einer der Reiter richtete sich in den Steigbügeln auf. Einen Moment lang kreuzten sich die Blicke der beiden Anführer, ohne dass sie im Mondlicht ihr Gesicht sehen konnten.

»Das ist eine Falle!«, brüllte der Reiter. »Zurück, zurück!«

Er wendete sein Pferd und folgte selbst als Erster seinem Rat.

Aber auf dem einzigen Pfad zu der Lichtung stürmte nun eine weitere Schar heran, schwer bewaffnetes Fußvolk, das entlang des Weges aus dem Unterholz gebrochen war. Weitere Männer kamen aus dem Wald, die sich hinter aufgetürmtem Gehölz verborgen hatten.

Der Reiter hob die Lanze, und die verbliebenen Ritter schlossen sich um ihn. Sie schickten sich an, das Fußvolk zurückzulassen und die Reihen der Gegner mit der Wucht eines Reiterangriffs zu durchbrechen.

»Oh nein, Eure Majestät«, knurrte Rodbert. Er sprang zu einem Fußsoldaten, der mit einem Bolzen im Bauch dalag und sich totenbleich den Leib hielt, neben sich die Axt. Rodbert hob sie auf, wog sie kurz in der Hand und schleuderte sie, gerade als die Reiter sich formiert hatten und ihren Tieren die Sporen gaben.

Mit einem dumpfen Geräusch traf die Waffe den Anführer der Berittenen zwischen die Schultern, und der Mann sank nach vorn über den Pferdehals. Seine Ritter brachen den Angriff ab und wendeten die Pferde.

»Auf sie!« Gaban übernahm die Führung. Er lief an seinem Vater vorbei, und von allen Seiten brandeten nun die fellgekleideten Gestalten heran und überwältigten die Angreifer.

Es war ruhig geworden auf der Lichtung. Der Anführer der Reiter saß stöhnend an einen Baum gelehnt. Seine Ritter waren entwaffnet, das Fußvolk erschlagen. Einer der Ritter kümmerte sich um seinen Herrn und versuchte, ihn zu stützen.

Rodbert trat neben ihn und blickte auf ihn hinab. »Sehr wehleidig für einen König«, sagte er. »Ihr hättet keine Rüstung anziehen sollen, dann hättet Ihr es hinter Euch.«

Hasserfüllt blickte der Verletzte zu ihm auf. Er wollte sich erheben, doch stöhnend sackte er wieder zurück in die Arme seines Ritters.

»Ihr habt ihm das Rückgrat gebrochen!«, zischte der Ritter, nachdem er seinen Herrn wieder gegen den Baum gelehnt hatte.

»So ein Eber ist zäh«, widersprach Rodbert. »Seine Rüstung hat die Wucht der Axt abgefangen, da bleibt nur eine Prellung zurück. In zwei Wochen suhlt er sich wieder fröhlich in seiner Schweinefurt … Wenn wir ihn heute lebend fortlassen, heißt das.«

»Worauf wartet Ihr noch?«, fragte der Verletzte. Seine Stimme war fast nur ein Keuchen vor Schmerzen. »Bringt es zu Ende, Rodbert vom Grabhügel

Rodbert erstarrte. Dann verzog er die Lippen zu einem Lächeln.

»Wenn ich Euren Kopf wollte, König Sigwin, würde er längst an den Zinnen meiner Burg hängen. Ich bin zu Euch gekommen, weil ich einen Vertrag schließen will.«

»Eine … feine Diplomatie habt Ihr, Herr Graf«, stieß Sigwin stöhnend hervor. »Ihr hättet einen Gesandten nach Swanfurt schicken können … mit Euren Vorschlägen, anstatt … wie ein Räuber in meinen Wäldern zu hausen … meine Dörfer niederzubrennen und meine Bauern abzuschlachten.«

Rodbert winkte ab. »Ich musste mir etwas einfallen lassen, um Euch selbst aus den Mauern zu locken. Ich dachte mir, hier im Wald seid Ihr ein wenig aufgeschlossener bei den Verhandlungen.«

»Was wollt Ihr, Rodbert?«

»Nicht viel.« Graf Rodbert ging neben dem Verletzten in die Hocke. »Ich will Frieden schließen.«

»Frieden?« König Sigwin fuhr auf, sank jedoch gleich wieder stöhnend zu Boden. Er atmete ein paarmal ein und aus, bevor er weitersprach. »Ihr wart es, der mich angegriffen hat. Wieder einmal. Wenn Ihr Frieden wollt …«

»Ihr habt Euch selbst zum König erhoben«, sagte Rodbert. »Das ist eine Kriegserklärung an das ganze Reich. Und eine Götterlästerung. Es gibt nur eine geheiligte Majestät im Omukchar, und die sitzt in Barratain. Wenn ich höre, dass einer meiner Nachbarn sich König nennt, dann weiß ich genau, dass er auch auf mein Land Anspruch erhebt. Ein guter Grund für meine Feindschaft, findet Ihr nicht auch?«

»Das Reich ist tot, Mann«, gab Sigwin zurück. »Der König in Barratain ist eine Legende. Wir können alle … unser eigenes Königreich haben.«

Rodbert brachte ihn mit einer wegwerfenden Geste zum Verstummen. »In dieser Angelegenheit waren wir niemals einer Meinung. Egal, ich will nicht länger mit Euch darüber streiten. Inzwischen habe ich andere Dinge im Blick. Doch nach zwanzig Jahren Krieg können wir uns nicht einfach die Hand schütteln und so tun, als wäre nichts gewesen.

Also dachte ich mir, wenn ich zwischen uns eine Entscheidung erzwinge, fällt es Euch leichter, auf meine Bedingungen einzugehen.«

»Was wollt Ihr, Rodbert?«, stieß Sigwin abermals hervor. »Meine Unterwerfung? Mein Land?«

»Nur Euer Ehrenwort«, gab Rodbert zurück. »Graf Rodbert von Guthügeln und König Sigwin von Swanfurt schwören einander, für die Dauer eines Jahres ihre Grenzen zu achten, keine Händel zu beginnen und auch darauf zu schauen, dass keiner ihrer Vasallen und Verbündeten in dieser Zeit die Hand gegen die Person oder das Eigentum der jeweils anderen Partei erhebt.

Jeder Mann in Swanfurt wird ein Jahr lang friedlich auf seinem Land bleiben und sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern. Leistet mir einen Eid darauf und gebt mir Euer Ehrenwort, jetzt, vor Euren Männern. Dann werde ich Euch ziehen lassen, und Eure Ritter dazu, ohne ein Lösegeld und ohne weitere Forderungen. Nur ein Jahr Friedenspflicht für uns beide.«

»Das ist alles?«, fragte Sigwin.

Rodbert nickte.

»Warum?«, fragte Sigwin und schloss kurz die Augen.

»Nun«, sagte Rodbert liebenswürdig. »Wenn Ihr es anders wollt, bin ich gerne bereit, Euch hier und jetzt für Eure Sünden zu bestrafen. Aber wie gesagt, inzwischen habe ich etwas Besseres zu tun.«

»Was?«, fragte Sigwin und öffnete die Augen wieder.

»Wie Ihr vielleicht gehört habt, wurde mir vor zwei Jahren eine Braut versprochen. Doch sie kam niemals bei mir an. Ich habe vor, mit meinen Verbündeten nach Horome zu ziehen und zu holen, was mir zusteht.«

König Sigwin lachte freudlos, dann stöhnte er auf vor Schmerz und rang nach Atem.

»Ihr wollt mit Eurem Heer vor die Hauptstadt ziehen? Mann, habt Ihr nicht … die Berichte aus dem Süden gehört? Seit zwei Jahren marschiert eine Streitmacht nach der anderen im Kampf um die Krone durch das Land, und eine nach der anderen rennt ins Verderben … Die Kaiserstadt ist eine Knochenmühle, Rodbert, und Ihr führt Eure Verbündeten mitten hinein.«

»Ich will, was mir zusteht«, sagte Rodbert unbeirrt. »Der Kaiser hat mir die Hand seiner Tochter versprochen. Der Süden soll erkennen, dass man die Fürsten des Nordens nicht ungestraft betrügt.«

»Du sollst mein Ehrenwort haben. Verdammt … und meinen Segen noch dazu.« Sigwin lachte wieder auf.

Gaban und Rodbert von Guthügeln sahen zu, wie Sigwins Männer von der Lichtung abzogen.

»Das war der Letzte«, stellte Rodbert zufrieden fest. »Damit haben wir unsere Grenzen gesichert. Endlich können wir den großen Krieg wagen.«

»Wir hätten wenigstens ihre Pferde und Rüstungen behalten sollen«, murrte einer von Rodberts Kämpfern. »Dieser ganze Feldzug im Winter, und fast keine Beute dabei …«

»Das war kein Feldzug«, sagte der Graf. »Im Frühjahr werdet ihr einen Feldzug erleben, und wir werden eine Kaiserkrone als Beute in den Norden tragen. Glaubt mir, Männer, jeder von euch wird dann auf seine Kosten kommen.«

Gaban trat von einem Fuß auf den anderen. Beunruhigt blickte er den abziehenden Feinden hinterher. Rodbert bemerkte das Unbehagen seines Sohnes.

»Was ist los? Erbebt dein Herz bei dem unheilvollen Geunke dieses Schweinekönigs? Wir alle haben die Geschichten aus dem Süden gehört, aber nicht jeder hat sie richtig verstanden. Die wahre Geschichte ist nämlich die: Die Mächte des Südens sind geschwächt vom Bürgerkrieg, und der Norden ist stark genug, um die Ernte einzufahren.

Es wird Zeit, dass die Krone an aufrechte Männer geht. Eine echte Krone – nicht so eine selbst geschmiedete, wie Sigwin sie trägt.«

»Ich sorge mich nicht wegen des Kriegs im Süden, Vater«, sagte Gaban. »Ich frage mich nur, ob wir Sigwin trauen können. Wir hatten so viel Mühe, ihn aus seinem Loch zu locken – und jetzt lasst Ihr ihn einfach ziehen. Er wird uns in den Rücken fallen, sobald unsere Krieger fort sind.«

»Und was hätte ich deiner Meinung nach tun sollen?«, fragte Rodbert. »Wenn ich den Schweinekönig erschlagen hätte, wäre sein Sohn ihm sogleich auf den Thron gefolgt und hätte uns Rache geschworen. Und wenn dem Welpen der Mumm dazu fehlt, hätten seine Ritter ihn schon gedrängt. Nein«, befand Rodbert, »Sigwin am Leben zu lassen, aber ihn vor seinen Männern zu schwächen und ihn zugleich zu binden, das war der beste Weg, um Swanfurt zumindest für eine Weile ruhigzustellen.«

»Aber wie lange wird es halten?«, fragte Gaban. »Glaubst du wirklich, Sigwin wird sich ein volles Jahr an sein Wort gebunden fühlen?«

Rodbert spuckte aus. »Wenn kümmert’s? Hauptsache, er hält so lange still, bis ich meine Braut gewonnen und im Süden ein wenig Ordnung geschaffen habe. Die kleine Kaiserin, mein Junge, bringt mir die Krone des Omukchar. Ein, zwei Schlachten, um mit den Südländern aufzuräumen und den Widerstand zu brechen, und schon werde ich Kaiser des ganzen Reiches sein!«

Er sah sich auf der Lichtung um und wies seine Männer an, alles zusammenzupacken. Dann wandte er sich wieder an seinen Sohn.

»Aber du hast recht. Ich traue Sigwin nicht. Genau genommen kann ich keinem meiner Nachbarn wirklich trauen – nicht einmal denen, die sich mir anschließen wollen. Die hoffen doch nur auf einen Teil von meiner Beute und wechseln die Seiten, sobald sie anderswo eine günstigere Gelegenheit wittern.

Und darum, Gaban, wollte ich dich nach Horome schicken. Du wirst mein Heer anführen und mir meine Braut besorgen, während ich zu Hause aufpasse und uns den Rücken freihalte – so lange, bis alles entschieden ist und ich als Kaiser in die Hauptstadt ziehe.«


2. Kapitel

März 964, horomische Zeitrechnung

Der Winter war hart gewesen. Auf den Hängen bei Raghabar, der letzten Stadt des Reiches in den Ausläufern der Schwarzen Berge, lag immer noch Schnee. Der Eisregen hatte die weiße Pracht zu einer harschigen, halb angetauten Decke zusammensacken lassen.

Zwei Gestalten bewegten sich in der dunklen Stunde vor Sonnenaufgang, der kältesten Zeit des Tages, auf das Stadttor zu: ein dünner Mann in den Vierzigern mit einem scharf geschnittenen Gesicht, das vorzeitig gealtert schien. Er trug eine weite dunkelblaue Kutte mit besticktem Saum. Im trüben Licht der Laterne, die er in der Hand hielt, sah das Gewand fast schwarz aus. Einen halben Schritt hinter ihm folgte eine kleine gebeugt gehende Frau mit strohigen Haaren. Ihr aufgedunsenes Gesicht schimmerte bleich im Lampenlicht, das über die Schulter ihres Herrn fiel, und unter ihrem aufgeplusterten Kittel aus grobem Sackleinen lugten Büschel von Stroh hervor. Auf dem Rücken trug sie einen großen Sack, in dem es bei jedem Schritt vernehmlich klirrte.

»Wir sind gleich da, Strohköpfchen«, sagte der Mann, »dann kannst du dich ein bisschen wärmen.«

Die Frau in ihrer ausgepolsterten Kleidung sah nicht so aus, als machte die Kälte ihr zu schaffen. Anders als ihr Begleiter kniff sie nicht einmal die Augen zusammen gegen den schneidenden Wind und den Regen. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Sie blieb stehen, als ihr Herr innehielt, und stapfte ungerührt weiter, als er sich wieder in Bewegung setzte.

Die Wälle von Raghabar hoben sich nun deutlich gegen die Berge ab – ein schmaler schwarzer Fleck im schlierigen Weiß der Landschaft. Einzelne Lichtpunkte blinkten in der düsteren Ansammlung von Gebäuden, die sich kreisförmig an jedes Ufer des Sindon schmiegten. Auf diese Weise formten ihre Mauerringe eine Acht, durch deren Mitte der kleine Fluss strömte. Raghabar, die Zweigesichtige, die Doppelstadt. Die Stadt des Goldes – im Gebirge darum herum lagen die Goldminen des Reiches, die letzte bedeutsame Einnahmequelle, die der Kaiserin in Horome geblieben war, seitdem die Flotte und sie die Kolonien im Süden von ihr abgefallen waren.

Die beiden Wanderer näherten sich Raghabar nicht von Gotors Rücken her – der Grenze zwischen dem Omukchar und dem verfluchten Land der Ronurer –, sondern von der Reichsseite. Deshalb sahen sie das Sonnentor vor sich – ein hochtrabender Name für die kaum drei Schritt hohe und ebenso breite Pforte in der gedrungenen Mauer aus fest gefügten Granitblöcken.

»Duckt sich ins Tal, als würde sie immer noch auf einen Drachenangriff warten, eh, Strohköpfchen?«

Der Wanderer war wieder stehen geblieben und sprach, ohne sich seiner stummen Gefährtin zuzuwenden. Trotz der widrigen Witterung, bei der es ihm die Röte in die Wangen trieb und ihm das Gewand am Leib klebte, wirkte er gut gelaunt. Er hatte eine Menge getrunken, was ihm den Weg und die heutige Aufgabe leichter machte – selbst angerührt, denn er vertraute nur auf seine eigenen bewährten Rezepte.

Wenn man weiß, was der falsche Tropfen anrichten kann …, dachte er bei sich.

Er sah keine Wachen auf den Mauern. Also trat er bis an das Tor heran, löste die Laterne von der Stange und schlug mit dem Eisenstab kräftig gegen die Holzbohlen, die uralt und beinahe versteinert wirkten.

»He, da drin!«, rief er. »Is’ kalt vor dem Tor, und dunkel. Macht auf für einen müden Wandersmann.«

»Verschwinde«, ertönte eine Stimme von der anderen Seite gedämpft durch das Holz. »Die Tore öffnen im Morgengrauen.«

»Bis dahin bin ich erfroren«, erwiderte der Ankömmling. »Und jeder Goldgräber von hier bis Maarstein, der in Raghabar ein wenig Zerstreuung und Wärme sucht, würde das bedauern.«

Ein trockenes Lachen kam von der Innenseite des Tores. »Was bist du, Mann? Lustknabe oder Zuhälter?«

»Besser«, gab der Wanderer selbstgewiss zurück. »Ein Connaisseur von ausgesuchten Liqueuren.«

Einen Augenblick lang blieb es still. Nur der Wind fegte mit eisklammen Regenfingern gegen Tor und Mauern.

Dann erschien ein verhüllter Umriss auf der Mauerkrone, beugte sich zwischen den Zinnen nach vorne und versuchte, die Gestalten im Lichtkreis vor dem Tor genauer zu erkennen.

»Ein was?«, fragte die Wache.

»Ich handle mit erlesenen Schnäpsen von ausgesuchter Qualität.« Mit ausladender Geste wies der Wanderer auf seine Begleiterin, vielmehr auf den Sack, den sie auf dem Rücken trug. »Rezepte aus dem Süden. Ich habe gehört, hier in den Bergen weiß man einen guten Tropfen zu schätzen und findet doch nur den Selbstgebrannten aus dem Busch, bei dem es einem die Augen aus dem Kopf treibt.«

»Schnapshändler, sagst du?« Die Wache kniff die Lider zusammen. »Und alles, was du verkaufst, trägt das Mädchen da?«

Die so Angesprochene stand nur da und regte sich nicht, ein wenig gebückt unter dem Gewicht des prallen Sacks auf ihren Schultern. Ihr Begleiter hob das Tuch ein Stück an, und man sah die bauchigen Flaschen darunter.

»Ist folgsamer als ein Muli, die Kleine«, erklärte er. »Und genauso kräftig. Leider auch genauso stumm und um einiges dümmer – aber wer will schon eine kluge und redselige Magd einstellen?« Der Kaufmann lachte.

»Und warum seid ihr nachts unterwegs?«, fragte der Wächter misstrauisch.

»War nicht so geplant.« Der Händler zuckte mit den Schultern. »Vor Einbruch der Dunkelheit sicher in Raghabar, das hat der Jäger versprochen, als er uns die Abkürzung gezeigt hat. Aber als die Nacht kam, irrten wir immer noch in der Wildnis umher, und dort haltzumachen hätte unseren sicheren Tod bedeutet.

Nun lass uns schon ein. Bin höllisch froh, dass wir die Stadt überhaupt gefunden haben und nicht vollends verloren gegangen sind. Wenn wir die Lichter nicht gesehen hätten von dem Hügel da hinten aus, wären wir gewiss nie irgendwo angekommen.«

Die Wache hob den Kopf und versuchte, die Dunkelheit zu durchdringen. Außer den beiden Wanderern zu seinen Füßen war weit und breit niemand zu sehen. Nur der Regen bewegte sich in dieser Spätwinternacht, und der eisverkrustete Boden leuchtete in einem geisterhaften Schimmer unter dem wolkenverhangenen Himmel.

»Ich zahle auch ein Weggeld, wenn ich mir dafür gleich die Füße in einem anständigen Gasthaus trocknen kann«, drängte der Händler. »Oder wollt ihr warten, bis ich im Morgengrauen steif gefroren vor den Mauern liege und ihr alle meine Flaschen einstecken könnt?«

»Schon gut, schon gut«, knurrte der Posten.

Er winkte nach unten, und man hörte ein Scharren und Ächzen von der anderen Seite. Dann ging das Tor knirschend auf.

Die beiden Wanderer traten ein, und hinter ihnen schlossen die Stadtwachen das Tor wieder. Mit einiger Mühe schoben sie den baumstammdicken Riegel vor. Der Schnapshändler sah sich auf dem Torplatz um. Die drei Wachen, die hier standen, zogen sich so schnell wie möglich unter ein kleines Dach zurück, das dicht neben dem Tor aus der Mauer ragte. Ein Kohlebecken glühte dort. Einer der Männer fluchte und schlug die halb gefrorenen Tropfen von seinem Mantel.

»Hoffe, es hat sich gelohnt«, knurrte er.

»Ganz gewiss, ihr Herren.« Der Schnapshändler winkte seiner Magd, und die legte den Sack gleich neben dem Unterstand auf dem von Rinnsalen überzogenen Pflaster ab. »Meine Braukünste sind eines Kaisers würdig, das verspreche ich euch.«

»Braukünste?«, fragte einer der Posten. »Ich dachte, es ginge um Branntwein.«

»Du stellst deine Getränke selbst her?«, wollte ein anderer wissen.

»Ja und ja«, erwiderte der Wanderer aufgeräumt. Er öffnete den Sack und zog einen großen Tonkrug heraus, der verkorkt und versiegelt war. »Jeden einzelnen Tropfen habe ich von Hand destilliert und abgefüllt. Ich habe mein Handwerk in der Hauptstadt gelernt – und ›brauen‹ ist wahrlich der richtige Ausdruck für diese Kunst, auch wenn mein Trunk um einiges stärker ist als Bier.«

Er schnitt das Siegel mit dem Messer durch und entkorkte die Flasche. »Habt ihr Becher da?«, fragte er.

»Wir sind Brüder«, verkündete einer der Wächter. »Wir lassen einfach die Flasche kreisen.«

Der Wanderer verzog das Gesicht. »Das scheint mir ein wenig … würdelos. Das hier ist nicht die Art Tropfen, die man in den Bergen gemeinhin findet.«

»Nun gib schon her«, sagte der Wächter. »Wenn es stark genug ist, schmeckt es auch aus dem Flaschenhals.«

»Wir hatten mal einen Alchemisten zu Besuch«, verkündete ein anderer Wächter. »Der hat uns erklärt, das Beste verdunstet, sobald man es in einen Becher gießt.«

Der Händler rang sich ein Lächeln ab. »Nun gut, ich habe euch einen Torzoll versprochen.«

Er gab die Flasche weiter, und jeder Wächter nahm einen Schluck.

»Schmeckt ihr die Ingredienzen heraus?«, fragte der Händler.

»Die was?«, fragte einer der Wächter zurück.

»Die Zutaten.«

»Oh ja.« Der Wachposten grinste. »Scharfes Zeug.«

Der Kaufmann seufzte. Er zog eine kleine Flasche aus dem Bündel. »Hierfür habe ich Obst verwendet. Wenn einer von euch die Früchte erraten kann, lege ich eine weitere Flasche drauf.«

Die Männer standen beisammen und zechten eine Weile. Ein feiner Lichtstreifen am östlichen Horizont schimmerte durch den Regen. Der Schnapshändler fand einen Becher in seinen Taschen und trank ein paar Schluck mit, während er eine Probe nach der anderen anpries.

»Wos’n das Mägdchen hin?«, fragte einer der Wächter schließlich. »So’n dummes Mägdelein. Kann man noch drauflegen auf’n Wegezoll, eh?«

Der Händler zeigte ein feines Lächeln. »Wenn sie keinen Einwand hat«, sagte er und sah sich um. Er entdeckte seine Begleiterin auf der Mauer über dem Tor. Sie hatte die Laterne neben sich abgestellt, stützte sich auf die Zinnen und sah ins Land hinaus.

»Strohköpfchen«, rief er. »Komm herunter. Die Männer wollen mit dir … tanzen.«

Gehorsam trottete die Magd die Treppe vom Wehrgang herab. Das Licht ließ sie oben zurück. Einer der Wachmänner ging ihr entgegen. Doch plötzlich knickten die Beine unter ihm weg, und er landete mit dem Gesicht voraus auf dem Pflaster.

Seine Kameraden lachten.

»Kümmere dich um ihn, Strohköpfchen«, sagte der Schnapshändler sanft. »Zeig ihm, wie du einem Mann den Kopf verdrehen kannst.«

Die plumpe Magd bückte sich nach dem Soldaten, fasste ihn mit einer Hand unter dem Kinn, mit der anderen unter dem Arm und zog ihn auf die Füße. Der Mann stand ein wenig wackelig auf den Beinen. Er legte einen Arm um das Mädchen und wollte sie unter das Dach ziehen.

Sie packte sein Kinn fester, schlang ihm den freien Arm um die Schultern und zog ihn an sich. »He, he«, sagte der Soldat. »Nicht so heftig.« Er lachte unsicher, aber schon bald ging sein Lachen in ein schmerzhaftes Stöhnen über. »He!«

Mit der einen Hand hielt sie seinen Oberkörper fest, die Hand unter dem Kinn drückte den Kopf nach hinten und drehte ihn zur Seite. Die Finger gruben sich tief in den Hals des Mannes. Er schrie erstickt auf. Er zappelte und wehrte sich. Ungerührt drehte die Magd den Kopf weiter.

»Was zu den Höllen …«

Den anderen Torwächtern dämmerte nur langsam, dass etwas nicht stimmte. Sie trauten ihren Augen nicht. Und dann, mit einem deutlich vernehmbaren Knacken, brach das Genick ihres Kameraden. Die Magd ließ den toten Körper fallen, der Kopf schlenkerte bei dem Sturz lose umher.

Der Schnapshändler nutzte die Ablenkung. Mit einem Dolch näherte er sich den beiden verbliebenen Wachmännern von der Seite. Gerade als diese nach ihren Waffen griffen, zog er einem der Männer die Klinge über die Kehle. Der Händler sprang gleich zurück, doch in der beengten Nische an der Mauer konnte er nicht verhindern, dass ein Schwall von Blut auf seine Kutte spritzte.

»Na großartig«, zischte er. »Schau, was du angerichtet hast!«

Er stach nach dem dritten Wächter. Aber der wich aus und riss das Kurzschwert aus dem Gürtel. Er holte aus, und der Schnapshändler fuhr fluchend zurück.

Jetzt, mit der längeren Waffe, war der Wachposten im Vorteil. Er rückte vor, fuchtelte mit dem Schwert und drängte seinen Gegner Schritt für Schritt von der Mauer weg. Der Händler entging den Angriffen allein deshalb, weil der Soldat so unsicher auf den Beinen war und nur schlurfend hinterherkam.

»Verflucht«, knurrte der Fremde in seiner blutbesudelten Kutte. »Fall endlich um! Die Mischung, die ich euch verabreicht habe, sollte jeden von den Füßen holen, der nicht daran gewöhnt ist!«

Er suchte nach einer Lücke in der Deckung des Wächters, doch trotz seiner Benommenheit hielt der Mann dagegen. Der Wächter wollte nach Verstärkung rufen, doch heraus kam nur ein heiseres Krächzen. Es war, als hätte der Alkohol ihm die Kehle verbrannt.

Dennoch sah der Schnapshändler sich argwöhnisch um. Sie mussten es rasch zu Ende bringen, bevor jemand aufmerksam wurde.

Die Magd verharrte einen Augenblick neben der Leiche. Dann machte sie Anstalten, ihrem Herrn zu Hilfe zu kommen.

»Vergiss es!«, rief der. »Den Querbalken! Nimm den Querbalken vom Tor!«

Die blonde Magd zögerte. Bedächtig ging sie auf das Tor zu und legte die Hände um den Holzbalken. Der Riegelbalken, den drei Männer kaum zu heben vermochten, glitt langsam aus der Führung.

Mit einem heiseren Fluch schlug der Wachsoldat ein letztes Mal nach seinem Gegner. Dann wankte er zurück in den Unterstand, ließ das Kurzschwert fallen und ergriff einen Spieß. In einer fließenden Bewegung, die seine trägen Füße Lügen strafte, fuhr er herum, holte aus und schleuderte die Waffe.

»Nein!« Der Schnapshändler sprang vor und stach dem nun waffenlosen Posten den Dolch in die Brust. Zu spät.

Der Speer fand sein Ziel, fuhr der Magd in den Rücken und durch ihren Leib hindurch ins Holz, sodass sie an den halb herausgezogenen Riegel genagelt war.

»Gotor piss mich an«, stieß der Händler zwischen zusammengepressten Zähnen hervor. Er riss den Dolch heraus und stach wieder zu. Und noch einmal. Der Soldat ging zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Vom Stadttor her ertönte ein Bersten. Die Magd zerrte an dem Riegelbalken und stemmte sich mit den Armen und ihrem ganzen Körpergewicht dagegen.

»Nein!« Der Schnapshändler barg den Kopf in den Händen. »Das macht die Sache nur noch schlimmer.«

Aber er tat nichts, um seine Bedienstete aufzuhalten, und so bog sie langsam den baumdicken Balken gegen die Führungsschienen, bis das Holz splitterte und der Riegel und Teile des Torbeschlags zu Boden fielen. Dann kroch die Magd davon, den Riegelbalken, an den sie genagelt war, hinter sich herziehend.

Die ganze Zeit hatte sie keinen Laut von sich gegeben.

Der Schnapshändler sprang vor und drückte einen Türflügel auf. Sogleich stürmte ein Reiter herein, dem weitere folgten. Sie mussten den Kopf einziehen, um nicht oben an den Torbogen zu stoßen. Schwer bewaffnete Krieger zu Fuß kamen hinterdrein.

Die Männer sammelten sich auf dem Torplatz. Die Reiter wendeten ihre Pferde und hielten Ausschau. Als kein Feind sich ihnen in den Weg stellte, lenkte der Anführer sein Tier zu dem Schnapshändler.

»Ihr habt Euer Versprechen tatsächlich gehalten, Meister Runnik«, sagte er und klang fast enttäuscht. »Der Graf wird zufrieden sein.«

»Das hoffe ich doch«, erwiderte Runnik. »Er hat mir die Herrschaft über Raghabar versprochen, wenn ich die Tore der Stadt für ihn öffne. Nun seid leise, bis Ihr an die Brücke kommt, Ritter Amselfink. Wir müssen beide Teile der Stadt besetzen, bevor Alarm gegeben wird – sonst zerrinnt uns der Erfolg zwischen den Fingern.«

Die Krieger zogen weiter. Runnik blieb zurück. Als der Torplatz wieder verlassen vor ihm lag, wandte er sich seiner Magd zu. Die lag neben dem Zugang bäuchlings auf dem Querriegel, und der Speer ragte aus ihrem Rücken, als hätte man sie gepfählt.

»Strohköpfchen.« Runnik schüttelte den Kopf. »Das wird mir Arbeit machen.«

Er packte die Waffe und riss sie mit einigem Geruckel aus dem Holz. Dann zog er den Schaft aus dem Leib der Dienerin. Kein Blut klebte am Holz oder an der stählernen Spitze. Nur Stroh quoll aus dem Loch in der Kleidung.

»Das werde ich nähen müssen«, stellte Runnik fest. »Am besten, bevor es weiter einreißt.«

Es war der erste Frühlingstag im Meerbergener Land – so fühlte es sich jedenfalls an. Die Sonne strahlte vom wolkenlosen Himmel, und ein lauer Wind vertrieb die Kälte, die immer noch vom Boden oder vom Meer her aufstieg.

Ritter Lacan von Galdingen nutzte die Gelegenheit für einen Ausflug mit seiner Nachbarin Nessa.

»Wohin reiten wir?«, fragte sie, als Lacan sie durch die Wiesen und Waldstücke führte, die sich zwischen den Rittergütern im Hinterland der großen Hafenstädte an der Südküste des Reiches erstreckten.

»Hm, hm …« Lacan fühlte sich plötzlich beklommen und hätte fast nach einem Vorwand gesucht, um sein Vorhaben abzublasen. Aber das durfte er Nessa nicht spüren lassen – sie hatte nichts übrig für Feigheit. »Das wirst du schon sehen«, sagte er nur. »Wenn du mithalten kannst!«

Er gab seinem Ross die Sporen.

Nessa lachte. Sie beugte sich tief über den Hals ihres Pferdes und trieb es an. Bald hatte Lacan alle Mühe, vor ihr zu bleiben. Selbst wenn er keine Rüstung trug, wog Nessa kaum mehr als halb so viel wie er, und er vergaß immer wieder, was das beim Reiten ausmachte.

Sie galoppierten über eine Wiese, auf der knöchelhoch das Wasser stand. Unter den Hufen spritzten Wasserfäden und losgerissene Grassoden auf. Lacan hatte Bedenken, dass sein Wallach auf dem unsicheren Grund stolperte. Aber er hatte das Rennen angefangen und konnte jetzt keinen Rückzieher machen. Sein Herz raste schneller als zuvor, doch auf angenehme Weise. Es half ihm, die Sorgen zu zerstreuen.

Vor einem Wäldchen fiel er dem Pferd in die Zügel und lenkte es vorsichtiger den schmalen Pfad entlang. Nessa brachte ihr Pferd neben ihm zum Stehen und ließ es verspielt steigen.

»Was ist?«, fragte sie. »Ist dein Zossen schon erschöpft? Ich habe gehört, du hast deine Streitrosse im Stall fett und faul werden lassen während des Winters.«

»Sie haben ein wenig Ruhe verdient«, gab Lacan zurück.

Der Rückmarsch von Horome im letzten Jahr war beschwerlich gewesen. Bei dem Kampf in den Gassen der Stadt hatten sie viele Männer verloren, und Lacan wusste bis heute nicht genau, ob es ein Sieg gewesen war oder eine Niederlage. Aber die Ritter aus Barratain hatten sich aus diesem Teil des Reiches zurückgezogen, also konnte er den Feldzug wohl als Erfolg ansehen.

Doch sein Heer hatte sich noch am selben Tag aufgelöst, und Lacan und Nessa hatten auf dem Rückweg erlebt, wie unsicher die Straßen waren, wenn man nicht mit ein paar Tausend Kriegern unterwegs war.

»Aber reden wir nicht davon«, sagte er. »Heute wollte ich den Frühlingsanfang feiern!«

Sie ritten weiter und ließen den Wald hinter sich und gelangten auf eine ausgedehnte Lichtung. Ein großer flacher Tümpel mit torfigem Rand lag dort inmitten von saftigem Grün. Bunte Blüten trotzten der frühen Jahreszeit, Büsche und Schilf säumten malerisch das Ufer. Gleich vor ihnen lag ein Boot, lose an einer Wurzel vertäut. Die Ruderbänke waren mit weißem Tuch bedeckt, ein Picknickkorb stand am Bug, Blumengirlanden hingen am Bootsrand.

Lacan stieg ab und führte das Pferd am Zügel. Nessa folgte ihm. Der sumpfige Boden schmatzte unter ihren Stiefeln. Nessa zog die Stirn kraus und sah sich um. Sie zeigte auf die Blumenwiese.

»Bei manchen dieser Blüten könnte ich schwören, dass sie hier unmöglich wachsen können.«

Und schon gar nicht zu dieser Jahreszeit. Lacan lächelte. Er hatte Sobrun mit einigen Mädchen noch vor dem Morgengrauen losgeschickt, damit sie die letzten Vorbereitungen trafen. Und es gab Blumenhändler in der Hafenstadt, die konnten Wunder wirken.

Lacan zog das Boot heran und hielt es fest. »Nach Ihnen, meine Dame.«

Leichtfüßig sprang Nessa an ihm vorbei und setzte sich an den Bug. »Wohin geht die Überfahrt, mein Ritter?«, fragte sie.

»Oh«, sagte Lacan. »Ich hoffe, in der Mitte des Sees mit Euch einen Schatz zu heben.«

Er setzte einen Fuß über die Bootswand, und das Boot begann zu schaukeln. Ungeschickt ruderte Lacan mit den Armen. Nessa hielt den Korb mit den Vorräten fest, damit er nicht über Bord ging.

»Gemach, gemach!«, rief sie.

Gebückt hievte sich Lacan über die Planken, bis er die Ruderbank fassen konnte. Schwer atmend ließ er sich fallen. Das Boot beruhigte sich langsam.

»Du warst nicht oft auf dem Wasser«, stellte Nessa fest.

»Ich war oft hier als Kind«, erklärte Lacan. »Es ist einer der schönsten Orte, die ich kenne. Zur richtigen Jahreszeit hört man die Frösche und die Vögel, und die Grillen von der Wiese. Doch meine Mutter hätte mir nie erlaubt, ein Boot herzubringen.«

»Ich hoffe, du erwartest nicht, dass ich rudere«, sagte Nessa spöttisch.

Lacan schüttelte den Kopf. »Auf keinen Fall. Ich mag zwar mit Booten nicht vertraut sein, aber ich bin kräftig genug, um die Ruder zu führen.«

»Um damit zuzuschlagen«, bemerkte Nessa spitz.

Lacan zuckte die Achseln. »Ich habe einmal gesehen, wie es geht. Das kann ja nicht so schwer sein.«

Er tauchte die Ruderblätter in den Teich, und das Boot schaukelte wieder. Lacan biss die Lippen aufeinander.

Nessa sah ihn an, und Lacan bemerkte ein Blitzen in ihren Augen.

»Was ist?«, fragte er misstrauisch.

»Die Leinen.« Nessa wies an ihm vorbei zum Ufer.

Lacan erkannte, dass das Boot noch dort vertäut war. Er fluchte leise, als er abermals durch das Boot stakste und die Knoten löste. Wieder schaukelte es. Schnaufend ließ Lakan sich auf der Ruderbank nieder. Dann ruderte er los.

Nach drei Zügen glitt das Boot sanft zur Mitte des Sees hinaus, und Lacan befand, dass dies genau die richtige Geschwindigkeit war. Er legte die Ruder weg, das Boot trieb eine Weile dahin und lag schließlich ruhig auf dem Wasser. Dann drehte es sich langsam, sodass Lacan und Nessa die Landschaft gemächlich vorübergleiten sahen.

Es war perfekt.

Lacan lächelte.

»Also«, sagte Nessa. »Was hat es mit dem Schatz auf sich? Müssen wir ihn einer bösen Meerjungfrau entreißen?«

Lacan erinnerte sich an ein Wasserwesen, das er auf der Rückreise von der heiligen Wacht in den Schwarzen Bergen gesehen hatte. Es kam ihm vor wie ein anderes Leben. Ihn fröstelte.

»Der Wein.« Er wies auf den Korb. »Ich habe einen wirklich guten Tropfen einpacken lassen.«

Nessa legte die Hand auf den Korbdeckel. »Sollte man das Feiern nicht verschieben, bis der Schatz gehoben ist?«

»Vertrau mir.« Lacan grinste. Allmählich fühlte er sich sicherer. »Bei diesem Schatz kommt alles auf die Stimmung an.«

Sie tranken. Nessa suchte in dem Korb und fand die Süßigkeiten aus der Stadt unter dem weißen Brot und den Früchten aus den Kolonien. »Was hast du dafür bloß ausgegeben?«, fragte sie.

Es war still auf dem Wasser. Frösche hörten sie keine quaken, doch auf der anderen Seite des Waldes krächzten ein paar Krähen so laut, als würden sie streiten. Der Wind über dem Teich fühlte sich kälter an, als sie so dasaßen.

Es war die falsche Jahreszeit.

Nessas Finger tippten auf den Korb.

Lacan biss sich auf die Lippen. Er straffte sich.

Jetzt oder nie!

Er sprang auf, tat einen halben Schritt auf Nessa zu und beugte die Knie. »Nessa«, rief er. »Ich wollte …«

Das Boot schaukelte heftig. Lacan ruderte mit den Armen. Nessa schrie auf und klammerte sich an der Bootswand fest, dann löste sie eine Hand und hielt den Korb fest, der an ihr vorbeirutschte.

»Lacan!«, rief sie. »Setz dich hin!«

Lacan kämpfte um das Gleichgewicht, aber mit jeder hektischen Bewegung verstärkte er das Schaukeln nur, und vom eigenen Schwung getragen, kippte er über die Seite. Einen Moment lang schlug er in Panik um sich. Das Wasser um ihn wurde schwarz, als er den morastigen Grund aufwühlte.

Dann spürte er den Boden unter den Füßen und richtete sich auf.

Prustend und spuckend kam er an die Oberfläche. Der Tümpel war nicht tief. Das Wasser reichte ihm gerade bis zum Bauchnabel. Gleich vor ihm trieb das Boot, es schaukelte immer noch leicht. Nessa saß wie festgewachsen im Bug, hielt den Picknickkorb im Arm. Sie war tropfnass – sie musste einen Schwall abbekommen haben, als er ins Wasser gefallen war.

Lacan spürte, wie er rot wurde, und dann stieg ein Kichern in seiner Kehle hoch, das er nicht unterdrücken konnte. »Entschuldige«, sagte er. »Entschuldige, ich …« Er prustete los.

»Ich überlege gerade, ob ich allein zurückrudere«, sagte Nessa.

»Es tut mir leid«, sagte Lacan und rang nach Atem. Allmählich spürte er, wie kalt das Wasser war. Seine Zähne schlugen aufeinander.

Nessa hielt ihm die Hand hin. »Nun komm schon wieder rein.«

Einen Augenblick lang hatte er das Gefühl, dass er das Boot vollends zum Kentern bringen würde, aber mit Nessas Hilfe – und indem er ihren Anweisungen folgte – saß er schließlich wieder darin. Er beugte sich auf der Ruderbank vornüber und schlotterte. Die Sonne schien mit einem Mal gar keine Kraft mehr zu haben.

»Es tut mir leid«, wiederholte er jetzt zerknirscht.

»Was sollte das eigentlich werden?«, fragte Nessa.

Aus seiner zusammengekauerten Haltung blickte Lacan zu ihr auf. Er lächelte verlegen. »Ich wollte dich fragen, ob du mich heiraten willst.«

»Jetzt?«, fragte Nessa. »Wenn du dafür eine Bootsfahrt machen willst, warum wartest du nicht auf den Sommer?«

»Nun«, sagte Lacan. »Das Fest des Lebens steht bevor. Ich wollte es vorher klären. Womöglich können wir dann schon heiraten.«

»Das Fest des Lebens?« Nessa sah ihn fassungslos an.

»Ich war wohl voreilig.« Lacan nahm eine der Decken von der Bank und trocknete sich damit ab. »Ich hatte es mir anders vorgestellt. Es ist wirklich ein schöner Ort hier.«

Nessa nahm ihm die Decke ab.

»Das Fest des Lebens«, wiederholte sie. »Glaubst du, ich brauche einen dummen Feiertag, um mir zu nehmen, was ich haben will?«

Sie beugte sich zu ihm und löste die Knebel an seinem Wams. Lacans Herz schlug schneller, und er vergaß, wie kalt ihm war. Erst zögernd, schließlich rascher half er auch Nessa aus ihrer nassen Tunika.

Dann zog Nessa die Decke über sie beide.

Auf dem Rückweg übernahm Nessa die Führung. Gedankenversunken ritt Lacan hinter ihr und zog an dem feuchten Stoff seiner Kleidung, die klamm auf der Haut klebte. Es dauerte eine Weile, bis er bemerkte, dass der Weg nicht heimwärts führte.

»Wohin willst du?«, fragte er.

»Nur Geduld«, gab Nessa zurück. »Ich wollte dir heute auch noch etwas zeigen.«

Sie waren lange unterwegs, und Lacan bedauerte schon, dass er Nessa die Decke als Mantel überlassen hatte. Endlich gelangten sie über eine Allee zu einem Anwesen, einem weitläufigen, bogenförmigen Bau, um den herum fünf gleichartige Nebengebäude sternförmig angeordnet standen. Im ersten Moment glaubte Lacan, dass Nessa ihn zu einem besonders prachtvollen Gutshof gebracht hatte. Aber bis auf einen Stall sahen die Nebengebäude nicht aus wie Wirtschaftsräume, sondern dienten anscheinend zum Wohnen.

Ein fast zwei Meter großer Hüne trat aus dem Haupthaus. Mit seinen breiten Schultern und dem kräftigen Körperbau hätte er als Krieger durchgehen können, doch er trug eine einfache weiße Kutte. Er hob die Arme zu einem Willkommensgruß, und Nessa stieg ab und führte ihr Pferd auf ihn zu.

»Meister Zindal!«, begrüßte sie den riesenhaften Mann.

»Nessa, meine Liebe!« Zindal legte ihr eine Hand auf die Schulter, kniff die Augen zusammen, und sein Blick streifte Lacan. »Schön, dass ihr hier seid. Ihr müsst euch erst umkleiden und euch aufwärmen, wie ich sehe!«

Er winkte, und weitere Menschen kamen heran, einfache Knechte, aber auch Männer und Frauen in geistlichen Kutten. Lacan bekam ein flaues Gefühl im Magen.

Das ist ein Kloster!, schloss er. Wollte Nessa ihn etwa beim Wort nehmen und ihn auf der Stelle heiraten? Lacan hatte noch nie von diesem Ordenshaus gehört, obwohl es kaum drei Stunden zu Pferd von seinem Landgut entfernt lag.

Die Knechte brachten die Tiere in den Stall, während die Ordensleute Nessa und Lacan zu einem der Nebengebäude führten. Dort gaben sie ihnen frische Gewänder und ließen ihnen Zeit, sich umzukleiden. Dann brachte man die Besucher zurück zum Haupthaus, wo sie bald mit einem Glas Punsch behaglich vor einem Kamin in einer Art Leseraum saßen.

Meister Zindal wartete schon auf sie. In seiner schlichten Kutte sah er nicht aus wie einer der Oberen des Klosters. Dennoch stand er unbefangen zwischen den Vorstehern, die sich nach und nach versammelten. Er trat als ihr Sprecher auf und stellte mit angenehm tiefer Stimme seine Mitbrüder und Mitschwestern vor:

»Meister Ander«, begrüßte er einen Mann in mittleren Jahren, der noch weniger nach einem Priester aussah als Zindal selbst: Ander trug ein bürgerliches Wams aus schwarzem Samt und eine glänzende schwarze Hose. Mit seinen schwarzen Haaren, den dichten Brauen und dem mürrischen Ausdruck im Gesicht bot er ein finsteres Bild.

Er nickte den Gästen zu, nahm sich einen Becher Punsch und ließ sich schweigend nieder. Es folgten zwei schwarzhaarige, dunkeläugige Priesterinnen, die aussahen wie Zwillingsschwestern und die sich nur in der Farbe ihrer Roben unterschieden: Scabeas Gewänder hatten einen matten Grünton, während Scipia mit ihrer rot-gelben Kutte zumindest bponursgefällige Farben trug – wenn auch in einem Muster, das selbst bei einem Ballkleid Aufsehen erregt hätte. Seide raschelte, als die Schwestern Platz nahmen.

Etwas lag in der Luft, aber Lacan hatte keine Ahnung, was bei diesem Treffen herauskommen sollte. Nessa hatte ihm nichts verraten, und Zindal schien auf jemanden zu warten, denn er blickte immer wieder zur Tür. Inzwischen gab er ein paar allgemeine Erklärungen.

»Wir sind ein sehr kleiner Orden«, erzählte der Priester. »Fünf Meister und neun Schüler leben hier, dazu natürlich das Gesinde.«

Lacan ließ sich tiefer in den bequemen Sessel sinken. Er wusste, dass Zindal vor allem zu ihm sprach, dennoch kämpfte er gegen den Schlaf an. Zindals tiefe, wohlklingende Stimme verwob sich mit dem Geflüster der Zwillinge, die im Hintergrund leise miteinander tuschelten. Der warme Punsch stieg ihm in den Kopf – vor allem, da er und Nessa auf dem Boot schon eine Flasche Wein geleert hatten.

»Wir haben uns der Erforschung der Magie verschrieben«, erklärte Zindal. »Jeder unserer fünf Meister hat ein besonderes Fachgebiet: Ich studiere die Alchemie …«

»Moment!« Lacan fuhr auf. Er erinnerte sich an das Steckenpferd seines alten Mentors Valdar und daran, wie dessen eigene Zauberei ihn getötet hatte – während er damit Nessa und die Patrizier von Meerbergen vor einem Angriff geschützt hatte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Fluch der weißen Hexe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen