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Der Fluch der bösen Tat

Über die Autorin

Ann Granger war früher im diplomatischen Dienst tätig. Sie hat zwei Söhne und lebt heute mit ihrem Mann in der Nähe von Oxford. Bestsellerruhm erlangte sie mit der Mitchell-und-Markby-Reihe und den Fran-Varady-Krimis. Nach Ausflügen ins viktorianische England mit den Lizzie-Martin-Romanen, knüpft sie mit der Serie um Inspector Jessica Campbell wieder unmittelbar an die Mitchell-und-Markby-Reihe an.

ANN GRANGER

DER FLUCH DER BÖSEN TAT

Mitchell & Markbys vierzehnter Fall

Ins Deutsche übertragen von Axel Merz

BASTEI ENTERTAINMENT

Mit herzlichem Dank an Tim Buckland, Bakkalaureus der Zahnheilkunde, für seinen Expertenrat und seine Hilfe in dentalen Fragen bei diesem und vorhergehenden Büchern.

KAPITEL 1

DAS PUB nannte sich Drover’s Rest. Das verblasste Schild schaukelte monoton knarrend hin und her und zeigte eine Herde Schafe sowie eine Gestalt in einem Bauernkittel. Die Schafe waren zu groß dargestellt oder der Schäfer zu klein, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man es betrachtete. Guy Morgan betrachtete es nicht länger als unbedingt nötig, bevor er seinen Rucksack von den Schultern gleiten ließ und sich mit einem erleichterten Seufzer aufrichtete. An der mürben Steinwand lehnte eine Reihe Fahrräder. Er war also nicht der Erste, der zu einer mittäglichen Rast hergekommen war.

Guy war nicht sehr weit gewandert an jenem Tag, doch das Wetter hatte an seiner Kraft gezehrt, und seine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Der Staub in seiner Nase hatte seine Kehle trocken werden lassen und einen rasenden Durst in ihm geweckt. All das war die Schuld dieses Windes, der auch mit dem Kneipenschild spielte. Der April ist normalerweise eine Zeit der Böen und der Schauer, die sich immer wieder mit Sonnenschein abwechseln. Doch dies hier war ein Südwind, der in den verschiedenen Teilen Europas verschiedene Namen trägt und für alle möglichen Beschwerden verantwortlich gemacht wird, angefangen von allgemeiner Schlaffheit bis hin zu Depressionen. Er hatte eigentlich überhaupt nichts zu suchen hier in den rollenden Hügeln der Cotswolds. Er war ein Kind der Wüste, das eine falsche Abzweigung genommen hatte. Er war über das Mittelmeer und den Kontinent gekommen und marodierte seit inzwischen vierundzwanzig Stunden unberechenbar und erbarmungslos über der englischen Landschaft.

Hoch oben am Himmel kämpften Vögel, um ihren Kurs gegen die launischen Strömungen zu halten. Seit dem frühen Morgen, als er aufgebrochen war, fühlte sich Guy von diesem Wind belagert. Er hatte ihm die Haare zerzaust und ihm seinen warmen, unangenehmen Atem ins Gesicht geweht. Jetzt stieß Guy die Tür zum Pub auf, froh über die Aussicht, seinen Folterknecht für eine Stunde los zu sein.

Er fand sich in einem lang gestreckten Raum mit niedriger Decke wieder, der sich durch das gesamte Gebäude zog. Er war zwischen massiven Tragbalken aus Eiche durch eine Gipswand mit einer Öffnung darin unterteilt. Guy schätzte, dass es sich bei dieser Wand um eine ehemalige Abtrennung handelte. Dahinter und zur Rechten hatten die Besitzer der Fahrräder sich niedergelassen. Sie kauerten an winzigen Tischen, tranken eigenartige Getränke und machten kurzen Prozess mit verschiedenen nahrhaften Snacks. Guy hatte nichts gegen Radfahrer, doch er neigte eigentlich mehr dazu, ihnen während seiner Pausen aus dem Weg zu gehen. Sie jagten in extrem unbequemer Haltung tief über die Lenker ihrer Räder geduckt in merkwürdig auseinander gezogenen Rudeln wie menschliche Greyhounds an ihm vorbei. Ihre Beine und Oberkörper steckten in hautengem Lycra, und ihre Schienbeine waren glatt rasiert und glänzten. Einige von ihnen trugen Schirmmützen, die Schirme nach oben geklappt. In Gedanken waren sie wohl nicht auf dieser staubigen Landstraße unterwegs, sondern kämpften sich irgendwo in den Pyrenäen einen Gipfel hinauf. Guy räumte ein, dass sie ihn wahrscheinlich ihrerseits als einen gestiefelten Technophoben betrachteten, genauso archaisch in diesem Millenniumsjahr 2000 wie den kitteltragenden Schafhirten auf dem im Wind schaukelnden Kneipenschild. Guy nickte dem am nächsten sitzenden Radfahrer kurz zu und entfernte sich dann, um sich an den Tresen zu lehnen. Der Wirt erschien vor ihm und begrüßte ihn freundlich. »Hallo, was darf’s denn sein?«

»Hallo«, erwiderte Guy. »Ich hätte gerne ein Pint und die Speisekarte, wenn es möglich ist.«

»Das ist es, das ist es.« Der Wirt schob ihm eine Plastikmappe hin.

Guy schlug sie auf und las die Speisekarte durch. Sie erschien ihm ein wenig üppig für ein so traditionell aussehendes Etablissement an einem so abgelegenen Ort. Selbst der Bauernimbiss aus Brot, Mixedpickles und Käse prahlte mit Brie.

»Haben Sie nichts mit Cheddar?«, fragte Guy.

»Wenn Sie es wünschen«, erwiderte der Wirt.

»Aber hier steht nichts davon.«

»Doch, natürlich. Sehen Sie, hier.« Der Wirt zeigte mit einem kurzen, dicken Zeigefinger auf den unteren Rand der Seite, wo Guy die Worte »Auch eine Auswahl englischer Käsesorten ist erhältlich« las.

»Welche anderen englischen Käsesorten haben Sie denn?«

»Nur Cheddar … Die Saison hat gerade erst angefangen«, fügte der Wirt bedauernd hinzu.

Guy begnügte sich mit dem Bauernimbiss, und seine Bestellung wurde laut in Richtung eines Hinterzimmers weitergeleitet. Der Wirt wandte sich wieder zum Tresen um.

»Wanderer?«, fragte er.

»Ja. Ein kurzer Urlaub, nur ein paar Tage.«

»Ganz allein?«

»Ein Kollege wollte eigentlich mitkommen, aber dann musste er absagen.«

»Oh. Ich verstehe.« Der Wirt schürzte die Lippen. »Wie weit wollen Sie denn?«

»Bis nach Bamford. Von dort aus nehme ich den Zug zurück nach London.«

»Ah, aus London kommen Sie also? Nun, vielleicht haben Sie ja Glück.«

Guy war nicht sicher, was der Wirt damit meinte. »Was denn, keine Züge?«, fragte er.

»O doch, natürlich, sobald Sie erst in Bamford sind. Allerdings könnten Sie ein wenig nass werden, bevor Sie dort ankommen.«

»Es war den ganzen Morgen über knochentrocken«, wandte Guy ein. »Nur ziemlich windig.«

»Das Wetter ändert sich. In Wales drüben hat es schon angefangen zu regnen, und in Devon drohen Überflutungen. Es kommt in diese Richtung. Ich hab’s im Fernsehen gesehen.«

»Dann muss ich wohl ein wenig schneller laufen, wie?«, erwiderte Guy verärgert von der offensichtlichen Selbstzufriedenheit des Wirts.

Die Tür öffnete sich, und zwei weitere Radfahrer kamen herein. Der Wirt wandte sich den neuen Gästen zu und ließ Guy in Frieden. »Vielleicht sollten Sie sich ein Fahrrad zulegen wie die anderen auch«, waren seine Abschiedsworte.

Ein Kaugummi kauendes Mädchen mit einem Teller voll Salat tauchte aus dem Hinterzimmer auf und blickte Guy mit einer Mischung aus Zweifel und Abschätzung an. »Sie kriegen den Bauernimbiss?«

Er nahm sein Mittagessen entgegen und zog sich in eine Ecke zurück, wo jemand seine Boulevardzeitung hatte liegen lassen. Guy setzte sich mit seinem Essen, seinem Bier und den jüngsten Skandalen hin. Als er mit allen dreien fertig war, bemerkte er einen Schatten auf der Seite und die schwache Wärme eines anderen menschlichen Wesens in der Nähe. Er hörte laut schnaufendes Einatmen. Er blickte auf.

Das Mädchen mit der näselnden Stimme stand bei ihm am Tisch und betrachtete ihn auf merkwürdig beunruhigende Weise, dann streckte sie die Hand nach seinem Teller aus. Ihre Fingernägel waren abgekaut, und am Mittelfinger der rechten Hand steckte ein billiger Ring. Instinktiv ging Guy in die Defensive. Er kannte diesen Typ Frau.

»Fertig mit Essen?«, erkundigte sie sich.

»Ja, danke sehr«, antwortete er.

Sie nahm den Teller auf, doch anstatt sich damit zu entfernen, blieb sie wie angewurzelt mit dem Teller in beiden Händen bei ihm stehen.

»Wanderer?«

Es gelang ihm, nicht derb »Sieht man das denn nicht?« hervorzustoßen. Er bejahte ihre Frage so knapp wie möglich.

Sie war unempfänglich für subtile Hinweise. »Ganz allein?«

Er hatte es bereits dem Wirt erklärt, und zum Teufel, er würde es diesem Raubtier von Frau nicht auch noch erklären. Er nickte knapp, ohne ihr die Befriedigung einer richtigen Antwort zu geben, was die Konversation, so man es so nennen konnte, nur länger hätte dauern lassen.

»Schade«, sagte sie. »Macht sicher nicht viel Spaß, so ganz allein. Niemand, mit dem man reden kann. Wo übernachten Sie heute?«

»Weiß ich noch nicht so genau«, wich er der Falle aus.

»Das Fitzroy Arms in Lower Stovey vermietet Zimmer«, bot sie ihm an.

»Ich hoffe doch, dass ich noch ein wenig weiter komme als bis nach Lower Stovey.«

»Schade«, sagte sie. »Ich wohne nämlich da.«

Der Wirt rettete ihn, indem er herbeigeschossen kam und befahl: »Los, Cheryl, komm in die Gänge. Steh nicht rum und halt Maulaffen feil.«

»Vielleicht will er ja noch einen Nachtisch«, verteidigte sich Cheryl und fügte säuselnd in Guys Richtung gewandt hinzu: »Wir haben Apfeltorte, Zitronenbaiser und Eiskrem.«

Guy lehnte dankend ab. »Ich muss weiter.«

»Wie Sie meinen«, sagte sie und stolzierte in Richtung Küche davon.

»Hinter jeder Hose her, die da«, bemerkte der Wirt und trottete wieder hinter seinen Tresen.

Guy bemerkte erst jetzt, wie leer das Lokal in der Zwischenzeit geworden war. Er war der einzige Besucher. Die Radfahrer hatten sich besonnenerweise längst wieder auf den Weg gemacht. Mit einem schuldbewussten Blick auf seine Armbanduhr erkannte er, dass auch er besser früher aufgebrochen wäre. Er packte seinen Rucksack und stapfte nach draußen.

Mit einem Blick zum Himmel erkannte er, dass die Vorhersage des Wirtes sich wohl als richtig erwies. Der lästige Wind war definitiv eingeschlafen, und ein grauer Schleier am Horizont kündete ein Tief an, das sich ostwärts bewegte. Die am weitesten entfernten Hügel waren bereits in Regenschleier gehüllt. Guy marschierte los, erfrischt und in der optimistischen Hoffnung, dass es ihm vielleicht gelang, vor dem Wetter zu bleiben.

Zwanzig Minuten lang kam er gut voran, auch wenn er inzwischen bergauf wanderte. Dann landete vor ihm im Staub ein fetter Wassertropfen. Die graue Wolkenmasse war in den letzten Minuten über den Himmel gerast. Guy nahm seinen Rucksack herunter und kramte darin nach seiner Karte und dem wasserdichten Cape. Er blickte sich um. Er hatte den Gipfel noch nicht überquert, trotzdem hatte er von hier aus einen prima Ausblick auf das umliegende Land. Die Hügel waren ein subtiles Fleckwerk aus unterschiedlichem Grün, durchsetzt von gelben Feldern unter dem Schatten der Regenwolken, die inzwischen genau über ihm angekommen waren. Schafe und ihre Lämmer drängten sich an Steinmauern in unregelmäßigen weiß-grauen Gruppen. Auch Guy suchte nach einem Unterstand. In der Ferne bemerkte er eine Farm, schätzungsweise zwei Kilometer querfeldein, zu weit weg. Er konnte kehrtmachen und zum Pub zurückkehren, doch es ging ihm gegen den Strich, die gesamte Strecke zurücklaufen zu müssen, und mehr noch der Gedanke, dem grinsenden Wirt gegenüberzutreten. Niemals eine Niederlage eingestehen.

Guy fuhr mit dem Finger die gepunktete Linie auf der Karte entlang, die den alten Viehtreiberweg markierte. Es war nicht mehr als ein steiniger Pfad, weit abseits der modernen Asphaltbänder, die das Land durchzogen, doch er verlief schnurgerade durch die Gegend. Manche sagten, er wäre schon von den Römern angelegt worden, die berühmt waren für ihre Straßen, als ihre Legionen bei der Eroberung Britanniens nach Norden marschiert waren. Mit Sicherheit war der Pfad jedenfalls schon in den ersten schriftlichen Aufzeichnungen über die Geschichte der Gegend als Viehweg markiert. Früher einmal hatte hier starker Verkehr geherrscht; Viehtreiber, die ihre Rinder in die Städte zu den Schlachtern getrieben hatten, Landbevölkerung auf dem Weg zum Markt oder vom Markt nach Hause, Schafe vor sich hertreibend und mit schweren Körben voll landwirtschaftlicher Erzeugnisse beladen, kleine Karawanen von Lastponys, die Güter zu isolierten Weilern brachten oder geschorene Wolle in die Stadt zum Spinnen. Dann hatte die Wollindustrie an Bedeutung verloren. Viele der Märkte waren verschwunden oder hatten auf die eine oder andere Weise in neuer Form und ohne Tiere überlebt. Die Viehtrift wurde nicht länger benötigt. Heutzutage waren nur noch Wanderer wie Guy hier anzutreffen und Radfahrer wie jene, denen er im Pub begegnet war, sowie Reiter.

Gelegentlich und zum Ärger aller drei Gruppen raste ein destruktives Motorrad brüllend über die Hügel. Der Weg maß an seiner breitesten Stelle vielleicht drei Meter, und stellenweise wurde er so schmal, dass kaum mehr als zwei Leute nebeneinander hergehen konnten, ohne sich gegenseitig zu behindern.

Guy klappte seine Landkarte auf. Der Wind, wie um zu beweisen, dass er immer noch genug Kraft hatte, erfasste sie und zerrte daran, sodass sie in seiner Hand flatterte und er nicht lesen konnte. Einen Moment drohte sie sich loszureißen. Er hockte sich mit der Karte hin und breitete sie auf dem Boden aus. Ein weiterer Regentropfen fiel mitten darauf, während er sie mit den Händen auf dem Boden festhielt. Die Ortschaft Lower Stovey war der nächstgelegene Weiler, doch sie war noch wenigstens drei Kilometer entfernt und bedeutete einen Umweg. Außerdem war es der Ort, wo diese Cheryl aus dem Pub wohnte. Er wusste nicht, zu welchen Zeiten sie arbeitete, doch wahrscheinlich hatte sie am Nachmittag frei, und er verspürte nicht den Wunsch, ihr noch einmal zu begegnen. Er fragte sich, wie sie zur Arbeit und wieder nach Hause kam, und er meinte sich undeutlich an einen Motorroller zu erinnern, der an der Seite des Pubs geparkt hatte.

Doch es gab einen zweiten Zufluchtsort. Unmittelbar hinter dem Kamm des Hügels musste ein Weiler namens Stovey Woods zu sehen sein.

Hastig faltete Guy seine Karte zusammen und zerknitterte sie dabei noch mehr, dann steckte er sie in den Rucksack, schlang sich die Tragriemen über die Schultern und zog sich das wasserdichte Cape über den Kopf und den Rucksack. Der Regen fiel inzwischen heftiger, und dicke Tropfen klatschten ihm ins Gesicht und gegen die nackten Beine. Staub wirbelte auf, als die Tropfen auf den noch trockenen Boden prallten. Langsam verschmolzen die einzelnen Tropfen miteinander, während der Boden seinen Durst stillte. Bald schon würden sich die Tropfen in Pfützen sammeln und das Erdreich in Schlamm verwandeln.

Guy marschierte entschlossen los.

Er überquerte den Kamm und wanderte auf der anderen Seite auf den dunklen Saum zu, der den Waldrand markierte, als er einen Blitz sah. Wie er es als Kind gelernt hatte, zählte er im Geiste die Sekunden. Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig … Der Donnerhall rollte über das Land. Drei, vier Kilometer. Das Donnergrollen war kaum verklungen, als der nächste Blitz so grell über den Himmel zuckte, dass es Guy in den Augen schmerzte. Er spürte ein kurzes Hitzegefühl im Gesicht und dachte, meine Güte, das war ein verdammtes Stück näher!

Er lief los, den Hügel hinunter. Gelerntes Wissen sagte ihm, dass er sich nicht unter einem Baum unterstellen sollte, solange ein Gewitter tobte. Guy hoffte, dass das nur für offenes Land galt. In einem Wald war die Chance, dass der Blitz ausgerechnet in den Baum schlug, unter dem man sich untergestellt hatte, um einiges geringer.

Je näher er dem Waldrand kam, desto mehr erschien er ihm als dunkle, undurchdringliche Masse. Er spürte eine atavistische Unruhe in sich aufsteigen. Der Wald war stets ein Ort gewesen, in dem man sich fürchten musste, heimgesucht von Elfen, Banditen und wilden Tieren. Heutzutage doch nicht mehr, tröstete sich Guy. Nicht in unserem modernen Zeitalter, wo wir uns befreit haben von mittelalterlichem Entsetzen. Keine Elfen, keine Hexen, hoffentlich keine Banditen und keine …

»Höllenzahn!«, hörte Guy sich ausrufen. »Was um alles in der Welt ist denn das?«

Irgendetwas, irgendein Tier, hatte am Waldrand im hohen Gras gelegen. Bei Guys Näherkommen erhob es sich. Zuerst meinte Guy, es wäre ein großer Hund, doch die dunklen Umrisse stimmten absolut nicht für einen Hund. Vielleicht eine Ziege? Unmöglich – nein, es war ein kleines Reh, ein Muntjakhirsch. Guy lachte erleichtert auf. Der Muntjak, aufgeschreckt durch Guys Eintreffen, trottete mit angelegten Ohren in die Deckung der Bäume.

Guy folgte dem Tier. Der Weg, die alte Straße, führte mitten durch den Wald. Dieser Teil der Wälder gehörte der britischen Forstbehörde. Es waren Kiefernwälder. Zu beiden Seiten des alten Weges gab es eine grasbewachsene Bankette mit einem sich anschließenden tiefen Graben, bevor die Bäume anfingen. Guy krabbelte durch den Graben zur Rechten und stolperte in die Dunkelheit – und Trockenheit – unter den Reihen gerader, einförmiger Stämme.

Der Nadelteppich unter seinen Füßen war weich und fühlte sich schwammig an. Der Geruch nach Harz lag so schwer in der Luft wie Weihrauch in der Kirche nach einer Messe. Auch sonst herrschte die Stille einer Kathedrale – als hielte alles den Atem an und wartete auf den Moment der Erleuchtung. Von dem Muntjak war nirgendwo eine Spur zu sehen. Er konnte ihn nicht hören. Er hörte nicht einmal das Knirschen seiner eigenen Schritte. Er hörte überhaupt nichts außer dem lauten Prasseln der Regentropfen oben in den Baumkronen.

Zwischen den Stämmen führte ein Pfad hindurch, und Guy folgte ihm automatisch. Der Weg war schmal und offensichtlich ein Wildwechsel, nicht von Menschen gemacht. Er war gewunden wie keine römische Straße, wand sich links herum um diesen und rechts herum um jenen Baum und zwang ihn zu Manövern, die er mit Bauerntänzen assoziierte. Gelegentlich vernahm er ein leises Rascheln, das nicht vom Regen stammte, irgendwo oben in den Baumkronen. Eine Taube vielleicht oder ein Specht. Genau wie er hatten die Vögel ihre Aktivitäten eingestellt und warteten still darauf, dass der Regen aufhörte und das Leben seinen normalen Lauf nehmen konnte.

Voraus lag eine Art Lichtung. Aus Neugier hielt er darauf zu, nur um zu sehen, was es damit auf sich hatte, nicht, um hinaus in den Regen zu treten. Am Rand der Lichtung blieb er stehen.

Er stand auf einer Art Wall. Er fiel steil nach unten, und am Boden, in der Lichtung, wuchs ein Gewirr aus Brombeeren, Nesseln, Bärenklau, Ampfer und kleinen Schösslingen einheimischer Bäume, die aus vom Wind hierher gewehten oder von Vögeln verteilten oder vom Rücken von Rotwild abgestreiften Samen gekeimt hatten. Dahinter befand sich eine weitere Böschung und vervollständigte die untertassenartige, kreisrunde Vertiefung. Guy stand unter der vorderen Reihe von Kiefern, die die Lichtung umgaben, und betrachtete das natürliche Amphitheater. Er stellte sich vor, auf ein Schauspiel hinunterzusehen, irgendeine Show. Neugierig geworden, was die Natur der Böschung anging, kratzte er ein wenig mit dem Absatz seines Stiefels im Dreck. Hier eine Ausgrabung durchzuführen wäre eine größere archäologische Aufgabe. Er nahm sich vor, in der Bibliothek nachzulesen, um was es sich handeln konnte, sobald er wieder zu Hause war. Herausfinden, ob irgendjemand diese Stelle bereits beschrieben hatte und ob es irgendwelche Theorien dazu gab.

Der Regen ließ nach. Seine Neugier war inzwischen stärker als sein erster Instinkt, trocken zu bleiben. Er stieg vorsichtig die Böschung hinunter. Der Untergrund war locker und instabil. Wurzeln ragten aus dem Erdreich und bildeten gefährliche Schlingen. Nesseln streiften gegen seine nackten Beine und hinterließen schmerzende, juckende Quaddeln. Brombeeren zerkratzten seine ungeschützte Haut. Die Natur schien sich gegen ihn zu verbünden, als wollte sie den Möchtegern-Eindringling vertreiben.

Der Muntjak musste sich hier versteckt haben, doch er hatte das Tier nicht bemerkt. Jetzt sah oder witterte der Muntjak ihn. Ohne Vorwarnung sprang er aus dem Unterholz, jagte auf der anderen Seite der Lichtung den Hang hinauf und verschwand unter den Bäumen. Verblüfft, obwohl er wusste, was es war, hielt Guy inne, rutschte aus, spürte, wie der Boden unter ihm nachgab, und fiel.

Er purzelte Hals über Kopf und ruderte vergeblich nach etwas, woran er sich festhalten konnte, durch die Brombeeren und Nesseln, bis er auf dem Bauch zu liegen kam und mit dem Gesicht in der verrottenden Vegetation landete. Es roch faulig nach stehendem Wasser, das sich unten im Becken gesammelt hatte. Er bewegte sich vorsichtig, einen Arm und ein Bein nach dem anderen, während er seinen Leib nach Brüchen und Prellungen abtastete. Alles schien okay zu sein. Er hatte Glück gehabt, doch er würde noch ein paar Tage lang einen schmerzenden Rücken haben vom Rucksack, den er sich auf dem Weg nach unten immer wieder ins Kreuz gerammt hatte.

Er erhob sich wieder und wollte sich umwenden, um auf dem gleichen Weg zurückzugehen, auf dem er hergekommen war. Dann bemerkte er, dass er bei seinem Sturz das Gewirr von Grün zerteilt hatte, das den Eingang zu einem unterirdischen Bau in der Seite der Böschung verdeckte. Zu groß, dachte er, für ein Kaninchenloch. Ein Fuchs vielleicht, oder sogar der Eingang zu einem Dachsbau. Er kniete vor der Öffnung nieder, kratzte ein wenig Dreck weg und spähte hinein. Schaler, fauliger Gestank schlug ihm entgegen. »Urrgh!«, murmelte er und wollte den Kopf zurückziehen, als sein Blick auf ein Objekt kurz hinter dem Eingang fiel.

Guy starrte es für einen Moment an. Dann hob er es auf, untersuchte es von allen Seiten, stieß einen leisen Pfiff aus und legte es vorsichtig wieder zurück. Er setzte sich auf, schlüpfte aus seinem Cape, nahm den Rucksack von den Schultern und kramte darin, bis er seine Taschenlampe gefunden hatte. Dann legte er sich erneut auf den Bauch und leuchtete mit dem Strahl der Lampe in den Tunnel, ohne auf die brennenden Nesseln und die kratzenden Brombeeren zu achten. Die Höhle verlief ein Stück weit zwischen Wurzeln hindurch, bevor sie nach rechts abbog, doch der Lichtstrahl der Taschenlampe erfasste einen wirren Haufen von Objekten unterschiedlicher Größen und Formen in der Nähe des Eingangs.

Guy legte die Taschenlampe hin und streckte den Arm so weit in das Loch, wie er konnte, bis seine tastenden Finger etwas Kleines, Trockenes fanden. Er hatte das Gesicht gegen den feuchten, moderigen Boden über dem Loch gedrückt. Erde löste sich aus dem Boden und fiel ihm in die Augen und die Haare. Er merkte es kaum. Schließlich hatte er jedes einzelne der Objekte aus dem Loch gezogen, das er erreichen konnte. Sie waren gelblich-braun und schienen bereits eine Weile dort zu liegen. Einige waren zerbrochen. Eins oder zwei zeigten Spuren von Zähnen, auch wenn sie alt waren. Guy hatte nicht den geringsten Zweifel, was sie waren. Menschliche Knochen.

Nachdem er alles eingesammelt hatte, was er konnte, zückte er sein Mobiltelefon und wählte die Notrufnummer. »Kein Netz«, informierte ihn das Display pflichtschuldig. Er fluchte leise. Er war an einem toten Fleck. Ein unglücklicher Ausdruck, doch passend.

Er suchte in seinem Rucksack nach etwas, worin er die Knochen einwickeln konnte. Das einzige Papier, das er bei sich hatte, war die Karte, also opferte er sie. Dann kletterte er die Böschung hinauf und folgte dem Wildwechsel bis zur alten Viehtrift, dann trottete er zwischen den Bäumen hindurch, bis er die andere Seite des Walds erreicht hatte. Dort probierte er sein Handy erneut. Diesmal war er erfolgreich.

»Welchen Notdienst wünschen Sie?«, erkundigte sich eine Stimme.

»Die Polizei«, verlangte Guy. Eine Ambulanz konnte für den Besitzer der Knochen bestimmt nichts mehr tun.

Er wurde mit der Polizei verbunden. Er nannte seinen Namen und seine Adresse, erklärte, dass er auf einem Wanderurlaub war und dass er menschliche Überreste gefunden hatte, nachdem er eine Böschung hinuntergestürzt war.

Die neue Stimme, blechern und ein wenig müde, erkundigte sich, wo er sich gegenwärtig befand. Stovey Woods, sagte er, beziehungsweise dicht davor.

»Und diese Knochen, Sir«, fragte die Stimme, »Sie sind soeben darüber gestolpert, sagen Sie?«

»Nein«, verbesserte ihn Guy. »Ich sagte, ich bin hingefallen. Ich bin eine Böschung hinuntergerollt und habe die Nesseln zerdrückt, die den Eingang zu dem Bau getarnt haben.«

»Bau?«, fragte die Stimme. »Dann handelt es sich doch wohl höchstwahrscheinlich um Tierknochen, Sir, meinen Sie nicht auch?«

»Nein, meine ich nicht«, widersprach Guy. »Wenn ich das glauben würde, hätte ich nicht bei Ihnen angerufen.«

»Die Leute glauben oft, sie hätten die Knochen von Menschen gefunden«, sagte die Stimme. »Doch es sind fast immer die Knochen eines Tiers. Das Mittagessen eines Fuchses. Sind diese Knochen klein? Könnten sie von einem Kaninchen stammen?«

»Nein!«, stieß Guy hervor. Allmählich hielt er die Stimme am anderen Ende der Leitung für die widerlich selbstzufriedenste, die er jemals gehört hatte. »Einige sind beschädigt, einige sind unvollständig, und eine Menge fehlen. Aber unter den Knochen sind eine Klavikula, Teile von zwei Rippen, drei oder vier Vertebrae, eine zernagte Tibia und eine vollständige Mandibula mit nahezu sämtlichen Zähnen darin. Einige der Zähne zeigen zahnärztliche Behandlungen. Das sollte Ihnen weiterhelfen. Unglücklicherweise fehlt der Rest des Schädels. Natürlich könnten weiter hinten im Tunnel noch mehr Knochen liegen.«

Schweigen am anderen Ende der Leitung. Guy meinte zu hören, wie die Person hinter vorgehaltener Hand mit jemandem redete. Eine neue Stimme ertönte, tiefer diesmal, befehlsgewohnter. Wenigstens klang sie nicht selbstgefällig. Sie klang misstrauisch.

»Das ist kein Scherz, Sir?«, fragte die Stimme.

»Absolut nicht!« Guy hatte Mühe, seine Frustration zu kontrollieren. »Ich frage Sie doch nur, was ich tun soll! Soll ich die Knochen zur nächsten Polizeiwache bringen, oder soll ich warten, bis Sie jemanden hier herausgeschickt haben? Ich weiß allerdings nicht, wie Sie herkommen. Ich bin auf der alten Viehtrift, wenn Ihnen das weiterhilft.«

»Wir können Sie finden, aber Sie werden verstehen, dass wir nicht den ganzen Weg dorthin gerufen werden wollen, wenn wir einem Phantom nachjagen. Ich will Sie keineswegs beschuldigen, Sir, aber Sie könnten sich irren. Diese zahnärztlichen Arbeiten, wie Sie es beschreiben – es könnte sich um gewöhnliche Verfärbungen handeln. Alte Knochen nehmen manchmal eine merkwürdige Farbe an. Gibt es vielleicht sonst noch etwas, Sir, das Sie zu der Annahme führt, dass es sich definitiv um menschliche Knochen handelt?«

»Sie wollen wissen, warum ich glaube, dass sie menschlich sind?«, heulte Guy. »Wie oft soll ich es Ihnen denn noch sagen! Weil ich sie erkenne!«

»Nicht viele Menschen wären dazu im Stande, Sir. Wieso sind Sie sich dessen so sicher?«

»Weil«, sagte Guy schwer atmend vor Zorn, »weil ich Arzt bin!«

»Das ist es«, sagte Alan Markby und bemühte sich, nicht so bestürzt zu klingen, wie er sich in Wirklichkeit fühlte.

Neben ihm im Wagen blätterte Meredith in den Broschüren des Immobilienmaklers und fand diejenige, nach der sie gesucht hatte.

»Ehemaliges Vikariat«, las sie laut. »Frühes neunzehntes Jahrhundert. Fünf Zimmer, drei Salons, steingeflieste Küche. Anbauten. Einige Renovierungsarbeiten erforderlich.«

Beide spähten durch die Windschutzscheibe auf das Haus.

»Eine Menge Renovierungsarbeiten«, sagte sie zweifelnd.

»Ein hübscher großer Garten«, wandte er ein.

Sie stiegen aus dem Wagen und öffneten das quietschende Tor. Ein Weg, der früher einmal gekiest gewesen und heutzutage beinahe völlig mit Unkräutern zugewachsen war, voll regenwassergefüllter Schlaglöcher, führte zu einem Eingang mit einer Tür, die so verkratzt war, als hätte jemand oder etwas daran gescharrt. Markby drückte den Klingelknopf.

Als Antwort ertönte ein wütendes Bellen aus dem Innern des Hauses. Dann folgten das Geräusch von tappenden Pfoten auf Parkett und eine Frauenstimme. Es klang, als wäre eine Art Balgerei im Gang. Schließlich wurde eine Tür im Innern zugeschlagen, und begleitet von angestrengtem Atem öffnete sich die Vordertür knarrend.

Die Frau, die vor Markby und Meredith erschien, war außergewöhnlich groß, obwohl sie flache Schuhe über dunklen, dicken Wollstrümpfen trug. Das unordentliche graue Haar war beinahe schulterlang, und ihre eckigen Gesichtszüge frei von jeglichem Make-up. Sie trug jedoch Schmuck in der Form baumelnder Ohrringe, die aussahen wie selbst gemacht, jeder einzelne eine Traube bunter Glaskügelchen.

Sie legte eine Hand an den Türrahmen und stützte sich ab, während sie Markby mit einem direkten Blick fixierte und »Es ist Roger!« rief.

»Nein, es ist, ich meine, ich bin Alan Markby«, antwortete Markby verblüfft. »Ich habe angerufen und einen Besichtigungstermin ausgemacht.«

»Ja, ich weiß, wer Sie sind!«, entgegnete sie. Inzwischen war sie wieder zu Atem gekommen und nahm ihre Hand vom Türrahmen. »Ich meinte meinen Hund, Roger. Er macht jedes Mal einen Heidenaufstand, aber in Wirklichkeit ist er ein dummes altes Ding. Er würde niemandem etwas tun. Er mag Besuch, aber er springt die Leute an. Nicht jeder mag das. Also habe ich ihn weggesperrt.« Sie deutete auf eine Tür, die aussah, als führte sie zu einer Toilette.

Wie auf Kommando ertönte hinter der Tür ein schwermütiges Jaulen.

»Roger mag es nicht, wenn er außen vor gelassen wird«, sagte seine Herrin. »Möchten Sie eintreten?«

Sie traten misstrauisch über die Schwelle. Roger winselte und kratzte an der Tür, hinter der er gefangen war. Die Tür klapperte in den Angeln.

»Zu groß für mich«, sagte die Frau.

»Was denn?«, flüsterte Meredith ironisch in Alans Ohr. »Das Haus? Oder Roger, der Hund?«

Er bedeutete ihr mit einer Grimasse zu schweigen, doch die Frau hatte es nicht gehört.

»Ich kann mir den Unterhalt für dieses verdammte Haus nicht mehr leisten. Das ist der Grund, aus dem ich verkaufe, und deswegen wird es nicht teuer.«

Markby bemühte sich, in Erinnerung an den Preis, seine Skepsis zu verbergen, indem er höflich fragte: »Sie sind Mrs. Scott?«

»Natürlich bin ich Mrs. Scott. Aber das können Sie ja nicht wissen, nicht wahr? Ich bin die Haushälterin. Na ja, eigentlich nicht!« Sie stieß ein überraschend tiefes, bellendes Lachen aus.

Markby bemerkte erneut Merediths Blick, und sie grinsten sich verstohlen zu. Mrs. Scott führte sie mit wehendem Rock nach drinnen. Sie trug einen handgestrickten Pullover. Markby fragte sich, ob er möglicherweise ohne Strickmuster gearbeitet worden war. Er war kein Experte in solchen Dingen, doch das Kleidungsstück hatte eine Aura bizarrer Improvisation an sich. Es war gestreift in Schichten von Rosa, Navyblau und Orange. An verschiedenen Stellen endete die Farbe mitten in der Reihe, und die nächste fing an, als wäre der Strickerin an dieser Stelle die Wolle ausgegangen. Vorder- und Rückenteile waren rechteckig, und die Ärmel in plumpem Raglan-Stil angestrickt. Sie waren röhrenförmig und ohne Bündchen. Der Pullover und die Ohrringe erweckten auf jeden Fall einen farbenfrohen Eindruck.

»Das hier ist der große Salon«, sagte Mrs. Scott und stieß eine Tür auf. Sie trat beiseite, damit Markby und Meredith eintreten konnten.

Es war ein großes Zimmer mit ansehnlichem Stuck an der Decke, doch es schien seit Jahren nicht mehr gestrichen worden zu sein. Die Tür war vergilbt, früher vielleicht einmal weiß gewesen, und um die Klinke herum dunkel und schmierig. Die Paneele waren ebenfalls verkratzt. Überall lag dicker Staub. Ein paar hübsche Silberstücke auf einem Tablett waren schwarz angelaufen vor Vernachlässigung. Ein altes Polstersofa wölbte sich an den falschen Stellen, ein wenig wie Mrs. Scott selbst, und aus Löchern im Bezug kamen derbe, glänzende Pferdehaare. Überall hafteten Hundehaare. Roger hatte seine Spuren hinterlassen. In der Luft hing ein unterschwelliger moschusähnlicher Geruch, ein wenig wie aufgehender Hefeteig gemischt mit nasser Wolle.

»Sie haben Zentralheizung«, bemerkte Alan. Er starrte zweifelnd auf den riesigen alten Heizkörper an der Wand.

»Wir haben Zentralheizung, aber sie funktioniert nicht«, sagte Mrs. Scott aufrichtig. »Sie braucht einen neuen Kessel.«

Die übrigen Zimmer waren mehr oder weniger im gleichen Zustand. Eine kleine schmuddelige Kammer, die Mrs. Scott großartig »das Arbeitszimmer« nannte, war voll gestopft mit viktorianischem Mobiliar, von dem einiges aussah, als wäre es aus einem anderen Zimmer des Hauses herbeigeschafft und hier abgestellt worden. Meredith, stets neugierig auf Bücher, hatte sich zur Wand geschoben und spähte in ein riesiges Regal aus Eiche mit Glastüren, das voll gestopft war mit ledergebundenen Bänden. Markby überflog kurz die Bücherrücken über Merediths Schulter hinweg. Es schien sich in der Hauptsache um theologische Werke zu handeln. Das untere Regal jedoch enthielt eine komplette Ausgabe der Victoria County History sowie einen fetten Folianten mit dem Titel Mensch und Mythos: Das Erbe der Vorzeit. An der anderen Wand thronte ein massiges Kreuz aus Ebenholz und Messing über einem Eichenschreibtisch. Auf dem Schreibtisch lagen ein Terminkalender, auf dem sich weißer Staub gesammelt hatte, sowie eine Meerschaumpfeife, die auf einem alten, abgegriffenen Tabaksbeutel ruhte. In der Luft hing noch immer das schwache Aroma von Pfeifenrauch, das die Möbel im Verlauf vieler Jahre absorbiert hatten. Markby spürte, wie ihm ein Kribbeln über den Rücken lief, als hätte ihn die Hand eines Geistes berührt. Gütiger Gott, dachte er. Er sieht aus wie damals. Er sieht immer noch genauso aus wie damals.

»Sie benutzen dieses Zimmer heutzutage nicht oft, oder?«, hörte er sich selbst fragen.

»Es ist genauso, wie er es zurückgelassen hat«, lautete Mrs. Scotts Antwort.

»Ja, das sehe ich«, sagte Alan Markby und spürte den plötzlichen, überraschten Blick, den Meredith ihm zuwarf. Er hätte es ihr erklären sollen, bevor sie hergekommen waren. Jetzt mussten Erklärungen warten bis später.

Die Küche war riesig, eine Kaverne von einem Zimmer, noch immer mit dem alten gusseisernen Herd ausgestattet, rostig und narbig, neben einem moderneren, fettbespritzten Gaskocher.

Oben hatte sich jemand die Mühe gemacht, das große Schlafzimmer mit großzügigen Mengen himmelblauer Farbe und extrem wenig Talent mit dem Pinsel aufzuhellen.

»Ein hübsches Zimmer, finden Sie nicht?«, fragte Mrs. Scott. »Mit einem hübschen Ausblick auf Stovey Woods. Kommen Sie, werfen Sie einen Blick aus dem Fenster.«

Sie folgten ihr zu einem Schiebefenster, das sie mühsam nach oben schob. »Es klemmt ein wenig. Die meisten Fenster hier klemmen.«

Sie sahen nach draußen. Sie konnten die Straße sehen, die durch die Ortschaft führte und sich der fernen dunklen Masse des Waldes entgegenwand.

»Wir liegen in einer Sackgasse«, sagte Mrs. Scott. »Kein Durchgangsverkehr. Ein hübsches, ruhiges Dorf ist das hier. Niemand kommt vorbei, der hier nichts zu suchen hätte. Sehr beliebt bei Leuten, die sich Wochenendhäuser zulegen. Wenn sie nicht da sind, sieht man kaum einen Wagen auf der Straße. Oh, ich will verdammt sein. Jetzt sehe ich wohl aus wie eine Lügnerin, nicht wahr?«

Ein Wagen war aufgetaucht, noch während sie geredet hatte, und nicht irgendein Wagen – es war ein Streifenwagen der Polizei. Er fuhr langsam vorüber, als wäre der Fahrer nicht ganz sicher, in welche Richtung er wollte. Markby beugte sich nach draußen, so weit er konnte, um dem Wagen hinterherzusehen, der sich in Richtung Wald entfernte.

»Was wollen die Cops hier draußen, was meinen Sie?«, erkundigte sich Mrs. Scott. »Ob vielleicht jemand im Wald versehentlich seine Schrotflinte abgefeuert hat? Ich hab jedenfalls nichts gehört. Wenn überhaupt, dann hat er sowieso nur Tauben gejagt. Nichts, worüber sich die Polizei den Kopf zerbrechen müsste. Oder vielleicht war es ein Wilderer?«

»Alan?« Meredith berührte Markby am Arm.

Er zog widerwillig den Kopf ein und sah sie an. »Was denn? Oh, ja, sicher. Könnte alles Mögliche sein. Nun, gibt es sonst noch etwas, das wir uns ansehen sollten, Mrs. Scott?«

»Nur die Toilette unten, wo Roger ist.«

»Ich denke, wir lassen sie aus«, sagte Markby hastig. »Wäre es vielleicht möglich, sich ein wenig im Garten umzusehen?«

»Nur zu, tun Sie sich keinen Zwang an.« Es war offensichtlich, dass sie nicht beabsichtigte, Markby und Meredith zu begleiten.

Als sie über den Weg zwischen den verwilderten Blumenbeeten und den überwucherten Gemüsefeldern hindurchschlenderten, stellte Meredith die Frage, die ihr seit der Besichtigung des Arbeitszimmers auf der Zunge gelegen hatte.

»Warum hast du mir nicht erzählt, dass du schon einmal in diesem Haus gewesen bist?«

Er zögerte. »Es ist lange her, Meredith. Damals war es immer noch ein Vikariat, und ich hatte dienstlich dort zu tun. Ermittlungen, du weißt schon. Routineangelegenheiten.«

»Warst du vielleicht bei Mr. Scott?«

»Was? O nein. Der Vikar hieß Pattinson.«

»Ist das der Grund, warum du wolltest, dass wir uns dieses Haus ansehen? Weil du es bereits kanntest? Warum hast du es nicht gesagt?«

»Hör mal … Ich kenne dieses Haus nicht, Meredith. Ich wurde damals nicht herumgeführt. Ich wurde auf direktem Weg in das Arbeitszimmer des Vikars gebracht, und nachdem ich mit ihm gesprochen hatte, bin ich auf dem gleichen Weg wieder gegangen. Ich habe kein einziges anderes Zimmer gesehen. Ich weiß …«, fügte er hinzu. »Es ist in einem ziemlich verwahrlosten Zustand.«

Sie gab sich größte Mühe, optimistisch zu erscheinen. »Der Salon ist wunderschön und groß. Kostspielig zu heizen, sicher. War das Haus damals in einem besseren Zustand, als du hier gewesen bist?«

»Wie ich dir schon sagte, ich habe nur die Eingangshalle und das Arbeitszimmer zu Gesicht bekommen, mehr nicht. Es sah alles ganz in Ordnung aus. Nicht, dass ich damals großartig darauf geachtet hätte. Ich bin ziemlich sicher, dass dieses Bücherregal und der Schreibtisch schon damals dort gestanden haben, genau wie das Kruzifix an der Wand, nur, dass es damals poliert und sauber gewesen ist.«

»Sie ist eine nette Frau. Ein wenig spleenig, aber nett.«

Markby blieb stehen und wandte sich zu Meredith um. Ihr Gesicht war unter den zerzausten braunen Haaren verborgen. Sie hatte die Hände in die Taschen ihrer Jeans geschoben und spielte mit der Fußspitze ihres Turnschuhs mit einem abgebrochenen Stück von irgendwelchem Zierrat, das auf dem Boden lag. Er nahm sie am Oberarm und sah sie an. »Tu doch nicht so. Du machst, dass ich mich schuldig fühle. Es war ein Fehler herzukommen, okay? Ich weiß, dass es dir nicht gefällt. Sag es einfach, und gut.«

»Na ja, ich – also schön.« Sie warf das Haar in den Nacken, nahm die Hände aus den Taschen und begann an den Fingern abzuzählen. »Erstens, die Heizung ist kaputt. Zweitens, die Fenster klemmen, und drittens würde ich bestimmt kein Geld verlieren, wenn ich wette, dass mit den Wasserleitungen auch nicht mehr alles zum Besten steht. Viertens stehen auf der Haben-Seite schöne große Zimmer, einige wunderschöne Möbelstücke aus der Zeit und der Stuck an den Decken, und der Garten ist genau das, wovon du geträumt hast, ich weiß. Trotzdem …« Sie seufzte. »Das Dorf sieht ein klein wenig, wie soll ich es sagen, tot aus. Es tut mir Leid, Alan. Vielleicht würde es dir ja gefallen, und ich wünschte, ich könnte sagen, dass es mir genauso geht. Aber es gefällt mir nicht … Du hast schließlich gefragt«, beendete sie ihre kleine Rede defensiv.

Sie nahm seine Hand und drückte sie beruhigend. »Wir finden schon noch das richtige Haus für uns beide, wenn wir lange genug suchen.«

»Und dann heiraten wir?«

»Und dann heiraten wir. Ich mache keinen Rückzieher, Alan.« Sie blickte besorgt unter ihrem dichten Pony hervor zu ihm auf.

»Okay«, sagte Markby und küsste sie. »Nur, damit ich sicher bin – es liegt nicht an mir. Es ist das Haus.«

»Es liegt nicht an dir. Das Haus kommt mir vor wie Draculas Wochenendlaube.«

Er lachte auf, und sie gingen zum Tor.

»Ich frage mich, was dieser Streifenwagen hier wollte«, sinnierte Markby.

»Nichts, worüber du dir den Kopf zerbrechen müsstest, Superintendent. Was glaubst du – weiß Mrs. Scott, dass du bei der Polizei bist?«

»Ich hab es ihr nicht erzählt, als ich angerufen habe. Ich gehe nicht rum und verkünde überall, was ich mache. ›Hey, ich bin Polizist!‹ Die Leute mögen es nicht besonders.«

Sie stiegen in den Wagen.

»Wir könnten vielleicht«, begann Markby vorsichtig, »wir könnten vielleicht durch den Wald spazieren fahren und uns umsehen?«

»Im Wald oder nach dem, was der Streifenwagen dort vorgefunden hat?«

»Beides.«

»Nur zu, fahr hin«, sagte sie resigniert. »Du gibst sowieso keine Ruhe, bevor du es nicht herausgefunden hast. Aber zähl nicht auf mich. Ich gehe mir die Kirche ansehen, falls sie offen ist. Ich warte dort auf dich. Hol mich auf dem Rückweg von deiner Spazierfahrt wieder ab.«

KAPITEL 2

ALS MARKBYS Wagen sich dem Wald näherte, wurde die Straße – oder das, was man als Straße bezeichnen musste – schlimmer. Nur magere Reste der ursprünglich geteerten Oberfläche waren intakt; das Asphaltband war durchsetzt von Rissen und Sprüngen, in denen Unkraut wuchs. Die Ränder waren weggebrochen, und der Wagen ratterte und klapperte, während Markby die Mitte der Straße entlangsteuerte und Pfützen durchfuhr, die nach dem nachmittäglichen Regenguss voll Wasser standen. Markby hoffte, dass ihm der Streifenwagen nicht entgegenkam. Hier und da waren die Trockenmauern eingestürzt, die die Straße säumten, und Mini-Lawinen aus gelbem Naturstein waren bis auf die Fahrbahn gerollt. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie beiseite zu räumen. Niemand, schätzte Markby, kam in einem Wagen hier entlang. Was denn, niemals? Nun ja, kaum jemals.

»I am the captain of the Pinafore …«, summte er unmelodisch vor sich hin. Er war so taub für Töne, wie es nur ging, deswegen machte es keinen Unterschied. Er bedauerte sein mangelndes musikalisches Gehör. Gerne hätte er sich mehr an Musik erfreut. Er mochte Gilbert und Sullivans Operetten, aber mehr wegen der Lyrik statt der Melodien.

Er verstummte und dachte zurück an die Hausbesichtigung. Das war ein bemerkenswerter Fehlschlag gewesen. Vielleicht, sinnierte er, hätte er Meredith gegenüber erwähnen sollen, dass er schon einmal in diesem Haus gewesen war. Doch es lag so lange zurück, und wie er ihr zu erklären versucht hatte, der einzige Raum, in dem er gewesen war, war dieses klaustrophobische Arbeitszimmer. Doch es war kein unfreundliches Haus gewesen, wenn er sich recht entsann. Der Vikar, Pattinson, war ein älterer Mann gewesen, ein wenig zerstreut und vage in seinen Aussagen, doch scharfzüngig, wenn es darum ging, seine Gemeinde zu verteidigen. Das Buch, das damals aufgeschlagen auf dem Schreibtisch des Vikars gelegen hatte, war ein massiver Wälzer über Mythen und Sagen gewesen, wenn er sich recht entsann, und heute hatte er es im Bücherregal wieder gesehen. »Ich interessiere mich ein wenig dafür«, hatte der Vikar entschuldigend erklärt.

Wenn man in Lower Stovey lebte, musste man derartige Interessen entwickeln, um sich die Zeit an den langen Abenden zu vertreiben. Markby musste einräumen, dass die Ortschaft noch abgelegener war, als er sie in Erinnerung hatte. Sicher hatten damals mehr Menschen hier gelebt, als er hier gewesen war. Er hatte Kinder gesehen, die von der Dorfschule nach Hause gelaufen waren. Frauen hatten vor einem Geschäft gestanden und Schwätzchen gehalten. Irgendjemand hatte eine Schusterei in einem heruntergekommenen Anbau neben seinem Cottage gehabt. Vielleicht war der Anbau inzwischen zusammengefallen, jedenfalls war heute nichts mehr von einer Schusterei zu sehen. Genauso wenig wie von einer Schule, einem Geschäft und natürlich von Kindern, denn junge Familien zogen von hier weg angesichts des Mangels an letzten beiden. Zurückgeblieben war eine verlassene Ödnis von einem Dorf. Eine bewohnte Ödnis aus Wochenendhäusern und wohlhabenden Pendlerpärchen mit zwei Wagen, nichtsdestotrotz eine Ödnis.

Sie hatten eine Abmachung, er und Meredith. Sie würden ein Haus finden, und dann würden sie heiraten. Im Moment wohnte Markby in einer viktorianischen Villa in Bamford und sie in einem Reihenendhaus. Sie hatten versucht, in Markbys Haus zusammenzuleben, doch es hatte nicht funktioniert. Sie war eisern, dass es in ihrem Haus ebenfalls nicht funktionieren würde. Es war viel kleiner als Markbys. Sie würden sich ständig im Weg herumstehen. Ja, die Antwort war eindeutig, nach einem neuen Haus zu suchen, doch wo sollten sie eins finden, das beiden gefiel? Bisher hatten sie fünf Häuser besichtigt. Nicht viele, vermutete Markby. Andererseits genug, um entmutigt zu sein. Aus diesem Grund hatte er seine Hoffnungen eigentlich an das alte Vikariat in Lower Stovey geknüpft. Schon der erste Anblick heute hatte seiner lebhaften Zuversicht ein jähes Ende bereitet. Er machte Meredith keinen Vorwurf, dass es ihr nicht gefiel. Er wünschte nur, er könnte den heimlichen Verdacht endlich unterdrücken, dass sie vielleicht einen anderen Grund hatte, als die offensichtlichen Mängel des Hauses. Vielleicht, so dachte er, vielleicht spielt sie ja auf Zeit.

Er sagte sich, dass dieser Gedanke unwürdig war und dass er ihn geradewegs von sich weisen sollte. Er war absurd. Und doch wusste er auch, dass der Gedanke zu heiraten Meredith nervös machte. Es hatte lange genug gedauert, ihr das Ja abzuringen. Er seufzte. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als zum lokalen Standesamt zu gehen und auf der gestrichelten Linie zu unterschreiben. Sie hatte sich zu guter Letzt endlich bereit erklärt, dasselbe zu tun. Das Einzige, was sie noch aufhielt, war das Fehlen eines geeigneten Hauses, in dem sie zusammenleben konnten und wollten.

Unvermittelt trat er auf die Bremse und starrte durch die Windschutzscheibe nach draußen. Die Straße war zu Ende. Es hätte ihn eigentlich nicht überraschen dürfen. An der Hauptstraße, wo die Abzweigung nach Lower Stovey ausgeschildert war, hatte ein großes Schild verkündet, dass die Straße im Dorf endete. Keine Durchfahrtsstraße. Doch die Abruptheit, mit welcher das Asphaltband aufhörte, war dennoch ziemlich verblüffend. Vor ihm erstreckte sich eine Wiese aus hohem Gras mit einem Tor. Hinter dem Tor fingen die Bäume an. In der Stille der Umgebung wanderten seine Gedanken in der Zeit zurück. Zwanzig, nein, zweiundzwanzig Jahre. War es tatsächlich schon so lange her? Wenig hatte sich seit damals verändert. Es bedurfte nicht viel, um den dunklen Wald als bedrohlich und unheimlich zu empfinden, so hoch, wie er vor Markby aufragte, auch ohne die Erinnerung, die seine Fantasie beflügelte. Er erinnerte sich an das erste Mal, als er hier gewesen war, genau an dieser Stelle, und auf die gleiche Landschaft vor sich gestarrt hatte. Die Erinnerung war so deutlich, so kristallklar, dass es ihm vorkam wie gestern, und die Emotionen hatten sich seit damals nicht verändert. Er hatte seit damals nie wieder an einem Ort gestanden, der in ihm – dem praktischsten und auf gewisse Weise fantasielosesten aller Männer – so sehr den Glauben an Magie geweckt hatte. Nicht an die wohlwollende Magie von Märchenfeen und gläsernen Schuhen, sondern die dunkle Magie geheimer Künste und alter Götter.

Die Jahre seit damals waren mit erschreckender Geschwindigkeit vergangen. Was um alles in der Welt war in ihn gefahren, nach Lower Stovey zurückzukehren? Die Besichtigung eines Hauses, das möglicherweise interessant war? Oder die Eingebungen seines Unterbewusstseins, eine morbide Neugier, oder die alte, fatale Verlockung unvollendeter Angelegenheiten? Als er den Streifenwagen auf dem Weg in den Wald gesehen hatte, war sein Puls in die Höhe geschnellt, und er hatte den Nervenkitzel der Jagd gespürt und noch etwas, einen Anflug von etwas wie Erwartung, sogar Hoffnung. Hoffnung, dass ein altes Geheimnis vielleicht endlich enthüllt wurde. War es möglich, so fragte sich Markby, dass der Kartoffelmann nach so langer Zeit zurückgekehrt war?

Markby war selbst vor zweiundzwanzig Jahren kein Fremder in dieser Gegend gewesen. Er hatte die alte Viehtrift schon damals gekannt, ja, er war als Teenager mit Freunden darauf gewandert. Er wusste, dass der Weg durch den Wald führte. Doch Lower Stovey selbst, das war ein neuer Ort für ihn gewesen, und der Kartoffelmann hatte ihn damals hierher geführt.

Markby war damals frisch zum Inspector befördert worden, genau wie sein jüngerer Kollege David Pearce heute. Und wie bei Dave hatte sein neuer Rang unbequem auf seinen Schultern gelastet wie ein neuer Mantel. Er war begierig gewesen, sich hervorzutun, und fest entschlossen, keine Fehler zu begehen. Sein Superintendent war Pelham gewesen, ein älterer, gerissener alter Fuchs, missmutig wegen seiner näher rückenden Pensionierung.

»Es ist keine Schande, einen Fehler zu machen«, hatte Pelham zu Markby gesagt. »Vorausgesetzt, Sie lernen daraus. Erst wenn Sie den gleichen Fehler wieder und wieder begehen und niemals etwas daraus lernen, sollten Sie sich selbst die Frage stellen, ob Sie sich für den richtigen Beruf entschieden haben.«

Wie sich herausstellen sollte, hatte er im Verlauf der Jahre reichlich Fehler gemacht, auch wenn er zurückblickend immer noch nicht glaubte, dass er bei dem Fall damals einen begangen hatte. Doch selbst die Tatsache, dass er alles richtig gemacht und sich genau an die Vorschriften gehalten hatte, hatte damals nicht zum Erfolg geführt. Vielleicht war er zu jung gewesen und zu unerfahren, und vielleicht hatte er nicht gewagt, die Vorschriften beiseite zu lassen und nach seinem Gefühl vorzugehen. Er seufzte, als eine weitere Erinnerung auftauchte.

Genau wie Dave Pearce war Markby damals frisch verheiratet gewesen. Er hoffte für Dave, dass dessen Ehe länger hielt, als Markbys eigene gehalten hatte. Vermutlich würde sie das. Dave und Tessa erweckten jeden Anschein eines gut zusammenpassenden Paares, das die stürmischen Meere der frühen Ehejahre gemeinsam meistern würde. Im Gegensatz zu Rachel und Markby. Ihr Boot war praktisch schon in der ersten stürmischen Bö gesunken.

Und doch sehnte er sich danach, wieder verheiratet zu sein. Verheiratet mit Meredith. Was brachte ihn auf den Gedanken, dass er es, obwohl er bei seinem ersten Versuch so kläglich gescheitert war, diesmal besser machen würde? Vielleicht nur die Erinnerung an den alten Superintendent Pelham und seine schlichten Lebensweisheiten. Markby hoffte, dass er aus seinen Fehlern gelernt hatte. Vielleicht war es sogar bei einer Ehe so, dass erst Übung den Meister machte.

Stovey Woods und der Kartoffelmann. Der erste Fall, den Markby in seinem neuen Rang ganz allein übertragen bekommen hatte. »Sehen Sie zu, was Sie daraus machen, Alan«, hatte Pelham gepoltert. »Wir müssen diesen Mistkerl irgendwie schnappen.«

Doch zu Markbys großem Unbehagen hatten sie ihn nicht geschnappt. Und gleich sein erster Fall war ein Fehlschlag gewesen. So viel zu Omen. Glücklicherweise war Markby nicht abergläubisch, auch wenn er sich damals gefragt hatte, ob auf Stovey Woods vielleicht irgendein Fluch lag und nicht nur auf dem Kartoffelmann. Vielleicht war das der Grund, aus dem er Meredith gegenüber nicht erwähnt hatte, dass er schon einmal hier gewesen war. Er hatte seinen früheren Besuch in Lower Stovey mit einem bitteren Gefühl des Versagens assoziiert, mit dem Gefühl, von einem kühneren Verstand als seinem eigenen ausmanövriert worden zu sein.

Im Verlauf der Jahre hatte er stets versucht, sich damit zu trösten, wenn seine Gedanken zu jenem Fall zurückgekehrt waren, wie sie es beharrlich von Zeit zu Zeit taten, ob er wollte oder nicht. Er sagte sich jedes Mal, dass damals noch keine DNS-Tests die Art und Weise revolutioniert hatten, wie die Polizei Verbrecher identifizierte. Noch hatte das Profilieren von Verbrechern die hauptstädtischen Gegenden des Landes verlassen. Angesichts der neuen Waffen, die heutzutage jeder als gegeben ansah, hätte er diesen Mann damals vielleicht überführt.

Denn der Kartoffelmann war ein Serien-Vergewaltiger gewesen. Sie hatten damals nicht gewusst, wie viele Opfer er gefunden hatte, weil sie, wie es häufig der Fall ist bei dieser Art von Verbrechen, nur die Aussagen der wenigen Frauen hatten, die zur Polizei gegangen waren. Und vor zweiundzwanzig Jahren waren Frauen noch mehr als zögerlich gewesen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie hatten wenig mitfühlende Polizisten gefürchtet und eine Gesellschaft, die dazu neigte, dem Opfer die Schuld zu geben und nicht dem Täter. »Was hatte sie auch allein in diesem Wald zu suchen?«, war die Reaktion der meisten Leute gewesen, die von einem neuen Opfer des Kartoffelmanns erfuhren. Der Mangel an Kooperation seitens ebenjener Leute, die sich am meisten hätten wünschen müssen, dass der Vergewaltiger geschnappt wurde, der Bewohner des Dorfes selbst, war einer der frustrierendsten Aspekte des ganzen Falles gewesen.

Das erste Opfer, von dem die Polizei erfahren hatte, war ein Mädchen namens Mavis Cotter gewesen, eine auf gut Deutsch gesagt »ziemlich einfache« Seele. Es war ganz und gar nicht einfach gewesen, sie zu bewegen, ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Vokabular war beschränkt, und sie hatte einen tiefen Schock erlitten. Sie war nicht daran gewöhnt, irgendwelche Fragen zu beantworten, und sie konnte weder richtig lesen noch schreiben. Wie ihre Geschichte im Verlauf mehrerer frustrierender Befragungen zu Tage förderte, war sie in den Wald gegangen, weil am Waldrand Heidelbeerbüsche standen. Sie hatte sich um den Wald herum bis zur anderen Seite vorangearbeitet und beschlossen, den Heimweg quer durch den Wald anzutreten, weil es der schnellste Weg war.

Sie hatte ihn nicht gehört. Sie hatte ihn nicht gesehen. Ohne Vorwarnung hatte ihr jemand etwas über den Kopf gestülpt und ihre Arme festgehalten. Das einzige Detail, an das sie sich erinnern konnte, war ein irdener Geruch gewesen. Zuerst hatte die Polizei dem nicht allzu viel Beachtung geschenkt, denn auf dem Waldboden liegend war nur zu erwarten, dass sie Erde roch. Einige hatten sogar angezweifelt, dass es so gewesen war, wie Mavis geschildert hatte, und vermutet, dass sie mit dem Geschlechtsverkehr einverstanden gewesen und erst später Angst bekommen und die Geschichte von dem Angreifer erfunden hätte.

Doch Markby hatte ihr Glauben geschenkt, weil er nicht davon ausging, dass Mavis über die mentale Agilität verfügte, sich eine Geschichte wie diese auszudenken und daran festzuhalten, nachdem sie sie erst einmal erzählt hatte. Außerdem besaß sie Antworten auf sämtliche skeptischen Fragen (wenn man sie erst so weit gebracht hatte zu antworten).

Warum hatte man keinen Stoff oder Sack oder etwas Ähnliches gefunden an der Stelle, wo sich nach ihren Worten die Tat ereignet hatte? Weil der Mann alles mitgenommen hatte. Und warum hatte sie ihn dann nicht gesehen, als er weggelaufen war? Weil er ihr Gesicht in die Erde und die Blätter gedrückt und ihr gesagt hatte, dass sie sich nicht rühren sollte, sonst würde er sie töten. Seine Stimme war schroff gewesen und hatte merkwürdig geklungen. Sie hatte sie nicht erkannt. Voller Angst war sie eine Weile liegen geblieben, sie wusste nicht wie lange, bevor sie den Mut gefasst hatte, aufzublicken und nach Hause zu rennen, als sie merkte, dass sie alleine war. Außerdem hatte der Fremde ihre Halskette gestohlen. Eine Schnur aus billigen Perlen, doch sie war Mavis’ ganzer Stolz gewesen, und sie hatte genauso sehr um die verlorene Kette wie um ihre verlorene Unschuld geweint – die Implikationen von Letzterem waren ihr gar nicht wirklich bewusst gewesen. Ob sie die Kette nicht vielleicht verloren hatte, weil sie gerissen war, ohne etwas zu bemerken? Nein, beharrte Mavis voller Tränen. Er hatte ihr die Kette gewaltsam vom Hals gezerrt, und es hatte wehgetan, als die Schnur gerissen war. Spuren an ihrem Hals schienen diese Version zu untermauern. Nichtsdestotrotz waren die Bewohner von Lower Stovey offensichtlich der Meinung gewesen, dass man nichts von dem glauben durfte, was Mavis Cotter erzählte, weil sie offensichtlich nicht ganz richtig im Kopf war, und so war es schon immer gewesen. Allein die Mutter des Mädchens hatte darauf beharrt, dass ihre Tochter vergewaltigt worden war.

Dann war das zweite Opfer aufgetaucht, und ihm hatten sie glauben müssen. Jennifer Fernley war Studentin und eine leidenschaftliche Wandrerin gewesen. Sie war mit einer Freundin zusammen von Bamford aufgebrochen, doch nach relativ kurzer Zeit hatte sich die Freundin den Knöchel verstaucht und war somit ausgefallen. Jennifer war alleine weitergewandert. Sie war in Stovey Woods gewesen, auf dem ausgeschilderten Weg, als sie angegriffen worden war. Sie hatte plötzlich Schritte hinter sich gehört. Was für Schritte? Kein leichter, athletischer Lauf, mehr ein schwerfälliges, angestrengtes Trampeln. Sie hatte sich halb umgewandt, um zu sehen, wer es war, doch sie hatte nur einen dunklen Schatten erkannt, als man ihr einen Sack über den Kopf geworfen und sie geblendet und ihre Arme gefesselt hatte. Es hatte irden gerochen. Nachdem sie vergewaltigt worden war, hatte der Angreifer sie mit dem Kopf in ein Brombeerdickicht gestoßen, wobei sie sich das ganze Gesicht blutig zerkratzt hatte, und ihr befohlen, sich nicht zu rühren, sonst würde sie sterben. Seine Stimme hatte schroff und sonderbar geklungen. Und er hatte ihr etwas gestohlen. Ihre Armbanduhr.

»Der Täter ist ein Sammler«, hatte der alte Superintendent Pelham gesagt, als Markby ihn darüber informiert hatte. »Er nimmt jedem seiner Opfer etwas weg, das er als Souvenir für sich behält. Wahrscheinlich hat er zu Hause eine Kiste voll mit Anhängern und dergleichen. Er nimmt sie abends raus und starrt sie an, und dabei geht ihm wieder einer ab.«

Es war Markby gewesen, der vorgeschlagen hatte, dass das, was den Opfern über den Kopf gestülpt wurde, möglicherweise ein Kartoffelsack war, was den irdenen Geruch erklärte. Danach hatte die Presse den Vergewaltiger nur noch Kartoffelmann genannt. Irgendein Witzbold hatte sogar eine Karikatur angefertigt und im Einsatzraum an die Wand geheftet. Die Zeichnung zeigte einen kopflosen ovalen Körper mit kurzen Armen und Beinen und Nase, Mund und Augen im Oval des Rumpfes. Darüber stand GESUCHT. Markby hatte die Zeichnung wütend heruntergerissen.

Und so war es schließlich dazu gekommen, dass er Reverend Pattinson einen Besuch abgestattet hatte, dem alten Vikar von Lower Stovey. Man hatte Markby vorgewarnt, dass Pattinson eine Art Gelehrter war, ein wenig altmodisch nach Meinung von Markbys Informant. Die Sorte Mensch, die zufrieden war mit ihren Büchern, des Sonntags zwei Messen las und eigentlich mehr in eine Pfarrei des achtzehnten Jahrhunderts als in ein Vikariat des zwanzigsten gepasst hätte. Nichtsdestotrotz hatte Pattinson, wie Markby bald feststellte, feste Vorstellungen von seiner Gemeinde und lehnte die Vorstellung mit größter Entschiedenheit ab, unter den Männern könnte sich ein Vergewaltiger befinden. Sie waren allesamt Familienväter, respektabel bis ins Herz, beharrte er. Das Dorf war klein. Jeder kannte jeden. Falls einer der Bewohner ein zur Gewalt neigender Psychopath gewesen wäre, hätten die anderen es gewusst.

Vergeblich hatte Markby darauf hinzuweisen versucht, dass immer irgendjemand irgendetwas wusste. Und dass er es nur nicht sagte. Er hatte die Aufmerksamkeit des Vikars auch auf die Beschreibung der Stimme des Angreifers gelenkt: schroff und zugleich eigenartig. »Wie die Stimme eines Tiers, wenn ein Tier reden könnte«, hatte eine Frau aus dem Dorf gesagt, das dritte Vergewaltigungsopfer. Markbys Meinung nach deutete das darauf hin, dass der Angreifer seine Stimme verstellt hatte, und warum sollte er so etwas tun, außer, er fürchtete, man könnte sie erkennen – entweder bereits zum Zeitpunkt der Tat oder auch erst später?

Der Vikar blieb eisern. Wer auch immer der Täter sein mochte, es war kein Mann aus Lower Stovey. Viele Leute wanderten über die alte Viehtrift. Neben den Wanderern waren es Landstreicher, New-Age-Hippies, Zigeuner und alles mögliche Gesindel. Die Polizei sollte den Täter unter diesen Leuten suchen, nicht in seiner Gemeinde.

Danach hatte es noch zwei weitere Vergewaltigungen gegeben. Eine war von einer weiteren Dorfbewohnerin gemeldet worden, die andere von einer jungen Frau, die mit dem Fahrrad unterwegs gewesen war und im Wald angehalten hatte, um einem natürlichen Bedürfnis nachzugeben. Im ersten Fall hatte der Kartoffelmann einen einfachen Perlen-Ohrclip an sich genommen, im Fall der Radfahrerin einen kupfernen Armreif.

Und dann war der Kartoffelmann untergetaucht. Es hatte keine weiteren Vergewaltigungen mehr gegeben. Schließlich war er zu etwas Unrealem geworden, einer lokalen Legende, die nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte, und nur seine Opfer wussten, dass es nicht so war. Die Polizei wusste, dass sie ihn verloren hatte.

Vielleicht hatte der alte Reverend Pattinson Recht gehabt, und der Täter war tatsächlich ein Landstreicher gewesen, der sich vorübergehend in Stovey Woods ein Lager aufgeschlagen hatte und dann, als die Ermittlungen der Polizei zu lästig wurden, weitergezogen war.

Wie dem auch sei, der Kartoffelmann war genauso plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war.

Markby rührte sich in dem beengten Raum seines Autositzes und kehrte in die Gegenwart zurück. Er konnte den Streifenwagen sehen, der im Gras geparkt stand, doch es war keine Menschenseele in der Nähe. Waren die Beamten in den Wald gegangen, wie die Kinder im Märchen, und hatten sich verlaufen? Kein freundlicher Holzfäller in der Nähe, der sie retten konnte. Wer war er eigentlich genau in diesen Märchen, dieser rätselhafte Holzfäller?, fragte sich Markby, während sein Verstand erneut abschweifte. Was sollte er darstellen? Einen Waldgeist vermutlich. Und der Kartoffelmann? Was war er gewesen?

Er stieg aus dem Wagen und stellte fest, dass seine Schuhe im weichen Grund einsanken. Die Bäume tropften noch vom letzten Regen. Er stapfte vorwärts, und bereits nach wenigen Schritten klebte eine dicke Dreckschicht unter seinen Sohlen.

Als er beim Tor ankam, hörte er Stimmen, und drei Gestalten kamen unter den dunklen Bäumen hervor. Zwei waren in Uniform, die dritte trug ein grelles Gelb und hatte einen großen Buckel.

Sie trafen sich beim Tor. Markby ließ sie durch, dann zeigte er seinen Ausweis. »Meine Güte, Superintendent!«, rief einer der Constables ehrfürchtig. »Wurden Sie extra wegen dieser Sache hergeschickt?«

»Nein«, sagte Markby. »Ich war zufällig in der Ortschaft und habe den Streifenwagen gesehen. Es ist reine Neugier meinerseits. Was haben Sie gefunden?«

Der Constable trug ein schlecht eingewickeltes Paket, das aussah wie eine eingepackte Mahlzeit aus Fisch und Pommes frites, was es definitiv nicht sein konnte. Er blickte darauf. »Knochen, Sir«, sagte er und machte sich vorsichtig daran, das Paket zu öffnen.

Markby erkannte, dass die Umhüllung eine zerknitterte topographische Karte war. Der Mann hielt ihm das aufgeschlagene Papier hin. Ein Gewirr bräunlich verfärbter Knochen lag in der Schale, die die Hände des Beamten bildeten, und Markby sah, dass einer davon ein Kieferknochen war. Markby hatte Mühe, sich unter Kontrolle zu halten. Konnte es sein, dass dies die Knochen des verschwundenen Vergewaltigers waren? Oder eines seiner Opfer? Hatte eines der Opfer den Kopf gehoben und ihn erkannt und dafür mit dem Tod bezahlen müssen?

»Ziemlich alt«, sagte er. Ja. Sie lagen seit zwanzig Jahren oder länger herum, kein Zweifel. Markby sah den jungen Mann in dem gelben wasserdichten Cape an. »Sie haben diese Knochen gefunden, Sir?«, mutmaßte er.

»Ja«, antwortete der junge Mann. »Ich bin eine Böschung hinuntergefallen und da lagen sie.«

»Dieser Gentleman ist Dr. Morgan«, erklärte der andere Constable. »Er ist Arzt, daher wusste er sofort, was für Knochen es waren. Wir haben uns in der Gegend umgesehen, wo er sie gefunden hat. Wir haben keine weiteren Knochen entdecken können, jedenfalls nicht bei unserer oberflächlichen Suche.«

»Ich werde veranlassen, dass jemand herkommt und die Gegend gründlicher in Augenschein nimmt«, sagte Markby mit einem Blick auf den dunklen Wald. »Allerdings könnte es schwierig werden, das ganze Gebiet abzusuchen.«

»Wirklich schade, dass Sie die Knochen nicht dort gelassen haben, wo Sie sie gefunden haben, Sir«, sagte der andere Constable zu dem jungen Mann mit dem gelben Regencape. »Sind Sie sicher, dass Sie uns zu der richtigen Stelle geführt haben?«

»Ja, ich bin sicher«, sagte Dr. Morgan gereizt. »Sie haben selbst die Spuren meines Sturzes gesehen, wo ich die Böschung heruntergerollt bin. Ich habe die Knochen nicht zurückgelassen, weil ich dachte, dass sie vielleicht verschwinden könnten, bevor Sie hier sind. Ich konnte nicht dort bleiben und warten. Ich sagte Ihnen bereits, dass das Mobiltelefon in dieser Senke nicht funktioniert, außerdem hätten Sie mich nie gefunden. Ich musste aus dem Wald heraus und draußen auf Sie warten.«

»Nun, Sir, Sie sollten jedenfalls mit uns kommen und eine Aussage zu Protokoll geben«, sagte der erste Constable mit einem leicht nervösen Seitenblick zu Markby.

»Danke sehr, Doktor, dass Sie Ihren Fund gemeldet haben«, sagte Markby höflich. »Ich schätze, es hat Ihnen Ihre Wanderung ein wenig verdorben.«

»Kein Problem«, sagte der andere in düsterer Resignation. »Dieser Wanderurlaub war irgendwie von Anfang an verhext.«

»Stovey Woods ist ein verhexter Wald«, erwiderte Markby, und die drei Männer blickten ihn verblüfft an.

Sie trennten sich. Dr. Morgan entledigte sich seines gelben Regencapes, und Markby erkannte, dass der Buckel ein Rucksack war, den er sich von den Schultern nahm, bevor er hinten in den Streifenwagen stieg.

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