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Der Erbe des Riesen

Zu diesem Buch

Die Saga um Mino, Blitz und die Riesen geht weiter! Zukata, der grausame Riesenprinz, gibt sich noch lange nicht geschlagen. Neben der Kaiserwürde verfolgt er nun ein weiteres Ziel: die Rache an Blitz, der seine Pläne vereitelt hat. Um Blitz an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen, sät Zukata die böse Saat von Gier und Machtgelüsten in Blitz‘ Heimat, auf den Glücklichen Inseln.

Doch während er im Osten seine Herrschaft ausbaut, wächst auf der Insel Neiara ein ganz besonderes Kind heran, der einzige Gegner, der es mit Zukata aufnehmen kann: Sorayn, Blitz‘ Sohn.

Der Erbe des Riesen ist der zweite Band der packenden Fantasy-Trilogie Sehnsucht nach Rinland.

Die weiße Möwe bildet den Auftakt; das letzte Buch dieser Serie ist Der Thron des Riesenkaisers.

Leserstimmen zur Rinland-Trilogie

„Sprachlich wunderschön.“ Titus Müller

„Ein Fantasy-Schinken der außergewöhnlich guten Art!“

„Wunderbar fesselnd geschrieben.“

„Die Story ist absolut filmreif, nie vorhersehbar, super interessante Charaktere und unglaublich spannend bis zur letzten Seite.“

„Mit dieser weißen Möwe fliegt man direkt ins Land der Fantasie und möchte nie mehr weg von diesem Ort.“

Über die Autorin

Lena Klassen lebt leider nicht auf einer Insel, braucht aber das Meer. Oder wenigstens einen Sturm und ein gutes Buch. Sie hat Literaturwissenschaft, Anglistik und Philosophie studiert und über phantastische Literatur promoviert. Mit ihrer Familie lebt sie in einem kleinen Haus mit großem Garten im ländlichen Westfalen.

Lena Klassen hat bereits zahlreiche Romane und Kinderbücher veröffentlicht. Im Neufeld Verlag erschien neben der Rinland-Trilogie auch der Roman Caros Lächeln.

www.lenaklassen.de

Inhalt

Zu diesem Buch

Leserstimmen zur Rinland-Trilogie

Über die Autorin

Die Welt

Was bisher geschah

Die Personen dieser Geschichte

Zweites Buch: Der Erbe des Riesen

1. Das Glück der Inseln

2. Zu viele Geheimnisse

3. Keine Wahl

4. Dieses Mal

5. Ein besonderes Kind

6. Auf der Insel

7. Ilinias’ Schmerz

8. Blitz’ Schmerz

9. Prinzessin Sidini

10. Halb

11. Meine Hände

12. Im Wasser

13. Entdeckt

14. Die Brücke

15. Ich bin es

16. Der Wunsch zu versinken

17. Entfesselt

18. Möwe

19. Gejagt

20. Die Botschaft des Prinzen

21. Zu Hause

22. Mein Berg

23. König der Riesen

24. Zu den Menschen

25. Hier bin ich

26. Meerwasser

27. Der Erbe

28. Hirte des Volks

29. Sieg

30. Die letzte Kerze

Über den Verlag

Die Welt

Das Kaiserreich Deret-Aif steht im Mittelpunkt dieser Welt. Dreiundzwanzig Königreiche gehören dazu, von Salien im Norden bis zum Gebirge der Riesen im Süden. Zentral liegt das Königreich Aifa mit der Hauptstadt Kirifas. Hier herrscht der beliebte Kaiser Kanuna, ein Riese voller Weisheit, mit seiner zweiten Frau Fanes; hier wächst die junge Prinzessin Manina heran.

Im Osten grenzen Sandart und Yos an das gewaltige Reich, im Westen liegen die Glücklichen Inseln, Arima und Neiara. Von dort kommen das beste Obst, der beste Wein.

Über das Meer führt eine Brücke nach Rinland. Auf dem Meeresgrund steht Rin, der göttliche Riese, und hält mit seinen eigenen Händen die Brücke fest. Sie ist nicht zu sehen; erst in der Stunde des Todes findet sich jeder dort wieder, wo es gilt, den Fuß auf die Brücke zu setzen und den Weg nach Rinland zu gehen. Nur wer genug Hoffnung und Sehnsucht in sich trägt, kann über die schmale Brücke gehen, ohne abzustürzen.

Was bisher geschah

Das 16-jährige Albinomädchen Mino und der dunkelhaarige Blitz, beide aus Arima, haben immer davon geträumt, gemeinsam durchs Kaiserreich zu reisen. Doch dann hindert Mino ihren besten Freund daran, auf das Schiff zu gehen, das in die andere Richtung fährt – auf der Suche nach Rinland. Wütend läuft Blitz von zu Hause fort und gerät unter die Räuber. Mino verschlägt es während eines Sturms ebenfalls auf das Festland, allerdings hat sie das Gedächtnis verloren und weiß nicht mehr, woher sie stammt. Sie wird von dem Wanderarzt Keta aufgelesen und mit auf seine Wanderungen genommen; Keta ist einer der ungeratenen Zwillingssöhne des Riesenkaisers Kanuna. Seit er sich durch List von seinem Vater segnen ließ, besitzt er heilende Hände, die er zum Wohl des Volkes benutzt.

Blitz wird unterdessen ein Mitglied der Räuberbande des älteren Riesenprinzen Zukata. Wie alle von Zukatas Männern wird er gebrandmarkt und kann daher nicht mehr fliehen, außerdem beeindruckt ihn Zukatas Persönlichkeit mehr und mehr. Als der räuberische Prinz erfährt, dass sein Vater mit seiner zweiten Frau ein Kind bekommen hat, reist er in die Hauptstadt und erfährt dort, dass der Segen längst seinem Bruder gehört. Wutentbrannt entführt er seine kleine Halbschwester Manina und flieht mit ihr ins Ausland; er will das Kind erst herausgeben, wenn er öffentlich zum Erben erklärt worden ist.

Keta und Mino machen sich zusammen mit ein paar Freunden (darunter der Junge Jamai aus dem Zinta-Volk) auf die Suche nach der entführten Prinzessin. Es gelingt ihnen, Zukatas neues Räuberlager zu finden. Nach einem Kampf der gleich starken Brüder einigen sie sich auf einen Austausch von Geiseln – für Manina soll Mino bei Zukata bleiben. Doch bevor es dazu kommt, nutzt Blitz Zukatas Abwesenheit aus und flieht mit dem Kind, um es selbst dem Kaiserpaar wiederzubringen. Auf seiner gefahrvollen Flucht – immer auf der Hut vor Zukata und seinen Männern – erfährt Blitz immer wieder unverhofft Hilfe von den Menschen. Aus einem Kloster nimmt er das Mädchen Ilinias mit, um als Familie unauffälliger reisen zu können, und verliebt sich in sie. Als er schließlich in der Stadt des Kaisers anlangt, ist er bereits verheiratet. Hier trifft er endlich Mino wieder, die Zukata zusammen mit Jamai und dem Zwerg Kroa von Blitz’ Spur abgebracht und schließlich sogar gefangen genommen hat, um Maninas Rückkehr zu ermöglichen. Jetzt endlich erlangt sie auch ihr Gedächtnis wieder und findet den Mut, ihm ihre Liebe zu gestehen, leider zu spät.

Bevor alle auseinandergehen, trifft ein weißer Vogel mit einem Brief aus Rinland ein – das Schiff ist tatsächlich auf der paradiesischen Insel angekommen.

Die Personen dieser Geschichte

A H I N E H L: bedeutungsvolles Kosewort, »der von allen am meisten Geliebte«

A L I K A: eine Kriegerin, die auf Arima lebt und Unkraut jätet, mit Blitz’ Bruder verheiratet

A L I O S: ein Schmied auf der Insel Neiara

B I N A J A T J A: die Besitzerin der Obstplantagen auf der Insel Arima, Minos Mutter

B L I T Z: stammt von der Insel Arima, hat eine Zeitlang unter Zukatas Räubern gelebt und ist jetzt der Erzieher der Prinzessin Manina

E LJ A T I: Blitz’ älterer Bruder, lebt auf Arima

E R I O N: der Sohn des Weinfürsten von Neiara, ein verwöhnter Junge, Spitzname »Blöd«

F A N E S: die Kaiserin von Deret-Aif, eine Riesin

F R I A: eine blonde Riesin aus den Bergen

F R E T: Frias Bruder, aufgrund seiner Stärke der König der Riesen

H Ü R T I: der König von Yos

I L I N I A S: Blitz’ Frau, hat ihre Kindheit im Kloster verbracht, bevor sie von Blitz entführt wurde, kämpferisch und atemberaubend schön

J A M A I: ein Mann aus dem Volk der Zintas, früherer Weggefährte von Mino

K A N U N AE LS C H A T T I K– ein Riese, der mächtige Kaiser von Deret-Aif

K E L O N: der Verwalter des Weinfürsten von Neiara

K E T A: auch Remanaine genannt, ein Riese mit heilenden Händen, der zweitälteste Sohn des Kaisers und seiner verstorbenen Frau Vinja

K R O A: ein Zwerg, der vor Jahren entscheidend zu Maninas Rettung beitrug

L I A D E T T: eine hübsche kleine Gräfin mit losem Mundwerk

L I R A V A H: die alte Lehrerin von Blitz und Mino

M A J A: Minos Tochter, ein Mädchen mit Mut und Musikalität

M A N I N A: die Tochter des Kaiserpaars und trotzdem ein Mensch. Eine Prinzessin durch und durch

M I N O: auch Möwe genannt. Als sie ihr Gedächtnis verloren hatte, zog sie ein paar Jahre mit Keta durchs Land. Unsterblich in Blitz verliebt

M O N T A: der Arzt der Fürstenfamilie von Neiara

N O R H A: der Bruder des Weinfürsten von Neiara, wird als Verwalter auf Arima eingestellt

R I B A: eine Riesin im Gebirge

R I N: erschuf die Welt und hält die Brücke

R U G A N: ist Arzt im Palast des Kaisers, weiß auch nicht alles

S A R I K A: eine Amazone aus Salien, Leibwächterin des Kaisers

S E T T A N: ein Räuber, Zukatas rechte Hand

S I D I N I: die Tochter des Königs von Yos, schon fast zu alt zum Heiraten

S O R A Y N: ein bemerkenswertes Kind, der Einzigartige

T A M A I T: der Sohn von Alika und El Jati

T I N E K: die Weinfürstin von Neiara

T O R I S: ein Mann aus dem Zinta-Volk; mit ihm tröstete Mino sich über Blitz’ Heirat hinweg

V A R I T I: Ketas Frau, gehört zum Volk der Zintas

W E R I E: Hebamme auf Arima, lässt sich nicht gerne helfen

W E R S O M: der König von Sandart

W I K A N T: der Weinfürst von Neiara

Y E R S: ein alter Fischer auf Arima

Z U K A T A: der älteste Sohn des Kaisers, ein gewalttätiger Räuber mit großen Träumen

Zweites Buch: Der Erbe des Riesen

Irgendwo dort liegt die Insel der Träume,
Umgeben von tosenden Wogen.
Goldweiß des Strandes und Nachtgrün der Bäume
Verschmelzen zum flammenden Bogen
.

Wer ihn durchschreitet, dem öffnen sich Pforten
Zu frühlingsbunt blühenden Gärten,
Kleepfade führen zu sommernden Orten,
Die warme Vertrautheit bewahrten
.

Berge erheben sich uralt und dunkel,
Und Bäche wie Silber und Perlen
Spielen zu Tale, umsäumt vom Gefunkel
Des Taus auf den Blättern der Erlen
.

Manche schon segelten mutig durch Meere,
Ersehnten, was alle besingen;
Einige baten den Wind, sie trotz Schwere
Zu jener Insel zu bringen
.

Wer ging schon fort ohne Angst, denn so viele,
Die kehrten nach Hause, zerschlagen.
Wenige kamen ans Ziel aller Ziele,
Der Wind kann nur Seeschwalben tragen
.

Ich aber stehe im Hafen und lausche
Dem Ungestüm schäumender Fluten,
Während dort oben Bergbäche rauschen
In rotgoldnen Sonnenlichtgluten
.

Liebster, wir machen uns gischtweiße Schwingen
Und trotzen dem Sturm und den Wellen.
Lass uns den Traum aller Träume erringen,
Den Trank aus den ewigen Quellen
.

1. Das Glück der Inseln

» D I EG L Ü C K L I C H E NI N S E L N « ,sagte der Kapitän. »Obst und Wein. Etwas Besseres findet Ihr nirgends.«

Zukata knurrte nur. Aus dieser Entfernung sahen die Inseln nicht bemerkenswert glücklich aus. Sie waren nichts als zwei blasse, farblose Erhebungen am Horizont. Von hier aus machte es keinen Unterschied, ob sie grün und fruchtbar waren oder schwarz und verbrannt.

»Welche Insel ist es?«, fragte er.

»Die rechte«, antwortete der Kapitän. »Das ist Arima.«

Man konnte jetzt die Steilküste auf der einen Seite erkennen; zur anderen Seite hin lief die Insel flach aus. Dort duckte sich eine Siedlung hinter die Dünen, im Hafen lagen einige kleine Segelschiffe und Boote vor Anker.

»Wir werden sie verbrennen, bevor sie wissen, was geschieht«, zischte Settan. »Wir werden über sie kommen, über die kleinen, dummen Fischer und Gärtner. Dann wird es dir wieder besser gehen, Herr.«

Zukata wandte ihm sein finsteres Gesicht zu. »Was weißt du davon, wie es mir geht? Was willst du davon wissen?«

»Ich … Herr, ich dachte nur …«

»Ich will an Land gehen«, bestimmte Zukata. »Aber nicht im Hafen. Und niemand unternimmt irgendetwas, bevor ich es sage.«

»Wir können ein Boot hinunterlassen …«

Auch den Kapitän der Perlentaucher brachte ein einziger Blick des Riesen zum Schweigen. Da er sich nicht auf die Rolle eines bloßen Befehlsempfängers reduzieren lassen wollte, und um den Respekt seiner Mannschaft nicht zu verlieren, tat er regelmäßig seine Meinung kund und bereute es jedes Mal wieder. In diesen Tagen gehörte Mut dazu, sich in Zukatas Nähe aufzuhalten.

»Ähm, dann – wie Ihr wollt …« Er entfernte sich schleunigst. Settan hielt treu aus. Ihn schickten die Räuber zu Zukata, wenn sie wissen wollten, wie es weiterging. Sie freuten sich schon darauf, nach dieser nervenzermürbenden Schiffsfahrt wieder festen Boden unter den Füßen zu haben und ihren Frust auf der Insel dort an den harmlosen Leuten auszulassen. Lange genug hatten sie auf engstem Raum miteinander ausgeharrt. Sie waren wie Jagdhunde, die darauf brannten, von der Kette gelassen zu werden. Und er würde sie jetzt bald loslassen, er würde sie auf seine Feinde hetzen.

Unter Zukatas grimmigem Blick wurde Settan klein. »Herr, ich dachte …«

»Ihr bleibt hier!«, befahl Zukata. »Kommt den Inseln nicht näher. Gebt den anderen Schiffen Bescheid!«

Er brauchte kein Ruderboot, um zu der Insel überzusetzen. In der Tat hatte der Plan, den er mit seinen Männern abgesprochen hatte, anders ausgesehen. Er hatte ihnen versprochen, mit drei Schiffen gleichzeitig anzulegen und das Werk der Verwüstung zu beginnen, während das vierte Schiff etwas weiter draußen blieb und darauf achtete, dass niemand entkam. Warum er ihnen jetzt befahl zu warten, warum er ins Wasser sprang und nach Arima schwamm, erklärte er keinem von ihnen. Ohne weiteres mutete er seinen Männern den Verzicht auf den ersehnten Landgang zu. Ob diese Insel zerstört wurde oder nicht und wann das geschah, entschied immer noch er.

Die Unruhe, die seinen ganzen Körper erfüllte, legte sich im kalten Wasser ein wenig. Auch er war zu lange auf diesem Schiff gewesen, statt schnellen Schritts durch die Wälder zu marschieren. Es tat gut, den Kampf gegen die Wellen aufzunehmen. Grün. Ja, er konnte jetzt sehen, wie grün sie war. Ein riesiger Garten, eine Perle mitten im Meer. Das war also der Ort, an den Blitz sich zurückgesehnt hatte, während sie miteinander unterwegs gewesen waren. Das hier war Blitz’ Heimat, das war der Ort, der seine Erinnerungen nährte, der ihm von weitem Kraft gab. Zukata hatte geschworen, Blitz zu verschonen, diesen kleinen Verräter, der ihn so enttäuscht hatte, aber er hatte nicht versprochen, ihn gänzlich unbehelligt zu lassen. Es gab auch andere Möglichkeiten, jemanden zu vernichten, ohne Hand an ihn zu legen. Irgendwann würde der Tag kommen, an dem Blitz nach ihm suchte, um ihn zu bitten, sein Leben zu nehmen statt das der anderen. Es würde ein Tag kommen, herrlich und grün, ein Tag, an dem Blitz vor ihn hingekrochen kommen würde, um ihn anzuflehen, die Strafe endlich zu vollziehen.

Dies war der Beginn. Er würde Arima zerstören, und was nützte es Blitz dann, dass er in Kirifas am Kaiserhof lebte und dort jedermanns Liebling war? Ein Hund, dem sie den Kopf tätschelten, weil er so brav gewesen war. Der Kaiser und die Kaiserin fütterten ihn, sie ließen ihn mit ihrer kleinen Tochter spielen, die Blitz aus Zukatas Händen gerissen hatte. Blitz lebte nun in diesem Schloss, das Zukata ihm als seinem Ziehsohn hatte öffnen wollen, lebte dort ohne ihn, dort, wo sie alle über den betrogenen Prinzen lachten.

Seine Füße fühlten Grund. Wütend schritt er den Strand hinauf, der an dieser Stelle steinig und menschenleer vor ihm lag. Zornig stapfte er auf all das herrliche Grün zu, auf diesen Garten im Meer, wo man Verräter aufzog, wo sie gediehen und gesund und stark wurden, um ihr elendes Werk zu beginnen.

Er drehte sich um und sah seine Schiffe weit draußen kreuzen. Blitz hatte sich mit dem Falschen angelegt. Überall im ganzen Kaiserreich hatte Zukata seine Leute. Diese Schiffe, die er zu seiner Zeit als Pirat gekapert hatte, waren jahrelang für ihn zur See gefahren. Einen Anteil der Beute hatten die Kapitäne stets für ihn zur Seite gelegt – keiner wagte je, ihn zu betrügen –, und niemand hatte Verwunderung geäußert, als er sie wieder in seinen Dienst gerufen hatte. In Jolis hatte er sie gefunden, dort, wo die Piraten ganze Dörfer ihr Eigen nannten, geduldet von einem König, der blind tat, nachdem er einmal gehörig erschreckt worden war. Man musste nur wissen, wie man mit den Leuten umzugehen hatte. Manche reagierten auf die Verlockung des Goldes besser als auf jede Drohung. Manche wurden empfindlich, wenn man auf ihre Familie zu sprechen kam. Aber irgendwann gehörten sie ihm alle. Alle ohne Ausnahme.

Er wandte sich dem felsigen Strandabschnitt zu, der zwischen großen Steinen in einen Wald überging. Dort ging es zum Steilhang hinauf, in der anderen Richtung lagen der Hafen und die Fischerdörfer.

Zukata hatte nicht damit gerechnet, einen so schönen Wald auf dieser kleinen Insel zu finden, große Bäume, die dem Wind trotzten, nicht nur verkrüppelte Kiefern, sondern hohe, schlanke Laubbäume mit grünen Blättern in allen Schattierungen. Es war hier wärmer als draußen auf dem Meer, seine Kleider trockneten schon an seinem Körper. In der Sonne wuchsen die Plantagen, gezähmte Bäume, die Frucht liefern mussten. Aber es war der wilde Wald, den er liebte, nicht diese beschnittenen Apfelbäume. Die weitverzweigten Stämme und das Dickicht darunter, das sich an die Hosenbeine heftete wie ein bissiger Hund.

Ich bin nicht zahm.

Hatte Blitz das gesagt? Immer hatte er darauf bestanden, dass er anders war als die anderen Räuber, anders als die Männer, auf die Zukata sich verließ.

Der Hang wurde steiler. Von hier aus hatte er einen grandiosen Blick auf das Meer. Die Küste von Drian war nicht zu sehen, aber sehr weit weg konnte sie nicht sein. Dort, auf dem offenen Meer, die Masten der Piratenschiffe. Und wenn er sich umdrehte, konnte er fast die halbe Insel überblicken, über Schafweiden – zunächst hielt er die weißen Flecken für Steine, bis er merkte, dass sie sich bewegten – und einen Teil der Obstgärten bis hin zu ein paar kleinen Dörfern, die sich an den Hang schmiegten.

Die salzige Seeluft füllte seine Lungen.

Und noch weiter hinten die schattenhaften Umrisse der anderen Insel. Neiara.

Er konnte es zerstören. Alles. Diese Insel, die zweite Insel, alles, was sich glücklich nannte und ihn dann verriet. Er dachte über seine Rache nach, aber unter dem blassblauen Himmel und dem ewigen Rauschen der Brandung fühlten sich diese Gedanken nicht mehr heiß und befriedigend an, sondern kühl und fremd. Er konnte es zerstören. Aber vielleicht, dachte er, und dieser neue Gedanke hatte etwas an sich, das ihm über alle Maßen gefiel, vielleicht wäre es noch besser, es zu besitzen.

Eine ganze Weile stand er da und bewegte einen neuen Plan in seinem Inneren. Ich bin nicht zahm, hatte Blitz gesagt, ich bin frei, in mir ist der Traum von den Inseln …

Es gab auch eine andere Möglichkeit, sich zu rächen. Eine viel subtilere, aber genauso wirksame Möglichkeit, Blitz den Boden unter den Füßen wegzureißen. Seinen Männern würde das nicht gefallen. Aber hatte er sich je darum geschert?

Man konnte kein Weingut besitzen, ohne sich für Wein zu interessieren. Wikant probierte den Wein nicht nur, er trank ihn. Den ganzen Becher. Es war sein dritter und bestimmt nicht der letzte. Tinek, seine Frau, öffnete den Mund, um ihm Vorwürfe zu machen – er wusste das, denn er war es gewöhnt –, aber zu seiner Überraschung besann sie sich mitten im Satz.

»Wikant, du solltest nicht …! Ich muss mit dir über Erion reden.«

»Über Blöd?«, fragte er.

»Nenn ihn nicht so!« Aber wenigstens fauchte sie nicht. Sie konnte es nicht leiden, wenn er ihren gemeinsamen Sohn so nannte, aber Erion war nun einmal blöd. Wikant fand, dass er als Vater das Recht hatte, die Dinge beim Namen zu nennen. Erion war in jeder Hinsicht eine Enttäuschung. Er interessierte sich nicht für den Weinanbau. Mittlerweile war er dreizehn und eigentlich alt genug, um in die Lehre zu gehen. Aber er benahm sich immer noch wie ein Kind, das keinerlei Verpflichtungen hatte. Weder interessierte er sich für die Traditionen der ältesten Familie von Neiara noch für sonst irgendetwas, das Wikant als sein Vater hätte fördern können. Er wollte Erion ja gar nicht in den Weinbau zwingen, jedenfalls noch nicht. Aber seinem Sohn zu erlauben, einfach in den Tag hinein zu leben, das ging ebenfalls nicht.

»Gut. Dann reden wir über Blöd.«

Tinek verzog das Gesicht, aber sie hatte wohl wirklich vor, ein ernsthaftes Gespräch zu führen, denn sie ließ sich nicht ablenken.

»Erion möchte Aufseher werden«, sagte sie. »Aber er muss doch erst einmal etwas lernen.«

»Wie kommt er bloß darauf?«, fragte Wikant. »Wie will er etwas beaufsichtigen, von dem er nichts versteht?«

»Er will einfach nur aufpassen, was andere tun.« Sie seufzte. »Wikant, ich glaube, es war ein Fehler, dass wir das Wort Weinfürst ans Gut schlagen ließen. Er ist irgendwie in dem Glauben aufgewachsen, er wäre der Sohn eines Fürsten.«

Wikant griff nach dem nächsten Becher. Er lachte. Nach Tineks ernsthaftem Beginn hatte er mit einer weitaus schlimmeren Nachricht gerechnet. »Lass ihn doch. Er ist ein Kind.« Es ärgerte ihn ja selbst, aber er wusste mittlerweile, dass mit dem Jungen nichts anzufangen war.

»Wikant, verstehst du nicht? Er will nichts lernen, weil er glaubt, er muss das alles nicht wissen! Das Einzige, was überhaupt in seinen Schädel hineingeht, sind diese ganzen königlichen Familien auf dem Festland. Er lernt die Namen von Königen auswendig! Von Herrschaftshäusern! Stammbäume fremder Familien!« Sie machte eine Pause, aber da Wikant nichts sagte, fuhr sie fort: »Er glaubt, er könne sich zurücklehnen und zusehen, wie andere schuften.«

»So wie ich, meinst du.«

»Nein! Nein – nun ja.«

»Blöd«, flüsterte Wikant. Er würde mit dem Jungen ein ernstes Wörtchen reden müssen, und nur, damit Tinek zufrieden war. Nützen würde es sowieso nichts. Bei diesem Schnösel war alles vergebens.

Er wollte gerade trinken, als die Tür heftig aufgestoßen wurde. Vor Schreck zuckte er zusammen und goss sich den Wein über das Hemd. »Ver-«

Er hatte seinen Fluch nicht einmal zu Ende gesprochen, als Kelon hereinstürzte. Kelon war in der Kelterei für alles und jedes zuständig, ein kundiger und verlässlicher Mann, der die Verantwortung übernahm, wenn Wikant sich seinen Traurigkeitsanfällen hingab. Vielleicht stellte sich Blöd einen ähnlichen Posten vor, aber dann hatte der Junge nicht begriffen, wie viel dazu gehörte, überall dabei zu sein und zu überprüfen, wie die Dinge liefen.

Es gehörte nicht zu Kelons Aufgaben, hier einfach so hereinzuplatzen. Höchstens vielleicht, wenn es brannte.

Tinek sprang auf. »Was ist passiert?«

»Piraten!«, rief Kelon. »Sie haben den Hafen blockiert, sie sind überall, sie kommen die Straße hoch – hierher!«

Wikant vergaß sein Hemd. Er stand auf. Und dann stand er da und wusste nicht, was er tun sollte. Sie sahen ihn an, beide, Kelon und Tinek, als wäre er derjenige, der sie retten konnte. Er war der Weinfürst. Er musste etwas tun, den Piraten entgegentreten und sie vertreiben. Aber stattdessen stand er nur da und konnte sich nicht rühren.

»Wikant!«, schrie Tinek. »So tu doch was!«

»Was?«, fragte er zurück. »Wir haben keine Waffen. Oder doch? Im Keller?«

»Dort könnten ein paar Hellebarden liegen«, gab Kelon zu. »Und an der Wand im Empfangssaal hängt ein Schwert.«

»Erion!«, rief Tinek plötzlich. »Wo ist Erion? Erion!« Laut nach ihrem Sohn schreiend rannte sie aus dem Zimmer.

Wikant trat ans Fenster. Von hier aus konnte man das Dorf und den Hafen überblicken; vielleicht war es keine schlechte Idee, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen. Tatsächlich sah er ein großes fremdes Segelschiff zwischen den kleineren Booten liegen. »Es sieht nicht aus wie ein Piratenschiff«, sagte er zu Kelon. »Vielleicht übertreibst du ein bisschen?«

»Wenn es doch nur so wäre«, seufzte der Mann. »Wikant, wir sollten ein paar Dinge verstecken, die von Wert sind.«

»Hast du das Tor verriegelt?«

»Natürlich.«

Wikant nickte erleichtert. »Dann brauchen wir auch nichts zu verstecken. Durchs Tor kommt niemand.«

Es war ein stabiles Tor aus uralten Eichenbohlen. Warum regten sich alle so auf? Selbst wenn es Piraten waren, die die Insel heimsuchten, würden sie sich an den Dörflern schadlos halten und nicht ins Gut kommen. Er trat zurück an den Tisch, auf dem noch der halbvolle Becher stand. »Wir sollten einfach Ruhe bewahren und …«

Bumm.

Der Schlag war so heftig, dass die Wände vibrierten. Wikants Becher schwappte schon wieder über. »Was war das!«, rief er aus. »Jetzt reicht es aber!«

»Sie sind am Tor«, sagte Kelon. »Ich – ich gehe mal nachsehen.« Es klang, als hätte er lieber gesagt: Ich gehe mich verstecken. Aber Kelon war hier für alles zuständig. Und deshalb tat er seine Pflicht und ging, um einen Blick auf das schützende Tor zu werfen.

Bumm.

Wieder das laute Dröhnen, begleitet von einem Krachen, dass Kelon durch Mark und Bein ging. Er nahm all seinen Mut zusammen, um den Feinden entgegenzutreten. Ein paar Arbeiter hatten tatsächlich die Hellebarden aus dem Lager geholt und bemühten sich, Haltung anzunehmen und wie Soldaten auszusehen. Die Verteidiger standen im Hof und wichen bei jedem Krachen einen Schritt zurück.

»Für den Fürsten!«

Es war nicht Kelon, der gerufen hatte. Wikant drehte sich um und sah Erion dort stehen, mit einem langen Stock bewaffnet, an den er ein Küchenmesser gebunden hatte.

»Was hast du da, einen Besenstiel?«

Der Junge war blass. Sein dunkelblondes Haar fiel ihm strähnig in die Stirn, aber er versuchte krampfhaft, wie ein Prinz auszusehen. Vielleicht hoffte er, aus seinen Augen würde Mut und Zuversicht strahlen, aber es wäre wirkungsvoller gewesen, wenn er nicht so heftig geblinzelt hätte.

»Blöd! Komm da weg!«

Erion drehte sich um und schrie auf, als er den dunklen Fleck auf dem Hemd seines Vaters bemerkte. »Du bist verletzt! Ich werde dich rächen!«

Der Weinfürst grinste, während er mit vorsichtig tastenden Schritten über den Hof ging. Er schien zu schweben, leichtfüßig und gleichzeitig halb tot, das selige Lächeln eines glücklich Sterbenden auf den Lippen.

Kelon biss die Zähne zusammen und wandte sich an die zitternden Arbeiter.

»Nein«, sagte er. »Nicht für den Fürsten. Für Neiara. Für eure Familien draußen im Dorf. Für jeden einzelnen von uns. Wir sind keine Krieger. Aber wir wissen, was uns erwartet, wenn wir nichts tun.« Dasselbe, was uns erwartet, wenn wir uns wehren, dachte er. Sie werden keinen von uns verschonen. Sie werden uns alle niedermähen. Wenn das wirklich Piraten sind, dann gnade uns Rin.

Bumm.

Es war so dumm, sich ihnen in den Weg zu stellen. Es gab nichts Dümmeres. Aber wenn sie sich verbarrikadierten – irgendwo im Keller, wo die Piraten sie vielleicht nicht finden würden – und später nach oben kamen und sahen, wie das Gesindel im Dorf gewütet hatte … Wer würde dann noch leben wollen?

Bumm. Und das Tor zerbarst. Und dann Stille.

»Für den Fürsten!« Eine helle Jungenstimme hallte durch den Hof. Kelon hielt die Luft an, als er den Sohn seines Arbeitgebers nach vorne rennen sah, die selbstgebastelte Lanze in der Hand. Er erwartete, jeden Moment die Piraten hereinstürzen zu sehen; der Junge lief ihnen direkt in die Arme.

»Nein!« Er hörte Tineks Aufschrei. »Oh nein! Erion!«

Ein Mann schritt über die zersplitterten Balken. Hinter ihm kam eine Horde wilder, bärtiger Gestalten – die Piraten, der Abschaum der Meere. Aber es war ihr Anführer, der alle Blicke auf sich zog, ein Mann, mindestens zwei Kopf größer als die anderen und doppelt so breit: Ein Riese. Sein blondes Haar, zu einem Zopf geflochten, der sorgfältig gestutzte Bart und die Kleidung, die er trug, ließen ihn eher wie einen vornehmen Herrn aussehen als wie einen Piraten. Keine Lumpen, sondern Beinkleider, Wams und Umhang aus allerfeinstem, dunkelblauem Stoff – Kelon erkannte sofort, dass dieser Mann kein gewöhnlicher Räuber war. Und doch, ein einziger Blick in dieses Gesicht genügte und man wünschte sich, es nie wiederzusehen. Zu fliehen und sich zu verstecken und ihm nie, nie wieder zu begegnen. Nicht, weil er hässlich war oder schrecklich anzusehen, sondern weil er lächelte, weil er hier hereinkam und lächelte, und weil ihm in dem Moment, in dem er das Gut betrat, alles hier gehörte, alles und jeder.

Erion, mitten im Lauf, konnte nicht mehr anhalten, als der Riese erschien, und als würden ihn die verzweifelten Schreie seiner Mutter noch mehr anfeuern, stürmte er geradewegs auf den Eindringling zu.

Sie sahen alle, dass dies das Ende war. In keinem flammte die Hoffnung auf, der Junge könnte es schaffen, könnte seine alberne Waffe dem Feind in die Brust bohren. Sie sahen ihn nur in den Untergang rennen. Der Riese wandte dem schreienden Angreifer das Gesicht zu und lächelte ihm mit mildem Erstaunen entgegen. Er bewegte lässig die Hand und pflückte den Jungen mitsamt Besenstiel und Messer vom Boden auf. Einen flüchtigen Moment, nur einen Lidschlag lang, hielt er ihn, dann ließ er ihn fallen wie ein lästiges Insekt, das er sich vom Ärmel geklaubt hatte. Tinek schrie wieder, aber Erion war unverletzt geblieben. Er setzte sich auf und blickte überrascht um sich.

»Für den Fürsten«, wiederholte der Riese die Worte des Jungen. »In der Tat, deshalb bin ich hier. Du?« Er richtete die Frage an Kelon, der wie erstarrt neben den Arbeitern stand und noch am meisten wie der Besitzer von irgendetwas wirkte.

Kelon drehte sich halb und nickte zu Wikant hinüber, der gelähmt dastand und immer noch aussah wie jemand, den man gerade erst ermordet hatte.

Der Riese hob kaum merklich die Brauen, aber verächtlicher hätte eine so kleine Geste kaum sein können.

»Vielleicht können wir Euch – einladen?«, fragte Tinek mit zitternder Stimme und schien nicht einmal zu merken, dass sie ihn angeredet hatte wie einen adligen Herrn. »Ein … ein Glas Wein?«

Sie bebte unter seinem Blick, aber dann verzog sich sein Mund zu einem nicht mehr abfälligen, sondern eher amüsierten Lächeln. »Ist das nicht ein Weingut hier?«

»Ja! Ja, das … ist es.« Tineks Stimme sank von aufgeregt wieder zu verängstigt. Sie beobachtete, wie Erion sich aufrappelte und auf dem Pflaster nach seinem Stock tastete. »Bitte, Herr, bitte tut ihm nichts, er ist nur ein Kind.«

»Dies ist ein Weingut«, sagte der Riese zu seinem Gefolge. »Und wir sind eingeladen, wie ihr gehört habt. Ich bin sicher, der gute Mann dort«, er wies auf Kelon, »wird sich darum kümmern, dass ihr ordentlich bewirtet werdet.«

Als die Piraten auf ihn zuströmten, wankte Kelon, aber er hielt sich aufrecht und gab seinen Arbeitern mit einem Wink zu verstehen, dass sie die Waffen niederlegen sollten. Er hatte keine Ahnung, was dieser Kerl vorhatte, aber vielleicht würde dieser Tag doch nicht mit einem Blutvergießen enden. Es war nur sein Herz, das blutete, während er die Eindringlinge in den Weinkeller führte.

Zukata legte seine Hand auf die Schulter des Jungen. »Und du führst mich in euren Thronsaal oder was immer ihr für einen Raum habt, um darin Gäste zu empfangen.«

Erion stolperte vorwärts, und hinter ihnen kamen Tinek und Wikant, als würden sie abgeführt.

Natürlich gab es keinen Thronsaal. Auch auf die edelsten Besucher wartete nur ein aus dunklem Holz vertäfeltes Zimmer mit einem Kristallleuchter an der Decke. Auf dem Tisch standen und lagen noch mehrere geleerte Becher. Hastig machte Tinek sich daran, abzuräumen, während der Riese aus dem Fenster auf die kleine Hafenstadt hinausblickte. Seine Hand lag immer noch schwer auf Erions Schulter.

»Das sieht Blöd mal wieder ähnlich«, murmelte Wikant verdrossen. »Sich selbst zur Geisel zu machen.«

Er hatte nicht laut gesprochen, aber der Riese hob den Kopf. »Blöd? Du nennst deinen Sohn Blöd?«

»Ich heiße Erion«, knurrte der Junge. »Erion von Neiara.«

»Wo ist der zweite Sohn?«

»Wir haben nur diesen einen, Herr«, sagte Tinek. Sie war mit dem Tablett auf dem Weg zur Tür und zögerte. Ob es klug war, jetzt hinauszugehen und den Feind mit ihrer Familie alleinzulassen?

»Ach.« Der Riese hob wieder die Brauen. »Ich nahm schon an, ihr hättet mindestens zwei. Wenn ihr den einen beschimpft, müsstet ihr doch noch einen anderen haben, den ihr bevorzugt?«

»Nein, nur den einen«, wiederholte die Frau.

Das Gesicht des Jungen verzog sich zu einer wütenden, trotzigen Grimasse. Trotzdem bewahrte er Haltung. Er stand neben dem Riesen, als würde er zu ihm gehören. In seinen Augen lag nicht der Wunsch, seine Eltern möchten ihn retten, sondern das dringende Verlangen, sich in dieser Situation zu beweisen. Er weinte nicht, obwohl es um seine Mundwinkel zuckte.

Tinek hatte sich entschieden, nicht hinauszugehen. Sie stellte das Tablett neben die Tür und holte aus einem hohen, mit Intarsien verzierten Schrank ein weißes Tuch, mit dem sie den verschütteten Wein aufwischte.

»Möchtet Ihr etwas essen?«

»Essen können wir später, nachdem wir alles besprochen haben«, sagte der Riese.

»Was gibt es denn zu besprechen?«, fragte Wikant, der bis jetzt möglichst unauffällig an der Wand gestanden hatte, und schlurfte ein paar Schritte näher. »Äh, Herr?«

Tinek eilte ängstlich vor und reichte dem Riesen hastig einen Becher Wein, den sie entweder im Schrank gefunden und sonstwie hergezaubert hatte. Er nahm ihn aus ihrer Hand und führte ihn zum Mund.

»Dieser Wein ist dreizehn Jahre alt«, flüsterte Wikant. »Warum hast du ihn aufgemacht? Er war für Erions Hochzeit bestimmt.«

»Was tut er dann in diesem Schrank?«, zischte sie zurück. »Das war dein geheimer Vorrat, wenn du so tust, als würdest du hier arbeiten.«

»Die Glücklichen Inseln«, sagte der Besucher, als wäre er ein Gast, den sie zu einer Weinprobe eingeladen hatten. »So schmecken sie also?«

»Gefällt es Euch?«

Der Riese sah auf den Becher in seiner Hand. »Selbst in Kirifas trinken sie ihn, also muss er gut sein. Gegen das, was man auf einem Piratenschiff zu trinken bekommt, ist alles andere umwerfend.« Er lachte. »Neiara, das Königreich des Weins! Das Königreich des Glücks. Nennt ihr es so? Würdet ihr es so nennen?« Er stürzte den Wein hinunter und begegnete ihren erschrockenen Blicken mit einem Lächeln. »Wisst ihr, wer ich bin? Nein? Ich bin Prinz Zukata, der Sohn Kaiser Kanuna El Schattiks, des Gesegneten. Ich bin der, der nach ihm auf dem Thron in Kirifas sitzen wird. Und das bedeutet, ich bin auch euer zukünftiger Kaiser.«

»Huh«, meinte Erion ehrfürchtig, »das ist …«

»Sei still, Blöd«, fuhr Wikant dazwischen. »Das geht uns nichts an. Neiara gehört nicht zum Kaiserreich.«

»Noch nicht«, sagte Zukata. »Habt ihr euch je gefragt, warum die Glücklichen Inseln frei sind? Warum sie nicht längst von den Küstenländern annektiert worden sind? Sicher nicht, weil ihr so eine schlagkräftige Truppe habt. Das haben wir heute ja gesehen.«

»Warum – warum dann?«, stammelte Wikant, nachdem Zukata ihn lange angesehen hatte, als erwarte er wirklich eine Antwort von ihm.

»Der Schutz des Kaisers«, erklärte Zukata. »Ja, schon immer hat der Kaiser, den ihr nicht als euren anerkennt, euch beschützt. Nur der Kaiser verhindert, dass Drian oder Tors euch einfach schlucken. Nur der Kaiser, der euch angeblich nichts angeht, gibt euch die Freiheit, hier euer eigenes Leben zu führen. Habt ihr euch nie gefragt, warum?«

»Ähm, warum?«

Zukata hielt seinen leeren Becher Tinek vor die Nase, und sie schenkte ihm hastig nach. Er trank ein paar Schlucke, bedächtig, genießerisch.

»Vielleicht war es der Fischerkönig«, sagte er dann langsam. »Weiß ich es denn? Ich rate nur. Ich bin noch nicht Kaiser. Was weiß ich von den geheimen Verabredungen, die hinter verschlossenen Türen getroffen wurden? Was weiß ich von der Freiheit dieser Inseln? Ich weiß nur eins. Wenn ich Kaiser bin, lieber Wikant, verehrteste Tinek«, beide zuckten zusammen, denn sie hatten nicht erwartet, dass er ihre Namen kannte, »dann werden diese Inseln zu meinem Reich gehören, ohne Wenn und Aber. Dann werde ich sie für Deret-Aif in Anspruch nehmen.«

»Aber«, begann Wikant, »aber das …« Er verstummte. Was wollte er sagen? Das geht nicht? Es ist nicht recht?

»Bis ich Kaiser werde«, sprach Zukata weiter, »können noch viele Jahre vergehen. Ich bin hergekommen, damit ihr Zeit habt, euch darauf vorzubereiten. Nicht, dass ihr meint, ihr müsstet ein Heer aufstellen, um euch gegen die Soldaten aus dem Kaiserreich zu verteidigen. Wie viele Krieger passen auf diese Insel? Vergesst es. Was ich euch bringe, ist keine Warnung, sondern ein Angebot.«

»Was für ein Angebot?«, fragten Wikant und Tinek gleichzeitig, er misstrauisch, sie eifrig.

»Fürst Wikant.« Zukata warf ihm den Titel hin wie etwas Schmutziges. »Nennst du dich nicht so? Dabei bist du nichts als ein Mann, der durch Erbschaft um einiges reicher ist als der Rest der Inselbewohner. Du bist kein Fürst, so wenig wie die Apfelkönigin in Arima eine Königin ist. Falls es je einen König auf den Glücklichen Inseln gab, muss es der Fischerkönig gewesen sein, der sich Freund des Kaisers nennen durfte, doch es gibt niemanden mehr mit dem Anspruch auf diesen Titel. Wenn ich Kaiser bin, wird das Königreich Drian seine Grenzen um einen Weinberg und einen Obstgarten erweitern – es sei denn, die Glücklichen Inseln schaffen es bis dahin, sich ihr eigenes Königreich aufzubauen.«

»Du willst, dass mein Vater König wird?«, fragte Erion mit leuchtenden Augen.

»Sei still, Blöd.« Wikants Gesicht hatte sich verändert, während Zukata sprach. Er war so wütend, dass er kaum sprechen konnte, aber gleichzeitig musste er sich darum bemühen, beherrscht und vorsichtig zu reagieren. »Das geht nicht, Prinz. Ich bin kein König. Ich will kein König sein. Die Leute hier werden das niemals akzeptieren.« Ein hoheitsvoller Zug lag auf seinem Gesicht, er stand aufrecht da und wirkte so nüchtern wie schon seit Jahren nicht mehr. »Wie könnt Ihr so ein unglaubliches Ansinnen hier vortragen? Wenn Ihr diese Insel erobern wollt – wir können Euch nicht daran hindern. Aber von uns zu verlangen, dass wir es selbst tun, dass wir die Menschen hier zu etwas zwingen, was sie nicht wollen, was sie nicht einmal wollen können! Es gab nie einen König hier auf Neiara, noch nie in tausend Jahren …« Er hatte sich verausgabt und sank wieder in sich zusammen.

»Ich möchte schon gern ein König sein«, ließ Erion sich vernehmen.

»Ich sagte, sei still!«

»Einen König werden die Inseln bekommen, so oder so«, sagte Zukata. »Es liegt an euch, ob ihr diese Chance nutzt, es selbst zu sein. Ich werde Deret-Aif größer machen, als es jemals war. Wenn ihr das erste neue Königreich in meinem Herrschaftsbereich sein wollt, dann beglückwünsche ich euch dazu. Wenn nicht – wenn ihr euch Drian unterwerfen wollt, dann bitteschön. Aber das wird deinen Leuten vielleicht noch weniger gefallen.«

»Und was ist mit Arima?«, fragte Tinek. »Habt Ihr schon mit Binajatja gesprochen? Was hat sie dazu gesagt?«

»Die sogenannte Apfelkönigin? Nein, ich werde nicht mit ihr sprechen. Mit euch wollte ich reden. Ich gebe euch nichts vor. Ob jede Insel einen eigenen König hat, wenn ich Kaiser bin – oder eine Königin? –, was geht es mich an? Oder einen König für beide Inseln? Auch das wäre mir recht. Glaubt nicht, dass ihr keine Wahl hättet.«

»Ich werde ein Prinz sein«, flüsterte Erion verzückt.

»Bei Rin, sei endlich still!«, brüllte Wikant.

»Wikants Bruder Norha ist zur Zeit auf Arima«, dachte Tinek laut. »Binajatja hat ihn zu ihrem Verwalter gemacht. Ich meine nur, da sie keine Erben hat … Wenn Norha die Gärten eines Tages übernimmt … Und wir sind hier … Es wäre ja fast so, als wenn wir – Könige über beide Inseln wären?« Sie benutzte das Wort »König«, als wäre es etwas Unanständiges.

»Er ist nur der Verwalter«, beharrte Wikant. »Nichts weiter. Diese beiden Inseln sind in Freundschaft verbunden. Immer nur in Freundschaft.«

»Aber du«, Zukata wandte sich an den Jungen, »du wärst gerne ein Prinz? Du wärst gerne einer der Könige, die an des Kaisers langer Tafel speisen. Du wärst gerne des Riesenkaisers Freund, so wie es Arimas Fischerkönige immer waren – aber offen, nicht heimlich, so dass jeder weiß, wie weit du es gebracht hast. Nicht wahr?«

Erion nickte eifrig.

»Blöd«, flüsterte Wikant untröstlich, als ahnte er schon, was geschehen würde.

»Dann komm mit mir«, sagte Zukata. »Komm mit mir auf mein Schiff. Du wirst der Freund des Kaisers sein, noch bevor deine Eltern sich entschieden haben, ob sie eine Krone tragen möchten.«

»Nein, Herr«, flehte Tinek. »Wir tun es ja. Wir werden Könige werden. Wir werden ein Schloss bauen und einen Thronsaal, in dem wir Euch das nächste Mal empfangen können. Bitte, Prinz! Lasst ihn hier. Wir werden es ja tun. Es kam nur etwas plötzlich. So unerwartet. Aber wir können es schaffen, wir werden es …«

Wikant schüttelte nur stumm den Kopf.

»Es müssen beide Inseln sein«, sagte Zukata. »Ein König für jede Insel oder ein König für beide. Das Königreich der Glücklichen Inseln. Überstürzt nichts. Ihr habt Zeit. Mein Vater ist ein Riese und Riesen leben lange. Zehn Jahre oder zwanzig oder fünfzig? Ein Schloss baut man nicht in fünf Jahren. Oder gar zwei Schlösser, eins für jede Insel? Denkt darüber nach. Und nun könnt ihr euch darum kümmern, etwas aufzutischen. Setz dich hier neben mich, Junge. Deine Mutter wird dafür sorgen, dass wir königlich speisen.«

Diesmal musste Tinek den Raum verlassen. Aber Wikant blieb da. Die ganze Zeit stand er an der Wand, gegen die glatte, kühle Holzpaneele gelehnt, und starrte auf seinen Sohn.

2. Zu viele Geheimnisse

Ü B E RI H N E NW Ö L B T Esich das grüne Dach des Sommers. Hier unten, unter den Zweigen, geschützt von Blättern, hätte es eigentlich angenehm frisch und kühl sein sollen. Mino stöhnte und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Warum ist es so heiß?«

Keta blickte lächelnd auf sie herunter. »Seit wann macht dir das etwas aus?«

Sie lehnte sich gegen einen Baumstamm und rang nach Luft. »Mir ist schwindlig … Oh Rin, was bin ich müde.«

Obwohl der Riese verwundert den Kopf schüttelte, setzte sie sich zwischen die Baumwurzeln, die einen natürlichen Sessel bildeten.

»Ein schöner Platz«, sagte er. »Aber wir wollten heute ein gutes Stück schaffen, Möwe.«

»Mino«, verbesserte sie ihn. Sie legte den Kopf zurück, ihr wurde für einen Moment schwarz vor Augen.

»Für mich wirst du immer Möwe bleiben«, sagte er. »Auch wenn die Möwe, die ich kenne, etwas härter im Nehmen ist. Was ist eigentlich los mit dir?«

»Nichts«, beteuerte sie. »Ich bin einfach nur müde.«

Er kniete sich neben sie und griff nach ihrem Handgelenk.

»Ach, lass das, Vater. Ich bin nicht krank.«

»Vater«, wiederholte er. »Siehst du, und du bist doch Möwe. Nur Mino versucht ständig, sich daran zu erinnern, dass ich nicht ihr Vater bin. Möwe weiß genau, wo sie hingehört.«

Das weißhaarige Mädchen schüttelte den Kopf. »Nach Arima«, sagte sie leise. »Ich muss zurück nach Arima … Was ist mir schwindlig.«

»Trink.« Er reichte ihr die Wasserflasche, die sie durstig leerte. Aufmerksam beobachtete er sie. »Diese Reise ist anders als alle unsere vorherigen Wanderungen.«

»Natürlich«, sagte sie. »Ich habe mein Gedächtnis wieder. Wir haben ein Ziel, wir wandern nicht mehr einfach so durch die Gegend. Du bringst mich nach Hause. Natürlich ist es anders.«

»Das meine ich nicht.« Er betrachtete sie nachdenklich. »Möwe«, sagte er, »ich weiß nicht, wie ich dich das fragen soll.«

»Was denn?« Sie goss sich den Rest des Wassers über ihr Gesicht. »Du nimmst doch sonst kein Blatt vor den Mund, Keta.«

»Könnte es sein, dass du schwanger bist?«

Sie ließ die Flasche sinken und starrte den großen, blonden Riesen an, diesen Mann, der wie ein Vater für sie war. Drei Jahre lang, bis sie ihr Gedächtnis wiedererlangt hatte, war er ihre Familie gewesen. Und doch hatte sie ihm nie alles erzählt, was in den Festtagen in Kirifas vorgefallen war. Er hatte es nie erfahren sollen. Niemand hatte es je wissen sollen und sogar sie selbst, so hatte sie sich geschworen, würde es vergessen, als wäre es nie passiert.

»Schwanger?« Ihre Augen begegneten sich, ihre blassen Albinoaugen, seine blauen Himmelsaugen. Er konnte den Schrecken in ihrem Blick erkennen, bevor sie das Gesicht abwandte.

Keta machte keinen Hehl aus seiner Verwunderung. »Möwe! Möwe, das … Und auch von ihm – nein, das hätte ich nicht erwartet. Lässt sich von allen feiern, der kleine Held, und dann das!« In sein Gesicht trat der Zorn. Er ballte die Fäuste. Mino war den Anblick eines wütenden Riesen gewöhnt und ließ sich nicht so schnell beeindrucken.

»Nein, Keta …«

»Ich rette ihm das Leben und er dankt es mir auf diese Weise? Du warst verwirrt. Du warst so verletzlich in diesem Moment, in dem dir alles wieder ins Gedächtnis kam … Wie konnte er das ausnutzen? Und dabei hat er diese schöne, junge Frau! Das ist der Mann, dem der Kaiser seine Tochter anvertraut? Das ist der Mann, für den ich den Segen geopfert habe?«

»Du hast was?«, fragte Mino verblüfft. Sie vergaß für einen Moment, was sie ihm hatte sagen wollen. »Du hast für Blitz den Segen hergegeben? Wie soll ich das verstehen?«

»Ich habe Zukata dazu gebracht, Blitz zu verschonen«, erklärte Keta grimmig, und in diesem Moment erkannte Mino, dass sie nicht die Einzige war, die Geheimnisse hatte.

»Aber – wie konntest du das tun, Vater? Für diesen Preis? Du hast Zukata versprochen, ihn zu segnen? Das durftest du nicht!«

»Ich weiß«, sagte Keta, auf sich und ebenso auf alle anderen zornig, »und nun wünschte ich mir, ich hätte es auch nicht getan!«

»Vater, Blitz hat mit – mit diesem Kind nichts zu tun.« Sie sagte es leichthin, aber in ihr brannte der Schmerz wieder auf, dieser verfluchte Schmerz, der sie wünschen ließ, dass Blitz sehr wohl etwas damit zu tun gehabt hätte. Wieso bekam sie ein Kind? Nur ein einziges Mal war sie schwach gewesen. Wie konnte sie davon schwanger geworden sein?

Ketas Zorn verrauchte auf einen Schlag. »Nicht? Aber – dann hast du Jamai endlich erhört? Und ich dachte schon … Weißt du, irgendwie habe ich es geahnt. Er liebt dich schon so lange. Aber warum ist er dann verschwunden? Warum gehst du überhaupt mit mir nach Arima, Möwe? Habt ihr euch gestritten? Vielleicht – deswegen?«

Mino seufzte. »Muss ich dir wirklich alles sagen?«

Der Riese schrak zurück, vielleicht vor seiner eigenen Neugier, vielleicht, weil das Mädchen, das bis jetzt immer ein Kind für ihn gewesen war, sich auf einmal als erwachsene junge Frau entpuppte, die ihm nicht alles offenbarte.

»Nein«, antwortete er schnell, »nein, das musst du nicht.«

Sie richtete sich langsam auf. »Es geht schon wieder. Wir können weiter.«

»Ich könnte dich ein Stück tragen«, bot er an.

»Ach nein, Vater!«

Wenn er es eilig gehabt hätte, hätte er darauf bestanden. Aber ihm lag nichts daran, möglichst schnell die Glücklichen Inseln zu erreichen und Möwe ihrer Mutter zu übergeben. Nachdenklich ging er neben ihr her und wünschte sich, er hätte irgendjemanden dafür umbringen können, für diese Schwere, die ihm plötzlich auf dem Herzen lag.

Er hatte das Feuer nur entfacht, um die Mücken zu vertreiben. Wärme hatten sie genug. Die Nacht war schwül und lag drückend über ihnen.

»Ein Gewitter wäre jetzt nicht schlecht«, sagte Keta. »Ein Sturm, der die Luft reinigt. Blitz und Donner …«

»Blitz«, wiederholte Mino leise.

»Mein Vater hält sehr große Stücke auf ihn«, sagte Keta. »Ich bin froh, dass ich meine Meinung über ihn nicht ändern muss.«

Nicht einmal ihrem Vater konnte sie ihre wahren Gefühle für Blitz anvertrauen. Wie eine ganze Welt in ihr aufgegangen war, als sie ihn gesehen hatte, erblüht und wieder eingestürzt, alles in einem Augenblick.

»Jamai ist ein guter Junge, Möwe. Weiß er eigentlich etwas von dem Kind? Nein, wie könnte er, wenn du es selbst bis jetzt nicht geahnt hast. Wir müssen ihn benachrichtigen. Alles wird gut, Möwe, das verspreche ich dir. Jamai wird sich mit uns freuen, er …«

»Das Kind ist nicht von Jamai«, sagte sie.

Wieder ging ein Teil ihres Geheimnisses verloren. In seinen erstaunten Augen erblickte sie die ganze Schmach, die über sie hereingebrochen war. Nicht Blitz und nicht Jamai. Nein, Jamai war geflohen, als er gesehen hatte, wie sie Blitz umarmte. Jamai war fort und sie wusste zu gut, warum.

Keta bemühte sich, seine Überraschung zu verbergen. Er schüttelte den Kopf und wandte sich dem Feuer zu – um seine Verlegenheit zu überspielen oder seine Missbilligung? Er legte etwas Holz nach und stocherte in den Flammen. »Ein einzelner Funke könnte diesen ganzen Wald in Brand setzen«, sagte er. »Doch nein, wir kriegen Regen. Riechst du es? Die Wolken kommen. Ich höre schon das Grollen des Donners. Das Unwetter zieht her.«

Möwe konnte noch nichts hören. Die schärferen Sinne der Riesen entlockten ihr jedoch längst kein ungläubiges Lächeln mehr. Sie dachte nicht darüber nach, was passieren würde, wenn der Sturm sie hier im Wald überraschte, zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt. Sie rang mit sich, ob sie Keta noch mehr erzählen sollte. Er würde es akzeptieren, wenn sie ihm nichts verriet. Aber er würde sich darüber Gedanken machen, wer sie war und warum er so wenig von ihr wusste. Nein, er hatte nicht gedacht, dass sie so etwas tun könnte. Blitz, den sie liebte. Jamai, der ihr sein Herz zu Füßen gelegt hatte. Wer kam denn sonst in Frage?

»Toris«, sagte sie leise, sie sah ihn an. »Das ist es doch, was du wissen willst, nicht? Wie kann deine Möwe schwanger sein? Wo sie doch immer auf Blitz gewartet hat, auf ihr altes Leben, tugendhaft und standfest … Treibt sie sich mit fremden Männern herum? Wer ist sie? Ich sehe dir an, dass du dich das fragst. Mach mir ruhig Vorwürfe. Sprich es ruhig aus. Sag es doch: Möwe, das hätte ich nicht von dir gedacht. Das hätte ich wirklich nicht erwartet. Unsere kleine Möwe? Aber so ist es.« Sie lachte bitter auf. »So ist es.«

Keta streckte die Hand aus und wischte eine Träne von ihrer Wange. »Nicht weinen, Schatz. Nicht weinen, Liebes, meine liebe Möwe … Es ist gut. Es ist gut, mein Kind.«

»Gut? Wie könnte es gut sein?« Sie schluchzte auf, sie barg das Gesicht in ihren Händen.

Er setzte sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter. »Du bekommst ein Kind, Möwe. Wie könnte das schlecht sein? Es wird ein wundervolles Kind und wir werden alle stolz darauf sein. Ich kenne Toris seit seiner Geburt. Er ist ein guter Junge. Du hast keinen Grund, dich zu schämen. Glaubst du, nur weil ich zuerst an Jamai dachte, nehme ich es dir übel, dass es Toris ist?«

»Blitz hättest du es übelgenommen«, wandte sie ein.

»Weil Blitz verheiratet ist. Nur deswegen. Und weil – nun, vielleicht ist es immer so, dass Väter sich Sorgen machen und junge Mädchen trotzdem tun, was sie wollen. Ich habe nicht daran gedacht, wie viel Zeit du mit Toris verbracht hast. Er ist der beste Jongleur, den ich kenne, und ich habe viele gesehen. Ah, deswegen hat er dich also bestürmt, bei der Sippe zu bleiben.«

Sie nickte nur. Sie sagte ihm nicht, dass Toris auch jetzt noch nie mehr als ein guter Freund für sie sein konnte. Er würde, daran zweifelte sie nicht, für sie und das Kind sorgen, wenn sie zur Sippe zurückkehrte; er war ja sogar bereit gewesen, mit ihr nach Arima zu gehen und sesshaft zu werden. Aber sie wusste, dass das kein Leben für ihn war, den Ziehenden, der die Wälder liebte und auf den Jahrmärkten zu Hause war. Und sie war nicht für das Leben einer Zinta geboren worden. Sie lebten in verschiedenen Welten, sie und Toris, und nur eine starke Liebe, so stark wie ihre Liebe zu Blitz, hätte sie dazu bringen können, ihre Pflichten zu vergessen, die daheim auf sie warteten. Nur Blitz hätte sie dazu bringen können, dass sie alles hinter sich ließ, dass sie sich in den Sturm warf und ins Wasser sprang und alles vergaß, ihr ganzes Leben und ihre Vergangenheit und sich selbst. Aber Blitz hatte eine Frau.

Dies, dachte sie, ist eine Krankheit, gegen die nicht einmal der gesegnete Prinz mit den heilenden Händen etwas ausrichten kann. Dies ist ein Fluch, den ich selbst auf mich herabgezogen habe und von dem es keine Erlösung gibt. Dies ist etwas, von dem ich nie, niemals frei sein werde …

Das Gewitter war jetzt direkt über ihnen. Keta legte seine schützenden Arme um sie, aber sie löste sich von ihm und kroch aus dem behelfsmäßigen Unterschlupf, den er aus Ästen und dem Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes errichtet hatte. Der Regen peitschte ihr ins Gesicht und durchnässte sie. Hagelkörner schlugen wie winzige Geschosse in ihre Haut ein. Sie hielt sich dem Sturm hin und wünschte sich, er könnte sie verschlingen, sie wünschte sich, er wäre ein Ungeheuer, das Menschen fraß. Aber er konnte weder ihr Gedächtnis auslöschen noch ihre Liebe. Der Schmerz brannte so heiß in ihr, dass nichts sie davon befreien konnte.

Keta ließ sie in Ruhe, aber danach, als die Wolken weitergezogen waren, trat er zu ihr und musterte sie besorgt. »Was kann so schlimm sein?«, fragte er, aber sie antwortete nicht.

»Versuch nie, Schmerz mit Schmerz zu bekämpfen«, riet er ihr, aber was scherten sie seine weisen Ratschläge?

Schmerz gegen Schmerz. Es war die einzige Waffe, die ihr zur Hand war.

Es war meine Schuld … Wir hätten beide auf dem Schiff sein können, wir beide, und Blitz hätte dieses andere Mädchen nie getroffen …

»Du bist völlig durchnässt«, meinte Keta. »Du musst dich unbedingt umziehen.«

Sie wollte sein Verständnis nicht und sein Mitleid und seine Fürsorge. Es gab nur einen Weg, damit aufzuhören, sich Vorwürfe zu machen, und das war, die Waffe jemand anders in die Hand zu legen und sich unter den Zorn eines anderen zu beugen.

»Mutter«, flüsterte sie, »ich will zu meiner Mutter …«

Er erfüllte ihr auf dieser Reise fast jeden Wunsch. Damit sie sich nicht überanstrengte, hatte er ihr einen Esel gekauft – er wusste, dass sie Esel weitaus mehr liebte als Pferde – und hatte sich dem Schritt des hin und wieder störrischen Tieres angepasst. Er hatte versucht, Mino durch Geschichten und Lieder aufzuheitern, und wenn sie Appetit auf etwas Bestimmtes bekam, scheute er keine Mühen, es für sie aufzutreiben. Sie fühlte sich wie eine Prinzessin und er war der König. Als sie ihm das sagte, lachte er. »Ja, die Prinzessin des Waldes und der König der Zintas. Und dies ist unser Schloss – ganz Deret-Aif, größer und schöner als jeder Palast. Jedes Dorf ist Kirifas und jede Lichtung, auf der Brombeeren wachsen, ist mein Schlosspark. Du reitest auf dem edelsten Ross aus meinem Stall, meine Liebe. Alles ist dein, ich schenke dir die ganze Welt.«

Doch dann hörte er auf zu lachen und sie beide dachten daran, wem er die ganze Welt versprochen hatte, und Mino fürchtete sich davor, was aus dieser Welt werden könnte, wenn er es tat.

»Was wird das noch für ein Deret-Aif sein, in dem mein Kind aufwachsen wird?«, fragte sie. »Wenn es erst Zukatas Kaiserreich ist?«

»Vielleicht wird der Segen ihn verändern, so wie er mich verändert hat.«

»Aber das weißt du nicht.«

Mino ließ ihren Blick über die Landschaft wandern, durch die sie auf dem Esel mit dem samtweichen Fell ritt. Sie waren in Sitra und durchquerten weite, lichte Felder, in denen die späte Sommersonne wie mit goldenen Fäden ein Netz aus Licht sponn. Ketas glitzerndes Waldschloss war schöner, als jeder Palast es sein konnte. Tränen stiegen ihr in die Augen, wenn sie daran dachte, dass sie bald wieder in einem Haus leben würde, mit einem Dach zwischen sich und dem in allen Farben blühenden Himmel.

»Hab keine Angst«, sagte Keta. »Es ist Rins Segen und dies ist Rins Welt.«

Mino schüttelte den Kopf. »Vielleicht ist es so … Aber ich werde nie vergessen, welche Mühen es gekostet hat, Zukata Prinzessin Manina abzuringen. Stell dir vor, was es erst kosten würde, wenn wir ihm das Kaiserreich aus den Händen winden müssten, um es zu retten.«

»Und wenn ich mein Versprechen nicht halte?«, fragte Keta, und er musste nicht hinzufügen: Was ist dann mit Blitz?

Ich würde ihn verstecken, wollte sie sagen. Ich verberge ihn, ganz nah bei mir. Ich halte ihn fest, ich beschütze ihn, ich passe schon auf, dass ihm nichts geschieht … Aber Blitz hatte eine Frau.

Bevor sie auf die Fähre stiegen, die vom Drianer Hafen nach Arima ablegte – und natürlich hatte Keta sich durch nichts davon abbringen lassen, sie zu begleiten –, kam ihr plötzlich der Gedanke, ob es nicht doch ein Fehler war. Noch konnte sie umkehren, wieder zurück in den Sommerwald, der sich in einen goldbunten Herbstwald hineinverwandelte. Angst ergriff sie und ihr Herz schlug, nicht in freudiger Erwartung, sondern voll des Wissens, was sie dort in Arima erwartete. Keta merkte wohl, dass sie aufgeregt war, aber er nickte ihr freundlich zu.

»Nun ist es gleich soweit.«

»Ja.« Instinktiv legte sie ihre Hand auf den Bauch, in dem das Kind heranwuchs. Man sah noch kaum, dass sie schwanger war, aber sie konnte manchmal bereits die Bewegungen des Ungeborenen spüren.

»Ich werde dich regelmäßig besuchen«, versprach er, als hätte er das nicht schon unzählige Male gesagt. »Ich muss doch sehen, wie es meiner Tochter, der edlen Kaisergängerin, und meinem Enkel ergeht.« Er grinste. »Dem Urenkel des Kaisers, vergiss das nicht.«

»Ach, Vater …« Sie seufzte. »Ich bin doch bloß ich. Und Arima gehört nicht mal zum Kaiserreich.«

Er lächelte zufrieden, weil sie ihn wieder Vater genannt hatte, und zugleich schmerzlich, denn er wollte sie nicht hierlassen und ihrer alten Familie zurückgeben. Sie war nicht sein Fleisch und Blut, aber es fühlte sich längst so an – und doch durfte er nichts sagen. Er wusste, dass ihre erste Familie ein älteres Recht auf sie hatte.

Sie gingen von Bord, in diesem winzigen Hafen. Die Häuser der Fischer kamen Keta kleiner als sonstwo vor, schmucke weiße Häuschen, die sich aneinanderkuschelten.

»Dort geht es zu den Plantagen«, sagte sie und zeigte auf den Weg, der durch die Dünen führte. »Und das Dorf der Arbeiter liegt hinter den Hügeln.«

Es war unglaublich, wie wenig sich hier verändert hatte. Alles sah noch genauso aus wie vor drei Jahren. Die Häuser, die Menschen …

»Mino?« Sie begegneten einer Gruppe von Obstpflückern, die sie ungläubig anstarrten, sie und den Riesen, der sie begleitete. Auf den Glücklichen Inseln lebte kein Einziger aus Larings Stamm; die Leute wussten nicht, wen sie mehr bestaunen sollten – die totgeglaubte Tochter der Apfelkönigin oder den Hünen, den sie mitgebracht hatte.

»Ja!« Sie lachte. »Ja, ich bin’s!«

Als sie ihr altes Zuhause erreichte, war Binajatja längst benachrichtigt worden. Sie stand vor der Tür ihres Hauses und wartete.

»Wie alt sie geworden ist«, flüsterte Mino. Vielleicht war sonst alles gleich geblieben, aber für ihre Mutter schienen mehr als drei Jahre vergangen zu sein. Tiefe Furchen hatten sich in ihr Gesicht gegraben, aber sie war immer noch schön. Sie stand da wie eine Königin, aufrecht und stolz, auf ihre Würde gestützt wie auf eine Krücke, und lächelte nicht, als sie ihre Tochter wiedersah.

»Mutter!«, rief Mino und umarmte sie, aber Binajatja stand stocksteif da, ohne sich zu rühren.

»Du lebst also doch«, stellte sie fest. »Und du hast es nie für nötig befunden, mich zu benachrichtigen, wenn es dir schon nicht eilig damit war, zurückzukommen?«

»Ich hatte das Gedächtnis verloren …«, begann Mino, aber Binajatja unterbrach sie. »Und wer ist das?« Sie musterte Keta unverhohlen feindselig. »Seit wann gibt es Riesen auf dieser Insel?«

»Das ist Prinz Keta«, sagte Mino. »Er hat mich hergebracht. Und davor hat er mich geheilt, weil ich fast gestorben wäre, und … Oh Mutter, ich habe dir so viel zu erzählen. Du ahnst ja gar nicht, was ich alles erlebt habe!«

Die Apfelkönigin öffnete die Tür. »Komm nach drinnen«, sagte sie, »das brauchen ja wirklich nicht all diese Leute mit anzuhören. – Ihr könnt wieder an die Arbeit gehen, es gibt hier nichts zu sehen.«

Sie konnte nicht verhindern, dass Keta sich bückte und unter dem Türrahmen hindurch über die Schwelle trat.

Es gab nicht viel zu sagen. Die Worte erstarben auf Minos Zunge, bevor sie ihren Mund verlassen konnten. Sie überließ es Keta, ihre Mutter davon zu unterrichten, dass sie eine Kopfverletzung davongetragen und das Gedächtnis verloren hatte. Als er erwähnte, dass sie in der Zwischenzeit bei den Ziehenden gelebt hatte, hob Binajatja die Brauen.

»Na schön«, meinte sie schließlich. Keta war noch gar nicht dazu gekommen, von ihrer Suche nach Zukata und Maninas Rettung zu berichten, aber Minos Mutter hatte anscheinend genug gehört. »Du warst also krank. Du hast drei Jahre verpasst, in denen sich hier einiges getan hat. Ich habe einen Verwalter eingestellt, der die Arbeit übernommen hat, die ich dir zugedacht hatte. Diesen Vorsprung, den er jetzt dir gegenüber hat, wirst du schwerlich einholen können. Aber wir werden sehen.«

Keta legte Mino beruhigend die Hand auf den Arm. Nimm von meiner Kraft, konnte das heißen, nimm von meiner Stärke, nimm, was immer du brauchst.

»Und Ihr – Prinz Keta, richtig? – steht wie genau zu meiner Tochter? Habt Ihr Euch mit ihr vermählt, während sie krank war und Euch hilflos ausgeliefert war?«

Keta lief rot an.

»Er ist wie ein Vater für mich!«, warf Mino schnell ein.

»Du hattest einen Vater«, erinnerte Binajatja scharf. »Und er hat uns im Stich gelassen. So wie dein Bruder auch.«

»Das hat er nicht!« Sie wusste selbst nicht, woher sie den Mut nahm, das zu sagen. »Lexan hat uns nicht im Stich gelassen! Er ist in Rinland angekommen, Mutter, ist das nicht wunderbar? Ich muss dir von dem Brief erzählen!«

»Genug!«, fuhr ihre Mutter sie an. »Ich will nichts mehr hören. Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Du hast die Gewohnheiten dieses ganzen Gesindels übernommen, wie? Aber vermutlich sollte ich noch dankbar sein, dass es nicht schlimmer gekommen ist. Dass du nicht entehrt und mit einem Balg am Hals hergekommen bist. So«, sie wandte sich wieder an Keta. »Ich danke Euch für Eure Hilfe, aber nun ist sie ja wieder zu Hause. Ich werde Euch Eure Mühe selbstverständlich entgelten. Wartet hier einen Moment.«

Sie erhob sich und verließ das Zimmer.

»Möwe«, flüsterte Keta, »Möwe, komm mit mir. Lass uns nach Hause gehen, zu Variti und den anderen.«

Aber Mino schüttelte den Kopf. »Das ist meine Mutter.«

»Möwe, bitte …«

Binajatja kam zurück. »Hier.«

Keta starrte ungläubig die Münzen an, die sie vor ihm auf den Tisch legte. »Du willst mich dafür bezahlen?«

Mino nickte ihm stumm zu, flehend, aber er stand auf und wandte sich wutentbrannt an Binajatja. »Du bittest mich nicht in dein Haus, du reichst mir nicht einmal die Hand … Und jetzt willst du mich auch noch bezahlen?«

»Wenn ich es recht verstanden habe, habt Ihr sie geheilt«, sagte Binajatja. »Seit wann arbeiten Ärzte umsonst?«

Keta stand auf. Er ragte gewaltig über ihr auf, aber da die Decke zu niedrig war, konnte er nicht aufrecht stehen. Vorgebeugt, als wollte er jeden Moment auf sie niederfahren, machte er seinem Ärger Luft.

»Du hast mich nicht hereingebeten, du bietest mir nichts zu essen und trinken an, du missachtest alle Regeln der Gastfreundschaft, die es gibt – und glaub mir, ich kenne viele verschiedene Bräuche und Sitten –, und dann willst du mich auch noch bezahlen? Aber das alles könnte ich dir verzeihen, wenn du wenigstens dein eigenes Kind beachten würdest! Dies ist deine Tochter, die ich dir nach Hause gebracht habe! Sie ist mit mir durch ganz Deret-Aif gewandert, sie wurde geehrt im Hause des Kaisers für ihre Hilfe bei der Rettung der Tochter des Kaisers. Sie hat Zukata in die Falle gelockt und gefangengehalten, einen Riesen von meiner Größe. Mit dreiundzwanzig Königen hat sie an einer Tafel gesessen und mit ihnen gespeist. Kanuna El Schattik nannte sie seine Enkelin und machte sie zu seinem Kaisergänger. Im ganzen Kaiserreich gilt ihr Wort so viel wie seins!«

Binajatja blickte ungerührt zu ihm auf.

»In meinem Haus gilt nur mein Wort«, sagte sie.

Mino schämte sich so sehr für ihre Mutter, dass sie kaum sprechen konnte.

Und Keta wünschte sich, er hätte ein ganzes Heer bis an die Zähne bewaffneter Soldaten vor sich. Eine wehrlose Frau, so unverschämt sie auch war, würde er nicht schlagen.

»Komm, Möwe«, sagte er. »Es war ein Fehler, hierher zu kommen. Lass uns nach Hause gehen, zu Variti und den anderen.«

Aber Mino schüttelte den Kopf. »Nein, Keta, ich …«

Er öffnete die Tür so ruckartig, dass er sie halb aus den Angeln riss. Mino sprang auf.

»Du bleibst hier«, befahl Binajatja. »Das wäre ja noch schöner.«

Aber Mino folgte ihm nach draußen. »Keta! Warte! Ach, Vater, bitte …«

Keta wandte sich zu ihr um. Die Wut war aus seinem Gesicht gewichen. »Was?«, rief er ihr entgegen. »Was denn noch? Du hast es gewusst, nicht wahr? Du wusstest, was dich hier erwartet!«

»Sie ist meine Mutter«, sagte Mino leise.

»In den vergangenen drei Jahren hat Variti dir mehr Liebe gegeben als diese Frau in deinem ganzen Leben! Ach, Möwe, was soll ich machen? Ich möchte dich packen und mitnehmen und zurückbringen. Ich kann dich doch nicht hierlassen. Wie soll ich gehen und wissen, dass du hier bist, bei dieser Frau ohne Lächeln?«

Sie sah die Tränen in seinen Augen und es schnürte ihr die Kehle zu.

»Sie war nicht immer so«, sagte Mino. »Als mein Vater noch da war, hat sie mit uns gespielt und gelacht … Keta, ich – ich kann nicht anders. Mein Platz ist hier. Ich kann sie nicht alleine lassen, nur weil sie unhöflich und starrsinnig ist und weil Familie ihr etwas anderes bedeutet als den Zintas. Sie hat doch nur mich!«

Der Riese blickte sie an, nachdenklich, und schüttelte den Kopf. »Vermutlich sollte ich stolz auf dich sein, weil du so denkst. Aber es bricht mir das Herz, dich in diesem Haus zu lassen. Wie kann ich dir erlauben, dass du dir das antust?« Er seufzte. »Und wie könnte ich es dir verbieten? Auf einer Insel zu leben, auf der niemand dich liebt?«

»Sie liebt mich, glaub mir«, versicherte Mino. »Sie dachte, ich sei tot. Sie hat alle ihre Gefühle begraben, weil sie weitermachen musste. Sie muss so sein, verstehst du, sonst würde sie zusammenbrechen … Aber jetzt werde ich bei ihr sein. Ich kann ihr helfen. Es war heute ein Schock für sie, aber du wirst sehen, wenn du mich das nächste Mal besuchst, sieht alles schon ganz anders aus. Du wirst herkommen und sehen, wie glücklich ich hier bin. Meine Mutter wird dich begrüßen und hereinbitten und wir werden den Tisch decken und dich bewirten. Du wirst uns Nachrichten aus dem Kaiserreich bringen und Grüße von der Sippe …«

Er streckte die Hand aus und wischte ihr eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Ich werde jetzt gehen. Aber ich bleibe noch einige Tage hier auf der Insel. Wenn du es dir überlegst, findest du mich schon. Jemand wie ich wird hier kaum unbemerkt abreisen können.«

Sie sah ihm nach, wie er ging, mit großen, ausgreifenden Riesenschritten, dann seufzte sie und ging zurück ins Haus.

Binajatja saß am Tisch und wartete, die Hände gefaltet.

»Da bist du ja. Ich dachte schon, du würdest wieder verschwinden. Jemandem, der drei Jahre lang in der Weltgeschichte herumgondelt und sich einen Dreck darum schert, wie ich hier alleine zurechtkomme, ist das wohl zuzutrauen.«

»Mutter, ich …«

Binajatja ließ sie nicht ausreden. »Ich habe schon immer gewusst, dass du ein selbstsüchtiges Mädchen bist, das seine Zeit lieber mit Herumtreibern verbringt, statt mir zu helfen. Daher wundert mich gar nichts mehr. Was hast du dir dabei gedacht, einen Riesen nach Arima zu bringen? Wir sind hier jemand, Mino. Setz unseren Ruf nicht so leichtfertig aufs Spiel.«

»Mutter, Keta zu beherbergen ist eine Ehre, für jeden. Er ist ein edler Mann und der beste Heiler, den es gibt!«

»Sie sind wild wie Tiere«, wusste Binajatja. »Sie hausen im Gebirge und jeder weiß, warum. Sie können nicht bei den Menschen leben, weil sie keine Menschen sind.«

»Selbst der Kaiser ist ein Riese! Es kann ja wohl nicht so schlimm sein …«

»Ich weiß genug über Riesen.« Die Apfelkönigin verzog vor Abscheu das Gesicht. »Sie sind unberechenbar. Es waren die Riesen, die Jahrhunderte lang Krieg geführt und ein Königreich nach dem anderen unterworfen haben. Die Glücklichen Inseln sind noch frei von ihnen und so soll es bleiben.« Sie musterte ihre Tochter aus zusammengekniffenen Augen. Mino senkte den Kopf. Sie wollte sagen: Du weißt noch nicht alles, ich bin schwanger. Aber sie brachte es nicht über die Lippen.

Zum Glück klopfte es. Den Mann, der verwundert die beschädigte Tür betrachtete, bevor er über die Schwelle stieg, hatte sie noch nie gesehen. Er war mittelgroß und vielleicht doppelt so alt wie sie, ein rothaariger Mann mit einem glattrasierten, von Sonne und Aufregung geröteten Gesicht.

»Binajatja! Ich habe gehört …« Dann fiel sein Blick auf Mino. »Also ist es wahr? Deine Tochter ist heimgekehrt?« Er nickte ihr freundlich zu und reichte ihr die Hand.

»Ich bin Norha«, sagte er. »Herzlich willkommen zu Hause.«

»Unser Verwalter«, stellte Binajatja vor. »Norha von Neiara. Du erinnerst dich doch wohl noch, dass auf unserer Nachbarinsel Wein angebaut wird?«

»Ja, natürlich«, stammelte Mino.

»Nun, Norha ist der Bruder von Wikant, dem Weinfürsten. Wir haben beschlossen, dass unsere Familien in Zukunft enger zusammenarbeiten werden. Norha ist ein Experte für den Weinbau.«

Mino verstand gar nichts mehr. »Was hast du dann mit unserem Obst zu tun?«, fragte sie ihn verwirrt.

»Mittlerweile kenne ich mich schon ganz gut damit aus, werte Mino.« Er verbeugte sich leicht vor ihr, dann wandte er sich wieder der älteren Frau zu. »Binajatja, wir müssen noch diese Sache besprechen, du weißt schon.«

»Die Arbeiter wollen wieder mehr Geld, wie?« Die Apfelkönigin seufzte. »Gut, setz dich her. Mino, du kannst ruhig zuhören. Es wird Zeit, dass du dich wieder mit den Dingen beschäftigst, die dich etwas angehen.«

Sie braucht mich nicht, dachte Mino. Ich bin den ganzen Weg hergekommen, um sie zu sehen, aber sie braucht mich nicht.

Keta hatte den Weg über die Hügel eingeschlagen, durch die Plantagen hindurch. Die Bäume hingen voller Äpfel, rot und golden und hellgrün. Er merkte plötzlich, wie hungrig er war und stopfte sich kurzerhand die Taschen voll. Seine Laune besserte sich wieder.

Die Arbeiter waren damit beschäftigt, die frühen Sorten zu pflücken und in Kisten zu packen. Ein paar hatten ihn gesehen und stießen ihre Kollegen an, um sie auf ihn aufmerksam zu machen. Er fühlte die Blicke auf sich, aber sie waren freundlich. Einige hübsche Frauen winkten ihm zu und er lächelte.

»Wenn wir so groß wären wie du, bräuchten wir die Leitern nicht«, rief jemand.

»Wenn ich so klein wäre wie ihr, würde ich Rüben anbauen«, rief er zurück. Doch auf einmal zerriss ein Schrei die friedliche Atmosphäre, und ehe er es sich versah, stürzte sich jemand auf ihn – ein schwarzhaariger Mann, den Keta nie zuvor gesehen hatte, der ihn jedoch sofort an jemand erinnerte. Der Fremde heulte und fluchte, während er den Riesen mit seinen Fäusten bearbeitete, und Keta, der sich bald von seiner Überraschung erholt hatte, ließ es eine Weile geschehen und versuchte zu begreifen, was ihm da alles an den Kopf geworfen wurde.

»Du warst es! Ich erkenne dich! Du hast sie umgebracht! Du bist schuld! Du hast ihr das angetan!«

Dies war Blitz’ Bruder, das war für Keta unschwer zu erkennen – und aus seinen Schreien sprach ein Schmerz, gefüllt mit dem Dunkel vieler langer Jahre, ein Hass, geboren aus Trauer und ohnmächtiger Wut. Er, der Heiler, fühlte, das hier etwas Altes hervorbrach, das lange Zeit verdrängt gewesen war, ein Geheimnis, das El Jati in sich vergraben hatte und das nun mit der Macht eines Vulkans aus ihm herausquoll.

»Ruhig!«, befahl er mit der Stimme eines Mannes, der einem von Panik erfüllten Tier gut zuspricht. »Ruhig, ganz ruhig.« Er hielt die Handgelenke des Angreifers mit eisernem Griff fest. Dann blickte er auf und sah eine Frau auf sich zustürmen, mit wehendem schwarzen Haar, in der Hand einen Stecken, wie sie von den Pflückern zum Schütteln der oberen Äste verwendet wurden. Sie hielt ihn wie eine Lanze.

»Lass meinen Mann los!«, rief sie zornig.

Keta hatte nicht vor, auf dieser Insel ein Blutbad anzurichten. Bevor die Kriegerin ihn erreichte, stieß er den jungen Mann von sich fort, so dass er rücklings ins Gras stürzte.

»Was ist hier eigentlich los?«, fragte er.

El Jati rappelte sich auf. Er wollte wieder auf Keta losgehen, den Kopf gesenkt wie ein wildgewordener Stier, aber Alika hielt ihn fest.

»Hör auf! Jati, lass es, hör auf!«

Schwer atmend blieb Jati stehen, Tränen liefen ihm über die Wangen. »Du warst es«, wiederholte er anklagend.

»Sage mir, was du mir zur Last legst«, befahl Keta, zugleich sanft und zwingend.

»Du hast meine Mutter umgebracht!«

»Er?«, fragte Alika und Entsetzen und Staunen trat in ihr Gesicht. »Das ist der Riese? Bist du dir sicher, Jati?«

»Und ob ich mir sicher bin! Er hat sie umgebracht. Er hat ihr Gewalt angetan und sie hat es nie verwunden.«

»Mit Sicherheit nicht«, behauptete Keta. »Aber …«

»Nicht hier«, sagte Alika schnell. »Komm mit. Kommt beide mit. Nicht hier vor all diesen Leuten. Komm, dort hinten hinter dem Hügel steht unser Haus. Komm.«

»Du lädtst dieses Ungeheuer in unser Haus?«, fragte Jati entgeistert.

»Ich muss dir etwas sagen«, verkündete Alika. »Was ich schon längst hätte tun sollen. Komm mit.« Ihre Stimme duldete keinen Widerspruch. Sie nahm El Jati bei der Hand und führte ihn nach Hause, und Keta ging ihnen nach, erschrocken und verwundert.

Vor der Haustür versuchte Jati zu verhindern, dass der Riese ihnen folgte, aber Alika befahl ihm zu schweigen und forderte Keta auf, ihr Haus durch die niedrige Tür zu betreten.

»Jati, hör mir zu! Es ist nicht, wie du glaubst. Es war nie, wie du glaubtest. Deine Mutter hat es mir selbst gebeichtet, kurz vor ihrem Tod. Sie hat diesen Mann geliebt, mehr, als sie es jemals hätte tun dürfen. Mehr als deinen nichtsnutzigen Vater. Sie hat …«

»Ähm«, unterbrach Keta. »Ich …«

»Still!«, fuhr sie ihn an. »Jetzt rede ich gerade. Jati, deine Mutter hat mir gesagt, dass du sie einmal überrascht hast. Aber du warst ein Kind. Du glaubtest, der Fremde, den du sahst, würde ihr wehtun, aber so war es ganz und gar nicht. Sie hat ihn wirklich geliebt und sich nur deinetwegen und für Blitz von ihm getrennt. Sie wollte eine heile Familie, falls euer Vater doch zurückkehrte.«

Jati ließ sich auf einen Stuhl sinken. »Das glaube ich nicht«, flüsterte er.

»Und doch war es so. Sie hatte solche Angst, dass du es Jakebeny verraten könntest, wenn er wiederkommt. Deshalb ließ sie dich in dem Glauben, dass der Riese ein Einbrecher war. Sie sagte mir, sie hätte zuerst sogar versucht, es dir zu erklären, aber du hättest nichts davon hören wollen.«

»Das stimmt.« Jati schüttelte den Kopf. »Ich wollte es nicht glauben. Ich dachte, sie wollte mich nur beruhigen.«

»Sie wollte ihr Geheimnis nicht mit ins Grab nehmen. Damals, als wir uns hier das Haus gebaut hatten und als sie dann krank wurde, hat sie es mir gesagt. Sie sagte mir, dass sie niemals jemanden so sehr geliebt hatte wie diesen Riesen. Wie dich«, sagte Alika, an Keta gewandt.

»Nicht ich.« Keta hatte gezwungenermaßen alles mitangehört, aber jetzt musste er sagen, wer es war. »Es kann nur mein Zwillingsbruder sein, von dem ihr sprecht.« Er konnte kaum glauben, dass es hier um Zukata ging. Sein wilder, grausamer Bruder hatte ein Verhältnis mit Blitz’ Mutter gehabt? Eine absurde Hoffnung glomm in ihm auf. »Blitz ist nicht zufällig sein Sohn?«

Das hätte sein Problem auf einen Schlag gelöst, denn sobald Zukata erfuhr, dass Blitz sein Sohn war, würde er ihn bestimmt nicht mehr töten wollen.

»Sie hatte kein Kind von ihm«, sagte Alika und musterte Keta misstrauisch, als könne sie nicht recht glauben, dass es noch einen von seiner Sorte gab.

»Doch«, widersprach Jati.

»Was?«

»Sie hat ein Kind bekommen«, wiederholte er und senkte den Kopf. »Und sie wollte, dass niemand davon erfahren sollte.«

»Sie hat es umgebracht?«, fragte Alika entsetzt. Unwillkürlich legte sie die Hand auf ihren Bauch, und Keta bemerkte, dass sich eine kleine Rundung dort abzeichnete.

»Nein! Oh nein, Alika, das nicht. Ich – ich habe es weggebracht. Zu den Nonnen. Es war ein Mädchen und ich habe es zu den Nonnen gebracht.«

»Deshalb warst du in Salien!« Alika starrte ihren Mann an, als würde sie ihn nicht kennen. »Du hast mir erzählt, du hättest als Jugendlicher eine Pilgerreise gemacht – und dabei hast du deine eigene Schwester weggebracht?«

»Ja.« Jati schaute sie nicht an. Er blickte in Ketas Gesicht und zwang sich dazu, nicht wegzusehen. »Meine Mutter wollte es so. Falls mein Vater wiederkäme; er ist ein strenger, eifersüchtiger Mensch. Und mir tat es auch nicht leid, damals. Es war das Kind eines Ungeheuers, dachte ich. Und wie hätten wir irgendjemandem ein Riesenkind erklären können?«

»Du hast mir das nie gesagt!«, klagte Alika ihn an. »Du hast eine Schwester und sagst mir das nicht? Sie hätte doch hier bei uns aufwachsen können, mit Blitz zusammen!«

»Und warum hast du mir nie erzählt, was meine Mutter dir anvertraut hat? Sobald ich gewusst hätte, dass sie diesen Mann geliebt hat, hätte ich das Kind doch aus dem Kloster geholt!«

Keta hörte zu, wie sie sich stritten, aber in ihm überschlugen sich die Gedanken. Zukata hatte eine Tochter. Wenn er das gewusst hätte, als er nach Manina gesucht hatte! Sie hätten das eine Mädchen gegen das andere eintauschen können!

»Weiß er das?«, fragte er. »Weiß mein Bruder, dass eure Mutter sein Kind geboren hat?«

El Jati schüttelte den Kopf. »Nein. Ich glaube nicht, muss ich wohl sagen, denn langsam glaube ich, ich weiß überhaupt nichts mehr. Er wäre ja nicht der Erste, der sich aus dem Staub macht, wenn eine Liebelei Folgen hat … Nein, ich weiß es wirklich nicht.«

»Wie alt ist sie jetzt wohl?«, fragte Alika.

»Siebzehn«, meinte El Jati. »Und sie war blond, hellblond, mit solchen blauen Augen, wie er sie hat.« Er zeigte auf Keta. »Was habe ich diese blauen Augen gehasst!«

»Wir müssen nach Salien! Wir müssen sie herholen!«

»Jetzt?« Er wies auf ihren Bauch.

Alika lächelte Keta an. »Wir bekommen auch ein Kind, Herr … Wie soll ich dich anreden?«

»Remanaine«, sagte er. »Und ich habe einen Brief für euch.«

»Einen Brief? Von – von deinem Bruder?«, fragte El Jati.

»Nein, keineswegs. Von deinem Bruder.«

Er überreichte endlich die Botschaft, die Blitz ihm mitgegeben hatte.

»Du kennst Blitz?«, rief Alika aus. »Ich habe mich schon gewundert, warum du ihn erwähnt hast … Wo ist er? Geht es ihm gut?«

Jati hatte begonnen zu lesen. Jetzt hob er den Blick und schaute seine Frau mit leuchtenden Augen an. »Blitz ist in Kirifas, beim Kaiser.«

»In Kirifas? Was tut er denn da?«

»Er – lese ich richtig? – er kümmert sich dort um die kleine Tochter des Kaisers? Wie bitte? Wie kommt er denn dazu?«

Keta lächelte. »Habt ihr vielleicht in letzter Zeit Neuigkeiten aus dem Kaiserreich erfahren? Schon mal was gehört vom Helden aus Arima?«

»Der Held aus Arima?«, wiederholte Alika. »Ja, natürlich, der die Prinzessin dem Kaiser wiedergebracht hat …« Ihre Augen wurden groß. »Nein.«

»Doch.«

»Unser Blitz? Unser kleiner Blitz, dieser Taugenichts?«

Jati reichte ihr den Brief. Auf seinem Gesicht lag ein Glanz. »Was für ein Tag«, sagte er. »Schatten aus der Vergangenheit treten zu uns ins Zimmer und dann wieder ist mir, als würde ich der Sonne beim Aufgehen zusehen … Mein Bruder ist am Hof des Kaisers! Und doch wünschte ich, er wäre selbst gekommen, um uns davon zu berichten.«

»Er schreibt, er hat noch eine Überraschung für uns«, sagte Alika erfreut. »Er wird sie uns zeigen, wenn er uns besuchen kommt. Aber er sagt nicht, wann. Weißt du es, Remanaine? Vielleicht besteht die Überraschung darin, dass er draußen vor der Tür steht?«

»Leider nein«, sagte Keta. »Er wird im Schloss bleiben, bis die Prinzessin sich gut eingelebt hat. Dann wird er euch auf alle Fälle besuchen kommen.«

»Und die Überraschung? Was könnte das nur sein?«

Jati lachte. »Zeig unserem Gast nicht so deutlich, wie neugierig du bist, Liebes.«

»Unser Gast, ja!«, rief Alika. »Ist durch das halbe Kaiserreich hergekommen und ich lasse ihn hungrig an unserem Tisch sitzen! Verzeih mir, Remanaine. Jati, gib ihm etwas zu trinken. Ich werde sofort für uns kochen. Du siehst aus wie ein Mann mit gutem Appetit, aber wir kriegen dich schon satt, keine Bange.«

Keta ließ sich Wein einschenken und prostete ihnen zu. Aber über seiner Stirn lag eine Wolke.

Ein Mädchen aus einem Kloster in Salien. Sie war blond und ihre Augen waren blau wie seine …

Will ich es denn wissen?, fragte er sich. Will ich es wirklich fragen? Und wenn ich gefragt habe, was würde ich tun? Was könnte ich tun?

Frag, wie sie heißt, befahl er sich selbst. Es gibt viele Klöster in Salien, viele hellhaarige Mädchen, viele Kinder, die von ihren Familien weggegeben wurden. Zukatas Kind müsste eine Riesin sein … Aber Prinzessin Manina war auch ein Mensch.

Eure Schwester, die Frage lag ihm auf der Zunge, wie heißt sie? Gewiss nicht Ilinias? Es ist doch bestimmt nicht Ilinias, die Frau, die Blitz in einem Kloster in Salien gefunden hat?

Er sah in Jatis lachende Augen.

Was würde ich tun, wenn ich es wüsste? Es ihnen sagen? Ihre Freude zerstören? Heute wurden genug Geheimnisse aufgedeckt, genug für ein ganzes Leben …

Er wünschte sich, er wäre nie hergekommen, auf diese verfluchte Insel, die Minos Unglück bedeutete und Blitz’ Verdammnis.

Er trank den Wein und sah zu, wie Alika kochte, und wünschte sich weit fort in die Wälder.

3. Keine Wahl

» M I RI S TS C H L E C H T . «Erion war grün im Gesicht, aber er beharrte darauf, dass es ihm gut ging. Er hatte kein einziges Mal protestiert, als Zukata ihn aus dem Haus seiner Eltern herausgeführt hatte. Hinter sich hatte er das Schluchzen seiner Mutter gehört und aus irgendeinem Grund wurde er den fassungslosen Blick seines Vaters nicht los. Es war nicht leicht, Wikant von Neiara aus der Fassung zu bringen.

Erion hatte sich nicht umgedreht, als er über das zersplitterte Tor stieg und mit dem Riesen und seinen angetrunkenen Piraten zu den Schiffen ging. Sie lagen dort vor Anker, alle vier, größer und schöner als jedes Boot, das er je hier in Neiara gesehen hatte, und Stolz erfüllte ihn, weil er mit ihnen abreisen würde. Erion mochte keine Schiffe, auch wenn er immer gerne Geschichten gehört hatte, in denen es um Seeleute oder gar Piraten ging. Aber ihm selbst behagten nicht einmal die kleinen Ruderboote, mit denen sich die anderen Kinder so gerne in der Nähe des Hafens herumtrieben. Ein einziges Mal hatten sie ihn mitgenommen. Er wusste, dass er nicht beliebt war, denn als Sohn des Weinfürsten war er etwas Besonderes. Natürlich spüren Kinder so etwas, auch Fischerkinder oder die Sprösslinge der Arbeiter. Schon immer war er anders gewesen als sie. Und dass sie ihm die Bootsfahrt angeboten hatten, war sicherlich nicht aus einem neuerwachten Gefühl der Freundschaft geschehen, sondern nur, um zu erleben, wie ihm schlecht wurde und er sich ganz unstandesgemäß übergab. Damals hatte er sich geschworen, nie wieder den Fuß auf ein Boot zu setzen. Aber natürlich sagte er kein Wort, als der Riese ihm seine Schiffe zeigte.

»Die Perlentaucher. Die Windgesang. Die Goldkiste und die Großer Fang. Auf welches möchtest du?«

Jetzt kam es darauf an, die richtige Entscheidung zu treffen. Ich werde König sein, dachte Erion. Ich werde der Freund des Kaisers sein. Vielleicht sogar sein bester Freund. Er hat schließlich gesagt, dass der Kaiser immer einen Freund von den Glücklichen Inseln hat, deshalb hat er mich ausgesucht.

»Auf welchem Schiff seid Ihr?«, fragte er hoffnungsvoll.

Der Riese runzelte die Stirn. »Das sind alles meine Schiffe«, sagte er. »Und alles meine Männer. Dort – ja, nimm das.«

Erion bemühte sich, seine Enttäuschung nicht zu zeigen. Es war weder die Goldkiste noch die Großer Fang. Auch nicht die Perlentaucher. Es war kein Name, der irgendetwas mit Reichtum und Erfolg zu tun hatte.

»Die – die Windgesang?« Weder mit dem Wind noch mit irgendeiner Art von Gesang hatte Erion viel am Hut. Das war kein Name für ein Piratenschiff oder für das Schiff eines zukünftigen Kaisers. Es klang nach gar nichts. Aber der Junge nickte und stieg auf das wackelige Brett, das vom Landesteg nach oben führte. Er wollte kühn und aufrecht hinüberschreiten, aber stattdessen konnte er nicht anders, als sich zu bücken und sich festzuhalten. Auf allen Vieren kroch er in die Höhe. Hinter sich hörte er den Prinzen lachen. Vor ihm tauchte ein Mann auf, der ihn in Empfang nahm. Er machte ein etwas verwundertes Gesicht, aber er stellte keine Fragen.

»Na, dann komm mal rauf, du Landratte«, sagte er.

Dies war nicht das Schiff des Riesen. Erion fühlte sich nicht nur enttäuscht, sondern betrogen, als er beobachtete, wie Zukata an Bord der Perlentaucher ging. Er wollte ihn nicht in seiner Nähe haben. Obwohl er es doch versprochen hatte! Erion sah über die kleine Stadt hinweg und heftete seinen Blick auf das Gutshaus oben am Hang. Vielleicht standen seine Eltern dort am Fenster und sahen zu, wie er abfuhr.

»Brauchst nicht zu heulen«, sagte der Pirat neben ihm. »Das Leben an Land ist eh kein Leben.«

»Ich bin Erion«, stellte Erion sich vor, »der Sohn des Fürsten von Neiara.« Fast hätte er gesagt: des Königs. Wenn er zurückkam, würde sein Vater König sein und seine Mutter eine Königin. Und er ein Prinz. Fast war er es jetzt schon. Wenn er zurückkam. Sein Herz rutschte ihm in die Hose, als ihm aufging, dass er keine Ahnung hatte, wann das sein würde. Als er mit Zukata mitgegangen war, hatte es sich angefühlt wie ein spannender Ausflug. Aber nun, auf diesem Schiff, neben einem Seemann, der nichts fürs Landleben übrig hatte, begann er zu befürchten, dass er recht lange fort sein würde.

»Wohin werden wir fahren?«, fragte er.

»Wohin auch immer es den Hauptmann zieht«, sagte der Pirat. Hauptmann sagte er, nicht Prinz, und diese Anrede kam so selbstverständlich aus seinem Mund, dass Erion erschrak. Ein Prinz. Ein Pirat. Ein zukünftiger Kaiser. Und er war nichts als ein Junge, der Neiara noch nie verlassen hatte. Was um alles in der Welt tat er hier auf diesem Schiff?

Er blickte hinunter in das trübe Wasser, das beständig gegen den Schiffsrumpf schlug. Noch waren sie im Hafen. Er konnte nicht schwimmen, aber wenn er sich irgendwo zwischen den anderen Schiffen versteckte …

Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Es war nicht Zukatas schwere Hand, aber auch diese war kräftig und das Zupacken gewöhnt.

»Denk nicht einmal daran«, sagte der Pirat. Mehr brauchte er nicht zu sagen. Erion nickte. Er rührte sich nicht von der Stelle, als der Rest der Mannschaft zurück an Bord kam, als der Befehl zum Ankerlichten erteilt wurde. Denk nicht einmal daran. Nein, er sprang nicht. Er sah nur hinunter ins Wasser. Auf die anderen Schiffe. Und auf die Insel, die, während sie kleiner und kleiner wurde, immer grüner zu werden schien, bis sie schließlich verblasste und nichts war als ein Schatten, der im Meer versank.

»Nie«, flüsterte Tinek, »nie wieder lasse ich mich so demütigen.«

Sie beugte sich aus dem Wagenfenster und sah zu dem Schloss zurück, das sich klein und verspielt in die grüne flache Landschaft des Königreichs Drian schmiegte.

Wikant machte sein allerdüsterstes Gesicht.

»Nun, eigentlich haben wir damit gerechnet, oder nicht?«

»Du wusstest, dass sie uns kein Geld geben würden?« Tinek funkelte ihren Mann zornig an. »Ach ja? Deine Hoffnung war mindestens so groß wie meine.«

»Es gab nichts, was wir ihnen anbieten konnten. Wir haben keine Sicherheiten, nichts.«

»Bei Rinland, wir sind verwandt! Reicht das denn nicht!«

Ein gemeinsamer Urgroßonkel reichte nicht, um Geld geliehen zu bekommen. Natürlich hatten sie es beide gewusst. Und doch hatten sie es wenigstens versuchen müssen, das waren sie sich und Erion schuldig.

»Wir könnten dem Kaiser eine Nachricht senden. Das habe ich ja gleich als Erstes vorgeschlagen.«

Tinek schüttelte den Kopf. »Zukata wird der Kaiser sein.«

»Aber noch nicht! Noch ist er es nicht! Wenn wir uns an Kanuna El Schattik wenden? Wenn wir ihn bitten, uns zu helfen? Der Prinz hat selbst gesagt, dass der Kaiser auf der Seite der Glücklichen Inseln steht.«

Tinek rutschte unruhig auf dem Sitz der Kutsche herum. Seit ihr Sohn mit dem Riesen gegangen war, schien auch mit ihren Füßen etwas geschehen zu sein. Sie konnte nicht mehr still sitzen. Unaufhörlich zappelte sie herum. Es machte Wikant halb wahnsinnig, ihr zuzusehen.

»Wie stellst du dir das vor? Wir sagen dem Kaiser, dass sein Sohn unseren Jungen entführt hat. Und dann? Was glaubst du, was Zukata mit Erion machen wird, wenn er Wind davon bekommt, dass wir uns beschwert haben?«

»Er könnte uns helfen«, beharrte Wikant unglücklich.

»Niemand kann uns helfen«, sagte Tinek. »Niemand. Weder hier noch im Kaiserreich. Weder der Kaiser selbst noch sonstwer. Wir müssen ein Schloss bauen. Woher haben die anderen Könige Geld dafür gehabt?«

»Ihre Königreiche sind auch nicht ganz so winzig wie unsere Insel.« Wikant seufzte. »Hast du dich je gefragt, ob Zukata es wirklich ernst meint? Glaubst du, er wird tatsächlich Kaiser? Denn wenn nicht, dann nützen ihm alle seine Drohungen nichts.«

»Und Erion?«

Erion. Die Reden des Riesenprinzen konnten sie als wilde Phantastereien abtun, aber ihr Sohn blieb verschwunden. Wikant überlegte, ob er Tinek darauf hinweisen sollte, dass es keine Garantie gab, dass sie ihren Jungen zurückbekommen würden. Dazu war dieser Handel zu verrückt. Warum sollte jemand von ihnen verlangen, ein Schloss zu bauen? Es ergab keinen Sinn, und wenn ihr Sohn in der Hand eines Wahnsinnigen war, welche Hoffnung gab es dann noch?

Er sah Tinek nicht an, während die Kutsche über die sanften grünen Hügel rollte. Dies war Land. Land. Und was hatten sie, außer einem Weinberg und einem Gut?

Tinek grollte immer noch.

»Sie hätten es wenigstens höflich sagen können.«

»Sie haben es höflich gesagt.«

»Ach was! Sie haben nur so getan!«

Ein Wald tat sich vor ihnen auf, hell und freundlich. Wikant starrte düster aus dem Fenster. Ihm fiel nicht einmal auf, dass die Kutsche plötzlich anhielt. Erst als jemand von außen die Tür aufriss, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Denn es war nicht der Kutscher. Es war ein junger, bärtiger Mann mit einem stark ausländischen Akzent.

»Raus hier! Und Geld, aber schnell!«

Wikant stieg aus der Kutsche und half Tinek die Trittstufe hinunter. Es waren fünf. Fünf bewaffnete Kerle. Und sie waren bloß zu zweit; den Kutscher sahen sie nur noch von hinten.

»Da rennt er hin«, murmelte Wikant trübsinnig.

»Los!«, sagte der erste Räuber. »Schöne Leute aus Schloss, Geld, gib her!«

»Er meint«, mischte sich ein zweiter Halunke mit einer vornehmeren Sprechweise ein, »dass ihr uns bitte eure Geldbörsen aushändigen sollt.« Er deutete sogar eine kleine Verbeugung an, aber da er am Oberkörper nichts als eine Weste trug, wurde die Wirkung deutlich geschmälert.

Tinek explodierte. »Was für Geld?«, schrie sie. »Wir haben überhaupt kein Geld! Glaubt ihr, nur weil wir vom Schloss kommen, sind wir edle, reiche Leute! Ja, Geld hätten wir auch gerne, aber sie haben uns dort nur ausgelacht, ihre armen Verwandten, ja, so was von freundlich, wir würden euch ja gerne helfen, aber wir müssen auch unsere Ausgaben berücksichtigen, und – ooooaaah!« Ihre Rede endete in einem lauten, wütenden Schrei.

Die Räuber tauschten verwunderte Blicke.

»Äh?«, fragte der erste Bandit.

»Habt ihr es nicht verstanden?«, fragte Wikant höflich. »Wir haben kein Geld. Das hier ist nicht einmal unsere Kutsche. Wir haben sie nur gemietet, um Eindruck zu schinden, aber es hat reichlich wenig genützt. Von euch einmal abgesehen. Die Reichen fallen auf so etwas nicht herein.«

Tinek zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Warum überfallt ihr nicht gleich die da? Ich meine, die im Schloss? Da gibt es massig zu holen. Arme Reisende ausrauben, dass ich nicht lache! Da ist das Geld! Das große Geld! Genug für alle!« Unvermittelt begann sie zu weinen, was die Räuber in noch größere Verwirrung stürzte.

»Gebt uns einfach, was ihr habt«, schlug einer freundlich vor. »Ich sehe, du hast da eine Kette um den Hals …«

»Niemals!«, kreischte Tinek auf. »Niemals bekommt ihr diese Kette! Das war ein Geschenk meiner Mutter zur Hochzeit, und ich werde mich nie, nie davon trennen, außer wenn ich sie in Zahlung gebe, um ein paar Steine für das verdammte Schloss zu kaufen, das wir bauen sollen, und dann ist Zukata hoffentlich zufrieden und gibt uns unseren Sohn zurück, und das ist mein letztes Wort!«

Von dem ganzen Redeschwall hatte der Räuber nur ein Wort verstanden. »Zukata?«

»Hat unseren Sohn.« Wikant hatte nicht vor, diese Tatsache überall herumzuerzählen. Im Schloss hatten sie kein Sterbenswörtchen davon erwähnt, dass ihr Sohn entführt worden war. Er macht eine Reise. Darauf hatten sie sich geeinigt. Eine Reise, um die Welt kennenzulernen, und ist das nicht gut für einen jungen Menschen?

»Was habt ihr mit Zukata zu tun?«

Tinek sah das Zeichen auf seinem Arm. Die Krone und das Z darüber, und sie erinnerte sich an Gerüchte aus dem Kaiserreich vor ein, zwei Jahren …

»Ihr seid Zukatas Leute«, sagte sie langsam. »Und wir auch. Nein, nicht so wie ihr. Unser Sohn ist mit ihm auf das Schiff gegangen. Und wir – nun, wir haben den Auftrag, ein Schloss zu bauen …«

»Ein Schloss für Zukata?« Der Räuber schüttelte ungeduldig den Kopf. »Du lügst. Zukata braucht kein Schloss. Kirifas wird ihm bald gehören.«

»Hör mir doch erst zu«, befahl Tinek streng. »Es ist kein Schloss für ihn selbst, sondern das Symbol seiner Herrschaft auf den Glücklichen Inseln. Ist das zu hoch für euch? Dafür brauchen wir das Geld, das diese reichen Schnösel uns verweigert haben. Für Zukatas Sache.«

Wikant hörte ihr mit offenem Mund zu, als sie sich zu dem Riesen stellte, der sie überfallen und ihren Sohn geraubt hatte.

Sie musterte die fünf bärtigen Gesellen. »So geht das nicht. Wenn ihr dort im Schloss etwas für unsere und für Zukatas Sache unternehmen wollt, müsst ihr anders aussehen. Wie – wie Gärtnerburschen vielleicht?« Sie griff mit beiden Händen an ihren Hals und nahm die goldene Kette ab, die sie eben noch mit ihrem Leben hatte verteidigen wollen. »Nehmt das. Besorgt euch andere Kleidung. Lasst euch die Bärte abrasieren. Lasst euch eine Anstellung im Schloss geben.«

»Was machst du da?«, erkundigte Wikant sich.

»Ich? Ich baue ein Schloss. Hier.« Sie händigte einem der Räuber den Schmuck aus. Verwirrt starrte er sie an.

»Wir dort Geld holen – Gärtner?«

»Ihr tut so, als ob. Gärtner, Küchenhelfer, Kammerdiener, was weiß ich. Im Speisesaal stehen zehn goldene Leuchter auf der Tafel. Die Prinzessin trägt ein Diadem mit roten Rubinen, das sie abends auf ihr Nachttischchen legt. Die Königin trägt drei Diamantringe, die sie nicht mehr vom Finger bekommt.«

»Woher weißt du das alles?« Wikant betrachtete sie so verwundert, als hätte sie sich unversehens in ein Ungeheuer verwandelt. Es konnte aber kein allzu schreckliches Ungeheuer sein, denn in seinen Augen lag kein Entsetzen, nur Überraschung.

»Ich sehe eben genau hin. Und ich höre genau hin, wenn jemand mit seinem Reichtum protzt und mir dann weismachen will, dass er zu arm sei, um mir zu helfen. Irgendwo muss man ja hinsehen, wenn man das verächtliche Lächeln nicht mehr ertragen kann.«

»Und dann?«, fragte der höfliche Räuber mit dem Brandmal am Arm.

»Dann kommt ihr nach Tors. Dorthin geht jetzt unsere Reise. Auch in Tors haben wir entfernte Verwandte, die in einem hübschen Schloss leben und auf ihren Schätzen brüten. Wollen wir doch mal sehen, wohin Geiz so alles führen kann.«

»Du willst sie auskundschaften und ihnen dann Diebe ins Haus schicken?«

»Das Schloss in Tors ist größer, dort werden wir uns etwas länger aufhalten«, kündigte Tinek an. »Ich gehe davon aus, dass sie uns ein paar Tage durchfüttern werden, bevor sie uns nach allen Regeln der Etikette die Tür weisen.« Sie nickte den Räubern zu. »Die Hälfte. Das wäre unser gerechter Anteil. Und vielleicht könnte einer von euch uns den Kutscher machen, denn es würde wenig glaubhaft aussehen, wenn wir eigenhändig vorfahren.«

Die fünf Männer machten recht dumme Gesichter, aber in ihren Augen blitzte bereits die Gier auf nach all den Schätzen, die sie sich erhofften.

»Wir sollten Zukata davon unterrichten«, sagte schließlich der Gebrandmarkte. »Ohne seine Zustimmung läuft hier gar nichts.«

Tinek lächelte. »Ja, tut das. Und wenn ihr das macht, richtet ihm Grüße aus und auch die besten Wünsche an Erion, unseren Sohn.«

Wikant setzte sich wieder in die Kutsche. Dort saß er stumm da, das Kinn in die Hand gestützt. Er schien angestrengt nachzudenken, aber sie wusste, dass er nur so tat.

»Ich weiß nicht, ob ich wirklich so tief sinken möchte«, sagte er, als sie zu ihm in den Wagen spähte.

»Tief?«, fragte sie zurück. »Jetzt geht es endlich aufwärts. Glaubst du, mir macht das Spaß? Es geht nur um Erion.«

Aber ihre Wangen glühten, und es schien ihm irgendwie doch, dass es ihr Spaß machte.

»Er ist fort, dein Riese.« Binajatja hatte Mino im Blumengarten gefunden, den Alika angelegt hatte. Dort saß sie auf einer Bank – es war seit längerem Norhas Sitzplatz, am Abend, wenn er sich im Schein der untergehenden Sonne dort ausruhte – und zerpflückte eine dunkelrote Blüte. Die Blumen des Herbstes strahlten in warmen, dunklen Tönen. Alika ließ diesem Garten ebenso viel Pflege angedeihen wie ihrem eigenen, doch da dieser viel größer war, übertrumpfte er ihr bescheidenes Gärtchen bei weitem.

Binajatja räusperte sich. »Ich habe einige Entscheidungen getroffen, während deiner Abwesenheit. Ich arbeite jetzt viel enger mit der Fürstenfamilie von Neiara zusammen. Das kommt beiden Inseln zugute. Wir lassen unsere Händler zusammen reisen und von Wachen begleiten, das ist für uns beide vorteilhaft, vor allem da wir größtenteils dieselben Märkte beliefern. Durch Norha ist dieser Schulterschluss noch enger geworden. Er hofft natürlich darauf, all das hier einmal zu übernehmen. Aber es ist unser Land, Mino. Es sind unsere Gärten, seit Jahrhunderten. Ich habe nicht vor, Arima an Neiara zu übergeben.«

»Natürlich nicht.«

»Ich habe in Erwägung gezogen, ihn zu heiraten.«

Jetzt war Mino doch überrascht. »Ist das dein Ernst?«

»Ich sage nur, ich habe darüber nachgedacht. Aber was würde es nützen? Ich bin zu alt, um noch Kinder zu bekommen, und wenn ich sterbe und er sich eine jüngere Frau nimmt, was bleibt dann von unserer Familie übrig? Außerdem ist Res Leiche nie gefunden worden. Das ist natürlich bei vielen Fischern so und sie werden einfach nach einem Jahr für tot erklärt, aber bei Re war das immer etwas anderes. Die meisten Leute hier wollen nicht glauben, dass er tot ist. Sie haben sich ja sogar geweigert, einen neuen Fischerkönig zu wählen … Wenn ich heiraten würde, würde man mich eine Ehebrecherin schimpfen. Aber jetzt, da du hier bist, ist das Problem gelöst. Du wirst Norha heiraten, Mino. Du wirst dafür sorgen, dass Arima in der Familie bleibt.«

Mino fiel vor Schreck die Blume aus der Hand. »Was?«

Binajatja nickte, zufrieden mit ihrem Plan. »Es ist die ideale Lösung. Du bist mein einziges Kind, Mino. Ich habe niemanden sonst, der unsere Plantagen erben kann. Nur dich. Und Norha hat das Wissen und die Fähigkeit, die Gärten zu pflegen und den Verkauf zu leiten. Ich habe bereits mit ihm darüber gesprochen. Er hat zugegeben, dass er sich Hoffnungen gemacht hat, die Gärten eines Tages ganz zu übernehmen, und ihm war auch klar, dass diese Hoffnung mit deiner Rückkehr zuschanden wurde. Eure Heirat würde seine Stellung hier festigen und ihn seinem Bruder, dem Fürsten Wikant, ebenbürtig machen. Er sieht die Vorteile dieser Verbindung.«

»Norha möchte mich heiraten?«, fragte Mino entsetzt.

»Ich habe nicht gesagt, dass er es möchte, oder dass er begeistert darüber wäre. Aber es ist eine sinnvolle Entscheidung zum Besten aller. Norha ist ein sehr vernünftiger Mann. Andere hätten sich eine Bedenkzeit erbeten oder versucht, weitere Vorteile herauszuschlagen. Er hat jedoch recht schnell zugestimmt. Ich habe den Verdacht, dass er dieselbe Idee hatte, bevor ich sie ausgesprochen habe.« Binajatja ließ sich zu einem Begeisterungssturm hinreißen. »Ach, Mino, ich bin so froh, dass du da bist. Jetzt wird doch noch alles gut. Du wirst heiraten. Ich habe nie erwartet, dass das wirklich eintritt, obwohl eine Mutter die Hoffnung natürlich nie aufgibt.«

»Mutter, aber ich – ich kann nicht heiraten!«

»Und warum nicht?«, fragte Binajatja. Ihr kurzer Gefühlsausbruch war vorbei. Sie betrachtete ihre Tochter mit gerunzelter Stirn.

»Ich bekomme ein Kind.«

»Ach.« Die Augen der Apfelkönigin funkelten zornig auf. »Und wann gedachtest du mir das mitzuteilen?«

»Ich – ich habe nur auf den richtigen Moment gewartet …«

Binajatja stieß wütend die Luft aus. »Ein Riesenkind womöglich?«

»Nein! Ich habe dir doch gesagt, dass Keta wie ein Vater für mich …«

»Wie wird es aussehen?«, unterbrach Binajatja sie ungeduldig. »Du hast Norha gesehen. Rötliches Blond. Irgendetwas in die Richtung?«

»Ein – ein Zintakind.«

Binajatja konnte kaum an sich halten. »Wie dumm bist du eigentlich? Du lässt dir ein Kind machen und dann kommst du her – warum um alles in der Welt? Warum bist du nicht gleich bei diesen Spielleuten und Tagedieben geblieben? Hatten sie keine Lust, dich durchzufüttern? Aber deine Mutter wird es schon richten, hast du gedacht, wie? Du brauchst nur hier angekrochen zu kommen und alles wird gut. Wie konntest du das tun, Mino! Wie kannst du mir das antun? Denkst du denn nie an andere – wenigstens hin und wieder mal? Denkst du nie an das, was andere über uns denken, und wie mich deine Handlungen betreffen könnten?«

Binajatja ballte vor Wut die Fäuste und Mino zuckte zurück, in Erwartung eines Schlags, der jedoch nicht kam.

»Du hast dir diese Suppe eingebrockt«, sagte ihre Mutter. »Jetzt löffle sie gefälligst auch wieder aus. Sei still, ich muss einen Augenblick nachdenken.«

Mino hielt den Kopf gesenkt. Sie schaute auf ihren Bauch. Ja, man sah es schon ein wenig. Mein Kind. Mein süßes, kleines Kind …

Auf einmal sah sie Blitz vor sich. Sie hatte sich verboten, an ihn zu denken, aber plötzlich stand sein Bild wieder vor ihr. Wie er im Palastgarten dagestanden hatte, sein schwarzes Haar, die dunklen Augen, wie er sie, als sie sich ihm an den Hals warf, umarmt hatte. Was er ihr zugeflüstert hatte … Nein. Sie erlaubte sich nicht, es zu denken, sich daran zu erinnern. Und doch gab sie der Versuchung nach, sie konnte nicht anders. Sie wollte nicht weinen, über sich und über ihr Kind und ihre kalt planende Mutter, deshalb wandte sie der Trauer den Rücken zu und dachte an das Glück. Das Glück hatte einen Namen: Blitz. Und es war kurz, wie ein Blitzstrahl während eines tosenden Gewitters, flüchtig, nicht greifbar, und fuhr einem doch durch und durch … Dieser wunderbare Moment des Glücks, dieser herrliche Augenblick, in dem sie ganz gewesen war und alles wiederfand. Dieser Atemzug, dieser Herzschlag, in dem die ganze Welt vollkommen war.

Ich werde nicht sterben, dachte sie. Mein Unglück wird mich nicht in die Knie zwingen. Ich habe etwas, was niemand mir nehmen kann.

Blitz, ich liebe dich. Ahinehl.

Binajatja hob den Kopf. »Es muss sterben. Es gibt keine andere Möglichkeit.«

»Was?« Und auf einmal war sie wieder Möwe. War sie wieder das Mädchen, das sich sogar zutraute, einem wütenden Riesen in den Arm zu fallen. »Nein. Oh nein. Wenn das alles ist, was dir einfällt, dann gehe ich.«

»Du kannst nicht gehen! Ich erlaube es nicht! Kein Händler wird dich mitnehmen, wenn ich es nicht erlaube!«

»Die Fischer schon.« Wütend hielt sie dem strafenden Blick ihrer Mutter stand. »Ich wünschte, ich wäre nie hergekommen.«

Binajatja schwenkte sofort um. »Wenn du das so siehst … Aber was sollen wir tun? Kein Mann würde eine Frau heiraten, die ein Kind von einem anderen hat, das ist dir doch wohl klar? Sein Bruder würde Norha die Heirat mit Sicherheit verbieten … Nein, wir müssen anders vorgehen. Er darf dich nicht mehr sehen, bis das Kind da ist.« Binajatjas Gesicht glühte auf, während sie laut dachte. »Und sonst auch niemand. Es darf nicht den Schatten eines Gerüchtes geben. Du bleibst also im Haus … Bei Rin, konntest du nicht warten, bis das Kind da ist, bevor du hergekommen bist? Du hättest es bei den Zintas lassen können … Nun müssen wir uns etwas anderes ausdenken. Du wirst es kriegen und niemand wird wissen, dass du schwanger warst. Vielleicht könnte ich Norha so lange wegschicken. Ich muss mir irgendetwas ausdenken, warum er dich nicht sehen kann. Wir müssten dich verstecken, bis es da ist … Und du würdest mir versprechen, dass niemand dich sieht? Dass niemand es erfährt? Würdest du mir das bei deinem Leben und dem Leben deines Kindes versprechen?«

Mino zögerte.

»Du bist hier nicht bei deinen Zintas«, sagte Binajatja. »Ich denke mal, diese Leute kümmern Ehre und Anstand wenig. Aber hier bist du auf einer kleinen Insel, wo jeder jeden kennt. Ein uneheliches Kind – weißt du, was das hier heißt? Sie werden sich das Maul zerreißen. Sie werden dich verachten.«

»Das halte ich aus.«

»Das sagst du jetzt. Du hast keine Ahnung davon, wie es werden könnte. Mino, alle sehen hier auf uns. Nimm Vernunft an. Niemand darf davon erfahren, oder wir werden unseres Lebens hier nicht mehr froh. Kannst du das nicht einsehen? Du musst es heimlich bekommen, und wenn das Kind weg ist, könnt ihr heiraten.«

Mino starrte ihre Mutter an. »Wie, wenn mein Kind weg ist?«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass du es behalten kannst? In den Klöstern nehmen sie Bastarde auf … Nun, wir haben ja noch ein paar Monate Zeit, um eine gute Lösung zu finden.«

Immer wieder legte Mino ihre Hand auf ihren Bauch und horchte nach innen. Sie fühlte die Bewegungen des Babys, noch ganz sanft, und doch erschauerte sie vor Glück, bei jedem zaghaften Tritt.

»Aber das ist doch mein Kind!«, begehrte sie auf. »Ich will es nicht weggeben! Ich will es behalten, ich will es sehen, ich will nicht, dass es irgendwo in einem Kloster landet und mich nicht kennt!«

»Das hättest du dir früher überlegen müssen«, sagte Binajatja. »Wenn du eine glückliche Familie wolltest, warum hast du dann nicht einen ordentlichen jungen Mann geheiratet? Ja, Spaß haben wollen sie alle. Aber was ist dann? Sei froh, dass wir dich, wenn alles gut geht, doch noch verheiraten können. Mit Norha kannst du so viele Kinder haben, wie du willst.« Sie seufzte. »Ach, Mino. Ich brauche dich, meine Tochter. Sehr dringend. Du bist alles, was von unserer Familie übrig ist. Du und ich. Wir beide tragen die Verantwortung für ganz Arima. Es ist unsere Pflicht, das Richtige zu tun.« Sie lächelte. »Und glaub mir, am Ende bist du mir dankbar für alles. Du bekommst einen Mann, dem es nichts ausmacht, wie du aussiehst, und eine Familie. Du bekommst ganz Arima für dich und deine Nachkommen. Mehr kann niemand vom Leben erwarten.«

Mino nickte langsam. Sie war hergekommen, um ihre Pflicht als Tochter zu erfüllen. Sie war hier, um den Gedanken an Blitz auszulöschen. Dass sie Norha heiraten sollte, war ihr zu ihrem eigenen Erstaunen völlig gleichgültig. Blitz hatte eine Frau. War es da nicht ganz egal, wen sie zum Manne nahm?

»Gut. Dann wäre das ja geklärt. Nun muss ich mir nur noch etwas ausdenken, um Norha von dir fernzuhalten.« Sie streichelte über Minos weißes Haar. »Lächle doch wieder, meine Kleine. Wir haben jetzt nur noch uns, verstehst du? Ich bin deine Mutter. Ich sorge dafür, dass alles gut wird. Vertrau mir.«

Mino fühlte, dass ihre Mutter sie wirklich liebte. Sie konnte es manchmal nicht so gut zeigen, aber sie liebte sie, wie nur eine Mutter ihr Kind lieben kann. Mino wusste das, wenn sie das kleine lebendige Wesen in ihrem Bauch fühlte – es gab keine Verbindung, die so stark war wie diese.

Mino erschrak, als sie den Kies auf dem Gartenweg knirschen hörte.

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