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Der Experte

Über den Autor

MARK ALLEN SMITH hat zehn Jahre lang Nachrichten und Dokumentationen fürs Fernsehen produziert. Dabei war er auch als Regisseur tätig. Seit über zwanzig Jahren schreibt er Drehbücher. Er lebt in New York mit seiner Partnerin Cathy und seinen drei Kindern Zachary, Lexie und Rachel. Zu jeder sich bietenden Gelegenheit macht Smith Musik oder spielt Softball.

MARK ALLEN SMITH

DER EXPERTE

THRILLER

Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Dietmar Schmidt

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BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Im Schirm des Laptops sah er sein undeutliches Spiegelbild – ein transparentes Gesicht, gefangen hinter dem Wortdickicht. Wenn er mit dem Einfallswinkel des Lichts spielte und den Kopf um paar Grad nach vorn oder nach hinten neigte, konnte er dem Phantom räumliche Tiefe geben. Er genoss es, sein Bild entstehen und verlöschen zu lassen, sich an die Schwelle der Lebendigkeit zu holen und dann wieder an den Rand des Totenreichs zurückzusenden.

Er hob die rechte Hand und klopfte sich mit der Zeigefingerspitze auf die Mittellinie der Oberlippe, während er las, was er heute bereits geschrieben hatte.

Wir sind nicht wie andere Berufstätige. Während einer Leerlaufphase können wir kein Baseballtraining machen, um unseren Schwung zu behalten, oder Fachzeitschriften lesen, damit wir auf dem aktuellen Stand bleiben. Man verliert das Gespür für einige Dinge. Vor allem aber verliert man das Gespür für die Angst seines Gegenübers.

Hinter ihm war ein feuchter, erstickter Laut zu hören. Von jeher war er der Meinung, dass Angst die Menschen wie Tiere klingen ließ – dass es Ähnlichkeiten gab zwischen dem gepressten Schrei eines hilflosen, verängstigten Menschen und dem Jaulen eines verletzten Hundes oder eines Bären, den die Stahlzähne einer Falle packten. Er drehte sich nicht um. Er entschied, noch ein wenig zu warten.

Wie seltsam, dachte er. Im Moment erschien alles Messbare, alles Quantifizierbare – der Anlass, seine Rolle, die notwendigen Fertigkeiten und Werkzeuge – mehr oder minder gleich geblieben, als wäre nur ein Tag verstrichen und nicht zehn Monate voller Operationen und Regeneration. Doch hier in diesem Kreuzpunkt der Zeit zu sitzen und diesen Neuanfang zu erleben … Wenn es möglich gewesen wäre, eine Röntgenaufnahme vom Gefühlszustand eines Menschen zu machen und sie mit einer solchen Aufnahme von sich zu vergleichen, die vor den Ereignissen des 4. Juli gemacht worden war, so hätten beide, da war er sich sicher, nur wenige Ähnlichkeiten gezeigt. Aus Hügeln wären Berge geworden, aus Bächen Flüsse, aus Felsspalten Schluchten, aus der Erde ein Planet X.

Er stand auf, ging an einen alten, zerschrammten Eichentisch – für seinen Wiedereinstieg ins Leben hatte er etwas Organisches gewollt, vom Menschen geformt, aber von der Natur geschaffen – und blickte auf das Ensemble an Entsetzlichem, das er darauf ausgelegt hatte. Für den April war die Drei-Uhr-Sonne stark, die sich durch das Dachfenster des Raumes ergoss und den Instrumenten einen kupfrigen, schmelzflüssigen Glanz verlieh.

Nach den beiden rekonstruktiven Operationen hatten die Ärzte ihm eröffnet, dass weitere Eingriffe wegen der zu umfangreichen Verletzungen zwecklos seien. Als sie ihm dann die Alternative vorlegten, hatte er gespürt, wie in der schwarzen Ironie des Augenblicks die Verheißung der Perfektion ihr Haupt erhob.

Man würde ihn erneuern, und auch sein Inneres wollte er neu gestalten. Er wollte seine Grenzen erweitern und seine Beschränkungen überwinden. Kosten spielten keine Rolle. Er hatte mehr Geld auf die Seite gelegt, als er jemals ausgeben würde. Sobald seine Umwandlung abgeschlossen war, gab es keinen Schmerz mehr, der zu groß war, um ihn zu ertragen.

Er hatte den Vorgang dokumentiert, mit zwei Kameras, damit ihm kein Detail entging, und während seiner Genesung hatte er Hunderte von Stunden vor dem Video verbracht, jeden Schnitt studiert, jede Abtrennung. In den Monaten nach der Operation hatte er sich täglich nur zwei 50-mg-Fentanyl-Pflaster gestattet und sensorische Vorgänge mit solch qualvoller Intensität erlebt, dass sein Verständnis des physischen Leidens eine radikale Neuausrichtung durchlief, die dem Meisterwerk seiner Chirurgen gleichkam.

Er nahm das einteilige Skalpell von Horatio Kern aus dem Jahre 1867 vom Tisch. Er hatte die üblichen modernen Plastikausführungen mit Wechselklingen ausprobiert, doch ihr geringes Gewicht bereitete ihm Probleme. Daher hatte er einen der Männer nach etwas Massiverem suchen lassen. Der Ebenholzschaft verlieh Kerns Skalpell Gewicht und eine Griffigkeit, die ihn zufriedener stimmte.

Zuerst hatte er an Kaninchen geübt, und nach Wiedererlangen der grundlegenden Fertigkeiten hatte er sich von einem nahegelegenen Hof ein Schwein bringen lassen. Seine Chirurgen hatten ihm versichert, dass ein Schwein in Bezug auf die Dicke der Haut und der subkutanen Fettschichten den Verhältnissen beim Menschen recht ähnlich sei. Näher käme er an die Realität nicht heran.

Ein vertrautes dröhnendes Brummen ließ ihn aufblicken. Eine sehr große Hornisse, fünf Zentimeter lang, hatte sich durch das Loch im Fenstergitter einen Weg ins Zimmer gebahnt, und jetzt setzte sie sich auf die weiße Pfirsichscheibe, die er als Köder auf dem Fensterbrett platziert hatte.

Er legte das Skalpell auf den Tisch und ging zum Fenster. Er konnte das graue, schuppige Nest sehen, das größer als ein Medizinball war und draußen an der Unterseite der Dachtraufe hing, neben dem angebauten Schuppen, in dem das staubige Auto stand. Die Besuche der Insekten waren zu einem nützlichen Element seines Trainings geworden.

Als die Hornisse von dem Pfirsich kostete, senkte er die Hand, nahm vorsichtig die hauchdünnen Flügel zwischen die Spitzen seines Daumens und Zeigefingers und hob das sich wehrende, laut summende Geschöpf hoch. Im Laufe der Zeit war speziell diese Bewegung der Neuausbildung seiner Feinmotorik und seiner Auge-Hand-Koordination sehr förderlich gewesen.

In der Regel nahm er nun den dicken, gestreiften Unterleib der Hornisse zwischen zwei Fingerspitzen und drückte langsam zu, bis er platzte. Auf diese Weise erlangte er ein Gefühl für den ausgeübten Druck, das wiederherzustellen sich als recht schwer erwiesen hatte. Er hatte an Weinbeeren geübt, bis die erste Hornisse ins Zimmer flog und er entdeckte, dass belebtes Fleisch, das für seine Berührung empfindlich war und darauf reagierte, sich erheblich besser eignete als das Obst. Daher stellte er immer eine Untertasse mit einer Pfirsichscheibe auf die Fensterbank. Seit Monaten fand die Putzfrau jedes Mal, wenn sie kam, einen Haufen verschrumpelter kleiner Kadaver auf dem Fußboden.

Er sah zu, wie das Tier zuckte. Die Energie der Hornisse war unermüdlich. Wieder hörte er das feuchte Stöhnen. Es war Zeit. Zeit, neu zu beginnen. Er drehte sich um und ging durch den Raum. Die Zielperson saß auf einem hochlehnigen Stuhl, bedeckt mit einem weiten blauen OP-Kittel, der dem Körper jede Form nahm. Eine grob zugeschnittene Kapuze aus dem gleichen Material umhüllte den Kopf. Sie hatte Löcher für die Augen und den mit schwarzem Klebeband verschlossenen Mund. Plastikschnallen fesselten den Körper an Hals, Handgelenken, Taille und Fußknöcheln an den Stuhl.

Er beugte sich zu dem Gesicht vor und runzelte die Stirn. In dem Blick dieser Augen lag nicht genug Furcht. Er hob das lärmende, zappelnde Insekt. »Riesig, nicht wahr?«

Die Lider der Augen in der Kapuze hoben sich, die Pupillen wurden weiter.

»Durch meine Ausflüge auf Google habe ich erfahren, dass es vermutlich eine Vespa mandarinia ist – die Asiatische Riesenhornisse. Sie ist die giftigste Art. Wie es heißt, kann ein Schwarmangriff einen Menschen in Minutenschnelle töten … durch einen anaphylaktischen Schock. Doch wenn Sie mich fragen, wie sie hierherkommt, muss ich passen.«

Er hob den Zeigefinger der freien Hand. »Passen Sie auf«, sagte er, führte den Finger an das zuckende Abdomen der Hornisse und stieß gegen die Unterseite. Augenblicklich krümmte sich das Ende des Unterleibs nach unten und innen, und der sechs Millimeter lange Stachel fuhr heraus und bohrte sich in den Finger. Er zeigte keine Reaktion – er zuckte weder zurück, noch verzog er eine Miene.

Sein Zuschauer hob verwirrt die rechte Braue.

»Der interessanteste Unterschied zwischen den Wespen, zu denen die Hornissen gehören, und den Bienen besteht darin, dass Bienen nur einmal zustechen können. Ihre Stacheln haben Widerhaken, verfangen sich im Fleisch und werden ausgerissen – die Biene stirbt daran. Hornissen haben jedoch widerhakenfreie Stacheln. Sie können immer wieder zustechen.« Mit der Fingerspitze drückte er gegen den Bauch des Insekts, und es stach ihn erneut. »Sehen Sie?« Er zog den unteren Rand der Kapuze am Hals ein Stück weit hoch. »Wir wollen Sie ein wenig lockern. Bauen wir ein wenig Adrenalin ab.« Er beobachtete, wie der Adamsapfel beim Schlucken auf und ab hüpfte, dann ließ er die Hornisse unter der Kapuze frei. »Sie sind nicht besonders aggressiv, solange man sie nicht reizt, aber Sie täten gut daran, sich nicht zu bewegen.«

Das hässliche Summen hörte plötzlich auf. Dank der Größe der Hornisse war deutlich zu sehen, wie sie unter dem Stoff die Wange entlangkrabbelte. Die Augen unter der Kapuze stierten starr nach vorn, ohne zu blinzeln, aber auch ohne etwas zu sehen. Sie ließen an jemanden denken, der vergebens versuchte, sich an einen Namen oder an das Datum eines bevorstehenden Termins zu erinnern. Dann schlossen die Lider sich langsam und bebten, und die Hornisse kroch über das linke Auge und strebte weiter nach oben.

Vor dem Fenster stand der wilde Lavendel in Blüte, ein wogendes Purpurmeer. Eine plötzliche Bewegung dort veranlasste den Mann, von seinem Gefangenen aufzublicken, und er sah Dutzende von Schlangen mit strahlenden, irisierenden Schuppen, die in eleganten, abgefederten Bögen aus dem Gebüsch sprangen und einander mit opalenen Zähnen, die bald rot glänzten, gierig verspeisten. Er beobachtete den Kampf, bis eine einzige Kreatur blutbefleckt und siegreich übrig blieb und sich ihm mit neugierigem Blick zuwandte.

»So ist es gut«, sagte er. »Komm zu Papa.«

Das Ungeheuer glitt auf ihn zu, und er schloss die Augen. Er hatte gelernt, mit den Erscheinungen umzugehen. Er besaß keine Kontrolle über ihr Auftreten, aber er hatte festgestellt, dass die Halluzinationen vergingen, wenn er die Augen fest zukniff. Soweit er wusste, handelte es sich um bildliche Manifestationen einer Art Wahnsinn.

Für ihn war die Psychopathie das Ergebnis einer bemerkenswerten katalytischen Reaktion, der graduellen Umwandlung von Qual und Leid in eine neue chemische Verbindung, die nun seinem Gehirn innewohnte wie jede andere Komponente seiner psychologischen Zusammensetzung – etwa Wonne, Angst oder Wut –, und während sie Adrenalin oder Serotonin oder Neutrophine freisetzten, löste die neue Substanz die Erscheinungen aus.

Davon hatte er viele gehabt. Er hatte gesehen, wie der Klinikkatze Stahlstacheln aus dem Fell wuchsen; er hatte beobachtet, wie Dr. Lings Gesicht zerbarst, während er über synthetische Polymere sprach; er hatte in dem geschmolzenen Gruyère auf seiner Zwiebelsuppe gestochert und in der Brühe umherflitzende neonfarbene Salmler entdeckt; er hatte einen Engel aus dem Himmel stürzen sehen, dessen Schwingen brannten und einen Rauchschweif hinter ihm zurückließen. Das war das Zeichen gewesen, dass seine Intuition keiner Wahnvorstellung entsprang und seine Nemesis trotz aller Berichte noch lebte – und dass er, sobald sie wieder aufeinandertrafen, für seine extremen Entscheidungen belohnt wurde.

Daran glaubte er fest, weil der fallende Engel Geigers Gesicht gehabt hatte.

Geiger.

Er öffnete die Augen, hob die glatten, haarlosen Hände vors Gesicht, und in seinem Kopf wiederholten sich die Ereignisse des 4. Juli. Sie waren weniger Erinnerung als vielmehr ein stets präsenter Teil seines Bewusstseins – diese Stunden, die in exquisiten Einzelheiten vor seinen Augen vorbeizogen:

Halls Anruf … Der Anstieg seines Pulses, als er erfuhr, dass er an Geiger arbeiten sollte, von allen Menschen ausgerechnet an Geiger – der Legende, dem Meister ihrer Kunst, dem Mann, den man den Inquisitor nannte …

Die Sitzung in Geigers eigenem Raum … Ihn an den Rasiersessel zu fesseln, ihm die einzige Frage zu stellen, die Hall ihm mitgeteilt hatte: »Wo ist der Junge?« … Mit einer weißglühenden Ahle in Geigers Wange einzudringen … Ihn mit dem Baseballschläger zu bearbeiten … Ihm den vierköpfigen Schenkelstrecker zu zerschneiden … Und Geiger, wie er sich weigerte nachzugeben, wie er sich nicht erweichen ließ, einen Jungen zu verraten, den er kaum kannte, oder zu betteln oder auch nur zu schreien, als wäre er immun gegen die Schmerzen dieser Welt …

Dann, wie Geiger angriff, wie er das Regiment übernahm und verkündete, dass sie beide das Foltern hinter sich hätten, dann das Zerschmettern seiner Finger und Mittelhandknochen, das trockene, laute Knacken der Knochen und der überwältigende, außerweltliche Schmerz …

Geiger war zum Zentrum seines Universums geworden – die Sonne, die jeden Gedanken beherrschte, jede Entscheidung. Geiger hatte ihm einen neuen Sinn verliehen, etwas, das er noch nie empfunden hatte. Begonnen hatte es als winziger Same, der aufgegangen und zu einem Leuchtfeuer in ihm geworden war. Zuerst war es Rache gewesen – und nun war es zu etwas geworden, das darüber hinausging.

Die Beule unter der Kapuze bewegte sich ein wenig, knapp neben dem Ohr. Er klopfte darauf, und die Hornisse summte und zuckte – und die Zielperson verkrampfte sich in ihren Fesseln, während ein halb ersticktes Knurren ihrer Kehle entstieg. Tränen liefen ihr aus den Augenwinkeln.

»Ich habe Ihnen einige Fragen zu stellen.«

Die Augen unter der Kapuze schlossen sich, die Wangen spannten sich unwillkürlich an – und die Hornisse stach erneut zu. Der Körper zog wild an seinen Fesseln, und ein weiteres Stöhnen bahnte sich einen Weg durch das Klebeband wie ein tieferes Echo des ersten.

»Ich hatte Sie aufgefordert, sich nicht zu bewegen.«

Er riss den Arm hoch und schlug der Zielperson mit der flachen Hand gegen die Schläfe. Der Schädel erzitterte unter dem Hieb, und die Eingeweide des zerquetschten Insekts färbten den Kapuzenstoff dunkel. Er hob das alte Skalpell und beugte sich vor, bis sein Gesicht dicht vor dem der Zielperson hing.

»Dies werde ich hauptsächlich einsetzen.« Er legte der Zielperson das Instrument in die Hand. »Nur zu. Halten Sie es. Es fühlt sich angenehm an. Perfekt ausbalanciert.«

Die Augen unter der Kapuze musterten den Mann, versuchten die Tiefe seines Wahnsinns auszuloten.

»Es ist bemerkenswert, welche Karten das Schicksal austeilt. Sehen Sie – Sie und ich … Wir haben eine … gemeinsame Bindung, könnte man sagen.« Er packte das Oberteil der Kapuze und zog sie weg. »Es ist durchaus möglich, dass Sie bereits wissen, wer ich bin. Aber gestatten Sie mir dennoch, mich vorzustellen. Mein Name ist Dalton.«

PROFIL LEVEL ACHT

NAME: Unbekannt. Pseudonym: Geiger

KLASSE: Verhörexperte

CODENAME: Inquisitor

ALTER: Unbekannt. Vermutlich zwischen 27 und 34

URSPRÜNGL. KONTAKTPERSON: Carmine Delanotte

EINSATZ:

DATUM: 16. 8. 2004

FALLNAME: Black Nile

ORT: Kairo, Ägypten

VERHÖRTE(R): NARI KANEESH, 42, stellvertr. Minister – verdächtigt, Geheimtreffen mit Al-Qaida-Agenten durchgeführt zu haben

KOMMENTARE: Bewertung – 9,8. In Intellekt und Ausdauer überragend. Psychologisch orientierte Methodik (Falldetails siehe Anhang – Ermächtigungsstufe Deep Red erforderl.)

DATUM: 3. 7. 2011

FALLNAME: De Kooning

ORT: New York, NY

VERHÖRTE(R): EZRA MATHESON, 12, Sohn von DAVID MATHESON – Kopf von Veritas Arcana, Whistleblower-Website

KOMMENTARE: Bewertung – k. A. (Falldetails siehe Anhang – Ermächtigungsstufe Deep Red erforderl.)

Ein schlanker Daumen reckte sich zu dem Monitor und wurde fest auf das Achteck am unteren Rand des Bildschirms gedrückt. Zweimal blinkte IDENT auf, dann erschien ein neues Dokument.

FALLNAME: De Kooning

3. 7. 2011 – NYC: Subunternehmer (RICHARD HALL, MITCHELL CARNEY, RAYMOND BOYCE) versuchen von DAVID MATHESON (Whistleblower, Veritas Arcana) geheimes Video eines CIA-Verhörs wiederzubeschaffen. Matheson entgeht Festnahme. Hall übergibt Mathesons Sohn EZRA an GEIGER zwecks Verhör wg. Vater. Geiger flüchtet mit Kind.

4. 7. 2011: Geiger gefangengenommen. Verhör durch DALTON wg. Ezras Aufenthalt (ernsthafte Verletzungen zugefügt). Geiger macht Dalton (siehe Dalton-Nachbesprechung) unbrauchbar u. entkommt. Subunternehmer verfolgen Geiger, Ezra Matheson, HARRY BODDICKER (alias THOMAS JONES) u. LILY BODDICKER zum Haus von Dr. MARTIN CORLEY in Cold Spring, NY (keine weiteren Erkenntn.)

Auszug aus dem Bericht des Cold Spring PD: »Thomas Jones u. Ezra Matheson sagten aus, dass zwei Männer einen Einbruch in 29 River Lane verübten, Eigentümer Dr. Martin Corley. Während des Kampfes stürzte ein Mann von der Veranda. Todesursache: auf Rasenlampenstachel aufgespießt. 2. Mann entführte Ezra Matheson u. versuchte in Ruderboot zu entkommen. Boot kenterte. Von den Insassen keine Spur. Große Menge an Blut auf Bootssteg gefunden.«

ERGEBNIS:

Video nicht wiederbeschafft. Am 29. 8. 2011 von D. MATHESON auf Veritas-Arcana-Website gepostet. HALL: vermisst, vermutlich tot; BOYCE: vermisst, vermutlich tot; CARNEY: tot.

3. 9. 2011 – Ergebnisse der Blutanalyse: Probe von Bootssteg (Cold Spring, NY) stimmt überein mit Gaze aus »Sitzungsraum« nach Verhör von GEIGER durch DALTON

GEIGER: vermisst, vermutlich tot.

ERSTER TEIL

1

Wie er durch die Nacht und den Nieselregen rannte, glich er mehr einem dunklen Phantom als jemand Lebendigem – schwarzer Pullover und schwarze Jogginghose, schwarze Ghost-GTX-Laufschuhe, das schwarze Haar braun gefärbt und kurz geschnitten. Der Bart reichte fast bis zu den hervorstehenden Jochbeinen. Die wenigen Menschen, die ihn kannten, hätten ihn kaum wiedererkannt. In seinem Kopf peitschte sich der von Mahlers Leidenschaft durchdrungene Gesang von dreißig Violinen bis zur Ekstase. Das feuchte Glitzern der Pflastersteine ließ die Straßen erscheinen, als wären sie flüssig geworden, bodenlos. Man machte vielleicht einen Schritt und stürzte, ohne dass der Fall jemals endete …

Er erinnerte sich an den Wahnsinn unter dem Fluss, die Leiber, die sich verzweifelt aneinanderklammerten. Er erinnerte sich, wie er auf Ezras dünne Arme stieß, den Jungen aus dem Schlick zog und ihn nach oben drückte. Er erinnerte sich an Hände, die sich um seine Kehle schlossen, und an das vom Wasser erstickte Uuuf!, als seine Faust einen knochigen Teil Halls traf und er spürte, wie etwas brach und nachgab.

Er war aus dem Fluss gestiegen, hatte sich die Böschung hochgezogen und war im Nebel auf einen geduckten, dunklen Umriss zugekrochen. Der Umriss erwies sich als alter Lagerschuppen der Eisenbahn mit einer Tür, die nur noch an einer rostigen Angel hing. Als er drinnen war, riss er die Taschen aus der Jogginghose und verstopfte damit die Einschusswunde in seiner Brust und die Austrittswunde an seinem Rücken gleich unterhalb des Schulterblatts. Er hielt es für wahrscheinlich, dass er das Bewusstsein verlieren würde, und wollte dann nicht verbluten.

Die Größenordnung des Schmerzes war etwas Neues, die Präsenz ohne Grenzen, daher durchtränkte er sein Bewusstsein mit Chopins Fantaisie-Impromptu, Prélude in e-Moll, um die Schmerzen zu überlisten, um zu verhandeln, statt an mehreren Fronten, die zu lang waren, als dass man sie beherrschen konnte, einen totalen Krieg zu führen. Die ersten beiden Tage verschlief er fast ganz, und als er in der dritten Nacht hinausging, fand er in anderthalb Kilometer Entfernung ein schlafendes Städtchen – Gemüsereste in dem Müllcontainer hinter einem Imbiss sowie eine vergessene Windjacke und eine Flasche Wasser auf der Spielerbank an einem Baseballplatz. Am fünften Tag brach er in der Morgendämmerung auf und brauchte vier Stunden, um mit seinem beschädigten Bein den Highway zu erreichen, der zwei Meilen entfernt lag. Nur bei Lkws streckte er den Daumen aus, und der erste, der anhielt, nahm ihn bis in die Stadt mit.

Brooklyn war ein wirres Durcheinander aus Gebäuden, Ethnien und Schichten. Jedes Mal, wenn er um eine Ecke bog, schien es ihn zu etwas Fremdem ohne jede Verbindung zum Vorherigen zu verschlagen. Einer finsteren Reihe aus Lagerhäusern und von abgesackten Zäunen umgebenen Grundstücken folgte ein gut beleuchteter Block aus Einfamilienhäusern mit Flachbildfernsehern und vollgestopften Bücherregalen hinter den Fenstern, der wiederum in eine Ansammlung schäbiger Geschäfte und schmieriger Kneipen überging, aus denen Reggaeton auf die Straßen drang, und hinter der nächsten Ecke warteten in Gebäuden aus roten Ziegeln und Chrom Szenelokale sowie Bars, deren Neonreklame »Brooklyn Lager« verhieß.

Er hatte überlegt, in eine andere Stadt zu ziehen und neu anzufangen. Er war nach Richmond gereist, nach Brattleboro und nach Boston und je ein paar Tage geblieben – doch sie hatten ihm nichts gesagt. New York war sein Planet, dessen einzigartige Schwerkraft ihn auf seiner Bahn hielt, was bei anderen Städten nicht der Fall war. Er wäre wie ein defekter Satellit ins schwarze All davongetrieben. Außerdem … Er hatte hier noch eine Aufgabe zu erledigen.

Monate hatte es gedauert, bis er so weit genesen war, dass er wieder rennen konnte. Es gab neue Schmerzen, ein prickelndes Brennen im linken Quadrizeps unter den frischen Narben von Daltons Schnitten. Zusammen mit den alten Problemen in Hüfte und Knöcheln raubte es ihm manchmal das Gleichgewicht, doch wie immer half die Musik dem Alchimisten in ihm, Schmerz in reine Empfindung umzuwandeln – und in Kraft.

Als die Ampel auf Grün sprang und er auf die leere Kreuzung joggte, erreichten die Streicher ihren Höhepunkt, und vor seinem inneren Auge umkreisten Klangsträhnen einander im Paarungstanz, um sich sodann in die Arme zu fallen und zu einem vielfarbigen Band zu verschmelzen. Die Musik war vollmundig. Er schmeckte grüne Minze und Erdbeere – und hörte das drängende Kreischen der Hupe eine Sekunde, ehe die schwarze, rasende Masse in sein peripheres Blickfeld eindrang und ihn dazu brachte, frontal zu dem Dodge Dakota herumzufahren, der die rote Ampel ignorierte und auf ihn zuraste. Die Straßenlaternen spiegelten sich in der Windschutzscheibe und beschienen die drei Gesichter dahinter – ihre sich weitenden Augen und dehnenden Lippen. Dann regte sich der Fahrer wieder, schlug erneut auf die Hupe und trat auf die Bremse. Das Fahrzeug ruckte auf dem feuchten Asphalt und geriet ins Schleudern.

Das Kreischen der Reifen übertönte die Streicher, und er bezwang einen inneren Tumult. Er hatte es schon erlebt – in einem Moment der Unaufmerksamkeit überrascht, wenn die Welt sich an ihn anschlich und alles zu einem exquisiten Kriechen verlangsamte. Fortlaufende Bewegungen in einzelne Segmente zerteilt, fallende Dominosteine, verbunden, aber getrennt und eigenständig. Geräusche breiteten sich aus wie Quecksilber auf einer geneigten Glasscheibe, dann verweilten sie über ihre übliche Halbwertszeit hinaus. Er streckte die Hände vor sich aus.

Im letzten Moment drang unerwartet ein Gedanke an die Oberfläche: War jemals die Leiche seines Vaters auf dem Berg entdeckt worden, unter dem Reifen des Trucks eingeklemmt, das Messer tief im Herz? Geiger spürte noch immer den Ledergriff in seiner Kinderhand, als er das Messer hineinstieß. Wahrscheinlicher war, dass die Wölfe das Fleisch verschlungen und Pumas und Füchse mit den Knochen gespielt und sie verstreut hatten. Die Sonne hatte den blutgetränkten Boden getrocknet und der Wind die dunkel verfärbte Erde hochgewirbelt und weggefegt. Von dem Mann blieb nur übrig, was Geiger mitnahm, äußerlich und innerlich – die wahnsinnigen Rituale, den eleganten Schaltkreis der Narben, die Bruderschaft des Schmerzes, die letzte Offenbarung von bleichen, blutenden Lippen: Die Welt weiß nichts von dir. Das ist mein Geschenk an dich. Du bist niemand.

Der Truck stand vor ihm. Auf dem Vordersitz hatte die junge Frau zwischen den beiden Männern die Hände vors Gesicht geschlagen. Der gequälte Schrei der Reifen erstarb, als der funkelnde silbrige Kühler auf Geigers vorgestreckte Hände traf – und stoppte. Hätte es Zeugen gegeben, hätten sie vielleicht geglaubt, er wäre eine Art Superheld, der heranrasende Fahrzeuge mit bloßen Händen zum Halten brachte.

Die Tür flog auf, und der Fahrer sprang heraus. Er sah aus, als wäre er ein paar harte Jahre über zwanzig, hielt eine Bierflasche in der Hand und trug ein Sweatshirt mit der Aufschrift: STAR SPANGLED BANGER! in roten, blauen und weißen Buchstaben. Mit der Hand fuhr er sich über die Haarstoppeln, dann spreizte er die Arme wie ein Regenmacher, der den Himmel anruft.

»Scheiße, Mann! Was machst du denn für ’ne Scheiße, hä?«

Geiger straffte den Rücken. »Sie haben eine rote Ampel überfahren«, sagte er.

Etwas an Geigers weicher, monotoner Stimme brachte den Mann zum Grinsen.

»Rote Ampel? Scheiße, wir sind hier in Brooklyn

»Sie sollten vorsichtiger sein. Sie haben eine Dummheit begangen.«

Der Mann grinste weiter und sah zu den anderen hin. »Er sagt, ich bin doof.«

Der andere Mann im Truck lachte auf und warf durch die offene Tür mit einer leeren Bierdose nach seinem Freund. »Da hat er recht, du blödes Arschloch!«

Der Fahrer wandte sich wieder zu Geiger und hob die Flasche. »Wegen dir hab ich mein Bier verschüttet, Mann. Sie war fast voll – mein letztes. So ’ne Scheiße!«

Seit seiner Rückkehr hatte Geiger direkte Kontakte auf ein Minimum beschränkt, doch das Gerede des Mannes befeuerte seine Sensoren, die hinter der Oberfläche aus Wörtern und Tönen nach Absichten suchten. Irgendwo beklagte eine Feuerwehrsirene eine neue Tragödie. Geiger nahm seine Ohrstöpsel heraus.

»Sie sollten wieder in den Wagen steigen.«

»Komm schon, Dougie«, sagte die Frau. »Fahren wir weiter.«

»Gleich.« Der Fahrer sah Geiger genauer an. »Du bist nicht von hier – oder? Wir, äh … Wir fahren rum und, na, wir haben die Dinge im Auge … und ich glaube, dich hab ich noch nie gesehen.« Er neigte den Kopf wie ein Dobermann, der Hackfleisch wittert. »He, bist du ein Mussie? Weil … Du sieht irgendwie aus wie einer.«

Geiger spürte den Puls in seinen Schläfen pochen wie das Ticken einer Uhr. »Ich weiß nicht, was ein Mussie ist.«

»Klar weißt du das. Du weißt doch … Mussie. Kopftuch und so. Moscheenratte.« Der Mann zuckte mit den Schultern. »’n Mussie.« Er sah die beiden anderen an. »Er sieht irgendwie so aus, oder?«

»Find ich auch«, sagte der Mann auf dem Beifahrersitz. »Irgendwie schon.«

»Ich bin kein Muslim«, erwiderte Geiger, »also können Sie weiterfahren.«

»Eine Sekunde.« Der Mann kam plumpvertraulich über den Asphalt schlurfend näher. Geiger begann, sich mit den Fingern gegen die Schenkel zu trommeln. Der Atem strömte heiß durch seine Nasenlöcher. Der Fahrer blieb zwei Handbreiten vor ihm stehen und hielt ihm die Flasche hin. »Dann trink was, ja? Nur damit keiner sauer ist. Ich meine, Mussies dürfen keinen Alkohol trinken – aber du bist kein Mussie, also darfst du.«

»Ich trinke keinen Alkohol.«

»Na komm schon … Nicht mal ’n Schluck Bud?« Sein Grinsen wirkte aufgesetzt, als sei er nicht mit dem Herzen dabei. Sein Kumpel streckte den Kopf aus dem Beifahrerfenster.

»Können wir jetzt endlich weiter, Dougie, oder was?«, fragte er.

Geiger spürte die Erinnerung an Hunderte von Schicksalen, die er in den Händen gehalten hatte – der Angstschweiß auf der Haut; Muskeln, die sich erschrocken anspannten; Willen, die unter seiner Berührung zerbrachen. Sein Erbe, sein Können – die Erzeugung von Schmerz … Der Aufbau von Leid … Die Entwindung der Wahrheit …

»Douglas«, sagte er, »steig in deinen Wagen und fahr weiter.«

Der allerletzte Anschein von Freundschaftlichkeit verschwand aus dem Gesicht des Mannes. »Na, wie wär’s denn, wenn du dich auf dein dreckiges Kamel setzt« – er pflanzte seinen Zeigefinger auf Geigers Brust – »und …«

Die Bewegung war so schnell, dass der Mann nicht einmal zu einem weiteren Laut kam. Geiger griff ihn beim Kragen und zog ihn zu sich heran, während er mit der anderen Hand ein Handgelenk packte, den Mann herumriss und ihm den Arm auf den Rücken bog. Die Flasche zerschellte vor ihren Füßen.

Geiger legte Dougie den rechten Arm um den Hals, und sie standen aneinandergepresst da, Brust an Rücken. Jedes Mal, wenn der Mann sich zu bewegen versuchte, zog Geiger den Arm etwas höher – bis Dougie innehielt.

Die junge Frau sprang auf die Straße. Sie trug eine taubenblaue Version des Sweatshirts, das der Fahrer anhatte. »Dougie!«

Der Fahrer wollte etwas sagen, doch Geiger drückte ihm die Kehle fester zu und brachte ihn so zum Schweigen. Dann flüsterte er dem Mann sehr leise ins Ohr: »Sag nichts. Beweg dich nicht. Entspann dich.« Die Worte hatten eine gewisse Leichtigkeit und bargen ein beinahe väterliches Versprechen: Keine Angst. Du hast nichts zu befürchten.

Der Mann auf dem Beifahrersitz stieg aus. Nervös rieb er eine Faust in der Handfläche.

»Lass ihn los!«, rief die Frau, griff zum Vordersitz und richtete sich mit einem Baseballschläger aus Aluminium in der Hand auf. An einigen Stellen war die grüne Lackierung abgeplatzt. »Sofort, du Arsch!«

Der Mann, den Geiger gepackt hielt, lachte rau auf. »Darf ich dir meine Freundin vorstellen, Abdul?«

Geiger musterte sie – die Geradheit ihres Rückgrats, die Art, wie ihre Finger eine Bewegung auf dem Griffstück des Schlägers ständig wiederholte. Sie wusste, wie er sich anfühlte. Sie hatte ihn schon benutzt.

Die Frau warf ihrem Freund einen Blick zu. »Bringen wir’s hinter uns, Jamie.« Er nickte, und die beiden bewegten sich vorwärts. Fünf Schritte waren es höchstens.

Geiger beugte sich zum Ohr des Fahrers vor. »Douglas … eine Planänderung.«

»Jetzt lässte mich laufen – richtig, Arschloch?«

Geiger verschob den Unterarm, krümmte die Finger steif und grub sie über dem Schlüsselbein in den Hals des Mannes. Dougies Gehirn erhielt augenblicklich eine Nachricht vom Brachialplexus – eine Nachricht über einen plötzlichen, massiven Schock des Nervensystems. Er verlor das Bewusstsein und erschlaffte wie eine Flickenpuppe. Geigers Unterarm bewahrte ihn vor dem Sturz. Die anderen blieben mit einem synchronisierten Zusammenzucken stehen, als wären sie in ein unsichtbares Kraftfeld gelaufen.

»Meine Fresse!«, entfuhr es dem anderen Mann.

Die Freundin hob den Baseballschläger. »Du Drecksau! Was hast du ihm angetan?«

»Douglas ist bewusstlos.« Er spürte den geschmeidigen Marsch des Blutes, sah den dunkelsten Teil seiner selbst, wie er alles beobachtete. Der Inquisitor nickte ihm zu. Schmerz lässt sich auf zahlreiche Arten anwenden. »Sie müssen beide wieder einsteigen.« Es gibt Druck, stumpfe Gewalt, Anwendung von starker Hitze und Kälte, Bearbeitung der Gelenke … »Tun Sie, was ich Ihnen sage.«

Die Frau legte den Schläger über ihre Schulter. Verwirrung und Staunen zupften an einer Augenbraue.

»Wer zum Teufel bist du?«

Geiger analysierte ihr Timbre und ihre Kadenz und entdeckte ebenso viel Angst wie Wut, was eine gute Sache war.

»Legen Sie den Schläger weg, steigen Sie ein – und schließen Sie die Türen. Wenn ich fort bin, geben Sie Douglas ein paar Klapse auf die Wangen und bewegen seinen Kopf hin und her. Dann wacht er auf.«

Der zweite Mann schüttelte den Kopf wie ein Gaffer an einer Unfallstelle.

»Haben Sie beide gehört, was ich sagte?« Geigers Stimme glich der eines geduldigen Lehrers in einem Klassenzimmer voller Rabauken, und seine Schüler blickten ihn mit einem Ausdruck an, der dem Grauen recht nahekam.

»Scheißkerl«, fauchte die Frau und warf den Schläger hin. Der zweite Mann nahm es dankbar als Stichwort, und sie gingen zum Wagen, stiegen ein und knallten die Türen zu.

Geiger zog Dougie vom Truck weg und sah ihnen zu, wie sie ihn beobachteten. Er ließ den Fahrer auf den Gehsteig sinken und lehnte ihn an einen Laternenpfahl. Er roch öligen Rauch in der Luft, der immer dichter wurde. Eine zweite Feuerwehrsirene antwortete der ersten wie ein wildes Tier, das sich paaren will. Irgendwo in der Nähe stand etwas in Flammen.

Geiger steckte sich die Ohrhörerstöpsel wieder ein und setzte seinen Lauf fort. Er nahm jedes Mal einen anderen Weg, und er hatte noch eine halbe Stunde, ehe er ankam. Dylans Sandpapierstimme klang ihm in den Ohren. »Something is happening here and you don’t know what it is – do you, Mister Jones?«

2

In diesem von Staus geprägten, wild zusammengeflickten, lärmenden Teil der Stadt hätte das Krachen, das Harry Boddicker aus seinem Dösen weckte, von allem Möglichen stammen können – der Fehlzündung eines Automotors oder einem Schuss –, doch er dachte sofort an Feuerwerk, weil der Traum, in dem er gefangen gewesen war, sich wie schon so oft um den 4. Juli gedreht hatte. Er war in dem Campingstuhl eingeschlafen, der auf dem Fluchtbalkon vor seiner Wohnung im vierten Stock – ohne Aufzug – auf der Seite zur Henry Street in Chinatown stand, dem Posten, von dem aus er nunmehr das Leben auf dem Planeten Erde beobachtete. Er glich einer wasserspeienden Simsfigur, die auf den wimmelnden, freudvollen Wahnsinn hinunterstarrte.

Chinatown hatte er aus zwei Gründen zu seiner neuen Heimat gemacht: Der Trubel auf den Straßen ließ ihn hoffen, dass er in den seltenen Fällen, in denen er das Haus verließ, gute Chancen hatte, anonym zu bleiben, und sein Lieblings-Dim-Sum-Restaurant war nur einen Block weit entfernt.

Dennoch, die Welt war zu klein geworden – so klein, dass sein Untertauchen als wenig mehr erschien als ein vergeblicher Aufschub des Unabwendbaren. Sie würden ihn finden. Sie waren andere – Hall, Mitch und Ray waren tot –, aber sie beherrschten ihren Job alle ausgezeichnet, und eines Tages würde ihm jemand auf die Schulter klopfen oder ihm einen Gummiknüppel über den Schädel ziehen, weil sie, wie Geiger gesagt hatte, niemals aufgaben. Und Geiger war einen Tag, nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, tot gewesen.

Neun Monate lang durch den Verlust Geigers, seines Partners und einzigen Freundes, und Lilys, seiner Schwester, geschliffen, wies Harrys Trauer eine scharfe, dünne Kante auf. Sie glich einer Scherbe, die in ihm saß und sich bei jeder Bewegung tiefer einschnitt – schon das Atmen genügte. Sein Schlaf schenkte ihm keine Erholung. Solange er wach war, konnte er die Bilder wegschieben, wenn sie ihm vor die Augen sprangen. Aber in seinen Träumen war er hilflos und konnte nicht fliehen, wenn die Nacht des 4. Juli sich immer wieder abspielte.

Der blaugraue Himmel, punktiert vom Feuerwerk … Geiger, der schwer verletzt und blutüberströmt am Ende des Bootsstegs stand und zusah, wie das Ruderboot mit Hall und Ezra auf den Hudson River hinaustrieb … Dann tauchte Lily aus der Tiefe auf, hielt sich am Dollbord des Bootes fest und brachte es zum Kentern … Alle versanken im Wasser … und Geiger sprang hinein, während Harry hilflos, nutzlos, den Steg entlanghumpelte und die Vereinigung von Chaos und Schicksal mit ansehen musste … Der Kampf rührte das Wasser auf – dann kam eine keuchende Seele an die Oberfläche und schwamm zum Ufer. Der Junge. Ezra. Mit der Sporttasche voller Foltervideos, die er umklammerte, als wolle er sie nie wieder loslassen …

Ohne Geiger, der Harrys Orbit stabilisierte, ohne die Arbeit und ohne Grund, sich seiner Detailverliebtheit zu ergeben, verrann die Zeit gedankenlos. Das machte ihn verwundbar für die Nadelstiche der Erinnerung, und seine verdrängte Vergangenheit hatte ihre Chance genutzt, ihr Heer mobilisiert und die Gegenwart niedergerungen. Nun verbrachte Harry einen großen Teil seines Lebens in der Gesellschaft von Gespenstern, einer Gemeinde der Melancholie – mit jenen, die sich für das Weggehen entschieden hatten, und jenen, die in dieser Frage nicht hatten mitreden können. Sie sahen ihn an und stellten unbeantwortbare Fragen.

Drinnen summte die Klingel. Harry beugte sich über das Gelände und blickte nach unten. Der Lieferbote stand vor der Tür. Harry erhob sich ächzend und stieg durch das Fenster ins Wohnzimmer, ging zur Wohnungstür und drückte die Taste der Gegensprechanlage.

»Sind Sie das, Cheng?«

»Ja, Mr. Jones, Sir.«

Er drückte auf den Knopf. Er war zu dem Schluss gekommen, dass Chaos billig war. Die Götter lagerten es im Überfluss und schleuderten es bei jeder Gelegenheit auf die Erde. Er lebte von dem Bargeld in seinem Safe bei der Citibank, war von Pepcids abhängig, kämpfte gegen einen Rückfall in seine Trunksucht aus der Zeit, bevor er Geiger kennengelernt hatte, und seit dem Massaker am Unabhängigkeitstag war er nicht mehr in seiner geliebten Zuflucht gewesen, seinem Apartment in Brooklyn Heights. Besonders weit hergeholt erschien es nicht, dass es in der Datenbank irgendeines Obermackers, der Eis statt Blut in den Adern hatte und bei der CIA oder NSA oder einem anderen tödlichen Dreibuchstabenkader arbeitete, eine Akte mit Harrys Namen und Adresse gab. Er konnte die saftigen Bäume vor sich sehen, die seine alte Straße säumten und ihre dichten Schatten warfen, und er stellte sich sofort vor, wie sich jemand unter ihnen verbarg, auf sein Fenster im ersten Stock starrte und auf seine Rückkehr wartete.

Er sehnte sich nach Gesellschaft. Zu Anfang hatte er überlegt, sich Arbeit zu suchen, sich ins Fadenkreuz des öffentlichen Auges zu begeben, nur um ein wenig Zeit mit anderen Menschen verbringen zu können, aber dann hatte er sich das Vorstellungsgespräch ausgemalt, in dem er jemandem gegenübersaß, der seinen Lebenslauf durchging.

»Sie haben einen B. A. vom CCNY, 1989 – überragende Programmierkenntnisse –; von 1991 bis 1997 haben Sie als Reporter für die New York Times gearbeitet, dann von 1997 bis 2001 in der Abteilung für Todesanzeigen. Sehr beeindruckend, Mr. Jones. Sind Sie seither beschäftigt gewesen?« Dann könnte Harry nur antworten: »Nun, durchaus. Ich war Partner in einem sehr erfolgreichen Start-up. IR.«

»IR? Dieses Geschäftsfeld ist mir unbekannt.«

»Information Retrieval. Informationsabruf. Unser Anfangskapital hatten wir von Carmine Delanotte, einem Mafiaboss. Ich war der Geschäftsführer für den größten Folterexperten der Welt. Also was ist … krieg ich den Job jetzt?«

Harry kratzte sich am Bart – er hatte ihn zur Tarnung wachsen lassen, aber er hasste es, wie er juckte – und blickte sich mürrisch im Zimmer um: die krummen Wände, der Ost-West-Riss in der Decke, der mager gepolsterte Cordsessel, der Klapptisch mit seinem MacBook, der zerbeulte Minikühlschrank von Sears und der fleckige Zweiplattenkocher unbekannter Herkunft.

»Beschissen weit weg von Brooklyn Heights, Harry.«

Selbstgespräche waren noch so eine neue Gewohnheit. Er vermisste es, mit jemandem zu sprechen, denn gehört zu werden bedeutete, bekannt zu sein. Vor allem aber vermisste er Geiger; ihre Frühstücke im Diner zwei bis drei Mal die Woche, ihre gemeinsame obsessive Detailversessenheit, die unirdische Ruhe dieses Mannes, seine Undurchschaubarkeit bis zum Ende. Geiger war jemand, der sich genial darauf verstand, durch Folter Wahrheiten herauszubekommen, der aber zugleich sein Leben gab, um ein Kind zu retten, das er kaum kannte.

Elf Jahre.

Was sie getan hatten, ließ ihn nie los. Die Liste derjenigen, die gelitten hatten, war lang. Dass die meisten von ihnen einem Katalog der sieben Todsünden hätten entstiegen sein können und dass Geiger nie jemanden umgebracht hatte – diese Tatsachen waren nur ein schwacher Balsam auf Harrys Beschämung.

Dennoch: Hätte ihn jemand gefragt, hätte er nicht bestritten, dass er das Ritual ihrer Arbeit schmerzlich vermisste. Der Torhüter für jene zu sein, die nach Geigers Gaben verlangten. Seine eigenen einzigartigen Fertigkeiten zu nutzen, um die Dossiers über die potenziellen Klienten und Zielpersonen vorzubereiten; die dunklen Gassen des Internets auf der Suche nach Lebensfetzen zu durchstreifen und sie dann zusammenzuflicken, sodass Geiger sich ein detailliertes Bild machen konnte, mit wem er es zu tun hatte, ehe er einen Job annahm; auszuhandeln, welcher Preis sich an einem gegebenen Tag bei dem Klienten für die Wahrheit erzielen ließ; Protokolle zu den Sitzungs-DVDs zu erstellen und dabei so oft wie möglich wegzublicken, während er tippte; und seine fünfundzwanzig Prozent zu kassieren, steuerfrei …

Es klopfte. Harry schloss die drei Schlösser auf und öffnete die Tür; die extralange Türkette, die er angebracht hatte, entriegelte er nicht. Die zusätzlichen fünf Zentimeter schufen einen Spalt, der breit genug war, dass eine Tüte mit Dim Sum hindurchpasste. Er blieb hinter der Tür, sodass man ihn nicht sehen konnte.

»Cheng?«

»Ich bin es, Mr. Jones, Sir.« Eine braune Papiertüte wurde durch die Öffnung gereicht. »Wie immer, Mr. Jones.«

Harry nahm die Tüte an, fischte einen Fünfer und einen Zehner aus seiner Tasche und hielt sie unter die Kette, und eine Hand nahm die Scheine.

»Danke sehr, Mr. Jones, Sir.«

»Gern geschehen. Also, äh … wie geht das Geschäft, Cheng?«

»Immer liefern, Mr. Jones. Ganze Zeit. Nie Pause. Geschäft gut.«

»Das ist gut. Gut zu hören.« Harry seufzte. »Wie geht es Mr. Han?«

»Er gut.«

»Wird das Restaurant –«

»Muss jetzt gehen, Mr. Jones. Eilig. Sehr, sehr eilig. Bye.«

Harry hörte Schritte, die langsam die Treppe hinunterstiegen, und grinste. Cheng hatte es nicht eilig. Er wollte nur nicht im Flur stehen und sich mit dem schrägen Vogel unterhalten, der nie die Sperrkette öffnete. Er verriegelte die Schlösser, setzte sich an den Tisch und nahm den Styroporbehälter und die Plastikgabel aus der Tüte. Das abendliche Ritual – die Augen schließen, den Deckel heben, den Duft seines Cha siu baau einsaugen. Über gewissen Vergnügungen stand er keineswegs, so wenige es auch sein mochten.

Auf seinem Laptop leuchtete das Icon einer Waschmaschine auf. Sauber. Trocknen?, erschien darunter. Er tippte darauf und blickte auf das zierliche Profil von Ezra Matheson, der in seinem Zimmer saß. Harry konnte die Violine des Jungen sehen; sie lag hinter ihm auf dem Bett.

»Hallo, Junge«, sagte er.

Ezras Gesicht wurde weich. »Hi, Harry.«

Eine Bremse wirkte auf Harrys Puls, verlangsamte ihn, schenkte jedem einzelnen Schlag eine sattere Resonanz.

Jedes Mal, wenn sie sprachen, fiel Harry auf, wie sehr die neun Monate den Jungen verändert hatten, mehr als die unaufhaltsame natürliche Reife. Die hohle Krümmung seiner Wangen schien nicht zu seinem breiter werdenden Gesicht zu passen. Die Schatten unter seinen Augen stahlen den hellen, smaragdgrünen Augen ein wenig den Glanz. Harry gab es nur ungern zu, aber Ezra sah heimgesucht aus.

»Mom ist einkaufen. Passt es dir gerade?«

»Klar.«

Die Mutter des Jungen hatte entschieden, dass er keinen Kontakt zu seinem Vater oder Harry haben sollte, wenn sie nicht anwesend war. Daher kam es nur alle zwei bis drei Wochen zu geheimen Gesprächen, für die sie eine Software benutzten, die Harry mit dem gewissenhaften Auge fürs Detail, wie nur Paranoia sie hervorbringt, programmiert hatte. Sie gehörte zu seinen besten Arbeiten.

Am 4. Juli war es allein darum gegangen, Ezra seiner Mutter zurückzubringen. Harry, Geiger, Lily und Ezra waren schließlich als zerlumpter, abgekämpfter Haufen in der Wohnung von Martin Corley gelandet, Geigers Psychiater, der ihnen die Schlüssel zu seinem Wagen und seinem Haus in Cold Spring gegeben hatte. Dort sollte das Mutter-Sohn-Rendezvous stattfinden. Es sollte ihre sichere Burg sein, doch als Ezras Mutter schließlich eintraf, wurde sie nur von dem Jungen und Harry als einzige Überlebende begrüßt.

Nach der Katastrophe in Cold Spring, als der Polizei die Fragen ausgingen, waren Harry, Ezra und seine zornige, dankbare Mutter in die Stadt zurückgefahren, zu Corleys Apartment, wo Harry dem Psychiater eine Geschichte vom Tod erzählt und gesehen hatte, wie etwas in dem Mann verdorrte. Mutter und Sohn waren heim nach Kalifornien geflogen, um dort zu entdecken, dass Ezra ein ganzes Rudel Dämonen als blinde Passagiere mitgenommen hatte: Albträume, plötzliche Tränenausbrüche, stundenlanges, schweigendes Brüten. Nach einem Monat waren sie nach New York zurückgekehrt, in das elegante alte Haus auf der West 75th Street, wo sie bis zur Scheidung gewohnt hatten. Ezra sollte sich bei Corley einer Therapie unterziehen. Seine Mutter war der Ansicht gewesen, dass sich der Junge in der Gegenwart von Geigers ehemaligem Seelenklempner wohlfühlen würde – und Corley hatte zugestimmt.

Der Junge stieß einen Seufzer aus. »Schön, dich zu sehen, Harry.«

»Du siehst gut aus, Ez. Dein Bart macht Fortschritte.«

Ezra rieb sich über den spärlichen Flaum auf seiner Oberlippe und runzelte die Stirn. »O Mann, das sieht so dämlich aus – aber Mom erlaubt mir noch nicht, es abzurasieren.«

Sie brauchten die Gespräche, weil sie einander brauchten. Sie teilten das Einsamste überhaupt, Verlust und Schuldgefühl, ähnlich wie die einzigen Überlebenden eines Flugzeugabsturzes.

»Ez, hast du in letzter Zeit mit deinem Dad gesprochen?«

Das Gesicht des Jungen verhärtete sich wie eine Faust, die man ballt. »Nein. Der kann mich mal – und Dr. Corley sagt, ich darf noch immer sauer auf ihn sein.«

»Verstehe.« Harry hatte gelernt, die Frage nur einmal zu stellen.

»Morgen gehe ich ins Kino. Willst du dich mit mir treffen?«

»Du weißt, dass ich das nicht machen kann, Ez.«

»Ja, sicher … Ich frag aber trotzdem weiter.« Das Grinsen des Jungen packte und verdrehte etwas in Harry. »Irgendwann wirst du ja schließlich wieder aufhören, dich wie ein totaler Irrer zu benehmen, und begreifen, dass dich keiner einfach in seinen Wagen zerrt, wenn du die Straße langgehst.«

»Paranoid lautet die richtige Bezeichnung, Ez. Ich bin nicht irre, ich bin paranoid.«

»Ich weiß, was paranoid bedeutet, Harry. Darüber bist du schon weit hinaus. Aber keine Sorge. Ich finde dich immer noch cool.«

»Spielst du auch auf deiner Fidel, Kleiner?«

»Ja, sicher. Oft.«

»Dann gehst du wahrscheinlich bald auf Konzertreise, oder was?«

»Na klar. Schon bald. Willst du mein Manager sein? Sollen wir zusammen auf Tournee gehen?«

»Ich bin dabei, Kleiner.« Sie tauschten ein langes Lächeln aus, und Harry unterdrückte einen Seufzer. Sein Small-Talk-Repertoire war auf nichts zusammengeschrumpft. Übrig geblieben war nur die kolossale Präsenz der Person, die zwischen ihnen schwebte und die sie für immer aneinander binden würde.

»Also … geht es dir gut, ja?«, fragte er.

Ezra zuckte mit den Schultern. »Ja. Manchmal. Ich habe immer noch den Albtraum. Du weißt schon … mit Hall auf dem Boot. Wie es kentert. Wie ich untergehe. Dr. Corley sagt, die Träume hören auf, sobald ich einsehe, es war nicht … meine Schuld.« Die letzten beiden Wörter hinkten nach – elende, unerwünschte Nachzügler, die Kümmerlinge des Wurfes. »Die Sache ist nur – es war ja meine Schuld.« Seine Augen glänzten plötzlich, und Tränen liefen ihm die blassen Wangen hinunter. »Scheiße, es tut mir leid«, sagte er und versuchte, sie abzuwischen.

Harry spürte, wie die Gespenster sich wieder sammelten – traurige, stumme Zeugen. Schlimmer als alle Verluste, alles Scheitern war, dass der Junge mit einer schweren Last aus den Sünden Fremder leben musste – den Sünden seines Vaters, Harrys, Geigers, Halls … und so vieler anderer.

»Ez, wir haben doch schon darüber gesprochen. Hör mir gut zu. Hall hat dich gekidnappt. Du hast nichts getan, überhaupt nichts.«

An dieser Stelle waren sie schon früher gewesen. Harry erwog, wieder das Wenn-Spiel zu spielen:

Wenn dein Vater nicht die Foltervideos in die Hände bekommen hätte, wäre Geiger noch am Leben.

Wenn ich Halls Auftragsangebot auf der Website gelesen und entschieden hätte, es nicht anzunehmen, wäre Geiger noch am Leben.

Wenn Geiger den Auftrag abgelehnt hätte, als ich ihm das Angebot vorlegte, wäre Geiger noch am Leben.

Doch stattdessen sagte er nur: »Es ist wirklich nicht deine Schuld, Ez.«

»Warum ist er dann tot, Harry?« Ezra sah verzweifelt aus, krank vor Reue. »Er ist in den Fluss gesprungen, um mich zu retten, Harry. Er ist gestorben, als er mich rettete. Gott … ich spüre noch seine Hände, wie sie mich packen, mich losreißen, mich an die Oberfläche drücken …«

Ezra schniefte. Schuldgefühle waren etwas, was Kinder nicht in großer Stärke empfinden sollten, denn sie hatten noch keine Antikörper gegen dieses Virus entwickelt. Sie waren der sich ausbreitenden Infektion wehrlos ausgeliefert. Die Schultern des Jungen hoben sich langsam mit seinem Seufzen.

»Ich sehe ihn, weißt du.«

»Wie meinst du das – du siehst ihn?«

»Passiert ständig. Er überquert die Straße … Er kommt aus einem Laden. Ich meine, er ist es natürlich nicht, nur jemand, der ihm ähnlich sieht, aber einen Augenblick lang denke ich dann, …«

»Ezra, ich bin wieder zu Hause! In zehn Minuten gibt’s Abendessen!« Es war die Stimme einer Frau.

Der Kopf des Jungen zuckte zur Seite. »Scheiße … Ich muss aufhören. Bye.« Er klappte den Laptop zu. Harrys Bildschirm wurde schwarz.

»Bye«, murmelte Harry und empfand den vertrauten Stich der Hilflosigkeit in seinem Magen. Er schob das Abendessen weg. So viel Schaden. Stücke von ihnen allen, übers ganze Land verstreut.

Alles war kaputt.

3

Das Licht war gedämpft. Das Videostandbild auf dem zentralen Bildschirm der Monitorbank zeigte eine Straße in Hell- und Dunkelgrautönen. Man blickte auf Gestalten, die darauf warteten, in Aktion versetzt zu werden. Der Rest des Raumes war eine undeutliche Unterwelt unbekannten Ausmaßes. Der Techniker zupfte an seinem Schnurrbart, während er sich gewohnheitsmäßig im Arbeitssessel vor und zurück wiegte. Bei jeder Bewegung quietschte es.

»Schluss damit«, sagte sie aus dem Dunkel hinter ihm und legte eine Hand auf die Oberkante der Sessellehne. Das Kippeln hörte auf. »Lassen Sie das sein.«

Er rückte seine Brille zurecht und wies auf den Schirm. »Woher kommt das?«

»Einer unserer ehemaligen Subunternehmer arbeitet als Überwacher für das NYPD. Als er es entdeckte, hatte er eine Eingebung. – Dachte, wir würden es vielleicht sehen wollen.« Sie beugte sich über seine Schulter, um genauer hinsehen zu können.

»Normale Straßenüberwachung«, sagte der Techniker. »Kameras auf Laternenpfählen. Die meisten Leute bemerken sie nicht mal. Niedrige Auflösung, hohes Bildrauschen. Sie kriegen die Dinger online bei Spies-R-Us.« Er blickte sie an und hoffte auf ein Lächeln. Sie roch wirklich gut.

»Sie riechen wirklich gut. Lavendel?«

Sie neigte den Kopf gerade so weit, wie erforderlich war, um Blickkontakt herzustellen.

»Willie, ich bin müde. Wenn Sie mir auch noch Kopfschmerzen machen, mache ich Ihnen Kopfschmerzen, und ich meine das nicht im übertragenen Sinne. Es wird schlimmer sein, als sich einen von Ihren öden Anmachsprüchen anzuhören. Ist das klar?«

»Jawoll«, sagte er und richtete sich in seinem Stuhl auf.

Sie war es gewohnt. Sie hatte immer gewusst, dass sie schön war – ausgeprägte Wangenknochen und eine Adlernase, eingerahmt von welligem, sandfarbenem Haar. Aber entscheidend waren ihre bizarr hellen Augen in einem seltenen Amethystviolett. »Liz-Taylor-Augen« hatte ihre Mutter sie genannt.

Ihr ganzes Leben lang waren ihre Augen ein Fluch für sie gewesen. Als sie ein Kind war, hatten sich Verwandte und Freunde ihrer Eltern ständig mit riesigen Gesichtern zu ihr heruntergebeugt und ihr in die Wange gekniffen. – »Seht euch diese Augen an!« Als die Pubertät kam, schien jeder weibliche Körper in ihrer Klasse Kurven zu bekommen – nur ihrer nicht. Aber ihre Augen verschlugen jedem testosterongetränkten Teenager die Sprache. Jetzt, in ihrer Arbeit, waren ihre Augen ein unerwünschtes Merkmal, ließen sie geradezu herausstechen – und konnten sie in Schwierigkeiten bringen, die weit gefährlicher waren als ein Ringkampf auf dem Hintersitz eines Autos. Wenn sie nach draußen ging, trug sie haselnussbraune Kontaktlinsen.

»Na, dann los, Kumpel«, sagte sie. »Zeig, was du kannst.«

Der Techniker drückte eine Taste, und das Überwachungsvideo bewegte sich in Zeitlupe. Eine schlanke Gestalt, schwarz gekleidet, lief auf eine Kreuzung zu, den Rücken zur Kamera.

»Er hinkt ein bisschen«, sagte der Techniker. »Aber er wird gut damit fertig.«

»Stimmt.«

Sie sahen zu, wie der Läufer die Mitte der Kreuzung erreichte und ein Pick-up auf ihn zuraste. Er drehte sich und sah nicht ganz im Dreiviertelprofil in die Kamera. Der Techniker hielt die Wiedergabe an, markierte Geigers Gesicht und vergrößerte es formatfüllend.

»Ne«, sagte der Techniker. »Das können wir besser.« Er ließ die Szene mit Viertelgeschwindigkeit weiterlaufen – Geiger im Zentrum, völlig reglos. »Wer ist der Kerl denn?«

»Deshalb bin ich hier, Willie – um das herauszufinden.«

Im nächsten Monat würde sie ihre vierjährige Zugehörigkeit zu Deep Red feiern. Die Regierung hatte sie direkt vom College angeworben, und sechzehn Monate später war sie zu Deep Red gekommen. Wie jeder in der Gruppe hatte sie von Geiger, dem besten Verhörexperten der Welt, gehört, aber sie hatte nie mit ihm zusammengearbeitet. Nach dem Foltervideo-Desaster im vergangenen Jahre hatte Deep Red ihn als »vermisst, vermutlich tot« eingeordnet, aber natürlich war es ein offenes Geheimnis, dass diese Klassifizierung in Wirklichkeit »Wir haben nicht die leiseste Idee, was aus dem Hundesohn geworden ist« bedeutete.

Im Überwachungsvideo packte Geiger den Fahrer, riss ihn herum und übernahm die Kontrolle.

Der Techniker nickte. »Gut gemacht.«

Sie war es gewesen, die Dalton nach den Ereignissen vernommen hatte, sie hatte das Level-Acht-Profil gelesen, und sie hatte mit jemandem aus dem Team gesprochen, von dem Geiger 2004 in Kairo eingesetzt worden war. Doch sie hatte noch immer kein Gefühl für die Schichten oder Tiefen des Menschen

Der Fahrer sackte plötzlich leblos in Geigers Griff zusammen.

Der Techniker reckte sich. »Wow! Haben Sie das gesehen?«

»Zurückspulen und vergrößern.«

Der Techniker ließ das Video zurücklaufen, vergrößerte die Männer – und sie sah wieder zu.

»Achten Sie auf seine Hand, Willie. Haben Sie das gesehen? Druckpunkt. Brachialplexus.«

Geiger drehte sich um – und der Techniker schlug mit dem Finger auf die Tastatur. »Da!« Er isolierte Geigers Gesicht erneut, vergrößerte es und füllte damit den großen Flachbildschirm. Die schiefergrauen Augen über dem pechschwarzen Bart starrten an ihnen vorbei. Sie fühlte sich an den Blick eines Falken erinnert, der ganze Landschaften in sich aufnimmt, ohne das kleinste, winzigste Detail zu übersehen. Diese Augen gehörten hoch in den Himmel.

Sie reichte dem Techniker eine DVD. Er legte sie ein, und der benachbarte Schirm leuchtete mit einem Standbild auf: In einem fensterlosen, an einen Bunker erinnernden Raum lag ein dunkelhäutiger bärtiger Mann auf eine Trage geschnallt. Er trug nur schmutzige Boxershorts und glänzte vor Schweiß. Sein Gesicht und sein Körper waren mit Striemen und Schnitten übersät. Ein Mann in kurzärmligem weißen T-Shirt und Khakishorts stand neben ihm.

»He«, sagte der Techniker. »Das hab ich schon mal gesehen. Das ist das geheime Verhör, das Veritas Arcana ins Netz gestellt hat, oder? Die Geschichte in Kairo …«

»Spielen Sie es ab.«

Der Mann in den Khakishorts erwachte zum Leben und strich sich über das kurze Ziegenbärtchen.

»Nari … Das ist dein neuer Freund – der Inquisitor«, sagte er, und Geiger trat in einem weißen T-Shirt und langer Hose ins Bild. Er legte dem Opfer zwei Finger an den Hals, wie ein Arzt, der den Pulsschlag prüft. Der Gefangene sah ihn mit funkelnden Augen an und ergriff mit starkem nahöstlichen Akzent das Wort.

»Ihnen kann ich auch nicht mehr sagen, als ich schon …«

Geiger grub die Finger in das Fleisch unter dem Kinn. »Du hast recht, Nari. Du wirst mir nichts sagen – vorerst.« Seine Stimme klang samtartig, doch dominant. »Später wirst du reden, aber es ist noch nicht so weit. Im Moment ist es am besten, wenn du ganz schweigst.«

Der Gefangene schüttelte den Kopf. »Eine Frage«, krächzte er. »Nur eine.«

Nichts regte sich in Geigers Gesicht. Es ließ eher an eine bemalte Leinwand denken als an Körper und Seele. Dann nickte er und nahm die Hand weg. Nari räusperte sich. Die dünnen, gekrümmten Tentakel der Anspannung in seinen Augenwinkeln strafften sich.

»Verraten Sie mir eins«, sagte er. »Was kann ein Mann sagen, wenn er die Wahrheit spricht und man ihm nicht glaubt?«

Geiger blinzelte einmal. »Ich bin hier, um herauszufinden, ob das so ist.«

»Himmel …«, sagte der Techniker. »Der Kerl ist ja echt eiskalt. Wie hieß er noch mal?«

»Geiger.«

»Und Sie glauben, dass er der in Brooklyn ist? Hm … Vielleicht.« Er schaltete zum anderen Video, ließ es schnell und langsam laufen, suchte nach einem passenden Winkel. »Hat Veritas Arcana nicht behauptet, er sei tot?«

Im Video begann Geiger den Raum in einem kleinen Kreis abzugehen. Mit den Fingern trommelte er sich rhythmisch auf den Schenkel. Der Techniker beugte sich vor.

»Weiter … weiter … und dreeeehen – jetzt!« Geiger wandte sich der Kamera zu, und der Techniker schlug auf eine Taste. »Erwischt!« Er vergrößerte das Gesicht zu einem Vollformat-Standbild von der gleichen Größe wie das daneben. »In welche Richtung soll es gehen?«

»Die Aufnahme von der Straße. Machen Sie den Bart weg, und geben Sie ihm sein Haar zurück.«

Beide Köpfe nahmen eine schwebende, dreidimensionale Qualität an, als der Techniker die Winkel abglich. Blaue Punkte überzogen Geigers bärtiges Gesicht, weiße Linien verbanden sie, ein geschmeidiges Netz, das ständig winzigste Änderungen durchmachte. Er spielte mit der Beleuchtung, stimmte Helligkeit und Schatten ab. Er ließ Geigers Haar mit vier Millimetern pro Sekunde wachsen.

»Zu lang?«

»Nein, aber machen Sie es welliger.«

Sie spürte den Ponytrab in ihrem Puls, der ihrem Körper etwas mitteilte, ehe der Verstand sich gewiss war. Falls es sich um Geiger handelte, wusste sie schon, was sie als Nächstes tun würde. Das war ihre Stärke. Sie hatte stets das große Ganze im Blick, ohne die Details zu übersehen. Er war ein Läufer, und seine Gangart schrie geradezu »Ritual« hinaus; daher würde sie sich sämtliche Überwachungsvideos des NYPD für Brooklyn beschaffen. Dort gab es Hunderte von Kameras und Tausende von Stunden anzusehen. Wie weit zurück sollte sie gehen? Neun Monate waren verstrichen, seit Dalton ihm den Quadrizeps zerschnitten hatte … Vier bis fünf Monate Rekonvaleszenz hatte er auf jeden Fall gebraucht, ehe er wieder rennen konnte … Ab November würde also ausreichen. Sie würde ihn auf den Videos finden und ihn verfolgen. Vielleicht fand sie so nicht heraus, wo er wohnte, aber sie kam in die Nähe. Eine Wohngegend, eine Straße, ein Häuserblock …

Der Techniker hob einen Finger. »Und jetzt, wie man in Brooklyn sagt – voilà!« Er drückte eine Taste, und Straßen-Geigers Bart verschwand. Dann war auch das Netz aus Punkten und Linien fort.

Sie starrte die riesigen Gesichter an. Zwei Geigers. Sie stimmten überein. Er war es. Der Galopp ihres Pulses wurde zum Tritt eines Hengstes. Sie wollte Schokolade. Unbedingt. Ihre Belohnung.

»Wieso wollen Sie ihn finden?«, fragte der Techniker. »Wollen Sie ihn erledigen?«

»Das haben sie mir nicht gesagt.« Mit einem leisen Ächzen reckte sie sich. »Schöne Arbeit, Willie.«

»Danke.« Er grinste sie an. »Wissen Sie, ich, ähem, achte immer auf Befriedigung.«

Sie sah ihn ausdruckslos an. Dann nickte sie. »Ich verstehe. Das war ein grenzwertig-schlauer Wegwerfspruch mit einer kleinen sexuellen Anspielung als Clou.«

Der Techniker zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid. Ich kann nicht anders.«

Sie lächelte und tätschelte ihm das Haar wie bei einem kleinen Hund. »Ich weiß, Willie, ich weiß.« Dann schlug sie ihm so heftig auf den Hinterkopf, dass ihm seine Brille in den Schoß fiel.

»Auuu! Himmel, Zanni …«

»Tut mir leid«, sagte sie. »Ich kann nicht anders.« Sie drehte sich um und ging zur Tür hinaus.

Der Techniker setzte die Brille wieder auf und grinste in einer Mischung aus Bewunderung und Begierde. »Fantastisch«, sagte er.

Das Badewasser wurde kalt, aber sie mochte es so. Sie hatte das Protokoll ihrer Vernehmung Daltons noch einmal gelesen. Sie hatte ganz vergessen, wie lang die Nachbesprechung gewesen war.

Dalton hatte einen ganzen Tag lang unter starken Schmerzmitteln gestanden, ehe sie zu ihm kommen konnte, und seine Antworten hätten Hamlet wortkarg erscheinen lassen. Doch sie ließ ihn salbadern und schwadronieren, weil sie den Eindruck hatte, er würde vollkommen durchdrehen, wenn sie versuchte, ihn zu zügeln. Beide Hände waren bis zum Ellbogen eingegipst gewesen, denn Geiger hatte sie zerschmettert, und sein Kiefer war verdrahtet gewesen, weil Geiger ihn gebrochen hatte. Die Art, wie er beim Reden schmatzte und grummelte, hatte die bizarre Vorstellung nur komplettiert.

Sie erinnerte sich, wie sie vor ihm saß, ihm zuhörte und dachte: Das ist jemand, den man von Menschen und anderen Lebewesen fernhalten sollte.

Zanni ging ein paar Blätter zurück und überflog eine Seite.

SOAMES: Also gut. Sie haben die Ahle und den Baseballschläger angewendet, aber offenbar mit geringer Wirkung. Was dann?

DALTON: Ein Rasiermesser. Es gehörte ihm. Ich fand es dort, ehe er kam. Er hatte sehr viel Material – erstaunliche Dinge, die er für die Arbeit nutzte. Der Mann besaß eine unfassbare Fantasie. Aber das Rasiermesser – es war wunderschön. Eine Antiquität. Ich sah eine Inschrift – irgendwas wie »von Jane in Liebe für Jack«. Die wirklichen Namen weiß ich nicht mehr. Aber ich sah die vielen Narben an ihm, allesamt vernarbte Schnittwunden, und ich hatte den Eindruck, jemand hätte ihn mit dem Rasiermesser bearbeitet, als er noch ein Kind war.

SOAMES: Welcher Art waren die Narben?

DALTON: Welcher Art? Mein Gott … So etwas haben Sie noch nie gesehen. Dutzende die Rückseiten beider Beine hoch und runter. Perfekt und präzise. Wunderschön. Wirklich. Ein Kunstwerk. Als ich begann, das Messer an ihm anzuwenden, fiel er in eine Art Trance, und er sagte einiges. »Dein Blut, mein Blut, unser Blut«, »Es hat nicht wehgetan, Vater« … Daher glaube ich, dass es sein alter Herr war, der ihm die Schnitte zugefügt hat. Ein Ritual, das jahrelang durchgeführt worden sein muss. Vielleicht hat Mom zugesehen. Wer weiß?

SOAMES: Noch etwas?

DALTON: Weiß man etwas über ihn?

SOAMES: Über Geiger?

DALTON: Ja. Über Geiger.

SOAMES: Wir halten ihn für tot.

DALTON: Sie irren sich. Er ist nicht tot.

SOAMES: Wieso? Wissen Sie mehr?

DALTON: Er kann nicht tot sein.

SOAMES: Wieso nicht?

DALTON: Darum. Er ist unzerstörbar.

Zanni erinnerte sich, wie Dalton bei diesen Worten gelächelt hatte. »Er ist unzerstörbar.« Sie hatte den Satz nie vergessen.    

Sie legte die Papiere auf den Boden. Wie geht ein Kind mit solch einem Leid, solch einer Misshandlung um? Wird man zu einem Alchimisten und wandelt sie zu etwas anderem? Sie nahm ein paar Rosinen im Schokoladenmantel aus dem Schälchen auf dem Rand der Badewanne und warf sie sich in den Mund. War es ein »Was dich nicht umbringt, macht dich stärker?«. War es das, was Geiger ausmachte – zur n-ten Potenz erhoben? Berührte ihn überhaupt noch etwas?

Sie ließ sich tiefer ins Wasser sinken, drehte sich, bis sie mit der Wange auf dem kühlen Porzellan ruhte, und schloss die Augen. Sie wollte die Lösung, aber sie war müde und wünschte, nicht alle Arbeit selbst machen zu müssen. Monate war es her, seit ein Mann sie berührt hatte, so lange, dass sie ihren kleinen Vorrat an Fantasie drei bis vier Mal durchgehen musste. Ihre Hand glitt ins Wasser und zwischen ihre Schenkel, während sie überlegte, ob Geiger mit oder ohne Bart sexyer war.

4

Geiger lehnte in einem Overall mit dem Rücken an der Wand des Sitzungsraums und betrommelte seine Oberschenkel mit langen Fingern, die an muntere kleine Tiere erinnerten, welche an seinen Beinen hochgeklettert waren und sich mit seinen Handgelenken verbunden hatten. Verborgene Lautsprecher gaben eine Audioschleife wieder – eine Rührtrommel und ein Becken, die in schmissigem Viervierteltakt geschlagen wurden. Bei zufälligen Beats kam die Rührtrommel eine Millisekunde zu früh oder zu spät, gerade ausreichend, um beim Zuhörer ein beunruhigendes mentales Zusammenzucken zu erzeugen.

Er hatte das Licht auf ein trübes Halbdunkel gedimmt, sodass der Jones auf dem Rasiersessel nur als verschwommener Umriss zu erkennen war, und, noch wichtiger, Geiger ebenfalls. Er hatte es mit einem äußerst scharfen Verstand zu tun, und Geiger wollte die Kanten der Dinge aufweichen.

»Seit wann bist du Mr. Reddings Finanzberater?«

»Seit acht Jahren. Aber das wissen Sie.« Die Stimme des Jones klang angstvoll quakend. Und er hatte recht – Geiger wusste es, weil sein Dossier sehr umfangreich war. Geiger wusste auch, dass der Mann an Gleichgewichtsstörungen und Sodbrennen litt, und hatte ihn etwas trinken lassen – mit Klub-Soda verdünnte Natronlauge, die mit Melasse versetzt war. Geiger wollte ihn in einen Zustand vertrauten, aber verstärkten Unbehagens versetzen, und hatte die Frage gestellt, weil er den Mann sprechen hören wollte, um das Ausmaß abzuschätzen, in dem die ätzende Mischung wirkte.

»Was passiert, wenn wir hier fertig sind?«, fragte der Jones.

»Sobald ich die Information abgerufen habe, kommst du wieder in den Kofferraum und wirst dem Klienten übergeben.«

»Und was dann?«

»Das ist nicht meine Angelegenheit. Es gehört nicht zum Auftrag.«

Dieses »Und was dann?« war es, was Geiger hatte hören wollen. Er war der Baumeister, und jede Reaktion lieferte Ziegel und Mörtel für das Haus der Angst, das er hochzog. Beim IR zählte alles, und ein »Und was dann?« hieß, dass der Jones über die Gegenwart hinausdachte, Ereignisse erwog, die noch bevorstanden – Möglichkeiten, die furchterregender waren als das Jetzt und von ihrer Natur her endgültiger. Für ein Haus der Angst war das ein nützlicher Baustein.

Der Jones hustete, was ein heftiges Zusammenzucken hervorrief. »Wenn sich der Kofferraumdeckel schließt, ist die Geschichte für Sie zu Ende? Aus den Augen, aus dem Sinn? Keine Schuldgefühle?«

Geigers Stimme war ein Seidenschal, der sich um seine Antwort wickelte. »Weshalb?«

Dieses Wort bewirkte, dass sich die Lippen des Jones elegant krümmten. An einem anderen Ort und zu anderer Zeit hätte es wie ein wehmütiges Lächeln erscheinen können, doch in diesem Moment wirkte es auf Geiger tieftraurig.

»Ich hatte viele Schuldgefühle – am Anfang«, sagte der Mann, »aber man kann sich an so gut wie alles gewöhnen, meinen Sie nicht auch?«

Geiger richtete seine Aufmerksamkeit auf den Tonfall. Langeweile? Reue? Erkenntnis? »Wie interessant, dass du es ansprichst, Charles – denn dieses Konzept ist von grundlegender Bedeutung für das, was in diesem Raum vor sich geht.«

Geiger hatte noch nicht gefragt, wo das Geld war. Dazu war es zu früh. Er drückte auf einen Knopf an der Wand. Das Licht strahlte voll auf, die glänzend weißen Linoleumflächen des Raumes reflektierten einen blendend grellen Schein, und der Jones kniff die Augen zu und riss den Kopf zur Seite.

»Nun ward der Winter meines Missvergnügens«, sagte er und öffnete langsam die Augen. Korrupte Klugheit flackerte in ihnen auf. »Und es war ein sehr, sehr langer Winter.«

Sein trainierter Körper, nackt bis auf karierte Boxershorts, war am Hals, an den Handgelenken und an den Fußknöcheln mit Stahlgewebegurten an den Sessel gefesselt. Sein lockiges, grau meliertes Haar bildete eine Krone über einem Gesicht, das Exzesse mehr als nur andeutend widerspiegelte.

Geiger hatte sich ein Bild von ihm gemacht: der Welt überdrüssig, mit einem scharfen Verstand ausgestattet, der oft der Amoralität Vorschub leistet, und, am wichtigsten, von schwelender Resignation erfüllt. Geiger brauchte dieses Gefühl nicht zu erschaffen – er musste es nur zum Sieden bringen. Er ging zu dem Jones und legte zwei Finger auf die Halsschlagader. Der Herzschlag schien durch die Situation nicht gestiegen zu sein.

»Geht jetzt der Schmerz los?«, fragte der Jones. »Werden Sie jetzt handgreiflich?«

»Charles, eines musst du begreifen – wenn man hier ist, geht es nicht hauptsächlich um den Schmerz. Jemand hat einmal gesagt, Schmerz sei nur ein Bote, der uns an den Grund unseres Leidens erinnere.«

»Glauben Sie, ich muss erinnert werden, weshalb ich hier bin?«

»Ich spreche nicht nur von deinen Verbrechen. Das Wichtigste ist, dass du dich selbst hierhergebracht hast. Fast jeder Jones endet hier aus dem gleichen Grund: Sie wollen, dass die Welt sie zu mehr macht, als sie sind.« Die Finger an Geigers linker Hand begannen einen Dreiklang zu klopfen.

Ein Seufzen entstieg den Lippen des Mannes. Es klang wie die Flut, die ans Ufer tritt.

»Redding ist nur einer von einem Dutzend«, sagte er, und sein Schlucken schmerzte offensichtlich. »Ich habe alles in allem gut fünfzehn Millionen unterschlagen.« In dieser Offenbarung lag keinerlei Prahlerei.

»Irrelevante Information. Das brauche ich nicht zu wissen«, sagte Geiger und ergriff die linke Hand des Jones. »Es ist wichtig, dass du bei der Sache bleibst, Charles, daher sieh jetzt genau hin.« Er setzte den Daumen auf das fleischige Dreieck zwischen Daumen und Zeigefinger. »Der Thenar.« Er drückte den Daumen hinein. »Druckausübung soll Schmerzen in Kopf und Rücken lindern.« Er verschob den Daumen in den Zwischenraum von drittem und viertem Mittelhandknochen. »Aber eine Bewegung von nur einem Zoll zu den Musculi lumbricales …« Er drückte den Daumen hinein, und der Jones bäumte sich in seinen Fesseln auf, während ein hündisches Grollen von einer Wand zur anderen hallte.

Geiger ließ los. Der Mann atmete tief durch den Mund und versuchte, die Schmerzen wegzuspülen, verschlimmerte dadurch aber nur das Feuer in seiner Speiseröhre. Geiger näherte sich ihm Nase an Nase.

»Es ist inakzeptabel, wenn du mir in diesem Raum Informationen gibst, die ich nicht angefordert habe. Es ist von grundlegender Wichtigkeit, dass du bei der Sache bleibst.«

Er versetzte dem Rasiersessel einen Stoß. Er begann herumzuwirbeln und schloss alle zwei Sekunden eine Umdrehung ab. Der Jones stöhnte und kniff die Augen zu.

»Halt die Augen offen, Charles. Es ist dir nicht gestattet, die Augen zu schließen.«

Die Lider des Mannes hoben sich und zeigten hin und her zuckende Augäpfel. Die Farbe verließ sein Gesicht, das Rot wich einem extremen Weiß. Er begann, in ungleichmäßigem Rhythmus zu atmen. Seine Gleichgewichtsstörungen setzten ein.

»Ich muss gleich brechen …«

»Wenn du die Augen schließt, folgt noch Schlimmeres.« Geiger drehte den Kopf, bis die Halswirbel knackten. »Lass mich nicht aus den Augen. Die ganze Welt ist verschwommen, außer mir.«

Dem Jones sank das Kinn auf die Brust wie bei einem traurigen Betrunkenen. »Aufhören – bitte!«

»Ich muss sehen, dass du bei der Sache bleibst, Charles. Im Moment bin ich der einzige Anker, den du hast. Sieh mich an. Finde mich bei jeder Umdrehung.«

Der Mann hob den Kopf wie eine Marionette. »O Gott … ich werde ohnmächtig …«

»Sieh mich an.«

»Himmel …« Die rasche, gehauchte Aussprache des Wortes entkleidete es jeder Bedeutung. Es klang urtümlich, vorsprachlich. Eine weitere Drehung ging zu Ende.

»Sieh mich an.«

»Tue ich ja!«

Lichtmuster blitzten auf dem Stahlgeflecht der Fesseln, während der Jones sich drehte. Rührtrommel und Becken aus der Audioschleife schienen der flüssigen Bewegung eine Kadenz aufzwingen zu wollen, und Geiger sann über den Fluss der Zeit und das Bedürfnis des Menschen nach, ihn in endliche Bruchstücke zu zerteilen – zu messen, was keine Größe, zu lenken, was keine Form hat, damit er ihn zu jedem Zeitpunkt in Sekunden und Minuten einer Stunde im Monat eines Jahres definieren kann –, und er dachte an seine zeitlose Kindheit ohne Uhren, in der nichts gemessen wurde außer präzise portioniertem Schmerz. Er trat vor und packte den Sessel. Der Jones schluckte zwischen kurzen, rauen Atemstößen. Die Haut seiner Wangen und seiner Stirn glänzte im Licht.

»Hast du immer noch das Gefühl, dass du dich erbrechen musst?«, fragte Geiger und beobachtete, wie Überraschung und allmähliches Begreifen in die Augen des Jones traten.

»Nein«, sagte er. »Das hab ich nicht.«

»Gut.« Geiger blickte auf den verchromten Rollwagen und die darauf bereitliegenden Gegenstände – einen schaumgummiumwickelten Baseballschläger, ein sechs Zoll langes Tantō-Messer von Smith & Wesson und ein Drucklufthorn von SeaChoice. Der Jones folgte ihm mit dem Blick. Geiger war sicher, dass keines dieser Instrumente ins Spiel kommen würde, doch das wusste der Jones nicht. Er begann, den Raum an den Wänden abzugehen.

»Wir gelangen an die Wahrheit, Charles – vielleicht in mehrerlei Hinsicht, als man annehmen sollte.« Er drückte auf einen Knopf an der Wand, und die Audioschleife stoppte. »Du bist ein hochintelligenter Mann. Ist dir klar, dass alles, was von jetzt an geschieht, fast ausschließlich allein von dir abhängt?«

Der Jones lachte grimmig und löste damit einen kurzen Anfall trockenen Hustens aus. »Also bin ich es, der bestimmt, wo es langgeht?«

»Ich habe nicht vom Bestimmen gesprochen, sondern von Ursache und Wirkung. Begreifst du den Unterschied?«

Geiger hatte für alles, was während einer Sitzung geschah, Kategorien geschaffen. Anfängliche Körpersprache, Mienenspiel und muskuläre Reaktionen bei der Vernehmung, Stimmtonlage und Sprachrhythmus, emotionale Ausbrüche, Verzögerungs- und Irreleitungstaktiken, Formen der Leugnung – achtzehn Kategorien pro Gebiet, jede mit Dutzenden von Varianten. Er war ein stets weiterentwickeltes, lebendes Lehrbuch der Folter – Student, Historiker, Experte.

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