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Der Familien-Blues

Schwierige Wörter oder Ausdrücke sind unterstrichen. Die Erklärungen stehen in der Wörterliste am Ende des Buches.

Der Familien-Blues

Bis 15 nannte ich meine Eltern Papa und Mama.

Danach nicht mehr.

Von da an sagte ich zu meinem Vater „Herr Lehrer“.

So nannten ihn alle Schüler.

Er war Englischlehrer an meiner Schule.

Sechs Jahre war ich in seiner Klasse.

Ich sagte „Herr Lehrer“, damit ich nicht „Papa“ sagen musste.

Zu Hause nannte ich ihn auch so.

 

Meine Mutter nannte ich damals „Ma“.

„Hallo Ma!“, rief ich am Telefon.

„Hallo Kind!“, antwortete sie dann.

Ich mochte sie.

Aber nicht allzu sehr.

Ihr gefielen meine Freundinnen nicht.

Und die Jungs, in die ich mich verliebte, auch nicht.

Erst seit einigen Jahren entdecke ich Gemeinsamkeiten.

Vor allem, was das Aussehen angeht.

In dem Haus, in dem ich wohne, hängt ein Spiegel im Aufzug.

Manchmal erschrecke ich vor meinem Spiegelbild.

Ich sehe aus wie Christa.

So hieß meine Mutter: Christa.

Auch ihre Enkel nannten sie immer Christa.

Sie durften nicht „Oma“ zu ihr sagen.

Auf keinen Fall!

Meine Mutter hasste das Wort Oma.

 

Warum?

Wegen ihrer Schwiegermutter.

Die wollte immer, dass man sie „Oma“ nennt.

Meine Mutter mochte ihre Schwiegermutter nicht.

Deshalb wollte sie keine Oma sein.

Meine Schwestern und ich haben keine Kinder.

Dafür hat mein Bruder welche.

Es sind süße Kinder.

Aber meine Mutter fand meinen Hund netter.

 

Ich gleiche vor allem meinem Vater.

Er starb, als er 62 Jahre alt war.

Nach seinem Tod telefonierte ich täglich mit meiner Mutter.

Ich hatte Angst, dass sie sonst einsam wird.

Sie selbst rief nie jemanden an.

Freundinnen hatte sie nicht mehr.

Zu den Nachbarn hatte sie auch keinen Kontakt.

Ihre eigenen Verwandten waren tot.

Genau wie die Freundinnen von früher.

Sie sind alle im Krieg umgekommen.

Manchmal besuchte ich meine Mutter.

Und nach ein paar Stunden ging ich wieder weg.

Dann fühlte ich mich schuldig.

Weil es mir nicht gelang, sie aufzumuntern.

 

Es ist der Familien-Blues.

Dieses Gefühl kennen Sie sicher.

Man hat Eltern, Brüder und Schwestern.

Und man fühlt sich mit ihnen verbunden.

Für immer.

Egal, was man für sie empfindet.

Egal, wie man über sie denkt.

Freundschaften kann man beenden.

Eine Blutsverwandtschaft nicht.

 

Ich war neugierig, was andere über ihre Familie berichten.

Darum bat ich sie, mir ihre Geschichte zu erzählen.

Jeder konnte mich anrufen oder mir eine E-Mail schicken.

Ich bekam zahlreiche Antworten.

Manchmal hörte ich fröhliche Familiengeschichten.

Doch viele haben schlechte Erinnerungen.

Oder traurige.

Vor allem, wenn die Eltern krank werden.

Dann müssen die Kinder wichtige Entscheidungen treffen.

Oft haben sich die Geschwister lange nicht mehr gesehen.

Aber es ist genauso wie früher.

Der ältere Bruder, der alles bestimmen will.

Die eine Schwester, die nichts unternimmt.

Und die andere Schwester klagt, dass sie alles machen muss.

 

Ich nenne dieses Gefühl den Familien-Blues.

Es macht einen traurig und niedergeschlagen.

Auch wenn man eine gute Beziehung zu seiner Familie hat.

Auch wenn man sie liebt.

Auch wenn man geliebt wird.

Aber man sieht sich so selten.

Man sollte sich öfter besuchen.

Aber immer kommt etwas dazwischen …

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